Das keltische Brigobanna und der Mythos vom guten Römer

Wer heute über Hüfingen spricht, spricht gern von den Römern und neuerdings schmückt sogar der Kopf eines römischen Soldaten das Stadtbild.

Nur: Brigobanne, Brigobannis und Brigobanna war kein römischer Name.

Der antike Name des Kastells und der dazugehörigen Niederlassung lautete Brigobanna – wie Paul Revellio schon 1937 schreibt: „ein Name keltischen Ursprunges“. Auch die sprachwissenschaftliche Forschung führt den Namen auf das keltische brig-/briga für Höhe, Berg oder Anhöhe zurück.

Unmittelbar neben dem römischen Kastell liegt das Ziegeleschle. Die dortige Rettungsgrabung hat 2025 eine Siedlungsgeschichte sichtbar gemacht, die mindestens 4500 Jahre zurückreicht. Schon am Ende der Jungsteinzeit, fast 3000 Jahre vor Christus, wurde dort gesiedelt; weitere Nutzungen reichen über die Bronzezeit bis in die römische Zeit und weit darüber hinaus. 

Die Geschichte dieses Ortes beginnt also nicht mit den Römern.

Und auch der Name Brigobanna erzählt eine ältere Geschichte. Die Römer haben ihn nicht erfunden. Sie haben offenbar einen bereits vorhandenen keltischen Namen übernommen und in ihrer eigenen schriftlichen Überlieferung hinterlassen. Auf der Tabula Peutingeriana erscheint Brigobanne als Ort an der Römerstraße.

Ausschnitt aus der Peuting Karte mit Hüfingen oben in der Mitte

Tabula Peutingeriana: Brigobanne. (https://tp-online.ku.de)

Lucian Reich, der 1860/62 die „Geschichte der Stadt Hüfingen“ schrieb, hatte jedenfalls keinen Bedarf an einem romantischen Römerbild. Im Gegenteil. Er spricht von den Römern als „romanischen Verdrängern“, deren Verwaltungsbeamte sich „auf Kosten der Bevölkerung … blutsaugerisch zu bereichern strebten“. Und über die späteren germanischen Bewohner schreibt er:

Wie sehr auch unsere germanischen Stammväter die Römer und ihre Zwingburgen haßten …

Das ist bemerkenswert. Denn Lucian Reich war kein moderner Kritiker des Kolonialismus, sondern ein Historiker des 19. Jahrhunderts. Trotzdem beschreibt er die römische Herrschaft nicht als idyllische Zeit, sondern als Eroberung und Fremdherrschaft.

Und auch Revellio schreibt wesentlich nüchterner, auch bei ihm sind die Römer zunächst einmal die Macht, die eine bereits vorhandene Landschaft übernimmt. Seine Überlegungen zur möglichen vorrömisch-keltischen Anlage und zum spätlatènezeitlichen Fundmaterial lassen sich nicht einfach unter „römische Geschichte“ abheften.

Natürlich sollen wir uns für die Römer interessieren.

Nur ein römischer Soldatenkopf soll für die Geschichte Hüfingens stehen?

Die Römer haben in Hüfingen Spuren hinterlassen, die archäologisch außerordentlich interessant sind. Das Kastell, das Bad, Straßen, Münzen, Keramik und die vielen anderen Funde gehören zur Geschichte von Hüfingen. Das Problem beginnt dort, wo aus einem Teil der Geschichte die ganze Geschichte wird.

Man nennt das in der Wissenschaft Cherry Picking: Man sucht sich aus einer komplexen Geschichte genau das heraus, was zum eigenen Bild passt, und lässt den Rest liegen.

Hüfingen hat allerdings nicht nur eine einzige süße Kirsche. Es hat eine 5000-jährige Siedlungsgeschichte.
Warum also ausgerechnet immer die Römer?

Wer Geschichte wirklich liebt, sollte vielleicht nicht nur die Römer anschauen. Denn Brigobanna war keltisch und Hüfingen hat eine Geschichte, die weit über die römische Besatzungszeit hinausreicht.

Was versteht man unter „Geschichte“?

Im neuen Stadtlogo trägt er jedenfalls einen römischen Helm. Daneben steht: „Wir lieben Geschichte.“

Ja.
Aber offenbar nur die, die gut ins Logo passt.

Und ja:
Darüber bin ich böse. Nicht nur über das Ergebnis, das ich für eine Katastrophe halte, sondern auch darüber, wie es dazu gekommen ist – und darüber, dass Stadtverwaltung und Gemeinderat diesen Weg gemeinsam gegangen sind und das Ergebnis offenbar für vertretbar halten.

Ich ärgere mich über die Männer, die sich einen feuchten Dreck für Geschichte interessieren und trotzdem bestimmen, wie Hüfinger Geschichte dargestellt wird.

Ich ärgere mich aber genauso über diejenigen, die es ihnen ermöglicht haben. Auch über die Frauen im Gemeinderat, die dieses Ergebnis mitgetragen oder zugelassen haben. Denn ich sehe die Verantwortung für dieses Logo nicht bei einem einzelnen Mann.

Wer in einem Gemeinderat Verantwortung für eine Stadt und ihre Geschichte übernimmt, trägt auch Verantwortung dafür, welche Geschichte diese Stadt von sich selbst erzählt.

Und genau deshalb bin ich so pissig.

Ich habe mich darüber oft und laut geärgert und damit vermutlich auch schon den einen oder anderen Menschen genervt. Aber nach dem, was ich beim Blick in unsere eigene Geschichte inzwischen wieder gefunden habe, ist mein Ärger nicht kleiner geworden.

Eher im Gegenteil.

Denn wenn wir wirklich sagen: „Wir lieben Geschichte“, dann sollten wir sie auch als Ganze erzählen wollen – und nicht ausgerechnet die Hälfte der Bevölkerung mit einem Männerkopf vor den Kopf stoßen.

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