Die Lebensfrage
Dunkles Gewölk und Wetterleuchten am politischen Horizont
Zweckloses Treiben
Der Lehrvertrag

Hieronymus Kapitel 11

Es chunnt e chuele Abedluft, und an de Halme hangt der Duft denckmol, mer göhn jez an alsgmach im stille Frieden unter Dach!
>Johann Peter Hebel

Unsern Hieronymus und seine Kameraden sehen wir nun in jene Periode eintreten, wo die Kinderwelt entschwunden ist, wo das Jünglingsleben beginnt mit seinen neuen Gefühlen, seiner eigentümlichen Anschauung, und wo die Eltern gewöhnlich die Frage zu erörtern pflegen: „Was soll eigentlich aus dem Bürschlein werden?“

Das Leben des Menschen ist dem Jahresleben eines Baumes vergleichbar, und die Jugend dem Frühling, welcher die Blüten hervorlockt. Wie ihr rosiger Schmuck die Hoffnung des Pflanzers erweckt, so entzücken uns die sich entwickelnden Eigenschaften des Kindes. Ist jedoch der Frühling vorüber, so sieht der Gärtner nach, was wohl die wehenden Lüfte, die Maifröste, Raupen und Käfer übriggelassen haben; und er ist froh, wenn von all den hoffnungsreichen Knospen nur ein bescheidener Teil sich entwickelt hat als werdende Frucht und künftig lohnende Ernte.

Zu schönen Hoffnungen durfte Vater Mathias sich gewiß berechtigt glauben, denn sein Sohn hatte bisher in allen Arbeiten ein natürliches Geschick gezeigt und mannigfache Anlagen entwickelt. Ein eigentlicher Lebensweg jedoch lag noch nicht bestimmt vor Augen. – Hieronymus war der einzige von seinen Altersgenossen, über dessen künftigen Beruf man noch zu keinem Entschluß gekommen.

Romulus hatte stets wenig Neigung zur Feldarbeit gezeigt, weshalb sein Vater auf den Gedanken gekommen war, der Bube müsse Student werden; und wirklich hatte er auch zu studieren angefangen und vom Herrn Pfarrer in den Rudimenten Unterweisung empfangen. Wenn der Neffe des geistlichen Herrn, ein Studiosus Juris, seine Ferien im Tale zubrachte, so war ihm Romulus dienstbarer Geist und Famulus, der ihm die Kleider und die Schuhe reinigen und bei Ausflügen das Ränzlein tragen durfte. Daß er nebenbei auf seine Kameraden etwas geringschätzig herabsah, konnte einem, der bereits schon lateinisch zu deklinieren verstand, nicht wohl übelgenommen werden.

Was Dionys betraf, so hatte sein Vater, der Stabhalter, als praktischer Mann, neben seiner Wirtschaft noch einen Kramladen errichtet, worin er dem gewöhnlichen Warenvorrat für den Hausbedarf noch ein Lager von Draht, Eisen- und Messingblech usw. beigesellte, um damit die Uhrenmacherwerkstätten der Umgegend versorgen zu können, welche täglich mehr an Bedeutung zunahmen. – Der junge Dionys war für sein Alter bereits ein recht gewürfelter Bursche, der sich trefflich zum Krämergeschäft anschickte. – Wenn er so des Sonntagnachmittags, wo viele Leute ab- und zugingen, vor der Ladentür stand, die Feder hinterm Ohr, so wußte er sich ein Ansehen zu geben, als wäre er Mitglied der ostindischen Handelskompanie und wüßte aller Welt die Prozente vorzurechnen.

Des Laubhausers Peter, der auch vollständig herangewachsen war, brauchte sich, als einziger Sohn des reichen Vaters, begreiflicherweise nicht viel Kopfzerbrechen über seine künftige Bestimmung zu machen. Liebe zum Bauernstand war ihm angeboren, und er kümmerte sich in der Tat nur wenig um Dinge, welche außerhalb der Marksteine des Hofgutes lagen.

So war denn Hieronymus, wie gesagt, der einzige, welcher noch zu keinem Entschlusse gekommen war. Sein Vater wünschte ihn in demjenigen ausgebildet zu sehen, was er selbst mit so viel Mühe und doch nur notdürftig andern abgelernt: im Malen und Schnitzen; und dahin ging auch das Streben des Sohnes. Es war dem Vater bekannt, daß sein Schwager, der Klosterschneider in Villingen, ein Befreundeter des Malers Schilling alldort sei, welcher zur Zeit viel für Kirchen zu malen hatte. Er nahm sich vor, gelegentlich einmal mit dem Schwager zu reden und ihn um Rat zu fragen.

Dem Klosterschneider aber wollte der Plan nicht recht einleuchten, namentlich seitdem ihm der Maler Schilling zu verstehen gegeben, wieviel Zeit, Kosten, Selbstverleugnung und Glück dazu gehörten, um bei allem Talent auf der Kunstbahn vorwärtszukommen. – Eher, sagte der Schwager, rate er zum Lehrfach: „Es ist jetzt drauf und dran“, meinte er, „daß überail die Normalschulen eingeführt werden, und ich glaub, daß der Bub da ganz am Platz wär und sein ehrlich Brot und Auskommen finden würde.“

Auch der greise Pfarrer riet dazu; weniger aber zeigte sich Bachweber mit der Sache einverstanden, nicht etwa, weil er gefürchtet hätte, Hieronymus möchte ihm dereinst ins Handwerk stehen, sondern weil er auf die Neuerung mit den Normalschulen überhaupt nicht viel hielt; die Sache, meinte er, werde nur verändert, aber nicht besser, und werde gewiß nicht lange halten. – Hieronymus, der bei dieser wichtigen Frage doch auch nicht ganz ohne Sitz und Stimme bleiben konnte, gab aber dem Kunstfach entschieden den Vorzug. Gern wäre er zu einem Uhrenschildmaler, der im benachbarten kleinen Eisenbächle ansässig, in die Lehre gegangen. Aber dieser Mann hatte es im Fache selbst noch nicht so weit gebracht, daß ein Lehrling viel hätte bei ihm profitieren können. – Auch in Hüfingen lebte – wie man vom Feldwaibel wußte – ein Maler und Vergolder, und Hieronymus bewog den Vater, mit dem Vetter dort gelegentlich einmal zu reden. – Das ward denn auch ausgeführt; die beiden zogen hinaus ins Standquartier, wo sie vom Feldwaibel, wie gewohnt, freundlichst aufgenommen wurden.

Der Kriegsmann billigte das Streben des Hieronymus und erbot sich gern zu aller Beihilfe. Ohne weiteren Verzug führte er die Angekommenen zu seinem Freunde, dem Faßmaler, den sie gerade in voller Arbeit fanden. Der Meister hatte einen reichgeschnitzten Altar unter den Händen, um ihn mit buntfarbiger Marmorierung und Vergoldung zu schmücken. Beim Anblick dieses Werkes sowie bei der raschen und sicheren Handfertigkeit des Meisters ward es dem guten Mathias fast weinerlich zumut, so klein kam er sich in diesem Augenblick vor. Sein Sohn aber faßte frischen Mut und Vertrauen.

Als der Feldwaibel dem Meister das Anliegen seines Vetters gründlich auseinandergesetzt, legte jener den Anschießpinsel und das Goldmesser aus der Hand, sah über die Brille hinweg auf den Jungen und erklärte: „Jetzt, grad im Augenblick, kann ich euren Sohn nicht unterbringen – ich hab gegenwärtig selbst noch zwei Lehrjungen; und bis der eine Schlingel ausgelernt hat, kann ich keinen andern einstellen. – Aber – hernach kann es sein, da wollen wir sehen, wie sich der kleine Wäldner anlaßt. – Die vom Wald“, setzte er bei, „haben gemeiniglich ein besseres Sitzleder und bleiben lieber bei der Stubenarbeit als die aus der Baar, die nausmüssen, wenn die Lerchen singen, ins Feld. – Ich denk, so in einem halben Jahr – wird sich’s machen lassen.“ – Mit diesen Zusicherungen schickte man sich zum Fortgehen an. „ Was ich noch sagen will*, rief der Meister den Scheidenden nach, „werdet Ihr Euren Vetter heut abend mitbringen zu mei’m Schwager, dem Verwalter?“ – Der Feldwaibel bejahte und begleitete seine Gäste wieder nach Haus, wo die Hausfrau und das Mittagessen ihrer warteten.

Das Gespräch über Mittag nahm diesmal eine Wendung über die alltäglichen eigenen Angelegenheiten hinweg. Denn das Gewitter, das in Frankreich zum Losbruch kommen sollte, zeigte sich schon als dunkles unheildrohendes Gewölk am Horizont. Das Wetterleuchten zuckte bereits herüber über den Rhein. „Ich glaub, daß ich in meinen alten Tagen nochmal Pulver zu riechen bekommen werde“, äußerte der Feldwaibel, „denn“, setzte er hinzu, „die Potentaten haben, scheint es, kein sonderliches Wohlgefallen an der Wirtschaft drüben im Nachbarland.“ Mathias erschrak bei dieser Bestätigung der trüben Nachrichten, welche der Sohn des Kaiserzollers kürzlich auf den Laubhauserhof gebracht hatte.

Er kannte den Krieg und wußte, daß der Bauer stets am meisten dabei herhalten müsse, weshalb er – wenn von Händeln und Krieg die Rede war – zu sagen pflegte, daß ihm für sein Teil der „Friedle“ der liebste sei. – Als Antwort teilte er nun dem Feldwaibel die Nachrichten des jungen Kaiserzollers mit, welche dessen Vater kürzlich von Freiburg heimgebracht: im ganzen Elsaß geh ein gefährlicher Wind, im Straßburgischen, auch hüben im Hanauer Ländle und in der Ortenau hätten sie rebelliert, und der Fürst von Heitersheim sei fort nach Passau. Ebenso hätten sich auch andere Herrschaften und Beamten aus dem Staub gemacht. – Und auch der Kaiserzoller hab seinen Verwandten sagen lassen, daß er beim ersten Rumpel mit seiner Kasse nach dem von der Landstraße weiter abgelegenen Laubhauserhof flüchten wolle. „Wenn wir heut abend beim Verwalter zLicht gehen, werden wir vielleicht mehr hören. Heut kommt die Ordinari mit der Zeitung“, entgegnete der Feldwaibel. „Es liegt etwas in der Luft und muß sich gewiß bald entscheiden.“

Der Verwalter aber, von welchem er gesprochen, war der Vorstand der Landesstrafanstalt in Hüfingen. Diese Anstalt, wohin man auch die Straf kontingente einiger benachbarter Territorien ablieferte, beherbergte damals noch Gäste eigener Art. Burschen niederer Herkunft, welche nicht guttun wollten, pflegte man unters Militär zu stecken; vornehme Familien aber zogen es vor, einem Sprößling, an welchem Hopfen und Malz verloren, ein Nebenplätzchen im Zuchthaus zu verschaffen. – In der Strafanstalt zu Hüfingen befanden sich um jene Zeit etliche solcher Gutedel, denen natürlich eine gewisse Freiheit und Bequemlichkeit gestattet ward.

Grundriss des Zucht- und Arbeitshaus (2)
siehe ganz unten

Die geräumige Wohnstube des Verwalters diente abends zur gewöhnlichen Zusammenkunft von Bürgern und Beamten, welche in vertraulichen Gesprächen über städtische und andere Angelegenheiten und Tagesfragen sich die Stunden verkürzten. Als diesmal der Feldwaibel mit seinem Vetter eintrat (Hieronymus war bei der Base geblieben), trafen sie den Kaplan gerade beschäftigt, einen Artikel aus dem Postreiter vorzulesen. Es war darin von einem Kurier die Rede, welcher mit gewissen wichtigen Depeschen durch eine gewisse Residenz gekommen sein sollte. Diese Nachricht führte unsere Gesellschaft unwillkürlich zur Erörterung der wichtigen Frage: was das wohl zu bedeuten haben werde?

– Der Feldwaibel, nachdem er seinen Gast der Gesellschaft vorgestellt, berichtete, was dieser ihm vom Kaiserzoller mitgeteilt; und man schien nicht abgeneigt, zu glauben, daß es zum Krieg kommen werde. Auch der Kaplan war dieser Meinung.

„Seine Majestät, der Kaiser“, sagte er, „ist bekanntlich verschwägert mit dem Franzosenkönig; und es sollte mich nicht wundern, wenn er mit dem König von Preußen Allianz machte, um seinem bedrängten Schwager zu Hilf zu ziehen.“
„A parbleu!“ ließ sich aus der Ecke ein junger Mann in Jagdkleidung vernehmen, „der König von Frankreich wird allein mit der rebellischen Canaille fertig werden! Hätt ich nur vier Wochen das Regime“, setzte er bei, indem er die Füße über den vor seinem Lehnstuhl stehenden Schemel legte, „ich würde der Welt ein Exempel geben.“
Der Sprecher war Monsieur Sirjean, einer jener jungen Herrn, von welchen wir oben geredet. Seine Familie, bei Kolmar begütert, war durch den Tunichtgut fast ruiniert worden und hatte ihn endlich dem Zuchthausverwalter in Hüfingen in Kost und Logis gegeben.
„Das Morgenrot der Humanität ist angebrochen“, entgegnete der Gefällverwalter, seine Perücke etwas auf die Seite schiebend. „Und ich behaupte, daß die Tugend im Zwillichkittel ebenso ehrwürdig sei wie im goldbortierten Rock. – Die Zeit, wo man Hexen schmäucht, ist Gott sei Dank vorbei. Es wird immer heller, und jeder kann sehen, daß das Horn des Überflusses von der gütigen Natur für alle Kreaturen, ohne Unterschied, ausgeschüttet wird.“ „Très bien! Mit Ausnahme der Straßburger Gänseleberpasteten“, warf spöttisch Sirjean ein; denn der philosophierende Gefällverwalter, welcher als Junggeselle lebte, hielt, nebst der Tugend und Natur, Geflügel, feines Gemüse und andere Produkte der höheren Kochkunst, welche er von Straßburg zu beziehen pflegte, für das Preiswürdigste im Leben.
„Euer Witz ist etwas abgetragen!“ versetzte beleidigt der Gefällverwalter mit einem Seitenblick auf das ziemlich schäbige Kollett des Sprechers, „man lerne mich besser verstehen!“ fügte er bei und drehte jenem den Rücken zu. – Der Kaplan aber, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, sagte:
„Ich verstehe mich zwar nicht viel auf weltliche Handel, aber so viel scheint doch aus allem hervorzugehen, daß ein Überfall französischerseits gar wohl möglich wäre.“
Diese Behauptung aber brachte sämtliche kaiserlich Gesinnte in den Harnisch, und der Zollbereiter schwur hoch und teuer, daß sie, die Franzosen, diesmal nicht ungestraft über den Höllenpaß heraufkommen sollten. „Es müßte mit dem Teufel zugehen“, meinte er, „wenn wir ihnen nicht schon vor der Haustür ein Frühstück anrichteten, daß ihnen der Appetit zum Mittagsmahl vergehen würde.“

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„Da werden wir städtische Schützen uns wohl hinter die Stadtmauer postieren müssen“, unterbrach ihn der Zuchtverwalter lächelnd, indem er einen Griff in seine silberbeschlagene Dose tat. „Und die Böller auf dem Lorettoberg aufpflanzen, zur Begrüßung!* ergänzte sein Nachbar und Hausfreund, der Naglermeister.
„Allerdings!“ erwiderte der Zollbereiter. „Haben nicht ebenso kleine Städtlein schon gegen übermächtige Feinde sich gewehrt? – Man leitet die Breg in den Stadtgraben, verrammelt die Tore, wirft die hölzerne Brücke ab und da wollt ich doch sehen“

»Man hört, lieber Herr“, unterbrach ihn der Feldwaibel, der bisher schweigend zugehört, „daß Ihr noch niemals dabeigewesen seid, wo’s ernstlich geknallt hat. Mit alten Stadtmauern und hölzernen Torflügeln richtet man heutzutag nichts mehr aus, das dürft Ihr mir glauben.“
„Herr Feldwaibel!“ warf der kommandierende Zollbereiter ärgerlich hin, „das kann ich Euch sagen, so wie zu Eurer Zeit, im Siebenjährigen Krieg, so ging’s nicht mehr. Der Bürgersmann würde jetzt auch noch ein Wort mit dreinreden wollen. „

„Hab nichts dagegen!“ erwiderte gelassen der alte Kriegsmann. „Der Markt wird lehren kramen. – Glaubt mir indes: nur der Soldat gibt im Krieg den Ausschlag, und der Bürger muß sich ducken!“ – Aber der Zollbereiter nahm den Kampf von neuem auf und schleuderte Tod und Verderben von den Mauern und Türmen der Stadt auf den anrückenden Reichsfeind. Und als Sirjean zuletzt verächtlich einige französische Stücke auf einer Anhöhe über dem Städtchen aufführen ließ, um die deutschen „Spießbürger“ Mores zu lehren, wurde das Gefecht immer lauter und allgemeiner – und wahrlich, das Schicksal beider Reiche wäre sicherlich, an diesem Abend schon, an den Ufern der Bregach entschieden worden, hätte nicht ein plötzliches Dazwischenkommen von außen her die Kämpfenden getrennt und zum Waffenstillstand gebracht. Es war der Nachtwächter, der auf seinem Rundgang durch die Gassen seinen Ruf erschallen ließ – mit der Mahnung: „Habet acht auf Feur und Licht, daß niemand keinen Schaden geschicht. – Es hat Zehne g’schlagen. Gelobt sei Jesus Christ!“

„Oha! Schon die Zeit?“ hieß es, indem jeder nach Hut und Stock griff.
„Wie man sich doch verplaudern kann!“ – Im Fortgehen sagte der Vetter Galli, ein friedliebender Bürgersmann und Olmüller: „Soviel hab ich g’merkt, wir alle da machen die Sach nit aus. Der Kaiser aber, hoff ich, wird der Haue schon en Stiel finde. – Gut Nacht, ihr Herren!“

Nicht ohne Besorgnis für die Zukunft war Mathias mit seinem Sohn in die Berge zurückgekehrt. Hieronymus aber, dem politische Händel wenig Sorgen machten, freute sich der günstigen Aussichten, die ihm vom Meister eröffnet worden. – Dabei fühlte er sich jedoch in eine eigentümliche Lage versetzt. Er war ruhelos, harrte Tag um Tag, Woche um Woche auf Nachricht aus der Stadt. Zu keiner Arbeit mehr fühlte er sich aufgelegt. Ja er schien sogar gewohnte Gesellschaft zu meiden. Er glich einem Menschen, der reisefertig bei allen Bekannten schon Abschied genommen und eingepackt hat, stets aber durch Hindernisse wieder festgehalten wird. Sein bisheriger Gesichtskreis schien sich erweitert zu haben und sein Geist unstät hinaus ins Weite zu schweifen.

Wem es aber vergönnt gewesen wäre, einen Blick zu tun in das Innere des guten Burschen, auf den verschwiegenen Grund seines Herzens, der hätte vielleicht noch andere Ursachen seines wachsenden Unbehagens gefunden, das ihm die Brust bald hob, bald beengte. – War es etwa die Liebe im Schoße der Hoffnung, welche dem Sohne des Häuslers goldene Träume der Zukunft vormalte – ein holdes Bild und glückseligen Besitz, der nur durch einen langen Umweg zu erreichen war?

Zu Feldarbeiten fühlte er gar keine Lust mehr; und auch seine sonstigen Beschäftigungen machten ihm kein Vergnügen mehr, seitdem er einsehen gelernt, daß er doch beinahe von vorne anfangen müsse. – Es trieb ihn hinaus in die Wälder und Berge; und sein liebster Gesellschafter war der Stoffel. Das unstete Leben des Jägers und Fischers paßte vollkommen zu seiner Gemütsstimmung. Oft, wenn es im Tale schon dunkelte, wenn allein noch auf einzelnen Gumpen im Bach oder auf Quellen im tiefen Mattengrün der Abglanz des verglimmenden Tages ruhte, sah man die beiden noch draußen beim Fischfang. Und frühmorgens, wenn feuchte Nebelmassen noch auf den Bergen lagen und über den wildbewachsenen Ufern der Bregach, zogen sie wieder hinaus mit Netzen und Stangen.

Wenn im Frühjahr der Auerhahn balzte und der fürstliche Hof zur Jagd erwartet wurde, war Hieronymus dabei, wenn der Stoffel abends vorher das Federwild „verhörte“; oder er ging mit, das Gewehr über der Schulter, hinaus auf den Anstand oder half dem Stoffel beim Dachsgraben oder leistete ihm Gesellschaft in der Fallhütte. – Von der felsigen Fischerhöhe bis in die Wälder der Schollach und des Hallenberges führten sie ihre Streifereien. Und nicht selten nahmen sie ihr Nachtquartier in entlegenen Hütten und Höfen.


Wär es dem Alten nach gegangen, Hieronymus wäre sein Nachfolger im Dienst geworden. Die Kugelbüchse (nebst der Ulmer Pfeife Stoffels intimste Freundin und Begleiterin) sollte dereinst dem Burschen als Erbstück zufallen, so versicherte er diesem oft.

So gelehrig sich Hieronymus indes anstellte, zum Waidwerk fühlte er keinen innerlichen Beruf. Ja, er kam oft verdüstert und verdrießlich von diesen Gängen heim. Das Gefühl, zweck- und nutzlos seine Zeit zu verschleudern, lastete zuweilen wie ein Alp auf seiner Brust. Die Mutter bekümmerte sich nicht wenig über die veränderte Lebensweise ihres Sohnes; und es vermochte sie nur wenig zu beruhigen, wenn der Vater ihr tröstend einredete, es könne ja nicht mehr lange dauern, bis Hieronymus beim Meister in der Stadt eintreten müsse.

Denn mehr noch als das Leben, von welchem es heißt: Fischen und Jagen hat nie viel eingetragen, mußte die Mutter sich Bedenken machen über die Gesellschaft ihres Sohnes; denn man sagte dem Stoffel manches Unheimliche nach. Er besuchte nie eine Kirche, und niemand wußte, ob er ein Christ oder ein Heide sei. Wie alt er war, wußte ebenfalls niemand, er selbst nicht ganz genau, denn sein Taufschein war ihm längst abhanden gekommen. Auch sagte man ihm nach, daß Menschenblut an seinen Händen klebe, daß er früher, als Wilderer, stets bereit gewesen sei, die Kugel, die für den Rehbock gegossen, unter Umständen auch dem Jäger als runden Gutenmorgen entgegenzuschicken, während er jetzt, als Waldhüter, nicht leicht einen Wilderer verschone.

Manche behaupteten auch, er verstehe die Kunst, sich „fest zu machen“; ja, die alte Fahlenbacherin und einige andere Betschwestern und Geisterseherinnen wollten herausgebracht haben, der Stoffel suche bisweilen den „Schwarzen“ im Walde auf.

Mochten diese Behauptungen von vielen bezweifelt werden, von einem Stücklein, welches den Beweis lieferte, daß der Alte mehr könne als Brot essen, war fast das ganze Kirchspiel Augenzeuge gewesen. – Dem Oberförster war einigemal aus seinem Garten das mühsam erzielte Obst gestohlen worden, und der Stoffel hatte öffentlich ausgesprochen, daß er den Dieb nächstens „stellen“ werde. – Und wirklich sahen die Leute, als sie am nächsten Sonntag aus der Kirche kamen, einen fremden Handwerksburschen, der, die Hand am Aste eines Apfelbaums, sich vergeblich bemühte, dieselbe loszumachen. Zugleich sah man den Stoffel herankommen mit der Hundspeitsche:

„Hab ich endlich emal einen, wart, ich will dir das Stehlen vertreiben!“ Und somit schickte er sich an, dem armen Teufel das Trinkgeld zu verabreichen; einige geheimnisvolle Zeichen, und der Bann war sodann gelöst. – Freilich wollten einige wissen, alles sei Verabredung gewesen, aber – was die Hauptsache war – Obst wurde von der Zeit an dem Oberförster keines mehr gestohlen. Ob es mit den andern Künsten des Stoffels ähnliche Bewandtnis gehabt habe, vermögen wir nicht zu entscheiden; gewiß bleibt, daß der Waidgeselle überall dabei war, wo es ein nicht gern gesehenes Treiben galt. Durch ihn vornehmlich war ein alter, fast vergessener Brauch neuerdings wieder in Schwung gekommen, das „Sägswerfen“ in der Nacht vor der sogenannten Jungfernfastnacht. Altere Leute schüttelten den Kopf über dies „heidnische Wesen“, indem sie behaupteten, daß dabei oft schon urplötzlich ein „Gewisser« sich eingestellt habe, zum Todesschrecken der Teilnehmer.

Es war im März; die jungen Burschen, Hieronymus unter ihnen, hatten sich versammelt, um mit einbrechender Nacht auf die hohe St.-Georgen-Halde zu ziehen. Unten im Tale sammelten sich die Zuschauer, die Mädchen dicht zusammengeschart. – Als der letzte Abendschimmer hinter dunkeln Wolkenschleiern verschwunden war, sah man oben auf der Halde ein mächtiges Feuer auflodern. Dort war indessen ein Tannenstamm in scheibenförmige Stücke zersägt und die Scheiben in der Mitte durchbohrt worden. Jeder Bursche hatte eine Scheibe ergriffen, um sie auf einen Stock zu stecken und am Feuer in Brand zu setzen.

Hieronymus trat zuerst vor, den Stab mit der glühenden Scheibe in der Hand und sprach, gegen das Tal gewendet, mit lauter Stimme: „Die Sags fahrt links, die Sägs fahrt rechts, sie macht’s der Jungfer Florentina grad recht!“ Dabei schleuderte er in raschem Schwunge das funkensprühende Rad weit hinaus in die finstere Nacht. – Unten angekommen, rollte es noch eine Strecke weit über die Wiesen hin, um zischend in der Bregach zu erlöschen.

Auf solche Weise trat nun einer nach dem andern der jungen Burschen vor, warf die Sägs und nannte den Namen des Mädchens, dem zu Ehren der Wurf getan wurde. Des andern Tages empfing dann jeder dieser ländlichen Ritter den Dank von seiner Holden; und bestand dieser Dank auch nicht in güldenen Ketten oder Pokalen, so war er doch nicht minder begehrt und erfreulich. Denn so eine große Platte voll Fastnachtsküchle, zumal von schönen Händen zubereitet und gespendet, war ein Preis, um den man schon einmal die „Fastnachtsfunken“ sprühen und sausen lassen konnte.

Für unsern Ritter, der auf dem Wege war, in solch zwecklosem Treiben sich ganz zu verlieren, schlug glücklicherweise jetzt bald die Stunde der Lebenswendung. Ehe jedoch dieser Zeitpunkt erschienen, ward ihm Gelegenheit geboten, vor seinem Abschied der Freundin Florentina noch einen Dienst zu erweisen. Diese war unterdessen in ein Alter getreten, wo man mit Recht von ihr sagen konnte: „De bist jetzt kei Meideli meh, jetz sag i der Meidli, und wie de gosch, wirsch alliwil größer und schöner.“ Durch die Mutter war ihr ein eigener Kleiderkasten eingeräumt worden. Denn der Vater hatte, wie er selbst zu gestehen pflegte und wie wir bereits am Neujahrsmorgen gesehen, in Sachen des Putzes allen Einfluß verloren. „Die Alte hat sie verzogen“, äußerte er oft, scheinbar verdrießlich, in der Tat aber innerlich geschmeichelt von den Lobsprüchen, die man dem schönen Mägdlein und seinem Kleiderstaate allenthalben spendete. „Es ist nur gut“, meinte er, „daß sie die einzige ist; hätt ich ein Dutzend, so wär mei‘ Seel der Wald droben schon lang de Bach ab!“

Bevor das Töchterlein seine Aussteuer in den überkommenen Kasten einräumte, hatte es den Hieronymus gebeten, das altväterliche Möbel hübsch zu renovieren, d. h. frisch anzustreichen und zu bemalen – eine Bitte, die wie ein reifes Samenkorn in fruchtbares Erdreich fiel. Freudig hatte sich der Künstler an die Arbeit gemacht, und die Bestellerin schaute fleißig nach und unterließ auch nicht, durch eine gelegentliche Erfrischung aus dem Hofkeller seine Begeisterung zu erhöhen. – Kein Eckchen am Kasten blieb unverziert.

In der Mitte der Türfüllung brachte er ein rotes flammendes Herz an, umgeben von Rosen und Vergißmeinnicht, auf den Seiten grüne Girlanden mit großen Maschen, während die ausgeschweifte Bekrönung oben den vergoldeten Namen der Eigentümerin und die Jahreszahl aufzunehmen bestimmt war. Über die Art der Honorierung des gelungenen Werkes wurde im Hof dann eine geheime Konferenz abgehalten. Der Bauer, der natürlich nichts geschenkt haben wollte, war der Meinung, man solle dem Mathias ein paar Viertel Vesen dafür ablassen; die Bäuerin aber sagte: „Nein, der Hieronymus hat’s g’schafft, er soll au den Lohn dafür bekomme. Er geht jetzt bald in die Lehr, und da wird er Geld brauche; an dem, was er daheim mitbekommt, wird er ohnehin nit schwer zu trage habe.“ Und als zur Abstimmung geschritten wurde, sah sich der gute Mann abermals in der Minorität, denn Florentina stimmte mit der Mutter, und der Vater zog seinen Antrag zurück – dem Hausfrieden zulieb, wie er sich ausdrückte.

Hieronymus seinerseits hätte vorlieb genommen mit dem herzlichen Dank, den ihm die Freundin für die Arbeit spendete. „Nun hab ich doch ein Andenken von dir, wenn du einmal fort sein wirst“, sagte sie, ihm die Hand gebend. , Und ich kann darnach nie über dem Kasten, ohne an dich zu Ein paar Wochen nachher kam der Amtsbot mit einem Schreiben vom Meister. – Mathias machte sich ungesäumt auf nach der Stadt, um das Nähere zu hören und auszumachen. Hieronymus sollte, so wurde bestimmt, drei Jahre lernen, und weil der Vater das Lehrgeld nicht bezahlen konnte, nach vollbrachter Lehrzeit noch ein Jahr „zurückdienen“ und auch alle Kosten übernehmen beim Aufdingen und Ledigsprechen. Der Feldwaibel, als „ Beistand“, stellte die herkömmliche Bürgschaft mit zwanzig Gulden, „für den nicht zu verhoffenden Fall, daß der Lehrjung etwa nicht fromm und redlich“ sein sollte. Beinebens sollte dieser außer den Schuhen auch die Kleider sich beschaffen und sogleich beim Eintritt achtundvierzig Kreuzer in die Zunftlade bezahlen. – So verlangten es die Satzungen.

Hieronymus jubelte, als ihm’s der Vater Schwarz auf Weiß brachte, daß der Bann nun gelöst sei, der ihn wider Willen bisher im engen heimatlichen Kreise festgehalten. – Bald darauf nahm er Abschied, um der neuen Bestimmung entgegenzugehen.


Zucht- und Arbeitshaus Hüfingen

Nach dem Kreistagsbericht vom 25.Juli 1715 sollte das Donaueschinger Zucht- und Arbeitshaus zur Aufnahme von mindestens 300 Personen dienen; auch „arme Kinder und Waisen, alte unkräftige Leute, Tolle und Irrsinnige sollten Aufnahme finden, dagegen nicht eigentlich Zigeuner, die den Venetianern ad triremes zu überlassen waren“. (2)

Nach 9- jährige Bauzeit wurde am 7. Oktober 1758 der Bau und die Einrichtung fertig und am 16. Mai 1759 ergeht ein Erlaß an sämtliche Oberämter mit der Anfrage, ob Züchtlinge oder Kinder einzuweisen seien. Am 23. Januar 1790 wurde Franz Joseph Schelble Zuchtmeister. Er war der letzte fürstenbergische Zuchthausverwalter und wurde 1808 in badischen Dienst übernommen. (2)

Franz Joseph Schelble war der Schwiegervater von Luzian Reich senior und somit der Großvater von Lucian Reich.

Am 27. Juli 1809 wurde das Zuchthaus in ein Korrektionshaus umgewandelt und zum Korrektionshausverwalter wurde Zuchtmeister Schelble ernannt.

Alle nach badischen Kriminalgesetzten Verurteilten wurden nach Freiburg abtransportiert. Das Korrektionshaus wurde 1828 aufgegehoben. Schelble starb mit 78 Jahren am 13. Februar 1835 und seine Ehefrau Katharina geb. Götz am 4. April 1847 mit 87 Jahren. (2)

1850 diente das Gebäude eine Zeitlang als Kaserne, 1853 als Fürsorgeerziehungsanstalt, die nach dem in der Nacht vom 22./23. März 1853 abgebrannten Kloster in Neudingen den Namen Mariahof führt und seither katholische schulpflichtige Knaben beherbergte.

Das Bauwerk wurde erst 1972 abgerissen.

Postkarte von 1910 aus der Sammlung Dieter Friedt. Hüfingen
http://www.baarverein.de/postkarten/huefingen/bauwerke/index.htm

(1) Aus den Schriften der Baar 17 (1928), Georg Tumbült: Das Fürstenbergische Kontigent Schwäbischen Kreises.

(2) Aus den Schriften der Baar 17 (1928), Dr. F. Wangener: Aus der Geschichte des Zucht- und Arbeitshauses in Hüfingen.

Mehr zur Jagd gibt es hier

Wir freuen uns über mehr Erkenntnisse zu diesem Podcast in den Kommentaren!

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Liebes- und Heiratsgeschichte

Hieronymus Kapitel 8

So hüt di vorem böse Ding s’bringt nume Weh und Ach’ Wenn’s Sunntig isch se bet und sing Am Werchtig schaff di Sach.
>Johann Peter Hebel


Liebes- und Heiratsgeschichte

Es war zur hohen Sommerszeit; der alte Klaus saß ruhig bei seinem Feuerherd unter dem Tierstein, in dessen unmittelbarer Nähe er seine Kohlestatt aufgeschlagen hatte. Die Sonne brannte heiß an die zackige Granitwand; und nur zuweilen strich ein leises Lüftchen durch die Erlen und über die Wellen der nahe vorbeifließenden Bregach. Die Natur schien ihr Mittagsschläfchen zu halten, so ruhig war es rings umher – nur im reinen Himmelsblau wiegte sich ein Geier, seiner Gier nach Beute von Zeit zu Zeit durch einen schrillen Pfiff Ausdruck gebend. – Da kam ein Bube gelaufen mit dem Bericht: Die Johanna schicke ihn, der Vater soll heimkommen, der Dieter sei da. – Verwundert erhob sich der Alte, umging einigemal schweigend den Meiler, gab dann dem Kolumban noch einige Anweisungen und begab sich gedankenvoll auf den Heimweg.

Zu Hause angekommen, traute er seinen Augen kaum, als ein feiner Herr ihn als Vater begrüßte. Es war richtig sein Dieter, aber in welch auffallender Umgestaltung. Ein flohbrauner Rock mit langen Schößen und großen blankgeschliffenen Stahlknöpfen, die gestickte Atlasweste, die kurzen Beinkleider von pomeranzfarbigem Kaschmir, die seidenen Strümpfe mit geblümten Zwickeln, der dreieckige Hut auf dem gepuderten Toupet, ein leichtes Bambusstöckchen, das er in der Hand schwenkte, gaben dem ehemaligen Köhlersjungen vollständig das Ansehen eines Stutzers damaliger Zeit.

Auf die Fragen des Vaters gab Dieter indes wenig Auskunft: er sei ein gemachter Mann, Freund und Associe eines Millionärs – mehr könne er vorderhand nicht sagen. Sein Freund sei mit ihm hieher gereist und werde in Zeit einer Stunde da sein und sein Absteigquartier im Haus nehmen, ihm, dem Dieter, zum Gefallen.

Der Alte schüttelte den Kopf; es schien ihm fast, als sei es bei dem Dieter nicht ganz richtig im Oberstüblein. Wenn er aber dann wieder an die Aussagen des durchreisenden Handwerksburschen dachte, so wollte es ihm vorkommen, es möchte doch vielleicht etwas an der Sache sein. – Monsieur Dieter blieb indes nicht lange untätig; er ordnete und kommandierte im Haus, daß die guten Leute ganz verwirrt wurden. Schwester Johanna mußte den alten, eichenen Tisch mit einem frisch gewaschenen Tischtuch bedecken und einen Blumenstrauß daraufstellen. Die Schlafkammer mit der großen Himmelbettstatt hatte Dieter schon gleich beim Eintritt ins Haus für sich und seinen Freund in Beschlag genommen. Sogleich mußte das Lager mit frischem Leinenzeug überzogen werden.

In der Wohnstube zerrte er einige Kleider des Alten, welche an der Wand hingen, eiligst herab und warf den ganzen Plunder durch die Kammertür, dabei ausrufend: „Ihr habt auch gar keine Passion für Ordnung, ihr Landleute!« – Hierauf riß er das Fenster auf, um frische Luft hereinzulassen. Das große, vom Alter gebräunte Kruzifix über dem Tisch wollte er auch herabnehmen und beseitigen, weil solches nicht mehr in die Zeit passe, aber der Alte packte ihn gewaltig am Arm, mit einer Gebärde, die dem Söhnlein von früher her nur zu gut noch im Gedächtnis haftete. Die Schwester mußte sich umkleiden und ihren neuen Strohhut aufsetzen.

Dann wurde ihr eingeschärft, den reichen Elsässer ja recht artig mit einem Knix zu empfangen. – Der Vater hatte sich wie träumend im großen Lehnstuhl niedergelassen, den Rumor mit Schweigen betrachtend; endlich konnte er nicht anders glauben, als der Dieter komme geraden Wegs aus dem Narrenhaus. – Eben wollte dieser den Vater nötigen, sein rußiges Wams mit dem Sonntagsrock zu vertauschen, als er gegen das Fenster springend ausrief: „A voilà, da kommt er ja schon! – Aufgepaßt, Leute, der Herr, den ihr dort um das Waldeck herumpassieren seht, ist mein Freund, Monsieur Tolberg, der einzige Sohn eines Millionärs!“ Mit einem Sprung eilte er zur Türe hinaus.

Wirklich sahen die beiden Zurückgebliebenen einen fremden Herrn in Begleitung eines Bauernburschen, welcher jenem das Gepäck trug, auf das Haus zuschreiten – und alsbald an der Hand Dieters eintreten. Es war ein hübscher junger Mann mit schwarzem Kraushaar, weniger auffallend gekleidet als Dieter, aber von gefälligen Manieren. – Mit Ungezwungenheit begrüßte er den Alten. – Johanna trat aus der Kammertür und bewillkommte den Gast mit einem Kompliment, wie Dieter ihr befohlen hatte. – Der Fremde schien überrascht von dieser Erscheinung; die hübsche Tracht und der noch hübschere Wuchs der jungen Schwarzwälderin machten ihn stutzen. Sie hatte ihren Sonntagsstaat angetan; die weißen fein gefältelten Hemdärmel, der rotsammtne Latz mit den goldenen Nesteln, das dunkelgrüne Goller, der gelbe Strohhut mit den gewaltigen hellbraunen Zöpfen darunter – alles war geeignet, die blühende Gestalt des Mädchens im schönsten Lichte erscheinen zu lassen.

Der junge Herr Tolberg erklärte nun: er sei gekommen, um die wackeren Eltern und Geschwister seines Freundes Dieter kennenzulernen, sowie die traulichen Hütten und romantischen Gegenden des schönen Schwarzwaldes. – „Aber nur dann“, setzte er lächelnd hinzu, „werde ich Eure Gastfreundschaft auf ein paar Tage in Anspruch nehmen, wenn Ihr mir versprecht, Euch in nichts stören zu lassen – und meinetwegen kein Haar breit von Eurer gewöhnlichen Lebensweise abzuweichen.“ Johanna wollte aus dem nächsten Wirtshaus eine Flasche Wein holen; Herr Tolberg aber ließ es nicht zu. Er bat um ein Glas Quellwasser, das er nirgends so frisch und erquicklich gefunden wie hier im Schwarzwald. – Ebenso einfach mußte auch auf seinen Wunsch das Abendessen zubereitet werden.

Tolberg schien seinen glücklichsten Abend zu verleben, und Dieter war seelenvergnügt, daß sein Freund sich so gut amüsiere. Das Gespräch war in Fluß gekommen, und Johanna horchte mit gespannter Aufmerksamkeit auf alle Begebenheiten und Abenteuer, welche der junge Mann aus seinem Reiseleben mit beredter Zunge zum besten gab. Es war schon spät, als mit sehr verschiedenartigen Gedanken die Gesellschaft sich trennte, um sich zur Ruhe zu begeben. Mit wenig Zügen läßt sich die Geschichte des jungen Abenteurers und seines Freundes wiedergeben. Dieter, aus der Lehre fortgelaufen, hatte sich in der Fremde umzutun gewußt. Ein gewisses Talent, Sprache und äußerliche Manieren des Städters sich anzueignen, sein guter Humor und geschmeidiges Benehmen konnten nicht verfehlen, ihn bei seiner Umgebung gern gesehen und beliebt zu machen.

In einem Gasthof, wo er als Kellner eine Zeitlang figurierte, hatte er seinen jetzigen Begleiter kennengelernt, der in der Tat der einzige Sohn eines reichen Fabrikherrn im Elsaß war. Die Eltern hatten den jungen Mann auf Reisen geschickt, damit er die Welt und Menschen kennenlerne und im Fache sich weiter ausbilde. Über seine Zukunft konnte weiter kein Zweifel obwalten. Ins Vaterhaus zurückgekehrt, sollte er das große Geschäft übernehmen und die Tochter eines mit Glücksgütern reich gesegneten Hausfreundes zum Altar führen. Von Natur gutmütig, doch dabei leichtsinnig und nicht gewohnt, sich irgend etwas zu versagen, machte er bald einen Auf-wand, fast zu groß für die Verhältnisse eines wenn auch noch so wohlhabenden Handelshauses. – Dieter, der sich an ihn zu machen gewußt, war ihm bald unentbehrlich und fortan sein Begleiter – aber auch sein böser Genius. Im Geldverschleudern entwickelte Dieter eine viel größere Meisterschaft als in der Färberei und Kellnerei.

So besuchten die beiden verschiedene größere Städte des südlichen Frankreichs und der Schweiz. Mitgegebene Wechsel und heimliche Geldsendungen von der Mama, welche, eine Pariserin, ihren Sprößling verzärtelt und verwöhnt hatte, wollten bald nicht mehr ausreichen – und der junge Herr, von Dieter verleitet, nahm seine Zuflucht zu verdächtigen Wechselmanipulationen. Doch hierin hatten sie es noch nicht zur eigentlichen Meisterschaft gebracht; die Sache wurde ruchbar, und Freund Tolberg merkte bald, daß er den vollen Zorn des Vaters zu befürchten habe, denn diesem war die Wechselgeschichte zugleich mit der flotten Lebensweise des Sohnes bekanntgeworden. – Dieter gab den Rat, dem Unwillen des Vaters vorerst aus dem Wege zu gehen und sich eine Weile unsichtbar zu machen. Er schlug vor, sie wollten sich auf den Schwarzwald begeben, zu seinem Vater. Die Abwechslung, meinte er, werde dem Freunde Pläsier machen; sie könnten dort wohlfeil leben, allerlei Suiten und Ausflüge machen, und mittlerweile werde sich das böse Wetter zu Hause bei Papa und Mama verziehen.

Das fand sogleich Eingang bei dem jungen Bonvivant; einen ländlichen Roman hatte er noch nicht gespielt, und auch das mußte einmal versucht werden: „ma foi c’est delicieux!“ rief er aus, indem er seinen erfinderischen Freund umarmte. „Dieter, du bist ein köstlicher Kerl, ein Genie! Fort, aufs Land, in die stille harmlose Natur, depechons nous!“ Gesagt, getan; eines Morgens waren die Herren abgereist, auf kürzesten Wegen dem Schwarzwald zu.

Am zweiten Tage ihres Hierseins wurden schon Ausflüge unternommen; und als sie spät abends dann nach Hause kamen, mußte Johanna dem Gaste noch einige ihrer Lieder vortragen. Sie besaß eine wunderschöne Singstimme, und nie war Kolumban vom Jahrmarkt heimgekommen, ohne ihr die neuesten Lieder als fliegende Blätter mitzubringen. – Sie sang mit Ausdruck besonders ihr Lieblingsliedchen: „Gestern abend in der stillen Ruh‘ hört ich im Wald der Amsel zu“, oder das schöne: „Liebestreu und Liebeskraft.“ – Als sie an jenem Abend das Lied „Vom Grafen und der Nonne“ gesungen, mit der Strophe:

„Und wenn ich schon nicht reiche bin,
Aller Ehren bin ich voll.
Meine Ehr‘ will ich behalten,
Meine Ehr‘ will ich behalten,
Bis daß meinsgleichen kommt,
Bis daß meinsgleichen kommt!“

Da konnte der neue Freund seine Bewegung nicht mehr verbergen. Er sprach über Standesvorurteile, und wie der freie Mann all‘ diese unnatürlichen Fesseln zerbrechen und Liebe allein den Bund der Herzen schließen müsse usw. Und als er eine Stunde später mit seinem Freund in die Kammer trat, fiel er diesem um den Hals mit dem Ausruf: „Dieter, ich heirate deine Schwester!“ „Und Mamsell Dorval?“ fragte der Schlaue, wie von einem raschen Gedanken erfaßt.

„Schweig!“ rief Tolberg. „Nie wird das verzogene, abgeschmackte Ding meine Gattin, so wahr ich ein Tolberg bin. Ich bin mein eigener Herr. – Nur mit Johanna will ich leben und wär’s in der tiefsten Einöde des Waldes; fern will ich leben von den verächtlichen Krämerherzen der spekulierenden Welt – ich habe sie genugsam kennengelernt!“

Freund Dieter schwieg, und Tolberg trat ans Fenster, durch welches der klare Vollmond blickte. „Hier“, fuhr er fort, „hier find ich mich selbst wieder. – Wahrlich, ich habe bisher ein töricht Leben geführt – es muß anders werden. – Zum erstenmal in meinem Leben fühl ich mich stark und will tun, wie mir mein besseres Selbst gebietet. – Wie schön ist’s hier in dieser Einsamkeit! – Welch herrliche Nacht! – Ich steh am Wendepunkt meines Lebens, und Johanna soll meine Führerin sein!“

In diesem Tone fuhr der Schwärmer noch eine Zeitlang fort, während Dieter, die Schlange, bereits in den Federn lag und mit gespannter Aufmerksamkeit zuhörte. – Denn das war Musik in seinen Ohren; er kannte seinen Freund und Herrn und wußte, wie leicht er zu gewinnen sei, wenn eine Sache nur rasch und klug ins Werk gesetzt werde. – Und war Tolberg einmal sein Schwager, so blühte auch sein Weizen, dann konnte es ihm nicht mehr fehlen.

Als er nach vielen schönen Phantasien morgens erwachte, schien die Sonne schon warm durch die runden Fensterscheiben. Sein Schlafkamerad aber war fort und unten in der Stube, wo Johanna ein einfaches Frühstück bereits aufgetragen hatte. Es war nicht zu verkennen, ihr ausdrucksvolles Auge ruhte mit Wohlgefallen auf dem schönen Fremdling, der ihr bald seine ganze Lebensgeschichte mitteilte und selbst Fehltritte nicht verschwieg. Er erzählte ihr von seinem elterlichen Hause, von der seelenguten Mama – und gab ihr zuletzt ganz unverhohlen zu verstehen, daß er nur mit ihr das Leben und alles, was ihm der Himmel an Glücksgütern beschert, genießen und teilen wolle. – Und als er zuletzt fragte: ob sie sein Schutzgeist und guter Engel werden wolle, schüttelte sie errötend zwar das Köpfchen – aber nein sagen konnte sie nicht.

Johanna wußte nicht, wie ihr geschah. Es war das erstemal, daß sie in dieser bestrickenden Tonart reden hörte. Im Gesichte des jungen Mannes lag nichts von Verstellung; sein freimütiges Bekenntnis erweckte Vertrauen und Mitgefühl. Und mit Hoffnungen und Selbsttäuschung blickten beide über alle die Hindernisse hinweg, die einer so ungleichen Verbindung im Wege stehen mußten. – Wenn das gute Mädchen jedoch dann in stillen Stunden bei sich selbst über alles nachdachte und ihr früheres sorgenloses Dahinleben mit dem jetzigen Zustande verglich, so meinte sie mit der, „Amsel im Walde“ singen zu können:

„Ei, du Schmeichler, sprach sie unerschreckt,
Wer hat dir mein‘ Aufenthalt entdeckt?
Ja, im Wald, da ist mein Aufenthalt,
Wo ich zuvor in meinem Sinn
Ganz vergnügt gewesen bin.“

Die jungen Leute indes machten Ausflüge in der Umgegend. – Dieter trug dabei eine mitgebrachte alte Militäruniform nebst langem Stahldegen. In diesem seltsamen Kostüme spielte er den maitre de plaisir. Hatte die Gesellschaft zum Beispiel verabredet, diesen oder jenen Berg zu besteigen und in einem Wirtshaus in der Nähe Erfrischung einzunehmen, so eilte er als Quartiermacher voraus, während Tolberg und Johanna langsam nachfolgten.

Dieter wußte sich dabei ein gewaltiges Ansehen zu geben. Wenn er in die Wirtsstube eintrat und die Bauern vor dem fremden Offizier ehrerbietig aufstanden oder, Platz machend, näher zusammenrückten, so sagte er vornehm herablassend: „Geniert euch nicht, ihr Landleute!“ Wenn dann einer oder der andere der Gäste seinem Nachbar in die Ohren raunte: dies sei des Forbachklausen Dieter, der sein Glück in der Fremde gemacht, so erreichte die Verwunderung den höchsten Grad. Als Mann von Welt machte sich Tolberg unter anderm auch mit der gastfreundlichen Familie des benachbarten herrschaftlichen Obervogts bekannt.

Die junge, gesellschaftliebende Frau dieses Mannes lud ihn und Johanna oft zu sich, und bei einem solchen Anlaß veranstaltete sie einst, daß Johanna ihre ländliche Tracht mit städtischen Frauenkleidern vertauschte, und also vor ihren überraschten Tolberg trat. – Allerdings schien dieser entzückt über solchen Einfall, versicherte aber zugleich, daß seinem Mädchen die Landestracht doch tausendmal besser stünde, und er werde nie zugeben, daß sie solche ablegte, wenn sie einmal die Seinige geworden: „denn“, setzte er hinzu, „die Tracht wird mir stets ein liebes Andenken an deine Heimat und den Schwarzwald sein.“

Die Anstalten zur Hochzeit wurden indessen von den beiden Abenteurern mit unglaublicher Hast und Eile betrieben. Damals überwachte man die Fremden noch nicht mit der mütterlichen Sorgfalt wie heutigen Tages, und der Stabhalter, sein künftiger Schwager, welchem Tolberg seine Papiere vorlegte, durfte dieselben für vollgültigen Ausweis halten.

Auch mit dem Pfarrer hatte der junge Mann Rücksprache genommen, und da er, wenngleich unbewußt, die diplomatische Maxime befolgte: nur die Wahrheit zu sagen, freilich nicht die ganze Wahrheit, so sah auch der geistliche Herr in dem Fremden sowohl wie in der ganzen Sache nichts Verfängliches. Nur der alte Klaus vermochte nicht, sich zu beruhigen. Er hielt den jungen Herrn für einen Gaukler oder herumfahrenden Komödianten. Auch er wandte sich, um Rat zu holen, an den Pfarrherrn.

„Wenn er wirklich so ein reicher Herr wär’«, behauptete er, „so wär mein Bub g’wiß nit sein Kamerad, und er wär‘ nit da, wo er jetzt ist.“
„Ein Betrüger“, erwiderte der Pfarrer, „ist er in keinem Falle – er ist wirklich das, wofür er sich ausgibt: reicher Leute Kind und von guter Erziehung, ich habe mich hinlänglich überzeugt.“ „Um so schlechter“, erwiderte der Alte: „Dann ist mein‘ Tochter erst recht an geführt. Herren sind Herren, und die Armut gehört hinter die Tür – und es fällt mir immer der Lang Hanns ein: Habt’s mit euers Gatting. Wenn er wirklich ein reicher Herr ist, dann ist die Sach‘ erst recht g’fehlt.“ – „Allerdings“, erwiderte der Geistliche, „hat diese Verbindung viel Bedenkliches. – Doch dies ist seine Sache. – Wenn Ihr aber, als Vater, Eure Einwilligung durchaus nicht dazu gebet, so denke ich, wird das Mädchen, als gehorsame Tochter, so wie ich sie kenne, Euern Willen ehren.“ Der Alte ging seufzend von dannen, sagte sich aber fortwährend: „Es geht mir en Unglück vor – es ist kein Segen in der Sach‘.

Dieter hatte unterdessen alle Verwandten und Bekannten zu bearbeiten gewußt, was ihm nicht sehr schwer geworden. Der Stabhalter war ohnehin von dem offenen, jovialen Benehmen des jungen Mannes im voraus eingenommen; und so mußte endlich auch der alte Vater geschehen lassen, was er nicht hindern konnte, denn auch die Vorstellungen des Geistlichen fanden bei dem Mädchen kein Gehör mehr.

Die tätigste Unterhändlerin aber war die Fahlenbacherin, und durch einige Geldstücke und gute Bissen ganz für Tolberg eingenommen. Ihn nannte sie bei Johanna den schönsten und bravsten Herrn im ganzen Römischen Reich und pries sie als das glückseligste Bräutlein der Welt. Doch konnte sie anderseits nicht umhin, zu Kolumban, dem Köhlerknecht, zu schleichen und ihm, als dem früheren Liebhaber Johannas, die ganze Sache in langsamen, aber bitteren Tropfen beizubringen. – Was sie hier anrichtete, läßt sich denken: unglaublich war die Wut des Burschen; er schwur dem Elsässer den Untergang; und die ganze Sache hätte wahrscheinlich eine schlimme Wendung genommen, wenn die Fahlenbacherin nicht wieder schleunigst den bedrohten Tolberg und seinen Freund Dieter von der Gefahr benachrichtigt hätte.

Kolumban fluchte, weinte und gebärdete sich wie toll. Er kündigte seinem Meister den Dienst und lief fort – die ganze Sippschaft verwünschend. Unterdessen hatte Tolberg auf dringendstes Bitten von seinem Freunde, dem Geschäftsführer seines Vaters, Briefe und Geld erhalten. Dieser schrieb etwa folgendes:

„Hier empfängst Du eine Summe Geld. – Es ist alles, was ich bei großer Gefahr, verraten zu werden, auftreiben konnte. Dein Vater ist wütend und auch die Mutter sehr aufgebracht. – Die Wechselgeschichte war in der Tat ein fataler Streich. Der Unwille Deines Vaters hierüber hat sich seit Deinem langen Stillschweigen eher gesteigert als vermindert. – Doch ich will Dir keine Strafpredigt hierüber halten. Die reumütigen Selbstanklagen in Deinem letzten Schreiben und Deine Beteuerungen, daß Du umkehren wollest auf solch verderblicher Bahn, zeigen, daß Du endlich Deine Fehler einsehen gelernt. Ist es Dir hiemit ernst, so wird sich die ganze Sache noch zum Guten lenken lassen. Unter diesen Umständen halte ich es selbst für besser, wenn Du jetzt nicht sogleich Deinem Vater unter die Augen kommst. Der Aufenthalt auf dem Lande scheint sehr günstig auf Dich zu wirken. Du Glücklicher! Du verlebst herrliche Tage, während ich mich, wie ein Zugtier in der Mühle, im ewigen einförmigen Kreislauf des Geschäftes abmüden muß. Das muß ja ein herrliches Naturvölkchen sein, diese Schwarzwälder. Die Schilderung Deiner Kohlenbrennerstochter ist magnifique – der Spaß mit dem Heiraten köstlich. – Wie schön müßte sich Monsieur Tolbergs einziger Sohn und Erbe als rußiger Kohlenbrenner in den Bergen des Schwarzwaldes ausnehmen, wenn er so, in seinem Gott vergnügt, sein Stückchen verschimmeltes Schwarzbrot äße – doch Spaß a part. Mache Dich immerhin noch ein bißchen lustig, ehe Du in die ernste Geschäftswelt eintrittst; Madmoiselle Dorval mit ihren Goldfüchsen ist Dir ja doch gewiß usw.“

Alle Hindernisse, welche der Verbindung noch im Wege gestanden, hatte Dieters erfindungsreicher Kopf aus dem Wege zu räumen gewußt. Die Trauung wurde wirklich vollzogen. Nebst den wenigen Verwandten und Bekannten war die Frau des Obervogts noch als Zeugin zugegen. Tolberg und seine junge Frau verlebten glückliche Flitterwochen in dieser Einsamkeit. – Es war ein schöner Morgen, dem ein düsterer Abend folgt, die Stille vor dem Sturme. Der Gedanke nach Hause aber blieb eine schwere Wolke an dem Himmel des jungen Paares, und am Ende konnte die Reise zu den Eltern nicht mehr aufgeschoben werden. Es war verabredet, daß der junge Mann mit Dieter, doch vorerst ohne seine Frau, nach Hause reisen solle, um alles in Ordnung zu bringen, ehe sie nachfolge. – Zu Hause angekommen, vertraute er sich zuerst der Mutter an, die beim Vater seine Fürsprecherin machen sollte; aber der alte Herr, schon auf das äußerste erbost durch die Wechselgeschichte, kam vollends ganz außer sich, als er von der Heirat seines Sohnes hörte. Vergeblich warf sich ihm dieser, ähnlich dem verlorenen Sohn, zu Füßen – der Vater verließ das Zimmer, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

Des andern Morgens ließ er den ungeratenen Sohn vor sich rufen und sagte ihm kalt: „Also statt eines braven Sohnes ist ein Betrüger, ein Narr ins Vaterhaus zurückgekehrt. Entweder, du willigst ein, unter strengster Aufsicht, getrennt von der Person, die du deine Frau nennst, hier unter meinen Augen zu leben und niemand von der tollen Heirat ein Wort zu sagen, oder – ich übergebe dich den Gerichten als Wechselfälscher und Verschwender.“

Das allerdings war ein Donnerschlag für den feinen Herrn. Doch, unfähig der Selbstbeherrschung und stets hingerissen von dem augenblicklichen Eindruck, versprach er jetzt aus Furcht Gehorsam. Bald sah er sich, sozusagen eingesperrt, beaufsichtigt, in allem beschränkt. Selbst die Mutter konnte ihm diesen Zustand nur wenig erleichtern. Dieter aber sah sich von dem Fabrikherrn derart begrüßt, daß er für gut fand, eiligst das Weite zu suchen mit Zurücklassung aller goldenen Träume von vornehmer Schwägerschaft, Geschäftsbeteiligung usw.

Endlich hatte der junge Tolberg gewagt, bei dem Vater für seine Johanna zu bitten. Der Alte aber erklärte, er wolle sich bei dem Geistlichen und den Behörden erkundigen, ob diese Johanna ehrlicher Leute Kind und ob sie vor ihrer Verheiratung einen guten Leumund gehabt – oder ob sie eine leichtfertige Person sei, die seinen Sohn nur verführt und ins Garn gelockt habe. Im ersten Falle werde er sich zu einer Unterstützung verstehen. – Der Fabrikant gehörte nämlich zu jenen Leuten, welche da wähnen, mit Geld sei alles in der Welt auszugleichen.

Die gute Johanna hatte unterdessen gewartet und gewartet. Anstatt ihres Mannes erschien endlich ein alter Herr, ei n Vertrauter und Abgesandter desHerrn Tolberg, um ihr kalt und unumwunden die ganze Sachlage zu entdecken und mitzuteilen: daß sie durch den Geistlichen von nun an einen monatlichen Gehalt empfangen werde. Die Empfindungen der verlassenen jungen Frau sind leicht sich vorzustellen: sie fühlte sich in ihrem Innersten vernichtet – selbst die Briefe ihres Mannes, welche dieser heimlicherweise an sie gelangen ließ und worin er sie zur Geduld ermahnte und zur Ausdauer von nur einem Jahr, vermochten nicht, sie zu beruhigen.

Lange Wochen und Monate vergingen. Von Zeit zu Zeit erhielt sie Geschenke von ihrem Gatten und Briefe, aus denen nur seine eigene, unfreie und beschränkte Lage ersichtlich war. Unter diesen Umständen ward Johanna von einem Töchterchen entbunden, welches Ereignis dem fernen Gatten brieflich mitgeteilt wurde. – Es kam hierauf ein Schreiben mit Geld; er habe, schrieb Tolberg, sich einen Plan aufgebaut: wenn das Kind ein Alter erreicht haben werde, in welchem es eine längere Reise ertragen könne, solle es ihm geschickt werden, um beim Großvater die Fürbitterin seiner Eltern zu machen.

Aber es war anders vorgezeichnet. Johanna hoffte wenig mehr für sich in diesem Leben. Nur für ihr Kind und für Tolberg schickte sie ihre inbrünstigen Gebete zum Himmel. Stundenlang verweilte sie im Bruderkirchlein vor dem Bilde der gnadenreichen Mutter und stellte selbst ihre Andachtsübungen nicht ein, als es schon winterlich kalt und der Aufenthalt zwischen den feuchten Wänden des Kirchleins ungesund zu werden begann. Klaus hatte noch im Walde zu schaffen, als Bruder Cyriak eines Tages mit der Botschaft zu ihm kam: mit Johanna stehe es schlecht; nach seinem Dafürhalten sei es das hitzige Fieber, was bei ihr angesetzt habe.

Vergeblich wendeten der kräuterkundige Cyriak und der sogenannte „Kühmarti“ aus der nächsten Gemeinde ihre Künste an. – Johanna starb; und der Pfarrer, der sie in ihrer Krankheit häufig besucht und sie vor ihrem Hingang noch mit den Tröstungen der Religion versehen hatte, hielt es für seine Pflicht, das traurige Ereignis den Messieurs Tolberg zu melden – mit dem Zusatz: „So ist sie heimgegangen in die himmlischen Wohnungen des Friedens. Sie wird einen gnädigen allbarmherzigen Richter gefunden haben. Sie war ein gutes Geschöpf. – Aber an Euch ist’s jetzt, wieder gutzumachen, was Ihr schlimm gemacht, an dem armen verlassenen Kinde Vaterstelle zu vertreten und ihm eine ordentliche Erziehung zukommen zu lassen.“ – Der Großvater kann nichts für das Kind tun, er ist jetzt sozusagen selbst ohne Pflege, und die verheiratete Schwester der Verstorbenen hat eine starke Familie und ist ihr deshalb nichts in diesem Punkte zuzumuten; so ist denn die Kleine allein, ohne Wartung und Zucht. Schreibt mir, was Ihr zu tun gedenkt.“

Der alte Geschäftsmann und Vertraute erschien wieder auf dem Walde, und nach längerer Besprechung mit dem Geistlichen kündete er den Verwandten des Kindes an, daß er beauftragt sei, für die Erziehung desselben zu sorgen und deshalb nach dem Willen des Vaters die Kleine zu sich nehmen müsse. Vergebens sträubte sich der alte Klaus dagegen; dem Zureden des Geistlichen und des Felsenwirts mußte er nachgeben – und der Geschäftsfreund fuhr mit dem Kinde von dannen, bis zur nächsten Station noch von der Fahlenbacherin begleitet. – So endete die Geschichte.

Tiefe Stille herrschte seitdem in der Hütte des Köhlers. Seine Schwester Barbara, die Hebamme, hatte sich zu ihm übergesiedelt und besorgte den kleinen Haushalt. Der Alte trieb sein Geschäft wieder hin wie her. Viele Jahre waren seitdem schon verflossen. – Gerne besuchten ihn die Kinder in der Hütte auf der Kohlstatt und lauschten seinen Erzählungen.

Nur von Tolberg sprach der Alte nie. – Doch hörten sie manchmal von ihm, wenn Anastasia und die Laubhauser Bäuerin von den seltsamen Schicksalen der unglücklichen Johanna und ihrem Kinde sich unterhielten.

Dieter war nicht mehr in der Heimat erschienen, und niemand wußte, wo ihn der Wind hingetrieben.

Tierstein im Sommer 2020

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Das Bruderkirchlein und die Familie des Köhlers
Beim rauchenden Meiler

Hieronymus Kapitel 7

“Sie lüte weger s’ Zeiche scho der Pfarrer, schint’s, well zitli cho.”
>Johann Peter Hebel

Das Bruderkirchlein und die Familie des Köhlers
Beim rauchenden Meiler

Rings von immergrünen Tannen beschattet, steht das Kirchlein in einsamer Talschlucht. – Von allen Himmelsgegenden führen die Wege und Weglein hinzu, auf welchen heute, als einem Marientage, die Umwohner heranziehen, gleich den Wellen des Baches.

Es ist das Bruderkirchlein in der Nähe des Laubhauserhofes – ein Filial des dortigen Kirchspiels und seit alten Zeiten eine Wallfahrt zu Ehren der Fürbitterin Maria, eine Zuflucht aller Leidenden und Bedrängten. – Ein klarer, lieblicher Morgen feiert gewissermaßen den Festtag mit zur fröhlichen Stimmung der Menschen, die, hinter sich lassend alle niederziehenden Sorgen des Werktaglebens, heute im Gebet sich sammeln und erheben wollen.

Hinten an das Gotteshäuslein angebaut ist die Wohnung des Bruders Cyriak, eines Einsiedlers und Waldbruders, wie solche damals noch häufig anzutreffen. In seiner engen Klause pflegte der Mann allerlei Hantierung zu treiben: er gießt Christkindlein und Heiligenbildchen in Wachs, drechselt aus Holz und Bein Rosenkränze und verschmäht auch nicht, im Winter sich die Zeit mit Lichtspanschnitzen zu vertreiben. Einige abgerichtete Vögel und ein zahmes Eichhörnchen, das sein Nest in einem alten, an der Wand angebrachten Filzhut hat, sind die alleinigen Gefährten seiner Einsamkeit.

Und weil der Klausner stets ein gutes, selbst gebranntes Waldkirschenwasser im Vorrat hat und nebstdem ein nach dem bewährten Rezept der Klosterfrauen in Friedenweiler bereitetes „Grünwässerle“ besitzt, so sprechen die Wallfahrer nach beendetem Gottesdienste gerne bei ihm ein, um sich zu stärken auf den langen Heimweg.

Aber nicht nur beim Kirchgang, auch zu anderen Zeiten kehrten die Leute beim Bruder ein, denn nebst der Herz- und Magenstärkung gab’s bei ihm noch Mittel gegen Haupt-, Glieder- und anderes Weh. Er verstand sich auf die Heilkraft aller Kräuter, heiß, feucht oder trocken im ersten, andern und dritten Grad; und sein Wacholdergsälz und der aus jungen grünen Tannzapfen gesottene Trank waren gewiß nicht weniger wirksam, als es unsere heutigen Fichtennadel-Dekokts und die Berliner Malz- und anderen Extrakte sind.

Herwärts vom Kirchlein sehen wir das Haus des Kohlenbrenners Klaus, der jedoch den ganzen Sommer und Herbst über in der Nähe des Laubhauserhofs sich aufhält, wo schon der Vater und der Großvater dem Bauer den Dienst eines Kohlenbrenners versehen haben.

Bevor wir aber in unserer Historie weiter fortfahren, sehen wir uns bemüßigt, die Geschichte dieses Hauses und seiner Bewohner hier einzuschalten, weil sie notwendig zum Ganzen gehört.

Mancher Leser mag zwar denken, diese Geschichte werde nicht sehr verwickelt sein; hier, in dieser Abgeschiedenheit, wo die Natur, die Verhältnisse dem Menschen so wenig bieten von demjenigen, was wir Lebensgenüsse zu nennen gewohnt sind, hier, so möchte man glauben, werden Sorgenfreiheit und Gemütsruhe zu Hause sein; der stille Friede der Natur werde auch dem Menschenherzen eine verwandte Stimmung geben, und wenig bewegt werde der Lebensgang eines solchen Waldbewohners sein. – Doch, wo wäre auch das Fleckchen Erde, auf dem der Mensch sagen könnte, hier bin ich frei und sicher vor dem Versucher und Friedensstörer, der einbricht wie der Dieb in der Nacht?

Und in der Tat, wenn der alte Klaus so allein, auf seinen Schürhaken gestützt, beim rauchenden Meiler stand, oder nach beendetem spärlichen Mahl auf der Moosbank sitzend, in die verglimmende Glut seines Herdes schaute, so schienen auch ihm allerlei schwere Gedanken wie Wolkenschatten durch den Kopf zu ziehen. Dachte der Alte vielleicht an jene Tage, wo er, nicht so allein, an den eigenen Kindern erwünschte Hilfe und Stütze gefunden? Das Haus neben dem Bruderkirchlein erbte der Klaus von seinem Vater.

Mit seinem Weib und drei Kindern trieb er das Geschäft fort, und nichts schien imstande zu sein, den Lebenslauf des genügsamen Mannes zu unterbrechen – bis der Tod des Weibes auch hier jene Lücke in das Leben riß, welche so selten ganz glücklich wieder ausgefüllt werden kann. – Bald nachher verheiratete sich die älteste Tochter, ein hübsches, kräftiges Mädchen, an den Felsenwirt, den wir bereits als Stabhalter der Gemeinde kennengelernt. Noch blieb dem Klaus ein Sohn und eine jüngere Tochter; doch an dem Buben Dieter sollte der Vater wenig Freude erleben, an der Tochter herben Schmerz.

Der Dieter hatte unsteten Sinn, das Köhlerhandwerk behagte ihm nur schlecht, und als er zufällig einen Färbermeister auf dem Walde kennengelernt, wußte er den widerstrebenden Vater zu bewegen, daß er ihn dem Manne in die Lehre gab. – Was jedoch ein Haken werden will, krümmt sich beizeiten. Das Bürschlein wollte nicht gut tun, und der Färbermeister sah sich genötigt, dem Lehrling zuweilen den Rücken blau zu färben, was dieser so übelnahm, daß er noch vor Ablauf der Lehrzeit in die weite Welt entlief. – Seit Jahr und Tag hatte man nichts mehr von ihm gehört.

Der alte Vater hauste inzwischen mit dem einzigen zu Hause gebliebenen Kinde, der jüngsten Tochter, welche ihm in allem getreulich an die Hand ging. Im Winter besorgte das Mädchen die Hausgeschäfte, und die lange Sommer- und Herbstzeit half es dem Vater bei der Köhlerei. An kräftigem Wuchse glich es der älteren Schwester; aber ein Hang zum Ungewöhnlichen, vielleicht nach dem Naturell der lebhafteren Mutter, verstärkt noch durch die fast gänzliche Abgeschiedenheit von den Menschen, hatte sich frühe schon bei dem Mädchen bemerkbar gemacht.

Als Kind war Johanna wild und verwegen. Kein Baum war ihr zu hoch und kein Fels zu schroff, den sie, als sie noch die Ziegen hütete, nicht erklettert und erstiegen hätte. Der Alte hatte in dieser Beziehung seine wahre Not mit ihr. – Aber bei der Arbeit griff sie wacker zu; sie wußte den Holzkarren und den Schürhaken und alles, was zum Handwerk gehört, so geschickt zu regieren, daß sie dem Vater alsbald einen zweiten Köhlerknecht ersparte.

Zur Jungfrau herangewachsen, legte Johanna dies wilde Wesen ab. Von früher Jugend an war sie den Verwandten der Mutter, die in guten Verhältnissen im Städtchen Neustadt lebten, viel mehr zugetan als den Sippen väterlicherseits, die alle einfache Taglöhner, Holzmacher und Kübler waren.

Längst hätte sie auch ihre Wäldertracht mit der mehr städtischen Mode vertauscht, wenn es der Vater zugelassen – längst auch wäre sie fortgegangen in einen Dienst nach Freiburg oder Waldkirch, wenn nicht Kindespflicht sie zu Hause festgehalten. Einige Zeit trug sie sich mit dem Gedanken, ins Kloster zu gehen. Das gefällige Mädchen war bei der Frau Abtissin in Friedenweiler sehr wohl gelitten; mit natürlichem Geschick begabt, lernte es dort bald allerlei künstliche Handarbeiten – so wie es denn auch Johannas liebstes Geschäft war, den Altar und das Gnadenbild im Bruderkirchlein mit selbstgefertigten Blumen, Girlanden und farbigen Bändern sinnig zu verzieren.

Tanzbelustigungen, Hochzeiten und Kirchweihen besuchte sie nie, obwohl es ihr nicht an Tänzern gefehlt haben würde. Wenigstens gab es jemand, der seinen ganzen spärlichen Jahreslohn darangesetzt haben würde, sie dort einmal einführen zu dürfen. Dieser jemand war Kolumban, ein junger Bursche, der dem Klaus aushalf beim Geschäft. Er bewarb sich eifrig um sie. Doch das Mädchen schien seine schweigende Liebe, seine Huldigungen nicht verstehen zu wollen.

Eines Tages, es war im Spätherbst, kam ein fremder Handwerksbursche ins Tal, der sich angelegentlich nach dem Köhler-Klaus erkundigte. – Man wies ihn auf die Kohlstatt, wo er richtig den Alten beim Abendessen fand. Der Geselle grüßte höflich mit der Frage, ob er den Vater des Monsieur Dieter vor sich habe?
„Ein Sohn hab ich, der Dieter heißt“, gab der Klaus zur Antwort. „Ob’s aber der Musje ist, von dem Ihr sagt, weiß ich nit“
„Freilich ist er’s“, entgegnete der Handwerksbursche. „ Ist Monsieur Dieter doch mein bester Freund, neben dem ich ein ganzes halbes Jahr drüben in Mühlhausen in Kondition gestanden bin. – Ich komm, um Euch viel Grüß von ihm auszurichten und Euch zu melden, daß er Euch nächstens einmal besuchen wird; aber nicht als armer Schlucker, sondern patent, als ein Mann, der’s hat und machen kann.“

Als der Alte nichts erwiderte, fuhr der Geselle redselig fort: „Freund Dieter steht nämlich auf dem Punkt, Karrier zu machen; überall, in den ersten Häusern hat er Zutritt, und ich kenn‘ mehr als einen reichen Fabrikherrn, der ihm seine Tochter mit Pläsier zur Frau geben würde! – Ich sag Euch, Dieter hat Konnexionen und Protektionen. Hätten mich Familienumstände nicht heim ins Württembergische abberufen, so wär ich wahrscheinlich nächstens sein Kompagnon geworden. – Das ist’s, was ich Euch im Vorbeireisen hab sagen wollen. – Ich sag Euch, Meister Klaus, Ihr seid ein glücklicher Vater!“

Der Klaus schüttelte den Kopf; dann fragte er trocken, mit ironischem Lächeln: „Hat Euch mein Sohn vielleicht Geld für mich mitgeben? – Wenn er’s so gut hat, wie Ihr sagt, so wird er g’wiß auch eppes für sei‘ n alte Vater übrig habe.“

„Lieber Mann“, entgegnete der Geselle, „in dem Punkt müßt Ihr Euern Sohn vorderhand exkusieren. Nehmt’s nicht ungütig, Monsieur Dieter braucht im Moment seine Spän selbst, um anstandsgemäß leben und nobel auftreten zu können. Hat er aber einmal drüben eine reiche Partie gemacht, so zweifle ich nicht, daß er, so wie ich ihn kenn‘, seinen alten Vater und seine Geschwisterig nicht vergessen wird. Darauf könnt Ihr Euch verlassen und das weitere ruhig abwarten.“

„Ist Euch vielleicht ein Gläsle Brändts oder en Schluck Wein g’fällig?“ fragte der Klaus, der indessen den alten Fechtbruder vom Kopf bis zum Fuß betrachtet hatte. „Wenn Ihr Durst habt, so kommt mit mir nüber in den Felsen. – Den Zehrpfennig und Botenlohn will ich Euch nachschicke, wenn ich mal im Besitz von der Unterstützung bin, die Ihr mir vom Dieter da in Aussicht stellt.“

Der gute Freund schlug’s nicht ab; und der Alte übergab die Aufsicht über das Geschäft dem Knecht und ging mit jenem hinüber ins Wirtshaus, wo der alte Stromer dann noch ein Langes und Breites vom bevorstehenden Glück des Dieter zu erzählen wußte.

Ein Jahr und mehr war seitdem verstrichen, und Dieter hatte weder geschrieben noch Geld geschickt. Das Geschäft des Köhlers ging seinen regelmäßigen Gang. Ist dieses Geschäft auch ein einfaches und einsames, so hat es nichtsdestoweniger auch sein Schönes – allerdings auch seine Mühen und Beschwerden. – Wenn auch entfernt von Menschen, so fehlt es dem Köhler doch nicht an Besuch; ist’s nicht der Forstknecht, der im Vorbeigehen in der Hütte einspricht und am Herd sein Pfeiflein anzündet, so ist’s der Harzer, der in der Umgebung sein Geschäft betreibt; oder es kommen Holzmacher oder Kinder, welche Erd- oder Steinbeeren suchen. – Und wie diese Menschengeschöpfe, so verschmähen es auch die Tiere des Waldes nicht, dem fleißigen Mann untertags eine Visite abzustatten, weil sie wissen, daß hier weder Tod noch Verderben auf sie lauert. Reincke, der Schlaue, hat ganz in der Nähe seine sichere Felsenburg und treibt an schönen Tagen mit den Jungen auf dem sonnigen Plätzlein dort seine Kurzweil, während das Eichhörnchen auf dem Baum Turnübungen abhält und der Grünspecht fleißig am Stamme hämmert. Ja selbst das schüchterne Reh wagt sich heran und betrachtet mit großen, sanften Augen das Tun und Treiben seines rußigen, aber friedlich gesinnten Freundes, und nur wenn die Geißel des Holzfuhrmanns ertönt oder das Bellen der Jagdhunde im Revier, so „schmält“ es und ergreift die Flucht. – Vertrauter ist der Rabe, der, wie die Kinder meinen, früher selbst ein Kohlenbrenner gewesen ist. Dreist, als hätte er die Aufsicht, spaziert er auf dem Platz umher und scheut sich nicht, dem Köhler auch einmal sein abgelegtes Wams zu visitieren, ob nicht ein Stücklein geräuchertes Fleisch oder ein Brocken Schwarzbrot im Sack desselben stecke.

Und ist es ganz stille, liegt die Sonne brütend heiß auf den breiten Zweigen der Weißtanne, so marschiert wohl auch einmal die Gattin des Auerhahns mit ihren Küchlein vorbei, um ihnen die Ameisenhaufen und Tannzapfen im trockenen Moos zu zeigen.

Die Nacht sinkt herab, das Geräusch des Tages ist verstummt; kein Vogel läßt sich mehr hören, höchstens daß noch der Flügelschlag eines Raben oder einer Wildtaube in den Asten einer hohen Tanne rauscht, weil ein Baummarder oder ein Wildkuter die kaum begonnene Ruhe gestört – aber unser

Köhler ist stets noch wach und auf den Beinen; denn wehe, wenn der verräterische Nachtwind die innere Glut des Haufens zur hellen Flamme anfachte oder Mangel an Zuglöchern den Brand ersticken würde. – Darum macht er von Stund zu Stunde seinen Rundgang. Er schaut zum Sternenhimmel auf, um nach der Zeit zu sehen. Der abnehmende Mond, der eben hinter der hohen Bergkuppe dort untergeht, der Stand gewisser Sternbilder, die er – wenn auch nicht dem Namen nach – sehr wohl kennt, sagen ihm, Mitternacht sei kaum vorüber. Noch ist alles stille, nur der Waldbach tost, ruhelos durch die Nacht hinströmend. – Kommt unser Freund zum zweiten-, kommt er zum drittenmal, so sind die Brillanten am Himmelsdom bereits verblaßt. Im Osten zuckt es hell und heller. – Und kommt er noch einmal, so schaut der junge Tag schon über die erwachende Erde, die den dunklen Schleier abgelegt hat und langsam ihr luftig kühles, aus Silberduft und Nebeltau gewirktes Morgengewand anzieht.

Soweit wäre alles recht hübsch und einladend. Aber es kommen auch Tage, die selbst einem Köhler nicht gefallen wollen. Wenn Nebel wochenlang trübsinnig über Berg und Wald hereinhängen oder einförmige Regentage die Gegend grau verschleiern, wenn es dann im ganzen Revier vor Nässe und Feuchtigkeit dampft und dunstet wie in einer Waschküche; wenn Sturm und Wetter die Glut auf dem kleinen Herde auszulöschen drohen und niemand den Köhler mehr besuchen mag als höchstens vielleicht ein Wilderer, der sein im Walde verborgenes Gewehr ins Trockene bringen will, oder ein verirrter Wanderer, der vor Einbruch der schauerlichen Nacht noch ein schützendes Obdach sucht – da könnte es selbst einem so abgehärteten Naturmensch vom Schlage des alten Klaus unbehaglich werden, obwohl er immer noch nicht tauschen möchte mit einem Städter und Stubenhocker.

Die Geschichte vom Bruderkirchlein in Vöhrenbach gibts auf den Seiten vom Baarverein

Mehr zum Hieronymus gibt es hier:

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Der Besuch in der Stadt

Hieronymus Kapitel 5


Ruhig Gewissen, eigner Herd Ist Gott und aller Ehren werth.
>Johann Peter Hebel

Der Besuch in der Stadt

Es traf sich oft, daß der Feldwaibel auf Kommando zu Streifzügen und Exekutionen auf den Wald kam, wo er, wenn immer möglich, in der Mühle einzusprechen Gelegenheit nahm. Dies war auch kurz nach jenem nächtlichen Brande geschehen, welchen der Lange Hans auf dem Laubhauserhof noch spät abends angezeigt, und weshalb später dringender Verdacht der Brandstiftung auf die Vagabunden gefallen war.

Ein Einbruch, den der Stumpfarm geleitet und wobei auch der Hans die Hand im Spiel gehabt haben sollte, war durch einen Bauern verraten und bei Gericht angezeigt worden; und allgemein vermutete man, daß diesem dafür von der Bande der rote Hahn aufs Dach gesteckt worden sei, wobei, wie wir gehört, auch der Kaiserzoller zu Schaden gekommen war. Es wurde eine Streife angeordnet, aber ohne Erfolg, denn der Herr Graf von Bettelrain und Nirgendheim mit Gefolge war in strengstem Inkognito längst über die Grenze gereist, und die verhaßten „Balmacker“, wie die Soldaten in der Gaunersprache heißen, hatten das Nachsehen. – Nach einiger Zeit aber, als die Emigranten annehmen konnten, es sei über das Geschehene Gras gewach-sen, kehrten sie wieder zurück auf ihre Domänen, wofür sie die Bauernhöfe ansahen. Diesmal aber hatten sie sich in ihrer Voraussetzung getäuscht, denn sie wurden alsbald abgefaßt, eingesteckt und scharf inquiriert. Es kam jedoch dabei nicht viel mehr heraus als die gewöhnlichen Atzungs- und Untersuchungskosten für den Staat, denn die guten Leute waren ja, wie alle Spitzbuben, die nicht auf frischer Tat ertappt werden, völlig unschuldig und nach der Untersuchung wieder ebenso „ehrlich“ wie vorher.

Bald hatten Diebstähle und anderer Unfug wieder so überhandgenommen, daß eine Generalstreife notwendig schien, und diese führte den Feldwaibel auf einige Tage zu seinen Freunden nach Laubhausen; denn der einsamere Schwarzwald war es besonders, wohin sich die Landfahrer während solcher unbequemen Züge flüchteten und versteckten. – Die graubärtigen Weißröcke hatten hoch und teuer geschworen, daß ihnen diesmal kein Schopf und kein Knopf von der Hanikelbande durchschlüpfen solle. In Verbindung mit den aufgebotenen Bettelvögten und Bauern wurden alle Schlupfwinkel in Feld und Wald, alle Bettelküchen und Feuerstellen, wo die Zunft gewöhnlich lagerte, gründlich durchsucht, die Kameraden auch haufenweis zusammengetrieben, diejenigen, welche sich nicht als sauber übers Nierenstück auszuweisen vermochten, abgeführt und hinter Schloß und Riegel gesetzt.

Hieronymus und seine Kameraden beteten zu Gott, daß doch ja der Lange Hans nicht aufgegriffen werden möge, denn er war ja ihr bester Freund und Lehrmeister. Hatte er, der fertige Spielmann, den Romulus nicht geigen gelehrt und den Hieronymus maultrommeln? Wer hatte ihnen so zierliche Vogelkäfige von Draht gestrickt und ihnen alle Vorteile und Gelegenheiten gezeigt, um Schwarzblättchen, Kreuzschnäbel und andere Vögel zu fangen?

Hier stellt sich Lucian Reich wieder deutlich auf die Seite der Landfahrer und läßt Hieronymus und seine Freunde beten, dass zumindest ihr „bester Freund und Lehrmeister“ nicht aufgegriffen wird.

Und erst kürzlich hatte er auch dem Hieronymus wieder einen Bund feiner Bleistifte vom Vöhrenbacher Markt mitgebracht, wo er stets so wohlfeil einzukaufen pflegte. Kein Wunder also, wenn die Buben wünschten, er möge den ergrimmten Musketieren nicht in die Waffen fallen.

Diesmal kam der Lange wirklich auch ungerupft davon, denn es wurden nur solche Vögel gefangen und abgeführt, die von irgendeiner Behörde signalisiert oder in den Gaunerlisten eingetragen waren – und der Hans war ja, wie er selbst oft versicherte und wie es sich bei früheren Untersuchungen zur Genüge herausgestellt, der ehrlichste Mann im ganzen Schwäbischen Kreis.

Der Feldwaibel hatte bei seinem Besuch in der Mühle natürlich auch Einsicht von den Kunstleistungen unseres Hieronymus genommen. Er selbst verstand etwas von diesen Dingen, war er doch ein Hausfreund vom Faßmaler und Vergolder in Hüfingen. Zwar das Porträt des edlen Ritters, mit dem er ja im Frühjahr überrascht werden sollte, wurde ihm jetzt noch nicht gezeigt; dafür sah er aber andere Blätter, denen er alles Lob spenden konnte. Hieronymus solle nur so fortfahren, sagte er, und ihn dann im Frühjahr in Hüfn-gen besuchen, wo er allerlei Schönes und Merkwürdiges zu sehen bekommen werde. Erst kürzlich, erzählte er, habe die dortige Pfarrkirche zwei schöne neue Seitenaltäre bekommen, welche das Werk seines Freundes, des Faßmalers, seien. Die Altarblätter hiezu habe der Hofmaler in Donaueschingen gefertigt.

Jakobsfahne vom Hofmaler Weiss

Fahne der Jakobsbruderschaft vom Hofmaler Weiß
Vielen Dank an Markus Leichenauer für das Foto!

linker Seitenaltar in Verena und Gallus vom Hofmaler Weiß

Jakobus mit Wanderstab in der Hand, dem Volke predigend aus 1774.

Die links unten auf der Tafel gemalte Männergestalt soll ein Selbstbildnis des Hofmalers Franz Josef Weiß sein.

So war denn die Sache aufs beste eingeleitet; und noch nie in seinem Leben hatte der fleißige Schüler sich so auf den Frühling gefreut wie diesmal. Hätte die Sonne nur halb soviel Eifer und Ungeduld an den Tag gelegt wie er, der Schnee wäre längst geschmolzen gewesen und der holde Lenz schon um Lichtmeß oder Fastnacht ins Land gekommen. So aber schien die Gute – ihm recht zum Schabernack – nur deshalb jeden Tag früher aufzustehen, um durch Auftauen und wieder gefrieren lassen die dicke Schneedecke immer noch zäher und undurchdringlicher machen zu wollen. – Es war erster Mai – und noch hatte die Gegend ihr weißes Wollehemd an. Ja, am vierten oder fünften mußte sogar der Bahnschlitten wieder geführt werden. Hatte dieses Fuhrwerk dem Knaben sonst jedesmal viel Spaß gemacht, wenn er und seine Kameraden als Ballast obenauf unter Lachen und Jubel den sprühenden Schneestaub um Ohren und Augen sich sausen lassen – so sah er jetzt den Zug mit Verdruß am Haus vorbeikutschieren. Denn, „wenn der Schnee weg ist und man auch ’naus ins Freie kann!“ hatte der Vetter Feldwaibel ausdrücklich seiner freundlichen Einladung beigefügt.

Doch die Sache machte sich rascher, als man vermutete. Der Wind schlug plötzlich um und blies aus einer anderen, weicheren Tonart. Der neue Schnee fraß sozusagen den alten; die ganze Nacht über rutschten und rauschten die Lawinen groß und klein ins Tal herab. Und als Hieronymus des Morgens früh zum Fenster hinauslugte, sah er den Bach vom Eise befreit, ein paar Tage später – und auch das Feld war geräumt. – Bachweber, der die Schule geschlossen und sich anschickte, die langen Sommerferien wieder drüben beim Schwager zuzubringen, gab die tröstliche Versicherung, die schönen Tage würden dauernd und kein Rückfall, weder von Frost noch von Schnee, mehr zu befürchten sein: Das wollte er dem Fluge der Vögel, dem Benehmen der Spinnen und andern Naturerscheinungen entnommen haben.

Und so geschah es auch. – Gegen Mitte des Monats säte der Laubhauserbauer den Haber – und Vater Mathias trug die Stöcke aus der obern Kammer hinab ins Immenhäusle; und jetzt durfte auch der Sohn den längst vorbereiteten Ausflug antreten.

Es war des Knaben erste selbständige Reise, für ihn eine Fahrt ins Gelobte Land, von welchem ihm aus den Kinderjahren nur wenig in der Erinnerung geblieben war. Der Vater gab ihm das Geleite bis zum Zindelstein, um ihm noch einige Anstandsregeln einzuprägen.

Schon in Wolterdingen, wo er den Wald hinter sich hatte, glaubte der kleine Wandersmann in der Fremde zu sein; mit einem gewissen Trostgefühl jedoch bemerkte er dort einen Landsmann und alten Bekannten wieder neben sich: den Bregbach, welcher murmelnd und plätschernd ihm treues Geleite gab. – Das Wetter war zweifelhaft; der Himmel, mit einem milchweißen Flor überzogen, ließ kaum durch einen hellern Fleck den Stand der Sonne erraten; doch morgen war der heilige Pfingsttag! Und da konnte es unmöglich schlechtes Wetter geben. Und er täuschte sich nicht, denn kaum hatte er den Fußweg vom Dorfe abwärts eingeschlagen, so trat die Sonne siegreich strahlend aus dem dünnen Gewölk hervor; es schien, als würde ein Vorhang am Himmel weggezogen, recht eigentlich zur Verschönerung des kommenden Festtages. – Durch die grünenden Wiesen hin gaukelten ein paar gelbe Schmetterlinge, wahrscheinlich machten auch sie ihren ersten Ausflug wie der kleine Tourist. Dieser war jedoch nicht so leicht, ohne alles Gepäck, fortgezogen wie die Sommervögel. Über seiner Schulter hing ein ganz anständiger Zwerchsack, der keine geringe Last vermuten ließ. Und in der Tat hatte die Mutter ihrem Einzigen beim Abmarsch noch etwas mitgegeben, von dem sie überzeugt war, daß es der haushälterischen, genau rechnenden Base Annakäther ein beifälliges Lächeln abzugewinnen imstande sein werde.

In seinem vorderen Teil nämlich beherbergte der Sack nichts geringeres als einen großen, sorgfältig in eine hölzerne Schachtel verpackten Butterballen, während die hintere Abteilung, des Gleichgewichtes wegen, mit einem nicht minder schweren Hafen voll Honig belastet war – Dinge, welche man in der Baar nicht von solcher Güte haben konnte wie auf dem Wald. – Unterm Arm trug er dann noch die Rolle mit dem bewußten Bildnis, welches nachträglich noch schön koloriert worden war. – So ausgerüstet, schritt er mit seinem dicken Haselnußstock in der Rechten munter vorwärts.

Die Sonne meinte es wahrlich gut, obwohl sie bereits im Sinken war; und gerne hätte der kleine Sackträger auch einmal ausgeruht, dort, wo der Fußweg auf kurze Strecke sich im Holz verliert – wenn er nicht gefürchtet hätte, bei gar zu später Tageszeit in Hüfingen anzukommen. Aus diesem Grunde ließ er Bräunlingen rechts liegen, den näheren Weg am Abhang hin, der Mühle zu, einschlagend. Dort, am brausenden Wuhr, wo die badenden Gänse einen so merkwürdigen Lärm erhoben, als verwunderten sie sich über die Ankunft des Reisenden, dort erblickte er die ersten Häuser von Hüfingen, in welches er heute zum erstenmal allein, ohne die Eltern, eintreten sollte. Das Herz schlug ihm vor Freude und Beklemmung, als er näher und näher kam und die, wie er meinte, große Stadt mit ihren zackigen Hausgiebeln und rauchenden Schornsteinen vor sich liegen sah. Und als er durch das obere Tor in diese eingetreten und vom Kirchturm feierliches Geläute erklang, als Vorbedeutung des kommenden Festtages, so wurde er fast kleinmütig und verlegen: er fühlte sich fremd in den unbekannten Gassen.

Vor den Häusern standen plaudernde Männergruppen, den früheren Feierabend in behaglicher Ruhe genießend, und am Stadtbächlein und an den Brunnen waren fleißige Hände noch mit Waschen und Putzen beschäftigt. Aber die Kinder, welche bisher vor dem Rathaus um die hohe, mit eisernen Geländern versehene Freitreppe ihr lärmendes Wesen getrieben, hatten sich, nachdem die Betglocken ausgeklungen, gebührendermaßen schon von der Gasse entfernt. Das steinerne Muttergottesbild auf dem Stadtbrunnen, an welchem die Knechte und Buben ihre Rosse tränkten, sah schon bekränzt für den morgigen Tag herab auf den Platz.

Hieronymus erinnerte sich von seinen früheren Besuchen her nur noch dunkel der Gasse, in welcher seine Verwandten wohnten. Nach vielem Zögern fragte er endlich einen Vorübergehenden, wo der Vetter wohne, was man ihm natürlich erst sagen konnte, als er Name und Stand desselben beigesetzt.

Das Ehepaar saß eben beim Abendessen, als Hieronymus eintrat. Obwohl das Mahl für Gäste nicht eingerichtet, mußte der Ankömmling, nachdem er die vielen Grüße von daheim ausgerichtet und sein Gepäck im Stubenwinkel abgelegt hatte, dennoch ohne Umstände sogleich mithalten.

Im reinlichen Stüblein blickten ihn die Gerätschaften und Möbel wie alte Bekannte nach langer Trennung wieder an. An derselben Stelle wie vor Jahren hing noch das große holzgeschnitzte Kruzifix, gegenüber dem Bildnisse des Fürsten Frobenius in der gewaltigen Allongeperücke. Auf der geschweiften Kommode tickte immer noch die Stockuhr in ihrem hübsch eingelegten Holzkästchen; die Turteltauben unter dem Ofen und das Eichhörnchen in seinem Häuschen schienen stets noch dieselben zu sein wie damals; und die schön gemalten Tassen im Glaskästchen erinnerten ihn lebhaft an den Tag, an dem er zum erstenmal den köstlichen, fremdländischen Trank geschlürft.

Die Base zeigte sich ausnehmend zutunlich, namentlich seit dem Momente der feierlichen Enthüllung des gewichtigen „Krams“ im Zwerchsack; und auch der Vetter sprach sich sehr belobend aus über das wohlgetroffene Bild-nis, das er sogleich mit Stecknadeln an die Wand heftete.

Nach dem Essen kam noch ein zweiter Gast, der invalide Tambour Gsell, der Hausfreund und Diener des Feldwaibels. – Als der Alte das Porträt des Prinzen Eugenius sah, versicherte er, dasselbe sei ausnehmend gut getroffen, nur etwas jünger sehe er aus als damals, wo er ihn als Kommandierenden am Rhein gesehen und sogar einmal mit ihm gesprochen habe. Es sei nach einer Attacke gewesen, wo der Prinz vor allen seinen Generälen gesagt habe, wenn er ein ganzes Regiment solcher Kerle hätte wie der Tambour Gsell, so würde er’s getrost nicht bloß mit dem Türk oder Franzos, sondern mit allen Potentaten der Welt aufnehmen.

Nachdem Hieronymus sodann von allem, wie es zu Haus stehe, gehörig Bericht erstattet und alle sonstigen Fragen der Base gewissenhaft beantwortet hatte, wurde ihm das Schlafkämmerlein angewiesen. Das Ehepaar erfreute sich nur einer einzigen Tochter, die an den Schloßverwalter in Wildenstein im Donautal verheiratet war. Seit ihrem Wegzug stand die Kammer unbewohnt, in welcher Hieronymus nun ein wohlaufgerichtetes Gastbett fand.

Vergnügt über den glücklichen Verlauf der Reise, erfreut über die gute Aufnahme im Haus, versenkte er sich alsbald in die Federn, wo ein fester Schlaf nicht lange auf sich warten ließ.

Als er morgens nach erquicklichem Schlummer die Augen aufschlug, warf die Sonne bereits ihre Strahlen schräg durch das Fensterlein, welches der Feldwaibel mit Bewilligung des Stadtrats schräg in die Stadtmauer hatte brechen lassen. Nach kurzem Besinnen erhob er sich rasch, denn bereits hörte er die Base in der Küche nebenan rumoren, und auch der Vetter hustete schon in der Stube. Er streckte den Kopf zum Fenster hinaus – es war der schönste Morgen – ganz nach Bachwebers Prophezeiung. – In der alten Stadtmauer und auf den Vogelbeerbäumen am Stadtgraben hin schrien und jagten sich die Spatzen wie in tollem Jubel über den schönen Tag. Rechts am Wiesfeld hin floß die Breg – langsam, als wolle sie ausruhen von ihrem ungestümen Lauf über Stock und Stein. – Die glatte Fläche dampfte wie in Schweiß ge-raten. Weiter hinaus in der Hochebene, in den von Morgennebeln halb verhüllten Dörfern längs den blauen Linien des Heuberges, tönten Morgenglocken – es war ein Festtag – herrlich weit und breit. In den Gärten unten an der Mauer standen schon einige Hausväter betrachtend vor den Bienenstöcken oder vor den Beeten voll knospender Tulpen und Aurikeln, während auf der Straße von Donaueschingen her festlich gekleidete Leute, einzeln oder in Gruppen, der Stadt zu wandelten.

Die Base erschien jetzt unter der Kammertür, freundlich guten Morgen wünschend und zum Kaffee kommandierend; denn ein solcher wurde heute wiederum aufgetischt, einmal des Vierfestes wegen und dann zu Ehren ihres Gastes. – War Kaffee zu jener Zeit auch noch ein teures Getränk, so kam das Frühstück die Base doch nicht hoch zu stehen, weil sie aus der Küche der ihr geneigten Frau Oberamtsrätin regelmäßig den Satz vom jüngst genossenen Trank der Ratsfamilie erhielt, woraus sie dann eine zweite, mit vielen Zusätzen vermehrte, aber keineswegs verbesserte Auflage veranstaltete.

Während des Frühstücks verkündete die Base ihrem Gast, daß er mit ihr und ihrem Mann den Spätgottesdienst besuchen dürfe. Seine Toilette hiezu war schnell gemacht. Denn kurzes Haar ist bald gebürstet, sagt das Sprichwort; desto mehr Zeit brauchte indes die Base, um sich gehörig in Staat zu setzen. Sie zog, was nur bei ganz absonderlichen Gelegenheiten geschah, ihr seidenes, großgeblümtes Hochzeitskleid an, ein Geschenk der verstorbenen Fürstin, bei welcher sie lange Zeit in Diensten gestanden. Den Kopfputz bildete die zierliche Goldhaube mit dem mit Perlen und Flitter besetzten Boden; und als Vervollständigung kam hinzu noch das grünschillernde Mieder mit langer Taille, wie es die Tracht der Bürgerfrauen mit sich brachte.

Der Gottesdienst selbst hatte für Hieronymus etwas Überraschendes; das mit Pauken und Trompeten eingeleitete Hochamt, die vollen Orgeltöne und die Instrumentalmusik stachen so gewaltig ab gegen das einfache Ritual in seinem Heimatkirchlein, daß er wie in eine andere Welt sich versetzt glaubte.

Mit Staunen und Ehrfurcht betrachtete der Knabe – wie einst sein Vater die Bildnisse im Rittersaal zu Villingen – die lebensgroßen Apostel im Langhaus, die Altäre und die steinernen Ritter- und Frauengestalten auf den freiherrlich schellenbergischen Grabmälern an den Wänden umher, und in seinem Innersten regte sich der leise Wunsch, auch dereinst so etwas machen zu können. Bald ward dieser Wunsch zum Gebet, welches er zu Gott emporsendete, daß er ihm solche Fertigkeit gnädig verleihen möge.

Nach dem Gottesdienste sehen wir den Knaben mit seinem Vetter im Gärtchen am Hause lustwandeln, wo in den reinlichen, mit Buchs eingefaß-ten Beeten im herrlichsten Flor Tulpen und Hyazinthen blühten und die tiefglühende Pfingstrose bereits am Aufbrechen war. Bunte Schmetterlinge, summende Bienen wiegten sich von Blume zu Blume, denn es war hier an der Stadtmauer, die Haus und Garten nach außen hin abschloß, ganz sommerlich warm und windstill. – Alles war so friedlich, so ungestört wie die damalige Friedenszeit selbst, die sich in ihrer Harmlosigkeit überall in allen Zuständen des öffentlichen wie des Familienlebens klar abspiegelte.

Hieronymus betrachtete seinen Vetter, der sich mit ihm auf der Bank unter dem Holunderstrauch niedergelassen, mit heimlicher Verwunderung, denn der Feldwaibel glänzte heut in seiner Paradeuniform; und in der Tat sah der alte Kriegsmann in dem weißen, rot ausgeschlagenen Kolett mit blanken weißen Knöpfen, dem Dreispitz mit Silberborten und weißem Busch darauf, ganz stattlich aus. Sein stark markiertes Gesicht mit dem vorwärts-dressierten Backenbart, die steifgepuderten Haarlocken und der schwarz ein-gebändelte Zopf sowie der ganze abgemessene Anstand des Mannes mußten jedem in seiner Umgebung schuldigsten Respekt einflößen.

Eben wollte der Vetter seinem Gaste sagen, daß sie dann morgen ins hiesige Schloß und auch in den Hofgarten gehen wollten – als ein Rütteln und Schütteln an der Gartentür die Blicke beider dorthin lenkte. Alsbald gewahrten sie auch ein frisiertes, gepudertes Kinderköpfchen, das über die Tür hereinlugte und Einlaß verlangte; obgleich das Pförtchen nicht verschlossen war, konnte es die Kleine doch nicht öffnen, denn in der einen Hand trug sie einen Blumenstrauß, in der andern den Fächer, und dem Ellenbogen wollte der hölzerne Riegel nicht weichen.

Hier trifft Hieronymus das erste mal auf Helena, die Tochter des Herrn Oberamtsrates und er geht danach mit seinem Vetter, dem „Feldwaibel“ nach Donaueschingen auf einen Spaziergang.

Bevor der Feldwaibel hinzutreten konnte, war ihm seine Frau zuvorgekommen, weil auch sie die kommende Visite vom Fenster aus bemerkt hatte. – Das geputzte Dämchen war heute eigentlich nur gekommen, um sein neues Kleid und seine Frisur zu zeigen. Frau Annakäther führte es an der Hand auf ihren Mann und Hieronymus zu; und nachdem der Feldwaibel gebührendes Lob gespendet, wurden die Kleinen einander förmlich vor-gestellt. – Da standen sie einander gegenüber – hier das Stadt- und Beamtenkind in seinem seidenen bauschigen Kleidchen und den violetten Atlasschuhen – dort das bäuerliche Wälderkind im leinenen Kittel, mit kurzen Lederhosen und schwer genagelten Bundschuhen; zwischen ihnen Frau Annakäther in ihrer Bürgerstracht, gleichsam als vermittelnder Genius. Mit jeder Hand hielt sie eines der Kinder gefaßt und bemühte sich, dieselben einander näherzubringen, was ihr jedoch durchaus nicht gelingen wollte, weil Hieronymus, schüchtern und verlegen, immer zurückwich; und so vermochte die Base es mit keiner Lieb dahin zu bringen, daß die Kleinen sich die Hände reichten. – Später allerdings ging die Sache besser.

Der Abstand zwischen dem höheren und niederen Herkommen ward in jugendlicher Zutraulichkeit bald vergessen, und nach einer Weile wandelten die beiden Hand in Hand zwischen den Beeten umher. Helene machte ihren neuen Freund auf jede Blume und Blüte aufmerksam, an deren Pflege und Wachstum sie als Mithelferin der Hausfrau kindlichen Anteil genommen; denn manche Stunde verbrachte sie hier im Garten und Haus. Zuletzt führte sie ihn zu einem Beetchen an der Mauer, welches ihr gehörte und worin der Anfangsbuchstabe ihres Namens eingesät und bereits als zartes Grün auf dem dunkeln Grunde sich zeigte. – Und als Hieronymus die Entdeckung machte, dieses H sei ja auch der Anfangsbuchstabe seines Namens, ward dies mit Jubel dem lächelnden Feldwaibel verkündet, der bisher behaglich auf dem sonnigen Bänkchen sitzengeblieben. Nur ungern trennten sich die beiden Kinder, als das Mädchen zuletzt von der Magd zum Mittagessen abgerufen wurde.

Helenchen war die Tochter des Herrn Oberamtsrats, der in der Nähe ein herrschaftliches Haus bewohnte. Herr Rat und Frau Rätin waren dem Feld-waibelschen Ehepaar in Gnaden sehr gewogen, und die Frau Amtsrätin kam oft herüber, um in allerlei häuslichen Angelegenheiten die Hilfe der dienstfertigen Frau Annakäther in Anspruch zu nehmen. Und auch dem Feld-waibel war es nicht selten vergönnt, tätig dort mit Hand anlegen zu dürfen – versteht sich, ohne Sold.

Nachmittags pflegte sich, in regelmäßigem Gang wie eine Wälderuhr, der Tambour Gsell einzustellen. War es gestern, am Vorabend, sein Geschäft gewesen, das Kolett seines Feldwaibels mit Weißerde anzustreichen, auszuklopfen und auszubürsten, Knöpfe und Schnallen blank zu machen, so kam er jetzt, um den Vögeln in den Käfigen Mehlwürmer, Ameiseneier und andere Leckerbissen zuzustecken. Nebenbei unterließ er natürlich nie, pflichtgemäß Rapport zu erstatten über wichtige Stadtneuigkeiten. – Solche gab es heute glücklicherweise keine, wenigstens keine, die aufregender Natur gewesen wären. Und so konnte der Feldwaibel ungestört seine Zeit dem Gaste widmen.

Nach der Vesper machten sie zusammen einen Spaziergang, hinab durch die Wiesen, über Almendshofen nach Donaueschingen. Es war ein Tag, den man unmöglich in Haus und Stube zubringen konnte – voll Lerchenwirbel und Himmelsruh. – Es lag in der Absicht des Feldwaibels, dem wißbegierigen Knaben die Hauptmerkwürdigkeit der Gegend, die Donauquelle, zu zeigen.

Bei dem kleinen Wäldner war die Neugierde um so größer, als ihm der Lehrer Bachweber schon so mancherlei vom Donaustrom, vom Ursprung bis zum Ausfluß, erzählt hatte: wie das Gewässer oberhalb Ulm schon zweihundert Schritt breit und schiffbar werde – und wie er, als Schneidergeselle auf seiner Wanderschaft von Ulm abwärts, auf dem Wiener Ordinarischiff nach Wien gefahren und sicherlich weiter bis nach Ungarn und ans Schwarze Meer gekommen wäre, wenn’s der Zufall oder das Glück nicht gewollt, daß er, bald nach seiner Ankunft in der Kaiserstadt, ein Engagement als Kompanieschneider gefunden hätte.

Hieronymus hatte sich den Ursprung immer ziemlich stark vorgestellt, wenigstens so viel Wasser, meinte er, werde der Brunnen haben wie die Breg bei Hammereisenbach.

Nun sah er aber, im Schloßhof angekommen, eine Quelle, etwa halb so groß wie der Forellenweiher beim Laubhauserhof. – Während er in das Quirlen und Blasenaufwerfen des kristallklaren Wasserbeckens hinabschaute, erzählte ihm der Vetter, wie es früher Sitte gewesen, daß jeder Fremde, der zum erstenmal die Quelle in Augenschein genommen, zum Andenken einen Sprung in dieselbe habe tun müssen. „Ist es ein Vornehmer, ein Fürst oder Edelmann gewesen“, berichtete er, „so ist ihm vorher der Willkomm im großen silbernen Becher dargereicht worden, wozu die Böller geknallt und die Musik gespielt haben. – So soll es auch dazumal gewesen sein – wie mir ein Piarist am hiesigen Pädagogium erzählt hat -, als Kaiser Max, von Villingen her, den Donauursprung besichtigt hat. Da seien allhier Zelt‘ aufgeschlagen und allerlei Spiel‘ und Kurzweil getrieben worden.“ „Der Lehrer hat uns oft g’sagt“, nahm Hieronymus das Wort, „der rechte Ursprung sei eigentlich unsre Breg, weil sie am weitesten herkommt.“

„Ich weiß“, versetzte der Feldwaibel, „die Gelehrten und Professoren, die ja sonst alles am besten wissen wollen, sind in diesem Punkt selber nicht im klaren. Erst kürzlich hat der Abt von St. Blasi eine Landkart im Druck ausgehen lassen, die unser Hauptmann letzthin auf die Wachtstube gebracht hat, auf welcher weder der hiesige Quell noch die Bregach – sondern die Brig hinter St. Georgen als der alleinige Ursprung der Donau verzeichnet ist.

Ja, wem soll man jetzt glauben?“ fragte Hieronymus, der keinenfalls der Brig den Vorzug vor seinem heimatlichen Bach einräumen mochte.

„Wem man glauben soll? – Den Alten!“ entschied der Feldwaibel. „Seit Menschengedenken heißt die Quell hier und die drüben bei Allmendshofen – Donau. Und bis die Gelehrten einmal einig sind, wird es am besten sein, den Ursprung hier in der Baar anzunehmen, wo das wässerige Kleeblatt gleichsam zu einem Stiel zusammenwachst.“

Selbstverständlich wird die Donauquelle besichtigt und der jahrhundertalte Streit um die „richtige“ Quelle wird diskutiert. Die Argumente waren vor 200 Jahren genau die gleichen wie heute und der Feldwaibel entscheidet, dass die Donau ihren Ursprung hier in der Baar habe, wo das „wässrige Kleeblatt gleichsam zu einem Stiel zusammenwachst“.

Das schien auch dem Kleinen das vernünftigste zu sein; und der Vetter sagte ihm dann, sie wollten jetzt noch einen Gang durch den fürstlichen Hofgarten machen. Der Hofgärtner besorgte früher den Dienst im Schloßgarten zu Hüfingen, wo ihn der Feldwaibel oft besucht und manche Tulpenzwiebel oder sonstige Sämerei von ihm erhalten hatte. Sie trafen den Mann im Garten, vor dem Treibhaus; und während er ihnen bereitwillig die Pflanzen und Blumen zeigte, erzählte er seinem Freunde, daß die fürstliche Regierung nächstens einen Befehl ergehen lassen werde zur Bepflanzung der Landstraßen mit Obstbäumen. „Es ist wahrhaftig kein Überfluß“, meinte er, „wenn die Baar mit Bäumen geziert wird. Denn, sagt selbst, Feldwaibel, ist es nicht ein trostloser Anblick, wenn man zum Beispiel aus dem schönen Kinzigtal heraufkommt und unsere baumlose Hochebene überschaut?“

„Wie man’s nimmt“, entgegnete der Feldwaibel. „Als Gärtner habt Ihr vollkommen recht. – Fragt aber einmal einen Bauern, der wird Euch sagen, daß es in der Welt nichts Schöneres gebe als so ein glatter Fruchtösch, Feld an Feld wie ein Schachbrett – insonderheit wenn die Ernt reif ist und das Aug über die gelben, im Sonnenschein wie ein Meer schwankenden Kornfelder hinschauen kann.“
„Ganz richtig“, versetzte der Hofgärtner. „Hätt ich aber zu befehlen, so müßte mir jeder Bauer wenigstens ein halbes Dutzend Obstbäume in jeden Acker pflanzen.“
„Würde nicht lang guttun“, meinte der Feldwaibel, „der Bauersmann ist kein Freund vom Schatten; und das hiesige Klima ist dem veredelten Obstbaum nicht günstig. Besser als das wäre meines Erachtens, wenn man das Wildobst im Wald und Feld mehr schonen würd. Erinnere mich noch recht wohl, wie wir daheim den ganzen Winter über gedörrte Holzäpfelschnitz oder teige Holzbirnen im Vorrat gehabt haben. Und eine ordentliche Kunkelstube hätt Euch den Abend nicht rumzubringen gewußt, wenn die Spinnerinnen keine Schnitz oder gedörrte Schlehen zum ‚Annetzen‘ gehabt hätten. – Und jetzt noch darf in keinem rechten Bauernhaus das Fäßle hinterm Ofen fehlen, in dem die Bäurin ihren Essig aus Wildobst aufbewahrt.“

„In dem Punkt mögt Ihr recht haben, Feldwaibel“, räumte der Hofgärtner ein. „Andernteils aber müßt Ihr wieder zugeben, daß so manches unbenützte Plätzlein um Haus und Dorf vorhanden ist, wo ein Baum, gleichviel, ob Obstbaum oder sonst einer, recht gut stehen und niemand im Weg sein würde.“

„Einverstanden, Herr Hofgärtner, bin ganz Eurer Meinung“, sagte der Feldwaibel, „und bedaure nur, daß der alte Brauch mit Pflanzen von Linden so ganz abzukommen droht. Denn abgesehen von den Gemeindelinden ist keine Kirch, kein Kirchhof, keine Kapell oder Schützenhaus gewesen, wo früher nicht Linden hingepflanzt worden sind. – So ein Lindenbaum aber ist für den Landmann eine kleine Apothek, wo er den Lindenblütentee umsonst haben kann, für die Immen im Frühling aber eine wahre Honigweid. – Und daß auch der Holzbildhauer am liebsten zum Lindenholz greift, wenn er etwas Schönes machen will, ist bekannt.“

Dieses bis heute leidige Thema läßt sich auch an der Geschichte der Freunde der Natur sehen. Der Vater von Lucian Reich, Luzian Reich senior, hatte zusammen mit dem Musiker Johann Nepomuk Schelble und anderen in der Hüfinger Anlage einige Bäume gepflanzt. Der Hauptteil selber aber wurde 1821 von wütenden Bauern zerstört. Baaremer Bauern scheinen traditionell etwas gegen Bäume zu haben, auch wenn diese nicht auf ihrem Land stehen.

Hieronymus schenkte begreiflicherweis diesem landwirtschaftlichen Gespräch, das die beiden noch eine Weile fortsetzten, wenig Aufmerksamkeit.

Interessanter als Holzäpfel und Lindenblüten erschienen ihm die prächtigen Pomeranzen- und Zitronenbäume, die er hier mit ihren Früchten zum erstenmal in natura zu sehen bekam. – Nachdem der Feldwaibel dann noch etwelche neuangekommene Blumensorten umständlich bewundert hatte, trat er mit seinem Vetter den Rückweg an.

Viel Neues und Schönes brachte auch der zweite Pfingstfeiertag, an welchem der Feldwaibel seinen Gast sogleich nach dem Essen hinauf ins fürstliche Schloß führte, das jedem Fremden gerne gezeigt wurde. – Dasselbe, ursprünglich zum Witwensitze bestimmt und jetzt nur von einem Verwalter bewohnt, war erst neuerdings mit allerlei Merkwürdigkeiten neu ausstaffiert und möbliert worden.

Der Feldwaibel besichtigt hier mit Hieronymus das Schloss in Hüfingen, welches zu der Zeit nur von einem Verwalter bewohnt war.

Das war denn für Hieronymus wieder eine ganz neue Welt. Schon das hohe geräumige Stiegenhaus, durch welches der Verwalter die beiden führte, erregte Bewunderung. Es hingen da große, in Öl gemalte Ahnenbilder des fürstenbergischen Hauses, die in ihren kriegerischen Rüstungen und prächtigen Ordensgewändern einen tiefen Eindruck auf den Knaben machten. Es waren die ersten lebensgroßen Bildnisse, die er in seinem Leben gesehen.

Nicht minder schön und wunderbar dünkte ihn das, was er in der langen Zimmerreihe zu betrachten bekam. Er glaubte in einem Heiligtum zu wandeln. Die kostbaren farbigen Tapeten, die Vorhänge von schwerem Damast mit großen Quasten, die mit Seidenzeug überzogenen Sessel, Lehnstühle und Sofas, die zierlich eingelegten Kästchen und Pfeilertischlein, von welchen eines ein ganzes Kartenspiel, benebst dem Titelblatte eines Kalenders in kunstvoller Einlage zeigte, die allmächtig großen Spiegel, in denen der Kleine seine ganze Figur vom Kopf bis zum Fuß betrachten konnte – alles war ihm neu und entlockte ihm Ausdrücke des höchsten Erstaunens. In einem größeren Zimmer erschaute man Merkwürdigkeiten der seltensten Art. Gleich beim Eintritt fielen die Augen auf eine freistehende, längliche Kommode, auf welcher ein Truthahn, ein Pudel und ein Pfau saßen, überaus täuschend aus verschiedenfarbigen Schneckchen und Muscheln zusammengesetzt. Aus gleichem Material gebildet waren die an den Wänden angebrachten Affen, Waldteufel, Tiger und Meerkatzen, alle so natürlich, daß man fast darob erschrak. Dazwischen wieder ganze Landschaften, Städte, Schlösser und Seehäfen mit Schiffen, aus Rinde, Baumzweigen, Moos und Korallen gemacht.

Der Verwalter sagte dem entzückten Kleinen, daß alle diese Herrlichkeiten eigenhändige Arbeiten des fürstlichen Archivars in Donaueschingen seien. Ein anderes Gemach, das dem jugendlichen Beschauer groß wie ein Saal vorkam, war mit hübschen, mythologischen Figuren geziert, Grau in Grau auf die Wand gemalt; und in einem folgenden, äußerst behaglichen Kabinettchen mit der Aussicht auf die Brücke und die Lorettokapelle sah er zum erstenmal in seinem Leben ein Welschkamin. Kohlen und Feuerzange lagen noch da, als wär die wärmende Glut erst gestern ausgegangen. – Dann kamen Zimmer mit schönen Gemälden: Herodias, das Haupt des Johannes tragend, Diana auf der Jagd, Lot und seine Töchter, Wildbrethändler, Landschaften, Bataillenstücke, duftige Pastellbilder, Windhunde und seltenes Wild. – Auch war zu finden eine Anzahl Vögel, halb erhaben mit natürlichem Gefieder, auf Tableaux aufgelegt, jeder in seinem Element, im Wasser, auf dem Baum oder im Gras. Und die nebenbei in Kästen zur Schau gestellten Mineralien und Stufen aus den Bergwerken im Kinzigtal sowie verschiedene Kuriositäten bildeten eine von allen Kennern jener Zeit hochgeschätzte Sehenswürdigkeit.

Am meisten bewunderte Hieronymus den großen Elefantenzahn, den er mit Mühe kaum vom Boden zu lüpfen vermochte, nicht minder das Straußenei, die Kokosnüsse, die glänzenden Meermuscheln und den großen Magnet, der ein ganzes Hufeisen trug. Und blickte er an die Decke hinauf, so mußte er staunen über die Tempel, Girlanden und Figuren, welche halb erhaben, in Stucko, die Plafonds schmückten.

Der gute Junge hatte nur einen Wunsch, daß auch Vater und Mutter anwesend sein möchten, um teilzunehmen am Beschauen all dieser Herrlichkeit.

Nachdem das Merkwürdigste oben beschaut, stiegen sie in den Schloßgarten hinab, um sich in der schattigen Lindenallee und zwischen den geschorenen Hecken und Laubwänden vergnüglich zu ergehen. Und als zum Schluß der Vetter beim Verwalter, der zugleich auch wirtete, ein Glas frisches Braunbier mit Käs und Brot bestellt hatte, ließ sich Hieronymus, der sich ganz müde und hungrig gesehen, diese leiblichen Genüsse mit ebenso großer Inbrunst schmecken wie vorher die geistigen.

Im Verlauf des Nachmittags ward unserm Wälderkind auch noch Gelegenheit geboten, den sogenannten Pfingstritt der Knechte und Roßbuben mit anzusehen, von welchem der Vater oft schon erzählt hatte. – Mit bebänderten Tannenbäumchen in den Händen, zog die verschieden kostümierte Kavalkade durch das obere Tor in die Stadt ein, wo nach den üblichen Sprüchen und Schwänken der vollständig in Rinde gehüllte „Pfingsthagen“ unter dem Jubel der Schuljugend in den Brunnen geworfen wurde. Nach dieser feierlichen Handlung wurde vor den Häusern gesammelt, zum Schmaus, welcher im Wirtshaus zum Leuen abgehalten werden sollte. Auch dabei, bei diesem Umritt, war es Aufgabe der Gassenjugend, den armen durchnäßten Pfingsthagen tüchtig zu necken, der, hinter den andern herreitend, die Hände zu den Fenstern emporhob mit dem beweglichen Ruf: „I ha au no nünd!“ Nach all diesen Erlebnissen sehnte sich Hieronymus wieder recht sehr nach Hause, um den Eltern und Kameraden von dem Gesehenen und Gehörten ausführlich Bericht erstatten zu können.

Am Ende des Kapitels wird der Pfingstritt der Knechte und Roßbuben beschrieben, an dessen Ende der Pfingsthagen in den Brunnen geworfen wurde.

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Die Schule
Neben- und Lieblingsbeschäftigungen

Hieronymus Kapitel 4

“und jez göhnt in d’Schul – fall mer keis, gent achtig u lehret was menich ufgit!”
>Johann Peter Hebel

Die Schule – Neben- und Lieblingsbeschäftigungen

Die Tage, wo die menschliche Gesellschaft noch keinerlei Ansprüche macht an das sorgenfreie Naturvölkchen auf den grünen Inseln der Kindheit, sind schon vorüber. Die Schule, jene unvermeidliche Pforte, durch welche der Weg ins tätige Leben führt, wartet schon auf die Pflichtigen. Groß und klein eilt herbei, um die Samenkörnlein in sich aufzunehmen, die ihnen der Lehrer heute hinstreuen wird; aber auch, um jetzt schon die ersten Sorgen und Geduldsproben des Lebens kennenzulernen.

Allgemein herrschten zur Zeit unserer Erzählung Schulzustände wie etwa heute noch in England oder Amerika, d. h. den Eltern war es vergönnt, ein gewichtiges Wort mit dreinzureden, indem sie – ohne Schulzwang – auch bestimmen konnten, in welchen Fächern sie ihre Kinder ausschließlich unterrichten lassen wollten.

Auf dem Lande schulmeisterten in der Regel Leute, die, schwächlich oder verkrüppelt, zu Feldarbeiten untauglich waren. Aber wie solche Menschen nicht selten geistig desto mehr entwickelt sind, so finden wir in der Tat unter den Schulmeistern der früheren Zeit manchen ganz tüchtigen und prakti-schen, wenn auch nicht methodisch gebildeten Mann. – Es unterrichtete eben jeder nach seiner Art. Für Schulbücher wurde wenig Geld ausgegeben; jedes beliebige Buch, der Kalender oder irgendein fliegendes Blatt diente den Kleinen zur Leseübung. Erst später wurden sogenannte Namenbüchlein eingeführt, an deren Ende das Glaubensbekenntnis, die Zehn Gebote und verschiedene Morgen- und Abendgebete abgedruckt waren. – Der Rechenunterricht bestand lediglich im Aufsagen des Einmaleins. Die arabischen Ziffern waren den Bauern so gut wie unbekannt.

Wie zum Notieren des Soll und Haben ausschließlich das Kerbholz diente, so hatte jedes Haus zur Bezeichnung seiner Fahrnisse ein gewisses Zeichen, zum Beispiel ein Rad, ein Haumesser, Triangel usw., aus welcher Übung in frühesten Zeiten manches Wappen mag entstanden sein. – Den Mädchen war selten erlaubt, schreiben zu lernen: die Eltern meinten, sie würden sonst nichts als Liebesbriefe schreiben. Deshalb ließ der Lehrer bei Beginn der Schule diejenigen Kinder, welche diese Kunst erlernen wollten, die Finger aufheben. Schulprüfungen oder Schulvisitationen fand man nicht für notwendig; und wie es mit der Besoldung des Schulmeisters beschaffen war, ist bekannt, und noch manchem alten Lehrer oder Lehrerssohn hinlänglich im Gedächtnis.

Denkübungen, Anschauungslehren und wie diese Schablonen alle heißen mögen, kannte man dazumal noch nicht, und doch konnte man mit Hebel sagen, „hät Gott us mengem arme Büebli e brave Ma und Vogt und Richter g’macht und usem Töchterli ne bravi Frau, wenn’s numme nit an Zucht und Warnig fehlt.“

In den Landstädten diente – zu Anfang des vorigen Jahrhunderts – gewöhnlich der Ratschreiber zugleich als Lehrer und Organist; und wo eine Kraft zu so vielseitigem Dienst nicht ausreichen wollte, sah man sich unter der Bürgerschaft nach einem tauglichen Stellvertreter um. So zum Beispiel in dem Amtsstädtchen, wohin wir unsern Hieronymus nächstens zur Erstehung seiner Lehrzeit begleiten werden, war um jene Zeit (den siebziger Jahren des vorigen Säkulums) dem Präzeptor noch ein Gehilfe beigegeben, welcher unter dem Namen „der lahme Sepple* bekannt war. Das Sprichwort: Kunst macht auch einen Lahmen wert, fand auf ihn volle Anwendung, denn nicht nur mit seinen kontrakten Händen, auch mit den Füßen konnte der Mann ganze Sätze schreiben. Zur Winterszeit war ihm die Überwachung der Schuljugend anvertraut (Sommerschulen gab’s zur Zeit keine).

Jeden Tag nach beendeter Schule führte er seine Untergebenen unter Vortragung eines Kreuzes in die nahegelegene Lorettokapelle, um den Rosenkranz mit ihnen zu beten, wobei er besondere Fertigkeit auch darin entwickelte, mit seinen lahmen Händen gewuchtige Ohrfeigen an die Mutwilligen und Saumseligen auszuteilen.

Nebst diesem Ämtlein versah er zu Nutz und Frommen der Gemeinde noch einen andern wichtigen Dienst: er war Feldhüter. Die ganze Herbstzeit über verbrachte er in einer Hütte auf dem entlegensten Teil der Gemarkung, wo, ehe die Kartoffeln allgemein geworden, jeder Bürger einen sogenannten Rübenteil als Almend besaß.

Einst nach langem Regen hatte die Breg eine ungewöhnliche Höhe erreicht. Das ganze Städtchen war, ein zweites Venedig, unter Wasser gesetzt, so daß der Stadtmetzger sich veranlaßt sah, ein Floß zu bauen, um vor die Häuser seiner Kunden zu rudern und ihnen das benötigte Fleisch an einer „Furke“ ins obere Stockwerk hinaufzureichen. Als das Wasser über Nacht immer mehr gestiegen und bereits das ganze Ried bis gegen Pfohren hin überflutet hatte, ward endlich auch des lahmen Seppels in seiner einsamen Feldhütte gedacht. Früh morgens sah man ihn, anscheinend in höchster Not, mitten in dem großen See auf dem Dache seiner baufälligen Hütte sitzen.

Die allgemeine Menschenpflicht gebot dringend, etwas zu seiner Rettung zu unternehmen. Aber niemand fand sich, der des Ruderns kundig und bereit gewesen wäre, das Wagnis zu bestehen. Da entschloß sich der Stadt-schultheiß selbst, der früher Fischerei getrieben, zur mißlichen Fahrt. Er ließ einen Kahn auf einen Wagen laden, an einer Anhöhe unweit der Stadt ins Wasser setzen und bestieg unter Glück- und Segenswünschen der Zuschauer das Rettungsboot. Zur Stärkung des vermeintlich in Verzweiflung geratenen Sepple hatte er eine Flasche Wein, Speck und Brot mitgenommen. Als mit Mühe und Not der biedere Retter bei der Hütte angekommen und den Sepple zum raschen Einsteigen aufgefordert, war er nicht wenig betroffen, als dieser sanz trocken entgegnete: „Ich fahr nit mit; das groß‘ Wasser s’fallt mir; es wird schon wieder fallen. Wenn Ihr aber was zu essen und zu trinken habt, Herr Schultheiß, so gebt’s in Gottsnamen her!“ Und der Schultheiß reichte ihm den Imbiß und kehrte zur Verwunderung der Bürgerschaft allein zurück.

Mit dem Monat Oktober endete jedesmal des Seppels Amt als Feldhüter; und wenn alsdann am Kirchweih-Donnerstag sein hölzernes Wächterhäuslein auf einem Karren in die Stadt gebracht ward, so sagten die Kinder:

„Jetzt geht d‘ Schul wieder an, man bringt dem Lehrer sein Häusle!“

Wie gesagt, der Seppel war ein vielseitiger Kopf und überallhin verwendbar; obwohl man nicht immer den löblichsten Gebrauch von seinen Talenten zu machen beliebte. So zum Beispiel befand sich einmal im Amtsgefängnis ein übelberüchtigter, eines schweren Verbrechens bezichtigter Mensch, aus dem, trotz Hungerkost, Stock, Block, spanischem Mantel, und wie die erprobten untersuchungsrichterlichen Hausmittel alle heißen mochten, absolut nichts herauszubringen war. Da nahm man seine Zuflucht zum lahmen Seppel. Bei hellem Tage wurde dieser gefesselt durch die Stadt ins Gefängnis geführt und in einer Zelle neben dem verstockten Sünder einquartiert, wo er durch Seufzen und Kettengerassel die Aufmerksamkeit seines Nachbars auf sich zu lenken suchte. Bald war nächtlicherweile ein Zwiegespräch eingeleitet mit Fragen: warum und weshalb? Der Seppel erzählte zuerst, worauf auch der andere Vertrauen faßte und seinem vermeintlichen Leidensbruder, welcher begreiflicherweise nicht ohne Zeugen war, beichtete.

Nebst all diesen nützlichen Amtlein und Würden fand der Seppel aber auch noch Zeit zu einer andern Tätigkeit, worin ihn manche seiner modernen Amtsbrüder zum Vorbild nehmen könnten. Er führte viele Jahre hindurch eine Stadtchronik, in welche er alles, was einem harmlosen Menschenkind etwa wichtig und bemerkenswert scheinen mag, mit seiner verkrüppelten Hand oder zur Abwechslung wohl auch einmal mit dem Fuß – denn auf dem Titelblatt des Buches heißt es ausdrücklich: „Verfaßt von einem Mann, der mit Händ und Füßen schreiben kann“ – getreulich einzutragen pflegte.

Doch alle diese Verdienste um das Gemeindewesen konnten ihn im Alter nicht vor Not und Mangel schützen, denn er starb, nur von guten Leuten unterstützt, im sogenannten Bettelhäusle. Ein Schicksal, das auch schon andern Schulmeistern und Schriftstellern im Deutschen Reich passiert sein soll!

In unserer Talgemeinde versah, wie schon bemerkt, Vetter Bachweber das Lehramt. Der Name Bachweber kam von seinem Vater her, der ehrsamer Leineweber, am Bache, in einem entfernten Zinken des Tales, wohnhaft gewesen. Ihm, dem Sohne, behagte die Weberei nicht – er fühlte sich zu Höherem geboren und wollte Schneider werden. Nach längerer Wanderschaft donauabwärts nahm er Dienste bei einem österreichischen Regiment als Kompanieschneider; und als er nach erhaltenem ehrenvollem Abschied in die Heimat zurückgekehrt war, wurde ihm, dem belesenen und erfahrenen Mann, das zur Zeit vakante Schuldienstlein anvertraut.

Den Sommer über hielt er sich als Schneider bei seinem Schwager auf, welcher das abgelegene altbachwebersche Häuslein bewohnte, in welchem unserm Kleiderkünstler vertragsmäßig noch der Sitz „mit Kalt und Warm“ vorbehalten war. – Zur Winter- und Schulzeit kam er dann regelmäßig jeden Samstag hieher und erschien erst am Montag wieder im Schullokal mit einem Bündel, das ihm Hieronymus und seine Kameraden gewöhnlich auspacken halfen. Es befanden sich darin: erstens: eine große Schachtel voll gebratener Knöpfle, seine Leibspeise; zweitens: eine Büchse mit Schmalz; und drittens: verschiedene zugeschnittene Kleidungsstücke, die er neben dem Schulmeistern her dann fertigmachte. Gab es nichts zu schneidern, was oft der Fall war, so benützte er die Zeit neben dem Lehramt her mit Schnitzen von hölzernen Schuhnägeln, die er alsdann den Kindern als Rechenübung zu zählen hinzugeben pflegte.

Zum Unterricht hatte ihm die Gemeinde ein besonderes Stüblein eingeräumt, an dessen Stiege wir ihn auf unserem Bildchen sehen, wie er wetter-spähend nach den Wolken ausschaut. Denn Bachweber gab sich viel mit Wetterbeobachten und Prophezeien ab.

Die Stürme der Tag- und Nachtgleiche sind vorüber und die Schwalben und andern Zugvögel längst hinter dem verschwundenen Sommer her in wärmere Länder gezogen. Dafür haben sich nun andere Gäste, Staren und Krammetsvögel, eingestellt, welche sich zum Nachtisch die Vogelbeerbäume und Wacholderstauden ausersehen haben. – Nachdem es gestern den ganzen Tag über gestürmt, ist die Luft heute stille, trübsinnig und eisgrau der Him-mel; und einzelne senkrecht herabfallende Flöckchen lassen vermuten, daß die Landschaft nächstens in die Leibfarbe des Winters sich kleiden werde. – Frühe schon wird es Nacht; wenn die Kinder aus der Schule kommen, treffen diejenigen, welche weit, oft über eine Stunde weit, nach Hause haben, daheim schon den brennenden Lichtspan in der Stube an. – Die Vögel haben bereits sich zur Ruhe begeben, höchstens daß ein verspätetes, einsam piepsendes Meislein den Apfelbaum im Garten dort noch absucht oder ein paar Spatzen durch die halbentlaubten Hecken rascheln, um sich den passenden Platz zum Nachtquartier auszusuchen. – In der Scheuer beginnt das Dreschen, der Bauer geht bereits wieder mit der Laterne in den Stall zum Füttern, und die Bäuerin hat die Spindel und Kunkel aus der Bodenkammer geholt, während sie überlegt, wieviel den Winter über gesponnen und im Frühjahr dann „umgelegt“ werden soll.

Auch unsere kleinen Freunde, Hieronymus, Dionys und Romulus, haben ihre Winterbeschäftigungen wieder vorgenommen und drüben in der Mühle sich einquartiert. Denn wo wär‘ es auch schöner als dort im Stüblein, in welchem auch Vater Mathias an der Schnitzelbank oder am Drehstuhl seine Nebenstunden zubringt?

Der fleißige Mann besaß eine große Thek voll Kupferstiche, ein Geschenk von seinem Schwager, dem Klosterschneider in Villingen. Hieronymus hatte verschiedene dieser Blätter zu kopieren angefangen; denn Zeichnen war seine Lieblingsbeschäftigung; und daß diese Liebhaberei auch auf seine Gespanen überging, versteht sich bei dem Freundschaftsbund des Kleeblatts von selbst. Und so viel hatte der Vater bei seinen Besuchen in der Malerwerkstatt des Benediktinerklosters zu Villingen gesehen und gelernt, daß er den Buben eine erste Anleitung in dieser Kunst zu geben vermochte.

Wenn draußen Schnee wirbelte, so dicht, als wollte er der ganzen Gemeinde talauf und -ab mehrwöchentlichen Hausarrest auferlegen, oder ein eisiger Nord die Wege und Halden fegte, hier ganze Stellen bloßlegend bis auf den schwärzlichen Grund, dort blendendweiße Schanzen und hohe Wälle häufend – so saßen die Buben, wenn die Schule zu Ende, vergnügt im warmen Stüblein, am Tisch und Reißbrett. Es war aber auch eine Lust, die Blätter in der Thek nur anzusehen: die prächtigen Kirchen- und Städteprospekte, der herrlich kolorierte, perspektivisch dargestellte Marmorsaal, in welchem der Vater des verlorenen Sohnes, in Perücke und Schnallenschuhen, diesem das Erbteil ausbezahlt, der Dogenpalast zu Venedig mit dem grasgrünen Meer und den vielen Gondeln im Vordergrunde, Tierstücke von Riedinger, Bataillen, Frucht- und Blumenstücke, schwarz oder glanzvoll gemalt, Porträts, von Wappen, Draperien und Inschriften umgeben, Kriegshelden, berühmte Männer, die „Liebhaber aller Kunst und Schild der Kirche“ waren, von denen ein „deutscher Kiel“ mit Fug und Recht schreiben durfte: „So lang der Donaufluß Germania wird durchschleichen, soll ihres Namens Ruhm nicht von der Nachwelt weichen.* Auch waren dabei biblische Darstellungen, sodann wieder galante Schäfer und Schäferinnen in Puder und Reifrock, Prospekte von Irr- und Lustgärten, wo zwischen geschorenen Hecken und wasserspeienden Delphinen frisierte Herren und Damen lustwandelten, um sich am bunten Schmuck der Blumen idyllisch zu vergnügen.

Häufig kam auch Bachweber herüber in die Werkstatt, um mit Mathias gemütlich zu plaudern von alten und neuen Zeiten und über seine Erlebnisse in der Fremde und beim Regiment. Nebenbei hatte er auch Gelegenheit, sich vom Fleiße seiner Schüler zu überzeugen, in einer Kunst, die er zwar nicht auszuüben, gleichwohl aber zu schätzen verstand. Hatte er doch in der Kaiserstadt viel Schönes und Kunstreiches gesehen. Die Buben waren ihrem Lehrer sehr zugetan, obgleich dieser der Ansicht huldigte, unser Herrgott habe das Birkenreis nicht nur zu Besen, sondern auch zu Ruten für böse und mutwillige Bürschlein wachsen lassen. Deshalb pflegte er auch zu sagen: ein rechter Schulmeister müsse, wie eine vollkommene Schwarzwälderuhr, nicht nur einen guten „Wecker“, sondern auch ein gutes „Schlagwerk“ haben. – Allerdings, an Possen und mancherlei Schabernack fehlte es nicht, die ihm dieser oder jener seiner Zöglinge zu spielen beliebte. Kamen solche Ausschreitungen vor oder gab ihm einer absichtlich eine verdrehte Antwort, so gab’s Exekutionen im militärischen Stil, den er ja, „als er noch beim Regiment gewesen“, wo, wie er versicherte, das „Lederwerk jede Woche frisch angestrichen“ werden mußte – an der Quelle zu studieren Gelegenheit gehabt.

Von Haus aus jedoch nichts weniger als zur Härte und Grausamkeit geneigt, verwandelte unser Dorfpädagoge Züchtigungen – namentlich solche, die mangelhaftes Auswendiglernen betrafen – gerne in mildere Bußen und Auflagen um, zum Beispiel in ein Mäßle Holzbirnen, eine Kappe voll Schlehen oder Hagebutten (gedörrt, nebst Knöpfle, sein Lieblingsgericht) oder in ein paar Dutzend Froschschenkel, welche Artikel die Buben für ihn in Feld und Wald zusammensuchen mußten.

Nicht etwa, daß es unserm Schulvorstand an der nötigen „Munition“ gefehlt hätte! Dafür sorgte ja die verheiratete Schwester daheim und auch die Eltern der Kinder; denn wie heute noch an vielen Orten, so bestand auch damals im Tal die patriarchalische Sitte, den Lehrer zu allen freudigen Anlässen und Familienfesten, wie Kindstaufen, Hochzeiten, Schweineschlachten usw. einzuladen oder ihm ein Müsterlein von Tisch und Keller zum „Versuchen“ ins Haus zu schicken.

Von allen Stücken zeichnender Kunst, die Hieronymus um diese Zeit zu fertigen unternommen, war ihm keines besser gelungen als das Bildnis des Prinzen Eugenius im Harnisch, den Kommandostab in der Hand. Er wußte aber auch, welch ein Preis auf das Gelingen dieser Arbeit ausgesetzt war.

Hatte ihm der Vater nicht versprochen, daß er, wenn er den Winter über recht fleißig sei, im Frühjahr den Vetter Feldwaibel in der Amtsstadt besuchen dürfe? Mit dem wohlgetroffenen Porträt sollte der alte Soldat überrascht und erfreut werden; der „edle Ritter“ war ja, wie man wußte, noch sein Kriegsherr gewesen.

Auf diese Art war in unserm einsamen, verschneiten Schwarzwaldtal eine kleine Kunstschule entstanden; und Meister Mathias durfte sich immerhin der Fortschritte seiner Zöglinge freuen.

Auch hier hat Lucian Reich einiges hinzugefügt zur ersten Ausgabe. Vor allem Ergänzungen zur Kunstschule von Mathias und über den Lehrer Bachweber. Auch hier erwähnt Lucian Reich wieder die „patriarchalische Sitte“, womit er alle unnütze Gewalt umschreibt und versucht zu begründen.

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Frühlingsanfang -Der Hofbauer und die Familie des Hausmanns

Hieronymus Kapitel 3

“Sie ziehn di uf, und lehre di laufe, gen der n freudige Sinn u zeige der nüzlige Sache”
>Johann Peter Hebel

Frühlingsanfang – Der Hofbauer und die Familie des Hausmanns

Wenn, angehaucht von dem jugendlichen Atem des Frühlings, wieder frische Lebenskraft durch die Erde strömt, wenn die vielen Quellen und Bächlein aufgetaut, als flimmernde Streifen durch grünende Matten und Tal-gründe rinnen, wenn lichte sonnige Wölkchen hoch oben im reinen Himmels-blau über die Felsen und dunklen Wälder schweben und ein frischer Waldgeruch voll heilender Kräfte durch die milden Lüfte zieht, da vergißt wohl jede Brust der winterlichen Sorge, und in erneuter Jugendlust blickt der Mensch wieder vorwärts in die Zukunft und das Leben.

In unserem Tale haben Schwalben und Störche, die geflügelten Herolde, bereits wieder ihren Einzug gehalten. Der Bach, vor kurzem noch im Kampfe mit dem langen, starren Winter, fließt im alten Bette wieder friedlich und klar über glatte Kiesel und grünes Fischgras dahin.

Die vereinzelten Eisschollen, welche vor wenigen Tagen noch splitternd und triefend im Sonnenstrahl am Ufer hin und her gelegen, sind verschwun-den. Höchstens in den tiefsten Schluchten und an hohen Stellen des Waldes hat der frostige Alte, bei seinem Rüdkzug auf den Feldberg, noch etliche Fetzen seines Pudermantels zurückgelassen. Darum aber kümmert sich niemand mehr, am allerwenigsten die Kinderwelt, die teilweise schon barfuß geht wie die gelbwolligen jungen Gänschen, welche Hieronymus auf dem Grasplatz dort zu hüten übernommen. Selbst die kleine Florentina versucht im leichten Gewande der Jugend an der Hand der Wärterin ihren ersten Gang im Freien.

Noch herrschen die Tage der Sorglosigkeit auf den glückseligen Inseln der Kindheit, an deren blumigen Gestaden die schaukelnden Wellen des Zeiten-stromes nur schimmernde Perlen und Goldsand auswerfen; das Leben zieht noch so zwanglos und ungetrübt dahin wie das Bächlein dort, das an einzelnen Stellen Himmel und Erde lieblich abspiegelt.

Hieronymus scheint sein Amt mit Behaglichkeit zu verwalten, wenigstens macht er ein Gesicht, als ob er sich nicht im geringsten Sorge darüber mache, was es wohl morgen für Wetter geben werde. Romulus und Dionys, seine Kameraden, beschäftigen sich unterdessen angelegentlich mit dem Fange silberschuppiger Greßlinge und glatter Grundeln, während im Gärtlein des Laubhauserhofes die Hausfrau, ihr Söhnlein Peter an der Hand, umher-wandelt, um nachzusehen in den Beeten, ob sich auf die warmen Regenschauer noch nichts Grünes rege oder ein Veilchen sprosse hin und her am Gartenhag.

Alles, Menschen und Tiere, Luft und Landschaft verkünden den milden Frühlingstag, der allerdings in unserer Gegend häufiger erst in den Juni als in den Mai zu fallen pflegt. – Niemand will heut in Stube und Haus bleiben; selbst die Bienen machen einen Ausflug; während die einen vor dem Pförtchen ihres Strohpalastes sitzen und eilig sich den Winterstaub von den Flügeln streifen, kommen andere schon beladen mit der köstlichen Beute aus Flur und Wald zurück. – Auch Sänger fehlen nicht, den Tag zu preisen. – Über der braunen Ackerscholle dort oben am Waldsaum wirbelt die Lerche ihr hohes Lied, und vom Apfelbaum tönt Finkenschlag fröhlich dem zurückgekehrten Weibchen entgegen. Und auch im Wald herrscht Lust und Leben:

Schwarzamseln, Drosseln, Distelfinken und Meisen, die vor wenigen Wochen noch hungrig und heischend die Scheuern und Wohnungen umlagert oder von den einzeln aus der Schneedecke hervorschauenden Disteln und Stauden das letzte Samenkörnlein weggepickt, haben sich wieder in ihr grünes Lustrevier begeben, um in allen Tonarten das bekannte Konzert anzustimmen.

Längst verschwunden sind an unserm Hof die Merkmale des strengen Winters, die Strohbäusche um Brunnen und Stalltür, und auch der Holz-und der Bahnschlitten haben ihren gewöhnlichen Platz wieder eingenommen, neben der Einfahrt in die Scheuerntenn. – Die Feldgeschäfte beginnen. – Der Hofbauer macht zum erstenmal in Hemdärmeln einen Ausgang hinauf an die Halde, um mit Haue und Karst dem rieselnden Quell das Wässerungsgeschäft zu erleichtern. – Es ist dies eine Lieblingsarbeit von ihm, die er so leicht keinem Knecht überlassen mag. Im übrigen jedoch befaßt er sich wenig mit Verbesserungen. Wie seine Vorfahren, so treibt auch er das große geschlossene Hofgut in herkömmlicher Weise um.

Zu einem solchen Hofgut gehört namentlich Wald, der eigentlich den Hauptreichtum des Anwesens ausmacht. Erst seit neuerer Zeit jedoch liefert dieser erwünschten Ertrag, seit überall zur Erleichterung der Abfuhr Wald-und Feldwege angelegt und mehrere Flüsse floßbar gemacht worden sind.

Auch ist das Scheiterholz erst seit Entstehung der Fabriken, Glashütten, Salinen und Ziegeleien zu entsprechendem Werte gelangt. Denn wenn auch das Kohlenbrennen auf dem Wald von Urzeiten her schon üblich war, so stand es doch in keinem Verhältnis zu dem unermeßlichen Holzvorrat, weil außer den wenigen Brettern, die jeder Bauer auf seiner einfachen Klopfsäge schneiden ließ, der Verbrauch ein zu geringer gewesen. Von alten Leuten konnte man oft sagen hören, daß früher über Wald das meiste Holz auf dem Stock verfault sei. Einigen Ersatz fand der Besitzer nur darin, daß der tausendjährige, von den Bergen herabgeschwemmte Waldhumus sein Wiesengelände naturgemäß verbesserte.

Die verhältnismäßig wenigen, nur zum Anbau von Hafer und Sommerroggen tauglichen Felder zwischen Matten und Wald (wechselwirtschaftlich betrieben – fünf bis sechs Jahre bebaut, dann wieder zu Wiesen und Wald liegengelassen) liefern indes dem Waldbewohner nicht hinlänglich Nahrung, weshalb er seinen Bedarf an Früchten aus der Baar zu beziehen genötigt ist; und gemahlen werden dieselben auf der jedem Wälderhof eigenen Mühle.

Dies im allgemeinen die landwirtschaftlichen Zustände unseres südöstlichen Schwarzwaldes. Bis auf den heutigen Tag sind sie in der Hauptsache dieselben geblieben, während die persönlichen Verhältnisse wesentliche Umgestaltungen erfahren haben. – Ehedem – vor anderthalb hundert Jahren – gab es in der Gegend als Besitzende nur Hofbauern, welche dann wiederum einigen armen Familien auf dem Gut zu bauen gestatteten, wodurch diese dem Eigentümer dienstbar wurden. Denn diese Familien waren gemeiniglich verpflichtet, dem Bauer zur Heu- und Erntezeit zu arbeiten, während sie für sich selbst nur wenige, und nicht die besten Felder zum Anbau gegen mäßigen Zins geliehen bekamen. Nebstdem durften sie auch noch ein paar Kühlein mit hinaus auf die Weiden treiben.

Wenn nun heutzutage dieses Abhängigkeitsverhältnis bei den meisten Höfen auch noch obwaltet, so haben doch Handel und Industrie die zwingende Schranke allenthalben so weit durchbrochen, daß jedem möglich ist, ein freies Eigentum zu erwerben; und nicht selten sieht sich der Hofbauer vom industriellen Sohn seines einstigen Hausmannes weit überflügelt und genötigt, seine Söhne ebenfalls die industrielle Bahn betreten zu lassen.

Unser Bildchen zeigt uns eines jener alten Wäldergebäude, deren äußere Bauart, durch klimatische und andere Verhältnisse bedingt, jahrhundertelang die gleiche geblieben ist. Auf massiv steinerner Unterlage ruhend, ist der durch Alter und Rauch braunrot gebeizte Holzbau mit seiner schmalen Seite dergestalt in den Bergabhang hineingebaut, daß man von hier bequem mit Roß und Wagen in das obere, zu Fruchtlege und Heustall benützte Geschoß einfahren kann. Alles, Wohnung, Scheuer und Stallung, deckt ein gemeinschaftliches, weit überhängendes Stroh- oder Schindeldach, welches allein schon den echten Wälderhof kennzeichnet. – Da bis zur höchsten Höhe des Feldberges überall frische Quellen hervorsprudeln, so fehlt auch unserm Hof das laufende Brünnlein nicht, dessen nieversiegender Strahl das Milchhäuslein durchströmt und die darin aufgestellte Milch vor dem Gerinnen sichert. Bekanntlich ist die, aus also aufbewahrter Süßmilch gewonnene Butter, der „Anken“, weit und breit gesucht; und ebenso verhält es sich mit dem Käse, der in einigen Höfen bereitet und unter besonderen Namen versendet wird.

Der Talboden, aus Granitgerölle angeschwemmt, gewährt dem Bauer ein vorzügliches Wiesengelände, welches mit den weitschichtigen, als Weidgang benützten Halden einer Viehherde von sechzig bis siebzig Stück hinreichend Futter liefert.

Wie die meisten Wälderbauern, so trieb auch unser Laubhauser eine gewisse Hoffart mit schönen Kühen. Seine eigentlichen Erholungsstunden verbrachte er im Stall in Betrachtung seiner Lieblingstiere. – Gerne jedoch sah er auch den Schweinen zu, über die Bretterumzäunung ihres Zwingers gelehnt, wobei er im voraus schon bei jeder einzelnen das einstige Gewicht schätzte, obwohl es eines Zuwachses gar nicht bedurft hätte, um den Bedarf an Speck auf ein volles Jahr hinaus zu decken; denn droben in der Rauch-kammer hingen zweijährige Speckseiten und Schinken mit zolldickem Ruß bedeckt; es gehörten solche recht eigentlich zum Hofstaat.

Unsere Zeichnung läßt nun im Mittelgrund die kleine Mühle sehen, die Wohnung des Hausmanns Mathias. Und gewiß würden wir, wäre die Hütte von vorne sichtbar, auch einige Proben von der Kunstfertigkeit dieses Mannes aufgestellt erblicken: geschnitzte und bemalte Kleiderkästen, Tröge, Votivtafeln, Kirchhofkreuze und anderes. Um jedoch den Verfertiger vor dem Verdachte, als wäre er ein schiffbrüchiges Genie irgendeiner Kunst-schule, sicherzustellen, wollen wir eine kurze Lebensbeschreibung von ihm und seiner Familie hier einschalten.

Der Vater des Mathias war im Kirnachertal daheim, auf der Grenze zwischen dem Schwarzwald und der Baar. Das elterliche Gut war kein unbeträchtliches, aber der Vater des Mathias war der älteste Sohn, und nur der jüngste konnte dem „Recht“ nach in den Besitz eintreten, während die älteren Brüder sozusagen leer ausgingen. So durfte der Mann noch von Glück sagen, daß er eine vermögliche Witwe im Dorfe Dürrheim kennenlernte, welche ihm ihre Hand reichte, wie er dann auch nach langem Warten dort das Ortsbürgerrecht erhielt. Unter mehreren Kindern aus dieser Ehe hatte unser Mathias ebenfalls das Unglück, ein Erstgeborener zu sein, weshalb er sehen konnte, wie und wo er sich durchbringen werde, wollte er nicht zeitlebens in Abhängigkeit vom jüngsten Bruder gleichsam als Knecht im Hause leben.

Dies wollte ihm nicht in den Kopf, lieber wollte er bei fremden Leuten dienen. Kaum sechzehnjährig, verdingte er sich in der Mühle zu Pfohren, dann in Unterbaldingen und später in der Mühle zu Donaueschingen, kehrte aber später wieder ins heimatliche Dorf zurück.

In weiter Ferne winkte ihm hier ein Ziel, das ihm jede, auch die beschwerlichste Arbeit leicht machte. Anastasia, die Tochter seines Nachbars, war in redlicher Liebe die treue Genossin seiner Hoffnungen und Wünsche, die Teilnehmerin seiner Arbeit und Mühsal.

Mathias hatte von der Gemeinde ein Feldstück gepachtet, das, an der äußersten Grenze der Gemarkung gelegen, weder zum Anbau noch als Weide benützt wurde. Nicht Nässe, nicht glühende Sonnenhitze, keine fast über seine Kräfte gehende Anstrengung scheute er in dem Gedanken, daß einst das gute Mädchen die Seinige werden könnte. – Doch sollte ihm das nicht so leicht werden. Nachdem er den Boden geschürft und den Rasen ge-brandelt hatte (dazumal dort noch eine ziemlich unbekannte Kulturart), verstauchte er sich beim Behacken des schweren, scholligen Feldes die rechte Hand dergestalt, daß von Zeit an eine Schwäche darin zurückblieb, die ihn zum schweren Bauerngeschäfte untauglich machte. Was nun anfangen? – Doch der junge Mann ließ den Mut nicht sinken. Schon als Kind war bei mancherlei Gelegenheit ein Funke innewohnenden Kunsttriebes in dem Knaben geweckt worden. Das heimatliche Dorf gehörte mit etlichen anderen Orten zur komturischen Ritterkommende Villingen, wohin der Kleine zuweilen mit seinem Vater kam, wenn dieser dort die Steuer entrichete oder Holzfuhren tat. Denn außer der jährlichen Steuer mit einem Gulden rauher Währung (zweiundfünfzig Kreuzer) hatten die zugehörigen Ortschaften noch einige Fronden der gnädigen Herrschaft zu leisten. Diese bestanden in leichten, aber teilweise eigentümlichen Obliegenheiten.

Auch hier ist die von Lucian Reich erweiterte zweite Auflage deutlich genauer und sie ist mit vielen Gegebenheiten aus Villingen erweitert.

Die Gemeinden Ober- und Niedereschach waren verpflichtet, den komturischen Beamten in Villingen das benötigte Brennholz in die Stadt zu führen, Weigheim hatte solches klein zu spalten, und Dürrheim mußte der Frau Amtmännin das Kraut aus dem Garten in Haus und Keller schaffen sowie auch das Hanffeld „lichen“ oder lichten. – Die Zustände dieser Komturischen waren überhaupt ganz patriarchalischer Natur. So wurde zum Beispiel dem Holzfuhrmann nicht nur jedesmal ein guter Imbiß vorgesetzt, auch seine Pferde wurden unentgeltlich gefüttert.

Man hört es vielleicht, aber mit dem Wort Komtur oder auch komturisch, konnte ich reichlich wenig anfangen. Der Komtur ist eine Amtsbezeichnung der geistlichen Ritterorden, also der Verwalter einer Ordensniederlassung. Zur Geschichte der Villinger Johanniterkomture gibt es auf den Seiten des Villinger Geschichts- und Heimatverein von Winfried Hecht mehr.

Johanniterkomtur Dietrich Rollmann von Dattenberg

Über den Johanniterkomtur Dietrich Rollmann von Dattenberg gibt es auch auf den Seiten des Villinger Geschichts- und Heimatverein von Wilfried Steinhart mehr. Allerdings wird dort nichts von der Stiftung erwähnt.

Ebenso erhielten die Handfröner täglich eine gute Suppe mit Fleisch und wenn der Kastenknecht gerade guter Laune war, so holte er auch noch einige Flaschen Markgräfler aus dem von Heitersheim her stets wohlgefüllten Herrschaftskeller und trank dann mit den plaudernden „Hanflicherinnen“ aufs Wohl der gnädigsten Herrschaft, spaßweise dabei bemerkend, sie möchten ja still dazu sein. – Machte sodann der mit Geschäften selten überhäufte komturische Amtmann mit seiner Gemahlin einen Spaziergang vor die Stadt zu den großen, außerhalb der Ringmauer liegenden Gärten, so fragte er die Weiber und Mädchen im Scherz, ob sie nicht etwa um Mittag auf seine Gesundheit getrunken, es sei ihm plötzlich so wohl geworden – und dergleichen mehr.

So lebten die komturischen Untertanen (die hohe Gerichtsbarkeit mit dem Jagdrecht war dem Haus Fürstenberg verblieben), die außer dem „Sitzgulden“ weder Steuern noch Abgaben zu entrichten hatten, unter Verhältnissen, die uns heute fast unglaublich erscheinen.

Wenn nun der Mathisle mit seinem Vater, der jene Holzfuhren übernommen hatte, auf das Ritterhaus kam, wo ihnen der übliche Trunk verabreicht wurde, so hatte der Kleine hinreichend Zeit, sich in dem altertümlichen, mit Eichenholz getäfelten und geschnitzten Saal umzusehen; er wandelte schüchtern, aber mit heimlicher Freude zwischen den die Decke tragenden Holzsäulen herum und bewunderte die lebensgroßen Ritterbildnisse in ihrem prachtvollen Ornate. Mit gleicher Teilnahme konnte er sich später im Malersaale des Benediktinerklosters umsehen. Diese Erinnerungen belebten nun Mathias in seinem Unglück. Ging es nicht mehr mit schwerer, so hoffte er mit künstlicher Handarbeit sein Fortkommen zu sichern. Bald hatte er sich Geschirr verfertigt, um allerhand Gerätschaften zu drechseln und zu schnit-zen. Auch die Landwirtschaft setzte er nebenbei fort, indem er wieder hier durch geistige Kraft ersetzte, was ihm an körperlicher abging. – Mehrmals hatte er versucht, vor versammelter Gemeinde um das Bürgerrecht einzu-kommen, doch ohne Erfolg. Die Bürgerschaft war eine geschlossene, d. h. auf eine gewisse Zahl beschränkte, und von der Regel durfte nicht abgegangen werden.

Um diese Zeit besuchte der Kommandeur von Heitersheim die Kommende Villingen nebst den zugehörigen Ortschaften. Dies Ereignis schien dem Vogt eine vom Himmel gesendete Gelegenheit, seinem Schützling zu helfen. Er wählte Zeit und Ort, wann der Mathias vor dem gestrengen Herrn erscheinen und einen Fußfall tun könnte.

„Wie heißt dieser Mann? Wo ist er her?“ herrschte der Kommandeur den zagenden Mann zu seinen Füßen an. Doch der Vogt trat sogleich vermittelnd ein: „Er heißt Mathias, gnädiger Herr, ist ein hiesiger Bürgerssohn und ein sehr fleißiger, braver Mann, der sich durch harte Feldarbeit ein Übel an der Hand zugezogen; aber trotzdem hat er ein großes Stück Feld auf so besondere Art angebaut und urbar gemacht, daß es schon bei einigen in der Gemeind Nachahmung g’funden hat. Er wär geneigt, sich zu verheiraten, allein weil er nit hiesiger Bürger ist, fehlt ihm der Consens. Seine Braut ist eine rechtschaffene, geschickte Näherin und Stickerin. – Gnädiger Herr! Ich als Vogt möcht wünschen, daß er als Gemeindebürger aufgenommen würde.“ Mathias lag immer noch auf den Knien. Der Kommandeur sah ihn scharf an; – das treue, ehrliche Angesicht des Bittenden mochte seine Wirkung tun, denn auch des Kommandeurs Miene änderte sich, und nach einigen Augenblicken des Schweigens sagte er feierlich: „Mathias, steh er auf, ich ernenne ihn hiermit zum zweiundsiebzigsten Bürger der hiesigen Gemeinde. – Vogt! Nehmt einen Akt darüber auf, ich werde ihn unterzeichnen.“

Mathias dankte stotternd dem gnädigen Herrn und küßte (denn darauf hatte ihn der Vogt besonders aufmerksam gemacht) sich verneigend den Saum seines Kleides. Dem Vogt wurde hierauf noch bedeutet, daß dem angehenden Bürger ein Anlehen von hundert Gulden aus der komturisch-dattenbergischen Stiftung gewährt sei, welches also geliehene Kapital, nach dem Willen des Stifters Dietrich Rollmann von Dattenberg, niemals aufgekündet werden konnte, solange nämlich der Schuldner richtig zinste.

„Apropos“, sagt der Ritter noch, als sich der beglückte Mathias entfernen will, „seine Braut will ich auch kennenlernen; schick‘ er sie sogleich her.“ Der Vogt winkt, und Mathias, voll unaussprechlicher Freude, eilt zu seiner geliebten Anastas, verkündet ihr das Glück, zugleich aber auch die Aufforde-derung, alsobald vor dem gnädigen Herrn zu erscheinen. Das aber hält schwer, bis Mathias zuletzt herausfährt: „Es muß sein, der Vogt hat mir noch besonders zugewinkt.“ Die Anastas nimmt sich also zusammen und geht, nachdem sie ihr bestes Kleid angezogen. Der Ritter grüßt das Mädchen freundlich als Braut und künftige zweiundsiebzigste Bürgerin der Gemeinde. Sie dankt mit Tränen in den Augen und will ihm ebenfalls das Kleid küssen, aber der Ritter läßt es nicht zu, indem er sagt: „Nein! Nicht das Kleid, die Hand.“ Er fragt sie hierauf noch mancherlei und entläßt sie mit der Mahnung: sich fleißig und rechtschaffen zu halten, er werde dem Paar später wieder nachfragen.

Oft erzählte Anastasia diese Geschichte, und fast jedesmal schloß sie mit nassen Augen und den Worten: „Gott vergelt’s dem edlen Ritter!“ Unter Mühen und Tätigkeit, aber mit Gottes Beistand verlebte das Ehepaar die ersten Jahre. Während die Anastas für Kunden nähte und stickte, übte sich ihr Mathias immer mehr in seinem Kunstgewerbe. Von einem herumziehenden Bildschnitzer, welcher Kruzifixe und Heiligenbilder fertigte, die seine ihn stets begleitende Tochter faßte, d. h. farbig bemalte, lernte er die wesentlichsten Handgriffe und Vorteile im Farbenreiben und Anstreichen.

Aber sie hatten noch herbe Jahre zu bestehen; sei es, daß Mathias durch nebenbei rastlos fortgesetzte Feldarbeiten oder durch schädliche Mittel sein altes Handübel verschlimmerte, genug, es wollte mit dem Ackerbau nicht mehr recht gehen, und auch das Kunsthandwerk nährte seinen Mann nur kümmerlich. – Früher schon hatte ihm der Lange Hans, der zuweilen im Dorf hier übernachtete, den Rat gegeben, auf den Wald zu ziehen und seine Kunst allda auszuüben, indem es dort mehr zu verdienen geben würde; und jetzt machte ihm der Laubhauserbauer, der in Geschäften zu seinem Vetter, dem Vogt, ins Dorf gekommen und von diesem auf den fleißigen Mann aufmerksam gemacht worden war, den Vorschlag, zu ihm nach Laubhausen zu ziehen, dort könne er die kleine Mühle des Hofes besorgen und nebenbei noch mancherlei verdienen mit Schnitzen und Anstreichen.

Nach reiflicher Überlegung wurde das Anerbieten angenommen. Hatte doch Mathias lange genug in Mühlen gedient, um diesem Geschäft, namentlich in so kleinem Umfang, vorstehen zu können; und weil auf dem Wald der Müller zugleich Bäcker ist, so traf es sich auch in diesem Punkt ganz gut, denn Anastasia war die Tochter eines Bäckers und konnte also ihrem Mann erfolgreich an die Hand gehen. – Und so zogen die Leutchen mit ihrem einzigen Söhnlein auf den Wald, nach Laubhausen, wo sie ein leidliches Auskommen fanden.

Fast jedes Jahr kam Anastasia mit ihrem kleinen Hieronymus auf Besuch in das heimatliche Dorf, wo noch Eltern und Geschwister lebten. Einmal nahm sie den Weg, statt über Tannheim und Grüningen, durch das Kirnachertal, wo das väterliche Haus ihres Mannes stand. Längst schon wohnte aber niemand mehr von der Familie dort; gestorben und verdorben waren die männlichen Sippen, und ein Fremder hauste auf dem Gut. Anastasia erzählte dies alles ihrem Söhnlein auf dem langen Weg dahin, und zwar tat sie es mit einem Ernst und einer Ausführlichkeit, als vergesse sie ganz, daß sie zu einem Kinde spreche: wie sie und der Vater sich kennengelernt, der schwere Anfang ihres Hauswesens, Sorgen, Krankheiten, Glück und Unglück. – Alles wurde im einzelnen besprochen und kritisiert.

Der Kleine hörte dies nicht zum erstenmal – nur hatte er bisher geglaubt, es verstehe sich ja ganz von selbst, daß alles so und nicht anders gekommen sei. – Als ihm endlich die Mutter das schwiegerelterliche Haus am Wege zeigte mit den großen Stallungen, eingezäunten Wiesen und Gärten – so konnte das Büble doch nicht umhin, zu fragen: warum denn der Vater das Gut nicht bekommen habe, wenn doch der Großvater und alle gestorben seien? „Da wäret mer jetzt au so reich wie der Laubhauserbur“, meinte er, „und Ihr und der Vater dürftet euch nit mehr so plagen und schinde.‘ „Hab dir ja schon oft g’sagt, warum er ’s nit hat bekomme könne!“ erklärte ihm die Mutter. „Nach dem Recht hat ja nur der jüngste Sohn das Haus und das Vermögen bekomme könne, und die andern sind mit etliche hundert Gulde – wenn’s hoch kommen ist – abg‘ speist worde.“ Dieses Recht aber kam dem Kleinen sehr unrecht vor. Die Mutter mochte sagen was sie wollte, er blieb dabei. „Da hättet Ihr jetzt au Küh im Stall, Mutter“, fing er wieder an, „und der Vater hätt eigene Frucht und könnt für sich schaffe.“

So ganz unrecht konnte die gute Frau ihrem Kinde nicht geben. Hatte sie doch selbst schon ähnliche Betrachtungen häufig angestellt! – Etwas weiter hin am Wege ging sie dann mit ihm hinüber auf den alten Kirchhof, um dem Enkel die Gräber seiner Voreltern zu zeigen. Sie fanden aber wenig mehr.

Nur auf einem halbversunkenen eisernen Kreuz glaubte sie den Namen der Familie entziffern zu können. – Nachdem sie das mit hohem Gras bewachsene Grab mit Weihwasser, das der letzte Regen in einem Schüsselein nebenan zurückgelassen, besprengt hatten, gingen sie in die Kapelle, um dort für das Heil der Abgestorbenen ein kurzes Gebet zu verrichten.

Im Fortgehen konnte Hieronymus nicht umhin, mehrmals noch zurückzuschauen nach dem schönen Anwesen – bis dieses bei einer Krümmung des Weges hinter den Bäumen verschwunden war. – „Jetzt kommen wir bald nach Villingen„, sagte die Mutter, ein anderes Gespräch anfangend. „Da bist du noch nie gewese, mein‘, da sind viel Kinder, viel mehr als bei uns auf’m Wald.“ – Hieronymus freute sich, die schöne Stadt mit ihren Kirch-türmen, hohen Toren und Ringmauern, von welchen ihm die Eltern so manches erzählt, einmal sehen zu können. – Und als sie bald nachher zum Tal hinauskamen und im fernen Riedfeld die städtische Kuhherde weiden sahen, schlug der Kleine vor Verwunderung die Hände zusammen: „Ein‘ so große Herd“, rief er aus, „hat ja nit emal der Laubhauserbur! Die ist ja hundertmal größer als die vom Laubhauser- und die vom Fischerbur.“ _ Und als ihm die Mutter sagte, dies sei noch lange nicht alles, ebenso groß sei die Kälber- und Geißenherd, und nicht viel geringer die Gäns- und die Sauherde, so wollte es ihm fast unglaublich vorkommen.

Noch größer aber war sein Erstaunen, als sie der Stadt sich näherten und zum Tor kamen, wo sie den allmächtig großen Mann in seiner prächtigen Landsknechtstracht an der Wand abgemalt erblickten. – Die Mutter sagte ihm, dies sei der Romeias, der Wundermann, von dem ihm der Vater kürzlich erzählt und gesagt hab, daß er früher so, wie er da abgemalt sei, in Villingen gelebt habe. Hieronymus hätte gern wissen mögen, was denn neben der Figur dort angeschrieben stehe? Aber die Mutter konnte aus der halberloschenen altfränkischen Schnörkelschrift soviel wie nichts heraus-buchstabieren. – Da kam wie gerufen ein altes Männchen vom „Rampart“ hergehumpelt, der wußte gründlich Bescheid als geborener Villinger. Der Romeias, so erzählte er dem aufmerksam losenden Wälderbüble, sei ein Kriegsmann gewesen, und in Villingen auf dem Käferberg gebürtig.

So ist auch die Geschichte vom Romäus (Romesia genannt von Lucian Reich), und die Schwedenbelagerung in Villingen nur in der von Lucian Reich überarbeiteten Ausgabe zu finden . Die genaue Geschichte des Romesia Manns und auch das Bild auf das sich Lucian Reich bezieht kann auf den Seiten des Geschichts- und Heimatvereins Villingen, nachgelesen werden. Ebenso die Geschichte mit den Schweden und dem Quecksilber.

altes Romäusbild in Villingen am Turm

Obwohl von kleinen Eltern stammend, sei er doch so groß geworden, daß er mit seinen Pfauenfedern auf dem Hut weit über das zweite Stockwerk der Häuser in der Hauptstraß‘ hinaufgereicht hab. Aber nicht nur groß – auch stark sei er gewesen. Auf einen mit zwei schweren Baumstämmen beladenen Wagen, den zwei Stiere nicht fortbringen konnten, hab er die Tiere auch noch aufgeladen, und die ganze Last allein fortgezogen. Den Rottweilern hab er zum Possen einen schweren eichenen Stadttorflügel aus den Angeln gehoben und sei damit fortgesprungen und erst auf dem Guckebühl einmal stehengeblieben, um sich nach seinen Verfolgern umzusehen. Seine große Leibskraft aber hab ihn bald so übermütig gemacht, daß er nach keiner Obrigkeit mehr etwas gefragt und sogar über den Villinger Schultheiß und Stadtrat räsoniert hab. „Da haben ihn die Herren in Prison tun lassen“, erklärte das Männchen, „dort in den hohen St.-Michels-Turm, und wurde erkannt, daß er, wie die Chronik berichtet, sein Leben mit einem Stück Brot und Wasser beschließen soll. Der Romeias aber hat viel Freund und Gönner gehabt unter dem gemeinen Volk, und der Rat hat nit verhindern können, daß sie ihm Speis und Trank bracht haben. Und soll er bei so gutem Appetit gewesen sein, daß er jeden Tag ein ganzes Kalb verspeist hab. Die Knochen aber hat er in die Mauer seines tiefen Turmes gesteckt und ist daran aufgestiegen und aus dem Arrest entwichen -’nüber in die Freistatt der Johanniter. Hier haben ihm die Stadtknecht aufgepaßt; er ist ihnen aber doch auskommen bei Nacht und schwerem Gewitter und hat sich in die Schweiz begeben, wo er im Krieg auf dem festen Schloß Küssaberg so unerhört rühmliche Taten verricht‘ hat, daß ihn der Stadtrat allhier wieder in Gnaden auf-und angenommen und ihm bis an sein selig End die Herrenpfründ im Spittel bewilligt hat.“

„Ist es schon lang“, fragte Hieronymus, „daß der Romeias g’lebt hat?“ „Oh – das ist lang vor dem Schwedenkrieg gewesen“, sagte der gesprächige Alte. „Im Schwedenkrieg aber, mußt du wissen, ist es in Villingen noch viel bunter zugangen als zu Romeias Zeiten. Man kann den Damm heutigentags noch sehen, draus bei der Ölmühle, den sie aufgeworfen haben, um die Villinger mit Kind und Kegel zu versäufen wie die Mäus; ist ihnen aber ein kurioser Strich durch die Rechnung gemacht worden“, setzte er schmunzelnd bei, „denn als die Not am größten und das Wasser schon bis auf den Marktplatz gestiegen ist, haben die herinn einen bei Nacht und Nebel mit einem Schiffle und einem Fäßle voll Quecksilber ausgeschickt; es ist ein Malefikant gewesen, dem der Rat die Freiheit und das Bürgerrecht angeboten hat, wenn er den Anschlag glücklich zu End brächt – und hat’s auch wirklich vollführt und das Fäßle in den Damm praktiziert, den das Quecksilber heimlich durchfressen und unterminiert hat. – Und der Schwed hat abziehen müssen mit langer Nasen.“

Vielen Dank an Dominik R. Schaaf

Als man zählt 1498 Jahr
Hat hier gelebt, glaubt fürwahr,
Ein Wundermann, Romeyas genannt,
Im ganzen Land gar wohl bekannt.
Nach mancher ritterlichen That,
Sein Stärke in verführet hat,
Fing an seine Obrigkeit zu schelten,
Das musst er hier im Turm entgelten.
Brach wunderlich mit List daraus
Und floh in Johanniter Haus,
Doch bald bei Nacht und grausam Gewitter
Entschlüpft er dem Asyl der Johanniter
Und zeigt im Schweizer Krieg sich groß
Auf Küssaburg, dem festen Schloß.
Mannlich Tat führt stets zum Frommen
Weshalb er wiederum Gnad bekommen,
Daß im Spital ihm bis in Grab
Die Herren-Pfründ gegeben ward,
Und endigt so sein Ruhm und Leben,
Gott wolle uns allen den Frieden geben!
Amen

»Ja“, bemerkte Hieronymus, „habe denn die Schwede nit in die Stadt reinschieße könne?“
„Und wie haben sie ‚reing’schossen!“ versetzte lachend der Alte; „du kannst die Müsterle noch sehen, drinn im Münster an Ketten aufgehenkt, groß und kleine Bohnen, die sie uns reinspediert haben auf den Markt und ins Kaufhaus. – Aber die Villinger haben’s nit fehlen lassen an Krachtorten, mit der Zugab von spanischem Pfeffer und Muskatnuß, die sie ihnen von der Bastei aus nausg‘ schickt haben ins Lager. Und es soll mehr als einer von ihne drauße ’s Krümmen und ’s Gliederreiße davon bekomme haben. – Wär überhaupt noch viel zu sagen von den alte Zeiten!“ meinte der Altbürger, indem er, auf seinen Stock gestützt, mit ihnen durch das Tor schritt.

Gern wär Hieronymus nun auch in die Münsterkirche gegangen, um die verschiedenen Sorten Bohnen, von welchen der altertumskundige Mann ge-sprochen, und die schönen Altäre dort in Augenschein zu nehmen, aber die Mutter meinte, für heute sei es zu spät, und vertröstete ihn auf ein ander-mal, und so hatte er nichts dagegen, als sie – weiter in die Stadt hinein-gekommen, wo es in den Straßen, an Kaufläden, Wirtshausschildern, hübschen Erkern und steinernen Brunnen, genug für ihn zu gaffen und zu bewundern gab – die Schritte statt zum Münster – zu einem Wirtshaus lenkten.

Gefühl der Ermüdung, mit Hunger und Durst vermischt, hatte sich bei dem kleinen Wanderer eingestellt. Das merkte er erst recht, nachdem sie am Wirtstisch sich niedergelassen. – Und als ihm die Mutter nebst dem gemeinschaftlichen Schoppen extra noch einen saftigen „Schiebling“ mit Weißbrot hatte bringen lassen, schmeckten ihm diese Dinge so vortrefflich, daß er nicht umhin konnte, mehrmals während des Essens mit dankbarem Lächeln die blauen Augen zu ihr zu erheben.

Es dämmerte bereits, als sie das heimatliche Dorf erreichten. Der vorjährige Besuch war in den Frühling, in die österliche Zeit gefallen, jetzt war es Herbst; und wenn damals die farbigen Ostereier im Hausgarten den Enkel glücklich machten, so waren es diesmal die reifen Zwetschgen, Pflaumen und Birnen, die nicht minder gut schmeckten. Und hatte er im Grase dann sich genug herumgetummelt und mit den Nachbarskindern gespielt, so erwartete ihn droben im freundlichen Leibgedingstüblein der Großeltern wieder eine andere Unterhaltung: denn da zeigte ihm die Großmutter ihre Schätze im Kleiderkasten, das schöne „Nister“ mit den vergoldeten Gotte-geldern, das silberne Balsambüchsle, die Rose von Jericho und vor allem die große, glänzende Muschel, bei welcher sie nie unterließ, zu erzählen, wie solche ihr Großvater mitgebracht vom fernen Meeresstrand, als er mit sieben anderen Gemeindebürgern nach Malta geschickt worden sei, beim Großmeister des Ordens sich zu beschweren über die Willkür eines Beamten in Sachen der Einkaufsgelder auswärtiger Eheweiber.

Und wenn ihm dann die Großmutter zu verstehen gab, daß dereinst, nach ihrem Tod, alle diese Schätze im Kasten ihm gehören sollten, so dünkte sich der Kleine im voraus schon reicher als Salomon in all seiner Pracht und Herrlichkeit. Der Rückweg wurde diesmal über Hüfingen genommen. Ein Nachbar, der mit Gerste ins Hofbräuhaus nach Donaueschingen fuhr, ließ die beiden aufsitzen.

Im Städtchen Hüfingen wollte Anastasia noch eine Base besuchen, die an einen dort stationierten Feldwaibel verheiratet war. Es lag zur Zeit eine fürstenbergische Grenadier-Kompanie dort in Garnison. – Dieser Besuch sollte nur ein ganz kurzer sein; aber die Base und der Vetter taten’s nicht anders, die beiden mußten warten, bis doch wenigstens ein Kaffee gemacht und in den hübsch bemalten Porzellantassen serviert worden war – eine Begebenheit, die unserm Hieronymus deshalb in langer Erinnerung blieb, weil es das erstemal war, daß ihm dieses damals auf dem Lande noch seltene Getränk über die Lippen kam.

Nach solchen Ausflügen und Besuchen kehrte die gute Anastas immer wieder gerne zum eigenen Hauswesen zurück, denn dieses ist der Zwing und Bann, innerhalb welchem das Familienleben, gleich der Pflanze im Topf, wurzelt und sich entfaltet.

Wenn alsdann Anastasia wieder mit ihrem Nähzeug im traulichen Stüblein saß am Fenster, mit der Aussicht das Tal entlang bis zur Stelle, wo das Sträßchen sich im Wald verliert, und wenn ihr Blick, wie in Erwartung von Ankömmlingen aus der Heimat, zuweilen hinausschweifte – und die schmeichlerischen Lüfte in leisen Wellen all die Wohlgerüche der Blumen aus dem Gärtlein in die Stube trugen, wenn die Schläge der Holzaxt und das Krachen gefällter Bäume in den Wäldern und der Ruf der Waldvögel, vermischt mit fernen Kinderstimmen, kaum stärker an ihr Ohr drangen als der einförmige Schlag der Wanduhr, so mußte sie sich sinnend selbst gestehen, daß es doch auch schön sei in dieser Einsamkeit wie überall auf der weiten Gotteserde.

Und ihrem Hieronymus, der als Wickelkind auf den Wald gekommen, gefiel es natürlich nirgends besser als hier in den Bergen – mochten die Ostereier und das Obst bei den Großeltern auch noch so wünschenswerte Dinge sein.

In dem Kapitel wird deutlich, dass die Mutter von Hieronymus, Anastasia, aus einer Bäckersfamilie in Villingen stammt. Am Ende des Kapitels besucht Anastasia das erst Mal mit Hieronymus die Base und den Vetter in Hüfingen. In Hüfingen ist eine Garnison der fürstenbergischen Grenadier-Kompanie und der Vetter ist „Feldwaibel“ dort.

Mehr zum Hieronymus gibt es hier:

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Häusliches Stilleben – Sagen und Geistergeschichten – Die Heimatlosen

Hieronymus Kapitel 2

“Es isch en Engel usem Paradies u Mutterliebi heißt si schöne Amme.”
>Johann Peter Hebel

Häusliches Stilleben -Sagen und Geistergeschichten
Die Heimatlosen

Ein Sommer voll Tätigkeit in Feld und Wald war für die Talbewohner vorübergegangen. Der Winter schickte seine Vorboten allmählich in das Land, und tagelange Nebel machten den stillklaren Herbsttagen, die im Hochgebirge gewöhnlich so wunderbar schön sind, ein schnelles Ende. Der Gesang der Vögel war längst verstummt, und die Blätter am Kirschbaum im Garten und das Heidbeerkraut auf den Feldern färbten sich glühend rot, und ein kalter Wind sauste durch die hohen Tannenwälder.

Sowie aber die Vögel sich zusammenscharen und das Wild in Höhlen lagert, so beginnt auch in dieser Jahreszeit in der Menschenbrust das Gefühl der Häuslichkeit sich zu regen, und der nahende Winter mit seinen geselligen Abendstunden gewährt einen wohltuenden Wechsel auf das ruhelose Auseinanderrennen während der langen Sommertage.

Auch in der Stube des Laubhauserhofes erblicken wir beim Scheine des Lichtspanes ein Bild friedlich häuslichen Stillebens. – Das Nachtessen ist vorbei. – Die „Heim-“ oder „Hagarten“ sind, mit Ausnahme des Schulmeisters Bachweber, noch ferne. Auf dem Schoße der Mutter liegt der Säugling, unsere Florentina, jedoch nicht mehr als still ruhendes Wickelkind, nein, wenn wir jetzt die zappelnde Kleine, ihre runden Bäckchen und das nebenan stehende leere Breipfännchen betrachten, so können wir merken, daß es mit dem Appetit und folglich auch mit dem „Trueihen“ oder Gedeihen nach Wunsch bestellt sei. – Es scheint, als kenne es die Mutter schon, die im freudigen Anblick ihres Kindes all die vielen Sorgen und Mühen um das zarte Leben gerne vergißt. – Ihr Innerstes, ihre Gedanken jedoch kundzutun vermögen wir nicht; denn wer kann wissen, was eine Mutter an der Wiege ihres Kindes alles denkt und dichtet? Und wer die Sprache verstehen, die sie mit ihrem Liebling spricht? Nur eine Mutter selbst – denke ich – und derjenige, dessen allmächtige Hand diese Sprache und Liebe in die Menschenherzen eingeschrieben.

Auf der Bank nebenan schmaucht der Vater wohlgefällig in langen Zügen sein Tabakskraut, während Peter, das Haussöhnlein, dem Bachweber Gesellschaft leistet und die Holzschnittbilder im Buche betrachtet, in welcher der gelehrte Schulmeister nach dem Kapitel sucht, welches heute Abend vorgelesen werden soll. – Zwischen beiden ebengenannten Gruppen blicken wir in den den Hinterofen oder „Tempel“, wie der mit einer Tür versehene Raum zwischen Wand und Ofen heißt; hier sehen wir die betagte Großmutter, wie sie, sozusagen abgeschieden von der Welt, den Rest ihrer Tage verbringt und wie über den Gräbern der Vergangenheit ihre stillen Gebete verrichtet, Ihr Sohn, der jetzige Besitzer des Hofguts, hatte dasselbe seit dem Tode ihres Mannes übernommen; er verwaltete es konservativ, abhold allen Neuerungen, in anerzogener und anererbter Weise, um es dereinst wieder ungeschmälert auf den Sohn übergehen zu sehen. Streng und genau haltend die Sitten und Gewohnheiten der Altvordern, sah er gerne, wenn sich seine Hausmannen und die sonstigen wenigen Nachbarn, die alle mehr oder minder in Abhängigkeit vom Hofgute lebten, in den Feierabendstunden um ihn versammelten; und er war alsdann der einzige „Freie“ inmitten seiner „Hörigen“ und „pofren Lüte“

Es mochte Wetter sein, wie es wollte, so wandelten zur Winterszeit (mit Ausnahme des Sonnabends, wo niemand Besuche machte) die gewöhnlichen Hagarten, wie im Volksmunde besuchende Nachbarn und Freunde genannt werden, abends der warmen Stube des Laubhauserhofes zu. Bachweber, der Schulmeister und weitgereiste Schneider, war regelmäßig der erste, welcher sich einzufinden pflegte. Als Vorleser, der auch alles auszulegen verstand, war er der Gesellschaft ein stets willkommener Gast; und selbst der Laubhauser, der sonst nicht viel auf Wissenschaften hielt, hörte ihm gerne zu, wenn er aus dem Trostspiegel oder der Legende oder aus irgendeinem Ritter-oder Klosterroman ein Kapitel vortrug. Wenn jedoch bei Anhörung letzterer Lektüre die anderen in gewaltige Verwunderung oder gar Rührung gerieten, so pflegte er, als abkühlenden Niederschlag auf dieses Feuer, gewöhnlich ganz trocken hinzuwerfen: „Glaub’s doch keiner“, oder „das ist nur für alte Weiber!“

Nebst dem Bachweber stellten sich abends alle jene ein, die wir schon bei der Gasterei am Tauftage genannt haben. Unter diesen war aber der wunderlichste Kauz der alte Forstknecht und Fischer Stoffel. Schon unter dem alten Laubhauser wohlgelitten, hatte er nach Katzenart eigentlich mehr Anhänglichkeit an das Haus als an dessen Bewohner; wenigstens nahm er, der Länge nach auf der Ofenbank liegend, nur selten teil ein Gespräch. Auch kam er nicht so regelmäßig wie die andern. Es vergingen oft viele Wochen, wo ihn niemand zu sehen bekam. Der G’huse oder Hausmann Mathias, der die kleine Mühle des Hofes zu besorgen hatte, gehörte dagegen zu den nie fehlenden Abendgästen; oft auch brachte er sein Söhnlein herüber, den kleinen Hieronymus, und für diesen hatte das große, schwärzlich angerauchte Haus mit seiner tiefen holzgetäfelten Wohnstube etwas anziehend Heimliches, besonders wenn er noch so manches aus alter Zeit dabei erzählen hörte.

Da stand zum Beispiel über der Wandvertiefung, in welcher der Bauer seine Schriften und Kaufbriefe zu verwahren pflegte, ein hölzernes Muttergottesbild, an welchem die Spur eines Säbelhiebes zu sehen war. Oft erzählte die Großmutter den Kindern, daß dieser Hieb von einem schwedischen, einst im Hofe einquartierten Reiter herrühre, der nach sotanem Frevel übermütig davongeritten, droben in der Schollach aber mit dem Roß gestürzt sei und den Hals gebrochen habe. – Auch an der Holzwand wollte die Ahne eine Spur sehen, welche – ich glaube, es war noch unter ihrem Großvater – das „Fronfastengespenst“ nach einem im Haus auf der „Stöhr“ arbeitenden Schuhmacher, der aller Warnung zum Trotz am Samstagabend noch geschafft, zum offenen Fenster hereingeschleudert haben sollte.

Über der Haustür sah man noch stets das Hufeisen befestigt, welches, mit seinen drei Nägeln auf einem Kreuzweg gefunden und unbeschrien aufgehoben, gegen den Blitzstrahl schützen sollte. Und auch der – jedenfalls uralte – Stierschädel nahm – wie in vielen anderen Höfen – stets noch seinen zukömmlichen Platz ein, droben unter dem Dachfirst. Nach dem – vielleicht noch aus Heidenzeiten stammenden – Volksglauben war er trefflich geeignet zum Bannungsort für schadenfrohe, Viehkrankheiten verursachende Hauskobolde.

Die „wahre“ Geschichte um den Stierschädel ist in der ersten Auflage nicht zu finden. Wahrscheinlich war es damals noch vielen bekannt, dass der Stierschädel „der trefflich geeignete Bannungsort für schadenfrohe, Viehkrankheiten verursachende Hauskobolde war.

Der Stierschädel oben befindet sich in einem der alten Bauernhäuser der Vogtsbauernhöfe.

Ob der Hausbesitzer an diese Dinge wirklich geglaubt hat, wüßte ich nicht zu sagen. Nur so viel ist gewiß, daß der Laubhauserbauer niemanden je gestattet haben würde, diese Dinge und Wahrzeichen von der Stelle zu rücken. Hätte er sie bei der Hausübergabe nicht bereits vorgefunden, er würde sie auch nicht hingemacht haben. Sie waren einmal da und sollten da bleiben, solang er wenigstens das Leben hätte; und kam je ein Spötter oder Vorwitziger, der ihn nach der Bedeutung oder dem Nutzen dieser Dinge fragte, so erhielt er gewiß Antworten, die ihm jede weitere Erörterung gründlich verleideten. So zum Beispiel behauptete der Bauer von dem Stierschädel, daß solcher von einem „Hagen“ oder Faselstier herrühre, der dem neumodischen Herrenvolk so aufsässig gewesen, daß er, wenn ihm einer in den Weg gekommen, stracks auf ihn losgerannt und nur dadurch zu besänftigen gewesen sei, daß der Geängstigte, auf den Zuruf des Hirtenbuben, schleunigst und höflich den Hut abgenommen habe. Dabei pflegte er allerlei Anspielungen und Bemerkungen zu machen über die Anmaßung und den Hochmut des Unvernünftigen, welche dem Frager im Herrenrock nichts weniger als schmeichelhaft klangen.

Ebenso konservative Gesinnung herrschte in religiösen Dingen im Hause vor. An der mit Schindeln beschlagenen Außenwand des Hofes hütete seit Menschengedenken das große, in Holz geschnitzte Kruzifix mit seinem frommen Spruch immer noch, seitwärts aufgehängt, den Eingang. Und ebenso alt waren sicherlich auch die Bilder in dem hinter dem Hause stehenden kleinen Betkapellchen. Und auch der gedruckte „Haussegen“ an der Kammertür hatte kein Aussehen, als wäre er kürzlich erst vom Jahrmarkt heimgebracht oder von einem Hausierer gekauft worden; stets noch war ihm zufolge das Haus unter den Schutz der Heiligen Familie, Jesus, Maria und Josef, gestellt, die es behüten sollten vor „Pestilenz und Feuersbrunst, Zauberei, Unheil und Mißgunst“. – Und in das zinnerne Weihwasserkessele neben der Tür hatten sicherlich schon die Urgroßeltern beim Hinausgehen aus der Stube, um sich zu segnen, die Finger eingetunkt.

Für unsern Hieronymus bildeten alle diese Dinge – wie schon bemerkt – etwas besonders Anziehendes. Namentlich auffallend war ihm der Stierschädel unter dem Dache, den er jedesmal, wenn es Gelegenheit gab, mit einem gewissen Respekt betrachtete; nicht weil er sich etwa vor den hineinbeschworenen Kobolden gefürchtet hätte – diese machten ihm überhaupt wenig Kummer -, sondern weil ihm die Anekdote, die der Hofbauer von den Launen des Tieres gelegentlich zum besten gab, so wohl gefiel. Und wenn er und seine Kameraden um Heu zu stampfen auf die „Bühne“ kamen, so zogen sie, halb im Ernst, halb im Scherz, immer noch ihr Lederkäpplein ab vor dem hohläugig grinsenden, mit Spinnweben überzogenen Schädel, auf daß er nicht böse werde und sie auf die Gabel nehme.

Einst an einem frostigen Novemberabend waren die Freunde wie gewöhnlich im Laubhauserhof versammelt; der anhebende Sturm schien den rauhen Winter mit Macht ins Land bringen zu wollen, und jeder fühlte sich doppelt beglückt, so behaglich in der warmen Stube sitzen zu können. Meister Bachweber hatte eben ein Kapitel aus der Legende, und zwar, der Jahreszeit gemäß, von einem der sogenannten „kalten Helgen“ vorgelesen. – Und als nach seinem Vortrag das Gespräch endlich auch auf das Wetter gekommen, bemerkte der Laubhauser, „wenn so stürmisches Wetter g‘ wesen ist, so hat mei Großmutter, tröst sie Gott, allemal das dreifache Almosen in die Lüfte g’streut.“

„Man hat früher viel so abergläubisch Wesen gehabt“, warf Bachweber hin, der als weitgewanderter, aufgeklärter Mann keinen Aberglauben dulden mochte, seinen eigenen natürlich ausgenommen. „Hat man ja doch früherer Zeit hinter jedem Ofen, in jedem alten Gebäu und Gemäuer, in Wind und Wetter Geister und Gespenster sehen und hören wollen.“

„Ja sogar auf den Schuhen!“ versetzte sarkastisch der Hofbauer – zum nicht geringen Gelächter der übrigen. Denn keinem war es unbekannt, wie der Schulmeister eines Abends, aus dem Hammerwirtshaus heimkehrend, von einem Gespenst übel gefoppt und geängstigt worden war. Zu einer Stelle im Wald gekommen, wo, wie der Hofbauer sich ausdrückte, wenn er die Geschichte zum besten gab, häufig schon Roß und Esel, besonders wenn sie stark geladen hatten, scheu geworden, wurde es dem einsamen Wanderer, welcher des Guten im Wirtshaus etwas zu viel getan, plötzlich schwül und ungeheuerlich zumut. Die finstern Tannen rauschten und schüttelten sich, wie von Geisterhänden hin und her gezerrt, und große Tropfen fielen ins dürre Moos.

Der Schulmeister – sonst kein Hasenfuß und gegen Wind und Wetter abgehärtet – nahm sein großes Regendach unter den Arm und fing an zu laufen, rennst nit, so gilt es nit, dem sichern heimischen Herde zu. Da fing es auf einmal an, dicht neben ihm zu tappen und zu klatschen – und je behender er auszog, desto vernehmlicher folgte ihm der Spuk – und war nicht eher still, als bis der Ausreißer der Länge nach im nassen Straßengraben lag.

„Und wer meint Ihr“, fragte der Laubhauser, der diese Geschichte dem Schulmeister zum Schabernack auch diesmal ausführlich vorbrachte; „wer meint Ihr, wer das G’spenst g’wesen ist?“
„Niemand anders als die Laschen auf meinen Schuhen!“ fiel der Gefoppte lachend ein; „meine Schuhlaschen, die beim Rennen auf und ab klappten. – Ihr wüßtet ja die Geschichte alle nit, wenn ich nit so dumm gewesen wär, sie selber auszuplaudern.“
„Allerdings spielt selbst bei Studierten und Couragierten die Einbildung manchmal die Hauptroll!“ bestätigte Mathias mit absichtsloser Zweideutigkeit. „Und wenn man recht auf den Grund schaut, so steckt g’meiniglich nit viel dahinter. – Herentgegen komme wieder Sache vor, über die keiner so leicht naus kommt. Bin grad auch nit stark mit G’spensterfurcht behaftet, aber e‘ G’schichtle wüßt ich zu verzähle, für das ich gutstehn kann.“
„Raus damit!“ hieß es von allen Seiten. „Macht’s gnädig, Vetter, lügt, daß man’s auch glaube kann“, bemerkte schmunzelnd Schulmeister Bachweber.

„Die G’schicht ist wahr, sie dürft gedruckt im Kalender stehn“, versicherte der Mathias. „Ich will’s aber kurz mache, auf daß Ihr ungläubiger Thomas da“, sagte er zum Schulmeister, „kein‘ Anstoß daran nehmt.* – Trotz dieser Klausel erzählte er aber die Begebenheit oder vielmehr die Sage vom „Schnaufer“ in der alten Entenburg an der Donau bei Pfohren so umständlich wie möglich. Hatte er doch selbst eine Zeitlang in der Mühle zu Pfohren gedient und war er doch selbst zugegen gewesen in selbiger Kunkelstube, wo die jungen Burschen mit dem beherzten Mareile gewettet hatten, es getraue sich nicht, bei Nacht und Nebel hinauszugehen an die Entenburg und dort zum Wahrzeichen seine Spindel ins Schlüsselloch des alten, zur Zeit als Zehentscheuer benützten Gebäudes zu stecken. Die junge Magd sei auf die Wette eingegangen, aber nicht mehr zurückgekommen. Und als die Burschen nachgegangen, hätten sie die Ärmste besinnungslos vor dem Schloßtor liegend gefunden. „Was ihm passiert ist, dem Mareile“, schloß der Mathias seinen Bericht, »weiß heut noch kein Mensch. Nur ’s Nazis Ottile, en alt’s Weible, das draus im letzten Haus an der Dona g‘ wohnt hat, die hat g’seh und g’hört habe wolle, wie oben am Giebel en Laden aufgange sei, und einer rausg’rufe hab: in drei Tag und drei Nächt! – In drei Tagen ist richtig ’s Mareile verschiede. – Oft noch habe die Zehentdrescher – und ich selber verschiedene Mal – den Schnufer im Schloß g’hört; – es soll g wiß – so hab ich wenigstens von einem Studente g’hört – der Kaiser Caroli, ich glaub, den Dicke hat man ihn geheiße, dort in der Näh im Morast verstickt sein.“ „Nachteulen oder Windzug!“ brummte der Stoffel, verdrießlich auf seinerOfenbank sich umkehrend.

Die Sage vom „Schnufer“ und Mareile in der Pfohrener Entenburg hingegen ist in der ersten Auflage besser erklärt.
So verspricht der Oberbure Kasper der Mareile einen neuen Gürtel mit Bändel, wenn sie sich traut nachts an der Entenburg ihre Spindel ins Schlüsselloch zu stecken. Als sie nicht zurück kommt suchen die jungen Leute Mareile und finden sie ohnmächtig im Gras liegen. Mareile kann ihnen nicht mehr erzählen, was los war und stirbt drei Tage später. Die alte Frau im letzten Haus, sagt gehört zu haben: „drei Tag und drei Nächt, da schwätze mer mit enander“.

„Ganz gewiß Eulen oder Zugwind!“ wiederholte Freund Bachweber.
„Oder Schuhlaschen“, warf der Laubhauser lachend hin.
„Will’s nit bestreite“, versetzte der Mathias., „Aber was sagt Ihr zu dem, Vetter?“ wendete er sich zum Schulmeister. „Bin emal bei’m alte Kuhhirt g’standen im Ried zwischen Pfohren und Neudingen; da sagt der Mann zu mir: „Siehst drobe den schwarze Ritter am Fürstenberg? Jedesmal, wenn der sich zeigt, gibt’s Hagel oder Ungewitter.‘ – Und richtig ist’s auch eingetroffen.“
„’s Unwetter ist eingetroffen“, entgegnete Bachweber, „aber der Ritter? Den hat wahrscheinlich nur der Kuhhirt g’sehn.“
„En Reiter hab ich g’seh“, bekräftigte der Mathias, „ob aber grad en schwarze, möcht ich nit beschwöre. – Dagegen kann ich sage, daß ich bald nachher in finsterer Nacht das Licht an der Rittersteig am Warteberg verblickt hab, von welchem Licht alte Leut so viel verzähle. – Und hab den Geist selber auch noch persönlich kenneg‘ lernt.“
„’s wird einer z‘ Licht gange sein, drobe beim Bur“, meinte Bachweber.
„Nein, aber der Bur ist’s selber g‘ wese, dem e Kalbin scheu worden und durchgangen ist, die er und der Knecht mit Laternen am Berg rum g’sucht habe; so ist mir am andern Tag g’sagt worden in den drei Lärchen im Bier-haus, wo ich einkehrt bin und e Schöpple trunke hab.“ „So geht’s halt meist mit ganz natürlichen Dingen zu“, meinte der Schulmeister.

Der „schwarze Ritter am Fürstenberg“ der sich vor Unwetter zeigt, wird nur in der zweiten Auflage besprochen.

„Freilich“, versetzte Mathias.
„Aber es gibt herentgegen auch wieder Leut, die solche natürliche Auslegungen nit wolle gelte lasse.
„Versteht sich, gibt’s solche Leut“, sagte der Bachweber, „und mit solchen ist nit gut streiten. Da hätt’s einer mal probieren solle, meiner Großmutter selig auszureden, es geb an der Breg keine Schlange mit goldne Krönle auf dem Kopf. Wie oft hat sie uns Kindern verzählt, wie einmal an ‚me heiße Sommertag so eine Schlangenkönigin im Bach gebadet, ihr goldnes Krönle aber vorher am Bord unter dem Gebüsch abg’legt hab. Ein Mann hab sie ausgepaßt, sei hingeschlichen und hab ihr die Kron wegstibizt und sei damit fortg’sprungen. Die Schlang aber wie en Pfeil aus dem Wasser raus, ihm nach. Der Mann aber hab glücklicherweis sein Häusle noch erreichen und die Tür hinter sich zuschlagen können, an welcher die Schlang dann ’s Hirn ein-g’rennt hab. –

Auch die Geschichte der „Schlange mit der goldenen Krone“ die es in der Breg gibt, wird nur in der zweiten Auflage besprochen.

Hier weiß die Großmutter zu berichten, dass die Schlangenkönigin mit der goldenen Krone im Bach gebadet habe und dafür ihre Krone im Gebüsch bei der Breg versteckt habe. Ein Mann hätte ihr da die Krone wegstibitzt und sei damit fort gesprungen. Die Schlange aber, wie ein Pfeil aus dem Wasser heraus ihm nach. Der Mann ist in sein Haus gerannt und hat die Türe hinter sich zugeschlagen. Wie die Geschichte weiter geht, wird leider im Buch Hieronymus nicht berichtet.

Hieronymus 2.0 weiß aber mehr:

Das sind so G’schichtle, wie man sie den Kindern verzählt!“ „Auf solche Märle“, nahm der Fohrlenbacher das Wort, „ist allerdings nit viel zu gebe. Aber es gibt auch wieder Sache, die keiner so leicht wegdisputiere kann. Denn was man mit eigenen Ohren und Auge hört und sieht, das muß man doch glaube. So sagt man vom Tälingerhof, daß dort jedesmal, bevor daß en Krieg ausbricht, ’s Wildheer mit Fuhrwerken und Strohschneiden auf der Bühne sich höre laß. Und wirklich hat’s mein Bruder, der beim Pächter als Knecht gedient hat, selber g hört – und richtig ist auch bald drauf der Siebenjährige Krieg ausgebroche.“
„Ganz richtig, er ist ausgebrochen“, versetzte Bachweber, „und ich selber hab ihn bekanntlich noch mitgemacht, ’s letzte Jahr vorm Friedensschluß – als Kompanieschneider. – Aber was es mit dem wilde Heer für Bewandtnis hab, will ich dahing’stellt sein lasse. – Schauet, Fohrlebacher, so hab ich als Hirtebub oft auch g’meint, ich seh droben auf m einsame Kolmen und in der Näh vom großen Hof ‚ Kolmeweible in seiner grüne Jüppe und dem gelbe Strohhut; und manch Hirtenkind hat das Weible schon wolle g’seh habe, wie es die lange Haar strählt am Brunne, vor dem das Vieh, wenn’s noch so durstig ist, g’wiß scheue soll. – Und wie manchmal hab ich als Bub mir vormacht, ich seh den Landenberger droben im Wald, wie er den Kopf unterm Arm, verkehrt auf seinem Schimmel durch die Hürste reite, und ist doch nix als lauter Trug und Nebeldunst gewesen.“
„Der Landeberger, Bachweber, soll aber wirklich früher g’lebt haben als Landvogt*, entgegnete der Fohrlenbacher, „und weil er den Leuten ungrechterweis die Waldungen abprozessiert und ihne fast das Blut unter den Nägeln vorgedruckt hab, so müss‘ er jetzt, heißt es, b’ständig noch geistweis gehe.

Dass „s` Wildheer mit Fuhrwerken und Strohschneiden auf der Bühne sich hören läßt“ bevor ein Krieg ausbricht, gibt es nur in der von Lucian Reich überarbeiteten Version. Wobei, ich persönlich mit der Beschreibung nichts anfangen kann. Auch die Geschichte vom Kolmeweible in seiner grüne Jüppe und dem gelbe Strohhut, bleibt wohl ein Rätsel.

„Wenn’s wahr wär“, meinte Bachweber, „so müßt ihn der Klaus da g’wiß auch schon getroffe habe; denn kein Stund im Tag und keine in der Nacht vergeht, wo der Klaus nit draußen ist beim Kohlhaufe. Nit wahr, Klaus?“ „Hab ihn noch nie verblickt – bin überhaupt kein Geisterseher und kein Sunntigskind“, versicherte der ehrliche Kohlenbrenner.
„Ich bin’s auch nit“, warf der Fohrlenbacher hin.
„Aber doch glaub ich das, was man vom Schützeklaus verzählt droben in Waldau und St. Peter.“

„Ei ja, daß der Schützenklaus ein herrschaftlicher Forstknecht gewesen ist, glaub ich auch“, sagte Bachweber; „und die Talleut in selbiger Gegend haben’s genugsam erfahre, wie er sie durch sein gewalttätiges Wesen gereizt und fast zur Rebellion gegen die vorderösterreichische Regierung getrieben hat. Aber daß er jetzt noch die Holzmacher, und wer sonst im Wald zu tun hat, schikanier und als wilder Jäger rumgeistern soll, das möcht ich bezweifle.«

„Nu – man sagt nur davon!“ erwiderte der Fohrlenbacher. „So bin ich kürzlich mit dem Ratschreiber von Furtwange zusammeg wesen und sind wir auch auf derlei Sache zu rede kumme und hat er mir versichert, daß neulich wieder der Rampegeist auf der Steig dort g‘ sehe worde sei. Und zwar sei es e bekannte Bäurin aus m Ort selber g wese, die mit ihre zwei Kinderle drauß g’wesen und den weiße Mann ohne Kopf auf sein’m zweirädrige Karre, den niemand gezoge hab, daherkutschiere g’sehe hab. Beim Kreuz unterm Baum sei aber das wunderbarlich Fuhrwerk verschwunde.“ „’s ist sonderbar“, bemerkte der Stoffel, „daß die Geister so gern ohne Kopf rumgehn oder ihn – wie galante Herren den Hut – unterm Arm tragen – oder gar auf’m Präsentierteller!“

»Ja, spottet nur, Stoffel!“ sagte Vroni, die alte Magd, die, emsig ihre Spindel drehend, bisher schweigend dem Gespräch zugehört hatte. „Kann Euch wohl auch mal geh‘ wie selbige junge Bursche, die mit ihre Liebsten aus dem Wirtshaus von der Oscheck heimgange sind; es ist auch so einer dabei g’wese, der sein G’spött getrieben und im Übermut g’rufe hat: „Rampegeist kumm, wenn du Courage hast! Kumm, ich fürcht di nit!‘ Auf das kummt e schreckliches Brausen und Sausen und nimmt den Kerle von den andern weg, und treibt und schleift ihn beim alte Rampehof durch die Mistgrub und von da weiter, die Halden ab, wo ihn die Kamerade g‘ funden und mit knapper Not wieder zum Lebe bracht habe.“

„’s ist alles möglich“, nahm die alte Barbara das Wort, die kurz vorher eingetreten, weil sie bis dahin bei einer Wöchnerin im Tal beschäftigt gewesen und jetzt gekommen war, um ihren Bruder, den Köhler-Klaus, heim-zubegleiten. „Hat man ja“, fuhr sie fort, „auch den Geißemäckeler wieder höre wolle, drübe bei St. Märgen und Neukirch.“

„Der Geißemäckeler„, erklärte der Schulmeister, „ist kein anderer als der Schützenklaus. Es soll dazumal – wie mir der Vogt in Simonswald gesagt hat eine so strenge Waldordnung eingeführt worden sein, daß den Leuten nicht nur das Laufenlassen der Geißen, sondern sogar das Halten derselben verboten gewesen sei. Der Forstknecht sei deshalb oft nachts an den Berghütten rumg schlichen und hab gemäckelt wie e‘ Geiß; und hab ihm eine drinnen Antwort geben, so sei der Eigentümer in Straf kommen. Deswegen hab auch en arme Frau den Geißestall mitten in ihr Häusle g‘ macht, auf daß der Jäger die Tierle nit mehr hören soll. – Kein Wunder, daß er von den arme Leut verflucht worden ist und noch heutigentages, wie manche meinen, als böser Geist umgehen und vor den Ställen meckern oder in Wald und Feld sein Wesen treiben muß.“
„Dummheiten!“ murrte der Stoffel auf seinem Laubsack. „Altweiberfabel! Wär wohl der Müh wert wege so e paar magere Geiße!“
„’s ist wahr!“ meinte der Köhler-Klaus. „Aber gemeiniglich ist doch was an solche G’schichte. So soll zum Beispiel der Bodewälder, von dem es heißt, daß er sein Wese treib auf dem lange Bergrucke gege‘ Rohrbach hin, vor hundert Jahre wirklich g lebt habe. En französischer General, heißt es, hab er umbracht und ihm ’s Geld abgenomme. Der Franzos aber soll vor sei m Tod den Mörder noch benamst und verflucht habe. Drum will man sage, der Geist geh beständig noch um und führ die Leut, wenn sie durch den Wald kumme, vom rechte Weg ab. – Und ich selber hab en Krattemacher vom Rohrbach kennt, der mich versichert hat, der Bodewälder sei schon e paarmal an ihn kumme, wenn er heimgange sei durch den Wald. Auch sein Vater, hat er behauptet, hab ihn früher manchmal g’sehen im Holz in allerlei G’stalt, einmal als en schwarzer Pudel, das andermal als Feuerflammen oder gar als Has mit rote Strümpf. – Welches Menschenkind aber den Bodewälder von seiner Ruchlosigkeit bekehrt und ihn verlöst, der soll – so sagt man – den Kessel voll Gold bekomme, den er nach selbiger Mordtat im Wald verscharrt hab.«

„Wenn alle Leutplager und Übeltäter nach ihrem Tod geistweis gehn müßte“, bemerkte der Bachweber, „so gäb es bald mehr G’spenster als Menschen auf der Welt!“

„Ja, es gibt aber auch solche“, warf der Oberknecht Melcher aus dem Hintergrund der Stube ein, „die vorher keine Mensche g’wese sind. So wie zum Beispiel der Hollohoh, das grausige G’spenst draußen am Schelleberger-wald, das schon so manchem den Hals umdreht hat. – Hat man nit erst kürzlich den alte Frieder tot am Abhang dort g’funde, mit verstrubbeltem Hoor und kölschblau im G’sicht?“

„Das hat man!“ bekräftigte Bachweber. „ Was aber dabei im Spiel g’wesen ist, en Schluck über den Durst – oder “ „Schuhlaschen!“ fuhr der Laubhauser zum Gelächter der übrigen dazwi-schen, „das hat niemand erfahre.“ „Der Melcher hat nit unrecht“, sagte Mathias, nachdem wieder Stille ein-getreten, „wenigstens was den Glauben der Leut anbetrifft – untersuche will ich’s nit. – Aber wie oft hat uns die Großmutter selig von der Nachtfrau verzählt, die auf de Dächern sitzen und den Kindern so aufsässig sein soll. – Und der schwarz Hund, der mit feurigen Auge -„

„Oh, so verzählt doch keine so schreckhafte Sache!“ unterbrach und bat die Laubhauserbäuerin, ihr Kind, das unruhig aus dem Schlaf erwacht war, aus der Wiege nehmend und beschwichtigend an die Brust drückend; „’s ist mir ohnehin, als sei was Ungrads. – Wie der Sturm drauß tut, wenn’s nur heut nacht kein Unglück gibt!“

„Hört ihr nit, wie die armen Seelen in de Lüfte heule?“ sagte die Fahlenbacherin, aus dem Hinterofen schleichend, wo sie der halbtauben Großmutter Gesellschaft geleistet hatte und jetzt zum Fortgehen sich anschickte. Sie meinte damit jenen alten Volksglauben, nach welchem das Heulen des Sturmes von abgeschiedenen, im Winde hin und her gepeitschten Seelen herrühren solle.

Die Geschichten vom Schützeklaus in Waldau und St. Peter, dem Rampegeist in Furtwangen, der Geißemäckeler bei St. Märgen und Neukirch, dem Bodewälder bei Rohrbach und allen voran der Hollohoh, einem recht wilden Gespenst am Schellebergerwald, all diese Geschichten müssen wohl noch aufgeschrieben werden.

Heute beschützen einige Engel den Wald auf dem Schellenberg und der Hollohoh wurde schon lange nicht mehr gesehen.

Das entfesselte Element tobte aber auch in der Tat außergewöhnlich; es sauste und rüttelte an den alten Holzwänden, daß es im ganzen Hause ächzte und knisterte, als regten sich überall in Balken und Brettern heimliche Lebensgeister.

Das Gespräch stockte eine Weile, und alle horchten auf das Unwetter. – Da unterbrach plötzlich ein starkes Klopfen von außen die Stille. Der Hofhund, der anfangs wütend gebellt, wurde ganz ruhig – und alle sahen einander betroffen an. Der Hausherr erhob sich, um nachzusehen; seine Frau aber ermahnte ihn, doch ja nicht allein hinauszugehen. „Die Nacht ist keines Menschen Freund“ sagte sie, und der Fohrlenbacher schickte sich an, ihn zu begleiten.

„Wer ist da?“ fragte der Bauer, die Haustür öffnend; und von außen antwortete eine bekannte Stimme:
„Der Graf von Nirgendheim und Bettelrain, Vom großen Orden, Der Tag und Nacht marschiert, Hunger leidet und halb verfriert!“
Teufel flieh, wie habt Ihr uns verschreckt!“ entgegnete der Hofbauer, den späten Gast in die Stube geleitend. – Es war der Lange Hans, der bekannte Landfahrer, der, seiner Bande vorangehend, so spät noch Herberge suchte auf dem Hof. Es war dies keine Seltenheit; denn oft kamen sie mitten in der Nacht auf die Einödhöfe und nahmen ungefragt Besitz von Küche, Stube und Heustall. Von den Bauern aber wurden sie geduldet, teils aus Furcht vor böswilliger Rachsucht, teils aus Gewohnheit und Neugierde; denn als vielwissende Neuigkeitskrämer und Berichterstatter, die es übrigens mit der Wahrheit nicht immer so genau zu nehmen pflegten, wurden diese Heimatlosen von den Bauern mit demselben Interesse begrüßt, wie wir heute etwa dem Erscheinen unserer Zeitungen und Wochenblätter entgegensehen.

Der Lange Hans hatte sich in der Stube, wo er als gewohnter Gast empfangen worden, sogleich beim Stoffel auf der Ofenbank niedergelassen. – Nicht lange ließ seine nachfolgende Sippschaft auf sich warten. Bald hörte man sie im Hausgang rumoren und bald auch in der Küche ihr geschäftiges Wesen treiben. Es waren gekommen: Trautel, die rechtmäßige, im Ausland kopulierte Gattin des Langen (der Trauschein war ihnen leider abhanden gekommen), der langhaarige Schwarz Sepple, ihr vielversprechender Sohn, Schön Rösel, ihr talentvolles Töchterlein, der alte Stumpfarm, die Lohr-männin, die Kartenschlägerin und alte Hexe, von welcher manche behaupteten, sie sei auch schon gesehen worden bei den nächtlichen Tänzen in des Junkers von Ramschwag Schloß – nebst verschiedenen andern und mehreren großen und kleinen Sprößlingen.

Bei dieser, in den verschiedensten Graden miteinander verwandten und verschwägerten Kompanie, genoß, wie bereits angedeutet, der Lange Hans, als Altester, großes Vorrecht und Ansehen; auch war er weit und breit beliebt als fertiger Tanzgeiger, Schnackenmacher und Berichterstatter. – Während nun die Weiber drauß in der Küche ihre Körbe, Krezen, Mehlsäcke und Schmalzhäfen auspackten und ihre wohlerzogene, aber etwas gefräßige Jugend mit Maulschellen und sonstigen Liebkosungen zur Ruhe verwiesen, erzählte der Hans seinen Freunden in der Stube eine nicht ganz unwichtige Neuigkeit. Als sie bei ihrem Zug über das „Höchst* hergekommen, berichtete er in seiner schwäbisch-heubergischen Mundart, hätten sie eine starke Röte am Himmel bemerkt, die ohne Zweifel von einer Feuersbrunst herrühren müsse. „Gott soll mi leabe lau“, schloss er seine Erzählung, „d Welt wurd äll Tag schleachter und verdorbener, die arme Leut (hier meinte er sich und seine Zunft) werdet verfolgt und unterdruckt; drum schickt unser Herrgott Warnungen und Strofe.“

Die Anwesenden wurden durch diesen Bericht in nicht geringe Angst und Besorgnis versetzt. Der Richtung nach, die der Vagabund angegeben, konnte es ganz wohl die Gemeinde sein, wo der Kaiserzoller wohnte; und Hausbrände wurden damals, bei dem gänzlichen Mangel an Feuerversicherungsanstalten, allgemein für ein großes Unglück angesehen, indem der davon Betroffene, wenn ihm nicht gute Freunde und Nachbarn helfend und beisteuernd unter die Arme griffen, gewöhnlich um Haus und Hof kam. – Der Laubhauserbauer beschloß deshalb, morgen mit dem frühesten hinüberzureiten zum Schwager, um sich vom Grund oder Ungrund seiner Besorgnis an Ort und Stelle überzeugen zu können.

Die Hagarten waren längst schon ihren Hütten zu, und die Hausangehörigen zu Bette gegangen. Aber in der Küche, wohin sich nun auch der Hans begeben, herrschte noch lange – bis gegen Mitternacht – Geschäftigkeit und Unruhe. Ein großes Feuer war auf dem Herde angefacht worden, und wenn dasselbe nicht lustig genug brennen wollte, warf Trautel, die erprobte Köchin, ganze Klumpen Schmalz auf die Holzstücke, so daß die Flamme zischend und prasselnd in die Höhe fuhr, die unheimlichen Gestalten grell beleuchtend. – Und wer das üppig bereitete Mahl, welches die braunhäutigen Kinder der Nacht von ihrem zusammengebettelten Vorrat hier geschmort und gekocht, gesehen und davon verkostet hätte, dem würde solches eine sonderbare Illustration abgegeben haben zu der Verfolgung und Unterdrückung, von welcher der Lange kurz vorher gesprochen.

Früh morgens, als die Vagabunden gegen ihre Gewohnheit ohne längeren Aufenthalt weitergezogen, kam, ehe der Hofbauer noch sein Roß gesattelt hatte, ein Bote vom Kaiserzoller angeritten mit der Nachricht, daß es gestern abend bei ihnen gebrannt habe: das Feuer sei im Nachbarshaus angegangen und habe bei dem starken Wind den Schopf und Anbau des Kaiserzollers ergriffen, dessen Wohngebäude aber glücklicherweise verschont. – „Gottlob“, sagte die Hofbäuerin, „so ist doch allemal noch ein Glück bei allem Unglück. Ich hab’s aber geahnt!“ Ihr Mann ließ sich alsogleich den bereits aufgezäumten Gaul vorführen und ritt mit dem Boten hinüber zu den Verwandten, die er zwar noch bestürzt und verwirrt, aber doch soweit getröstet fand, daß die Flamme wenigstens das Wohngebäude verschont habe.

Am Ende des Kapitels treffen wir zum ersten Mal auf die Jenischen. Lucian Reich nennt sie Landfahrer und bezeichnet nur ihre Sprache als Jenisch. Weiter im Buch wird er ihnen noch ein ganzes Kapitel widmen. Die Verfolgung der Landfahrer beschäftigte ihn sehr und er beschreibt ihr Leben in der Region (Schweiz/Baar/Schwarzwald/Elsass), wohl ahnend, dass dem bald ein Ende ist.

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Bachweber liest vor

“Es isch en Engel usem Paradies u Mutterliebi heißt si schöne Amme.”
>Johann Peter Hebel

Hier geht’s zur Übersicht:

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Die heilige Taufe – Einkehr und Taufschmaus

Hieronymus Kapitel 1

Die Szene spielt in den 1770er Jahren und wurde etwa 70 Jahre später von Lucian Reich geschrieben.

“geb dir Gott e glücklich Jahr und freudige Sinne!”
>Johann Peter Hebel

Die heilige Taufe – Einkehr und Taufschmaus

An einem jener lieblichen Tage, wo nach langem Winter der junge Frühling wieder neue Liebe, neue Lebensfreude über die Erde ergießt, wurde im einsamen Schwarzwäldertal ein Kind zur Taufe getragen. Es war noch vor dem französischen Revolutionskriege, einer Zeit, wo tiefe Ruhe und ungestörter Friede im deutschen Reiche herrschten.

Aus einem großen, einzeln stehenden Wälderhause traten die Gevattersleute mit ihrem Patenkinde. Es war der Laubhauser Hof, dessen Besitzer durch die Geburt eines Töchterleins beglückt worden war.

Die Gevattersleute aber waren der Felsenwirt, damals Stabhalter der kleinen aber weitläufigen Talgemeinde, und die Kaiserzollerin, eine Schwester der Wöchnerin. Beide, versteht sich von selbst, glänzten in ihrem ehrbarsten festtäglichen Staate; er mit dem breiten Hut und der hinten überhängenden Hutbinde, dem blauen, weiß abgenähten Tuchrock, worunter das rote „Wollhemd“ an der Brust über dem scharlachroten Leible und dem grünen Hosenträger wie vorne an den Handgelenken noch ein wenig hervorschaute und mit dem Überrock die gelbledernen Beinkleider um eine gutes Teil bedeckte; sie in der gefältelten „Jüppe“ mit roter und grüner „B’lege“ und den enganliegenden schwarztuchenen „Ärmeln“, welche knapp genug waren, um noch einen Teil des reich eingebändelten „Latzes“ sehen zu lassen, während das rote, den Hals umschließende „Goller“ von dem flatternden Mailänder Halstuch halb und halb bedeckt war. Das junge, noch hübsche Weib hatte den gelben Strohhut auf, während die alte Barbara, die nachfolgende Hebamme, noch die altertümliche Pelzkappe trug.

Dame mit Strohhut im Kelnhofmuseum in Bräunlingen.

Als sie gegen das Kirchlein hinkamen, krachten drei Schüsse bald nacheinander aus dem Dachfenster der nahen Mühle, daß es lange in den Bergen widerhallte. Es war der alte Stoffel, welcher sich unter dem Dache der Mühle postiert und seine stark geladene Radschloßbüchse dreimal in die Luft abgefeuert hatte – zu Ehren des Kindes und der Gevattersleute.

Aber auch hinter dem Hag am engen Wege, welcher die Anhöhe hinauf zum Kirchlein führte, harrten schon seit einer Viertelstunde zwei kleine Buben mit Ungeduld auf den Taufzug. Der eine war Dionys, der Sohn des Gevatters Stabhalter, der andere, etwas jüngere, Hieronymus, der Sohn eines Dienstmannes vom Laubhauser Hofgut.

Als der stattliche Gevatter mit seiner Gevatterin herangekommen, sprangen die beiden Wegelagerer rasch hervor und spannten nach altem Brauch ein Band quer über den Weg, dem Taufzug den Paß verlegend. Der Stabhalter lächelte und zog den Geldbeutel, um sich mit einem Stücklein Münze loszukaufen; denn wo Geld vorangeht, stehen alle Wege offen, sagt das Sprichwort. Die beiden Junker vom Stegreif ließen den Paß nur fast und entfernten sich jubelnd über den erhaltenen Lösepfennig. Oben aber, bei dem Kirchlein, warten einzelne Kinder und Erwachsene begierig auf das kleine Taufgeleite, um einer kirchlichen Handlung beizuwohnen, welche für sie immer eine Sehenswürdigkeit bildete.

Die Frühlingssonne beschien mit ihren frischen wärmenden Strahlen den sommerig gelegenen Hügel, auf welchem das Kirchlein mit seinem kleinen Gottesacker still und friedlich ruhte, und in den hohen Linden, die es umgaben, zwitscherten die Vögel lustig in den freundlichen Tag hinein.

Das Kind erhielt in der heiligen Taufe den Namen Florentina, wie die Mutter hieß; denn so wünschten es Eltern und Verwandte, weil man nach altem Glauben dafürhielt, daß Kindern, welche den Namen der Mutter trügen, ein langes Leben beschieden sei.

Nach der Taufhandlung, welche der alte Pfarrer mit gebührender Würde verrichtet hatte, knieten die Gevattersleute an den Stufen des Altares nieder und erflehten von oben Segen und Gnade für den Täufling, der wie ein zartes Pflänzlein des himmlischen Taues bedürfe und der erwärmenden Kraft der Himmelssonne, um zu wachsen und zu gedeihen. Dabei hatte die „Gote“ dem „Göte“ das Kindlein auf die Arme gegeben und es ihm so lange gelassen, bis er sich, ermüdet von der kleinen, lieblichen Bürde, durch das Versprechen des „Gotegeschenkes“ wieder von ihr losgekauft.

Im Wirtshause „Zum Felsen“ aber war in der großen, hellen Stube der runde Tisch sauber und zierlich gedeckt, als nach vollendeter „Taufet“ die Gevattersleute eintraten und hierauf auch der Pfarrer folgte. Denn bevor das kleine neue Christkindlein wieder in die Arme seiner Mutter gelegt werden sollte, mußte es sich nach dem Gebrauche des Tales eine Einkehr in der Schenke gefallen lassen, wo schon seit einigen Stunden alles, was Küche und Keller vermochten, auf die Ankunft der Gevattersleute hergerichtet worden war.

Nachdem die Gäste ihr Gebet gesprochen, begann der Schmaus; ein feuriger Roter, welchen der Stabhalter zuletzt noch in der dickbäuchigen grünlichen Budelle als „Sorgenbrecher“ aufstellen ließ, erwärmte die Herzen und brachte die Unterhaltung in Gang. Der Stabhalter, in behaglicher Laune, sprach seinen Gästen eifrig zu und ließ die Gläser hell erklingen auf das Wohl der kleinen Patin und aller Anwesenden. Seine Frau, die als sorgsame Martha bisher ab und zu gegangen, mußte sich endlich auch zur Gesellschaft setzen, aber erst nachdem sie den ungeduldig harrenden Kindern in der Nebenkammer das Katzentischlein gedeckt hatte; denn auch den Kleinen sollte die Bedeutung des Tages durch gute Bissen und einen Schluck aus dem Glase fühlbar gemacht werden.

„Bei solchen Anlässen“, sagte der Pfarrer, indem er lächelnd eine Prise aus der glatten Buchsbaumdose nahm, „da merkt man erst recht, daß man alt wird, und vor allem wir Geistlichen, die wir gleichsam als die Torwächter am Ein- und Ausgang dieser Zeitlichkeit stehen. Kaum, dünkt es uns, haben wir das Kind getauft, so steht es schon wieder als Bräutigam oder Braut vor dem Altar, und ebenso bald sind wieder Kinder herangewachsen, die wir abermals in einen wichtigen Zeitabschnitt einzuführen berufen sind. – Ich mein, es sei erst gestern gewesen, wie Ihr, Frau Stabhalterin, als kleines Büschelkind beim Taufschmaus dort im Herrgottswinkel gelegen, wo jetzt die kleine Florentine liegt; so schnell sind die achtundzwanzig Jährlein verflossen, seit ich auf dem Wald hier aufgezogen bin.“

„Auch der Tag“, fuhr der gesprächige Herr zur Kaiserzollerin gewendet fort, „steht mir noch lebhaft im Gedächtnis, wo Ihr, Frau Zollerin, getauft worden seid. Es waren Kriegszeiten, und man mußte Euch sozusagen verstohlenerweis in die Kirche tragen, vonwegen der Franzosen, vor denen sich alles mit Hab und Gut in die Wälder geflüchtet hatte – es ist dazumal gewesen, als der Franzos gegen die Kaiserin Maria Theresia marschiert ist.

Dasselbige Jahr, Anno vierundvierzig, gleich anfangs im Jänner, war auch der große Komet am Himmel mit seinem langen blutigen Schweif. Und bald darauf gab’s ein schreckliches Regenwetter und große Überschwemmungen, besonders im Breisgau unten. Und weil nie eins allein kommt, so zog sich auch der Krieg in unser Land herein.“

„Von diesen Zeiten wißt ihr freilich alle nichts mehr, der Stabhalter da ausgenommen. Ich aber erinnere mich noch so gut, als wär’s gestern gewesen, wie der französische General, der Bellisle, bei uns eingeritten ist. Ich stand mit dem Mesner und mehreren Leuten vor dem Pfarrhof und machte meine Reverenz; er aber auf seinem Apfelschimmel, die linke Hand am Degengriff, salutierte mit der rechten gar höflich. Denn das“, meinte der Pfarrer lächelnd ,,das muß man ihnen nachsagen, den Franzosen, höflich sind sie alle, wenn sie im Sack haben, was sie begehren. Und so hatte auch der Bellisle gut höflich sein, nachdem ihm Villingen, die feste Stadt, die langbewahrte Jungfrauschaft so leichten Kaufs hatte hingeben müssen. Denn was wollten die guten Villinger machen? Sie waren vom österreichischen Militär verlassen und konnten sich auf eigene Faust gegen einen so überlegenen Feind nicht mehr halten, wie es im Dreißigjährigen Krieg und Anno tausendsiebenhundertundvier so rühmlicherweis geschehen ist.“

„Ja, und nit nur Villingen, auch unser Geld, die grausamen Brandschatzungen und Kontributionen und viel anderes noch hat der Franzos im Sack gehabt“, warf der Stabhalter ärgerlich hin. „Ich bin selbigesmal ein Büble gewesen, wie mein Donyse da, wie einmal in der Nacht die Vögt und Bürger aus dem Vorderösterreichischen zu uns ins Fürstenbergische rüber kommen sind mit ihren vornehmsten Schriften und Freibriefen. Es gedenkt mir, als wär’s erst heute gewesen, wie ich meinem Vater die Latern hab halten müssen, als die Mannen bei Nacht und Nebel die Sachen drüben im Bruderkirchle hinter dem Muttergottesbild eingemauert haben, damit sie die Franzosen nit erwischen sollten. – Aber“ ; setzte er lachend bei, „die guten Leutle sind dann bald g’nug zur Einsicht kommen, daß die Praktiken der Parlevous nicht auf Schriften und Freibrief, sondern allzeit nur auf den Geldbeutel gerichtet sind. – Und was die Höflichkeit betrifft, so weiß man’s auch, wie weit sie diese getrieben haben, vorab gegen unsere Weiber und Mädle. – Drum haben die Schwarzwälder- und Baaremerbauern auch jedesmal zu Wehr und Waffen ‚griffen, wenn’s zum Krieg mit ihnen kommen ist, um sich die ungebetenen Gäst vom Hals zu schaffen. So weiß ich noch von meinem Großvater selig, daß in früheren Kriegen schon der Landsturm gegen sie aufgebote worden ist. – Und wie es alsdann zug gangen ist, das kann man noch auf den paar alte Votivtafeln drüben im Bruderkirchle abgemalt sehen, wo Hirten, denen ihr Vieh weggetrieben wird, oder Männer, die ihre Weiber und Töchter verteidige wolle, von den Räubern und Mordbrennern tot schlagen oder mißhandelt werde. – Freilich, auch das muß man sagen“, schloß er, „hat uns der Krieg viel Übles bracht, so hat er auf der andern Seiten auch wieder das Gute g habt, daß er uns einsame Waldbewohner mit der Welt mehr vertraut und bekanntg‘ macht hat. Vor dem Schwedenkrieg zum Beispiel, von dem noch in den Chroniken zu lesen ist, ist außer dem spärlichen Ackerbau und dem Handel mit Großholz blutwenig bei uns hantiert worden, und wenn einer von den alten Wäldern jetzt wieder in die irdische Heimat käm, so würd er sich höchlichst verwundern über so manches Gewerb und Unternehmen, von dem man früherer Zeit nix g‘ wußt hat.

„Was Ihr da vom alleinigen Betrieb des spärlichen Ackerbaus und Holzhandels sagt, Stabhalter“, entgegnete der Herr Pfarrer, „scheint mir nicht so ganz richtig zu sein; ich glaub vielmehr, daß auf dem Wald in früheren Zeiten auch sonst noch mancherlei hantiert und gehandelt worden ist. Vor mehreren hundert Jahren schon ist der Wäldner hinabgewandert ins Breisgau und Rheintal – nicht, um zu betteln – nein, mit seiner „Kreze auf dem Rücken, um selbstgefertigte War, Körb und Zainen oder Schapfen, Löffel, Brenten, Kübel und Gelten, die er geschnitzelt oder gedrechselt, in Dörfern und Städten oder auf den Märkten zu verkaufen. So hab ich, als ich Vikar in Todtmoos gewesen bin, den dortigen Pfarrakten entnommen, daß schon zur Zeit des Kaisers Rudolf von Habsburg Holzdrechsler in der Gegend dort gewohnt haben. Und einem Drechsler allda soll die Kirche in Todtmoos auch ihr Entstehen verdanken.“

„Mag sein, Herr Pfarrer“, versetzte der Stabhalter; „aus alldem ist zu entnehmen, daß der Waldbewohner von jeher lieber durch Arbeit sich sein Brot verdient – als gebettelt hat, was bei seiner unergiebigen rauhen Heimat wahrhaftig kein Wunder gewesen wär.“ „Richtig ist“, sagte der Pfarrherr, „daß man dazumal von der Schwarzwälder Uhrenmacherei und auch vom Strohflechten hier noch soviel wie nichts gewußt hat.“ „Ei ja“, fiel ihm der Stabhalter ins Wort, „mir gedenkt’s ja noch, daß man hier im Tal nit viel von den Wälderuhren g’wußt hat; und der Dürrjokele aus Gütenbach, den ich noch ganz gut gekannt hab, ist der erst g‘ wese, der hier rum und später drunten im Breisgau damit hausiert hat. Von der neuen Sorte mit Perpendikeln hat man selbigmal noch gar nix g’wußt. Da hat man nur die hölzernen Waaguhre g habt, wie ich drinnen in der Kammer noch eine hänge hab. – Und wenn man bedenkt, wie seit der Zeit der Handel‘ naus ins Land zugenomme hat, so muß man sich nur verwundern, was alles in einem Menschenalter möglich ist.“

„Und wie hat es dazumal“, nahm die Kaiserzollerin das Wort, „noch mit Weg und Stegen ausg sehen! Mein Vater ist nie mit dem Fuhrwerk fort, ohne die Wagewinde mitz‘ nehmen; und selten ist er ohne e‘ verbrochnes Rad von Doneschingen oder Neustadt heimkumme. Und ist einer nach Villingen ins Kaufhaus g’fahren oder nach Freiburg oder Zürich, so wär’s fast gar nötig g’wesen, er hätt vorher Reu und Leid und ’s Testament g’macht.“ „Freilich“, versetzte der Stabhalter darauf, „ist seitdem alles im Preis merkwürdig gestiege. Von mein’m Großvater selig, der Teilhaber an der Bubacher Glashütte g’wesen ist, hab ich oft g’hört, daß sie mit der Gemeind Bräunlingen en Akkord g’habt habe, wonach ihnen das Klafter Tanneholz auf dem Stock um zwanzig Kreuzer abgelasse worden ist; und ist das noch viel g’wesen, wenn man bedenkt, daß hundert Jahr früher die Gemeind dem Bergverwalter in Eisenbach das Klafter um sieben Kreuzer, sage sieben Kreuzer, abgelasse hat! – Und der alt Felsetälerbur hat mir oft verzählt, daß zu seiner Zeit viel, viel Holz im Wald zu Asche gebrannt worden sei, ’s Viertel um drei Kreuzer.“

„So ändern sich die Zeiten“, sagte der Pfarrer; „mit der zunehmenden Bevölkerung und Industrie gehen eben die Holzpreise und viel anderes mit in die Höh. Vor hundert Jahren hat auf dem obern Bränd, wo jetzt ein Haus am andern steht, noch niemand gewohnt. Und auch das kleine Eisenbächle hat dazumal noch nichts als Wald und Himmel gesehen. Ja, man darf sagen, Industrie und Kommerz haben den Wald erst gelichtet und Häuser und Hütten talauf und -ab gebaut. – Unser Jahrhundert“, setzte er lächelnd bei, „ist eben die Zeit der Verbesserung und Neuerungen, wie keine andere noch gewesen ist.“ „Wahrhaftig, Herr Pfarrer“, versetzte der Stabhalter, „ich möcht hundert Jahr noch leben, nur um zu sehn, wo das alles noch naus will und was alles noch verbessert und erfunde wird; am End gar noch das Fliegen – dann aber adje mit Schlagbäum, Zollstöck, Weg- und Bruckengelder!“

Die Brüder Wright wurden erst 1867, bzw. 1871 geboren und sind somit dem Verfasser absolut unbekannt.
Allerdings bauten 1784 die Franzosen Launoa und Bienvenue einen flugfähigen Modellhubschrauber mit Doppelrotor und 1816 konstruierte der Österreicher Jakob Degen eine Luftschraube mit Uhrwerkantrieb.
Ganz sicher spielt Lucian Reich in dem Abschnitt auf diese ersten Hubschrauber an und deutet sein Bedauern an, dies alles nicht mehr erleben zu dürfen.

„Könnt manches noch erleben, lieber Stabhalter“, meinte der geistliche Herr. „Im Vergleich zu unsereinem seid Ihr noch jung, und rüstig dazu!“ „Bin auch kein heurigs Häslein mehr, Hochwürden“, entgegnete lachend der Stabhalter; „und wenn ich trotzdem immer noch e bißle jung ausseh, so hab ich’s lediglich meiner Alte da zu verdanke, die mich jeden Morgen so fein säuberlich strehlt und kammpelt und mir die grauen Härle sorgfältig ausrupft, auf daß sie sich nit zu schäme braucht neben ihrem alte Mann.“ „Aha!“ sagte die Stabhalterin zur Kaiserzollerin, „jetzt geht es über uns Weibsleut her.“ „Es ist nur schad“, entgegnete die Kaiserzollerin, „daß meiner nit auch dabei ist, denn wenn’s auf das Kapitel kommt, so weiß er g’wiß immer den beste Trumpf auszuspiele.
„Wird er uns die Ehr nit auch noch antun?“ fragte die Stabhalterin.
„Versproche hat er’s; doch wird’s jedenfalls spät werde“, meinte die Kaiserzollerin. „Denn wenn er droben ist beim Schwager in Urach, wo sie Abrechnung halte, so kommt er nie so bald los. – Denn ist ’s G’schäft vorbei, so geht’s an de Markgräfler, den sie sich zum Schluß jedesmal weidlich schmecke lassen; es dunkt ja die Manne doch nie besser, als wenn ihre Weiber nit dabei sind, nit wahr, Stabhalter?“
„Bravo“, sagte dieser lachend, „jetzt kommt der Kehr an uns. Damit Ihr aber auch seht, Frau Zollerin, was für en große Respekt ich vor den Weibervölkern hab, so schlag ich vor, gleich emal die Kaiserin Maria Theresia lebe zu lassen, eine Frau, die ihr Land besser regiert als mancher Mann. – Sie soll leben, vivat hoch!“ Alle ergriffen die Gläser und tranken auf das Wohl der großen Kaiserin.

So ging das Gespräch von alten und neuen Zeiten, und der Stabhalter würzte es nach seiner Art mit manchem Späßlein.
Während aber die Hebamme, die alte Barbara, von Zeit zu Zeit nach dem Kindlein sieht, welches als gar stiller Gast ein wenig abseits liegt, wollen auch wir hinzutreten und ein wenig unter das fein abgenähte Tauftuch lugen, wenn es die Alte vorsichtig lauschend in die Höhe hebt.

Das schlummernde Kind, liegt es nicht in seinem bauschigen Bettlein wie ein Samenkorn in der Furche? – Auf der Stirn über den geschlossenen Auglein und dem kleinen Stumpfnäschen ziehen einige leichte Fältchen hin, fast ein wenig trutzlich, als hätt es bis jetzt noch wenig Gefallen gehabt an den Dingen dieser Welt – um die schmalen Lippen zuckt es zuweilen, was mit dem schwebenden Atem fast allein das leicht verhüllte Leben kundgibt. – Ein solcher Lebensanfang, gleicht er nicht dem frühesten Morgen, wenn kaum die erste Dämmerung aus dem Schoße der Mitternacht sich loszuringen beginnt? Ob aber der Tag heiter oder trübe werde, müssen wir getrost einer höheren Macht überlassen, ohne welche es keinen Tag und keine Nacht gäbe.

Die Einkehr im Felsen war zu Ende, und die Frau Gevatterin in Begleitung ihres Mannes, der sich wirklich ziemlich spät erst im Wirtshaus eingefunden, bereits über die Grenze geritten. Denn dazumal wurden alle groBen und kleinen Reisen meist zu Pferd gemacht, weil es – trotz des verbesserten Straßenbaues, wovon die Gesellschaft im Felsen gesprochen – an vielen Stellen lediglich noch über Felder und Wiesen weg ging oder durch enge Hohlgassen über holperige Karrenwege, wo kaum ein Pferd, oder nur eines vors andere gespannt, gehen konnte. Die Bauersfrau ritt im sogenannten Weibersattel, der als flacher Sitz mit niederer Lehne und Rückwand quer auf dem Gaul befestigt war.

Der Kaiserzoller versah im Vorderösterreichischen das Amt eines Steuer-und Zolleinnehmers, nebenbei ein nicht unbeträchtliches Bauerngut umtreibend. Sein Weib, wie die Laubhauserbäuerin, stammte aus dem Bregenbacherhof, der gleich dem Laubhauser zu den reichsten der Talgemeinde zählte.

Zu Ende neigte sich der Tag; der Abend zog bereits kühl mit langen Schatten aus den Wäldern und mahnte daran, daß es mit den milden Frühlingstagen auf dem Walde noch nicht ganz ernstlich gemeint sei.

Der Verlauf unserer Geschichte führt uns noch nach dem Laubhauserhof, aus dessen Dach ohne Schornstein dichter Rauch hervorqualmt; denn in der geräumigen Küche des alten Wäldergebäudes ging es diesmal besonders geschäftig her. – Der Laubhauserbauer hatte alle seine Ehhalten, d. h. Dienstboten, seine „G’husen“ oder Dienstmannen nebst verschiedenen Nachbarsleuten zu Gast geladen, weil heute seinem Hause Heil widerfahren durch die Geburt eines Töchterleins. Anastasia, das Eheweib des Hausmannes Mathias, besorgte mit den Mägden die Küche, und Hieronymus, ihr Söhnlein, den wir heute bereits beim Kirchlein den Gevattersleuten vorspannen gesehen, leistete ihr Gesellschaft. Der Kleine spazierte mit selbstvergnüglicher Miene am Herde auf und ab, denn er war heut in seinem Leben zum erstenmal mit Höslein angetan, den sogenannten Gottehosen, die nach altem Herkommen die Patin ihrem Patenkind zu schenken pflegt, wenn es in ein Alter getreten, wo es sich, den Kinderrock ablegend, als männlicher Sproß der Gesellschaft präsentieren kann.

In der großen Stube waren indes versammelt und harrten der Dinge, die da kommen sollten: Bachweber, der Schulmeister und Schneider, Forbachklaus, der Köhler, Barbara, seine ledige Schwester, die wir bereits als Hebamme kennengelernt, Stoffel, der Fischer und Forstknecht, Mathias, der Hausmann und Müller, der Fohrlenbacherbauer mit seinem Weib, die alte Fahlenbacherin und noch einige andere. – Frau Anastas hatte heute ihrer Kochkunst Ehre gemacht: es wurde aufgestellt, was nur der mächtige Eichenholztisch zu tragen vermochte; und als nach dem „Hammenstotzen“ noch eine große zinnerne Platte voll Küchle und Sträuble, die Nationalspeise, kam, rollten dem kleinen Hieronymus Tränen über die Backen herab, denn er hatte dem Vorhergehenden so weidlich zugesetzt, daß er vom Nachkommenden fast nichts mehr unterzubringen vermochte. – Dabei wanderte das Krüglein fleißig in den Keller hinab, und es wurde demselben so wacker zugesprochen, auf das Wohl des Hauses und seines einzigen Töchterleins, daß man den Kuckuck in der Uhr einmal über das anderemal überhörte – und endlich die Weiber allen Ernstes zum Aufbruch mahnen mußten.

Mehr zum Hieronymus gibt es hier:

https://hieronymus-online.de/lucian-reichs-hieronymus/

Hieronymus Vorwort

Da die Texterkennung unglaubliche Fortschritte gemacht hat, habe ich den Podcast mit dem Text ergänzt. Der gesamte Hieronymus liegt seit 2023 auch in Textform vor. Vorlage war die von Lucian Reich überarbeitete Auflage, die er zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlichen konnte und die 1957, von der Heimatzunft Hüfingen als Band XII der Schriftenreihe des Kreises Donaueschingen, unter großem Aufwand von Dr. Johne, veröffentlicht wurde.

Die Erstausgabe vom Hieronymus erschien 1853 und in dem Buch ist das Bild mit der Ruine Zindelstein ganz vorne. Das Bild wurde in der 2. Auflage leider vergessen.

s’ chunt alles jung und neu und alles schlicht im Alter zu, und alles nimmt en End, und nüt stoht still. Hörsch nit, wie ’s Wasser ruuscht, und siehsch am Himmel obe Stern an Stern? Me meint, vo alle rühr si kein, und doch ruckt alles witers, alles chunnt und goht.
>Johann Peter Hebel

Hier die digitale Fassung von Lucian Reichs Hieronymus:

Hieronymus Übersicht

Zuerst das Vorwort von Lucian Reich zur zweiten Auflage

Vorwort zur zweiten Auflage

Der Schauplatz nachstehender Lebensgeschichte ist jene hochgelegene Land-schaft, welche das Sprichwort: „Die Brig und die Breg bringen die Donau z’weg“, so sprechend andeutet; die östlichen Täler des oberen Schwarzwaldes und die angrenzende Hochebene, ein Teil der alten Gaugrafschaft Baar, welche die Quelle der Donau in ihrem Schoße trägt.

Hoch oben, dreitausendvierhundert Fuß über dem Meere, im schweigsamen Revier der Tanne und Föhre, in deren Schatten der Auerhahn balzt und vor Zeiten Bären und Wölfe dem Menschen sein Dasein streitig machten, auf der Wasserscheide zwischen dem Rhein und der Donau, am „Briglirain“, entquillt die Bregach einem einsamen Bergschlund.

Die alten Tannen am „Roßeck“ singen ihr fern hinrauschend das Wiegen-lied. Die Jugend des Kindes ist keine gelinde; rauh und steinig ist sein Bett.

Aber wie ein gesundes, von der Natur zu langem Lebenslauf bestimmtes Wesen eilt es, der Mutterbrust entwöhnt, keck und munter sein enges, nur von wenigen einschichtigen Höfen und Hütten besetztes Tal, die „Katzen-steig“, hinab, zwischen Granitblöcken und Holzstämmen hindurch, vorüber am vergessenen , Heidenschloß“, dem Marktlecken Furtwangen zu.

Ein Schwarzwälderkind aber darf nicht lange müßig gehen, und so muß auch die kleine Bregach frühe schon allerlei nützliche Arbeit verrichten: hier mit silbernem Wellenstrang eine Wiese wässern, dort am oberschlächtigen Rad den einfachen Mahlgang treiben, welcher dem Hofbauer seinen Mehl-bedarf liefert, oder sie plätschert am kunstlosen Werk einer Klopfsäge, oder hilft schon wacker aus bei der Uhrmacherei; denn bald ist der Bereich dieser weltbekannten Industrie erreicht. Die rauschende Welle begrüßt am Wege hin manches alte und manches neue Haus, in dessen heller, reinlicher Stube die Drehbank des Uhrenmachers schnurrt und Kuckuckruf sich hören läßt, oder Uhrenschildmaler emsig ihrer Kunst obliegen.

Rasch geht es mitten nach Furtwangen hinein, zum Sitz wälderischer Industrie und Handelstätigkeit. Hier bekommt unsere Kleine, durch wohltätige Einflüsse unterdessen schon sichtlich gekräftigt, wieder vollauf zu tun; aber lange will sie sich nicht halten lassen, obwohl bei dem rührigen Völklein, trotz dem rauhen Klima, alles recht gastlich und einladend ausschaut. Das unruhige Ding will hinaus „ins Land“, wie die Uhrenhändler sagen; Großhandel und Schiffahrt sind sein heimliches Trachten. Darum wandert es – nachdem es mit einem droben von „Stollenwald“ hergelaufenen Schwester-chen, das auch schon bei renommierten Meistern gedient, Schmollis getrunken – fröhlich weiter, das lange Tal von Schönenbach, in welchem es wieder manche Werkstatt trifft, hinab, nimmt unterwegs einen im Zickzack und Rausch daherrennenden, auswanderungslustigen Landsmann, den jungen Rohrbach, kameradschaftlich auf und zieht in Vöhrenbach ein. Auch hier, im ansehnlichen Städtchen, schaut es sich sogleich nach Arbeit um und schafft in Mühlen und Walken und anderen Werken.

Triefend, in Schweiß gebadet von der Anstrengung, will das jugendliche Wesen doch keinen Augenblick rasten und ruhen: weder die wunderbaren Klänge des Orchestrions, noch die Flötentöne einer Spieluhr, die von der Werkstatt des Meisters dort her klingen, können es zum Stillstehen bewegen.

Abermals verstärkt durch Landskraft vom Langenbach her, nimmt es Ab-schied. Die Straße nach Villingen bleibt links liegen; bequemer geht’s durch das schöne aber wenig bewohnte Tal hinab durch sonnige, von Tannenwäldern eingefaßte Matten.

Hammereisenbach ist das nächste Ziel der eiligen Wanderschaft; doch mehr als eine Stunde vergeht, ehe unsere Breg, die unterwegs wohl wieder ein halbes Dutzend anhänglicher Vettern und Bäsle aus den nahen Tälern zum Mitgehen bewogen, den alten, steingepanzerten Vasallen dort, der mit seinen grünen Föhrenzweigen auf dem durchlöcherten Helm einsam auf der Höhe steht, begrüßen kann. Es ist Neufürstenberg, die längst in Trümmer gesunkene Hochwacht. Unten, beim „Kirchlein vom Hammer“, wartet indessen schon wieder ein anderes industrielles Wälderkind, der durch die Urach verstärkte Eisenbach, auf die größere, freudig einherrauschende Schwester, um vereint mit ihr der Morgensonne entgegen, hinaus in die luftige Baar zu wallen.

Noch immer indessen halten uns die Berge eng umschlossen. Die ganze Umgebung, Wiesen und Wald, aus dem überall der Granit seine schwärzlichen Zähne hervorstreckt, Stroh- und Schindeldächer, rauchende Kohlen-meiler, glimmende Feuer hoch oben im Reutefeld, das Geklingel des Melk-viehs, welches zerstreut in saftgrünen Matten weidet oder an sonnigen Halden zwischen Brombeerstauden, Pfriemen und Stechpalmen umhersteigt, wohltätiger Fichtennadelgeruch und Bachesrauschen, alles mahnt uns, daß wir stets noch, „auf dem Wald“ uns befinden.

Halten wir gleichen Schritt mit dem Bach, das anmutige Tal entlang, so bleibt uns keine Zeit, weder beim „Fischer“, noch eine halbe Stunde weiter unten, beim „Schwarzen Bue“, einzukehren. Dort, nicht weit von dieser Schänke, erblicken wir einen breitschulterigen Wegelagerer, der uns drohend den Paß verlegen zu wollen scheint. Der Zindelstein ist’s, der einstige gestrenge mittelalterliche Burgvogt. Hohläugig und finster, geschwärzt von der Fackel des Bauernkrieges, schaut er herab von seinem hohen Sitz, als hätt‘ er immer noch zu befehlen. Aber Macht und Ansehen sind dahin, nur Raben und Geier finden sich noch bewogen, ihm dort auf dem Turm die Aufwartung zu machen, und die Stürme, wenn sie kommen, in dunkler Winternacht heulend und pfeifend ein Turnier um Graben und Gemäuer abzuhalten. Trotzdem scheint der verwetterte Alte nicht übel Lust zu haben, wenigstens unserer Bregach den Ausgang aus dem Tal verwehren zu wollen.

Eine unternehmende Schwarzwäldernatur jedoch vermag sich überall durchzubringen. Sie scheut einen Umweg nicht, um sicher ans vorgesteckte Ziel zu gelangen; und zudem ist die Tochter des Waldes bereits so stark geworden, daß sie vor keinem Hindernis so leicht mehr zurückschreckt.

Hunderte von Schluchten, Tobeln und Rinnen, alle Quellen und Brunnen haben ihr Verstärkung zugesendet, sie gleichsam ausgesteuert mit ihrem ganzen Reichtum zur Reise hinab ans Schwarze Meer. Und ist der Tag heiter, die Luft stille, so singt ihr wohl auch noch ein Hirtenkind in den Matten dort am Fuße des Berges ein Abschiedslied. Es klingt fast wehmütig, ernst, wie die Farbe der düstergrünen Tanne. Auch der Wald will der Fortziehenden noch das Geleite geben, hinaus bis zum Dorf Wolterdingen.

Von hierab jedoch scheint die Landschaft ein Stück nach dem anderen von ihrer grünen Wäldertracht ablegen zu wollen.

Granit und Gneis haben ihre Herrschaft bereits an den bunten Sandstein abgetreten, Haue und Pflugschar der Gegend mehr und mehr ein schwäbisches Gepräge aufgedrückt. Ja selbst unsere Bregach ändert ihr Temperament und nimmt allmählich das Naturell eines Baarer Bauers an, dem es bekanntlich nie sehr pressiert, außer wenn die Ernte draußen ist und ein Gewitter am Himmel steht. Gemächlich zieht sie am Dorf und an seinen von Obstbäumen beschatteten Gärten vorbei, den erweiterten Wiesenplan hinab. Nur einmal noch, unterhalb Bruggen, drängt sich, vom Schellenberg her, der Wald her-an, bemooste Häupter alter Tannen sind’s, die in der klaren Welle sich bespiegeln möchten.

Bräunlingen, das alte Städtchen, das wie ein anhänglicher Reichsbürger noch so manches Stück aus der ehemaligen vorderösterreichischen Zeit zur Schau trägt, ist schon in Sicht. Seine kleine Kapelle dort auf dem Ottilienberg schaut frei hinaus in die weite Baar, über große Kornfelder hinweg bis zu den grünen Buchenwäldern der „Länge“, wo als letzter Ausläufer des Jura der Fürstenberg sich erhebt und sein Nachbar, der breite Basaltklotz des ebenso mächtigen Wartenbergs.

Nachdem unsere Wäldnerin, welcher Tätigkeit nun einmal zur zweiten Natur geworden, dem Bräunlinger Müller gelegentlich ausgeholfen und in neuerer Zeit auch zum Seidenzwirnen sich herabgelassen (denn vernünftigem Fortschritt ist sie keineswegs abhold), läuft sie am Rothenrain hin, durch „Unterweiden“ Hüfingen zu. Bevor sie jedoch dieses Städtchen ganz erreicht, muß sie sich eine kurze Lektion klassischer Bildung und Gelehrsamkeit gefallen lassen; freilich nur spärliche Reminiszenzen sind’s: Fundamente, Mauerwerk mit Heizböden und Legionsziegeln, vermutlich Überreste des keltisch-römischen Brigobannis, welcher Station die Breg dereinst als Taufpatin gedient haben soll.

Sie, die bisher meist nur auf Feld- und Waldwegen gewandelt, betritt nun eine kleine Strecke weiter unten die alte Land- und Heerstraße. Hinter dem Städtchen, dem sie nach gewohnter Art wiederum manchen ersprießlichen Dienst leistet, in der Mühle und auf der Bleiche, in Gerberei und Färberei macht sie, zum tiefen Waag gestaut, einen kurzen Stillstand, als wollte sie sich vorbereiten auf den Empfang in der fürstlichen Residenz, wo sie beim Schlosse die schwesterliche Vermählung feiern und ihren Namen für immer ablegen soll.

Beschleunigten Laufes, das Versäumnis einzuholen, zieht sie weiter; kaum daß sie sich noch Zeit nimmt, drüben bei der Stadtwies dem Landwirt seinen Dunggips und Schwarzkalk zu mahlen und die Backsteinmaschine zu drehen. Schon tönt von Donaueschingen her der Pfiff der Lokomotive; und wie sehr sie sich auch tummelt, Almendshofen und Donaueschingen zu er-reichen, so kommt sie doch beinahe zu spät. Denn gleich nachdem sie am fürstlichen Park, wo die Vermählung der drei als sinniges Gebilde der Kunst im Quellenbassin sich bespiegelt, vorbeigezogen, kommt ihr schon das Kind der Baar, die Donau, entgegen, welche nach kurzem Jugendlauf mit der von Villingen herfließenden Brigach sich vereinigt hat.

Ohne Hast und Überstürzung, wie es einer zu großer Macht und Würde berufenen Jungfrau geziemt, zieht die Einsgewordene durch die fruchtbare Hochebene. Zuweilen scheint sie tiefsinnig stillzustehen, als träume sie von Städtepracht, Kaiserpalästen und großen Reichen. Leise flüstert sie zum Sange in lauer Sommernacht heimkehrender Schnitter und Schnitterinnen, begleitet mit Wellengelispel das einförmige Lied der Grille im herbstlichen Stoppelfeld oder hüllt sich, mit Schilf und Rohr bekränzt, in weiße Schleier ein, die ihr nächtliche Geister und Nebel im nahen Moor und Riede weben.

In Bogen und Krümmungen zieht sie am Wartenberg hin, wie zögernd, hinweg aus der Heimat. Doch lassen wir Bilder und Gleichnisse, ohne die unsere topographische Skizze wohl allzu trocken ausgefallen wäre. Nur eines dürfte, anknüpfend an den Schluß derselben, noch gesagt werden: „Aus der Heimat“ (ein Wort, das so vieles in sich schließt) könnte mit Fug und Recht vorliegendes Bild-werk, welches hiermit zum zweitenmal die Reise hinaus ins Land antritt, betitelt werden.

Aber wie dem Maler, wenn er nach längerer Zeit sein Gemälde wieder zu Händen nimmt, Lasuren und Korrekturen notwendig scheinen, um dem Ganzen größere Vollendung und Harmonie zu geben, so fühlte auch der Verfasser sich gedrungen, Allzubekanntes wegzulassen oder kaum angedeutete Motive mehr auszuführen. Soll ja das Werk keine bloße sogenannte Dorf- oder ländliche Liebegeschichte sein, sondern vielmehr eine Lebensgeschichte auf historischem und kulturgeschichtlichem Hintergrund eines ganzen Gaues, eine Arbeit, welche Nachträge und Vervollständigungen keineswegs ausschließt. Die Illustrationen, von Freundeshand auf Stein übertragen, in einer Weise, die bei Fachgenossen und Laien allwärts verdiente Anerkennung gefunden, sind dieselben geblieben. Neu hinzugekommen ist allein die Titelvignette, welche der nunmehrige Verleger unserem „Hieronymus“ als Maien vorangesteckt. Und so möge denn diesem gleich wie bei seinem erstmaligen Erscheinen freundliche Aufnahme zuteil werden.

Leider ist die „neu hinzugekommene Titelvignette, welche der nunmehrige Verleger unserem „Hieronymus“ als Maien vorangesteckt,“ nicht bekannt und es muß hierauf verzichtet werden.

Dies mag daran liegen, dass die 2. Auflage zu Lebzeiten von Lucian Reich keinen Verleger fand und diese erst über 100 Jahre später veröffentlicht werden konnte, um gleich darauf wieder vergessen zu werden.

Ich wünsche allen viel Freude beim Anhören des Podcasts und habt bitte Nachsicht mit meinem „Gestammle“, ich bin Naturwissenschaftlerin und des Alemannischen vom vorletzten Jahrhunderts nicht sonderlich geläufig.

Der heilige Hieronymus nach Albrecht Dürer. Diese unveröffentlichte Lithografie von JN Heinemann könnte die „Titelvignette“ sein.

Vorwort zur ersten Auflage

Wie die Blätter am grünen Stamme wachsen und abfallen,
so die Geschlechter der Menschen.
Das eine stirbt ab und ein anderes wird geboren.

Diese Worte aus den Sprüchen des Sirach, welche wir als Motto über den Eingang unserer kleinen Bildergalerie gesetzt, deuten dem Publikum den Sinn an, in welchem dieselbe unternommen und aufgestellt worden. Sie soll ihm das Sitten- und Gewohnheitsleben der früheren Geschlechter eines kräftigen Volksstammes in stillschweigendem Vergleiche zur Gegenwart vorführen und veranschaulichen. Es dürfte dies nicht allein eine angenehme Beschäftigung sein, sondern auch nützliche Betrachtungen veranlassen, besonders in einer Zeit, wo das gediegene Alte meist verkannt und den früheren Zuständen so gerne alles Gute abgesprochen wird.

Der heimatliche Boden dieser Bilder ist jene entlegene Landschaft des Großherzogtums Baden, welche das Sprichwort: „Die Brig und die Breg bringen die Donau zweg“ so ansprechend andeutet, die östlichen Täler nämlich des mittleren Schwarzwaldes und die angrenzende Hochebene, ein Teil der alten fürstenbergischen Grafschaft Baar, worin Donaueschingen jetzt den Hauptort bildet.

Von den alten Sitten und Gebräuchen, wie sie ehemals waren, ist zwar vieles schon abgekommen und erloschen, doch lebt noch ein Teil davon so charakteristisch im Volke fort, daß er wohl verdient, abgebildet und beschrieben zu werden – gleichsam als ein Denkmal ehrwürdiger Überreste, aus welchen wir schließen mögen, wie solid, wie reich und eigentümlich jenes Volksleben einst gewesen.

Allerdings haben mit den Zeiten stets auch die Sitten sich geändert; heutzutage aber ist es gekommen, daß eine immer mehr übergreifende Welt-sitte sich als Feindin gebart jeglicher örtlichen Eigentümlichkeit, ja sogar jeglichen nationalen Gepräges. Doch ist vieles auch schon in übelverstande-nem Verbesserungsdrange geringschätzig beseitigt oder methodisch zugestutzt und verkümmert worden.

In den alten Sitten und Gebräuchen aber, von welchen wir gesprochen, spiegelt sich das kräftige, echt deutsche Gemüt unserer Voreltern und ihr gesunder Verstand auf das sichtbarste und entschiedenste ab. Sie bildeten ein ungeschriebenes Gesetzbuch, eine goldene Regel in geistlichen und weltlichen Dingen, in Scherz und Ernst, in Haus und Feld. Sie bewahrten das Leben vor der nüchternen Zerfahrenheit, die unsere Tage so auffallend bezeichnet.

Die Bewohner einer Landschaft, eines Gaues, bildeten früher eine fest-gegliederte Genossenschaft, in Tun und Handeln. Jeder Stamm bewahrte seine Eigentümlichkeiten, wodurch er sich von andern unterschied und auszeichnete. Und trotzdem, daß es dem einzelnen nicht gestattet war, von den ererbten Formen abzuweichen, so blieb ihm doch Raum genug, seine persönlichen Eigenheiten und Gaben auf das mannigfaltigste an den Mann zu bringen. Denn die Stände und Körperschaften mit ihren althergebrachten Gewohnheiten und Rechten wiesen jedem, wie die Marksteine im freien Feld, seinen Platz und Boden an, worauf er frei und ungehindert schalten und walten konnte. Mit ihnen verschwindet aber nun alles, was sich an sie anknüpfte: die ehrsamen Bürger- und Bauerntrachten, die volkstümlichen Feste und Spiele, die Lieder und Tänze, die alten Hausbräuche, der alte, fromme, patriarchalische Sinn, kurz alles Nationale und Eigene.

Wenn ich von all diesem so manches noch sah und hörte und mit dem hereinbrechenden modernen Leben verglich, so entstand in mir immer der Wunsch, das Gesehene und Gehörte, im dauernden Wechsel, nach besten Kräften in Wort und Bild darzustellen und aufzubewahren. Und da ich fühlte, daß mir solches um so eher gelingen dürfte, als es die eigene Heimat betrifft, so unternahm ich endlich diese Darstellung.

In der Baar zu Hause, besuchte ich oft die nahen Schwarzwaldtäler mit ihren Einöden, ihren dunklen, weithingedehnten Tannenwäldern und wasserreichen Wiesen, mit ihren traulichen Hütten und Höfen, und lernte dadurch das Leben des rastlos tätigen und genügsamen Menschenstammes kennen, welcher sie bewohnt.

Aber ich warf meinen Blick auch in die verflossenen Zeiten zurück und sammelte manches, was noch aus ihnen stammt, um sie desto treuer und lebendiger beleuchten zu können. So fand ich unter anderem unter dem Nachlasse meines seligen Großvaters eine Chronik unseres Heimatstädtleins Hüfingen, deren Verfasser ein Mann war, von welchem in den folgenden Blättern eigens die Rede ist. Dieses Tagebuch enthielt (ich sage „enthielt“, weil es leider verlorenging) freilich nichts von allgemeinerem Interesse; aber was ich zwischen seinen Aufzeichnungen von Geburts- und Todesjahren, von Hochzeiten und Festen, von teueren und wohlfeilen Zeiten, städtischen Bauten und Veränderungen zu lesen fand, was ich aus dem Munde meiner Großeltern und Eltern, welche väterlicherseits vom Lande und mütterlicherseits aus der Stadt sind, über heimische Dinge und Familienverhältnisse wiederholt vernahm und was ich darüber noch anderwärts in Erfahrung brachte – das alles zusammengehalten gab mir hinreichenden Stoff, um ein Stücklein heimatlichen Lebens und Webens aus den letzten siebzig Jahren darstellen zu können.

Und indem ich hierzu das Leben des Hieronymus wählte, hatte ich den Vorteil, meist speziell Wahres und persönlich Erlebtes aus dem angedeuteten Bereiche dem Leser vorführen zu können. Darum freilich kommen in diesem Leben und seinen Bildern keine jener romanhaften Verwicklungen und absonderlichen Entwicklungen vor, wie sie der oder jener Leser lieben mag, dem nichts pikant genug vorkommt oder zu scharf gewürzt; aber ich sehe auch nicht ein, warum ich dem guten Meister Hieronymus, dem das Schicksal ohnehin so manche Schwierigkeiten bereitete, noch mehr Steine des Anstoßes hätte in den Weg werfen sollen, nur um solchen Lesern zu gefallen.

Die interessanteste Entwicklung im Leben jedes einzelnen ist eben doch das, was er wird und wie er es wird, und wenn ihn der liebe Gott zur Zugabe noch in anderweitige frohe oder traurige Ereignisse verwickelt, so soll es dargestellt, aber nicht übertrieben werden.

Ein solches Werk aber der Offentlichkeit übergeben, heißt ein Haus an die Straße bauen. Es wird gelobt und getadelt; denn wer an die Straße baut, hat viele Meister, sagt das Sprichwort. Es gleicht einer Schenke, deren Schild oder grüner Busch jedem zur Einkehr winkt. Viele gehen vorüber, andere treten ein und versuchen den Trank; dem einen mundet er, dem anderen nicht; der eine findet die Zeche billig, der andere hält sich für überfordert. Das ist nun einmal nicht anders, und man muß es hinnehmen, wie es kommt.

Doch weiß ich: Es behagt manchem Wanderer recht wohl in einem einfachen Schwarzwälderwirtshaus, wo ihm der Wirt anstatt der Küchenprodukte eines welschen Restaurants heimische Kost vorsetzt; liefern doch unsere Wälder und Felder, unsere Wasser so manches, was selbst der Gaumen eines Feinschmeckers nicht verschmähen dürfte.

Und wie mancher, der alle Meere durchschifft und alle Länder bereist hat, zuletzt findet, daß es daheim doch auch wohnlich und schön sei und daß es manches stille, anmutige Plätzlein in der Nähe gebe, welches er früher nie gekannt oder geschätzt hatte. Sollte es nun der Liebe und dem getreuen Fleiße, womit diese Blätter entworfen und von Freundeshand auf Stein gezeichnet worden, gelungen sein, alte heimische Erinnerungen festzuhalten und bei Gleichgesinnten Teilnahme zu erwecken, so muß vor allem des erlauchten Schutzes gedacht werden, den unser Geisteskind schon vor der Geburt bei jenem edlen Fürsten gefunden, welchem das Ganze in dankbarster Verehrung gewidmet werden durfte.

Möge ein deutsch und vaterländisch gesinntes Publikum unsere kleine Bildergalerie mit Nachsicht und billiger Beurteilung aufnehmen! In dieser Voraussetzung wollen wir sie demselben getrost eröffnen. Ist auch manches darin noch mangelhaft, so müssen wir den Beschauer bitten, noch allerlei Gutes und Schönes selber hineinzudenken und so die Lücken auszufüllen.

Wir unsererseits können uns damit entschuldigen, daß Dichten und Malen freie Künste sind, daß also jeder sich darin versuchen darf, ohne vorher zunftmäßig das übliche Meisterstück gemacht zu haben.

Vorwort zur neuen Auflage

Donaueschingen, Weihnachten 1957 von Dr. Johne

Die landläufige und etwas verschwommene Bezeichnung „ Volksschriftsteller“ wird der künstlerischen Persönlichkeit Luzian Reichs nicht ganz gerecht.

Luzian Reich ist mehr als ein Volksschriftsteller. Er ist auch einer der ersten und vorbildlichen Vertreter der Heimat- und Volkskunde. Sein Hauptwerk „Hieronymus“ beweist uns das aufs schönste. Hansjakob nennt das Werk „eines der besten Volksbücher überhaupt“. Und Luzian Reich spricht sein Wollen und seine Absicht deutlich aus: „Es soll das Werk keine bloße sogenannte Dorf- oder ländliche Liebesgeschichte sein, sondern vielmehr eine Lebensgeschichte auf historischem und kulturgeschichtlichem Hintergrunde eines ganzen Gaues.“ Er will, wie er im Vorwort zur 1. Auflage sagt, im „Hieronymus“…„ein Stücklein heimatlichen Lebens und Webens aus den letzten siebenzig Jahren darstellen“ . Er will erzählenderweise belehren, ohne daß die Leser es groß merken; er will seinen Lesern die Schönheit der heimatlichen Natur, der alten Sitten, Gebräuche und Trachten vor Augen führen und sie dahin bringen, daß sie diese Schönheiten begreifen und an ihnen festhalten. So wird der „Hieronymus“ tatsächlich zur aufschlußreichen und eindringlichen Kultur- und Sittengeschichte der Baar und der angrenzenden Schwarzwaldtäler. Es ist aber keine trockene Kulturgeschichte, die uns vorgesetzt wird, sondern die Kulturgeschichte ist hineingesponnen in eine einfache und schlichte Erzählung, die man in gewissem Sinne füglich auch eine Erziehungsgeschichte nennen könnte. Und oft wird die Geschichte zur freundlichen Idylle.

Luzian Reichs Vater war Schulmeister, und er selbst war jahrzehntelang Zeichenlehrer. Das Lehren und Belehren liegt ihm also im Blute schon von Vaters Seite her, dessen nachgelassene Aufzeichnungen der Sohn nachgewiesenermaßen in seinem „Hieronymus“ mitverwendet und mitverwertet hat.

Luzian Reich singt in seinen Werken immer die gleiche Melodie, das Lied der Heimat, aber in vollendeter Form und in vielen Variationen. Es ist nichts Abseitiges, was Luzian Reich darstellt, nein, es ist das Alltägliche, das Einfache, was er schildert, aber er erzählt es kunstvoll im inneren Aufbau und wahrhaft in der Empfindung. Alle falsche Sentimentalität liegt ihm fern. Das Volkstümliche kennt auch keine geistreichen Reflexionen.

Luzian Reich sammelt „Blumen, wie sie ein Wanderer am Wege durch Felder und Wälder pflücken kann“. Reich gemahnt uns in seiner Erzählkunst an Jeremias Gotthelf oder Pestalozzi und mitunter selbst an Johann Peter Hebel. Dabei mangelt es Reich keineswegs an dichterischer Erfindungsgabe, und immer wieder packt uns die Gefühlstiefe in der Erzählung.

Wir dürfen nicht vergessen, daß Luzian Reich dem alten Kulturgut der Baar um mehr als hundert Jahre nähersteht als wir, daß er uns deshalb vieles durch seine Erzählung erhalten hat, was heute schon längst vergessen wäre, und daß er daneben auch manches Alte wieder neu entdeckt hat.

Vier Jahre vor Eichendorffs Tode ist der „Hieronymus“ erschienen. Und er ist als eine Spätblüte der Romantik zu begreifen.

Die Sprache Luzian Reichs bleibt immer einfach, schlicht, ohne jegliches Pathos, wie auch Hansjakob den „Hieronymus“ als „einfach, schlicht und lieb geschrieben“ charakterisiert; und er sieht in ihm den „romantischen Goldschimmer der guten alten Zeit“. Die Sprachkunst Luzian Reichs ist nicht alltäglich. Sein Sprachgefühl ist außerordentlich und sein sprachlicher Ausdruck voller Kraft. In kurzen, eindrucksvollen Sätzen gleitet der Fluß der Erzählung dahin. Und über aller Darstellungskunst liegt etwas Verhaltenes, Träumerisches. Es nimmt eigentlich wunder, daß nicht Stücke aus dem „Hieronymus“ in die Lesebücher der badischen Volksschulen Eingang gefunden haben.

Stilistisch ist Luzian Reich seinem großen Kunstgenossen Adalbert Stifter nicht unähnlich, dem er auch in der liebevollen Kleinschilderung der Natur verwandt ist.

Luzian Reich ist aber nicht nur Schriftsteller, er ist ja auch Maler, und so veranschaulicht er das, was er erzählt, noch durch liebevoll gezeichnete Bilder.

Ein ganz eigenartiger Reiz liegt in diesen Zeichnungen zum „Hieronymus“ In der Darstellung der Landschaft hält sich Reich realistisch an die Natur.

Die Erzählkunst in den Bildern ist nicht geringer als die in der sprachlichen Schilderung. Immer wieder erfreut uns die in den Zeichnungen zum Ausdruck kommende ruhige Betrachtung der Natur. Es gibt keine besseren und feineren Bilder vom Leben auf der Baar und im Schwarzwald. In der Natur- und Menschendarstellung sind sie gleich vortrefflich, behäbig und aus tiefem Verstehen von Natur und Volk gewachsen. Mit den Zeichnungen rückt Luzian Reich durch deren tiefen Empfindungsgehalt in die Nähe Ludwig Richters oder seines Freundes Moritz von Schwind, mit dem er auch zeitweise zusammengearbeitet hat. Daß Reich in seinem Schwager Johann Nepomuk Heinemann, der die Bilder zum „Hieronymus“ auf Stein gezeichnet hat, einen kongenialen Genossen fand, darf als Glücksfall erscheinen.

Die äußeren Lebensumstände Luzian Reichs sind rasch erzählt. 1817 im alten Baarstädtchen Hüfingen geboren, lernt er zeichnen und malen im Städelschen Institut in Frankfurt und dann in München. Das Glück hat ihm nie gelächelt. Daß er 1855 eine gering bezahlte Zeichenlehrerstelle am Gymnasium in Rastatt annahm und sich dort 35 Jahre lang in ständigen Disziplin-Schwierigkeiten mit seinen Schülern herumplagte, daß er daneben zur Aufbesserung seiner kargen Besoldung allerlei Malerarbeiten ausführte, wie sie der Tag so mit sich brachte, oder größere und kleinere Geschichten schrieb, ist der zwangsläufige Ausfluß seiner beengten materiellen Lage. Im Alter findet Luzian Reich wieder heim in seine geliebte Baar, in seine Vaterstadt Hüfingen, und dort stirbt er, einsam und kaum beachtet, als 83 jähriger Greis im Jahre 1900.

Reichlich hundert Jahre sind seit dem ersten Erscheinen des „Hieronymus“ verstrichen (I853). Fürst Karl Egon II. zu Fürstenberg hatte dem Verfasser zum Drucke ein Darlehen gegeben, und ihm hat Reich die erste Auflage des Buches gewidmet. Rasch zwar war die 1. Auflage vergriffen; eine 2. Auflage erschien 1876, die dem Neudruck zugrunde liegt. Alle Bemühungen Luzian Reichs aber, dem Werke vor seinem Tode noch einmal zum Drucke zu ver-helfen, waren vergeblich. Es ist deshalb ein großes Verdienst der Hüfinger Heimatzunft in Verbindung mit dem Bund „Heimat und Volksleben“, daß sie es unternommen hat, das Buch neu herauszugeben. Daß S. D. Dr. h. c. Prinz Max zu Fürstenberg, die Stadt Hüfingen, der Kreis Donaueschingen und der Landesausschuß „Tag der Heimat“ in Südbaden durch Beihilfen die Neuausgabe ermöglicht haben, soll ihnen die Heimat danken.

Möge nun der „Hieronymus“ im neuen Gewande das werden, was er von Anfang an sein sollte: das Heimatbuch der Baar und des Schwarzwaldes, das in jeder Bürger- und Bauernstube seinen Ehrenplatz hat. Wer Land und Leute der Heimat vergangener Zeiten kennenlernen will, wird und muß zum „Hieronymus“ greifen. Freilich, wer allein sein Genügen findet an Kriminalreißern, dem wird der „Hieronymus“ nicht viel zu sagen haben. Wir haben aber die Hoffnung, ja die Überzeugung, daß es doch noch sehr, sehr viele ernste und kunstverständige Heimatfreunde gibt, die den neuen „Hierony-mus“ freudig begrüßen und ihn zu ihrer Haus- und Heimatpostille erwählen.

Diskriminierung, Repression und Überwachung

Spätestens seit die Verwaltung zugegeben hatte die Webcam Aufzeichnungen vom Rathausplatz zu speichern, wissen wir, dass gewisse Kreise Interesse daran haben, die Bürgerinnen und Bürger zu überwachen.

Nun ist es so, dass die Hüfinger Vereine von der Stadt eine Vereinsförderung erhalten: Richtlinie zur Vereinsförderung. Den Sockelbetrag von 200 Euro bekommen eigentlich alle Hüfinger Vereine, unabhängig der Mitgliederzahl. Allerdings sollten hier 2/3 der Mitglieder in Hüfingen den Wohnsitz haben. Macht ja Sinn, da es unser Geld ist, das die Verwaltung hier ausgiebt.

Diesen Passus nutzt die Verwaltung eine Mitgliederliste, mit Anschrift und Geburtsdatum, von den Vorsitzenden einzufordern mit der Behauptung, sie würden verantwortlich mit den Daten umgehen. Man sagt also den Vorsitzenden der Vereine, dass man sie per se für Lügner hält und selber die Mitglieder überprüfen müsse.
Aber wie läuft das dann mit den der Verwaltung lästigen Vereinen? Werden da dann die Mitglieder einzeln angefragt, ob sie auch tatsächlich im Verein Mitglied sind?

Bedenken wegen der DSGVO werden beiseite gewischt, da diese für die Gemeinde nicht relevant sei, da sie ein berechtigtes Interesse an den Daten hätte und der Verein ja auch einen Vereinszuschuss wolle.

In Endeffekt verkaufen also die Vorsitzenden die Mitgliederliste für 200 Euro.
Ich kann nur allen Vereinen dringend raten, die Mitglieder zumindest schriftlich darauf aufmerksam zu machen, eigentlich müsste auch ein Passus dabei sein, damit die Mitglieder diesem Vorgehen widersprechen können.

Freunde der Natur Hüfingen

Der Verein wird eigentlich schon seit seiner Gründung vor über 200 Jahren von bestimmten Kreisen in Hüfingen bekämpft und von den Nachkommen der damaligen Banausen wird dieses Amt weiter getragen. Unterlagen sind verschwunden und selbst die Chronik der Stadt im Jahre 1984 wurde noch manipuliert. Fast hätten diese gewonnen und der Verein wäre in Vergessenheit geraten, wären nicht einige Unterlagen im Landesarchiv vor dem Zugriff in Sicherheit gebracht worden, und wäre der Verein nicht im Jahr 2021 wieder gegründet worden.

Die Wiedergründung erfolgte, da die Banausen, die laut Lucian Reich am liebsten den Himmel weiß anmalen würden, seit 2016 einen Bürgermeister haben, der alles dran setzt, die Hüfinger Natur und auch die Zivilgesellschaft zu bekämpfen.

Es ist selbstverständlich, dass die Mitglieder der Freunde der Natur vor dem Zugriff der Stadtverwaltung sicher sind!

Diskrimminierung

Aus diesem Zusammenspiel der Überwachung und auch Repressionen ergibt sich, dass Vereine die ihre Mitglieder nicht der Verwaltung offenlegen wollten, gleich gar keine Vereinsförderung beantragen.

Somit sind die von der Stadt geförderten Vereinen, nur die Vereine, die sich möglichst leise und bürgermeistergefällig verhalten.

Wäre es nicht sinnvoller man würde diese diskriminierende Vereinsförderung abschaffen?

Es sind lediglich ein paar „Bonbons“ die der Bm an die bevorzugten Vereine verteilt.

Jugendarbeit lässt sich durchaus anders finanzieren. Zum Beispiel über ein Jugendhaus und auch ein intaktes Schwimbad, geheizte Sporthallen und gut ausgestattete Musikvereine.

Allegorische Darstellung der Fakultät für Medizin von Rudolf Gleichauf 1884.

Unaufrichtig (mauvaise foi) zu leben, bedeutet für Sartre, dass der Mensch durch Konformitätsdruck falsche Wertvorstellungen übernimmt und seine absolute Freiheit aufgibt, das Faktische in die Zukunft projiziert und damit die Verantwortung leugnet, über das was ist, hinauszugehen.

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