Hier der Film von Ernst Kramer bei der Schafschur in Hüfingen aus den 1930ern:
Quelle: Historisches Filmmaterial aus dem Nachlass von Ernst Kramer. Die Veröffentlichung dient ausschließlich der Dokumentation der Hüfinger Ortsgeschichte. Sollten Rechteinhaber Einwände haben, bitten wir um eine kurze Mitteilung.
Die hier zusammengestellten Briefe von Lucian Reich stammen aus den Jahren 1853 bis 1880. Die frühen Briefe richten sich an seine Eltern Luzian Reich senior und Maria Josefa Schelble die späteren an seinen Schwager Johann Nepomuk Heinemann, den Ehemann seiner verstorbenen Schwester „Lisette“ Reich.
Die Briefe geben einen unmittelbaren Einblick in Lucian Reichs familiäres und berufliches Leben. Neben persönlichen Nachrichten berichten sie von seinen literarischen und künstlerischen Arbeiten, vom Erscheinen des Hieronymus, von seiner Beschäftigung mit der Mainau und dem badischen Bodensee sowie von den Arbeiten seines Bruders Franz Xaver Reich. Besonders deutlich wird dabei auch Lucians Rolle als Vermittler und Ratgeber in den künstlerischen Angelegenheiten seines Bruders. Die Briefe enthalten zudem Hinweise auf Kontakte zum badischen Hof und auf Personen aus Lucians beruflichem und künstlerischem Umfeld, die in anderen Quellen nur am Rande erscheinen.
Die Briefe aus den Jahren 1853 bis 1866 stammen aus der Zeit, in der Lucians Eltern noch lebten. Mit dem Tod seiner Mutter Maria Josefa im November 1866 und seines Vaters Luzian Reich senior im Dezember desselben Jahres endet dieser Teil der Korrespondenz.
Die beiden erhaltenen Briefe von 1880 richten sich an Lucians Schwager Johann Nepomuk Heinemann. Sie entstanden kurz nach dem Tod von Lucians Ehefrau Margarete und nehmen zugleich Bezug auf den Tod von Elisabeth („Lisette“) Heinemann. Besonders eindringlich ist Lucians Schilderung der beiden Familien und ihrer einzigen Töchter Anna Reich und Marie Heinemann.
Die Briefe ergänzen Lucian Reichs späteres Denkbuch um unmittelbare Zeugnisse aus seinem Leben und lassen zugleich erkennen, wie eng literarische Arbeit, Kunst, Familie und die Beziehungen innerhalb des Hüfinger Künstlerkreises miteinander verbunden waren.
Lucian Reich aus Karlsruhe, 25. März 1853
Liebe Eltern! Vor lauter Geschäften bin ich nicht dazu gekommen der lieben Mutter zum Namensfeste zu gratulieren, es soll deshalb noch nachträglich geschehen. Der lieben 12egiebenfalls, ich habe ihr als Namenstagsgruß ein Exemplar Hieronymus hübsch einbinden lassen und werde es nächstens an sie abgehen lassen. Unsere hiesigen Subscribenten sind mit dem Werke alle sehr zufrieden, man hört nur Günstiges darüber. Die Besprechung von Dr. J. Bader darüber in der Carlsruher Zeitung lege ich hier bei, sie ist besser als die Fiklerische in den Landblättern. Beim Fürsten bin ich sehr gut aufgenommen worden. – Es wird gut sein wenn Heinemann vielleicht nur von hundert zu hundert druckt daß wir recht bald wieder in Bezug vom Exemplar kommen. Der Zettel mit den Druckfehlern ist allerdings eine von Vogel unnötigen Sparsamkeiten,
übrigens unbedeutend, der Buchbinder muß eben das Blatt auf ein Papier aufziehen. Bei den nächsten Versendungen muß es auf ein ganzes Blatt gedruckt werden. Stotz hat in Neustadt Abonnenten: Marie Hoffmayer, lieferungsweise. Hübsch wartet sehnlichst auf den Giebel. Xaver wird einige Zeit hier verweilen müssen. Es wäre mir lieb wenn Heinemann vorerst keine der Bilder frisch zeichnen würde, um den Druck nicht aufzuhalten. Auch muß ich gestehen daß mir der Büchsenmacher welcher Kugel gießt, nicht unwerth ist.
Die Bilder finden überhaupt bei jedermann den entschiedensten Anklang. Die Art der Ausführung zieht jedermann unwillkürlich an. In Frankfurt hat sich eine Buchhandlung zur Sammlung der Sache erboten. Überhaupt scheint mir daß die ganze Sache recht gut im Gang ist. Indem ich Euch Alle tausend mal grüße Euer Lucian Carlsruhe, den 25. Mrz. 53 Xaver möge nicht vergessen die Büsten vom Fürsten und der Fürstin mit hierher zu bringen.
12egi ist wohl ein Spitzname einer anderen Josefa – vielleicht seiner Schwägerin der Frau von Xaver
Lucian Reich hat später auch viel für Johann Bader geschrieben – so in der Badenia Die Geschichte der Stadt Hüfingen im Jahr 1862. Unten die Rezension Baders in der Karlsruher Zeitung vom 23. März 1853 (No. 70) aus der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe:
Mit dem Giebel auf den Hübsch wartet ist der Giebel der Trinkhalle in Baden-Baden gemeint. Diesen hat Xaver Reich gemacht:
Trinkhalle in Baden-Baden mit Giebelrelief von Xaver Reich
Lucian Reich aus Rastatt, 1. August 1856
Liebe Eltern! Das Schuljahr neigt sich dem Ende zu, und ich freue mich wieder einige Wochen bei Euch sein zu können. Bevor ich nach Hüfingen komme, werde ich jedoch, des früher besprochenen Projekts wegen, an den See, in die in die Umgegend der Arenbergerreisen. Läßt sich etwas damit machen, so kann der Aufenthalt wohl 14 Tag bis 3 Wochen dauern. Ist der Stoff nicht ergiebig, so werde ich einen Ausflug nach Zürich machen und dann direkt nach Hüfingen kommen. Unsere Prüfungen am Lyceum beginnen dieses Jahr schon mit dem 13. und ich hoffe davon
dispensiert zu werden, weil ich doch nichts dabei zu thun habe.
Ich hoffe Euch Alle gesund und wohl anzutreffen; daß dir lieber Vater die Brüder in Dürrheim so gute Dienste geleistet, hat mir Heinemann geschrieben. Von Kreidel habe ich dieser Tage Nachricht bekommen, daß das Mainau-Werklein dem Regent vorgelegt worden sei. Kreidel ertheilt der Arbeit sehr große Lobsprüche und glaubt daß sie der Regent gewiß gebührend würdigen werde. Die vorige Woche traf auch ein Schreiben von Paris ein, worin gesagt wird, daß der Uhrenmarkt angekommen sei. So wie man hört, will das
neuvermählte Paar etwa am 28. Sept. die Rundreise durchs Land antreten und auf der Mainau eine kleine Rast einlegen.
Indem ich Euch und Alle herzlich grüße Euer dankbarer Sohn Lucian Rastatt 1. Aug. 56 Die Ernte fällt hier sehr gut aus. Die Früchte sind von außerordentlicher Qualität und auch die Kartoffeln versprechen das Beste.
Arenenberg ist der Name eines Schlosses am Untersee. Das Projekt von Lucian Reich war die Geschichte des Schlosses Arenenberg und insbesondere der damit verbundenen Napoleon-Erinnerungen (Schriften der Baar 1972). Das Projekt entstand wohl im Nachgang vom Buch Die Insel Mainau und der Badische Bodensee im Auftrag seiner Königlichen Hoheit des Regenten Friedrich von Baden. Es kam allerdings nicht zustande. Vermutlich ließ sich „nichts daraus machen“ und Lucian Reich hat einen Ausflug nach Zürich gemacht.
Luzian Reich senior stammt vom Hänslihof in Bad Dürrheim: Denkbuch.
Adolph Kreidel (1817–1885), badischer Hofbeamter, war seit 1849 Privatsekretär des Prinzen Friedrich von Baden und ab 1854 Hofsekretär mit dem Charakter eines Geheimen Sekretärs. Im Zusammenhang mit der Entstehung des Mainau-Werkleins vermittelte er Lucian Reich historisches Material aus dem Generallandesarchiv und stand mit ihm in mündlichem und schriftlichem Austausch.
Das neuvermählte Paar war Großherzog Friedrich I. von Baden (1826–1907) und seine Gemahlin Luise, geborene Prinzessin von Preußen (1838–1923). Die beiden hatten am 20. September 1856 in Berlin geheiratet.
Lucian Reich aus Rastatt, 22. Mai 1857
Liebe Eltern!
Die Nachricht, welche mir Heinemann von dem dir lieber Vater zugestoßenen Unfall mitgetheilt, hat mich nicht wenig erschreckt, aber auch wiederum getröstet, da ich die Versicherung erhielt, die Verlezungen seien Gott sei Dank nicht gefährlich und im Verlauf weniger Tage so geheilt worden, daß du lieber Vater wieder deine täglichen Ausgänge machen kannst. Wir können alle dem Himmel nicht genug danken, daß der gefahrvolle Tag nicht zum wirklichen Unglückstag für uns geworden ist, was bei der
Größe der Gefahr, so leicht hätte der Fall sein können. Gott wolle uns vor ähnlichen Ereignissen gnädig bewahren. Ich kann mir denken, wie es die liebe Mutter und alle Familien-Angehörigen erschreckt haben wird.
Dem Heinemann werde ich nächstens schreiben. Wegen Xavers Angelegenheit in Baden konnte ich bis jezt noch nichts thun, da ich bei meinem kürzlichen Besuche dort den Fohr zufällig nicht angetroffen habe. Ich werde nächstens wieder einmal hinüber gehen.
Hier in Rastatt geht alles seinen gewohnten ruhigen Gang fort; vom Ministerium erhielt ich die Versicherung, daß mein Gehalt demnächst auf die normalen 600 fl gestellt werden solle.
Indem ich baldigen weiteren Nachrichten entgegen sehe, wie es dir lieber Vater ferner geht, grüße ich alle herzlich Euer dankbarer Sohn Lucian Rastatt, d. 21. Mai 1857
Daniel Fohr (1801–1862), Landschaftsmaler, seit 1839 badischer Hofmaler und lebte seit den 1840er Jahren in Baden-Baden.
Xavers Angelegenheit in Baden“ dürfte sehr wahrscheinlich mit den 1856 genehmigten und 1857 auszuführenden Giebelstatuen der Trinkhalle zusammenhängen. Warum Lucian dafür ausgerechnet Daniel Fohr aufsuchen wollte, ist bislang nicht belegt.
Am Giebel Oos und Murg als sitzende Quellnymphen
Lucian Reich aus Rastatt, 3. Mai 1858
Liebe Eltern!
Ich wollte bisher warten Euch Nachricht zu geben bis ich dem Heinemann zugleich hätte die Holzstöcklein für den Xaver mitschicken können. Dies kann aber erst im Laufe der nächsten Woche geschehen. Ich bin sehr begierig, wie es dir liebe Mutter geht, hoffentlich von Tag zu Tag besser. Den gleichen Tag, wie ich hierher kam hatte eine Nachbarsfrau, die viel zu meinen Hausleuten kommt das nämliche Unglück
nur war der Fall gefährlicher, weil der Knochen durch die Haut herausdrang. Sie mußte bis jetzt liegen, den Arm auf einem Kissen befestigt. Ich bin hier wieder in meine gewöhnliche Tätigkeit eingetretten. Von Freiburg höre ich daß die Zeichnungen zu den Glasfenstern sehr viel Beifall finden. Auf Xavers Großherzog ist man allenthalben sehr gespannt; er wird aber gut thun, wenn er selbst damit nach Carlsruhe geht. In Baden herrschen noch immer die Blattern und es geht niemand hin, der nicht
muß. Wenn ich nach Carlsruhe komme so werde ich den Schmuck für den Sepperle für seine getreue Pflege dort einkaufen. Bis dahin lebt alle wohl und benachrichtigt mich bald wie es der lieben Mutter geht. An Xavers Familie und Heinemann, Nober viele herzliche Grüße
von euerm dankbaren Sohn Lucian Rastatt, 3. Mai 1858
Lucian Reich um 1860 – 18. März Dieser Brief ist nicht datiert, aus dem Inhalt geht aber hervor, daß er um 1860 geschrieben sein muß. Um 1860 war Franz Xaver mit der Ausführung des Großherzog-Leopold-Denkmals beschäftigt. Josefa Namenstag ist am 19. März.
Liebe Eltern!
Zum morgigen Namensfeste gratuliere ich dir liebe Mutter herzlich, der Himmel möge uns dieses Fest noch vielmal ungetrübt feiern lassen. Wie ich heute von Heinemann höre wird die Base Martha, die leider keinen guten Winter gehabt hat, nun zu Euch hinauf kommen, sollte sie gerade bei Euch anwesend sein, so bitte ich sie herzlich von mir zu grüßen.
In Herrn Xavers Angelegenheit bin ich immer noch derselben Ansicht, wie ich sie ihm ungesäumt mitgetheilt habe. Er soll sich auf ein auswärtiges Gutachten, wobei auch Männer vom eigenen Fach mitzusprechen haben, berufen, gegen eine willkürliche Verwerfung der Auffassung und der Motive, wodurch ja alle künstlerische Freiheit geradezu beseitigt wäre. Im Übrigen sich bei nochmaliger Bearbeitung streng an die Natur halten, was allerdings von andern Künstlern und ihren
Arbeiten der einzig richtige Weg ist, wobei auch nicht gesagt ist, daß man sich in Kleinlichkeiten verlieren soll. Sollte er Lust haben nach München zu gehen, so würde ich dort nur kleine Skizzen machen oder vielmehr in kleinen Skizzen von den jezigen Figuren beibehalten was man dort für gut findet.
Sollten in Betreff der Leopoldfigur Steine in den Weg zu werfen versucht werden, so würde ich mich entschieden auf das gegeben gutheißend Wort des Großherzogs und seines Bruders des Prinzen Wilhelm berufen,
und dem Großherzog zu bedenken geben, daß mit Zurücknahme dieses gegebenen Wortes ja dein Ruf als Künstler gefährdet werde. Die Figur ist entschieden gut und wird später, wenn sich die Staubwolken verzogen haben, ihre Anerkennung finden.
Indem ich bitte der lieben Josephine im Garten zu gratulieren ebenso bei Nober auch bei Heinemanns meine Grüße auszurichten. Euer dankbarer Sohn Lucian Unsere diesjährigen Remunerationen sind für diejenigen, welche keine Dienstwohnung haben, um 50 reichlicher ausgefallen.
Die 1861 auf dem Leopoldsplatz in Baden-Baden aufgestellte Porträtstatue Großherzog Leopolds wurde nach einem Modell von Franz Xaver Reich im Erzguß ausgeführt. Sie wurde später im Rahmen der Metallspende eingeschmolzen.
Josephine im Garten ist vermutlich wieder die Schwägerin Josefa Reich die im Landgütchen von Johann Nepomuk Schelble zu der Zeit wohnte.
Lucian Reichaus Rastatt, 3. Januar 1861
Liebe Eltern!
Zum neuen Jahr meine herzlichsten Glückwünsche; der Himmel wolle uns noch lange gesund und wohl beisammen erhalten. Ebenso wünsche ich dir lieber Vater zum Namensfeste Glück und Segen. Eine dritte Gratulation bitte ich in Xavers Familie gelangen zu lassen, wegen der glücklichen Ankunft des Christkindleins. Über die Brunnenangelegenheit ist noch keine Bestimmung getroffen;
nur soviel wurde mir gesagt, daß die Kosten zur Figur durch freiwillige Beiträge gedeckt werden sollen. Vor einigen Tagen erhielt ich aus Württemberg eine Anfrage wegen 2 Cartons zu Kirchenfenstern.
Dieser Tage werdet Ihr ein Kistchen mit einigen Flaschen Markgräfler erhalten.
Indem ich alle Familienangehörige herzlich grüße und ihnen Glück zum Neujahr wünsche
Euer dankbarer Sohn Lucian Rastatt, 3. Jr. 61
Die 5. Tochter von Xaver Reich, Amalie, wurde am 25.12.1860 geboren und starb erst am 31.08.1955 in Hüfingen.
Mit der „Brunnenangelegenheit“ ist vermutlich ein damals geplantes, möglicherweise nicht ausgeführtes Projekt für eine Brunnenfigur gemeint. Eine eindeutige Zuordnung konnte bislang nicht festgestellt werden.
Lucian Reich aus Rastatt, 18. März 1866
Liebe Eltern!
Zum hl. Josephsfest meine herzlichsten Glückwünsche dir, liebe Mutter, so wie auch unsere Josepha’s im Garten und neugegründetem Eschborn’schen Hause. Die frühe Ostern macht mir die Ferienreise zu Euch hinauf unthunlich. Mein Bild erfordert zur Vollendung noch recht gut den ganzen Monat, und da ich die Goldrahm dazu hierher bekomme, so werde ich es noch einige Tage im Schloß zur Ansicht aufstellen. Ich glaube, daß es sehr gut geworden ist. Nach diesem werde ich noch zwei kleinere Altarbilder für eine
Kirche in der Nähe von Ettlingen malen. Unterdessen wird der August herankommen, den ich dann wie gewöhnlich zur Hinaufreise benützen werde. Xaver wird am besten thun, das Relief mit Oel- oder Schellack zu colorieren, denn auch in der großen Tonwaarenfabrik bei Koblenz geschieht mit Figuren, Vasen etc., die ins Freie kommen, das gleiche.
Indem ich Euch alle, ins besonders das junge Ehepaar, von dem ich gestern einen Brief erhalten, bestens grüße Euer dankbarer Sohn Lucian Rastatt 18. Mrz. 66
Eine Tochter von Xaver und JosefaReich war Marie Josefa Amalie Reich. Sie hat am 08.03.1866 den Karl Eschborn, FF Forstverwalter, geheiratet. Sowohl die Mutter von Lucian Reich, die Schwägerin und seine Nichte hießen also Josepha. (Vielen Dank an Markus Greif, der das Rätsel mit dem Eschborn’schen Haus entziffert hat)
Luzian Reich senior und seine Ehefrau Maria Josefa Schelble. Fotografiert von Johann Nepomuk Heinemann um 1865. Die Fotografien sind in einen geschnitzten Rahmen mit den Lebensdaten des Ehepaares gefasst: Maria Josefa Schelble († 12. November 1866) und Luzian Reich senior († 18. Dezember 1866).
Lucian Reich aus Rastatt an Johann Nepomuk Heinemann, 19. September 1880.
Lieber Schwager!
Das an Xaver und Dich gerichtete Schreiben wird Dir mitgeteilt worden sein. Euch beiden, als den nächsten Angehörigen, wollte ich keine gedruckten Todesanzeigen zuschicken. Dir das tiefe Gefühl der Trauer über diese Trennung zu schildern, kann ich unterlassen, da du von dem gleichen Geschick betroffen worden und alles schmerzliche an dir selbst erfahren hast. Dieses Geschick hat ohnehin viel Gemeinsames, unsere gute unvergeßliche Margarete viel Ähnlichkeit mit der guten Lisette selig. Beide gleich anspruchslos u. verzichtend auf äußerlichen Lebensgenuß opferten sich ganz
den Ihrigen. Beiden war nur eine Tochter beschieden, auf die sich ihr ganzes Lebensglück vereinigt hat. Und was uns selbst betrifft, so sind wir beide im Alter, wo man nur noch im Wohlergehen u. Glück der Kinder sein eigenes Finden kann. Was nun meine gute Anna betrifft, so war sie an dem 10 monatlangen Krankenlager der Mutter fast über ihre Kräfte angestrengt, so daß sie jezt der Ruhe und Erholung dringend von nöthen hat. Wir haben eine Schwester der Verewigten bei uns, die einige Wochen bleiben. Anna hofft, Du werdest gestatten, daß deine Marie im Laufe des Winters auf Besuch zu uns kommt. Obwohl uns die Trauerzeit nunmehr Zurückgezogenheit auferlegt, so würden wir ihr den
Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen versuchen. Mit herzlichen Grüßen auch von Anna Dein trauernder Schwager Lucian R. Rastatt, 19. Sept. 80
Elisabeth (Lisette) Reich (1819 – 1871) am Spinnrad; Katharina Heinemann (1828 – 1900) mit Kind; J. Nepomuk Heinemann, genannt “Muckle” (1817 – 1902) mit Fes; Lucian Reich (1817-1900) mit Pfeife; Rudolf (Vetter) Gleichauf (1826 – 1896) rechts unter der Uhr; Josef Heinemann (1825 – 1901) mit Buch. Zeichnung aus den Wanderblühten.
Johann Nepomuk Heinemann war mit der Schwester von Lucian Reich, Lisette (Elisabeth 1819-1871), verheiratet.
Margareta Stoffler aus Geisingen war die Frau von Lucian Reich und Mutter der einzigen Tochter Anna. Marie Heinemann war die einzige Tochter von „Lisette“ Reich (seine Schwester Elisabeth 15.12.1819-22.06.1871) und dem „lieben Schwager“ . https://hieronymus-online.de/hufinger-kunstlerkreis/
Anna Reich 1885
Marie Heinemann gezeichnet von ihrem Onkel Josef
Lucian Reich aus Rastatt an Johann Nepomuk Heinemann, 24. Sept. 1880
Lieber Schwager!
Dein Schreiben mit der Versicherung, Deine Marie werde uns besuchen, war ein freundlicher Lichtstrahl im Dämmer unserer Traurigkeit. Anna meint wenn sie nur schon da wäre, damit sie ihr Herz gegen sie ausschütten könnte. Wie man aber den Kindern nicht alles zur gleichen Zeit gibt, sondern die Süßigkeiten vertheilt, damit sie lange daran haben, so bin ich der Meinung, solle man es auch mit Liebeswerken umgehen, u. glaube, daß Marie ihren Besuch auf eine Weile verschieben solle, bis die Schwägerin, die wir hier haben uns verlaßen hat. Es würde sonst der Fall eintreten, daß beide, sie und Marie, uns zur gleichen Zeit wieder allein lassen würden; und würden wir dann
die schmerzliche Lücke, zumal Abends, doppelt fühlen. Bis dorthin werden wir, so hoffe ich, dann auch wieder in der Faßung u. Stimmung sein, Marie den Aufenthalt mehr angenehm zu machen. Anna, die in der Sorge u. Wiederinstandsetzung unseres Hauswesens, einen Ableiter gegen trübes Sinnen und Denken sucht, wird dann sich wohl auch wieder mehr ihren Freundinnen zu wenden, von welchen einige bei unserem Unglück sich treu bewährt haben. Auch ich werde mich mehr in’s Unvermeidliche fügen gelernt und wieder mehr Theilnehmend gegen Alles was mir Gutes und Liebes noch geblieben ist, erzeigen können. Abends gehe ich nicht mehr aus, u. werde nicht mehr ausgehen. Meist bin ich um 9 Uhr schon zu Bett, ebenso Anna und unsere Base. Es sind nun schon 8 Tage seit dem Hinscheiden unserer guten Mutter Margareth, so schnell
auch im Trübsinn die Zeit hingeht, so habe ich doch das Gefühl, als wäre sie uns schon seit Jahren entrißen. Hätte ich nicht für Anna zu leben u. zu sorgen, so würde ich im Hinblick, daß auch meine Laufbahn naturgemäß keine allzulange mehr sein kann, mit Shakespeare im Hamlet ausrufen, „s’ist ein Ziel, auf’s innigste zu wünschen!“ – Doch genug hiervon. – Anna erwartet täglich ein Brieflein von Marie, die wir beide herzlich grüßen wie Euch alle Euer trauender anhänglicher Schwager und Onkel Lucian Rastatt 24. Sept. 1880
*Transkription unter den Briefen ist das meiste von einer großen Unbekannten – mit einer Schreibmaschine getippte Seiten waren bei den Briefen dabei. Ist also nicht alles von mir.
Brunnen an der Hauptstrasse 52 mit Elisabeth Heinemann (Grießhaber) und ihrer Cousine Maria Heinemann (Nober). Maria Heinemann war die Tochter von J. Nepomuk Heinemann und Elisabeth Reich.
Die Briefe der Anna Reich an ihre Cousine Marie Heinemann gehören zu den persönlichen Dokumenten aus dem Umfeld der Familie Reich, die heute noch überliefert sind. Die Originalbriefe sind leider verschollen; überliefert ist lediglich eine vermutlich in den 1950er Jahren angefertigte Transkription.
Anna Reich lebte zu dieser Zeit mit ihren Eltern in Rastatt, Marie Heinemann in Hüfingen. Die beiden jungen Frauen waren eng miteinander verbunden: Marie war die Tochter von Elisabeth (Lisette) Reich, einer Schwester von Annas Vater Lucian Reich. Damit waren Anna und Marie Cousinen.
Die Briefe aus den Jahren 1875 bis 1881 erzählen von Freundschaft, Verliebtheit und Enttäuschungen, von Besuchen und Reisen, Tanzstunden, Bällen und Kränzchen – aber auch von Familie, Krankheit und Tod. Neben den sehr persönlichen Mitteilungen blitzt darin immer wieder die Lebenswelt des 19. Jahrhunderts auf: Rastatt und Hüfingen, das „Oberland“, Geisingen, Verwandte und Bekannte, Kleidung und Alltagsgegenstände, aber auch die weitreichenden Verbindungen der Familie. So berichtet Anna etwa Ende 1875 beiläufig vom Tod eines Onkels in Amerika.
Anna Reich
Maria Josepha Heinemann 23.12.1857 – 19.03.1948
Lucian Reich 26.02.1817 – 2.07.1900
Xaver Reich 1.08.1815 – 8.10.1881
Elisabeth (Lisette) Reich 15.12.1819 – 24.06.1871
Marie und Katharina Heinemann
Nepomuk Heinemann 30.05.1817 – 22.02.1902
Luzian Reich senior
Luzian Reich senior und seine Ehefrau Maria Josefa Schelble.Die Fotografien sind in einen geschnitzten Rahmen mit den Lebensdaten des Ehepaares gefasst: Maria Josefa Schelble († 12. November 1866) und Luzian Reich († 18. Dezember 1866).
Josefa Schelble
Katharina Schelble 01.11.1760-04.04.1847 mit Goldhaube, gemalt von Luzian Reich, ihrem Schwiegersohn im Jahre 1829 .
Luzian Reich etwa 1866. Foto von seinem Schwiegersohn Johann Nepomuk Heinemann
Luzian Reich senior (07.01.1787 – 18.12.1866) und seine Ehefrau Maria Josefa Schelble (19.03.1788-12.11.1866). Die Großeltern von Marie Heinemann und Anna Reich. Sie starben kurz nacheinander vor Weihnachten 1866. Fotos und Zeichnungen von Johann Nepomuk Heinemann.
Lucian Reich (1817-1900) hat Margareta Stoffler (1825- 16.09.1880) erst am 8. August 1874 in Geisingen geheiratet; deshalb sind die Daten von Anna Reich nicht bekannt. Anna Reich war also ein uneheliches Kind und bei der Hochzeit ihrer Eltern schon fast erwachsen. Anna Reich kam mit ihrem Vater später wieder nach Hüfingen und pflegte ihn bis zu seinem Tod am 2. Juli 1900. Danach heiratete sie einen verwitweten Landwirt in Neudingen und zog seine (8 ?) Kinder groß. Sie selber hatte nie eigene Kinder und starb hoch betagt in der Neudinger Mühle.
Marie Heinemann (Maria Josepha 23.12.1857-19.05.1948) war die einzige Tochter von Lisette Reich (Elisabeth 15.12.1819-24.06.1871) und MuckleHeinemann (Johann Nepomuk 30.05.1817-22.02.1902). Lisette Reich starb schon früh, deshalb kümmerte sich seine Schwester, Kätherli Heinemann (Katharina 30.04.1828-27.01.1900) um den Haushalt.
Rastatt, den 7. 7. 1875
Theuerste Marie!
Weil du Sonntag Morgen’s auf einen Brief von mir wartest, will ich nicht säumen, dir einen solchen zu übersenden. Gute Marie: ich glaube, daß dies endlich der letzte Brief ist, der nicht in jede Hände gelangen sollte, deßhalb, will ich dir jetzt noch einmal ausführlich, was ich selbst weiß, von dem, schon so oft erwähnten Unahnnehmlichkeiten schreiben, mit dem festen Vorsatz, nie mehr etwas darüber zu schreiben, – Ich habe dir’s geschildert, bis Sonntag, nun will ich fortfahren. – Also an dem im letzten Schreiben erwähnten Sonntag, haben wir einander Abends verfehlt, ich, Fanny und Maria, waren in Kuppenheim, u. da kommen wir ziemlich spät heim, weshalb ich St. nicht mehr traf. Ich sah ihn nie mehr, – bis gestern Abend, hatt ich ich das Vergnügen ihn zu sprechen. Ich forderte ihn auf, er soll mir deinen Brief weisen, ja sagte er, den habe ich jetzt zerrißen, ich kann ihnen nichts mehr davon zeigen, so sagte ich also mit einer zweiten Lüge, wollen sie die erste verdecken, aber es hilft ihnen nichts, vor meinen Augen sind sie ein Lügner, er sagte nein das bin ich nicht, ich habe einen Brief von Marie gehabt. Dann sagte er jetzt geben sie mir meinen Brief von der Marie, aber das will ich ihnen sagen, ist darin geschimpft, oder nur ein Wort, daß mir nicht gefällt, dann schicke ich ihn wieder retour u. schreibe noch etwas unten hin, da sagte ich um der Marie diese Unannehmlichkeit zu ersparen, bekommen sie ihn gar nicht in ihre Hände, denn daß keine Schmeichelworte für sie darin stehen, werden sie sich, wie ich ungelesen, denken können, da sagte er, dann geben sie ihn mir lieber nicht, aber was darin steht möchte ich doch wißen, das sollen sie sagte ich, öffnete denselben, gab ihm die Querte und las ihm den Inhalt des Briefes vor, den Satz wegen Sch. ließ ich aus mehreren Gründen draus, sonst las ich ihn Wort für Wort vor, (könnte ich zeichnen, ich würde dir sein Bild entwerfen, daß Komisch genug aussah) als ich geendet, zerriß ich denselben vor seinen Augen, er sagte so genug ich werde ihr auch schreiben, grüßte ganz kurz, drehte mir den Rücken u. rannte wie besessen von mir weg, ich glaube ich werde ihn jetzt nie mehr sehen.
Wegen der Neuigkeit, die ihm Herr Bausch sagte, fragte ich ihn auch, es war die, die du dir dachtest, nämlich wegen Herrn Ri. wegen einem Porträt sagte er auch etwas,
B. habe sich, glaube ich, bei deinem Vater photographieren lassen, dann habest du mit ihm gesprochen, oder was weiß ich. Doch jetzt genug davon, für ein u. allemal, du liebe Marie mußt mir noch einmal schreiben darüber, besonders wenn St. dir schreibt, was ich aber nicht glaube, auch schreibe mir, ob ich recht oder unrecht gehandelt habe mit dem Brief.
Ach theuerste Marie es thut mir sehr weh, daß ich mir immer den Vorwurf machen muß, daß ich Schuld bin, dir diese Kränkungen verursacht zu haben, ich bitte dich herzlich um Verzeihung, Vergeße alles so gut du kannst, nur mich, und die schöne Zeit die du hier erlebtest, nicht. Glaube mir, St. kann dir nichts Gefährliches anthun, wenn er auch hinkommt, sei deßhalb außer Sorgen, wegen deßen.
Sch. ist noch immer für mich von der Welt verschwunden, ich weiß gar nichts von ihm.
Theuerste Freundin, ich bitte dich habe Nachsicht mit meiner schlechten Schrift, das nächste Mal werde ich dir besser schreiben. – Ich sitze den ganzen lieben langen Tag in meinem Zimmerchen u. denke u. studiere wie es sein könnte, ich bin immer so zerstreut, u. das wirst du meinen Briefen wohl anmerken, glaube nicht, daß ich das vergessen, was mir so wehe that, wegen Aug. Ka. wenn ich seiner schon nicht mehr erwähne, geschieht es nicht aus Vergeßlichkeit, sondern nur um eine noch stark blutende Wunde, nicht zu erneuern.
Durch diese Auftritte in denen du leider auch verwickelt bist, habe ich als Momente, den Schmerz ein wenig vergeßen, aber nun hören jetzt auch diese auf, diese hinterließen mir mehr Zorn und Verachtung als Schmerz.
Ich geh nie aus, sonst hätte ich auch ordentliches Papier gekauft.
Nepomuk Heinemann. Der Vater von Marie.
Lisette Reich Die Mutter von Marie und Tante von Anna.
Lucian Reich. Der Vater von Anna und Onkel von Marie.
Xaver Reich Der Onkel von Anna und Marie
Rastatt, den 20.7.1875
Theuerste Marie!
Dein liebes Briefchen erhielt ich gestern Morgen, ich lag noch im Bett, als ich in’s Wohnzimmer kam, erblickte ich auf dem Tische dasselbe, mit welcher Hast ich dasselbe erbrach, wirst du dir denken können. Gute Marie, herzlichen Dank für dessen Inhalt, der mir bewiesen, das du Antheil an meinem, dir anvertrauten Schmerze nahmst, ach wie wohl thaten mir deine von Herzen ausgesprochenen Worte. – Diesen Morgen früh erhielt ich wieder zwei Briefe, der eine zeigte mir den – Hochzeitstag an – der gestern war, hätte ich das gewußt, daß gestern also seine Vermählung stattfinden würde, ich glaube ich währe nicht so ruhig neben Fräulein Werner im Garten geseßen. Ich kann’s gar nicht begreifen, daß die Geisinger, woher ich die Zeit doch so viele Briefe bekam, seiner nie erwähnten, es lief so schön ab, du hattest mich darauf vorbereitet, u. gestern erhielt ich die Anzeige schon, von seiner Vermählung, ich weis nicht wußten’s die Geisinger nicht, oder waren sie so nachsichtig mit mir, – Gott sei Dank, daß es so abgelaufen ist, jetzt schreibt mir gewiß niemand mehr Etwas von ihm. Ich kann mich jetzt schon eher faßen, ich glaube es ist wie du schreibst, die Zeit heilt alle Wunden, aber das glaube ich auch u. fühle es eine Narbe läßt sie zeitlebens mir zurück. – Doch genug denn ich fühle, ich bin noch nicht so stark, als ich mir es gerne vormachen wollte. Möge es ihm in seinem neuen Stande wohl ergehen!
Theure Marie! was mich nicht nur beleidigt, sondern noch weit mehr wehe that, war dass du mein Vertrauen das ich dir schenkte so schlecht mit Gegenvertrauen belohntest. Ich habe dir doch Alles nur Alles, meine Gedanken, anvertraut u. du magst mir nicht einmal anvertrauen, daß du eine zweite Korrespondenz nach Rastatt führtst!
Dies hätte ich nie gedacht daß du so wenig Zutrauen zu mir hättest! Um dies eine bitte ich dich, sei so gut u. nenne weder mich noch Herrn Schneider in deinem Schreiben, denn nur zum Belächeln von deinem Herrn Korrespondent, fühlen wir und doch noch zu gut! Ich merkte wohl, daß er ordentlich bei Herrn Schneider gedatscht hat, aus Allerlei konnt ich’s entnehmen. Ich werde dir nicht mehr so viel schreiben, denn es könnte deinem Vater doch auffallen, wenn du gar zu viele Briefe von hier erhieltest. u. jedenfalls weiß der Herr St. amüsantere Neuigkeiten zu schreiben als ich, er ist ja ein sehr abenteuerlicher Mann.
vermutlich Karl von Schneider (2.11.1847 – 26.09.1923) Litograph in Hüfingen Bleistiftzeichnung von J. Nepomuk Heinemann, etwa 1895
Was die Reise anbelangt im Herbst ist sie vollständig von mir aufgegeben worden, als ich diese Neuigkeit erfuhr; Vater u. Mutter gaben ihre Einwilligung dazu, ich währe Ende September gekommen, aber jetzt werde ich ihnen diesen Grund angeben warum ich nicht gehe, ich sage ich finde es nicht für nöthig, da wir dieses Jahr so viel Besuch vom Oberland gehabt hätten, ich wollte warten bis das nächste Jahr.
Auch dies habe ich mir vorgenommen, nie mehr Jemand zu meinem Freunde oder meiner Freundin zu erheben mag das Schicksals Tücken über mich verhängen was es sei, ich wills versuchen allein zu tragen, der Gedanke dabei soll mich bestärken, daß man Alles dem lieben Gott klagen soll.
Viele Grüße von meinen Ib. Eltern u. deiner dich nie vergeßenden Cousine
Anna Reich.
Viele Grüße an Reichen.
Viele Grüße von Späth Marie. Im Theater war ich noch nie. Die Poststraße am Sonntag gelaufen mit Fanny und Marie.
Im 19. Jahrhundert wurde „Oberland“ als regionale Bezeichnung für den südlichen Teil des Großherzogtums Baden verwendet. Also ungefähr die Gegend zwischen Schwarzwald, Bodensee und Hochrhein. Das Unterland ist die Gegend um das untere Main-Gebiet, also nördlicher und rheinischer Raum. Da Anna zu der Zeit mit ihren Eltern in Rastatt wohnte, rechnet sie wohl Rastatt zum Unterland. Zwischen dem badischen Ober- und Unterland bestand im 19. Jahrhundert ein ausgeprägtes regionales Spannungsverhältnis. Das Oberland fühlte sich gegenüber dem politisch und wirtschaftlich stärker von Karlsruhe und dem Unterland geprägten Baden häufig benachteiligt und bewahrte zugleich ein starkes eigenes alemannisches Regionalbewusstsein.
Mit „Reichen“ ist die Familie von Xaver Reich gemeint (siehe auch weiter unten) also dem Onkel von Marie und Anna. Josefa und Xaver Reich hatten 6 Kinder: Berthold Lucian Joseph Reich (01.06.1844-?), Maria Josefa Amalia (21.1.1848-?), Amalia Maria Anastasia (23.9.1850-22.10.1939), Klara Mathilde (27.11.1852-?), Karl Guido (14.11.1858 – ?), Amalia (25.12.1860-31.8.1955).
Portrait von Xaver Reich 1838
Josefa Reich, geb. Elsässer (1823-1900)
Foto von Xaver Reich
Rastatt, den 23.8.1875
Gute Marie!
Durch die Erlaubnis, von meinen Eltern, dich in Bälde zu besuchen, bin ich so frei und zeige dir meine Ankunft, die wahrscheinlich die nächste Woche eintreten wird, an. Ich erwarte aber jedenfalls noch einen Brief vorher von dir, worin ich hoffe, daß du mir rückhaltslos anzeigst, ob es dir angenehm, oder vielleicht auch dich unangenehm berühren könnte, wenn ich komme. –
Den Tag kann ich noch nicht bestimmen, Fräulein Gerstner geht mit mir bis Offenburg, sie geht auf einige Wochen nach Freiburg, um unangenehmen Erinnerungen auf Monate auszuweichen, wie ich auch. –
Liebe Marie, Neuigkeiten, die mich wie dich interessieren, will ich aufsparen bis ich’s dir mündlich erzählen kann. Nur soviel will ich dir einstweilen mitteilen, Fräulein Sch. ist jetzt fort, am Sonntag sei sie fortgekommen, Fräulein St. scharwänzelt noch immer in der Stadt herum, Fräulein Mathilde fühlt sich wirklich sehr vereinsamt u. verlaßen, denn Beker ist verreist u. zwar in Donaueschingen soll er sich befinden, oder wo weiß ich.
Wirklich gehe ich meist zu Gerstner Mathild, ihr kann ich Alles anvertrauen, da sie sich ja in dem gleichen Verhältnisse befindet wie ich.
Ich will nun enden für heute und dich nochmals bitten mir bald zu schreiben, hinsichtlich was meine Reise betrifft, oder aber wenn du mir nicht schreibst, ist es auch eine Antwort, die ich zu deuten weiß, die dann lautet, du brauchst nicht kommen.
Meine Sinnlosigkeit bessert sich so nach und nach wieder, ich hoffe daß es bei deinem Einflusse, den du auf mich übst, gelingen wird, so ziemlich mich davon zu befreien.
Leb nun wohl und sei herzlich gegrüßt u. geküßt von deiner dich innigliebenden
Anna Reich
Viele Grüße von Marie und Mathild
Nicht wahr die Rosenzeit ist vorbei?
Rastatt, den 6. Dez. 1875
Meine Ib. gute Mary
Dein Brief, welchen ich so sehnlichst erwartete, erhielt ich Donnerstag Abends, u. zwar in einer solchen schwermütigen Stimmung, es war schon dunkel, ich saß draußen im traulichen Zimmerchen u. weinte so stille vor mich hin, indem ich überdachte, wie ich so ganz verlaßen auf der Welt sei, ich dachte an vorigen Winter zurück, an die Tanzstunde, wies da so ganz anders war. Auch schweiften meine Gedanken zu dir hinauf Ib. Mary, ich dachte auch an jene Zeit als du hier warst, ich sagte Mary hat mich gewiß auch vergeßen, sie ist glücklicher als ich. – Ja sie ist glücklicher als ich – dachte ich, bis ich deinen Ib. Brief gelesen, Ib. Mary, ich weinte, als ich deine Worte las, ich nahm herzlichen Antheil an euch Beiden. Ach Ib. Mary, es thut mir sehr weh, daß auch du schon solch bittere Erfahrung machen mußtest, ach wo hätte ich so Etwas von Joseph gedacht, als ich bei dir war, du schreibst Ib. Mary, du könntest ihm nicht zürnen, auch ich könnte es nicht, aber bemitleiden, bedauern würde ich ihn, an deiner Stelle. Er dauert mich sehr, wenn ich so bedenke, wie es ihm jetzt sein wird, und wie man’s ihm jetzt macht. Ich hätte müssen weinen, wenn ich ihn gesehen hätte, wie er dir den Album gab und dich um Verzeihung bat, ach Gott wie wird ihm das so schwer gefallen sein. Ewig Lebewohl sagte er dir, ja das glaube ich im Moment hält er jetzt Alles für verloren, aber mit der Zeit ändert sich’s doch wieder, wieviele sind in ähnlicher Lage, für die sich später wieder alles günstiger und freundlicher gestaltet, wegen dem lb. Mary könntet ihr doch zusammenkommen, denn ich zweifle gar nicht, daß du ihm von Herzen verzeihst.
Um dies bitte ich dich meine lb. Mary, vergrößere seinen Kummer nicht noch durch dein Verhältnis zu Strobel, denke dir wenn er es erfährt, daß du so bald wieder einem anderen deine Liebe schenkst, ach wie würde ihn das schmerzen, denn es müßt ihm ja wie Spott von dir vorkommen, ich werde doch glauben dürfen, daß du lb. Mary für die Liebeserklärungen, von dem mir so unheimlichen Menschen, taub bist.
Wer weiß, vielleicht hofiert er dir nur, um sich zu rächen an dir, o wenn ich an jene unheimlichen Augen und Mundverziehungen denke, fürchte ich mich wahrhaft. – Wird J. R. das Mädchen heiraten? Den Schlag für seine aristokratische Frau Mutter.
Du wünscht theure Mary, daß ich nie so getäuscht werde wie du, bin ich’s nicht vor dir geworden? Das war ja noch härter für mich, denn du liebtest, wie du ja immer gesagt, J. R. nicht recht, aber ich, nun ich will schweigen, denn bald würden mir die Thränen wieder in die Augen steigen. Ach, u. zudem muß ich als wieder denken, er ist durch mich getäuscht worden, der arme Teufel, er meinte ja nur ich liebe ihn nicht, der dumme Sch. ist schuld, hätt mir der Aff nich hofiert, währs ganz anderst, nun was vorbei ist, ist nicht zu ändern, wer weiß für was es gut ist. – Liebe Mary, gestern war Onkel Reich bei uns, er brachte mir einen prachtvollen Ring, der mich sehr freute, nun hätte ich jetzt Ringe genug an mir, aber wie ich zum vierten kam, darüber tadelst du mich mich ganz sicher liebe Mary, ich vertauschte A.K. Ring, gegen einen anderen – denke dir letzten Donnerstag nahm ich ihn mit als ich auf den Markt ging u. ging damit in einen Goldwarenladen, zeigte ihn und fragte, ob ich nicht einen andern dagegen haben könnte, die Frau betrachtete und preiste ihn indem sie sagte – dieser Ring ist streng getragen worden, es klang mir wie ein Vorwurf, als ich diese Worte hörte, ja dachte ich, er ist ja streng getragen worden, denn immer glänzte er an seiner lb. Hand, es ist doch nicht recht von mir, daß ich ihn vertauschte, denn er hatte ihn auch immer getragenm u. gab mir ihn den letzten Abend als ich bei ihm war, er zog ihn von seinem Finger und steckte ihn mir an, mit den Worten, nimm einmal diesen Ring, bis ich einen Andern für dich habe, Mutter schimpfte mich auch als ich ihr’s sagte, nicht wahr Ib. Mary ich hab ihn doch nicht sollen hergeben.
Von Sch. weiß ich nichts, will auch nichts mehr von ihm wissen, ebenso von Emil, er war ein einziges mal bei mir, so lange er hier ist und schrieb zweimal von hier aus, ich gab ihm den Abschied, es führt ja doch zu nichts, es ist nichts, als das man unangenehme Auftritte dabei hat, auch Fridmann habe ich wieder beleidigt, er geht an mir vorbei und grüßt mich nicht mal mehr, ich gab Allen den Abschied, es führt ja doch zu nichts, ich fange nie mehr so was an, mach es du auch so lb. Mary.
Schrieb dir Herr Fridel noch nicht? Herr Riemk? war hier, wie mir Mathild schrieb, besucht mich aber nicht, was mir sehr lieb ist.
Vorgestern erhielten wir die Todesnachricht von Onkel aus Amerika, von dem ich meine schöne Goldgarnitur habe, wirklich folgt Schlag auf Schlag, wirklich ist’s fast zum rasend werden für mich.
Ach, Ib. Mary, könnten wir doch auch hie und da zusammenkommen, ach, wir hätten jetzt auch so viel zu erzählen und zu schwätzen, ich meine als es könne nicht sein, daß wir ? zusammen kömmen, wenn man nur auch mal die Sonnenschirme wieder mal brauchen könnte, denn ich habe Hoffnung, daß du mir ihn dann auch bringst, ach wie glücklich wäre ich dann!
Heute kam zum größten Leidwesen Elises Herr Sihiel nach Mannheim, er mußte sehr schnell fort, denke dir den ? für’s Elisle, sie hat ihn jetzt so arg gerne, denkst auch noch an die zwei, bei der Maientour u. an uns zwei auch u. an selbige Soldatenknöpf am Arm? Selige Erinnerung.
Gestern feierte Sternenwirths Wilhelm die Verlobung mit einem schönen Frauenzimmer von Kuppenheim, weist von dort wo wir damals so lustig waren, wo wir so tanzten miteinander.
Wie ich aus deinem Schreiben entnommen, hast du das Weihnachtsgeschenk auch schon wie ich auch, ich bekomme einen grauen Habolakregenmantel, er gefällt mir sehr gut, er kostete 12 fl. Deine Jacke lb. Mary kommt wirklich theuer, sie wird aber auch schön sein. Reichen Mary hat ja auch eine, Klara eine Pelzgarnitur u. Amelie einen Mantel, so schrieb es mir, Mittwoch schickte ich ihm seine Höschen, die es hier gelassen u. sein Armband, es wirds auch gesagt haben, denn ich habe ja Grüße u. Allerlei an dich ihnen aufgetragen.
Mein gefärbtes braunes Kleid ist ordentlich geworden, ich hab’s mit braun kariertem Stoff verziert auf der Taille eine Weste davon auf den Ärmel u. auf den Rock ebenfalls vom gleichen Stoff.
Ach du liebe Zeit am Mittwoch sollte ich beichten, was soll ich auch zuerst sagen, die Rastatter Sünden oder die Oberländer, oder am Ende das Stelldichein auf dem Schloßplatze, wo man den bei jener so schönen Maientour versprochenen Kuß erhielt? Ich muß auch wie jedes Jahr auf das Schlittenfahren verzichten, obwohl es dieses Jahr ?? viel Schnee hat bei uns und so grandig kalt, daß in meinem Zimmerchen die Fenster nie aufgefrieren, ich schlafe jetzt immer im Zimmer vorne, auf dem Kanape. Man sieht fast nicht mehr den Sprung an meinem Fenster, vor lauter Eis, aber deswegen denke ich doch noch oft an die Fortuna, denn wir verirrten uns auch einmal dort hinten aus der Tanzstunde!!
Strickst immer noch Socken, ich häkle wirklich kleine Tüchle zwei, das Muster das du mir gehäkelt Ib. Mary von Frau Heitz, viele Grüße von ihr, sie war heute bei uns, wenn die Rosen wieder blühen, werdest du auch hoffentlich wieder kommen.
Und nun zum Schluße Ib. Mary. Sei doch so gut u. schreibe mir Ausgangs dieser Woche, denn ich sehne mich als nach einem Brief von dir, nicht wahr schreibst mir bald, u. auch viel.
Herzlich grüßt und küßt dich deine dich liebende
Cousine Anna.
Der Onkel aus Amerika scheint ein Onkel von Anna zu sein, weil sie die Goldgarnitur erwähnt. Vermutlich war das ein Bruder von ihrer Mutter Margareta Stoffler (1825-1880). Eine Maria Stoffler aus Geisingen, ist in der baden-württembergischen Auswandererdatenbank des Landesarchivs erfasst. Sie wanderte 1851 aus.
Der erstgeborene Sohn von Xaver und Josepha: Berthold Lucian Joseph Reich geboren am 01.06.1844 in Karlsruhe ist später auch ausgewandert, sowie Guido Karl, geboren 14.11.1858. Joseph Reich ist vielleicht J.R. da die Mutter und Frau von Xaver – Josefa Reich – den Ruf der „aristokratischen Mutter“ hatte. Mehr bei Xaver Reich.
Rastatt, den 12. 2. 1876
Liebe Mary! Auf deinen letzen Brief, der von so gedankenloser u. kalter Erzeugung mir hinlänglichen Beweis liefert, weis ich Nichts zu antworten. Deshalb soll mein Brief im höchsten Stadium des Schmerzes u. der Trostlosigkeit u. zugleich der höchsten Unruhe geschrieben, nur diese eine Gewissensfrage an dich stellen, was willst du lb. Mary dadurch bezwecken, daß du leugnest was ich dir geschickt, das du mich aufforderst dir dasjenige zu schicken, wovon ich leider nur zu gut die Gewißheit habe, daß solches schon geschehen, warum, warum, frag ich mich immer selbst, stellt diese, der ich so völliges Vertrauen bis daher geschenkt, mich als Lügnerin, oder doch zum mindesten eine gedankenlose, oder eine solche, die nicht weis was sie thut, dar.
Du kannst mich auffordern, ich soll dir das Gedicht schicken, indem du im Herzen denken musst, oi oi oi ich habe es ja schon sogar gelesen, ja schon zerrissen. Ich weiß keinen anderen Grund für dein mir so rätselhaftes Betragen, als diesen: daß ich dich Ib. Mary in meinem ahnungslosen Gedicht beleidigte, wenn du meinst, daß mein Gemisch Gemarsch, diesen ehrenvollen Titel tragen darf, ich würde mich nicht getrauen, es Gedicht zu nennen, ich dichtete es ja aber auch mit der Gewißheit, daß es nicht kritisirt werden soll, aber auch nicht, wie schon erwähnt nicht in dieser Meinung, dich Ib. Mary dadurch zu kränken, daß du’s einfach leugnest, du habest es gar nicht erhalten. Ich bitte dich tausendmal um Verzeihung deswegen.
Eine Bitte habe ich an dich Ib. Mary, im nächsten Schreiben, dem ich sehnsuchtsvoll entgegensehe, schreibe mir nur diese Worte: „Ich habe es erhalten.“ über diese Sache, sonst nichts. Meine Ruhe stellst du mir dadurch wieder her, denn du darfst mir glauben daß es mir Gedanken macht, daß du schreibst, du habest es das Gedicht nicht erhalten, es ist mir nicht einerlei, in wessen Hände es ist. Inwiefern habe ich mich unwissentlich bei Frl. Elise vergangen? Daß sie meinen letzten Brief, den ich ihr geschrieben, nicht der Mühe werth hält, ihn zu beantworten? Wie ich mir denke, interessiert dich Nichts was ich dir von unserem nächsten Kränzchen mitteilen könnte, obwohl es sehr interessantes währe, dir Vorkehrungen die darauf getroffen werden, zu berichten, besonders das wunderschöne Quartett, zu dessen Ausführung wir schon zwei mal Tanzstunden hatten, 8 Paare wurden dazu gewählt. Baldiger Antwort entgegensehent verbleibe ich deine dich innigstliebende Cousine Anna So kann man in Unannehmlichkeiten kommen wenn man an ? Böses denkt.
Elise (Elisabetha Heinemann 17.10.1858-27.06.1932) 1. Heirat 25.08.1881 mit Rudolf Franz Restaurator in Donaueschingen; hatte ein Sohn mit ihm der 1911 ledig starb. 2. Heirat 21.04.1884 nach Bad Dürrheim mit August Grieshaber; hatte 7 weitere Kinder.
Elise mit ihrer Cousine Marie .
Ohne Datum (verm. Feb. / März 1876)
Meine liebe theure Cousine!
Ach wie lange lange schon ist es, daß ich deine letzten Zeilen erhielt. Es dünkt mich eine Ewigkeit, ich kann mich kaum noch erinnern, u. warum. Ja warum Ib. Mary vernachlässigten wir uns gegenseitig diese Zeit her, so unverzeihlich? Ich weiß Ib. Mary ich versprach dir schon die vorige Woche zu schreiben, ich wollte dir auch gleich nach der Faschingszeit schreiben, aber es war mir rein unmöglich, obwohl ich so vieles mit dir über diese vergangene Zeit zu plaudern hätte, ach so vieles, was für die Feder viel zu langweilig währe, wollte ich dir Alles niederschreiben wie es war – frage mein Bild, daß ich dir hier schicke, o wenn sich auch dieses große Maul öffnen könnte u. dir von der schönen Zeit erzählen könnte, ich glaube, daß dann der ganze Zug im Gesichte ein freundlicherer u. vergnügterer wäre, nicht wahr in meinem Gesicht findest du lb. Mary keinen Zug, der mit einem Fastnachts-Kostüm harmonierte, findest nicht jenen mich verklärenten Zug, den du einst fandest, als ich an jenem Abend von Geisingen wieder zu dir zurück kam. –
Theure Mary, bei dem kostümierten Kränzchen, wo wir acht Italiener Paare die Hauptrolle spielten, gefiel es mir zu gut, seit ich hier auf Bälle und Kränzchen gehe, ist dieses das einzige, an das ich fast täglich mit innigstem Vergnügen zurück denke, obwohl es mich auch oft so wehmütig stimmt, daß ich weinen möchte, wenn zwei zusammen kommen, die dabei waren, darf man sicher glauben, daß ihr gewähltes Thema vom Kränzchen ist, ohne Ausnahme gefiel es Allen sehr gut dabei.
Weniger gut gefiel es uns beim Tanzstund-Kränzchen, letzten Freitag v. W. ich glaube daß es uns auch gefallen hätte, wenn nicht Alle das andere Kränzchen im Kopf gehabt hätten, ich hatte mein Sommerkleid wieder an, ich ließ mich dieses mal auch frisieren, oben hatte ich gesteckte Locken, unten 3 Häng-Locken u. 2 Rosen an der Seite, die Frisur war sehr hübsch, wie man mir sagte, ich war eigenliebig gefallsüchtig genug, sogar noch zu glauben, wenn man mir sagte, sie gehe mir so gut.
Montag und Dienstag von 7 Uhr bis 10 Uhr gingen wir zu 7 Frauenzimmern, wie man sich hier beliebt auszudrücken, wir fanden als auch Herrn, die uns kannten unter-wegs, 5 waren in Domino, Frl. Wettin als Alte u. Frl. Habich als Köchin, den ersten Abend war es sehr schön, an den zweiten kann ich nur mit Wehmuth denken, o es hätte schöner sein können am Dienstag als am Montag, wenn mich nicht des Schicksals-Tücke, oder vielmehr ein unseliger Zufall so verfolgt hätten.
Auf Dienstag Abend hatten wir mit unseren Ib. schönen Italiener Buben verabredet gehabt, wenigstens ich und Notars Mathild, da währen also diese zwei noch mit uns, auch in Domino natürlich, im Löwen sollten wie aufeinander warten, so war es abgemacht, wir waren zuerst da, jetzt merke auf lb. Mary – Sch. hatte ich vor einer Stunde etwa auch gesehen, er sagte mir er gehe auch hier schnurren wie und wo wir uns treffen, ich sagte ich wisse es nicht, da sagte er wir wollen ein Losungswort gebrauchen, ich stimmte bei, indem ich dachte, ja heute Abend gilt bei dir weder Losungswort noch Suchen meinerseits, endlich trennten wir uns, er in der Hoffnung mich heute Abend noch einmal sprechen zu können, ich aber – ihn nicht mehr zu treffen. Wie schon erwähnt, waren wir zuerst im Löwen. Ich lief mit einem Student herum, der vorigen Abend schon bei uns war, ich unterhielt mich sehr gut mit ihm, obschon ich ihn nicht weiter kannte, auf einmal steht ein großer, schwarzer Domino vor uns, ich berücksichtigte denselben nicht weiter, er wechselte einige Worte mit dem Student, auf einmal trat er dicht vor mich u. sagte das mir bekannte Losungswort, ich schrak unter meinem Domino ordentlich zusammen, ich antwortete ihm nicht darauf denn schon sah ich den kommen, auf den ich wartete, noch einmal wiederholte Sch. das Losungswort worauf mir unbewußt die Antwort darauf meinen Lippen entfuhr, natürlich kannte er mich u. ich ihn, ich sagte nun dem Student ade, obwohl ich lieber bei ihm geblieben wäre, ich lief nun ich weis selbst nicht wie mit Sch. im Saal herum, so lange bis mich mein Herr erkannte, er kam auf mich zu, engagierte mich auf den soeben beginnenden Polka, ich tanzte nun mit ihm indem er mir so allerlei sagte, wie es schön werden könne usw. als der Tanz beendet sagte er die Gesellschaft wolle fort, ich müsse auch mit ihm, da Sch. nahm mich von seinem Arm weg, der andere aber sagte ja wir gehen jetzt, kommen sie Frl. Reich, Sch. sagte, nein sie geht nicht, sie bleibt bei mir, da sagte der andere wer ist denn dieses, ich antwortete ich kenne ihn nicht, mittlerweil kommen die anderen Frauenzimmer her u. sagten laß doch den fremden Domino fahren, wenn du ihn nicht kennst,
Sch. sagte, sie laßt ihn aber nicht fahren, gleich munkelten einige es ist Sch. es ist Sch. darum laßt sie ihn nicht gehen, der andere fixierte ihn nun überall u. wollte ihn durchaus kennen, das einmal sagte er, ja es ist Sch. das eine mal, nein es ist nicht Sch. Dann sagte er zu mir, indem er mich am Arm nahm, jetzt gehen sie mit mir, sei es wer es wolle, Sch. raunte mir nun in’s Ohr ja Anna gehe nur, gehe nur, ich zwinge dich nicht zum dableiben, ach ich war so unschlüssig, so wankent, der andere sagte immer, ach ich bitte ihnen kommen sie doch mit mir, es ist ja Sch nicht, inzwischen kommt Kunz auf uns zu u. sagte so da ist Sch. das ist Sch. u. das ist d’Reich, du kannst dir denken wie mir’s war, der Andere ging nun von mir weg, indem er sagte, da kann man sehen, wenn sie Sch. am Arm haben, lassen sie mich fahren, jetzt sind sie im Himmel nicht wahr, ich wollte ihn zurückhalten, vielleicht mit ihm gehen, ich wußte es nicht, kurz ich wollte ihn zurückhalten, aber Sch. sagte laß ihn doch endlich einmal laufen, du bleibst bei mir, nun blieb ich bis 10 Uhr im Löwen bei Sch. die anderen gingen ins Kreuz, da dort auch ein Kränzchen war, der Andere habe dann zu Notars Math. noch allerlei gesagt wegen mir und Sch. seitdem grüßt er mich nicht mehr, ach wie viel mußt ich doch schon wegen Sch. aushalten, er schrieb mir schon wieder, seit Fastnacht Dienstag, schon am Freitag, ach der Sch. ich weiß nicht, so viel Unangenehmes hatte ich schon wegen ihm, schon so oft sind wir böse gewesen u. immer wieder kommen wir zusammen, ich weiß selbst nicht wie, ich stelle oft an mich die Frage, bist du nicht das dümmste einfältigste Mädchen Wo es gibt, nur an einen solchen zu denken, bei dem auch gar keine Hoffnung ist, bei dem ist es ja doch nie Etwas. Das der Andere jetzt wieder böse ist mit mir wegen Sch. ist mir auch nicht einerlei, bei den Andern lauft alles so stille ab, bei mir wissen es gleich alle wenn Sch. dagewesen, es geschieht mir aber ganz recht, wenn der Andere (seinen Namen will ich dir nicht nennen, ich weis selbst nicht warum, ich habe jetzt auch kein Recht mehr dazu) nur nicht böse wäre mit mir, auf Versöhnung rechne ich nicht, denn jetzt da kein Ball u. nichts mehr ist, kommen wir nicht mehr zusammen, nun ich muß mich eben darin fügen.
Und nun meine lb. Mary, wie gefielst du im Samtkleid, ach ich sehe ein siegreiches Lächeln an deinen Lippen schweben, ach du wirst zärtlich geliebt von St. meine Ahnung sagt mir, daß auch die Zeit über sehr vergnügt u. glücklich an der Seite eines hoffnungsvollen Jünglings umherschwebtest. Ach bitte schreibe mir Alles wie es gewesen, was er gesagt u. halt so Alles.
Ich will enden indem ich dich bitte mir ja recht bald zu schreiben, ach schreibe mir Morgen gleich, denke wie lange her es schon ist seitdem du geschrieben Tausend Küße und Grüße von deiner
Anna.
ohne Datum
Meine liebe Marie!
Hier sende ich dir das Ding, möge es gute Folgen haben! Ich kann dir nicht beschreiben Ib. Marie, wie mich dies Gedicht in Alteration versetzte, wenigstens 7 Bogen Papier versudelte ich, bis ich endlich zufrieden war mit meinem Werke, ich sage dir wenn ich mein eigenes Todesurtheil hätte unterzeichnen müßen, hätte mich’s nicht in größere Aufregung versetzen können wie dies Gedicht, gezittert habe ich, meine Schrift war so verändert, findest du dies nicht auch, ich hatte so viele Gedichte die für U. paßen, somit konnte ich fast zu keinem Resultate kommen, zuerst schrieb ich ihm diese beiliegenden, doch verwarf ich sie wieder, jetzt habe ich ihm dies geschrieben, ich weis nicht ist es dir bekannt: Einsam, bin ich nicht allein, denn es schwebt ja süß und mild usw. wenn nicht will ich dir’s schreiben. Meinst du auch er bekomme es durch diese Adreße?
O, liebe Marie, wenn ich nur bei dir sein könnte! Gelt dir gefällt es noch nicht so recht, ist dir noch Alles fremd, du bist eben auch ein Wesen, das sich nirgends gleich heimisch fühlt, ohne daß man dir zuerst zuvorkommend entgegentritt.
Ich kann dir nicht sagen wie ich mich freue aufs Frühjahr, denn du mußt zu mir kommen, o Marie, komme doch in mein Zimmerchen, o da plaudert sich’s so heimlich, so traulich, komme, komme.
Was hast du für zwei Wesen neben dir? Poetisch o. Prosaisch, fühlst du keine Simpathie für sie, ich bitte dich um Alles liebe Marie, schließ mir keine Freundschaft mit ihnen, denn dann würde ich sicherlich verlieren dadurch, du mußt wissen, in der Liebe wie in der Freundschaft bin ich sehr egoistisch. Könnte ich dir doch ein wenig Wärme von m. Zimmer abtreten, du armes Kind, du dauerst mich, wenn und ein so herzblutstockendmachend kaltes Zimmer hast, schlafst du allein? Sage mir liebe Marie, warum konntest du nicht kochen hier? O denk dir wie schön es gewesen wäre!
In der freudigen Hoffnung über Alles mündlich mit dir bald sprechen zu können, will ich nun weiteres nicht erörthern, aber dann wird’s geplaudert o u. wie!
Also sei so freundlich und besorge mir das Ding da recht, ich werde dir Dank dafür wissen, vielleicht kann ich dir’s durch ähnlichen Gegendienst wett machen.
Im Geiste umarme ich dich und verbleibe deine dich von Herzen liebende Cousine
O gelt schreibst mir wegen dem dings, es ist mir, wie wenn ich ein Staatsverbrechen begangen hätte, ich möcht nur die Wirkung sehen u. hören, glaubst du er zieh mich?
Zürnt er mir?
Marie und Kätherli (Katharina Heinemann, Schwester von Nepomuk und Josef) Fotos von Johann Nepomuk Heinemann etwa 1867
Endlich, endlich nach langem peinlichem Wartens, erhielt ich deine so sehnlichst erwünschten Zeilen, wie sehr mich dein Bild erfreute, werde ich dir nicht erst zu schreiben brauchen, ach ich war ganz entzückt, du forderst mich auf, theure Mary, dir unverholen meine Kritik über dein Bild mitzutheilen, nun dazu bin ich gern bereit, du bist im Allgemeinen, glaube ja nicht daß ich dir schmeicheln wolle, sehr sehr gut getroffen, so gut das wenn ich dich betrachte, meine ich immer, du müßest den Blick auf mich wenden u. deinen Mund öffnen u. mir erzählen u. antworten auf das was ich dich so gerne fragen würde, wenn du nur den Blick auf mich richten würdest, aber was, es wäre ja doch nicht anderst. Auch muß dein Samtkleid so schön sein, ich beneide dich darum, die Kette liebes Kind macht nicht viel Effekt, man meint, wenn man deine Taille nur so flüchtig betrachtet es sei ein weißer Besatz an der Taille, nun das ist ja aber auch Nebensache, dein Ib. Gesichtchen ist doch sehr naturell.
Nicht wahr das bewußte erste Veilchen-Sträußchen revaschierst (revangierst) du mit deinem Bilde? Ja, ja, ach St. wird ganz entzückt dich täglich hundert mal betrachten u. küßen. Wie glücklich bist du, jeden Abend kannst du, während dem der Ib. Vollmond, die schönen milden Abende, noch durch sein Erscheinen romantischer u. schwärmerischer macht, Arm in Arm ein unblauschtes Plätzchen aussuchen, ach Gott, ach Gott, zu sagen hat man sich in solchen Momenten Nichts, ich kann mich gut in deine wirkliche Lage versetzen obwohl ich nicht in derselben bin.
Wirklich sind doch die Abende sinnberauschend schön, denke dir meine Ib. Eltern wandern auch schon wieder jeden Abend in Gottes freie Natur hinaus, ich gehe als zu Buderina Abends, oder sie kommt zu mir, dann gehen wir als auch auf dem Rheinauer Wege mutterseelen allein spazieren, gestern Abend kamen Buderina und Frl. Seitz zu mir, wir blieben da bis nach neun Uhr, hernach begleitete ich sie heim, morgen gehen wir drei nach Rothenfels, Maientouren wollen wir als auch wieder machen, ach was für ein Unterschied wird es dieses Jahr sein, gegen voriges Jahr, könnte ich dir nur ausführlich den nirentödtenten Durcheinander unter uns erzählen, wir drei sind mit den anderen alle böse, Alssermann u. ich, denke dir dieses Unglaubliche, laufen aneinander vorbei wie wenn wir uns fremd währen, ebenso Gerstner und Kurz, die zwei letzten sind jetzt immer beieinander, sie kommen als auch zu Späth, da erfahre ich alles wieder, was sie von mir sagen, denke dir Späth weiß auch alles wegen Sch. dieses ist mir eigentlich das ärgste, daß es Mary erfahren hat, denke dir Sch. erzählte den Studenten Alles, wie ich hörte aus Eifersucht, wenn er Verstand und bisschen überlegt hätte, hätte er zu Allen geschwiegen, dieses kann ich ihm nie niemals verzeihen, nach Ostern, wenn seine Ferienzeit vorüber, kommt er wieder hierher, natürlich nicht ahnent, was unter dieser Zeit geschehen ist, ich gehe nicht zu dem Rendezvous, ich will unter keiner Bedingung mehr mündlich mit ihm sprechen, wenn er in Karlsruhe wieder ist schicke ich ihm seine Briefe u. fordere meine zurück u. damit fertig, ich will und darf ihn, der mir so unsäglich viel Unannehmlichkeiten bereitete, nicht mehr sehen.
Auch meine geringe Persönlichkeit erhielt schon vorigen Monat 4 Veilchensträußchen die ich trotz des Verwelkens aufbewahre, als Erinnerung, Ach Ib. Mary, ich bräuchte so notwendig einen Sonnenschirm, ich kann ja nirgends hin, ach bitte sei so barmherzig u. schicke mir auch einen neuen, weist einer mit einer Kette, du darfst den schwarzen behalten, auch schicke ich dir herzlich gern mein weißes Überkleid dafür, ersuche Amelia, es gibt dir auch etwas dazu, ich schreibe ihm deswegen, denn wie du weist sollte ich auch ein Sommerkleid haben, kann ja sonst den ganzen Sommer nicht fort, u. eben ein Kleid, ein Schirm, Schuhe, Handschuhe u. Hut, erlauben meine Mittel nicht anzuschaffen, ach bitte sei mir doch nicht böse, weil ich geradezu mich erfrecht (dich) direkt mit einer Unverschämtheit zu belästigen, verzeihst du mir dieses nicht?
Was ich für ein Samtkleid bekomme, weis ich noch nicht, ebensowenig wann, wenn ich mal den Stoff habe will ich dir Müsterchen beilegen, O, wie gut hast du’s, jetzt bekommst du ein Samtkleid, zwei Samtkleider u. hast doch schon zwei so schöne Sommerkleider gehabt, wenn ich nur dein gelbes hätte, wie gerne wollte ich mich den Sommer über mit demselben behelfen, aber ich armer Teufel besitze zwei einzige Kleider u. zwar beide für den Winter.
Liebe Mary, den Schmuck, den du mir auf Fastnacht geschickt, vergaß ich dir beizulegen, wenn ich dir das Überkleid schicke, lege ich denselben bei auch bisschen wohlriechendes Gewässer. Vorige Woche schickte ich Emil seine Photographiedurch Eduard zurück, er ist seither schon wieder 3 mal an unserem Haus vorbei, ich weiß nicht, will er mich dadurch ärgern oder was, aber jedenfall lauft er mir nicht zu lieb vorbei, denn er schaut als nicht einmal an’s Fenster, die Tropfen wissen nicht, wie sie einem ärgern wollen.
Den Zopf von Kätherlein bekomme ich erst nach Ostern, sie hätten wirklich so viel zu thun, aber ich glaube die Hauptursache ist, weil die Friseure Madame bald in’s Wochenbett kommt.
? gibt Alssermann’s Buben keine Stunde mehr, sie hat jetzt einen Zahlaspirant, er schickte ihr ein schönes Poesiebuch zu ihrem Namenstage. Viele Grüße von Mary, u. jetzt brauchst du nicht mehr so lange auf ihre Photographie warten, sie lasse sich bald photographieren.
Gestern war kurz ihr Fischer da, denke dir sie liefen per Arm die Stadt hinunter. O du liebes Kind lebe wohl u. vergnügt u. denke auch bischen hir und da meiner in deinem Glück, o lieb so lange du lieben kannst, es kommt die Zeit u.s.w.
Schönen Gruß an ? Strobel, viele an’s Kätherlein. Viele Grüße von meiner Mutter an dich u. Kätherlein. Jetzt ist’s bald ein Jahr, seitdem du hier warst.
Ach bitte schreib mir doch recht bald wieder u. auch viel, es interessiert mich alles. Wenn in der Sch. Geschichte Fortsetzung folgt, will ich dir dieselbe mittheilen. Mit deiner Busenfreundin bin ich böse. Schreibe mir ja recht bald, bedenke daß deine Briefe wirklich mein einziger Trost sind.
Hat Strobel Anna schon geheiratet? Ist Schrenk Peggi schon wieder da von Stuttgart? Ist Hug Friedel gesund?
Rastatt, den 7. 9. 1876
Liebe Mary!
Die innigsten herzlichsten Glückwünsche zu deinem Namens-Tage, ruft dir deine dich innigstliebende Cousine aus der Ferne zu.
Ich will dir gewöhnliche Phrasen, die immer und immer bei solcher Veranlassung in Anwendung gebracht werden, unterlaßen, du bist mir gewiß nicht böse darob, denn du weißt ja, das ich dir nur Liebes und Gutes wünsche, wenn ich die Gaben des ? auch nicht so einzeln dir wünsche u. beschreibe.
Ach, wie glücklich war ich voriges Jahr an deinem Namens-Feste; jetzt ist es mir von dem Schicksale vergönnt, dir wie damals meine Wünsche mündlich darzubringen, nun in das Unveränderliche, von den Göttern bestimmte Schicksal muß man sich eben geduldig fügen.
Unwillkürlich drängt sich ein Gedanke mir auf, u. zwar, wann werde ich dir wieder mündlich gratulieren können? Doch genug, ich will auf ein anderes Thema übergehen
Wie stehts in Bezug auf die noch zweifelhafte Verlobung? Ist’s als noch ein Geheimnis, oder ist dieselbe schon ein Futter für Kritisirendes u. Verhechelnte?
Es wundert mich ob es zu etwas wird, ich meine eine schlechte Parthie wäre es nicht, er hat ja ein süßes Geschäft auch ist er ein schöner, gefälliger Bursche. Will ihn Klara nicht mehr? So, so dein Amerikaner Vetter, war ein solcher Herzeroberer, nun ich bin froh, daß ich ihn nicht kennen lernte, denn weist mein Herz ist auch nicht gewappnet genug, gegen Amors Pfeile. Du zweifelst, ob er Frl. Rank heirathen wird, nun ein Risiko ist es doch jedenfalls von ihr.
Liebes Kind was faselst du von schöner Gelegenheit zu kommen, ich meine du hast auch nicht weiter zu mir als ich zu dir, u. zudem ist des Jahreskehr an dir, o wie oft, wie oft dachte ich daran, diesen meinem Lieblings-Wunsch dir mitzutheilen, aber wenn ich mir als jene nierentötenden, hoffnungsvernichtenden Worte ins Gedächtnis zurückrief, die da lauteten: „Es ist vorbei mit Rastatt“ da trieb ich meine Wünsche mit einem Stoßseufzer verbunden, in die unergründlichsten Tiefe meines Herzens. Mein Papa kommt nicht mit den Bildern, denn die Schule beginnt nächsten Dienstag wieder. Papa und Mama werden Euch das nächste Jahr das Vergnügen schenken, Mamale muß zuerst noch ein neues Röckchen u. neues Peterlie han, no kummt sie.
Ach bitte liebe Mary, komme im November oder noch bisle später, dann gehst du als mit mir auf die eroberungsreichen Kränzchen, denke dir köstlichen Spaß (?), bitte schreibe mir das nächste Mal ob du Lust hättest zu kommen, dann schreibe ich an Onkel, damit du um so eher Erlaubniß von ihm erhält, ich versichere dir ich bin nicht mehr so wunderlich wie voriges Jahr, ich bin wie ein umgekehrter Sack.
Aber blutete dir dein Herz nicht, als du die niederschmetternde Nachricht erhieltest, Herr Strobel herze und küße eine Andere? Denke dir Emil kommt wieder oft zu uns. Komme morgen Abend zum Zapfenstreich, diese Woche waren schon zwei, nämlich bei der Sedan-Feier u. Dienstag Abend General Moltke, der hier war zu Ehren, ’s ist als recht ordeli darbei. Am Sonntag gehe ich nach Ettlingen um meine Freundin, die schon längere Zeit dorten ist, abzuholen, dann werden wir noch nach Karlsruhe ge-hen.
Und nun liebes Kind muß ich enden. Denke beim Anblick des kaum erwähnenswerthen Geschenkchens: „Wenig aber von Herzen.“
Herzliche Grüße von meiner Mutter u. sie läßter ou gratulire u. du sollist ou kumme. Auch viele Grüße an Kältherlein. Bitte Ib. Mary schreibe mir so bald wie möglich. Das wurmse surmse, hast du nicht recht entziffert, auch die beiden Buchstaben hatten nicht dieselbe Bedeutung, die du ihnen zuschreibst, sie waren bedeutungsllooooss.
Was bekommst du allerhand zum Namensfeste, von wem? Also noch einmal die herzlichsten Glückwünsche auf morgen und viel Vergnügen.
Lebe nun recht wohl und schreibe recht bald deine dich liebende Anna.
Ist die Ernte auch schon vorbei droben? Gott Straß es ist sinnverwirrend kalt.
Mit amerikanische Vetter handelt es sich wohl um den erstgeborenen Sohn von Xaver und Josepha: Berthold Lucian Joseph Reich geboren am 01.06.1844 in Karlsruhe. Ein anderer Sohn, Guido Karl, geboren 14.11.1858, ist wohl erst später ausgewandert. Der „Amerikaner Vetter“ kann aber auch der älteste Sohn des Fridolin Heinemann – Josef Heinemann (*21.11.1857) sein der nach Amerika ausgewandert ist, wobei auch dieser 1876 vielleicht noch zu jung war.
Rastatt, den 24. 10. 1876
Meine theure Mary!
Schon sind etliche Tage verfloßen, seitdem ich dein Ib. Brieflein erhalten. Ich wollte dasselbe wie gewöhnlich, gleich beantworten, wurde aber durch verschiedene Ereignisse, zum Theil sehr unangenehme, davon abgehalten. Gerne würde ich dieselbe nennen, befürchte jedoch deine Geduld auf eine zu harte Probe dadurch zu setzen, will’s also, auf obiges bezug nehmend, nicht nennen und alles bei mir behalten.
Ach wären wir doch beisammen, dann ja dann.
Theure Mary, wie geht es sonst, seit ihr wieder alle wohl? Hoffentlich. Vater ist G.s. D. ganz wohl. Mütterchen so so, la la, meine geringe Persönlichkeit befindet sich auch wohl. o je. Bei Durchlesung der so schlimm u. sehr unangenehm ausgefallenen Verlobung von M. wurde ich ganz starr u. Entsetzen ergriff mich davor. Nur so Etwas nicht. Weniger erstaunt war ich bei Durchlesung wo du mir schreibst Amelie habe sich beleidigt gefühlt, der verspäteten Gratulation wegen, ich dachte mirs, thut mir leid aber ändern konnte ich’s nicht, ich sah zu spät im Kalender nach, wo sein Tag verzeichnet ist.
Herr Gott Salon, werdet Ihr aber nobel in Hüfingen, schon wieder neue Hüte mit ächten Federn darauf! Ich behalte meiner von voriges Jahr wieder.
Ich wollte zuerst meinem Cousin einen Brief für dich mitgeben, aber ich fürchtete der Teufel mache uff. Vater hat ihm einen für Onkel R. und Herr Pfarrer mitgegeben. Du mußt nämlich wissen er war in Heidelberg in einem Geschäft u. nun ist er bei’s Fritscherichs in Hüfingen comis, gestern Morgen kam er bei uns an, und ging heute Mittag ins Oberland. Ich erzählte und schwatzte ihm immer von dir, zeigte ihm deine Photographie. Ich sagte zu ihm er solle als auch mit dir tanzen, er ist nämlich ein guter Tänzer, er ging auch in die Tanzschule. Er ist so groß wie du, hat gerade solch schwarze Haare wie du und akurat solche rothe Wänglein wie du. Er mußte mir versprechen, dir hie und da Fensterparade zu machen, wenn es dich auch ärgert, macht nichts. Ich lege dir an’s Herz, gehe auch zu ihm in Laden u. schreibe mir, wenn er Unfuge u. d. gl. treibt droben, was ich zwar nicht hoffe, ich sprach ihm sehr zu, er soll auch brav sein, ich erfahre es wenn er es nicht sei u. s. w. einen heillosen Mist schwatzte ich an ihn hin.
Liebe Mary, ach könntest du nur auch hie und da Abends bei uns sein, o wie vergnügt wollten wir sein, so aber ist’s halt langweilig, besonders heute Abend, Mutter spinnt, Vater ist noch in Karlsruhe, er kommt erst um neun Uhr heim, u. ich sitze da u. schreibe für mein liebes Kind einen Brief jetzt da.
Weder Tag’s noch Abend’s werden wir in unserem Alltäglichen gestört o je.
Du schreibst mir immer was Andere für Kavaliere haben, deiner vergißt aber immer mir zu nennen, hoffentlich wird’s bald, od. ich erfahre es irgendwo andersher, wart‘ mir Mädele, mußt ja nicht denken, es komme mir einmal in den Sinn du habest keinen Gschboutsi, o je.
Ist’s bei Euch droben auch schon so nerventödtent kalt? Herr Gott Salon, Mutter friert schon wieder von Morgens früh bis Abends spät, o je. Gott-Straß, wirklich ist’s ehrlos langweilig o je. Fort komme ich wenn ich Kommissionen machen muß, sonst nicht, ich bin am liebsten daheim. Wirklich mache ich stramm an Vaters Hemden. Was schaffst denn du?
Bitte liebe Mary, komme doch diesen Winter zu mir, dann gehst mit auf die Kränzchen. Soll ich deinem Vater schreiben deswegen? Nicht wahr Ib. Mary, du schreibst mir recht bald wieder, o ich bitte dich um alles in der Welt darum. Und nun schlaf wohl. träume süß, am Morgen nicht zu früh.
Ade Kind, grüße mir die Leute, die mich kennen.
Ein Satz im Dialekt dann:
je es ist so warm do hin, jo jo.
Schreibe recht bald wieder deiner dich innigstliebenden Anna. Viele Grüße von Mutter. Grüße auch’s Kätherlie u. Elise.
hat gerade solch schwarze Haare wie du — ist ein Witz, da Marie Heinemann blond war.
Rastatt, den 26. 11. 1876
Meine theure Mary!
„Selige Erinnerung der Vergangenheit!“ durchlebe ich im Geiste noch einmal den gestrigen, vergnügungsreichen Abend, muß ich unwillkürlich an oben angeführte Worte denken.
Liebe Mary, nach langer langer Zeit endlich kam ich einmal wieder zum Tanzen u. was drum und dran hängt, u. zwar gestern Abend, um 8 Uhr begann das Konzert, woselbst ein Hofopernsänger von Karlsruhe mitwirkte, Herr Gott Salon, nein der hatte eine Stimme, so hörte ich noch nie singen, das Konzert dauerte bis 10 Uhr, nach einer 1/2 stündigen Pause, wurde der Tanz durch Polonaise eröffnet, u. nachher verstrich die Zeit unglaublich, nierentödtent, sinnverwirrent schnell, durch herz-blutstockenmachende Tänze u. was drum u. dran hängt. Um 1/2 4 Uhr gingen wir schon heim, ach ich hätte so gern noch den nächstfolgenten Lacie mitgetanzt aber – Nun was habe ich jetzt davon, nichts als das Nachdenken u. was drum u. dran hängt. Liebes Kind dies ist Alles, was ich dir aus meinem einförmigen Alltagsleben mittheilen kann.
Nun nun du schreibst ja mir einen gräßlich scharf verfaßten Brief, dein zweitletzter Brief gelang ja in meine ?, ich schrieb ja Elise nicht, daß ich keinen Brief erhalten habe von dir, sondern blos warum du mir so lange nicht mehr geschrieben, es kommt mir fast vor, als währe es ein Verbrechen, wenn du mir schreibst ohne daß ich dir vorher antworte geld so ist’s. Herr Gott Salon wehrt die sich wenn man sagt Fridolin Fridolin od. wenn man singt: Holdes Grün, wie lieb ich dich, weil mein Schatz ein Jäger ist. u. doch – Wer dir begegnet auf der bekannten Straße weis ich nicht, da jene Erwähnung, nur eine von meiner im Hirn erzeugten Einbildung wahr, bei uns nennt mans ?, Witz, Spaß u. d. gl. was du so gleich alterirt bist!
Soso du sprachst mit meinem Herr Vetter Bodenhopser, Schubladenzieher, wenn du zu ihm kommst wieder, dann bitte ich dich um alles in der Welt, sage zu ihm er sei ein Erdslügner ein fauler Fisch, ein ein ein Spinnenbobelenhirn u. noch vieles Andere hast gehört dieses sagst zum hast’s gehört, er wird dann schon wissen warum u. was drum und dran hängt.
Was ich auf Weihnachten mache fragst du mich, ha ich sticke Vater ein paar Pantoffeln u. du?
Elise schrieb mir heute auch. Denke dir gestern Abend sagte ein Herr zu mir, ich war in Hausach, da traf ich Herrn Bernauer, er sei auf der ? dort, dann haben sie so halt so von der Tanzstunde geschwätzt, dann habe Herr B. gesagt, er solle mich herzlich grüßen u. so. u. so. er hni halt ou n Freud g’ha, Herr Gott Salon, denkst auch noch an seine Knöpfe u. was drum u. dran hängt?
Liebe Mary ich bitte dich um Alles in der Welt u. um noch vieles Andere komme doch nach Rastatt, aber nicht erst an Fastnacht, komme Gott-Straß auf Weihnachten, es sind ja drei Feiertage, bis dorthin ist jedenfalls wieder ein Kränzchen, o Mary komme, komme doch, soll ich an Onkel schreiben deswegen, od. erhältst du ohne dies Erlaubniß, ach nicht wahr du schreibst mir das nächste Mal davon, o mein ich hätte dir auch vieles Erlebte nie wieder Kehrendes zu erzählen, wenn es von dir abhängt zu kommen od. nicht – so erfülle meine inständige Bitte u. wähle Ersteres.
Kätherlein laße ich noch nachträglich herzlich Glück wünschen zu seinem gestrigen Namenstage d. h. wenn es sie noch annimmt. Meine Mutter kommt nächste Woche hinauf, aber nicht im Hemd. Ich gehe nächsten Monat oder im Januar nach Paris, als Musiklehrerin eine Stelle habe ich schon bei Graf Murat. Meine Adresse ist dann:
A. R. per Gram a Loth e le va Murat??? Lo schemo??? a Paris N. 386
Bin ich erst einmal in Paris, weis ich dir mehr zu schreiben. Elise schreibe ich noch einmal bevor ich gehe. Also bis dahin Gott befohlen liebes Kind. Auf Ib. baldige Antwort hoffend grüßt und herzt dich innigst deine dich treu und ewig, innigst u. aufrichtig liebende Anna Die Liebe klebt wie Bärendreck
Man bringt sie nicht vom Herz hinweg Gute Nacht, ins Guschi gehe ich jetzt u. denke an dich u. noch an vieles Andere u. was drum u. dran hängt.
Schreibe ja recht bald wieder od. ich erschieße mich mit Gansdreck, wir stopfen ja eine, da hab ich ja schon Gelegenheit.
Rastatt, den 29. 12. 1876
Meine theure Mary!
Schon ist wieder ein Jahr in dem Strom des Lebens dahingeflossen, wieviele freundliche, mitunter auch freudige Erinnerungen steigen vor unserem geistigen Auge empor, wenn wir uns das erlebte alte Jahr zurückrufen, nicht wahr liebe Mary, trübe Stunden zählt das verflossene Jahr keine oder doch nur sehr wenige, der liebe Gott wolle uns auch im neuen Jahr nicht mehr senden. Doch ich komme von meinem eigentlichen Thema ganz ab. Ich wollte dir ja Alles Liebe u. Gute von Herzen zum neuen Jahre senden. Du lieber Gott, füge es doch, daß die liebe Mary bald wieder einmal zu mir kommt, weist wir hätten ja miteinander so viel zu erzählen, was weist du ja schon.
Liebe Mary, ich will gar nicht viele Worte gebrauchen, meinen Neujahrs-Wunsch dir darzubringen, begnüge dich also mit den oben wenig erwähnten Worten.
Daß du diese Feiertage nicht kommst, habe ich zu meinem größten Leidwesen bemerkt, nun wie verliefen dieselben? Bei mir verliefen sie sehr ruhig. Was bekamst du zu Weihnachten? Ich bekam eine augenblendent, sinnverwirrent, herzerobernten Jacken. Mein ich bin schön d’rin, obwohl dieses noch Niemand zu mir gesagt, glaube ich’s doch.
Kränzchen besuchte ich diesen Winter erst ein einziges, nächsten Sonntag das zweite, o wärst du doch da, denke dir wie schön es währe, Tänzer gibt es genug, Beweis hirvon ist, das ich noch nicht ein mal sitzen bleiben mußte, ist doch gewiß viel gesagt, am Samstag ziehe ich mein schwarzes Kleid an, es ist sehr schön gemacht. Donnerwetter, wenn du nur bei mir wärst, mein ich wollte dir deine Grillen austreiben, durch Allerlei Schnurren u. Schnaggen u. Possen und Rosen u. s. W.
Neues Ib. Kind weis ich dir nicht viel. Kunz Fanny ist in Freiburg, als Ladenmädchen, warum sie von daheim fortging od. mußte, laßt sich leichter mündlich erzählen, als schriftlich.
Reichen habe ich (eigentlich: mich) nie eingeladen dieses Jahr, aber Vater haben sie schon eingeladen, so viel ich gehört, will ja Klara kommen, horche auch droben, sage du gehest auf Fastnacht herunter, ob sie nichts sagen zu dir, bitte aber nenne meinen Namen nicht. Ich weis jetzt also nicht kommt eine od. nicht, od. wann, od. wo, od. wie, hast gehört sage einmal so etwas droben, schreibe mir dann, was sie gesagt haben. Schreibe mir auch die nächsten Tage. Elise hätte ich auch geschrieben, aber da sie fort ist, finde ich es für unnöthig. Sage ihr ich laße sie grüßen u. s. w. Ob keine Aussichten hier sind fragst du mich, ha für dich gibts vielleicht schon, für mich ist’s wirklich nichts.
Liebe Mary schreibe mir auch recht bald u. auch viel geld! Ich freue mich auf die Fastnacht, sonst sage ich jetzt Nichts mehr. Grüße uns herzlich Onkel u. Kätherlein u. auch glückseliges Neujahr, hast’s gehört? Schreibe mir auch bald. Denke am Samstag um 8 Uhr jetzt geht sie auf’s Kränzlein.
Herzliche Grüße u. Küße nehme im Geiste entgegen von deiner A. R.
Wie viele Neujahrs-Karten werde ich noch bekommen 1 od. O thut nichts.
Wie viele erwartest du? 5 od. 11!
Xaver Reich
Josefa Reich, geb. Elsässer (1823-1900)
Mit „Reichen“ ist die Familie von Xaver Reich gemeint. (siehe oben)
Xaver Reich (Franz Xaver 01.08.1815-08.10.1881) und Josefa (1823-19.11.1900) Elsässer hatten 5 Kinder:
Berthold Lucian Joseph Reich geboren am 01.06.1844 in Karlsruhe Maria Josefa Amalia (21.1.1848 verheiratet 08.03.1866 mit Karl Eschborn), Mary (Amalia Maria Anastasia 23.09.1850-22.10.1939), Klara (Klara Mathilde 27.11.1852-?), Karl Guido (14.11.1858-?), ausgewandert in die USA Amelie ( Amalia 25.12.1860-31.8.1955)
„Die Reichen“ war sicher auch so gemeint, da Xaver Reich es zu deutlichem Wohlstand geschafft hatte und seine Töchter von den Cousinen wohl etwas „abgehoben“ waren. Deswegen auch oben: „Wird J. R. das Mädchen heiraten? Ein Schlag für seine aristokratische Frau Mutter.„
Über Karl Guido Reich geboren am 14.11.1858 in Hüfingen, heiratet Josephine (Sophia) Kirchler geboren am 15.12.1864, gestorben in New Jersey am 24.10.1926. Auswanderung nach Amerika. 5 Kinder
Rastatt, den 4. 1. 1877
Erwählte, einzige Freundin meines Herzens!
Habe dir zu vermelden, daß den 21. d. M., also nächsten Samstag über 14 Tage, ein Maskenball ist u. gleich hernach einige Kränzchen, vielleicht ist vorher auch noch Etwas. Ich bin nun der Ansicht, daß du bis 21. kommen sollst, denn speziell nur der Fastnachtsvergnügungen wegen hierher zu kommen währe Thorheit, denn über Fastnacht ist rein gar nichts hier.
Richte es also so ein, daß du im Verlauf von 8 Tagen kommen kannst, dies liegt doch gewiß im Bereiche der Möglichkeit, aber nicht ausser den Grenzen deines Willens. – Von Reichen wird keines kommen, wenn Mary krank ist. Wie geht es ihr? Warum thun sie so geheimnisvoll mit ihrer Krankheit?
Schreibe mir sobald du kannst, ob du jetzt kommst, oder erst später, ich rathe dir komme jetzt.
Deinen weißen Schleier kannst du hier schon brauchen, sogar sehr gut. Meine geringe Persönlichkeit hat noch nie einen weißen Schleier getragen, wird auch keinen tragen, da dies zu nobel für mich wäre, schwarze Schleier habe ich auf dem Sonntags u. Werktagshute. Was ich zu Weihnachten bekam will ich dir zeigen wenn du in meinem Zimmer stehst. Ach Gott, wenn du auch in meinem Zimmer bist, welch köstlicher Spautz!
Schreibe mir doch auch gleich, zugleich wann du kommst, damit ich wischen kann u. Spinnbobeln weg thun kann u. was drum u. dran hängt. Herr Gott Salon!
Nehme auch viele und 1 helles Kleid mit. Boa u. Muff, Hut u. Schleier u. deine Uhr u. was drum und dran hängt. Schreibe mir also recht bald. On, wie, wann u. u. u. du kommst.
Tausend Grüße u. Güse empfangen im Geiste von deiner dich sehnlichsterwartenten A. R.
Jaso, meine Ib. Eltern danken ? für deine lieben u. gutgemeinten Glückwünsche u. ich danke a recht schön dafür. Gruß von Mammale u. sollischt au bald kumme.
Auf baldiges Wiedersehen.
Grüße an Onkel und Käthchen.
Rastatt, im Mai 1877.
Meine liebe Marie! Wie ergeht es dir liebe Mary? Bist du immer gesund und munter? Was ist deine Hauptbeschätigung? Im Garten wirst du die goldene Zeit des Wonnemonats meist zubringen und die Kinder Floras hegen und pflegen, In dieser Arbeit beneide meist dich wirklich. Welche Wonn, welche beseligende Empfindung, in Gottes prachtvoller Natur beschäftigt zu sein, in diesem Monate, da ja alles grünt und blüht! O, Wonn! O, seliger Genuß!
Nacht ihr keine Maientouren? Dieses Jahr macht ich noch nicht ein einzige, kam ganz gewiß auch nicht dazu. Ist ?..
Mit wem macht Ihr diese diese gottvollen, seelen- und herzerquikenden Vergnügungen? Elise mit R. F. und mein Marichen mit J. St. den daß Ihr zwei Euch wieder gefunden, spüre ich in allen Gliedern, od. ists das nicht, ists sonst ebes intressantes mit dir. Nicht nur am Tage, sondern in der Träume Stille umkaugelt mich dein Ib. Bild. Schon oft wenn ich selig, allem menschlichen Treiben entrückt, in Morpheus Zauberarmen ruhte, riß mich ein Traumbild wieder in die Wirklichkeit zurück, was war es für ein Traumbild? Mir träumte: „Meine Mary sei soeben in Rastatts kugelfesten Mauern angekommen, ich bin ganz überselig, ich führe sie in unserer schönen Wohnung herum, ich gehe Arm in Arm mit ihr auf den Murgdamm bummeln u.s. w. auch kommt es oft vor daß ich dir eine Schüssel unterheben muß, warum, ha aus einem gewißen Grunde. Doch liebe Mary allen Scherz bei Seite, kein Tag vergeht an dem ich nicht fortwährend an dich denken muß. Doch soweit ich dich kenne, glaubst du mir dieses offene Bekenntniße nicht, u. es ist denoch so. Ach liebe Mary, warum kamst du nicht an Fastnacht? Warum nicht jetzt erst, o ich könnte rasend werden wenn ich daran denke, wie schön wie gottvoll hätten wir es auch da, in jeder Beziehung, warum mustest du auch noch einmal in jene mölankolische Wohnung kommen! Mir gruselt es eiskalt den Rücken herauf wenn ich an unsere erste Logis denke.
Meine einzige Freude und Ermunterung ist das Wohlbefinden meiner Ib. Eltern u. unsere schön unterhaltende Wohnung. Zu erzählen hätte dir schon einiges, aber schreiben? nun dadurch würde ich deine Geduld einer zu harten Probe unterwerfen. Von Elise hätte ich dir auch einiges mitzutheilen, gewiß würdest du mir bei Ihrem Roman gerne zuhören. Frl. Fanny Kunz ist auch wieder hier, hat einen Zahlaspiranten.
UI. kommt jede Woche einmal zu unseren Herren-Buben hinauf, ich gehe ihm jedesmal aus dem Wege, so gut ich kann, was ihm jedenfall sehr angenehm ist, er kam in eine unangenehme Geschichte hinein mit einem Offizier und zwar auf offener Straße, ich bin sehr begierig, wie das Ende abläuft, er zeigte es beim Direktor an. Habt Ihr auch immer so unbeständige Witterung? Wirklich ist der Himmel wieder ganz mit Regenwolken angefüllt. Morgen ist Fronleichnams-Fest. Ach Gott! Selige Erinnerung aus meiner Kinderzeit! Wenn ich morgen nur einer Prozeßion beiwohnen könnte, wie du weist, haben die Rastatter diesen schonen ehrwürdigen Brauch abgehen laßen. Denkst du auch an jenen Fronleichnams-Tag als du hier warst, weist wir machten morgens eine Maientour, von der wir im höchsten Grade Herzerweiterung bekamen.
liebe Mary ich habe eine junge, wilklich fabelhaft gescheidte, unglaublich schöne Katze, of wenn wir so allein beisammen sie ermüdent ihr Köpfchen auf meinen Schoß legt, erzähle ich ihr als von dir, und herzerweichend ?rührend anzusehen, laufen ihr als die hellen Thränen über ihre behaarten Wangen, besonders wenn ich als an die Stelle komme, wo wir an einem Sonntagnachmittage so sehnsuchtsvoll im Engel in Niederbühl im oberen Stocke umherschoßen.
Liebes Kind sind die erinnerungsreichen Momente bei dir bald herum? Bei mir gehen sie Gott-Straß erst recht an, Herr Gott Salon. Donnerwetter der Kerl.
Nicht wahr liebe Mary, du vergißest mich nicht, auch wenn du dich in deinem gewünschten Elisium befindest!
Wenn du nur halb soviel an mich denkst, wie ich an dich, dann bin ich befriedigd, dann bin ich’s zufrieden. Was macht auch Fritschi’s Schubladenzieher? Er komme nach Karlsruhe als Grenadier.
? ja schon wieder ein neues Kleid? Ich bekomme keines, ich veränderte mein vorigjähriges, ich macht selbst Bolenfransen daran, die kolossal schön sind, wenn ichs anziehe springt mir als immer unsere Katze nach, vor lauter Blesier, die sie an den Bollen hat, wenn dus nur sehen köntest, du wirdest gewiß heulen.
Bitte gute Mary, schreibe mir auch recht bald.
Viele Grüße von meiner Mutter
Herzliche Grüße und Küsse (im Geiste) von deiner dich liebenden Anna.
Rastatt, im August 1877
Meine liebe Mary!
Je länger ich zög’re einen Brief zu beantworten, desto schwerer finde ich einen Anfang dazu, wenn ich ihn endlich einmal beantworten will. Schon volle 10 M. sitze ich hier über Papier und Feder gebückt und suche und hasche nach einem, wenn nicht zischen, so doch ordentlich geschriebenen Anfangs-Satze. Und nun ich mit meinem, zwar nicht schmeichelhaften Bekenntniße den Anfang machte, ist mir geholfen. Ich will nun versuchen, was ich weiß nach einander dir Ib. Mary herzudiktiren.
Gesund und wohl verlaufen mir die Tage sehr ruhig und einsam. Ich bin immer zu Hause die ganze Woche, gehe regelmäßig, Montag, Donnerstag und Samstag auf den Wochenmarkt, kaufe da ein was notwendig ist u. gehe wieder nach Hause, da ich nie od. höchst selten eine von meinen Freundinnen dorten treffe, da dieselbe die Einkäufe durch ihre Leute besorgen laßen. Sonntag’s ist mein erster Ausgang in die Kirche, woselbst sich mein Gemüth u. meine Seele erhaben fühlt.
Trotz zwischen Elise und mir noch die alte Freundschaft besteht u. wir einander noch von Herzen gut sind, komme ich höchst selten zu ihr, voriges Jahr um diese Zeit verstrich kein Tag, das wir nicht beieinander waren, warum Ib. Mary, diese Frage ist sehr inhaltsschwer für Elisen auf ihr künftiges Glück od. Unglück wirkent. Wenn ich dir’s mündlich erzählen könnte –
Doch genug von diesem. Ludovica kommt auch selten, eben auch darum. Zu Späthen komme ich sehr wenig. Mary erzählte mir letzthin Sch. sei als Leutnant hier gewesen, also seit Fastnacht schon drei mal und ich habe ihn noch nie gesehen, sehne mich auch nicht mehr nach seiner holden Gestalt. ? ist nach dem er das Examen sehr gut bestanden am Freitag dem 9ten von hier fort. Er kam zu uns um mir adie zusagen, Mutter und ich waren allein zu Hause, Ib.
Mary, wie du weist ist es ja schon lange Zeit mit uns aus gewesen, aber als er kam, um mir Lebewohl zu sagen, fühlte ich, daß er mir noch nicht fremd ist. Stillschweigend und mit abgewandtem Gesicht streckte ich ihm meine Hand hin, ich hörte wie er mit ziternter Stimme sagte: Lebewohl: mehr sah und hörte ich nicht denn ich ging in mein Zimmer und ließ ihn stehn. Mutter sagte mir nachher er währe furchtbar aufgeregt gewesen, er habe ganz gebebt, weist lb. Mary, mir fällt nichts schwerer als ein Abschied u. nicht wahr ein Abschied ist hart, wenn man aber Abschied nimmt für’s Leben, das ist mehr als hart, dafür weis ich keinen Ausdruck. Er kommt nach Würzburg, woselbst er lustig studieren will bis er Amtmann ist, das dies ein Abschied für’s Leben war ist gewiß, denn er sagte zu Fr. Frank, mein Weg führt mich nicht mehr nach Rastatt, er sagte noch vieles zu Fr. Frank. könnte ich dir alles mündlich erzählen, gewiß du bliebst nicht unberührt davon – doch ab davon –
Die vorige Woche hatten wir Besuch von meiner Cousine von Geisingen, ich erfuhr viel Neues von dorten, mitunter sagte sie mir auch, du seist erst mit Fridolin und mit einem kleinen Mädchen (vielleicht Heinemanns Elise) in Geisingen gewesen, Fridolin und du seien ja Brautleute, o ja sagte ich, dieses ist mir nichts Neues, Mary nimmt keinen andern als Fridle.
Donnerwetter!
Wie sieht es auch in euerem Garten aus? Hat Onkel wieder viel Arbeit? Was macht Elise? Wie steht ihre Herzensangelegenheit? Verspührst du keine Herzerweiterungsanfälle mehr? Stein
Ich habe dieses Übel in kolosal starkem Quantum wirklich.
Liebe Mary ich komme wahrscheinlich die nächste Woche ins Oberland, werde aber in Donaueschingen nicht aussteigen, sondern direkt nach Hattingen fahren, woselbst ich einen kranken Schatz besuchen werde. Wenn ich nicht in’s Oberland komme, gehe ich nach Kutzbrunn. – Denke dir Gott-Straß Kunz Fanny ihr Schatz hat sich eine Ader geöffnet, warum er dieses gethan weis ich nicht. Wie geht es Herrn St.?
Was ich zu meinem Namenstage bekam ist folgendes: 2 ? , 2 paar schöne Glacehandschuhe, von Elise ein prachtvolles seidenes Hemd, wie beiliegendes Müsterchen zeigt, weiter 1 ? u. noch viel Gratulationskarten. Doch würde ich meinen vorigjährigen Namenstag dem diesjährigen vorziehen – Grüße mir alle deine Freundinnen Mary, Elise und Stanni u. Babete u. s. W. s‘Kätherli grüß mir ganz besonders und morgen komme ich ? Dialekt – Scherz
Bitte sei do gut und schreibe mir so bald dir’s möglich ist u. recht viel.
Sei herzlich gegrüßt von deiner dich aufrichtig und treu liebenden
Cousine Anna
Herrn Förderer sehe ich jeden Tag, schade das du mich nicht bist. Emil ist in Hagenau auf 6 Wochen
Rastatt, im Dez. 1877
Meine theure Cousine!
Du hattest ganz recht als du schriebst, ich wäre dir schon lange Antwort schuldig, obwohl ich mich dieser Nachlässigkeit selbst anklagte, finde ich doch ein Wort der Entschuldigung, indem ich immer dachte, mein Mariechen hat jetzt wieder andere Sachen zu denken und zu sinnieren als an seine Rastatter Cousine zu schreiben, und ihre interssantlosen Briefe zu lesen.
Um so mehr freute es mich deswegen daß du trotzdem doch noch Briefe von mir verlangst, die Folgerung hiervon muß sein, das du doch noch ein klein wenig an mich denkst.
Aber Ib. Kind was habe ich Elise geschrieben? Über welchen Punkt soll ich dir Aufschluß gegeben? Was Ihr für zwei Tropfen seid ist mir unerklärlich, du schreibst nicht von Ihr, und Sie nicht von dir u. trotzdem weiß ich doch Alles von Euch beiden.
Warum hast du mir nicht einmal schreiben mögen, daß Elise in Karlsruhe war u. warum hat sie nicht aussteigen mögen hier, du bist schuld, du wirdt zu ihr gesagt haben, a was du brauchst nicht zu dieser, kannst zu Elise sagen ich habe vor Zorn geweint, als ich erfuhr, daß sie noch nicht einmal so viel Takt habe, wenn sie hier durchfährt u. mich noch nicht einmal besucht, eine Schande ist es. O wer weiß ob du nicht auch schon hier durchgefahren bist, ohne mich zu besuchen, wer weiß wer Natürlich seitdem man wieder in Besitz ist von Herrn St. Photographie denkt man nicht darüber hinaus, ja jener Ball, war halt doch günstig, halt so, für Elise soll er auch sehr günstig gewesen sein, habe ich gehört. War Frl. Kleinler Mary nicht dort?
Bitte richte einen Gruß aus, von meiner Cousine Auguste an oben genanntes Frl. sie lernten sich in Freiburg kennen. Am Sonntag war ich auf einem Kränzchen woselbst es mir so ordentlich gefiel…
(schwer leserlich)
An Weihnachten komme ich sehr wahrscheinlich ins Oberland, da ich mit meiner Cousine Auguste muß, vielleicht komme ich auch auf einen Tag nach Hüfingen. Ich freue mich ? bis ich dich wiedersehe und mit dem Glauben komme, du hast mir gewiß vieles zu erzählen, trag es immer zu Herrn St. er dürfe mich nicht mehr ?
?
Auch bin ich nicht im Stande heute einen ordentlichen Brief zu schreiben.
Grüße von uns allen besonders von deiner dich von Herzen liebenden Cousine
Anna.
Baldige Antwort. Ich bin geistig und körperlich phlegmatisch
ohne Datum
Meine liebe Marie, du must mir glauben, das ich oft nicht mehr weiß, was ich thue, ach du bist glücklich zu schätzen gegen mir, allerdings haben dich die Ereigniße letzerer Zeit auch arg angegriffen, aber dir nur Zorn bereitet, den man eher vergesßen kann, als ein verlorenes nie mehr ersetzendes Lebensglück, wie das Meine, doch ich will enden davon u. nie mehr seiner erwähnen, aber glaube mir, wenn ich mir den Zwang auch anthue heiter zu scheinen, es ist nur eine Maske, hinter der ein Herz schlägt, das nichts mehr von Fröhlichkeit u. Vergnügen wißen kann.
Ich will dir nur einiges von meiner Geistesabwesenheit mitteilen. Vorgestern habe ich anstatt das Kaffemehl Eimerweiß in den Kaffe geschüttet, was es für eine Brühe war, kannst dir denken, gestern morgen hat Mutter Bohnen abgethan u. zu mir gesagt wenn sie weich sind thust’s raus, hast’s gehört, ja sagte ich als sie fort war wußte ich Nichts mehr davon, ich nahm in Gedanken den Kessel samt den Bohnen u. schüttete sie den Schüttstein ab, in der Meinung es sei nur Wasser, was Mutter dazu sagte will ich verschweigen, sie fragt alts mich nimmts nur Wunder an was du auch denkst, ja denke ich als ich weiß an was.
Bitte schreibe bald wieder, sei unterdeßen herzlich geküßt u. gegrüßt von deiner auf dich trauenden Anna.
Marie Heinemann war die einzige Tochter von “Lisette” Reich. Die Schwester von Lucian Reich Elisabeth Heinemann (15.12.1819 – 22.06.1871) .
Rastatt, den 18ten Okt. 1880
Meine liebe Marie!
Verzeihe wenn ich dich so lange auf einen Brief warten ließe, jeden Tag nahm ich mir vor, dir zu schreiben, kam aber nie dazu, warum? ich weis es selbst nicht. Ich bin noch nie ruhig und gefaßt zur Überlegung, ich weis nicht gut Marie was ich dir über meinen frühern Plan und Wunsch weiter schreiben soll, oft hab ich Stunden in denen ich dich liebe Marie so sehnsüchtig herbei wünsche, ? sehnlicher als wenn ich allein am Grabe, auf dem Flecken Erde stehe, daß mein Alles, Alles birgt, o Mutter, o Mutter; glaubst du ich störe ihre Ruhe wenn ich sie oft besuche mit ihr spreche u. um sie weine?
Dann habe ich aber auch wieder Stunden in denen ich Niemand um mich haben möchte, einsam dem Schmerze nachhängen ist zu Zeiten lindernd. Sei mir nicht böse, ich kann ja nicht dafür.
Daß es sehr einsam, traurig bei uns ist wirst du begreiflich finden, ich möchte zu Niemand gehen, am Grabe meiner Mutter fühle ich mich am wohlsten. O, ich komme oft nicht über den Gedanken hinaus, keine Mutter mehr; fort ohne Abschied u. wir sehen uns doch so lange nicht mehr, todt, todt ist sie, sie gibt mir keine Antwort mehr wenn ich am Grabe bei ihr stehe, u. mit ihr spreche, sie plauderte als doch so viel und so gerne mit mir, besonders das letzte Jahr; den Sommer 1880 vergeße ich nie, o Gott was ist das Leben, ein eitler Traum, alles vergänglich, nichts bleibt, als die Verdienste um den Himmel, u. wie saumselig, nachlässig ist man um dies.
Gott hilf mir, stehe du mir bei, führe mich bald zu meiner Mutter, hole mich dahin zu ihr, wo es keine Trennung mehr gibt.
Könntest du liebe Marie nicht über Allerseelen kommen, o bitte wenn möglich, laße mich die erste Allerseelen nicht allein an ihrem Grabe stehen, ich weiß das Grab deiner eigenen Mutter hält dich zurück, aber bei dir ist’s nicht der erste Allerseelentag, komme also wenn möglich über Allerseelen, wenn du nicht kommen kannst oder willst, wenn ich diese Tage allein sein muß, will ich’s die anderen auch sein, Gott unser gerechter Gott wird mir beistehen, mich nicht verlaßen.
Mit größtem Bedauern erhielten wir die traurige Nachricht von Onkel und Berthold’s Erkrankung, wie geht es ihnen? Ist auch eine schwere Heimsuchung Gottes, doch es kommt von Gott, der Mensch muß sich fügen. Herzliche Besserung wünschen wir für beide. Onkel hat einen Schachteldeckel zurückgelassen, er schrieb kürzlich darum, wenn du kommst, kannst du ihn mit nehmen, andern Fall schicken wir ihn per Post, nicht wahr, nächstens erhalte ich Bericht von dir, und zwar ganz bestimmt ob und wann du kommst. Herzliche Grüße an die Familie Reich, nochmals von Herzen gute Besserung für die Kranken,
Amelie habe ich auch geschrieben, was weiß ich nicht mehr, ich bin so vergeßlich.
Auf baldiges Wiedersehen, sage ich zuversichtlich liebe Marie! Gruß an Onkel u. Kätherli von Vater und deiner trauernden Anna
Heute erhielten wir von Karlsruhe die Nachricht, daß Alssermanns Mathild ein Mädchen hat. Schreibst du mir bald?
Gruß und Kuß von deiner Anna.
Rastatt, im Dez. 1880
Meine liebe Marie!
Ganz einsam sitze ich am Tische, um bei dem trüben Lichte der Lampe an Dich zu schreiben. Ich weiß nicht liebe Marie ist das Licht trüber wie sonst, od. sind’s meine Augen, es ist alles so trübe, so ganz anderst, meine Mutter hat so vieles mit genommen, gute Mutter hörst du mich nicht mehr? Niemand hab ich mehr, mit dem ich von Herzen reden kann, o ich hätte meiner Mutter so vieles zu sagen, aber ich finde sie nicht mehr, sie ist fort, liebe Marie zwei schwarze Männer trugen sie hinab, das sah ich u. mehr nicht. Nach einigen Tagen führten sie mich auf den Gottesacker, an einen frisch aufgeworfenen Grabeshügel, sie sagten nicht hier unten ruht sie, mein Herz sagte es mir, hier unten in Gottes Erde liegt sie kalt und unbeweglich, o theurer Flecken Erde, es ist so ruhig dort oben, wenn ich am Grabe meiner Mutter stehe ist mir immer als hörte ich sie sagen, weine nicht, blick aufwärts suche Trost bei dem der Vater aller Waisen ist, u. gewiß liebe Marie Menschen mit ihren leeren Worten haben mir noch ein Trost, noch ein Beruhigung gegeben, nur der, auf den ich meine ganze Hoffnung setzte, Gott der Barmherzige erbarmt sich meiner, er gibt mir Trost, o wie wäre jetzt mein Leben, ich müßte ja verzweifeln, wenn nicht ein guter Gott sich meiner annehmen.
Wie thöricht ist der Mensch der nur nach Zeitlichem, nach Unbeständigem jagt u. ringt, was ist eigentlich das Leben? Wie schnell ist’s dahin, wie bald wird die Zeit da sein wo auch mich schwarze Männer hinab tragen um mich der kühlen Erde zu übergeben, wenn ich nur neben meine Mutter käme, wirst du auch meinem Sarge folgen? Wird auch jemand um mich weinen?
O, Gott sei mir gnädig!
Wäre das Unmögliche möglich, könnte ich meine vergangenen Jahre nochmals durchleben, wie vieles würde ich anderst machen, wie vieles mit anderen Gedanken beginnen, Gott nur du verstehst mich, nur zu dir kann ich reden. Es ist mir Alles wie ein Traum, meine Mutter ist mir wie eine Traumgestalt, du Ib.
Marie u. Alle die mir einst so lieb und theuer waren, Alle mit denen ich so gerne verkehrte, es ist mir als träumte ich immer fort, seit dem Tode meiner lieben Mutter, Mutter o Mutter!
Weihnachten ist vorbei, stille doch mit Gottes Hilfe nicht so traurig wie ich fürchtete sind die Feiertage bei mir herumgegangen. Bei dir liebe Marie? Wann werde ich dich wohl wieder sehen? O ein trauriges Wiedersehen wird es sein, nicht wie früher.
Vielleicht kommen wir im Sommer hinauf, Vater meint es wäre besser für mich, ich glaube nicht, ich kann doch nicht so weit vom Grabe meiner Mutter, gestern Abend spät war ich auch bei ihr, ich fürchte mich Nachts nicht mehr auf dem Friedhofe, ich bin ja bei meiner Mutter, was soll ich fürchten, schaudrig sei es Abends droben sagen die Leute zu mir, was mir einfalle, o ich find nicht.
Liebe, gute Marie so gerne würde ich dich wieder sehen, ach so gerne, und doch fürchte ich mich vor unserem ersten Wiedersehen, ich weiß nicht wie es noch kommt, o Mutter, liebe gute Mutter.
Vater ist gesund, Gott sei Dank, er ist recht zu bedauern, er hatt’s recht langweilig, langweilig find ich’s nur, wenn ich mit jemand reden soll, ich bin am liebsten allein. Bitte recht bald zu schreiben gute Marie. Grüße uns recht herzlich d. Ib. Vater u. Kätherlie, das mir auch wie eine Nebelgestalt vorkommt, du auch, alle Bekannten.
Baldiger Antwort entgegensehend küßt und grüßt dich herzlich deine
Anna.
Reich’s schreiben uns nicht
Am 19.September 1881 heiratete Maria Josepha Heinemann den Kaufmann Joh. Karl Nober (11.04.1850-11.12.1920)
Marie Heinemann und Joh. Karl Nober. (Aufnahme nach der Hochzeit)
Im August 1881
(„laut Poststempel, der Brief selbst ist nicht datiert„)
Liebe gute Marie!
Hälst du deinen Vorwurf gegen mich noch aufrecht, wenn ich dir sage daß ich für die damalige Zeit unzurechnungsfähig war? Sieh‘ Ib. Marie ich weiß damals habe ich oft Briefe geschrieben, daß was sie enthielten jedoch weis ich nicht. Der Todt m. guten Mutter hatte mir doch so sehr zugesetzt dass ich lange Zeit für nichts mehr verantwortlich gemacht werden konnte. Wenn man der Sache nachspüren wollte liegt vielleicht in deinem Vorwurfe blos eine Beschönigung od. Deckmäntelchen für deine eigene Sünde, gelt du hast eingesehen dass du mich trotz Brautstandes zu sehr vernachlässigt hast, gelt es grübelt dir? Natürlich war meine Ib. Marie zu stolz um dies‘ zu gestehn gelt so ist’s?
Das ich dir nie zürnen kann, davon hättest du dich nach geringer Mühe schon längst überzeugen können.
Bei deiner Einladung magst du vielleicht richtig vorausgesetzt haben, daß ich derselben nicht nachkommen kann, denn wie du weist ist ja im Sept. u. zwar Mitte Sept. der Todtes-Tag v. m. seligen Mutter, ich bin mit Gottes Gnade ruhiger geworden, aber September ist u. bleibt für mich ein traurig stimmender Monat. Wie könnte ich in dieser Zeit an einer Hochzeit Theil nehmen, meine gute Marie, dies ginge über meine Kräfte.
Vater meinte auch ich habe schon früher sollen nach Geisingen u. einige Tage nach Hüfingen, aber ich kann nicht ich bin an Rastatt gefesselt, es hält mich mächtig zurück
Ach Ib. Marie es kam so ganz anders als wir’s uns zusammen ausgemalt haben, wenn man uns damals gesagt hätte, ich wäre an deinem Hochzeitstage nicht zugegen was hätten wir auch geantwortet? Im Geiste Ib. gute Marie bin ich bei dir, an diesem so ernsten, wichtigen Tage, ich will beten für dich.
Das du mir den Tag bestimmtst ist selbstverständlich. Am Ende führt Euch Eure Hochzeitsreise nach Rastatt? Wie wäre das? Bitte lege dies dem Herrn Bräutigam vor, o Ib. Marie komme ja ja! Erfülle mir doch eine Bitte in d. Leben kommet.
Elise kann ich nur von Herzen bedauern. Gottes Segen gute Marie zu deinem Vorhaben, vergeße nicht zu beten. Wie gerne ich mit dir plaudern möchte kann ich dir nicht beschreiben. Kommt ihr?
Herzliche Grüße an Alle von Vater und deiner dich treu liebenden
Anna
an den Rändern: Wann schreibst du mir wieder? Nächstes Jahr um diese Zeit? Na gibt’s eine Fehde? Kommt ihr? Ich sehe Euch schon im Geiste. Eine Empfehlung an den Herrn Bräutigam
Als wir 2011 aus den USA nach Hüfingen kamen, sagten uns die Einheimischen, dass der Bolzplatz hinter der Kirche Schari heißt.
Das ergab für mich als Villingerin durchaus Sinn. In Villingen gibt es schließlich den Latschariplatz – und Latschari ist ein alemannisches Wort. Im alemannischen Wörterbuch von Rudolf Post und Friedel Scheer-Nahor wird mit Latschariplatz ein Ort bezeichnet an dem sich die Eckensteher treffen.
Das Gelände an der Hohenstraße gehörte ursprünglich zu Mariahof. Es bestand aus Garten und Sportplatz und wurde 1969 von der Stadt Hüfingen erworben.
In der Chronik heißt es:
Die Stadt konnte den Sportplatz samt dem Garten 1969 mit einer Fläche von 9492 m² à 11 DM und somit für 104412 DM erwerben.
Von einem Herrn, der damals für Mariahof gearbeitet hatte, weiß ich, dass der Platz schon zu dieser Zeit Schari genannt wurde. Und damit sind wir bei der entscheidenden Frage: Der Sportplatz, der später zum Bolz- und Spielplatz wurde, hieß damas Schari und irgendwann tauchte Scherri auf.
Heute gibt es darüber einen kleinen Hüfinger Namenskrieg – und natürlich weiß jeder ganz genau, welche Variante die einzig richtige ist.
In Google Maps steht heute ‚Spielplatz Scherri‘. Scherri lässt sich seit 2009 in OpenStreetMap nachweisen. Dort wurde der Spielplatz als ‚Scherri‘ eingetragen und zwar von von einem Nutzer namens “Sprühwurst”. Der Eintrag ist also keineswegs eine Erfindung von Google Maps.
Screenshot aus dem Verlauf von OpenStreetMap
Die Bürgerinfobroschüre der Stadt Hüfingen von 2015 nennt den Platz ausdrücklich: „Schari“ in der Hohenstraße in Hüfingen.
Diese Broschüre ist übrigens ohnehin bemerkenswert. Sie stammt aus einer Zeit, in der die Stadt auf ihren eigenen Seiten noch sichtbar Wert darauf legte, Geschichte und Stadtentwicklung zu vermitteln. Für mich war das eine der letzten wirklich gelungenen Hüfinger Informationsbroschüren vor dem kommunalpolitischen Bruch von 2016.
Bis heute ist Schari keineswegs verschwunden. Die touristische Seite der Region führt den Platz als „Spielplatz ‚Schari‘ in der Hohenstraße in Hüfingen“ und verweist für weitere Informationen auf die Stadt Hüfingen.
Des Weiteren steht im Hüfinger Haushalt unter der Nummer 42110000: „Unterhaltung der Grundstücke und der Gebäude, Hütte Spielplatz, Schari und Schrebergarten (baulichen Anlagen)”.
Seit wann das so im Haushalt steht, weiß ich nicht, da mir die historischen Haushalte nicht vorliegen. Offenbar ist die Bezeichnung dort aber schon ziemlich lange verankert.
Also: Scherri ist eine tatsächlich gebrauchte Bezeichnung. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Gerade Zugezogene orientieren sich heute an Google Maps und nicht unbedingt an der Website der Stadt. Aber daraus folgt noch lange nicht, dass Schari falsch ist.
***Nachtrag am 26. August 2026: Durch Zufall habe ich heute gesehen, dass bei Google Maps inzwischen Schari steht. Ob das ein Resultat dieses Beitrags ist? Keine Ahnung. Auffällig ist jedenfalls, dass der Artikel aus mir unerfindlichen Gründen unglaublich viele Zugriffe hat – und das innerhalb von gerade einmal sechs Tagen. Vielleicht ist gerade Sommerloch. Geschimpft habe ich auf Hieronymus schon sehr oft, ohne dass es eine solche Resonanz gegeben hätte. Eines kann ich jedenfalls versichern: Ich war es nicht. Ich habe Google Maps nicht geändert.
Und dann kommt die Kommunalpolitik ins Spiel
Besonders bemerkenswert finde ich deshalb, dass ausgerechnet aus dem Umfeld des „Freies Forum Hüfingen“* nun so selbstverständlich von „Scherri“ gesprochen wird. Vier Bürger wurden 2025 vom Gemeinderat für die Entwicklung des neuen Stadtlogos ausgewählt. Zwei davon kamen von der Liste des „Freies Forum Hüfingen“* aus dem Jahr 2024. Das wäre an sich noch kein Problem.
Problematisch wird es dort, wo Menschen, die sich bislang nicht gerade durch besondere Kenntnis der Geschichte dieser Stadt hervorgetan haben, plötzlich über sie mitentscheiden dürfen – und diese Gelegenheit nutzen, ihre eigene Vorstellung von Geschichte zur Wahrheit zu erklären.
Denn der Name Schari steht nicht irgendwo in einem alten privaten Notizzettel. Er steht in einer städtischen Broschüre, in touristischen Angeboten und – offenbar schon mindestens seit Knapps Zeiten – im Haushaltsplan der Stadt mit der Bezeichnung „Hütte Spielplatz, Schari und Schrebergarten“.
Man könnte also durchaus erwarten, dass ein Gemeinderat, der sich mit dem Ort beschäftigt, diese Bezeichnung kennt. Zumal derjenige, der das Wort „Scherri“ nun besonders eifrig verwendet, inzwischen selbst ganz in der Nähe des Platzes wohnt und sich über die vermeintlich „hässlichen Flächen“ von Natur nah dran aufregt.
Da bekommt die Namensfrage plötzlich eine ganz andere Dimension.
Denn es geht mir längst nicht mehr nur darum, ob am Ende ein a oder ein e steht. Es geht darum, wer eigentlich das Recht haben soll, die Geschichte eines Ortes zu erzählen.
Genau wie beim neuen Stadtlogo scheint mir auch hier ein Muster auf: Erst wird etwas, das historisch gewachsen und den Menschen vertraut ist, durch eine neue Interpretation ersetzt – und anschließend so getan, als sei diese neue Version schon immer die eigentliche gewesen.
Das werde ich beim Schari jedenfalls nicht einfach mitmachen.
Denn ein „Freies Forum Hüfingen“ hat nicht automatisch mit den Bürgern einer Stadt zu tun – genauso wenig, wie vier vom Gemeinderat ausgewählte Bürger automatisch die Deutungshoheit über die Geschichte dieser Stadt besitzen. Und nachdem uns beim neuen Stadtlogo bereits eine antike Besatzungsmacht als vermeintliches Symbol unserer Geschichte verkauft wurde, muss man sich offenbar langsam auch um die kleineren Dinge kümmern:
Vielleicht sollten am Ende auch gar nicht die Erwachsenen entscheiden, wie dieser Ort heißt.
Seit mindestens einem halben Jahrhundert geben Erwachsene diesem Platz Namen, schreiben sie in Karten, Broschüren und Haushaltspläne und streiten darüber, welcher davon der richtige ist.
* Bürgerforum wurde nach einem Kommentar durch „Freies Forum Hüfingen“ ersetzt.
Vielleicht ist es an der Zeit, die Kids zu fragen.
Wenn dort ihre Hütten neu entstehen, könnten sie ihrem neuen, alten Ort selbst einen Namen geben.
Die Hütten auf dem Schari gehören schließlich ihnen.
Und noch ein kleiner Nachschlag für die alten Hüfinger
Weil wir schon bei Mariahof sind, darf dieses Stück Hüfinger Geschichte hier eigentlich nicht fehlen: Der Hof gehörte ebenfalls zu Mariahof und wurde im Juli und August 2016 abgerissen.
Für die Schari-Frage ist das jetzt nicht mehr wichtig. Aber für alle, die sich noch an das alte Hüfingen erinnern, sind die Bilder vielleicht doch interessant.
Mein Vater hat die Fotos damals beim Abriss gemacht:
Wer heute über Hüfingen spricht, spricht gern von den Römern und neuerdings schmückt sogar der Kopf eines römischen Soldaten das Stadtbild.
Nur: Brigobanne, Brigobannis und Brigobanna war kein römischer Name.
Der antike Name des Kastells und der dazugehörigen Niederlassung lautete Brigobanna – wie Paul Revellio schon 1937 schreibt: „ein Name keltischen Ursprunges“. Auch die sprachwissenschaftliche Forschung führt den Namen auf das keltische brig-/briga für Höhe, Berg oder Anhöhe zurück.
Unmittelbar neben dem römischen Kastell liegt das Ziegeleschle. Die dortige Rettungsgrabung hat 2025 eine Siedlungsgeschichte sichtbar gemacht, die mindestens 4500 Jahre zurückreicht. Schon am Ende der Jungsteinzeit, fast 3000 Jahre vor Christus, wurde dort gesiedelt; weitere Nutzungen reichen über die Bronzezeit bis in die römische Zeit und weit darüber hinaus.
Die Geschichte dieses Ortes beginnt also nicht mit den Römern.
Und auch der Name Brigobanna erzählt eine ältere Geschichte. Die Römer haben ihn nicht erfunden. Sie haben offenbar einen bereits vorhandenen keltischen Namen übernommen und in ihrer eigenen schriftlichen Überlieferung hinterlassen. Auf der Tabula Peutingeriana erscheint Brigobanne als Ort an der Römerstraße.
Lucian Reich, der 1860/62 die „Geschichte der Stadt Hüfingen“ schrieb, hatte jedenfalls keinen Bedarf an einem romantischen Römerbild. Im Gegenteil. Er spricht von den Römern als „romanischen Verdrängern“, deren Verwaltungsbeamte sich „auf Kosten der Bevölkerung … blutsaugerisch zu bereichern strebten“. Und über die späteren germanischen Bewohner schreibt er:
„Wie sehr auch unsere germanischen Stammväter die Römer und ihre Zwingburgen haßten …“
Das ist bemerkenswert. Denn Lucian Reich war kein moderner Kritiker des Kolonialismus, sondern ein Historiker des 19. Jahrhunderts. Trotzdem beschreibt er die römische Herrschaft nicht als idyllische Zeit, sondern als Eroberung und Fremdherrschaft.
Und auch Revellio schreibt wesentlich nüchterner, auch bei ihm sind die Römer zunächst einmal die Macht, die eine bereits vorhandene Landschaft übernimmt. Seine Überlegungen zur möglichen vorrömisch-keltischen Anlage und zum spätlatènezeitlichen Fundmaterial lassen sich nicht einfach unter „römische Geschichte“ abheften.
Natürlich sollen wir uns für die Römer interessieren.
Nur ein römischer Soldatenkopf soll für die Geschichte Hüfingens stehen?
Die Römer haben in Hüfingen Spuren hinterlassen, die archäologisch außerordentlich interessant sind. Das Kastell, das Bad, Straßen, Münzen, Keramik und die vielen anderen Funde gehören zur Geschichte von Hüfingen. Das Problem beginnt dort, wo aus einem Teil der Geschichte die ganze Geschichte wird.
Man nennt das in der Wissenschaft Cherry Picking: Man sucht sich aus einer komplexen Geschichte genau das heraus, was zum eigenen Bild passt, und lässt den Rest liegen.
Hüfingen hat allerdings nicht nur eine einzige süße Kirsche. Es hat eine 5000-jährige Siedlungsgeschichte. Warum also ausgerechnet immer die Römer?
Wer Geschichte wirklich liebt, sollte vielleicht nicht nur die Römer anschauen. Denn Brigobanna war keltisch und Hüfingen hat eine Geschichte, die weit über die römische Besatzungszeit hinausreicht.
Was versteht man unter „Geschichte“?
Im neuen Stadtlogo trägt er jedenfalls einen römischen Helm. Daneben steht: „Wir lieben Geschichte.“
Ja. Aber offenbar nur die, die gut ins Logo passt.
Und ja: Darüber bin ich böse. Nicht nur über das Ergebnis, das ich für eine Katastrophe halte, sondern auch darüber, wie es dazu gekommen ist – und darüber, dass Stadtverwaltung und Gemeinderat diesen Weg gemeinsam gegangen sind und das Ergebnis offenbar für vertretbar halten.
Ich ärgere mich über die Männer, die sich einen feuchten Dreck für Geschichte interessieren und trotzdem bestimmen, wie Hüfinger Geschichte dargestellt wird.
Ich ärgere mich aber genauso über diejenigen, die es ihnen ermöglicht haben. Auch über die Frauen im Gemeinderat, die dieses Ergebnis mitgetragen oder zugelassen haben. Denn ich sehe die Verantwortung für dieses Logo nicht bei einem einzelnen Mann.
Wer in einem Gemeinderat Verantwortung für eine Stadt und ihre Geschichte übernimmt, trägt auch Verantwortung dafür, welche Geschichte diese Stadt von sich selbst erzählt.
Und genau deshalb bin ich so pissig.
Ich habe mich darüber oft und laut geärgert und damit vermutlich auch schon den einen oder anderen Menschen genervt. Aber nach dem, was ich beim Blick in unsere eigene Geschichte inzwischen wieder gefunden habe, ist mein Ärger nicht kleiner geworden.
Eher im Gegenteil.
Denn wenn wir wirklich sagen: „Wir lieben Geschichte“, dann sollten wir sie auch als Ganze erzählen wollen – und nicht ausgerechnet die Hälfte der Bevölkerung mit einem Männerkopf vor den Kopf stoßen.
Nachdem ich drei Tage nicht mehr dort war, habe ich heute exakt 22 Zigarettenkippen auf den Wegen rund um die Siere gefunden. Alle lagen im dürren Gras.
Das ist nicht einfach nur gedankenlos. Das ist grob fahrlässig, rücksichtslos, asozial und gewissenlos!
Wir haben gerade eine massive Waldbrandgefahr. Überall brennt es – und manche Leute werfen ihre glimmenden Zigarettenstummel trotzdem einfach ins trockene Gras. Und bevor jetzt wieder jemand sagt: „Die Raucher sind halt so“ – nein! Die allermeisten Raucher sind anständig und entsorgen ihre Kippen vernünftig. Ich möchte genau diese Menschen bitten, bei solchen Idioten nicht wegzusehen. Sprecht sie an.
Ein Taschenaschenbecher kostet fast nichts, passt in jede Tasche und verhindert genau diesen Wahnsinn.
Nur gemeinsam können wir verhindern, dass aus einer Kippe ein Feuer wird.
Und unsere Feuerwehr? Die rückt im Ernstfall aus und löscht den Mist – ehrenamtlich.
Vielleicht einfach mal darüber nachdenken, bevor die nächste Kippe ins trockene Gras fliegt.
Liebe Kippenwerfer: Seid ihr eigentlich noch ganz dicht?
Das 1. Fröhliche Hüfinger Kippenpulen
Beitrag vom 26. Oktober 2025
Beim 1. Fröhlichen Hüfinger Kippenpulen hatten die Freunde der Natur Hüfingen schlagkräftige Hilfe von den City Cleaners Germany – Schwarzwald-Baar-Kreis mit Miriam Steup und Georg Bentele aus Bad Dürrheim. Dank ihrer Hilfe ist die Hauptstrasse jetzt kurzfristig hübscher anzuschauen und das Kippenpulen wurde richtig fröhlich. Wir werden es im Frühjahr wiederholen und bis dahin haltet bitte unsere Umwelt sauber!
Miriam Steup, Thomas Kring, Hannah M Jaag, Norbert Deininger, Georg Bentele
Jede einzelne achtlos weggeworfene Kippe verseucht unser Wasser, schädigt Bodenorganismen, tötet Amphibien und Insekten. Die Nanopartikel mit den Toxinen und das Plastik belasten unsere Umwelt dauerhaft.
Hüfingen Kippenfrei!
Hüfingen im Mai 2025
Liebe Hüfingerinnen, liebe Hüfinger,
es ist mir ein großes Anliegen, dass Zigarettenkippen nicht mehr in der Natur und auch nicht auf der Straße entsorgt werden!
Deswegen haben wir ein kleines Projekt mit Taschenaschenbecher gestartet.
Im Rahmen dieses Projektes haben wir Taschenaschenbecher auf einschlägigen Bänken verteilt. Diese dürfen gerne gefüllt oder auch mitgenommen werden.
Des weiteren gibt es unser Taschenaschenbecher zu verschenken:
Genaueres kann man auch auf der Webpage der Freunde der Natur Hüfingen nachlesen: Hüfingen kippenfrei
Vorher, währenddessen und auch nach dem Rauchen: Menschen, Amphibien, Fische, Insekten, Pflanzen – alles Leben wird beeinträchtigt. Bitte haltet unsere Umwelt gesund!
Teer verklebt die Flimmerhärchen in den Atemwegen und der Lunge. Dadurch bedingt kann beispielsweise Staub nicht mehr abgehustet werden. Als Folge davon lagern sich Staubpartikel und daran haftende Schadstoffe und Krankheitserreger in den Atemwegen und der Lunge ab.
Teer wird u. a. im Straßenbau verwendet und wurde im Jahr 2002 im Zusammenhang mit dieser Anwendung als überwachungsbedürftiger, gefährlicher Abfall eingestuft (Abfallschlüssel 17 03 01 – kohlenteerhaltige Bitumengemische).
Bei einem täglichen Konsum von einer Schachtel Zigaretten nimmt die Lunge im Laufe eines Jahres etwa die Menge Teer auf, die eine handelsübliche Teetasse fassen kann.
Quecksilber
Quecksilber wirkt u.a. als Zellgift auf Proteine, daher sind lösliche Verbindungen des Quecksilbers giftig. Quecksilber-Dämpfe gelangen z. B. durch die Schleimhäute und über die Lunge in den Körper und werden im zentralen Nervensystem sowie in der Niere eingelagert, wo sie ihre toxische Wirkung entfalten. Bei einer chronischen Quecksilber-Exposition kommt es zu Mattigkeit, Schwindel, Schlaflosigkeit, Gedächtnisschwund, Abfall der Konzentrationsfähigkeit, Übererregbarkeit, Kopfschmerzen, Nervenschmerzen, Zittern, Haarausfall und Depressionen.
Quecksibler wird industriell u. a. im Bereich der Schädlingsbekämpfung und bei Spezialleuchtmitteln eingesetzt. Früher wurde Quecksilber auch bei der Herstellung von Amalgamplomben verwendet. Bei der Zigarettenherstellung wird Quecksilber zur Reinigung der Tabakblätter eingesetzt.
Auf normalem Wege tritt bei regelmäßigen Fischessern eine erhöhte Queck-silberkonzentration auf. Besonders belastet sind hier Hai, Schwertfisch, Markrele, Marlin und Thunfisch (Stand 5. 2. 2003). Auch in Gemüse ist in den letzten Jahren ein Ansteig der Quecksilberbelastung nachzuweisen (bedingt durch Schädlingsbekämpfungsmittel) – besonders belastet sind Blattgemüse.
Arsen
Arsen ist ein Element der Stickstoffgruppe, zusammen mit den ebenfalls giftigen Elementen Phosphor, Antimon und Bismut. Arsen hat halbmetallischen Charakter, wobei es in seinen metallischen Eigenschaften zwischen Phosphor und Antimon steht. Wie Phosphor ist es als Stickstoffgruppenelement sehr reaktionsfreudig und kommt in vielerlei organischen und anorganischen Verbindungen vor.
In der Natur vorkommend findet man das goldgelbe Arsentrisulfid, das unter dem Namen Auripigment oder Rauschgelb von Malern als Goldersatz verwendet wurde. Da die so gemalten Bilder eine gewisse Giftigkeit verbreiteten, wird es heute in geschlossenen Räumen nicht mehr benutzt.
Organische Arsen-Verbindungen wurden vor der Penicillin-Ära zur Chemotherapie der Syphilis und verschiedener Protozoen-Erkrankungen benutzt. Damit war Arsen eines der ersten Antibiotika (anti: gegen, bios: leben, z. B. Salvarsan). Es bringt Kleinstlebewesen, besonders Parasiten, schnell den Tod. Leider zu leicht auch dem Wirt. Diese Eigenschaft von Arsen, sich gerne an Parasiten und anderen Mikroben zu vergreifen, war lange Zeit Grund für eine der hauptsächlichen gewerblichen Verwendungen von Arsen: Es wurde und wird noch in Pflanzenschutzmitteln eingesetzt. Dabei können Rückstände zu schädlichen Anhäufungen auf Obst, Früchten und sogar im Tabak führen. Im Tabak war es (zumindest bis 1951) in zunehmendem Maße vorhanden (1932: 12,6 Mikrogramm, 1951: 42 Mikrogramm). Dort erhöht es die anderen kanzerogenen Eigenschaften der Zigaretten.
In folgenden Industriezweigen ist Arsen zu finden: Arzneimittelherstellung, Bergbau/Hüttenwesen, Druckereitechnik, Lederwarenherstellung, Sprengstoffindustrie; außerdem ist Arsen Bestandteil von Klärschlämmen und Schädlingsbekämpfungsmitteln. Die Toxizität von Arsen und seinen Verbindungen ist unterschiedlich. Metallisches Arsen und schwer lösliche Sulfide sind fast ungiftig, während 3-wertiges Arsen hoch giftig ist. Beim Einatmen von Arsendämpfen werden Schleimhautreizungen, Lungenödeme, Störungen der Nieren- und Leberfunktionen verursacht. Eine Vergiftung äußert sich in Hautreizungen, Kopfschmerzen oder sogar in Tumorbildung.
Cyanide
Cyanide sind Salze der Blausäure (Cyanwasserstoffsäure), die das giftige Cyanid-Anion enthalten. CN sind industriell im Bergbau/Hüttenwesen, in der Metallverarbeitung und Galvanik, in Schädlingsbekämpfungsmitteln, in Farben und Lacken sowie in Erdöl und Kohle zu finden. In diesen Betrieben sind die CN besonders in den Abwässern eine Problemsubstanz. Cyanide wirken toxisch, wenn Blausäure durch Hydrolyse freigesetzt wird, der entstandene Cyanwasserstoff wirkt durch Lähmung des Atemzentrums sofort tödlich.
Cyanide sind für Menschen und Tiere, insbesondere Fische. aber auch Algen hochgiftig. Nach Auskunft des Umweltbundesamtes kann freies Cyanid schon bei einer Konzentration von 40 Millionstel Gramm (Mikrogramm) pro Liter Forellen töten.
Blausäure
Blausäure, also Cyanwasserstoff, ist eine farblose, nach Bittermandeln riechende, sehr giftige und schnellwirkende Substanz, die über die Blockade von Atmungsenzymen die Verbrennung des Sauerstoffs in den Zellen verhindert. Die Wirkung der Blausäure führt damit zu einer Art innerem Ersticken.
Es sei erwähnt, dass bei der Verbrennung von Polyurethanen, also von zahlreich verwendeten Kunststoffen, Blausäure freigesetzt wird. Daher können u. U. sogar Wohnungsbrände zu tödlichen Blausäurevergiftungen führen. Dabei gilt als Faustformel, dass von den dabei entstehenden giftigen Gasen rund 1/3 Kohlendioxid/Kohlenmonoxid, 1/3 Rauchgase und 1/3 Blausäure sind. Ansonsten kommen Vergiftungen mit Blausäure in der metallverarbeitenden und chemischen Industrie, bei der Schädlingsbekämpfung sowie bei der Verschwefelung organischen Materials vor. Weiterhin enthält Tabakrauch teilweise erhebliche Blausäurekonzentrationen.
Nitrosamine
Nitrosamine kommen in der Umwelt des Menschen in vielen Bereichen, u.a. auch in Nahrungsmitteln, Tabak, Kosmetika, Bedarfsgegenständen aus Latex u.a.m. vor (exogene Belastung).
Auch im menschlichen Organismus selbst ist eine Nitrosaminbildung möglich (endogene Belastung), da sowohl die Umwelt als auch die Nahrung nitrosierbare Amine und nitrosierende Stoffe enthält (z. B. Nitrit oder Stickoxide). Bei diesen Substanzen handelt es sich um „Vorläufer“ der Nitrosamine, die erst nach dem Übergang aus dem Produkt in den Speichel oder Magensaft des Menschen durch chemische Reaktion mit Nitrit zu den krebserzeugenden Nitrosaminen umgewandelt werden können.
Die krebserzeugende Wirkung beruht auf reaktiven Metaboliten der Nitrosamine im Stoffwechsel, die mit der Erbsubstanz DNA reagieren, sie dadurch schädigen und Tumore auslösen können. Beim Menschen ist aufgrund der niedrigen Dosierung die Latenzzeit sehr lang, sodass ein kausaler Zusammenhang schwierig zu beweisen ist.
Eine grundsätzlich unschädliche Konzentration kann für Nitrosamine ebenso wenig wie für andere krebserzeugende Stoffe ermittelt werden. Jedoch nimmt die mutmaßliche kanzerogene Wirkung ab, wenn die aufgenommene Menge abnimmt. Heute stellen neben Tabakrauch vor allem Gewürze, gepökelte Fleischwaren und geräucherter Bacon (Frühstücksspeck), denen zwecks Umrötung und Konservierung Nitritpökelsalz zugesetzt wurde, die Hauptnitrosaminquelle dar.
Kinderarbeit im Tabakanbau ist sehr gefährlich und weltweit verboten. Trotzdem arbeiten in allen bedeutenden Tabakanbauländern Kinder auf den Feldern.
Kinder auf den Feldern
Allein in Malawi arbeiten etwa 78.000 Kinder auf den Tabakplantagen. Aber auch in Brasilien, Indonesien, den USA und anderen Ländern ist Kinderarbeit im Tabakanbau weit verbreitet.
Kinder ab 5 Jahren bereiten Saatbeete vor, indem sie Felder umgraben und Bäume fällen. Sie jäten Unkraut auf den Feldern, sie düngen den Tabak und sie sprühen Pestizide, ohne Schutzkleidung zu tragen.
Bei der Ernte der grünen Tabakblätter setzen sie sich der Gefahr einer Nikotinvergiftung aus. Denn sie nehmen das Nikotin aus den Blättern durch die Haut in den Körper auf. Schon eine kleine Menge des Nervengifts führt bei ihnen zur Nikotinvergiftung: Die Grüne Tabakkrankheit verursacht Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Schwindel und Schwächeanfälle.
Kinder in Malawi nehmen bis zu 54 Milligramm Nikotin pro Tag über die Haut auf, zeigt eine Studie von Plan International. Das ist soviel Nikotin wie in 50 Zigaretten enthalten ist.
„Jede Provinz liebt ihren Dialekt, denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seelen ihren Atem schöpfen.“ — Johann Wolfgang von Goethe
Gottfried Schafbuch 03.01.1898-23.10.1984
Ein Ehrenbürger, der dem merkwürdigen Slogan der Stadtverwaltung „Wir stehen auf Geschichte“ tatsächlich Bedeutung hätte geben können.
Die Stadt erklärt ja über sich: „Man weiß, wo man herkommt, steht auf geschichtsträchtigem Boden und verbindet mit der ‚Hüfinger DNA‘ Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“ Bei so viel historischem Pathos ist es bemerkenswert, wie wenig Interesse den Menschen gilt, die diese Stadt und ihre Geschichte tatsächlich geprägt haben.
Gottfried Schafbuch gehört zur „DNA von Hüfingen“ wie kaum ein anderer. Sein Name und seine Arbeiten sind untrennbar mit der Geschichte und den Geschichten dieser Stadt verbunden. „De Gopfried“, wie er in Hüfingen liebevoll genannt wurde, war als Heimat- und Mundartdichter und als Chronist des Hüfinger Lebens weithin bekannt.
Er bewahrte nicht nur Geschichten, Menschen und die Sprache seiner Heimat. Er schaute auch genau hin – und sprach aus, wenn etwas nicht stimmte. Wenn ihm etwas nicht passte, war seine Meinung zu hören, und zwar in unverwechselbarem Hüfinger Dialekt. Er hätte vermutlich auch heute einiges zu sagen. Und wahrscheinlich würde er sich dabei nicht besonders diplomatisch ausdrücken.
Aus dem Nachruf in den Schriften der Baar 1984 von Lorenz Honold
Emil Bader hat Schafbuch einen „der guten Geister der Lucian-Reich-Stadt“ genannt. Er war es nicht nur für die Bürger seiner Vaterstadt. Wer immer, von auswärts kommend, der reichen Geschichte, der Kunst und Kultur der einstigen fürstenbergischen Oberamtsstadt auf der Baar nachspürte, der fand im „Hüfinger Stadtschreiber“ einen guten Freund und verläßlichen Wegweiser. Er war die lebendige Chronik seiner Vaterstadt, die er liebte. Echt, treu und herb wußte er das Lob der Baar und seiner Menschen zu singen. Die kirchlichen und weltlichen Feste, den schlichten Alltag und die Natur im Wandel der Jahreszeiten lebte und schilderte er in seiner besinnlich-alemannischen Art wie keiner vor ihm.
Und keiner in unserem Jahrhundert war so wie er berufen, dem Fremden die Schatztruhen Hüfingens zu öffnen. Es war mit ein Verdienst Gottfried Schafbuchs, daß die Stadt 1958 Lucian Reichs „Hieronymus“ , die erste Volkskunde des alemannischen Landes, im Original neu erscheinen ließ. Man hat Schafbuch bisweilen den „Johann Peter Hebel der Baar“ genannt. Zweifellos ist er einer der stärksten und sprachgewandtesten aus dem Hüfinger Künstlervölkchen des vorigen Jahrhunderts, vor allem der Brüder Lucian und Franz Xaver Reich. Ihr Werk und ihre Persönlichkeiten hat er in liebevollen Studien und Essays für die Nachwelt festgehalten.
Vorwiegend Themen der Vergangenheit, der Romantik und dem bürgerlichen Biedermeier auf der Baar galt Schafbuchs schriftstellerisches Schaffen. In seiner Mundartdichtung aber ist er unmittelbar gegenwärtig und unauswechselbar. Der bürgerlich-bäuerliche Mensch, Natur und Jahreszeiten auf der Baar – sie werden von dem Mundartdichter Schafbuch nicht nach-, sondern mitempfunden. Sie sind erlebt: Menschen und Dinge haben ihr Leben aus der schmucklosen, dafür farbenreichen und bildkräftigen Sprache des heimatlichen Idioms. Und Humor und Mutterwitz sind stets rechtzeitig zur Stelle, um diese Volkspoesie nicht ins Rührselige abgleiten zu lassen.
Mii Boor – Mii Hoamet
1972 erschien Gottfried Schafbuchs Hauptwerk „Mii Boor – Mii Hoamet“ – ein Buch über die Baar, ihre Menschen, ihre Geschichte und ihre Geschichten.
I’s Heinemanns Huus hinter de Poscht, Potz tausigsappermoscht, Wohnet jao reacht bravi Lüt Wemers bruchet i de hittige Ziit!
Mi Hoamet uff de liebe Boor, si liit mier halt am Herze, ech mag mech wehre we ech will, ech ka si nitt verschmerze.
Mehrere Gedichte aus „Mii Boor – Mii Hoamet“ wurden von dem Komponisten, Dirigenten und Südwestfunk-Mitarbeiter Alfred Kluten vertont und zu einer mehrteiligen „Baar-Kantate“ zusammengefügt. Sie wurde anlässlich des 6. Verbandsmusikfestes des Blasmusikverbandes Baar-Schwarzwald in Hüfingen von der Stadtmusik und dem gemischten Chor des Liederkranzes zu Gehör gebracht. Den Schluss der Kantate bildete der Marsch „Gruß an die Baar“.
Kluten war als Musiker und Arrangeur beim Südwestfunk tätig und leitete dort unter anderem die „Volksmusikanten“, eine Blaskapelle aus Rundfunkmusikern. Seine Verbindung zur Baar reicht allerdings noch weiter zurück: Den Marsch „Gruß an die Baar“ soll er bereits 1964 für die Stadt Geisingen komponiert haben.
Herrgott, segne du iiseri Boor, schütz iiser Schtädtli lieb, vor Elend, Not und G’fohr. Mier wennt dankbar sii, d’Hüfinger Liit, treu und wohr fer alli Ziit Boor, o Boor, mii Hoamet bischt du. O Boor, o Boor, mii Hoamet bliibscht du.
S’Rotkäppli
1970 erschien „S’Rotkäppli“ auf der Schallplatte „Alemannische Geschichten für große und chlini Lüt. Zehn Sprachbilder in der Muettersproch aus südbadischen Sprachlandschaften“ des Christophorus-Verlags Freiburg. Die Schallplatte sollte die verschiedenen alemannischen Sprachlandschaften nicht nur im geschriebenen Wort, sondern durch die Stimmen ihrer Sprecher hörbar machen. Wie die zeitgenössische Besprechung in der „Badischen Heimat“ hervorhob: „Wie man auf der Baar spricht, weist Gottfried Schafbuch, Hüfingen, vor.“ Schafbuch las „S’Rotkäppli“ selbst.
S’Rotkäppli 1970 gelesen von Gottried Schafbuch
Dem Tod seiner Brüder sowie seiner schwächlichen Konstitution – unter Freunden nannte sich Gottfried einen „Säerbling“ (Schwächling) – hatte er es zu verdanken, dass ihm der Kriegsdienst erspart blieb. Unter dem langjährigen Hüfinger Ratschreiber August Hutzler ausgebildet, wurde er selbst Ratschreiber. Während des Zweiten Weltkrieges tat er Dienst beim Donaueschinger Wehrbezirkskommando.
Schafbuch war mehr als 20 Jahre bei der Stadt Hüfingen beschäftigt, davon 15 Jahre als Ratschreiber. Heute würde man diese Funktion etwa mit der eines Hauptamtsleiters vergleichen.
Am 20. Dezember 1973 wurde Gottfried Schafbuch mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Wenige Jahre später, 1978, ernannte ihn der Gemeinderat unter dem damaligen Bürgermeister Max Gilly feierlich zum Ehrenbürger der Stadt Hüfingen.
Max Gilly
Gottfried Schafbuch ist Ehrenbürger der Stadt Hüfingen
aus den Schriften der Baar 1978 Band 32
Am 6. August 1978 wurde unser Ehrenmitglied Gottfried Schafbuch zum Ehrenbürger der Stadt Hüfingen ernannt. Vor der Überreichung der Ehrenbürgerurkunde während eines Festaktes hielt Bürgermeister Max Gilly die Laudatio, die wir mit seiner Genehmigung nachstehend auszugsweise wiedergeben:
Ich habe heute die Ehre, meinem lieben Freund, unserem langjährigen früheren Ratsschreiber, den Ehrenbürgerbrief der Stadt Hüfingen zu überreichen. Gottfried Schafbuch ist für uns, für die Stadt Hüfingen, das lebende Beispiel jener geistigen Blüte, die unsere Stadt schon im 19. Jahrhundert auszeichnete. Er hat als Poet und Heimatschriftsteller das fortgesetzt, was die berühmten Männer unserer Stadt im 19. Jahrhundert begonnen haben. Ich möchte sagen, ohne die Arbeit unseres Gottfried Schafbuch wäre Hüfingen als Stadt der Dichter, Poeten und Maler ärmer geblieben. Im Mittelpunkt seiner Geschichten und Gedichte steht die Stadt Hüfingen, seine Heimat. Wie ich aus vielen gemeinsamen Gesprächen weiß, hat er nie Fernweh sondern immer nur Heimweh gehabt. Daß er diesen Schritt gewagt hat, diesen Mut gehabt hat, im bescheidenen Rahmen der Heimat zu bleiben, ohne Aussicht, in einem weiteren Bereich bekannt zu werden, das haben wir ihm tief zu danken. Gottfried Schafbuch hat die Gabe, aus den alltäglichen Kleinigkeiten etwas Schönes zu machen, einerlei, ob es sich um einen Brief, eine kleine humorvolle Geschichte oder ein Gedicht handelt. Und gerade seine Gedichte sind Zeugnis dafür, daß er die Volksseele der Baar, in der er von Jugend auf gelebt hat, bestens versteht. Aber er ist ein Mann, der sich gründlich mit der Materie auseinandergesetzt hat. Bevor er sich an seine Mundartgedichte wagte, hat er zuerst einmal die Baaremer Sprache gründlich erlernt; und erst nachdem er sich mit vielen Kapazitäten zusammengesetzt und alles genau erforscht hatte, begann er, seine Gedichte zu schreiben. Alles, was vorher aus seiner Feder kam als Heimatschriftsteller und Erzähler der Geschichte unserer Stadt, hat er elegant mit leichter Hand gemacht. Aber sein ganzes Können hat er erst gegeben, als es ihm um die herbe Mundart der Baar gegangen ist. So hat er uns entscheidend tiefschürfende Werke geschenkt, die immer zum kostbaren Gut der Baar gehören werden. Daß wir mit dieser Ehrung solange gewartet haben, hat sich Gottfried Schafbuch selbst zuzuschreiben. Er hat zu uns immer gesagt:
,Ehrenbürger einer Stadt zu sein, ist das Äußerste und das Letzte, was eine Stadt zu bieten hat; und übertreibt auch solche Sachen nicht‘.
Nun wollen wir hoffen, daß wir noch recht viele Jahre mit ihm zusammen sein können. Ich darf nun die Ehrenbürger-Urkunde verlesen: ,Ehrenbürgerbrief. Gottfried Schafbuch hat als Heimatdichter und Mundartschriftsteller große Verdienste erworben. Der ganze Reichtum des Baaremer Dialektes wurde durch ihn in seiner Vielfalt erkennbar und als unschätzbares Gut erhalten. Darüber hinaus hat er sich mit seinen Schriften aus der Geschichte der Stadt verdient gemacht. Dankbar für all das, was er uns gegeben hat, ernennen wir ihn zum Ehrenbürger seiner von ihm so geliebten Heimatstadt Hüfingen. 6. August 1978, Der Gemeinderat‘.
Sechs Jahre nach seiner Ernennung zum Ehrenbürger war Gottfried Schafbuch tot. Am 23. Oktober 1984 starb er im Alter von 86 Jahren nach kurzer Krankheit. Ausgerechnet Bürgermeister Max Gilly, der ihm 1978 den Ehrenbürgerbrief überreicht und seine Laudatio mit der Hoffnung beendet hatte, noch viele Jahre mit ihm zusammen sein zu können, fand nach seinem Tod noch einmal Worte für das, was Schafbuch seiner Heimat hinterlassen hatte:
„Die Pflege des heimatlichen Brauchtums, der Baaremer Mundart sowie die Erforschung der Geschichte seiner Heimatstadt lag ihm besonders am Herzen. Wir wollen ihm für all das, was er uns gegeben hat, mit seinen eigenen Worten danken.“
o Boor, mii Boor, hol mech doch hoam; dier g’hör ech alli Ziite , es mont zum Grabgsang mier emool nuu d’Hoametglocke liite.
Feierlichkeiten zum 100. Geburtstages am 3. Januar 1998
Ein Hüfinger Heimatdichter wird 100 – und die Stadt feiert. Zum Geburtstag von Gottfried Schafbuch gab es 1998 noch einen ganzen Abend: Das Stadtmuseum stellte eine Ausstellung zusammen, das Katholische Bildungswerk lud ein, und seine älteste Tochter und Nachlassverwalterin Roswitha Schafbuch las aus dem kurz zuvor erschienenen Nachfolgewerk „Daheim auf der Baar“.
Heute wirkt eine solche Würdigung beinahe wie ein Dokument aus einer anderen Zeit. Damals hielt man es offenbar noch für sinnvoll, die Menschen zu feiern, die zur kulturellen Identität der Stadt beigetragen hatten. Heute schmückt man sich lieber mit der „Hüfinger DNA“ und erklärt, wie wichtig Geschichte und Herkunft seien. Die Menschen, die diese Geschichte tatsächlich geschrieben haben, kommen dabei zunehmend weniger vor.
Zum Glück ist von Roswitha Schafbuch noch etwas erhalten geblieben: eine Aufnahme vom 12. Dezember 1998, auf der sie aus dem Werk ihres Vaters rezitiert. Mein Vater hat die Aufnahme damals gemacht.
von Franz Josef Schelble 1899 aktualisierte Version, Original vom August 2021
Nach der lieben Vaterstadt
Die den grünen Kirchturm hat
Eine humoristische Dichtung
Heimatzauber
Wenn in schwülen Sommertagen Schnaken mich und Hitze plage, Wenn zu ernstem, regem Schaffen Geist und Körper mir erschlaffen, Und die schöne Ferienzeit Reget vieler Menschen Neid: Drängt es mich, den Sohn der Baar, Abzudampfen jedes Jahr Nach dem lieben Oberland, Hin, wo meine Wiege stand, Nach der Baar, der ährenreichen, Nach der Heimat ohne gleichen.
Seh’ ich dann zum erstenmal In der Abendsonne Strahl Wiederum mein Städtlein ragen, Da vermag ich kaum zu sagen, Wie es mir vor lauter Lust Wohlig wird in meiner Brust, Und das Herz mir jünger schlägt, Wie von Zauberkraft bewegt. So hat’s mir, dem alten Mann, Meine Heimat angethan.
Rasch dann geht’s der Herberg zu; Doch es läßt mir keine Ruh, Renn’ das Städtlein auf und ab, Und wo ich Bekannte hab’, Kehr ich ein, sie rasch zu grüßen, Eile dann mit schnellen Füßen Durch das Thor, um dort zu seh’n Ob die Häuser all noch steh’n
Und im Mühlenbache klar Sich noch spiegeln immerdar; Und als ersten Wallfahrtsort Grüße ich Loretto dort, Wo, umrauscht von alten Linden Beter — Trost des Himmels finden.
Eh’ die Nacht sich niedersenkt, Wird der Schritt zurückgelenkt, Und an einem runden Tisch Labet mich ein Schöpplein frisch, Das des Hauses Töchterlein Allzeit freundlich schenkt ein. Wenn die Wächter dann, die alten, Spieße schleppend, Rundgang halten, Sag’ ich, von des Schlafes Nacht Überwältigt: „Gute Nacht!“
Schließ ich dann zu sanften Ruh Meine müden Augen zu, Ach, wie schlaf’ ich da gesund Bis zur frühen Morgenstund! Wacht mich dann der Glocke Ton Vor dem Morgengrauen schon, Ha, da heißt es: „Ausgeträumet“, Länger wird jetzt nicht geträumet, Spute, alter Knabe, dich, Sieh der Himmel rötet sich; Auf, hinaus ins weite Feld, In die schöne Gotteswelt, Wo der Hauch der Freiheit weht, Jeder Unmut rasch vergeht!
Sechsuhrläuten von St. Verena und Gallus
Fange dann zu laufen an, Was nur einer laufen kann, Heute hier, und morgen dort, Und so geht es fort und fort. Und so ging’s auch gestern wieder Berge auf und Berge nieder, Bis die Stern’ am Himmelsbogen Mählich kamen aufgezogen Und des Mondes volle Pracht Still vom hohen Himmel lacht.
Wie ich diesen Tag verbrachte, Wie ich fühle, was ich dachte, Teilt Euch dieses Büchlein mit, Leser nimm vorlieb damit!
1. Hinweg.
Nach der Weid, wo’s Vieh sich tummelt, Bin ich gestern hingebummelt, Hausen, zubenannt vor Wald, hatt‘ ich erreichet bald Und den Weg, mit Staub bedeckt, Raschen Schritts zurückgelegt.
Unterwegs da konnt‘ ich schauen, Wie die neue Bahn sie bauen, Wie sie schaufeln, wie sie graben Und gar saure Arbeit haben. Waledetto, Sakramento Und verworrenes Lamento Von der Welschen wilden Chor Drang an mein erstauntes Ohr.
Bauarbeiten zur Höllentalbahn bei der Luttlinger Bruck 1899 und im Jahr 2021
Habe mich auch unterhalten Unterwegs mit einer alten Aber schönen Italiana, Zubenamet Giuliana, Die dem Mann das Essen brachte, Heiter mit mir sprach und lachte Doch zumeist italienisch, Denn von Deutsch verstand sie wenig. Als sie endlich angekommen Und ihr Mann mich wahrgenommen, Hui, was der für Augen macht‘, Hätt‘ mich sicher umgebracht, Wenn ich nicht noch grimmiger Ausgesehen hätt‘ wie er!
Als ich that durch Hausen schreiten, War ich eingedenk der Zeiten, Da wir vor so vielen Jahren Einst im Pfarrhaus lustig waren, Wo das Bier so hell und klar Und der Pfarrherr heiter war. Guter Max *), längst gingest Du Allzufrüh zur ew’gen Ruh!
*) Max Hochweber, der damalige Pfarrer von Hausen vor Wald.
Darauf ging’s ohne Aufenthalt Durch den frischen Tannenwald, Durch des Waldes Einsamkeit, Wo in Ruhe weit und breit Keinen Laut ich konnt‘ erlauschen Als der Bäume flüsternd Rauschen. Und so wanderte ich weiter Nervenstark, beruhigt, heiter. Legt‘ mich dann ins weiche Gras, Dacht‘ an dies‘ und dacht‘ an das, Dacht‘ an meine teuren Lieben, Sie so fern von mir geblieben. Und in Waldes Schattenruh Sanken mit die Augen zu.
Rasch fuhr ich vom Schlafe auf Fortzusetzen meinen Lauf. Fürbaß ging es weiter dann Aus dem kühlen, dunkeln, Tann. Ha, wie war mein Aug‘ entzückt, Als es in die Landschaft blickt‘, Und die weiten, schönen Auen Von der Höhe konnt‘ erschauen, Wo der Felder gold’ner Segen Schon der Ernte wogt‘ entgegen! Sah die Berge dort, die blauen, Grüßend zu mir rüberschauen, In der schwülen Morgenluft Eingehüllt in leisen Duft; Und der schneeigen Alpen Kranz Winke fern in Sonnenglanz.
Sechsuhrläuten von Mundelfingen. Vielen Dank an Michael Steinemann
Feierlich von Mundelfingen Hörte ich die Glocken klingen, Und auf Gottes freier Flur, Zu dem Tempel der Natur, Senkte sich in meine Brust Stiller Andacht selige Lust, Und mir war’s, als müßt‘ ich beten, Dankend vor den Schöpfer treten, Daß er dieses Tages Pracht Mir so wonnesam gemacht.
2. Auf der Weid.
Sah die „Weid“ dann vor mir liegen, Wo ich schnell hinabgestiegen. In der saubern Hütte drin Grüßet mich die Sennerin Urschel, eine fesche Maid, Wirtin auch auf Josephs Weid.
Klementine und Josef Frank 1926
Plötzlich hörte ich ein Klingen, Leise Laut zum Ohre dringen.
Nun was war’s? Das Telephon Gab der Urschel Instruktion, Daß sie mich bewirten sollte Und mir reichen, was ich wollte. Aß dann Speck, trank Bier dazu, Überließ mich kurzer Ruh‘ Und der Rinder glatte Scharen Sah ich nach den Ställen fahren, Sah die Farren, sah die „Kälble“ Und ich wollt‘, mir wäre selber Wohl wie diesen Viechern hier In der Freiheit Luftrevier.
Postkarte von 1925
(Spaßige Betrachtung.)
Glücklich Kinder preis‘ ich euch. Denn in eurem lust’gen Reich Lebt ihr hier in Wald und Wiese Herrlich wie im Paradiese, Kerngesund, zufrieden, heiter, Alle Tage lustig weiter. Munter sieht euch jeder Morgen, Kennt nicht Verdruß noch Sorgen.
Postkarte 1904
Euch ist stets der Tisch gedeckt, Immer euch die Mahlzeit schmeckt. Tafelmusik auch erklingt, Wo ihr schmauset, wo ihr trinkt. Sagt, wer spielt euch auf so schön? Eurer Glocken traut Getön Und vom nahen Waldeshang Luft’ger Vöglein süßer Sang, Und mit kräft’gen Mu, Mu, Muh Brüllet ihr den Satz dazu. Also grast ihr mit Behagen Und verderbet nie den Magen; Bei dem Trank aus klarem Quell Bleiben Euch die Köpfe hell, Denn auch ohne Alkohol Ist es euch ganz pudelwohl; Das Gespenst „Nervosität“ Niemals euch zu Leibe geht; Seht drum auch nie mürrisch aus Und braucht hier kein Narrenhaus. Mensch, sieh diese Viecher an Nimm Dir ein Exempel dran!
Wenn die Brems‘ und Sonne sticht, habet ihr zu leiden nicht, Könnt euch in die Ställe legen, Ruhig der Siesta pflegen.
Und in eurer Republik Treibt ihr keine Politik, Und der Hader der Parteien Kann euch nimmermehr entzweien, Könnt auch ohne Fraktionen Friedlich hier beisammen wohnen. Solltet ihr in Streit geraten, Braucht ihr keine Advokaten, Denn ihr machet jeden Strauß Sofort mit den Hörnern aus. Auch die Frag‘ „woher, warum“ Geht euch nicht im Kopf herum; Ja, ihr habt es sehr bequeme, Philosophische Probleme Regen euern Geist nicht auf, ’s geht doch alles seinen Lauf. Brauchet euch um nichts zu kränken, Ja, braucht nicht einmal zu denken; In der Zukunft dunklen Schoß Schauet ihr ganz sorgenlos, Denn ihr werdet totgeschlagen, Eh‘ ihr fühlt des Alters Plagen.
3. Achdorf, Blumberg, Stutz
Also denkend eilt‘ ich fort Von dem vielberühmten Ort. Als die Sonne hoch schon stund, War ich in des Thales Grund, Wo ich sah die Wutach schäumen Zwischen Felsgeklüft und Bäumen. Auch durch Achdorf wohlbekannt Bin ich eilend durchgerannt, Sah dort Scheffels Linde prangen; Doch ich bin vorbeigegangen, Ließ mich nicht vom Durst verführen, Dorten eins zu pokulieren, Wollte Blumberg rasch ereilen Und daselbst ein wenig weilen.
Liebe Leut, wie schmeckte da Eine Flasch‘ Bohemia! *) Nahm dann einen Imbiß ein, Trank ein Gläschen guten Wein, Eine Tass‘ Kaffee dazu, hielt im Grase Mittagsruh. Blumberg, stilles Ruhenest, Gerne bin ich hier gewest, Und im Hause Troll vor allen Hat es trefflich mir gefallen Denn wo könnt‘ es besser sein, Als wo der Mahontsverein Manche kreuzfidele Nacht Lustig zechend zugebracht?
Drauf ging es im Sonnenbrand Steil hinan die Bergeswand; Durch den langgestreckten Wald Naht ich mich dem „Stuze“ bald. Welch ein Anblick wunderbar Bot sich hier dem Auge dar! Worte können’s nicht beschreiben, Könnte Stunden hier verbleiben, Würde doch nicht satt mich sehen. Endlich mußt‘ ich weitergehen Und verlassen diesen Ort Eilend nach der Heimat fort.
*) Berühmtes Bier aus der fürstl. Brauerei Donaueschingen
4. Rückkehr über Behla und den Wolfsbühl.
Schon lag Behla hinter mir, Und am nahen Waldrevier Hatte ich erreichet gleich Behlas Schilfbewachs’nen Teich, Wo die Buben Kolben schneiden Und die Gänse lustig weiden, Wo ein Haus auf Pfähl‘ gebaut Düster aus dem Wasser schaut.
Hab die Straße dann gemieden, Mich im Wald herumgetrieben, Meinem lieben Wolfesbühl, Wo ich in dem Dickicht kühl, Zu dem feuchten Waldesgras Oft als Knabe Beeren las. Holde Zeit, wo bist Du hin, Da ich noch mit Kindessinn Heiter in das Leben schaute Manches Luftschloß mir erbaute, Aber schon zufrieden war, Wenn ich in der Knabenschar Einen Beerenplatz gefunden? Ha, wie ließen wir uns munden Erd-, und Him- und Heidelbeeren! Konnten wir noch mehr begehren? Und auch nach der Zukunft hin Schaut‘ ich mit bescheidenem Sinn. Wie das war, frei nicht verhehlt, Sondern treulich hier erzählt.
Schon fing ich Lateinische an Vollen Ernsts beim Kapelan, Und worauf ging mein Bestreben? Dachte mir: „Ein Herrenleben Ist gewiß so übel nicht Weil es da an nichts gebricht.“ Als ich mich studierend plagte Und die gute Mutter fragte: „Wennd‘ emol en Herr worscht si, S’ka nit fehle“, saget sie, „Sag mir doch, wo worscht no au Dir am liebschte koche lau?“ „Motter,“ sag i, „wißt’rwa? Brotni Knöpfli, Eier dra, Zettelisuppe, Auge druf Und am Sunntig Gugelhupf!“ Das war meiner Wünsche Ziel, Und das deuchte mir schon viel.
So in Waldes Einsamkeit Dachte ich der Jugendzeit, Dachte, wie wir einst als Knaben Uns herumgetrieben haben, Und des Übermutes voll Uns gebärdet oft wie toll, Streich‘ auf Streiche ausgeführet, Reue jedoch nie verspüret. Wie ich als ein kleiner Fant Strampelnd auf dem Kopfe stand, Und in raschem, leichten Schwung Machte flott den Rädlisprung, Was wir alles unterfangen, Wie wir in den „Gumper“ sprangen, Wie wir schwammen, wie wir tauchten; Heimlich auch Zigarren rauchten, Bochelestengel, Lindenblatt Qualmten an Tabakes Statt, Bis uns wurde wind und weh Und die Farbe weiß wie Schnee;
Bochele (Wiesenkerbel)
Wie wir Grundeln, Kroppen fingen, Und sie an das Feuer hingen, Und sie gar nicht ausgeweidet Ohne Schmalz zum Mahl bereitet; Wie im Herbst wir ausgefahren Auf die Weid mit Kinderscharen, Wo wir vor dem frühen Nachten Lustig uns ein Feuer machten, Holz und Stroh zusammentrugen, Daß die Flammen hoch aufschlugen, Und Kartoffeln, die das Feld Unerbeten uns gestellt, In den Gluten samt der Schale Brieten uns zum leckern Mahle. Und wie schmeckte Bier und Weck Sonntags uns beim Wägelibeck! Doch erst in der Kronengaß Gab es für uns manchen Spaß, Wenn wir, echte Strolchenknaben, „Mezler“ *) dich geärgert haben! Bist uns manchmal nachgesprungen; Hast den Riemen kühn geschwungen, Hast uns aber nie gepackt, Denn wir sind davongejagt!
*) Komischer Kautz von einem Schuster,
Stadtmüller Philipp Frank (1860)
Doch vom Müller Frank, dem großen, Kriegt ich einmal auf die Hosen, Weil wir, — o der Greuelthat —; Abgestellt sein Mühlenrad.
Mühlrad hinter der Stadtmühle 1925
Doch genug von meinem Treiben! Will es weiter nicht beschreiben; Wollt‘ ich alle Streich‘ erzählen, Würd‘ es mir an Tinte fehlen.
Denk‘ ich dein, o Knabenzeit, Wird es mir im Busen weit, Ja schon die Erinnerung Macht das Herz mir wieder jung. Doch auch Schatten steigen auf, Denk‘ ich, wie im „Zeitenlauf“ Mancher, der „fidel“ einst war In der lust’gen Knabenschar, Ach so frühe von hienieden Nach dem Jenseits abgeschieden! Schlafet sanft, vom Freund betrauert, Ach, wer weiß, wie lang es dauert, Deckt auch mich zur letzten Ruh Irgendwo der Rasen zu!
5. Begegnung im Walde.
So der Knabenzeit gedenkend Und die Schritte weiter lenkend Kam ich an des Waldes Rand, An den Gipsbruch hingerannt.
Und was hört ich? Helles Singen, Heitern Ruf zum Ohre klingen. Ha, wie freute mich der Laut Meiner Heimatsprache traut! Wollte länger nicht mehr lauschen, Wollte lieber Worte tauschen, Und mit eig’nen Augen schauen, War für Mädchen, was für Frauen Beeren lesend in dem Schatten, Also mich entzücket hatten. Und so lief ich, Rock am Arm, Hurtig nach der Mädchen Schwarm Kaum jedoch erreicht ich sie, Als da plötzlich eine schrie:
„Jesses Gott, dä rennt on hear, Ear sieht us fascht wie en Bäar! Jesses, Meidli rennt mit, Sellem Kerli trau i nit!“ Und sie rannten – , und gar bald Waren sie hinaus zum Wald,
Und ich rannte kreuz und quer Ihnen folgend hinterher. Endlich sah sich eine um „Meidli“, sagt sie, „o wie dumm, Daß mer wie die Gäns‘ sont renne; Sella Herr dä sott i kenna, S’ischt dr sell, wo alli Johr Umenanderrennt in dr Boor, Und wo uf de Römerplätz Grabe duet no alte Schätz. *) Loset, ’s ischt kon schlimme Ma, Wo om ebbis due ka!“ Alsdann hielt der Flücht’gen Schar Wie ich ihnen nahe war, Fragt ich: „Was rennt ihr, Warum flieht ihr vor mir? Seh‘ ich denn so schrecklich aus, Daß ihr vor mir reißet aus?“ Sprach dann eine: „Jo, sischt wohr, Blibet doch, es hott ko Gfohr!“ Hett ech Sie nu früher kennt, Wär ech nit so bsesse grennt Als sie ihren Namen nannten Waren’s Töchter von Bekannten Meiner frühen Jugendzeit, Die jetzt hinter mir so weit, Töchter derer, die vor Jahren Mir bekannt, befreundet waren. „Ach“, dacht ich im Weitergehen, „Konntest wieder einmal sehen, Wie’s den fremdgewordenen Mann In der Heimat gehen kann!“
*) Römische Altertümer.
Heute ist der alte mittelalterliche Weg über die ehemalige Hüfinger Allmende versperrt.
6. Hüfingen.
Jetzt ging es gemütlich, heiter Durch die Felder heimwärts weiter, Nach der lieben Vaterstadt, Die den grünen Kirchturm hat, Wo die Rinder in den Gassen Die Visitenkarten lassen, Wo in einer Gasse still Traulich lockt das Krokodil,
Hochzeitsgesellschaft vor dem Krokodil vielleicht in den 1930er Jahren Film von Ernst Kramer
Wo die alte Schächerkatze Nächtlich noch auf ihrem Platze Nach dem Wanderer lauernd späht, Der bezecht nach Hause geht,
Und wo mitten durch das Städtlein Plätschernd fließt ein muntres Bächlein; Wo die Leut‘ mit ihrem Treiben Glücklich noch beim alten bleiben Und recht fleißig alle Zeit Leben in Zufriedenheit; Nach der Stadt, wo jedes Jahr Ich im Herbst so gerne war, Und wohin, solang ich lebe, Jedes Jahr zu kommen strebe.
In dem Thore grüßt‘ ich froh Meinen Freund Antonio, Der als Wirt die Ochsengäste Höchst galant bedient auf’s beste. Als ich eintrat in die Krone, Wo ich ganz gemütlich wohne, Ha, wie schmeckte da der Wein Und das Abendessen fein‘!
Ochsengasse etwa 1910
Legte dann die müden Glieder Ziemlich früh zur Ruhe nieder. So war dieses Tags Verlauf. Punktum, fertig, Streusand drauf!
Im Landesarchiv in Freiburg liegt die Akte Rotrain Staatsarchiv StAF B 695/1 Nr. 731. In dieser Akte wird der Beginn und der Zweck des Vereins der Freunde der Natur Hüfingen vor 200 Jahren beschrieben. Die Akte umfasst etwa 140 Seiten und beschreibt die Aktivitäten von 1820 bis nach dem langsamen aussterben 1845 als der Hüfinger Gesangsverein noch ein letztes Mal die Bänke und Tische hat herrichten lassen. Seit der Revolution wurde die Anlage dann sich selbst überlassen.
Die Freunde der Natur – des Nützlichenund Schönen waren von Beginn an eine basisdemokratische Gesellschaft. Es wurde alles transparent abgestimmt und offengelegt, auch gab es keine Mitgliederbeiträge sondern nur freiwillige, projektbezogene Spenden und freiwillige Arbeit. Die Freunde der Natur Hüfingen e.V. stehen in guter Tradition der alten ehrwürdigen Gesellschaft. Auch heute gibt es sehr viele Unterstützer die ihre Beiträge leisten, sowohl finanziell, ideell als auch durch freiwillige Arbeit – jenseits des modernen Vereinsrechts, das einen jährlichen Mitgliedsbeitrag und auch Mitgliederlisten verlangt.
Ort: Hüfingen Anlage Verschönerung Rubric: Genannte Anstalten In Sachen Der Verschönerung einer Anlage auf dem rothen Rain Jahr 1820-1845
Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820
StAF B 695/1 Nr. 731
Zu Hüfingen die Herstellung der Anlage auf dem rothen Rain von 1820 bis 1830
Akten Verzeichniß
1. Urkunde von 1820 über Entstehung den Anlage
2. Protokoll von 1821 über deren Zerstörung
3. Prokoll von 1821 über Auffoderung der Bürgerschaft zur Entdeckung der Frevler
4. a.c. Pasquille von 1821 über die vermeintlichen Thäter
5. belegte Rechnung von 1821 über die Herstellung des Steges
6. Protokoll von 1828 die Herstellung des Forstweges vom Steg in die Anlage
7. Plan zu einem Portal in die Anlage
8. Rechnung über baare Einnahmen und Ausgaben für die Anlage von 1820 bis 1830 gestellt
von dem nun pensionierten Hofrath und Obaramtmann Baur ano 1834.
Epitaph der Familie des Hofraths und Oberamtmanns Anton Baur in der St. Leonhardskapelle in Hüfingen aus dem Jahr 1809.
Anton Baur Fürstlich Fürstenbergischer Hofrat und Obervogt, Großherzoglicher Badischer Hofrat und Oberamtmann. Geboren am 24.06.1769 in Gegenbach gestorben am 24.04.1841 in Donaueschingen.
Er war verheiratet mit Magdalena Schmider (6.11.1778-13.07.1807)
Das Paar hatte eine überlebende Tochter: Magdalena Baur. Sie heiratete am 24.04.1826 Karl Dominik Mangold, den Badischen Salinen-Kassierer in Dürrheim.
Eine Anlage auf dem rothen Rein einer Stadt Waldung von Nadelholz im Schoosen Öschle der berühmte Tonkünstler und Sänger Nepomuk Schelble, wirklicher Director des Musikvereins zu Frankfurth am Mayn, veranlaßte während seines kurzen aber uns unvergeßlichen Sommer Aufenthaltes in seiner Geburts und Vaterstadt dahier diese neue Anlagen dadurch, daß er den rothen Rein zu seinem Lieblings Standpunkt erwählte, wo ein grosser Theil unseres Schönen flachen Hochlandes zu übersehen ist. Ein hier öfter in freundschaftlichem Zirkel um diesen Künstler versammelten Anverwandten Korrektions Haus Verwalter Schelble, dessen Vater (Vater von Johann Nepomuk Schelble), und Oberlehrer Reich (Luzian Reich, verheiratet mit Josefa Schelble), dessen Schwager wollten das Angedenken an den geliebten nun in Rückerinnerung zu dessen vollen Genus der Gast in der freyen Natur dadurch fortan erhalten daß sie gemeinschaftlich mit dem ersten Amtsactuar Guttenberg und dem zweyten Gleichauf auch mit noch mitgenommen werthen Bürgern zuerst das Rondell auf der östlichen Spitze des Berges mit einem angenehmen Wege dahin herstellten.
worunter Xaver Schreiner sich ausgezeichneten
Johann Nepomuk Schelble (16.05.1789-06.08.1837), Lithografie von Heinrich Ott. Foto: Frankfurt am Main: Stadt- und Univ.-Bibliothek
Foto von Luzian Reich senior (07.01.1787-18.12.1866) und Josefa Schelble (18.03.1788-12.11.1866)
Katharina Schelble geb. Götz (01.11.1760-04.04.1847) gemalt von Luzian Reich (senior) ihrem Schwiegersohn im Jahre 1829. Sie ist die Mutter von dem Musiker Johann Nepomuk Schelble und Josefa Schelble.
Diese erste der Anlagen war noch nicht ganz vollendet, so folgten diesem Beyspiel schon mehrern von Freunden der lieben Natur, und so entstand gleich die zweyte Anlage rechts auf einer Ruine vom Rentamts Controlleur Hasenfratz dahier. Ihm folgte der Bezirks Baumeister Dief durch Anlegung eines Weges gleich unter dem erstgenannten Rondel rechts an der Nordwestlichen Seite des Berges durch eine Bergschlucht, von da abwärts diernist Hisele auch einen Wege am Berge her einleitete. Zur eigenen, und zur Beqnümlichkeit derjenigen, welche ohne vörgerliche Anstrengung den Gipfel erreichen wollen, suchte diese der Unterzeichneten dahin auf dem hergestellten Wege Nordwestlich am Berge zu führen welchen, wo dem neuen Steinbruch mit Hülfen aller ein Pendel gleich denn vorderen angelegt wurde.
Höllenstein=Hölenstein=Höllstein=Höhlenstein (seit über 200 Jahren unterschiedlich geschrieben); Römerbad = römische Alterthümer; Schosen = Schoßen; Rotrain=rother Rain; Hammeltal beginnt südlich vom Römerbad; den Galgen hatte Luzian Reich senior etwa zur selben Zeit zusammen mit Bürgermeister Josef Burkhard vom Berg geworfen (siehe Denkbuch)
Alle diese Anlagen geschahen vom August dieses Jahrs in wenigen Wochen ganz freywillig von Natur Freunden mit wirklich erstaunungs würdiger Anstrengung, die nur von Begeisterung für das Schöne zu erwarten ist. So Erstaunlich auch diese neuen Werke wären, so würde doch das Angenehme durch den Anblick der fürchterlich und gefährlichen Ruine des alten Steinbruches Südlich verbittert. Der Unterzeichnete wagte das Unternehmen auch diese Ruine in eine gefahrlose so viel möglich angenehme Anlage zu verwandlen und er bedürfte der Mitwirkung aller Vaterfreunden, um durch den Abgrund zu gangbare Wege zu leiten, zu diesem Ende die dem Einsturz drohenden Felsen abzutragen und dadurch die Abgründe auszufüllen, was unseren schwachen Kräften anfangs übersteigend erachtet wurde, ward durch stets vermehrte Anstrengung hergestellt und in Krone dazu eine Kapelle mit der hölzernen Statue des heiligen Johannes in der Wüste auf dem Giebel errichtet, in deren Grundstein gegenwärtige Urkunde in einem Stein und in einer blechernen Büchse verwahrt liegen solle, zum Angedenken über die Veranlassung und Entstehung dieser Anlagen, deren Fortsetzung durch die von Natur zu schönen Anlagen geeignete Waldung vom Sinne unserer Mitbürger fürs Schöne und Angenehme zu erwarten, ist. Hüfingen den 10 ten October 1820 Anton Baur Hofrath und Oberamtman
Der Weg der durch den alten Steinbruch nach oben führt.
Der Weg führte zur Kapelle mit einer Statue des heiligen Johannes in der Wüste auf dem Giebel.
Die Ruhe im Tempel der Natur besänftiget die Stürme des Gemüts
Das Waldhisli wurde vermutlich auf das Fundament der Johannishütte (Johannes Kapelle) gebaut.
Das Waldhisli etwa 1950
Alter Stein vom Fundament
Die Statue des Johannes auf einem Brunnen in Hüfingen. Vielleicht war es der Johannes von der Kapelle. Foto: 1886 vermutlich Nepomuk Heinemann
>„Die Ruhe im Tempel der Natur besänftiget die Stürme des Gemüts“ wie die Inschrift an der „Johannishütte“ in den gemeinsam von Bürgern und Beamten geschaffenen „Anlagen“ im nahen Tannengewälde des „Rotenraines“ lautete, konnte als Motto für die 20ger Jahre gelten. Es war recht eigentlich die Zeit der Gartenhäuschen, Ruhebänke und idyllischen Plätzchen, verbunden mit Freundschaft und Geselligkeit.< von Lucian Reich im Denkbuch 1896
2. Protokoll von 1821 über deren Zerstörung
Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820
StAF B 695/1 Nr. 731
In Gegenwart sey zu dieser Verhandlung vom Großherzogl. Bezirkamt Hüfingen Speciel commitierten Actuers Guttenberg.
N. 2905. et. 6. Nachdem vor einigen Tagen allgemein das Gerücht sich verbreitet hat, daß in der, im vorigen Herbst von einigen Freunden der Natur neu errichteten Anlage dahier, bereits alle Bäume umgehauen worden, so wurde der im Fragentia benannte vom Großherzoglichen Bezirksamt beauftragt, unter Bezug des Bürgermeisters Neukum, Rathsfreunden Burkard, und Heinmanns einen Augenschein vorzunehmen, und den Erfund nach vorgenommener genauer Prüfung anzuzeigen. In dessen Folge begab man sich heute Mittags um 1 Uhr mit Bürgermeister Neukum und den erwähnten Rathsfreunden Burkard und Heinemann in die Anlage wo folgendes gefunden wurde.
In der Chronik von August Vetter aus 1984 steht, dass früher den Schultheißen ein Stabhalter zur Seite stand. Seit dem frühen 18. Jahrhundert, gab es dann nur noch Bürgermeister. Ihm oblag die Verwaltung des Stadtsäckels. Der Bürgermeister hatte also keinen Stabhalter mehr und wurde von den Bürgern gewählt. Von 1809-1826 lässt sich kein Name in der Chronik ausmachen wer Bürgermeister war. Laut dieser Akte war es aber Bürgermeister Neukum. Ob es der selbe Neukum war, wie der in der Chronik steht, Johann Baptist Neukum, lässt sich nicht feststellen, da im Sippenbuch nichts über Neukum steht. 1854-1863 war auch wieder ein Neukum Bürgermeister, vermutlich der Sohn von Johann Baptist, von daher gehe ich davon aus, dass Hüfingen drei verschiedene Bürgermeister Neukum hatte.
Folgende Bürgermeister stehen in der Chronik: 1803-1809: Xaver Stuckle 1826–1831: Josef Burkhard, Sonnenwirt 1831–1837: Johann Baptist Neukum 1837–1840: Fidel Ganter 1840–1848: Josef Hug
Litographie von Josef Burkhard aus der Bürgermeistermappe im Hüfinger Archiv.
Litographie von Johann Baptist Neukum aus der Bürgermeistermappe im Hüfinger Archiv.
Litographie von Josef Hug aus der Bürgermeistermappe im Hüfinger Archiv.
In der Akte ist von 1820-1840 Bürgermeister Neukum genannt, später kommt dann Bürgermeister Burkhard hinzu. Josef Burkhard (06.03.1772-12.11.1855) – Gastwirt zur Sonne, Metzger, Bierbrauer und Bürgermeister von 1826–1831 steht im Sippenbuch. Bürgermilitäroffizir J. Burkhard schreibt in der Chronik 1806 eine Proklamation an die Hüfinger Bürger. Vermutlich ist das Amt des Bürgermeisters in den Kriegswirren (Frankreich- bzw. Russlandfeldzug) etwas untergegangen. Zu Neukum gibt es leider gar nichts im Sippenbauch. Vielleicht war er oder sein Vater vor Bürgermeister Burkhard Bürgermeister. 1833 werden auf jeden Fall beide als Bürgermeister genannt, Neukum und Burkhard. Von Fidel Ganter ist nirgendwo die Rede, weder in der Akte noch in der Bürgermeistermappe. Er ist im Sippenbuch auch nicht als Bürgermeister, sondern als Gastwirt zur Krone (Fidel Ganter *um 1780-3.10.1853).
Gleich beym Eintritt in die Anlage in dem ovalen Zirkel fand man von den gefället befindlichen Balsampappeln im ganzen – 15. Stück und von den Vogelbeerbäumen ebenfalls 15. Stück theils ganz abgeschnitten, theilen abgesägt, und bemerkten zugleich daß mehrere Hiebe in die Baumstecken fiehlen wodurch zwey von allen Bäumer unbeschädiget blieben. Im Verlaufe der Untersuchung zeigte sich, daß an der mit Stein gemauerten Wand bey der Kapelle Steine ausgebrochen, welches sichbar mit Gewalt geschehen. Als man von dar weiter aufwärts in die stierfache aller Lücken vom vordern Rondel kam, war der Anblick schmerzlich; wie der alles verheerende Hagel einen schauerlichen Anblick der Fluren gewahrt, eben so verwüstet lagen die schönen Bäume von Menschen niedergehauen zu Boden. Die Hiebe wurden die meister linken andere aber rechts geführt, und die Spuren der Fußtritte verraten große Männer. Diese schändliche Handlung ist beispiellos.
Von den Vogelbeerbäumen auf diesem Platze sind 26 Stück von den Kanatensischen Pappeln 19, Balsampappeln 33, Silberpappeln 10, welche alle schon gesetzt, mit Stecken versehen, und bereits getrieben haben, ganz ruinniert, und ebenso nämliche Schicksal traf auch die zum Nachsetzen vorbehaltene, einzugrabenden Bäumen. Von den Kanntensichen Pappeln wurden niedergehauen 52 Stück, von den Silberpappeln 24 Stück und von den Balsampappeln 18 Stück. Dann der in der Mitte dieser Alleen befindliche schöne große Birnbaum wurde bis bereits auf die Hälfte eingsägt. In der geraden Allee oben gegen den Platz sogenannten Musikanten, wurden auch noch drey Balsampappeln ein Opfer der Verwüstung. Unbeschädiget blieben im ganzen mehr nicht als 48 Stück. Zur genauere Übersicht der gesamten Verwürstungen aller Baumgattungen folgt nun die Zusammenstellung derselben an Balsampappeln 69 Stück, Vogelbeerbäume 41 Stück, Kanatensischen Pappel 71 Stück, Silberpappeln 34 Stück, Birnbäume 1 Stück. Zusammen 216 Stück. Hierauf folgt nunmehr die von obangeführten Urkunden Personen nach ihren schon aufgezeichneten Plänen entworfene Berichtung der Beschädigungen.
Sie brachten in Ansatz für 66 Stück Balsampappeln a 154 – 16f30r. für 41 Stück Vogelbeerbäume a 182 – 10 f 15. für 71 Stück Kanatensische Pappeln a 18 – 17. f. 45. für 36 Stück Silberpappeln a 15 – 8. f 30. 3 Stück weitere Balsampappele a 15 – 45. 1 Stück Birnbaum – 30. 216 Stück – 54 f 154.
Hierzu die Auslagen wegen Beyfahrt der Bäume.
Für 2 jährige Vogelbeerbäume von Gutmadingen, a 1 f45 – 3 f 30 Für 2 jährige Pappeln von Allmentshofen a 1 – 2 f Taglöhne für 2 Knechte a 24r des Tage für jeden in zwey mahlen – 1 f 36 Für das Löcher graben, einpflanzen und Binden der Bäume, die Pfähle herführen und diese setzen. Das Stück zu 8 40 für 216 Stück -28 f 48 Dann für die Wiederausbesserung der ruinierten Mauer dem Mauer einen Taglohen 48. Zusammen 90 F 57 R Sampat: 90 f 5 7r für gegenwärtige Untersuchung: Seit dem in praesenten Benannten pro 1/2 Tag Diät dem Bürgermeister 30n dem Rathsfreund Burkhard 20, Heinemann 20. summa 93 f 7
Die Richtigkeit der vorstehenden bekräftiget durch eigenhändige Unterschrift Actuar Guttenberg Neukum Bürgermeister H. Burkhard Rathesfreund Heinemann Rathsfreund
Die fürstenbergische Regierung wollte die Obstbaumzucht in der Baar voran treiben. So sollten Baumschulen an den kältesten und rauhesten Stellen auf magerem Boden angelegt werden. Oberamtmann Anton Baur, Oberlehrer Luzian Reich und Stadtrat Josef Burkhard (später Bürgermeister) setzten sich hier besonders ein. Auch sollte eine Allee zur Baumschule entstehen. Diese Allee wurde mit 400 Pappeln bepflanzt, die vom Fürsten Karl Egon von Fürstenberg gestiftet wurden. Er übernahm auch den größten Teil der Kosten für den Steg vom Höllenstein zu den römischen Altertümern, der dort über die Breg führte und dessen Bau weiter unten erläutert wird. (Nach der Chronik von August Vetter 1984)
Ein alter Briefkopf zeigt Hüfingen etwa 1840 mit den Pappelpflanzungen und der Anlage am Rotrain.
3. Prokoll von 1821 über Auffoderung der Bürgerschaft zur Entdeckung der Frevler
Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820
StAF B 695/1 Nr. 731
Actum Hüfingen den 14. März 1821 In Gegenwart des Hofraths und Oberamtmans Baur Acluante Guttenberg betreffend R. N3077. et. 8.
Die Zerstörung der neuen Anlage auf rothen Rain.
Am letzten Faßnacht Sonntag den 21 des Nachts geschah die obengedachte Zerstörung, und zwar, wie das UntersuchungsProtokoll vom 10ten dies No. 2905 nachweiset von mehrern Männern, erkenntlich an den Fußtritten im nassen Lösboden, und wie schon aus der durch Sägen und Spalten sichtlich angewandten Manneskraft zu erkennen war. Der Schaden beträgt im mässigen Anschlag 90f Jor ohne zu berechnen, daß die Bäume bereits im Treiben waren, und dem Nachtheil gänzlich nie mehr vergütet werden kann, weil man bey dem wirklich zum Versetzen noch einzigen Zeitpunkt genüglich Bäume in der Eile nicht aufbrächte, wenn auch die durch diesen abscheulichen Frevel mit Grund mißstimmten Freunde des Nützlichen und Schönen noch in der Lage wären, die Anlage so gut möglich, noch in diesem Fruhjahr wieder herzustellen. Doch, wer möchte hierzu Lust haben, ohne Sicherheit für die Zukunft vor ähnlichen Freveln? Zur Ehre der guten Bürger darf man wohl annehmen, daß diese solches Werk der Finsterniß, und die ruchlosen Thäter mit Abscheu brandmarken; allein daran genügt es noch nicht; allen, die hieran weder Antheil genommen haben, noch diese Schandthat genehmigen, liegt daran, zur Rettung des guten Rufs der Hüfinger mitzuwirken, um die Thäter aus der Verborgenheit ans Tageslicht zu reissen, und sie der Gerechtigkeit zu überantworten. Dies erheischt nebst dem noch das gekeuniäre Interesse so vieler Bürger von hier, welche einen nicht unbeträchtlichen Vortheil dadurch schon gehabt, theils noch zu erwarten hatten, daß die nun zerstörte neue Anlage, und die damit in Verbindung zu setzen vorgehabte römischen Alterthümer manche Auswärtige herbeÿ zog, und letztere den Bürgern durch Arbeit einen Erwerb verschaften, der nun durch diesen kein gänzlich aufhört, denn Secnissimus (der Landesherr) wollen dem Vernehmen nach ganz natürlich die Lust verloren haben, für Nachgrabung dieser Alterthümer etwas mehr aufzuopfern, wenn nicht die Frevler entdeckt, und zur gebührenden Strafe gezogen werden, welche in dessen Ermanglung sonst eben so leicht auch an diesen Altertümern ihre Bosheit verüben könnten. Bürger! Euch allen, die nicht zur kleinen Anzahl dieser Bösewichter gehören legt in obigen Rücksichten der Ehre und des Interesse alles daran, zur Entdeckung der Thäter nach allen Kräften mitzuwirken, wozu jeder auch die mindesten Umstände zur Erreichung dieses guten Endzwecks dahier anzugeben von selbst schon geneigt seyn und hierzu bey seinen Bürgerpflichten aufgefordert wird den Arm zu erheben, welche dieser Gesinnung, und auch geneigt seyen, die neue Anlage wenn sie soviel thünlich repariert würde, eben für die Zukunft so zu sichern wie die römischen Alterthümer darneben, wird man die Bürgerschaft darüber vernehmen, welche gegen das Angenehme und Nützliche dieser neuen Anlagen auf dem Gemeinds Eigenthum etwas einzuwenden haben, wo sofort erst diejenge auch melden mögen, welche in den hierwegen zu errichtenden Verein sich einlaßen wollen. Der nebst der gedachten Reparation, und Fortsetzung der neuen Anlage, auch deren Sicherheit, und jenen der römischen Alterthümer darneben bezweckt. Dieser Verein bildet eine vollkommene gleiche Gesellschaft aus Freunden der Natur, des Nützlichen und Angenehmen, wobey nur mit Beschluß der Mehrheit von allen oder eines vor diesen zu erwählenden engern Ausschuses in allem was die neue Anlage auf rothen Rain betrift, fürgefahren werden solle. Hierauf erklärte sich kein einziger der anwesenden Bürger, welche zum weit größten Theil, nämlich von 183 bis auf 35 anwesend waren, gegen die neue Anlage, im Gegentheil ward ihr Unwille gegen diese Zerstörer sichbar und laut.
Sr Guttenberg (148 Unterstützer!)
Stammbuch: Georg Guttenberg (geboren um 1786) fürstlich Fürstenbergischer Rentmeister.
4. Pasquill von 1821 über die vermeintlichen Thäter
Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820
StAF B 695/1 Nr. 731
Am Fasnacht Sontag in der Nacht nahm mancheiner wohl in acht sie giengen über Berg und Thal in die neu gemachte Anlag 2 Dort spielten sie ein schönen Streich, die Bösewichter ohne gleich mit Sägen und auch Beil begannen sie die Anlag zu zerstören 3 Sie fingen nun zu hauen an der Teufel in halber Menschengestalt. Sie hieben 216 Bäume mit karacktenlosem Mut entzwei 4 Dann gehen sie nach verübtem Schmaus mit Schossen Dreck und Koth nach Haus. Das merkte man in aller Früh an ihren angehabten Schuh. 5 Wer nur diese sind gewesen dies läst sich für leicht enträtseln. Sie glaubten sich voll Ehr und Rang darauf folgt aber Spott und Schand. Sie wollten sich zu Räthen erheben und niemand wollt das Mehre ihnen geben darauf worden sie Fuchs teifels wild. Jetzt muss die Anklag sein Verdacht.
29. März 1821
1 komm mein Freund nun komm und Horche was ich hier zusagen hab In dem Roten Rein, jetzt horche, sind die Bäume aber ab 2 Schöne Spuren hat man jetzt nun alle, wer auch dieses hat getan, es wehre nun jetzt auch der Faller dass der Auer es getan 3 Auch Faller Nagler kan es wissen. Er ist auch von dieser Brut das merkt man in sein Gewissen. Auch sein Gesicht ist nicht ganz gut 4 auch der gewissen hafte Martin Ruf gehert auch in ihre Mitten. Er solte gleich die Säg und ruft „Sie haut ich hab sie geschliffen“ 5 auch der Gewissen hafte Mann das sollte man nicht glauben, stellet an noch einen Man zu dem Baum umhauen 6 er Neigt sich vor dem Hochalthar er Neigt sich vor dem Hochalthar, bereit bis zu den Füßen, doch dieses gleichen Häuchler gar, und nicht wert das verschisen
Abschrift Die Zerstorung der neuen Anlag in der Nacht vom 4. auf den 5. März 1821
Pasquill
Abschrift Die Zersterung der neuen Anlag in der Nacht vom 4. auf den 5. März 1821
Fallet Bäumchen fallet Alles heute nacht erschallet Laut vom Jubelthon Luna selbst wird mich erheren Eine Anlag zu zersteren Ruf ich auch noch Pluto an
Als uns gedanken=Räthe niemand wollte Mehren Unterstand ich mich, und half zersteren Ein Erholungsort sehr angenehm und schön Ruf ich jetzt Ruhe es ist geschehen.
Ruft nicht so laut! Sprach nach vollbrachter That ein Heüchlerischer Bether Und nehmt euch wohl in Acht, es gibt ein fürchterliches Wetter. Fort fort es ist geschehen, wir müssen jetzt ganz still nach Hause gehen.
5. belegte Rechnung von 1821 über die Herstellung des Steges
Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820
StAF B 695/1 Nr. 731
Die anliegende Rechnung Anno Die Herstellung eines Steges über die Bergach zu den vorgermanischen Alterthümeren ins Hammelthal und zu genannten Anlage auf rothen Rain wird nun auf den hier Verifizierten erhaltenen 81/2 Seiten Stebnisen a 12 f. 30 k. pen. eine Summe von 88 f15x anschein berücksichtigt nicht ist hiesige Schmid Johann Gilly wenn der deßen gießen nur obigen Preis übernommen hat, folgende Zahlungen zu leisten haben. 1.) dem Zaunenmannen Peütschi und Kauferle gehören an 49 f 24. über Abzug des Nachlasses es 8. dannoch 41. 24 Latus 41 24
Weitere Rechnungen mit Namen der Handwerker
Vielleicht Reste vom Steg über die Bregach
Weg hoch zur Anlage am Sumserstein vorbei.
Anlage im Jahr 2025
Rechnung Die Herstellung eines Steges über die Bregach zu den römischen Alterthümer im Hammelthal, und zu der neuen Anlage auf rothen Rain bey Hüfingen
An Arbeitslohn 1. Zimmermann Fritschi mit 4. Gesellens laut Conto. 2. Schmid Heitzmann für 2. Hangwerk. 3. Baumeister Röthele. 4. den Behlamern für 2. Stammen Beifuhr a 1 fl 30 x 5. den Waldhausern für 3. Stämme 2 fl 30 x 6. den Wolterdingern für 10. Flöcklinge 7. Trinkgeld den obigen Zimmer- und Fuhrleuten 8. Für den Anstrich des Steges mit Künöhl, Arbeitslohn zusammen 77.56
An Material Stämme Bauholz von Waldhausen a 2 f 30 x Setto vom Wolfsbühel Das ist 12.30
10. Stöcklinge von Wolterdingen a 40 kr 16. detto von hier à 90 kr für 157 lb Eisen samt Koh Nägel und Klammern Künöhl zum Anstricht 10. Maß à 163 zusammen 3. An Günther Vergütung Dem Baumeister Röthele für den Weg, lang 516. Schuh, breit 8 Schuh tut 4128. Schuh, nach dem Cataster, à 100 fl die Jauchert, betragt Summa Summarium Arbeitslohn, Materialien, Vergütung Beträgt zusammen 151.24 Als Beiträge hierzu kommen hiervon abzuiehen Zimmermann Fritsche et Consorten ad2. Schmid Heitzmann Arbeitslohn. Das ist 16.46
Transport 18.46 ad 3. Baumeister Röthele 4.90 ad 4. den Behlamer Fuhrleuten 3.- ad 5. Waldhauser Fuhrleute 7.30 ad 6. Wolterdinger Furhleute 2.- ad 7. das Trinkgeld ad 2.- ad 8. fürs Anstreichen von Materiale die 3. Stämme Bauholz, in Hoffnung gnädigsten Nachlasses -.4 ad 9. Detto vom Handelsmann Curta 5.- ad 10. Stöcklinge in Hoffnung gnädigsten Nachlasses an Gutsvergütung 16,- Zusammen 71.4 Wenn nun vom ganzen Betrag ad 157.24 Abgezogen werden obige 71.42 Verbleiben noch 79.42
Fürtan wir das Glück, nebst den in Hofnung gnädigsten Nachlasses schon in Abgang geschrieben 7 fl 30 kr, und 6 fl 40 kr für Holz und Stöcklingen entweder obige Summe baar oder zu für 61/2 Zentner Stabisen à 17 fl im Preise zu Hammereisenbach zu erhalten, so wäre dem Rückfluss ausgeglichen.
Hüfingen am 10. Juni 1821 Hofrath und Oberamtamann Baur.
Jakob Seidel, Ambros Röthle, Joseph Willmann, Joseph Martin.
6. Protokoll von 1828 die Herstellung des Forstweges vom Steg in die Anlage
Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820
StAF B 695/1 Nr. 731
Zuerst sind Briefe von Hofrath Baur von 1822 über Maßnahmen und Rechnungen und er wünschte ein glückliches neues Jahr am 2. Januar 1822. Es folgen Briefe über Stabeisen mit dem Bergverwalter Mayer aus Hammereisenbach.
Dokument 7 Consignation über die Baukosten, der neuangelegten Straße über den Bregbach hinter Höllenstein. 1. für Zimmermannarbeit Jakob Fritschi 49.24 2. für Schmidarbeit Johan Heizman 32.24 3. Naglerarbeit Ambros Röthele 9.30 Hiervon kommt in Abzug die freywilligen bey Zang als Ambros Röthele laut Beleg No 3 per Johan Heizman, Jakob Fritschi, Joseph Fritschi, Georg Groman, Johan Groman, Leonhart Schafbuch Tut 26.16 bleibt über Abzug dessen 64.2 Hüfingen den 9. Juni 1821 Ambros Röthele
Dokument 8 Conto Endtes gesetzer habe auf Befehl des Herrn Oberamtsmann Manns einen grügen Fußsteg über den Bregbach gemacht. Den 18ten Mai ist Holtz geschlagen worden. Meister Georg Gromann, Leon Schafbuch, Josef Frischi, Johan Groman, Zu diesem Steg ist Freiwilliger Tag vom Jakob Fritschi, Joseph Fritschi, Georg Groman, Johan Groman, Leonhard Schafbuch, Hüfingen den 7. ten Oktober 1821 Jakob Seitz Zimmermeister
Dokument 9 Nota: zu Bemerken ist, das an vorhandenem Conto pa 31 fl 24 kr wegen einem freiwillligen Beitrag 8 fl 16 kr ab gehen. So bleibt noch zu bezahlen 22.38 Hüfingen am 7ten Juni 1821 P. Heizmann Schmid
Vielleicht Reste des Stegs über den Bregebach
Weg am Höllenstein November 2025
Weg zur Anlage bei den römischen Altertümern
Dokument 10 Conto: Eides benannter hat aus dem neuangelegten Stegbau hinteren Höllstein über den Bregebach angeschafft 450 Stück Bodenzigel à 44 4 Stück gantz Leistnägel 8 Stück halb Leistnägel 2 Stück gerlist Flammennägel für Reparation 11 Stück gewisshauen per Stück Vorzeit derselben bei Anweisung des Bauholzes und Aufbauen bei dem Stegbau 3 Zug à 1f30x Summa 9.30 Hüfingen den 9. Juni 1821 Ambros Räthele
Dokument 11 Homma! Ich glaube, Sie und ich kamen wegen dem Holz ganz kurz aus der Geschichte, beim Ziegel einheitlich die Anwesenheit Serenissimi benutzen und höchstselben hinterbringen verbunden, daß das Oberforstamt auf die Zahlung des Holzes dringe und daß es nur ein Wort brauche damit der Oberfürst mit diesen ohnehin unbedeutenden Posten abschreibt. Es geschieht ganz sicher. Verehrungsvoll danehigen den 4. Juni 1821 Ihr Freund und Diener Dilger
Dokument14 Brief: An Herrn Bangamts Verwalter Mayer zu Hammereisenbach. Wir haben im letzten Sommer einen Steg unweit der Oberen Mühl daher zu den römischen Alterthümern und zu der neuen Anlage hierzu hergestellt, wegen uns Serenissimus mit einen gnädigsten Beitrag zugesichert. Nach der mir gestern von Herrn Kabinots Sekretär, Rath Baur zogen nach demünschung gemachter Eröffnung sind sechs und nun halber Zentner Stabeisen auf dem Hamereisenbacher Werke ob solchen Beylang bestimmt. Welches Eisen sogleich abgehalten wieder könne um nun die Bauche verschobene Rechnung berücksichtigen zu können, wollen auf, müßte
Dokument12+13 Brief: An Herren Kalamets, Sekretarius Rath Baur, Zogenrath zu Donaueschingen Hüfingen 16. Nov. 1821. Laped Nachdem Sie Seele Mahler für Seine Herrn Stahen so leicht ich dazu was ich in Mitten der 1790 ger Jahren von Seele zu Donaueschingen – als wird vom Jugend Freund erhielt und brauchbar als eine Freundschaft tiefes Andenken auf vermeichtlichen würdig. Sein Bilder von ihm stehen in der Academie zu Stuttgart nach als Anfängen verfertiget, welches er bei seinem nachherigen Besuche der hier nach keiner Aussehrung zu retounieren wollten zu allein der wasen Schelbischen levis! Brusesting Boll Hauser
(Wenn ich mal Zeit habe versuche ich den Brief besser zu transkribieren)
Als früher Vertreter der Hüfinger Künstlertradition gilt Johann Baptist Seele (27. Juni 1774 in Meßkirch – 27. August 1814 in Stuttgart). Sein Vater Franz Xaver Seele diente ab 1776 in Hüfingen als Unteroffizier im fürstenbergischen Kreiskontingent. Johann Baptist Seele stieg bis zum Hofmaler des württembergischen Königs in Stuttgart auf.
Johann Baptist Seele 1810
Das Altarbild von Seele in St. Verena und Gallus
Das Altarbild in der Stadtkirche zu Hüfingen In der Morgenfrühe des 4. Juni 1812, am Donnerstag nach dem Fronleichnamsfest, fuhr durch das untere Stadttor eine vollbesetzte Kutsche Donaueschingen zu. Stolzer Rosselenker auf dem Bock war der hiesige Josef Neukum, der den ehrenvollen Auftrag hatte, den württembergischen Galeriedirektor und Hofmaler Johann Baptist von Seele und seine beiden Kinder durch die Baar nach Stuttgart, in ihre Heimat, zu führen. Viel Ehre war dem Künstler im gastlichen Hüfingen, wo er bereits eine Woche weilte, zuteil geworden, und reich beschenkt kehrte er nun wieder in die königliche Residenz zurück. J. B. von Seele, der von neidischen Kollegen als „Husaren- und Dragonermaler” angefeindet wurde, hatte aus Liebe für die Bewohner der Stadt Hüfingen, in der er die ersten Jahre seiner Jugendzeit zugebracht, ein Gemälde von 14 Schuh (4,20 m) Länge und 8 Schuh (2,20 m) Breite gemalt, vorstellend den am Kreuz hangenden Christus, darunter die Mutter Maria, den Jünger Johannes und die büßende Magdalena.
Ab Dokument 15 folgt ein Streit um den Weg an der Wiese die der „Hirschenwirt Auer“ vom Handelsmann Curta und dieser vom Baumeister Ambros Röthele gekauft hatte. Augustin Auer (in Tengen geboren um 1770 – 29.09.1837) war mit Magdalena Fritschi verheiratet und hatte mit ihr 9 Kinder. Der Leinenweber und Hirschenwirt war 1821 beteiligt an der Zerstörung der Anlage. Ein Sohn, Franz Josef Auer (04.05.1796-08.11.1832), war Schüler in der Zeichen- und Malschule von Luzian Reich senior (hier „Lehrer Reich“) und wurde später Portraitmaler . Von ihm ist die Rede im Denkbuch von Lucian Reich: „Zwei andre aus der vaterstädtischen Zeichenakademie hervorgegangene Künstler waren der Maler Auer und sein etwas jüngerer Landsmann Durler. Ersterer, der Sohn des Hirschwirts in Hüfingen, hatte sich bei Seele in Stuttgart zum Porträtmaler ausbilden wollen, sich jedoch der strengen Zucht des Meisters frühe schon entzogen, wie sein Landsmann Zwerger, damals im Atelier Danneckers beschäftigt, zu erzählen wußte: Eines Tages war der Freund zu ihm gekommen mit dem Gesuch, ihm doch seinen neuen Frack zu leihen zu einer Fahrt nach Ludwigsburg, wo er einer Hinrichtung beiwohnen wolle. Zwerger entsprach seiner Bitte, hat aber ihn — den neuen Frack — nie mehr zu sehen bekommen(.….)Nach Jahren war der leichtlebige Künstler kränklich in die Vaterstadt zurückgekehrt, wo da und dort in einer Stube noch lange ein von seiner Hand gemaltes Miniaturporträt zu sehen war.“ Der Baumeister Ambros Röthele wohnte offensichtlich nicht in Hüfingen. Der Vater des Handelsmanns Curta ist auf dem Hüfinger Friedhof zu finden, er wurde von österreichischen Plünderern ermordet. Johann Jakob Curta (27.9.1797-18.10.1864) war der Handelsmann der die Wiese vom Baumeister Ambros Röthele gekauft und an Augustin Auer verkauft hatte. Ein Bruder vom Handelsmann Curta, Johann Franz Valentin Curta (24.05.1794-26.04.1837) wird in der Chronik ebenfalls als Gastwirt zum Hirsch und als Wachsfabrikant betitelt.
Johann Franz Valentin Curta, Kaufmann aus Italien, geboren in Gressoney am Monte Rosa, gestorben in Hüfingen am 19.10.1805 . Er wurde von österreichischen Soldaten beim Plündern vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder niedergeschossen und ist drei Stunden später gestorben. Er war verheiratet mit Rosina Burkhard und sie hatten 12 Kinder. Ein Sohn, Johann Franz Valentin Curta, wurde Gastwirt zum Hirsch und Wachsfabrikant und ein Johann Jakob wurde Handelsmann.
Actum Hüfigen den 24ten September 1828. In Gegewwart des Hofrath und Oberamtmann Baur actuante Rchtp. Dilger Hüfingen N. 8521 p1. Der Bürgermeister Burkart erscheint mit nachbenannten Parthien: Hirschewirth Auer, welcher vorbringt: ich habe vor 2 Jahren eine Wiese hinter dem Höllenstein vor Handelsman Curta dahier gekauft, worüber bekanner Dingen ein Fußweg in die Anlage und auf Schoßen eben so wie zu den römischen Allerthümer im Hammelthal von dem neuen Steg angeht. Dieser Fußweg von 6 bis 7 Schutz breit läuft der erkauften Wiese wurde im Jahr 1821 nach Errichtung der Anlage an der damals dem Baumeister Röthele gehörenden Wiese hergestellt, welcher dieselbe nachher an Handelsmann Curta verkaufte. Dieser verfertigte die Producirte Schrift am 13te Nov. 1823 unterzeichnet Von Ambos Röthele bedingt habe den gedachten Fußweg ein nach dem im Praesentia benanten zu Gefallen mit Errichtung der Anlage für weniger Zeit, jedoch nicht herkömlich gestattet haben. Ich will zwar haben Zuschweig ist abeschlagen wissen, jetzige Anlagen ist aber der Stadt eine billige Entschädigung bekommen an zemmi von Leuschen.
Bürgermister Burkard erwidert hierauf: Es ist dem in Raesentia bewusten und lärmliglich bekannt, daß dieser Bregweg zu dem oben erwähnten Endzweck von Baumeister Röthele als dem damaligen Eigenthümer der nachher Curtaischen und zur anrischen Wiese bewilliget, sofort mit Bäumen besetzt und sogar nachher vor guten Grund beraubt würde, so daß man ihn mit Kies auffüllen müßte und noch mehr aufgefällt werden muß. Hiernach kann von einer Entschädigung gar kein Rede mehr sein, weil dieser Fußweg zur Zeit schon bestanden, wo Röthele die Wies an Curta, sofort diese an Auer wieder Verkaufte.
Aussagen von Curta, Auer und zwei andere:
nicht mehr Recht verlange als was dieser von Röthele erworben und lezterer hat bekannter Dinger den befragten Weg unentgedlich gestattet. Man findet hier aus den Akten, betreffend die Errichtung der Anlage zu bemerken nothwendig, daß die gedachte Anlage mit allgemeiner thätiger Mitwirkung des Publicus im durch ergiebige Unterstützung hochfürstl. gnädigster Herrschaft schon aus 1820 angefangen er in der Folge hergestellt wurde daß statt der gefährlichen und unangenehmen Weges neben des Wasenmeisters Haus und Anger vorbei, am linken Ufer von der Bregach ein Weg als nachsorger Inhaben meiner Wies den Grund von diesem Fußweg gegen die Ordung hinweg und duch die Wiese genommen diesen nicht ganz gemäß lautet die Vorliegende, von Curta aufgesezte Schrift, deren Unterzeichung von mir derselbe zu bewirken wußte. Um die ich um nach dem obigen erläutere. Klagender Auer repliciret um: Ich glaubte nach der Vorliegenden Schrift zur Entschädigungsforderung an die Stadt berechtiget zu sein, obschon die Geschichte sich erwähnter Maßen zugetragen habe. Bürgermeiser Burkhard Namens der beklagten Gemeinde deplicirtes: Auer Runta Muu Curta
Handelsmann J. Curta v. dolm hat noch geschehen Ab und Gegenrechnung die an mir erkaufte Wiese hinter dem Höllstein als vollkommens und begehltes Eigenthum zu besitzen – item wird demselben bezeuget, daß er zwischen meine Wiese und Jacob Seidel führende Fußweg keineswegs zu leiden verbunden, sondern derselbe den Frau Hofrathsamtsmeister Baurzi gefallen an mir für einige Zeit – jedoch nicht verbindlich, gestattet werden Hüfingen 13ten October 1823 Ambros Röthele
Der Weg ist mit Bäumen bepflanzt mit beträchtlichen Kosten hergestellt und daß zu diesen Fortsetzung über die Wur der Baumeister Röthele das in den hierzu erforderlichen Platz mehrtgeldlich und als Beitraglos sehr ermöglicht, herzustellen, wenn nun man auch diesen Weg mit Bäumen bepflanzt hat. Bei dieser Kerge ergeht nun der Bescheid Wird der Hirschewirth Auer mit seiner Entschädigungsforderung an die Stadt gewerde wegen des von Baumeister Röthele, als vormaliger Wieseneigenthümer abgetretenen Platzes zum derzeitigen Fußweg hiermit abgewiesen, und in die Kosten dieses Streites verfällt. eröfnet durch 10 Uhr mit den, daß weil der Streitgegenstand nur 1 bis 2 Louis, der Werth beträgt, auch keine Appellation stattfinde P. S. 2 te Test. Dilger Bichtsp
Über Josef Dilger gibt es im Sippenbuch keine Daten, nur dass er später wohl Großherzoglicher Notar war.
8. Rechnung über baare Einnahmen und Ausgaben für die Anlage von 1820 bis 1830 gestellt
Die Anlage auf rothen Rain entstanden a. 1820, wurde bisher verbessert, und im vorigen Jahr mit einem beträchtlichen Kostenaufwand bekannterdingen vollendet, ohne jemanden vom Jahr mit Beiträgen in Anspruch zu nehmen. Allein das Reparieren der Anlage vorzüglich der Tempel und Bänke und das Reinigen der Wege ist auch dieses Jahr erfoderlich, um dieses schöne Werk der Natur und des menschlichen Fleisses vor Verwilderung und seinem Untergang zu erretten. Daß dieses abermals – obschon nicht so beträchtlich, wie in früheren Jahren mit Kosten verbunden, ist eben so begreiflich, als daß diese Kosten nicht wie es im vorigen Jahre geschehen von einem allein bestritten werden können.
Wer nun um Erhaltung dieser öffentlichen Anstalt sich verdient zu machen gedenket, der wird gebethen, denjenigen Beitrag anher gefällig zu bemerken, den er zu geben geneigt ist, worüber seiner Zeit gewissenhafte Rechnung wird gelegt werden. Hüfingen am 3ten Juni 1830.
Baur Oberamtman zu seinen beträchtlichen Auslagen für die Anlage seit ihrer Entstehung und besonders in vorigen Jahr, zum obigen Endzweck Rentmeister Guttenberg mit dem Ansigen überwieß einen weitern Beytrag zu leisten, weden die Unterhaltung der Anllage für zuvor einen größere Aufqand fordern sollte. Amtmann Schweb, wie Herr Rentmeister Gatten bey- Oberunnehmer Kornacher, Oberunnehmer Ahächtt Fischer, Bechtspunkunkt Gantio mit der nämlichen von Herr Rückmeister Guttenberg beigefügten Bemerkung Dilger wie H Gemminister Guttenberg in Bezug des Zeugnißes bemerkete
Conto Die unterschriebenen haben auf Anordung des Herrn Amts Actuar Gleichauf mit Arbeit in der Anlage zu gebracht. Erstlich der Georg Haller und Franz Joseph Mog jeder 3Tag bernen der Michael Jurig und Georg Labor jeder 2Tag perTag Dreysig Kreuzer. Betragt sich zusummen 5 f. Summe 5 f Den Empfang bescheinigt Hüfingen den 22ten August 1831 Fanz Joseph Mog Georg Haller Michael Thury Georg Labor Die Bezahlung haben wie von dem Herrn Rechtsstrackkigkont Ganter mit Dank erhalten.
Rechtsanwalt Johann Nepomuk Ganter geboren 1802 in Meßkirch
Conto Die unterschriebenen haben durch Anordnung des Herrn Amts Actuar Gleichauf mit Arbeit in der Anlag zugebracht. Erstlich Georg Haller per Tag 30x Michael Thury 30x Franz Joseph Moq jeden 1 Tag 30x Ferner Johann Hermann einhalber Tag 15x Georg Labor 5 Tag 2 f 30 x mit 4 f 15 x Den Empfang bescheint durch den Herrn Rechtes Praktikant Ganter mit Dank erhalten Hüfingen 1831 Thury, Georg Labor
Unterzeichneter hat für Arbeiten in der Anlage von 2 1/2 Tag per 30x erhalten 1f 12 x Hüfingen den 5. Juni 1831 Paster März
Unterzeichneter hat aus dem Anlagefond für viertägige Arbeit zu 30x per Tag erhalten Hüfingen den 5. Juni 1831 Folzmaur
Unterzeichneter hat für Arbeiten in der Anlage 7 Tage per 30x erhalten is 3 f 30x bescheinigt Hüfingen am 12. Juni 1831 Georg Labor
Unteerzeichneter hat für Arbeiten in der Anlage für 5 Tage à 30 x erhalten 2 f 30 x Hüfingen am 12.Juni 1831 C. Sulzmann
2 Mahnung an den Hofrath Baur:
Dem Großherz. Bad. Fürstl. Fürstenberg Präsident Herrn Hofrath und Amtmann Baur zu Allmendshofen Hüfingen d 4. Mai 1833 … haben sich Euer wohlgebohren mit einem Beytrag von 8 fr. unterzeichnet, aber hier noch nichts gezahlt Der Verein zur Erhaltung der Anlage…. … Dem Herrn Hofrath und Amtmann Baur zu Donaueschingen Hüfingen 2. Juni 1833 …Euer Wohlgborgen muß ich im Namen der Gesellschaft für die Erhaltung der Anlage auf dem rothen Rain dahier und bezüglich auf mein Schreiben vom 11ten v. M geziemend bitten, Ihnen eigenes werthes Versprechen uns gegeben einen Zuschuss 8 fl aus dem Jahr 1830 bald an mich zu senden…
Es folgt eine Reihe weiterer Bettelbriefe und dann am 4. Juni 1833 dies hier:
Im Jahr 1820 hat unter kräftiger Leitung und Mitwirkung des vorigen hießigen Amtsvorstandes des verehrten Herrn Hofraths und Oberamtmanns Baur die Anlage auf rothen Rain dasein ihre Entstehenz erhalten. Dies ein schönes Wirken der unausgesetzten Thätigkeit, und der steten Unterstützung verehrter Freunde der unseren schönen Natur verdankt diese Anstalt ihr bisheriges Fortbestehen. Die gestellte Rechnung über die Einnahmen und Ausgaben des letztern Helfer aufenthümen . Das Resultat eines Zuschusses von 8 f 24 x allein dieser reicht nicht hin, um nöthig gewordene Reparationen, das Reinigen der Wege, das Verpfahlen und Anbinden der Bäume, das Auffüllen des Kießes in die Wege, u.d.g. bestreiten zu können. Wenn daher die mit unbeschreiblicher Wege und bedeutendem Kostenaufwand gestiftete Anlage nicht wieder zerfallensolle, so sind freiwillige Beiträge zur Erhaltung nöthig, da wir sie zu begleichen keinen Sand besitzen. Ohne mir darüber eine Direction anmassen zu wollen, glaube ich mich doch einigermassen verpflichtet für den gegenwärtigen Augenblick zum weitern Fortbestand der Anlage eine Bitte um Unterstützung an die hier nach benannten Herren machen zu müßen. In der Folge wird es von dem Gutding der betragenen verehrlichen Mitglieder abhängen einen Leiter und Aufseher aus ihrer Mitte zur Erhaltung der Anlage zu wählen. Die nachbenannten Herren werden daher ersucht, die Stunde ihrer Beiträge für dieses Jahr gefällig einzutragen und sich zur Bestätigung am Ende zu unterzeugen. Hüfingen 4. Juni 1833 Schwab Heinemann
Der Oberamtmann Eusebius von Schwab war der Nachfolger von Anton Baur der 1830 in den Ruhestand ging. Es folgt die Liste der Freiwilligen der Freunde der Natur von 1833
Nr. 22 Schwab Amtmann. Sippenbuch: Eusebius von Schwab, Amtsrevisor und Oberamtmann war mit Maria Anna Schmutz verheiratet und sie hatten zwei Töchter. Anna von Schwab heiratete 1839 Heinich von Luseck, fürstlich Fürstenbergischer Ingenieur.
Nr. 26 Salomon Guggenheim wird im Zuge der 1848er Revolution öfters in der Chronik erwähnt und kommt am 20. Juli 1850 vor das Hofgericht in Konstanz wegen Hochverrats. Danach verliert sich seine Spur.
Nr.28 Bürgermeister Johann Baptist Neukum, Bürgermeister von 1831–1837.
Nr.29 Bürgermeister Josef Burkhard (06.03.1772-12.11.1855) . Gastwirt zur Sonne, Metzger, Bierbrauer und Bürgermeister von 1826–1831.
Nr. 33 der Lehrer Reich: Luzian Reich (07.01.1787-18.12.1866) war Oberlehrer und Industrieller, er hatte eine Mal- und Zeichenschule in Hüfingen. Mehr über ihn gibt es im Denkbuch von seinem Sohn Lucian Reich: https://hieronymus-online.de/denkbuch-von-lucian-reich-1896/
Nr. 34 der Musiker Johann Nepomuk Schelble (16.05.1789-06.08.1837) starb, als er von einem Spaziergang in sein „Landgütchen“, das er sein „Ruhetal“ nannte, zurückkehren wollte, am Eingang desselben durch einen Blutsturz in den Armen seiner geliebten Gattin am 6. August 1837 abends um ½7 Uhr. Über den „Onkel Schelble“ berichtet Lucian Reich eingehend in den Wanderblühten.
Brief von Dilger zum Konzert in der Anlage 1833
Der zur Förderung des allgemeinen Vergnügens immer bereite Kapellmeister des hiesigen Bürger Militerrkorps Herr Abstuar Gleichauf hat sich nach gepflogener Rücksprache mit den in dieser Beziehung gleichgesinten weitern Kapellgliedern auf mehrseitiges Verlangen dahin ausgesprochen, daß heute Abend 6 Uhr in den hiesigen Anlagen türkische Musik gemacht werden würde. Der Unterzeichnete nimmt sich daher die Freiheit die hiesigen hochzuverehrenden Freunde der Musik und Geselligkeit hiervon mit dem Anfügen zu benachrichtigen, daß hierdurch eine Auslage von cicta. 6 fl erwächst, die aus Mangel an einem hande durch Repartition auf die Zuhörer getilgt werden muß. Diejenigen hoch zuverehrenden Herrn, die sich zur Tilgung dieser kleinen Ausgabe bereit finden, werden daher ersucht, sich auf der Kehrseite gefällig zu unterzeichnen
Hüfingen am 28 Juni 1833. Dilger
Einladung Zu beliebigen Beiträgen für ferneren Erhaltung und Ausbesserung der Anlage auf rohten Rain hier. Die bekannte Anlage auf rothem Rain verdankt der kräftigen Leitung und unermüdeten Mitwirkung des vorigen hiesigen Amtsvorstandes des Penstannten Herrn Hofraths und Oberamtamanns Baur seine Entstehung im Jahr 1820. Rastlos und mit eigenen bedenkenden Geldaufopferung hat er die Erhaltung und das Fortbestehen dieser von der Natur begünstigten Anlage uns nur mit geringen Beiträgen zu bezweken verstanden, bis in das Jahr 1830, in welcher Zeit er die Versetzung in den Ruhestand nahm. Im Juli 1833, seit dieser Zeit aber nicht wieder, wurden die Trennk dieser Anlage um Beiträge gebeten, um dieselbe nicht ihrem Zerfall heimzugeben. Die eingezogenen Beiträge wurden zur Erhaltung verwendet, und darüber Rechnung geführt, welche auf beliebige Verlangen vorgelegt und eingesehen werden kann. Gegenwärtig aber befindet sich diese Anlage in einem Zustand, der eine bedeutende Verbesserung nöthig macht, wenn das 21te Jahr ihrer Entstehung nicht das Ziel ihrer Auflösung sein solle. Ein Pfand zur Erhaltung besteht nicht, und es muß daher die Güte unter lieben Freunden in Anspruch genommen werden. Die nachbenannten Einen werden dafür ersucht eine belibiege Gabe zu spenden, den Betrag auszuwerfen, und neben demselben Gewerthen Namen beyzusetzten Hüfingen den 11ten April 1841 Schwab
Ansicht von Hüfingen 1833 vom Roten Rain aus. Zeichnung von Josef Burkhard.
Die Ansicht, gezeichnet von Josef Burkhard (Bürgermeister von Hüfingen) zeigt auf dem Rotrain einen Maler beim porträtieren. Links im Bild ist die Seemühle mit dem Wohnhaus. Das große Haus im Vordergrund ist das „Ruhetal“ von Johann Nepomuk Schelble. Am Eingang desselben starb er durch einen Blutsturz in den Armen seiner geliebten Gattin am 6. August 1837 abends um ½7 Uhr. Über den „Onkel Schelble“ berichtet Lucian Reich eingehend in den Wanderblühten.
Das Landgütchen wurde später die Heimat von Xaver Reich und seiner Familie. Auch sieht man schön die neu gepflanzen Bäume der Anlage.
Mitgliederliste 1841
Mitgliederliste1841 Namen der Herrn Spender
Ambühl SchnillungsCommission
Beck fürstl. Gutsverwalter
Bogenschütz Oberforst Infonction Actten
Brunner Amtschürwig
Firchen Amtsa
Ganter Kaplan
Gebhardt
Gleichauf
Hannscher
Huß Amtsakuator
Löstlin Oberstänstinspector Actum
von Lusek Fürstl. Somst Ingenieur
Rebstein Denen
Rebstein Partikulier
Rümel Amtsverhaut immerut
Schreiber Vikar
Schwab Oberamtamann
Ewald Forstinspections Actum
Wagner Dito
Weber Registrator
Wolf Agrotschen
Wunsch Amtsschreiber
Zogst Amtsarzusom
Zur Herstellung des Daches auf der Johannes Kapelle in der Anlage dahier sind 20 Bund Vesenhaub erforderlich. In Ermangelung eines Fonds werden die hiesigen Landwirthe um gefällige Abgab des obigen Berdürfnißes ersucht. Hüfingen den 27. Juni 1841 Schwab Namen der Geber 1. Johann Bausch 2. Gerorg Steinmauer 3. Johan Heinemann 4. Jokob Heinemann Witwe 5. Bek, fürstlicher Gutsverwalter 6. Karl Neukum 7. Joseph Gilly
Die Statue des Johannes auf einem Brunnen in Hüfingen. Vielleicht war es der Johannes von der Kapelle. Foto: 1886 vermutlich Nepomuk Heinemann
Fesenhaub (auch geschrieben: Vesenhauf, Vesenhaup, Fesenhaup) Bedeutung: Strohbündel, Reisigbündel, Besenbündel – früher verwendet zum Dachdecken, Feuermachen oder Besenbinden.
Es würde irgendwie Sinn machen, dass bei der Renovierung der Johannes Kapelle 1841 der geschnitzte Johannes seinen Weg auf die Viehtränke in der Stadt gefunden hatte.
An dieser Stelle folgen 15 Seiten Rechnungen aus dem Jahr 1841 für die ich unten nur eine einzige zeige:
Verzeichnis
Über gefertigte MaurerArbeit in der Anlage zu Hüfingen.
Da sind die eingestürzten Maueren, auf Anordnung des Herrn OberAmtmann Schwab, und Herrn Gleichauf wieder hier aufgerichtet und hergestellt, wie auch an mehren stellen die Mauerwercke verbessert worden.
Hüfingen am 29ten Juni 1841 Maurer Meister Sepple
Die letzten Seiten der Akte sind aus 1845 als die Sängergesellschaft Hüfingen die Bänke und Tische der Anlage herrichten ließ. Vermutlich sind zu dem Zeitpunkt alle ursprünglichen Mitglieder der Freunde der Natur ausgestorben.
Nach vielseitig geäußertem Wunsch soll die hiesige schöne Anlage wieder hergestellt, und verbessert werden. Da dieses, und insbesondere die Vertigung der nöthigen Tische und Bänke eine größere Auslage erfordert, so muß man in Ermangelung eines Lands den Weg freiwilliger Beiträge der Freunde der Natur empfehlen. Der hiesige Gesangsverein hat bereits beschlossen, die wöchentlichen Beiträge aller Mitglieder einsweilen 4 Wochen lang für die Anlage zu verwenden. Man macht nun an die übrigen Gauernherren und Bürger der hiesigen Stadt das geziemende Ansuchen, zum obigen Zweck einen beliebigen Beitrag leisten und in den gefälligst bemerken zu wollen. Hüfingen am 26. Mai 1845 Namen ausser dem Hufschmid nicht lesber
Rechnung anbeschran Auf Verodnung der Sänger Gesellschaft, hat der unterzeichnete nachstehende Schreiner Arbeit in der hiesigen Anlage geliefert. 5 Bäncke, 1 Tisch und eine Steige Reisige vom Rasina und Stämer herbei geschafft Arbeit 9 Tage per Tg 24x3f 36x Summe Gulden 36 Den 27te Juli 1845 Bescheid Xaver Hepting Schreiner Meister
Heike konnte Fledermäuse am Kofenweiher im Jagdflug filmen.
Nach meiner Einschätzung könnte es sich um Große Abendsegler handeln. Eine sichere Bestimmung allein anhand des Videos ist jedoch nicht möglich, aber er jagt häufig hoch und schnell im freien Luftraum, oft über Gewässern wie dem Kofenweiher. Er fliegt schon in der Dämmerung, oft bevor es richtig dunkel wird und sein Flug wirkt kraftvoll, geradlinig und schnell. Also Große Abendsegler sind dafür bekannt, regelmäßig über Seen und Weihern Insekten zu jagen. Große Mausohren hingegen jagen überwiegend bodennah über Wiesen oder im lichten Wald, ihr Flug wirkt etwas langsamer und wendiger.
Der Film zeigt, wie wertvoll dieser Bereich für Fledermäuse sein kann. Umso mehr bestärkt uns diese Beobachtung in unserem Vorhaben, im Rahmen unseres Projekts „Together for Bats!“ den Lebensraum der Tiere weiter zu verbessern und in unmittelbarer Nähe ein „Haus der Vielfalt“ als Quartier für Fledermäuse und Gebäudebrüter zu schaffen.
Fledermäuse am 2. August 2026 am Kofenweiher. Aufnahme Heike Boeke