Alemannentagung
Niklas Grüninger über ein besonderes Phänomen im Alemannischen 

29. April 2025 von Niklas Grüninger

Hallo liebe Mundelfinger,

im letzten Jahr habe ich für mein Studium in Germanistik eine Masterarbeit über ein besonderes Phänomen im Alemannischen geschrieben und die dabei gewonnenen Ergebnisse auf der Alemannentagung in Bern vorgestellt. Ich freue mich nun sehr darüber, dass ich euch ebenfalls ein wenig über die Ergebnisse der Arbeit berichten kann und hoffe sehr, dass dasThema für euch interessant ist. Ich habe versucht, alle Fachbegriffe verständlich darzustellen und auch einige Beispiele aus unserem Dialekt darzustellen.
Da ich vor einer Woche eine Doktoratsstelle in Dialektologie an einem Graduiertenkolleg begonnen habe, werdet ihr im Laufe des nächsten Jahres sicher noch einmal von mir hören.
Wenn es dann so weit ist und ich nach Versuchspersonen suche, würde ich mich sehr darüber freuen, den Großteil meiner Forschung mit Mundelfingern durchzuführen zu können, um unseren Mundelfinger Dialekt in allen Altersgruppen weiter zu erforschen.

Einleitung

Einleitung

Das Thema meiner Masterarbeit war ‚Wahrnnehmungsimperative im Alemannischen – Methoden zur Beschreibung und Analyse lexikalischer Variation‘. Was erst einmal relativ kompliziert klingt, bedeutet im Grunde, dass ich mich für diejenigen Wörter interessiert habe, mit denen man andere dazu auffordert, etwas anzuschauen. Obwohl bei uns in Mundelfingen dafür vor allem ‚guck‘ verwendet wird, kennen wohl alle von uns auch die Variante ‚lueg‘, die in weiten Teilen des Raums Waldshut-Tiengen üblich ist. Auch das für uns hochdeutsch klingende ‚schau‘ kommt öfters vor allen bei den jüngeren Dialektsprechern vor. Im Prinzip und auch laut der aktuellen Forschung wird angenommen, dass diese drei Aufforderungen ein
und dasselbe bedeuten: jemand soll sich etwas Bestimmtes anschauen.
Die These, die ich für meine Masterarbeit erforscht habe, war jedoch, dass diese drei Varianten in denjenigen Räumen, in denen man alle drei gleichzeitig benutzt, unterschiedliche Funktionen und Bedeutungen aufweisen. Um dies herauszufinden, habe ich 130-Stunden langes Videomaterial aus Gesprächen zwischen Eltern und Kindern aus dem hochalemannischen Raum analysiert und verschiedene sprachliche Aspekte herausgearbeitet, mit denen es möglich ist, vorauszusagen, welche Variante wann vorkommt. Obwohl die Daten zum Großteil aus dem Raum WT stammen, können die Ergebnisse trotzdem auch auf unser Mulläfingerisch bezogen werden.

Trockene Zahlen

Da das Spektrum der sogenannten ‚Variationslinguistik‘ stark auf Statistik aufbaut, musste ich während meiner Forschung viel mit Zahlen, Prozenten und Wahrscheinlichkeiten arbeiten.
Diese trockenen Zahlen sind an sich wenig interessant und ich werde im folgenden Beitrag versuchen, die Ergebnisse so gut wie möglich ohne zähe Statistiken darzustellen. Was allerdings interessant ist, sind die sogenannten ‚Tokenzahlen‘, also die Gesamtanzahl der Vorkommen von ‚lueg‘, ‚guck‘ und ‚schau‘ im kompletten Videomaterial. ‚Lueg‘ wurde dabei mit 1475 Vorkommen am häufigsten benutzt, aber auch ‚guck‘ (336 Vorkommen) und ‚schau‘ (224 Vorkommen) waren relativ häufig anzutreffen.

Teil 2

Lautliche Einflüsse

Der erste Aspekt, den ich in meiner Arbeit untersucht habe, waren die lautlichen Einflüsse der drei Varianten ‚guck‘, ‚schau‘ und ‚lueg‘. Hier hat sich gezeigt, dass unser Dialekt zwei seh spezielle ‚Vorlieben‘ hat, die dafür sorgen, dass Sprecher des Alemannischen die Varianten so auswählen, dass deren lautliche Umgebung gewissen Regelmäßigkeiten folgt.
Die erste spezielle Eigenschaft unseres Dialekts ist, dass wir es nicht mögen, wenn ein sogenannter Hiatus zwischen Zwei Wörtern besteht: wir vermeiden es so gut wie möglich, ein Wort, das vokalisch endet (z.B. ‚schau‘) mit einem Wort zu kombinieren, das vokalisch anfängt (z.B. ‚einmal‘). Diese Regel erklärt, weshalb für uns das Wort ‚schau‘ hochdeutsch klingt: wir vermeiden es, da die Gefahr besteht, dass ein Hiatus entsteht. Und tatsächlich haben die Sprecher im Videomaterial ‚schau‘ extrem selten verwendet, wenn darauf ein Vokal folgt; stattdessen wurde häufig ‚lueg‘ verwendet, um diesen Hiatus zu vermeiden.

Interessant zu wissen ist auch, dass wir alle ganz unbewusst eine Strategie verwenden, um diese zwei aufeinandertreffenden Vokale zu ‚überbrücken‘. Bei dieser Strategie (hiatustilgendes ‚n‘) fügen wir zwischen zwei Vokalen ein ‚n‘ ein, das den Hiatus zwischen den Wörtern verhindert. Stellt euch mal vor, wie ihr folgendes im Dialekt sagen würdet: „Ich bin gestern gegangen.“ Viele haben jetzt wohl so übersetzt: „Ich bi geschtert gangä.“ Hier fällt auf, dass ‚bin‘ in unserem Dialekt eigentlich kein ‚n‘ hat und wenn jemand statt ‚ich bi‘ ‚ich bin‘ sagt, fällt sofort auf, dass diese Person wohl Hochdeutsch spricht. Stellt euch jetzt aber mal vor, ihr wollt den gleichen Satz als Frage formulieren: „Bin ich gestern gegangen?“
Die allermeisten haben für diese Frage wohl die beschriebene Strategie benutzt und ein ‚n‘ eingefügt, damit zwischen ‚bi‘ und ‚ich‘ kein Hiatus entsteht: „Bi–n–i geschtert gangä?“.
Diese Strategie verwenden wir überraschend oft und vielleicht fällt euch in Zukunft manchmal auf, dass ihr in Gesprächen oft ein zusätzliches ‚n‘ einfügt. Einige fragen sich jetzt sicher auch, weshalb wir ‚ich‘ manchmal mit ‚ch‘ aussprechen und manchmal ohne. Diese Frage kann mit der zweiten lautlichen Eigenschaft unseres Dialektes erklärt werden.

Teil 3


Wie im vorherigen Kapitel bereits angedeutet wurde, kombinieren Sprecher ‚guck‘ ebenfalls sehr selten mit Vokalen, obwohl ‚guck‘ eigentlich mit einem Konsonanten endet und somit keinen Hiatus verursachen kann. Hier kommt die zweite Eigenart unseres Dialekts ins Spiel: die sogenannte ‚Resilbifizierung‘. Der bekannteste Dialektologe Deutschlands Peter Auer hat einmal zwischen „Akzentsprachen“ und „Silbensprachen“ unterschieden. Hochdeutsch tendiert allgemein zu den Akzentsprachen: Wörter werden klar voneinander abgetrennt und mit einem besonderen Laut, dem glottalen Plosiv, voneinander abgegrenzt; so würde ‚luge einmal‘ durch diesen besonderen Laut vor dem ‚e‘ in ‚einmal‘ klar in zwei Wörter unterteilt.
In unserem Dialekt gibt es diesen Laut allerdings nicht, weshalb das Alemannische (wie z.B. das Französische) zu den Silbensprachen tendiert und verschiedene Wörter ‚resilbifiziert‘, also nicht nach Wortgrenzen, sondern nach Silben trennt. Versucht mal, im Hochdeutschen ‚luge einmal‘ nach Silben zu trennen. Hier hätten wir vier Silben: „lu-ge ein-mal“. Und jetzt versucht, das gleiche mit unserem Dialekt (‚lueg ämol‘) zu machen. Jetzt müsste euch aufgefallen sein, dass wir diese Zwei Wörter verschmelzen und nur drei Silben haben: ‚lue- gä-mol‘ – das ist diese spezielle ‚Resilbifizierung‘. Mit dieser Regel kann ebenfalls erklärt werden, weshalb ‚guck‘ seltener mit Vokalen vorkommt als ‚lueg‘. Bei ‚lue-gä-mol‘ endet die erste Silbe mit einem schön lautenden doppelten Vokal, einem sogenannten Diphthong. Wenn wir das gleiche mit ‚guck‘ machen, entstehen folgende Silben: ‚gu-ckä-mol‘. Hier endet die erste Silbe auf einem kurzen einfachen Vokal, was sich wesentlich weniger schön anhört.

Das hat seine Gründe: Silben, die mit zwei Vokalen oder einem langen Vokal enden, heißen ‚schwere offene Silben‘, während ‚leichte offene Silben‘ mit einem kurzen Vokal enden. In unserem Dialekt versuchen wir beim Verschmelzen von Wörtern, so oft wie möglich schwere offene Silben an Wortenden zu haben, weshalb sich ‚lueg ämol‘ schöner anhört als ‚guck ämol‘. Zurück zur Frage, weshalb wir manchmal ‚ich‘ und manchmal einfach nur ‚i‘ sagen.
Wenn wir Wörter verschmelzen, versuchen wir, wenn nur irgend möglich, die Struktur ‚Konsonant-Vokal‘ bzw. ‚CV‘ einzuhalten. Bei ‚Ich bi gangä‘ kommt es nicht zu Wortverschmelzungen bzw. Resilbifizierungen: ‚Ich – bi – gang – ä.‘ Wenn wir es allerdings wieder umstellen, kommt es wegen des hiatustilgenden ‚n‘ zu einer Wortverschmelzung zwischen ‚bin‘ und ‚ich‘: ‚Bi-ni gang-ä?‘ Bei der Wortverschmelzung fällt nun auf, dass die ersten zwei Silben jetzt strikt dem Muster ‚Konsonant-Vokal‘ folgen, was nicht mehr der Fall wäre, wenn wir ‚ich‘ mit ‚ch‘ aussprechen. Und genau aus diesem Grund sagen wir nur ‚i‘ in diesen speziellen Fällen, während wir ‚ich‘ sagen, wenn keine Wortverschmelzung vorliegt.
Als Schlusswort dieses Teils lässt sich also sagen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass man ‚lueg‘ verwendet, stark erhöht ist, wenn darauf ein Vokal folgt, während ‚guck‘ und ‚schau‘ wahrscheinlicher vor Konsonanten vorkommen.

Die sogenannten Modalpartikeln ‚mal‘ (‚mol‘) und ‚einmal‘ (‚ämol‘)

Teil 4

Die drei Varianten ‚lueg‘, ‚guck‘ und ‚schau‘ haben eine Gemeinsamkeit, die sie von anderen Wortarten unterscheidet: sie alle kommen häufig mit den Wörtern ‚mal‘ oder ‚einmal‘ vor.
Die Fragen, die sich hier stellen, lauten: Weshalb kommen die Varianten manchmal mit diesen Wörtern vor und manchmal nicht? Warum bestehen so große Unterschiede in den Statistiken zwischen den Varianten? Und welche Funktionen haben die Modalpartikeln ‚mal‘ und ‚einmal‘?
Bevor ich diese Fragen beantworte, erst einmal zu den grundlegenden Zahlen: Allgemein kommen ‚schau‘ und ‚lueg‘ häufiger mit ‚mal‘ oder ‚einmal‘ vor als nicht, während ‚guck‘ viel seltener mit diesen Wörtern vorkommt.


Wenn wir uns nun anschauen, wie häufig die Varianten mit ‚mal‘ und wie häufig mit ‚einmal‘ vorkommen, fällt auf, dass fast nur ‚lueg‘ mit ‚einmal‘ vorkommt.

Diese Unterschiede sind sehr groß und deuten bereits darauf hin, dass hier irgendeine bestimmte Systematik dahinterstecken muss. Um das herauszufinden, müssen wir erst einmal wissen, was man bereits über ‚mal‘ und ‚einmal‘ weiß.
Überraschenderweise sind sich viele Forscher noch nicht ganz einig darüber, was diese beiden Wörter ‚mal‘ und ‚einmal‘ eigentlich genau bedeuten. Während einige sagen, dass diese Wörter eine Aufforderung höflicher machen, sagen andere, dass man sie nur benutzt, wenn man ausdrücken will, dass die Aufforderung nur einmalig ist. Für meine Arbeit bin ich davon ausgegangen, dass man ‚mal‘ und ‚einmal‘ immer dann an ‚guck‘, ‚lueg‘ oder ‚schau‘ anhängt, wenn man auf etwas sehr Wichtiges oder Neues hinweisen will.
Um herauszufinden, ob das auch stimmt, habe ich geschaut, ob nach den Aufforderungen etwas mit einem unbestimmten Artikel (‚ein‘, ‚einer‘, ‚eine‘) oder mit einem bestimmten Artikel (‚der‘, ‚die‘, ‚das‘) eingeführt wird; wenn ein unbestimmter Artikel verwendet wird, wird etwas Neues eingeführt und es müsste entweder ‚mal‘ oder ‚einmal‘ benutzt werden, während die bestimmten Artikel etwas bereits Bekanntes beschreiben. Und tatsächlich hat meine Analyse gezeigt, dass ‚mal‘ und ‚einmal‘ fast ausschließlich verwendet werden, wenn unbestimmte Artikel folgen, also etwas Neues eingeführt wird.

Teil 5

Es hat sich aber noch eine weitere Funktion von ‚mal‘ herausgestellt, die vor allem von Kindern verwendet wird, wenn sie die Aufmerksamkeit einer anderen Person wollen. Wenn ein Kind etwas gefunden hat oder etwas zeigen will, verwendet es häufig Wiederholungen:
‚Papa, papa, schau mal, schau mal, schau mal.‘ Stellt man sich nun vor, dass ein Kind dasselbe macht, allerdings ohne ‚mal‘, hört sich das auf jeden Fall unnatürlicher an. ‚Mal‘ kann also auch verwendet werden, wenn zwar nichts Neues eingeführt wird, man allerdings die Aufmerksamkeit eines anderen auf sich ziehen will, was bei Kindern sehr häufig vorkommt.
Nun stellt sich noch die Frage, weshalb vor allem bei ‚lueg‘ zwischen ‚mal‘ und ‚einmal‘ unterschieden wird. Natürlich spielt hier auch wieder die lautliche Thematik eine Rolle: da nach ‚lueg‘ viel häufiger Vokale vorkommen als bei ‚schau‘ und ‚guck‘, macht es natürlich Sinn, dass ‚einmal‘ vor allem nach ‚lueg‘ vorkommt. Allerdings erklärt das nicht, weshalb auch ‚mal‘ nach ‚lueg‘ vorkommt. Der Grund für diese Unterscheidung hat sich als sehr vielfältig herausgestellt und soll in einem späteren Teil ausführlicher dargestellt werden.
Bezogen auf die Thematik dieses Artikels hat sich allerdings schon eine Facette herausgestellt. Stellt euch vor, ihr wollt jemandem etwas zeigen, das sich gerade bei euch im Raum befindet. Und versucht jetzt, diese Sache einmal mit ‚guck mol …‘ und einmal mit ‚guck ämol …‘ zu beschreiben. Wenn euch jetzt aufgefallen ist, dass nach ‚ämol‘ automatisch und unbewusst eine längere Sprechpause eingefügt wird als nach ‚mol‘, macht ihr das gleiche, was ich in meiner Arbeit herausgefunden habe. Wenn ich sage ‚guck mol – än Stift‘, würden ich und die Sprecher in den Videos spontan keine bzw. eine sehr kurze Pause zwischen ‚mol‘ und ‚än‘ einfügen. Wenn ich allerdings sage ‚guck ämol – än Stift‘, ist diese Pause wesentlich länger. Das liegt daran, dass ‚einmal‘ einen Suchauftrag beinhaltet, der bei ‚mal‘ nicht vorhanden ist: wenn man ‚guck ämol‘ sagt, gibt man der anderen Person Zeit, die Sache, auf die man hinweisen will, selbst zu finden. Bei ‚guck mol‘ geht es allerdings nur darum, die Aufmerksamkeit auf die Sache zu lenken, wobei die Suchanforderung wegfällt. Und wer sich gedacht hat, dass man dem Gefühl nach nach ‚ämol‘ eher längere Sätze wie ‚… do isch än Stift‘ einfügen würde als nach ‚mol‘, hat auch schon eine kleine Vorschau auf ein späteres Kapitel.

Als Schlusswort dieses Artikels kann also gesagt werden, dass ‚guck‘ dazu tendiert, Sachen wieder in den Fokus zu rücken, die bereits bekannt sind. ‚Schau‘ wird häufig von Kindern verwendet, wenn sie die Aufmerksamkeit einer anderen Person haben wollen. ‚Lueg‘ hat die Funktion, neue Sachen hervorzuheben und beinhaltet häufig Suchaufträge, die Spannung bei der anderen Person erzeugen sollen.

Deiktika: Die Wörter ‚so‘, ‚da‘, ‚dort‘, ‚der‘ …

Teil 6

Im Laufe meiner Arbeit bin ich auf etwas sehr Unerwartetes gestoßen: ‚lueg‘ wird wesentlich öfter (12%) mit dem Wort ‚so‘ kombiniert als ‚guck‘ (2,08%) und ‚schau‘ (1,34%). Das bedeutet, dass ‚so‘ in irgendeiner Weise mit ‚lueg‘ verbunden ist, die es wahrscheinlicher macht, dass beide zusammen auftreten. Um dieser Frage nachzugehen, muss zuerst klargestellt werden, was das Wort ‚so‘ in Verbindungen mit ‚lueg‘, ‚guck‘ und ‚schau‘ überhaupt für Funktionen haben kann. Einerseits kann ‚so‘ als sogenannter Operator bzw. Diskursmarker fungieren, auf was im nächsten Kapitel näher eingegangen werden soll.
Andererseits gehört ‚so‘ zur Gruppe der sogenannten Deiktika. Dieser Fachbegriff beschreibt alle Wörter, die in ihrer Bedeutung eine Zeigegestik beinhalten; wenn man zum Beispiel sagt ‚guck da‘, erwartet der Hörer automatisch, dass eine Richtung vom Sprecher vorgegeben wird. Zu diesen Deiktika gehören üblicherweise die Demonstrativa, also die Wörter ‚da‘, ‚dort‘, ‚der‘, ‚die‘, ‚das‘ etc,, aber eben auch das Wort ‚so‘. Was dieses Wort allerdings so besonders macht, ist, dass es immer automatisch auf die Position des Sprechers zeigt. Wenn man jemandem sagt ‚gucke so‘, weiß der Hörer automatisch und ohne Zeigegeste, dass er die Aufmerksamkeit auf den Sprecher richten soll. Dabei verwendet man ‚so‘ in diesem Kontext immer dann, wenn man einer anderen Person zeigen will, in welcher Art und Weise etwas
gemacht werden muss. Zum Beispiel wird der Trainer im Fußballverein beim Training häufiger etwas sagen wie: „Guckt, so müsst ihr das machen.“ Ohne dass der Trainer jetzt mit seiner Hand auf sich selbst zeigt, wird jedem Spieler aufgrund des Wortes ‚so‘ sofort klar sein, dass man den Trainer beobachten soll.

Teil 7

Was aber, wenn nun ein Spieler einen anderen Spieler darauf hinweisen will, den Trainer zu beobachten? Selbst wenn dieser Spieler sagen würde ‚guck, so macht das der Trainer‘, würde der Hörer trotzdem denken, er solle den Sprecher anschauen und nicht den Trainer. Hier kommen sogenannte ‚W-Termsätze‘ ins Spiel, die in gewisser Hinsicht ein Gegenstück zu den Deiktika sind. An sich ist ‚guck so‘ gleichbedeutend mit ‚guck, wie ich das mache‘ bzw. ‚guck, was ich mache‘. Und nur diese Konstruktion kann auch in unserem Beispiel verwendet werden: ‚guck, was der Trainer macht‘ bzw. ‚guck, wie der Trainer das macht‘. Das gleiche Prinzip gilt auch für alle anderen Zeigewörter. Warum aber ist dann das Verhältnis des Wortes ‚so‘ derart unterschiedlich?
Angenommen die beiden Arten Deiktika (‚gucke so‘) und W-Termsätze (‚guck, wie der das macht‘) sind Gegenstücke, so müsste eine gewisse Systematik zwischen deren Vorkommen bestehen. Und tatsächlich hat sich gezeigt, dass folgender Trend besteht: je öfter Deiktika verwendet werden, desto seltener kommen W-Termsätze vor. Und noch weiter: das Wort ‚so‘ steht in einer starken Konkurrenz mit den Demonstrativa ‚der‘, ‚das‘ und ‚die‘. Dieses Ergebnis wurde bisher noch nicht in der Forschung beschrieben und könnte vor allem im Hinblick auf unseren Dialekt neue Erkenntnisse bringen.

Alles zusammengenommen kann also eine Konkurrenz zwischen allen Wörtern und Sätzen gezogen werden, die die Aufmerksamkeit des Hörers auf eine Position ungleich dem Sprecher richten und denen, die die Aufmerksamkeit auf die Position des Sprechers richten. So hat sich letztlich gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ‚lueg‘ auftritt, um mehr als das 11-fache erhöht ist, wenn die Aufmerksamkeit auf die Sprecherposition gerichtet wird.

Diskursmarker: Wenn ‚guck‘, ‚schau‘ und ‚lueg‘ nichts mit sehen zu tun haben

Teil 8

Nun hat das Wort ‚so‘ allerdings noch eine zweite große Funktion, und zwar die als Diskursmarker. Dieses Konzept zu erklären, kann ganz schön lange und kompliziert werden, weshalb ich versuche, es mit einem Beispiel zu verbildlichen. Wenn jemand sagt ‚guck so‘, ist wie beschrieben klar, dass der Sprecher will, dass man ihn beobachtet. Wenn man jetzt allerdings sagt ‚so, guck ämol, jetzt messä mo überlegä, wie mos machäd‘, hat das Wort ‚so‘ klar eine andere Funktion und auch das Wort ‚guck‘ bedeutet nicht mehr unbedingt, dass man etwas beobachten soll. Im zweiten Beispiel fungiert ‚so, guck ämol‘ als sogenannter Diskursmarker. Diese Diskursmarker werden benutzt, um die Aufmerksamkeit des Hörers nicht auf eine beobachtbare Sache zu richten, sondern auf das, was man danach sagt. Und
genau diese Funktion ist bei ‚guck‘, ‚lueg‘ und ‚schau‘ relativ weit verbreitet. Wenn man sich nun wieder die unterschiedlichen Zahlen und Anteile zwischen den drei Wörtern als Diskursmarker anschaut, sticht erneut ‚lueg‘ heraus, das mit Abstand am häufigsten als Diskursmarker verwendet wird. Darüber hinaus überschreitet der Diskursmarkeranteil von ‚lueg einmal‘ die erwarteten Anteile um über das Doppelte, was eindeutig beweist, dass Sprecher zwischen ‚lueg mal‘ und ‚lueg einmal‘ unterscheiden, um anzuzeigen, dass ein Diskursmarker verwendet wird.

Dieses Ergebnis hängt mit den Ergebnissen von Teil 3 zusammen. Erinnert ihr euch, dass man nach ‚guck ämol‘ instinktiv eine längere Sprechpause macht als nach ‚guck mol‘? Typisch und charakteristisch für Diskursmarker ist, dass sie durch Sprechpausen von dem abgegrenzt werden, was danach gesagt wird. Somit kann also gesagt werden, dass ‚lueg einmal‘ bzw. in unserem Fall ‚guck ämol‘ instinktiv als Diskursmarker aufgefasst wird, der durch Sprechpausen erkenntlich wird.


Grammatik und Satzbau: Was für Sätze werden für ‚lueg‘, ‚guck‘ und ‚schau‘ benutzt?

Teil 9

Der letzte von mir untersuchte sprachliche Einfluss betrifft die Grammatik und die Länge der Sätze, in denen ‚guck‘, ‚lueg‘ und ‚schau‘ benutzt werden, denn es macht einen Unterschied, ob der Satz minimal (‚Gucke!‘) oder maximal (‚Dort vorne, guck, was der macht!‘) besetzt ist. Auch stellt sich die Frage, ob es Regelmäßigkeiten zwischen den drei Wörtern gibt und ob sie eher am Anfang, in der Mitte oder am Ende des Satzes stehen. Erneut hat sich gezeigt, dass sich die drei Wörter stark voneinander unterscheiden: ‚guck‘ kommt am häufigsten in minimalen Sätzen vor (36,9%), gefolgt von ‚schau‘ (20,54%) und ‚lueg‘ (12,88%). Diese Zahlen spiegeln die bereits gewonnenen Ergebnisse wider, da vor allem ‚lueg‘ mit dem Wort ‚einmal‘ komplexere Sachen anzeigt als ‚guck‘, das häufig auf bereits Bekanntes hinweist.
Weiter noch zeigen die Zahlen, dass in diesen Minimalsätzen das Wort ‚mal‘ wesentlich
häufiger vorkommt als in größeren Sätzen.


Aber was bedeutet das nun? Dass die minimalen Sätze häufiger das Wort ‚mal‘ aufweisen deutet darauf hin, dass es vor allem bei ‚guck‘ möglich ist, die Sache, die man zeigen will, durch die sprachliche Zeigegestik von ‚mal‘ zu ersetzen, womit dieses Wort eine Art Platzhalterfunktion erfüllt. Dementsprechend ist zu erwarten, dass das Wort ‚mal‘ weggelassen werden kann, wenn das Objekt beschrieben wird (‚guck, do isch der Stift‘), allerdings nicht, wenn nur darauf gezeigt wird (‚guck mol‘). Somit würde ‚mal‘ auch in denen Fällen Neues beschreiben, in denen die Sache nicht sprachlich beschrieben wird.


So kompliziert das obige Schaubild wirken mag, so beweist es generell erneut die Ergebnisse, die in den anderen Teilen bereits beschrieben wurden. ‚Schau‘ und ‚lueg‘ können kaum Sätze ohne ‚mal‘ bilden, ‚guck‘ aber schon, was beweist, dass ‚guck‘ stark dazu tendiert, auf
Bekanntes zu zeigen. ‚Schau‘ weist die häufigsten minimalen Sätze mit ‚mal‘ auf (‚Schau mal!‘), was ebenfalls damit zusammenhängt, dass diese Konstruktion häufig von Kindern verwendet wird, um Aufmerksamkeit zu erregen. ‚Lueg‘ bildet am häufigsten komplexe und lange Sätze, was alle bisher beschriebenen Tendenzen bestätigt, aber auch zeigt, dass dieses Wort häufig von Erwachsenen verwendet wird.

Hauptergebnisse und Schlusswort


Teil 10

So, und was sind nun die größten Hauptergebnisse meiner Arbeit? Ganz allgemein hat meine Arbeit bewiesen, dass die drei Varianten ‚guck‘, ‚schau‘ und ‚lueg‘ unterschiedliche Funktionen haben und nicht, wie bisher beschrieben, bedeutungsgleich sind. Diese Diversität an Möglichkeiten ist einzigartig in unserem Dialekt, da nirgendwo anders in Deutschland alle drei Varianten verbreitet sind und zusammen vorkommen. Ebenfalls lässt sich allgemein sagen, dass es möglich ist, die Auftretenswahrscheinlichkeit aller drei Wörter anhand verschiedener sprachlicher Eigenschaften vorherzusagen. Das bedeutet, dass wir in unserem Dialekt (auch wenn diese Sachen eher im Raum WT liegen) unbewusst zwischen mehreren Varianten eines Wortes unterscheiden und instinktiv die passende Variante im passenden
Kontext verwenden, was im Hochdeutschen so gut wie nicht vorhanden ist.
Dabei passen wir die Wahl der Variante ganz ohne viel Nachdenken an verschiedenste Faktoren an: lautlich passen wir darauf auf, dass kein Hiatus entsteht und die richtige Silbenstruktur vorliegt. Wir kombinieren sie mit den Wörtern ‚mal‘ und ‚einmal‘ je nachdem, was wir zeigen oder erreichen wollen. Wir passen die sprachliche Zeigegestik an, um zu unterscheiden, ob auf den Sprecher oder auf etwas ungleich dem Sprecher gezeigt wird. Wir verwenden die Varianten metaphorisch als Diskursmarker und passen unsere Sprache so an, dass der Hörer genau weiß, dass es sich um einen Diskursmarker handelt. Und wir variieren die Länge und Komplexität unserer Sätze je nachdem, was wir mit welcher Variante erreichen wollen – und all das ohne jemals irgendwelche Regeln gelernt zu haben, einfach aus dem
Bauch heraus, wie wir es von Kind an von unseren Eltern und Großeltern gelernt haben.

Ich bedanke mich vielmals für euer Interesse und hoffe, dass ihr meinen Beitrag trotz aller
Fachbegrifflichkeiten spannend fandet.

Wanderblühten – Johann Baptist Seele

Mit emsigen Zügen er staffiert,
Was öfters in der Welt passiert;
Zog seinen Umriß leicht und klar,
Man konnte seh’n, was gemeint da war.
Mit wenig Farben er colorirt,
Doch so, daß er das Aug‘ frappirt.

Johann Wolfgang von Goethe
Künstlers Fug und Recht

Aus dem Bereiche der Kunst.

Es ist wohl nicht mehr als billig, dass in dem Gedenkbuche eines Malers auch einmal von der Kunst die Rede ist. – Gelegenheit zu einem Streifzug in dieses Gebiet geben uns die fürstlichen Sammlungen im Schlosse zu Hüfingen.

Nebst sehr reichhaltigen naturhistorischen Schätzen enthält nämlich dieses Gebäude in neuerer Zeit auch die wertvolle fürstliche fürstenbergische Gemäldesammlung, die insbesondere vorzügliches aus der altdeutschen Schule aufzuweisen hat. Nebst diesen sollen nach dem Willen des hohen Stifters, später auch noch Sculpturwerke aus der genannten Kunstepoche beigegeben werden, was umso bedankenswerter erscheint, als bisher dieser schöne Zweig mittelalterlicher Kunst in unseren Galerien und Museen gänzlich unberücksichtigt geblieben*.
*Bei dieser Gelegenheit möge das dilettantische Bestreben mancher Neuen erwähnt werden, die sich abmühen, eine Rangordnung der schönen Künste zu octroieren. Bald nämlich sehen wir Bildhauerei die unterste, Malerei und Musik die mittlere, Dichtkunst dagegen die höchste Stufe, oder umgekehrt, auf der geistreich gezimmerten Leiter einnehmen. Und doch sind ja alle Künste Teil einer Kunst, einer Poesie, und alle gleich befähigt, das Beste hervorzubringen.

Ohne uns bei dem vielen trefflichen Alten zu verweilen, wenden wir unsere Aufmerksamkeit einem neueren vaterländischen Künstler zu, der zwar im Allgemeinen wenig bekannt, nichts desto weniger aber mit Ehren seinen Platz einnimmt auf dem wohlbebauten Felde deutscher Kunst. Es ist dieses der Maler Johann Baptist Seele, geboren in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts im Fürstenbergischen, gestorben im Jahre 1814 zu Stuttgart, wo er die Stelle eines königlichen Galeriedirektors bekleidete.

Die fürstliche Sammlung bewahrt von ihm neun kleinere und zwei größere Gemälde, die sämtlich mit großer Lebendigkeit und Treue gegebene Scenen aus dem Soldatenleben zum Gegenstande haben. Im Kampfe, beim nächtlichen Wachtfeuer, in der Schenke wie beim Spielgelage sehen wir österreichisches und französisches Volk, wie es die neunziger und späteren Jahre an die Ufer des kriegsbewegten Rheins geführt, in charakteristischer Auffassung vor uns. Lebhaft fühlt sich der Beschauer in jene Zeit versetzt; der Mann gereiftteren Alters glaubt sie wieder zu erleben, während die Jüngeren die Erzählungen der Älteren und Großältern wiederklingen.

Unstreitig hat der Künstler in diesen Arbeiten ganz seinem angeborenen Talente Genüge getan, und darum so Erquickliches geliefert; während spätere und größere Arbeiten dagegen vielleicht etwas zu viel Akademie und Antike zeigen, was übrigens mehr der damaligen Richtung überhaupt, als dem Künstler zugeschrieben werden muss. Die Technik der seele’schen Bilder, (die, beiläufig gesagt, in ihrer Anspruchslosigkeit mir schätzenswerter vorkommen, als manch‘ heut zu Tag so sehr gepriesenes Dutzend in unseren ambulanten Kunstvereinsausstellungen) ist, wenn auch nicht bis auf’s Äußerste getrieben, doch stets ihrem Gegenstande vollkommen angemessen.

Seele hat in einer eigenhändigen Schrift uns seine Lebensgeschichte hinterlassen, die, trotz ihrer Einfachheit, sehr viel Interessantes enthält; um so mehr, als es nicht die allgewöhnlichen Studienwege sind, die das Geschick dem strebenden Jünglinge nach seinem vorgestreckten Ziele angewiesen, und vielleicht zu seinem Glücke. Denn wer weiß, ob er im entgegengesetzten Falle nicht vielmehr seine angeborene Individualität eingebüßt und durch Phrasen und akademische Regeln in ein Feld geführt worden wäre, welches seinem Naturelle fremd gewesen. – Doch wenden wir uns zur Biographie selbst.


Theurester Onkel!

Sie verlangen von mir eine kleine Skizze meines Lebens. – Wie gerne möchte ich Ihnen willfahren, allein, ich fühlte es, mein Leben ist so arm an interessanten Erlebnissen, dass es sich wohl kaum der Mühe lohnen wird, eine schriftliche Schilderung davon zu geben.

Obwohl mir die Erinnerung Manches vergegenwärtigt, was für mich von größtem Werthe ist, so glaube ich dennoch zu finden, dass Solches für Andere wenig oder gar kein Interesse bieten möchte. – Doch, lieber Onkel, Sie gehören ja nicht zu diesen Aderen, Fremden, Sie liebten mich von jeher väterlich, und deshalb hat mich jedes Ding, was entfernt nur Bezug auf mich hat, einiges Interesse für Sie. Und in dieser Voraussetzung will ich versuchen, Ihrem Verlangen zu entsprechen und einen kurzen Abriss meines Lebens zu entwerfen – so gut nämlich wie ein solcher nach Umfluß so vieler Jahre noch gegeben werden kann.

Im Jahre 1774 wurde ich zu Mößkirch, einem kleinen Städtlein im Fürstenbergischen geboren. Mein Vater war dazumal gemeiner Soldat im schwäbisch fürstenbergischen Kreiskontingent. Ich zählte noch nicht volle zwei Jahre, als er nach Hüfingen versetzt wurde, wohin er Frau und Kinder mitnahm.

Meine Mutter war von Natur eine sanftmütige, liebreiche Frau, der Vater hingegen ein strenger Mann von unbeugsamen, soldatischen Willen, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, seine Kinder so gut, wie es die Verhältnisse erlaubten, zu etwas Besserem heranzuziehen. Ich hatte noch eine zwei Jahre älteren Bruder. Unsere Erziehung war eine äußerst strenge. Bevor ich eine öffentliche Schule besuchen konnte, besaß ich, durch den Vater unterrichtet, bereits einige Fertigkeiten im Lesen und Schreiben.

Weil aber der Dienst meines Vaters (er war unterdessen zum Corporal avanciert) ein sehr beschwerlicher war, so hatte er nicht mehr Zeit, sich mit unserem Unterrichte viel abzugeben, und sorgte dafür, dass wir die Bürgerschule besuchen durften. Etwa ein Jahr nachher wurden wir Beide, der Bruder und ich, von einer hartnäckigen Kinderkrankheit überfallen, die besonders mich, den sechsjährigen Knaben, zwang, längere Zeit dass Bett und die Stube zu hüten. Da bei diesem Übel der Kopf und also auch die Geisteskräfte ungeschwächt und frei waren, verbrachte ich die meiste Zeit mit Lesen und Schreiben, und zuletzt fing ich aus Langerweile das Zeichnen an.

Mit dieser Beschäftigung fing für mich sozusagen ein neues Leben an. So entwickelte sich in mir ein Talent, ein Trieb zu einer Kunst, an welche bisher niemand in meiner Umgebung entfernt gedacht hatte.

Wenn das Interesse der Kinder am Zeichnen und Kolorieren auch nichts Außergewöhnliches ist, so finden wir doch in der Regel, dass solche an Allem, was sie derartiges hervorbringen, ein gewisses selbst genügsames Wohlgefallen haben; dies war aber bei mir keineswegs der Fall. Ich strebte mühsam weiter und brachte es bald dahin, meinen Gestalten bestimmte Formen zu geben, so dass man zum Beispiel unschwer ein Pferd von einem Esel unterscheiden konnte.

Die Hilfsmittel zu diesen Beschäftigung war natürlich gering. Mein Vater, der lediglich auf seinen Sold beschränkt war, konnte auch mit dem besten Willen wenig tun; denn, um nur das Nötigste für die Haushaltung beizuschaffen, mußte stets die Mutter noch durch Handarbeiten für Andere sich etwas verdienen suchen. Der junge Künstler aber wusste sich zu helfen. – Aus den Haaren, die ich meiner guten Mutter abschnitt und den abgenutzte Federkiel band, fertigte ich mir Pinsel; Tinte und Ziegelstaub, mit welch‘ letzterem mein Vater seine Waffen zu putzen pflegte, waren meine Farben, und damit ja die Scala recht vollständig wurde, brachte mir die Mutter zuweilen noch Ochsengalle vom Metzger, die ich statt des Okers benützte.

So ausgerüstet, wagte ich mich endlich an Arbeiten für den Verkauf. Ich malte sogenannte Agathenzedel, wie man sie häufig im katholisch Schwaben an den Haus- und Stalltüren angeheftet findet, um den Hexen den Eingang zu wehren. Ich zierte diese Zedel mit allerlei Laubwerk und Schnörkeln, ja sogar die heilige Agatha selbst versuchte ich im wohlgelungenen Bildnisse hin und wieder anzubringen, während mein Bruder, der eine sehr schöne Hand schrieb, die Inschriften beisetzte.

Nach unserer beiderseits erfolgten Genesung mußten wir, nach dem Willen des Vaters, die Normalschule zu Donaueschingen besuchen. Da wir wohl drei Viertelstunden Wegs dahin hatten, folglich über Mittag nicht nach Hause kommen konnten, so versah uns die gute Mutter jedes Mal mit einem tüchtigen Stück Brot, segnete uns und entließ uns mit unseren Schulbüchern auf dem Rücken. Also ausgerüstet und begleitet von dem teuren Muttersegen, trollten wir alltäglich zur Schule; und nach derselben genossen wir unsere mitgegebenes frugales Mahl fröhlich und guter Dinge im Freien.

Zur Winterszeit jedoch ging dieses nicht wohl an, weshalb uns der Vater in der Stadt um eine Mittagsherberge schaute, allwo die beiden fahrenden Schüler ihr mitgebrachtes Essen (die Mutter hatte uns später noch etwas Mehlspeise und ein Bröcklein Butter in einer Schachtel mitgegeben) gewärmt bekamen. – Bald aber erschien die Zugabe dem sparsamen Vater zu teuer, und wir mußten uns wieder mit trockenem Brot begnügen, welches wir statt in dem befreundeten Hause, in der Schulstube verzehrten.

In den Nebenstunden war Zeichnen mein fast ausschließlicher Zeitvertreib; denn unser Vater duldete nicht, dass wir die freien Stunden mit anderen Kindern auf der Gasse zubringen durften. Doch mithilfe der nachsichtigen Mutter wurde nicht selten sein strenges Machtgebot umgangen.

Ich war unterdessen in meiner Kunst etwas vorwärtsgeschritten, so dass ich versuchte, Soldatengruppen nach den Erzählungen meines Vaters, welche den 7-jährigen Krieg mitgemacht hatte, darzustellen. – Eine dieser Zeichnungen nahm der Vater einst mit sich nach Donaueschingen auf die dortige Wachstube, um sie seinen Kameraden zu zeigen. Zufällig kam das Machwerk auch den wachhabenden Offizier, einem gewissen Leutnant Consoni zu Gesicht. Und dieser Mann hat so viel Gefallen an dem kindischen Versuche, dass er meinem Vater ein Achtgroschenstück schenkte, mit dem Bedeuten: seinem Sohne dafür eine Farbenschachtel zu kaufen. – Wer war nun glücklicher als ich? Der Besitz dieses kostbaren Materials verdoppelte meinen Eifer und mit ihm wuchsen auch die Fortschritte.

Längst schon hatte die gute Mutter, aufgemuntert durch wohlmeinende Freunde, den Gedanken gefaßt, sich mit ihren beiden Söhnen dem damals regierenden Fürsten Joseph Wenzel, der ein guter, alter Herr war, vorstellen zu lassen; ebenso auch der Frau Erbprinzessin Maria Antonie, einer geborenen Prinzessin von Hohenzollern-Hechingen. Wir mußten Proben unserer Geschicklichkeit mitnehmen, und hatten das Glück, sehr gnädig aufgenommen und jeder mit einem Kronenthaler beschenkt zu werden.

Dieser erste Erfolg hatte mich mit Neuer Zuversicht erfüllt, und auch der Vater fühlte sich dadurch sehr geschmeichelt.

Die untertänige Aufwartung bei den hohen Herrschaften wurde von Zeit zu Zeit wiederholt; und jedes Mal hatte mich derselben Aufmunterung und Unterstützung zu erfreuen.

Unterdessen starb der gute Fürst, und der Gemahl meiner hohen Gönnerin, der Frau Erbprinzessin, kam an die Regierung. Die Fürstin war eine Dame von seltenem Verstand und ausgezeichneter Herzensgüte. Meine Mutter stand bei ihr in besonderer Gunst, weshalb die hohe Frau sich bewogen fühlte, ihr eine Gnade zu erzeigen.

Mein Bruder, ein hübscher, rotwangiger Junge, war bereits zehn Jahre alt; die fürstliche Frau, die ihm wohl wollte, schickte ihn nach Hechingen, wo er untergebracht wurde und ihrer Fürsorglichkeit und auch ferner sich zu erfreuen hatte. Diese Bevorzugung meines Bruders hatte ein gewisses Gefühl der Kränkung in mir erzeugt, ich beneidete den Glücklichen und fühlte mich zurückgesetzt. – Ach! ich hielt ihn für reich und glücklich im Vergleich zu meinen ärmlichen Lage. Und doch war es, wie ich später einsah, so besser für mich.

Ich zählte noch nicht volle acht Jahre als mein Vater, ich glaube, es war im Spätjahr 1781, nach Wolfach im Kinzigthal beordert wurde, wohin ihm die Mutter und ich, nebst einem jüngeren, dreijährigen Bruder folgten.

Stets wird mir jedoch das Städtlein Hüfingen in schätzensbarstem Angedenken bleiben. – Dort hatte ich in harmloser Glückseligkeit meine Kinderjahre verlebt, und jede Erinnerung an diese glücklichen Stunden wecken noch jetzt in der Brust des Mannes eine Menge süßer Gefühle, die mir jenen Aufenthalte unvergesslich machen; denn nur das Kind ist ganz glücklich, weil selbst bittere Stunden seinem jungen Gemüte nichts anhaben können.

In Wolfach mußte ich den Schulbesuch fortsetzen, doch fand ich dazwischen mancherlei Gelegenheit, etwas zu verdienen, womit ich meine guten Eltern doch einigermaßen unterstützen konnte. Tage lang arbeitete ich mit größter Anstrengung. Ich malte Vögel (die entweder der Vater oder ich geschossen hatte), nach der Natur, auf den lichtblauen Grund mit Wasserfarben, und suchte diese Blätter zu mäßigen Preisen, bald da, bald dort zu verkaufen. Durch solche Erfolge aufgemuntert, war der Wunsch in mir rege geworden, auch einmal das Ölmalen zu versuchen. Schon als 9-jähriger Knabe hatte ich die zuversichtliche Meinung, man könne Alles, wenn man nur ernsthaft wolle. – Ein Satz, den ich in meinem späteren Leben so ziemlich bewährt gefunden habe.

Ich rieb mir also Farben, verdünnte sie mit gewöhnlichem Haussamen-Öl und hatte sie, weil ich sie in meiner Unkenntnis so dünn wie Wasserfarben gemacht hatte, in blecherne Geschirre.

Es war gerade Jahrmarkt in dem Städtlein, und mein Vater, der als Polizeisoldat dabei Dienst tun mußte, nicht zu Hause. Frisch machte ich mich an’s Werk. Es war ein in Kupfer gestochener Mädchenkopf, nach welchen ich den ersten Versuch wagen wollte. Ich hatte mir Leinwand aufgespannt, diese vor mich hin auf den Tisch gelegt und mutig zu arbeiten angefangen. Nach wenigen Stunden anstrengenden Fleißes erschien das Bild vollendet. – Meine Freude war groß. Ich hatte das Werk, um es in der Ferne betrachten zu können, auf das Ofengesims gestellt und war in freudiger Hast fortgerannt, meinen Vater aufzusuchen und ihn zu bitten, nach Haus zu kommen und die Herrlichkeit in Augenschein zu nehmen.

Es verstrich wohl eine Stunde, bis ich den Ersehnten auf dem volkreichen Jahrmarkte finden konnte. Als ich seiner endlich habhaft geworden, ging er folglich mit, erstaunt darüber, dass ich schon fertig sei.

Wie wir aber in die Stube traten – welch‘ ein Anblick. – Mein Werk war ganz unkenntlich geworden. Die allzu flüssigen Ölfarben war in Folge der senkrechten Stellung der Bildfläche so in- und durcheinander geflossen, dass der ganzen Ofen davon beträufelt war.

Der Vater, aufgebracht über den Unverstand seines Sohnes, erteilte diesem eine handgreifliche Lektion, die wohl noch einige Stunden in den Gliedern des verblüfften Künstlers nachsummte, während er ihm zugleich zu verstehen gab, er möge die Farben künftig weniger flüssig anreiben!

Ich war wie aus den Wolken gefallen, und gewiss wäre meine Liebe zur Malerei nicht so groß gewesen, diese Zurechtweisung hätte mir auf immer die Lust zu ferneren Versuchen nehmen müssen. – Bald nachher erhielt ich von dem dortigen Chirurg Hildebrand, der in dem Städtlein für einen äußerst gelehrten Mann galt, ein altes Buch, worin verschiedenes über die Malerei abgehandelt war; so wie sich auch einige Kupferstiche darin fanden, welche sämmtliche zum Malen notwendige Gerätschaften und Werkzeuge bildlich darstellten. Nach diesen Mustern ließ mir der Vater einiges anfertigen, während er selbst sich anschickte, eine Staffelei zusammen zu schreinern.

Durch solchen Vorschub wieder ermuntert, wurde das Geschäft auf’s neue begonnen: Weil ich gefunden hatte, dass Leinöl die Farbe trübe, nahm mich jetzt meine Zuflucht zum Rapsöl, wobei ich jedoch der andere fatale Umstand herausstellte, dass die Farben nicht trocknen wollten. Endlich verfiel ich auf Nuß- und Margsaamenöl, womit ich glücklich das Rechte gefunden hatte. Auf diese Weise führte mich teils Nachdenken, teils Zufall immer langsam weiter; und so trieb ich das Ding fort bis in mein fünfzehntes Jahr. – Ich malte Landschaften, Porträts, ganze Familienbilder, ja selbst kirchliche Gegenstände, besonders aber viele Votivtafeln, womit ich nicht wenig Geld verdiente.

Einige Stücke hatte ich mit ungewöhnlichem Fleiße ausgeführt, um sie, nach dem Willen meiner Eltern, der gnädigsten Fürstin, meiner Beschützerin, vorzuweisen. Bei dieser Gelegenheit wollte ich wagen, die mir als Knabe schon gemachten Zusicherungen fürstlicher Gnade und Unterstützung in bescheidene Erinnerung zu bringen. Meine Mutter hatte einen Bruder in der Residenz, der Regierungskanzlist war, und durch diesen wurde die Sache eingeleitet.

Die Fürstin nahm mich überaus gnädig auf, und hatte die Gewogenheit, mir ein eigenhändiges Schreiben an den regierenden Herzog Karl von Württemberg, und ein zweites an den Obrist und Generaladjutant von Milius nach Stuttgart mitzugeben. Mit diesen Empfehlungen, einem kleinen Reisegeld und der Versicherung, dass ich in Stuttgart ohne Zweifel in die Akademie aufgenommen würde, hatte mich die gute Fürstin entlassen, während sie noch fernere Unterstützung huldreich zugesagt hatte.

Jetzt war mein Glück gemacht. Es gab auf der Welt keinen seligeren Menschen als ich. Ich sah jetzt den Weg gebahnt, auf dem ich mich zum brauchbaren, tüchtigen Manne heranbilden konnte. – Die Freude meines Onkels, des Regierungskanzlisten, so wie meiner Eltern war ebenfalls sehr groß. Die Mutter hatte mich, so gut es ihre Kräfte erlaubten, mit allem Nötigen ausgesteuert. Die Rolle mit den oben erwähnten Gemälde auf dem Rücken, verließ ich Ende September 1789 unter Tränen und Segnungen der teuren Mutter das väterliche Haus.

Der Vater gab mir das Geleite bis nach Sulz am Neckar, von wo aus der hoffende Kunstjünger seinen Weg bis nach Stuttgart allein fortsetzen mußte. Meine Habseligkeiten wurde mir von den Eltern nachgeschickt.

Es war Abend, als ich nach anstrengenden Marsch auf die sogenannte Weinsteig bei Stuttgart kam. – Die Sonne vergoldete mit ihrem scheidenden Lichte noch die Turmspitzen in der alten, in meinen Augen so allmächtig großen Stadt, die in heiligem Dunkel vor mir lag. Eine bängliche Stimmung wandelte sich mir an, ein Gefühl gänzlicher Verlassenheit. Die ganze Welt erschien mir fremd, und ich der einzige Alleinstehende auf ihr. – Beinahe hätte ich allen Mut, vorwärts zu gehen, verloren; doch stärkte mich noch die Hoffnung, dass es auch hier nicht an guten Menschen fehlen werde, die sich meiner annehmen würden. Dieser Gedanke hob meinen gesunkenen Geist wieder und ließ mich meine Schritte verdoppeln, so dass ich noch vor Einbruch der Nacht in den herzoglichen Residenz eintraf. Ich hatte schüchtern meine Schritte zu einem Gasthof niederen Ranges gelenkt; aber der Wirt, nachdem er mir ein wenig Gewinn versprechendes Äußere gemustert hatte, wies mich ab, mit dem Bedeuten, es mangle in seinem Hause gegenwärtig am Platz. – Dieser ungünstige Willkomm ging mir sehr zu Herzen, und ich hatte beinahe den Mut nicht mehr, irgend woanders einzusprechen. Doch nach längerem unschlüssigen Hin- und Herirren fand ich endlich ein Gasthaus, wo ich freundlicher aufgenommen wurde und wo ich verblieb bis zu meiner Aufnahme in die Akademie.

Dieses Institut umfaßte dazumal alle Zweige der Künste und Wissenschaften. Über 300 Zöglinge, Einheimische und Fremde fast aller Nationen, genossen zurzeit den Unterricht. Die Organisation dieser Lehranstalt war aber bekanntlich eine durchaus militärische und die oberste Leitung dem Obristen und Generaladjutanten von Seeger übertragen. Zudem war jeder der sechs Abteilungen, in welche die Akademie zerfiel, zwei Majors beigegeben, nebst einem Hauptmanne, einem Leutnant, zwei Aufsehern und oder Hofmeistern und zwei Dienern. Sämtliche Schüler trugen die akademische Uniform, welche nach militärischem Schnitt, und zwar sehr elegant beschaffen war. Auch außerhalb der Lektionen mußten alle Beschäftigungen und Verrichtungen soldatisch abgetan werden. Es herrschte die strengste Subordination, die sich meines Erachtens in so hohem Grade für Studierende nicht geziemt. Trotzdem aber hatte diese Anstalt, wie bekannt, vortreffliche Köpfe gebildet, und der Staat verdankte ihr die vorzüglichsten Männer.

Jede der sechs Abteilungen bestand wiederum in verschiedenen Klassen. Die der Künste umfaßte die Zöglinge der Malerei ,Bildhauerei, Kupferstecherkunst und Architektur. Es waren die Ganzen 30 jungen Leute. Unter den Malerzöglingen war ich der Jüngste, und blieb es bis zu meinem Austritt. Hier mußte ich nun die Kunst sozusagen wieder ganz von vorne anfangen, und mich zu den ersten Anfangsgründen verstehen, welche im Zeichnen der Augen, Nase, des Mundes und so weiter nach Vorlegeblättern bestanden. Weil ich aber ziemlich schnelle Fortschritte machte, kam es schon nach der ersten vier Wochen dazu, dass mir das Zeichnen nach der Natur gestattet wurde.

Alljährlich vor Ostern, nach abgehaltener Prüfung, wurden Preise, silberne Medaillen unter die besten Schüler ausgeteilt. – Bei den vereinigten Vierfächern der bildenden Kunst jedoch gab man nur vier solche Prämien, und es mußte deshalb jedes Mal unter vier Auserwählten mittels des Würfels, um des Preises gelost werden. Dieses geschah im Beisein des Herzogs und sämtlicher Professoren.

Schon nach dem ersten halben Jahr meines Schulbesuchs wurde ich nach einem einstimmigen Ausspruch meiner Lehrer als der würdigste unter den Malerzöglingen anerkannt und zum Ausspielen des gesetzten Preises zugelassen. Es war im Jahre neunzig – Fortuna war mir abhold; ich verlor, erhielt jedoch als Auszeichnung das Band. Dieses war gelb mit roten Enden, etwa zwei Finger breit, und durfte auf der rechten Achsel bei dem silbernen Achselschlingen der Uniform getragen werden.

Das folgende Jahr ward ich wiederum ausersehen, als Konkurrent aufzutreten. Aber das Glück begünstigte mich ebenso wenig wie das erste Mal. Mit drei Würfeln warf ich nur vier, – hatte also verloren. Ein Umstand, der mir sehr schmerzlich fiel.

So sehr nun auch meine Professoren Ursache zu haben glaubten, mit mir zufrieden zu sein, umso weniger war es der Herzog und die übrigen Herren Offiziere. An dieser Ungnade aber waren lediglich nur meine öfteren Fehler schuld gegen die vorgeschriebene strenge Ordnung, in die sich der junge, lebhafte Mensch wenig schicken konnte. Diese Strenge ging zuweilen bis ins kleinlichste, dass man zum Beispiel schon in Strafe verfiel, wenn man nur einen Knopf an der Weste zu viel oder zu wenig zugeknöpft war.

Doch muss ich auch bekennen, dass selten ein leichtsinniger Streich von den Kameraden verübt wurde ohne meine redliche Teilnahme oder Mitwisserschaft; wodurch ich mich zwar bei der Jugend beliebt machte, zugleich aber mir die Ungnade des Herrn Herzog Karl, noch mehr aber die des Obristen von Seeger zuzog. Ein übelberechneter Jugendstreich gab Veranlassung, die längere Zeit über meinem Haupte schwebende Wetterwolke zum Ausbruch zu bringen.

Es liegt fast allgemein in der menschlichen Natur, mit dem Guten, was man hat, unzufrieden zu sein und sich nach eingebildeten Besseren zu sehnen. Der Jugend insbesondere ist diese Ungenügsamkeit eigen. Fast sämtliche junge Leute der Akademie waren es bald überdrüssig, in der für sie so wohltuenden Ordnung zu leben, und jeder wünschte sich lebhaft hinaus in ungebundenere Verhältnisse. So erging es auch mir.

Ich hatte einen gleichgesinnten Freund, der sich ebenfalls der Malerei widmete; wir beide entwarfen nun im Stillen einen Plan, nach dem Beispiele anderer Kollegen zu desertieren. – Mein Mitverschworener aber verrieth durch sein vorlautes Wesen das Vorhaben und wir bekamen, vorbehaltlich weiterer Strafe, sogleich Arrest. – Die Sache kam vor den Herzog; bevor jedoch ein Urteil erfolgte, hatte mein Mitschuldiger Mittel und Wege gefunden zu entfliehen. Mit Hilfe seiner Bettücher, die er zerschnitten und zusammengeknüpft hatte, war es ihm gelungen, vom dritten Stockwerk herab auf den Boden zu kommen und glücklich das Freie zu gewinnen. Somit war ich allein der Unglückliche, auf dem die ganze Schwere des Strafgerichts ruhte. Sogleich nach dem Entweichen meines Kameraden hatte ich eine Wache bekommen, während der Karzer, in welchem mein Freund gesessen, also sorglich befestigt wurde, dass man unbedenklich jeden Kriminalverbrecher darin hätte verwahren können. Dieser sichere Ort wurde hierauf mir zum Aufenthalt angewiesen.

Der Herzog Karl war begreiflicherweise gegen mich sehr aufgebracht, und ich erfuhr, dass er vorhabe, mich unter ein auf der Veste Hohenasperg gelegenes Infanterieregiment zu stecken, um mir, wie er sich ausdrückte, ein paar Jahre Mores zu lehren.

Weil ich aber kein württembergischer Unterthan, und von der Fürstin von Fürstenberg bisher unterstützt worden war, so hielt es der Herzog doch für gut, woher diese Frau seinen Entschluß wissen zu lassen.

Die Fürstin jedoch, überzeugt, dass ich keines Verbrechens mich schuldig gemacht, welches also hart bestraft werden verdiene, war so gnädig, mich von seiner Durchlaucht auszubitten, um, wie sie sagte, den Übeltäter selbst bestrafen zu können.

Es war kurz vor Ostern, als nach sechs wöchentlicher Haft die Thüren meines Gefängnisses sich öffnete und man mir ankündigte, dass ich auf Befehl des Obristen von Seeger (der noch immer einen Zahn auf mich hatte) in Begleitung eines Sergeanten nach Donaueschingen eskortiert werden sollte. – Von Stuttgart bis Hechingen versah ies Amt ein Unteroffizier der Stuttgarter Stadtsoldaten, ein gutmütiger Alter, der mich versicherte, er sei mir bloß deshalb beigegeben, damit er dem jungen Herren (ich war noch nicht 18 Jahre alt) unterwegs nichts Übles zustoße; was ich in meinem jugendlichen Leicht- und Frohsinn auch gerne glaubte. In Hechingen veränderte sich die Szene und zwar auf Veranlassung des persönlichen Feindes, des Obristen von Seeger. Dieser hatte in Hechingen einen Freund, der am Hofe eine große Rolle spielte; an diesen hatte sich der Obrist gewendet, und jener wußte es so einzuleiten, dass ich für einen wirklichen Verbrecher angesehen und demgemäß behandelt wurde. Mein Stuttgarter Unteroffizier verabschiedete sich unter Tränen, denn er hatte mich liebgewonnen und sagte mir, wie sehr er von all‘ dem, was er in Betreff meiner hier stehen und hören müße, überrascht und bekümmert sei.

Gerne hätte ich später, als ich im Jahr 1798 zum Zweiten Mal hierher kam, dieser guten Seele meinen Dank abgestattet, aber ich konnte leider nicht mehr von dem Manne in Erfahrung bringen.

Im Gefühle der es mir angetanen Unrechts, hatte ich den Entschluss gefasst, zu entfliehen, selbst auf die Gefahr hin, irgendwo als gemeiner Soldat Dienst nehmen zu müssen. Zum Glück für mich hatte aber der barbarische Mann, der mir zugegeben war, ein allzu wachsames Auge auf den untergebenen vermeintlichen Übeltäter, und so kam ich ohne weiteren Zwischenfall in Donaueschingen an. Was ich dort empfunden, von allen Menschen gekannt, wie ein Verbrecher durch die Straßen geführt zu werden, wird nur der bemessen können, der je schon in ähnlicher Lage sich befunden. Einzig der Gedanke war noch mein Trost, dass ich mich keines eigentlichen Verbrechens, sondern nur eines unbedachten Jugendstreichs bewusst war. Schien ja doch ein Fehler gegen militärische Subordination in den Augen eines im Zivilstande erzogenen Jünglings kein so schweres Vergehen.

Meine Fürstin empfing mich wie eine erzürnte, aber gütige Mutter; und mein gänzlich darnieder gebeugter Geist lebte wieder auf, so wie das grenzenloseste Zutrauen und die tiefe Verehrung gegen diese herrliche Frau. Sie hatte zwar gedroht, mich zu bestrafen, wie sie es dem Herzog Karl versprochen habe, allein durch meine Bitten gerührt, ließ sie sich zu gnädiger Nachsicht und Verzeihung bewegen. – Sie wies mich zu meinem Onkel, dem bereits erwähnten Kanzlisten, und ließ ihn fragen, er möchte mich bei sich aufnehmen, und den anderen Tag mit mir vor ihr erscheinen, um das Weitere zu besprechen.

Erleichterndes Herzens ging ich von der wohlwollenden Fürstin hinweg. – Das Ärgste war nun überstanden, doch hatte ich noch einen fatalen Auftritt bei meinem Onkel zu gegenwärtigen. Nicht ohne Beklemmung war ich bei diesem eingetreten; – er schien sehr aufgebracht über den leichtsinnigen Neffen, als er jedoch die Verzeihung und Gnade der Fürstin erfuhr, lenkte er ein und wurde gelassener; zudem traute er mir wohl Ubesonnenheit zu, aber keine Schlechtigkeit.

Meine Lage war somit unverhofft eine äußerst günstige geworden. Vom Hof hatte ich den Auftrag erhalten, etwas zu malen, damit man sehe, welche Fortschritte ich gemacht habe. Das in Folge dieses Ansinnen unternommene Bild viel gut aus; jedermann war damit zufrieden, und mein Kredit war gegründet.

Ich bekam Beschäftigung in Fülle, und die Fürstin blieb meine beständige Beschützerin; wenn ich für den Hof zu tun hatte, wurde jedes Mal auf ihren Befehl eines ihrer Zimmer zum Arbeitslokal eingeräumt. Ja sie ging mit dem Plane um, mich mit einem jährlichen Stipendium nach Italien reisen zu lassen, nur befürchtete sie, meine Jugend und mein feuriges Temperament möchten mich im fremden Lande auf Abwege führen, weshalb dieses löbliche Vorhaben von Jahr zu Jahr verschoben wurde.

Unterdessen war das Jahr sechsundneunzig herangekommen. Die Franzosen zogen über den Rhein, und an dem nämlichen Tag, wo dieses geschah, ward mein Fürst, Joseph Maria Benedikt aus dieser Zeitlichkeit abberufen. Seine Gemahlin verlor nunmehr die Regierung und konnte im Witwenstande wenig mehr für mich tun, weil auch der geringste Einfluss ihrerseits bei Hofe gänzlich aufgehört hatte. – Ein Jahr nachher starb diese herrliche Frau, deren Andenken mir zeitlebens heilig sein wird.

Der neue Regent, ein Bruder des Verstorbenen, durch Zeitverhältnisse und Kriegsunruhen mannigfach beschränkt, entzog mir fast alle Vorteile, die ich seither von Hofe genossen, und ich verließ mein Vaterland, um in der nahen Schweiz mein Fortkommen zu suchen.

Es waren meist Porträts und Schlachtgemälde, die mich in jenem Lande beschäftigten. Im Jahr 1797 wurde ich unverhofft von meinem Fürsten wiederum zurückberufen, um sein und mehrere andere hohen Personen Porträte zu malen. Doch war dieses Mal meines Bleibens in der Residenz nicht zu lange; ich strebte weiter*.
*In diese Zeiten fallen auch die meisten seiner Zeichnungen aus dem Soldatenleben, welche Blätter hernach, von dem Künstler selbst in Aetzmanier vervielfältigt, in Stuttgart bei Ebner herausgekommen sind.

Im folgenden Jahr erhielt ich den ehrenvollen Auftrag, die Familie des Fürsten von Sigmaringen zu malen; ein Ruf, dem ich unverweilt Folge leistete. Von Sigmaringen folgte ich den erlauchten Herrschaften in das fürstlich sigmarinische Bad Immau; und machte während eines dortigen vierwöchentlichen Aufenthalts gelegentlich einen Ausflug in die Residenz Stuttgart, um meinen ehemaligen Lehrer und Freunde zu besuchen.

Es war im Juli, als ich dort ankam. Mit wahrer Freundschaft wurde ich von meinen alten Lehrern aufgenommen; von den Kameraden traf ich jedoch nur noch wenige.

Seit meiner ersten unfreiwilligen Abreise von Stuttgart war ich, was meine künstlerische Ausbildung anbelangt, sozusagen gänzlich mir selbst überlassen geblieben, was ich von Werken der Kunst zu sehen bekommen hatte, hatte sich auf Weniges beschränkt. Groß war daher der Eindruck, als ich nach so langer Zeit wieder Gelegenheit hatte, vorzügliche Werke älterer und neuerer Meister zu betrachten.

Manches sah jetzt der 24-jährige Jünglinge mit ganz anderen Augen, als vormals der 18-jährige; seine Achtung und Liebe zu der erhabenen Kunst war durch den Anblick so vieles Schönen wieder auf’s Neue entflammt, und mit ihr der Eifer, auf der eingeschlagenen Bahn weiter zu schreiten.

Ich hatte mir vorgenommen, meinen Aufenthalt in der Residenz nicht allzu lange auszudehnen und sogleich nach Wien zu reisen. Allein bald sah ich mich durch Bande festgehalten, die mir lieb und wert waren; auch boten sich Beschäftigungen dar, die mein Bleiben, wenn nicht rechtfertigen, doch entschuldigen konnten. Ich blieb also bis zum Jahr 99, wo ich abermals nach Donaueschingen gerufen wurde, in das Hauptquartier Seiner Königlichen Hoheit des Erzherzogs Karl, um das lebensgroße Porträt dieses Prinzen zu malen.

Drei Monate brachte ich in Donaueschingen zu, worauf ich wieder nach Stuttgart zurückkehrte und die halbfertige Arbeit mitnahm, um sie dort zu vollenden. – Die Ehre und Ruhm, dieses großen Mannes und Kriegshelden gemalt zu haben, üben mächtigen Einfluss auf meine Verhältnisse. An bedeutenden Aufträge fehlte es mir von nun an immermehr. Im Januar 1801 begab ich mich nach Karlsruhe, wo mir der ehrenvolle Auftrag zuteil geworden war, den regierenden Herren Markgrafen Carl Friederich, so wie dessen Gemahlin und die Frau Erbprinzessin nebst anderen hohen Personen des Hofes zu malen. – Zu gleicher Zeit beschäftigte mich ein kleines Schlachtgemälde, welches ich für einen Schweizer Privatmann auszuführen unternommen.

Dieses Bild stellt den Übergang der Russen über die Teufelsbrücke dar, und kam nach Beendigung meiner Karlsruhe Hofarbeit nach Stuttgart, wo es die Aufmerksamkeit verschiedener einflußreichen Personen auf sich zog. Durch den am dortigen Hofe akkreditierten russischen Gesandten wurde es sogar dem Herzog Friederich, meinem jetzigen allergnädigsten Könige vorgezeigt.

Man wundert sich am Hofe, dass der Verfertiger eines solchen Bildes bis jetzt so unbekannt geblieben, und als ich halb nachher von Karlsruhe, wo ich mich nahezu ein Jahr aufgehalten hatte, wieder nach Stuttgart kam, wurde mir das Glück zuteil, dem Herzoge vorgestellt zu werden. Der Fürst drückte mir unverhohlen seine höchste Zufriedenheit aus, sowie die Freude, mich in seinem Lande zu haben, und beehrte mich folglich mit den schönsten Aufträgen.

Man kann sich denken, wie sehr ich bemüht war, den allerhöchsten Beifall dieses großen Kenners und Beschützers der Kunst durch meine Leistung zu verdienen. Die Arbeiten gefielen, und infolgedessen wurde mir unter der Hand Dienste angetragen, die ich jedoch im Gefühle meiner über alles geschätzten Unabhängigkeit ablehnen zu müssen glaubte.

In diese Zeit fällt eine kleine Begebenheit, die ich erwähne, um zu zeigen, wie sehr seine herzogliche Durchlaucht meine Arbeiten zu würdigen geruhten.

Der vorerwähnte russische Gesandte hatte bei mir ein größeres Bild bestellt, welches, wie das frühere den Übergang der Russen über die Teufelsbrücke zum Gegenstande haben solle. Die etwas sonderbare Bedingung, die mir bei diesem Auftrag erteilt worden waren, will ich hier nicht näher bezeichnen. Genug, ich hatte sie eingegangen, jedoch mehr nur, um Gelegenheit zu haben, mich in größeren Arbeiten zu üben, als um pekuniärer Vorteile willen.

Ich hatte mich bestrebt, den geschichtlichen Moment möglichst treu und nach besten Quellen bearbeitet wiederzugeben, und ich darf wohl sagen, dass die fertige Arbeit in dieser Beziehung jedem Kenner und Geschichtskundigen zu befriedigen geeignet war.

Auch der Herr Gesandte zeigte sich damit zufrieden. Nur machte er die Bemerkung, das russische Wappen auf den blechernen Münzen der Grenadiere sei zu undeutlich (die Figuren waren ungefähr 14 Zoll hoch). Zuletzt fragte er mich, was ich für das Bild verlange? Ich bestimmte ihm, gemäß des vorangegangenen Vertrages, den Preis von 60 Louisd’or. – Der Herr Gesandte machte große Augen und schien durchaus nichts mehr von unserer früheren Übereinkunft wissen zu wollen. Er bot mir, um mich, wie er sich ausdrückte, nicht in Schaden setzen zu lassen, die Hälfte des geforderten Preises. – Diese undelikate Handlungsweise brachte mich aber dermaßen in Harnisch, dass ich nahe dran war, die geheiligte Person des Gesandten in dem Manne zu vergessen und ich ihm Dinge sagte, die vielleicht allzu derb waren. Zornig und uneins gingen wir voneinander, und zum Abschied warf ich noch hin, dass er das Bild nun nicht haben solle, selbst wenn es mir das Doppelte des zuerst gesetzten Preises böte.

Seine herzogliche Durchlaucht hatten von diesem Handel gehört und fanden sich bewogen, mich rufen zu lassen. Er verlangte das Gemälde zu sehen. – Wohl eine halbe Stunde saß der Herzog betrachtend davor und äußert zuletzt seinen höchsten Beifall, mit dem Bedeuten: dass ich ihm das Bild ablassen solle; und wirklich ließ er mir des anderen Tages die Summe, welche ich dem Gesandten bestimmt hatte, dafür ausbezahlen.

Am Sonntag darauf war bei Hof große Tafel, zu welcher auch der Gesandte eingeladen war. – Der Herzog lenkte das Gespräch auf die Kunst und sagte unter anderem: er habe von einem Künstler, den er in der Residenz habe, kürzlich ein Bild an sich gebracht (er bezeichnete den Gegenstand), und den äußerst billigen Preis von 60 Louisd’or; und nachdem er befohlen, das Gemälde herbeizubringen, wendete er sich zu dem russischen Gesandten mit den Worten: das wäre eine Aquisition für Sie gewesen, Herr Gesandter; doch jetzt würde ich es um keinen Preis mehr herlassen. – Der Russe stand wie auf Kohlen und wusste nicht, wo er den Blick hin wenden sollte.

So hatten die Unannehmlichkeiten, die mir durch diese Bestellung verursacht wurden, noch zu ehrenvoller Anerkennung geführt.

Seine Durchlaucht gaben mir in der Folge den Auftrag, allerhöchst ihr Bildnis zu malen, umgeben von ihren Adjutanten oder Ordonanzoffizieren und Pagen, in dem Moment, wo sie von dem Schlosse Monrepos ausritten. Eine Arbeit, die mich längere Zeit festhielt. Es waren über 16 Porträtfiguren, keine unter 18 Zoll Höhe, nebst mehreren Nebenfiguren und Pferden.

Der Beifall, welcher meiner Leistung gezollt wurde, war so groß, dass mir wieder neuerdings Dienste angeboten wurde. Der Herzog hatte unterdessen die Churwürde angenommen, und mit ihr vermehrte sich der Glanz des Hofes. Was meine Verhältnisse* anbetraf, so geboten meine stets wachsenden Haus- und Familiensorgen dem Antrag Beachtung zu schenken.
*Seele war meines Wissens mit einer königl. württemb. Hofschauspielerin verheiratet.

Ich wurde demnach zum Anfang des Jahres 1804 zum Hofmaler, und bald darauf zum Direktor der königlichen Gemäldegalerie ernannt.

Der größere Muße, welche mir diese Anstellung verschaffte, benützte ich, um durch unausgesetztes Studium immer mehr und mehr die Kunst in ihrer Tiefe zu erfassen, um so viel wie möglich durch das Studium der Antike den Mangel, Italien nicht gesehen zu haben, zu ersetzen. Dieses Streben blieb nicht unbelohnt, denn ich hatte das Glück, bei allen fernen Arbeiten den Beifall meines Monarchen zu erhalten, und die Welt war ebenfalls nachsichtig genug, mich als Künstler zu achten und zu ehren.

Zwei Jahre nach meiner Anstellung erhielt ich von Seiner königlichen Majestät, meinem Herren, einen sechs monatlichen Urlaub, den ich zu einer Reise nach München und Wien benützte. Der Anblick so vieler und herrlicher Werke alter und neuer Zeit verfehlte nicht, mächtigen Einfluss auf mich zu machen, und indem ich meine Kenntnisse erweiterte, fühlte ich mich höher gehoben und zu neuen Werken begeistert.

Nach zweimonatlicher Verlängerung meines Urlaubes kehrte ich im Jahre neun wieder in den Schoss meiner Familie zurück.

Des Königs Majestät erteilten mir folglich neue Aufträge. Im Jahr 1811 malte ich den Ganymed, im Begriffe, dem Adler Jupiters die Schale zu reichen. Dieses lebensgroße Bild hatte dem König Veranlassung gegeben, seine Zufriedenheit sowohl mit meinem Dienste als Direktor als auch mit meinen künstlerischen Leistungen auszusprechen, um mich gleichzeitig zum Ritter des Zivil-Verdienstordens zu ernennen.

Dieses, liebster Onkel, ist die kurz gedrängte Darstellung meines Lebens. Ich hätte sie allerdings noch mit manchen Einzelheiten schmücken können; ich fürchte jedoch, zu breit und weitschweifig zu werden.

Indem ich mich Ihrer ferner väterlichen Liebe empfehle, verbleibe ich mit inniger Verehrung und kindlicher Ehrfurcht.

Ihr

treuer Neffe
v. Seele,

Soweit das Manuskript. Eines der letzten Werke unseres Künstlers ist ein Altarblatt, Christus am Kreuze, umgeben von Maria, Johannes und Magdalena. Seele schenkte dieses schöne Gemälde der Pfarrgemeinde Hüfingen zum dauernden Gedächtnisse seines dortigen, von ihm nie vergessenen Jugendaufenthaltes.


Als früher Vertreter der Hüfinger Künstlertradition gilt Johann Baptist Seele (27. Juni 1774 in Meßkirch – 27. August 1814 in Stuttgart). Sein Vater Franz Xaver Seele diente ab 1776 in Hüfingen als Unteroffizier im fürstenbergischen Kreiskontingent. Johann Baptist Seele stieg bis zum Hofmaler des württembergischen Königs auf.

Agathenzedel

Agathazettel wurden entweder direkt ausgegeben oder nach dem Kauf bei Händlern am Agathatag gesegnet. Oft wurden sie zur Segnung in die seit dem 16. Jahrhundert ebenfalls als Heil- und Schutzmittel verwendeten Agathabrötchen gesteckt. Viele Familien schrieben ihre Bitten um Schutz und Hilfe selbst auf ein Blatt, brachten es am Agathentag zur Kirche, ließen den Agathazettel im Gottesdienst segnen und brachten ihn an der Tür an oder verwahrten ihn im Haus. Wenn der Agathenzettel der Bitte galt, vom Feuer verschont zu werden, wurde er zuweilen ins brennende Feuer geworfen. Agathazettel wurden oft Nachbarn und Freunden geschenkt. Es wurde auch berichtet, dass Schüler das Fürbittgebet auf Papier schrieben und dies mit bunten Verzierungen versahen. (Wikipedia)

Fürstenhaus in Donaueschingen

Der „gute damals regierende Fürst„, Joseph Wenzel Johann Nepomuk, wurde am 2. März 1728 in Prag geboren und starb am 2. Juni 1783 in Donaueschingen. Sein Sohn war Joseph Maria Benedikt Karl Fürst zu Fürstenberg (9. Januar 1758 – 24. Juni 1796), verheiratet mit Maria Antonia Anna von Hohenzollern-Hechingen (10. November 1760 – 25. Juli 1797). (Wikipedia)

Einige Werke von Johann Baptist Seele am württembergischen Hof.
Für eine Beschreibung, bitte auf die Abbildung klicken.

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Altarbild von Johann Baptist Seele in St. Verena und Gallus.
Allerdings ist die Geschichte um den Erwerb hier etwas komplizierter, als von Lucian Reich dargestellt und hat Hüfingen an den Rand des Ruins gebracht.

Hier die Geschichte zum Gemälde: Das Altarbild von Seele in St. Verena und Gallus

Wanderblühten – Kindheit in Hüfingen – Liebe Mariann


„Zuvor muss ich abbitten, dass ich die Keckheit habe, Dich mit einem Schreiben zu belästigen. Ich kann nicht unterlassen, Dir mein ganzes Herz zu eröffnen. Ja, liebe Mariann‘, Du wirst zwar sagen, ich sei nicht beim Verstand. Ja, es kommt mir oft selber auch so vor. Ich will nur eine einzige Bitte im Vertrauen an Dich stellen, wie es wär‘, wenn ich mit Gottes Hilfe es so weit brächte, dass ich wie mein Bruder als Pächter irgendwo aufziehen könnt; und gesetzt, die liebe Mariann‘ wäre doch ledig und frei?

Ich weiß zwar wohl, dass Berg und Tal zwischen des Vogts Tochter und einem armen Knecht, wie ich bin, stehen, aber sein soll, schickt sich wohl, und ich kenn‘ Eine, kein Feuer ist zu heiß und kein Meer zu tief, als dass ich nicht für sie durchgehen wollte. Ich möchte nur wissen, ob auch Sie noch ein wenig an mich denkt. Ist dies der Fall, so wird mir alle Müh‘ und Arbeit ringer vorkommen.

Zum Schluss muss ich von Herzen bitten, mich dieses Schreibens wegen nicht auszulachen oder gar zu verspotten, denn wie es mir um’s Herz ist, muss es heraus, und ich mein’s ehrlich. Wenn es geht, wie ich hoffe, so wirst du erfahren, warum ich jetzt in diesem Augenblicke das Schreiben an dich gestellt habe. Leb tausendmal wohl und zürne mir nicht.

Und so will ich denn schließen
Mit viel herzlichen Grüßen
Dein bis in den Tod getreuer
Konrad
auf dem Waldhauser Hof.

NB. Am Donnerstag komm‘ ich hinaus zu euch zum Opfer für die Bas‘ selig, da hoff‘ ich zu erfahren, wie du gesinnt bist. Nimmst du im Heimgehen aus der Kirche den Wachsstock in die rechte Hand, so seh‘ ich es als ein günstiges Zeichen an, so du ihn aber in der Linken trägst, so erachte ich es für meinen Abschied.“

Was nun am Donnerstag nach der Kirche geschah, das weiß ich nicht zu sagen, denn wer wird auch so genau hinauf sehen, ob ein Mädchen ihre Wachsstöcke links oder rechts tragen? Aber so viel ist gewiß, dass der alte Kaspar die beiden am Gartenhaag unter dem Obstbaum beisammen stehen sah, Hand in Hand. Da es jedoch heller Tag war und die Erscheinung nichts von Gespenstern an sich hatte, so behielt er sie vorläufig für sich. Der Vogt soll derweil im Adler und die Vögtin auf einem Krankenbesuch in der Nachbarschaft gewesen sein.

Ein nichtsnutzige Distelfink schrie nachher aus Leibeskräften in der ganzen Gegend herum, der Konrad habe das Mariannele frei und frank geküßt. Er hätte sie gern in’s Geschrei gebracht; aber es achtete Niemand auf ihn.

Konrad blieb auf den Wunsch seines Vetters, des Riedbauern, zwei Tage im Heimatort. Die Unterhaltung war eine sehr einsilbige. Der Tod der Base schien nichts mit dem Wesen des Mannes geändert zu haben; nur war es auffallend, wie er oft zerstreut und mit suchenden Blicken durch die Stube ging. – Das war ein langweiliger Tag für Konrad; es war ihm fatal, das Mariannele nicht mehr sprechen zu können.

Auf dem Heimwege summte der junge Bursche das Lied vor sich hin.

Keine Kohle, kein Feuer kann brennen alsi heiß.
Wie stille heimliche Liebe, die Niemand nicht weiß.

Dazwischen hielt er auch, während er wieder auf jener Höhe stehenblieb, ein Selbstgespräch, und das lautete wie folgt:
Kreuz Donner – des Vogts Mariann‘, ’s schönst Mädle im ganzen Ort, und – du! Herr Gott!

Nachdem er aber solches gesagt, hub er abermals zu singen an. Der Grund, warum unser Konrad, wie es in dem Brief heißt, „jetzt in diesem Augenblick“ auf Entscheidung gedrungen, mag in Folgendem gelegen haben.

Mehrere junge Männer aus der Nachbarschaft waren willens auszuwandern, und zwar als Landwirte nach Ungarn. Schon im vorigen Jahrhundert hatten nicht wenige Familien der Baar ihre Heimat verlassen, um als Kolonisten in jenem Lande sich ansässig zu machen; und dass die Leute dort ihr Fortkommen gefunden, erhellte aus dem Umstande, das später, während der vorigen Kriegszeiten, zuweilen ungarische Husaren in der Baar gewissen Geschlechtern nachfragten, und die verwunderten Bauern als ihre Vettern begrüßten.

Auf dieses standen sich wiederum Mehrere bewogen, ihr Glück dort zu suchen, und einer von diesen hatte sich zurzeit unserer Erzählung diesbezüglich nach Hause gewendet, um einige seiner Landsleute und Verwandten zu sich einzuladen. Auch unserem Konrad wurde der Antrag gemacht, sich anzuschließen, und einer der Auswanderungslustigen war schon wiederholt deshalb bei ihm auf dem Hofe gewesen. Der Oberknecht zögerte, sein Jawort zu geben. – Sein Hoffnungsanker hatte ja im eigenen Lande zu tiefem Grund gefaßt, als dass ihm ein Losreißen so leicht geworden wäre.

Der Gruß der Jugendfreundin war wie ein warmer Sonnenstrahl auf die verborgen keimende Saat seiner Hoffnungen und Wünsche gefallen und hatte ihn zum raschen Entschlusse gedrängt: „Ich wage’s!“ Hatte er ausgerufen; er wollte Gewissheit, und erst wenn dem Vaterlande Alles verloren sah, wollte er im fremden Land sein Glück versuchen.

Dies die Veranlassung des Schreibens.
Wie günstig aber die schriftliche Botschaft aufgenommen worden, haben wir aus der Zusammenkunft am Gartenhaag und dem Selbstgespräch des Oberknechts entnehmen können.
Das Mariannele hatte ihn um Gottes willen gebeten, er möge doch sein Vorhaben, nach dem Ungrrland zu gehen, fahren lassen; unser Herrgott könne ja leicht Alles und zum Besten lenken.

Das war nun fromm und gut gedacht, aber Konrad sah wohl ein, dass er jetzt die Hände regen müsse. Seitdem die Mariann‘ gesagt hatte, wie gern sie ihn habe, war seiner Tätigkeit und Kraft ein mächtiger Sporn gegeben. Das Ziel stand zwar noch ferne, aber nicht unerreichbar; wenn Gott will, sagte er zu sich selbst, so tagt es. – Den Auswanderern sagte er ab. – Sein Weizen blühte jetzt in der Heimat; aber nicht ohne Sturm und Gewitter sollte die Frucht zur Reife gedeihen.

Der fleißige Bursche hatte zu seinem wenigen angefallenen Vermögen bereits so viel erspart, dass es ihm möglich gewesen wäre, bei der Betrachtung eines Meierhofes die nötige Kaution zu stellen; und er wartete nur auf günstige Gelegenheit, seinen Plan zur Ausführung zu bringen.

Der Bruder Mariann’s hatte unterdessen das elterliche Gut übernommen und einer reichen Base die Hand gereicht, die Eltern aber mit der ledigen Tochter bewohnten seitdem das Nebenhaus. – Mehrere Freier hatten das Mädchen glücklich abzuweisen gewußt. Der Vogt ließ sie gewähren, ohne den Grund ihrer Weigerung zu kennen. Wohl saß die gute Mariann‘ zuweilen mit ihrem Kämmerlein und dachte darüber nach, was wohl der Vater zu ihrem Verhältnisse zu dem armen Konrad sagen würde. – Doch nur zu bald sollte sie auf dieser Frage Antwort erhalten.

Der Oberknecht hat in Erfahrung gebracht, dass einer der unweit Waldhausen gelegenen herrschaftlichen Höfe von neuem verpachtet werden solle. Er hatte Lust, als Bewerber um den Platz aufzutreten, und sein Bruder, so ungern er auch den umsichtigen Gehilfen entbehren mochte, versprach ihm mit Rat und Tat an die Hand zu gehen, weil er wohl einsah, dass es dem jungen Manne vor Allem darum zu tun sein müsse, endlich einmal selbstständig zu werden.

Bevor jedoch Konrad einen entscheidenden Schritt tun wollte, mußte er vor Allem das gute, ihm so herzlich ergebene Mädchen von dem Vorhaben in Kenntnis gesetzt und ihrer Meinung eingeholt werden.

Das Brieflein, worin er dieses tat, hatte er mit auf den Löffinger Fruchtmarkt genommen. Hier traf er gewöhnlich Landsleute. Einem Zwetschgenwasserhändler, der beim Vogt ein- und ausging, wurde das Schreiben anvertraut. Dasselbe wurde aber zufällig unterwegs aufgehalten, und weil ihm Konrad gesagt habe, es pressiere, so übergab er das Papier einem Bauern aus dessen Dorfe, dem er just im Posthaus zu Unadingen begegnete. – Er sagte ihm aber nicht, von wem das Dokument sei und was es damit für eine Bewandtnis habe, sondern schärfte ihm lediglich ein, den Brief dem Mariannele richtig einzuhändigen und dem Alten nichts davon merken zu lassen.

Der gute Mann, der keine Ahnung hatte, was in einem solchen Schreiben stehen könne, wovon der Alte nichts wissen dürfe, trug den Brief getreulich heim. Wie er ankommt, sieht er die Vögtin aus dem Hause gehen, und denkt: Jetzt ist das Nest sauber; den Vogt treffe ich ohnehin nicht, um die Zeit sitzt er im Adler drüben und trinkt sein Schöpple. Geht also gutemuths hin und macht die Türe auf. Wer aber gerade vor dem Spiegel steht und den Seifenschaum aus dem fetten Gesichte trocknet, das ist der Vogt. „Es ist doch merkwürdig, dass mich das verteufelte Katzendoktorle jedes Mal schneiden muss, wenn es mich barbiert“, spricht er dazu und legt ein Stücklein Zündschwamm auf den beleidigten Teil, welcher aussieht, als ob der Pflug über ihn gegangen wäre.

Der arme Mann erschrak und wollte wieder rücklings zur Türe hinaus. Der Vogt aber, der ihn in dem unseligen Spiegel gesehen hatte, sagte, ohne sich umzuwenden: „Du, Antoni, was bringt dir Gut’s?“

Dies machte den Liebesboten vollends ganz bestürzt und verwirrt; er stotterte etwas von einer „Commission“ und von der „Jungfer Tochter“, legte zuletzt den Brief auf den Tisch und salvierte sich zur Tür hinaus, indem er „Nichts für ungut!“ murmelte.

Der Vogt sieht ihm verwundert nach. Jetzt erst hat er sich umgekehrt, sein Auge fällt auf den Brief; den beachtet er gemächlich von allen Seiten. „Pressant“ stand auf der Adresse. An meine Tochter? fragte er: Das werde ich doch auch wissen dürfen. Krack – ist das Siegel offen und – Himmel – Kreuz – Hagel usw. usw.. – Welch ein Gewitter brach über die arme Mariann‘ herein, die in diesem verhängnisschweren Augenblicke geschäftehalber an nichts denkend, unter der Türe erschien. Der zweifelhafte Wetterprophet hätte ihr das Einschlagen prophezeit, so furchtbar tobte und fuderte der Vogt über diese „heimliche Garss“, wie er sich auszudrücken beliebte. Zu guter Zeit kam jetzt auch die Mutter nach Hause und wendete das Ärgste von der Armen ab. Die Vögtin hatte von jeher solchen Donner- und Hagelwetter gegenüber eine Art von Assecuranz geltend zu machen gewußt.

Mariannele war bis in den Tod betrübt, und konnte ihren Konrad nur so viel Wissen tun: er möge um Gottes willen nicht mehr an sie schreiben und sich ja nicht so bald wieder im Orte blicken lassen. Alles sei verraten.

So schnell Konrad im Hoffen und Vertrauen gewesen war, so schnell ließ er sich durch diese Hiobspost darnieder schlagen. Eigentlich hätte er sich von Anfang an vorstellen können, dass es über kurz oder lang so gehen werde. Aber diese jungen Brauseköpfe finden ein besonderes Vergnügen darin, sich durch jeden Hasenfuß, der ihnen über den Weg läuft, stutzig machen zu lassen. In heftiger Aufregung war er in seine Kammer gerannt, hatte dort den Deckel des Troges, der seine Habseligkeiten barg, hastig aufgerissen, und zuerst den Brief, hernach einige herumliegende Kleidungsstücke hineingeworfen, als sollte es in der nächsten Viertelstunde schon fort gehen, den Kameraden noch in’s ferne Ungarnland. – So wie er aber den Unmut vergährte und die erste Hitze verraucht war, setzte er sich an’s Fenstersims, das Gesicht auf die Faust gestemmt, und heiße Tropfen stahlen sich aus dem unbeweglich vor sich hin starrenden Augen.

Er machte sich die bittersten Vorwürfe, dieses Leid über das arme Mädchen gebracht zu haben. Zugleich war es ihm aber auch klar, dass er jetzt der Heimat und allem Valet sagen, und in die Fremde ziehen müsse. – Doch noch einmal musste er sie sehen, um Verzeihung bitten und Abschied von ihr nehmen. – Dem Bruder ließ er nichts von Allem merken und verrichtete die Geschäfte wie zuvor.

So verging Woche um Woche, Monat um Monat. Der einsilbige Mensch verlebte die Zeit in gleichgiltigem Verzicht auf alle Annehmlichkeiten, die ein junges Leben bietet.

Der Frühling und ein Teil des Sommers waren vorübergegangen, und der nahe Herbst spreitete schon sein Gewerbe von thaurigen Sommerfäden über abgemähte Wiesen und einzelne Stoppelfelder.

Konrad erinnerte sich, dass der Vogt jedes Jahr regelmäßig, und zwar meist in Gesellschaft seiner Tochter, zum Jakobifeste nach Hüfingen ging, und das ist der Grund, weshalb wir ihn diesmal auf dem Heimwege begriffen, begriffen finden. Er hoffte die „Gewisse“, mit der ihm der Franzsepp geneckt hatte, bei dem Feste zu treffen, hoffte sie vielleicht noch vorher benachrichtigen zu können. Um eine Minute flüchtigen Gesprächs oder gar auch nur einen Blick aus der Ferne zu erhaschen, hat er die Wanderung angetreten und manchen guten Schritt getan. Gott gebe ihm Gelingen! Denn wenn der Vogt morgen zu Hause bleibt, so ist die Rechnung ohne den Wirt gemacht und der Arme getäuscht.

Die Finsternis brach immer tiefer herein. Um sich das Herz frisch zu erhalten, stimmte er ein Liedchen an, das er in Löffingen von einem Handwerksburschen gehört hatte:

Es gibt keine größere Freudigkeit
Auf dieser Erde,
Als wenn zwei junge junge Leut‘
In den Ehstand treten

Da gibt’s keine Sorg‘ und Noth,
Kein Kreuz, kein Leiden.
Nichts als der bittre bittre Tod
Der kann sie scheiden.

Wenn einer eine Liebe hat,
Und weiß nicht wie,
Muß er auf die Seite Seite sehen
Und schweigen still.

Wenn einer eine Liebe hat,
Und weißt’s nit z’machen,
Muß er auf die Steite Seite stehn
Und freundlich lachen.

Lachen, das ist ein schweres Ding,
Leichter ist’s Weinen.
Was ich am liebsten liebsten hab‘,
Das muß ich meiden.

Unversehens stand er vor dem Dorfe, wo schon alle Lichter ausgelöscht waren. Er wollte in seines Vetters Hause niemand mehr wecken und ging still und leise die hintere Treppe, die vom Garten her führte, hinauf. Auf dem Boden war ein Gelaß mit dem Rang und Charakter einer Rumpelkammer, wo nie jemand schlief. Dort gedachte er zu übernachten. Er griff durch das Katzenloch in der Türe und richtig, der Schlüssel lag an der gewohnten Stelle. Nun tappte er in die finstere Kammer hinein und zwischen ausgedienten Rossgeschirr, zerbrochenen Rechen und Heugabeln herum, bis er endlich einen Haufen „Kuder“ (Abwerg) fand. Der tut’s mit dem Fundament, sagte er und legte sich darauf, nachdem er zuvor den Schoopen ausgezogen hatte. Er konnte aber nicht lange schlafen, denn er mußte tausend Pläne schmieden, wie er morgen in aller Frühe der Mariannele ein Zeichen geben könnte. Endlich fiel er in einen unruhigen Schlaf, aus dem er bald wieder erwachte. Eine bedrückende Schwüle umgab ihn. Er stand auf und sah zum Fenster hinaus. Totenstille herrschte über dem Dorf. Kein Blatt rührte sich. Im Westen stand eine dichte Wolkenmauer, aus der es hie und da wetterleuchtete, schwarz und drohend am Himmel. Am Waldrand oben brannte einem Hause ein einzelnes Licht; vielleicht war es der Kasper, der alte Geistersehr, krank. Das Vogts Haus, mit seinem zackigen Giebeln lag stumm und finster zwischen den Obstbäumen des Gartens. Der Wächter im Dorfe unten rief Mitternacht.

Konrad ließ das Fenster offen stehen, begab sich in sein Nest zurück und schlief bald wieder ein. Da träumte ihm, er stehe bei der Mariann‘ und wolle ewigen Abschied von ihr nehmen. Wie er sie aber küssen will, wer kommt dazwischen? der Vogt! und ruft: Hab‘ ich dir nicht schon oft gesagt, du sollst nichts mit dem – Abermals musste er den unvergesslichen Ehrentitel aus seinem Knabenjahren entgegennehmen. Das Mariannele lief schreiend von ihm weg, er wollte ja noch nach, der Vogt aber hob seine gewichtige Hand auf – da weckte ihn plötzlich ein mächtiger Knall. Die Kammertüre wurde aufgerissen, das Fenster schlug klirrend zu. Eine lange weiße Gestalt stürzte zur Türe hinein, stracks auf das Fenster los und riegelte es eiligst zu, während Konrad noch schlaftrunken den Kopf erhebt. Als aber dem Gespenst einige wohlbekannte Flüche entschlüpften, erkennt er seinen Vetter. Nun ist es ihm wie ausgemacht, dass der Knall vorhin ein Schuss gewesen und das Haus von Dieben überfallen sei, weshalb der Riedbauer die Fenster zu verwahren trachte. Er springt auf, seinem Vetter beizustehen; der aber an ihm vorbei zur Kammer hinaus: „Zu Hilf‘! Schelmen, Diebe!“ Schreit er und rennt die Stiege hinab.

Ich hab‘ also doch recht, man will einbrechen, sagt Konrad, und er wischt ein altes zerbrochenes Joch: mit dem laß‘ ich mir keinen auf den Leib; wart’t, ich will es euch.

In dem hört er seinen Vetter mit den Knechten die Treppe heraufkommen. Du stellst dich mit der Mistgabel unten an’s Fenster, kommandiert der Alte im Dunkeln, und die anderen schlagt euch zu mir! Sie müssen noch im Hause sein. – Die Türe geht auf, und herein schreitet der Riedbauer voran mit dem „Heuslicher“ in der Faust. Wo sind sie? Ruft ihm Konrad entgegen.

Alle guten Geister – Dunder un’s Wetter, das ist ja bigott der Konrad! schreit der Alte, wirft die Waffe weg und leuchtet mit der trüben Laterne vor. Ein Blitz, der die Kammer erhellt, hilft nach, hilft nach, und sie erkennen sich von Angesicht zu Angesicht. Ei so b’hüt‘ mich Gott! ruft der Alte, etwas aufgeregter als gewöhnlich: du Teufelsbub‘, wie hast du mich erschreckt; es ist mir in alle Glieder gefahren.

Nun erklärte sich das Missverständnis auf. Der alte Riedbauer, der in der Nacht wenig schlafen konnte, hatte ein Gewitter herankommen hören, dem ein starker Sturm vorausging. Mit der verdrießlichen Sorglichkeit des Alters dachte er sogleich: Ich will nur sehen, ob die Magd nicht wieder einmal das Fenster droben offen gelassen hat! Und richtig, kaum gedacht, so hört er, wie das Fenster in der Rumpelkammer, das Konrad offen ließ, vom Winde hin und her geschlagen wird. Ingrimmig hebt er sich aus den Federn, macht sich hinauf und wäre beinahe nicht auf die erbaulichste Weise mit dem unvermuteten Gaste zusammengeraten.

Nachdem sie sich nun hinlänglich angeschrien und verständigt hatten, gingen sie alle in die vordere Stube hinunter, wo schon das übrige Gesinde im Gebet versammelt war. Eine der Mägde verfügte sich in der Küche, um das am Palmtag geweihte Scheit, dessen Rauch den Blitzen steuert, auf dem Herd anzuzünden.

Jetzt aber brach ein furchtbares Wetter aus, Blitz und Blitz und Schlag auf Schlag, so dass das alte Haus in seinem Grundfesten erzitterte. Der Riedbauer hatte indessen einen schlechten Rock übergeworfen, seinen breitrandigen Regenhut aufgesetzt und ging mit den Knechten in den Stall, um die Stalltüre gegen das eindringende Wasser mit Mist zu verwahren; denn der Regen fiel in Strömen und schwelte draußen das Bächlein zum wahren See.

Endlich ließ die ärgste Wut des Gewitters nach, das Donnergrollen verzog sich in die Ferne und man wollte eben Anstalt machen, wieder in’s Bett zu gehen, als Konrad auf einmal fragte: Ich glaub‘, sie schießen auf dem Fürstenberg.

Jetzt ist’s letz (schief), bemerkte der alte Riedbauer. Alle Alten vor das Haus und wendeten sich nach der Gegend jenes Berges, der eine weite Aussicht über die Baar gewährte und damals noch mit Wächtern und Kanonen für Brandfälle versehen war. Sie hatten sich nicht getäuscht. Deutlich sahen sie den Blitz des Pulvers, und bumm! hallte der Schuss nach einiger Zeit in die Landschaft heraus. Jetzt wurde es im Dorfe lebendig: da und dort klirrte ein Fenster auf. Wo brennt’s? rief man heraus. Niemand wollte es wissen. Am Horizont leuchtete eine starke Röte auf.

Konrad stieg mit seinem Vetter auf den Heuboden. Sie hoben Ziegel und lugten mit scharfen Augen, konnten aber nicht über die Brandstätte einig werden. Während sie noch hin und her riethen, kam das Geschrei, es brenne im oberen Wald, wo der Blitz eingeschlagen habe. Einige junge Burschen warfen sich auf ihre Rosse und jagten der Gegend zu, wo das, wo sie das Feuer vermuteten. Die Feuerspritze wurde aus ihrem Behältniß herausgeschoben, Laternen geisteten hin und her. Der alte Vogt, der trotz seiner Abdankung das Befehlen nicht lassen kann, kommandierte oben zum Fenster heraus; als er aber nicht gehört wurde, bemühte er sich auf die Straße hinab. Konrad, der seine Augen überall hatte, sah ihn unten erschienen, und in diesem Augenblicke kam mir mein guter Gedanke. Husch, war er drüben, wo er das Töchterlein am Fenster sprechen hörte.

„Grüß Gott, Mariannele!“
„Um Gottes willen“, flüsterte sie, „du bist’s!“
„Ja, ich – morgen – biet‘ Alles auf, um deinen Vater auf’s Fest nach Hüfingen . „
„Er geht ja, er geht! – Gute Nacht!“ und fort war er. Denn dass der Alte nicht allein gehe, bedurfte keiner Erörterung.

Die Unruhe wogte inzwischen im Dorfe hin und her. Endlich, nach einer halben Stunde ängstlichen Harrens, kamen die Reiter zurück und meldeten, dass die ganze Sache nichts zu bedeuten habe. Der Blitz hatte bei einem einzelnen stehenden Bauernhof in eine alte Tanne geschlagen, um welche etliche Klafter Holz aufgeschichtet lagen, sonst aber keinen weiteren Schaden gethan. Das Feuer war erloschen, das Gewitter vorbeigegangen; bald schimmerten die Sterne wieder hell und klar durch die zerrissenen Wolken, und die aufgeschreckten Bewohner des Dorfes legten sich zu Bette, um noch einen ruhigen Morgenschläfchen zu tun.

In der Stadt aber dämmerte kaum der erste Morgenstrahl, als die guten Hüfinger durch die „Tagwacht“ aus ihren Träumen aufgerufen wurden. Mit innerlichem Behagen hörten sie von ihren Federn aus, wie die türkische Musik durch alle Straßen zog. Dazwischen knallten Schüsse freudig in den jungen Tag hinein und luden Nah und Fern zum Feste. Sie kamen von vom unteren Thore, wo die kurzen Böller, Katzenköpfe genannt, aufgestellt waren, die ein grauer Veteran bediente.

Vom frühen Morgen an war das Militär auf dem Exerzierplatz beim Schützenhause versammelt. Der Major ließ es nicht an Ermahnungen fehlen, während seine Mannschaft fröhlich zusah, wie auf allen Wegen die Einwohner der umliegenden Dörfer in Scharen zu den Toren der Stadt hineinströmten. Alles freute sich über den klaren Tag und den schönen blauen Himmel.

Das Musikkorps aber hatte den goldenen Ochsen zum Sammelplatz gewählt, um sich auf die bevorstehenden Strapazen des Tages gehörig vorzubereiten. Ein ansehnliches Gabelfrühstück wurde aufgetragen, denn die Weisheit der Völker weiß, dass es sich mit leerem Magen mangelhaft musiziert, besonders was Blasinstrumente anbelangt. Eben kam noch eine volle Platte geschmälzter Kutteln auf den Tisch, als eine Ordonnanz vom Major erschien und den Tagesbefehl überbrachte: schleunig aufbrechen! Es war Zeit zum Einmarsch, die Glocken konnten jeden Augenblick in die Kirche läuten. Auf! rief der Kapellmeister. Alle griffen nach ihren Instrumenten und stürzten mit pflichtschuliger Eile zu Tür und Tor hinaus. Nur einer blieb noch ein wenig zurück. Die volle Schüssel mit der köstlichen, fein zubereiteten Leibspeise hielt seine Seele gefesselt. Wie? die sollte unberührt, gewissermaßen unbegraben bleiben? – Ich seh‘ nicht ein, warum ich dem Ochsenwirt das schenken sollte, sagte er kaltblütig, indem er das Futter seines geräumigen Tschakos aufknüpfte und den duftenden Inhalt der Schüssel hineinschüttete. Dies getan, zog er den Knoten wieder zu, setzte den Tschako auf und eilte mit der Gottesbescherung seiner Truppe nach.

Ein jeder Mensch hat seinen Geschmack, seine Leidenschaft, seine Herzensschwäche. Während solche Heldentat an der Kuttelfleckschüssel verübt wurde, befleißigte sie sich unser Konrad der Wegelagerei. Er hatte morgens bei guter Zeit seinen Lenden gegürtet und sodann bei der Höhe des Hexenberges, über den die Straße führt, seinen Stab genommen, um die Gegend auszuspionieren. Nicht lange harrte er also, da kam in der Ferne ein Bernerwägelein daher gerasselt, das es zu erkennen meinte. Wie er näher schaute, glaubte auch einen dicken Mann darauf zu erkennen. Und wer noch näher schaute, entdeckt er neben ihm einen weißen Hut, der ihm vollends gar nicht unbekannt vorkam.

Schnell sprang er hinter einem am Wege stehenden Schlehenbusch, und siehe, da kamen sie! Selbstgefällig und breit saß der Vogt – doch was kümmerte ihn der! Kein gleichgiltigeres Ding gibt es auf der Welt, als einen Schwiegervater, von dem man gar nicht weißt, ob er es jemals werden wird. Er sah an ihm vorbei auf das Töchterlein, das im dunkelgrünen Samtschoopen an seiner Seite saß, einen frischen Resedastrauß am Busen zwischen dem roten Latz und Goller, unter dem weißen Hut ein Paar sonntäglich geflochtene gewaltige hellbraune Zöpfe, und zwischen den Zöpfen das frische herzige Angesicht. Er hätte ihr weiß nicht was antun können zur Strafe, dass sie so einen schlechten Merks hatte und keinen Blick nach dem Schlehenbusche warf. Der „Tralle“! konnte er denn nicht ausrechnen, wie viele Büsche sie schon vergebens d’rum angesehen haben mochte, ob nicht ihr Holderstock dahinter wachse? Er hatte ja die Wahl: Warum stelle er sich nicht hinter einen solchen, dem ein Treffer zugedacht war? Für diesmal hatte er eine Niete gezogen. Sie sauste achtlos vorüber, und ihre schwarzseidenen Hutbänder flatterten luftig im Morgenwind. Er sah dem Wägelein nach, bis es hinter den ersten Häusern der Stadt verschwand.

Ich bin nur froh, dachte der Vogt, als er wenige Minuten nachher mit seiner Tochter den Einmarsch der Truppen erwartend, am Fenster des Goldenen Kreuzes stand: Ich bin nur froh, dass sich das Mädchen heute so gut unterhält und wieder Theil nimmt am Leben. – Ihr Köpfchen war heute ganz absonderlich in Bewegung; alle Augenblicke streckte sie es zum Fenster hinaus. Nu, so hab‘ doch nur noch ein klein wenig Geduld, sagte der Vogt zu ihr: Sie müssen ja gleich zum Tore hinein kommen – Er glaubte, ihr Herz denke an nichts and’res, als an die Stadtmiliz.

In diesem Falle hätte sie sehr ungeduldig werden müssen, denn der Einmarsch wurde wider Vermuten verzögert. Als nämlich der Major „Angetreten!“ kommandierte und die Trommler sich eben in Bereitschaft setzten, den Wirbel zu beginnen, bemerkte man erst, dass die große Trommel ihres Bearbeiters ermangele. Ohne diese Hauptperson war nichts zu machen. Noch fünf Minuten höchstens! und außer Vermutung und Gerüchte, wie sie täglich in den Zeitungen zu finden sind, war nicht Sicheres über den Vermißten in Erfahrung zu bringen. Jeder wollte ihn in einer anderen Schenke gesehen haben. Der Tambour-Major rückte seine große Bärenmütze etwas seitwärts auf das linke Ohr und murmelte Flüche. Lauf, sagte er dem Kapellmeister zu dem Triangelspieler, einem 11-jährigen Dilettanten in einem faltigen roten Frack, dessen Flügel bis auf den Boden hingen: Lauf! und zählte ihm ein halbes Dutzend Bierhäuser an den Fingern her.

Der Triangelist gab sein Instrument in die Hände des Brentenschlägers, dessen Tonwerkzeug auch Rollensieb oder zur Abwechslung Tambourin geheißen wird, nahm den großen Tschako unter den einen, den rolandsmäßigen Hirschfänger unter den anderen Arm, verteilte seine beiden Frackflügel eben so und begann nach solchen Vorbereitungen spornstreichs zum Tor hineinzurennen, als im gleichen Augenblick der sehnlichst Erwartete noch eiliger zum Thor herausrannte, so dass ihr Zusammentreffen einen musikalischen Klang, ähnlich einem Schlag auf die große Pauke, zur Folge hatte.

Nachdem der Spätling von allen Seiten gehörig abgekapitelt wurde und der verblüffte Triangulist an seinen Posten zurückgekehrt war, wirbelten die Trommeln und der Einmarsch begann. Unter dem gewölbten Tore erscholl die Musik. Zur gleichen Zeit fiel das Glockengeläut ein. Eine unabsehbare Menschenmenge wälzte sich neben und hinter dem Zuge her. Alle Fenster waren mit geputzten Menschen, mit fröhlichen Gesichtern gefüllt; über die ganze Stadt verbreitete sich das herrliche Festgefühl. Die Bajonnete der Bürgersoldaten blinkten und blitzten im goldenen Sonnenschein; die blaue Fahne mit dem Stadtwappen und dem Wahlspruch „für Gott und sein Volk“ flatterte freudig in der klaren Morgenluft. Im Taktschritte bewegte sich die Menge gegen die Kirche.

Seht! sagten die Bauersleute, der dort spielt das schwerste Instrument, der schwitzt wie ein Präceptor. Damit meinten sie ohne Zweifel den, welcher das Frühstück im Tschako hatte. Das Fett mochte durch das Futter seiner Kopfbedeckung gedrungen sein, und da und dort über das Gesicht des Musikanten herunter rieseln. Gleichwohl machte der Wackere eine so zufriedene Miene, als ob er sagen wollte: „Das Spiel des Lebens sieht sich heiter an.“

Nach der Predigt erfolgte ein feierlicher Umgang durch die Stadt, wobei sechs schmucke Jungfrauen in Schappeltracht das blumengeschmückte Muttergottesbild trugen.

Hierauf begann das Hochamt. Während desselben finden wir die Mariann‘ in einem der überfüllten Kirchenstühle. Sie betete in dem bekannten schwarzen Buche so inbrünstig, als wolle sie dem Himmel all ihr Leid und ihren Kummer klagen. Als sie ein Blatt umwandelte, fiel ihr Blick auf ein eingelegten Blatt, das von der kunstreichen Hand ihres Liebsten kam, und haftete lange auf der Einlassung von Rosen und Vergissmeinnicht. In einem grünen Kranz standen die Worte:

Und wenn du wärest gleich da, wo die Sonn‘ aufgehet,
Und ich am Ende, wo der Abendstern entstehet,
So scheidet uns doch nichts: mein Herz bleibt dir
In Unglück und Gefahr, dein Herz bleibt bei mir.

Unter diesen Zeilen hatte er noch einen dörflichen Rebus angebracht. Derselbe lautete folgendermaßen:

Über diesen Gedanken vergaß sie alles, was sie um sie her vorging. Sie betete nur für Konrad, den sie vor der Kirche unter der Menschenmenge gesehen und dessen Gruß sie mit einem Augenzwinkern erwidert hatte. Während sie so im Gebete versunken war, erteilte der Priester den Segen. Die gläubige Gemeinde kniete nieder.

„Bataillon, fertig!“ wurde vor der Kirche commandiert.
„Feuer!“ und die Gewehre krachten so dass das arme Mariannele beinahe vor Schrecken das Buch zu Boden fallen ließ. Dumpfe Böllerschüsse schlugen unteren Tore her an die Kirchenfenster.

Nach dem Gottesdienst spielte die Musik noch eine Zeit lang vor dem Pfarrhofe und Rathause. Der Schmelz und die Blüte des Festes war aber jetzt vorüber. Wohl wurde noch exerziert und musiziert, manche Gewehrsalve krachte noch, aber die eigentliche Feststimmung war verflogen.

Um den rechten Übergang vom Außerordentlichen zum Alltäglichen zu treffen, gibt es eine äußerst scharfsinnige Erfindung, welche auf der Uhrtafel gewöhnlich mit der Ziffer Zwölf bezeichnet ist. Diese traten auch jetzt zur angemessenen Zeit in ihre Rechte ein, oder, wenn es sich unverblümt sagen soll, die Leute begaben sich zum Mittagessen. Die Zahl der fremden Zuschauer war bedeutend angewachsen, und die vierfüßigen sowohl als auch die geflügelten Bewohner der Baar erlitten an diesem Tage eine Niederlage, welche die Geschichte zu den schwersten zählt.

Ob und wo der Konrad gegessen hat, ist ein Geheimnis geblieben. Wir begegnen ihm erst wieder auf den Gassen, wo er hastig und Unruhe voll auf und ab rennt, um einen Blick, ein Wort von der Mariann‘ zu erhaschen. Doch der Vogt wich und wankte nicht von ihrer Seite. Missmutig und halb verzweifelnd warf er sich endlich in ein Bierhaus, dem goldenen Kreuz gegenüber, wo er durch den beweglichen Fensterschieber spionierte. Ein Mädchen kam und stellte ihm ungefragt ein Glas Bier hin, das er instinktmäßig bezahlte. Das Gebräu des Königs von Barbant ist Labsal für den Durstigen, der es mit unzweideutiger Absicht genießt; wenn man es aber bloß zum Vorwande trinkt, so wird es ihm die Menschenseele gram, und auf diese Weise ist es zu erklären, dass Konrad in seinem Hasse mehrere Schoppen nacheinander vertilgte, ohne es recht zu bemerken, dass sein Hauptberuf in genauerem Zusammenhange mit dem Fensterschieber war. Auf einmal sieht er den Vogt herauskommen, allein, das heißt ohne seine Tochter, und in eifrigem Gespräche mit einigen Bekannten, mit welchen er sich allmälig die Straße hinauf in den gold’nen Löwen hinein verfügt.
Wie ein Pfeil von der Sehne eines Starken geschleudert, fuhr Konrad ins Goldene Kreuz hinüber.

In der Wirtsstube ging es sehr lärmend und lustig her. Die halbe Baar saß da und zechte wacker. Soldaten und Musikanten der Stadt verzehrten ihre Löhnung; denn nach Beendigung der Parade war jedem 15 Kreuzer Gage aus der Stadtkasse verabreicht worden, und wer sich eines Schnurrbarts rühmen konnte, der hatte noch eine Zulage von einem Groschen erhalten. Auf den Tischen lagen musikalische Instrumente umher; an den Wänden hingen da und dort die abgeschnallten Seitengewehre.

Konrad blieb einen Augenblick unter der Türe stehen und überschaute das Getümmel. Endlich erblickte er die, welche seine Augen suchten. Sie saß bei einigen ihrer Bekannten. Diesmal war er glücklicher als hinter dem Schlehenbusche; sie sah ihn ebenfalls, so wie er nur in der Türe getreten war. Er gab ihr einen Wink mit den Augen. Stille erhob sie sich, kam herüber und stellte sich etwas abseits mit ihm in eine Fenstervertiefung. Sie hatte die Augen voll Tränen, als Konrad so vor ihr stand und ihre Hände stets in der ihrigen hielt. Eine Zeit lang schwiegen sie still, dann begann er allerlei verworrene Dinge durcheinander zu reden. Er sehe nun ein, sagte er, dass sie niemals zusammenkommen würde. Er sehe deutlich, dass er zum Unglück geboren sei, und sie solle ihn nur so schnell wie möglich vergessen. Wie ernstlich es aber mit dieser Bitte gemeint war, ist daraus abzunehmen, dass er in gleichem Atemzuge hinzusetzte, dass er jetzt fest entschlossen sei auszuwandern und es werde sein einziger Trost im fernen Lande sein, wenn er sich vorstellen könne, dass sie hie und da noch seiner gedenke. Sie erwiderte wenig darauf, denn sie war zum Tode betrübt. In drei Wochen, hatte er ja gesagt, werde er wahrscheinlich schon auf Reise sein.

Das Mädchen hatte ihn ernstlich und in allen heiligen Willen gebeten, diesen Schritt wenigstens noch auf ein halbes Jahr zu verschieben.

Konrad war beständig bange, der Vogt möge zurückkommen. Er wollte ihr eben zu verstehen geben, sie solle ihn an die Türe begleiten, um allda Abschied zu nehmen, als diese aufging und ein höchst widrige Störung den Scheidekuss der beiden Liebenden auf’s grausamste vereitelte.

Zur Tür herein kamen der oben erwähnte Wirtssohn, der im Elsass französisch geworden war, und sein Freund, der junge Krämer. Der Erstere hatte, wie wir wissen, früher der Mariann‘ aufs Angelegenlichste den Hof gemacht und Konrad hindurch aus der Heimat vertrieben. Nach dessen Abgang war er zuversichtlicher und zudringlicher geworden, und gewiss würde der Vogt seine Bewerbung mit demjenigen Nachdruck, der sich von ihm erwarten ließ, unterstützt haben, wenn nicht gerade zur nämlichen Zeit einige Liebesaffären der zweideutigen Art, die er auswärts hatte, vom Gerücht im Umlauf gebracht worden wären. Dies machte den Vogt doch etwas bedenklich, seine Tochter einen Menschen von so wurmstichigem Charakter zu geben, und da er keineswegs der Mann der versteckten Wendungen war, so konnte er nicht umhin, dem Bewerber seine Ansicht mit unverkennbarer Deutlichkeit unter die Nase zu reiben. Der Abgewiesene trug seinen seiner Korb mit großer Bosheit von dannen, die er namentlich gegen Konrad kehrte, weil er diesem den Hauptriegel erkannte, der ihm, zwar nicht in den Absichten des Vaters, aber desto gewisser im Herzen der Tochter vorgeschoben war.

Wie der Elsässer nun die Beiden so unvermutet Hand in Hand am Fenster stehen sah, fing es alsbald wie lauter Gift und Galle in ihm zu kochen an. Er und sein Freund ließen Wein aufstellen, „eine Maß vom besten“, und hierin lag eine hochmütige Herausforderung, über die man nicht einen Augenblick im Zweifel sein konnte. Um aber seinen Zorn auf geistreiche Art auszulassen, warf er den Teller mit dem Brote an die Wand, ebenso einige Gläser.

Der Mariann‘ zitterte schon das Herz im Leibe; aber es sollte noch besser kommen. Denn nun trat er halb betrunken, mit verglasten Augen, die ohnehin nicht die schönsten waren, vor die Beiden hin und fing an zu sticheln. Konrad würdigte ihn anfänglich keine Antwort. Der Andere aber wurde dadurch immer tückischer und beleidigender; er sprach von Ungarn und der Auswanderung. Da stieg dem Konrad das Blut in den Kopf, doch schwieg er noch. Aber als der Widersacher mit noch anzüglicheren Redensarten sich zur Mariann‘ wendete und fragte, ob Madame Conrade auch von der Partie sein werde? da übermannte ihn die Wut, die Besinnung verging ihm, und comme ça da flog der Franzos‘ über Tisch und Bänke, dass Gläser, Teller, Flaschen umherwirbelten und der Wein in Strömen auf den Boden floss. Allgemeine Aufruhr.

Wohlmeinende Hände griffen zu, um den wütenden Konrad zurückzuhalten. Andere halfen dem Gestürzten wieder auf die zitternden Beine und fuhren ihm säubend und dürftend über den von oben bis unten zerrissenen Rock. Sein Freund hatte eine durchaus neutrale Stellung angenommen. Der Hornist der Bürgergarde schoss wie ein Blitz herbei, um sein auf dem Tische liegendes Horn in Sicherheit zu bringen. Denn, sagte er, es ist wie wenn’s das auf sich hätte! Schon einmal wurde es mir zusammengequetscht wie ein Knöpfleteig, drauß in Behla, wo ich aufspielte und mir Zwei mitten in den besten Händeln darauf hinfielen. Ich muss es wieder austreiben lassen. Um Ton hat es nichts verloren. – contraire!

Als die größte Gefahr vorüber und die Ordnung im Groben hergestellt war, sprang auch die gerade anwesende Polizei herzu und predigte: Friede, Friede! Nur keine Händel, Kinder Gottes, sonst –

Konrads sah in das tränende todtenblasse Angesicht, das so flehend anblickte; er ließ die Arme sinken, sein Zorn schwand hin und es war ihm sehr übel zu Muthe. In diesem Augenblicke ging die Thüre auf und der Vogt kam herein.

Konrad warf der Mariann‘ einen Abschiedsblick zu und stürzte fort, am Vogt vorüber, die Treppe hinunter, zum Tore hinaus. Und so sehen wir ihn denn wieder den nämlichen Weg dahin wandern, den er gestern hergekommen ist. Er hieb aber nicht mehr mit der Gerte nach den tanzenden Mücken. Er summte kein Lied mehr vor sich hin, er hielt kein Selbstgespräch. Finster und gedankenlos rannte er über Stock und Stein, ohne zu bemerken, dass die Sonne in rotem Dunst unterging und der Himmel sich überzog. Die Nacht brach herein; es fing still und undurchdringlich zu regnen an. Als er am „Schlossbuck“ vorbeikam, sah er die alte Burgruine finster in das einsame Wiesental herab und in dien knorrigen Ästen der Birnbäume am Wege sauste der anziehende Sturm. Er blieb einem Augenblick stehen; es war ihm so Wehe, dass ihm ein böser Gedanke durch den Kopf fuhr; doch eilte er von der Stätte der Versuchung fort. Bei finsterer Nacht kam er, durchnäßt bis auf die Haut, auf dem Hofe an. Den Hut hatte ihm ein Windstoß vom Kopf gerissen und gegen die Weiden am Bache entführt. Er tappte leise zu seinem Bette; aber müd und aufgeregt zugleich, wie er war, warf er sich die ganze Nacht in qualvoller Unruhe hin und her.

Aus diesem Bette war er gestern Morgen so fröhlich, so hoffnungsreich aufgesprungen. Galt es auch seinem Abschied vielleicht fürs Leben, so galt es doch einen honneten Schmerz, und einen warmen Kuss dazu, den ein junges Blut auch unter den traurigsten Umständen nicht verschmähen wird. Nun aber, wie hatte der so lang ersehnte Tag geendigt? Statt des Kusses mit einer Prügelei. „O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen!“ – Und was wird der Vogt zu der Geschichte sagen? Wie wird er toben über den Handel, der sich vor einer ganzen Stube voll Menschen um seiner Tochter willen erhob! Arme Mariann‘! Ein neues Ungewitter über dir, und dein Liebster steht nun als Unruhestifter, als Händelmacher da! Jetzt ist er endlich doch, nur leider auf eine Weise, wie er sich am wenigsten wünschte, zum Helden geworden. Das ist aber noch nicht alles. Das Schönste wird nachfolgen, wenn sein Widersacher, wie nichts anderes zu erwarten, die Sache vor das Amt bringt.

Die Gesetze für Schlaghändel waren damals etwas strenger als jetzt. Schon sah er im Geiste die Execution mit Amtsdiener und Haselnußstock vor sich gehen. Schöne Aussicht! Jetzt nur so schnell wie möglich fort! war sein erster Gedanke, als er aus einem kurzen Schlummer den anderen Tag erwachte. Er mußte doppelt wünschen, bald seine Auswanderung bewerkstelligen zu können. Es war ihm bekannt, dass noch einige Kameraden den Fortgezogenen nachkommen wollten. Mit diesen war er in Unterhandlungen getreten, doch konnte es immer noch Monate anstehen, bis alles zur Abreise fertig war. – Jeden Morgen fürchtete er eine Vorladung vom Amte zu erhalten, von wegen der fatalen Wirtshausszene. – So lebte er in beständiger Angst und Unruhe.

Ob der Vogt von dem Vorgefallenen im Kreuz zu Hüfingen Notiz genommen oder nicht, wüsste ich nicht zu sagen, gewiss dagegen ist, dass sein Töchterlein stiller und einsilbiger als sonst nach Hause gekommen.

Einige Tage nachher war ihr Namensfest. Der Vogt machte ihr jedes Mal an diesem Tag ein wertvolles Präsent. Es waren meist Sachen, die einstens als Zierde in ihrer Aussteuer glänzen sollten. Seit der Zeit aber, wo des Vaters unbeugsamer Eigenwille in so entschiedene Opposition zu ihrem Hoffen und Lieben gekommen, schien das Mädchen alle Freudigkeit verloren zu haben. Tage lang saß sie stumm und sinnend in ihrer Arbeit; bei öffentlichen Anlässen, wo der Vater gerne mit der schönen Tochter Staat machte, war sie selten mehr erschienen. Stets wusste sie, zum heimlichen Verdruss des Vaters, eine Ausrede, die als Grund ihres Zuhausebleibens gelten mußte. Die Fahrt zum Jakobifest war seit langer Zeit wieder die erste Ausflug, den sie freiwillig mitgemacht hatte.

Der Vogt gedacht ihr diesmal am Namensfeste ein besondere Freude zu machen. Aber es sollte die Wahl des Angebindes ganz dem Mädchen überlassen bleiben. Die seid’nen Tücher vom vorigen Jahr lagen noch immer unberührt in ihrem Kasten, und auch der neue silberne Gürtel und die goldenen Ringe, mit welchen die Mutter sie beschenkt hatte, schienen der Jungfrau wenig Freude zu machen.

„Wähl‘ dir selbst!“ sagte der Vater, als er am Annatag seinem Töchterlein gratulierte. – „Es mag sein was ’s will, und kosten was ’s will; du siehst, dass man ja Alles tut, dir Freud‘ zu machen!“
„Vater“, sagte die Tochter nach einigem Zögern, „darf ich frei reden?“
„Was es ist,“ sagte der Alte lebhaft, „und wenn es das halbe Vermögen kostet!“
Das Mädchen besann sich eine Weile, dann sagte es zweifelnd: „Ist es Euch ernst?“
„Da“, ließ sich der Alte vernehmen, „hast meine Hand drauf; wenn der Vogt sein Wort gibt, soll es mehr gelten als Brief und Siegel!“
„So will ich denn wählen, Vater, und sage, was mir einzig Freud‘ machen kann: – gebt mir den Konrad!“ – Mit diesen Worten hatte sie des Vaters dargehaltene Rechte ergriffen.
Und wie in stummer Bundesgenossenschaft hat er auch die Mutter zu Bittenden sich gesellt.
Verdutzt stand der Vogt einen Augenblick, dann fuhr er mit der Hand in die Haare und verließ mit dem Ausruf: „Weiber!“ die Stube.
Die Mutter aber folgte ihm, und nach längerem Unterreden brachte sie es zuletzt dahin, dass der Alte den Ausspruch that: er wolle den Handel überlegen!

Dies galt so viel wie ein zustimmendes Jawort, und die gute überglückliche Tochter beschloß den Tag mit einem frohen Dankgebet zu ihrer Namenspatronin, der heiligen Mutter Anna.

Ehe jedoch unser halbverzweifelter Konrad von dieser erwünschten Schicksalswendung benachrichtigt werden konnte, erschien eines Morgens der Amtsbote auf dem Hofe mit einer Invitation. – Eine böse Ahnung beengte die Brust des Geladenen. – Ertrage auch das, mein Herz! dachte er, oder wenigstens schwebte ihm ein derartiger Gedanke vor, als er dem Boten der Gerechtigkeit mit etwas zögernden Schritten folgte. Er konnte sich nicht anderes denken, als dass er wegen der bösen Händel im Kreuzwirtshause (die er längst vergessen geglaubt hatte) vor Amt geladen sei.

Amtsmiene und Amtssprache hatten, besonders dazumal noch, etwas Fürchterliches. Der Bescheid, der ihm zugedacht war, wurde in einem Tone verlesen, als ob es ihm um den Kopf gehen sollte. Aber wie war ihm, als die gefürchtete Untersuchung sich in eine Nachricht verwandelte, die ihm so unvermutet kam, als ein holländisches Erbe! Der alte Riedbauer hatte das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt, voher aber noch darüber verfügt und seinem jungen Vetter einen beträchtlichen Teil seines Vermögens hinterlassen.

Konrad hatte nie auch nur im Traume daran gedacht, dass sich sein Schicksal auf eine so einfache Weise wenden könnte. Er stand stumm und starr vor Erstaunen; der Hingang des guten alten Mannes machte ihn schmerzlich bestürzt. Als er aber von Amtswegen ein wenig angefahren wurde, kam er wieder zu sich, dankte im Stillen für die gnädige Strafe und machte, dass er weiter kam.

„Jetzt nur so schnell als möglich fort!“ dies war abermals sein erster Gedanke, als er das Amthaus verlassen hatte; nur meinte er es ganz anders als jenen Morgen nach seiner Zurückkunft vom Feste. Dass er es aber anders und wie er es meinte, ersehen wir am deutlichsten daraus, dass er schon nach einer Viertelstunde auf dem Wege war, den er nie wieder zu betreten gehofft hatte. Ein Beispiel, wie der Mensch sich irren kann! Warum eilt er aber so sehr? Lag ihm denn der Mammon so gewaltig am Herzen, dass er es nicht erwarten konnte, bis er ihn gehoben hatte? Gott bewahre! Seine Absicht war eine ganz andere, obgleich der Mammon allerdings dabei eine Hauptrolle spielte.

Laßt alle Worte in der Welt zusammenkommen und ihre Schmuckkästlein umstürzen, eine Liebschaft gehörig aufzuputzen, was hilft’s? Aber werft ein paar tausend solide harte Taler dazu, die just nicht vorher gewaschen zu werden brauchen, dann, ja dann wird das Ding gleich ein anderes Gesicht haben. Warum also rennt der Pfiffikus, der Konrad, so spornstreichs dahin? Weil er sehr wohl weiß, dass er dem Vogt jetzt dreist unter die Nase treten darf, dass er diesem sogar eine Ehre sein wird, wenn er bei ihm „einkehrt“, wie auch, dass er sich wegen jener Tathandlung kein Gewissen mehr zu machen braucht, sintemal dieselbe nichts weniger als eine gemeine Rauferei, sondern eine wohlverdiente Execution, dabei aber noch ein sehr lustiger Streich und ein absonderliches Heldenstück, mit Einem Worte, um es nicht gar zu lang zu machen; er weiß, dass er aufgehört hat, ein „R…r“ zu sein!

Wie hätte er auch ahnen können, dass er Alles das nicht brauche, und das Glück ihm durch die Treue des Mädchens so freundlich die Pfade geebnet habe.

—-

Lassen wir zwei Jahre verstreichen, und machen dann noch einen flüchtigen Besuch in dem Dorfe, wo Konrad geboren war. Es ist Sonntag früh, der herrliche Sommermorgen, wo der Bauer zum Edelmann wird und der Städter ein armer Schlucker ist. Gleich beim Eintritt in’s Dorf sticht uns das weiland finstere rauchige Haus des alten Riedbauers gar stattlich in die Augen. Es ist von Grund auf „renoviert“, die Fensterläden sind frisch grün gestrichen. Der alte Spruch über der Haustür: „Laß Neider neiden, lass Hasser hassen, Was Gott mir giebt, muss man mir lassen!“ ist wieder aufgefrischt und mit einem zierlich gemalten Blumenkranz umgeben. Im Gärtlein hinter dem Hause blühen die Rosen, und der Nägeleinflor auf der Laube gilt für den schönsten im ganzen Ort.

Wir treten in die von der Morgensonne freundlich erhellte Stube. Das sitzt still und im Gebet versunken, unsere Mariann‘ bei einer Wiege. In dieser Wiege schläft ihr Konrad, aber nicht der Große, ihr Herr und Oberhaupt, denn er befindet sich soeben in der Kirche, sondern der kleine Konradle, ihr liebes Kind. In ihrer Hand erblicken wir das wohlbekannte, schwarz eingebundene Gebetbuch mit dem golde’en Schnitt. Ob sie Dank oder bittet, das läßt sich so genau nicht sagen; vielleicht ist beides der Fall. Denkt sie aber an ihren Sohn, so betet sie gewiss, dass der Herr ihm eine leichtere Jugend schenken möge als seinem Vater, und dazu ist auch alle Aussicht vorhanden. Doch blickt sie so zufrieden in ihr Buch, als ob ihr kein Wunsch mehr übrig geblieben wäre. Der größte wenigstens erfüllt: die Vereinigung mit ihrem vielgeliebten Konrad.

Soeben sind die Glocken, welche zum Gottesdienste riefen, verhallt. Durch das offene Stubenfenster sieht man noch die letzten Nachzügler in die Kirche wallen, den alten Kasper, den Geisterseher, und eine Nachbarin mit ihrem Kinde. Sonst ist’s im ganzen Dorfe still. Nur die Bienen vom nahen Immenstande summen am Fenster. Der grünende Rosmarin, von welchem vor anderthalb Jahren die Mariann‘ ihr Bräutgränzlein nahm, steht, heilig aufgehoben und gepflegt, vor dem Fenster.

Aus der Ferne aber, von Hüfingen her, hallen dumpfe Böllerschüsse. Sie feiern heute das Jakobifest.

Und eben jetzt, wo die junge Frau durch den wohlbekannten Knall an den Tag, der ihre Hoffnung so grausam knicken zu wollen schien, erinnert wird, trifft sie beim Umwenden auf das Blatt, das immer noch im Buche liegt, und liest, mit stiller Freundlichkeit: „Und wenn du wärest gleich da, wo die Sonn‘ aufgehet!“

Die Sonne ging jetzt über zwei glücklichen Menschen auf, die wohl sagen konnten: „Dein Herze bleibt mir, mein Herze bleibt dir!“ und wenn der Abendstern am milden Himmel glänzt, so sieht er abermals zwei glückliche Menschen, die nach vollbrachten Tagewerk froh plaudernd auf der Bank vor ihrem Hause sitzen.

Jeden Sonntag vor der Kirche kommt der Vogt mit der Vögtin herüber. Seit er nichts mehr gegen den Konrad einzuwenden hat, weil der wohl sein Schwiegersohn ist, glaubt auch dieser zu finden, dass der Alte kein so übler Mann sei. Wenigstens hat er die harte Schale abgelegt, und gleicht einer alten Nuss, die zwar vielleicht etwas ranzig, aber im ganzen doch immerhin genießbar ist. Wenn er dann wohlgefällig mit dem dickbackigen kleinen Konrad vor dem Spiegel steht, so sagt er oft: Der wird wie sein Großvater, er schlagt mir nach. – Gott gebe nur, dass er nicht gar so eigensinnig wird! pflegt die Vögtin jedesmal darauf zu bemerken.


„Hoffnung hintergehet zwar,
Aber was wandelmüthig;
Hoffnung zeigt sich immerdar
Treu gesinnten Herzen gütig!“
v. Logau


Zu den Hüfinger Stadtanlagen gehörte das untere und das obere Tor. Im Jahre 1814 wurde zuerst das obere Tor in seiner bisherigen Form abgerissen und neu überbaut und später wurde das untere Tor abgebrochen. Dies war nötig geworden, wegen der großen Frachtwagen (Chronik von August Vetter 1984).

In dem Abschnitt beschreibt Lucian Reich auch wieder das Jakobifest in Hüfingen das am 25. Juli gefeiert wird.

Das Sommergewitter das Konrad erlebt erinnert an den Großbrand von Fürstenberg am 18. Juli 1841. Da die Geschichte um das Jahr 1825 spielt und die Wanderblühten 1855 geschrieben wurden, war Lucian Reich seinen Protagonisten hier etwas voraus.

Hexenberg

Der Hexenberg in Hüfingen, wo sich Konrad hinter einem Schlehenbusch versteckt hat, ist schon lange zugepflastert. Aber auch in Hüfingen wurden dort bis ins 18 Jahrhundert unzählige Menschen bei lebendigem Leibe verbrannt. Allerdings waren die meisten Hexen damals noch Frauen, im Gegensatz zu den nostalgischen „Männerhexen“ die heute auf der Fasnet Schabernack betreiben.

In der Gemeindeversammlung am 6. Juni 1634 war das Signal zur allgemeinen Hexenjagd gegeben worden. An diesem Tag wurde eine alte, als Hexe verrufene Bettlerin „Anna Beckhin“ genannt, vors Amt geführt und peinlich befragt. Ein Bündnis und Buhlschaft mit dem Teufel gab die Beschuldigte ebenso zu wie die Teilnahme an Hexentänzen und die Schädigung von Menschen und Tieren durch Zauberei. Auf die Frage nach Gespielinnen gab sie an „Anna Bennerin, Anna Scheurin, Agatha Flammin. Alle wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

*Chronik von August Vetter 1984

Nach der Predigt erfolgte ein feierlicher Umgang durch die Stadt, wobei sechs schmucke Jungfrauen in Schappeltracht das blumengeschückte Muttergottesbild trugen. Hierauf begann das Hochamt.

Sumsergarten

Ein kleiner Ausflugstipp für den Frühling vom 6.Juni 2021:

Viele kennen den Namen Dr. Erwin Sumser nur noch im Zusammenhang mit dem Orchideenwald im Naturschutzgebiet Deggenreuschen-Rauschachen, wenn überhaupt. Manche kennen vielleicht auch das Denkmal hinterm Römerbad.

Dr. Erwin Sumser (8. Oktober 1891 in Merzhausen bei Freiburg im Breisgau als Erwin Josef Sumser – 22. Januar 1961 in Hüfingen) war ein Pionier des Naturschutzes und wir haben ihm heute in Hüfingen sehr viel zu verdanken.

Spaziergang über den Friedhof Hüfingen

Der Schutz von Pflanzen, insbesondere von Orchideen, wurde dem Arzt Dr. Erwin Sumser zur Lebensaufgabe. Seit Dezember 1931 kaufte oder pachtete er wertvolle Grundstücke, zunächst im Jennetal, dann auf der Baar. Er zäunte sie ein und verhinderte ihre landwirtschaftliche Nutzung. Außerdem zahlte er Landwirten Entschädigungen, wenn sie ihren Grund und Boden im ursprünglichen Zustand beließen, hielt Lichtbildervorträge und warb um Mitstreiter. Mit Gleichgesinnten verhinderte er das Vorhaben, die Wutach zu stauen, was das Ende der Wutachschlucht bedeutet hätte (aus Wikipedia).

Er verkaufte 1960 seine Naturreservate an das Land Baden-Württemberg in der Hoffnung, dass sie so geschützt seien. Leider ist auch zu vielen Menschen der nachfolgenden Generation die Natur egal und es wurde schon einiges zerstört.

Das von ihm gekauften Gebiet bei Ebringen hat eine Fläche von 7100 m2 und bekam den Namen Sumsergarten. Es ist auch heute noch eingezäunt und bilden ein Kerngebiet des Naturschutzgebiets Jennetal.



  • Tragopogon-pratensis-Orientalischer-Wiesenbocksbart
    Orientalischer-Wiesenbocksbart (Tragopogon pratensis)


Hier kann man sich die Kartierungsbögen der Arten anschauen:
(draufklicken)


Au des no

1. Version vom 8. Juni 2022

Fulgurit oder Blitzröhre


Des klei Muckeseckele vu me Virus frisst sich dorch die halb Welt, e Wasserwalz walzt a de Ahre alls platt, de Boris verzockt de Queen s Tafelsilber, de Kathole vertlauft s Personal und d Kundschaft, Schanzepfuscher verkaibet de guet ruf vum Waelderwald, scho wieder morkst en Holose Menscheschinder, Fraue, Kinder und Babuschkas ab, über Hungersnöt wie beim Stalin kaa der nuu schaebig grinse und d Aesche vum Pazifismus word grad im Schwarze Meer grosszügig uusgsaiet.


Und jetz au no des:
Grad wo mer sich im Wälderwald über die Urgmütliche, unterhaltliche Mühlefestli am Pfingschtmäntig freit, hauts am Obet vorher no bittlos inni. A de Öhlermilli i de Schildwendi hond s Fürderers, die guete Seele Maria und August mit de treue Helfer, alls wie immer nett und fürsorglich für de Mühletag am Pfingschtmentig grichtet.

Am Pfingssunntig zieht z mols e sau Dunderwetter über de Fürsatz is lieblich Schildwende Tal. Nochdem mer mont, es sei alls rum, krachets nomol gwaltig. Des gihts villmol bei “ positive“ Blitz. De Bode isch immer no spannungsglade und zieht vu dem abzogene Gwitter wie en Magnet, wie en Klammhoocke, doch no en Blitz aa. Und derlei Iischlaeg sind denno bis zu viermol so ghörig wie die normale, die sogenannte „negative“ Blitz.

On vu dere holose Sorte isch am Obet vor em Fescht in freie Waidberg vu s Fürderers oberhalb vu de Öhlermilli i d Matte iigschlage.


Sechs Kühe und fünf Kälbli sind absiits unter me Bomm gstande. Die mehrere hunderttausend Volt hond dene Vierbeiner wege de Schrittspannung blitzartig s Lebensliecht verloesche lau. Naehrmert im Wald kha sich erinnere, dass uffs mol so viel gütige, segensreiche Tierli umkumme sind. Und des ohne dass de Blitz direkt in mächtige Unterstands- Bomm ghaue hät, sondern i die frei Matte. Und uff s mol taucht wieder de Mythos vum Fulgurit, diesell ganz rar Blitz- Glasröhre uff.

Fulgurit

Noch sellem Muschter soll im Altertum s Glasmache aagfange haa. Zur Erinnerung a die uuschuldige Tierli isch amend en Fulgurit am Iischlagloch vum Blitz i de matte entstande?


Und no ebbis troomt eim:
Het des granate Gwitter nit paar tausend Kilometer gege Oeste uff dem platz mit dene farbige Zwiebeltuermle aabi gau kinne?

Allmaehlich daets mol lange mit so gruusige Storiax.

„Bläsi“ Glasbläser auf dem Dorfplatz Wolterdingen von Wolfgang Kleiser


Fulgurit oder Blitzröhre

Vielleicht ist dieses ganz neue Objekt in den FF Sammlungen Wolterdingen in 50 Sachen 1000 Jahre alt, vielleicht 20 000 Jahre oder noch viel älter. Denn es ist aus dem fast unvergänglichem Glas. Es ist nämlich Naturglas. Die zweite Form von natürlichem Glas neben Obsidian. Se ipse sculpcit. Schon das von Menschenhand gefertigte Glas ist fast unvergänglich. Nur vom natürlichen Glas übertroffen.


Wie also entsteht Fulgurit täglich, jährlich immer noch , oder wie ist unsere wertvolle  Blitzröhre entstanden? Die meisten der seltenen Fulgurite findet man mit viel Glück  in den grossen Sandwüsten. Aber auch in sandigen Quarzböden. Unsere Blitzröhre stammt von den Capverden, einer berüchtigten Gewitter Ecke im Atlantik. Aber die Weltinspiration, der big bang der Glasherstellung fand im Vorderen Orient statt. Die Orientalen wunderten sich über immer wieder im Dünensand anzuteffende, astartigen, knorrigen Gebilde, Skulpturen die in der Mitte Rohrkanäle aufwiesen. Bis eines Tages neben oder vielleicht in eine Karawane ein Blitz bei einem gar nicht so seltenen Wüstengewitter einschlug.

Da Kamele auf vier Beinen zu stehen pflegen, war die Wirkung wegen der Schrittspannung üblicherweise  verheerend. Direkt an der Einschlagstelle aber entstand im Sand ein Krater aus dem ein Art Aststrunk herausspickte. Der hatte diese skurrile Röhre im Zentrum. Heureka, hätten Griechen gesagt, wenn sie dabei gewesen wären und überlebt hätten. Die Orientalen aber sagten: „Jetzt haben wirs endlich kapiert“ . Wenn wir jetzt den Quarzsand erhitzen, dann können wir Glas machen. Steinkohle für hohe Schmelztemperaturen gibt es im Orient durchaus im offenen Tagebau. Mit Holzkohle wirds schon schwieriger. Das klassische Kohlenmeiler Land ist der Wüstenorient eher nicht. Aber bald haben sie es gecheckt, dass Beigaben von Naturnatron aus Gruben bei Alexandria den Schmelzpunkt von dem Quarzsand deutlich senkte. So bekamen sie früher eine Fritte, eine Glassuppe, eine Glasschmelze, eine Glasmasse erschmolzen.  Daraus machten sie zuerst Glasperlen und Ringe in Tonformen gegossen. Bald folgten in Tonformen, in Modeln gegossene Schalen, Becher und Teller. Jetzt fehlten nur noch amphohrenartige Hohlgefässe. Entweder sie mussten noch die Bronze- und Eisenzeit abwarten um Glaspfeifen zum Glasblasen zu verwenden. Es ist den pfiffigen Orientalen aber auch zuzutrauen, dass sie feuerfeste Blaspfeiffen aus Ton benutzten.

Inspiriert wurden sie auf jeden Fall von den Hohlblitzröhren. Was der Blitz kann, das kriegen wir auch erschmolzen und geblasen.

Weltwirtschaft gab es Zoll frei und  erfolgreich lange vor Trump. Luxus hatte seinen Preis, insbesonders bei den feilschenden Basaris, die den Luxushändlern vom Mittelmeer die begehrten, exquisiten, Guccimässigen Glaswaren verkauften. Hochpreissegment lockt aber auch Nachahmer und Werksspione an. Bald hatten die Römer, Griechen, Marseiller und Venezianer den Trick auch raus. Und es war nur eine Frage von kurzer Zeit bis die Wahlen, Kobolde und Veneter die Glasmacher Kunst auch in den Silva Nera brachten. Denn dort waren die Voraussetzungen, die Rohstoffe und Märkte bestens geeignet. Lediglich das Natron aus Alexandria fehlte. Aber das ersetzte man durch Potaschegewinnung aus Farn und Laubholzasche. Auch aus unserem Laubenhausen?

Vielleicht verstehen wir jetzt die fundamentale Bedeutung für das Wunder des Glases von diesem unscheinbaren neu ausgestellten Objekt, diesem Fulgurit. Nicht nur der Name hat Poesie, erst recht das zierliche, verquarzte Ding Nr. 51. Wie sagt Neil McGregor: Anhand derartiger Artefakte kann man ihre Poesie und Seele geradezu  ablauschen.

Ameisen im Wasser

Ameisen auf Hand

Liebe Bürgerpostleser, 

am Ostermontag, den 21. April 2025 hatte ich ein hochinteressantes Erlebnis. Und ich war völlig überrascht. Ich wollte mein Sonnenhutbeet mit Regenwasser gießen, das ich in in 200 und 300 Literbehältern lagere. Ich hob den Deckel, der relativ dicht aufliegt und traute meinen Augen nicht. Da lag etwas auf dem Wasser, was ich zunächst nicht genau erkennen konnte, vielleicht ein Stück Moos oder dergleichen.

Natürlich war bei genauerem Hinsehen klar, dass es sich um einen Knäuel unzähliger Ameisen handelte. Sie trieben übers Wasser, es erinnerte mich an die Szene aus dem Neuen Testament, als Jesus übers Wasser ging. Ich nahm den Knäuel mit der Hand aus dem Wasser und sogleich begann sich der Knäuel aufzulösen. Natürlich habe ich sie befreit.

Zum ersten Mal in meinen 68 Lebensjahren habe ich so etwas gesehen und war wieder sehr verwundert, was ich alles entdecken darf. Ich könnte mir vorstellen, dass es Ihnen vermutlich nicht anderst geht. Google schreibt in einer Übersicht mit KI: „Ameisen können zwar nicht schwimmen und würden bei Einzelkontakt mit Wasser ertrinken, aber sie sind nicht hilflos im Wasser. Sie können sich bei Überschwemmungen zu einem lebenden Floß zusammenfassen, um zu überleben“. In einem Artikel in Bild der Wissenschaftvom 26. April 2011 wurde diese Floßbildung bei Feuerameisen untersucht, die monatelang auf dem Wasser herumdümpeln können. Die unterste Schicht Ameisen verkackt sich so stark, dass Lufblasen zum Atmen eingeschlossen werden. Wenn das kein Hammer ist. Wichtig ist, dass die Oberflächenspannung des Wasser nicht zerstört wird, sonst naht das Ende. 



Ich finde eine fantastische Geschichte. Was ich nicht verstehen kann, wieso die Ameisen in die Tonne gingen. Tatsache ist, dass sie randvoll war und die Ameisen vielleicht in die „Wasserfalle“ gerieten. Gespannt bin ich, ob mir jemand ein ähnliches Erlebnis mitteilen kann.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Der Badische Bodensee – Karfreitag in Konstanz 1856

Nebst den Kapuzinern waren noch verschiedene andere Ordensklöster in der Stadt, die es an religiösen, im Geiste der damaligen Zeit liegenden Exhibitionen keineswegs fehlen ließen. Am Karfreitag zum Beispiel erhielten die Jesuiten einen feierlichen Umgang durch die Straßen und mit ihnen die Studenten und sämtliche Professoren. Hinter diesen Corporationen ging ein Zug, welcher sinnbildlich die Grablegung Christi vorstellte, umgeben von Büßenden, die sich geißelten, und Männern, welche schwere Kreuze und eiserne Ketten schleppten. So bewegte sich die Prozession von einer Kirche der Stadt zur anderen, um an den dort errichteten heiligen Gräbern das übliche Gebet zu verrichten.

In einer anderen Stunde, am Karfreitag, hielt die lateinische Kongregation ihren Umzug. In dieser Bruderschaft befanden sich Priester, Beamte und angesehene Bürger. An ihrem Festtage wurden in einer eigenen Kapelle im Münsterkreuzgang lateinische Predigten gehalten. – Ebenso feierte diesen Tag auch die bürgerliche Congregation. Diese hielt ihren Gottesdienst und ihre Feste in der Pfarrkirche St. Paul.

Ich möchte hier erwähnen, dass ich das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift vorgelesen habe, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren.

Man möge mir verzeihen: Ist mir das Deutsche vor 200 Jahren sehr fremd, so ist das oft Zitierte aus dem 18., 17. und sogar 16. Jahrhundert aus heutiger Sicht fast unverständlich. Dazu kommt die eigenwillige Rechtschreibung und eine fremde Denkweise. Da viele Worte der alten Sprache von mir gesprochen und vom Programm transkribiert wurde, sind einige Worte in moderner Schreibweise im Text. Ich habe dies meistens aus Bequemlichkeit und für den Leser so stehen lassen.

Insel Mainau und der Badische Bodensee

Hier der 1. Teil vom Kapitel – Konstanz

Konstanz.

Ungern, wie von einem nach kurzer Bekanntschaft lieb gewonnenen Freunde, scheiden wir von dem schönen Eilande, um der nahen Hauptstadt des badischen Seekreises, der alten Konstanzia, einen Besuch abzustatten.

Wenn wir einen kleinen Umweg nicht scheuen, schlagen wir die Landstraße ein, über Egg, Almansdorf und die St. Lorettokapelle. Das erste Dörflein liegt der Mainau gegenüber. Es hat ein vormals orden’sches Schlösslein, in welchem der Rentmeister wohnte, der jeden Tag auf einem Schifflein nach der Insel fuhr.

Das Pfarrdorf Almansdorf ist sehr alt; es wurde im Jahr 724 von Karl Martell an das Stift Reichenau vergeben. Die Besitzungen, welche der Deutschorden daselbst besessen, haben wir oben verzeichnet.

Von hier geht die Straße über die Höhe, wo man zunächst der (aus Anlass der Pest erbauten) St. Lorettokapelle eine überraschende Fernsicht hat.

Der näher, kaum eine Stunde weite Weg führt durch den St. Katharinanwald in gerader Richtung nach der Stadt. Diese erscheint den Ankommenden von hier aus beinahe ganz verdeckt von Obstbäumen und Gärten; die alten Wälle im Vordergrund, erheben sich allein das ehemalige Kloster Petershausen und die Steinmassen des Münsters.

Zurückblickend auf die Entstehungsgeschichte des Ortes begegnen wir zuerst den Römern, welche, nach der Tradition, auf der Insel (später Dominikanerinsel) ein Kastell errichteten, von den umwohnenden Deutschen die Niederburg geheißen.

Eine alte Sage, von Schultheiß erzählt, gibt es vom Ursprunge der Stadt folgende Nachricht:

„Kaiser Severus schickte, 207 Jahre nach Christus, zwei Landpfleger in das eroberte Helvetien. Der eine, Konstantinus, herrschte von der Lindmag (Limat) bis an den Vorderrein. Er saß zu Pfyn und erbaute sich auf der jetzigen Dominikanerinsel bei Konstanz ein Jagdhaus, welches er befestigte, weil er zwei gefährliche Feinde in der Nachbarschaft hatte: der eine, ein ungarischer Edler, wohnte auf der Anhöhe des jetzigen Almanansdorf, der andere, ein deutscher Herzog, hatte seine Burg zu Überlingen, wo jetzt das Johanniterhaus steht. Zur größeren Sicherheit der neu erbauten Veste gab Konstantius dem Orte allerlei Freiheiten, damit sich Leute daselbst ansiedeln sollten, was auch in kurzer Zeit geschah. – Als Konstantinus einmal von seinem Jagdgefolge abgekommen, allein in den Wäldern gegen Frutweilen und Ermatingen jagte, erschrak sein Pferd vor einem ungeheuren Wurme (Drachen), von welchem damals das Land voll war. Es wurde scheu und ging durch; Konstantinus aber blieb im Stegreife hängen und wurde weit fortgeschleppt, bis auf das Geschrei des Jägers die Knechte herbei eilten, das Pferd anhielten und den Landpfleger so schnell sie konnten nach Konstanz verbrachten, wo er an der Stelle starb, da jetzt die Kirche Sankt Stephan steht. – Nach seinem Tode setzten die vorgenannten beiden Feinde der Burg und Stadt, Niederwasserburg geheißen, so zu, dass fast alle Einwohner dieselbe verließen und der Ort wüst und öde wurde. 100 Jahre nachher schickte Kaiser Diokletian seinen obersten Feldhauptmann Konstantinus nach Deutschland und Helvetien, gegen den Herzog von Ellgen, den er mit fünf anderen Königen in der Nähe von Konstanz traf. Er überwand sie alle und machte sie den Römern untertänig. Dieses Sieges und der schönen, bequemen Lage wegen baute er die Stadt wieder auf und benannte sie nach sich – Konstantia“

„Das erste Gotteshaus, welches gebaut wurde, soll Sankt Johann gewesen sein, ein viertes Kirchlein ohne Abseiten und Chor; gleichzeitig entstand die jetzige Schreibergasse, in welcher das Rathaus zur „Tulle“ stand. Als die Stadt um diese Zeit bereits sehr mächtig geworden und viel Volk hingezogen war, erhielten Geistliche, die man jetzt (im 16. Jahrhundert) regulierte Chorherren nennt, vom Kaiser die Erlaubnis, sich darin niederlassen zu dürfen. Sie bauten, da wo jetzt das Münster steht, die Kirche in der Weite des Münsters. Wo jetzt die Sakristei ist und auf dem Kreuzgange, hatten sie ihre Schlafkammern, im Stauff, der am Kreuzgange ist, den Speisesaal und die Wohnung ihres Abtes u.s.w.“

Zu großer Bedeutung kam der Ort durch den bischöflichen Sitz, der im sechste Jahrhundert von Windisch, einem kleinen thurgauischen Flecken, nach Konstanz, verlegt wurde. – Ein weiterer Grund zum Gedeihen und stets erneuerter Lebensbewegung gab die herrliche Lage, an dem Engpass zwischen dem Ober- und Untersee, so wie nicht minder die große Handelsstraße, (die ehemalige Römerstraße), welche über hier vom Norden nach der Levante hinzog.

Infolge dieser günstigen Verhältnisse mußte frühe schon zur Erweiterung der Stadt geschritten werden, umso mehr, als nach und nach viele benachbarte edle Geschlechter ihre einsamen, oft bedrohten Burgen verließen und in der wohlbefestigten Stadt, unter dem Schutze mächtiger Bischöfe, sich niederließen.

Die trefflich gelegene Bodensee- und Bischofsstadt erlangte so gewaltiges Ansehen, dass sie von beinahe allen gekrönten Häuptern alter Zeit besucht und mit großen Vorrechten begabt wurden. So melden uns die Chronisten, dass Karl der Große, als er zur Krönung nach Rom reiste, mit seiner Gemahlin Hildegard, Konstanz und die dortige Marienkirche besucht habe. Ebenso Karl der Dicke im Jahr 828 und König Arnolf 890. – Einige Jahrzehnte später, zurzeit als der berühmte Salomo III auf dem Bischofsstuhl saß, erschien Kaiser Konrad um Weihnachten zu feiern, und zu Ende des zehnte Jahrhunderts sah man Kaiser Otto III nach glücklichen geführtem italienischen Kriege gieggekrönt in Konstanz einziehen.

Gleiches geschah unter den nachfolgenden Herrschern, die teils als Gäste, teils zur Verrichtung wichtiger Reichsgeschäfte nach Konstanz kamen. Im Jahr 1025 empfängt Kaiser Konrad II daselbst die Huldigung der Lombarden, und 28 Jahre nachher hält Heinrich III in Konstanz einen Reichstag. Auch Heinrich IV und Konrad III beehrten die Stadt mit ihren Besuchen, sowie der berühmte Hohenstaufe, Friedrich Barbarossa, welcher 1183 hier den bekannten Frieden mit den lombardischen Städten schloss und dabei der Stadt wichtige Freiheiten schenkte.

In ebenso großer Gunst stand der Ort unter den Habsburgern, wie den Rudolf, nach dem Sieg über Ottokar von Böhmen, in Konstanz sich huldigen, und den schwäbischen Adel den allgemeinen Landfrieden beschwören ließ.

Bei diesem freudigen Aufblühen nach außen und innen fehlte es jedoch nicht an mancherlei Misshelligkeiten und vorübergehenden Störungen im städtischen Haushalte. Nebst der Bischofgewalt, die allmählich zur eigentliche Landeshoheit anwuchs und die ursprüngliche Reichsfreiheit der Stadt zu vernichten drohte, waren es die adligen Geschlechter, welche Grund zur Unzufriedenheit und Streit gaben, dass sie im Verlaufe der Zeit das städtische Regiment völlig an sich gerissen hatten, während jetzt auch die Zünfte gleichen Anteil daran haben wollten. Der Hader deshalb dauerte vom 13. bis ins 15. Jahrhundert; es kam zu bewaffneten Aufläufen, infolge derer ein Teil des Adels die Stadt verließ. Der Bischof, die Nachbarstädte und selbst der Kaiser legten sich wiederholt ins Mittel, bis man zuletzt sich dahin verglich, dass die oberste Gewalt zwischen Patriziern und Bürgerlichen abwechseln solle. Doch dauerte die Rivalität beider Stände noch längere Zeit fort, und Beschlüsse wie der folgende halfen nur wenig.

1) Ein Jeder, hieß es in einer Gemeindeordnung vom Jahr 1420, solle in der Zunft verbleiben, in welcher sein Vater gewesen, und nicht zu denen auf der „Katzen“ (dem Gelaghaus der adligen Geschlechter), noch zu anderen Gesellschaften gehen. Er darf jedoch auf der andere Stubem gehen, um seinen Pfennig oder zwei x. –
2) Da die Geschlechter bisher ihre Tänze in der Ratsstube gehalten und zu derselben nur diejenigen aus der Gemeinde geladen haben, welche mit ihnen befreundet sind, so sollen die Geschlechter fürderhin keine Tänze mehr daselbst halten dürfen, ausgenommen wenn Fürsten und Herren kommen.
3) Man solle vier Tafeln mit dem jüngsten Gericht malen und solche in der Ratsstube aufhängen lassen, damit die Ratsherren desto mehr göttliche Furcht vor Augen haben. – Ähnliche Bestimmungen wiederholten sich später.

Wie sehr bereits im 14. Jahrhundert Kleiderluxus in der Stadt überhand genommen, erhellt er aus einer Kleiderverordnung vom Jahr 1390. – Jedermann, heißt es darin, kann einen Rock oder Mantel machen lassen, so lang und weit er will, jedoch nicht länger, als dass er auf die Erde gehe. Auch soll er weder Lappen noch Schnitzzle tragen, die länger seien als ein Gelaich. Auch soll er keinen zu hohen Kappenzipfel tragen. – Kein Mann, jung oder alt, soll Kränze oder große Schappel tragen, weder in der Kirche, noch auf der Gasse, zu Tänzen, zu Schimpf (Spiel) oder Ernst. Erlaubt sind nur die schlechten (einfachen) Schappel, die man von alter Gewohnheit her trug. – Es sollen auch keine Schuh auswendig Brisen haben, wie neulich vorkamen. Auch sollen sie keine Oertle haben, weder rote noch weiße, oder von anderen Farben. – Kein Mann, sei er arm oder reich, soll mehr als ein zweifarbiges Gewand haben, und die Tricco in zwei oder vier Stücken. – Ein jeglicher Mann soll an Gürteln, Ketten oder beschlagenem Gewand nicht mehr tragen als sechs Mark Silber an Wert. Ebenso soll keiner im bloßen Wams zum Tanze oder auf die Gasse gehen, sondern sich mit einem längeren Kleide ehrbar machen. – Die „Ordnung fröwlicher Zucht“ bestimmte: dass keine Frau, reich oder arm, ein Tuch trage, dass, wenn es von Seide sei, mehr habe als Zwanzigfache, und wenn von Wolle, mehr als 16Fache; und sind dieselben Tücher so zu machen in der Breite, dass sie jeglichem Weibe den Nacken, ihr Haar und Haarbändel bedecken, vornen unter dem Kinn aber zusammen gehen, gebunden mit einem Schnürlein. – Es soll auch keine Frau eine Haube tragen, die köstlicher sei an Perlen, Gestein, Ringen und Hästlein als 50 Gulden Werths. Dazu mag sie ihren Vermählungsring tragen an ihren Händen. – Es soll auch keine Frau weder ein beschlagenes noch silbernes Gürtellein, noch Halsband tragen, bei vier Mark Silbers Strafe. – Auch soll keine einen Rock noch Mantel länger machen, als dass er auf die Straße stoße, und ihr nicht nachgehe. Und endlich soll keine Frau einen Kranz noch Schnappel tragen. (Es stund dies nur Jungfrauen zu, wie noch teilweise im Schwarzwald und in der Baar bis auf den heutigen Tag Sitte ist.)

Seit dem Jahr 1384 besass der Rat zu Konstanz das von Kaiser Wenzislaus verliehene Recht, Übeltäter zum Tode zu verurteilen. Nach Beispielen, die Schultheiß in seinen Schriften anführt, war die Prozedur eine ziemlich strenge und kurze. Um 1418, erzählt er, war zu Konstanz ein Schneider, Namens Hans Ritter, der hatte, wie die meisten seiner Zunftgenossen, ein hitziges Geblüt und Anlage zum Helden – war aber dabei ein großer Prahlhans, auf dessen Rede niemand viel hielt. Dieser Mann sagte, er habe große Feindschaft gegen Radolfzell und schon viele Ritter und Knechte aufgebracht, um die Stadt zu nehmen und hernach darin nach Gutdünken zu schalten und zu walten. Die Zeller, denen das zu Ohren kam, gerieten in Angst, obwohl der Schneider nie daran gedacht hatte, das Gesagte auszuführen. Sie verklagten den Prahler beim Rate zu Konstanz, worauf ihn der Bürgermeister abends vor dem Rathause erscheinen und verhören ließ; er ward folglich verurteilt und am anderen Morgen in der Frühe – ertränkt. Als später einmal zwei Gesellen wegen falschen Spiels zum Tode verurteilt wurden, verlangten sie, dass man ihnen statt anderer Todesstrafe, den „Seemann“ gebe; worauf der Rat beschloß, künftig jedem Verurteilten den Seemann zu geben, der seiner begehre.

Aber nicht nur gegen Weltliche, auch gegen die Diener der Kirche wendete sich die Strenge, wie ein Ratsgesetz vom Jahre 1380 darthut, wonach jeder Bürger in Fällen, wo es sich um die Ehre seiner Frau oder Tochter handlte, nach eigenem Ermessen an dem Übeltäter im geistlichen Gewande Rache nehmen durfte; als bald darauf Einer vom Klerus von einem Bürger auf der Gasse angefallen wurde, verordneten die Oberen, dass kein Geistlicher Nachts ohne Licht ausgehen dürfe. – Zuweilen kommt in dieser und der späteren Zeit noch vor, dass in zweifelhaften Fällen im Gottesgerichte oder öffentlichen Zweikampfe das Recht gesucht wurde.

So zum Beispiel beschuldigte, im Jahr 1437, ein junger Geselle Wilhelm von Mengi, den anderen Hans von Lopheim, der Anstiftung zum Morde. Da sich der Fall im Thurgau ereignet haben sollte, über welche Landschaft die Stadt Konstanz die Gerichtsbarkeit besaß, so wurde die Sache von dem Landgerichte in Konstanz verhandelt. Die schweizerischen Heimatkantone nahmen sich des Handels eifrig an. – Da schlug der Anschuldiger einen öffentlichen Zweikampf vor, um zu zeigen, wie ein freier Mann einen Bösewicht behandle. Der Gegner wolle auf dieses nicht eingehen, worauf das Gericht entschied, dass er für schuldig erkannt werden solle, wenn er den Kampf nicht annehme. Es wurde ein Tag bestimmt, ein Platz, vor dem Tore abgesteckt und gleiche Kleidung, Schwerter und Schilde bereit gehalten. – Beide stellten sich, und man zog in Begleitung von 40 Gewappneten aus jeder der Zünfte hinaus vor die Stadt. – Inzwischen hatte sich der Bischof Heinrich von Höwen, (der vorher schon vergebliche Versuche gemacht hatte, den Kampf zu beseitigen), mit seinem stolz und edlen Gezeuge und 40 Pferden auf der Pfalz versammelt, und ritt zum Augustinerthor hinaus, um den Graben. Er erreichte den Zug vor dem Schnrtzthor und erwischte zuerst den Lopheimer. „Wer hat dir erlaubt zu kämpfen in meinem Bisthum!“ Rief der Bischof. „Es ist nicht erlaubt zu kämpfen und soll auch nicht seyn. Du musst mein Gefangener seyn und ich will Rath halten mit meinen Freunden, meinen Kapitelsherren, meinen Freunden in Konstanz und anderen Reichsstädten, dass ich deine Ehre besorge.“ Hierauf ließ er ihn wegführen, sowie seinen Gegner Mengi. Niemand widersetzte sich diesem Befehle, denn es geschah mit Willen der Stadt und der Anderen all. Man meinte, es wäre Alles vorher angelegt worden.

Von alters her galt die bischöfliche Pfalz als eine Freistätte für verfolgte Mörder. Als 1493 zwei Gesellen im Hause eines „guten Weiblein“ Nachts einen Edelmann von Pfirt erstochen, flüchteten die Übeltäter in die sogenannte Freiheit auf der Pfalz. Der Rat schickte in der Frühe zum Bischof und ließ ihm sagen, sie hofften, er werde den Mördern keinen Schutz gewähren. Der Bischof versammelte seine Räte und sandte nach gepflogener Besprechung seinen Hofmeister Balthasar von Randeck zu den Mördern, der ihnen die Freiheit ankündigte. Die Knechte der Stadt ergriffen sie und führten sie in den Thurm. Am Tage darauf wurden sie vom Rat gestellt, und da vielfältig für sie gebeten wurde, so enthauptete man sie „aus Gnade“ noch am nämlichen Tage.

Einem berühmten Abt in der Geschichte von Konstanz bildet das große Concil vom Jahre 1414 bis 1418. Als man bei einer Vorberatung zu Lodi wegen eines schicklichen Ortes zur Abhaltung dieser Versammlung sich besprach, lenkte der Graf von Nellenburg die Aufmerksamkeit des Papstes und des Kaisers auf Konstanz: als sei dies eine Stadt, „welche am Bodensee gelegen, wohlerbaut sey und viel Gemächer und Stallungen habe“. – Der Papst schickte Abgesandte dahin, und die Versammlung wurde nach Konstanz ausgeschrieben. – Weder vorher noch nachher hatte die abendländische Welt ein solches Zusammenströmen aller Nationen der Christenheit gesehen. Am 6. November 1414 fand die erste Sitzung in der Domkirche statt, (wo auch alle übrigen Sessionen gehalten wurden). Die Hauptresultate dieser, die Herstellung des Kirchenfriedens bezweckenden Versammlung, waren bekanntlich die Absetzung seiner Päpste gegen Päpste (Gegenpäpste), die Wahl eines neuen Papstes und die Anklage und Verurteilung des Johannes Huß von Prag und seines Schülers Hieronymus.

Von den Äußerlichkeiten jener Tage haben uns die Chronisten manch interessante Einzelheiten aufbewahrt.

Am 25. Dezember, nachdem das Konzil schon seit Wochen eröffnet war, erschien Kaiser Sigismund in Konstanz. Am Christabend war er in Überlingen angekommen und hatte von dort dem in Konstanz weilenden Papst Johann seine Ankunft auf den kommenden Dienstag melden lassen, mit der Bitte: der Heilige Vater möge mit Lesung der drei Heiligen Messe etwas zu warten, bis er, der Kaiser, angekommen. Sogleich wurden von Konstanz Schiffe nach Überlingen gesendet, auf welchen das Reichsoberhaupt mit den Seinen eine Stunde nach Mitternacht in Konstanz eintraf. In seinem Gefolge befanden sich seine Gemahlin Barbara, eine geborene Gräfin von Gilly in Steiermark, die Königin Elisabeth von Bosnien, der Kurfürst Ludewig von Sachsen, die Gräfin von Württemberg und viele andere Edle. Am Fischmarkt stieg man ans Land und begab sich in das Rathaus. Die Nacht war kalt, und die Damen eilten in die warme Ratsstube zu kommen, wo man die hohen Gäste mit köstlichem Malvasier, Bier und Konfitüre gebührender Maßen bediente.

Die Kaiserin wurden zwei große herrliche in Gold durchwirkte Tücher verehrt, die zum Traghimmel dienten, unter welchen zwei Stunden später das kaiserliche Paar, begleitet vom ganzen Hochadel, durch die schönen erleuchteten Gassen nach der Domkirche wandelte. Der regierende Bürgermeister Heinrich von Ulm, Heinrich Schilter, Altbürgermeister nebst dem Reichsvogt Hagen und Stadtmann Ehinger hatten die Ehre, den goldenen Baldachin über dem Haupte des Kaisers zu tragen, während Bürger und Ratsherren der Stadt gleicher Ehre bei der Gemahlin des Kaisers und der Königin von Bosnien sich erfreuten.

Der Kaiser wurde von lautem Zujauchzen des versammelten Volkes begrüßt. Seine hohe Gestalt hatte etwas ehrfurchtgebietendes. Ein langer Mannsbart zierte sein schmales, einnehmendes Gesicht, welches herabfallende blonde Locken umwallten. Nach der Ankunft des erlauchten Paares in der Domkirche hielt der Papst in eigener Person das Hochamt der ersten Messe. Als dieselbe zum Evangelium gekommen, bestieg der Kaiser in der Kleidung eines Diakons, begleitet von der Geistlichkeit mit brennenden Kerzen, die Kanzel und las das Evangelium: „Es ist von Kaiser August ein Gebot ausgegangen“ u. s. w. Während dieser feierlichen Handlung hielt der Kurfürst, Herzog Ludewig von Sachsen die Spitze des entblößten Schwertes, welches der Papst dem Kaiser als dem obersten Schutzherrn der Kirche übergeben hatte, gerade über letzteren Haupt. Nachdem der Gottesdienst zu Ende war, erteilte der heilige Vater auf dem Pfarraltar dem Volke den Segen und begab sich wieder in die bischöfliche Pfalz; der Kaiser aber, mit seiner Gemahlin und die Königin von Bosnien bezogen das Rrillenhaus zur Leiter.

Damit es während der langwierigen, ernsthaften Verhandlungen nicht an Abwechslung und geselliger Kurzweil fehle, war man eifrig besorgt, den anwesenden Herren und edlen Gästen Feste und Spiele mancherlei Art zu bereiten.

So gab am 2. März 1416 Herzog Ludewig von Bayern, Vikar des Konzils, zu Ehren der anwesenden Ritter und adeligen Einwohner der Stadt Konstanz ein prachtvolles Turnier, bei welchem drei Herzoge, sechs Grafen, viele Ritter und Knechte und bei 50 Helme in den Schranken erschienen; die Damen und adeligen Fräulein aber zwei Tage hindurch mit Tanz und festlichen Banketten sich lustig machten.

Von der Großartigkeit solcher Kampfspiele mögen uns die Zurüstungen zu denselben einigen Begriff geben. Als im Jahr 1434 der Kaiser Siegmund in Konstanz ein Turnier gegeben werden sollte, mussten die benachbarten Klöster und Gemeinden über 3000 Baumstämme zur Errichtung der Schranken liefern. Im nämlichen Jahr 1416, sah man am Tage des heiligen Johann Baptist die Abgesandten aus Florenz in der Stadt das Fest des Patrons ihrer Vaterstadt mit großer Pracht abhalten. Unter Pfeifen und Posaunenschall wurde am Abend vorher in allen Gassen ausgerufen: „Ihr Herren! Alle meine Herren von Florenz wollen morgen in der Kirche zu Sankt Johann das Fest des heiligen Johann Baptist feiern.“ In der Frühe versammelten sich sodann alle Florentiner bei den Franziskanern und begaben sich nebst dem Kaiser Sigismund, dem kaiserlichen Hofstaat, vielen Herzogen, Fürsten und Grafen, von denen jeder eine pfründige brennende Wachskerze trug, mit hoher und niederer Geistlichkeit in feierlicher Prozession durch die mit Blumen bestreuten und mit grünen Bäumen geschmückten Gassen nach der Kirche St. Johann alwohl der erste Kardinal und päpstliche Kanzler das Hochamt hielt.

Win ähnliches Fest feierten, am 29. Dezember, als dem Tag des heiligen Thomas von Canterbury, die in Konstanz anwesenden Engländer.

Das Prachtvollste, was man von einem einzigen sehen konnte, gab nach Versicherung der Chronisten der Markgraf Friedrich von Meißen bei seiner Ankunft in Konstanz zum besten. Mit 13 vornehmen, ihm dienenden Grafen zog er ein; 16 Gepäckwägen, 28 Lasttiere, nebst 500 Berittenen bildeten das Gefolge; letzteres samt und sonders mit ganzen und prächtigen Harnischen angethan, und geziert mit goldenen Ketten und Emblemen. Der Kaiser selbst und viele Großen ehrten den Grafen durch ihre Begleitung.

Einen besonders wichtigen Akt bildete wenige Tage nachher den 15. April 1417, die feierliche Belehnung des Burggrafen von Nürnberg auf dem oberen Markte. Dieser Akt bekommt für uns Badener durch die Verlobung einer durchlauchtigsten Urenkelin des Burggrafen mit dem Enkel und Nachfolger Karl Friedrichs ein besonderes erhöhtes Interesse. Denn durch die Belohnung, welche die Folge eines Pfandvertrages zwischen dem Kaiser und dem Burggrafen war, gelangte der fränkische (oder burggräfliche nürnbergische) Zweig des Hauses von Zollern in den Besitz der Markgrafschaft Brandenburg mit den kurfürstlichen Würde. Diese Erhebung aber verhalf ihm zu derjenigen Stellung unter den deutschen Reichsfürsten, welche das brandenburgische Fürstengeschlecht die Erreichung seiner gegenwärtigen Macht und Würde verdankt, worin er als Besitzer des zweiten Großstaates von Deutschland ein ausschlaggebendes Gewicht in die Waagschale des europäischen Gleichgewichts legt und für das Land Baden, nachdem es daselbst aus den frevlerischen Händen der Revolution errettet, nun durch die bevorstehende Verbindung der Prinzessin Luise von Preußen Königliche Hoheit mit seiner königlichen Hoheit vom Prinz-Regenten Fridrich von unberechenbarer Bedeutung wird.

Nicht minder Außergewöhnliches bot das Fronleichnamsfest, indem bei der öffentlichen Prozession drei Patriarchen, 25 Kardinäle, 300 und fünf insulirte Erzbischöfe, Bischöfe und Prälaten zugegen waren, mit einem Gefolge von 500 päpstlichen Auditoren, Schreibern, Hofbeamten und den Repräsentanten der hohen Schulen und aller Gelehrsamkeit. Ebenso zahlreich sah man dabei die weltlichen Gewalten vertreten: Kaiser Sigismund im Krönungsornate, zwei Kurfürsten, 23 Herzoge, fünf Fürsten, Landgrafen, 50 Reichsgrafen und Barone, und eine Menge Ritter und Edle mit ihren Knechten; im ganzen wohl 4000 Personen, alle mit brennenden Kerzen in den Händen.

Auch als ritterlicher Kämpfe zeigte sich einmal der Kaiser, und zwar bei einem großen Turnier, welches zu Fastnacht 1418 die Adligen in Konstanz auf dem Brühl veranstalteten. Mit verbundenen Helme ohne Wappenschild, ritt er in die Schranken, und zog, nachdem er einen Ritter und drei Knechte niedergerannt hatte, wieder ab, ohne das Visier zu lüften.

Es läßt sich denken, welch ungeheure Menge Volkes während dieser außerordentlichen Zeit nach Konstanz angelockt worden sein mag. Um den gemeinen Manne und den armen Priestern, Schülern und anderen, die des Konzils wegen in die Stadt gekommen waren, Gelegenheit zum Verdienste zu geben, ließ der Magistrat, ohne dass es durch Not geboten gewesen wäre, die Mauern und Gräben der Stadt im Tagelohn bauen und ausbessern. Ebenso arbeiteten viele Gelehrte und Priester in den Weingärten, an städtischen Gebäuden oder wo es sonst etwas zu verdienen gab.

Als nach Beendigung der allgemeinen Kirchenversammlung, der neu gewählte Papst Martin V. von Konstanz hinwegzog, ritt er, angethan mit einem goldenen Messgewande, auf einem scharlachbedeckten Pferde zur Stadt hinaus. Den Baldachin über seinem Haupte trugen zwei Ritter vom Bodnman, einer von Schellenberg und ein Herr von Klingenberg. Der Kaiser führte das Pferd am Zaune und zur Rechten ging der neue Kurfürst von Brandenburg, links der Herzog Ludewig aus Bayern, welche, mit dem nachfolgenden Herzoge Fridrich von Oesterreich die Decke des Pferdes gefasst hielten.

Nicht so glänzend war bekanntlich der Wegzug des Kaisers. Seine Dienerschaft hatte Schulden gemacht, und das Reichsoberhaupt sah sich genötigt, zu ihrer Auslösung eine Summe Geldes zu leihen und den Gläubigern (zu Konstantz, Zell, Arabon und einigen von Augsburg) einen Teil seiner kostbaren Tücher und Tapeten in Versatz zu geben, mit dem Versprechen, binnen Jahresfrist die Pfänder zu lösen. Es waren 15 seidene Tücher, (Bett- und große Wandvorhänge, auch einige Haupttücher) von schwarzer und blauer Farbe, geziert mit grünen roten Rosen, güldenen Kreuzen und dem kaiserlichen Adler, im Werte von 30.000 fl., dazu 13 Stück Tapeten mit Gold durchwirkt, gewehrthet zu 7000 fl.. Alle diese Sachen wurden im Kaufhause niedergelegt. – Als die bestimmte Frist verstrichen und keine Lösung erfolgt war, blieben die Sachen zum Schaden der Gläubiger jahrelang liegen. Angeknüpfte Unterhaltungen und Botschaften führten zu keinem Ziele, weil der Kaiser eine Gegenforderung machte, betreffend: der Stadt zu kaufen gegebene Steuern, den Kauf des Landgerichts Thurgau, und Strafgelder in Sachen des Auflaufs gegen die Geschlechter und gegen die Juden.

Als Sigismund im Jahr 1430 zu Weihnachten wiederum nach Konstanz kam, wurde aufs neue unterhandelt. Der Kaiser forderte 10.000 fl. Nachlass, oder dass man je den sechsten Pfennig an der Schuld fallen lasse, wogegen er den Gläubigern den Rest an die Juden verweisen wollte, die in Strafe verfällt waren, wegen eines zu Ravensburg 1429 an einem Christenknäblein verübten Frevels. Man wurde aber nicht einig. Zuletzt kam es dazu, „dass die Gläubiger die Pfänder unter sich vertrieben, und als sie solche verkauften, wurde kaum die Hälfte des Geldes daraus erlöst; worüber viel zu schreiben wäre.“

Während das Konzil in Basel tagte (1737), wurden von dort aus Gesandte in alle Städte geschickt, die Stöcke in den Kirchen aufrichteten, damit jedermann unrecht erworbenes Gut hinein lege und Ablass gewänne. Die geopferten Güter wolle man zur Bekehrung der Griechen verwenden. In Konstanz scheint aber die Sache wenig Anklang gefunden zu haben, denn die Tafel, welche mit Figuren und Inschrift am Stocke (im Münster) angebracht war, fand man eines Morgens zerbrochen, und als eine neue hinzukam, fand man sie gleich darauf mit schwarzer Farbe bestrichen. Der unbekannte Täter ward von der Kanzel in Bann getan und mit dem Judas Fluch belegt; wäre er entdeckt worden, so hätte er den Frevel im See gebüßt, da der Stadt übel nach geredet wurde.

Als der Stock etwa ein halbes Jahr dagestanden, fand man beim Aufschließen desselben 17 Schillinge, drei Pfennige und drei Würfel. Der Raum war so mit Sand gefüllt, dass nichts mehr Platz hatte; in einem zweiten Stock dagegen wurde viel Geld und Gut gefunden, ohne dass man wußte, woher es gekommen.

Ein eigentlich staatsbürgerliches Vergnügen und Üben war von jeher das Scheibenschießen. Auch Konstanz hatte seine wohl eingerichtete Schiessstatt. Im Jahre 1456 (am Frauentag 15. August) gab der Rat und die Schützengesellschaft in Konstanz ein großes Freischießen für Armbrustschützen, wozu Fürsten, Herren und Knechte und andere ehrbare Leute eingeladen wurden. Die Schussweite betrug 135 Schritte, anwesende Schützen waren es 285 und das Schießen dauerte zehn Tage. Unter den ausgesetzten Preisen waren ein „gedecktes Pferd“, gewerhet zu 24 fl., ein anderes zu 18 fl. und eins zu 14 fl., ferner Ochsen zu 10 – 8 und 7 fl.; mehrere silberne Pokale, eine Armbrust (für 3 fl.) und etliche goldene Ringe. Zugleich standen Preise ausgesetzt in den verschiedenen Spielen Laufen, Springen, Steinstoßen und Ballschlagen. Die Stadt schenkte dabei alle Tage 30 halbe Viertel Wein.

Im Verlauf des Festes geriet ein Konstanzer Bürger mit einem Schweizer, namens Plaphart, in Streit; der Konstanzer nannte seinen Gegner „Kuhplaphart„, welches Schimpfwort die anwesenden Schweizer als der ganzen Eidgenossenschaft zur Schmach geredet deuteten, und ein großes Geschrei darob anhuben. Es kam zu einem Tumult, den der Bürgermeister Hans von Sappel mit Mühe beschwichtigte und den Beteiligten das Versprechen abnahm, Recht zu geben und zu nehmen. Als die Eidgenössischen aber heim kamen, klagten sie, wie man sie in Konstanz behandelt habe, und ihre Mitbürger sahen darin eine solche Beleidigung der Nationalehre, dass mehrere Kantone eine Anzahl Bewaffneter, wohl an 1000 Mann, zusammenzogen und gegen die Konstanzer ins Feld rückten, ohne diesen weder geschrieben, noch sie zur Rede gesetzt zu haben. Am heiligen Kreuztag, (14. September) zogen sie über die Thur in das Dorf Weinfelden; es war zur Zeit der Weinlese und die Scheuern waren voll Korn. Als das Haus zu Weinfelden (die Veste) auf Gnade und Ungnade sich ergeben hatte, fiel der mutwillige Haufen in die Reben, hieb einen Teil davon um und stiftete viel Unfug und Schaden.

Die Konstanzer erhielten aber zur Stunde erst den Absagebrief der Eidgenossen. Man bot an, Recht bei allen eidgenössischen Städten und Kantonen zu nehmen, jedoch ohne Erfolg. Auf dieses sammelte man sich in Konstanz um den großen Banner und ordnete als Hauptleute sechs Mann von den Geschlechtern und der Gemeinde dazu ab; auch den Geistlichen wurde befohlen, was sie zu tun hatten. Die Überlinger schickten ihren Bundesgenossen in Konstanz bei 500 wohlgerüstete Männer, und die von Lindau und Buchhorn ebenfalls viele Leute.

Unterdessen hatte sich der Feind fast bis zu 6000 Mann verstärkt, und weil man weiteren Schaden an den armen umliegenden Dörfern, wo man die Weinlese erwartete und die Scheuern voll Korn hatte, abwenden wollte, schritt man zum Vergleich, den des Bischofs Vikari und andere Herren zustande brachten. Die Stadt zahlte 3000 fl. Brandschatzung und Berthold, der Reichsvogt, 2000 fl.. Die Eidgenossen zogen ab, nahmen aber zum Andenken mit sich, was sie zu tragen vermochten. An der geforderten Brandschatzung schenkten die Zürcher den Konstanzer ihren Anteil. Also endete der „Plaphartkrieg„, den ein einziges Wort entzündet hatte.

Als einen Beitrag zur Sittengeschichte des vielfarbigen 15. Jahrhunderts mögen noch einige in Konstanz stattgehabte Empfangsfeierlichkeiten gelten, die eine im Jahr 1446 zu Ehren der Gemahlin des Herzogs Sigismund von Österreich. Die hohe Frau hielt ihren Einzug in einem vergoldeten Wagen mit einem Gefolge von 600 Pferden. Auf der Pfalz, wo Herberge für sie bestellt war, fand eine Beglückwünschung statt von zehn Adligen und ebenso vielen bürgerlichen Frauen, wovon die Frau des Junkers Markwart Breisacher die Rede hielt, neigte sich, so neigten sich die übrigen auch, und welcher Frau die Herzogin die Hand bot, dieselbe küßte sie ihr.

Nachdem die Herzogin die von der Stadt ihr dargebrachten passenden Geschenke an Wein, Fischen und Haber huldreich anzunehmen geruht hatte, begann bei Nacht ein „Gestech mit scharfen Spießen“, wobei die Ritter mit magisch schimmernden Kerzen auf den Schildern gegen einander sprengten.

Noch größere Ehre wurde 1592 dem Kaiser Maximilian bei einem Besuch in Konstanz erwiesen. Man fuhr ihm auf zwei Schiffen ins Buchhorn entgegen. In einem der Fahrzeuge waren die Ratsherren, im anderen viele starke Knechte. Als der Kaiser nahe der Stadt kam, erblickte er ein großes Schiff, von etlichen Gesellen zugerichtet; sie hatten eine Diele auf dasselbe gemacht und tanzten unter einer darüber gebauten Reishütte einen hübschen Mohrischen-Tanz. Die Tänzer alle waren nackt und schwarz gefärbt. Sie hatten eine Scheibe oben am Segelbaum angebracht, auf welcher drei sitzen konnten; diese sprangen herab ins Wasser und kletterten behend an den gespannten Segelseilen auf und nieder. Während dem schoss man von Raufhause aus mit vielen Hakenbüchsen strenge, und Alles gefiel dem Kaiser wohl, sowie die schöne Lage der Stadt. An der Konradsbrücke empfing ihn Bischof Thomas und sämtliche Priesterschaft und Orden, die Prälaten von Petershausen, Kreuzlingen und Schotten, alle in ihren Habiten, auf das Köstlichste, mit allen Heiligtümern. Der Bischof hielt eine lange Rede, die der Kaiser kurz beantwortete. Nach diesen empfingen ihn die von Konstanz, begleitet von 400 wohlgerüsteten Knechten in Harnisch, welche von dem Kaiser hergingen, das zahlreich vom Lande herbeigeströmte Volk abzuhalten.

Vom Fischmarkt an wurde er unter einem goldenen Himmel getragen, vom Bürgermeister Konrad Schatz, dem Reichsvogt Ludwig Appentager, dem Ritter Ludwig von Helmsdorf, und dem Hofmeister des Bischofs, Balthasar von Randeck, in das Münster begleitet, unter dem Geläute der Glocken aller Kirchen. Nach dem feierlichen Tedeum wurde er in die bischöfliche Pfalz geführt, und die 400 Knechte kamen auf den oberen Hof, ließen sich sehen und machten ein „Rädle“, was dem Kaiser sehr wohl gefiel. Er blieb über vier Wochen in Konstanz.

Begünstigt durch allgemeine wie besondere Zustände und Ereignisse hatte bis daher der Wohlstand und Flor der Stadt aufs erfreulichste zugenommen. Sehr ausgebreitet war der Handel, sowohl mit eigenen als fremden Erzeugnissen. Konstanzer Leinwand, (tele di constanza) war weit berühmt, sowie die Messen, welche, eine Vergünstigung des Kaisers Sigismund, seit dem großen Konzil alljährlich in Konstanz abgehalten wurden.

Verschriedene Umstände vereinigten sich jedoch im Verlaufe der folgenden Jahrhunderte, das rege Handels- und Verkehrsleben der Bodenseestadt allmählich zu lähmen. Die erste Ursache war das Eingehen des großen Landweges vom Norden nach der Levante; denn durch die Entdeckung des Vorgebirgs der guten Hoffnung und des neuen Weltteils Amerika büßte Italien und mit ihm die Nachbarlande den Handel mit Spezereien und anderen Produkten des Orients größtenteils ein. Nicht minder trugen später politische Ereignisse und Umgestaltung zum Verfall der einst so belebten Stadt bei.

Zu Anfang des 16. Jahrhunderts verlor Konstanz durch den unglücklich und ruhmlosen geführten Krieg mit den Eidgenossen unter Kaiser Maximilian, die bisher besessenen landesherrlichen Rechte über das thurgauische Gebiet. – Noch Schlimmeres brachten die blutigen Wirren der Reformationszeit. – Die Bürgerschaft, anfänglich der neuen Lehre zugetan, war dem Schmalkaldischen Bunde beigetreten. Der Bischof und das Domkapitel verließen die Stadt, ebenso alle geistlichen Ordensleute, mit Ausnahme einer Nonne in St. Katharina und eines Dominikaners, welche erklärten, lieber sterben als ihr Kloster verlassen zu wollen. Erbittert über diese Vorfälle schickte Karl der Fünfte ein spanisches Heer unter Alfonso de Vives, gegen die Stadt, um den Ungehorsam ihrer Bürger zu strafen. Aber die Bedrohten setzten sich mutig zur Wehr und vertrieben den Feind; der Kaiser verhängte hierauf die Reichsacht über die Widersetzlichen. Sich selbst überlassen und erschreckt durch den kaiserlichen Machtspruch unterwarf sich zuletzt die Bürgerschaft, verlor jedoch ihre Reichsfreiheit im Jahre 1549.

81 Jahre später, als der verderbliche 30-jährige Krieg bereits in schönster Blüte stand, kamen abermals schwere Tage. – Gustav Horn, der schwedische Feldmarschall, rückte im Spätjahre 1633, mit großer Macht den Rhein herauf gegen die Veste Konstanz. Überrascht sahen die Bürger von ihren Türmen den Feind im nahen Tegermoos ein Lager schlagen. Die österreichische Besatzung der Stadt war gering, aber vereinigt mit den wehrhaften Bürgern beschloss man mit Gut und Blut sich zu verteidigen. Horn, dem dieser Entschluss auf die Aufforderung, sich zu ergeben, kundgetan ward, ließ dem Stadtkommandanten Grafen Wolfegg erwidern: Je stärker man sich wehre, um so lieber wird es ihm sein! Doch fand er herzhafteren Widerstand, als ihm lieb sein mochte.

Alle Stürme wurden blutig abgeschlagen, und nach sechswöchentlicher Belagerung mußte der Schwede unverrichteter Sache das Feld räumen. Die Konstanzer aber feierten ihren Sieg am 4. Oktober mit einem feierlichen Tedeum in der Domkirche. Bis auf die neueste Zeit waren dort noch schwedische, hereingeworfene Bomben als Vodiva aufgehängt. (Im Jahr 1849 ließ der hessische General Schäfer bei der allgemeinen Entwaffnung diese ehrwürdigen Denkzeichen bestandener Gefahr wegnehmen.)

Die nachkommenden Sukccessions-Kriege gingen ohne besondere Folgen für unsere Stadt vorüber. Mehr und mehr verschwand die Regsamkeit und Behäbigkeit ihrer Bewohner. Die Kraft und Selbstständigkeit des Gemeinwesens waren längst dahin, Handel und Bautätigkeit lagen darnieder. Viele Häuser stunden leer, und wo früher stark besuchte Messen sich bewegten, blickte jetzt Merkurius mit seinem goldenen Stab von dem steinernen Brunnen der Marktstätte traurig auf den Platz, auf dem die Dammkärner ihre Mittagsruhe hielten, während ihre Tiere behaglich in dem hohen Grase schmausten, welches dem alten Straßenpflaster üppig entsproßte.

In diesem Zustande traf Kaiser Joseph II., auf seiner Rückreise von Paris im Jahre 1777, seine vorderösterreichische Provinzstadt. Der wohlwollende Monarch sah die Entvölkerung und Gewerbslosigkeit der Stadt und faßte den Plan, ihr abzuhelfen. Zur selbigen Zeit standen in Genf mehrere vermögliche Fabrikherren, ausgebrochener Mißhelligkeiten wegen, im Begriffe, ihre Vaterstadt zu verlassen. Diese Leute wandten sich an den Kaiser, und dieser lud sie ein, nach Konstanz zu kommen und sich da niederzulassen. Es wurden ihnen bedeutende Vorrechte und völlige Religionsfreiheit zugesichert. Überdies erhielt einer der möglichen Fabrikherren, J. Macaire, die schön gelegene Dominikanerinsel mit ihren Gebäuden unentgeltlich zur Errichtung einer Indienne- und Soton-fabrik. Ähnliche Vergünstigungen wurden den hereingekommenen Taschenuhrmachern und Goldarbeitern gewährt.

Noch erzählt man sich in Konstanz verschiedene Äußerungen des Kaisers aus den Tagen des Besuches. – So befanden sich unter anderem an verschiedenen Plätzen der Stadt kleine hölzerne Wachthäuslein für die städtischen Nachtwächter. Der Kaiser, den dieselben auffielen, fragte nach ihrem Zwecke und erhielt die naive Antwort: „Das sind die Häuslein, in welchem die Nachtwächter schlafen.“ – „So schlafen bei Euch die Nachtwächter“, soll der Kaiser lachend erwidert haben, „bei uns wachen sie!“ Ferner wird dem Monarchen ein hartes Wort in den Mund gelegt über den Konstanzer Klerus, dem er einen Theil der Schuld am Herabkommen der Stadt beimaß.

Der gute Kaiser, meint unser Gewährsmann, der verstorbene Zeichnungslehrer Nikolaus Hug von Konstanz, konnte schon aus dem Tun und Lassen der Jugend den vorwiegenden Einfluss der damaligen Klostergeistlichkeit abnehmen.

Viele Eltern, erzählte er, thaten, aufgemuntert durch geistliche Hausfreunde, das Gelübde, dies oder jenes Kind irgend einem Ordensheiligen zu weihen und bei seiner Volljährigkeit in ein Kloster zu bringen. Die Mütter trieben den frommen Eifer häufig so weit, dass die Kleinen bereits im zarten Alter Ordenshabitchen tragen mußten. Es war keine Seltenheit, sechs bis 8-jährige Kapuziner oder Dominikaner auf der Gasse herum balgen zu sehen. – Die Schilderung damaliger Zustände der Stadt und ihrer Umgebung überhaupt, wie sie uns Nikolaus Hug hinterlassen, ist interessant genug, um mehreres daraus hier mitzuteilen.

Im Ganzen, erfahren wir, gab es ums Jahr 1780 43 Kapuziner Klöster im Sprengel Konstanz, wovon eines in der bischöflichen Resistenz selbst sich befand. Wie in allen ihren Klöstern gab es auch hier einen sogenannten Malefitzpater, dessen Geschäft es war, Hexen und böse Leute zu bannen und den Teufel auszutreiben. Gewöhnlich wurden die unsauberen Geister in kleine Kisten beschworen und wohl verpackt, gegen Nachnahme, an entlegene Orte verschickt.

Geschah in einem Hause irgendetwas Ungewöhnliches, so nahm man seine Zuflucht zu den Vätern Kapuziner. Ja sogar die Evangelischen, aus den benachbarten Schweizer-Kantonen, kamen häufig in die Stadt, um bei den guten Patres in allerlei Angelegenheiten Hilfe zu suchen. – In Häusern, wo einige Behäbigkeit herrschte, erschien an Namensfesten oder sonstigen Familientagen gewöhnlich ein oder zwei Kapuziner, dem Hausherrn gar freundlich zu gratulieren und ihn zu versichern, dass man im Gebete seiner gedenken werde. Für diese Aufmerksamkeit wurde ihnen gebührend mit einem guten Glas Wein und einem „Leibpfeifle“ aufgewartet, später aber erst noch ein Eimer Wein, die Hälfte eines Kalbes oder 30 bis 40 Pfund guten Brotes in das Kloster gesendet wird. Wer dies unterließ, sah das nächste Jahr keinen Kapuziner mehr in seinem Haus.

Die Bettelmönche hatten darin einiges Gute, dass sie manche unserer heutigen Armen und Suppenanstalten entbehrlich machten. Allwöchentlich wurde ein gewisses Quantum Brot für die Armen gebacken, sowie reisende Handwerksgesellen jederzeit unentgeltliche Bewirtung fanden. Doch wo viele solche Almosenanstalten waren, hatten sie allerdings nicht den besten Einfluss auf Tätigkeit und Fleiß der abhängigen Bevölkerung.

Nebst den Kapuzinern waren noch verschiedene andere Ordensklöster in der Stadt, die es an religiösen, im Geiste der damaligen Zeit liegenden Exhibitionen keineswegs fehlen ließen. Am Karfreitag zum Beispiel erhielten die Jesuiten einen feierlichen Umgang durch die Straßen und mit ihnen die Studenten und sämtliche Professoren. Hinter diesen Corporationen gieng ein Zug, welcher sinnbildlich die Grablegung Christi vorstellte, umgeben von Büßenden, die sich geißelten, und Männern, welche schwere Kreuze und eiserne Ketten schleppten. So bewegte sich die Prozession von einer Kirche der Stadt zur anderen, um an den dort errichteten heiligen Gräbern das übliche Gebet zu verrichten.

In einer anderen Stunde, am Karfreitag, hielt die lateinische Kongregation ihren Umzug. In dieser Bruderschaft befanden sich Priester, Beamte und angesehene Bürger. An ihrem Festtage wurden in einer eigenen Kapelle im Münsterkreuzgang lateinische Predigten gehalten. – Ebenso feierte diesen Tag auch die bürgerliche Congregation. Diese hielt ihren Gottesdienst und ihre Feste in der Pfarrkirche St. Paul.

Wenn wir weiter auf die weltlichen Zustände, Sitten und Gebräuche blicken, wie sie vor kaum 60 Jahren noch gang und gäbe waren, so können wir uns nicht der Verwunderung enthalten, wie in kurzer Zeit so vieles im bürgerlichen Haushalte sich geändert hat.

Bekannt ist die Art und Weise, wie damals rekrutiert wurde. Die Regimenter bestanden sozusagen meist aus Strafkompagnien, weil Landläufer, Tagdiebe und Übeltäter verschiedener Art in die Soldatenjacke gesteckt wurden. Da aber die erforderliche Mannschaft durch solche Subjekte nicht immer zusammengebracht werden konnte, so nahm man seine Zuflucht zu Werbungen. Zu Konstanz hielten sich stets zwei kaiserliche Werber auf.

Als Kaiser Joseph im Jahr 1780 mit den Türken Krieg führte, wurden die Werbungen in Konstanz auf folgende Art bewerkstelligt: Ein Ratsdiener trug Geld in einer Platte von Gasse zu Gasse. Hinter ihm ging ein Stadttaglöhner mit einer 4 bis 6 mäßigen Kanne guten Weines, ein anderer trug die Gläser dazu. So zog man durch die Gassen, müßige Handwerksgesellen und gaffende Landleute zu verlocken. Jeder Rekrut erhielt 25 fl. Handgeld und einen Trunk: Vivat Maria Theresia! Vivat Kaiser Joseph! u.s.w. und fort ging’s unter Jubel und Geschrei auf eine städtische Zunft, wo die Leut wohl gespeist und von Neuem mit der süßen Bacchusgabe traktiert wurden. Nach diesem wurden sie unter Aufsicht eines Ratsdieners auf Wägen und dem vorderösterreichischen Platze Günzburg abgeführt.

Nicht minder Eigentümliches hatte der Handwerkerstand. Noch zu Anfang unseres Jahrhunderts war es Sitte, dem wandernden Gesellen statt eines polizeilichen Passes oder Wanderbuches, ein sogenannte Kundschaft oder Ausweis, von seinem Handwerke ausgestellt, mitzugeben. Diese Kundschaften bestanden in einem großen Bogen Papier mit schöner Einfassung und einer Ansicht derjenigen Stadt, wo der Geselle sein Handwerk erlernt hatte. Darunter stund mit schön verzierter Frakturschrift: Wir Bürgermeister und Rat der löblichen Stadt N.N. und die Vorgesetzten Meister des ehrsamen Handwerks der Schmiede x beurkunden hiermit u.s.w..“ Die Vollmacht, solche Kundschaften auszustellen, hatte jeder Altmeister des Handwerks. Die beigesetzten Personalschriebe fielen aber oft sonderbar aus, denn die Hälfte der Handwerksmeister konnte nur kümmerlich lesen und schreiben. Daher die Signalements sozusagen stereotyp waren. Gewöhnlich hatten die Schlosser und Schmiedegesellen schwarze Haare, schwarze Augen und waren fünf Schuh, acht Zoll groß; während die Bäckergesellen sämtliche blond und kurze fette Bürschlein waren. Oft kam es vor, dass Diebe oder faule Gesellen solche Kundschaften stahlen und unter dem Namen des ursprünglichen Besitzers Diebstähle oder gar Mordtaten begingen, enthauptet oder gehängt wurden. Kam nun die Kunde von einer solchen Exekution in die Heimat des ersten, rechtmäßigen Kundschaftbesitzers, so geriet Alles in Schrecken und Bestürzung, bis nach durchgemachter Wanderzeit der vermeintlich Hingerichtete gesund und wohlbehalten bei den Seinen eintraf, und tatsächlich jene Gerüchte widerlegte.

Fortsetzung hier:

Insel Mainau – Konstanz 2.

Über Johannes Huß von Prag und seines Schülers Hieronymus gibt es die Geschichte des Hussensteins in Constanz aus der Gartenlaube 1863:
https://de.wikisource.org/wiki/Die_Geschichte_des_Hussensteins_in_Constanz



Der Name der Sortengruppe leitet sich vom Namen der griechischen Stadt Monemvasia auf der Halbinsel Peloponnes ab, die im Mittelalter ein bedeutender Handelsplatz und eine Festung des Byzantinischen Reiches war.
Ursprünglich kommt der Malvasia-Wein (lateinisch vinum malvaticum) wohl aus Kleinasien und wurde in der Antike von der Insel Kreta aus in die Welt gebracht, wo auch der weiße Malvasia di Candia heute noch süß ausgebaut wird. Auch trocken wird er vor allem vom Weingut Douloufakis ausgebaut. Die Insel Kreta und andere Teile Griechenlands stellen somit die ursprünglichsten und ältesten Sorten (siehe Malagousia). Griechenland ist weitestgehend als Ursprungsland einiger Malvasia-Sorten anerkannt. Schon die Römer bauten diese Sorte an und süßten den daraus gekelterten Wein mit Honig. (Wikipedia)

1429/30 wurde eine Ritualmordanklage gegen die Ravensburger Juden erhoben. Man hatte einen 13-jährigen Jungen im Haslachwald zwischen Ravensburg und Weingarten erhängt aufgefunden. Zunächst war ein Fuhrmann, der den Jungen in den Wald gefahren hatte, beschuldigt worden, doch bezichtigte dieser die Juden, einen Ritualmord begangen zu haben. Hierauf wurden die Ravensburger Juden gefangen genommen. Ein Teil von ihnen wurde im August 1430 verbrannt. Andere konnten fliehen oder wurden aus der Stadt vertrieben. Diese Ritualmordgeschichte führte zu Verfolgungen und Vertreibungen auch der Juden aus Buchhorn (Friedrichshafen), Konstanz, Lindau, Meersburg und anderen Städten. 1431 beschloss die Stadt Ravensburg, nie wieder Juden in der Stadt aufzunehmen. 1559 ließ sich die Stadt dieses Verbot von Kaiser Ferdinand I. ausdrücklich bestätigen. (https://www.alemannia-judaica.de/ravensburg_juedgeschichte.htm)

Levante – altitalienisch levante, mittelfranzösisch levant, „Osten“, „Morgenland“, abgeleitet vom Sonnenaufgang, von lateinisch levare „emporheben, aufgehen“. (Wikipedia)

Vorgebirge der guten Hoffnung – vermutlich das Kap an der Südspitze Afrika’s.

Spezereien – Spezerei ist eine seit dem 14. Jahrhundert verbreitete Bezeichnung für Gewürzwaren. Auch allgemein für Delikatessen, gelegentlich für Gewürzläden und Apotheken verwendet. Spezereiwaren ist auch ein veralteter Ausdruck für Lebensmittel allgemein, in der Schweiz auch für Gemischtwaren. (Wikipedia)

Der Plaphartkrieg ist als Plappartkrieg von 1458 in die Geshichte eingegagen:
https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008880/2009-11-26/

Der Schmalkaldische Bund (auch Schmalkaldische Liga oder Liga von Schmalkalden genannt) war ein am 27. Februar 1531 in Schmalkalden geschlossenes Verteidigungsbündnis protestantischer Fürsten und Städte unter Führung von Kursachsen und Hessen gegen die Religionspolitik des katholischen Kaisers Karl V. (Wikipedia)

Dammkärner – Ein Kärrner ist vermutlich ein Wort für Fuhrmann. Also sind vermutlich die Pferde der Dammfuhrleute mit „Thiere“ gemeint.

Stadtplan Konstanz von 1807, mit Dominikanerinsel unten rechts (Norden ist rechts). https://de.wikipedia.org/wiki/Dominikanerinsel

Bereits am 30. Juni 1785, noch vor Schließung des Klosters, überließ Kaiser Joseph II. die Insel dem Genfer Fabrikanten und Bankier Jacques Louis (Jakob Ludwig) Macaire de L’Or (1740–1824), mit den Gebäuden, gegen Zahlung einer geringen jährlichen Pacht von 25 Gulden, zur Einrichtung einer Indienne-Fabrik mit Indigo-Färberei.

Nikolaus Hug* (geboren 14. Juni 1771 in Konstanz; gestorben 2. Dezember 1852 ebenda) war ein badischer Maler, Kupferstecher und Radierer. https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolaus_Hug.

*Ein Bruder des rühmlich bekannten Dr. Joh. Bernh. Hug, weiland geh. Rath und Domdekan zu Freiburg.

Malefitzpater – leider finde ich hierzu gar nichts und wäre erfreut, jemand könnte mir mehr dazu schreiben.

Insel Mainau und der Badische Bodensee

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Wanderblühten- Der arme Konrad – Kindheit in Hüfingen

Jedermann kennt den Volksglauben, nach welchem es keinen Samstag im Jahre gibt, an dem nicht wenigstens ein Stücklein blauen Himmels zum Vorschein kommt. Man sagt, die himmlische Haushaltung sei zu Gunsten Marien’s ausdrücklich so eingerichtet worden, damit unsere liebe Frau den frischgewaschenen Schleier jeden Sonntag trocken habe, um in die Kirche oder über das Gebirge gehen zu können.

Den Verweis hierfür mögen Wetter- und andere Propheten führen. So viel ist entschieden gewiss, dass zu Anfang der 20er Jahre, am 24. Juli, dem Samstag vor dem Jakobifeste, das zufällig auf den Sonntag fiel, der klarste blauste Himmel sich über dem alten Städtlein Hüfingen wölbte. Damals war sein Aus- und Eingang noch jeglicher mit einem Tore gesegnet; und hing noch ein gutes Stück der verwitterten Stadtmauer umher. Die Sonne stand schon tief. Auf dem Gartenhängen waren da und dort weiße Kleidungsstücke von jener Gattung aufgehängt, die ein redliches Gemüt geradezu Hosen zu nennen wagt, sie sahen frisch gewaschen und appetitlich aus und hatten eine kriegerische Bedeckung von Säbelkuppeln und Fangschnüren. In der Ferne hörte man trommeln. Buben von zehn, zwölf Jahren marschierten einen entlegenen Feldweg hin und übten sich in dieser nützlichen Kunst. Auf den Lauben (Galerien) der Häuser wurden dunkelblaue Uniformen mit weißen Aufschlägen ausgeklopft. Wer im Felde zu tun hatte, der machte sich früher als gewöhnlich heim, um noch so Manches für morgen herzurichten. Der hatte sein Säbelgefäß und die Rockknöpfe noch mit Ziegelmehl abzureiben, dieser mußte sein Tschako noch lackieren, jener erwartete vom Schuhmacher die neuen Stiefel, die er morgen einweihen wollte. Alles sprach nur von morgen und freute sich des schönen Wetters.

„Wenn es nur auch so hält“, sagte der alte Hafnermeister, in den er seinen Sappeursbart, den er morgen anlegen wollte, wieder ein wenig heraus ausstaffierte.
„Es bleibt gut“, bemerkte ein Nachbar, der sassianene Gerbermeister. „Mein Laubfrosch sitzt jetzt schon seit vorgestern früh hoch auf der Leiter, und das Männle am Rathausfähnle läßt gutes Wetter supponieren.“
„Es wird einen merkwürdigen Zulauf von Fremden geben“, erwiderte der Andere.
Und was war denn das für ein Tag, auf welchen so ausgebreitete Zurüstungen gemacht wurden? Es galt nichts weniger, als das Fest des heiligen Jakobus, Kirchenpatrons von Hüfingen, das seit uralten Zeiten mit geziemender Würde begangen wird.

Zur Zeit unserer Erzählung war dieser Tag für die ganze Baar sozusagen ein Volksfest, zu welchem die Gäste von nah und fern zusammenströmten. Nicht wenig zum Glanz des Tages trug eine bürgerliche Miliz und ein Musikkorps bei, welche beide nach dem Muster anderer kleinen Städte auch hier errichtet worden waren. Die Musik, von ihrem unermüdlichen Kapellmeister aufs trefflichste eingeübt, hatte den Beifall aller Hörer und die wackeren Musketiere exerzierten und manövrierten, dass es eine Lust war, ihnen zuzusehen. Und weil dazumal noch nicht jeder alte Student und Gevatter Handschuhmacher sich einbildete, ein größerer Mann zu sein, der das Volk beglücken und Deutschland umgestalten müsse, so ginge alles im besten Contento, zur Freude für Jung und Alt.

Der damalige Major und Bürgermeister war ein Kriegsoberster, der trefflich Manneszucht zu halten wußte, und recht stattlich sah es aus, wenn er in der Uniform mit kurzen hirschledernen Beinkleidern und Suwarowstiefeln, ähnlich einem Erzherzog Karl oder Fürst Schwarzenberg, vor der Fronte stand.

Die Seele der Armada von Hüfingen aber, wenigstens wenn man ihn selbst hörte, war der alte Marte, der zu dieser Stunde noch auf der Stiege hinter seinem Hause stand und bedächtig das Wetter beobachtete, ob die Sonne kein Wasser ziehe oder ob der Wind sich nicht drehe. Wahrscheinlich wäre er noch lange so gestanden, wenn nicht ein kleiner Bub in der Eigenschaft eines Feldjägers atemlos und schwitzend daher gelaufen wäre mit der Meldung, alles sei versammelt, man warte nur noch auf ihn.

Gedachter Marte war der Feldwaibel beim Corpo, der die Rekruten einschulen mußte, und zu diesem Behufe hatte er auch das Exerzieren gründlich studiert bei den Österreichern. Unter vier Augen ließ er oft Winke fallen, dass selbst der Major „das Meiste von ihm habe“. „Gleich!“ sagte er, „gleich werd‘ ich erscheinen.“ Er rückte noch einmal seine Waffen zurecht, und eilte durch das Städtlein, wo vor allen Häusern gekehrt, an allen Brunnen gefegt und gewaschen wurde, hinaus auf den Anger vor dem Schützenhause. Sobald er anlangte, stellte sich das Bürgerkorps in Reih und Glied und begann sämtliche Schwenkungen und Manövers, welche das morgige Fest verherrlichen sollten, zur Vorübung auszuführen. Hinter her aber zog ein Haufen von Buben mit Bohnenstecken statt der Gewehr, und machten alle Exercitien glücklich nach.

„Stellt euch“, sagt der Major und Bürgermeister, als diese beendet waren. „Stellt euch nur morgen auch Alle präzis ein und nehmt euch zusammen, besonders was das Feuern anbelangt, dass wir den alten Ruhm nicht einbüßen“.

Nach dieser öffentlichen Anrede zog er den Feldwebel Marte und den Korporal-Nachtwächter auf die Seite und flüsterte diesen seinen Vertrauen zu: „Ihr Leut‘, ich fürcht‘, dass uns die Zwei“ – hier winkte er verstohlen gegen zwei Rekruten hin – „morgen bei den Salven Confusion machen. Entweder schießen sie vor, oder, was noch schlimmer, sie laden unrichtig. Es wird gut sein, wenn sie morgen gar keine Patronen erhalten.!

„Herr Major“, warf der Feldwaibel mit wichtiger Miene ein: “ das wird’s nicht wohltun; wofür verzürnen die Leutele. Ich weiß ein besser Mittel, laßt mir mich machen. Morgen, bevor und dass wir einmarschieren, will ich tun, als visitiere ich ihre Musketen, und werde dann unvermerkt jedem einen tüchtigen Lichtstumpfen auf die Schwanzschraube hinunterstoßen; dann schießt keiner vor, es gibt kein Unglück, und die Leut‘ haben ihre Plaisir.“ – Der Major gab dieser Maßregel seine oberbefehlshaberliche Genehmigung und commandierte demnächst „Auseinander“, worauf sich die Buben schon längst gefreut hatten, weil sie jetzt ihren Alten die Musketen heimtragen durften.

Während alles dieses in der Stadt vorging, schritten zwei junge Burschen die staubige Straße von Bräunlingen her. Der eine, mit der Sense auf den Rücken, kam aus dem Felde. Der andere schien auf der Reise begriffen zu sein; er mochte etwa 24 Jahre zählen, ein stämmiger Bursche mit braunem Haar und rötlichem Backenbart. Die Reise konnte aber nicht allzu weit gehen, denn er hatte offenbar seine Sonntagskleider an: Über den neuen schwarzen Lederhosen, den neuen grünen Samtschoopen und das rote Leible. In der Hand trug eine schwanke Haselnussgerte, mit welcher er von Zeit zu Zeit durch den Schwarm Mücken hieb, der vor ihnen hertanzte. K

„Konrad“, sagte der mit der Sense, „das kann ich dir sagen, seit du auf dem Hofe bist, kennt man dich fast nicht mehr, du bist ein Weltkerle geworden“.
„D’rum bin ich gesund, Gott Lob“, erwiderte der im Sonntagsstaat, „Essen und Trinken schmeckt mir, und überflüssige Sorgen mach‘ ich mir auch keine“.
„Ja, wenn eine gewisse nicht wär!“
„Du hast gehört läuten, und weißt nicht wo, Franzsepp“, meinte Konrad. „Was soll denn das für eine gewisse sein? – Vom Hörensagen lügt man gern“. –
Er suchte ablenkend das Gespräch auf eine andere Materie zu leiten, uls sie bald hernach gegen das Städtlein kamen, so dass man die vergoldeten Zeiger der Turmuhr sehen konnte, machte er ein Paar von den blanken runden Knöpfen an dem roten Leibe auf, zog eine Uhr an silberner Kette heraus, und nachdem er sie zuerst an das Ohr gehalten hatte, ob sie noch gehe, verglich er sie mit der Kirchturmuhr.-
„Sechs Uhr!“ , sagte er, „Die geht eine halbe Stund‘ früher als die Bräunlingerin. Sechse, Siebene – bis um Achte bin ich daheim.“
„Ei was! kannst’s du auch Neune werden lassen“, rief der Franzsepp. „Jetzt müssen wir noch einen Schoppen Schweizer oder Markgräfler miteinander trinken in der Sonne, denn so jung kommen wir doch nicht mehr zusammen.“
„Nichts da, sag Dank, ein andermal! für jetzt b’hüti Gott!“
„Aha, es zieht den Menschen eben heim; ei, das muss ja ein großmächtiges Zugpflaster sein, das so stark zieht. – Aber morgen kommst doch zum Fest?“
„Ja, freili'“, rief Konrad zurück, der sich schon eilenden Fußes entfernte. Auf der steinernen Brücke, die vor dem Tore über die Bregach führt, machte er Halt und sah den eben zu Ende gehenden Evolutionen auf dem Anger drüben zu. Die Brücke ist ein Hauptschauplatz im Leben der Bürger dieser guten Stadt. Besonders am Sonntag nach dem Mittagessen wandern sie in aller Seelenruhe zum Tore hinaus und lassen sich auf der breiten steinernen Brustwehr um den heiligen Johann von Nepomuk nieder. Denn unter Gottes freiem Himmel spricht sich ja gar so gut von Allem, was die Woche über passiert, von Altem und Neuen, von Kriegs- und Friedenstagen. Diese Sonntagsfreude ist aber einem fleißigen Bürger wohl zu gönnen, sie kommt auch wohlfeiler, als die im Wirtshause.

Heute, an so einem geschäftigen Abend, war natürlich niemand auf der Brücke zu sehen als ihr Patron, der seit alten Zeiten in Stein gehauen, auf der Brustwehr steht. Zur Feier des kommenden Festes hatte man ihm bereits einen großen frischen Blumenstrauß statt des alten verwelkten in den Arm gegeben; er schien sich aber wenig daraus zu machen. Mit gesenktem Haupt und bedächtiger Miene sah er, wie immer, dem Lauf des Baches nach, der in einiger Entfernung die Stadtmühle treibt.

Der Wanderer verließ die Brücke und gegen den Fußweg hin, dadurch abgemähte Wiesen führte. Er achtete wenig auf die im Wege liegende, mit Kreuzen und Namen bezeichneten Bretter, die den Vorübergehenden zum Gebet für die Verstorbenen ermahnen, und doch hielt er mitten in seinem Geschwindschritte oft plötzlich ein, und bald ging es wie eine hoffnungsreiche Morgensonne in seinem frischen Gesichte auf, bald zog sich die gebräunten Züge wieder zusammen, als ob finstere Nacht und böses Unwetter im Anzug wäre. Solches Zögern verschaffte ihm noch einen Genuß, den kein echter Hüfinger diesen Abend entbehrt haben würde. Denn nachdem die Betglocken, welche in der Umgegend den kommenden Festtage verkündigten, ausgeklungen hatten, erfüllte die türkische Musik, nach langer gründlicher Probe auf der Rathaussstube, die Straßen mit ihrem Getöse, und in ihrer Gesellschaft rasselte der Zapfenstreich weit in die still gewordene abendliche Gegend hinaus. Er traf das Ohr des Wanderers, der aus der Zerstreuung auffuhr und plötzlich seine Schritte beflügelte.

Was trieb ihn denn so vorwärts, und hier sind immer wieder stille stehen? Dachte er an die Zeit, wo er noch mit seinem Ältern zu dem Hüfinger Feste gegangen war? oder an laue Sommerabende, wie dieser, wo er mit seinen Kameraden bis in die späte Nacht hinein auf der Bank vor dem Hause sang und schwatzte, und die Mädchen ihnen von oben zu den offenen Kammerfenstern heraus gute Nacht wünschen? Oder ging ihm die „Gewisse“, mit der ih der Franzsepp aufgezogen hatte, im Kopf herum? –

Hier ist nun der Ort, wo ihr mich meinetwegen unterbrechen mögt. Unser Freund hat seine zwei guten Stündlein von Hüfingen zu dem Dorfe zu gehen, wohin er trachtet. Wir können ihn jetzt verlassen und an einen anderen Weg einschlagen; wenn wir unsere Schritte fördern, so kommen wir immer noch zur gleichen Zeit mit ihm an.

Nun, da werden wir eben in die Gegend des russischen Feldzuges zurückgehen müssen.
Richtig. Der Marsch ist so weit nicht, als es den Anschein hat. Also, wie Konrad’s Eltern starben und sein und sein Xaver aus Russland, wo er im kühlen Schneebette schlief, nicht wiederkehrte, da hatte der 13-jährige Waisenknabe nur noch einen einzigen älteren Bruder. Der aber konnte sich selbst noch nicht helfen; er ging in den Dienst zu einem Vetter, der einen Hof oberhalb Mistelbrunn besaß. Durch Rührigkeit und Sparsamkeit hatte sich der Knecht bald so emporgeschwungen, dass er als Pächter des fürstlichen Meierhofes zu Waldhausen sich dauernd wieder niederlassen konnte. So blieb denn Konrad allein im heimatlichen Dorfe zurück. Dort nahm ihm ein Verwandter zu sich, der keine Kinder hatte, aber sehr für möglich war. Dieser Vatersbruder, den man den „Riedbauer“ nannte, war ein langer, hagerer Mann und sah fast dem hölzernen heiligen Antonius ähnlich, der auf dem Seitenaltar der Dorfkirche stand. Er sprach „wenig um einen Groschen“, wie man zu sagen pflegte; im Übrigen, wenn man ihn näher kannte, war er kein so übler Mann. Seine Frau war im Dorfe nicht sehr beliebt, auch stand sie keineswegs unverdient im Rufe des Geizes, denn sie wäre in der Tat im Stande gewesen, „die Laus und den Balg zu schinden“. Dieser trockene, einsilbige Vetter und dieses knickrische Weib war nun alles, was Konrad noch im Leben besaß, und kühle Tage kamen für ihn; denn was half es ihm, dass ihn sein Vetter im Stillen ganz gut leiden konnte? Der ließ sich nie darüber aus, und da ist der arme Konrad nicht merkte, so machte es ihm auch nicht warm. Arm aber war er wie eine Kirchenmaus; denn nach dem Verkauf seines elterlichen Gutes war über die Schulden hinaus so viel wie nichts übrig geblieben, und für ihn gab es keine Hoffnung, jemals ein freier Mann zu werden. Er wurde anfangs zum Hüten verwendet, um allmählich zu der Würde eines Oberknechts emporzurücken.

Dazumal war noch die Ross- und Nachtweiden im Gange, und mit ihnen bestand noch die alte Rossbubenverfassung, welche seitdem auch von dem raschen Lauf der Zeit umgestürzt worden ist. Da nämlich die jüngeren Hüter den ganzen Sommer über mehr draußen als daheim lebten, so war es kein Wunder, dass sich nach und nach ureigene Gesetze und Einrichtungen, die von den Alten respektiert wurden, unter ihnen gebildet hatten. So oft sie das erste Mal im neuen Jahre „ausfuhren“, das heißt die Rosse auf die Weide trieben, wurde ein allgemeinenes Turnier gehalten, worin sie einzeln mit einander kämpfen mussten. Die vier Stärksten, die in diesen Ringspielen Meister wurden, hießen die „Stillieger“ und waren die Oberhäupter der anderen. Sie lagen nämlich still, das heißt müßig und behaglich, auf dem grünen Rasen ausgestreckt, und während sie ein Spiel zusammen machten oder sich sonst belustigten, mußte ihre Unterthanen alle Arbeit für sie tun. Sie mußten ihnen die Pfeifen stopfen, anzünden, die Rosse auf- und abzäunen und, wenn sie sich verlaufen hatten, aus dem „Schaden“ holen. Mit einem Wort, die Viere waren die Herrscher und bei Streitsachen auch die Richter des kleinen Hirtenvolkes. Aber es galt auch etwas, um zu solchem königlichen Ansehen zu gelangen; denn der Ringkampf war kein Kinderspiel, und es mußte nicht weniger als Arm und Bein eingesetzt werden. So geschah es unserem Konrad, dass er am Wahltage im Zweikampf einen unglücklichen Fall tat und den Arm brach. Das Schicksal wollte nicht, dass er ein Stillleger werden sollte. Der Barbier des Orts, das sogenannte „Katzendoktor“, unterwarf ihn einer schmerzlichen und langwierigen Kur. Da hatte er nun, obgleich sein Vetter, der ihm gesetzte „Pfleger“, einen wirklicher Pfleger an ihm wurde, voller Muße, die Geduld zu lernen, zu der das Leben seine Insassen auf diese oder jene Weise erzieht.

Aber er hatte auch noch Muße, um anderen Stimmungen und Empfindungen in sich wachsen zu lassen. Konrad ging jetzt in sein 18. Jahr, und begann eben, wie es in diesem Alter zu geschehen pflegte, die Mädchen des Dorfes mit anderen Augen anzusehen, als sonst. Während er nun stille lag, nur freilich nicht auf so angenehme Art wie seine Kameraden draußen auf der Weide, konnte er seine Gedanken nach Herzenslust spazieren führen, und da mußte er bald die Erfahrung machen, dass dieselben eine Richtung nahmen, die er sich kaum vermutet hätte. Was er auch tun und wohin er sich wenden mochte, seine eigensinnigen Gedanken gingen immer denselben Weg. Zu wem spazierten sie aber? War es des Storchenfrieders Mareille mit den schönen roten Backen und den vielen Ringen an den Fingern? Oder des Tony’s „zumpferne“ Agnes? oder eine von des Müllers Töchtern? Keine von all diesen, so oft er sich auch ihre Tugenden und Vorzüge ausmalen mochte. Oder war es gar am Ende die, welche als Bub bei jeder Gelegenheit geneckt und ihr zu Leid gelebt hatte nach Leibeskräften, die um seinetwillen in Tränen zu sehen, ihm ein Genuss gewesen war? Ja die, die war’s, des alten, vermöglichen Vogts sein feines Mariannle, das er einst so gern in die Hölle geholt und gepeinigt hätte. Jetzt war sie groß und schön geworden, und mancher junge Bursche des Dorfes warf ein Auge auf sie oder auch zwei.

Freilich hätte er lieber auch jetzt wieder, wenn ihr liebliches Bild vor seinen Augen trat, ein böses Gesicht gemacht, nur damit sie ihm auf immer aus dem Sinne schwinden solle, denn er wusste wohl, welch Kluft sei, zwischen der reichen Tochter des Vogts und einem armen Bauernknecht. Er konnte aber nicht, denn immer und immer mußte er sich wieder an die freundlichen Augen erinnern, mit denen sie ihn letztlich angeschaut hatte, so dass es ihm dabei war, als sähe er in das Paradies hinein. Ihr roter Mund und ihre blauen Augen waren jedoch gegen alle Menschen freundlich, und er durfte sich das nicht zu sehr zu seinen Gunsten auslegen.

Als er aber das erste Mal wieder aufstehen und zu seinem Kammerfenster oben heraus sehen durfte, da konnte er noch nicht umhin, es für eine gute Vorbedeutung zu nehmen, dass es das erste Menschenkind, auf das seine Augen fielen, Niemand anderes war, als das Mariannele. Sie ging gerade unten vorbei, kehrte das Köpflein ein klein wenig herauf, erblickte ihn, rief ihm einen freundlichen Gruß zu und erkundigte sich nach dem kranken Arme. Durch diesen Arm aber rann es zur Stunde wie ein Strom von Genesung, denn es war derjenige, der zunächst am Herzen liegt.

Abermals kamen Tage, die nicht Jedem gefallen. Konrad machte sich mit denen, die seines Alters waren, auf nach der Amtsstadt zur „Ziehung“. Zu Fuß war sie ausgezogen, das ganze Dorf hatte ihnen Glück gewünscht. Abends kamen sie auf einem Leiterwagen, den sie mit der konscriptionspflichtigen Mannschaft des nächsten Dorfes zusammengenommen hatten, zurück. Schon in weiter Entfernung hörte man sie singen und johlen.

Als der Wagen in’s Dorf hineinfuhr und an dem Hause, an welchem die Bürger und Mädchen beisammen standen, vorbeifuhr, stimmten die lärmenden Rekruten ein Lied an. Und ein Buckliger, den der lustige Zufall Nummer Eins hatte ziehen lassen, brachte mit kreischende Stimme dem Soldatenstand ein lautes Vivat.

Die Mädchen lachten. Als ihnen aber Konrad den Hut, worauf eine gezogene Nummer steckte, mit den Worten: „Verspielt! Nummer 17!“ entgegenhielt, da wurden die gute Mariann‘ blass bis in den Hals hinunter, und wenn der Konrad nicht, wie jeder verliebte junge Mensch, blind gewesen wäre, so hätte ihm doch an seinem Rekrutentage ein Licht aufgehen müssen.

Ich bin eigentlich froh, sagte er zu sich, als er sich von der lärmenden Gesellschaft losgemacht hatte, ich bin froh, dass ich fort komm‘. Je weiter, je lieber, je eher, je besser. Auf die Mariann‘ kannst du dir keine Hoffnungen machen. Sie ist hübsch – dazu reicher Leute, Kind. Du hast nichts, und wo nichts ist, da hat der Kaiser ’s Recht verloren. Und zudem, setzte er hinzu, indem er sich selbst einen Nasenstüber beibrachte, wer sagt dir denn, dass sie dir hold ist, einfältiger Kerl? Also nur fort – Unglückskind – fort, fort!

Doch so schnell sollte es nicht gehen.
„Hast du denn gar keine Fehler?“ Fragte ihn sein Vetter nach einiger Zeit, als er sich zur Visitation stellen mußte.
„Zwanzig Jahre und kein Fehler!“, sagte die Riedbäuerin dazwischen. „das wär mir was! Jugend hat kein‘ Tugend.“
„Von solchen Fehlern ist nicht die Red‘. Annekäther“, bemerkte der alte Rittbauer.
„Keinen, dass ich weiß“, erwiderte Konrad. „Den linken Arm kann ich nicht mehr ganz biegen, seit ich ihn gebrochen habe.“
„Das kannst du auf alle Fälle bei den Herren angeben“, sagte sein Pfleger. – „Ja“, dachte Conrad, „das werd‘ ich wohl bleiben lassen; Soldat sein, das ist’s ja eben, was ich will.“
Aber das Schicksal hatte ihn so wenig zum Helden als zum Stilllieger bestimmt.
„Was ist’s denn mit dem Arm da?“ Fragte der Regimentsarzt bei der Visitation, jedoch in einem anderen Ton, als dass Mariannle einst gefragt hatte.
„Ich hab‘ ihn vor zwei Jahren gebrochen“.
„Untauglich!“ hieß es. Denn es war eben für selbiges Jahr ein besonderer kräftiger Schlag gewachsen, und die Herren wußten, dass noch ganz andere Kerle vor der Türe standen.

Nu, weit ist’s auch nicht gefehlt, dachte Konrad, als er aus dem Amzhause ging: das hab‘ ich schon gemerkt, dass der Soldatenstand just kein Schleckhafen ist. – Ich weiß nicht, woher er sich diesen Werks genommen hat. Aber als er in die Abstandsstube unter das Maß gestellt wurde und nicht gleich ganz aufrecht dastand, trat ihm der Unteroffizier auf die Zehen, und, ihm einen heimlichen Rippenstoß verabreichend, murmelte er in den Bart hinein, „Aufrecht, dummer Bauerntölpel!“ Wie aber der Konrad auf dieses mit einem grimmigen Blick seine ganze Länge entfaltete, ließ er ihm das Maß so derb auf den Kopf fallen, dass der arme Rekrut sich darüber verschütteln mußte.

So hat ihm also das Vorhaben, durch die Nötigung der Umstände aus seinem heimatlichen Dorfe zu entkommen, fehlgeschlagen, und es blieb mir nichts anderes übrig, als ein freiwilliges Losreißen. Denn aushalten konnte er es länger nicht. Mußte er nicht tagtäglich mit ansehen, wie sich die vermöglichsten Bursche um des Vogts Tochter bewarben?

Die Familie des Mädchens gehörte zu den wohlhabendsten der Baar. Seit mehr als einem Jahrhundert war das Vogtamt beständig bei diesem Hause verblieben. Der älteste Besitzer des Stammgutes hatte unter anderem das Recht, mit eigenem Wappen zu siegeln, und selbst die regierenden Fürsten beliebten früher Zeit während der Jagd öfters ihre Einkehr in dem wohlgelegenen Bauernhause zu nehmen.

Kein Wunder also, dass der Vogt einen gewissen angeerbten Stolz und behäbige Selbstgefühl zur Schau trug. Zudem war er der Mann, der noch viel auf alte Sitten und Bräuche hielt. So herrschte zum Beispiel in dem Dorf noch die Sitte, die Gemeindeversammlungen im Freien unter der alten Linde bei der Kirche abzuhalten. Am Sonntag, wenn Wichtiges verhandelt werden sollte, postierte sich der Bannwart jedes Mal an die Kirchtür und entbot dem herauskommen den Bürger mit den Worten: „Ihr Mannen, ’s ist G’meind, Ihr sollet warten unter der Linden!“

Als einige Neurer später darauf drangen, die Versammlung, wie bereits anderwärts, im neuen Schulhause abzuhalten, stand sich der Vogt, der bei dieser Gelegenheit in eigensinnigen Widerspruch und Wortwechsel gerathen war, bewogen, das Vogtamt abzugeben, und vom Gemeindewesen gänzlich sich zurückzuziehen.

Um diese Zeit waren namentlich Zwei, der Sohn des Krämermichels und der Sternenwirtssohn: die waren nach anderthalb jähriger Abwesenheit wieder in’s Dorf zurückgekommen, trugen städtische Kleider und konnten etwas französisch. Diese „Modebuben“, wie sie von den Bauern genannt werden, fanden natürlich das Heimatleben gar nicht mehr nach ihrem Sinn. Anfangs taten sie, als ob sie gleich wieder umkehren wollten; der eine wollte sich in Straßburg oder Lyon, der andere in Bern oder Lausanne ein Geschäft gründen. Nur ihren Eltern zu gefallen, entschlossen sie sich endlich zu bleiben. So sagten sie wenigstens. Für diese Aufopferung aber machten sie sich durch stehende Redensarten bezahlt. „In Frankreich ist es so und so“ pflegte der Eine, der ein halbes Jahr im Elsass gewesen war, bei jeder Gelegenheit zu sagen. Der Andere hatte die Parole umgekehrt: „So ist’s in der welschen Schweiz nicht“, warf er hin, so oft ihm etwas mißfiel.

Leider aber stieß er erste, der Franzos‘, auf etwas, das er in Frankreich nicht so gefunden zu haben schien; denn er begann auf einmal der Mariann‘ auf’s Angelegentlichste den Hof zu machen. Als Konrad das gewahrte, so litt es ihn nicht mehr im Dorfe.

Sein Bruder hatte ihm schon früher den Antrag gemacht, zu ihm auf dem Maierhof zu kommen, um den Dienst eines Oberknechts bei ihm zu versehen. Ein Antrag, der unserem Konrad eben recht kam.

Am „Bündelstage“ nach Weihnachten, wo das Gesinde wechselt, schnürte auch er sein Bündel. Sein wortkarger Vetter machte ihm den Abschied nicht sonderlich sauer. Seine Kleider hatte er einem Krämer aufgeladen, und eines Morgens, von dem ich nicht weiß, ob er schön war, verließ er das Dorf mit seinem Bündeleien, das er in ein rotes Taschentuch eingewickelt trug. Es war ein eigener Zufall, dass das Mariannele just unter der Hausthür stehen mußte, als er vorüberkam. Sie wünschte ihm Glück auf den Weg und sah ihm eifrig nach. Seines Vetters großer Hofhund aber begleitet ihn noch eine Strecke vor das Dorf hinaus; dann trollte er sich wieder heim.

Auf der Höhe blieb Konrad stehen und sah sich um. Einen Schritt und noch einen, da war sein Dorf hinter dem Walde verschwunden. Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn.

Der Pachthof, zu dem wir den jungen Landwirt begleiten, liegt auf einem stillen, waldbegrenzten Tal hinter dem Städtlein Bräunlingen, auf der Grenze zwischen der Baar und dem Schwarzwald. Auf kahler Anhöhe schauen die Überreste einer Burg. Das Wiesengelände, in dessen Mitte der Maierhof, ein weitläufiges steinernes Gebäude mit zackigen Giebeln sich erhebt.

Wenn es wahr ist, dass Tätigkeit und Unmuße am Besten geeignet sind, von Fällen von selbstquälerischen Sinnen und Grillenfangen abzulenken, so hätte es hier unzweifelhaft unserem Konrad gelingen müssen, seine Gedanken loszuwerden. Denn da galt es tüchtig Hand anzulegen von morgens früh bis abends spät. So sehr der Oberknecht und Gehilfe aber auch mit Arbeit überladen war, fand er dennoch Zeit genug, sich wachend und schlafend an die Heimat zurück zu träumen. –

Wenn die Schneestürme durch die winterliche Gegend wehten oder in kalten, hellstirnigen Nächten das Eis im nahe Teiche krachte, und Abends das Gesinde um den warmen Ofen sich gelagert hatte, führten ihn seine Gedanken nach Hause. – Jetzt, dachte er, werden sie beim Pfleger um den runden Tisch sitzen, und die Weiber spinnen, dass der Ofen zittert, und die Männer liegen auf der Ofenbank. Jetzt wird der alte Kasper hereinkommen, er reibt die Hände, klagt über die Grindskälte und setzt sich in den Herrgottswinkel, wo er zu erzählen anhebt.

Von den „alten Zeiten“ kommt er auf sein Lieblingsthema, die Geister, um so lieber, wenn der Wind gerade recht schauerlich um Kamin und um die Dächer rumort und die „Nachtfrau“, wie er sagt, um die Häuser schleicht. – So hörte ihn Konrad alle die alten Geschichten wieder vorbringen: vom „Berchenappele“ und anderen gespenstischen Weiblein, die in den Wäldern zwischen Hüfingen und seinem Heimatorte ihr so neckisches Wesen treiben sollen. – „Der Krieg“, schloss der Alte gewöhnlich, „hat die Geister alle vertrieben, d’rum hört man auch so wenig mehr davon“.

Solche und ähnliche Szenen malte sich in ungestörten Augenblicken der Träumer gerne aus. Aber der Besuch in der Stube seines Pflegers war gleichsam nur Vorwand, denn von da begaben sich seine Gedanken alsbald um ein Haus weiter zu kehrten in das Vogtes Heimwesen ein, obgleich sie daselbst eigentlich ein kein Hausrecht hatten. – Doch wir dürfen uns nicht zu lange aufhalten, wenn wir heute noch, da er sich leiblich der Heimat nähert, gleichen Schritt mit ihm halten wolle, denn seht, er ist auf einmal bedeutend in der Marsch geraten, und wenn ihm das „Appele“ unterwegs keinen Streich spielt, so kann er noch zeitig genug kommen, um den alten Kaspar von ihm erzählen zu hören.

An einem hellen Februartag ging Konrad, vor der Sonntagskirche, auf einen der nächsten Berge, die „Windstelle“ genannt, und erstieg hier die höchste Tanne, um nur wieder einmal den Kirchturm seines Dorfes zu erblicken. Er hatte eine weite, weite Aussicht da oben, über all die dunklen Tannenwälder hinaus, in die Baar, bis an den blauen Osterberg und den hohen Randen. Da saß er denn, während ringsum die vielen Morgenglocken zusammen klangen, und sah und suchte; aber er konnte den wohlbekannten Turm nicht finden. Da, sagte er, indem er mit der Hand gegen den Fürstenberg wies, da muss er liegen. Eine ganze Stunde saß er auf dem Baum, bis sich die Ferne in bläulich weißen Duft gehüllt hatte; dann stieg er ein wenig mißmutig herunter doch war es dabei wunderlich zu Sinne, just als schon der Frühling anbrechen wollte.

Als er auf dem Hofe zurückkam, grüßte ihn ein Landsmann und richtete ihm aus, dass seine Base, die Riederbäuerin, gestorben sei. Der gute Vetter dauerte ihn herzlich, denn er wusste wohl, dass ihm seine Frau trotz ihres unfreundlichen Wesens unentbehrliche geworden war. Die Ehe hatte unter manchen wunderbaren Geheimnissen auch das, dass sie selbst widersprechende Charaktere mit einem unauflöslichen Bande umschlingt, und es gibt Beispiele, dass zwei Leute selbst durch Zanken und Keifen, das einzige Produkt ihres Ehevereins, so aneinander gewöhnt und gefesselt waren, dass der überlebende Teil bald seinen losgelassenen Widerpart nachwelken musste.

Am Donnerstag, sagte, der Bote, sei das erste „Opfer“. Dann überbrachte er dem Konrad noch verschiedene Grüße, darunter aber auch einen ganz besonderen vom – Mariannele.

Letzterer traf ihn wie ein Blitzstrahl. Und es schien kein kalter Streich gewesen zu sein; denn am folgenden Morgen ging Konrad mit entschlossenen Schritten im Hause umher, wie wenn ihm der schwarzwäldische Unternehmergeist in den Kopf gestiegen wäre. Ich wag’s! , sagte er endlich und ging auf seine Kammer. Was er aber wagen wollte, sagte er nicht. Nur war er den übrigen Teil des Tages das Gegenteil von dem, was er Morgen gewesen. Es schien ihn etwas zu gereuen, was er nicht wieder rückgängig machen konnte; er schlicht betreten umher und fast schüchtern, so dass der alte Veitle, der Karrenknecht, vermutete, es sei ihm der Geist begegnet, der in dem Hofe zu weilen sich hören lasse, wenn er mit seinem Viergespann rassend durch das Haus fahre. – So viel ist übrigens gewiss, dass der junge Mensch so zerstreut war, dass er den Pferden den Wasserkübel statt des Heu’s in die Krippe schüttete.

Was hatte er denn gewagt? Es gab Jemanden, dem dies nicht lange ein Geheimnis bleiben sollte. Denn wie das Mariannele den nächsten Abend aus der Vesper kommt, steht ein Schneidergeselle, der früher im Ort gearbeitet hatte, ihr auf dem Weg, richtet er viele hundert Grüße aus vom Konrad, – der sei nämlich bei ihm gewesen auf dem Waldhauserhof – und praktizierte ihr dabei ein Brieflein in die Hand.

Sie wurde blass und rot vor Schrecken und hätte beinahe das schwarz im Goldschnitt eingebundene Gebetsbuch und den Rosenkranz mit den blanken silbernen „Gottesregeln“ (Pathengulden) aus der Hand fallen lassen. Nichts desto weniger flog sie, nachdem sie den Schneider mit halber Stimme gedankt hatte, auf ihr Kämmerlein, wo sie das stark verklebte Brieflein öffnete und unter Herzklopfen las. Von diesem aber liegt das Original bei den Alten und lautet folgendermaßen:


Das Jokobifest war in Hüfingen sehr wichtig und wird auch schon im Hieronymus behandelt.

In Hüfingen ist schon seit dem Mittelalter ein Abzweig zum Jakobusweg. In früheren Zeiten gab es in Hüfingen viele Pilger. Ein Pilger auf dem Weg war deshalb ein Jakobsbruder. Deshalb bemerkt der Hafnermeister (Ofenbauer) mit dem Sappeursbart (sapeur=Steinhauer):

„Es wird einen merkwürdigen Zulauf von Fremden geben“.

Eine etwa 300 Jahre alte Fahne der Jakobuspilgerbruderschaft erinnert noch heute an diese Pilgerwanderungen. Die Jakobusfahne wird an Fronleichnam bei Prozessionen mitgeführt und wurde vom FF Hofmaler Franz Joseph Weiß (*15.02.1735 Hüfingen – 14.06.1790 Donaueschingen) gefertigt (siehe im Hieronymus Kapitel 17). Ebenfalls erinnert der Jakobusbrunnen vor dem Hüfinger Stadtmuseum und der Jakobusaltar in der Hüfinger Stadtkirche St. Verena und Gallus an die Jakobusverehrung.

Im Jahre 1824 fiel der Samstag auf den 24. Juli, also war das Jakobifest auf das sich Hüfingen vorbereitet am Sonntag den 25. Juli 1824.

Lucian Reich beschreibt hier genau die Vorbereitungen in Hüfingen auf das Fest, an dem er selber 7 Jahre alt gewesen ist.

Schützenhaus

Das Schützenhaus stand bis 1839 auf dem Anger beim Farrenstall und die Breg wird in jener Gegend noch immer Schützenbach genannt. 1848 wurde dann im “unteren Angel” ein neues Schützenhaus errichtet. Nach der Schützenordnung des Fürsten Karl Friedrich vom 8. Juni 1744 wurde das “Ordinarii- Wochen- und Gesellenschießen” mit “Bürstenbüchsen” zur Pflicht gemacht. (1)

Das Schießen begann nach dieser Ordnung alljährlich am Sonntag nach Georgi (23. April).

Der Schützenmeister Franz Xaver Reich (der Bruder von Lucian Reich) schrieb am 2. April 1859, dass der Fürst zu Fürstenberg der Gesellschaft das Abbruchmaterial des Kegelhauses im Schloßgarten zum Bau eines neuen Schützenhauses als Geschenk überlassen habe. (1)

Das Fürstenbergische Kontigent Schwäbischen Kreises (1)

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Mit dem „Bündelstag“ ist sicher Mariä Lichtmess gemeint.
Dies war einer der wichtigsten Tage im Bauernjahr, da am 2. Februar Knechten und Mägden in der Landwirtschaft erlaubt war, ihren Dienstherrn zu wechseln.

Der Hüfinger Kirchturm hatte es damals den Menschen wohl sehr angetan. Hierzu fällt mir der Ferienbummler von Josef Schelble aus dem Jahre 1899 ein. Hier kann man auch dem Mühlenbach und dem damaligen Stadtmüller begegnen:

Nach der lieben Vaterstadt
Die den grünen Kirchturm hat

Der Maierhof und die Schafweide Waldhausen gehörte damals dem Kloster Bebenhausen, einer Zisterzienserabtei, wobei Lucian Reich schrieb „fürstlicher Maierhof zu Waldhausen“. Waldhausen gehörte tatsächlich den Fürsten zu Fürstenberg und war bis zur Eingemeindung nach Bräunlingen selbstständig.

Über das Leben der „Roßbuben“ und auch die „Stilllieger“ hat Lucian Reich auch schon im Hieronymus berichtet. Auch die Roßbubenverfassung macht er hier wieder zum Thema.
Am Ende des Kapitels wird der Pfingstritt der Knechte und Roßbuben beschrieben, an dessen Ende der Pfingsthagen in den Brunnen geworfen wurde.

Die „Riedbauern“ lebten vermutlich Richtung Rieböhringen bei Hausen vor Wald, da er ein bis zwei Stunden von Hüfingen unterwegs war, den Fürstenberg sehen konnte und der Vogt gerne im Adler einkehrt.

Melodien der Baar – Kirchenglocken Hüfingen, Behla, Hausen, Fürstenberg, Mundelfingen und Sumpfohren

(1) Aus den Schriften der Baar 17 (1928), Georg Tumbült: Das Fürstenbergische Kontigent Schwäbischen Kreises.

Wanderblühten – Das Buch

Wanderblühten- Der arme Konrad – Prolog


„Keine Kohle, kein Feuer
Kann brennen also heiß,
Wie stille heimliche Liebe,
Die Niemand nicht weiß“
Volkslied

„Hoffnung hintergehet zwar,
Aber was wandelmüthig;
Hoffnung zeigt sich immerdar
Treu gesinnten Herzen gütig!“
v. Logau

Was habt ihr da gemacht, Meister Lucian? – Das ist ja ein allerliebste Bildchen! Läßt sich der Freund und Gevatter vernehmen. – Da habt Ihr einmal recht mit dem Griffel ausgedrückt, was in der deutschen Schriftsprache keinen Namen hat und was nur die Schwaben zu erkennen geben können, wenn sie sagen: da sieht’s heimelig aus! Ja, eine ganze Heimat, wo gut wohnen ist, habt Ihr hineingetragen, und es wird nicht weit gefehlt sein, wenn ich denke, es sei Eure eigene, Die Baar, die an den Schwarzwald stößt.-

Wie still und traulich ist es in dieser Haushaltung! Geht ein Friedenszauber von dem schwarz eingebundenen Buche aus, in welchen die Seele der jungen Mutter atmet? Er schwebt hinüber auf das Kind, das einen kräftigen Schlaf der Gesundheit in der mit dem heiligen Zeichen gesegneten Wiege schläft. Er verbreitert sich durch das ganze Gemach mit dem wohlgeordneten reinlichen Geräte, und hat sich auch des behaglichen Haustiers bemächtigt, das vielleicht vorher noch mit dem Kinde gespielt und dann sein Schüffelein rein gemacht hatte. Nur leise wagt der Pendel an der Uhr zu gehen; durch das offene Fenster hauchte frische Gottesluft herein und schmeichelt dem dort stehenden Blumenstock so viel ab, als nötig ist, um die trauliche Stube mit Wohlgeruch zu erfüllen. – Wißt ihr? es gibt ein Bild, das die Jungfrau mit dem Kinde, in dem Propheten lesend, darstellt; es ist bekannt unter dem Namen: Mater nati fata requirens. Nun, sieht das hier nicht aus wie eine Mutter, die in den Geschicken des Kindes forscht? Wollen wir ein bisschen nachhelfen und dem kleinen, runden, dicken, süßträumenden Menschen ein Lebensläufchen zurechtmachen? Aber nicht aus den „swarzen Buochen“ wie Gottfried von Straßburg sagt! Nein, wir wollen’s frischweg aus dem Leben nehmen. Kommt, Meister Lucian, Ihr müßt ein wenig dazu behilflich sein.

Das kann schon werden, sagte er, indem er das Pfeifchen aus dem Munde nimmt, den Schnurrbart streicht und behaglich der blauen Wolke nachschaut, die sich so eben an seiner kleinen gypfernen Venus emporkräuselt.

Wohlan denn, frisch an’s Werk! In der Wiege haben wir ihn einmal, jetzt handelt es sich darum, ihn weiter zu fördern.

Nun, für die nächsten paar Jahre ist das gleich geschehen. „Wachse ’n und trüeihe“, wie Hebel singt: Damit ist alles gesagt, und gilt auch für alle gleich, ob einer mit den Insignien eines Dragonerobersten unter seidener Decke, oder mit dem weißleinen Häublein in der Wiege von Schwarzwälder Tannenholz gebettet ist. „Wachset und trüeihet!“ Es wird hernach schon Rechnung gehalten werden, ob es mit dem Gedeihen des Leibes und der Seele ernst gewesen ist.

Richtig. Also wollen wir ihn derweil den Schutzengeln überlassen, nach welchen seiner Mutter so eifrig in dem Buche schaut, und wollen ihn erst wieder heimsuchen, nachdem er seine erste Selbstständigkeit erlangt hat.

Da hält er sich an der Mutter ihrem Rock und steigt mit ihr in den Stube herum, tummelt sich mit seinen Geschwistern, und spitzt die Ohren, wenn die Mutter am Samstag Abend erzählt, was sie morgen kochen wolle; und wenn sie gar den längst versprochenen Schinken aus dem rußigen Kaminschlosse herunterlangt, dann hängen sich alle lachend und schreiend um sie her. Wenn sie „Knöpfle“ einlegt, dann muss er ihr aus dem Gärtlein hinter dem Hause „Peterle“ und Schnittlauch holen. Am Sonntag nach dem Essen, falls das Wetter schön ist, geht der Vater in den „Busch„Oesch“, um die Felder zu beschauen; die Mutter bleibt zu Hause sitzen und betet in dem Gesangbuch oder auch im alten „Himmelsschlüssel“. Da hört man dann gewöhnlich im Dorfe keinen Laut. Nur beim oberen Bierhaus ist’s lebendig; dort liegt die blanken Groschen und Sechser auf dem Boden im Sand, und der kleine Konrad sieht mit seinen Kameraden zu, wie sie von den Gewinnenden mit zufriedenem Schmunzeln aufgehoben werden.

Auf die Art wird der kleine Mensch schon frühzeitig in Dinge eingeweiht, wovon die Mutter wahrscheinlich nichts in dem fliederbeschlagenen Buche gelesen hat.

Meinhalb strolchen sie auch im Feld herum, schneiden Pfeifen im Rohr und musizieren. Aber an Regensonntage da stehen sie unter dem Vordach an des Vogts Haus, und schachern um Sackmesser, Wachholdergeißelstöcke oder um Zwick.

Zwick! das ist mir eine unbekannte Gegend.
So heißt man das vordere Ende einer Geißelschnur.
Jetzt weiß ich, wo ich d’ran bin. Das ist die Treibschnur;
die hat bei uns auch eine große Rolle gespielt.
O, geht mir mit der Treibschnur! Das ist bei den Stadtbuben ein jämmerliches einfaches Schnürlein. Aber der Zwick wird sehr kunstgerecht in einer Maschine gedreht, und knallt, dass einem das Herz im Leibe lacht. Das ist andere Arbeit.
Nun, was hilft’s. Die Freude wird auch nicht ewig währen.
Wenn Hölth sagt:

Bald sitzest du, nicht immer froh,
Im engen Kämmerlein,
Und lernst vom dicken Cicero,
Verschimmeltes Latein,

So ist das ein gemeinsames Leid, das auch in seiner Weise jeden heimsucht, ob er in dem leinenen Häublein, oder mit dem Kommandostab in der Wiege lag, ob er mit dem Zwick, oder ob er als Stadtbube mit der Treibschnur knallt. Wenn man auf der Schulbank sitzen muss, und die Sonne scheint so lustig draußen, dass es einem wie Quecksilber durch die Adern ringt. –

Ja, das ist halt freilich eine harte Nuss. Wir wollen froh sein, dass wir sie durchgeknackt haben. Übrigens fehlt es auch in diesem Stande nicht an Lustbarkeiten.

Ja, im Winter tut’s das Schneeballen vor und nach der Schule, im Sommer gibt’s Eckballen, Marbel, Ball und andere Ergötzungen, und in der Schule selbst führen wir die Armbrust in Taschenformat mit dem feinen Bogen aus Fischbein, und beschossen uns, während die verlassene Dido ihrem Aeneas nachseufzte, mit erbarmungslosen Papierkugeln.

Gott segne Eure Studia! spricht Lucian, und läßt eine lange, dünne Rauchsäule in die Höhe steigen. Zu solchem reisigen Zeug darf es mein Konrad nicht bringen; auch muss er in der Schule hübsch aufpassen, schon deshalb, weil sich‘ da nicht nur um Eure leichtfertigen Poeten handelt, sondern um löblichere Dinge. als da sind die Geschichten vom ägyptischen Joseph und vom König David und dergleichen mehr. Will er nebenher noch eine Ergötzlichkeit haben, so soll er auch dazu was Ordentliches lernen, zum Beispiel „Helgle“ und Agathenzettel malen. Dadurch macht er sich dann auch bei den Mädchen, seinen Schulkamerädinnen, beliebt.
Halt – kann er denn die Mädchen leiden?
Das nicht gerade. Vielmehr zupft und rupft er sie, scheucht und jagt sie herum, und wo er ihnen einen Possen spielen kann, da ist‘ s ihm ein „gemähtes Wiesle“. Aber dann und wann wird er doch ein wenig gnädig und beschenkt sie, sei es auch nur aus Eitelkeit, um seine Meisterwerke an sie abzusetzen.
An Lob und Schmeichelei und Bettelei lassen sie es ihrerseits nicht fehlen.

Noch einmal Halt – Ist keine ist keine darunter, die er, – wie soll ich mich ausdrücken? – so ganz besonders nicht leiden kann? Ihr wisst schon – es gibt Fälle, da hat man Beispiele.
Allemal ist so eine d’runter, das versteht sich.
Und wie heißt sie? Das müssen wir gleich in’s Reine bringen, denn der Name tut sehr viel zur Sache. Bei einem Konrad, meine ich immer, müsse es eine Anna sein, die er so sehr besonders leiden oder so eigentümlich besonders nicht leiden kann.
Wir wollen noch eine Marie hinzufügen, dann hat der Name den rechten landschaftlichen Klang.
Also, Marianne?
Des erreichen Vogts Marianneli. Die Jagt er immer am hitzigsten, die kneift der am ärgsten, wenn er sie erwischen kann.
Und doch hat sie ihm gewiss nie etwas zuleide getan.
Bewahre, sie könnte keine Fliege kränken. Er weiß auch gar nicht, warum er so einen absonderlichen Grimm auf sie hat. Ihr Vater ist freilich ein stolzer grober Melcher, aber dafür kann das kleine freundliche Mädel ja nichts, das immer so fleißig lernt und so gutherzig gegen alle Kameraden und Kammerädinnen ist.

Doch kann das im stillen mitwirken. Gebt Acht, der Bursche läßt sie’s entgelten, dass sie ein wenig vornehmer ist als er.
Freilich tut er das, und ich will gleich so ein Zeug anbringen. Da ist einmal große Kälte, es wird ein paar Tage keine Schule gehalten, und der Konrad benützte diese Zeit, um die zwei Tafeln, die in seiner Vaterstube hängen, zehn oder zwölfmal auf’s herrlichste abzumalen. Wie nun die Schule wieder angeht, legt er seinen Kram aus, eh‘ der Lehrer kommt. Den Buben verhandelt er die Bilder, den Mädchen schenkt er sie. Jede Kammerädin bekommt eins, nur nicht die Mariann‘, und doch hat der Bösewicht noch ein übriges Exemplar in der Hand. Das Marianneli, wie es solche sieht, sagt es mit seiner kleinen süßen Stimme: Aber Konrad, mir schenkst du doch auch eins?
Grad‘ dir schenk‘ ich keins, sagt er: Warum hat mich dein Vater vorige Woche durchgeprügelt, als wir in eurem Shopf Tabak rauchten?
Ich kann ja aber auch nichts dafür, sagt sie, und die Tränen fließen ihr in die Augen, dass sie allein leer ausgehen soll.
Kauf dir eins, sagt er. Ihr sind. Ihr seid ja reich genug. Und dabei freut’s ihn innerlich, zu sehen, wie ihr das zu Herzen geht. Nachher aber reut es ihn wieder sehr, wie wenn er einem Schmetterling die Flügel ausgerupft hätte, und während der Schule sieht er oft von seiner Bank in die ihrige hinüber, was sie mache.
Sie sieht ihn aber nicht an?
Nicht ein einziges Mal. Deshalb wartet er auch nach der Schule und unten an der Haustür auf sie, und sagt: da, Mariann, ich schenk es dir doch. – Sie aber schlägt ihm das Bildchen aus der Hand: Jetzt will ich es auch nicht mehr, sagt sie, ich kann mir ja eins kaufen. – Nachher aber ist sie aber gleich wieder gut.
Da muss er übrigens doch noch etwas extra tun, um sie für ein solch schweres Stück zu entschädigen.
Ja, nach feiner Art. Werden gleich sehen. Ein paar Tage darauf sind sie alle auf dem Platz vor der Zehntscheuer. Es wird hin und her geraten, was sie spielen sollen. Wir wollen Farben auszuteilen, sagt endlich der Konrad.

Das ist, schätze ich, wohl, „Engel und Teufel“?
Ja, es kommt auf eins heraus.

Die Kinder sitzen im Kreis, eines teilt die Farben oder Blumen aus, ein anderes stellt den Engel und ein drittes den Teufel vor. Ein Mädchen geht von einem Kind zum anderen und sagt ihm ins Ohr: du bist eine rote Rose, du eine weiße, du bist eine weiße Lilie, du eine braune Nelke und so weiter.
Den Buben aber gibt sie keine so schöne Namen; da heißt es: du bist ein Schlehenbusch, du eine Brennessel, du ein grüner Distel, und dergleichen Zartheiten mehr. Nun kommt der Engel mit der Kuhschelle: Klingkling. – Wer ist drauß‘? fragt die Austeilerin. – Der Engel mit dem Schein. – Herein. – Was hätt Er gern? – Eine Farb‘. – Was für eine? – Eine weiße Rose. – Die bekommt er auch richtig, und führt sie in den Himmel, wo nichts als Gesang und Freude ist. Darauf erscheint der Teufel –
Den macht unser Konrad?
Natürlich. Der hat sich Hörner von Pappdeckel verfertigt, einen Schwanz von Werg angebunden und das Gesicht mit Ruß geschwärzt. In der Hand trägt er einen Stecken, der stellt den Schürhaken vor. Bum, bum. – Wer ist drauß? – Der Teufel mit der Schürgabel. – Was hätt‘ er gern? – Nun bekommt auch der Teufel seinen Anteil und führt die armen Seelen in die Hölle, wo er sie unter Heulen und Zähnklappern entsetzlich peinigt. Er läßt seinen ganzen Grimm an ihnen aus, der diesmal groß ist, weil er trotz allen Ratens nicht auf die rechte Farbe kommen kann.

Die Sache ist nämlich die: er möchte gar zu gern die Mariann‘ in der Hölle haben, bringt aber ihren Blumenname nicht heraus. Endlich fällt es dem Engel ein, Rosmarin zu verlangen, und siehe da, der Teufel hat das Nachsehen, und muss es sich auch noch gefallen lassen, dass die Seele, und der vergebens schnappte, im Triumph an der Hölle vorbei in den Himmel geführt wird. Darüber wird er denn ganz erbost und wütend, kann es auch nicht unterlassen, mit der Schürgabel nach dem vorbei marschierenden Engel zu schlagen; da aber dieser gewandt ausweicht, so trifft der an sich nicht ernstlich gemeinte Schlag die Mariann‘ in’s Gesicht und verursacht ihr heftiges Nasenbluten.
Zarte Aufmerksamkeit!

Soll ihm auch wohl bekommen. Auf das Geschrei der jüngsten Kinder, die natürlich kein Blut sehen können, ohne einen Zetermordio zu erheben, streckt der Vogt seinen Kopf zum Fenster raus. Was gibts? – Der Konrad hat die Mariann‘ ins Gesicht geschlagen, dass sie blutet. – Habe ich dir nicht schon oft gesagt, du sollst nichts mit dem Rotzer haben?

Welche Demütigung für seine satanische Majestät!
Es kommt noch besser. Während er starr wie eine Salzsäure vom Vogt noch eine Zugabe von Ehrentiteln hinnimmt, faßt in eine Hand von hinten am Kragen und nimmt ihn mit dem Seilstumpen in Arbeit.

Ah, bitte, Meister Lucian, mit dem Seilstumpen!
Da beißt die Maus keinen Faden davon; denn es ist sein eigener Vater, der auf diese Weise vor dem gestrengen Vogt seine bürgerliche Freiheit wahrt. Alsdann führt er ihn am Arm nach Hause; an der Stiege, die in die Schlafkammer des Buben führt, zählt ihm noch etliche aus dem ff auf und stößt ihn nach der Treppe: So, jetzt pack dich ins Bett. – Wie ein Pfeil fährt der Teufel mit Schweif und Hörnern die Stiege hinan und läßt nichts mehr von sich hören. So, sagt der Vater zur erschrockenen Mutter, besser jetzt, als später!

Der Konrad aber kommt den ganzen folgenden Tag nicht herunter, was auch die Mutter sagen mag. Droben malt er die schönsten Blumen auf einen Bogen Papier, und wie er wieder in die Schule kommt, schenkt er sie dem Marianneli. Dem Vogt aber trägt er’s noch lange nach.

Wenn er das vorher wüßte, er würde die Wiege schwerlich verlassen wollen, in der hier so harmlos träumte. – Wenn ich so einen kleinen runden Kindskopf sehe, so pflegte ich immer zu denken: Du wirst mit der Zeit auch noch ein längeres Gesicht machen.

Und doch, wie klein sind die Unfälle, über die wir zurerst die Unterlippe hängen lassen! Wie bald sind jene Tränen vergessen, wie leicht ist die Speise des Lebens selbst da noch, wo wir sie zuerst als einen harten Bissen kennen lernen!

Ja, die Kinderjahre sind schön, und erscheinen schön und schöner, je weiter uns die Jahre von ihnen entfernen.

Das Leben kommt mir vor wie eine Stickerei. Die Gegenwart, die wir in ihrer ganzen, oft so unschönen Weitläufigkeit durchleben, ist die Kehrseite, wo die Fäden aufgetragen werden. Da läuft alles wirr und kraus durcheinander, ist wenig Sinn und Bedeutung zu finden. Wenn uns aber, wie Ihr sagt, die Jahre davon entfernen, so dreht sich allmählich vor unsren Auge das Stück, und die schöne Seite kommt zum Vorschein mit ihrer vollkommenen Gestalten, die wir in Unmuth und Unvollkommenheit gewoben haben. Da ist denn manches böse Fädelein verschwunden, das uns so dick wie ein Seilstumpen däuchte, und das uns keine Maus abbeißen zu können schien. Es ist eigentlich der Gegensatz des Lebens und der Kunst, die jenes nur wie durch fromme Erinnerung auf der Gestaltenseite schaut, denn jeder Mensch, der in die Vergangenheit und vornämlich auf seine Kinderjahre zurückblickt, wird unwillkürlich ein Künstler. – Aber nun webt mir für unseren Schützling einige freundliche Fäden ein.

Später, wenn’s schöner wird. Vorläufig tut es mir leid, dass ich nicht willfahren kann. Jetzt kommen erst die mißfarbigen, denn es nötigt mich etwas, einen dunklen Grund zu legen.

Ihr seid unerbittlich, wie das Schicksal. So thut denn, was Ihr nicht lassen könnt.

Einmal kann ich ihm die Speise der Jugend nicht sonderlich süß und schmackhaft machen, denn seine Eltern sind sehr arm. Wie? Da sagt Euer Bildchen die Wahrheit nicht.
Die hübsche Tracht der Frau weiß nichts von Armut, und das Zimmer sieht so blank gescheuert und wohlhabend aus.

Bei diesem Einwurf ist Lucian etwas betroffen geworden. Er zündet sein Pfeifchen wieder an, raucht einige nachdenkliche Züge und erwidert dann: Reinlichkeit ist zwar auch Reichtum, gilt aber doch nichts im Pfandbuch, und ein Sonntagskleid hat jedes ordentliche Mädchen schon von Haus aus. Wenn sogar etwas Silber am Mieder glänzt, so kann deswegen doch Schmalhans Küchenmeister sein. Und sagt selbst, ist es nicht besser für unseren Konrad, wenn er in Armut aufwächst?

Ja, das ist wahr, und zwar ohne alles weitere Raisonnement. Macht ihn also in Gottes Namen so arm wie eine Kirchenmaus.
Wird nicht viel fehlen. Der Vater arbeitet wacker auf dem Felde, und die Mutter läuft sich die Beine lahm, um Butter oder Eier in Hüfingen und Donaueschingen zu verkaufen; aber mit allem Fleiß und allen Entbehrungen kommen sie nicht aus den Schulden heraus. Das sind die grauen Fäden, und nun folgen die schwarzen. Es gibt Familien, die oft schnell und unerwartet durch eine Reihe von Todesfällen zerrissen werden. Der kleine Träumer, den wir auf seinem künftigen Lebensgange begleiten, wird nicht 13 Jahre alt, so verliert er Vater und Mutter hinter einander, und auch den ältesten Bruder dazu, der sein Beschützer sein sollte.

Warum denn auch den noch? Räumt doch nicht so grässlich auf! Wie und wo kommt der denn ums Leben?
Der? Als Soldat, im russischen Feldzuge.
Halt, halt, Meister Lucian, man muss den Teufel nicht an die Wand malen! Laßt uns vielmehr den Frieden festhalten, solange er mit Ehren geschehen kann. Oder – ja, nun merk‘ ich’s. – Ihr seid ein rückwärts gekehrter Prophet, und während ihr mir weiß macht, dass ihr mit dem Sehrohr in die Nebelflecken der Zukunft dringet, habt Ihr das andere Auge weit offen und schaut Euch bequemlich in der vergangenen Wirklichkeit um, wo man leider Beispiele genug für allzu frühe Todesfälle holen kann.

Wie soll ich’s anders machen? Die Geschichte, heißt es, ist die Lehrerin der Völker. Soll ich euch erzählen, wie es dem Kinde da gehen wird, so läßt sich das am besten aus Dem abnehmen, was-

Was etwa einem Vater geschehen ist?
Nun, ich will nur so viel sagen, dass ich die Geschichte des Vaters mit mehr Sicherheit angeben kann, als die des Sohnes und dass ich dabei besser zu fahren hoffe, als Ihr, wenn Ihr das Nebelsehrohr von des zugedrückten Auge setzt und Träume aus dem Ärmel schüttelt; den ich kann die Geschichte gerade so erzählen, wie sie vorgefallen ist. Und zwar will ich das so kunstgerecht machen, als Ihr nur immer verlangen mögt.

Ei, das ist ja um so viel besser. Da wollen wir also den Apfel in der Wiege liegen lassen und die Geschichte des Stammes vornehmen. Je treuer je besser, und je kunstgerechter je schöner. Wohlan denn, sagt Euer Sprüchlein und teilt es mit, ich verspreche, Euch hinfüro so wenig als möglich zu unterbrechen.

Darauf legt der Freund Lucian die bereits wieder ausgegangene Pfeife weg, streicht sich den Schnurrbart im Bewusstsein eines wichtigen Unternehmens, und hebt seine Geschichte an, wie folgt.

Lucian Reich erzählt hier zuerst eine Unterhaltung mit „einem schriftgeübten Freund und Sohn der Musen“ und nennt sich hierbei selbst „Meister Lucian“.

Mater nati fata requirens – die Mutter des Sohnes sucht das Schicksal

„Wachse ‚ n und trüeihe“
bzw. „Wachset und trüeihet!“

Johann Peter Hebel

Zwick, so heißt das vordere Ende einer Geißelschnur oder Treibschnur. Das Wort Peitsche wurde damals wohl nicht in diesem Zusammenhang benutzt.

O, geht mir mit der Treibschnur! Das ist bei den Stadtbuben ein jämmerliches einfaches Schnürlein. Aber der Zwick wird sehr kunstgerecht in einer Maschine gedreht, und knallt, daß einem das Herz im Leibe lacht.

Rottweiler Schlinge mit Zwick

Bald schwitzest du, nicht immer froh,
Im engen Kämmerlein,
Und lernst vom dicken Cicero‘,
Verschimmeltes Latein,

Darauf legt Freund Lucian die bereits wieder ausgegangene Pfeife weg, streicht sich den Schnurrbart im Bewußtsein eines wichtigen Unternehmens, und hebt seine Geschicht an, wie folgt.

Rostbraune Mauerbiene

Liebe Bürgerpostleser,

Sie erinnern sich sicher noch an meinen Bericht über Mauerbienen unten. Sie sind die ersten Wildbienen, die man im zeitigen Frühjahr zu sehen bekommt.
Ein erstaunliches Detail möchte ich noch nachschieben: Weibliche Mauerbienen können das Geschlecht ihres Nachwuchses selbst bestimmen. Denn befruchtete Eier werden Weibchen, unbefruchtete Eier Männchen. Ganz einfach. Das ist praktisch für die Reihenfolge beim Schlüpfen. In die Niströhrchen legen die weiblichen Mauerbienen vorne immer unbefruchtete Eier, weil die Männchen früher schlüpfen und so dann der Weg frei ist für die Weibchen. Die krabbeln dann einige Tage nach den Männchen aus ihrem Kokon. Ein absoluter Hammer, was die Natur da eingerichtet hat. Die Männchen warten sehnsüchtig auf die Weibchen, um sich mit Ihnen zu paaren. Erinnern Sie sich noch an das tolles Foto einer solchen Paarung das mir Edmund Zeiser aus Zimmern unter der Burg 2024 überlassen hat? Man wundert sich nicht, dass man früher das kleine Männchen mit weißem Schnauz und längeren Fühlern und das Weibchen für zwei Arten gehalten hat.

Dieses Jahr schoss Frau Kornelia Eiermann aus Tennenbronn vor kurzem das Bild oben und stellte es mir dankenswerter Weise zur Verfügung. Es entstand auf unserer Terrasse auf meinem Finger. Sehen Sie den Unterschied zum Bild ganz oben? Sicherlich doch, denn hier sitzen zwei Männchen aufeinander. Ob das bevölkerungspolitisch von Erfolg gekrönt sein wird? Mit absoluter Sicherheit nicht. Edmund Zeiser meinte, dass die Männchen so heiß seien, dass sie es nicht erwarten könnten, bis die Weibchen aus der Röhre kämen und sich deswegen auf Kollegen stürzen. Man könnte aber auch auf ein gleichgeschlechtliches Sexualverhalten tippen. Sei es, wie es sei, jedenfalls eine interessante Beobachtung. Oder, was meinen Sie?

Im übrigen, so sehen im Moment die vier geviertelten Öffnungen der Halterungen unseres Terrassentisches aus. Manche Röhren sind schon geöffnet, manche noch verschloßen, es bleibt auf jeden Fall spannend, was sich weiterhin tun wird.


Rostbraune Mauerbiene Teil I

13. Juni 2023

Liebe Bürgerpostleser, 

wissen Sie noch aus früheren Berichten, wie viele Wildbienenarten es in Deutschland gibt?
Etwa 570 Stück, es ist unvorstellbar. Allen gemeinsam ist zum einen, dass sie zwar einen Stachel haben, aber defakto nicht damit stechen. Da werden sich viele von ihnen darüber freuen, hab ich recht?

Das andere gemeinsame ist, dass die meisten einzeln sprich solitär leben, nur Honigbienen, Wespen, Hummeln und Hornissen bilden Staaten. Zur Paarung müssen Männlein und Weiblein natürlich zusamenfinden, denn die Vermehrung erfolgt geschlechtlich. Edmund Zeiser aus Zimmern unter der Burg ist ein tolles Foto einer solche Paarung gelungen, herzlichen Dank für die Bildüberlassung. Schauen Sie sich das Bild in Ruhe an. Können Sie nachvollziehen, dass man diese beiden Tieren zwei Arten zuordnete? Das Männchen, obenauf, ist kleiner mit weißem Schnauz und längeren Fühlern als das Weibchen, ist das nicht ein Hammer? Es ist die rostbraune Mauerbiene. 

Also, die Paarung war in Zimmern unter der Burg und das weitere passierte in Hausen vor Wald in der Terassentischhalterung und in der Öffnung zweier Stühle.

Zehn Jahre ist nichts passiert, aber jetzt ist die Post abgegangen. In den Kammern unternimmt das Weibchen alles, damit die Nachkommenschaft überleben kann: Jedes Ei erhält einen mit Nektar getränkten Pollenvorrat und die Zelle wird dann zuzementiert. Die Wände der Brutzellen bestehen aus lehmiger Erde und sind in etwa 1 bis 3 mm dick. Der Verschlussdeckel der Brutröhre ist durchschnittlich 5 mm stark.

Durch den Verzehr des eiweißreichen Pollens wachsen die Larven mit atemberaubender Geschwindigkeit heran. Schon in der ersten Woche häuten Sie sich dreimal, im Alter von 7-10 Tagen beginnt die Kotabgabe. Nach 3-4 Wochen ist der Pollenvorrat komplett verputzt. Wirklich atemberaubend. Aber es geht noch weiter: Denn danach überzieht die Larve den ausgeschiedenen Kot und die Zellwände mit Spinnengewebe. Sie spinnt ihren 9-19 mm langen tönnchenförmigen rotbraunen Kokon mit einer weißfilzigen Spitze. Logischerweise unterscheiden sich die Kokons von Weibchen und Männchen deutlich in ihrer Größe. Nach einer zweiwöchigen Ruhephase im Inneren des Kokons verpuppt sich die Larve. Im August ist die Entwicklung abgeschlossen, die voll entwickelten Bienen liegen nun in ihren Kokon und drehen bis zum nächsten März des nächsten Jahres Däumchen. Hammerhart kann man da nur sagen, ich glaube, Ihnen fehlen auch die Worte. Nie hätte ich gedacht, dass sie als Puppen überwintern. Da muss ich mir noch Gedanken zur Einlagerung der Terrassenmöbel über den Winter machen.

Die Bilder oben zeigen einen Verschlussdeckel im Terrassenstuhl, ich vermute auch von der Rostroten Mauerbiene, weil der Verschluss genauso aussieht. Dagegen fand ich eine andere Wildbiene an einer weiteren Stuhlöffnung, die deutlich kleiner ist als die Mauerbiene.

Und schauen Sie sich den Verschlussdeckel auf dem Bild oben an, eindeutig anders und damit einer eigenen Art gehörend. Ich komme aus dem Stauen nicht mehr heraus, gell, Sie merken das.

Edmund Zeiser zeigte mir ein kleines Schneckenhaus, das eine Wildbiene zur Wohnung nahm und die ähnlich aussieht wie der Verschlussdeckel auf Bild oben. Das dient vermutlich zur Tarnung. 

Herzliche Grüße
Franz Maus

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