Ein Mitglied vom Hüfinger Künstlerkreis war Josef Heinemann, geboren am 29. Dezember 1825 in Hüfingen und gestorben am 2. April 1901 ebenfalls in Hüfingen. Das Grab scheint leider ganz abgeräumt zu sein.
Elisabeth (Lisette) Reich (1819 – 1871) am Spinnrad; Katharina Heinemann (1828 – 1900) mit Kind; J. Nepomuk Heinemann, genannt „Muckle“ (1817 – 1902) mit Fes (Das Tragen eines Fes war im Biedermeier ein Zeichen der Gemütlichkeit); Lucian Reich (1817-1900) mit Pfeife; Rudolf Gleichauf (1826 – 1896) rechts unter der Uhr; Josef Heinemann (1825 – 1901) mit Buch. Zeichnung aus den Wanderblühten.
Der Vater, Josef Heinemann (18.03.1794 – 31.12.1855) war Naglermeister und Armenhausverwalter. Er war am Bau der Hüfinger Anlage beteiligt und wird in dieser Beziehung mehrfach in den Akten erwähnt: Akte über die Anlage auf dem Rotrain. Die Mutter Katharina Strobel (16.04.1791-20.11.1869) war die Tochter des herrschaftlichen Försters Anton Strobel (1762-02.10.1812) aus Mundelfingen.
Josef Heinemann, hat am 03.11.1857 Maria Josefa Gleichauf (10.02.1828-23.03.1891) in Bonndorf geheiratet. Josefa war eine Schwester von seinem Freund Rudolf Gleichauf und das Paar hatte 7 Kinder.
Josef Heinemann (1825 – 1901) Bleistiftzeichnung von seinem Bruder Nepomuk Heinemann.
Pfarrer Josef Heinemann, Onkel des Malers Josef Heinemann und des Lithographen Nepomuk Heinemann.
Marie Heinemann (1857 – 1948) Gemalt von ihrem Taufpaten und Onkel Josef Heinemann. Mehr zu Marie gibt es im Artikel über das Haus Nober.
Marie und Kätherli (Katharina Heinemann 30.04.1828-27.01.1900. Kätherli war die Schwester von J. Nepomuk und Josef Heinemann) Foto von Johann Nepomuk Heinemann etwa 1868
Großherzog Leopold finanzierte Josef Heinemann ein Stipendium in Höhe von 200 Gulden, das ihm einen Aufenthalt in München ermöglichte. Dort hielten sich damals auch Lucian und Xaver Reich, Rudolf Gleichauf sowie sein Bruder Nepomuk auf. Sein erster Lehrer in München wurde der Akademieprofessor Strählhuber und nach ihm Julius Schnorr von Carolsfeld. Damals arbeitete Schnorr an seinen Darstellungen aus dem Nibelungenbuch. Aus dem Denkbuch von Lucian Reich:
Mit Jäger, Gießmann und Strähuber, die unter Schnorrs Leitung dessen Nibelungen in der Residenz ausführten, bekannt geworden, beteiligte ich mich regelmäßig an ihren Kegelabenden in einem Privatgarten.
Josephsgeschichte: Jacob schenkt Joseph einen bunten Rock (1850)
Bildnis der Malerin Ida Müller, Freiburg (1841). Heinemann war hier erst 16 Jahre alt.
Xaver Reich, etwa 1850 gezeichnet von Josef Heinemann
In das vielseitige, nach außen hin aber wenig bewegte Leben unseres Frankfurter Aufenthaltes tönten bald auch schrille Mißklänge politischer Geschehnisse. Mit dem Rufe auf der Straße: Die Liberalen stürmen die Hauptwache waren eines Abends die Bewohner der freien Stadt aus ihrer Ruhe und Behaglichkeit geschreckt worden. Es galt, wie bekannt, zunächst den Sitzen der Herrn in der Eschenheimer Gasse. Das über die festgenommenen studentischen Tollköpfe verhängte, jahrelange heimliche Gerichtsverfahren, von dem nur zuweilen ein Schein gleich dem einer Blendlaterne in die Öffentlichkeit drang, war nichts weniger als geeignet, die bundestägliche Justiz populär zu machen. Und als eines Morgens — wir befanden uns just auf dem Wege zum Städelschen Institut — einer dem andern in den Straßen zurief: Sie sind durch heut Nacht! und die Leute in Gruppen vor der Konstablerwache standen und zu den Käfigen hinauf schauten, an welchen die Stricke, an denen sie sich herabgelassen, noch zu sehen waren, und es hieß, draus im Weiher beim Bethmannschen Garten habe man die Fußstapfen der Flüchtlinge entdeckt — da war unter der nach hunderten zählenden Menge gewiß nicht Einer, der ihnen nicht von Herzen glückliche Reise gewünscht hätte. … Nachdem der Sturm sich gelegt, und man in Ruhe sich wieder den Künsten des Friedens zuwenden konnte, hatten wir, ehe wir unser angefangenes Werk fortsetzten, Musterblätter für Schwarzwälder Uhrenschildmaler herauszugeben begonnen, wozu auch Joseph Heinemann und Heinrich Frank Beiträge gaben. … Im Jahr 52 hatte mich der Bau eines andern Kunsttempels wieder in die Residenz geführt, das Hoftheater, an und in welchem es Verschiedenes zu malen gab, wozu auch Joseph Heinemann und Gleichauf berufen wurden und auch mein Bruder mit seinen Terrakotten sich beteiligen sollte.
Josef Heinemann kam danach wieder zurück nach Hüfingen. Hier wurde er berühmt durch die Bilderbibel die er im Auftrag der Herderschen Verlagsbuchhandlung schuf.
Nach dieser Bilderbibel schnitten die Holzschneider die Illustrationen in der Schulbibel für Volksschulen des Freiburger Weihischofs von Dr. Friedrich Justus Knecht, die später von Dr. J. Schuster und G. May neu bearbeitet, in mehreren Diözesen offiziell eingeführt und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Ein Foto einer kolorierten Fassungen ist sogar schon in den Kommentaren auf dem Hieronymus aufgetaucht.
Zu den Arbeiten Josef Heinemanns zählen auch 14 Kreuzwegstationen für die Kirche in Ettlingen, Wandbilder in der Kirche von Ohlsbach und Oberöwisheim und ein Apostelzyklus im Chor und in der Kuppel der Gruftkirche zu Neudingen. Er malte auch die Fresken in der Kapelle des Schlosses Heiligenberg und das Rosenkranzbild für einen Seitenaltar in der Stadtkirche zu Donaueschingen, der im Jahre 1873 aufgestellt wurde. Er zeichnete 1868 die Kartons für die Glasfenster der Donaueschinger Stadtkirche. Im Treppenhaus eines Museums in Donaueschingen war auch mal eine Kohlenzeichnung mit dem Titel: Graf Heinrich zu Fürstenberg nach der siegreichen Schlacht bei Dürnkrut 1278 auf seine Burg Fürstenberg zurückkehrend.
Unten die Biblische Geschichte für Schule und Haus
Biblische Geschichte für Schule und Haus
Die Erschaffung der Welt
Adam und Eva
Kain und Abel
Die Sündflut
Noah geht aus der Arche und opfert
Turmbau zu Babel
Abraham
Joseph wir von seinen Brüdern verkauft
Joseph prüft seine Brüder
Jakobs und Josephs Tod
Der geduldige Job
Moses‘ Geburt
Moses‘ Flucht und Berufung
Die zehn Plagen
Das Osterlamm und der Auszug aus Ägypten
Der Durchgang durch das Rote Meer
Die Wunder in der Wüste
Gott verkündet die zehn Gebote
Das heilige Zelt
Der Hohepriester, die Priester und die Leviten
Moses‘ und Marons Zweifel. Die eherne Schlange.
Der Einzug in das Gelobte Land.
Heli und Samuel
David wird zum Könige gesalbt
Davids Kampf mit dem Riesen Goliath
David, der fromme und gotterleuchtete König
Salomons Gebet und weises Urteil.
Der Bau und die Einweihung des Tempels.
Der Prophet Elias.
Das Opfer des Elias.
Elias wird getötet und beruft den Elisäus. Seine Auffahrt.
Tobias und der Engel Raphael.
Judith
Jeremias
Daniel rettet die keusche Susanna.
Die drei Jünglinge im Feuerofen
Daniel in der Löwengrube
Esther
Die makkabäischen Brüder
Die Verkündung der Geburt des Johannes
Die Verkündung der Geburt Jesu
Mariä Heimsuchung
Die Geburt unseres Herrn Jesus Christus
Die Darstellung Jesu im Tempel
Die Darstellung Jesu im Tempel
Die Weisen aus dem Morgenlande
Die Flucht nach Ägypten und die Rückkehr
Der Knabe Jesu im Tempel
Jesu wird von Johannes getrauft
Die Hochzeit zu Kana
Jesus reinigt den Tempel
Jesus und die Samariterin
Jesus lehrt, treibt den Teufel aus und heilt Kranke
Der reiche Fischfang
Die Bergpredigt
Der Erweckung des Jünglings von Raim
Die Büßerin Magdalena
Die Seepredigt
Der Sturm auf dem Meer
Die Tochter des Jairus und das kranke Weib
Jesus vermehrt Brote
Bekenntnis und Vorrang des Petrus. Gewalt der übrigen Apostel
Die Verklärung Jesu
Das Gleichnis vom bamherzigen Samariter
Jesu der gute Hirt
Das Gleichnis vom verlorenen Sohne.
Das Gleichnis von dem reichen Manne und dem armen Lazarus.
Jesu segnet Kinder.
Die Auferweckung des Lazarus.
Der feierliche Einzug Jesu in Jerusalem.
Das Osterlamm und die Fußwaschung.
Jesus sagt den Verrat des Judas, die Flucht der Apostel und die Verleugnung des Petrus vorher.
Jesus am Ölberge.
Jesus wird dem Barabbas nachgesetzt, gegeiselt und gekrönt.
Jesus wird dem Volke vorgestellt und zum Tode verurteilt.
Jesus wird gekeuzigt.
Jesus spricht die sieben letzten Worte und stirbt.
Die Eröffnung der Seite und das Begräbnis Jesu.
Die Auferstehung Jesu.
Die Himmelfahrt Jesu.
Die Ausgießung des Heiligen Geistes.
Stephanus der erste Märtyrer.
Der Kämmerer aus Äthopien.
Die Bekehrung des Saulus.
Die Taufe des Heiden Kornelius.
das letzte Bild fehlt im Buch. Falls jemand noch ein vollständiges hat, freue ich mich über ein Foto!
Leider wurde die künstlerische Arbeit Josef Heinemanns seit dem Beginn der 1870er Jahre durch den Grünen Star (Glaukom) immer stärker gehemmt. Es zwang ihn schließlich, Pinsel und Stift für immer aus der Hand zu legen. Am 2. April 1901 starb Josef Heinemann in Hüfingen.
Fridolin Heinemann (19.12.1859-4.2.1926) führte später das künstlerische Erbe des Vaters weiter. Er stand als Glasmaler in München in hohem Ansehen. Die Glasgemälde in der Heiliggeistkirche in München und in St. Verena und Gallus in Hüfingen wurden im 2. Weltkrieg zerstört. In der Lorettokapelle ist ein Gemälde von ihm zu finden.
„Madonna“ (laut Chronik von August Vetter 1984 sei das eine Madonna?) in der Lorettokapelle von Fridolin Heinemann.
Der gesamte Hieronymus liegt seit 2023 auch in Textform vor. Vorlage war die von Lucian Reich überarbeitete Auflage, die er zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlichen konnte und die 1957, von der Heimatzunft Hüfingen als Band XII der Schriftenreihe des Kreises Donaueschingen, unter großem Aufwand von Dr. Johne, veröffentlicht wurde.
Zehntes Kapitel gelesen aus dem Hieronymus von Lucian Reich
“E freie frohe Muth e gsund und frölich Blut goht über Geld und Guth.” >Johann Peter Hebel
Es muß kalt sein, denn wir sehen auf dem Bilde den Stoffel wider Gewohnheit frühe schon von der Jagd heimkehren. Mag aber auch das Alter Ursache haben, vor dem rücksichtslosen Gaste sich zurückzuziehen und Türen und Fenster zu verschließen, so hat doch für die Jugend jegliche Jahreszeit ihre eigenen Freuden: ist es nicht die blühende Rose am Stock, so ist es die Eisblume an der Fensterscheibe.
Nehmen wir einen Sonntagnachmittag. Der Nebel hat das Feld geräumt und die Sonne strahlt glanzvoll über dem weißbepuderten Tannenwald; die Birken und Erlen sehen aus, als kämen sie frisch vom Zuckerbäcker – und in tausend und tausend flimmernden Sternchen glitzert das Schneefeld. – Das ist für die Buben eine Lust, denn jetzt gilt es zu zeigen, wer dort auf der „Schleifer“ des Mühlbachs der Gewandteste und Keckste sei – und die Mädchen am besten zu necken verstehe. – Das waren auch für Hieronymus und seine Kameraden stets um so vergnügtere Tage gewesen, als sie nicht so häufig sind, diese Tage fröhlichen Treibens; denn oft erblickt man in der tief eingeschneiten Landschaft auch nicht ein menschliches Wesen. Nur Raben und Schneegeier flattern über das öde Gefilde, während scharfe Windswehen die Hütten und Höfe mit gewaltigen Schneemassen förmlich in Belagerungszustand versetzen, so daß der Hausvater morgens weder Laden noch Haustüre zu öffnen vermag und genötigt ist, wenn er dem Nachbar einen Besuch machen will, zuerst Minen und Tunnels zu graben.
Wie aber nach dem Ausspruch des Dichters: „Eines schickt sich nicht für alle“, gewisse Dinge in Scherz und Ernst immer nur einem gewissen Alter zukommen, so sahen die herangewachsenen Bürschlein bereits schon eine jüngere Altersklasse lustig auf dem Eis sich tummeln. – Ganz entsagen jedoch konnten sie diesem Vergnügen nicht. War die Schuljugend mit einbrechender Dämmerung vom Bache verschwunden, stieg der Vollmond über dem Wald empor und bestrahlte er die Schneelandschaft so helle, als wollte er’s mit wunderbarem Flimmern und Blitzen der verschwundenen Sonne fast gleichtun, so begaben sich Hieronymus, Dionys und Romulus mit anderen auf den überfrorenen „Gumpen“ unterhalb der Mühle; und auch Florentina und Juliana mit ihren Gespielinnen machten sich herbei, um ein halbes Stündchen lang die spiegelglatte Bahn wieder einmal zu probieren.
Die kurzen Tage hindurch saß Hieronymus fleißig bei der Arbeit. Die langen Abende jedoch gewährten Muße genug, auch noch eine Nebenbeschäftigung vornehmen zu können. – Wie damals in den meisten Kirchen bildliche Weihnachtsvorstellungen, sogenannte Kripplein, beliebt waren, so konnte man in manchen Häusern ebenfalls welche sehen. Für Kinder bildeten sie eine sehr anmutige Unterhaltung. Denn nicht nur erblickten sie da in romantischer Landschaft den Stall mit der Heiligen Familie, auch die drei Weisen aus dem Morgenlande kamen bereits über das Gebirge daher, und am Neujahrstag fand die Darstellung im Tempel statt – und so ging es fort, bis zum ersten Wunder am Hochzeitstisch zu Kana.
Auch Vater Mathias besaß von früher her eine Schachtel voll solcher Figürchen, nur war ihm bisher noch nie so viel Zeit geblieben, dieselben renovieren und eine Landschaft dazu erbauen zu können. Diesem Geschäfte unterzog sich jetzt Hieronymus. Frisch machte er sich daran, von Kohlenstücken eine Felsenlandschaft zu gestalten – eine Schöpfung, die indes nicht sogleich gelingen wollte. Denn bereits war der Berg erbaut, und Bachweber, der sich’s nicht nehmen ließ, auch mit Hand anzulegen, wollte eben als Schlußstein noch ein Kohlenstück einsetzen, als der Brocken seinen Fingern entschlüpfte und der Erschrockene, im Begriff, denselben noch zu erhaschen, an eine der hinten angebrachten Stützen stieß, wodurch – zum nicht geringen Entsetzen der Zuschauer, unter denen auch der Laubhauser sich befand – ein fataler Rutsch erfolgte, der dem mühsam geschaffenen Heiligen Lande den Untergang brachte. – Beim zweiten Versuch wurde der Leim zu schwach genommen und das Werk zu nahe an den warmen Ofen gestellt, was abermals Senkungen und Risse zur Folge hatte; und so gelang die Arbeit erst, nachdem Bruder Cyriak herbeigeholt und zu Rat gezogen worden war. Der in solchen Dingen wohlerfahrene Mann gab die rechten Rezepte und Anleitungen zum Leimen – und bald konnte man zum Grundieren und Kolorieren der Landschaft schreiten.
Der Bruder hatte sich anheischig gemacht, ein neues, in Wachs gegossenes Christkindlein zu stiften, während Hieronymus sich angeregt fühlte, manche Lücke im biblischen Personal kunstgerecht auszufüllen. Er machte es hierbei wie die alten Meister: er griff keck ins Leben hinein und brachte Personen seiner nächsten Umgebung – so gut es seiner Unzulänglichkeit gelingen mochte – in den historischen Rahmen. So stellte er seinen Vater, kenntlich an Haltung und Kleidung, als Hirten dar, sich selbst nebst Dionys und Romulus als Hirtenkinder. Auch der Lehrer Bachweber erschien in einer folgenden Darstellung, und zwar als Schriftgelehrter.
Am meisten Beifall erhielten von seinen Schöpfungen: ein Einsiedler, der im Habit des Bruders Cyriak oben auf den Felsen hinter Bethlehem vor seiner mit einem Kreuze gezierten Klause das Ave-Maria läutete; ferner ein Tiroler Gemsjäger, benebst einer Schwarzwälder Ankenhändlerin, im Begriff, mit ihrer Ware den Wochenmarkt in Jerusalem zu besuchen. – Um die Kritik gelehrter Ästhetiker und Kunstliteraten brauchte er sich ebensowenig zu kümmern wie die alten Meister, weil er glücklicherweise ebensowenig wie diese von solchen etwas wußte.
Am Heiligen Abend und die ganze Weihnachtszeit über kamen viele Kinder und Erwachsene aus dem Tal, um das Werk zu bewundern. Manche fühlten sich bemüßigt, dem Christkindle ein kleines Opfer zu entrichten – was zwar nicht verlangt, aber vernünftigerweise auch nicht abgelehnt wurde.
War unter dem Opfergeld auch mehr Kupfer als Silber zu finden, so gab solches dem Künstler doch schon wieder – rechnete er – Futterzeug zum neuen Rock; denn daß ein solcher notwendig, darüber herrschte im Hause längst keine Meinungsverschiedenheit mehr; nur hatte die Anschaffung bisher immer verschoben werden müssen, der im vorigen Kapitel erwähnten finanziellen Bedrängnisse wegen.
Am Neujahrstage mußte Hieronymus, wie gewöhnlich an diesem Tage, schon vor dem Kirchgang mit den Eltern hinübergehen in den Hof, um den bäuerlichen Herrschaften pflichtschuldigst zu gratulieren. Es geschah mit der üblichen Redensart: Glückseliges Neujahr, und man wünsche, was man sich selber wünsche – Gesundheit und langes Leben und nach diesem die ewige Seligkeit usw. Auf dem Tisch im Hofe dufteten bereits die von allen übrigen Gratulanten sehr bewunderten Attribute des Tages, Meisterstücke der Bäckerkunst unseres Mathias und seiner Anastas: ein mit Zucker bestreuter „Guck-inofen“ nebst etlichen mürben, von Butter glänzenden „Eierringen“, im Durchmesser nicht viel kleiner als ein Pflugrad.
Festtäglich geputzt trat Florentina rasch aus der Kammer in die Stube ein, dem Besuche das Neujahr „abzugewinnen“- Hieronymus sah sie heute zum erstenmal wieder seit ihrer Rückkehr aus dem Hause des Kaiserzollers, wo sie seit etwa acht Wochen sich aufgehalten, um nach dem Wunsche der Mutter im dortigen Wirtshaus das Kochen zu lernen. – Hieronymus konnte eine leichte Überraschung kaum verbergen; war es die Glorie der Morgensonne, die in vollem Winterglanze durch die Scheiben strahlte, oder machten es die neuen Kleider, in denen die Tochter des Hauses nun zum erstenmal in die Kirche gehen wollte – genug, der Freund schien sich heute zum erstenmal bewußt zu werden, daß Florentina ein – bildschönes Mädchen sei. Und fast gar wäre ihm der Ausruf entschlüpft: „O wie schön bist du!“ – Aber er korrigierte sich schnell und sagte – „sind deine Kleider!“
Es waren in der Tat auch Prachtstücke von bestem Samt und Seide: das grüne, reich verzierte Goller, fast zu eng für den weißen Hals, der dunkelrote Brustlatz, gestickt in echtem Gold und Silber, dazu die bauschige, violett schimmernde Taffetschürze mit dem silbernen Gürtel darüber, das faltenreiche Halstuch, die feinen Hemdärmel, weiß wie frisch gefallener Schnee. – Alles zeigte klar, daß ihr Vater in Sachen des Putzes, wie er jetzt selbst oft zu sagen pflegte, nimmer Meister sei.
Und als die liebliche Maid ihrem jugendlichen Freund zur Bekräftigung der guten Wünsche für das neue Jahr die Hand gab, bemerkte dieser am Ringfinger der dargebotenen Rechten ein massiv silbernes Ringlein mit einem leuchtenden Karfunkelstein – ein Neujahrsgeschenk war’s von ihrer Patin, der Frau Kaiserzollerin.
Wie nun das an der Schwelle des jungfräulichen Alters stehende Mädchen in diesem standesgemäßen Anzuge vor ihm prangte, mochte ihm wohl ein leises Gefühl sagen, wie beträchtlich der Abstand sei zwischen dem Sohne des armen Hausmanns – und der Tochter des reichsten Hofbauern im ganzen Tal.
Geschärft mochte diese Erkenntnis noch werden durch das Gespräch der Eltern, die im Fortgehen zu allerlei Betrachtungen sich veranlaßt fühlten über den Reichtum der Familie und über das einstige große Heiratsgut des einzigen Töchterleins, auf dessen Hand sicherlich schon dieser und jener vermögliche Hofbauernsohn spekuliere usw. – Oft schon hatte Hieronymus dieses Thema von den Eltern besprechen gehört, aber noch nie war es ihm so nachhaltig ins Gehör gefallen – wie heute.
Zerstreut kam er aus der Kirche nach Haus; und nach dem Essen begab er sich zum Stabhalter, diesem einen schön gemalten Neujahrswunsch zu überreichen; ein blankes Käsperle war der Lohn für diese Aufmerksamkeit, welches Geldstück der Empfänger mit einer gewissen Befriedigung den übrigen Sparpfennigen beigesellte. – War er nur einmal gehörig ausgerüstet – dann sollte ihn nichts mehr zurückhalten hier im Tal; denn daß da sein Glück nicht blühe, daß er hinaus, etwas Rechtes erlernen und werden müsse, das wurde dem guten Burschen mit jedem Tage mehr klar.
Im Laufe des Nachmittags kamen noch sämtliche nächste Anverwandte des Laubhausers auf den Hof. Es ging hoch her im Haus, denn bei solchen Anlässen wollte der Bauer zeigen, wie gut es mit Küche und Keller zu Laubhausen bestellt sei. Aber nur Ebenbürtige waren zur Teilnahme berechtigt.
Vettern und Basen, mit denen kein Staat zu machen war, wurden nur so nebenbei, in der Küche oder im Hinterstüblein abgespeist. Während kleinere Hausmanns- oder Taglöhnerskinder vor der Haustür dort standen und die ankommenden Schlitten und ihre Insassen musterten oder begehrlich und wunderfitzig durch die Fensterscheiben lugten und vom Peter zuweilen ein duftendes „Küchle“ oder ein paar „Sträuble“ hinausgelangt bekamen – wandelte Hieronymus gedankenvoll hinter den Häusern hinweg, hinüber zur einsamen Hütte des Stoffels.
Jagdschloss im Unterhölzer Wald
Der wunderliche alte Junggeselle war eben im Begriff, von seinem unzertrennlichen Dachshund begleitet, einen Gang in den Wald zu machen, und Hieronymus schloß sich ihm an. – Im Fortgehen erzählte der Stoffel seinem jungen Freund, wie nächstens wieder ein großes, von der Herrschaft anbefohlenes Treibjagen auf Säu und Hochwild abgehalten werden solle. „Du weißt“, sagte er, „daß kürzlich in Unterhölzer beim Wartenberg der große Eichwald zum Tiergarten eingezäunt worden ist, wo allein noch Hoch- und Schwarzwild g’hegt werde soll. «
„Vorgestern“, bestätigte Hieronymus, „hab ich g’seh‘, wie sie schon die Wehrblahen und die Garn und Schweinsseil mit den Steckgabeln auf Wägen von Donaueschingen herbracht haben – nüber ins Jägerhaus. Da sind schon die Hundsbube versammelt mit den Leit- und Hetzhund; auch das Zelt hab ich g’sehen ablade für die Herrschaft, – die Fürstin soll ja selber eine so g’schickte Jägerin sein.“
„Allerdings – aber wenn’s so fortgeht“, meinte der Alte verdrießlich, indem er Feuer schlug, um seinen Ulmer wieder in Brand zu versetzen, „wird’s bald höre haben mit der Jagd auf Edelwild. Weiß noch gut die Zeit, wo die Hirsch rudelweis in strenge Winternächte vor die Bauernhöf komme sind, oft bis in die Scheuern, wenn der Knecht vergessen hat, das Scheuertor recht zu schließe.“
Ulmerkopf aus der
Privatsammlung von Anton Manger,
Pfeifenbauer aus Wollbach/Unterfranken.
Fotos: Jenny Schmitt
Indem sie unter solchen Gesprächen den Wald durchstreiften, der – weil der Schnee fest gefroren – gut zu begehen war, und der Stoffel seinen Begleiter da und dort auf die Fährten und das Getieger des Wildes aufmerksam machte – flog ein Kreuzschnabel über ihren Köpfen hinweg. – „So ein Kreuzschnabel„, sagte der Stoffel, „ist ein wahrhafter echter Schwarzwälder. Wenn die andern wehleidig vor dem Winter Reißaus nehmen oder vor den Häusern und Scheuren auf dem Bettel rumziehen, ist es dem Bürschle erst recht wohl im Wald, so daß es mitten im Winter, im Jänner schon, ans Nesten und Brüte denkt.“
Kreuzschnabel im Schwarzwald
Zu einer Lichtung des Waldes gekommen, wo ein hungriges Häslein um einzelne, aus der Schneedecke ragende Sträucher und Stäudlein sich mühte, nahm der Stoffel seinen Stutzen von der Schulter und machte mit einem wohlgezielten Schusse den Nahrungssorgen des guten Tierles, wie er sich ausdrückte, ein Ende. – „Es wird auf eins rauskomme“, lachte er, indem er zur Stelle schritt und den armen Lampe in den Büchsenranzen schob, „ob dich heut nacht ein Fuchs oder morgen der alte Stoffel verspeist. – Einer lebt vom andern, das ist der Lauf der Welt – und selber essen macht fett, das heutig‘ Evangelium! – Hast du Lust, Hieronymus, so bist du höflich invitiert auf morgen zum ersten Werktagsschmaus. – Man darf die alten ehrwürdige Bräuch nit abgehe lasse.«
„Ihr habt’s gut, Stoffel!“ entgegnete Hieronymus, den Alten, der sein Gewehr wiederum lud, mit lächelnder Miene betrachtend. „Ihr lebt, wie es Euch g’fallt, und schert Euch um niemand und um nix, was andern ’s Herz schwer macht.“
„Närrischer Kerl“, versetzte mit heiserem Lachen der Stoffel, „kannst’s ja auch so haben, wenn du willst! – Was braucht sich einer viel zu kümmern, wenn er nur sein bißle Leben und von Zeit zu Zeit sein Brätesle uf em Tisch hat!“ „Um das handelt es sich nit allein!“ sagte Hieronymus mit einem halb unterdrückten Seufzer. „Man strebt halt b’ständig weiter – in der Hoffnung -„ „Ei was, Hoffnung!“ brummte der Alte, unwirsch ihn unterbrechend. „Hoffen und Harren macht manchen zum Narren. Die Hoffnung ist ein betrügliches Weibsbild, das viel verspricht und wenig halt‘; hat manchen schon sein Lebtag am Narrenseil rumg’führt.“ „Wenn die Hoffnung nit wär“, meinte Hieronymus ernst, „so wär’s ja zum Verzweifeln. – Und wege was soll man nit hoffen und trachten – nach Glück und -„ „Hoffen und trachte nach Luftschlössern?“ fiel der Alte höhnisch ein. „Schau, en Spatz in der Hand ist mir lieber als die Taub uf ‚em Dach, das magre Häsle da im Ranzen mir ang’nehmer als der fetteste Rehbock drüben am Feldberg. – Laß das unnötige Schmachten und Trachte. – Laß anderen ihr eingebildet Glück; laß ihne den Geldsack und die Ehrestelle. – Hast du wenig – so brauch wenig, hast dann au nit nötig, dich viel zu bedanken oder jemand zu schmeicheln. – Und kommt dir trotzdem emal einer überzwerch – so zeig ihm, wo er her ist – und daß du nix nach ihm z‘ frage hast.“ Das war in kurzen Worten so ziemlich die ganze Lebensphilosophie des Stoffels, der übrigens seinen jungen Freund nicht ganz verstanden, nicht erraten zu haben schien, wo diesen der Schuh drückte. – Der Alte kümmerte sich in der Tat um niemand, und niemand kümmerte sich viel um ihn, weder der Stabhalter, Vogt noch Amtmann oder der Pfarrer. Er seinerseits brauchte keinen; er zahlte weder Steuern noch Abgaben, weder Sporteln noch Frevelbußen, und kam auch nie in die Lage, Stolgebühren entrichten oder um Dispens nachsuchen zu müssen. – Von Haus aus Wilderer und Fischer nach Belieben, an dem die Jäger und Aufseher gerne vorbeigingen, als hätten sie ihn nicht gesehen, hatte er später sich herbeigelassen, ein Dienstlein anzunehmen.
Der einsichtsvolle Oberförster übertrug ihm nämlich die Aufsicht über das Wild und die Dressur der Jagdhunde. Die Besoldung bestand hauptsächlich im Schußgeld vom Raubzeug; und wenn hie und da auch einmal eine Kugel nebenaus ging und zufällig einen fetten Rehbock oder – wie heute – ein unvorsichtiges Häslein traf, so fiel es niemand ein, den Schützen deshalb zur Rede setzen zu wollen.
Die Raben zogen schon heimwärts, den Bergwäldern zu, als die beiden, herabgestiegen ins Tal, den Rückweg antraten – und am Kreuzweg sich verabschiedeten. – Der klare Wintertag schloß mit einem prächtigen Sonnenuntergang. Als Hieronymus einmal zurückschaute, sah er das Tagesgestirn eben in glühendes, nach oben hin violett verschwimmendes Rot hinabsinken.
Die Berge standen in kaltblauen Schatten am Horizont, nur der Schnee im Tal und auf dem eingefrorenen Bache schimmerte stellenweis wie angehaucht vom Abendrot. – Gedankenvoll betrachtete Hieronymus das schöne Naturspiel eine Weile – dann schritt er weiter. – Aus eisgrauen Wolkenschichten schaute im Osten die blaßgelbe, unvollkommene Scheibe des Mondes über die Höhen, finster schon lagen die Häuser und Hütten – nur die Fenster am Laubhauserhof flammten und spiegelten noch die späte Glut des Himmels ab.
Am andern Tage kam richtig der Gemeindsbote mit der Ansage zur großen Jagd. – Auch Hieronymus rüstete sich dazu; es war nicht das erste Mal, daß er eine solche Hetze mitmachen mußte. – Aber die fürstlichen Herrschaften kamen nicht; die Jagd wurde verschoben, von einem Tag zum andern – bis endlich Tauwetter einfiel. – Ein lauer Föhn war über Nacht ins Land gekommen. Die Tannen verloren ihren Duft und schauten schwarz und melancholisch über das Schneefeld. Es schien, als wolle am Dreikönigstag der Frühling schon seinen Einzug halten. Seine Vorboten, Sturm und Regen, hatten bereits eine allgemeine Mobilmachung angeordnet, und selbst das Eis auf dem Bache erhielt schleunigst Marschbefehl. Es drängten und schoben sich die Schollen auf- und untereinander, gleich einem retirierenden Heere, das im Abziehen noch Brücken und Stege sprengt und soviel wie möglich am Wege hin verwüstet. – Aus allen Wäldern und Schluchten stürzten reißende Gießbäche hervor; das Wasser wuchs stündlich, und man fürchtete für die Hütten und Höfe im Tal, und selbst im Laubhauserhof fand man’s geraten, die Haus- und die Stalltüre mit Mist zu verschanzen.
Einsilbig, in sich gekehrt, verbrachte der von seinem Spaziergang gehörig durchlüftete Bursche den Abend. Früh ging er zu Bett, aber noch lange traf die laute Unterhaltung drüben im Hof sein Ohr – er hörte die umständliche Verabschiedung der Gäste vor der Haustür, das „Bhütigott!“ und „Kommet guet heim!“ der Zurückbleibenden und der Scheidenden – bis endlich, mit dem Geklingel des letzten abziehenden Schlittens, alles in Nacht und Schweigen versank.
Aber der besiegte Winter gab sein Spiel noch lange nicht verloren. Kurz nach Lichtmeß nahm er, als erfahrener Feldherr, im Sturme wieder die Höhen und Pässe – und es fiel eine solche Masse Schnee, daß die Wohnungen in den Niederungen förmlich gesperrt und blockiert wurden.
Dazumal war es auch, daß ein einsamer Hof am Feldberg mit seinen Bewohnern wochenlang unter der Schneedecke begraben lag, bis endlich – es war gerade Karfreitag – Umwohnende den Dachfirst endlich wieder aus dem Schneemeer hervorragen sahen und zu Hilfe zogen. Man brach ein Loch in das Dach und rief hinunter, ob alle noch am Leben seien. „Ja“, erscholl es aus der Tiefe. „Wißt ihr auch, daß heut Karfreitag ist?“ war die zweite Frage der Obenstehenden. „Gottsnamen!“ hieß es unten, »wir verspeisen soeben ’s letzte Stück vom letzten Stier!«
Feldberg vom Klippeneck aus
Auch Unglücksfälle durch Lawinen kamen vor, ähnlich der gänzlichen Zertrümmerung des Königenhofs bei Waldau in neuerer Zeit, wobei die vom jähen, von keinem schützenden Waldmantel mehr bedeckten Berg herabrutschende Schneemasse sämtliche Bewohner mit ins Grab riß. – Wie häufig geschieht, mußten auch damals die Leute am Feldberg aufgeboten werden, diesem Beherrscher des Schwarzwaldes im Juli oder August den Schnee vom Haupte zu schäufeln; denn, sagen sie, wär’s ihm nur einmal wieder gelungen, die uralte Mode einzuführen und die Haube das ganze Jahr hindurch aufzubehalten, so wäre der Schwarzwälder Gletscher fertig, wie er’s vor Jahrtausenden gewesen.
In der ersten Ausgabe hatte Lucian Reich auch noch den Text eines Liedes mit drin:
Ich bring heut ein`sehr fröhliche Bost, Auf daß ihr Hirten die Freuden verkost`; Als ich nun bei der Nacht, Bei meinen Schäflein wacht, Habens ein`liebliche Musik gemacht.
Ich greif einlends nach meiner Schalem; Und ruf gleich meinen Schäflein herbei, Aber sie lassen mich, Sammt meiner Pfeif`im Stich, Springen, frohlocken und erfreuen sich.
Kommt laß uns nach Bethlehem geh`n Um nun alldorten das Wunder zu seh`n: Es war ein alter Stall, Der voller Feuer stral`, Wo sich die himmlische Musik erschall.
Ich sah dorten das göttliche Kind, Liegen im Viehstall bei Esel und Rind. Herzliebstes Jesulein, Wir wollen dir dankbar sein, Daß du bei Sünder gekehret hast ein!
Der gesamte Hieronymus liegt seit 2023 in Textform vor. Vorlage war die von Lucian Reich überarbeitete Auflage, die er zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlichen konnte und die 1957, von der Heimatzunft Hüfingen als Band XII der Schriftenreihe des Kreises Donaueschingen, unter großem Aufwand von Dr. Johne, veröffentlicht wurde.
Neuntes Kapitel
“So sprechen die Kinder und drücken sich schnell, Da zeigt sich vor ihnen ein alter Gesell. Nur stille Kind! Kinderlein, stille!” Goethe
Über den „Klausenstag“, Gebete, Prüfungen, Geschenke und den Beelzebub.
Unser Bildchen führt uns wieder zurück ins gewöhnliche Geleise der Lebensgeschichte. – Es ist St.-Nikolaus-Tag; und Hieronymus gedenkt gerne der harmlosen Kinderzeit, wo er nicht anders wußte und glaubte, als der wohlwollende Heilige komme schon einige Nächte vor seinem Namens- und Bescherungstag vom Himmel auf die Erde herab, um vor den Hütten und Höfen zu lauschen, ob die Kinder folgsam und fleißig seien, um darnach seine Gaben einrichten und bemessen zu können.
Damals, als Kind, betete Hieronymus gewiß schon einige Wochen vorher jeden Abend drüben im Hof mit seinem Gespänlein Florentina. Sie saßen dabei auf der Staffel am Hinterofen bei der Großmutter, die jetzt nun auch schon dies Plätzlein längst mit einem viel engeren an der Kirchhofmauer vertauscht hatte. Und wie die Kinder ein Vaterunser beendet, so wurde es gewissenhaft auf dem „Klausenhölzle“ eingekerbt, oder ins selbstgefertigte Büchlein mit Rötel, oder zuweilen auch mit dem Löffelstiel strichweise eingetragen; und diese Dokumente kindlicher Frömmigkeit legten sie dann am Vorabend auf den Teller, welcher über Nacht mit der ersehnten Bescherung sich füllen sollte.
Bevor dies geschah, hatten die Kleinen jedesmal noch ein strenges Examen zu bestehen. – Es schellte draußen in der finsteren Hausöhre, die Stubentür ging auf – einige Apfel und Nüsse rollten herein, und der Santiklaus in höchst eigener Person erschien als Bischof gekleidet, ein Lichtlein auf der Mütze; hinter ihm seine Ministranten – und etwas weiter rückwärts – noch einer, den die Kinder aber lieber nicht gesehen hätten -, der Heilige spricht:
„Ich komm vom hohen Himmel herab, Will schauen, ob ich fleißige Kinder hab; Sind sie brav, gehören sie mein, Sind sie bös, so laß ich den Belzebub herein.“
Nun begann die Prüfung, und wehe dem Unwissenden und Faulen, der sein Sprüchlein aus dem Katechismus nicht geläufig hersagen konnte, denn der gefürchtete Belznikel war jeden Augenblick bereit, einzutreten und seine Strafgewalt auszuüben – nicht selten in einer Manier, daß den armen Kleinen dabei Hören und Sehen verging. Dieses letztere Ämtlein hatte immer der älteste Knecht auf dem Hof dort bekleidet, während Bruder Cyriak gar schön den heiligen Nikolaus vorzustellen wußte.
Hieronymus erinnerte sich noch oft, wie er in kindlicher Einfalt die Mutter einst fragte: warum denn der Santiklaus den Kindern des armen Hansjörg auch gar nichts gebracht habe, sie hätten ja doch ebenso fleißig gebetet wie er und Florentina? – Eine Frage, welche die gute Anastasia fast in Verlegenheit gesetzt hätte.
War er auch längst den Kinderschuhen entwachsen, so wollten die Eltern dem herkömmlichen Brauch doch nicht ganz entsagen. Auch jetzt noch wurde der Sohn jedesmal mit einer Gabe erfreut – allerdings nur solche Dinge brachte der Klaus, welche ohnehin hätten angeschafft werden müssen.
Diesmal aber brachte der betreffende Dezembermorgen etwas Außergewöhnliches: eine schöne Farbenschachtel mit diversen Haarpinseln – ein längst gehegter Herzenswunsch des Sohnes. Vater Mathias hatte das kostbare Material vom Klausenmarkt in Furtwangen mitgebracht. Aber nicht zu bloßem Zeitvertreib sollte es dienen, es sollte und konnte ein hübsches Stück Geld damit verdient werden.
Die Familie hatte Unglück gehabt. Vorigen Herbst war sie um ihre Kuh gekommen, die, verbläht von der Weide heimgetrieben, mit knapper Not noch geschlachtet werden konnte. Kein geringer Verlust! – Das Jahr vorher hatte der Vater auf Bitten eines jüngeren, in der Baar verheirateten Bruders, der in zurückgekommenen Verhältnissen lebte, eine Bürgschaft von über hundert Gulden übernommen. Dem Bruder brannte das Haus ab – und Mathias mußte – nach dem alten Satz: den Bürgen muß man würgen – die Summe aus dem eigenen Beutel erlegen. – Bald darauf erkrankte er selbst und konnte über vier Wochen das Bett nicht verlassen.
So war eins aufs andere gekommen, und Mathias war genötigt, sich nach Nebenverdiensten umzusehen. Die herrschaftliche Forstei hatte zur Zeit ein Quantum Holz im Wald zu machen und ins Tal herabzuschaffen ausgeschrieben. Mathias mit andern übernahm die Hälfte davon, d. h. Hieronymus, der indessen ziemlich kräftig geworden, sollte die Arbeit für seinen Teil verrichten. Es war kein Leichtes, zumal der Winter sich frühe und strenge eingestellt. Jeden Morgen vor Tagesanbruch ging’s hinaus in den Wald, spät abends kamen sie heim. Die Genossen unseres Hieronymus waren der Hansjörg und seine drei Söhne. Dieser Mann, der früher mit Erzgraben am Feldberg ein mühsames Leben gefristet und dann im Tal sich niedergelassen, diente dem Mathias zuweilen auch als Aushelfer in der Mühle.
Wäre der Winter nicht als ein so strenger Herrscher aufgetreten, so würde das Geschäft, das Hieronymus nicht zum erstenmal verrichtete, kein so großes Ungemach im Gefolge gehabt haben. So aber kamen sie, Menschen und Kleider, oft vor Kälte starrend nach Haus. Obwohl sie im Wald, um sich zu wärmen, beständig ein Feuer unterhielten, so diente es doch nur dazu, Schnee und Eis an den schweren Bundschuhen in Nässe zu verwandeln, die noch nachteiliger wirkte als selbst der Frost.
Daneben war das Geschäft nicht ohne Gefahr, namentlich das Dirigieren der schwerbeladenen Holzschlitten die Halden und Schluchten hinab – wobei schon mehr als ein Holzmacher das Leben eingebüßt. – Trotz alldem hätte Hieronymus ausgehalten, wenn ihn nicht die Folgen einer Erkältung genötigt hätten, Waldsäge und Holzaxt niederzulegen und den Wald mit Stube und Bett zu vertauschen. Eine starke „Überröte“ war’s, eine Geschwulst im Gesicht, langwierig und schmerzhaft zugleich. Es zuckte und riß ihm in der Wange, als hätt er eine Klopfsäge darin. – Nichts wollte anschlagen, weder die warmen Überschläge der Mutter noch die Sympathien und Kräuter des Cyriak. Eine bösartige Verhärtung hatte sich gebildet, und schon wollte der aus Vöhrenbach herbeigeholte Doktor zum Messer greifen – aber der Patient, von der Mutter unterstützt, konnte sich nicht zur Operation entschließen. – Anastasia setzte hierauf ihre Überschläge von Kamillen und erhitztem Bachsand wieder fleißig fort – und gottlob, mit gutem Erfolg. Die Geschwulst legte und zerteilte sich.
Aber der Rekonvaleszent hatte indes noch langweilige Tage genug durchzumachen hinterm Ofen. Und wenn er mit verbundenem Gesicht so dasaß, während der Vater den klappernden Mahlgang besorgte und die Mutter beim sorgsam unterhaltenen Ollämplein bis tief in die Nacht mit Nähen sich mühte, so wünschte er sehnlichst, daß auch für ihn die Zeit bald wieder kommen möchte, wo er tätig mit eingreifen könne. – Und als er dann endlich imstande war, wieder eine Beschäftigung vorzunehmen – so wollte es ihm beinahe scheinen, als habe ihm das Schicksal das Übel nur deshalb zugeschickt, um ihn dem Zeichnen und Malen wieder zuzuführen. Die neue Farbenschachtel kam ihm jetzt trefflich zustatten. Er kolorierte papierene Uhrenschilde, auch sogenannte Agathazettel, schön verzierte Haussegen oder Spielkarten auf Glanzpapier, Arbeiten, die fast noch besser sich rentierten als das Holzmachen im Wald.
Als er einst von einem Besuch beim kunstfertigen Bruder Cyriak heimkehrte, fand er auf dem Weg einen hübschen neuen Perpendikel. Er paßte denselben alsogleich der alten Wanduhr an, die der Vater noch aus seiner Heimat mitgebracht. Zu der neuen Zier aber wollte das verdunkelte papierene Zifferblatt nun nicht mehr passen, und er machte sich daran, ein neues zu beschaffen. Von einem in der Nähe wohnenden „Brettlemacher“ erhielt er einen hölzernen, gut zugerichteten Schild, auf welchen er mit den Ölfarben des Vaters die Ziffer und ob darüber seinen Namenspatron malte. – Nach dem Urteil aller, die das Werk zu sehen bekamen, war es aufs beste gelungen. – Der Verfertiger erntete viel Lob und erhielt sogleich Bestellungen. – Der Stabhalter verlangte ein ähnliches Kunstwerk, und selbst der Hofbauer gestattete, daß Hieronymus die hölzerne Wanduhr, welche seit alten Zeiten dort in der Stube hing, auf ähnliche Weise renovieren dürfe.
In die vier Ecken des Zifferblattes malte er hübsche große Blumen und oben in den Rundbogen den Laubhauserhof mit seinem Garten davor, in welchem Florentina – wenigstens sollte sie es sein – zu sehen war, in grüner Jüppe und schneeweißen Hemdärmeln, in der Hand eine Rose haltend. Auch dies Werk gefiel so gut, daß der Bauer nicht umhin konnte, in den Beutel zu greifen und dem Verfertiger ein ansehnliches Douceur zu spendieren – was alle, die den Mann kannten, in nicht geringe Verwunderung versetzte. – Die Aufträge mehrten sich; und bereits gab man sich in der Mühle der Hoffnung hin, gegen das Frühjahr wenn nicht wieder ein Kühlein, so doch eine Geiß zu den vorhandenen hin kaufen und einstellen zu können.
In der ersten Ausgabe war noch ein Gedicht, welches Lucian Reich wohl als „allzu bekannt“ in der zweiten Ausgabe weg gelassen hatte:
Scharmanti bruni Bire, welchi Nuß und menge rothen Aepfel ab der Hurt, e Gusebüchsli, doch wills Gott der Her ke Guse drin. Vom zarte Bese-Ris e goldig Rüethli schlank und nagelneu! Lueg, so ne Muetter het ihr Chindli lieb! Lueg, so ne Muetter ziehts verständig uf, und wird mi Bürstli meisterlos, und meint, er sei der Her im Hus, se hebt sie b’herzt der Finger uf, und förcht ihr Büebli nit, und seit: „Weisch nit, was hinterm Spiegel steckt?“ Und’s Büebli folgt und wird e brave Chnab“
Ich freue mich über mehr Erkenntnisse zu diesem Podcast in den Kommentaren!
aktualisierter Beitrag, 1. Version war am 02. April 2021
31. Oktober 2025
31. Oktober 2025
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31. Oktober 2025
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31. Oktober 2023
Spaziergang über den Friedhof
Die Kette mit den 6 Hufeisen an der Leonhardskapelle befindet sich trotz aller Sagen wohl dort, weil an so gut wie allen Leonhardskapellen Ketten sind. St. Leonhard lebte im 6. Jahrhundert (starb wohl 559) und gehört zu den 14 Nothelfern – er ist der Patron der Fuhrleute. Die Kette gilt als „aneinandergereihte Danksagung“ an den Patron aller Wesen, der Gefangenen und der Stalltiere.
Die Statue in der Kapelle stellt St. Leonhard sitzend mit einer Kette mit Handschelle und Schloß und mit dem Abtsstab dar.
Ebenfalls vorne an der Leonhardskapelle (erbaut 1479 und gestiftet von Konrad und Burckhart von Schellenberg) kann man die verschiedenen Wasserpegel von Hüfingen bestaunen:
Der Friedhof wurde im Jahre 1629 vom Abt Georg Gaisser des Beneditinerklosters St. Georgen geweiht und wurde 1806 und 1861 erweitert. Problem war nicht nur, dass wegen des Dreißigjährigen Krieges der Friedhof bei der Stadtkirche zu klein wurde, sondern auch die ermordeten der sogenannten „Hexenverfolgung“ verscharrt werden mussten. Archivrat Franck meint 1872: “Wen mahnt es aber nicht an höhere Strafe und Gerechtigkeit, wenn er sich erinnert, daß über die Hüfinger Blutmenschen selbst schon am 15. Oktober 1632 das fürchterliche Blutbad durch die Würtemberger hereinbrach?”
Aus dem Jahre 1620 stammt die „Bräunlinger mappa„, in der die Territorialgrenze gegen Bräunlingen hervorgehoben ist. Sie enthält auch den westlichen Teil der Gemarkung Hüfingen, die allerdings ungenau gezeichnet ist. Dagegen sind die Schächerkapelle, das Leprosenhaus, St. Leonhard, das Schützenhaus, die Seemühle und der Galgen sowie der große Weiher (Behlaer Weiher) richtiger eingetragen als in der Landtafel der Baar. Verzeichnet sind das Scharfrichterhaus und der Weg nach Behla.
Karte aus dem Jahr 1662 von Hüfingen von Martin Menradt
Landtafel der Baar von 1620 von Hiffingen mit Schützenhaus und Stadtkirche. Die beiden Stadttore und überdimensional auch die Nikolauskapelle. Die Nikolauskapelle stand etwa da, wo die Stadtapotheke war. Deutlich lassen sich die an die Stadtmauer gebauten Häuser erkennen. Merkwürdigerweise fehlen die beiden Schlösser. Willkürlich ist die Bebauung innerhalb der Stadt gestaltet. Auf der Donaueschinger Stadtseite lagen eingezäunte Grundstücke (Gärten). Besonders ins Auge fällt ein Wegkreuz etwa auf dem Platz der nachmaligen Lorettokapelle. Weniger Sorgfalt als in der » Bräunlinger Mappa« wurde auf den Breglauf, die Wege und die topographisch richtige Lage der St. Leonhardskapelle und des Scharfrichterhauses (zwischen Kapelle und Wegkreuz) gelegt, das westlich der Dögginger Straße erbaut war.
Als Sinnbild der Vergänglichkeit kennt jeder die Rose, dabei ist der Efeu schon seit vorchristlicher Zeit das Sinnbild der Erlösung und des ewigen Lebens.
Epitaphien sind Grabinschriften für einen Verstorbenen an einer Kirchenwand oder in der Friedhofsmauer. Hier will ich einige zeigen und beginne aber erst mit der Mauer von German Hasenfratz in den 1970er
Friedhofsmauer von German Hasenfratz etwa 1970
Lucian Reich Schriftsteller und Kunstmaler 26. Februar 1817 – 2. Juli 1900
Xaver Reich Bildhauer 1. August 1815 – 8. Oktober 1881 Josepha Reich geb. Elsässer 23. Aprlil 1823 – 19. November 1900
Karl Bromberger, Litograph Ehernbürger der Stadt Hüfingen 1873-1965 Clara Bromberger, geb. Bölke 1871-1958
Durchbohrt von eines Mörders Hiebe. Blieb CURTA noch ein Muster von Geduld. Noch sterbend sprach er voll der Liebe. Vergebet meinem Mörder seine Schuld.
Dieses Denkmal der Liebe weihet ihrem Gatten Vallentin Curta Handelsmann seine betrübte Witwe mit VIII. verzogenen Kindern. Geboren zu der H. Dreyfaltigkeit in Gressoney. Starb den IV. Oktober MDCCCV. im LIII. Jahr seines Alters. R.I.P.
Dieses Denkmahl der Einzigen Liebe und des oantbiex? andenkens seihen dir Sehrvermißten Curtaischen Kinder ihrer ? für ? und alle jene, die sehr herzlichen unvergeßlichen Mutter Rosina Burkhard verehelichten Curta deren Geist aus der zerbrechlichen irdischen Hülle zu der ewigen Stütze und zur fehgälich gewünschten wiedervereinigung zu ihrem vorangegangenen Gatten eille. der 22. März 1808. eben als die das 40 e Lebensjahr angefangen hatte. Gottes friede weh in Blumen düften Vater Mutter über Euer Gräber her.
Johann Franz Valentin Curta (Kurta im Stammbuch), Kaufmann aus Italien, * in „Dreifaltigkeit ind der Cresonai“ (=Gressoney am Monte Rosa). Gestorben in Hüfingen am 19.10.1805 . Er wurde von österreichischen Soldaten beim Plündern vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder niedergeschossen und drei Stunden später gestorben. Er war verheiratet mit Rosina Burkhard und sie hatten 12 Kinder. Ein Sohn Johann Franz Valentin Curta wurde Hirschenwirt und Johann Jakob Handelsmann.
Maria Franziska von Ehren geb. D. IX. September gestorben D. 22 ANG. 1863 ?
Denkmal Ihrer Hochedelgebohrenen Frau Katharina Kletser gebohrene Bosch. Sie starb den 5. November 1815 im 40 Lebensjahr.
Lasset die Kinder zu mir kommen Dem hoffnungsvollen Knaben Ferdinand Fischerkeller Geb. den 8. August 1818 Gest. 25 April 1828 Weihen dieses Denkmal seine trauernden Eltern
Hier ruht Johann Babtist Fischerkeller geboren zu Donaueschingen den 21ten August 1749. gundler Kaplan zu Jungnau druch 13 – zu Kaseifingen G_ und endlich dazu ad 6. Blasium durch 26 Jahre ? seine irdische Laufbahn den 21 ten Juny 1852. Gott gebe Ihm und allen ? dir Ewige ? Amen
Francisco Neser Josepf Anton Heizman Raul Stoerk
Ruhestätte des Hochwürdigen Herrn LOS. Benedict Rebsteix (Pfarrer?)
2. von links: Maria Magdalena Nober geb. Moog 24. Juni 1765 – 14. Juli 1840
Dem Andenken Des Hochwürdigen Herrn Benedici Merck Des villino, Rur:Kap;Exdecans Bischöf. Konk, geist. Raths, und durh 35 Jahrepfarrer dahier Legte ab die Körperliche Hülle nach 7 Jahren Leiden den 21 May 1798 im 64 Alterjahre: Geweiht v. seinen Geschwistern.
In der Mitte das Epitaph eines Bäckers. Die Brezel bindet die gesenkte Fackel des Todes ein.
Das von Franz Xaver Reich 1864 erschaffene Steinkreuz verbindet die Hauptachse des alten Friedhofsteiles mit dem neuen Teil. Der obere Teil scheint neuer zu sein. Vielleicht weiß ja jemand wo sich das ursprüngliche obere Kreuz befindet?
Die Einsegnungshalle wurde 2007 vom damaligen Bürgermeister Anton Knapp zusammen mit dem Architekten Rolf Schafbuch mit einer großen „Lichterscheinung“ vom Hüfinger Künstler Emil Kiess neu gestaltet.
Das Glasfenster von Emil Kiess mit 6000 kleinen Glasplatten spiegelt den Friedhof wie ein Mosaik.
Ebenfalls bei der Einsegungshalle befinden sich die Grabplatten von Adolf Heer und Rudolf Gleichauf.
Adolf Heer Bildhauer geboren 13. September 1819 gestorben 29. März 1898
Grabstein Adolf Heer und Rudolf Gleichauf
Rudolf Gleichauf Historienmaler geboren 29. Juli 1826 gestorben 15. Oktober 1896
Die Grabstätte (Grabstein) von Adolf Heer und seinem Freund Rudolf Gleichauf ehemals auf dem Hauptfriedhof in Karlsruhe.
Nach dem Tode Adolf Heers veranlasste der Landschaftsmaler Wilhelm Klose, ein ehr vermögender Karlsruher Mäzen (Ehrenbürger der Stadt Karlsruhe), eine würdige Grabstätte für seine Freunde zu errichten. Die Ausführung lag in den Händen von Bildhauer Johannes Hirt, der ein langjähriger Mitarbeiter von Heer bei der Gestaltung des Kaiser-Wilhelm-Denkmal war. Auch die zwei Bronzereliefs von Heer und Gleichauf am Grabstein sind mit J. Hirt signiert. J. Hirt wurde vom Verlassenschaft -Gericht als Abwickler der noch nicht vollendeten Arbeiten von Heer bestimmt. Er wurde ein bekannter Bildhauer in Karlsruhe. Das Grabmal fand seinen Platz auf dem sogenannten „Hügel“, eine bevorzugte Lage mit Bäumen, Farnen und Stechpalmen – wahrscheinlich unter Denkmalschutz stehend.
Wenig verständlich erscheint ein Bericht im Südkurier im Jahre 1976, „Silberdisteln schmücken das gemeinsame Grab von A. Heer und R. Gleichauf, wo den Besuchern von der Friedhofsverwaltung erklärt wird: „Wir halten es für eine Selbstverständlichkeit und Pflicht, den Gräbern Heers und Gleichaufs unsere Aufmerksamkeit zu schenken“. Mit wenigen einprägsamen Worten wird die Bedeutung der Künstler skizziert: .. Heer und Gleichauf haben im vergangenen Jahrhundert mitgeholfen, die Züge des Kunstschaffens in Karlsruhe zu prägen“. Monate später wird dann in einem Schreiben an die Stadtverwaltung Hüfingen und wahrscheinlich auch Vöhrenbach angefragt, ob Interesse am Grabstein der beiden Künstler bestehe: „Das Grab wird aufgelöst.“ Die Stadtverwaltung Hüfingen holte den Grabstein, der jetzt bei der Aussegnunghalle und den Urnenstelen steht. Leider ist der Stein nur ein Torso, denn die kunstvolle Einfassung fehlt. Auch sollte die Inschrift erneuert werden.
Bildhauer Prof. Adolf Heer, Sein Leben und seine Werke auf der Baar und dem Umland von Erich Willmann Schriften der Baar 53, (2010)
Dr. Erwin Sumser (8. Oktober 1891 in Merzhausen bei Freiburg im Breisgau als Erwin Josef Sumser – 22. Januar 1961 in Hüfingen). Pionier des Naturschutzes.
Eva von Lintig geboren 11. Juli 1931 gestorben 10. September 2023
Herrgottstag gesprochen von Maria Simon am 13. Juni 2023
Wenn des de Freiherr von Drais no mitkriegt hett
Herrgottsdag- Morge Aafang 1920- er Johr: Am Untere Bahwartshiesli z Degginge sind Motter Sophie, de Wilhelm, d` Berte , s`Klärli und de Seppli mit em Sunntigshäs vor de Hieslitüre fertig zum Abfahre an Herrgottstag gi Hifinge. S Häergatter isch kontrolliert, dass jo kon Fuchs im Hennefang e Bluetbad aarichtet S. Mekker- Gäessli und grunzig s `Süehli isch gfuetteret und und de Duubeschlag speerangelwiit uffklappt. D Sophie isch e Ur- Hifingeri und sie hät en Hotz ghierote, de Lixx, de Felix Hilpert vu Hiesere bei St. Bläsi im Obere Hotzewald. Ihn häts gi Degginge ad Bah verschlage. S kursierend Familie Grüecht sait, dass er ebbis verbootzget heb, de bärestark, oerche Haumoeschter us de Urwaldähnliche Wälder um Hiesere rum. Dä, z Uurberg, Dachsberg, Blasiwald und Menzeschwand kennt er sich uus wie im oegene Hosesack. Dä hinne hond sie scho immer gern gwilderet. De Lochheiri, de muusarm Gietler mit eme Stall voll Kind häts mit em Lebe zahlt. De gnadelos Waldhieter hät ihn in Flagranti verwischt und mit de Flinte verschosse. S Opfer isch wege dere Gnadelosigkeit aber zum heimliche Held, zum „Ganghofer“, vum St. Bläsemer Land wore. Die Not vu dene ville Halbwaisle vum Lochheiri us em Mucheland hond die raue Hotze dem Förster und de Obrigkeit uff langeewig nit vergesse. Sogar e Wirtschaft „Zum Lochheiri“ i de Iisebrechi bi Schluechs gihts, ganz zum Aadenke an den Wilderer, der us Mundraub- Not gwilderet hät. Wege so ere ähnliche Kummedi isch also de Lixx wahrschienli entweder freiwillig vu dä vertloffe oder sie honds ihm nahegleit. Er soll doch lieber oehmets änni gau, wo`s weniger dichte Wälder und weniger Reh und Hase gäb. Zum Biispiel uff die offe Boor.
So soll also de Lixx gi Degginge kumme sii, a d Bah und is „Unter Bahwartshieli“. Dä wo jetzet de Thomas Esslinger huuset. Dä sind au alli vier Kind uff d Welt kumme. Dieselle Kind also vum Lixx und de Hiefingeri, de Sophie, geborene Kramer, d Schweschter vum letzte Städlibuur Beppi Kramer, us em Siesse Winkel, sind dä z Degginge uffgwahse.
Hai, Hai, hucket huff
Vor em Bahwartshiesli stoht e Gamp- Draisine nebem Gleis. Gamp Draisine sind die bei de Bahn normale Gschierer, die i de Mitti zwei Schwengel hond wie bei ere Gillepumpi zum uff- und abgampe. En Exzenter triebt denno d Achs aa. Im Gegensatz zu de neie, moderne Tourischte- Draisine mit Fahrradtreter und Ketteritzel. Mit e paar Flüech schindet de bomstark Lixx des Gschier uff s Gleis. De ältscht, de Wilhelm, au scho e gross Kamel, hilft ihm debii. Im Lixx sin legendäre Fluech, der sich bald i de ganze Familie iignischtet hät, war : „Mundidie“, nu den därf er i sim Hotzejähzorn uussiblose, wenns wieder mol klemmt. Dodruff aachet die gottesfüerchtig und volksfromm Sophie wie en Gendarm. Vu wege die booremer Universalflüech wie „Herrgottsackrament“, „Himmel Arsch und Wolkebruch“ oder „Gottverdammi“. So holose, gottsläschterliche Fluech usem Hotze- und Buurefluechrepertoir gihts bi de Sofie nit. Nit ummesuscht isch de ältscht, de Wilhelm, später au Pater und Missionar z Brasilie wore. Den zuelässige, nit biichtpflichtige Fluech, hät übrigens de Lixx us em 1. Weltkrieg us Lothringe mitbroocht, und denno verhotzewälderet. Er kunnt lammfromm und d Sophie äschtimiert nuu den Fluech. Er kunnt vum französiche „Mon Dieux“.
D`Berte, d`Motter Sophie, de Josef, s`Klärle, de Felix und de Wilhelm vor em Bahwartshiesli z Degginge (dehindert s Fahrrad mit Karbidfunzel)
Getti Wilhel und Sigfried Kramer
Also stieget alli noch em letschte luute „Mundidie“ uff die verrusste, mit em Staubwedel, em Honefiefer, abgstaubte Sitzbänkli vu de Draisine. Vorher isch no en aalte Heardepfelsack uff d Dielebretter Sitzbänk gleit wore. De Vater Lixx und de Wilhelm gond an Gamp- Schwengel und die Draisine nimmt Fahrt uff gege Huuse und Hifingen. De Fahrplan vu de Hölletalbah hät de Bähnler natierli genau im Kopf und die uffzoge Sackuhr zoeget genau aa, wenn sie z Hiefinge ab em Gleis sii mond. Weils geg Hiefingen liicht bergab goht rennst wie de Deifel und i 20 Minute micket de Lix am Herregarte, D Maidli, de Josef und d Sofie stieget ab, sortieret s Feschtagshääs und de Wilhelm und de Lixx schindet die bolleschwer Draisine uffs Bankett. Jetzt kaa de Zug vu Eschingen gi Friiborg, oder de Bregtäler gi Fortwange dampfe und schnuufe.
Herrgottstag
Fascht jede Gmond hät sin hochheilige Fiirtig. Entweder s Patrozinium, oder, wie uff de Reichenau de Markustag, z Weingarte de Bluetritt, de Leonhardi Tag z Lenzkirch, z Appezell Fronleichnam oder ebe z Hiefinge de legendär und populär Herrgottstag. Die Däg zellet fascht meh wie die Hochfeschter Wihnächte, Oschtere oder Pfingschte.
No isch vor em Hochamt Ziit zum beim Getti, em Brueder und em Schwoger, bei Kramer Beppi und de Emme im Süesse Winkel uff en Zigorie Kaffe mit frisch bachenem Zopf vorbei z gucke. Die ganz Kramer Sippe füllt aaschliessend oe ganzi Bankreihe im Hochamt i St. Verena uus und innbrünschtig wered die Lieder, die an ere Schiebenummere Tafel unter de Kanzel hängt, im Magnifikat uffgschlage und mitgsunge. Noch em erhebende Te-Deum mit Orgelgebraus stellt mer sich zu de Prozession uff. De Pfarr mit de Monschtranz unterm Baldachim, unterm Himmel, voruus. Nuu er schriitet würdevoll mit em Allerheiligschte über de kunstvoll und hingebungsvoll uusgleit Hiefinger Bluemeteppich. Die farbefroh und aarührend Art de Natur und de Schöpfung z huldige, des hät de Xaver Reich vun ere Studiereis anne 1841 us Italie mitbroocht und dodemit Hiefinge und de Herrgottstag, Fronleichnam im ganze Südweschte berühmt gmacht. So könnts immer no sii, wenn nit die Wiesemonokulture, des Silofuetter und de Kunschtdünger die wunderbare booremer Bluemewiese fascht ganz uusgrottet hättet. Tausende Schauluschtige verfolget gerührt mit eme sanfte Gänsehautgfühl des Gesamtkunstwerk wenns stattfindet, den spirituelle Hifinger Kult: Die poesivoll, volksfromm Prozession über d Bluemeteppich, vorbei a de kunstvolle Bluemebilder- Altärli vor de Hieser.
Mir gond zum Herrgottstag
Noch dem erhebende Ritual gihts no bim Getti e gueti Nuddlesuppe, en Schunke im Brotdoeg mit Herdepfelsalot und en Zigorie Kaffe mit eme Käskueche und eme steife, fettige Buureschlagrohm. De Getti und de Lixx rauchet no en Burgerstumpe, d Wiiber verzellet und verkartet s Neischt us em Städtle , de Verwandschaft, vu Hiesere und vu Degginge.
Herrgottstag anne 2019 z Hifinge
Hoemfahrt
D Sackuhr vum Lixx zoeget aa, dass mer die Zugpause um Vieri nutze muess, zum mit de Draisne hoem, gegg Degginge z`Giege. D Draisine word wieder uffs Gleis gschunde und de Wilhelm und de Lixx mond jetzet aber draa. Mundidie. Es goht nämli berguff und do rennt des Monstrum nimme so gattig wie bei de Aafahrt zum Herrgottsdag.
Die Aareis vu dere Bagage mit ere Draisine düerft die kuriosescht Bsucherfahrt vum Hifinger Herrgottsdag zu dere Ziit gsii sii. Do kummet nit emol die Aafahrte vum Tal, vum Rande und de Westboor mit de kleine Bulldöggli aa, wo uff em ohne Radkaste Sitz d Grossmotter huckt, und uff em andere d Bierin. Und uff de Ackerschiene Kischte d Kind.
Und de Freiherr von Dreis het bestimmt die allergröscht Freid ghaa mit dere Reiseart mit sinere Bahgleis- Draisine , obwohl er wohrschienli evangelisch war.
Das Buch habe ich hier 2021 veröffentlicht. Allerdings veraltet auch eine Webpage ziemlich schnell und die nächsten Monate möchte ich die einzelnen Kapitel aktualisieren. Deswegen werde ich jedes aktuelle Kapitel wieder nach vorne kramen. Das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift hatte ich damals vorgelesen, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren. Aus diesen Gründen ist der Text ein Gemisch aus alter und neuer Schreibweise. Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz. In blau sind unten Erklärungen dabei.
Jedermann kennt den Volksglauben, nach welchem es keinen Samstag im Jahre gibt, an dem nicht wenigstens ein Stücklein blauen Himmels zum Vorschein kommt. Man sagt, die himmlische Haushaltung sei zu Gunsten Marien’s ausdrücklich so eingerichtet worden, damit unsere liebe Frau den frischgewaschenen Schleier jeden Sonntag trocken habe, um in die Kirche oder über das Gebirge gehen zu können.
Den Verweis hierfür mögen Wetter- und andere Propheten führen. So viel ist entschieden gewiss, dass zu Anfang der 20er Jahre, am 24. Juli, dem Samstag vor dem Jakobifeste, das zufällig auf den Sonntag fiel, der klarste blauste Himmel sich über dem alten Städtlein Hüfingen wölbte. Damals war sein Aus- und Eingang noch jeglicher mit einem Tore gesegnet; und hing noch ein gutes Stück der verwitterten Stadtmauer umher. Die Sonne stand schon tief. Auf dem Gartenhängen waren da und dort weiße Kleidungsstücke von jener Gattung aufgehängt, die ein redliches Gemüt geradezu Hosen zu nennen wagt, sie sahen frisch gewaschen und appetitlich aus und hatten eine kriegerische Bedeckung von Säbelkuppeln und Fangschnüren. In der Ferne hörte man trommeln. Buben von zehn, zwölf Jahren marschierten einen entlegenen Feldweg hin und übten sich in dieser nützlichen Kunst. Auf den Lauben (Galerien) der Häuser wurden dunkelblaue Uniformen mit weißen Aufschlägen ausgeklopft. Wer im Felde zu tun hatte, der machte sich früher als gewöhnlich heim, um noch so Manches für morgen herzurichten. Der hatte sein Säbelgefäß und die Rockknöpfe noch mit Ziegelmehl abzureiben, dieser mußte sein Tschako noch lackieren, jener erwartete vom Schuhmacher die neuen Stiefel, die er morgen einweihen wollte. Alles sprach nur von morgen und freute sich des schönen Wetters.
„Wenn es nur auch so hält“, sagte der alte Hafnermeister, in den er seinen Sappeursbart, den er morgen anlegen wollte, wieder ein wenig heraus ausstaffierte. „Es bleibt gut“, bemerkte ein Nachbar, der sassianene Gerbermeister. „Mein Laubfrosch sitzt jetzt schon seit vorgestern früh hoch auf der Leiter, und das Männle am Rathausfähnle läßt gutes Wetter supponieren.“ „Es wird einen merkwürdigen Zulauf von Fremden geben“, erwiderte der Andere. Und was war denn das für ein Tag, auf welchen so ausgebreitete Zurüstungen gemacht wurden? Es galt nichts weniger, als das Fest des heiligen Jakobus, Kirchenpatrons von Hüfingen, das seit uralten Zeiten mit geziemender Würde begangen wird.
Zur Zeit unserer Erzählung war dieser Tag für die ganze Baar sozusagen ein Volksfest, zu welchem die Gäste von nah und fern zusammenströmten. Nicht wenig zum Glanz des Tages trug eine bürgerliche Miliz und ein Musikkorps bei, welche beide nach dem Muster anderer kleinen Städte auch hier errichtet worden waren. Die Musik, von ihrem unermüdlichen Kapellmeister aufs trefflichste eingeübt, hatte den Beifall aller Hörer und die wackeren Musketiere exerzierten und manövrierten, dass es eine Lust war, ihnen zuzusehen. Und weil dazumal noch nicht jeder alte Student und Gevatter Handschuhmacher sich einbildete, ein größerer Mann zu sein, der das Volk beglücken und Deutschland umgestalten müsse, so ginge alles im besten Contento, zur Freude für Jung und Alt.
Der damalige Major und Bürgermeister war ein Kriegsoberster, der trefflich Manneszucht zu halten wußte, und recht stattlich sah es aus, wenn er in der Uniform mit kurzen hirschledernen Beinkleidern und Suwarowstiefeln, ähnlich einem Erzherzog Karl oder Fürst Schwarzenberg, vor der Fronte stand.
Die Seele der Armada von Hüfingen aber, wenigstens wenn man ihn selbst hörte, war der alte Marte, der zu dieser Stunde noch auf der Stiege hinter seinem Hause stand und bedächtig das Wetter beobachtete, ob die Sonne kein Wasser ziehe oder ob der Wind sich nicht drehe. Wahrscheinlich wäre er noch lange so gestanden, wenn nicht ein kleiner Bub in der Eigenschaft eines Feldjägers atemlos und schwitzend daher gelaufen wäre mit der Meldung, alles sei versammelt, man warte nur noch auf ihn.
Gedachter Marte war der Feldwaibel beim Corpo, der die Rekruten einschulen mußte, und zu diesem Behufe hatte er auch das Exerzieren gründlich studiert bei den Österreichern. Unter vier Augen ließ er oft Winke fallen, dass selbst der Major „das Meiste von ihm habe“. „Gleich!“ sagte er, „gleich werd‘ ich erscheinen.“ Er rückte noch einmal seine Waffen zurecht, und eilte durch das Städtlein, wo vor allen Häusern gekehrt, an allen Brunnen gefegt und gewaschen wurde, hinaus auf den Anger vor dem Schützenhause. Sobald er anlangte, stellte sich das Bürgerkorps in Reih und Glied und begann sämtliche Schwenkungen und Manövers, welche das morgige Fest verherrlichen sollten, zur Vorübung auszuführen. Hinter her aber zog ein Haufen von Buben mit Bohnenstecken statt der Gewehr, und machten alle Exercitien glücklich nach.
„Stellt euch“, sagt der Major und Bürgermeister, als diese beendet waren. „Stellt euch nur morgen auch Alle präzis ein und nehmt euch zusammen, besonders was das Feuern anbelangt, dass wir den alten Ruhm nicht einbüßen“.
Nach dieser öffentlichen Anrede zog er den Feldwebel Marte und den Korporal-Nachtwächter auf die Seite und flüsterte diesen seinen Vertrauen zu: „Ihr Leut‘, ich fürcht‘, dass uns die Zwei“ – hier winkte er verstohlen gegen zwei Rekruten hin – „morgen bei den Salven Confusion machen. Entweder schießen sie vor, oder, was noch schlimmer, sie laden unrichtig. Es wird gut sein, wenn sie morgen gar keine Patronen erhalten.!
„Herr Major“, warf der Feldwaibel mit wichtiger Miene ein: “ das wird’s nicht wohltun; wofür verzürnen die Leutele. Ich weiß ein besser Mittel, laßt mir mich machen. Morgen, bevor und dass wir einmarschieren, will ich tun, als visitiere ich ihre Musketen, und werde dann unvermerkt jedem einen tüchtigen Lichtstumpfen auf die Schwanzschraube hinunterstoßen; dann schießt keiner vor, es gibt kein Unglück, und die Leut‘ haben ihre Plaisir.“ – Der Major gab dieser Maßregel seine oberbefehlshaberliche Genehmigung und commandierte demnächst „Auseinander“, worauf sich die Buben schon längst gefreut hatten, weil sie jetzt ihren Alten die Musketen heimtragen durften.
Während alles dieses in der Stadt vorging, schritten zwei junge Burschen die staubige Straße von Bräunlingen her. Der eine, mit der Sense auf den Rücken, kam aus dem Felde. Der andere schien auf der Reise begriffen zu sein; er mochte etwa 24 Jahre zählen, ein stämmiger Bursche mit braunem Haar und rötlichem Backenbart. Die Reise konnte aber nicht allzu weit gehen, denn er hatte offenbar seine Sonntagskleider an: Über den neuen schwarzen Lederhosen, den neuen grünen Samtschoopen und das rote Leible. In der Hand trug eine schwanke Haselnussgerte, mit welcher er von Zeit zu Zeit durch den Schwarm Mücken hieb, der vor ihnen hertanzte. K
„Konrad“, sagte der mit der Sense, „das kann ich dir sagen, seit du auf dem Hofe bist, kennt man dich fast nicht mehr, du bist ein Weltkerle geworden“. „D’rum bin ich gesund, Gott Lob“, erwiderte der im Sonntagsstaat, „Essen und Trinken schmeckt mir, und überflüssige Sorgen mach‘ ich mir auch keine“. „Ja, wenn eine gewisse nicht wär!“ „Du hast gehört läuten, und weißt nicht wo, Franzsepp“, meinte Konrad. „Was soll denn das für eine gewisse sein? – Vom Hörensagen lügt man gern“. – Er suchte ablenkend das Gespräch auf eine andere Materie zu leiten, uls sie bald hernach gegen das Städtlein kamen, so dass man die vergoldeten Zeiger der Turmuhr sehen konnte, machte er ein Paar von den blanken runden Knöpfen an dem roten Leibe auf, zog eine Uhr an silberner Kette heraus, und nachdem er sie zuerst an das Ohr gehalten hatte, ob sie noch gehe, verglich er sie mit der Kirchturmuhr.- „Sechs Uhr!“ , sagte er, „Die geht eine halbe Stund‘ früher als die Bräunlingerin. Sechse, Siebene – bis um Achte bin ich daheim.“ „Ei was! kannst’s du auch Neune werden lassen“, rief der Franzsepp. „Jetzt müssen wir noch einen Schoppen Schweizer oder Markgräfler miteinander trinken in der Sonne, denn so jung kommen wir doch nicht mehr zusammen.“ „Nichts da, sag Dank, ein andermal! für jetzt b’hüti Gott!“ „Aha, es zieht den Menschen eben heim; ei, das muss ja ein großmächtiges Zugpflaster sein, das so stark zieht. – Aber morgen kommst doch zum Fest?“ „Ja, freili'“, rief Konrad zurück, der sich schon eilenden Fußes entfernte. Auf der steinernen Brücke, die vor dem Tore über die Bregach führt, machte er Halt und sah den eben zu Ende gehenden Evolutionen auf dem Anger drüben zu. Die Brücke ist ein Hauptschauplatz im Leben der Bürger dieser guten Stadt. Besonders am Sonntag nach dem Mittagessen wandern sie in aller Seelenruhe zum Tore hinaus und lassen sich auf der breiten steinernen Brustwehr um den heiligen Johann von Nepomuk nieder. Denn unter Gottes freiem Himmel spricht sich ja gar so gut von Allem, was die Woche über passiert, von Altem und Neuen, von Kriegs- und Friedenstagen. Diese Sonntagsfreude ist aber einem fleißigen Bürger wohl zu gönnen, sie kommt auch wohlfeiler, als die im Wirtshause.
Heute, an so einem geschäftigen Abend, war natürlich niemand auf der Brücke zu sehen als ihr Patron, der seit alten Zeiten in Stein gehauen, auf der Brustwehr steht. Zur Feier des kommenden Festes hatte man ihm bereits einen großen frischen Blumenstrauß statt des alten verwelkten in den Arm gegeben; er schien sich aber wenig daraus zu machen. Mit gesenktem Haupt und bedächtiger Miene sah er, wie immer, dem Lauf des Baches nach, der in einiger Entfernung die Stadtmühle treibt.
Der Wanderer verließ die Brücke und gegen den Fußweg hin, dadurch abgemähte Wiesen führte. Er achtete wenig auf die im Wege liegende, mit Kreuzen und Namen bezeichneten Bretter, die den Vorübergehenden zum Gebet für die Verstorbenen ermahnen, und doch hielt er mitten in seinem Geschwindschritte oft plötzlich ein, und bald ging es wie eine hoffnungsreiche Morgensonne in seinem frischen Gesichte auf, bald zog sich die gebräunten Züge wieder zusammen, als ob finstere Nacht und böses Unwetter im Anzug wäre. Solches Zögern verschaffte ihm noch einen Genuß, den kein echter Hüfinger diesen Abend entbehrt haben würde. Denn nachdem die Betglocken, welche in der Umgegend den kommenden Festtage verkündigten, ausgeklungen hatten, erfüllte die türkische Musik, nach langer gründlicher Probe auf der Rathaussstube, die Straßen mit ihrem Getöse, und in ihrer Gesellschaft rasselte der Zapfenstreich weit in die still gewordene abendliche Gegend hinaus. Er traf das Ohr des Wanderers, der aus der Zerstreuung auffuhr und plötzlich seine Schritte beflügelte.
Was trieb ihn denn so vorwärts, und hier sind immer wieder stille stehen? Dachte er an die Zeit, wo er noch mit seinem Ältern zu dem Hüfinger Feste gegangen war? oder an laue Sommerabende, wie dieser, wo er mit seinen Kameraden bis in die späte Nacht hinein auf der Bank vor dem Hause sang und schwatzte, und die Mädchen ihnen von oben zu den offenen Kammerfenstern heraus gute Nacht wünschen? Oder ging ihm die „Gewisse“, mit der ih der Franzsepp aufgezogen hatte, im Kopf herum? –
Hier ist nun der Ort, wo ihr mich meinetwegen unterbrechen mögt. Unser Freund hat seine zwei guten Stündlein von Hüfingen zu dem Dorfe zu gehen, wohin er trachtet. Wir können ihn jetzt verlassen und an einen anderen Weg einschlagen; wenn wir unsere Schritte fördern, so kommen wir immer noch zur gleichen Zeit mit ihm an.
Nun, da werden wir eben in die Gegend des russischen Feldzuges zurückgehen müssen. Richtig. Der Marsch ist so weit nicht, als es den Anschein hat. Also, wie Konrad’s Eltern starben und sein und sein Xaver aus Russland, wo er im kühlen Schneebette schlief, nicht wiederkehrte, da hatte der 13-jährige Waisenknabe nur noch einen einzigen älteren Bruder. Der aber konnte sich selbst noch nicht helfen; er ging in den Dienst zu einem Vetter, der einen Hof oberhalb Mistelbrunn besaß. Durch Rührigkeit und Sparsamkeit hatte sich der Knecht bald so emporgeschwungen, dass er als Pächter des fürstlichen Meierhofes zu Waldhausen sich dauernd wieder niederlassen konnte. So blieb denn Konrad allein im heimatlichen Dorfe zurück. Dort nahm ihm ein Verwandter zu sich, der keine Kinder hatte, aber sehr für möglich war. Dieser Vatersbruder, den man den „Riedbauer“ nannte, war ein langer, hagerer Mann und sah fast dem hölzernen heiligen Antonius ähnlich, der auf dem Seitenaltar der Dorfkirche stand. Er sprach „wenig um einen Groschen“, wie man zu sagen pflegte; im Übrigen, wenn man ihn näher kannte, war er kein so übler Mann. Seine Frau war im Dorfe nicht sehr beliebt, auch stand sie keineswegs unverdient im Rufe des Geizes, denn sie wäre in der Tat im Stande gewesen, „die Laus und den Balg zu schinden“. Dieser trockene, einsilbige Vetter und dieses knickrische Weib war nun alles, was Konrad noch im Leben besaß, und kühle Tage kamen für ihn; denn was half es ihm, dass ihn sein Vetter im Stillen ganz gut leiden konnte? Der ließ sich nie darüber aus, und da ist der arme Konrad nicht merkte, so machte es ihm auch nicht warm. Arm aber war er wie eine Kirchenmaus; denn nach dem Verkauf seines elterlichen Gutes war über die Schulden hinaus so viel wie nichts übrig geblieben, und für ihn gab es keine Hoffnung, jemals ein freier Mann zu werden. Er wurde anfangs zum Hüten verwendet, um allmählich zu der Würde eines Oberknechts emporzurücken.
Dazumal war noch die Ross- und Nachtweiden im Gange, und mit ihnen bestand noch die alte Rossbubenverfassung, welche seitdem auch von dem raschen Lauf der Zeit umgestürzt worden ist. Da nämlich die jüngeren Hüter den ganzen Sommer über mehr draußen als daheim lebten, so war es kein Wunder, dass sich nach und nach ureigene Gesetze und Einrichtungen, die von den Alten respektiert wurden, unter ihnen gebildet hatten. So oft sie das erste Mal im neuen Jahre „ausfuhren“, das heißt die Rosse auf die Weide trieben, wurde ein allgemeinenes Turnier gehalten, worin sie einzeln mit einander kämpfen mussten. Die vier Stärksten, die in diesen Ringspielen Meister wurden, hießen die „Stillieger“ und waren die Oberhäupter der anderen. Sie lagen nämlich still, das heißt müßig und behaglich, auf dem grünen Rasen ausgestreckt, und während sie ein Spiel zusammen machten oder sich sonst belustigten, mußte ihre Unterthanen alle Arbeit für sie tun. Sie mußten ihnen die Pfeifen stopfen, anzünden, die Rosse auf- und abzäunen und, wenn sie sich verlaufen hatten, aus dem „Schaden“ holen. Mit einem Wort, die Viere waren die Herrscher und bei Streitsachen auch die Richter des kleinen Hirtenvolkes. Aber es galt auch etwas, um zu solchem königlichen Ansehen zu gelangen; denn der Ringkampf war kein Kinderspiel, und es mußte nicht weniger als Arm und Bein eingesetzt werden. So geschah es unserem Konrad, dass er am Wahltage im Zweikampf einen unglücklichen Fall tat und den Arm brach. Das Schicksal wollte nicht, dass er ein Stillleger werden sollte. Der Barbier des Orts, das sogenannte „Katzendoktor“, unterwarf ihn einer schmerzlichen und langwierigen Kur. Da hatte er nun, obgleich sein Vetter, der ihm gesetzte „Pfleger“, einen wirklicher Pfleger an ihm wurde, voller Muße, die Geduld zu lernen, zu der das Leben seine Insassen auf diese oder jene Weise erzieht.
Aber er hatte auch noch Muße, um anderen Stimmungen und Empfindungen in sich wachsen zu lassen. Konrad ging jetzt in sein 18. Jahr, und begann eben, wie es in diesem Alter zu geschehen pflegte, die Mädchen des Dorfes mit anderen Augen anzusehen, als sonst. Während er nun stille lag, nur freilich nicht auf so angenehme Art wie seine Kameraden draußen auf der Weide, konnte er seine Gedanken nach Herzenslust spazieren führen, und da mußte er bald die Erfahrung machen, dass dieselben eine Richtung nahmen, die er sich kaum vermutet hätte. Was er auch tun und wohin er sich wenden mochte, seine eigensinnigen Gedanken gingen immer denselben Weg. Zu wem spazierten sie aber? War es des Storchenfrieders Mareille mit den schönen roten Backen und den vielen Ringen an den Fingern? Oder des Tony’s „zumpferne“ Agnes? oder eine von des Müllers Töchtern? Keine von all diesen, so oft er sich auch ihre Tugenden und Vorzüge ausmalen mochte. Oder war es gar am Ende die, welche als Bub bei jeder Gelegenheit geneckt und ihr zu Leid gelebt hatte nach Leibeskräften, die um seinetwillen in Tränen zu sehen, ihm ein Genuss gewesen war? Ja die, die war’s, des alten, vermöglichen Vogts sein feines Mariannle, das er einst so gern in die Hölle geholt und gepeinigt hätte. Jetzt war sie groß und schön geworden, und mancher junge Bursche des Dorfes warf ein Auge auf sie oder auch zwei.
Freilich hätte er lieber auch jetzt wieder, wenn ihr liebliches Bild vor seinen Augen trat, ein böses Gesicht gemacht, nur damit sie ihm auf immer aus dem Sinne schwinden solle, denn er wusste wohl, welch Kluft sei, zwischen der reichen Tochter des Vogts und einem armen Bauernknecht. Er konnte aber nicht, denn immer und immer mußte er sich wieder an die freundlichen Augen erinnern, mit denen sie ihn letztlich angeschaut hatte, so dass es ihm dabei war, als sähe er in das Paradies hinein. Ihr roter Mund und ihre blauen Augen waren jedoch gegen alle Menschen freundlich, und er durfte sich das nicht zu sehr zu seinen Gunsten auslegen.
Als er aber das erste Mal wieder aufstehen und zu seinem Kammerfenster oben heraus sehen durfte, da konnte er noch nicht umhin, es für eine gute Vorbedeutung zu nehmen, dass es das erste Menschenkind, auf das seine Augen fielen, Niemand anderes war, als das Mariannele. Sie ging gerade unten vorbei, kehrte das Köpflein ein klein wenig herauf, erblickte ihn, rief ihm einen freundlichen Gruß zu und erkundigte sich nach dem kranken Arme. Durch diesen Arm aber rann es zur Stunde wie ein Strom von Genesung, denn es war derjenige, der zunächst am Herzen liegt.
Abermals kamen Tage, die nicht Jedem gefallen. Konrad machte sich mit denen, die seines Alters waren, auf nach der Amtsstadt zur „Ziehung“. Zu Fuß war sie ausgezogen, das ganze Dorf hatte ihnen Glück gewünscht. Abends kamen sie auf einem Leiterwagen, den sie mit der konscriptionspflichtigen Mannschaft des nächsten Dorfes zusammengenommen hatten, zurück. Schon in weiter Entfernung hörte man sie singen und johlen.
Als der Wagen in’s Dorf hineinfuhr und an dem Hause, an welchem die Bürger und Mädchen beisammen standen, vorbeifuhr, stimmten die lärmenden Rekruten ein Lied an. Und ein Buckliger, den der lustige Zufall Nummer Eins hatte ziehen lassen, brachte mit kreischende Stimme dem Soldatenstand ein lautes Vivat.
Die Mädchen lachten. Als ihnen aber Konrad den Hut, worauf eine gezogene Nummer steckte, mit den Worten: „Verspielt! Nummer 17!“ entgegenhielt, da wurden die gute Mariann‘ blass bis in den Hals hinunter, und wenn der Konrad nicht, wie jeder verliebte junge Mensch, blind gewesen wäre, so hätte ihm doch an seinem Rekrutentage ein Licht aufgehen müssen.
Ich bin eigentlich froh, sagte er zu sich, als er sich von der lärmenden Gesellschaft losgemacht hatte, ich bin froh, dass ich fort komm‘. Je weiter, je lieber, je eher, je besser. Auf die Mariann‘ kannst du dir keine Hoffnungen machen. Sie ist hübsch – dazu reicher Leute, Kind. Du hast nichts, und wo nichts ist, da hat der Kaiser ’s Recht verloren. Und zudem, setzte er hinzu, indem er sich selbst einen Nasenstüber beibrachte, wer sagt dir denn, dass sie dir hold ist, einfältiger Kerl? Also nur fort – Unglückskind – fort, fort!
Doch so schnell sollte es nicht gehen. „Hast du denn gar keine Fehler?“ Fragte ihn sein Vetter nach einiger Zeit, als er sich zur Visitation stellen mußte. „Zwanzig Jahre und kein Fehler!“, sagte die Riedbäuerin dazwischen. „das wär mir was! Jugend hat kein‘ Tugend.“ „Von solchen Fehlern ist nicht die Red‘. Annekäther“, bemerkte der alte Rittbauer. „Keinen, dass ich weiß“, erwiderte Konrad. „Den linken Arm kann ich nicht mehr ganz biegen, seit ich ihn gebrochen habe.“ „Das kannst du auf alle Fälle bei den Herren angeben“, sagte sein Pfleger. – „Ja“, dachte Conrad, „das werd‘ ich wohl bleiben lassen; Soldat sein, das ist’s ja eben, was ich will.“ Aber das Schicksal hatte ihn so wenig zum Helden als zum Stilllieger bestimmt. „Was ist’s denn mit dem Arm da?“ Fragte der Regimentsarzt bei der Visitation, jedoch in einem anderen Ton, als dass Mariannle einst gefragt hatte. „Ich hab‘ ihn vor zwei Jahren gebrochen“. „Untauglich!“ hieß es. Denn es war eben für selbiges Jahr ein besonderer kräftiger Schlag gewachsen, und die Herren wußten, dass noch ganz andere Kerle vor der Türe standen.
Nu, weit ist’s auch nicht gefehlt, dachte Konrad, als er aus dem Amzhause ging: das hab‘ ich schon gemerkt, dass der Soldatenstand just kein Schleckhafen ist. – Ich weiß nicht, woher er sich diesen Werks genommen hat. Aber als er in die Abstandsstube unter das Maß gestellt wurde und nicht gleich ganz aufrecht dastand, trat ihm der Unteroffizier auf die Zehen, und, ihm einen heimlichen Rippenstoß verabreichend, murmelte er in den Bart hinein, „Aufrecht, dummer Bauerntölpel!“ Wie aber der Konrad auf dieses mit einem grimmigen Blick seine ganze Länge entfaltete, ließ er ihm das Maß so derb auf den Kopf fallen, dass der arme Rekrut sich darüber verschütteln mußte.
So hat ihm also das Vorhaben, durch die Nötigung der Umstände aus seinem heimatlichen Dorfe zu entkommen, fehlgeschlagen, und es blieb mir nichts anderes übrig, als ein freiwilliges Losreißen. Denn aushalten konnte er es länger nicht. Mußte er nicht tagtäglich mit ansehen, wie sich die vermöglichsten Bursche um des Vogts Tochter bewarben?
Die Familie des Mädchens gehörte zu den wohlhabendsten der Baar. Seit mehr als einem Jahrhundert war das Vogtamt beständig bei diesem Hause verblieben. Der älteste Besitzer des Stammgutes hatte unter anderem das Recht, mit eigenem Wappen zu siegeln, und selbst die regierenden Fürsten beliebten früher Zeit während der Jagd öfters ihre Einkehr in dem wohlgelegenen Bauernhause zu nehmen.
Kein Wunder also, dass der Vogt einen gewissen angeerbten Stolz und behäbige Selbstgefühl zur Schau trug. Zudem war er der Mann, der noch viel auf alte Sitten und Bräuche hielt. So herrschte zum Beispiel in dem Dorf noch die Sitte, die Gemeindeversammlungen im Freien unter der alten Linde bei der Kirche abzuhalten. Am Sonntag, wenn Wichtiges verhandelt werden sollte, postierte sich der Bannwart jedes Mal an die Kirchtür und entbot dem herauskommen den Bürger mit den Worten: „Ihr Mannen, ’s ist G’meind, Ihr sollet warten unter der Linden!“
Als einige Neurer später darauf drangen, die Versammlung, wie bereits anderwärts, im neuen Schulhause abzuhalten, stand sich der Vogt, der bei dieser Gelegenheit in eigensinnigen Widerspruch und Wortwechsel gerathen war, bewogen, das Vogtamt abzugeben, und vom Gemeindewesen gänzlich sich zurückzuziehen.
Um diese Zeit waren namentlich Zwei, der Sohn des Krämermichels und der Sternenwirtssohn: die waren nach anderthalb jähriger Abwesenheit wieder in’s Dorf zurückgekommen, trugen städtische Kleider und konnten etwas französisch. Diese „Modebuben“, wie sie von den Bauern genannt werden, fanden natürlich das Heimatleben gar nicht mehr nach ihrem Sinn. Anfangs taten sie, als ob sie gleich wieder umkehren wollten; der eine wollte sich in Straßburg oder Lyon, der andere in Bern oder Lausanne ein Geschäft gründen. Nur ihren Eltern zu gefallen, entschlossen sie sich endlich zu bleiben. So sagten sie wenigstens. Für diese Aufopferung aber machten sie sich durch stehende Redensarten bezahlt. „In Frankreich ist es so und so“ pflegte der Eine, der ein halbes Jahr im Elsass gewesen war, bei jeder Gelegenheit zu sagen. Der Andere hatte die Parole umgekehrt: „So ist’s in der welschen Schweiz nicht“, warf er hin, so oft ihm etwas mißfiel.
Leider aber stieß er erste, der Franzos‘, auf etwas, das er in Frankreich nicht so gefunden zu haben schien; denn er begann auf einmal der Mariann‘ auf’s Angelegentlichste den Hof zu machen. Als Konrad das gewahrte, so litt es ihn nicht mehr im Dorfe.
Sein Bruder hatte ihm schon früher den Antrag gemacht, zu ihm auf dem Maierhof zu kommen, um den Dienst eines Oberknechts bei ihm zu versehen. Ein Antrag, der unserem Konrad eben recht kam.
Am „Bündelstage“ nach Weihnachten, wo das Gesinde wechselt, schnürte auch er sein Bündel. Sein wortkarger Vetter machte ihm den Abschied nicht sonderlich sauer. Seine Kleider hatte er einem Krämer aufgeladen, und eines Morgens, von dem ich nicht weiß, ob er schön war, verließ er das Dorf mit seinem Bündeleien, das er in ein rotes Taschentuch eingewickelt trug. Es war ein eigener Zufall, dass das Mariannele just unter der Hausthür stehen mußte, als er vorüberkam. Sie wünschte ihm Glück auf den Weg und sah ihm eifrig nach. Seines Vetters großer Hofhund aber begleitet ihn noch eine Strecke vor das Dorf hinaus; dann trollte er sich wieder heim.
Auf der Höhe blieb Konrad stehen und sah sich um. Einen Schritt und noch einen, da war sein Dorf hinter dem Walde verschwunden. Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn.
Der Pachthof, zu dem wir den jungen Landwirt begleiten, liegt auf einem stillen, waldbegrenzten Tal hinter dem Städtlein Bräunlingen, auf der Grenze zwischen der Baar und dem Schwarzwald. Auf kahler Anhöhe schauen die Überreste einer Burg. Das Wiesengelände, in dessen Mitte der Maierhof, ein weitläufiges steinernes Gebäude mit zackigen Giebeln sich erhebt.
Wenn es wahr ist, dass Tätigkeit und Unmuße am Besten geeignet sind, von Fällen von selbstquälerischen Sinnen und Grillenfangen abzulenken, so hätte es hier unzweifelhaft unserem Konrad gelingen müssen, seine Gedanken loszuwerden. Denn da galt es tüchtig Hand anzulegen von morgens früh bis abends spät. So sehr der Oberknecht und Gehilfe aber auch mit Arbeit überladen war, fand er dennoch Zeit genug, sich wachend und schlafend an die Heimat zurück zu träumen. –
Wenn die Schneestürme durch die winterliche Gegend wehten oder in kalten, hellstirnigen Nächten das Eis im nahe Teiche krachte, und Abends das Gesinde um den warmen Ofen sich gelagert hatte, führten ihn seine Gedanken nach Hause. – Jetzt, dachte er, werden sie beim Pfleger um den runden Tisch sitzen, und die Weiber spinnen, dass der Ofen zittert, und die Männer liegen auf der Ofenbank. Jetzt wird der alte Kasper hereinkommen, er reibt die Hände, klagt über die Grindskälte und setzt sich in den Herrgottswinkel, wo er zu erzählen anhebt.
Von den „alten Zeiten“ kommt er auf sein Lieblingsthema, die Geister, um so lieber, wenn der Wind gerade recht schauerlich um Kamin und um die Dächer rumort und die „Nachtfrau“, wie er sagt, um die Häuser schleicht. – So hörte ihn Konrad alle die alten Geschichten wieder vorbringen: vom „Berchenappele“ und anderen gespenstischen Weiblein, die in den Wäldern zwischen Hüfingen und seinem Heimatorte ihr so neckisches Wesen treiben sollen. – „Der Krieg“, schloss der Alte gewöhnlich, „hat die Geister alle vertrieben, d’rum hört man auch so wenig mehr davon“.
Solche und ähnliche Szenen malte sich in ungestörten Augenblicken der Träumer gerne aus. Aber der Besuch in der Stube seines Pflegers war gleichsam nur Vorwand, denn von da begaben sich seine Gedanken alsbald um ein Haus weiter zu kehrten in das Vogtes Heimwesen ein, obgleich sie daselbst eigentlich ein kein Hausrecht hatten. – Doch wir dürfen uns nicht zu lange aufhalten, wenn wir heute noch, da er sich leiblich der Heimat nähert, gleichen Schritt mit ihm halten wolle, denn seht, er ist auf einmal bedeutend in der Marsch geraten, und wenn ihm das „Appele“ unterwegs keinen Streich spielt, so kann er noch zeitig genug kommen, um den alten Kaspar von ihm erzählen zu hören.
An einem hellen Februartag ging Konrad, vor der Sonntagskirche, auf einen der nächsten Berge, die „Windstelle“ genannt, und erstieg hier die höchste Tanne, um nur wieder einmal den Kirchturm seines Dorfes zu erblicken. Er hatte eine weite, weite Aussicht da oben, über all die dunklen Tannenwälder hinaus, in die Baar, bis an den blauen Osterberg und den hohen Randen. Da saß er denn, während ringsum die vielen Morgenglocken zusammen klangen, und sah und suchte; aber er konnte den wohlbekannten Turm nicht finden. Da, sagte er, indem er mit der Hand gegen den Fürstenberg wies, da muss er liegen. Eine ganze Stunde saß er auf dem Baum, bis sich die Ferne in bläulich weißen Duft gehüllt hatte; dann stieg er ein wenig mißmutig herunter doch war es dabei wunderlich zu Sinne, just als schon der Frühling anbrechen wollte.
Als er auf dem Hofe zurückkam, grüßte ihn ein Landsmann und richtete ihm aus, dass seine Base, die Riederbäuerin, gestorben sei. Der gute Vetter dauerte ihn herzlich, denn er wusste wohl, dass ihm seine Frau trotz ihres unfreundlichen Wesens unentbehrliche geworden war. Die Ehe hatte unter manchen wunderbaren Geheimnissen auch das, dass sie selbst widersprechende Charaktere mit einem unauflöslichen Bande umschlingt, und es gibt Beispiele, dass zwei Leute selbst durch Zanken und Keifen, das einzige Produkt ihres Ehevereins, so aneinander gewöhnt und gefesselt waren, dass der überlebende Teil bald seinen losgelassenen Widerpart nachwelken musste.
Am Donnerstag, sagte, der Bote, sei das erste „Opfer“. Dann überbrachte er dem Konrad noch verschiedene Grüße, darunter aber auch einen ganz besonderen vom – Mariannele.
Letzterer traf ihn wie ein Blitzstrahl. Und es schien kein kalter Streich gewesen zu sein; denn am folgenden Morgen ging Konrad mit entschlossenen Schritten im Hause umher, wie wenn ihm der schwarzwäldische Unternehmergeist in den Kopf gestiegen wäre. Ich wag’s! , sagte er endlich und ging auf seine Kammer. Was er aber wagen wollte, sagte er nicht. Nur war er den übrigen Teil des Tages das Gegenteil von dem, was er Morgen gewesen. Es schien ihn etwas zu gereuen, was er nicht wieder rückgängig machen konnte; er schlicht betreten umher und fast schüchtern, so dass der alte Veitle, der Karrenknecht, vermutete, es sei ihm der Geist begegnet, der in dem Hofe zu weilen sich hören lasse, wenn er mit seinem Viergespann rassend durch das Haus fahre. – So viel ist übrigens gewiss, dass der junge Mensch so zerstreut war, dass er den Pferden den Wasserkübel statt des Heu’s in die Krippe schüttete.
Was hatte er denn gewagt? Es gab Jemanden, dem dies nicht lange ein Geheimnis bleiben sollte. Denn wie das Mariannele den nächsten Abend aus der Vesper kommt, steht ein Schneidergeselle, der früher im Ort gearbeitet hatte, ihr auf dem Weg, richtet er viele hundert Grüße aus vom Konrad, – der sei nämlich bei ihm gewesen auf dem Waldhauserhof – und praktizierte ihr dabei ein Brieflein in die Hand.
Sie wurde blass und rot vor Schrecken und hätte beinahe das schwarz im Goldschnitt eingebundene Gebetsbuch und den Rosenkranz mit den blanken silbernen „Gottesregeln“ (Pathengulden) aus der Hand fallen lassen. Nichts desto weniger flog sie, nachdem sie den Schneider mit halber Stimme gedankt hatte, auf ihr Kämmerlein, wo sie das stark verklebte Brieflein öffnete und unter Herzklopfen las. Von diesem aber liegt das Original bei den Alten und lautet folgendermaßen:
Das Jokobifest war in Hüfingen sehr wichtig und wird auch schon im Hieronymus behandelt.
In Hüfingen ist schon seit dem Mittelalter ein Abzweig zum Jakobusweg. In früheren Zeiten gab es in Hüfingen viele Pilger. Ein Pilger auf dem Weg war deshalb ein Jakobsbruder. Deshalb bemerkt der Hafnermeister (Ofenbauer) mit dem Sappeursbart (sapeur=Steinhauer):
„Es wird einen merkwürdigen Zulauf von Fremden geben“.
Eine etwa 300 Jahre alte Fahne der Jakobuspilgerbruderschaft erinnert noch heute an diese Pilgerwanderungen. Die Jakobusfahne wird an Fronleichnam bei Prozessionen mitgeführt und wurde vom FF Hofmaler Franz Joseph Weiß (*15.02.1735 Hüfingen – 14.06.1790 Donaueschingen) gefertigt (siehe im Hieronymus Kapitel 17). Ebenfalls erinnert der Jakobusbrunnen vor dem Hüfinger Stadtmuseum und der Jakobusaltar in der Hüfinger Stadtkirche St. Verena und Gallus an die Jakobusverehrung.
Fahne der Jakobsbruderschaft
Bildstock zu Ehren des Stadtpatrons St. Jakobus von Bernhard Wintermantel 1987
Im Jahre 1824 fiel der Samstag auf den 24. Juli, also war das Jakobifest auf das sich Hüfingen vorbereitet am Sonntag den 25. Juli 1824.
Lucian Reich beschreibt hier genau die Vorbereitungen in Hüfingen auf das Fest, an dem er selber 7 Jahre alt gewesen ist.
Schützenhaus
Das Schützenhaus stand bis 1839 auf dem Anger beim Farrenstall und die Breg wird in jener Gegend noch immer Schützenbach genannt. 1848 wurde dann im “unteren Angel” ein neues Schützenhaus errichtet. Nach der Schützenordnung des Fürsten Karl Friedrich vom 8. Juni 1744 wurde das “Ordinarii- Wochen- und Gesellenschießen” mit “Bürstenbüchsen” zur Pflicht gemacht. (1)
Das Schießen begann nach dieser Ordnung alljährlich am Sonntag nach Georgi (23. April).
Der Schützenmeister Franz Xaver Reich (der Bruder von Lucian Reich) schrieb am 2. April 1859, dass der Fürst zu Fürstenberg der Gesellschaft das Abbruchmaterial des Kegelhauses im Schloßgarten zum Bau eines neuen Schützenhauses als Geschenk überlassen habe. (1)
Postkarte von 1929 aus der Sammlung Dieter Friedt.
Das Fürstenbergische Kontigent Schwäbischen Kreises (1)
Mit dem „Bündelstag“ ist sicher Mariä Lichtmess gemeint. Dies war einer der wichtigsten Tage im Bauernjahr, da am 2. Februar Knechten und Mägden in der Landwirtschaft erlaubt war, ihren Dienstherrn zu wechseln.
Heiliger Nepomuk in Hüfingen
Ölbild von Martin Menradt 1682 mit der alten Bregbrücke. Foto aus der Chronik von August Vetter 1984
Der Hüfinger Kirchturm hatte es damals den Menschen wohl sehr angetan. Hierzu fällt mir der Ferienbummler von Josef Schelble aus dem Jahre 1899 ein. Hier kann man auch dem Mühlenbach und dem damaligen Stadtmüller begegnen:
Nach der lieben Vaterstadt Die den grünen Kirchturm hat
Der Maierhof und die Schafweide Waldhausen gehörte damals dem Kloster Bebenhausen, einer Zisterzienserabtei, wobei Lucian Reich schrieb „fürstlicher Maierhof zu Waldhausen“. Waldhausen gehörte tatsächlich den Fürsten zu Fürstenberg und war bis zur Eingemeindung nach Bräunlingen selbstständig.
Die „Riedbauern“ lebten vermutlich Richtung Rieböhringen bei Hausen vor Wald, da er ein bis zwei Stunden von Hüfingen unterwegs war, den Fürstenberg sehen konnte und der Vogt gerne im Adler einkehrt.
Das Buch habe ich hier 2021 veröffentlicht. Allerdings veraltet auch eine Webpage ziemlich schnell und die nächsten Monate möchte ich die einzelnen Kapitel aktualisieren. Deswegen werde ich jedes aktuelle Kapitel wieder nach vorne kramen. Das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift hatte ich damals vorgelesen, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren. Aus diesen Gründen ist der Text ein Gemisch aus alter und neuer Schreibweise. Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz. In blau sind unten Erklärungen dabei.
„Keine Kohle, kein Feuer Kann brennen also heiß, Wie stille heimliche Liebe, Die Niemand nicht weiß“ Volkslied
„Hoffnung hintergehet zwar, Aber was wandelmüthig; Hoffnung zeigt sich immerdar Treu gesinnten Herzen gütig!“ v. Logau
Was habt ihr da gemacht, Meister Lucian? – Das ist ja ein allerliebste Bildchen! Läßt sich der Freund und Gevatter vernehmen. – Da habt Ihr einmal recht mit dem Griffel ausgedrückt, was in der deutschen Schriftsprache keinen Namen hat und was nur die Schwaben zu erkennen geben können, wenn sie sagen: da sieht’s heimelig aus! Ja, eine ganze Heimat, wo gut wohnen ist, habt Ihr hineingetragen, und es wird nicht weit gefehlt sein, wenn ich denke, es sei Eure eigene, Die Baar, die an den Schwarzwald stößt.-
Wie still und traulich ist es in dieser Haushaltung! Geht ein Friedenszauber von dem schwarz eingebundenen Buche aus, in welchen die Seele der jungen Mutter atmet? Er schwebt hinüber auf das Kind, das einen kräftigen Schlaf der Gesundheit in der mit dem heiligen Zeichen gesegneten Wiege schläft. Er verbreitert sich durch das ganze Gemach mit dem wohlgeordneten reinlichen Geräte, und hat sich auch des behaglichen Haustiers bemächtigt, das vielleicht vorher noch mit dem Kinde gespielt und dann sein Schüffelein rein gemacht hatte. Nur leise wagt der Pendel an der Uhr zu gehen; durch das offene Fenster hauchte frische Gottesluft herein und schmeichelt dem dort stehenden Blumenstock so viel ab, als nötig ist, um die trauliche Stube mit Wohlgeruch zu erfüllen. – Wißt ihr? es gibt ein Bild, das die Jungfrau mit dem Kinde, in dem Propheten lesend, darstellt; es ist bekannt unter dem Namen: Mater nati fata requirens. Nun, sieht das hier nicht aus wie eine Mutter, die in den Geschicken des Kindes forscht? Wollen wir ein bisschen nachhelfen und dem kleinen, runden, dicken, süßträumenden Menschen ein Lebensläufchen zurechtmachen? Aber nicht aus den „swarzen Buochen“ wie Gottfried von Straßburg sagt! Nein, wir wollen’s frischweg aus dem Leben nehmen. Kommt, Meister Lucian, Ihr müßt ein wenig dazu behilflich sein.
Das kann schon werden, sagte er, indem er das Pfeifchen aus dem Munde nimmt, den Schnurrbart streicht und behaglich der blauen Wolke nachschaut, die sich so eben an seiner kleinen gypfernen Venus emporkräuselt.
Wohlan denn, frisch an’s Werk! In der Wiege haben wir ihn einmal, jetzt handelt es sich darum, ihn weiter zu fördern.
Nun, für die nächsten paar Jahre ist das gleich geschehen. „Wachse ’n und trüeihe“, wie Hebel singt: Damit ist alles gesagt, und gilt auch für alle gleich, ob einer mit den Insignien eines Dragonerobersten unter seidener Decke, oder mit dem weißleinen Häublein in der Wiege von Schwarzwälder Tannenholz gebettet ist. „Wachset und trüeihet!“ Es wird hernach schon Rechnung gehalten werden, ob es mit dem Gedeihen des Leibes und der Seele ernst gewesen ist.
Richtig. Also wollen wir ihn derweil den Schutzengeln überlassen, nach welchen seiner Mutter so eifrig in dem Buche schaut, und wollen ihn erst wieder heimsuchen, nachdem er seine erste Selbstständigkeit erlangt hat.
Da hält er sich an der Mutter ihrem Rock und steigt mit ihr in den Stube herum, tummelt sich mit seinen Geschwistern, und spitzt die Ohren, wenn die Mutter am Samstag Abend erzählt, was sie morgen kochen wolle; und wenn sie gar den längst versprochenen Schinken aus dem rußigen Kaminschlosse herunterlangt, dann hängen sich alle lachend und schreiend um sie her. Wenn sie „Knöpfle“ einlegt, dann muss er ihr aus dem Gärtlein hinter dem Hause „Peterle“ und Schnittlauch holen. Am Sonntag nach dem Essen, falls das Wetter schön ist, geht der Vater in den „Busch„Oesch“, um die Felder zu beschauen; die Mutter bleibt zu Hause sitzen und betet in dem Gesangbuch oder auch im alten „Himmelsschlüssel“. Da hört man dann gewöhnlich im Dorfe keinen Laut. Nur beim oberen Bierhaus ist’s lebendig; dort liegt die blanken Groschen und Sechser auf dem Boden im Sand, und der kleine Konrad sieht mit seinen Kameraden zu, wie sie von den Gewinnenden mit zufriedenem Schmunzeln aufgehoben werden.
Auf die Art wird der kleine Mensch schon frühzeitig in Dinge eingeweiht, wovon die Mutter wahrscheinlich nichts in dem fliederbeschlagenen Buche gelesen hat.
Meinhalb strolchen sie auch im Feld herum, schneiden Pfeifen im Rohr und musizieren. Aber an Regensonntage da stehen sie unter dem Vordach an des Vogts Haus, und schachern um Sackmesser, Wachholdergeißelstöcke oder um Zwick.
Zwick! das ist mir eine unbekannte Gegend. So heißt man das vordere Ende einer Geißelschnur. Jetzt weiß ich, wo ich d’ran bin. Das ist die Treibschnur; die hat bei uns auch eine große Rolle gespielt. O, geht mir mit der Treibschnur! Das ist bei den Stadtbuben ein jämmerliches einfaches Schnürlein. Aber der Zwick wird sehr kunstgerecht in einer Maschine gedreht, und knallt, dass einem das Herz im Leibe lacht. Das ist andere Arbeit. Nun, was hilft’s. Die Freude wird auch nicht ewig währen. Wenn Hölth sagt:
Bald sitzest du, nicht immer froh, Im engen Kämmerlein, Und lernst vom dicken Cicero, Verschimmeltes Latein,
So ist das ein gemeinsames Leid, das auch in seiner Weise jeden heimsucht, ob er in dem leinenen Häublein, oder mit dem Kommandostab in der Wiege lag, ob er mit dem Zwick, oder ob er als Stadtbube mit der Treibschnur knallt. Wenn man auf der Schulbank sitzen muss, und die Sonne scheint so lustig draußen, dass es einem wie Quecksilber durch die Adern ringt. –
Ja, das ist halt freilich eine harte Nuss. Wir wollen froh sein, dass wir sie durchgeknackt haben. Übrigens fehlt es auch in diesem Stande nicht an Lustbarkeiten.
Ja, im Winter tut’s das Schneeballen vor und nach der Schule, im Sommer gibt’s Eckballen, Marbel, Ball und andere Ergötzungen, und in der Schule selbst führen wir die Armbrust in Taschenformat mit dem feinen Bogen aus Fischbein, und beschossen uns, während die verlassene Dido ihrem Aeneas nachseufzte, mit erbarmungslosen Papierkugeln.
Gott segne Eure Studia! spricht Lucian, und läßt eine lange, dünne Rauchsäule in die Höhe steigen. Zu solchem reisigen Zeug darf es mein Konrad nicht bringen; auch muss er in der Schule hübsch aufpassen, schon deshalb, weil sich‘ da nicht nur um Eure leichtfertigen Poeten handelt, sondern um löblichere Dinge. als da sind die Geschichten vom ägyptischen Joseph und vom König David und dergleichen mehr. Will er nebenher noch eine Ergötzlichkeit haben, so soll er auch dazu was Ordentliches lernen, zum Beispiel „Helgle“ und Agathenzettel malen. Dadurch macht er sich dann auch bei den Mädchen, seinen Schulkamerädinnen, beliebt. Halt – kann er denn die Mädchen leiden? Das nicht gerade. Vielmehr zupft und rupft er sie, scheucht und jagt sie herum, und wo er ihnen einen Possen spielen kann, da ist‘ s ihm ein „gemähtes Wiesle“. Aber dann und wann wird er doch ein wenig gnädig und beschenkt sie, sei es auch nur aus Eitelkeit, um seine Meisterwerke an sie abzusetzen. An Lob und Schmeichelei und Bettelei lassen sie es ihrerseits nicht fehlen.
Noch einmal Halt – Ist keine ist keine darunter, die er, – wie soll ich mich ausdrücken? – so ganz besonders nicht leiden kann? Ihr wisst schon – es gibt Fälle, da hat man Beispiele. Allemal ist so eine d’runter, das versteht sich. Und wie heißt sie? Das müssen wir gleich in’s Reine bringen, denn der Name tut sehr viel zur Sache. Bei einem Konrad, meine ich immer, müsse es eine Anna sein, die er so sehr besonders leiden oder so eigentümlich besonders nicht leiden kann. Wir wollen noch eine Marie hinzufügen, dann hat der Name den rechten landschaftlichen Klang. Also, Marianne? Des erreichen Vogts Marianneli. Die Jagt er immer am hitzigsten, die kneift der am ärgsten, wenn er sie erwischen kann. Und doch hat sie ihm gewiss nie etwas zuleide getan. Bewahre, sie könnte keine Fliege kränken. Er weiß auch gar nicht, warum er so einen absonderlichen Grimm auf sie hat. Ihr Vater ist freilich ein stolzer grober Melcher, aber dafür kann das kleine freundliche Mädel ja nichts, das immer so fleißig lernt und so gutherzig gegen alle Kameraden und Kammerädinnen ist.
Doch kann das im stillen mitwirken. Gebt Acht, der Bursche läßt sie’s entgelten, dass sie ein wenig vornehmer ist als er. Freilich tut er das, und ich will gleich so ein Zeug anbringen. Da ist einmal große Kälte, es wird ein paar Tage keine Schule gehalten, und der Konrad benützte diese Zeit, um die zwei Tafeln, die in seiner Vaterstube hängen, zehn oder zwölfmal auf’s herrlichste abzumalen. Wie nun die Schule wieder angeht, legt er seinen Kram aus, eh‘ der Lehrer kommt. Den Buben verhandelt er die Bilder, den Mädchen schenkt er sie. Jede Kammerädin bekommt eins, nur nicht die Mariann‘, und doch hat der Bösewicht noch ein übriges Exemplar in der Hand. Das Marianneli, wie es solche sieht, sagt es mit seiner kleinen süßen Stimme: Aber Konrad, mir schenkst du doch auch eins? Grad‘ dir schenk‘ ich keins, sagt er: Warum hat mich dein Vater vorige Woche durchgeprügelt, als wir in eurem Shopf Tabak rauchten? Ich kann ja aber auch nichts dafür, sagt sie, und die Tränen fließen ihr in die Augen, dass sie allein leer ausgehen soll. Kauf dir eins, sagt er. Ihr sind. Ihr seid ja reich genug. Und dabei freut’s ihn innerlich, zu sehen, wie ihr das zu Herzen geht. Nachher aber reut es ihn wieder sehr, wie wenn er einem Schmetterling die Flügel ausgerupft hätte, und während der Schule sieht er oft von seiner Bank in die ihrige hinüber, was sie mache. Sie sieht ihn aber nicht an? Nicht ein einziges Mal. Deshalb wartet er auch nach der Schule und unten an der Haustür auf sie, und sagt: da, Mariann, ich schenk es dir doch. – Sie aber schlägt ihm das Bildchen aus der Hand: Jetzt will ich es auch nicht mehr, sagt sie, ich kann mir ja eins kaufen. – Nachher aber ist sie aber gleich wieder gut. Da muss er übrigens doch noch etwas extra tun, um sie für ein solch schweres Stück zu entschädigen. Ja, nach feiner Art. Werden gleich sehen. Ein paar Tage darauf sind sie alle auf dem Platz vor der Zehntscheuer. Es wird hin und her geraten, was sie spielen sollen. Wir wollen Farben auszuteilen, sagt endlich der Konrad.
Das ist, schätze ich, wohl, „Engel und Teufel“? Ja, es kommt auf eins heraus.
Die Kinder sitzen im Kreis, eines teilt die Farben oder Blumen aus, ein anderes stellt den Engel und ein drittes den Teufel vor. Ein Mädchen geht von einem Kind zum anderen und sagt ihm ins Ohr: du bist eine rote Rose, du eine weiße, du bist eine weiße Lilie, du eine braune Nelke und so weiter. Den Buben aber gibt sie keine so schöne Namen; da heißt es: du bist ein Schlehenbusch, du eine Brennessel, du ein grüner Distel, und dergleichen Zartheiten mehr. Nun kommt der Engel mit der Kuhschelle: Klingkling. – Wer ist drauß‘? fragt die Austeilerin. – Der Engel mit dem Schein. – Herein. – Was hätt Er gern? – Eine Farb‘. – Was für eine? – Eine weiße Rose. – Die bekommt er auch richtig, und führt sie in den Himmel, wo nichts als Gesang und Freude ist. Darauf erscheint der Teufel – Den macht unser Konrad? Natürlich. Der hat sich Hörner von Pappdeckel verfertigt, einen Schwanz von Werg angebunden und das Gesicht mit Ruß geschwärzt. In der Hand trägt er einen Stecken, der stellt den Schürhaken vor. Bum, bum. – Wer ist drauß? – Der Teufel mit der Schürgabel. – Was hätt‘ er gern? – Nun bekommt auch der Teufel seinen Anteil und führt die armen Seelen in die Hölle, wo er sie unter Heulen und Zähnklappern entsetzlich peinigt. Er läßt seinen ganzen Grimm an ihnen aus, der diesmal groß ist, weil er trotz allen Ratens nicht auf die rechte Farbe kommen kann.
Die Sache ist nämlich die: er möchte gar zu gern die Mariann‘ in der Hölle haben, bringt aber ihren Blumenname nicht heraus. Endlich fällt es dem Engel ein, Rosmarin zu verlangen, und siehe da, der Teufel hat das Nachsehen, und muss es sich auch noch gefallen lassen, dass die Seele, und der vergebens schnappte, im Triumph an der Hölle vorbei in den Himmel geführt wird. Darüber wird er denn ganz erbost und wütend, kann es auch nicht unterlassen, mit der Schürgabel nach dem vorbei marschierenden Engel zu schlagen; da aber dieser gewandt ausweicht, so trifft der an sich nicht ernstlich gemeinte Schlag die Mariann‘ in’s Gesicht und verursacht ihr heftiges Nasenbluten. Zarte Aufmerksamkeit!
Soll ihm auch wohl bekommen. Auf das Geschrei der jüngsten Kinder, die natürlich kein Blut sehen können, ohne einen Zetermordio zu erheben, streckt der Vogt seinen Kopf zum Fenster raus. Was gibts? – Der Konrad hat die Mariann‘ ins Gesicht geschlagen, dass sie blutet. – Habe ich dir nicht schon oft gesagt, du sollst nichts mit dem Rotzer haben?
Welche Demütigung für seine satanische Majestät! Es kommt noch besser. Während er starr wie eine Salzsäure vom Vogt noch eine Zugabe von Ehrentiteln hinnimmt, faßt in eine Hand von hinten am Kragen und nimmt ihn mit dem Seilstumpen in Arbeit.
Ah, bitte, Meister Lucian, mit dem Seilstumpen! Da beißt die Maus keinen Faden davon; denn es ist sein eigener Vater, der auf diese Weise vor dem gestrengen Vogt seine bürgerliche Freiheit wahrt. Alsdann führt er ihn am Arm nach Hause; an der Stiege, die in die Schlafkammer des Buben führt, zählt ihm noch etliche aus dem ff auf und stößt ihn nach der Treppe: So, jetzt pack dich ins Bett. – Wie ein Pfeil fährt der Teufel mit Schweif und Hörnern die Stiege hinan und läßt nichts mehr von sich hören. So, sagt der Vater zur erschrockenen Mutter, besser jetzt, als später!
Der Konrad aber kommt den ganzen folgenden Tag nicht herunter, was auch die Mutter sagen mag. Droben malt er die schönsten Blumen auf einen Bogen Papier, und wie er wieder in die Schule kommt, schenkt er sie dem Marianneli. Dem Vogt aber trägt er’s noch lange nach.
Wenn er das vorher wüßte, er würde die Wiege schwerlich verlassen wollen, in der hier so harmlos träumte. – Wenn ich so einen kleinen runden Kindskopf sehe, so pflegte ich immer zu denken: Du wirst mit der Zeit auch noch ein längeres Gesicht machen.
Und doch, wie klein sind die Unfälle, über die wir zurerst die Unterlippe hängen lassen! Wie bald sind jene Tränen vergessen, wie leicht ist die Speise des Lebens selbst da noch, wo wir sie zuerst als einen harten Bissen kennen lernen!
Ja, die Kinderjahre sind schön, und erscheinen schön und schöner, je weiter uns die Jahre von ihnen entfernen.
Das Leben kommt mir vor wie eine Stickerei. Die Gegenwart, die wir in ihrer ganzen, oft so unschönen Weitläufigkeit durchleben, ist die Kehrseite, wo die Fäden aufgetragen werden. Da läuft alles wirr und kraus durcheinander, ist wenig Sinn und Bedeutung zu finden. Wenn uns aber, wie Ihr sagt, die Jahre davon entfernen, so dreht sich allmählich vor unsren Auge das Stück, und die schöne Seite kommt zum Vorschein mit ihrer vollkommenen Gestalten, die wir in Unmuth und Unvollkommenheit gewoben haben. Da ist denn manches böse Fädelein verschwunden, das uns so dick wie ein Seilstumpen däuchte, und das uns keine Maus abbeißen zu können schien. Es ist eigentlich der Gegensatz des Lebens und der Kunst, die jenes nur wie durch fromme Erinnerung auf der Gestaltenseite schaut, denn jeder Mensch, der in die Vergangenheit und vornämlich auf seine Kinderjahre zurückblickt, wird unwillkürlich ein Künstler. – Aber nun webt mir für unseren Schützling einige freundliche Fäden ein.
Später, wenn’s schöner wird. Vorläufig tut es mir leid, dass ich nicht willfahren kann. Jetzt kommen erst die mißfarbigen, denn es nötigt mich etwas, einen dunklen Grund zu legen.
Ihr seid unerbittlich, wie das Schicksal. So thut denn, was Ihr nicht lassen könnt.
Einmal kann ich ihm die Speise der Jugend nicht sonderlich süß und schmackhaft machen, denn seine Eltern sind sehr arm. Wie? Da sagt Euer Bildchen die Wahrheit nicht. Die hübsche Tracht der Frau weiß nichts von Armut, und das Zimmer sieht so blank gescheuert und wohlhabend aus.
Bei diesem Einwurf ist Lucian etwas betroffen geworden. Er zündet sein Pfeifchen wieder an, raucht einige nachdenkliche Züge und erwidert dann: Reinlichkeit ist zwar auch Reichtum, gilt aber doch nichts im Pfandbuch, und ein Sonntagskleid hat jedes ordentliche Mädchen schon von Haus aus. Wenn sogar etwas Silber am Mieder glänzt, so kann deswegen doch Schmalhans Küchenmeister sein. Und sagt selbst, ist es nicht besser für unseren Konrad, wenn er in Armut aufwächst?
Ja, das ist wahr, und zwar ohne alles weitere Raisonnement. Macht ihn also in Gottes Namen so arm wie eine Kirchenmaus. Wird nicht viel fehlen. Der Vater arbeitet wacker auf dem Felde, und die Mutter läuft sich die Beine lahm, um Butter oder Eier in Hüfingen und Donaueschingen zu verkaufen; aber mit allem Fleiß und allen Entbehrungen kommen sie nicht aus den Schulden heraus. Das sind die grauen Fäden, und nun folgen die schwarzen. Es gibt Familien, die oft schnell und unerwartet durch eine Reihe von Todesfällen zerrissen werden. Der kleine Träumer, den wir auf seinem künftigen Lebensgange begleiten, wird nicht 13 Jahre alt, so verliert er Vater und Mutter hinter einander, und auch den ältesten Bruder dazu, der sein Beschützer sein sollte.
Warum denn auch den noch? Räumt doch nicht so grässlich auf! Wie und wo kommt der denn ums Leben? Der? Als Soldat, im russischen Feldzuge. Halt, halt, Meister Lucian, man muss den Teufel nicht an die Wand malen! Laßt uns vielmehr den Frieden festhalten, solange er mit Ehren geschehen kann. Oder – ja, nun merk‘ ich’s. – Ihr seid ein rückwärts gekehrter Prophet, und während ihr mir weiß macht, dass ihr mit dem Sehrohr in die Nebelflecken der Zukunft dringet, habt Ihr das andere Auge weit offen und schaut Euch bequemlich in der vergangenen Wirklichkeit um, wo man leider Beispiele genug für allzu frühe Todesfälle holen kann.
Wie soll ich’s anders machen? Die Geschichte, heißt es, ist die Lehrerin der Völker. Soll ich euch erzählen, wie es dem Kinde da gehen wird, so läßt sich das am besten aus Dem abnehmen, was-
Was etwa einem Vater geschehen ist? Nun, ich will nur so viel sagen, dass ich die Geschichte des Vaters mit mehr Sicherheit angeben kann, als die des Sohnes und dass ich dabei besser zu fahren hoffe, als Ihr, wenn Ihr das Nebelsehrohr von des zugedrückten Auge setzt und Träume aus dem Ärmel schüttelt; den ich kann die Geschichte gerade so erzählen, wie sie vorgefallen ist. Und zwar will ich das so kunstgerecht machen, als Ihr nur immer verlangen mögt.
Ei, das ist ja um so viel besser. Da wollen wir also den Apfel in der Wiege liegen lassen und die Geschichte des Stammes vornehmen. Je treuer je besser, und je kunstgerechter je schöner. Wohlan denn, sagt Euer Sprüchlein und teilt es mit, ich verspreche, Euch hinfüro so wenig als möglich zu unterbrechen.
Darauf legt der Freund Lucian die bereits wieder ausgegangene Pfeife weg, streicht sich den Schnurrbart im Bewusstsein eines wichtigen Unternehmens, und hebt seine Geschichte an, wie folgt.
Lucian Reich erzählt hier zuerst eine Unterhaltung mit „einem schriftgeübten Freund und Sohn der Musen“ und nennt sich hierbei selbst „Meister Lucian“.
Mater nati fata requirens – die Mutter des Sohnes sucht das Schicksal
„Wachse ‚ n und trüeihe“ bzw. „Wachset und trüeihet!“
Zwick, so heißt das vordere Ende einer Geißelschnur oder Treibschnur. Das Wort Peitsche wurde damals wohl nicht in diesem Zusammenhang benutzt.
O, geht mir mit der Treibschnur! Das ist bei den Stadtbuben ein jämmerliches einfaches Schnürlein. Aber der Zwick wird sehr kunstgerecht in einer Maschine gedreht, und knallt, daß einem das Herz im Leibe lacht.
Rottweiler Schlinge mit Zwick
Bald schwitzest du, nicht immer froh, Im engen Kämmerlein, Und lernst vom dicken Cicero‘, Verschimmeltes Latein,
Wie glücklich, wenn das Knabenkleid Noch um die Schultern fliegt! Nie lästert er der bösen Zeit, Stets munter und vergnügt. Das hölzerne Husarenschwert Belustiget ihn jetzt, Der Kreisel und das Steckenpferd, Auf dem er herrisch sitzt. O Knabe, spiel und laufe nur, Den lieben langen Tag, Durch Garten und durch grüne Flur Den Schmetterlingen nach. Bald schwitzest du, nicht immer froh, Im engen Kämmerlein, Und lernst vom dicken Cicero Verschimmeltes Latein!
„Die Knabenzeit“ von Ludwig Heinrich Christoph Hölty (1748-1776)
Darauf legt Freund Lucian die bereits wieder ausgegangene Pfeife weg, streicht sich den Schnurrbart im Bewußtsein eines wichtigen Unternehmens, und hebt seine Geschicht an, wie folgt.
Das Buch habe ich hier 2021 veröffentlicht. Allerdings veraltet auch eine Webpage ziemlich schnell und die nächsten Monate möchte ich die einzelnen Kapitel aktualisieren. Deswegen werde ich jedes aktuelle Kapitel wieder nach vorne kramen. Das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift hatte ich damals vorgelesen, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren. Aus diesen Gründen ist der Text ein Gemisch aus alter und neuer Schreibweise. Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz. In blau sind unten Erklärungen dabei.
Einführung über Konrad Ebner
Liebet Friede, legt zu Seiten Haß und Streiten, Als den Brunnquell aller Pein. Werdet nicht hierinnen müde, Weil zum Friede Wir von Gott berufen seyn.
„Es isch e brave Ma, in alle Stücke biwandert, u si Frau, Statthalters Blut, mit Tugend bihaftet.“ Johann Peter Hebel
In den fünfziger Jahren des letztverflossenen Jahrhunderts hauste auf dem Wirtshaus zum goldenen Hirsch in Dogern die Witwe des verstorbenen Wirtes Ebner. Einsichtsvoll und verständig hatte die Frau, während der bösen Zeiten der Salpetererhändel, ihr Hauswesen nicht nur gut durchzuführen, sondern auch das Vorhandene nicht unbedeutend zu mehren gewußt. Mit Beharrlichkeit und Selbstgefühl konnte sie daher auf einen wohlgeordneten Hausstand blicken, der bei bürgerlicher Sinnesart kaum mehr zu wünschen übrig ließ. Eine Tochter war glücklich, das heißt in einen vermögenden Mann verheiratet, und dem einzigen Sohne, einem feurigen jungen Burschen, Konrad, durfte man wohl mit Recht zutrauen, dass er in dieser Beziehung auch keinen Fehlgriff tun werde. Die fürsorgliche Mutter, längst geneigt, die Zügel ihres häuslichen Regiments teilweise einer wackeren Schwiegertochter in die Hände zu legen, hatte bereits in Gedanken sich umgesehen, wo für den Sohn wohl eine passende Partie zu finden wäre. Und nicht nur der Mutter, auch ihrer Mitbürgerinnen war die Brautwahl des jungen Mannes Gegenstand angelegentlicher Sorge, und die Frage: Seyn oder nicht seyn? unter ihnen förmlich an der Tagesordnung.
Glücklicherweise schien der Gusto des Sohnes diesmal mit dem Wünschen der Mutter in schönster Übereinstimmung. Denn es war so viel wie entschieden, dass der junge Hirschenwirt sein Augenmerk auf das goldlockige Fränzele, die Tochter eines sehr vermöglichen Hofgutbesitzers in der Nachbarschaft geworfen, und schon einmal mit der beneideten Schönen den Josephs-Markt in Hauenstein besucht habe; ein Umstand, in welchem die ländliche Politik so viel wie eine offizielle Erklärung erblicken wollte. Und als man kurz darauf die beiden als Gevattersleute bei der Taufe des Erstgeborenen der verheirateten Schwester des Konrad zur Kirche schreiten sah, mußte auch der letzte Zweifel schwinden. Weil jedoch, wie man zu sagen pflegte, bei der gleichen Angelegenheit allemal der Himmel hauptsächlich mit dem Spiele ist, so erwies sich auch hier menschliche Berechnung als zu kurzsichtig. Ein in dieser Zeit fallendes Ereignis brachte mit einem Mal eine Veränderung in der ganzen klug ausgesponnenen Familienplan. Es war der Tod des Einungsmeisters Tröndlin, der dem Ebner’schen Hause verwandt und befreundet, nach langem, vielbewegten Leben eingegangen war zur ewigen Ruhe.
Konrad kam von einer Fahrt, die er mit seinem vierspännigen Zuge für einen Kaufmann nach Zurzach getan, noch zur rechten Zeit nach Hause, um der Beerdigung des Vetters beiwohnen zu können. Die Leiche war mit allem, einem Einungsvorstand gebührenden Ehren zur Erde bestattet worden. Der kaiserliche Waldvogt selbst, die Achtmannen, die Einigungswaibel mit ihren Hellebarden und hochroten Röcken, nebst einer großen Menge Volkes hatten den Verblichenen zum Grabe begleitet. Früh morgens war der junge Ebner nach Alpfen geritten, und gegen Mittag, nach beendigter Trauerzeremonie, kehrte er wieder zurück, auffallend zerstreut und nachdenklich. Die Mutter, welche auf ihre Frage nur wortkargen Bericht über die Begräbnisfeier erhalten, schrieb sein bestimmtes Wesen dem Eindruck zu, den das frische Grab, das Leid und die Klage der Anverwandten auf sein mitleidiges Herz gemacht habe, und schmeichelte sich, dass der Sohn in dieser in diesem Punkte ganz der Mutter nachschlage, welche bei fremdem Unglück bekanntlich niemals ungerührt bleiben könne.
Wider seiner Gewohnheit hatte er sonst so gesprächige lebensfrohe Mensch Abends, statt sich zur Gesellschaft an den vorderen Tisch zu setzen, im Finstern auf der Ofenbank Platz genommen, und nachdem er eine Zeit lang mit geschlossenen Augen, und zuweilen seufzend wie in schwerem Traume, dagelegen, begab er sich früh auf seine Kammer, wo er aber, wie es sich herausstellte, nicht allsogleich einschlafen konnte; denn als die Gäste spät nach Hause gingen, sah man den Träumer noch unter seinem Fenster in die laue Sommernacht hinauslugen.
Am anderen Morgen war aber der junge Mann früh im benachbarten Hause seines Vetters und „Göttes“ erschienen. Dieser, ein Vertrauter und Freund des Ebner’schen Hauses, saß eben mit den Seinigen bei der Morgensuppe und sprach seine Verwunderung aus, sein Patenkind so früh schon bei sich zu sehen. Die Base aber hatte sogleich einen Stuhl zurecht gerückt mit der Einladung, der Vetter möge mithalten beim Frühstück. Dieser jedoch dankte für Alles und beschäftigte sich, bis das Essen vorüber war, mit dem kleinen Kinde, welches in seinem großen blauen Augen so verständig aus dem bauschigen, rotgeblümten Kissen schaute, als verstünde es den Zuspruch des freundlichen Vetters.
Als das Mahl vorüber und das Tischgebet gesprochen war (die Base trug eben die leere Schüssel hinaus), wendete sich Konrad zu dem Götti: er habe etwas unter vier Augen mit ihm zu reden. Und sie gehen in die Kammer, und der Götti zieht die Tür geheimnisvoll hinter sich zu; denn aus der Miene des jungen Vetters zu schließen, muss es wohl etwas Wichtiges sein, was er mitzuteilen hatte.
„Ich möchte“, fing hierauf Konrad mit etwas gedämpfter Stimme an, „ich möchte in einer Sach‘, die mir sehr am Herzen liegt, Euren Rat erbitten.“ „Und das wäre“? fragte der Götti erwartungsvoll. „Ihr wißt“, versetzte der Andere, „daß ich auf Jakobi den Kauf übernehmen soll, und, wie es sich von selbst versteht, bald eine Frau -“ „Aha“, fiel ihm der Göttie in die Rede, „versteh‘ dich schon, du möchtest die Sache beschleunigen, vielleicht noch vorher den Ehebund – „hört mich nur weiter“, unterbrach der junge Mann; der Götti aber ließ ihn nicht zu Wort kommen: „die Sache ist schon eingefädelt“, fuhr er fort, „Schatz, überlaß nur mir die Leitung; erst gestern habe ich mit des Fränzeles Vater über die Angelegenheit verhandelt; der Alte ist content, und was das Mädel anbetrifft – „ „Daraus wird nichts, kann nichts werden“, fuhr der Jüngere hastig dazwischen, „mich bindet kein Verspruch, wir beide sind ganz und gar nicht für einander, und war Alles mehr das Werk meiner Mutter und Schwester. Schaut, Götti, ich muss offen bekennen: – keine Andere als des Müllers Kätherle will und kann ich heiraten!“
Der Familienrat machte große Augen, drehte sich halb auf dem Absatz herum und schaute mit einem Ausruf des Erstaunens an die hölzerne Decke des Gemaches, als solle er ein Wunder schauen; dann wendete sich der fast merklich beleidigt an den Sprecher: „wenn der Handel“, warf er empfindlich hin, „denn schon so sicher und abgemacht ist, was soll denn noch mein Rat?“
„Götti“, fing hierauf der Andere etwas geschmeidiger an, „ich weiß, dass Ihr’s gut mit mir meint; auf Ehr und Seligkeit versichere ich Euch, dass ich bis jetzt mit keinem Menschen noch ein Wort über die Sach gesprochen habe, als mit Euch; schaut, ich werde noch manchem Berg zu übersteigen haben, bis ich am Ziel bin, weiß ja doch selbst noch nicht einmal, ob’s Kätherlr will und wie es gestimmt ist; auch wird es sonst noch manchen Strudel absetzen. Doch, ich denk‘, wenn ich nur Euch zu meinem Beistand hab‘, so wird sich das Andere finden.“
Sichtlich geschmeichelt durch dieses Zutrauen, schwieg der Rat eine Weile, dann hub er an: „Also das Kätherle! – ei was man doch nicht Alles erleben muss – hm, das Ding wird seine Häckle haben und will überlegt sein. Vor Allem nur nichts übereilt; es ist bälder etwas verrennt als verschlichen, sagt das Sprichwort. Ja freilich wird es noch Berg‘ zu übersteigen geben. Potztausig! deine Mutter – die Weiber sind eigensinnig, und eine Hauensteinerin vorweg, wie ich aus meinem 20-jährigen Ehepraxis selbst am besten weiß. So viel mir bekannt ist, Vetter, steht die Tröndlin’schen nicht am Besten – zwar, des Hirschwirtssohn von Dogern braucht nicht auf Geld und Geldwert zu schauen, ob aber deine Mutter auch so rechnet, nu das wird sich geben; was sein soll schickt sich wohl. Was ich aber fragen will: tu‘ vor der Hand keinen Zug, ich will’s mir überlegen und einleiten – Der Dunder! ’s. Und da Feänzle das dauert mich; doch es hat Geld, und Geld ist die Welt!“
Nach langem Hin- und Herreden mußte der Freier wiederholt geloben, keine übereilten Schritt zu tun. Dafür sagte eben der Vetter feierlich seine Dienste und Hilfe zu; auch der Vater des Fränzles wollte er über sich nehmen und die Sache, wenn es denn einmal nicht anders sein solle, schlichten, ohne dass eine Todfeindschaft daraus entstünde. Soweit die Verabredung.
Doch, hören wir den Leser oder vielmehr die geneigte Leserin neugierig zu fragen: wer ist denn dieses Kätherle, und durch welche Mittel gelang es ihm, die Seele des jungen Burschen also so zu verhexen und einzunehmen? Ehe sich aber hierauf antworten. Sei uns erlaubt, einen Blick in die Vergangenheit zu tun, und Einiges über die Geschichte des älterlichen Hauses der Schönen und damit zusammenhängender Zustände des Landes zu sagen.
Der Müller und Einungsmeister Josef Tröndlin und seine Familie in den Salpeterkriegen
Begeben wir uns deshalb landeinwärts näher an das Gebirge, wo zwischen Kornfeldern und Tannenhügeln das Dorf Unteralpfen liegt. Dort, wo ich das kleine, aus dem „Hirschmatten“ rinnende Bächlein mit dem „Steinbache“ vereinigt, unterhalb des Dorfes, steht am kleinen Weiher eine Mühle und Wohnhaus, ehemals das Eigentum des Einungsmeisters Joseph Tröndlin, desselben Mannes, von dem bereits gesagt ist, dass er während der Zeit der Salpeterkriege stets an der Spitze der besonnenen Partei gestanden, die sich nach ihm die Müller’sche oder Tröndlin’sche genannt habe.
Das Ländchen hatte zu jener Zeit noch seine althergebrachte Gauverfassung; ein Bund zu gegenseitigem Schutz und Trutz von dem Waldvolke beschworen, der zum Zwecke hatte, die überkommenen Freiheiten und Rechte allzeit gebührend zu wahren, sowie bei Kriegsgefahr die Grenzen des Landes zu verteidigen: Alles jedoch unbeschadet der kaiserlichen Obergewalt.
Die oberste Leitung des bürgerlichen Wesens lag in der Hand eines vom Volke gewählten Redmann’s, dem als Vertreter kaiserlicher Hoheitsrechte ein Waldwaldvogt gegenüberstand, nebst einem Waldpropst, welcher die Ansprüche des benachbarten Stiftes St Blasien, welches im Lande viele Zinsverpflichtete hatte, überwachen soll. Das Land zerfiel wiederum in acht Distrikte, deren jeder eine, der Gesamtheit angeschlossene Einung bildete, in der ein alljährlich neu gewählter Einungsmeister die oberste Stelle einnahm.
Eine große Anhänglichkeit an das Altererbte machte, das diese Einrichtung Jahrhundete lang erhalten blieben; doch war dieser löbliche Zug im Charakter des Volkes bei Vielen auch mit einem störrischen Misstrauen und unbelehrbaren Eigensinn gepaart, der jede, auch die wohltätigste Neuerung, als gefährlich erscheinen ließ; und gewiss trug diese Sinnesart nicht wenig zu der Langwierigkeit der hässlichen Salpeterhändel bei, welche während eines halben Jahrhunderts den Frieden des Landes störten. – Die Veranlassung zu diesem Wirren lag in dem Verhältnisse Hauensteins zu dem Stifte St. Blasien.
Viele Einwohner nämlich waren als ehemals Leibeigene dem Stifte noch zinsbar. Während langer Kriegszeit aber waren diese Verbindlichkeiten nicht mehr geltend gemacht worden und daher fast in Vergessenheit geraten. Da geschah es im Jahr 1719, dass die Abtei ihre Rechte aufs Neue wieder bestätigen und in Kraft treten lassen wollte. Auf dem längst nicht mehr gehaltenen Dinggericht zu Remetsweil sollte durch einen Bevollmächtigten des Klosters und zwölf vom Volke gewählten Richter die Angelegenheit ins Reine gebracht werden.
Während der Verhandlung erhob sich ein früherer Einungsmeister, Fridolin Albig von Buch, seines Geschäftes ein Salpeterdieder, und machte Einsprache: der Dingrodel sei verjährt, behauptete er, die Leibeigenschaft durch die Gnade Kaiser Leopolds abgeschafft, daher die Ansprüche St. Blasiens ungerecht.
Es fruchtete nichts, dass der Waldvogt die Erklärung gab: es handele sich nicht um die allerdings abgeschaffte Leibeigenschaft, sondern um daher stammende Rechte und Abgaben, die kaiserlicher Seits anerkannt, dem Stifte rechtlicherweise zukämen. Ohne ein Verständnis erzielt zu haben, gingen die Versammlung lärmend auseinander. Der Funke der Widerspenstigkeit hatte getzündet, die Zahl Derer, welche den Forderungen des Stiftes ihre Anerkennung versagten, wurde mit jedem Tag größer; dieses aber hatte seine Sache vor dem Kaiser als den Schutzherren des Klosters gebracht, während andererseits Albiz, der Salpeterer, sich an die Spitze der Protestierenden stellte.
Dieser Mann war wie gemacht zum Parteihaupte. Bei einem männlich ausdrucksvollem Äußeren besaß er die Gabe der Rede wie Wenige, und an Schlauheit und Energie fehlte es ihm ebenfalls nicht. Starrsinnig und zugleich rauen Gemüts war er aber jeglicher Belehrung unzugänglich, und weil er kräftig den Rosenkranz betete und fleißig zur Kirche ging und wallfahrte, so stand er im Rufe besonderer Frömmigkeit, und Alles, was er sagte und behauptete, ward von seinen Anhängern den Aussprüchen eines Orakels gleich geschätzt.
„Das Land“, so lautete seine halb auf wiedertäuferischen Vorstellung beruhende religiös-politische Lehre, „sei nach dem letzten Willen des Grafen Hans von Hauenstein eine freie Reichsgrafschaft unter dem Schutze des Kaisers; St. Blasiens angebliche Rechte seien treulos erworben und erkauft – Bald werde jedoch unter Gottes Leitung die goldene Zeit des Patriarchalen-Lebens zurückkehren. Jedermann werde frei sein, jnd Gottes Wort allein, ohne andere Zuthat, richten. Nachdem die Bundesbrüder die Güter der Gegner unter sich geteilt, werde jeder Hausvater unter dem Baume vor seiner Hütte die Angelegenheiten der um ihn versammelten Angehörigen schlichten. – Doch werde bis dahin mancher Jünger im Gefängnis schmachten, ja sogar Marter und Tod erleiden müssen“, u.s.w.
Es ist begreiflich, dass solcherlei Grundsätze und Ideen ganz geeignet waren, die Menge zu gewinnen. Je mehr deshalb auf der einen Seite Hindernisse sich gestalteten, desto größer ward auf der anderen Trotz und Leidenschaftlichkeit- – Mag auch über die unchristliche Leibeigenschaft und ihre Ausflüsse, zumal von einem geistlichen Stifter ausgeübt, verschieden gedacht werden, so muss doch die Art und Weise, wie die Salpeteranhänger den Streit führten, und zugleich fanatisch-feindselig gegen ihre übrigen Mitbürger auftraten, entschieden mißbilligt werden.
Um den Schritten St. Blasiens in Wien entgegen zu arbeiten, hatte der Häuptling, unterstützt von seinen Freunden, eine Reise in die Kaiserstadt unternommen. Verwiesen an die Landesregierung zu Freiburg, wo seine Beschwerden vorzubringen habe, kehrte er in die Heimat zurück, Wunderdinge erzählend von dem guten Empfange, der ihm beim Hofe geworden. – Er gab vor, sogar einen kaiserlichen Gnadenbrief zu besitzen, der ihm der Monarch selbst eigenhändig habe, und als bald darauf bei einer Einungs-Vorstandsgswahl, die alljährliche im Frühling vorgenommen wurde, seine verblendeten Anhänger auf die Veröffentlichung des Dokuments drangen, fragte er schlau und berechnend: Ob ihnen denn der Brief noch nicht zugestellt worden sei? Der Einungsmeister Tröndlin, sein Hauptgegner, müsse in entweder unterschlagen, oder treuloserweise an das Stift St. Blasien verkauft haben!
Dergleichen schlauberechnete Ausfälle verfehlten natürlich ihre Wirkung auf die erhitzten Gemüter nicht. Die Aufregung wuchs mehr und mehr, und als der unruhige Mann bald darauf verstarb, führten seine Anhänger den Streit weiter, der in kurzer Zeit über den ganzen Unterwald sich verbreitete.
Im Jahr 1727 wollte St. Blasiens Abt im Lande die Huldigung vornehmen lassen, sie ward aber verweigert; und als die Regierung schärfere Maßnahmen gebrauchte, kam die lang verhaltenen Flamme zum Ausbruch. Der Waldvogt hatte die, um selbige Zeit von den Salpetern eigenmächtig erwählten Achtmannen greifen und ins Gefängnis nach Freiburg verbringen lassen.
Dies war die Losung zu rachsüchtiger Erhebung. Wie vorauszusehen, entlladete sich die drohende Wolke zuerst über dem Hause des besonnenen Einungsmeisters zu Alpfen, der stets zur Besonnenheit und billigen Verständigung der Parteien geraten. Mit Knitteln bewaffnet streiften nächtlicher Weile wildtobende Rotten vom Gebirge her über den Wald. Raub und Gewaltthätigkeit droht allen sogenannten Ruhiggesinnten, die erschreckt sich flüchten. Die Mühle zu Alpfen wird überfallen; man raubt Pferde und Hausrat, läßt den Mühlteich ab, fischt ihn aus und verstopften die Deichel; kaum dass der Einungsmeister dem Tode von der Hand heimlich Auflauender entgeht.
Endlich zieht von Freiburg her kaiserliches Militär mit etlichen Geschützen auf; in ihrem Rücken aber erhebt sich der Landsturm, über 1000 Salpeterer mit einigen 100 gewaltsam fortgerissen „Ruhigen“. Auf den Feldern bei Dogern schaart sich der Haufe um die altehrwürdige Landesfahne, den heranziehenden Grenadieren die Spitze zu bieten.
Doch schon nach den ersten Schüssen stiebt der Haufen auseinander, und die Flüchtigen berichten den Ihrigen daheim: St. Blasien habe sich zum Nachgeben bereit erklärt, daher weiteres Blutvergießen unnötig.
Nachdem mehrere Haupträdelsführer ergriffen und zur Strafe an die ungarische Militärgrenze abgeführt worden waren, kam einige äußere Ruhe über das Land – Doch im Inneren der erbitterten missgeleiteten Gemüter gärte noch der alte Groll und die Hoffnung, dereinst dennoch zu obsiegen.
Trotz der Stürme von aussen war die Mühle zu Alpfen die Stätte glücklicher Häuslichkeit. Der Sohn des Einungsmeisters mit einen tätigen braven Weibe verheiratet, besorgte das Müllgeschäft, während der Großvater den einungsmeisterlichen Geschäften oblag. Ein Töchterlein war von mehreren Kindern allein noch am Leben und daher mit doppelter Sorglichkeit von den Eltern gepflegt und behütet. Und wenn auch die Störungen und Beschädigungen, welche dem Hause von Seite irregeleiteter Mitbürger widerfuhren, keineswegs geeignet waren, Wohlstand und Besitztum zu mehren, so fand dafüer die Familie ein solideres Glück in treuem Zusammenhalten in guten und schlimmen Zeiten und dem Selbstbewusstsein besserer Naturen, gegenüber äußerlicher Anfeindung und Verkennung.
Noch war aber der Streit im Allgemeinen nicht zu Ende. Nach längerem Verhandeln war man zwar mit St. Blasien einig geworden, dem Land allen Lasten, welche der ehemaligen Leibeigenschaft entstammten, gegen gewisse Loskaufssumme zu erlassen, und alle Billigdenkenden, welche es mit dem Lande gut meinten, wünschten sich Glück zur endlichen Beilegung der unseligen Händel; nicht so die Salpeterer. Diese schrieen über Verrat, hielten wieder bei Tag und Nacht Versammlungen, warben Anhänger und bereiteten sich zum abermaligen Widerstande vor. 20 Männer, der Häuptling Fridolin Gerspach an der Spitze, machten sich unverzüglich auf den Weg nach Wien, um bei dem Kaiser Beschwerde einzulegen wegen der Schließung des Vertrages.
Zugleich unternimmt ein Schwärmer, Leontius Brutschi von Dogern, eine Wallfahrt nach Einsiedeln mit hundert und elf Jungfrauen, um für glückliche Verrichtung der Geschäfte zu beten. Zwei Männer aus jeder Einung ordneten die Reihen, während eigend bestellte Weiber für den täglichen Anzug und die Zöpfe der Pilgerinnen Sorge tragen müssen.
Aber weder er die Gunst des Himmels noch die Zustimmung des Kaisers ward den Unzufriedenen. Es erschien vielmehr eine landesherrliche Botschaft, welche das Getriebe offen mißbilligte, so wie ein kaiserliches Sendgericht, beschützt von militärischer Macht, um die Zustände des Landes einer Prüfung zu unterwerfen.
Joseph Tröndlin, der einsichtsvolle Einungsmeister, mit den übrigen Obmännern und einem freigewählten Landesausschuß traten mit dem Abgesandten in’s Einvernehmen. Die Salpeterer, um alle Verständigung zu hindern, nahmen ihre Zuflucht abermals zur Gewaltthätigkeit. – Bewaffnete Rotten erheben sich im Gebirge, bei Gurtweil und dem wilden Tiefenstein; ein verabschiedeter Soldat ordnet die Reihen und führt sie gegen die heranrückenden Milizen. – Wie bei Dogern folgt auch hier auf die ersten Schüsse übereilte Flucht, und mehrere der Anführer werden mit dem Waffen der Hand ergriffen. – Doch konnte weder das Hochgericht zu Albbruck, noch die Strafen der Verbannung den tiefgewurzelten bösen Schaden heilen, welcher vier Jahre später wiederholt zum Ausbruch kommen sollte.
Mildgesinnt hatte die Kaiserin Maria Theresia den Verbannten Rückkehr in die Heimat gestattet. Manche, welche die Unverbesserlichkeit dieser Schwärmer kannten, schüttelten bedenklich die Köpfe, als sie von dieser Maßregel hörten. „Setze eine Katze in’s Taubenhaus wie du willst, sie bleibt eine Katz und wird miauen!“ sagte der alte Tröndlin, als er die Rückkehr der erzunruhigen Parteigänger vernahm. Und siehe, er hatte sich nicht getäuscht. Denn alsbald erscholl erwartungsvoll die Kunde von der Freilassung der Verbannten, und wieder begann das alte Spiel. Die Männer, hieß es, seien ins Land geschickt, um die Beschwerden der Salpeterer zu sammeln und ihren Handel aufs Neue zur Entscheidung von den kaiserlichen Thron zu bringen.
Ein Anschlag der Anführer, sich des Landesarchiv in Dogern zu bemächtigen, wird durch die besonnene Dazwischenkunft des Einungsmeisters Tröndlin vereitelt, der schleunigst die Schriften nach Waldshut zu bringen sucht. Aber nur mit Mühe gelingt es durch Schließen der Stadttore, den nachstürmenden Tross von der Verfolgung abzuhalten.
Dieses war jedoch Alles nur der erste Akt des beginnenden Drama’s, in welchem die berüchtigten Anführer: das begnadigte „Tochtermännle“, der „Preuß“, „Gudihans“ und Andere die Heldenrollen übernehmen.
Vor allen Dingen sollte ein vernichtender Schlag gegen die Hauptgegner Joseph Tröndlin in Alpfen und den gleichnamigen Einungsmeister in Rotsel ausgeführt werden. Beide Männer waren bisher zum großen Verdruss der Unruhestifter immer wieder durch des Volkes Stimme zu den obersten Einungsstellen berufen worden. Ein Advokat aus Basel, welcher die Sache der Salpeterer zu führen unternommen, hatte er in langer Schrift die Beschwerden seiner Partei der Landesregierung zu Freiburg übergeben, und besonders heftig gegen die obengenannten Männer losgezogen und auf ihre Beseitigung gedrungen. Diese verfaßten eine Gegenschrift, die mit biderbem Spotte, scharfstimmig und schlagend die Gegner entwaffnete, zugleich aber ihren Hass aufs höchste steigerte.
Der unterdessen hereingebrochene 7-jährige Krieg hatte dem Lande drückende Lasten und Einquartierungen gebracht. Natürlich, dass an allem Diesen niemand Schuld ist, als die beiden Trödlin. Eine Deputation der Unzufriedenen geht deshalb abermals an den Wiener Hof, die Unbill dem Kaiser vorzustellen. – Verderbensträchtige Dünste sammeln sich, die bald wieder als Gewitter über dem Müllerhause zu Alpfen sich entladen sollten.
Dem anhebenden Sturme zu begegnen, hatte der Obrist des über den Wald verlegten österreichischen Regimentes mehrere der Aufwiegler gefänglich einbringen lassen. Vergeblich. – Schon zeigten sich wieder die bekannten Sturmvögel: Bettler, Kesselflicker, Wahrsager und Gaukler, und durchziehen in Scharen das Land, die unsinnigen Gerüchte verbreitend. Der wackere Einungsmeister Tröndlin, hieß es, sollte bald verrückt geworden, bald erschlagen oder landesflüchtig sein.
Es war zu Anfang des August. Eine trübe regnerische Luft lag über der Landschaft. – Wohl mochten böse Ahnungen den Bewohnern der Mühle am Steinbach Unheil künden. – Im Hause des Mayrer, eines Bruders des berüchtigten Tochtermännle, ging’s geschäftig aus und ein. Bis tief in die Nacht dauerten die heimlichen Zusammenkünfte. Eine Lumpensammlerin, die dort übernachtete, hatte die Müllersfamilie gewarnt, auf der Hut zu sein, herumstreifendes Gesindel habe verlauten lassen: dass der alte „Halunke“, der Einungsmeister, von einem hingerichteten Salpeterer in Josaphat’s Thal geladen, im nächsten Frühjahr seine Felder nicht mehr selbst ansehen werde u.s.w. Und schon gab es Manche, die, auf allgemeine Verbrüderung hoffend, diesen aber jenen Acker des Müllers als ihr dereinstiges Eigenthum ansehen mochten.
Tiefhängende Wolken verfinsterten die Nacht. Ein schnaubender Wind schweifte um die Halden, über die weiten Getreidefelder, und flüsterte unheimlich in den Erlen am Mühlbache.
Da weckte Gepolter die Hausbewohner; der Müller sprang aus dem Bette, donnert’s? fragte ihn erschreckt und ängstlich sein Weib. – ehe ihr Mann aber noch antworten konnte, begann der Lärm von Neuem. Die Haustür wurde eingeschlagen; – vergeblich war das mannhafte Entgegentreten des Müllerknechts. Die Verschworenen dringen ein, die Stiege herauf, Mayer, des Tochtermännles Bruder, voran. „Landesverräter“, schreit der Troß dem Müller entgegen, der mit einer Hellebarde mutig sich zur Wehr setzt. Er wird übermannt, der obere Stock erstürmt, die Türen erbrochen und der Einungsmeister ergriffen und gebunden herausgeschleppt. Jammernd und halbtot vor Schrecken waren Mutter und Tochter eine Zeit lang in der Kammer geblieben; als das wilde Getöse verhallt und Stille eingetreten, wagten sie sich heraus. Betäubt und blutend von einem schweren Schlage über den Kopf liegt der Müller auf dem Boden. – Mit Hilfe eines Müllerknechts gelingt es der jammernden Frau, dem Mann wieder ins Leben zurückzurufen.
Katharina, das Töchterlein, war dazumal neun Jahre alt. In ein und derselben Nacht war auch das Haus des Einungsmeisters in Rotsel und andere Männer von der Gegenpartei überfallen und die Inwohnenden abgeführt worden. Unter den rohesten Mißhandlungen wurden die Unglücklichen fortgeschleppt in die rauhe entlegene Gegend Gerweil’s, wo man sie im dortigen Wirtshaus in enge feuchte Kellerlöcher eingesperrte. Sie schienen verloren, denn der rasende Haufen verlangte ihren Tod. Vergeblich waren die Befehle des Waldvogts, sie freizulassen; erst nachdem der Waldkommandant Pommer mit Grenadieren und Husaren heranzieht und die Verschworenen überwältigt, gelingt die Befreiung.
Aber noch waren die Tage des Schreckens und der Verwirrung nicht vorbei. Das Gift gehässiger Spaltung war bis tief ins Innere einer jeden Gemeinde und Familie gedrungen; ja, sogar die Spielplätze der Kinder waren in zwei feindliche Lager geteilt. Die ganze Einung bot ein Bild der traurigsten Zerrissenheit. Männlichkeit und besonnen hatten die Tröndlin auf einer Landgemeinde zu Gerweil zur Besonnenheit gemahnt. Der zudringliche Baseler Advokat spielt im Lande den Gesetzgeber und ordnete den Landsturm. Fanatisierte Haufen durchziehen das Land; von Dorf zu Dorf, von Hütte zu Hütte werden die Tröndlin’schen verfolgt, mißhandelt und im wilden Taumel teilt man sich ihre Güter. Gaudihans als Diktator der freien Grafschaft landete die beiden verhaßten Einungsmeister von Alpfen und rote Rotsel vor seinen Richterstuhl. Sie mußten flüchten, zuerst nach Waldshut, dann über den Rhein, geächtet und mit dem Tode bedroht.
Und über die Mühle zu Alpfen bricht abermals ein böses Verhängnis herein. – Was geschah, melden die Familienpapiere mit kurzen Worten:
„†1745 wurde Konrad Tröndlin (der Sohn des Einungsmeisters) von den Salpeteren so erbärmlich mißhandelt, dass er das Leben dadurch einbüßen müßen“.
Noch vor Ablauf desselben Jahres war die Macht der Empörer in zwei kurzen Treffen gebrochen. Die rings aufgeboten de Landwehr, Bruder gegen Bruder, ein Trupp Husaren und wendige Infanterie trieben die Empörer, welche Waldshut vergeblich berennt hatten, in die Enge. In den wilden Bergen und Feldschluchten um Herrischried, wohin selbst im Schwedenkriege nie der Fuß eines Kriegers gekommen, wurde der letzte Kampf gekämpft, und geendet zum Nachteile der Meuterer –
Aber das tiefe Leid mancher Familie, der Schmerz um verlorene Angehörige, gesunkener Wohlstand und was sonst noch für bittere Früchte der Aufruhr und Krieg gebracht – das Alles konnte nur allmählig die Zeit heilen und die Hand dessen, welcher die Schicksale der Völker lenkt.
Auf dem Bild von Lucian Reich oben ist der Einungsmeister und Müller Josef Tröndlin mit seiner Frau Maria Zimmermännin etwa um 1730 dargestellt.
Gemälde des Einungsmeister Josef Tröndlin in der Einungsmeistermühle
Die Ursula Binkerin von Birndorf muss bald nach dem frühen Tod ihres Mannes den »Hirschen« veräußert haben. Der Käufer war Johann Baptist Tröndlin, Sohn des von den Salpeterern am meisten gehassten Einungsmeisters Josef Tröndlin, des Müllers von Unteralpfen. Im Juli 1757 ging der »Hirschen« in Flammen auf. Tröndle ließ das heute noch bestehende Haus bis 1758, zwar nicht mehr in der alten Größe aber immer noch in einem stattlichen Ausmaß errichten. Im Februar 1759 heiratete Johann Konrad Ebner, Sohn des von den Salpeterern zu Tode gequälten Redmanns Johann Michael Ebner, die einzige Tochter Katharina des Hirschenwirts Johann Tröndle und der Katharine, geb. Iselin. Von der Webpage des Hirschen
Laut Lucian Reich ist die Geschichte etwas anders als oben auf den Seiten des Hirschen zu Dogern erläutert.
Des Hirschwirts Sohn (Konrad Ebner) von Dogern braucht nicht auf Geld und Gelderwerb zu schauen. Seine Mutter führte das Wirtshaus durchaus sehr erfolgreich alleine.
Womöglich wurden diese alten patriarchalen Gesetzte damals nicht ganz so gelebt, wie es heute den Anschein hat. Auch soll Konrad Ebner „auf Jakobi den Kauf übernehmen„. Womöglich ist damit der Hirschen zu Dogern gemeint.
Laut Lucian Reich ist auch des „Müllers Kätherle“ die einzige noch lebende Tochter des Johannes Michael Tröndlin. Dies stimmt auch mit dem Stammbaum der in der Mühle hängt überein. Hier steht eine Katharina Theresia geboren 18.3.1736 deren Mutter Katharine, geb. Iselin ist. Johannes Baptista Tröndle war also ein Bruder des Müllers Johannes Michael. Dies ist auch sehr verwirrend, da der Einungsmeister Josef Tröndlin von seinen 9 Kindern drei Johannes getauft hatte und gleich fünf Maria.
Vermutlich war der namentlich nicht erwähnt Götti und „Familienrat“, der Johannes Baptist Tröndlin, auf dem Papier der Besitzer des Wirtshauses Hirschen, das dann später an Jakobi offiziell an den Konrad Ebner ging.
Stammbaum der Familie des Einungsmeisters an der Wand in der Einungsmeistermühle.
Die Einungsmeistermühle in Unteralpfen deren Ursprung auf das Jahr 1342 zurück geht und die den Dreißigjährigen Krieg überstanden hat.
Die alte Mühle in Unteralpfen war über Jahrhunderte im Besitz der Familie Tröndlin und wurde vor etwa 20 Jahren an einen Schweizer verkauft. Dieser Herr war so nett, mir die Mühle zu zeigen und zu erklären.
Vielen Dank!
Die in den 1980ern renovierte Mühle in Betrieb.
Bei den Salpeter-Aufständen oder Salpeterunruhen handelte es sich waren mehrere Bauernaufstände, die sich im Hotzenwald des 18. und 19. Jahrhunderts ereigneten.
In der „Grafschaft Hauenstein“, einem Verwaltungsbezirk des ehemaligen Vorderösterreich, gab es Anfang des 18. Jahrhunderts eine Besonderheit in den absolutistisch regierten deutschen Staaten. Hier hatte sich eine Schicht „freier“ Bauern erhalten, die sich direkt und ausschließlich dem habsburgischen Kaiserhaus zugehörig wussten.
Auch am Anfang des achtzehnten Jahrhunderts regte sich Widerstand. Einer, der Gefahren für Freiheit und Verfassung heraufziehen sah, war der Bauer und Salpetersieder Johann Fridolin Albiez (1654-1727), Salpeterer-Hans genannt, aus Buch. Der damals schon über Siebzigjährige genoss großes Ansehen im Wald. Seine Agitation gegen das Kloster und für die „alten Rechte und Freiheiten“ fand Gehör. Und als im Mai 1727 die Bewohner der Grafschaft einem neuen Abt, Franz II. Schächtelin, ein Treuegelöbnis ablegen sollten, verweigerten sie die „Huldigung“. Die Verweigerung der Huldigungsleistung gegenüber einer Obrigkeit aber galt als Aufstand. Es wurde Militär auf den Wald geschickt und in die Bauernhöfe einquartiert, so dass der Widerstand gegen die Huldigungsleistung rasch zusammenbrach. Der Salpeterer-Hans saß währenddessen in Freiburg im Breisgau, dem damaligen vorderösterreichischen Regierungssitz, im Gasthaus „Bären“ in Arrest. Dort starb er im September 1727.
Andere Bauern, wie Johannes Thoma oder Josef Meyer übernahmen die Führung der Salpeterer, wie sie nun genannt wurden, und sorgten dafür, dass das Misstrauen gegen das Kloster und seine Bestrebungen, aber auch gegenüber den anderen Obrigkeiten nicht einschlief. Unter der Bauernschaft selbst bildeten sich Gruppen für und gegen die salpeterischen Bestrebungen und verschärften die Situation. Die den Salpeterern gegenüberstehenden Bauern nannte man nach den Namen der Anführer die „Tröndlinschen“ oder auch die „Ruhigen“. Die „Salpetererkriege“ fanden darum auch überwiegend zwischen den gegnerischen Bauerngruppen statt – also jenen, die gegen den Ausverkauf alter Rechte und Freiheiten unüberhörbar Widerstand leisteten und den anderen, die zwar dasselbe wollten, aber andere „ruhige“ Wege beschreiten wollten, wie zum Beispiel sich frei zu kaufen.
Als aber das Kloster sich 1738 entschloss, in den von den Einungen betriebenen Freikauf aller Bauern in den Einungsbezirken einzuwilligen und eine Volksabstimmung eine Mehrheit für den Loskauf erbrachte, wollten die salpeterisch gesinnten Einungsgenossen nicht zahlen. Es kam sogar zu einem Treffen zwischen einem Bauernaufgebot der Unruhigen auf der einen und Militär auf der anderen Seite im Mai 1739 bei Etzwihl. Schüsse trieben die Bauern in die Flucht. Dieser zweite Salpetereraufstand endete mit Todesurteilen gegen einige Anführer. 1745 kam es zu zwei weiteren Unruheperioden. Im Frühling gab es sogar für zwei Wochen eine „Salpetererregierung“ in der Grafschaft, und im Herbst versuchten die Salpeterer zweimal, Waldshut zu stürmen, um dort einige inhaftierte Gesinnungsgenossen zu befreien. Diese Belagerung und versuchte Erstürmung von Waldshut und in diesem Zusammenhang stattfindende große nächtliche Schlägereien zwischen „Unruhigen“ und „Ruhigen“ oberhalb Schmitzingen bildeten einen vorläufigen Schlusspunkt der Salpetererunruhen. Es gärte aber „auf dem Wald“ noch einige Jahre weiter. Erst mit der Deportation aller führenden Salpetererfamilien ins Banat (Lucian Reich schreibt von der ungarischen Militärgrenze) erloschen die Unruhen zunächst. Sie fanden jedoch im neunzehnten Jahrhundert eine religiös legitimierte und stark veränderte Neuauflage.
Über diese religiös legitimiert Neuauflage spottet Lucian Reich:
„Bald werde jedoch unter Gottes Leitung die goldene Zeit des Patriarchal-Lebens zurückkehren. Jedermann werde frei sein, und Gottes Wort allein, ohne andere Zutat, richten. u.s.w.„
Weiter berichtet Lucian Reich:
Zugleich unternimmt der Schwärmer Leontius Brutschi eine Wallfahrt nach Einsiedeln mit hundert und elf Jungfrauen, um für glückliche Verrichtung der Geschäfte zu beten.
Die Zahl der 111 Jungfrauen stimmt laut Mitteilung von Heinrich Dold. Diese Pilgerfahrt sei am 29. April 1739 unternommen worden. Vielen Dank an Herrn Heinrich Dold, den Hauensteiner Ehrenredmann!
Auf der Seite von Dogern gibt es folgendes dazu:
Schlimm erging es dem Dogerner Leontius Brutsche nach dem „Gefecht“ von Etzwihl (Gemarkung Albbruck) 1739. Trotz seiner Wallfahrt mit 111 Jungfrauen nach Einsiedeln, und obwohl viele Frauen und Jungfrauen beim österreichischen Waldvogt in Waldshut für ihn um Gnade baten, musste er seinen Freiheitsdrang mit dem Tode büßen. Er wurde auf der Richtstätte in Albbruck enthauptet.
Das Kloster Einsiedeln mit der Gnadenkapelle und einer Figur der Schwarzen Madonna, ist Etappenort des Jakobsweges. Hier wird die Geschichte mit Hüfingen verknüpft, das es seit dem Mittelalter auf dem Jakobusweg ist. In früheren Zeiten gab es in Hüfingen viele Pilger. Ein Pilger auf dem Weg war deshalb ein Jakobsbruder.
Eine etwa 300 Jahre alte Fahne der Jakobuspilgerbruderschaft erinnert noch heute in Hüfingen an diese Pilgerwanderungen. Die Jakobusfahne wird an Fronleichnam bei Prozessionen mitgeführt und wurde vom FF Hofmaler Franz Joseph Weiß gefertigt (siehe Kapitel 17 vom Hieronymus). Ebenfalls erinnert der Jakobusbrunnen vor dem Hüfinger Stadtmuseum und der Jakobusaltar in der Hüfinger Stadtkirche St. Verena und Gallus an die Jakobusverehrung.
Lucian Reich berichtet,
dass die Kaiserin Maria Theresia den Verbannten Rückkehr in die Heimat gestattet. Manche, welche die Unverbesserlichkeit dieser Schwärmer kannten, schüttelten bedenklich die Köpfe, als sie von dieser Maßregel hörten. „Setze eine Katz in’s Taubenhaus wie du willst, sie bleibt eine Katz und wird miauen!“
Am Ende des Kapitels schreibt Lucian Reich, die Familienpapiere melden mit kurzen Worten:
1745 wurde Konrad Tröndlin (der Sohn des Einungsmeisters) von den Salpeterern so erbärmlich mißhandelt, daß er das Leben dadurch hat einbüßen müßen.
Konrad Tröndlin war vermutlich ein Bruder des Josef und eins der neun Kinder vom Einungsmeister Adam Tröndlin.
Das Buch habe ich hier 2021 veröffentlicht. Allerdings veraltet auch eine Webpage ziemlich schnell und die nächsten Monate möchte ich die einzelnen Kapitel aktualisieren. Deswegen werde ich jedes aktuelle Kapitel wieder nach vorne kramen. Das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift hatte ich damals vorgelesen, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren. Aus diesen Gründen ist der Text ein Gemisch aus alter und neuer Schreibweise. Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz. In blau sind unten Erklärungen dabei.
Pilgerfahrten durch das Breisgau und den Schwarzwald
Es war, soviel ich mich erinnere, am 9. Mai, als ich aus dem Unterlande kommend, am Freiburger Bahnhof ausstieg, um von dort meine Reise zu Fuß weiter fortzusetzen.
Das Wetter, auf welches ein Fussgänger immer zuerst achten muss, zeigte mitunter schon jene Laune zu Regen und Wind, die bis tief in den Sommer hinein anhielt und gerechte Besorgnisse einer Missernte erregte. – Den Tag vorher hatte ein heftiger, aus Südwesten tosender Sturm mit Regenschauer die umliegenden Berge, den nahen Brunnberg, den Roßkopf, Schauinsland und Gerstenhalm bis tief herunter in das Tal mit Schnee bedeckt, und den ohnehin grauen Scheiteln des Kandel, Feldberg und Bölchen frischen Puder aufgestreut. Die folgenden Tage jedoch waren leidlich und mitunter so schön, wie sie ein fahrender Ritter nur immer sich wünschen mag.
Der junge Mai hatte allenthalben schon sein Panier entfaltet; in warmen Tagen sproßten bereits Roggenähren, und die Kirschbäume in ihrer Blütentracht standen wie weißgekleidete Ehrenmägdlein des Frühlings in der lichten grünen Landschaft.
Nach kurzem Aufenthalte in der alten Zähringerstadt wendete ich mich längs der westlichen Vorhügel des Schwarzwaldes hin, wo an der Grenze des heiteren Markgräflerlandes, am Ausgang des Münstertales das Städtlein Staufen liegt. Bei einer verwandten Familie, die in dem ehemaligen Kapuzinerkloster ihre Wohnung hat, nahm ich mein Absteigequartier. Von diesem Punkte aus hatte ich nun die beste Gelegenheit, in Kreuz- und Querzügen die Gegend zu durchstreifen. Und weil bekanntlich jeder Mensch seine besondere Interessen und Liebhabereien auf der Welt hat, so war es mein Geschäft, mancherlei Geschichtliches und Sagenhaftes* nebenbei zu sammeln und meinem Gedenkbuche einzuverleiben.
Hieraus entstand nun zunächst eine kleine Mosaik von örtlichen Zügen und Begebenheiten, welche zur Kurzweil des geneigten Lesers hier eine Stelle finden mag. *Größtenteils Mittheilugen des Oberlehrers Seyferle in Staufen.
Staufen am 3. Januar 2022
Johanneskapelle
Wenn der Wanderer auf der Straße von Krozingen gegen Staufen kommt, erschaut er links auf einer weinbegrenzte Höhe die Trümmer des ritterlichen Hauses der ehemaligen Herren von Staufen. Unten an der Burghalde, wo jetzt Rebenfeld ist, stand früher eine zum Schlosse gehörende Kapelle. Als die Ritter einst im Felde lagen mit dem Schweizer Herren Schaler von Benken, geschah es bei einem Überfalle, dass die Burgherren durch einen unterirdischen Gang nach der nahen Rödlesburg sich flüchteten, ihre weiblichen Dienstboten aber, die Mägde und Köchinnen, allein auf der bedrohten Burg zurückblieben.
Wie nun die verlassenen Weiber die Gefahr, in der sie schwebten, wahrgenommen, lief ein Kammerfräulein in die Burgkapelle, fiel vor dem gemalten Bilde der heiligen Jungfrau auf die Knie und flehte um die Rettung der aus der großen Not. Als wäre ihr während des Gebetes ein kühner Rettungsgedanke geoffenbart, wendete sich das beherzte Mädchen hierauf zu den Übrigen: „Zünden wir die Burg an“, rief sie, „das gnadenreiche Muttergottesbild mit dem heiligen Kinde will ich flüchten. Wenn die Feinde das Haus in Flammen sehen, werden sie ablassen, und wir sind gerettet!“ Sie selbst legte den Feuerbrand ein, und als die Lohe emporschlug, nahm sie das Muttergottesbild und warf es über die Mauer in das Gehürst, welches die Halde bedeckte.
Nachdem die Kriegsknechte abgezogen, wurde das Bildnis wiedergefunden und in der neu erbauten Kapelle an der Burghalde aufgehängt. Welcher Dank jedoch der mutigen Jungfrau von ihren Herren, den furchtsamen Rittern, geworden, wüßte ich nicht zu berichten.
Das Rebenfeld an der Burghalde ist einem Baugebiet gewichen, aber der Stationenweg an die Johanneskapelle ist noch da. Laut Wikipedia wurde die Kapelle im Jahre 1685 von dem Eremiten Johannes Willi nach Zerstörung seiner alten Einsiedelei beim Gotthardhof errichtet und Johannes dem Täufer geweiht.
„Ne gattig Chilchli hen si do, so sufer wie in menger Stadt, s’isch Sechsi uffem Zifferblatt.“ Johann Peter Hebel Mit der Feder auf Stein gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann
Bei einem Einbruch 2006 in die Johanneskapelle wurden das Altarbild, Holzskulpturen sowie zwei Votivbilder gestohlen. Wobei der Hochaltar, der 1730 der St.-Sebastian-Kapelle auf dem Friedhof gestiftete wurde, erst Ende des 19. Jahrhunderts in die Johanneskapelle kam. Also hat Lucian Reich den Altar damals nur in der Friedhofskapelle besichtigen können.
Auf den Fotos ist eine Leihgabe der Erzdiözese: Eine barocke Muttergottes und darüber das Haupt Johannes des Täufers. Zur Info: Wenn man auf die einzelnen Bilder klickt, erscheint unten die Beschriftung.
Von der Rödelsburg, (deren wenige Mauerreste von einem einsam, mit tannenbedeckten Hügel herabschauen), wohin sich jene salviert, meldet eine Sage Folgendes.
Es war vor etwa zwölf Jahren, als ein Hirtenbub seine Schafe in der Nähe einer Brunnenquelle am Rothenhofe waidete. Als er, um zu trinken, gegen das Brünnlein schritt, vertrat ihm ein schönes Edelfräulein den Weg mit dem Ansuchen, es zu erlösen. Um Mitternacht, bat sie ihn, solle auf die alte Rödelsburg kommen, an deren Tor er eine Kröte und eine Schlange als Wächter finden werde. Was dieses Paar auch gegen ihn unternehmen würde, er solle unverzagt vorüber in den Hofraum schreiten, wo sie ihn dann in das Burggewölbe führen werde zu dem Schatze, durch den sie alleine erlöst werden könne. Vollbringe er aber das Werk der Erlösung nicht, so müsse sie wiederum warten, bis die Zeit gekommen, wo ein Rabe eine Eichel fallen lasse, und diese zum Baume heranwachsen sey, aus dessen geschnittenen Brettern der Schreiner eine Wiege gefertigt, in welcher ein Knäblein großgezogen werde, welches ihre Erlösung zu bewirken vermöge. Dieses aber könne 100 Jahre gehen. –
Der Bub ging nach Hause und erzählte die wundersame Geschichte seinen Eltern, die ihr Söhnlein allfolglich zum Pfarrer führten, der ihm zusprach und ihr heilige Sakramente spendete, auf dass er das Abenteuer ohne Schaden bestehen möge. In mitternächtlicher Stunde nähert sich der Bursche der verödeten Burg. Ein furchtbarer Sturm wühlt in den Bäumen und Hürsten; es blitzt, donnert und kracht als käme der jüngste Tag. Die wackeren Torwächter speien Feuer und Flammen gegen den Eindringling, welcher entsetzt sich flüchtet und den Berg hinunter eilt, ohne das verdienstliche Werk vollbracht zu haben.
Ob nun, seitdem der Rabe erschienen, weiß ich nicht zu sagen, eben so wenig den Grund der Ruhelosigkeit des wandelnden Fräuleins. – War es vielleicht eine Spekulationsheirat, die sie um den Frieden ihrer Arm Seele gebracht? Oder hing ihr Herz im Leben allzufest an dem betrügerischen Mamon, der noch nach dem Tode sie beunruhigte? – Genug, das Erlösungswerk soll bis heute noch nicht vollbracht sein.
Ein Hirtenbub sollte hier ein Edelfräulein erlösen. Das Tor wurde aber so sehr von einer Kröte und Schlange bewacht, dass der Bub reißaus nahm. Jetzt muss das Fräulein auf seine Erlösung warten, bis ein Rabe eine Eichel einpflanzt, aus deren Samen ein Baum wächst und deren Bretter für den Bau einer Wiege verwendet werden, in der ihr Retter als Baby schläft.
Im folgenden listet Lucian Reich einige Geschichtsfunde aus Staufen auf.
Im Jahre 1106 herrschte großer Schrecken in den Breisgauischen Landen. Die Sonne hatte nämlich die dreifarbige Cokarde aufgesteckt und Alles war, wie eine Privatchronik sagt, bestürzt und glaubte, der jüngste Tag wäre nahe.
Vom Jahr 1400 wird berichtet, dass der Winter übermäßig streng gewesen, und viele gefräßige Wölfe über den Rhein herübergekommen seyen, welche das Land unsicher gemacht hätten. Ähnliches soll auch später geschehen sein, zum Beispiel im Melakischen Kriege und anno sechsundneunzig.
Weiter erzählt der Chronist, wie im Jahr 1401 die Juden aus Staufen vertrieben worden sein. Die Weiber der guten Israeliten wurden beschuldigt, Christenkinder in ihre Wohnung gelockt, ihnen die Kleider abgezogen und die Beraubten mit schlechten Fetzen bekleidet wieder entlassen zu haben. (Wahrscheinlich nur im figürlichen Sinne gemeint.) Als zu dieser Beschuldigung noch weitere unheilvolle Gerüchte kamen, geschah es, dass die Häuser der Juden angezündet wurden, worauf ihre Bewohner unter Wehklagen abzogen und die Stadt verließen.
Später, im Jahr 1551, kam ein großes Brandunglück über die Stadt und hätte, wie man später oft sagen hörte, noch Schlimmeres geschehen können, wenn der Jude Aaron Levin von Sulzburg, der zufällig hier gewesen, das Feuer durch seine Kunst nicht gestillt hätte.
Als in den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts der Bauernkrieg ausbrach, stellte auch Staufen seine Leute. Es war am 19. Mai 1525, als die Schlösser Höhingen, Dachswangen und Kranznau von den Aufrührern eingenommen und verwüstet wurden. Bei der Plünderung des letzten Schlosses zeichnete sich besonders ein gewisser Faßlin, Beutemeister von Staufen aus. Dieser Mann hatte sich mit seinem Haufen etwas verspätet und kam, weil nicht mehr viel zu finden war, mit dem „langen Fischer“ in heftigen Streit. Endlich fand er noch in einer entlegenen Kammer einen eisernen Ofen, den er an Etliche von Schaffhausen um vier Gulden verkaufte, und hernach dem Hans Karrer dem Auftrag gab, das Schloss anzuzünden, welches bald in hellen Flammen aufloderte und in Trümmer sank.
Im Jahre 1586, meldet eine alte Schrift, habe in Staufen ein gottesfürchtigen Weib gelebt, Anna Sütterlin, das, hundert und vier Jahre alt, noch viel von den Schlossherrn und den Bauern Krieg zu erzählen wusste.
Die bösen Wetter des 30-jährigen Krieges, dessen Schläge so tiefe Narben im Leben des deutschen Volkes hinterließen, berührten vorzugsweise auch die breisgauischen Lande und mit ihnen das Städtlein Staufen.
Die Jahre 1621 und 1622 waren der Anfang einer bösen Zeit; nichts als Kriegspräsentationen zur Anwerbung von Leuten zu Ross und zu Fuß; und je länger desto böser wurde es, so dass die Münzen so hoch im Wert stiegen, dass im Jahr 1623 der Reichstaler sechs fl. galt, eine Dublone aber 20 fl.
„Bei diesen verderbten Kriegswesen wollte alles in den Krieg laufen, inmaßen Viele von hier weggezogen, aber mit wenig Ruhm heimkamen. – Das Land ist in Zerfall geraten, und waren überall schlechte Sitten, so dass viele Leute, wenn alltäglich, die große Glocke um zwölf geläutet wurde*, leider nicht darauf achteten, ja Manche den Hut nicht einmal mehr abgezogen.“ *in katholische Landen zum Gedächniß der „sechsten Stunde“, da Christus am Kreuze hieng und Finsterniß über die Erde kam.
Ein Menschenleben galt dazumal wenig. Es wurde oft Bürger in den Städten, Bauern im Felde, Hirten, reisende Kaufleute erschlagen, mir nichts, dir nichts, ohne dass ein Hahn nach innen gekräht hätte. Zuweilen wurden die Leute, und zwar von beiden kriegsführenden Parteien gleich, „so unmenschlich behandelt, dass alles in die Wälder fliehen musste.“ Viele Kinder wurden auf der Flucht geboren und getauft im Walde, in Kohlhütten und auf freiem Felde; und nicht selten setzte es in den Häusern der Quartierträger blutige Händel ab. Im Jahre 1642 hatte, wie man sich noch in Staufen erzählt, der alte Schneider Galli einen rabiaten Schweden im Quartier, der weder mit Kost noch Logis zufrieden sein wollte. Der Schneider sagte, dass er nichts Besseres zu geben imstande sei, indem er durch die früheren Einquartierungen alles eingebüßt habe. Der Soldat aber, nicht faul, stößt ihm den Spieß durch den Leib, so dass der Galli in drei Stunden darauf den Geist aufgeben musste. Die Schneidersfrau aber und ihre drei Buben fielen über den Schweden her und erschlugen ihn, worauf die Schwedischen fünf Häuser in Brand steckten und wohl noch mehr getan hätten, wenn sie nicht eiligst hätten abziehen müssen, weil die Kaiserlichen in Anzug waren.
Infolge einer Missernte und der vielen Einquartierung war im Jahr 1630 große Teuerung entstanden. Der Wein jedoch war geraten und sehr wohlfeil. „Da war ein solch übermütiges Zechen bei Reich und Arm, Mann und Weib (denn der Wein war sehr gut, aber das Brot schlecht und teuer), dass immer Alles voll war, Jung und Alt, alldieweil mit das Weinlein gewähret“-
Um die nämliche Zeit starb hier in des Willis Stall der hinterlassene 9-jährige Knabe des Michael Wüst, dieses gottlosen, flüchtigen und treulosen anjezo Soldaten unter Frankreich. Niemand war bei dem Kleinen. Er ging lange Zeit, „als armes vater- und mutterloses Waislein gänzlich ausgehungert, krank und elend herumben und wurde auf dem Kirchhof an der Mauer begraben.„
Die „dreifarbige Cocarde“ die das Breisgau in Angst und Schrecken versetzte war wohl keine Sonnenfinsternis. Es gab zwar eine am 1. August 1106, aber die war in Deutschland gar nicht zu sehen. Vielleicht konnte man Teile davon sehen und deshalb die „dreifarbige Cocarde“ oder es war ein Vulkanausbruch irgendwo auf der Welt.
Ebenso finde ich nichts zu den Melakischen Kriegen im 14 Jahrhundert.
Juden in Staufen
Die Ratsherren von Freiburg unterzeichneten 1401 feierlich den Beschluss, „daz dekein Jude ze Friburg niemmerme sin sol“.[Wikipedia] Vermutlich haben dies die Staufener nach gemacht.
Im Jahr 1551 rettete der Jude Aron Levi Staufen vor einem größeren Feuer durch „seine Kunst“
Bauernkriege in Staufen
Am 19. Mai 1525 wurden die Schlösser Höhingen, Dachswangen und Kranznau verwüstet. Bei der Versüstung von Kranznau war ein gewisser Faßlin von Staufen und der lange Fischer als Beutemeister, besonders beteiligt. Faßlin von Staufen und der lange Fischer stritten, da sie wohl zu spät zum plündern kamen. Sie raubten dann einen eisernen Ofen und verkauften ihn nach Schaffhausen. Danach zündeten sie das Schloß an.
Hier erzählt er unter anderem die Geschichte vom alten Schneider Galli von 1642. Dieser wurde von einem Schweden mit einem Spieß erstochen, weil der Soldat mit dem Quartier nicht zufrieden war. Der Schwede wurde darauf hin von der Frau und den drei Söhnen des Schneiders erschlagen. Aus Rache hätten die Schwedischen fünf Häuser in Brand gesteckt und hätten wohl noch mehr getan, wenn die Kaiserlichen nicht im Anzug gewesen wären.
1630 scheinen sich die Staufener von Wein ernährt zu haben. Ebenso um diese Zeit starb ein neunjähriges Kind, dessen Vater, der Michael Wüst, in den Krieg gezogen war. Allem Anschein nach hat man den Jungen verhungern lassen und an der Friedhofsmauer begraben.
Kirchhofen
Kirchhofen am 03.Januar 2022
In dieser Zeit wurde auch das Pfarrhaus Kirchhofen durch die Schweden zerstört. In der Kirche dieses Ortes befindet sich am Hochaltar ein Stein mit folgender Inschrift:
„Anno 1633 den 19. Brachmonat, ist Kirche, Schloss und Kirchspiel verbränt und kam das Land in schwedische Händ; ungefähr 500 Bauersleute erbärmlicher Weis totgeschlagen, darunter 89 vom Pfaffen- und Oelinsweiler waren. Gott wolle ihnen und allen geben ein fröhlich Auferstehen. Amen – Gott und Maria seiner lieben Mutter zu Lob, hab ich Hans Scherlin und Anna Göpfridin mein ehelich Frau, weil uns Gott, durch Fürbitt Maria wunderbarlich durch das leidig Kriegswesen erhalten, den Stein anher verehret.“
Eine alte Schrift im Pfarrarchive zu Kirchhofen erzählt Die Begebenheit, welcher das Denkmal seine Entstehung verdanken soll, auf folgende Weise. – Zur Zeit, als die Schweden unter General Horn das Breisgau überzogen und Breisach belagerten, versammelte der greise Kastellan des Schlosses (ein Dienstmann derer von Weyher) zu Kirchhofen die streitbaren Männer des Kirchspiels, und stellte ihnen die gefahrdrohende Lage des Landes vor mit der Aufforderung, die Waffen zu ergreifen und den Feind von vaterländischen Boden verjagen zu helfen. Unter der Führung des jugendlichen Waldmeisters Hans Scherlin ordneten sich die willfährigen Kirchenspielsgenossen, um, vereinigt mit den Truppen des Herzogs Feria, vor Breisach zu ziehen, welches von den Schweden belagert wurde. Vor dem Ausmarsch überreichte Anna, des Kastellans Töchterlein, dem mutigen Scherlin, ihren Verlobten, eine Rose, welche sie einst von einem Pilgrim aus dem Morgenland erhalten hatte, und die Demjenigen, welcher sie trug, geheime Kräfte verleihen sollte.
Die Schar zog aus und schlug sich rühmlich, wurde aber zuletzt genötigt, von den überlegenen Feinden zurückzuweichen und sich wieder in’s Kirchhofer Schloss zurückzuziehen. In diesem vesten Baue hatten sich auf die Kunde von dem Auszug des Feindes bereits 90 Bauern von Oelinsweiler und Pfaffenweiler versammelt, um den Platz auf Tod und Leben zu verteidigen. Scherlin mit seiner Schar postierte sich am Fuße des Hügels vor der Kirche, wo ein Verhau von Reiswellen und Baumstämmen den Weg versperrte. Als die Feinde nahten, ertönten die Sturmglocken, und mancher „ketzerische Schwed“ ward von den Verteidigern zu Boden gestreckt, bis Letztere endlich im Rücken angegriffen sich auf’s Schloss zurückziehen mussten. Ein Wassergraben, über den eine Zugbrücke führte, umgab die Veste, hinter deren Mauern die Kirchspielgenossen mit Karthaunen und Doppelhacken dem Feind weidlich aufzuspielten.
Unterdessen hatten die Schweden das Dorf eingeäschert und auch die Kirche wurde ein Raub der Flammen. In diesem heiligen Orte war kurz vorher Anna, des Kartellans Tochter, mit mehreren Jungfrauen im Gebete versammelt, als die wilden Soldaten heranstürmten. Nirgends mehr einen Ausweg vor sich sehend, betete Anna zur Muttergottes; da schien es dem Mädchen, als winke das Gnadenbild von der Hand zur Seite nach der Türe des Turmes, die offen stand und ins Freie führte. Die Jungfrau folgte dieser Eingebung und führte ihre Gespielinnen glücklich hinaus über die Türme dem Walde zu, worin schon vorher die Einwohner sich geflüchtet hatten.
Die Nacht war unterdessen hereingebrochen und an den rauchenden Feuerstätten ragte allein noch unversehrt das Schloss. Es war dem Feinde gelungen, die Schleusen des Wassergrabens zu zerstören und so diesen trocken zu legen. Früh am Tage stürmten sie die Mauern. Der heftige Kampf fand am Tore bei der Falltür statt, wo Schafffaluzki, der schwedische Obrist, selbst, den Angriff leitete. Durch Feuerbrände, welche über die Mauern in’s Schloss geschleudert wurden, kamen die Belagerten in Gefahr, unter den einstürzenden Giebeln begraben zu werden. Hans Scherlin, der tapfere Führer, war gefallen, und die Überlebenden suchten durch Capitulation freien Abzug zu gewinnen. Es wird in solcher zugesagt; aber beim Herauskommen werden die Wehrlosen Einer nach dem Anderen mit Keulen erschlagen.
Nach dem Abzug des Feindes wagen die versprengten Weiber und Kinder sich wieder aus den Wäldern hervor, um die gefallenen Angehörigen auf dem Kampfplatz aufzusuchen und zu bestatten. Also hat auch die Tochter des Kastellans, die der Verlust des Vaters und Geliebten zu beklagen hatte. – Doch siehe, als sie unter Tränen um die Leiche des erschlagenen Waldmeisters sich beschäftigte, erwacht der Schwerverwundete aus seiner Betäubung, um unter der liebenden Pflege der Jungfrau und Braut dem Leben wiedergeschenkt zu werden.
Auf Veranlassung des geretteten Paares wurden später die Gebeine der erschlagenen Kirchspielgenossen gesammelt und begraben, die Schädel aber mit den sichtbaren Todeswunden in einer eigens erbauten Kapelle zur ewigen Erinnerung aufbewahrt.
Mit welcher Pietät das Volk noch lange diese Überreste betrachtete, mag aus dem Umstande erhellen, dass die Kapelle, welche die Gebeine in sich schloß, erst nach langem Widerstreit der Gemeinde (im Jahre 1812) konnte abgebrochen und ihr Inhalt zur Erde bestattet werden. Der Pfarrer, welcher den Abbruch betrieben, weil die Kapelle die Aussicht aus dem Pfarrhof hemmte, soll noch auf dem Totenbett reuevoll ausgerufen haben: „Wieder aufbauen das Todtenhäuslein!“ Auch sagen die Pfarrangehörigen, dass der Maurer, welcher die Demolierung vollzogen, noch in selbigem Jahr, wo der Geistliche verstarb, beim „Holzriesen“ erschlagen worden sei.
Hochaltar der Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Kirchenhofen
Anno 1633 den 19. Bachmonat, ist Kirche, Schloß und Kirchspiel verbrännt und kam das Land in schwedische Händ; ungefähr 500 Bauersleut erbärmlicher Weis todtgeschlagen, darunter 89 von Pfaffen- und Oelinsweiler waren. Gott wolle ihnen und allen geben ein fröhlich Auferstehen. Amen. – Gott und Maria seiner lieben Mutter zu Lob, hab ich Hans Scherlin und Anna Gottfriedin mein ehelich Frau, weil uns Gott, durch Fürbitt Maria wunderbarlich durch das leidig Kriegswesen hindurch erhalten, den Stein anher verehrt.
Inschrift auf dem Stein am Hochaltar laut Lucian Reich.
Kopie der Innschrift neben dem Hochaltar. Anscheinend konnte Lucian Reich die Schrift noch besser entziffern.
Die Geschichte vom Massaker 1633 und über Hans Scherlin läßt sich auf den Seiten vom Arbeitskreis Ortsgeschichte Ehrenkirchen nachlesen:
Neue Kriegsunruhen brachten die 70er Jahre des 17. Jahrhunderts. In jener Zeit beklagte sich der Ortsvorstand von Staufen, dass während mehrerer Jahre keine Rechnung gestellt werden konnte, weil der leidige Krieg alles in Unordnung gebracht habe, so dass weder Gefälle noch Zinsen bezahlt und auch keine Steuern mehr bezogen werden konnten. Die Bürger seien zu öfteren Malen versprengt und verjagt worden, sogar der Stadtvogt und der Richter hätten in dieser Drangsal keine bleibende Stätte mehr gehabt und seien während der Zeit vielmal ausgeplündert und verjagt worden; ihre Schriften hätten sie nach Schönau geflüchtet, aber leider in dem dortigen großen Brand verblieben und verloren gegangen seyen.
Aus jenen Zeiten finden wir verzeichnet, dass dem „Waldhans“ drei Batzen verehrt worden sind, „weilen er einen Bären geschossen“; ebenso dem „Hafengrunder“ von zwei Wölfen sechs Batzen, den Schützen von Kirchhofen für sechs erlegte Wölfe 18, und denen aus dem Münstertal für drei solcher Raubtiere neun Batzen.
Nach der unglücklichen Zeit des 30-jährigen Krieges soll die Stadt Staufen infolge der Pest ganz ausgestorben gewesen seyn bis auf eine Magd (in’s Barbier alt Maiers Haus). Diese ging eines Morgens an den oberen Brunnen, um Trinkwasser zu holen. Als sie dort ankam, sah sie einen Handwerksgesellen bei des obern Martins Haus auf einem Eckstein sitzen. Sie sagte zu ihm: ob er nicht wisse, dass der Ort ganz ausgestorben sei? – Der Handwerksbursche erwiderte: er komme eben hierher gereist und wollte auf diesem Stein ein wenig ausruhen; er bitte von ihr einen Trunk Wasser, sonst, sagte er, wäre er gesund! – Die Magd gab ihr zu trinken und setzte naiv hinzu: „Wir wollen einander heiraten und die Stadt, so Gott will, wieder bevölkern.“ – Der Handwerksbursch war nicht abgeneigt; sie wurden einig, schlossen das Ehebündnis und erfüllten später die Worte der Schrift: Machet und vermehret euch! – Noch heut zu Tage aber ist jener Eckstein zu sehen vor des Fr. Xaver Martins Haus.
Später, bemerkte die Sage weiter, ist dieses Ehepaar nach dem Dorfe Gunnern gezogen, weil es ihm in Staufen nicht mehr gefallen habe.
Zu der Sage am Eckstein an Xaver Martins Haus in Staufen kann ich leider nichts finden. Auch gibt es keine genaue Bezeichnung des „Oberen Brunnens“. Ich bin mir aber sicher, dass der Eckstein von dem Lucian Reich redet, auch heute nach 200 Jahren noch da ist.
Möge sich der geneigte Leser einen Eckstein aussuchen.
Anno 1702 begann ein neues Kriegsgetümmel im badischen Oberland, unter dem bald in Pforzheim, bald in Durlach regierenden Markgrafen Friederich Magnus. Es war der spanische Sezessionskrieg, der damals seinen Anfang nahm. Der französische General Villars war bei Hünningen über den Rhein gegangen, um sich mit den Bayern zu vereinigen; Markgraf Ludwig von Baden, der gefürchtete Held, aber sie suchte dieses zu verhindern, weshalb es am 7. Oktober 1702 zu dem blutigen Treffen bei Friedlingen, eine Stunde von Lörrach, kam. Die Franzosen hatten bei 15.000 Mann 3000 Tote, darunter 200 Offiziere, der Markgraf aber zählte bei seinen nur 8000 Mann starken Korps 1500 Tote, worunter auch der Graf von Fürstenberg. Der Erbprinz von Baden-Durlach, Markgraf Wilhelm, der auf dem Berge „Käferhölzlein“ bei Schliengen focht, von einer früheren erhaltenen Wunde noch nicht ganz hergestellt, wurde hier abermals verwundet; der Obrist Gagern aber an seiner Seite von einer Kartäschenkugel tödlich getroffen. Die deutschen Truppen unter Markgraf Wilhelm zogen hernach hier in Staufen ein, während die Franzosen, welche Neuenburg noch in Händen hatten, die Umgegend brandschatzten.
Als im Jahr 1713 Marschall Villars mit 7000 Mann von der Stadt Staufen erschienen war, und die Bürger, weil sie „gut kaiserlich“ waren, die Tore nicht gleich öffnen wollten, wurden 15 Häuser angezündet und der Bürgerschaft eine Brandschatzung von 1200 Gulden auferlegt. Dieser Summe wurde, da Geld sehr rar war, bei der Familie Litschgi in Krozingen entlehnt. Der Gläubiger mußte der Folge dadurch befriedigt werden, dass man ihm freistellte, hundert und zwanzig Stück der schönsten Eichen aus dem hiesigen Stadtwalde sich auszulesen.
Es wird erzählt, dass dem ersten Rheinübergang unter Moreau im Jahr 1796 allerlei überrheinisches Gesindel bei der französischen Division Ferino sich befunden, welches die Gegend weit umher unsicher gemacht habe. Besonders meisterlos erzeigten sich herumschwärmende Husaren, die gerne Frauen und Mädchen in den Feldern überfielen und ängstigten. Als einst ein Weib von Staufen im „oberen Steiner“, nahe an dem Zollhäuslein bei Grunern, in den Reben arbeitete, sprengte ein französischer Reiter, der diese Frau erblickt hatte, in tollem Ritte über Stock und Stein in das Rebfeld. Das Weib flüchtete von einem Stück Reben zum anderen und erreichte glücklich das Zollhäuslein, sprang hinein und hinten wieder hinaus, aber auch hier folgte ihr der wilde Reiter. Mit bloßem Säbel sprengte er hinter ihr her und erreichte fast gleichzeitig mit der Verfolgten das untere Tor der Stadt Staufen. Da stürzten plötzlich vor den Augen der verwunderten Zuschauer Ross und Mann – wie von unsichtbarer Hand getroffen – zu Boden und beide, der Mensch und das Tier, waren tot.
Ein französischer Reiter jenes Korps, so erzählte ein glaubwürdiger Zeuge, der einen mit Geld ziemlich erfüllten Beutel bei sich hatte, ritt, wahrscheinlich mit einer gefahrbringenden Order beauftragt, bei dem Kruzifixe am Wege von Staufen nach Kirchhofen vorbei, und sagte, dem Bilde sich nähernd: „Da – heb mir diesen Beutel auf“, legte den Schatz hinter das Haupt des Gekreuzigten und ritt seines Wegs. Als nach Jahresfrist die Kriegsläufe den Soldaten wieder in hiesige Gegend brachten, hielt er bei dem Kreuze an – und siehe – der Beutel lag noch unversehrt am nämlichen Orte. – Der Reiter, ein Elsässer und etwas „religionsspöttisch“, erzählte die Geschichte nachher seinen Quartiersleuten.
Seltsameres soll dem alten Boten Pfefferle von Staufen passiert sein, als er im Jahre 1812 auf seinem Gange nach Freiburg an dem Kreuze am Kirchhoferweg vorbeikam. Eine hagere Gestalt trat ihm plötzlich in den Weg, so dass er stehenbleiben mußte; in den Lüften hörte er Getöse wie Schwertergeklirr von Geharnischten. Als zufällig Bekannte von Staufen des Weges kamen und den alten Geisterseher anredeten, verschwand das Phantom. – Kurze Zeit darauf kamen Soldaten aller Waffengattungen der Alliierten auf ihrem Wege nach Frankreich durch diese Gauen und nahmen Paris ein.
Als die Franzosen unter Moreau auf ihrem Rückzug im Oktober 1796 von Schwaben her gegen das Breisgau kamen, herrschte daselbst große Angst und Verwirrung. „Die Franzosen sind geschlagen und retiriren“ hieß es, „sie rauben und plündern, sengen und brennen, wo sie hinkommen.“ – In Heitersheim flüchteten die Einwohner mit Allem, was sie in der Eile fortbringen konnten, in die Wälder. Eine arme Wittwe, die krank lag, mußte mit ihrer Tochter, in die ihre Pflegerin war, zurückbleiben. Am nächsten Morgen kamen mehrere Banden Reiter und Fußvolk in das Städtlein, brachen in die verschlossenen Häuser, raubten was sie fanden und trieben mit den zurückgebliebenen Einwohnern schnöden Mutwillen. Ein Soldat mit bärtigem, sonnenverbrannten Gesichte voller Schrammen kommt aus einem Hause, mit einem Geldbeutel in der Hand, den er dort geraubt. Gierig nach weiterer Beute schaut er umher und sieht im Nachbarshause ein schönes Mädchen furchtsam hinter dem Fenstervorhang stehen. In wilder Begehrlichkeit rennt er gegen das Haus und tobt und rüttelt an der verschlossenen Türe, bis diese endlich einbricht. Hastig eilt er durch den Hausgang, die Treppe hinauf, wir aber die Türe aufreißt, begierig sein Opfer zu erhaschen – tritt die Jungfrau, ihr blaues Auge nach Oben, dann nach der kranken Mutter gerichtet, vor ihn hin und spricht: „Tu mir kein Leid, meiner armen, kranken Mutter bin ich die einzige Stütze!“ und schaut dem rauhen Kriegsmanne treuherzig und mild in’s verderbenblitzende Auge. Überwältigt und gerührt durch die Unschuld der Schönheit des Mädchens, steht der Soldat da, ohne ein Wort hervorzubringen, und Tränen rollen über die gebräunte Wange. Er wirft den vollen Beutel mit den Worten zu den Füßen: „da nimmt für deine Mutter – eine brave Tochter du!“ und stürzt zur Türe hinaus auf die Straße, und das Mädchen berührt zu haben.
Zwei Tage nachher war die Schlacht bei Schliengen und Kandern. Mutter und Tochter sind längst gestorben, und auch der Soldat wird das Zeitliche geschieden sein, aber die That lebt bis heute noch im Andenken des dortigen Volkes.
Der spanische Erbfolgekrieg
Der Spanische Erbfolgekrieg war ein Kabinettskrieg zwischen 1701 und 1714, der um das Erbe des letzten spanischen Habsburgers, König Karl II. von Spanien, geführt wurde.
Am 24. September umging Willard mit 30 Bataillonen, 40 Schwadronen und 33 Geschützen das Gebirge durch den Güninger Durchgang und erreichte Güningen, wo er den Bau einer Brücke anordnete, die am Mittag des Oktobers fertig gestellt wurde. In Sichtweite des Feindes überquerte der Marschall am 2. Oktober das rechte Rheinufer (ein Kunststück, das zu seiner Zeit als herausragende Episode des gesamten Feldzuges hoch angesehen wurde) und beschloss, die Kaiserlichen unter Umgehung von Wilz anzugreifen und dann den Bayern, auf deren Vereinigung der französische König aus politischen Gründen besonders drängte, die Hand zu reichen.
Nach einer Reihe von Manövern und Umwegen griff er den Markgrafen bei Frillingen (14. Oktober) an. Die Franzosen hatten 17.000 Mann in ihren Reihen, die Kaiserlichen 14.000. Die 2-stündige Schlacht war hart umkämpft, und der Sieg geriet ins Wanken. Die Einnahme von Schützengräben auf den Friedlinger Höhen und ein brillanter Angriff der Kürassiere entschieden die Schlacht zugunsten der Franzosen, die 2.500 Gefallene und Verwundete verloren; die kaiserlichen Verluste betrugen bis zu 2.000 Mann. Markgraf Ludwig zog sich nach Staufen zurück, wo er auf Verstärkung stieß.
Nach der Kapitulation von Friedlingen (15. Oktober) wurden die feindlichen Armeen in Winterquartiere verlegt.
Der 29-jährige Jean-Victor Moreau (1792) Gemälde von François Bouchot Public domain, via Wikimedia Commons
Koalitionskrieg
Der Erste Koalitionskrieg war der erste Krieg einer großen Koalition zunächst aus Preußen, Österreich und kleineren deutschen Staaten gegen das revolutionäre Frankreich zwischen 1792 und 1797 zur Verteidigung der Monarchie.
Wer sich genauer für die Wirren der Koalitionskriege interessiert, sei auf die Seite des Geschichts- und Heimatvereins Villingen verwiesen: https://www.ghv-villingen.de/. Villingen im Zeitalter der Französischen Revolution (1770-1815) von Michael Tocha.
Internetfund mit französischen Uniformen um 1790
Erzherzog Carl Ludwig Johann Joseph Laurentius von Österreich, Herzog von Teschen, (* 5. September 1771 in Florenz; † 30. April 1847 in Wien) aus dem Haus Habsburg-Lothringen war ein österreichischer Feldherr…. Die Zurückdrängung der französischen Rhein-Mosel Armee unter General Moreau über den Rhein nach der Schlacht bei Emmendingen verschafften Karl große Popularität in Deutschland.
Karl von Österreich-Teschen Porträt von Johann Baptist Seele (1800), Heeresgeschichtliches Museum in Wien, Public domain, via Wikimedia Commons
Die Schlacht bei Schliengen war eine Schlacht des Ersten Koalitionskrieges, in der sich die Armeen Österreichs und der französischen Republik gegenüberstanden. Sie fand am 24. Oktober 1796 im Markgräflerland zwischen Basel und Freiburg im Breisgau statt. Das Kampffeld erstreckte sich auf Schliengen (mit seinen heutigen Ortsteilen Mauchen, Liel, Obereggenen, Niedereggenen), Steinenstadt, Sitzenkirch und Kandern.
Dr. Ursula Speckamp schrieb hier über Heinrich Jansjakob (1837-1916) aus seinem Reisetagebuch, Verlassene Wege unterm 21. Juni 1900:
Ehe ich heute meine Reise fortsetzte, besuchte ich noch einen alten Ehrenmann, der einst in Rastatt mein Zeichenlehrer war – den Maler und Volksschriftsteller Lucian Reich. – Im dritten Stock eines kleinen Häuschens in Hüfingen, über dessen schmale Treppe ich mich förmlich hinaufzwängen mußte, traf ich ihn. Er war hocherfreut über meinen Besuch, der dreiundachzigjährige Greis, in dessen Zügen Bitterkeit und Biederkeit sich die Waage halten. – Er kommt seit Jahren nicht mehr aus seiner Stube und unter die Menschen, und sein einziges Kind, eine Tochter, pflegt ihn. – Unermüdlich ist er aber noch geistig tätig, liest und zeichnet und schriftstellert.
Wanderblühten aus dem Gedenkbuche eines Mahlers. Von Lucian Reich.
Mit einem Titelblatt von Rudolf Gleichauf und Bildern von L. Reich,
mit der Feder auf Stein gezeichnet von Johann Nepomuk Heinemann.
Karlsruhe. Herder’sche Buchhandlung (A. Geßner).
1855
Das Buch habe ich hier im Januar 2022 veröffentlicht. Allerdings veraltet auch eine Webpage ziemlich schnell und die nächsten Monate möchte ich die einzelnen Kapitel aktualisieren. Deswegen werde ich jedes aktuelle Kapitel wieder nach vorne kramen. Das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift hatte ich damals vorgelesen, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren. Aus diesen Gründen ist der Text ein Gemisch aus alter und neuer Schreibweise. Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz. In blau sind unten Erklärungen dabei.
Eingang
Eingang
Mehrere durch Lebensberuf und Neigung gleichgesinnte Freunde, welche in ihrer kleineren Stadt des badischen Oberlandes ihren Sitz hatten, waren gewohnt, ihre abendlichen Mußestunden vereint im häuslichen Kreise einer befreundeten Familie zuzubringen.
Es war in Zeiten gesellschaftlicher Verwirrung und Zwiespältigkeit, die Manchen, dem es unerquicklich erscheinen mochte, dem Tagesgetriebe sich hinzugeben, auf sich selbst oder den Umgang Weniger zurückwiesen. Das Haus, wo die Verbündeten ihre Zusammenkünfte hielten, war eine freundliche Gartenwohnung am Rande der Stadt, und hatte, um mich eines beschreibenden Vergleiches zu bedienen, einige Ähnlichkeit mit der Villa des Cicero bei Tusculum, wo bekanntlich dieser Philosoph öfter mit seinen Freunden zusammenkam, um diejenigen Materien zu besprechen, die er später niederschrieb, und nach dem Namen seines Landhauses betitelte, der Nachwelt hinterließ.
Wenn unser schwarzwäldisches Tuskulanum, welches, beiläufig gesagt, dem Italienischen gleichen mochte wie etwa einer Tanne dem Lorbeer, wenn es auch nicht das Glück hatte, Philosophen und große Gelehrte unter seiner seine Besucher zu zählen, so steht, so fehlte es doch keineswegs an Stoff zu gegenseitiger Unterhaltung und probaten Mitteln, den einförmigen Tageslebens eine farbige Folie unterzulegen.
Die Zeit, wo die Sonne im Zeichen der Waage zum zweiten Mal, dem Tage und der Nacht gleiche Dauer gibt, war vorüber, und der Winter begann bereits sein ganzes Aufgebot von dienstbaren Geistern: Frostn Nebel und Stürme, mobil zu machen und über das Land zu schicken, so dass jedermann wieder gerne zu Stuben und Ofen seine Zuflucht nahm.
Auch in unserem Tuskulanum hatte die Behaglichkeit einer stillen Häuslichkeit sich wieder geltend gemacht, und statt wie noch vor Kurzem die Abende im Freien zu verbringen, saßen jetzt die Freunde in dem Stüblein am runden Tische in der Nähe des Ofens, in welchen ein tüchtiges Feuer brummte, wie um die Wette mit dem eisigen Nordwinde, der draußen über die herbstlichen Stoppelfelder brauste und im Kamin seine Klagelieder sang.
Eines Abends, als ein junger Mann, der gewöhnlich das Amt eines Dorflehrers bekleidete, der Gesellschaft eine Novelle vorgetragen, bemerkte der Zuhörer, als jener geendet: „das ist wieder einmal eine jener romanhaften Liebesgeschichten, wie sie gewöhnlich in Büchern, aber selten oder nie im Leben vorkommen.“
„Ja wohl“, versetzte daraufhin ein Anderer, „man sieht auf den ersten Blick, dass das Ding keinen wahren Boden hat, also rein aus der Luft gegriffen und lediglich nur Machwerk ist. – Es gibt aber, sollte man meinen, im Leben genug Motive, die zu solchen Schilderungen recht guten Stoff abgeben und jedenfalls mehr Interesse erregen würden, als solche oberflächliche Erzeugnisse. – Mir fällt gerade ein Geschichtchen ein, welches ich einst von einem gesprächigen Alten vernommen, und wenn ihr mir Gehör schenken wollt, so will ich es gerne zum Besten geben.“
„Es soll uns willkommen sein!“ hieß es von allen Seiten, und nachdem der Freund sein Pfeifchen gestopft und angezündet hatte, begann er seinen Vortrag.
Elisabeth (Lisette) Reich (1819 – 1871) am Spinnrad; Katharina Heinemann (1828 – 1900) mit Kind; J. Nepomuk Heinemann, genannt „Muckle“ (1817 – 1902) mit Fes (Das Tragen eines Fes war im Biedermeier ein Zeichen der Gemütlichkeit); Lucian Reich (1817-1900) mit Pfeife; Rudolf Gleichauf (1826 – 1896) rechts unter der Uhr; Josef Heinemann (1825 – 1901) mit Buch.
„Druf bruckt er ’s Füür mit de Fingeren abe,“ und macht ’s Deckli zu. „Se willi den näumis verzehle,“ seit er, und sizt nieder, „doch müender ordeli still sy, aß i nit verstunn, ebs us isch;“ von Johann Peter Hebel Mit der Feder auf Stein gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann
Die erste Geschichte ist die eines alten Herren, des Baschi, den der Erzähler bei einer seiner Wanderschaften in einer alten Friedhofskapelle trifft. Der alte Baschie erzählt, wie er seine Frau, das Burgele, kennenlernte.
Das Burgele
Als ich einst, fing er an, nach längerer Abwesenheit meinen Aufenthalt wieder auf einige Monate im elterlichen Hause genommen, ward mir manche freie Zeit zu Ausflügen in die Umgegend und den angrenzenden Schwarzwald.
Auf einer dieser Wanderung in den nächsten Schwarzwaldtäler wollte ich bei einem alten Bekannten nicht vorübergehen. Es war dies ein schon bejahrter Mann mit gutem Gedächtniß, welcher mancherlei von der alten Zeit und ihren Sitten zu erzählen wußte. Seine Wohnung lag etwas abseits des Städtleins, dicht neben dem Kirchhofe, auf welchem er das Geschäft seines Totengräbers zu verstehen, eines Totengräbers zu versehen hatte.
Eine in der Mitte des Platzes stehende, halb zerfallene Kirche war ihres hohen Alters wegen schon oft der Gegenstand meiner Betrachtung geworden. Einst die Pfarrkirche des Dorfes, war sie, seit der Erbauung einer neuen Kirche innerhalb des Städtlein selbst verlassen, und seit Menschengedenken kein Gottesdienst mehr in ihr gehalten worden. Von den verödeten, entweihten Altären blickten noch alte holzgeschnitzte Heiligenbilder, als Denkmäler jener kräftigen, begeisterten Zeit, welche dem Leben und der Kunst einen goldenen Boden bereitete und an den Wänden zeigten sich noch hie und da Überreste von alten Malereien; aber die Fenster waren zerbrochen und das Blei hing schlotternd herab, dem Wind und Wetter seinem Durchzug gewährend. Nur noch einzelnen Betern diente jetzt die Kirche zur einsamen Gottesverehrung, und in den hinteren Räumen, neben zertrümmerten Kirchenstühlen, bewahrte der Totengräber die Bahre auf und sein übriges Geschirr. Denn der Kirchhof ist immer noch wie vor Zeiten die Begräbnisstätte der Ortseinwohner, und die Glocken im alten Turme läuten noch jeden Abgeschiedenen auf dem Heimweg.
Diesmal fand ich das Haus des Totengräbers verschlossen und suchte deshalb meinen Mann auf dem Kirchhof. Es war zur schönen Sommerzeit; der alte Lindenbaum an der Mauer stand in vollen Blüten, und einige Kinder waren beschäftigt, diese in Körbchen zu sammeln, zum heilsamen Tranke. Ein paar fromme Mütterlein wandelten betend zwischen den Gräbern, und weiterhin sah ich endlich den Alten, wie er eben einem Verstorbenen seine letzte Ruhestätte bettete.
Ich trat näher und grüßte ihn; er reichte mir die Hand aus dem halbfertigen Grabe und sagte, wie es ihn freue, mich wieder einmal hier zu sehen. Zugleich erkundigte er sich nach meinem bisherigen Aufenthalte, und als ich ihm gesagt, ich komme aus ich komme aus dem Unterland, so fragte er mit Theilnahme nach Neuigkeiten von dort.
„Das Neueste“, antwortete ich, „ist jetzt die Eisenbahn, an welcher über Kopf und Hals gearbeitet wird, so dass schon eine Strecke unterhalb Karlsruhe befahren werden kann.“ Es war nämlich zu Anfang der vierziger Jahre.
„Hm!“ sagte er, „was der Mensch doch für Erfindungen macht, um schneller durch’s Leben z’kommen – es geht ja ohnehin schnell g’nug, d’Zeit selber ist en Eisenbahn.“
„Und ihr seid der Bahnwärter an der letzten Station, nicht wahr?“ erwiderte ich, auf das offene Grab deutend, „da müssen eben alle Passagiere aussteigen, weil jenseits eine andere Spurweite beginnt, zu welcher die irdischen Räder nicht mehr passen“, setzte ich bei, sein Gleichnis weiter ausmalend.
Er nickte, obwohl er mich nicht ganz verstanden haben mochte. „Ja, ja“, sagte er nach einer Weile, „’s geht rasch mit dem Lebe, das ist jetzt das dritte Mal, dass ich den Kirchhof umgab‘. Ihr könnt Euch denke, wie Mängem ich schon sein Bettle g’macht hab‘. Da schaufle ich eben dem Kranzwirth aus, en Mann, der seiner Zeit in Ehr und Reichtum g’standen, es weiß kein Mensch wie groß, er und seine seine vier schönen Töchter, -und jetzt ist keins mehr da von Allen nix als Knoche – lauter Vergänglichkeit.“
Der Mann fragte mich hierauf, wo ich hin wolle, denn er hatte bemerkt, dass ich Kappe und Regenschirm bei mir trug, und auf meinem meine Erwiderung, dass ich eine kleine Reise vorhabe und beim Rückweg wieder bei ihm zu sprechen gedächte, um mit ihm mehr noch von den alten Zeiten zu plaudern, deutete auf ein altes, graues Männlein, welches mühsam den Hügel herauf gegen die Kirche kam. „Der kann doch von Allerlei erzähle“, sagte er, „das ist einer der Ältesten im Ort, der alt‘ Baschi.“
Dieser Weisung zufolge verabschiedete ich mich von meinem nimmer rastenen Gärtnersmann und schritt auf die Kirche zu, in der Absicht, mit dem Alten anzuknüpfen. Er war schon innerhalb des Gotteshauses angekommen und hatte ermüdet in einem der Kirchstühle Platz genommen.
„Geht’s immer noch ein wenig, Großvater?“ fing ich an. Kann’s nicht lobe“, gab er zur Antwort, „’s ist bald Mathä am Lezte mit dem Baschi – wär’aber auch kein Wunder“, setzte er lächelnd bei.
„Wie alt, Mann, seyd ihr wohl?“ fragte ich weiter. „Ihr könnt denke, es sind jetzt schon 65 Jahr, seit ich geheiratet habe, und 15 Jahre sind’s, seit’s Bugele selig tot ist – und ich leb‘ alleweil noch.“ „s’Burgele war euer Weib?“ fragte ich, und als es bejahte, erkundigte mich, ob es auch aus dem Städtlein gewesen. „Ah, b’hütesgott!“ sagte er kopfschüttelnd, „es ist in der Schollach daheim g’wese, wenn Ihr wisset, wo die liegt.“ „Recht wohl“, versetzte ich, „aber wie habt Ihr sie denn kennengelernt?“ „Auf sonderbarliche Art, Herr, unsere Liebe hat mir Prügel eingefangen – abt Ihr auch schon mal so was gehört – mit Prügel!“ sagte er lachend. „Das ist allerdings ein wunderlicher Anfang“, bemerkte ich; „denn dass schon manche Liebe auf diese Art geendet hat, ist bekannt, aber damit angefangen, das ist unerhört – Bin doch begierig, zu hören, wie sich’s zugetragen.“ „Von Profession“, fuhr der Baschi fort, „bin ich ein Zimmermann, weil es aber daheim mit allsfort Arbeit gebe hat, so bin ich ‚rum zogen im ganzen Fürstenbergischen und weiters; denn, Herr, dazumal sind nicht noch so viel Häuser im Rauch aufgegange, wie jetzt, und d’rum auch weniger gebaut worden. Vor sechsundsechzig Jahren aber hat es sich ereignet, dass der Wolfshalder-Hof verbronne; ’s hat selbige Tag ein entsetzlich‘ Wetter am Himmel gehabt, und man hat sagen wollen, es sei unter erschröckliche Schlägen en feurige Drach‘ aus finsteren Wolken auf’s Haus ‚rab g’fahre. Gesehen habe ich es nicht, aber so viel ist richtig, dass selbigmal der Wolfshaber-Hof verbrannt worden ist bis auf den Grund. Der Schaden ist groß gewesen, aber das Vermögen vom Wolfshalderbauer noch größer; das Holz zum Bau hat er im eigenen Wald geschlagen, und die Bretter auf der eigenen Sägemühle schneiden lassen, und an baarem Geld hat es ihm nicht gefehlt. – Da habe ich denn auch Arbeit gefunden als junger Zimmergesell. Mein Meister ist der Seppetoni selig gewesen, ein Ausbund von Geschicklichkeit, wie man in siebe Herre Länder kein‘ mehr antrifft, Herr! – Gegen den Herbst ist der Hof wieder gestanden, größer und properer als z’erst, und am Donnerstag nach Michäli ist der Dachstuhl aufgeschlagen worden. Dazumal aber habe ich noch keine Bekanntschaft gehabt; doch bekennen muss ich, s’Zinkebaure Jüngste hat mir gefallen, ne bundesnett Weibsbild, gesund und frisch wie eine Rose. Das Mädel aber hat nichts von mir wissen wollen, und das hat mich bitterlich verdrossen. Wie nun der Dachstuhl glücklich aufgeschlagen gewesen war, habe ich den üblichen Spruch gehalten, denn in derartigen Dingen habe ich meines Gleiche g’sucht. Mein Vater selig ist der Spielhans gewesen, ein Tanzgeiger und Reimereißer obenaus; aber ’s Geigen ist jetzt abgekommen beim Tanz, es muss jetzt Alles pfiffen und trompetet sein. – Des Zinkebaure Jüngster und ihre Kamerädine zum Schabernack, habe ich aber in den Spruch noch das Versle eing‚flickt:
„Von schöne Mädle, das ist bekannt, hat es die feinste hierzuland; Doch will ich nicht lang suchen und laufen, Will ein Dutzend um ein alt’s Strohseil kaufen“,
und da sind sie halt waidlich ausgelacht worden. Darnach aber ist der Schmaus angangen und alle Nachbarn und Bekannten sind dazu invitiert worden. Herr! das ist en Esse g’wese – potz Dunder! Zuerst sind komme: Knöpfle im Specksuppe, Leberwürste und zwei Dudelsäck, d’rauf grüner Speck, Schulterblättle und Rippestückle, nach dem geräucherten Speck und Bratwürste, und auf das erste noch vier Hammestoze* und Stücker habe wir davor ‚runter g‚säbelt, wie Brieftasche – e Sauerkräudle dazu, so schön wie en Goldfaden; aber z’allereletzt sind noch aufgetrage worden zwei Guckinofen** und Torten und Muskete“. * Schinken ** Gugelhopf
„Pasteten, wollt Ihr sagen“, unterbrach ich ihn. „Nun ja, ich sage ja nur Muskete, mit Mandeln und Zibeebe, denn ihr müsst wissen, dass die jüngste Tochter vom Wolfshalder Klosterfrau gewesen ist in Friedenweiler, und die hat das Backwerk spendiert; und was an Wein draufgegangen, ist nicht zum sage. Am Samstag darauf bin ich heim, um meiner Mutter, tröstet sie Gott, die schwarz Wäsche z’bringe, und wie ich da mit meinem Bündel unterm Arm guten Mutes fort marschiere und zum Bildstöckle komme -was geschieht? Die Mädel passe mir auf, von wegen dem Spruch. „Da kommt er mit seinem wüsten Maul“, höre ich sagen, „und da hat’s Trinkgeld“. Jetzt aber ist es losgegangen mit Ruten und Besen über mich her! Da ist dabeigewesen ’s Zinkebaure Jüngste, ’s Fralkebühlers Rosle, das Brunnenbachers Kätherle, s‘ Bierwirths Sepperle, s‘ Waldbauers Burgerle und noch drei Andere. Da habe ich denn für jedwedes unnütz‘ Wort, was ich gesprochen habe, ein Paar Flausen überkommen und es ist mir ganz recht geschehen.
Die aber, die mir’s am Allerärgsten gemacht hat, die ist s’Burgele gewesen. „Du wirst an mich denken“, sagte es und versetzte mir noch ein Paar herzhafte mit den bloßen Händen und seine weißen Arme – gibt mir en Blick und macht sich aus dem Staub mit den Anderen.
Die Geschicht aber hat mir z’denke g’macht, absonderlich s’Burgele’s Benehmen und seine Wort‘, und ihr dürft mir’s glauben, Herr, es ist mir zur Nacht verkommen im Traum – und fein lieblich Gestalt ist wieder vor mir gestanden, und es sagt mit freundliche Worte zu mir: „Du wirst an mich denken“, und gib mir, statt den Streichen, e‘ Schmüzli und rennt fort .- ‚s ist e‘ Sach, Herr, um d‘ Jugend!
Am Montag darauf komme ich wieder zurück; da habe ich denn für den Spott auch nicht sorgen dürfe, von wege dem Trinkgeld. Am nämlichen Nachmittag aber sehe ich, nit weit von unserem Zimmerplatz s’Burgele, wie es auf dem Grasplatz vor ihrem Haus Garn spreitet; es ist ein schöner Tag gewesen. – Ich lug hinüber, und wie ich so während der das Holz’bschlagen ‚nüber schiel, glitscht mir’s Breitbeil aus am Holz und fahrt mir tief in den Waden am linken Fuß, und das Blut ist rausgesprungen wie ne Brunnenröhre; –‚s Burgele sieht’s und springt rüber.
„Um Gotteswille“, ruft es, „was hast g’macht und was ist passiert, o Baschi!“ Und es reißt in der Eil sein Fürtuch vom Leib und will mir’s Blut stille, nimmt mich am Arm und führt mich in ihr Haus; und die Anderen sind her g’sprungen und haben mich noch gar verbunden. Zum Glück ist grad das Kräuter-Toneli bei der Hand mit seiner Kunst und Sympathi; es nimmt e‘ Gläsle mit Kupferwasser und lasst etliche Blutstropfen d’rein fallen und sagt: „das Glas muss jetzt ‚e reine Jungfrau in ihrem Kleiderkasten aufhebe, doch so, dass weder Sonne noch Mond dazukommt“, und s’Burgele springt auf und sagt: „gebt’s mir her, Tonele!“ und es nimmt’s und verschließt’s in seinem Kasten, und im nämlichen Augenblick ist s’Blut gestillt, und d’Schmerze sind weg, wie weg g’wischt.
„O Burgele, Burgele, sag ich, was tust du am mir, ich kann’s dir mein Lebtag nicht vergelten.“ „Es ist ja gern geschehen“, sagt es, „und wenn’s nur bald wieder gesund wirst, Baschi!“ Ich aber bin bald wieder heil worde, denn es hat sich schnell bessert, und s’Burgele ist bei mir bliebe früh und bis spät und hat mir abg’wartet. Schon nach acht Tagen habe ich wieder marschieren können und bin heim gegangen. Wie ich aber daher oben angekommen, so fangt die Blessur unverhofft wieder an zu bluten und die Mutter meint, es kommt von der Mühe im Laufe; sie rennt fort und holt den Scharfrichter-Hans, der hat auch verstanden z‘ „stille“. – Ich sage ihm, so und so ist’s gegangen und das und das hat mir geholfen; er aber macht seine Spargelementer und sagt, dass ich mindestens acht Tage Hausarrest haben soll. – „Aber das kann ich euch sagen“, macht er, „wenn ich nicht dazugekommen wäre, hätte es euch könne das Leben kosten, Baschi; ich vermute nämlich nichts anderes, als dass das Fläschle, von dem er mir sagt, an der Sonne oder an’s Feuer gekommen ist.“
So wird mir doch, denke ich, s’Burgele den Streich nicht gespielt haben, es täte mir wahrhaftig weher als der böse Fuss, und macht mir so meine Gedanken. Zwölf Tage habe ich d’Stube hüte müssen und wie ich wieder hoch marschieren können, ist der erste Gang – in d’Schollach.
Wie ich zu s‘ Waldbauers Haus hin komm‘, treffe ich gerad ’s Kräuterweible vor der Tür, und es winkt mir und nimmt mich zur Seite. „Baschi“, sagt es, „Ihr habt nicht gut g’handelt am Bugele“, und Dies und Jenes. „Warum?“ sagt ich. „und was meint ihr damit?“ und sie erzählte mir Alles. „Drum hat es en „Anhalter“ g’habt ’s Zinkebauers Franz, und Vater und Mutter haben ihm zugesprochen, es soll ihn nehme. Geld hat er und Haus und Hof dazu; aber s’Burgele will nit. Lieber ledig sterben als den Franz! sagt es, und wie sie ihm weiters zuspreche, wird es krank und ißt nicht und trinkt nicht, denn die Liebe ist eine Krankheit, sagt das Sprichwort. Keinem Menschen aber hat es anvertraut, was ihm fehlt und wo sein Kummer sitzt, als mir.“ „Ich habe ’s im Vertrauen in den Baschi gesetzt.“ sagt es, „und keinen Anderen will ich und mit keinem Anderen kann ich leben; wenn er nur käme und wenn ich mit ihm reden könnt“. – Aber wer nicht kommt, das ist der Baschi, und es wartet und wartet, und es kommt kein Baschi. „Er hat mich vergessen“, seufzt es und brieget. Und so, Freund, stehe jetzt die Sache“, sagt’s Toneli, „sprecht, wie seyd ihr g’sinnt, und was ist z’machen. Euer Zuspruch wird besser helfen als alle meine Kräuter und alle Sympathie.“
Ihr könnt euch vorstellen, Herr, wie groß auf einmal meine Freude und meine Hoffnung geworden sind, und ich sag ihm, wie es mir gegangen, wie mein Fuß wieder rebellisch worden sey und was mir der Scharfrichter-Hans bedeutet habe, von wegen dem Gläsle. Aber s’Töneli erklärt und mir d’Sach.
„s’Burgele ist unschuldig, und ihr könnt ihm keine Schuld beimessen; s’Barbele, seine jüngste Schwester, hat den Streich gespielt und s’Gläsle heimlich aus dem Kasten genommen und an die Sonne gestellt aus Wunderwitz. s’Burgele ist dazugekommen und zum Tod erschrocken, und rennt schnell zu mir und sagt mirs.“
„Burgele, habe ich gesagt, es gibt Gegenmittel und ich will es anwenden, Dir und dem Baschi zuzlieb, aber hätte gefährlich ablaufen können, mit solchen Sachen lässt sich nicht spaßen.“
„Tonele“, sag ich, „Ihr seid mein guter Engel, der mich leitet und führt, und grüßet mir s’Burgele, es soll mir verzeihe, wenn ich es erzürnt habe, und ich wollte selber noch mit ihm reden“, und so und so und so.
Den nämlichen Tag noch ist es aufgestanden, und am anderen Morgen hat es eine Wallfahrt gemacht, mit dem Bärbele und dem alte Tonele nach, Tryberg zur Kreuztanne; und wie sie wieder retour kommen, so stehe ich ihnen auf dem Weg beim Bildstöckle, wo ich vor 14 Tagen die Flause bekommen habe.
Es ist schon ziemlich dunkel gewesen, und wie sie daherkommen, so gehe ich aufs Bugele zu und sage „Verzeiht mir Burgele (denn ich hab’s Herz nimmer g’habt, „Du“ zu ihm z’sagen) und zürnet mir nicht.“ Es aber gibt mir die Hand und sagt „ich wüßte nicht wegen was, Baschi“ zieht e’Betbüchle heraus und reicht mir e‘ Helgele: „da hast dein’n heilige Namenspatron, und wir haben auch e‘ wenig für dich betet bei der Kreuztanne, und du darfst mich aber wohl noch duzen!“ sagt es. Und s’Tonele winkt mir mit den Auge.
Und das ich’s kurz mache, Herr, wir haben einander geheiratet trotz meiner Armut und alle Hindernissen. Aber Harz hat es kostet, das kann ich sagen, bis die Älteren das Jawort gegeben haben und bis alles in Richtigkeit gewesen ist. Denn, selbiger Zeit ist’s Hochzeitmachen nicht so leicht gegangen, wie heut zu Tage; aber ich habe gute Patrone gehabt und unser Bürgermeister hat mir geholfen mit guten Attestate, sonst wär es auch nicht gegangen.
Mit der Arbeit und Sparsamkeit haben wir uns durchgeschlagen, und wenn auch im Anfang Schulden vorhanden gewesen sind, so haben wir uns doch in kurze Jahre frei gemacht. – Freud und Leid, gute und böse Tage haben wir miteinander ertragen und unser Herrgott hat uns geholfen. d‘ Burgele ist jetzt schon 15 Jahre tot, aber kein Stund vergeht dem Tag, wo ich nicht an ihn’s denke, und sein Tag im Jahr und kein Tag im Jahr, wo ich nicht für ihn‘ s bet. – Ich denke, Der, der das Menschenherz trennt, wird’s auch wieder vereinigen. – Das, sagte er, an seinem abgetragenen blauen Rock deutend, ist mein Hochzeitsrock und mit dem soll man mich auch ins Grab legen. – Wenn’s nur bald Gotteswill wär.
Der Alte schwieg, und seine Lippen bewegten sich wie in stillen Gebete. Ich legte ein Geldstücklein in seinen nebenan stehenden Hut und er nickte stumm zum Abschied. Als ich nach einigen Wochen wieder von meinem Ausflug zurückkam und meinem Versprechen gemäß beim alten Totengräber einsprach, rief mir dieser schon von weitem entgegen „der Baschi ist fort, – er ist erlöst, unser Herr Gott hat ihn endlich zu sich genommen. – Dort hinten bei der Linde habe ich ihm’s Bett gemacht, nicht weit von seinem Burgele. Er hat sich gefreut auf sein‘ Sterbestund, tröst ihn Gott – er hat’s überstanden!“
So erzählte der Freund, und alle baten ihn, diese Geschichte doch aufzuschreiben, dem guten Burgele und dem Baschi zum Gedächtnis und ihren, den Zuhörern, zur freundlichen Erinnerung an eine angenehm verbrachte Stunde.
Der Erzähler hatte der Gesellschaft zu willfahren versprochen und brachte wirklich nach einiger Zeit die kleine Novelle Schwarz auf weiß. – „da bekanntlich“, sagte er mit sehr ernsthafter Miene, indem er das Werk den Freunden reichte, „Bescheidenheit schriftstellerischer Verdienste holdefte Tochter ist, so glaube auch ich mit unserem gefeierten Landsmann und Dichter von dieser Arbeit sagen zu dürfen, dass ihr Inhalt und ihre Manier sie besonders für die Freunde ländlicher Natur und Sitten eignet; und wenn Herren und Damen höherer Bildung sie nicht ganz unbefriedigt aus den Händen legen, so ist der Wunsch des Verfassers erreicht. Ich habe“, schloss er, „der kleinen Gabe nach eine bildliche Darstellung beigegeben, gleichsam als heimatlichen Boden und Fundort des Blümleins, welches also ausgestattet ich Euch überreiche.“
Wie zu erwarten, erntete der Autor großes Lob – ein Ding, womit Freunde in der Regel nicht allzu sparsam umgehen zu pflegen. Auch wurde dabei der Wunsch ausgesprochen, es möchte dem Einzelnen Mehreres dere Art angereihet werden, so dass es, wie eben Kranze die Blume (welche oft für sich alleine wenig ist) im Verein mit anderen gehoben und bedeutsamer erscheine.
„Gut!“ ließ sich der Erzähler der freundlichen Idylle vernehmenm „um also den Anforderungen wohlmeinender Freunde zu entsprechen, wie es gewöhnlich in Vorreden heißt, will ich Eurem Begehren nachkommen und dem Versuch machen. – Was ich jedoch geben möchte, sind, und bei dem gewählten Bild stehen zu bleiben, weniger künstlich gezogene Zier- und Prachtblumen, als vielmehr solche, wie sie etwa ein Wanderer am Wege durch Felder und Wälder zu pflücken Gelegenheit findet, oder mit anderen Worten, Schilderungen aus dem Gedenkhefte eines Reisenden. – Was aber die Art und Weise der Darstellung betrifft, so wolle der geneigte Leser, wie ein alter Scribent in seiner Vorrede sich ausdrückt, dieselbe sich wohl gefallen lassen und wenn einige Fehler und Mängel sich eingeschlichen, dieselben mit seiner Nachsicht und gewohnten Leutseligkeit wohlgeneigt zudecken; was mich nicht allein unendlich obligieren, sondern auch ermutigen würde, in Zukunft mehr Anderes mitzuteilen, sintemal in einige Jahre über durch selbst eigene Notierung, als auch nach gepflogener Korrespondenz, verschiedene Historien zusammen bekommen, welche der wißbegierigen Welt keineswegs verdeckt werden, noch in ewige Vergessenheit geraten sollen. – Indessen bleibe das liebe Publikum mir gewogen und lebe verpflichtet, dass ich ihm zu dienen allzeit bereitwillig verbleibe u.s.w.“
Nach diesen und ähnlichen Präliminarien wurde ganz weiter ausgemacht, dass einige Abende in der Woche den Mitteilungen gewidmet werden sollen, vorausgesetzt, dass nicht etwa wichtige Stadt- und Landneuigkeiten einliefern, die eine gründliche patriotische Besprechung vor Allem notwendig machten. Zum Schluss versprach noch ein Mitglied, den ganzen ehrenwerten Club in Tusculanum, wie er leibte und lebte, zu Papier zu bringen und sollen je die Abhandlung, etwa unter dem ansprechenden Titel: „Wanderblühten“ oder „fliegende Blätter aus der Reisetasche eines modernen Pilgers“, gedruckt und herausgegeben werden, so, meinte er, könne das Ding eben so gut, wie manche bescheidene Neuere ihr eigenes Bildnis als empfehlendes Tavernschild vor ihren Werken aushängen, dem Ganzen als Titelblatt beigegeben werden.
So viel über die Veranlassung, welcher die nachfolgenden Mitteilungen zunächst ihr Entstehen verdanken.
„Und woni gang, go Gresgen oder Wies in Feld und Wald, go Basel oder heim, s’isch einerlei, igang im Chilchhof zu“ Johann Peter Hebel Mit der Feder auf Stein gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann
Der Baschi war Zimmermann und hat das Burgele bei Arbeiten an einem niedergebrannten Hof kennengelernt. Aus Unachtsamkeit haut er sich mit dem Breitbeil in die linke Wade. Zum Glück kommt gerade „das Kräuter-Toneli“ vorbei, nimmt ein Gläschen mit Kupferwasser und läßt etliche Blutstropfen hinein fallen. Das Glas muss dann bei einer reinen Jungfrau in ihrem Kleiderkasten aufbewahrt werden. Es darf aber weder Sonne noch Mond drauf scheinen. Burgerle nimmt das Gläschen zu sich in ihren Kleiderkasten. Der Baschi ist sehr dankbar, dass sie ihm das Leben gerettet hat. Die Blutung hört sofort auf.
Danach geht der Baschi zu seiner Mutter ihr die Schmutzwäsche zu bringen. Bei der Mutter angekommen blutet das Bein wieder. Die Mutter holt den Scharfrichter-Hans, der auch verstehen würde Blut zu stillen. Der befiehlt zwölf Tage Hausarrest. Und meint, dass das Fläschle mit dem Blut an die Sonne gekommen sei. Baschi wundert sich, dass das Burgele ihm solch einen Streich gespielt hat, der ihm fast das Leben kostet.
Als es ihm wieder besser geht, trifft er an dem Bildstock das Kräuter-Toneli. Toneli erzählt Burgele hätte einen reichen Mann heiraten sollen, aber sie würde ich weigern und nur den Baschi wollen. Dann sei die kleine Schwester an ihren Kleiderkasten und habe das Fläschchen mit dem Blut am Fenster angeguckt. Kräuter-Toneli wurde sofort von Burgele dazu gerufen und konnte Baschi gerade so nochmal retten, sonst wäre er jetzt tot.
Da lässt Baschi dem Burgele Grüße ausrichten. Darauf hin geht das Burgele mit Freundinen nach Tryberg an die Kreuztanne zum beten. Was es mit der Bildtanne in Triberg auf sich hat, läßt sich auf den überaus interessanten Seiten von Dieter Hund nachlesen. Diese kommt nämlich schon im Kapitel 22 vom Hieronymus vor.
Als das Burgele mit den Freundinnen zurück kommt, wartet der Baschi an dem Bildstock auf sie. Die zwei sprechen sich aus und werden heiraten.
Nach der Geschichte mit dem Baschi und seinem Burgele, entschließen sich die Freunde von nun an Geschichten zu sammeln und aufzuschreiben.
Pilgerfahrten durch das Breisgau und den Schwarzwald.
Die Pilgerfahrt beginnt in Staufen an der Johanneskapelle.
„Ne gattig Chilchli hen si do, so sufer wie in menger Stadt, s’isch Sechsi uffem Zifferblatt.“ Johann Peter Hebel Mit der Feder auf Stein gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann