Heimkehr und Heiratsantrag
Unverhoffte Rückkehr
Der eigene Herd

Hieronymus Kapitel 23

Heimkehr und Heiratsantrag – Unverhoffte Rückkehr
Der eigene Herd

Fünfmal schon hatte der Frühling Wald und Flur mit neuem Grün geschmückt, seitdem Helena das Haus der Pflegeeltern verlassen. Immer noch war sie auf Wildenstein die treue Dienerin, die liebreiche Pflegerin der Kinder, die unermüdliche Gehilfin im Haushalte des Schloßverwalters.

Wohl trat bisweilen das Bild früherer Tage ihr vor die Seele, und das bitter wehmütige Gefühl des Alleinstehens in der Welt wollte sie anwandeln. Doch Tätigkeit und Pflichtübung leiteten ab vom trüben Sinnen und füllten, grünenden Ranken gleich, die Lücken ihres Innern; leise keimende Hoffnungen erleuchteten es wohl auch mit dem Scheine künftiger glücklicher Tage.

Schon wehte der Wind wieder über die Haberstoppeln – weder die Wachtel in den Furchen noch die Lerche in den Lüften ließen ihr Lied mehr erschallen, da schritt ein Wandersmann auf der Straße von Sigmaringen stromaufwärts durch das Donautal. Er war vorbeigezogen an der alten Hochveste Werrenwag, welche, ein Wächter über das Tal, von schroffem Fels herniederschaut. Bereits war die Sonne dem Untergehen nahe, als der Wanderer sich auf die rechte Talseite gewendet, wo ein nur wenig gangbarer Pfad hinzog.

Schloss Werenwag oder „Hochveste Werrenwag„, wie Lucian Reich schreibt, befindet sich im Oberen Donautal der Gemeinde Beuron.

Schloss Werenwag
Foto: Roland Nonnenmacher auf Wikipedia

1629 erhielten die Grafen von Fürstenberg das Schloss, das sie 1721 an die Freiherren von Ulm zu Erbach verkauften. Erst im Jahr 1830 kam Werenwag wieder in den Besitz der Fürsten von Fürstenberg. (Wikipedia)

Lange Schatten ruhten auf dem tiefen, felsumgürteten Grund und seinem grünflutenden Strom. Nur die hohe, fürstenbergische Burg Wildenstein schaute kühn noch dem Tagesgestirn ins leuchtende Antlitz. Eine Gestalt aus längst verflossener Zeit, schien der ernste, schmucklose Bau den Pilgrim im Tale zu begrüßen.

Auf steilem Pfade stieg der Fremde den zackigen Felsgipfel hinan. Vor der Zugbrücke, welche, mit ihren langen Armen einer riesigen Spinne vergleichbar, den breiten Felsspalt überdeckte, stand er eine Weile still, das Haus mit seinem gewaltigen viereckigen Turme zu beschauen. Das Dach hing nur lose in eisernen Schlaudern darüber, denn die festgewölbte Stirne des Baues trotzt auch dem zerschmetternden Wurfgeschoß. War die Brücke aufgezogen, so fanden nur noch Raben und Geier den Eingang in das einsame Felsennest.

Burg Wildenstein, Postkarte ca. 1910
Foto: Wikimedia

Dumpf dröhnte die alte Brücke, als der Wanderer in luftiger Höhe über den Abgrund schritt, um durch das finstere Tor in den engen Burghof zu gelangen. Im abendlichen Dunkel erblickte er hier an dem mittelalterlich überdachten Ziehbrunnen, welcher durch den Felsen bis auf die Sohle des Stromes niedergeht, ein Mädchen, eben im Begriff, ein kupfernes Wassergefäß auf den Kopf zu heben. – Einem schüchtern forschenden Blicke des Mädchens in das sonngebräunte Angesicht des jungen Mannes – folgte freudig überraschendes Erkennen – es waren Hieronymus und Helena.

Wie eine weiterschleppte Taube, frei gelassen, den Flug wieder nach dem wohlbekannten Dache richtet, und die Schwalbe nach vergangenem Winter wiederum die alte Heimat sucht, also kehrte der lang Gewanderte nach fast fünfjähriger Abwesenheit in die Heimat zurück. Das Verlangen, Verwandte zu sehen und die bewährte Jugendfreundin, hatte den Heimkehrenden bewogen, die Heerstraße zu verlassen und den rauhen, wenig begangenen Weg im Stromtal einzuschlagen.

Als zartes, feingeputztes Herrenkind war sie einst dem schlichten Knaben im Zwilchkittel gegenübergestanden, und jetzt – sah er das bürgerlich und häuslich gekleidete Mädchen vor sich, ihm die schöne, doch etwas schwielige Hand zum Gruße darreichend.

Freundlich aufgenommen von den Vettersleuten und ebenso gut bewirtet, weilte der Reisende einen Tag auf dem Schlosse. Als er des Morgens wieder fürbaß zog, den steilen Felsabhang hinunter, sah man den sonst eilfertigen Wanderer wiederholt nachdenklich stehenbleiben, als habe er etwas vergessen, etwas liegenlassen oben auf der Burg. – Ofter blickte er zurück nach dem Orte, den er eben verlassen – wiewohl ein dichter Herbstnebel verhüllend um die Felsen zog und die kahlen Giebel des Hauses nur undeutlich aus dem Duft hervorschauten. Offenbar fesselte den Blick des Dahinziehenden ein mehr als gewöhnliches Interesse. Dennoch vermögen wir nicht viel mehr zu berichten, als daß unser Freund hatte versprechen müssen, über’s Jahr wiederum auf Besuch nach Wildenstein zu kommen. – Unverkennbar aber ist gewesen, daß die Züge des Wanderers von innerer Freudigkeit erglänzten wie die grünende Flur vom hellen Streiflicht der aufgehenden Sonne.

Dem heimgekehrten Sohne war die Freude des Wiedersehens von Vater und Mutter leise getrübt durch die Wahrnehmung, wie die so sehr Geliebten seitdem merkbar gealtert hatten.

Die Heimat übte auf den gereiften jungen Mann ihre wohltätigen Zauberkräfte. Manches erschien ihm zwar jetzt in verändertem Lichte; der rosige Schimmer der Jugend hatte der wenig phantastischen Tagesbeleuchtung weichen müssen. Aber er hatte hier seine Jugend verlebt, und wenn er um sich schaute, so sproßten auf jedem Platze, aus jedem Busch in Feld und Wald alte Erinnerungen auf, die ihm, wie Blumen, ihre erquicklichen Düfte zuwehten.

Doch nicht als Träumer und Phantast war er zurückgekehrt: obwohl er sich anfangs vorgenommen, sein Besuch solle nur ein vorübergehender sein, so war sein ganzes Sinnen und Trachten doch alsbald auf Tätigkeit und festen Lebensberuf gerichtet. Seit der Einkehr in Wildenstein schien es, habe er ein ungewisses Streben ins Weite aufgegeben; und schon in den ersten Tagen seiner Wiederkunft ward ihm durch Romulus eine wohl zu erwägende Idee geboten.

Dieser, der langjährige Student, hatte, wie er seinem Freunde Hieronymus vor Jahren schon geschrieben, wirklich umgesattelt und sich dem Schulfach zugewendet. In Donaueschingen, wo er bei dem dortigen Normallehrer und Musikpräzeptor Unterricht genommen, hatte er ein gutes Examen gemacht und alsogleich auch eine Anstellung auf dem Wald erhalten. Bei einem Besuch in der Heimat war er mit Hieronymus unter anderm auch auf die Uhrenindustrie zu reden gekommen, welche Industrie in dem Tal, wo er den Schuldienst versah, besonders schwunghaft betrieben wurde. Namentlich die Uhrenschildmalerei war es, welche zur Zeit mehr und mehr selbständig sich ausbildete. Zu den größeren Spieluhren mit Gestellen und Säulchen wurden ganze Tableaux verlangt, die geübtere Kräfte als die bisherigen verlangten; und Romulus machte seinem Freunde den Vorschlag, die Sache in die Hand zu nehmen.

Hieronymus war nicht abgeneigt. – Ein Anfang ward gemacht; ein gesegneter Fortgang fehlte nicht. Denn nach kurzer Zeit waren seine Arbeiten weit und breit in der Umgegend bekannt und gesucht. – Eine Uhrenhändler-Compagnie bot ihm bald auch Kapitalien zur Vergrößerung des Geschäftes, aber er schlug es aus, um seine Selbständigkeit nicht zu gefährden. – Wo aber ein guter Grund gelegt, das Gedeihen sichtbar ist, da wenden die Augen der Nachbarn sich hin; denn sie wissen mit Salomo, daß im Hause des Weisen ein lieblicher Schatz sei.

Der Stabhalter, praktisch in allem, was er tat, gab dem Meister Schildmaler nicht undeutlich zu verstehen, daß er noch eine zweite hübsche Tochter habe und auch imstand sein würde, einem braven Schwiegersohn nachhaltig unter die Arme zu greifen. – Aber auch in diesem, wie im Punkte des Anerbietens der Uhrenhändler-Compagnie, schien Hieronymus ziemlich harthörig zu sein. – Und wo der Sitz des Übels lag, konnte entnommen werden aus einem Zwiegespräch in Hüfingen, wohin Hieronymus gegangen war, um seine dortigen Freunde zu besuchen.

Es war am Herz-Jesu-Fest, welches Fest der Stadt immer viele Gäste aus der Umgebung zubrachte. Auch das Bäbele von Wildenstein war zum Besuch der alten Eltern gekommen. Die kirchlichen Feierlichkeiten waren vorüber und die Familie und Hieronymus im Hausgärtlein versammelt, den lauen Sommerabend im Freien zu genießen. Man plauderte von allerlei; und als endlich die Mutter Annakäther ins Haus sich begeben, um ein Nachtessen zu richten und auch ihr Mann sich vom Bänklein erhoben hatte, um die Vogelkäfige aus dem Garten in die Stube zu bringen, hatte Hieronymus mit der Verwaltersfrau, in den Wegen auf und abgehend, ein Gespräch angefangen.

Das Herz-Jesu-Fest „welches Hüfingen immer viele Gäste aus der Umgebung zubrachte“ wird heute noch in Fürstenberg gefeiert. Das traditionelle Fest findet stets zehn Tage nach Fronleichnam statt und gehört heute noch zu den kirchlichen Höhepunkten der Fürstenberger.

Die Frau äußerte sich scherzhaft über sein Glück und gratulierte ihm zu den vorteilhaften Heiratsanträgen, die ihm, wie sie von ihrer Mutter gehört, gemacht worden seien. Hieronymus ging auf den Scherz ein. „Ich bin ein Glückskind“, sagte er, „Ihr habt Recht, Base, und ich muß Euch auch gestehen, daß ich das Heiratskapitel seit neuerer Zeit öfter in Betracht ziehe. – Zum freiwillig ledigen Stand, mein‘ ich, gehört ein gewisses Genie – oder aber eine solche Selbstgenügsamkeit, wie sie mein Freund Severin besitzt. Zu beidem fühl‘ ich keine Anlage in mir. Meiner Natur nach bin ich mehr zum folgsamen Ehemann geschaffen.

„Folgsam“, wiederholte die Base lachend, „das ist eine Tugend, die eine Frau sehr glücklich machen kann. – Da Ihr aber, wie man hört, so heiklich seid, so wär ich doch begierig auf Eure Wahl.“ „Vielleicht ist sie gar schon getroffen, diese Wahl!“ warf Hieronymus zum Ernst übergehend hin. „Ich will offen mit Euch reden, Frau Bas. – Seht, als ich im vorigen Herbst auf der Heimreis‘ bei Euch auf Wildenstein eingekehrt bin, da ist es dem lang in der Fremde gewanderten Menschen wieder einmal recht heimelig ums Herz worden; und ich gesteh’s, als ich das treue Walten und Schaffen Eurer Helene gesehen, hab ich unwillkürlich den Mann beneidet, dem sie der Himmel einst als Frau an die Seite setzen wird. „Euer Gusto ist nicht der schlechteste“, versetzte schalkhaft die Base. „Ei, ei, am End werd ich gar meine Haushälterin und Lehrerin meiner Kinder einbüßen sollen. – Bedenkt doch -“ „Bedenken? Was soll ich bedenken? Daß ein so braves Mädchen nicht mehr frei sein werde – nicht wahr?“ „Richtig, etwas ähnliches hab ich sagen wollen. – Ich will Euch ein Geheimnis mitteilen, Vetter, obwohl man nicht aus der Schul schwätzen soll. – Ihr wißt, jedermann hat Geheimnisse, so ein Heiligtum, in welches nur Vertraute zuweilen einen Blick tun dürfen. Als mir Helene einmal ihre Andenken aus früheren Jahren im Haus ihrer Pflegeeltern gezeigt hat, hab ich auch etwas dabei gefunden, so wie – alte Liebe rostet nit.“

„Briefe vielleicht, von irgendeinem Verehrer?“ fragte Hieronymus ein wenig betroffen.
„Nicht weit neben die Scheibe geschossen“, entgegnete lächelnd die Frau, „’s ist so was gewesen – wie schön gemalte Neujahrswünsch‘: Spann auf den goldenen Bogen, Aurora, schönste Frau, und dergleichen; und das Mädchen hat mir gestanden, daß sie von jemand herrührten, den es nicht vergessen könne!“
„Also so sorgsam immer noch aufgehoben?“ fragte Hieronymus in einem Ton, der nichts weniger als gleichgültig klang. „Ja – es sind schöne Zeiten gewesen!“ setzte er bei – und die Base glaubte zu bemerken – obwohl es schon dunkelte und die Fledermäuse bereits um die alte Stadtmauer und um das Gärtlein flatterten – zu sehen glaubte sie, daß es freudig, wie ein heller Strahl über das Gesicht des jungen Meisters hinziehe.

„Aber noch ein’s“, nahm die Base wieder das Wort: „Vermögen -“ „Hat sie keines!“ unterbrach sie rasch Hieronymus. „Das weiß ich. Aber ich denk, ihre guten haushälterischen Eigenschaften bilden ein Kapital, das sich reichlich verzinsen wird.“ „Wenn Ihr so rechnet, Vetter“, entgegnete die Frau, „so könnt ich mich vielleicht dazu verstehen, Euch einen Liebesdienst zu erweisen.“ „Ich nehm Euch beim Wort, Frau Bas!“ versetzte Hieronymus lebhaft, ihre Hand ergreifend. – Und noch denselben Abend verfaßte er ein Schreiben an Helene, welches die Verwaltersfrau bestens zu besorgen versprach. – Das Fräulein möge nicht übel aufnehmen, schrieb er, wenn er sich die Freiheit nehme, einen Brief an sie zu richten; es müsse einmal gewagt sein. Eilig, wie ein rasch fließendes Waldwasser dränge es ihn dem Ziele zu. – Er komme sich vor wie Noah in der Arche, der die Taube ausgeschickt habe, die, so hoffe er, nun auch für ihn mit dem Olzweig zurückkehren werde – usw.

Des andern Morgens zogen beide Paare von dannen; das Bäbele nämlich mit dem Brief nach Wildenstein, Meister Hieronymus mit seiner Hoffnung nach Laubhausen. – Und wir können nur wünschen, daß die Liebesbötin ihr Anbefohlenes fester verwahrt gehalten als der Antragsteller seine Hoffnung. Denn unterwegs schon kamen ihm allerlei Zweifel über die Aufnahme seines eiligen Briefes. – War es vielleicht Selbsttäuschung, als er auf Wildenstein in den Augen des Mädchens ein besonderes Wohlwollen gegen ihn zu erblicken vermeinte? – Doch – wenn er dann wieder an die Mitteilungen der Base dachte, so war es ihm, als wehe ihn frische Morgenluft an, alle Zweifel zerstreuend.

Zu Hause angekommen, zählte der ungeduldige Mensch Tage und Stunden – es war unmöglich, daß so bald Antwort da sein konnte, und doch blickte er jeden Morgen die Straße entlang, auf welcher der Amtsbot, der auch alle Privatbriefe besorgte, zu kommen pflegte. Mitten in diese mühende Unentschiedenheit hinein fiel aber ein Ereignis, welches, einem Meteorstein ähnlich, die ganze Nachbarschaft in Aufregung versetzte.

Wie eine alte, breit gewurzelte Tanne Generationen absterben und jüngere um sich heranwachsen sieht und, in scheinbar unverwüstlicher Zähigkeit Wind und Wetter trotzend, immer dieselbe bleibt – also lebte stets noch der greise Köhler Klaus, versah sein Handwerk mit der gewohnten Sorglichkeit. – An seinen Schürbaum gelehnt, sah der Alte in jenen Tagen einen fremden Mann dem Kohlplatz zuschreiten. Er hielt den Wanderer seiner Kleidung nach für einen Jakobsbruder, der auf dem Wege nach Hüfingen im Begriffe stehe, zum dortigen Jakobifest zu pilgern.

Jakobusbrunnen

Und noch ein Kirchenfest: Das Jakobifest.
In Hüfingen ist schon seit dem Mittelalter ein Abzweig zum Jakobusweg. In früheren Zeiten gab es in Hüfingen viele Pilger. Ein Pilger auf dem Weg war deshalb ein Jakobsbruder.

Der Fremde war angetan mit einem braunen Pilgergewand, während ein breitrandiger Hut sein ernst schauendes Gesicht beschattete, welches in stark ausgeprägten Zügen tiefe Spuren ungewöhnlicher Erlebnisse trug. Der Ankömmling hatte den Alten begrüßt und, wie es schien, ermüdet dem rauchenden Meiler gegenüber auf dem Rasen Platz genommen. Fragen an den Alten hatte dieser in gewohnter Dienstfertigkeit beantwortet. Nachdem der Unbekannte die große, altersgraue Gestalt des Köhlers einige Augenblicke unverwandt angeblickt, sagte er forschend: „Wie geht es Eurer Familie?“
„Des Stabhalters, meint Ihr? – Gut, gottlob!“
„Und Eurem andern Schwiegersohn?“
Der Alte schwieg betroffen und mißtrauisch.
„Ich habe gehört, er lebe noch“, fing der Fremde wieder an. „
„Würdet Ihr ihn wieder erkennen, alter Vater, wenn er jetzt auf einmal vor Euch stünde?“ Klaus schaute blitzenden Auges dem Manne ins Gesicht. – „Tolberg“ schrie er in heftiger Bewegung. „Weich, Versucher!“ Und zum gewaltigen Schlag ausholend, schwang der Köhler den Schürbaum.

Der Pilgersmann aber nahm den Hut vom Kopfe und sagte gelassen:
„Schlagt zu, wenn es dann besser ist! – Seht her, Vater, meine Haare sind so grau wie die Eurigen.“ – Da ließ der Alte die Arme sinken und stöhnte: „Und Euer Kind?“„Werdet Ihr wiedersehen, wenn es Gottes Wille ist“, versicherte Tolberg.

„Und mein ungeratener Sohn – Euer Kamerad?“
„Dieter“, entgegnete zögernd der Schwiegersohn, „dem wird Gott gnädig sein!“
„Also tot! – Gott verzeih ihm, wie ihm sein Vater verzeiht.“ Der Alte mußte sich setzen, seine Knie wankten.
„Ihr sollt alles hören – über alles Auskunft erhalten – aber jetzt faßt Euch, kommt zur Hütte und von da in Euer Haus – laßt den Jungen hier beim Geschäft zurückkommt!“

Tolberg faßte den alten Mann am Arme, ihn nach der Hütte zuführend; und nach kurzem Verweilen sah man sie weiterschreiten, in der Richtung nach der Wohnung des Köhlers. Klaus hatte niemanden noch den Namen des Fremden genannt, doch verbreitete sich bald das Gerücht, Tolberg sei wieder da und suche seine verlorene Tochter, welche mit den Landfahrern herumziehe. Von dem Angekommenen wußte man nur so viel, daß er, nachdem er in früher Morgenstunde lange auf dem Grabe Johannas verweilt, des andern Tages schon wieder das Tal verlassen habe.

Nach etwa einer Woche war der Fremde bei Nacht wieder im Haus des Köhlers angekommen, und gleich des andern Morgens in der Frühe empfing Meister Hieronymus in seiner Werkstatt ein Handbillett, von Tolberg unterzeichnet, worin dieser ihn, einer notwendigen Unterredung halber, zu sich ins Haus des Köhlers einlud. Der Meister säumte nicht lange, denn es war ihm alsobald klar, daß man von ihm Auskunft erwarte über Herrn Tolbergs Tochter, mit welcher er ja in früher Jugend so oft zusammen war und welche er vor wenig Jahren noch bei den Vaganten getroffen hatte.

In der Wohnstube des Köhlers eingetreten, fand Hieronymus daselbst einen ältlichen, mildernst aussehenden Herrn, welcher, nachdem er sich überzeugt, daß er in dem Angekommenen den rechten Mann vor sich habe, also anfing: „Entschuldiget, junger Freund, daß ich Euch hierher bemüht – ich heiße Tolberg – ohne Zweifel habt Ihr diesen Namen schon nennen gehört und wißt auch, daß ich der Schwiegersohn des Forbachklaus bin. Daß ich ein Töchterlein hier zurückgelassen, wird Euch ebenfalls nicht fremd sein – ja, man sagte mir, daß Ihr sie näher kennen sollet.“

„Wenn ich nicht irre“, versetzte zögernd Hieronymus, „so kenne ich sie allerdings, wir waren früher oft zusammen. – Doch jetzt im Augenblick wär ich nicht imstande“ – Der Sprecher stockte, es war ihm ein zu heikler Punkt, die fatale Vagantengeschichte zu berühren.

„Ich verstehe schon“, fiel der alte Herr ein, „ich will jedoch gleich von der Hauptsache mit Euch reden. – Nachdem der Himmel die Tochter glücklich in die Arme ihres Vaters zurückgeführt hat, gestand mir das Mädchen, als ich sie nach allen ihren Lebensumständen genau befragte, daß sie ihr Vertrauen und ihre ganze Lebenshoffnung schon von früher her auf einen wackern jungen Mann gesetzt habe; sie glaubt auch, daß ihr besagter junger Mann wohl zugetan sei. – Ich habe“, fuhr er mit bewegter Stimme weiter, „ich habe in diesem Punkte eine zu herbe Schule durchgemacht, als daß ich der Neigung meines Kindes hemmend in den Weg treten möchte. – Weil mir nun“, schloß der Sprecher mit lächelnder Miene, „das Mädchen einen gewissen Hieronymus als ihren Freund bezeichnet – so hab ich Euch heute hierher rufen lassen.“

Dem Angeredeten war es bei dieser Wendung der Rede siedend heiß geworden, er erinnerte sich wieder der Zutunlichkeit Schön Rösels gegen ihn, als er sie damals im Walde getroffen. – Verwirrt und verlegen, wußte er nicht alsogleich etwas Passendes zu erwidern.

Herr Tolberg, der sein Schweigen für Schüchternheit auslegen mochte, fuhr ermunternd fort: „Ich wünsche, junger Freund, daß Ihr in allen Stücken Euer Zutrauen auf mich setzen möchte; ich höre, daß Ihr tätig und strebsam seid – ist Euch mit einem Kapitälchen zur Erweiterung Eures Geschäftes gedient, so sprecht offen.“

„Verehrtester Herr*, fiel jetzt Hieronymus mit Entschiedenheit ein, „für Euren gütigen Antrag muß ich höflich danken. Ich glaube vorerst mit Fleiß und Beharrlichkeit mein vorgestecktes Ziel ohne fremde Hilfe zu erreichen. Was aber das andere, nämlich Eure Tochter anbetrifft, so will ich offen und aufrichtig gegen Euch sein, wie Ihr es gegen mich seid. – Eure Tochter, ja, ich habe sie gekannt schon in frühester Jugend, sie war meine Gespielin, ich erinnere mich auch, daß sie immer besonders freundlich gegen mich gewesen ist – doch die Jahre und Verhältnisse haben uns getrennt – es sind vielleicht schon sechs bis sieben Jahre oder noch länger, seit ich sie zum letzten Mal im Wald – in der Nähe des Grumbentobels – gesehen und gesprochen habe.“ Die Geschichte am Stöckle-Turm kam ihm zwar auf die Zunge, doch hielt er stockend inne.

Tolberg schaute den Sprecher groß an, aber Hieronymus fuhr fort: „ Wenn sie aber ihr Vertrauen in mich gesetzt hat, so tut’s mir herzlich leid. – Meine Hoffnung und mein Entschluß stehen fest. – Ich kenne ein Mädchen, und wenn es geht, wie ich hoffe, und sie mir ihre Neigung zugewendet und Gott meinem Tun und Schaffen Gedeihen schenkt, so soll niemand als sie die Gefährtin meines Lebens sein. Und wenn ich heute zum Millionär, ja zum König würde, so sollte keine andere als sie meine Königin sein.

In Tolbergs Mienen drückten Erstaunen und Betroffenheit sich immer deutlicher aus. „Eure Gesinnungen muß man ehren; aber was redet Ihr da“, fügte er kopfschüttelnd bei, „vom Wald, von sieben Jahren?“ Der junge Meister fühlte seine Lage immer peinlicher werden. Tolberg aber schritt unwirsch, fast verdrießlich nach der Kammertür: „Da, sprecht selbst miteinander, ich kann nicht klug werden aus der Geschichte.“

Halb starr blickte Hieronymus auf die geöffnete Tür, als befürchtete er einen Auftritt wie weiland in der unterirdischen Bettelküche. Da trat Tolberg wieder ein, an seiner Hand – nicht Schön Rösel, sondern – Helena in all ihrer Lieblichkeit, gleich einer in lauer Frühlingsnacht aufgebrochenen Rose.

Wie von bösem Zauber gebannt stand der Freund da – also Helene des reichen Tolbergs Tochter! Dieser Gedanke durchfuhr ihn blitzschnell, und er vermeinte seine Hoffnung vor seinen Augen versinken zu sehen. – Lächelnd aber trat das Mädchen auf ihn zu. „Ich bin Euch Antwort schuldig – Hieronymus -!“ sagte sie treuherzig. „Hier!“ Und damit legte sie ihre Rechte in die seinige. Und freudig überrascht drückte der Überglückliche ihre Hand an seine Brust. Überlassen wir jedoch die beiden ihrem Glücke und wenden uns, wie der Leser wohl nicht anders erwarten wird, zunächst der Geschichte Tolbergs zu.

Nach der Zurückkunft ins Vaterhaus lebte der junge Mann in der ersten Zeit noch ganz dem Andenken seiner Johanna. Wenn die Verhältnisse ihn wie ein lastendes Gewicht niederdrückten, schwangen sich die Gedanken in jene friedlichen Tannenwälder – wo ein liebendes Weib seiner harrte.

Nicht allzulange jedoch konnte sein leicht veränderlich Wesen festhalten an solch sehnsüchtig unbefriedigenden Schattenbildern. Der Tod Johannas traf bereits den für die Welt erzogenen Sohn reicher Eltern in einer Stimmung merklich verkühlten Herzens, und es kam bald so weit, daß der junge Herr seiner Verbindung mit jener Tochter des Waldes kaum noch als eines unüberlegten Streiches, einer jugendlichen Verirrung gedachte.

Wohl lag die Versorgung des hinterbliebenen Kindes dem von Natur aus nicht zum gewissenlosen Menschen geschaffenen Vater am Herzen. – Dieses Kind jedoch mußte auswärts erzogen werden; der Jugendstreich des Sohnes sollte und mußte vertuscht bleiben – so wollte es die Ehre des Hauses. – Der Sohn erinnerte sich jener freundlichen Familie des Obervogts, die er während seines Aufenthaltes im Schwarzwalde kennengelernt. – Hier konnte man das Kind unterbringen. Fern von der verfeinerten und verbildeten Welt sollte das Töchterlein eine anständige, aber einfache Erziehung erhalten. Später, wenn sich die Verhältnisse geändert, kalkulierte der Vater, konnte die herangewachsene Tochter ja immer noch in die Arme ihres unbekannten Vaters zurückgeführt werden.

Durch den geistlichen Herrn in Laubhausen wurde die Sache auch befriedigend ins Reine gebracht. Der Obervogt mit seiner Familie war unterdessen von seinem früheren Posten abgerufen und in ein entferntes Städtchen des Kinzigtales, später als Amtsrat nach Hüfingen versetzt worden. Ein regelmäßiges Jahresgehalt sollte für die Mühen und übernommene Pflege entschädigen.

Nachdem sich dieser Knoten im Leben des jungen Herrn Tolberg so befriedigend gelöst, hatte er der Stimme der Vernunft und der seines Vaters so weit Gehör gegeben, daß er für gut fand, sich wieder zu verheiraten. Es war begreiflich eine vorteilhafte Partie, eine Heirat nach der Mode. Ein Sohn, dieser Verbindung entsprossen, wurde in Paris erzogen. Nach dem Tode des alten Fabrikherrn aber waren die Bande der ehelichen Liebe bereits schon so lose geworden, daß eine beiderseits gewünschte Trennung des Paares erfolgte.

Die Vorläufer der Revolution hatten sich eingestellt. Man weiß, welch ein Schauplatz von Unfug und Greueln gleich zu Anfang dieses Weltereignisses das Elsaß gewesen. Tolberg war es gelungen, zu rechter Zeit noch einen, wenn auch kleinen Teil seines Vermögens nach Basel in Sicherheit zu bringen. Zur Flucht aber wollte er sich nicht entschließen, wie viele Freunde ihm auch das Beispiel dazu gegeben.

Da geschah es eines Tages, als er kurz vorher einen anonymen Warnungsbrief erhalten, daß ein ungebetener, lange nicht mehr gesehener Gast vor den ernstnachdenklichen Fabrikherrn trat. Es war ein verwahrloster, wildaussehender Mensch, nicht mehr jung. Auf dem schwarzen Filzhütlein, welches er beim Eintritt in das Wohnzimmer kaum ein wenig beiseite gerückt, prangte eine große dreifarbige Kokarde; eine schlotterig umgeschlagene Halsbinde verbarg Hals und Kinn, halbzerrissene, gestreifte weiße Pantalons, ein blautuchenes Militärkolett mit rotwollenen Epauletten bezeichneten einen Neufranken, der Dialekt aber, in welchem sich der branntweinduftende Bruder an den Hausherrn wendete, einen verkommenen Deutschen.

„Bon jour, lieber Schwager!“ lautete die Begrüßung. In merklicher Unruhe und mit einem Blick des Unwillens auf den Sprecher erhob sich Tolberg, ohne etwas zu erwidern. „Ich weiß“, fuhr der Eingetretene in maliziösem Tone fort, „daß ich hier, bei meinen lieben Verwandten, immer gerne gesehen und mit Ungeduld erwartet werde.“ „Du kommst“, fuhr Tolberg heraus, „jetzt gerade sehr ungelegen.“ „Ungelegen?“ wiederholte der andere höhnisch, „ich, der Dieter, das Genie, wie man mich früher zu nennen beliebte.“ „Zu oft schon hast du meine Güte mißbraucht mit deiner Zudringlichkeit.“

„Oho“, brauste Dieter auf, denn er war es wirklich, „aus dem Ton beliebt man aufzuspielen – ich bin jetzt der zudringliche Lump? – Ah, richtig, ich hab ja keine hübsche Schwester mehr, mit welcher sich der Herr en passant verlustieren könnte – doch jene Zeiten sind vorüber, und jetzt wirft man den Dieter in den Winkel wie einen durchgetretenen Stiefel. – Ah foudre!“ schrie der halbbetrunkene Altgeselle in anscheinender Erbosung, „verdammter Royalist; Kerl! ich spieß dich wie ein zappelnder Frosch!“ Er hatte aus einem Knotenstock, den er in der Linken hielt, einen Stockdegen gezogen und die spitze Klinge dem zitternden, erblassenden Tolberg auf die Brust gesetzt.

„Doch halt! Du dauerst mich – Schwager, du steckst in böser Haut – und der gutmütige Dieter, dem man schon so oft in diesem Haus die Tür gewiesen, das gutmütige Bruderherz kommt, um dich zu verwarnen. – Schau, die Axt ist am Baum – der Klub in Schlettstadt hat deinen Untergang beschlossen – bin ich nicht sein Mitglied – und ist nicht sein Vorstand mein deutscher Landsmann aus dem Badischen? – Wenn Monsieur Tolberg, der Aristokrat, nicht heut abend noch vor Sonnenuntergang das Felleisen schnürt, so“ – hier fuhr Dieter mit dem Finger quer über den Hals. – Tolberg erblaßte. „Schau“, fuhr der Klubist fort, „Dieter, das Genie, hat so spekuliert: du warnst den sorglosen Schwager und hilfst ihm in der Eil einige Trümmer seines Reichtums retten. – Fraternité, egalité, brüderliche Teilung – auch dem Republikaner liegt das Hemd näher als der Rock!“

Ehe jedoch Tolberg etwas auf diesen Vorschlag entgegnen konnte, wurde die Türe des Gemaches aufgerissen, ein Diener stürzte herein: „Rettet Euch, Herr, wir sind verloren!« keuchte der Mann. – Als wär eine Bombe in das Haus gefallen, also wirkte diese Hiobsbotschaft. – Sei es, daß man sich zu einer Flucht schon länger versehen – Tolberg eilt in das anstoßende Kabinett, reißt einen Koffer auf, nimmt daraus eine Schatulle und verschwindet durch ein zweites Zimmer – sein Diener hinter ihm her.

Dieter, wie ein Rüde, dem die nahe Beute entrinnt, stürzt den Flüchtigen nach, Tolberg und der treue Diener durcheilen den anstoßenden Garten, übersteigen die Mauer und gelangen glücklich ins Freie. Der Ort war aber schon umstellt von den Sendlingen des Schlettstadter Klubs. – In dem Augenblick, als der zu Tod erschrockene Fabrikherr mit seinem Diener querfeldein gegen ein nahes Gehölz sich wenden will, vertritt ihnen Dieter den Weg – wie eine Katze war er hinter den beiden her über die Mauer geklettert.

„Halt!“ schrie er mit vorgehaltener Klinge. „Die Schatulle, das Geld – so entkommst du mir nicht!“ Eine Minute verloren und alles verloren. – Tolberg wirft die hemmende Last von sich – aber vom Garten her nahen Stimmen – sie waren entdeckt. – Einige Schüsse krachen. – „Ich hab mein Teil!“ röchelt Dieter, vorwärts aufs Angesicht fallend über die Geldkiste, die er eben im Begriff war aufzuheben. Die andern rennen gegen den Wald, aber auch von dieser Seite kommen Bewaffnete, schneiden ihnen den Weg ab und bringen die Flüchtlinge zur Haft.

Tolbergs Güter wurden konfisziert, er selbst in den Kerker geworfen. Das über dem Haupte des Unglücklichen schwebende Fallbeil sollte übrigens sein Opfer nicht erreichen. Tolberg hatte Mittel und Wege gefunden, aus dem Gefängnis zu entkommen. Ein ehemaliger Handelsfreund verbarg ihn in seinem Hause; nachts führte ein vertrauter Knecht den Verkleideten aus der Stadt. – Als Tolberg beim Scheine einer Straßenlaterne dem stummen Führer ins Gesicht schaute, erschrak er innerlich – er glaubte Kolumban, den ehemaligen Köhlerknecht des Forbachklaus, vor sich zu sehen. – Beim Abschied wollte er ein Geldstück in die Hände des Führers drücken – der Mann wies es von sich. – „Ich kenn Euch“ – sagte er trocken zu dem Flüchtling, „behaltet in Gottes Namen, was Ihr habt.“ –

Nach wochenlangem Umherirren war es Tolberg gelungen, Nizza zu erreichen. Ein toskanisches Handelsschiff, welches nach Livorno segelte, nahm ihn auf. Am zweiten Tage der Fahrt aber wurde das Schiff von algerischen Korsaren angegriffen, genommen und nach Oran gebracht. Das Los Tolbergs wie all seiner Gefährten war die Sklaverei.

Zu harter Feldarbeit angehalten, hatte der Unglückliche jetzt Muße genug, während manchen schlaflosen Nächten sein bisheriges Leben zu überblicken. Ein Strahl bessernder Selbsterkenntnis mußte in sein Inneres gefallen sein. Seine Hände falteten sich oft zum Gebet – und wenn ihn sein Geschäft an den Meeresstrand führte, blickte er tränengefüllten Auges über die endlose Flut, die ihn trennte von allem, was ihm einst angehört.

Es waren viele Jahre verflossen, der Sklave hatte seinen Herrn gewechselt, und sein neuer Dienst führte ihn bisweilen in das sardinische Konsulatsgebäude. Dort gelang es ihm, Verbindungen zu knüpfen und endlich durch die bereitwillige Vermittlung des humanen Konsuls aus Deutschland sich die nötigen Gelder zu seinem Loskauf zu beschaffen.

Der Freigelassene hatte seinen Weg zunächst nach Italien genommen und nach glücklicher Fahrt in Civitavechia gelandet, gerade in dem Augenblick, als zur Feier eines christlichen Festtages hehres Geläute von den Türmen der Hafenstadt erschallte. – Überwältigt von dem Eindrucke dieses lange nicht mehr gehörten Klanges, fiel der Pilgrim auf sein Antlitz, und Tränen benetzten den Boden. – Sein nächstes Reiseziel war Rom. Von da pilgerte er weiter der Schweiz zu, wo jedoch sein Aufenthalt nicht länger dauerte, als es zum flüchtigen Ordnen seiner Vermögensverhältnisse vonnöten gewesen.

Hier erfuhr Tolberg denn auch das Schicksal seines in Paris zurückgebliebenen Sohnes; er war bald nach der Flucht des Vaters als ein Opfer der Revolution gefallen. Jetzt wanderte der Pilger rastlos dem Schwarzwalde zu, denn in die Heimat und die früheren Lebensverhältnisse zurückkehren mochte er nun nicht mehr. Nachdem Tolberg, wie wir gesehen, den alten Schwiegervater noch am Leben gefunden, galt der nächste Besuch der verwitweten Amtsrätin.

Die gute Frau konnte ihren Augen kaum trauen, als sie den längst Verschollenen vor sich sah, von dem sie nur wußte, daß er dem Blutgerüste entkommen und geflüchtet wäre. Stets noch auf die mögliche Rückkehr des Geächteten hoffend, hatte sie, dem gegebenen Worte treu, immer noch gezögert, die Pflegetochter mit ihren Verwandten auf dem Walde bekannt zu machen. Das Fortziehen des Mädchens aber zur befreundeten Familie durfte der Frau um so unbedenklicher scheinen, als es überhaupt nicht in ihrer Macht gestanden, solches zu verhindern. Zudem waren die Jahresgelder, welche man sonst regelmäßig bezogen, seit dem Verschwinden Tolbergs ausgeblieben.

Dokumente über Heimat und Abkunft der Pflegetochter, welche der Amtsrätin früher schon durch den alten geistlichen Herrn eingehändigt worden, hatte die Frau, für den Fall unerwarteten Todes, bei Gericht niedergelegt. Eben war Helena den Ihrigen bei einer Feldarbeit behilflich, als sie mit dem Bedeuten nach Hause gerufen wurde, daß der Bruder ihres unbekannten Vaters, dem sie manches zu danken habe, auf Wildenstein angekommen sei und sie alsogleich zu sprechen wünsche.

In ihrer ländlichen Kleidung, die Ärmel aufgeschürzt, betrat das Mädchen die mittelalterliche Verwalterswohnung, wo Tolberg ihrer harrte. – Bei diesem Anblicke Helenens ward der Vater fast sprachlos, er glaubte, Johanna vor sich zu sehen. – Helena aber eilte mit liebenswürdiger Hast auf ihn zu, ergriff seine Hand und bedeckte sie niedergebeugt zu seinen Füßen mit Küssen. „Gott, der Vergelter alles Guten“, sprach sie mit bebender Stimme, „lohne Ihnen alle Wohltaten, die Ihre Güte einer Waise in so reichlichem Maße gespendet!“

Kaum fühlte der alte Herr noch genug Kräfte, das dankbare Kind aufzurichten und an sein Herz zu drücken. – „Keine Waise“ – rief er, „meine Tochter, mein gutes geliebtes Kind!« Vater und Tochter umfaßten sich und hielten sich in langer, sprachloser Umarmung. – Als nach diesem Wiederfinden die Frau Amtsrätin in die Stube trat, flüchtete sich Helena aus der Umarmung des Vaters an die Brust der Pflegemutter; und in Liebe, Dank und elterlicher Wonne schlugen drei bewegte Herzen.

Ein neuer schöner Tag für Helena war derjenige, welcher sie in das Tal zurückführte, wo ihre Wiege stand, zu ihren Verwandten und vor allem in die Arme der leiblichen Schwester ihrer seligen Mutter. Dem alten Klaus war jetzt noch die Freude beschieden, seiner Enkelin, der Tochter der unvergeßlichen Johanna, noch einmal ins Gesicht zu schauen. Mit besonderer Freundschaft und Innigkeit schloß sich auch Florentina an die bräutliche Helena an.

Was aber soll ich erzählen von Vater Mathias, von Mutter Anastasia? Im Sohne sah der Vater alle Hoffnungen erfüllt, und in Helena hatte die Mutter eine liebende Tochter, eine Pflegerin ihres Alters gefunden. Zum Sitze häuslichen Glückes war die niedere Hütte des greisen Paares geworden, welches bisher so mutig unter allen Lebensverhältnissen ausgeharrt. – Hieronymus hatte im Frühjahr in der Nachbarschaft ein Haus gekauft und vollständig sich darin schon eingerichtet. Von der Hochzeit unseres Brautpaares mag nur soviel berichtet werden, daß das familiäre Mahl in der Mühle stattgefunden.

Severin, unseres Meisters erprobter und langjähriger Freund, war seit einiger Zeit schon zu ihm auf den Wald gezogen. – Der Aufenthalt in der, wie er meinte, so geräuschvollen Stadt an der Land- und Heerstraße war ihm verleidet. Sprach man ja doch allenthalben schon wieder von einem Kriege. Und der Junggeselle fürchtete nichts so sehr, als wieder Einquartierung zu bekommen. – Als Gehilfe und Mitarbeiter im Geschäfte der Schildmalerei war es vorzüglich die Aufgabe des kunstgeübten Altgesellen, die Gestelle oder Kasten der Spieluhren zu erbauen, zu schnitzen und in allerlei Art und Weise zu verzieren.

Durch Severin nun und Romulus war die geräumige Müllerstube für das Hochzeitsmahl bekränzt und mit passenden Inschriften geschmückt worden. Ein freundliches Geschick führte noch einmal alle unsere Bekannten hier zusammen. Wir sehen bei der fröhlichen Feier den Großvater, die Eltern und Pflegeltern der Brautleute, die Kinder von Helenens Pflegemutter, den Onkel Stabhalter mit Frau und Töchtern, Dionys und Florentina sowie den Laubhauser; unten am Tisch Philipp und Juliana, Peter und sein Agathle, den Kaiserzoller und sein Weib. – Der Feldwaibel als Veteran, mit dem wohlverdienten Ehrenzeichen auf der Brust, Frau Annakäther, die es sich jedoch nicht nehmen ließ, heute das Mahl bereiten zu helfen, der greise Schulmeister Bachweber, Severin und Romulus waren die andern Festgenossen.

An der Tafel sah man den letzteren eifrig beflissen, Platz zu finden neben Martina, der Herzenserkorenen, der zweiten Tochter des Stabhalters. Dieser war anfangs der Werbung des Normalschullehrers um sein Töchterlein nicht sonderlich hold gewesen; aber Juliana, gleichsam austilgend den Auftritt beim Ausmarsch ihres Landsturmmannes, war des Bewerbers eifrige Fürsprecherin beim Vater geworden und hatte diesen auch glücklich umzustimmen gewußt; und Romulus hatte die Freude, heute beim Mahl sich vom Stabhalter als Bräutigam und künftigen Schwiegersohn proklamiert – und von allen herzlich beglückwünscht zu sehen.

Etwas später erschien auch der junge Herr Pfarrer im Brauthause. Der alte geistliche Herr war bereits vor einigen Jahren heimgegangen und der Neffe ihm im Amte gefolgt. Der Verwalter von Wildenstein und das Bäbele, seine Frau, hatten der persönlichen Einladung der Brautleute leider keine Folge geben können, diese dagegen ihnen versprechen müssen, ihre Hochzeitsreise ins Donautal zu machen.

Wenn es wahr ist, daß verklärte Geister noch teilnehmen an den Leiden und Freuden der Lieben, welche sie hier zurückgelassen, wahrlich, so mußte es heute geschehen, wo Tolbergs Blicke oft und ausdrucksvoll auf der lieblichen Gestalt der Braut hafteten und das Bild der seligen Johanna vor seine Seele trat. Wenn in zweier Freundinnen Herzen je ein wehmütiger Gedanke sich einmischte, so war es die kindliche Treue, mit welcher Helena und Florentina dem Angedenken geliebter Toten ein stilles Opfer brachten.

Es muß angenehm gewesen sein, dies Opfer, denn der Geist ungetrübter Seelenheiterkeit schien fortwährend sich niedergelassen zu haben über alle, die da anwesend waren beim Festmahle. Allen war es, als gehörten sie einer Familie an, deren Glieder nach langer Trennung sich glücklich wiedergefunden.

Severins schön geschriebene Verse an der Stubentüre, an welcher zwei goldene, mit Rosenketten verschlungene H prangten, wurden zum eigentlichen Wahrspruch des Festes:

„Einigkeit, ein festes Band,
Halt zusammen Leut und Land;
Wenn all Uhren zugleich schlagen ein,
Wird Fried in allen Landen sein!“

Fahne der Jakobsbruderschaft

Eine etwa 300 Jahre alte Fahne der Jakobuspilgerbruderschaft erinnert noch heute an diese Pilgerwanderungen. Die Jakobusfahne wird an Fronleichnam bei Prozessionen mitgeführt und wurde vom FF Hofmaler Franz Joseph Weiß (*15.02.1735 Hüfingen – 14.06.1790 Donaueschingen) gefertigt (siehe Kapitel 17). Ebenfalls erinnert der Jakobusbrunnen vor dem Hüfinger Stadtmuseum und der Jakobusaltar in der Hüfinger Stadtkirche St. Verena und Gallus an die Jakobusverehrung.

Bildstock zu Ehren des Stadtpatrons St. Jakobus von Bernhard Wintermantel 1987

Hier geht es zu Kapitel 24:

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Die Wanderjahre
Neuigkeiten aus der Heimat
Mater dolorosa

Hieronymus Kapitel 22

Die Wanderjahre – Neuigkeiten aus der Heimat
Mater dolorosa

Es war in den ersten Tagen der Pfingstwoche, als Hieronymus mit den besten Zeugnissen von seinem Meister schied, um noch zwei Tage bei den Eltern zuzubringen – und dann die Wanderschaft anzutreten.

„Geld und Geldswert“, sagte der Vater beim Abschied, „können wir dir nit mitgeben. Sei fleißig und rechtschaffen – hab Gott vor Augen – und schick dich nach de Leut und – hast’s g’hört – schreib auch bald.“ Die Mutter aber, nachdem sie sein Felleisen sorglich mit dem Nötigsten versehen, legte obenauf noch ein hübsch eingebundenes Gebetbüchlein, das sie von einer Wallfahrt mitgebracht, die sie für das Wohlergehen des Sohnes zur Bildtanne nach Triberg unternommen hatte. „Halt’s in Ehren!“ bat sie und hielt ihm dann noch eine Vorlesung über die mitgegebenen Kleider und Weißzeugstücke und was alles noch nachgeschickt werden solle, wenn er einmal einen festen Platz haben werde – und ja nicht zu übersehen – unten im Felleisen werde er, für Notfälle, Nadel, Faden und Fingerhut finden, auch ein Dutzend Knöpfe; und sobald die Leinwand von der Bleiche komme, werde sie ihm noch ein halbes Dutzend neue Hemden anfertigen.

Ein Felleisen ist ein lederner Rucksack, der früher von Handwerksgesellen auf Wanderschaft getragen wurde.

Was es mit der Bildtanne in Triberg auf sich hat, läßt sich auf den überaus interessanten Seiten von Dieter Hund nachlesen

Auf dem Hof hatte Hieronymus die Tochter Florentina nicht mehr getroffen. – Sie war über die Feiertage auf Besuch zu ihren Verwandten, den Kaiserzollers, gegangen. – Der Hofbauer hatte dem Jüngling zur bevorstehenden Reise viel Glück und Segen gewünscht, die gute Hausfrau jedoch den Scheidenden bis vor die Türe begleitet und ihm in der Hausöhre noch ein paar Taler in die Hand gedrückt.

Beim Bachweber war des Gesellen letzte Beurlaubung. „Nimm auf deiner Wanderschaft“, sagte der alte Lehrer, „den Eulenspiegel zum Muster; ist’s bergan gegangen, hat er gelacht; ist’s aber abwärts gegangen, war er betrübt; denn, hat er gemeint, wenn es mühselig die Steig naufgeht, freu ich mich, weil ich denk, es werd auf der andern Seiten auch wieder abwärts gehen – und so umgekehrt. Auch du wirst auf deinem Wanderleben nit immer ebene Weg und Straßen antreffen, wirst steile Berg und tiefe Abgründ finden. – Verlier den Mut nit. Geh gradaus, weich nit ab vom rechten Weg, dann wirst du am sichersten zum Ziel gelangen.“ Und mit diesen Worten hatte der Alte aus dem Wandkästlein ein Büchslein genommen, nicht viel größer als eine Welschnuß, worin er das Schulgeld aufzubewahren pflegte. Er fischte zwei blanke Silberlinge heraus, reichte sie seinem ehemaligen Schüler mit den Worten: „Da – trink auf’s Wohl deines alten Lehrers – wenn er dir schon nit viel hat geben können, so war’s doch gut gemeint.“

Im „Felsen“ hatte das ehemals so anhängliche Kleeblatt sich noch ein Stelldichein gegeben. Auch Stoffel hatte versprechen müssen, sich einzufinden, er kam aber nicht. Dionys, zutunlicher denn je, machte den splendiden Wirt. Die Florentina und er, versicherte er den reisefertigen Freund, hätten die Zeit her oft von ihm gesprochen; sie hab immer gehofft, sie werd ihn auch noch sehen und ihm Adje sagen können. – Beim Scheiden war zwischen Hieronymus und Romulus ein fortdauernder Briefwechsel verabredet worden.

Früher hatte Hieronymus immer sich der Hoffnung hingegeben, Severin werde, den alten Plänen getreu, mit ihm ziehen auf die Wanderschaft. Daran aber war in der letzten Zeit nicht mehr zu denken gewesen. Der Gute war im Begriff, immer mehr – wie man zu sagen pflegt – sich einzudeckeln. Alle Lust und Freude an der Außenwelt war ihm vergangen. Die gewaltigen Ereignisse und Umgestaltungen der französischen Revolutions- und Kriegszeit, alles, was er sah und hörte oder zufällig einem Zeitungsblatt entnahm, hatte bei dem ohnehin zum enghäuslichen Stilleben geneigten Junggesellen den Glauben erzeugt, es gehe abwärts mit der Menschheit und es müsse nächstens ein noch größeres Strafgericht über sie hereinbrechen. – Selten mehr verließ er sein Stüblein und die Werkstatt. Sein frugales Mahl bereitete er sich selbst; und im Küchelein herrschte eine Ordnung und Reinlichkeit, wie sie die Hand auch der pünktlichsten Magd oder Hausfrau nicht größer herzustellen vermocht haben würde.

Der Gedanke ans Heiraten war aufgegeben. Severin schauderte bei der Vorstellung, die Erwählte könnte sich hinterher als unordentliche Hausfrau und als schlechte Köchin entpuppen. – „Ich mein“, hatte er einmal zu Hieronymus gesagt, als von diesem Kapitel die Rede gewesen, „auch die feurigst Liebe müß abkühlt werden, wenn die Frau als Sudelköchin dem Mann das Essen anricht!“ – Nicht minder Respekt hatte der sparsame Mensch vor solchen Gemahlschaften, bei denen die schönere Hälfte im Gefühl ihrer Batzen und sonstigen außerordentlichen Eigenschaften sich gewissermaßen für ein Juwel hält, dem ihr geplagter Pantoffelheld höchstens nur zur Fassung und Folie dienen soll. – Im Gegensatz zu solch einem Hausstand schien ihm sein Stüblein ein kleines Paradies zu sein, das er – als zufriedener Adam ohne Eva – recht gern jeden Morgen selbst auskehren und alle vier Wochen einmal eigenhändig auf waschen und fegen wollte.

Das Häuslein, in dem er so lange Zeit schon wohnte, hoffte Severin – wenn fortan jetzt Friede bleiben würde – dereinst käuflich zu erwerben. Und so fühlte er sich glücklich, zufrieden. Was wollte und konnte er Besseres in der weiten Welt noch suchen und finden?

Unser Wandergeselle hatte den Weg ins Schwäbische genommen. Im Kloster Marchtal fand er die erste Beschäftigung. Von da ging’s nach Ulm. Vom Nachfolger des verstorbenen Oberamtrats in Hüfingen war ihm durch Vermittlung des Meisters Amtsdiener ein Schreiben dorthin mitgegeben worden an den Wirt „Zum goldenen Greifen“, wo zu Kreiszeiten die Bevollmächtigten der Höfe Baden-Durlach und Fürstenberg Quartier zu nehmen pflegten. Der jetzige, zum Rat beförderte Amtmann, hatte als Gesandtschaftssekretär mehrmals längere Zeit dort gewohnt, und es war zu hoffen, daß der Greifenwirt, als geborener Ulmer, dem angehenden Handwerksgesellen mit Rat und Tat an die Hand gehen und Arbeit verschaffen werde. – Und wirklich gab er sich auch alle Mühe, dem gut empfohlenen Gesellen einen Platz ausfindig zu machen; allein es wollte nicht gelingen; die Geschäfte stockten, weil niemand recht dem Frieden traute. Der Name Bonaparte, der durch seine Siege in Italien die Welt in Staunen versetzte, schwebte auf aller Lippen. – Trotzdem tat’s der Wirt nicht anders, Hieronymus mußte ein paar Tage lang sein zechfreier Gast sein, um doch wenigstens die Merkwürdigkeiten der alten freien Reichsstadt in Augenschein nehmen zu können.

Der zweite Tag nach des Gesellen Ankunft war der Schwörtag des neu erwählten regierenden Bürgermeisters. Und so hatte er Gelegenheit, den Aufzug sämtlicher Zünfte nebst dem städtischen Offizierkorps zu sehen.

Hieronymus in Ulm
Über Ulm, den Schwörtag, das Rathaus und auch das Münster läßt sich vieles schreiben. Für alle interessierten verweise ich auf die überaus interessanten Seiten des Vereins für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben.

Am folgenden Tage wurde – zum erstenmal wieder seit Beginn des Krieges – das große Fischerstechen auf der Donau abgehalten, welch lustiger Wettkampf der Fischer- und Schifferzunft für Hieronymus ebenfalls ein ganz neues Schauspiel war.

Schon in Marchtal, wo er den Strom so mächtig daherfluten gesehen, war er nicht wenig stolz geworden auf seinen schwarzwäldischen Landsmann, der einst, sozusagen ein Kind noch, dem Kinde stets so viel Lust und Vergnügen bereitet. Wie oft hatte er als Bube, im Bade auf den glatten Kieseln und dem beweglichen Fischgras liegend, die murmelnde, sonnige Welle über sich hingleiten lassen! – Jetzt, in Ulm, hätt‘ er’s – obwohl ein leidlicher Schwimmer – nicht mehr gewagt, dem so groß und stark gewordenen Jugendfreund sich in den Arm zu werfen.

Auch noch ein weiteres Vergnügen verschaffte der Greifenwirt seinem Gaste, den freien Eintritt in das städtische Komödienhaus, wo zum Schluß des Festes eine Vorstellung stattfand. Schon einmal war ihm das Glück zuteil geworden, einen Blick tun zu dürfen in diese Zauberwelt. Es war anläßlich der Rückkehr des fürstenbergischen Hofes nach der Residenz Donaueschingen. Das Söhnlein des Verwalters in Hüfingen, welches außerordentliches Talent zum Singen und Klavierspielen entwickelte, war bestimmt, beim Festspiel in dem kurz vor dem Kriege neueingerichteten Hoftheater eine kleine Begrüßungsarie zu singen. Natürlich, daß sämtliche Hausfreunde des Verwalters der Vorstellung beiwohnten; und auch Hieronymus hatte durch seinen Meister Zutritt erhalten. Ein Marionettentheater war alles, was er bis dahin von der Bretterwelt gesehen, und wenn er damals diesen Maßstab auch nicht gerade in das Hoftheater mitgebracht, so wurden durch alles, was er dort zu sehen und zu hören bekam, seine Erwartungen und Vorstellungen doch so sehr übertroffen, daß er wie ein Verzückter aus dem Musentempel heraus und nach Haus gekommen war.

Es war anläßlich der Rückkehr des fürstenbergischen Hofes nach der Residenz Donaueschingen. Das Söhnlein des Verwalters in Hüfingen, welches außerordentliches Talent zum Singen und Klavierspielen entwickelte, war bestimmt, beim Festspiel in dem kurz vor dem Kriege neueingerichteten Hoftheater eine kleine Begrüßungsarie zu singen.

An früherer Stelle habe ich erwähnt dass der „Verwalter“ der Großvater von Lucian Reich war. So ist mit dem „Söhnlein“ der Onkel von Lucian Reich gemeint, also der Bruder seine Mutter. Der Bruder von Maria Josefa Reich (18. März 1788 -12. November 1866) war Johann Nepomuk Schelble (16. Mai 1789 in Hüfingen – 7. August 1837 in Hüfingen), der Gründer des Cäcilienvereins in Frankfurt a. M..
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Johann Nepomuk Schelble (1789 -1837)
Zeichnung von unbekannt.

Die Wiederholung dieses Hochgenusses bot unserm Gesellen jetzt um so mehr Interesse, als sämtliche Maschinen und Dekorationen nebst dem Vorhang kürzlich erst durch Künstler, welche ihre Ausbildung der berühmten Karlsschule zu Stuttgart verdankten, neu beschaffen worden waren. Namentlich war es der Vorhang, der alle Welt in Bewunderung versetzte und auch unsern Malergesellen nicht wenig staunen machte. Da sah man die Philosophie mit der „Person, welche“, wie die Ankündigung besagte, „Ulm vorstellte, von der Theorie und dem Nutzen der Schauspiele“ sich unterhalten, während der, als Flußgott gebildete Donaustrom, in Gesellschaft von Nymphen, Musen und Göttern, dem höchst interessantesten Diskurs aufmerksam zuhörte. – Das Stück selbst, in welchem eine unglückliche Liebe vorkam, rührte den guten Burschen zu Tränen. – Wie ein Träumer und Nachtwandler kam er nach dem Schlusse in den „Greifen“ zurück – und konnte gar nicht begreifen, wie die Bürger dort beim Schoppen von so ganz alltäglichen Dingen sich unterhalten konnten.

Bevor Hieronymus die altertümliche Reichsstadt verließ, besichtigte er auf Zureden seines Wirtes noch das Rathaus. – Bekanntlich herrschte bei unsern Altvordern das löbliche Bestreben, öffentliche Gebäude, zumal Rathäuser, mit Werken der Kunst und Sehenswürdigkeiten überhaupt zu zieren – oder, wo solche vorhanden, wenigstens doch zu erhalten.

Konnte das hiesige Rathaus mit seinen immerhin schönen, gotischen Fenstern und zackigen Giebeln auch keinen Vergleich aushalten mit dem Augsburger – welches Hieronymus bald nachher zu bewundern Gelegenheit hatte -, so sah er doch viel Schönes und Merkwürdiges daselbst, sowohl in der großen Ratsstube, wo vordem die Bürger dem Kaiser gehuldigt, als auch in dem Gemache, wo die Deputationen der Kreisstände sich zu versammeln pflegten: zierliches Getäfel, herrlich leuchtende Glasgemälde, die Wappen alter Ratsherren aus den Geschlechtern darstellend, Bildnisse berühmter Männer und geschichtliche und allegorische Gemälde mit Reimsprüchen, welche die Wände schmückten. Das schöne Gitterwerk am Ofen der Ratsstube sowie der in Bronze gegossene Kronleuchter allda gaben Zeugnis vom hohen Stande einstiger heimischer Kunstfertigkeit. – Auch das Zeughaus, d. h. die dortige reichhaltige Modellkammer (das Zeughaus selbst war bei Beginn des Krieges durch die Kaiserlichen vollständig geleert worden) bekam der Geselle auf Verwendung seines gefälligen Wirtes zu sehen. Er bewunderte da eine Menge von Rissen und Zeichnungen öffentlicher Gebäude aller Länder, Modelle kunstreicher Brücken, Mühlen und Maschinen sowie eine Sammlung von Nachbildungen deutscher und holländischer Festungen.

Wochenlang hätte Hieronymus in Ulm bleiben mögen, um alle Sehenswürdigkeiten mit Muße betrachten zu können. Aber er fürchtete seinem Wirte überlästig zu werden; und so schied er mit herzlichem Dank für die freundliche Bewirtung – nachdem er noch das Münster besichtigt und – zum Andenken – einen neuen Ulmergulden eingewechselt hatte. – Früh morgens, als eben der Kuhhirt blies und groß und klein zum Tor hinaustrieb – verließ er die Stadt, um Augsburg zuzuwandern. Dort, in der reichen Handelsstadt, gab es Arbeit; und der Geselle legte für längere Zeit sein Felleisen nieder.

Wie Bachweber vorausgesagt, fand er im Verlaufe seine Wanderlebens Berge und Täler, Erfreuliches und Trübes, aber sein Mut und sein Eifer blieben allen Hindernissen gewachsen: „Duck dich, laß vorüber gahn, das Wetter will seinen Willen han“, hieß es in dem „guldenen ABC“, welches ihm sein Vater als moralischen Wegweiser mit auf die Reise gegeben hatte.

Mit Fleiß und Beharrlichkeit strebte er in seinem Fache vorwärts; keine Mühe war ihm zuviel, wenn es sich darum handelte, etwas Neues zu lernen oder im Alten sich zu vervollkommnen. Geselligkeit und frohen Lebensgenuß floh er nicht; wenn ihn jedoch der Strudel einmal zu weit fortreißen, fast leichtsinnig machen wollte – denn auch die beste Uhr schlägt zuweilen einmal ein Viertel zuviel -, so besann er sich sogleich wieder – und gedachte der Seinigen daheim, welche in Mühsal und Not sich durchs Leben zu schlagen hatten. – Erfahrung lehrte ihn Vorsicht. Doch wenn er sich auch oft getäuscht fühlen mußte in der guten Meinung, die er zur Zeit noch von allen Menschen hegte, so fand er hinwieder im fremden Lande Freunde und Freundeshilfe, wo sie am wenigsten zu vermuten gewesen.

Nahezu zwei Jahre verbrachte er in der kunst- und gewerbereichen Reichsstadt. Von Zeit zu Zeit schrieb er nach Hause, und zuweilen waren diese Sendschreiben auch mit etwas Silber beschwert. Neben diesem Briefwechsel mit dem Vater unterhielt Hieronymus noch einen zweiten mit Romulus, dem stets pflichtgetreuen Berichterstatter des Neuesten aus der Heimat. – War das Ankommen solcher Briefe für den Sohn und Freund immer ein Gegenstand freudiger Aufregung, so geschah das Öffnen derselben doch nicht ohne ein gewisses banges Nebengefühl, welches nicht weichen wollte, bis er die Zeilen überflogen und die Beruhigung geschöpft hatte, daß zu Haus alles gut stehe. – Vielleicht glaubte er auch auf eine Nachricht stoßen zu müssen, auf welche er zwar gefaßt war, wovon er übrigens nicht recht wußte, ob er sie endlich herbeiwünschen solle oder nicht.

Seit Jahr und Tag war dem geheimen Korrespondenten der Name Florentina nicht mehr aus der Feder geflossen; da meldete er eines Tages die – Verheiratung der Hofbauerntochter Florentina mit dem Handelsmann und „Packer“ Dionys. „Er hat schon“, hieß es in dem Schreiben, „im vorletzten Herbst förmlich um sie angehalten; der Vater und die Verwandten hatten zugesprochen, das Mädchen aber sich ein Jahr Bedenkzeit ausgebeten – endlich hatte sie nachgegeben. – Hat sie vielleicht auf einen Ritter gehofft, der aus fremden Landen, etwa aus dem Schwäbischen kommend, sie vom Scheiterhaufen befreien würde? Der Laubhauser hat Verwandte von nah und fern zur Hochzeit eingeladen und in jede Hütte der Gemeinde Wein und Brot geschickt: die Leute sollen wissen, sagte er, daß der Laubhauser heut ein Fest feiert.“ Der Stabhalter, hieß es weiter, sei an selbigem Tag kreuzfidel gewesen und habe schon bei der Morgensuppe, wo er den Kaffee aus einem Milchbecken getrunken, seine gewohnten Späße zum Besten gegeben usw.

Lange schon hatte der Geselle ausgelesen, aber noch hielt er unbeweglich den Brief mit beiden Händen. Da hob sich die Brust, und ein tiefer Atemzug erleichterte die Last des gepreßten Herzens. Ein halb entwurzelter, ausgerissener Baum grünt und blüht wohl noch eine Zeitlang fort, genährt von Tau und Luft, bis ein Windstoß ihn gänzlich zu Boden wirft. – Also ein anhänglich liebendes Gemüt.

Der Schluß von Romulus‘ Brief hatte noch eine Nachricht enthalten, von welcher Hieronymus unter andern Umständen schmerzlich berührt worden wäre, die aber jetzt eine fast entgegengesetzte Wirkung hervorbrachte, eine Art Trutz gegen das Schicksal. Es war nämlich die Nachricht von dem Tode des alten Stoffel, welchen man eines Morgens tot in seiner Hütte gefunden.

Der treue Dachshund lag zu den Füßen des Leichnams und wollte keinen Menschen sich diesem nähern lassen. Die Hütte stand seitdem leer, niemand mochte sie bewohnen.

Des andern Tages nach dem Empfang dieser Nachrichten hatte unser Geselle zum erstenmal in seinem Leben einen „Blauen“ gemacht, jedoch keineswegs bei Spiel und Wein, sondern in blauer, frischer Luft. Frühe schon war er aufgestanden, hatte sich, damit die Nebengesellen ihm nichts ansehen sollten, am Brunnen die Augen gewaschen, und dann die Werkstatt betreten. Zu arbeiten aber war ihm unmöglich; er kleidete sich vollständig an, wanderte hinaus vor das Tor, durch Felder und Gründe, durch Dörfer und Wälder und kehrte des Abends ziemlich versöhnt, in äußerlich beruhigter Stimmung nach Hause.

Der Aufenthalt in Augsburg aber blieb von jenem Augenblick an dem Gesellen verleidet, er kündigte dem Meister auf und wanderte München zu. Die wenn auch kurze Reise genügte, ihn von allen bösen Wettern, die allenfalls noch im tiefen Schachte seiner Seele gelagert sein mochten, gründlich zu befreien; und der fahrende Geselle betrat die Stadt in einer Stimmung, wie es etwa einem Schwimmer zumute ist, wenn er nach vielem Ringen wieder festen Grund unter seinen Füßen spürt. Ein starkes Band, das ihn an die Heimat gefesselt und heimlich zurückgezogen – er fühlte es jetzt gelöst. In der Fremde wollte und konnte er ja sein Glück machen, auch von da aus dann den Eltern hilfreich sein, sie unterstützen.

Doch was sind Vorsätze, Zukunftspläne! – Auch der stärkste Steuermann vermag ja nichts gegen Sturm und Wogendrang. – Die politische Atmosphäre war – in wie heftigen Schlägen auch die Wetter sich entladen hatten – stets noch eine schwüle – ein dauernder Friede für die nächsten Zeiten nicht zu hoffen. Namentlich unser südwestlicher Winkel Deutschlands sollte sobald nicht zur Ruhe kommen, und fast schien es, als sollten die Prophezeiungen unseres Severin zur Wahrheit werden.

Einigemal schon hatte der Freund dem Freunde geschrieben; und jetzt erhielt Hieronymus wieder ein Brieflein von Severin. Er könne nicht unterlassen, schrieb er, ein paar Zeilen zu schreiben und zu melden, daß es bei ihnen wieder verwirrter und trostloser aussehe denn je. – „ Wie Du wissen wirst, ist es schon wieder losgegangen. Der Franzos will eben mit keinem Nachbar in Frieden leben. Ach, das ist ein trauriger Anblick gewesen die vorige Woche, die Wägen voll Schwerblessierter, so auf dem blutigen Stroh von der Bataille von Stockach her vor’s Zuchthaus hier angefahren sind, wo abermals ein Spital eingerichtet ist: denn die Sträflinge sind ausquartiert und nach dem festen Schloß Wildenstein verbracht worden. Der ganze Vorplatz, das Stiegenhaus und die Gäng und Stuben im untern und obern Stock, alles voll mit Blessierten, überall nix als Ach und Weh. Die französischen Chasseurs, so hat mir der Schwarz Weißgerber gesagt, hätten vor der Schlacht geschworen, sie wollten den östreichischen Kostbeuteln die langen Nasen schon abhauen. Aber ich mein‘, sie haben diesmal ihren Meister gefunden am Erzherzog Karl! – Du kannst Dir eine Vorstellung machen, seit vierzehn Tagen bin ich in kein Bett mehr kommen, weil mein’s belegt ist gewesen mit der Einquartierung. Im Stüblein sieht es aus wie mit der Heugabel durcheinandergeschüttelt. Heut ist der erste Tag, wo wir wieder schnaufen können. – Der Feldwaibel, hieß es am Schluß, „ist seit vorem Jahr schon zum Invalidenkorps versetzt worden. Er und die Annakäther lassen Dich tausendmal grüßen sowie auch des Amtsdieners. NB. Bald hätt ich’s vergessen – der Schwarz Weißgerber laßt Dir sagen, Du sollest ihm doch einen schönen Ulmerkopf schicken, den seinigen hab er verloren durch die Spitzbuben-Einquartierung.“

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Nicht lange – und der Briefbot brachte auch ein Schreiben von Romulus, mit Nachrichten, die unserm Hieronymus schon mehr zu Herzen gingen. Auch Romulus meldete, welch große Drangsale ihnen der diesmalige Feldzug über Wald gebracht. Viele Leute an der Heerstraße, schrieb er, hätten ihre Habseligkeiten in das Tal geflüchtet, in der Meinung, auch jetzt würde der Feind diesen abgelegenen Winkel nicht heimsuchen. Dies müsse verraten worden sein. Die retirierenden Franzosen, die bei Röthenbach und Neustadt ihr Lager gehabt, hätten Spione herübergesandt, und seien dann in hellen Haufen, gleich einem toll gewordenen Bienenschwarm, angerückt, um zu plündern und zu rauben. „Es war anzusehen“, schrieb Romulus, „wie wenn irgendwo Viehmarkt wär, und würden s. v. Ochsen, Kühe, Kälber und Schweine alles fort, zu Markt getrieben. Ein Glück war’s für unser Haus, daß ich just daheim gewesen bin, denn weil ich ein paar Brocken Französisch mit ihnen hab welschen können, so haben sie’s in betreff des Hausrates noch gnädig gemacht; aber dem Vieh im Stall haben sie kein Pardon gegeben.

Koalitionskriege
Wer sich genauer für die Wirren der Koalitionskriege interessiert, sei auf die Seite des Geschichts- und Heimatvereins Villingen verwiesen: Villingen im Zeitalter der Französischen Revolution(1770-1815) von Michael Tocha. Für Hüfingen ist in der Chronik von August Vetter (1984) einiges dazu nachzulesen.

Im Laubhauserhof aber hat’s viel bösere Auftritt abgesetzt; da haben sie nebst alldem noch bares Geld verlangt, und mit „Bougre und andern französischen Titeln dem konsternierten ‚Außvater‘ Peter die Bajonnets auf die Brust gesetzt. Ein Glück für ihn, daß die Bäurin, das Agathle, so resolut gewesen ist und ihnen gleich einen Beutel voll Kronentaler nebst dem Schlüssel zur Speis- und Speckkammer eingehändigt hat. Der alte Laubhauser soll unsichtbar gewesen sein und sich auf dem Heustall unterm Heu verkrochen gehabt haben. – Dem Stabhalter haben sie den Wein im Keller gesoffen, und zwar aus Kübeln und Gelten, und hernach die Fässer eingeschlagen. Wie aber dieses Bachusfest im besten Zug ist gewesen – kam einer auf abgetriebener Mähre dahergaloppiert – allons toutsvite aufgepackt und fort – dem Lager zu. Von der Ferne her krachte es durch die Waldungen. – Was war’s? – Der fürstliche Revierförster Columban, den Du auch kennst, der war’s, der sie so schnell auf die Weichseiten und zur Höllenfahrt getrieben hat. Er wußte, daß die Kaiserlichen schon Bondorf besetzt hatten; er begab sich hin, erbat sich Mannschaft, mit denen er auf Waldwegen beikam – und piff, paff, ging’s über die Piquets und Vorposten her. Alles kam in Alarm und packte auf – dem Höllenpaß zu.

Wie ich nun nachderhand in Euer Haus kommen bin, hab ich Deinen Vater betrübt vor den leeren Kästen und Trögen in der Stube stehen sehen. Die Stalltür fand ich eingeschlagen, die Kuh und die Geiß fort. „Es ist‘, hat Dein Vater mit nassen Augen zu mir gesagt, ,wie wenn wir jetzt erst frisch zu hausen anfangen müßten. – Am meisten aber kränkt es Deine Mutter, daß ihr die Schlingel auch den schönen Ballen Flächsetuch, so sie für Dich gesponnen und umgelegt hat, erwischt haben. ‚Hab immer glaubt‘, sagte sie traurig zu mir, ‚es werd‘ dem Hieronymus einmal die Aussteuer geben. – Wer weiß, was für ein Lumpenkerl nun Staat mit dem Weißzeug machen wird! – Dein Vater aber wünscht und laßt Dir sagen, daß Du je eher je lieber heimkommen möchtest, um ihn zu unterstützen. Er ist den ganzen Winter her kränklich gewesen, und so liegt jetzt die ganze Last allein auf der Mutter.“ – Am Schlusse gestand der Korrespondent, daß er mit den praktischen Ausführungen der neufränkischen Ideen durchaus nicht mehr einverstanden, und von manchem, für das er früher geschwärmt, so ziemlich kuriert worden sei.

Wie stand es nun mit unseres Gesellen hochfliegenden Plänen, sein Glück draußen in der Fremde machen und der Heimat Adjeu sagen zu wollen?

Rief ihn jetzt nicht eine heiligste Pflicht zurück ins Vaterhaus zur Unterstützung der alten Eltern? – Das nächste, was er tat, war, daß er seine Sparpfennige – darunter auch das Goldstück, welches er vor Jahren von der Emigranten-Familie erhalten, samt dem Ulmergulden – zusammenpackte und mit einem Trostschreiben begleitet an den Vater schickte. – So lange, schrieb er, wolle er noch außen bleiben, um seine Wanderjahre vorschriftsmäßig vollenden zu können; was er nebenbei zur Unterstützung des heimatlichen Hauswesens nur immer tun könne, wolle er tun usw.

Mit verdoppeltem Eifer und Fleiß wendete er sich jetzt wieder seinem Geschäfte zu. Er hatte einsehen gelernt, daß die unerbittliche Notwendigkeit den Menschen entweder immer wieder seiner Pflicht – oder dem Abgrund zuführen müsse. – In München hatte er vollauf Gelegenheit, im Fache sich weiter auszubilden und Kenntnisse aller Art zu erwerben. – Und schon gegen den Herbst hin erfreuten ihn auch wieder bessere Nachrichten von daheim.

Das Unheil im Haus hatte sich später denn doch minder groß herausgestellt, als es im ersten Schrecken den Anschein gehabt. Manches, was versteckt gewesen, wurde wieder gefunden, anderes, was die Plünderer auf dem Wege als unnütz oder lästig befunden, weggeworfen, war wieder beigebracht worden. Und selbst die Kuh stand längst wieder gesund und munter im Stall.

Die Franzosen, schrieb der Vater, hätten, als sie das Schießen vom Überfall des Försters gehört, das Tier, das ohnehin nicht gut französisch gesinnt und nur mit Gewalt fortzubringen gewesen, alsbald im Stich gelassen. Verwildert sei dasselbe mehrere Tage im Wald herumgelaufen, endlich aber glücklich wieder eingefangen worden. – Und was das erfreulichste war, auch die Gesundheit des Vaters hatte sich wieder gekräftigt; dies und die Unterstützung des Sohnes benebst einer guten Ernte hatten den Hausstand bald wieder auf den alten Stand gebracht. Und so schrieb der Vater, er sei ganz damit einverstanden, wenn Hieronymus noch ein paar Jahre in der Fremde bleiben wolle, um sich noch vollends auszubilden.

Auf dem Walde verliefen im übrigen die Dinge so ziemlich, wie es vorherzusehen war. – Dionys, welcher jetzt über ein ansehnliches Vermögen verfügte, war neben seinem Krämergeschäft auch noch Packer geworden, d. h. er versendete Uhren, mit deren Anfertigung er verschiedene Meister beschäftigte; sein Geschäft wuchs und gewann mit jedem Jahr an Ausdehnung.

Die Uhrenmacherei hatte zur selben Zeit überhaupt einen mächtigen Aufschwung genommen. Gleich wie ein Samenkorn, vom Winde auf rauhe Felsen getragen, sich selbst überlassen im spärlichen Boden keimt und Wurzeln schlägt und zuletzt zum fruchtbaren Baum erwächst, so ähnlich war der Anfang und so gesegnet der Fortgang dieser neuen Industrie. Im siebenzehnten Jahrhundert aus unscheinbaren Anfängen und Versuchen auf dem Glashof bei St. Peter entstanden, hatte sie sich mehr und mehr ausgebreitet; und zur Zeit unserer Erzählung wurden bereits schon ganze Ladungen von Uhren ins Ausland versendet.

Unser Geschäftsmann Dionys hatte schon mehrere Reisen nach Frankreich gemacht, und von daher nebst fremder Sprache, fremdländischen Manieren und Mode auch fremdes Geld mitgebracht. Dazu im Besitze einer reichen Frau konnte es ihm bei seinen Mitbürgern nicht wohl an Ansehen fehlen, denn auch das bißchen Großtun fand man bei Gelegenheit ganz am Platze, „er kann’s machen!“ hieß es, „er hat’s!“

Doch, wieviel auch der Mensch mit äußerlichen Glücksgütern gesegnet sein mag – vor Schmerz und Leid schützen sie nicht. Auch Florentina, die emsig und treu waltende Hausfrau, mußte dieses erfahren. Ihre ganze Liebe, ihr Lebensinteresse war den beiden Kindern zugewendet, welche der Himmel ihrem Mutterherzen anvertraut hatte. Aber der Tod entriß ihr die Mutter, nicht lange danach auch das einzige Söhnlein.

Längst verhallt war das Grabgeläute und dargebracht das übliche Opfer für die Dahingeschiedenen; aber von der Zeit an blieb ihr liebster Ausgang – auf die Gräber der geliebten Toten. – Wenn am schönen Sonntagnachmittag ringsum alles sich Erholung gönnte und die Menschen singend, plaudernd auf Wegen und Stegen dahinzogen, konnte man in der kleinen Totenkapelle auf dem stillen Gottesacker einsam eine Frau in Trauertracht knien sehen. Die klagte Gott ihr bitteres Leid und suchte Tröstung vor dem Bilde der Mutter, die auch einst mit zerrissenem Herzen an dem Kreuz des Sohnes stand.

Endlich jedoch übte die Zeit auch auf ihr Gemüt wohltätigen Einfluß aus. In dem noch übrigen Kinde, im Familienleben überhaupt, fand sie Ersatz für so manchen Verlust, so manche Lebenstäuschung.

Mann mit Pfeife von Luzian Reich dem Älteren
Es würde mich sehr freuen, wenn jemand die Schrift unten entziffern kann!

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Heimritt
Freisprechung
Einzug in die neue Zunftherberge

Hieronymus Kapitel 21

“Zum frohe Sinn, zum freie Muth, und Heimet zu schmeckt alles gut.”
>Johann Peter Hebel

Heimritt – Freisprechung
Einzug in die neue Zunftherberge

Sitte war es damals, daß Neuvermählte vier Wochen nach der Hochzeit ihren auswärts wohnenden Eltern einen Besuch, und zwar zu Pferd, abstatteten; und nicht Peter noch sein junges Weib waren die Leute, solch altes Herkommen unbeachtet zu lassen.

Frühmorgens waren sie vom Laubhauserhof weggeritten, hinaus gegen die benachbarte bergumgrenzte Hochebene, wo zwischen Wiesen und Getreidefeldern bald das heimatliche Dorf des Agathle dem Blick sich zeigte.

Bei den ersten einzelnstehenden Häusern angekommen, gab die junge, stattliche Bäuerin ihrem reich aufgesträußten Pferde einen leichten Schlag, Peter legte die Sporen an, und in raschem Trabe, daß weithin Band und Halstuch flatterten, ritten sie durch das Dorf, um vor des Storchenbauern Hause haltzumachen. Die Mutter war freudig überrascht aus der Küche gerannt, wo sie in Erwartung ihrer Kinder mit Küchlebacken beschäftigt war; und der Vater, der vom Kammerfenster aus gegen die Hochstraße hin die Kommenden bereits von ferne erblickt hatte, stand schon zum freudigen Empfang vor dem Hause bereit.

Doch wir wollen diesmal nicht in das Haus und in die Stube eintreten, in welcher die junge Frau vor den Augen der Mutter und Geschwister ihren buntbemalten „Lid(Deckel)korb“ mit den Geschenken auskramt, während der Vater noch unten beim Schwiegersohn steht, die Gäule und das neue Reitzeug bewundert und mit Kenneraugen schätzt.

Der Heimritt schließt für unser junges Paar die Flitterwochen; das Leben des Ehestandes beginnt. Seine Freuden, seine kleinen und großen Leiden folgen im Wechsel aufeinander, so wie die Jahre kommen und vergehen.


Auch für Hieronymus haben die Freuden und Leiden des Lehrlingsstandes gewechselt und sind vorübergegangen; er stand jetzt daran, „freigesprochen“ zu werden. Alle Gewerbe, außer jenen, welche man zu den freien Künsten zählte, umschlang damals noch ein fester und wohlgegliederter Zunftverband. Die Satzungen und Vorschriften einer Zunft waren verbindlich für Meister und Gesellen. Mochte an einem Orte auch nur ein einziger Meister wohnen, wie der Faßmaler in Hüfingen, so hatte dieser dennoch in allem, was das Gewerbe betraf und dessen Betriebsförmlichkeiten, den Obermeister des Gaues oder Bezirkes als nächsten Vorgesetzten zu betrachten.

Alle Streitigkeiten innerhalb der Zunft, auch solche zwischen Meister und Geselle, wurden vom Handwerksamte „vor offener Lade“ verhandelt und entschieden; es kam vor, daß wichtige Fragen auch weiter, sogar bis vor den Kaiser gebracht wurden.

Kein Meister durfte einem andern einen Gesellen „abspannen“ oder einen ohne ordentlichen Abschied Fortgelaufenen einstellen. Gefiel einem Gesellen die Arbeit nicht, so konnte er nach vierzehn Tagen die Werkstatt wieder verlassen, ebenso konnte in dieser Zeit der Meister seinen Arbeiter fortschicken, war jedoch gehalten, demselben den bedungenen Lohn auszubezahlen; im übrigen fand beiderseits vierzehntägige Aufkündigung statt.

Ein Geselle von schlechter Aufführung ward „gescholten“ und von der ganzen Zunft in die Acht erklärt, d. h., er konnte und durfte von keinem Meister mehr in Arbeit genommen werden. Von Herberg zu Herberg verbreitete sich sein übler Leumund, und es blieb dem Bescholtenen nichts übrig, als vor versammelter Zunft sich förmlich zu „waschen“, zu rechtfertigen oder Abbitte zu tun.

Aber auch ein Meister konnte „gescholten“ werden, was namentlich dann geschah, wenn er seinen Untergebenen Lohn und Kost schmälerte. Ein bescholtener Meister wurde auf ein halbes, zuweilen auf ein ganzes Jahr „gemieden“, d. h., es durfte während dieser Zeit kein Geselle Arbeit bei ihm nehmen. – Kam ein Meister unverschuldet in Armut, so erhielt er Unterstützung aus der Lade.

An seinem Lehrorte war es Hieronymus begreiflich nicht vergönnt, Förmlichkeiten und Feierlichkeiten seiner Zunft aus eigener Anschauung kennenzulernen. Er war in diesem Stück auf mündliche Belehrung durch seinen Meister angewiesen, und seine Freisprechung konnte von keinen besonderen Umständlichkeiten begleitet sein. Einen Begriff aber von der Würde und Bemessenheit, welche bei feierlichen Auftritten einer Zunft herrschten, konnte der junge Mann gleich nach jenem Akte erhalten, denn gerade um jene Zeit hielt das ehrsame Metzgerhandwerk zu Hüfingen seinen Einzug in die neu gewählte Herberge.

An einem Montag, vormittags elf Uhr, setzte sich der vom Hause des Zunftmeisters ausgehende Zug in Bewegung; er war folgendermaßen geordnet: Die Spitze bildete eine spielende Musikbande unter Leitung des städtischen Musikpräzeptors. Unmittelbar dahinter folgte des Zunftmeisters ältester Sohn in stattlicher Kleidung, den schön gezierten, vom Gesellen Hieronymus eigens zum Feste renovierten Zunftschild tragend. Nach diesem sah man zwei junge, weißgeschürzte Metzgergesellen, welche die blumenbekränzte Lade trugen, worin nebst den Dokumenten und Schriften die Insignie der Zunft, ein kleines vergoldetes Haumesser, liegt. Hierauf war zu sehen des Ladenmeisters jüngster Sohn, und auf seinem Kopfe die Zierde des Festes, eine Bratwurst, vierzig Schuh in der Länge und entsprechend dick, vergleichbar fast der ehernen Schlange, jeden mit neuer Lebenskraft erfüllend, der einen Blick auf sie warf. Den Schluß machte die ehrsame Meisterschaft, paarweise daherschreitend, unter Vortritt des Zunft- und des Ladenmeisters.

Nachdem bei großem Zulauf von Neugierigen der Zug am Wirtshause zum „Goldenen Kreuz“ angelangt, wurde haltgemacht. Der Wirt stand wartend unter der Haustüre und hab dann an: „Willkommen, ihr Herrn Metzgermeister! Was ist euer Begehren?“ Der Zunftmeister, hervortretend, das Zwiegespräch fortzusetzen, ließ sich also vernehmen: „Herr Kreuzwirt, im Namen des ehrsamen Handwerkes stell ich an Euch die Frage: ob Ihr unsere Zunft nicht wollet in Euer Haus aufnehmen?“ Wirt: „Ja, ich mache mir eine Ehre daraus, dem ehrsamen Handwerk Herberge und Aufwartung zu verschaffen. Ich bitte, tretet ein!“

Auf diese Einladung verfügen sich sämtliche Festteilnehmer in das Haus und nehmen Besitz von der Wirtsstube und ihrem geräumigen Erker. Der Wirt und seine Frau Liebste aber stehen schon bereit, die Gäste geziemend zu bewillkommnen. Zunftmeister: „Grüß euch Gott, im Namen des ehrsamen Handwerkes, Herr Kreuzwirt und Frau Kreuzwirtin!“ Wirt und Wirtin: „Gott dank euch, ihr Herren Metzgermeister; mit was können wir euch aufwarten, und was ist sonst noch euer Begehr?“ Zunftmeister: „Wir möchten euch heut nicht nur als unseren Gastgeber ansprechen, sondern wir ersuchen euch, ob ihr nicht wollet jetzt und in Zukunft unser Herbergsvater und die Frau Kreuzwirtin unsere Mutter sein?“ Wirt: „Ja, wir machen uns eine besondere Ehr daraus, einem ehrsamen Metzgerhandwerk Herberg und Aufwartung zu verschaffen, auch besitzen wir noch fünf Töchter, die wetteifern werden, euch in Ehren und als Brüder zu bedienen.“ Zunftmeister: „Es gibt aber nicht immer der guten Zeiten, es gibt auch der bösen viele; wollet ihr alsdann auch, in Leid wie in Freud, im Krieg wie im Frieden, unser Vater und die Frau Wirtin unsere Mutter sein?“ Wirt: „Ja! Ich werde mich zu allen Zeiten bestreben, was in meiner Kraft steht. euch als Vater zu unterstützen.“

Zunftmeister: „Wir haben auch wandernde Gesellen bei unserm Handwerk, und unter ihnen solche, die nicht viel Geld im Beutel haben, folglich wenig Gewinn von ihnen zu hoffen ist, wollet Ihr auch diese freundlich beherbergen, und so auch, wenn sie kränklich wären?“

Wirt: „Ja, ich werde reisende Gesellen und Kranke als Herbergsvater behandeln und die allgemeine Menschenpflicht voraus zu meiner steten Richtschnur nehmen.“ Zunftmeister: „Nun, wohlan denn, auf diese bereitwillige Anerbietung werden wir gesamte Metzgermeister Euch als Herbergsvater anerkennen und Euch unsern Schild und die Zunftlade mit Zunftbuch, Zunftzeichen in Verwahr übergeben, dafür aber verlange ich als Zunftmeister im Namen der ganzen Meisterschaft von Euch das herkömmlich feierliche Handgelübde.“ Als dieses abgelegt, wurde der Schild sofort in der Stube aufgesteckt und die Lade dem Herbergsvater überreicht. Dieser aber und seine Frau traktierten das ganze ehrenwerte Handwerk mit einem köstlich bereiteten Mahle, und weil die Wurst lang und der Wein gut war, so wurde es auch die allgemeine Fröhlichkeit. Die Musikanten machten ihre Sache so vortrefflich, daß einer um den andern der Gäste nach Hause eilte, um Frau und Tochter herbeizuholen zum nachfolgenden fröhlichen Tanze.

Hieronymus, als der Renovator des Zunftschildes, war auch zum Feste geladen worden, und diese Ehre durfte er nicht ablehnen, sowenig sein Sinn heute für Feier und Lustbarkeit gestimmt sein mochte. Ein Brief, welchen er tags zuvor von Romulus empfangen, war die Ursache dieser Stimmung.

Er habe sich jetzt entschlossen, hatte der Freund gemeldet, in Donaueschingen Normalschullehrer zu werden. „Als Hauptneuigkeit aber ist zu melden“, so schloß der Brief, „daß Dionys seit jenem Hochzeitsmahl der Florentina bei jeder Gelegenheit offen den Hof macht, und wie ich schon damals vorausgesagt, entschieden als Brautwerber auftritt. Das Mädel aber hat bis jetzt augenscheinlich ihrem verschamerierten Liebhaber, wie man zu sagen pflegt, wenig Käs zum Brot gegeben – doch viele Tropfen höhlen am Ende auch den härtesten Stein aus, und was nicht ist, kann noch werden, zumal die Eltern der beiden die Allianz eifrigst betreiben. – Und das Ende vom Lied wird sein, daß wir zwei allein zuletzt noch übrigbleiben werden, und doch – beim Henker, was wären wir für Kerle, wenn wir Geld genug hätten!“

Sinnend und verstimmt saß Hieronymus im Kreuz. Es wollte bei ihm nicht verfangen, daß der Zunftmeister eigenhändig ihm vom Besten einschenkte; die muntersten Ländler machten ihn schwermütig. Auch der Wein, welcher doch sonst des Menschen Herz erfreut, wollte heut ihn nicht zum Frohsinn stimmen. – Sein Geist war sichtlich der Gegenwart entrückt, und wenn ihn jemand gefragt hätte, ob er Sechser oder Zwölfer, Schweizer oder Markgräfler trinke – wahrlich, er hätte es nicht zu sagen gewußt. Es wollte ihn bedünken, als wäre der schönste Teil seines Lebens schon vorüber und als müßte er, Abschied nehmend, noch einmal wandeln im rosigen Lichte früherer Tage. In jene Täler und auf die Höhen versetzte er sich zum glimmenden Feuer auf duftendem Weidgang oder in die Hütte des Köhlers, wo er mit der Gespielin seiner Jugend den Erzählungen des Alten gelauscht. Er glaubte alle Blüten schon verwelken und nur blasse Herbstzeitlosen der Erinnerung an ihrer Stelle aufleben zu sehen. Seine Liebe kam ihm vor wie ein weggeworfener Blumenstrauß, den niemand mehr vom Boden aufheben mag. – Dann fuhr auch wieder ein trotzender Blitz aus der schwül bewölkten Atmosphäre seines Innern – und ein gärender Unmut stieg in ihm auf – als sollte er sich Luft machen in jugendlicher Tatkraft.

Und wahrlich, noch lange hätte er simulierend dagesessen, versunken in den stillen See der Vergangenheit, hätte ihn nicht der Zunftmeister aufgerüttelt. – Eben spielte die Musik den Hopper:

„Isch’s Anneli nit do?
’s wurd rengle, ’s wurd schneie,
’s wurd Anneli g’wiß reue;
Isch ’s Anneli nit do?“

Der Zunftmeister, längst schon die üble Laune des Gesellen bemerkend, führte diesem scherzend eine Tänzerin zu, seine eigene Schwägerin, mit Vorwürfen über das Regenwettergesicht, das er schneide; und Hieronymus, überrascht, konnte jetzt unmöglich anders, als galant sein und die Schöne zum Tanz führen.

Aber auch dieses Mittel schlug nur halb an. – Als nach geendetem Tanze die Jüngeren an den Tischen manch lustiges Liedlein sangen, wollte es der Zufall, daß einer der Vorsänger eine Weise anstimmte, die unserm Gesellen mächtig ins Herz hineingriff und ihn allen trüben, bereits verscheuchten Gedanken wiederum zuführte. Sie sangen:

„Ach! in Trauern muß ich leben,
Ach! wie hab ich’s denn verschuld’t?
Weil mir’s hat mein Schatz aufgeben,
Muß ich’s leiden mit Geduld.

Vater und Mutter wollen’s nicht leiden,
Gelt mein Schatz, das weißt du wohl?
Kannst dein Glück viel besser machen,
Weil ich dich nicht kriegen soll.

Rosmarin und Lorbeerblätter
Verehr ich dir zu guter Letzt:
Das soll sein das letzt Gedenken,
Weil du mich nochmals ergötzt!

’s sind zwei Sterne an dem Himmel,
Leuchten wie das klare Gold;
Der eine leuchtet zu mei’m Schätzel,
Der andere durch das finstre Holz.

Sind wir oft beisammen g’sessen
Manche schöne halbe Nacht,
Haben wir oft den Schlaf vergessen
Und mit Lieben zugebracht.

Morgen, wenn ich früh aufstehe,
Ist mein Schatz schon aufgeputzt, S
chon mit Stiefeln, schon mit Sporen
Gibt er mir den Abschiedskuß.

Dieses Lied, das Hieronymus einst der Freundin Florentina, schön geschrieben, gegeben hatte, war damals bei der Hochzeit im Felsen von ihr angestimmt worden, als der Stabhalter sie zum Singen aufgefordert.

Das damalige Gespräch, ihre Aufforderung zum Tanz und ihre Einladung zum Besuch bei den Ihrigen im Hof – die ganze Szene, jedes Wort, jeder Blick – sein abstoßendes Benehmen – alles trat wieder lebhaft vor seine Seele- und abermals versank er in ein dumpfes Hinbrüten. – Zuweilen griff er krampfhaft nach dem Glas und leerte es rasch, als wollte er gewaltsam sich betäuben. – Die Musik begann wieder; an Tänzerinnen fehlte es nicht. Entschlossen fuhr er endlich auf – wählte nicht lange – und mischte sich in die Reihen. – Aller Trübsinn schien von ihm gewichen. Noch nie hatte Severin seinen Freund so aufgeregt, so überlustig gesehen.

Eine zweite Flasche stand geleert wieder vor ihnen auf dem Tisch; Hieronymus kommandierte zu einer dritten. – Und als spät – nach dem Kehraus – die Gesellschaft nach und nach verschwand, war er einer der letzten, die nach dem Hute griffen. Severin begleitete ihn bis vor das Haus des Meisters – und kehrte erst in seine Wohnung zurück, nachdem er aufmerksam horchend sich überzeugt hatte, der Polterer habe Stiege und Kammertür oben richtig gefunden.

Ob Hieronymus des andern Tages mit Kopfweh erwacht sei, ist nicht zu sagen; gewiß bleibt nur, daß, als der übernächtliche Dunst verflogen, eine peinigende Unruhe, ein veränderungssüchtiges Mißbehagen den Jüngling fortwährend beherrschten. – Hatte der junge Mensch, der bisher, ohne sich seines Verhältnisses zu dem Mädchen vollkommen bewußt zu sein, immer noch hoffnungsvoll in das farbige Nebelbild der Zukunft geschaut – und jetzt erst die trockene Vernunft zu Rat gezogen? – Wenn er alles recht überlegte und in Betrachtung zog – welche Kluft zwischen dem lediglich auf sich selbst angewiesenen Malergesellen – und den Ansprüchen, die des Laubhausers einziges Töchterlein zu machen berechtigt war! Nur der ausgesprochene, entschiedenste Wille des Mädchens konnte über diese Kluft eine Brücke bauen.

Ja, dann würde auch in der Seele des Jünglings jene Spannkraft erwacht sein, die sich über Berge von Hindernissen siegreich wagend hinwegsetzt. – Wer vermag jedoch den geheimen Prozeß zu verfolgen, welchen oft leise Anregungen in dem Herzen eines Menschen hervorrufen.

Genug, eine tiefe Niedergeschlagenheit hatte sich der Seele unseres Helden bemeistert, und das Spiegelbild dieser Stimmung zeichnete sich in dem Briefe an seine Mutter, wozu ein alsobald eingetretenes Ereignis die Veranlassung gab. Florentina war eben „z’Kunkeln“ bei Frau Anastas, als dieser Brief anlangte; sie mußte ihn sogleich vorlesen.

Hieronymus berichtete den Tod des Amtsrates, und zwar mit allen Nebenumständen, weil sein Herz noch voll war von den Eindrücken dieses Trauerfalles.

Abwechselnd mit dem Feldwaibel und den Familiengliedern des Verstorbenen hatte er am Krankenbette gewacht, und dies war auch in der letzten Nacht der Fall gewesen. Der sorgsame Wächter hatte bemerkt, daß der Kranke in große Schwäche verfiel, und schnell die Familie davon benachrichtigt. „Es war ein trauriger Anblick“, schrieb Hieronymus in dem Brief, „die jammernden Kinder um das Sterbebett zu sehen. Aber keine Klage und kein Weinen vermochten das teure Leben auch nur um eine Minute zu verlängern.

Der Herr Rat war schon ins End gefallen. Und nach wenigen Atemzügen verschied unser im Leben gewesener bester Herr. – Die Frau und die Kinder knieten alle betend um die Bettstatt und auch ich, zu seinen Füßen neben dem ältesten Fräulein Helene. Diese dauert mich am meisten, sie ist jetzt eine elternlose Waise, denn ich weiß von der Base, daß der Herr Rat selig nicht ihr rechter Vater gewesen und die Frau Rätin nicht ihre Mutter ist. Sie ist die Beste unter den Kindern und war immer so gut gegen mich. Der Verstorbene hat wenig Vermögen hinterlassen und viele Kinder.“

Am Schlusse des Briefes tat er den Eltern sein Vorhaben kund, auf die Wanderschaft zu gehen. Es treibe ihn, schrieb er, auf die Wanderschaft hinaus, er müsse fort – auf lang, vielleicht auf immer. Die Kunst, welche er gewählt, sei eine solche, in der man gar nie auslernen könne, und wenn einer so alt werde wie Methusalem.

Der Mutter hatte dieser Brief, das desperate Vorhaben des Sohnes, der Heimat Valet zu sagen und hinauszuziehen, vielleicht für immer, einen unwillkürlichen Seufzer abgepreßt. Florentina aber, als sie geendet und den Brief der Mutter zurückgegeben hatte, blieb schweigsam und blickte eine Zeitlang trübsinnig durch die Fensterscheiben; dann aber steckte sie eiligst die Spindel in den glänzenden Flachswulst an der zierlich gedrechselten, bemalten und vergoldeten Kunkel, einer Arbeit des Briefstellers, und verließ früher als gewöhnlich das Haus.

An dich richtet er kein einziges Wort! Dies mochten etwa ihre Gedanken sein – so wenig Mühe kostet es ihn, fortzuziehen auf lange, vielleicht auf immer? Und dann dieses Fräulein, das immer so gut gegen ihn sein sollte! – Dionys hatte ihr auch schon von diesem Herrenkind erzählt und von den Lobsprüchen, die Hieronymus demselben bei verschiedenen Gelegenheiten gespendet haben sollte.

Die Liebe ist eine starke, aber auch eine zarte Pflanze, sie überdauert die gewaltigsten Stürme, die heftigsten Ungewitter, aber ein einziger erkältender Reif kann ihre Blüte zerstören. Zurücksetzung ist für ein empfindendes Gemüt vielleicht am schwersten zu tragen; und so sehen wir hier zwei Herzen sich entfernen, erkälten, welche bisher von dem stillen, heiligen Feuer innigster Zuneigung erwärmt waren.

Ein äußerer Anstoß, ein Sturm hätte dies Feuer vielleicht zur lichten Flamme angefacht, und jetzt droht es in sich selbst zu verglühen, weil ihm der frische Luftzug tatsächlicher Anregung fehlt.

Was Hieronymus über Helenes Lage geschrieben hatte, verhielt sich wirklich so, und in ihrer Jugend schon sollte das gute Mädchen den vollen Ernst des Lebens kennenlernen. Daß der Amtsrat nicht in den besten Umständen gestorben, wußte sie, und ihr persönliches Verhältnis zur Ratsfamilie hatte sie längst geahnt, obwohl die Eltern stets bemüht waren, sie es in nichts fühlen zu lassen. Aber bei dem jüngsten Trauerfall war es die Stimme der Natur, die, wenn auch unbewußt, aus der Seele der Mutter gesprochen, die sich eben doch gegen die leiblichen Kinder anders gebarte, anders ausdrückte als gegen das Pflegekind, und daß sie dieses sei, war dem guten Mädchen jetzt zur Gewißheit geworden.

Mit Worten zwar ward dies Verhältnis von der Mutter nicht berührt, und begreiflich konnte es Helena nicht in den Sinn kommen, zuerst davon zu sprechen. In der Seele des angenommenen Kindes aber reifte der Entschluß, die gute geliebte Pflegemutter so bald als immer tunlich von der Last ihres Unterhaltes zu befreien.

Die Frau Amtsrätin war seit dem Hinscheiden ihres Mannes auch etwas leidend; eines Abends saß Frau Annakäther bei ihr, und nachdem das Andenken des Abgeschiedenen eine Zeitlang Stoff des Gespräches gewesen, erzählte die Annakäther unter anderem, wie kürzlich ihre Tochter, die Verwalterin auf Wildenstein, das Verlangen geäußert habe, eine Person zu finden, welche ihr nicht nur in der Haushaltung an die Hand gehen, sondern namentlich auch die Kinder pflegen und unterrichten könne.

Die Frauen hatten sich über diesen Gegenstand ausgelassen, diesen und jenen Namen genannt, ohne jedoch zu einer Einigung zu gelangen. Helena hatte schweigend zugehört. – Als aber die Feldwaibelsfrau geschieden, trat, nach einer Pause gegenseitigen Schweigens, das Mädchen vor die im Lehnstuhl sitzende Witwe, warf sich in großer Bewegung vor den Stuhl und sprach, die Hände der Frau an ihre Lippen pressend: „Mutter, ich will nach Wildenstein gehen. – Ich kann es nicht mehr länger über mich bringen – jetzt, wo sich so vieles geändert hat – Euch noch zur Last zu sein – ich kann nichts als danken, Mutter, für alles.“

Burg Wildenstein
Foto: Rainer Halama auf Wikipedia

Die überraschte Frau drückte das gute Kind an ihre Brust. „Helene“, sprach sie in tröstendem Tone, „beruhige dich – es wird noch alles gut werden – sprich mir von keiner Trennung.“ Aber das Mädchen konnte sich nicht zufriedengeben. Beide Hände vor dem Gesicht, lag sie auf den Knien der guten Frau – ein Tränenstrom erleichterte ihre Brust. „Helene, fasse dich, du hast ja deinen Eltern nie Ursache zur Beschwerde gegeben.“ „Ich habe ein heiliges Gelübde getan“, sprach Helena feierlich, „der Himmel ist mein Zeuge. – Laßt mich gewähren, Mutter – versucht es nicht, mich abwendig zu machen – es ist mein Gedanke Tag und Nacht. – Josepha (so hieß die zweite Tochter der Amtsrätin) ist erwachsen, sie kann allein alles versehen. – Oh, ich weiß, daß ich ohne Euch alleingestanden hätte in dieser Welt.“
„Helene“, erwiderte die Rätin begütigend, aber in einem Tone, der ihr Nachgeben bekundete, „ich weiß, was du sagen willst – es sind heilig übernommene Pflichten, dazu die Liebe einer Mutter, die dich an mich fesseln – glaube mir, auch ferner noch wird für dich gesorgt werden – vertraue deiner Mutter.“

So schien denn ein ernstes Geschick unsere bisherigen Freunde auseinanderbringen und lange Trennung, vielleicht auf immer, gewohnten, liebgewordenen Verhältnissen ein Ende machen zu wollen.

Burg Wildenstein

Kupferstich von Matthäus Merian von 1643. Das Profil der Wehrgräben ist extrem überzeichnet, gibt aber den Eindruck wieder, den diese auf die Zeitgenossen ausgeübt haben müssen. Foto: Wikipedia

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Brautwerbung
Die Doppelhochzeit

Hieronymus Kapitel 20

“O wie chlopft der di Herz, wie lüpft si di flatterig Halstuch, und wie stigt der d’Röthi jez in die lieblige Backe, wie am Himmel s’Morgeroth am duftige Maitag”
>Johann Peter Hebel

Brautwerbung – Die Doppelhochzeit

Mögen Welthändel die Völker entzweien, widerstreitende Interessen die Volksstämme gegeneinander aufstacheln; mag das „Mein und Dein“, das „Gewinnen und Verlieren“ selbst Nachbarn zu Feinden machen, stets wird die Liebe eine heilige Zufluchtsstätte in den Herzen der einzelnen finden und dort das Band wieder knüpfen, an welchem allein die Menschheit ihrem Ziele entgegengeleitet werden kann.

Ein Jahr war umflossen, seit der Friede wieder ins Land gekehrt, und doch gehörte für Philipp die so heiß ersehnte Verbindung mit der guten Juliana noch immer in das Reich der Hoffnungen und Wünsche. Endlich aber sollte auch bei diesem Paar sich das Sprichwort bewähren, „wo Treue Wurzel schlägt, macht Gott einen Baum daraus“. Die Bedenklichkeiten und Häkeleien, aus Familienverhältnissen und Rücksichten entsprungen, wurden beseitigt, geglättet und sie glücklich als Brautpaar anerkannt.

Solche Vorgänge sind oft wie herausfordernd, denn kurze Zeit darauf sehen wir ein zweites Paar aus dem Kreise unserer Bekannten dem Segen der Kirche zu ihrer Eheverbindung entgegenharren. Des Laubhausers Peter hatte sich entschlossen, zu heiraten, oder besser gesagt, sein Vater hat sich entschlossen, den Sohn zu verheiraten. Des Hofbauern Beweggrund hiezu lag keineswegs etwa darin, daß er das Regiment gerne an den Sohn abgetreten, um den Rest seiner Tage in ruhiger Zurückgezogenheit zu verleben, nein, der alte Laubhauser hatte jetzt gerade eine passende Braut für den Sohn gefunden, oder vielmehr eine Bauerntochter, auf welche er seit geraumer Zeit her sein Augenmerk in dieser Beziehung gerichtet, war jetzt ins heiratsfähige Alter getreten, und der Bauer hatte es an der Zeit erachtet, mit seinen Plänen hervorzutreten.

Die Angelegenheit war schon früher durch den Langen Hans eingefädelt worden. Durch ihn waren unserm Hofbauern gewisse Winke gegeben und von diesem wohl vermerkt worden. Das Mädchen, um welches es sich handelte, war in der Baar zu Hause und die Tochter des reichen Storchenbauern. Wie aber die beabsichtigte Verbindung zustand gebracht worden, das ging auf folgende Weise zu.

Nachdem der Laubhauser einmal das bestimmte Ziel ins Auge gefaßt und seine Maßregeln getroffen hatte, erschienen eines Tages zwei Männer vor des Storchenbauern Hause. Der eine war der Stabhalter von Laubhausen, der andere der Bregenbacherbauer, Peters Götte. Als die Botschafter sich langsam genähert, klopfte der Stabhalter mit dem Stock am Fenster der Wohnstube, zu sehen, ob jemand im Hause. Der Storchenbauer erscheint am Fenster, und als er bemerkt, weß Landes, ladet er die Männer ein, hereinzukommen.

Die beiden aber machen diplomatisch ernsthafte Gesichter und sind eigentlich nur gekommen, im Vorbeigehen die zwei jungen Fohlen, welche der Bauer, soviel sie wissen, feil habe, in Augenschein zu nehmen. Der Storchenbauer führt sie darum in den Stall – wo man lobt, schätzt, bewundert, aber doch nicht handelseins wird. – Der Storchenbauer, nach einigem Schweigen, ladet die Männer ein, hinauf in die Stube zu kommen – der Stabhalter und sein Freund sehen sich fragend an und schreiten dann bedächtlich hinter dem Bauer her.

In der Stube wird nun von Frucht- und Marktpreisen, von Landwirtschaft überhaupt gesprochen. Die älteste Tochter, ein stattliches Mädchen, bringt Wein und Brot und stellt die Erfrischung mit den Worten: „Sind au Gottwilchen!“ auf den Tisch, entfernt sich aber wieder, ohne sich in weiteres Gespräch einzulassen. – Die Männer reden noch immer von Äckern und Wiesen – der Stabhalter führt vergleichungsweise das Hofgut des Laubhausers an, der Storchenbauer macht Bemerkungen über das seinige, während er seinen silberbeschlagenen Ulmerkopf mit Rollenkanaster versieht, Feuer schlägt und starke Dampfwolken vor sich hin treibt.

„Weil wir doch grad davon reden“, sagt er, „so will ich Euch das Inventari holen, da werdet Ihr sehen, Stabhalter, daß wir Baaremer Bure gegen Euch Wälder um e Guts verschieden sind. – Agathle“, ruft er durch den Küchenladen, „gib mir den Kastenschlüssel.“ – Während der Bauer in die Kammer schreitet, winkt der Stabhalter dem Bregenbacher, und sie stoßen mit den Gläsern an. –

Der Storchenbauer kommt zurück, breitet das Inventar auf dem Tische aus und zeigt mit der Mundspitze seiner Pfeife, wo die besten Äcker und Wiesen liegen, wobei er beiläufig anführt, was er einer Tochter geben könne. – Jetzt war der rechte Augenblick gekommen. –

„Wie wär’s“, wirft der Stabhalter ein, indem er mit der flachen Hand auf den Tisch schlägt, „wie wär’s, wenn man die Sach zusammenspielen tät?“

Und siehe! Der Zauber ist gelöst – man nennt das Kind bei seinem rechten Namen. „’s ließ sich hören!“ meint der Storchenbauer und ruft dem Agathle wieder, die Butelle sei leer, und als das flinke Mädel erschienen, sagt ihm der Stabhalter: er habe beinahe vergessen, daß des Laubhausers Peter sie vielmal grüßen lasse. Während sie errötend, ihm nickend, aus dem dargebrachten Glase trinkt, sagt er: „Der Peter ist e Männle – trinket us und stoßet a!“ Soweit war nun alles im Reinen, und man macht noch aus, daß die beiden jungen Leute mit ihren Vätern am Johannimarkt zu Donaueschingen im Gasthaus zum Schützen sich treffen sollten. – Das war die „Abrede“.

Speisekarte von etwa 1880 aus dem Hotel zum Schützen in Donaueschingen.

Die Zusammenkunft mußte ihre Früchte getragen haben, denn nicht lange nachher sieht man eines Tages das Agathle mit seinem Vater auf den „B’schauet“ vor dem Laubhauserhofe anfahren – und daß es ihnen allda recht wohlgefallen, können wir daraus annehmen, daß von dieser Zeit an in des Storchenbauern Hause über Kopf und Hals an der Brautfahrt (Aussteuer) geschafft wurde. Die Hochzeitsfeier selbst begleiteten alle hergebrachten Formen und Bräuche.

Einige Tage vorher fuhr vierspännig ein Leiterwagen, von Laubhausen kommend, vor des Storchenbauern Haus; Geschirr und Wagen waren nagelneu und wurden daselbst in die Scheuer eingestellt. Des andern Tages früh, als auch der glückliche Hochzeiter Peter nachgefolgt war, begann die Verladung der Aussteuer. Zuerst kam die große, mit reich verziertem Bretterhimmel verdachte Doppelbettstatt, dann ein großer Kleiderkasten, ein Trog, möglichst bunt bemalt, eine Kunkel mit angelegtem Flachs und flatternden Bändern. Wenn letzteres als Symbol häuslichen Fleißes bezeichnet werden mochte, so deutete der nie fehlende Brautbesen von weißen Reisern mit seinem verzierten Stiel (eine Arbeit der Stillieger) auf die schöne Eigenschaft der Reinlichkeit.

Der nie fehlende Brautbesen mit weißen Reisern und dem verzierten Stiel der eine Arbeit der Stillieger sei, ist für mich ein Rätsel. Die Bezeichung „Stillieger“ findet sich nur im Zusammenhang mit der Rheinschifffahrt und auch der Brautbesen scheint verschwunden zu sein.

Das Brautbett wurde vorn auf dem Wagen vollständig aufgemacht, und als dieses geschehen, begann das Einpacken der Kästen und Tröge. Verwandte der Braut, schmucke junge Mädchen, trugen Stück für Stück in die Scheuer, daß auch den Nachbarn genaue Einsicht und richtiges Wertschätzen ermöglicht war. Doch weil hier der Platz mangelt, all diese Kostbarkeiten im einzelnen vor dem Leser auszubreiten, führen wir nur an: die schönen eingebändelten Jüppen und Goller, die farbigen Fürtücher, feintuchenen Ärmel, die seidenen Halstücher, Hemden und Strümpfe, ebenso das Tischzeug, Handzwelen, Getüch, Zwillich, Reisten, Flachs, Zinngeschirr; alles dutzendweise gezählt, ellenweise gemessen, zentnerweis gewogen. Erlassen sei es uns jedoch, die blanken Taler zu zählen, welche der Storchenbauer seinem Töchterlein „auf den ersten Wurf“ schon mitgegeben. Kaum hatten die Vormittagsstunden hingereicht, das Geschäft zu beenden. Schlag zwölf Uhr wurde die Aussegnung vorgenommen.

Der Herr Pfarrer war erschienen, die Eltern, die Braut und sämtliches Hausgesinde wohnten der frommen Handlung kniend bei. Nachdem der Geistliche seine Gebete verrichtet und den Segen gesprochen, tritt der Hochzeiter herein, nähert sich seinen zukünftigen Schwiegereltern und dankt mit einem Handschlag für die reiche Hochzeitsgabe. Hierauf bespannt des Laubhausers Karrenknecht mit seinem stolzen Viergespann den Wagen, schwingt sich in den Sattel, und die Fahrt geht vonstatten, während der auf dem Handgaul sitzende Vorreiter, der Roßbub, triumphierend, als hätt er den Brautwagen erobert, mit einem lauten „Juhe!“ sein Lederkäpplein schwingt. Von allen Giebeln und Häusern krachen Schüsse als Gruß und Abschied.

Hinter dem Wagen mit der teuren Last aber steigt in stattlichem blauem Rock und rotem Wollehemd der beglückte Bräutigam Peter; in der Linken hält er einen großen, mit Scheidemünze wohlgefüllten, rot bemalten Beutel, aus welchem die Rechte den glückwünschenden Kindern, welche von Zeit zu Zeit „vorspannen“, Gaben spendet; und um ja der Würde eines Sohnes vom Laubhauserhof heute nichts zu vergeben – wirft der Glückliche noch Geld unter die Zuschauer.

Bei so naher Bekanntschaft und Verwandtschaft war der Gedanke natürlich, daß die Hochzeiten Peters und des Kaiserzollers Philipp an einem Tage gefeiert werden sollten, so ward es unter den Eltern verabredet, und zwar sollten Mahl und Tanz im Felsen sein. Welche Zurüstungen zu diesem Festtage! Noch mancherlei Förmlichkeiten sind bis zum Augenblick der Trauung zu beobachten; versetzen wir uns jedoch mit einem Blick auf unsere Zeichnung in den Hochzeitsmorgen selbst.

Juliana, von der Schwester angekleidet und frisiert, glänzt schon im bräutlichen Schmucke der jungfräulichen Schappeltracht. Die Krone voll Goldflitter und farbigen Perlchen ziert das Haupt; die Haare sind eingeflochten in hochrote Stränge von Türkengarn und Hals und Brust züchtig verhüllt in Flor; über der schwarzen Taffetschürze prangt der schön gestickte Schappelgürtel, und die bauschige Jüppe fällt herab in feinen Falten auf die neuen Stöckelschuhe, in welchen die also Geputzte nur in bemessenen Schritten einherzugehen vermag. – Erwartungsvoll umstehen sie die kleinen Kränzlejungfern, die sich längst schon gefreut und vorbereitet haben auf diesen wichtigen Tag.

Von ferne erklingen die Geigen und Klarinetten der Spielleute, welche der Sitte gemäß im Tal umhergehen und vor den Häusern die „Morgensuppe anblasen“, und bald werden die Glocken zur Kirche rufen. Man sagt, eine Braut, welche in der Hochzeitskirche nicht weine, bekomme eine tränenreiche Ehe. Auch der Himmel, ob hell oder trübe, soll eine Vorbedeutung sein, sagen die Weiber, die natürlich stets auf das Angelegentlichste mit den Brautleuten sich beschäftigen – Tränen jedoch sind bald vergossen und ebensobald wieder abgewischt; doch gewiß ist, daß auch im höchsten Ton der Freude leise Trauer, herber Schmerz mitklingt, wie mit dem hohen Glockenton die tiefe Oktave.

Wie es jedoch mit dem Wetter beschaffen war, hell oder trübe, vermögen wir nicht anzugeben. Nur so viel darf versichert werden, der Hochzeiter Philipp hatte sich innig gefreut auf diesen Tag, der ihm seine geliebte Juliana unauflöslich verbinden sollte; und auch der Peter, nicht wenig stolz auf sein Agathle, hielt ihn für seinen höchsten Ehrentag. Beide junge Männer aber konnten diesen Gefühlen und Erwägungen heute nur flüchtig nachhängen; denn mehr noch als der Kaiser am Krönungstag hatten sie nach allen Richtungen hin diplomatische Förmlichkeiten und Rücksichten zu beobachten: zu grüßen, die Hand zu geben und jedem zu sagen, wie sehr es sie freue, daß man ihnen die Ehre schenke usw.

Doch – überlassen wir ihnen die Ausführung des herkömmlichen Zeremoniells und wenden wir uns nach vollzogener Trauung der Hochzeitstafel im „Felsen“ zu, wo im Doppelfeste zwei Ehebündnisse gefeiert werden.

Welch eine Menge von Gästen, kaum daß sie das Haus mit seiner großen Stube und Nebenkammer, welche durch Aufhebung der hölzernen Scheidewand zu einem Raume vereinigt sind, alle zu fassen vermag. Die ganze Nachbarschaft rund umher ist eingeladen worden, und niemand, scheint es, hat die Einladung abgelehnt; die Ehrenmägdlein haben alle Hände voll zu tun, jedem ankommenden Gaste auf dem Teller sogleich das Sträußchen zu bieten. – Mit dem Fazenettlein und dem Rosmarinzweig in der Hand sitzen die Bräute an dem Tisch; und da es heute nicht schicklich ist, daß sie von dem Aufgetragenen selbst herausnehmen und auf dem Teller zerlegen, so sehen wir die an ihrer Seite sitzenden Brautführer sie zuvorkommend bedienen. – Auch Florentina, Geschwisterkind und Schwägerin, erblicken wir als bekränzte Ehrenmagd oben an der Tafel; aber sie blickt still und gedankenvoll vor sich hin, obwohl der an ihrer Seite sitzende Handelsmann Dionys, sorgfältig angetan, sich alle Mühe gibt, mit Schöntun sie zu gewinnen.

Ein Fazenettlein ein Taschentuch, bzw. ein Tüchlein.
Rosmarin ist das Symbol für ewige Liebe, Treue und bleibende Erinnerung. Im Mittelalter schrieb man Rosmarin die Kraft zu, böse Geister zu bannen. Volkstümlichen Namen für den Rosmarin sind: Brautkraut, Hochzeitsbleami, Hochzeitsmaie, Kranzenkraut, Weyrauchkraut, Rosemarie, Lieblingskraut oder Gedenkemein.

Aber Hieronymus, warum sehen wir diesen nicht an der Tafelrunde? – Eingeladen ist er und hat der Einladung auch Folge geleistet; aber am Hochzeitstisch selbst, unter den Verwandten und Großwürdenträgern, gebührt ihm, dem Sohne des Dienstmannes, heute kein Ehrenplatz; da muß eben alles g’hörig und formularisch sein, wie der Laubhauser sich auszudrücken beliebte; und Ausnahmen durften keine gemacht werden.

War demnach die Etikette streng vorgeschrieben, ward sie doch keineswegs so ängstlich beobachtet, daß zuletzt nicht die alte Zutraulichkeit wieder sich hätte geltend machen dürfen. Aber Hieronymus hatte heute seinen eigenen launenhaften Tag, und wenn er sich im Herzen auch unrecht geben mußte, so vermied er doch störrisch alles Begegnen, alles Annähern an Florentina.

Der Grillenfänger saß am hintern Tischlein bei seinem Vater, der heute im besten Gewande, seinem einstigen Hochzeitsrocke, prangte. Die Mutter war in der Küche beschäftigt. Romulus hatte sich auch zu ihnen gesellt. „Du siehst“, sagte er in gedämpftem Ton, daß es nur Hieronymus hören konnte, „wie er sich an den Laden legt, ich hab richtig prophezeit.“ Damit meinte aber der Student den zutunlichen Dionys, der heute für niemand Augen hatte als nur für Florentina, die er wiederholt schon zum Tanze geführt hatte. Der Angeredete biß sich auf die Lippen und erwiderte nichts. Romulus schenkte die Gläser voll und nötigte den Freund zum Trinken. Ganz abgesehen von ihrer Umgebung taten sich die beiden jetzt Zwang an und sprachen mit scheinbar größter Unbefangenheit von ihren Studien und vom Stadtleben.

Florentina hatte öfter ihre Blicke nach dem hintern Tische gerichtet; und jetzt neigte sich die Braut Juliana, die es bemerkt hatte, zur Gespielin, ihr etwas ins Ohr zu zischeln. Hierauf erhoben sich beide, um Hand in Hand auf den Tisch zuzuschreiten. – Versöhnlich reichte zuerst die Braut ihrem einstigen Anbeter Romulus die Hand; und Florentina, das gute Mädchen, wendete sich an Hieronymus, fragend, was ihm fehle und ob er denn heut gar keine Lust zum Tanzen habe?

„An Tänzern fehlt es ja nit, wie ich seh!“ gab er mit erzwungener Gleichmütigkeit zur Antwort mit einem Seitenblick auf Dionys, der ebenfalls sich herbeigemacht.
„Du hast dich diesmal noch gar nie bei uns sehe lassen, machst dich au gar so rar!“ fuhr in halb vorwurfsvollem Ton die Freundin fort.
„Bin gestern erst kommen und wollt bei euch im Haus nit überlästig sein, wo alles so vollauf mit der Hochzeit beschäftigt g’wesen ist.“
„Nu, so schenkst du uns morgen doch die Ehr, nit wahr?“ fragte sie treuherzig.
„Ich will morgen mit dem frühesten wieder fort“, entgegnete Hieronymus scheinbar kalt und gleichgültig.
„Schon wieder fort?“ wiederholte Florentina, indem es wie ein leiser Schatten über ihr Gesicht hinzog
„Dem Hieronymus g’fallt es nit mehr bei uns auf’m Land“, bemerkte Dionys lächelnd; „’s ist wahr, in der Stadt gibt’s mehr Pläsier.“

Ehe Hieronymus hierauf erwidern konnte, war der Bräutigam Philipp herbeigekommen mit dem vollen Glas, um es den Freunden zuzubringen. „Essen und Vergessen!“ sagte er fröhlich zu seinem ehemaligen Widersacher – und auch Romulus ergriff sein Glas und stieß mit ihm an.

„Kommt, Romulus, Hieronymus“, ermunterte Philipp die beiden, „kommt, seid doch auch e bißle lustig und alert! – Hört ihr nit den lustigen Tanz? Juheisa juhe! Kommt’s euch nit in die Füß? Frisch – hellauf und glattweg!“ Aber auch die Geigen und Flöten, die jetzt vom Tanzboden her tönten, vermochten nicht, das eigensinnige Paar in den allgemeinen Wirbel hineinzuziehen. Sie blieben am Tische sitzen.

Nur einmal, als es hieß, es solle ein Vortanz ausgerufen werden, bemühten sie sich hinaufzugehen, als Zuschauer. – Als die Gruppen sich gehörig gebildet, trat der alte Spielhannes auf und rief, mit der Hand Schweigen gebietend, die üblichen Vortänze aus: „Drei ehrliche Tänz“, verkündet er, „für die beiden ehrsamen Hochzeiter und für den Laubhauserbur, und es soll niemand dreinfahren, außer er hab Staub unterm Hut und e Loch im Strumpf, so groß wie en Speckteller!“ – Allgemeines Gelächter. – Der Tanz beginnt, und machten die Brautleute ihre Sache gut, so tanzte der Bauer mit der Kaiserzollerin noch besser – gravitätisch führt er die Tänzerin auf den Platz, und bald auf dem einen, bald auf dem andern Absatz klappernd oder in die Hände klatschend umschwärmt er die züchtige Tänzerin, die, zimperlich mit der Hand ihr Gewand haltend, bald sich nähert, bald sich entfernt, während der Tänzer die Verslein singt:

„Tanz mir nur all siebe siebe,
Tanz mir nur all siebe;
Mach mir’s, daß ich tanzen kann,
Tanzen wie ein Edelmann;
Frei g’schwind!“

Nachdem diese Tänze beendet, begann erst der allgemeine Ländler. Die beiden Freunde aber hatten längst sich wieder in die Trinkstube an ihren Tisch begeben. – Heiterkeit und Lust waren in vollem Zug – und der Stabhalter, nachdem jedes seinen Platz wieder eingenommen, forderte die Mädchen auf, eins zu singen: „Allons, Florentina“, kommandierte er, „stimm an!“ – Auf das gebot er Stille – und Florentina – nach einigem Besinnen – stimmte eins an, und die andern, darunter natürlich auch der seelenvergnügte Dionys, fielen ein. – Auch dem Hieronymus und seinem Freunde hatte der Stabhalter zugewinkt – aber sie lehnten ab. – Bald nachher fanden sie für gut, dem geräuschvollen Feste sich unbemerkt zu entziehen.

Gegen Abend, als das Mahl beinahe zu Ende war, zog die Musikbande spielend um die Hochzeitstische, und als der „Brotis-Marsch“ beendet, bestieg der alte Spielhannes eine Bank, von welcher herab er mit lauter Stimme den üblichen Zech- und Glückwunschruf herdeklamierte:

„Ich bitte still, ein wenig still,
daß jeder höre, was ich will;
Hochgeehrte, liebe Gäste,
Allen hier beim Hochzeitsfeste,
Bin vom Brautpaar hergesandt:
So viel Dank wie Sand am Meere,
Für die ihm erwies’ne Ehre,
Und was ein Mensch je Guts erdacht,
Sei Freunden auch zum Dank gebracht.
Auch der Wirt bringt heute keine Kreide,
Denn sie beraubt der Gäste Freude,
Man zechet heut, wie’s früher war,
Auf das geliebte Hochzeitspaar.«

Und nachdem die Gäste noch ermahnt worden, zu tun, „was schon die Alten erdacht“, nämlich mit „Gaben“ das Herz der Brautpaare zu erfreuen, wendete der Sprecher sich an diese selbst und wünschte ihnen im Namen der Hochzeitsgäste:

„Alles, alles, nur das Beste,
Zuletzt noch viele Kinder,
Gesund und munter auch sogar,
Mit blauen Augen, gelbem Haar,
Dann“, schloß er, „stirbt die Welt gewiß nicht aus,
Und Gottes Segen ist im Haus.“

Bis in die späte Nacht dauerte das festliche Gelage. – Viele vermochten sich nicht zu trennen, bis am grauenden Morgen. Unsere schmollenden Freunde waren aber in der Dämmerung hinausgewandert ins Freie, in die Einsamkeit des nahen Waldes. Sie sprachen über vielerlei und machten ihrem jugendlichen Unmute in philosophischem Gespräche über die Menschen und Verhältnisse Luft.

Als sie spät am Abend umkehrten, strahlte das Wirtshaus festlich erleuchtet durch den Nebelduft; und Getöse und Tanzmusik tönte weit durch die stille Nacht. Die Jünglinge waren unschlüssig, ob sie noch einmal eintreten sollten. Hieronymus hatte Lust, es zog ihn mit heimlicher Gewalt; doch Romulus ließ sich vernehmen, ihn am Arme packend: „Tu es nicht! Laß dem stolzen Bauernadel für heut sein Gaudium!“

Mißgestimmt war Hieronymus nach Haus gekommen, wo er, ohne sich ganz auszukleiden, sich unverweilt aufs Lager warf, doch ohne daß ihm der Schlaf die Augenlider schloß. – Und als er nach langem Wachen endlich eingeschlummert, weckte ihn bald wieder Wagengerassel und das Spiel der Musikanten. Es war üblich im Tal, daß die Spielleute jeden fremden Hochzeitsgast, von dem ein gutes Trinkgeld zu erwarten war, beim Scheiden musizierend bis vor die Haustür begleiteten. – So – zwischen Einschlummern und Aufwachen – ging es fort, bis der Tag graute. – Noch im Morgendämmer wollte der ungeduldige Mensch von dannen ziehen. Die „Nachhochzeit“, redete er sich vor, werde auch ohne ihn abgehalten werden können. – Nicht viel Zeit brauchte er, sich reisefertig zu machen; auch litt er nicht, daß ihm die soeben erst vom Wirtshaus herübergekommene Mutter ein Süpplein koche. Sie begriff seine Eile nicht, obwohl er ihr sagte, er müsse diesmal den längeren Rückweg über Neustadt machen, um dort für den Meister eine kleine Kirchenarbeit abzuholen.

Nebelgewölk verhüllte noch die Berge, als er durch das „Felsental“ zog; es wich erst, als er oben auf dem „Höchst* angekommen war. Von der Straße ab ging er rechts, eine schwachbeholzte Bergkuppe ersteigend, wo sich ihm eine freie Aussicht bot, über die Vorhügel hinweg – hinaus ins bläuliche Rheintal. Die kühle Morgenluft hatte bereits all die trüben Nachtschatten von gestern aus seinem Gemüte verweht; er atmete freier, und die Gedanken schweiften hinaus, leicht wie die Wölkchen, die im reinen Äther über seinem Haupte wegzogen. – Und doch fühlte er sich nicht so glücklich wie damals, wo er, als Hirte im Grase liegend, hinaufgeschaut und den Wolkenzug betrachtet und aufspringend dann sich gedrängt gefühlt hatte, mit einem weithin schallenden Jauchzer sein Glück den Bergen und Wäldern zu verkünden!

Hier geht es zu Kapitel 21:

Wir freuen uns über mehr Erkenntnisse zu diesem Podcast in den Kommentaren!

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Moreaus Rückzug
Plünderung

Hieronymus Kapitel 19

“Drunter ischs und drüber gange was me cha sage. Menge brave Ma hets nime chönne prästiere, het si Sach verlohren und Hunger glitten und bettlet.
>Johann Peter Hebel

Moreaus Rückzug – Plünderung

Für den Augenblick war das Unwetter vorübergezogen, ohne in dieser Gegend größeren Schaden anzurichten; doch bald sollte es, von einem Gegenwind zurückgetrieben, nur um so heftiger sich entladen.

Mit dem Anfang des Oktober hatte der französische General Moreau auf seinem, wohl über die Gebühr gepriesenen Rückzuge die Höhen des Schwarzwaldes und den Paß des Höllentales wiederzugewinnen vermocht und den Schauplatz unserer Erzählung mit seinen Scharen überschwemmt.

Bereits, als es kundbar geworden, wie Erzherzog Karl die zweite feindliche Armee nach dem Main zurückgeworfen habe, und wie die fränkischen Bauern den fliehenden Franzosen mitgespielt, da machte das Vaterlandsgefühl sich geltend, überall, wo ein Feind auf deutschem Boden zu sehen gewesen. In dem diesseitigen Teile des Bistums Speyer hatte der bewaffnete Volksaufstand seinen Anfang genommen, sich rasch über den Odenwald und herauf über die Ortenau verbreitet. Aber selbst in jenem Teile des Schwarzwaldes, welcher noch in Feindes Hand war, suchte man die verborgenen Waffen wieder hervor. Wo man den Franzosen einen Schaden, einen Abbruch tun konnte, geschah es. Nachzügler, einzeln reisende Kriegsbeamte wurden überfallen und auf die Seite geschafft.

An den Heerstraßen hatten verwegene Rotten Hinterhalte angelegt, von wo sie kleinere feindliche Abteilungen versprengten, oft gar überwältigten.

Gefangene wurden bei solchen Gelegenheiten keine gemacht, das begreift man. Allerdings ließen die Franzosen solche Dinge nicht ungeahndet, wo sie es vermochten, allein man darf wohl annehmen, daß nur die Furcht, den Aufstand allgemein zu machen, sie von greulicher Wiedervergeltung abhielt.

Im Kirchtal unter andern hatte der Kuhhirt einige verwegene Gesellen um sich versammelt und lag mit diesen an der Landstraße auf der Lauer. Da sahen sie einen feindlichen Gepäckzug herannahen, nur von wenigen Bewaffneten begleitet. Die Disposition zum Angriff war bald gemacht; als der Zug nahe genug herangekommen, sprangen die Kameraden rasch aus ihrem Versteck, wirbelten mit den Füßen den Staub der Landstraße hoch in die Höhe, der Hirte feuerte dabei zwei Pistolenschüsse ab, und die erschreckten Feinde, wahrscheinlich junge Leute, nahmen eiligst die Flucht, den Wegelagerern das Gepäck als Kriegsbeute überlassend. Doch nicht lange nach dem Streich erscheint eine französische Kolonne in dem Tale, dort die Auslieferung der Übeltäter zu verlangen oder den Ort niederzubrennen. Jene aber hatten sich bereits in die Berge salviert, und der französische General war menschlich genug, nur sechs Häuser in Asche legen zu lassen. – Auch in Hausen vor Wald war ähnliches geschehen, und das Dorf wurde drei Tage lang der Plünderung preisgegeben.

In Hausen vor Wald haben wohl auch Hirten Franzosen überfallen, was genau passiert ist, schreibt Lucian Reich nicht. Auf jeden Fall wurde als Strafe Hausen vor Wald drei Tage lang Plünderungen peisgegeben. Dass danach wohl nicht mehr viel übrig sein konnte, ist wohl klar.

Und wieder fürchtete man in der Baar eine Schlacht. – Schon standen die Armeen einander gegenüber, als die Franzosen ihre Stellungen aufgaben und den Rückzug über den Schwarzwald fortsetzten. Der Feuerschein des brennenden Dorfes Röthenbach, wo vorher einige Franzosen umgebracht worden waren, und die flammende Pfarrkirche samt Schulhaus in Neustadt bezeichneten ihren Weg.

Unsern Hieronymus faßte der Strudel im Hause der Großeltern, welche im Jahr vorher kurz nacheinander aus dieser Zeitlichkeit geschieden waren und für welche eben jetzt der Gedächtnisgottesdienst gehalten werden sollte.

Zweiter Koalitionskrieg
Der Zweite Koalitionskrieg (1798/99–1801/02) wurde von einer Allianz um Russland, Österreich und Großbritannien gegen das im Ersten Koalitionskrieg erfolgreiche revolutionäre Frankreich geführt.

Auf dem Walde war in diesem Jahr vom Kriege wenig zu verspüren gewesen; kein Feind hatte noch die Gegend um Laubhausen betreten; und daß Moreau schon wieder auf dem Rückzug sich befinde, davon hatte man dort nur gerüchtweise sagen gehört. Also war Vater Mathias in die Amtsstadt gekommen, um seinen Sohn zur Gedächtnisfeier abzuholen.

Der 29-jährige Jean-Victor Moreau (1792)
Foto: Wikipedia

Der Gottesdienst im Dorfe war noch ungestört vorübergegangen. Gegen Mittag, als die Leute gruppenweise vor ihren Häusern standen, mehr stumm und erwartungsvoll als beratend, erscholl es plötzlich: „Sie kommen“, und wirklich sah man bald darauf am „Kapf“ (einer Waldecke) Bajonette blitzen. Eine Abteilung Franzosen hatte dort Halt gemacht.

Das Kapf bei Villingen ist gegenüber vom Kirnacher Bahnhöfle und eine alte Wallanlage des keltischen Siedlungsareals.

In demselben Augenblick krächzt eine heisere Weiberstimme: „Sie kummet, sie kummet, d‘ Vetterli kummet! Jetzt ist den arme Leute g’holfe!“ – Es war das alte halbverrückte Duningerannele, welches in wahnsinniger Lust also durch das Dorf rannte.

Über das Duningerannele läßt sich in der Villinger Geschichte leider nichts mehr finden. Anscheinend aber war sie den Ideen der französischen Revolution nicht abgeneigt.

Da tut sich der krumme Davidle, der Viehdoktor und Teufelsbanner hervor, die Leute zu beruhigen: er könne Französisch, behauptete er, und wolle hinausziehen, zu parlamentieren.

Der krumme Davidle, der Viehdoktor und Teufelsbanner ist auch in den Tiefen der Geschichte verschollen.

Man ließ ihn gewähren. Da band der Patriot ein weißes Taschentuch an einen Stock und zog mit dieser Friedensfahne hinaus zu den Franzosen.

Wer sich genauer für die Wirren der Koalitionskriege interessiert, sei auf die Seite des Geschichts- und Heimatvereins Villingen verwiesen: Villingen im Zeitalter der Französischen Revolution(1770-1815) von Michael Tocha.

Nach etwa einer Viertelstunde ängstlichen Harrens kehrte der Parlamentär wieder zurück, von weitem schon schreiend: „Viktoria – sie sage, sie tun uns nüt – wenn wir ihne nur g’nug z‘ essen und z‘ trinke nausbringe.« So leichten Kaufes loszukommen, hatte man nicht vermutet, und alles beeilte sich, Schinken, ganze Speckseiten, geräuchertes Fleisch, Wein und Branntwein herbeizuschaffen, auf Karren zu laden und dies Mittagsmahl den fremden Gästen zuzuführen, welche dasselbe auch ohne viel Komplimentierens entgegennahmen. Die Leute, welche hinausfuhren, waren nicht wenig erstaunt, solch einen bunten, zerrissenen und zerlumpten Haufen zu sehen wie diese Neufranken, obwohl sie bei ihrem ersten Auftreten schon abenteuerlich genug ausgesehen hatten.

Alle Orte von Ulm bis Schwenningen, wo der Haufe durchgezogen war, mußten ihm Tribut gezollt haben. Neben einem Soldaten im französischen Casquet sah man einen andern im schwäbischen Nebelspalter, der hatte einen Weiberrock umgetan, jener einen Ratsherrenmantel. Hier lief einer barfuß, dort ein anderer in Pantoffeln. Hier einer im weißen Chorhemd, dort ein anderer im blauen Fuhrmannskittel. Dieser trug gestreifte Pantalons, jener gelbe Lederhosen. Man sah, hier herrschte Freiheit, aber wenig Gleichheit.

Mit „französische Casquet“ ist vielleicht ein Casque, ein Helm, gemeint.

CASQUE À CHENILLE DE CHASSEURS À CHEVAL MODELE 1791
Internetfund

Was mit einem schwäbischen Nebelspalter gemeint ist, würde mich auch sehr interessieren!

Die Lebensmittel waren kaum an ihre Herren gelangt, als wieder, wie des Morgens schon, ein eisiger Regen einfiel und die Kolonne ihren Marsch nach dem Dorf fortsetzte. – Welch ein vortrefflicher Unterhändler der krumme Davidle gewesen, zeigte sich alsobald; denn als die Franzosen kaum an den ersten Häusern angekommen waren, ging der Spektakel los.

Eine ergötzliche Jagd auf Gänse und Enten war das erste. Wo aber solch fette Bissen auf den Gassen zu finden, muß offenbar in den Häusern noch weit Köstlicheres vorhanden sein. – In dieser Voraussetzung statteten die Neufranken ihren deutschen Brüdern schon in den Nachbarhäusern überraschende Besuche ab. Bald darauf sah man einen mit einem Ballen Leinwand wieder auf die Straße stürzen, die andern gleich einer bellenden Meute hinter ihm drein, jeder bemüht, ein Stück des Ballens herunterzusäbeln und als schützenden Mantel umzuhängen. – Das alles war jedoch, wie gesagt, nur ein Vorspiel, denn bald schien es, als brenne das ganze Dorf, und die behenden Franzosen seien nur gekommen, um auszutragen, was nicht niet- und nagelfest. Da wurden verborgene Schätze gehoben ohne Wünschelrute und Christoffelgebet; Übergaben bewerkstelligt ohne Notar; Truhen wurden geleert, volle Beutel eingesteckst, ohne Empfangsbescheinigung. Manch Schweinchen wurde geschlachtet und zerstückt, ohne vorher gebrüht worden zu sein.

Internetfund mit französischen Uniformen um 1790

Krieg den Palästen, Friede den Hütten!“ war das neue Losungswort – aber in Ermangelung von Palästen mußten eben die Hütten herhalten.

Mathias und Hieronymus hatten sich während dieses Sturmes in dem großelterlichen Häuslein gehalten, und wunderbarerweise war es gerade diese kleine Wohnung, welche verschont geblieben.

Nachdem die wilden Wasser verlaufen, suchten Vater und Sohn wieder den Heimweg. Überall auf ihrem Wege erblickten sie Spuren des wüsten Zuges, und ihre bange Spannung, wie es zu Hause ergangen sein möchte, mußte mit jedem Schritte wachsen. Hie und da begegneten den Wanderern einzelne oder kleine Truppen von Nachzüglern, die jedoch nicht alle den heimischen Herd zu sehen das Glück hatten. Gerade das aber war für den alten Mathias ein Grund vermehrter Besorgnis, denn bereits vom Tage an, wo die Franzosen gegen das Kinzigtal gekommen, war der Stoffel unsichtbar geworden; und bald da, bald dort hatte man einen erschossen gefunden, dafür aber war auch da und dort ein Hof niedergebrannt worden. Doch erwiesen sich diese Besorgnisse glücklicherweise als unbegründet. Der Feind hatte sich auf dem Rückzug keine Zeit genommen, dem entlegenen Laubhauserhof Besuche abzustatten.

Der Feldzug war beendigt und der jugendliche Held Erzherzog Karl zu Freiburg als Befreier des Vaterlandes im Triumphe eingezogen. Nur von Kehl her, welches unter dem Oberbefehl des Fürsten Alois von Fürstenberg beschossen wurde, dröhnte noch das Brummen der schweren Stücke.

Erzherzog Carl Ludwig Johann Joseph Laurentius von Österreich, Herzog von Teschen, (* 5. September 1771 in Florenz; † 30. April 1847 in Wien) aus dem Haus Habsburg-Lothringen war ein österreichischer Feldherr…. Die Zurückdrängung der französischen Rhein-Mosel Armee unter General Moreau über den Rhein nach der Schlacht bei Emmendingen verschafften Karl große Popularität in Deutschland.

aus Wikipedia

Karl von Österreich-Teschen
(Porträt von Johann Baptist Seele, 1800, Heeresgeschichtliches Museum in Wien)

In einem gesegneten Lande aber sind die Wunden des Krieges bald verharscht; der altgewohnte Zustand kehrt wieder. Das Erlebte gibt Stoff zum traulichen Gespräch, und der wieder unbefangene Blick findet aus den Szenen des Schreckens und der Bedrängnis Züge von Humor und Originalität heraus. – So erzählte man sich in Hüfingen lange unter Lachen, wie es dem Vetter Galli ergangen. In dem allgemeinen Durcheinander hatte es ihn zum Verwalter getrieben, ohne daß er recht wußte, was er eigentlich wolle. Unterwegs trifft er auf einen Neufranken, dem sogleich des Vetters neue Bundschuhe in die Augen stechen; der Soldat erlaubt sich, dem Vetter das Schuhwerk auszuziehen, und wirft ihm dafür seine durchgetretenen Stiefel hin. Kaum im Anziehen begriffen, kommt ein anderer Kriegsmann in Pantoffeln daher, und sogleich setzt es einen neuen Tausch ab. Also leicht beschuht zieht der Galli weiter, da begegnet ihm ein Dritter, welcher gar keine Fußbekleidung umzutauschen hatte und welcher den Galli mit der jenem Volke eigenen Höflichkeit nötigt, seine Visite beim Verwalter in Socken abzustatten.

Interessanter für unsere Leser dürfte die Geschichte sein vom Sturm auf das Stöckle, dem Gefängnisturm im süßen Winkel.

Das Stöckle, der Gefängnisturm im süßen Winkel wurde etwa 1840 abgerissen.

In diesen wohlverwahrten Ort hatte man zu Anfang der Kriegsunruhen einige Sträflinge aus dem Zuchthause verbracht, darunter den Langen Hans und seine Tochter Schön Rösel. Das Vagantenmädchen, seiner bekannten Unschuld zu viel vertrauend, hatte sich aus dem Überrhein wieder herübergewagt und war endlich der ungalanten Polizei in die Hände geraten.

Als im Städtlein das Lärmen der plündernden Franzosen bis zu dem Turme gedrungen, machte sich die schöne Heimatlose an das Gitterfenster und sang eines ihrer Lieder, daß es weit durch die Gassen schallte:

„Ei schöner guter Tag!
Ei tausend gute Nacht!
Ein Fischfänger möcht ich sein
Bei der Nacht.
Die Fische fängt man in dem Teich
Im Sommer wie im Winter gleich,
Bei der Nacht!
Bei der Nacht, da fische ich!“

Ein Trupp angetrunkener Franzmänner, welcher die Gasse entlanggezogen, hörte das Lied und erschaute auch alsbald die schöne Sängerin. Als diese aber (sie hatte im Elsaß einige französische Brocken aufgefaßt) den Franzosen ihr „bon jour citoyens“ zugerufen, ging der Tanz los. „Vive la liberté!“ schrie der eine, „vive la bohémienne!“ ein anderer, und die Freiheitsmänner machten sich unter rasendem Beifallsgeschrei sämtlicher Gefangenen kühn daran, einen zweiten Sturm auf die Bastille in dem Städtchen der Baar aufzuführen.

Die gesamte Obrigkeit des Ortes, der Amtsrat, der Schultheiß, die Bettelvögte und was sonst noch zur vollziehenden Gewalt des Städtleins gehörte, waren unterdessen herbeigekommen und suchten, wiewohl vergeblich, den Auflauf zu beschwören; die Franzosen wollten nichts davon verstehen, daß es sich hier um malfaiteurs handle. Man mußte endlich unterhandeln und zuletzt sich dazu verstehen, wenigstens Schön Rösel freizugeben. Im Triumphe ward die reizende Beute durch die Gasse getragen, und sie war auch wirklich ihren Befreiern als belle cantinière auf ihren weiteren Zügen über den Rhein gefolgt.

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Der Landsturm
Rückkehr der Kreissoldaten

Hieronymus Kapitel 18

Aber so wende nach innen, so wende nach außen die Kräfte Jeder: da wär’s ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu sein.
> Goethe

Der Landsturm – Rückkehr der Kreissoldaten

Bevor noch der Krieg erklärt – schon zu Anfang der neunziger Jahre -, war man in den vorliegenden Landen auf Verteidigung derselben durch Errichtung eines Landsturms bedacht.

Der Plan ging zunächst von Freiherrn v. Sommerau aus, dem Landeschef der vorderösterreichischen Regierung. Manche Reichsstände gingen sogleich auf den Vorschlag ein, welcher, allgemein und mit Beharrlichkeit durchgeführt, das Land vor einer französischen Überflutung durchaus schützen mußte. Aber wie es im Reich zu gehen pflegte, einzelne Stände ließen sich bereitwillig finden, andere taten nichts oder waren geradezu entgegen.

Alle waffenfähige Mannschaft, hieß es in dem Aufruf, vom fünfzehnten bis fünfzigsten Jahr, sollte ungesäumt militärisch eingeübt werden. Die Gemeinden sollten für diejenigen, welche es benötigt, Wehr, Munition und Proviant liefern. Sammelplätze wurden bestimmt, und jedem Platz ward ein kaiserlicher Hauptmann als Kommandant beigegeben. – Allein, wie schon gesagt, Zusammenhang kam nie in das Unternehmen, es fehlte an ernstlicher Unterstützung von oben. Erst im Jahr sechsundneunzig, als die Franzosen um Straßburg eine beträchtliche Heeresmacht versammelt hatten, rief man den Landsturm auf. Eine Proklamation erschien, worin das Volk aufgefordert wurde, sich zu verteidigen, als Männer zu kämpfen für Religion, für den Kaiser, für das Vaterland und den eigenen Herd.

Rasch hatte das Wort gezündet. Die Bürger von Freiburg und Kenzingen waren dem Korps des Generals Fröhlich beigegeben, die aus der Herrschaft Kürnberg und Lichteneck den Kaiserlichen bei Ober- und Niederhausen.

Die Bauern aus dem Elztal, Simonswald und Triberg, die Bürger aus den Städten Villingen und Bräunlingen sollten unter Führung ihrer Bürgermeister und Vögte die Gebirgspässe im Schwarzwald besetzen. Auch die Männer aus dem Münstertal, Staufen und Säckingen, Waldshut und Laufenburg sowie die St.-Blasianer griffen zu den Waffen.

Der erste Koalitionskrieg

Der Krieg dauerte von 1792 bis 1797 und es waren Frankreich mit Österreich und Preußen im Krieg.

Die Kaiserlichen Reichstruppen zogen vom Jahr 1790 an durch Hüfingen und 1791 folgte das kaiserliche Kürassierregiment Hohenzollern. Am 14. Juli 1796 überschritten die französischen Truppen unter General Moreaus den Rhein.

Ein kaiserlicher Kürassier im Polnischen Thronfolgekrieg vor Philippsburg 1734 („Jung-Savoyen“ – Zeitgenössische Gudenus-Handschrift) Foto: Wikipedia

Wie wenig durchgreifenden Erfolg auch solche verspätete Erhebung haben mußte, den Franzosen erschien sie bedenklich genug. Vielleicht erinnerten sie sich der Fährlichkeiten, welche ihre Heere zu Anfang des Jahrhunderts im Schwarzwald zu bestehen gehabt. Durch Sendlinge aller Art suchten sie abzumahnen und zu hintertreiben, wo und wie sie nur konnten; Proklamationen verteilte man, worin zur Neutralität geraten und Schutz der Nationalität sowie der Religion verheißen wurde; ihre Agenten zischelten den Bauern in die Ohren, daß der Landsturm nur organisiert werde, um ihn für schweres Geld an die Engländer zu verkaufen usw. Es war eine bewegte Zeit; auch bis in die entlegensten Täler und Winkel schlugen die Wogen der großen Weltbegebenheiten.

Während dieses ungewöhnlichen Treibens pflegte Philipp, der älteste Sohn des Kaiserzollers, ein aufgeweckter junger Mann, oft nach Laubhausen zu kommen, und er unterließ dabei niemals, auch im Wirtshaus „Zum Felsen“ einzusprechen. – Philipp sollte einst das Bauerngut seines Vaters erben und, so Gott wollte und der österreichische Obervogt nichts dagegen hatte, auch des Vaters Amt als Kaiserzoller erhalten. Dieser befehligte ein Fähnlein bei dem Landsturmaufgebot, und dem Philipp war eine Führerstelle bei demselben übertragen worden.

Auch einen zweiten Gast, nämlich Romulus, schienen die Zeitverhältnisse jetzt öfter in den Felsen zu führen. Der Student hatte vorderhand seine Studien an den Nagel gehängt, sei es nun, daß diese Studien den Geldbeutel des Vaters zu sehr angegriffen, oder daß die Zeitströmung überhaupt zu mächtig auf seinen Geist einwirkte, um in Ruhe hinter dem Schreibtisch ausharren zu können. – Das letztere muß als wahrscheinlich angenommen werden, denn des jungen Mannes Kopf schien vollständig eingenommen zu sein von den neufränkischen Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Wenigstens ermangelte er selten, im Gespräch mit anderen diese Ideen zu verteidigen und mit Andersgesinnten deswegen anzubinden.

Die Aufgebote harrten des Befehls zum Ausmarsch, und Philipp benützte diese letzte Frist, um noch einmal herüber zu seinen Verwandten zu kommen. Er war bereits als marschbereiter Wehrmann angetan und hatte sein Pferd im „Felsen“ eingestellt. Diesmal empfing ihn Juliana, das Töchterlein des Hauses, denn der Wirt und sein Sohn waren in Geschäften abwesend. – Das Mädchen hatte dem eintretenden Landsturmmann zuvorkommend Hut und Säbel abgenommen, beides in die Ecke zu stellen, und fragte nun freundlich nach des Gastes weiterem Begehr. – Es waren noch mehr Gäste in der Stube, und auch der Laubhauser hatte sich herüber begeben, um Neuigkeiten zu hören. Romulus mit einigen Gesinnungsgenossen saß am hinteren Tisch bei der Küchentür.

Philipp schien heute besonders redselig; in feurigen Ausdrücken sprach er über die allgemeine Landesdefension, den Ausmarsch, und was damit zusammenhing. Juliana, welche sich neben ihn gesetzt, schien, den Kopf auf die Hand gestützt, aufmerksam jedes Wort des Redners zu verfolgen.

„Ja, wenn alle täten wie wir, im Vorderösterreichischen“, rief Philipp lebhaft, „so kam uns diesmal der Franzos nit auf den Hals! – Aber so ist’s halt meistens g’wesen, während die einen den Brand g löscht haben, sind die andern als bedächtliche Zugucker daneben ’standen oder haben sich höchstens noch am Austragen beteiligt, um ein paar Fetzen für sich zu erwischen. – Da geh‘ mal einer nach Freiburg und schau, wie da das Freischützenkorps so fleißig exerziert und manövriert. Und in Waldshut und in Staufen und andern Städten soll ebenfalls die Bürgerschaft schon vollständig unterm Gwehr steh’n. Und die Bauern von Altdorf, so hört man, die haben sogar aus freien Stücken bei der Regierung den Antrag g’stellt, sich bewaffnen und ausmarschieren zu dürfen. – Und ich kann euch versichern, auch bei mir daheim will keiner z’rückbleiben, ja, ich glaub, die Weiber gingen noch mit, wenn’s sein müßt. – Wundere mich nur, daß hier rum noch alles so ruhig ist!“ „Ich für mein‘ Teil, Vetter“, unterbrach der Laubhauser, unwillig auf die Tür zuschreitend, die Rede seines begeisterten Neffen, „ich bin der Meinung, der Bur g’hört an de‘ Pflug!“

„Ja, freilich“, rief ihm Philipp nach, „so heißt’s eben bei vielen: so der Baur nit muß, rührt er weder Hand noch Fuß. – Und wenn wir auch alle das Leben lassen müssen“, fuhr er, die Augen auf Juliana heftend, fort, „so haben wir uns doch gezeigt als Männer und uns gewehrt für alles, was uns lieb und wert ist!“

Jetzt hörte man am hinteren Tisch an die leere Flasche klingeln, so daß Juliana aufstand, zu sehen, was man begehre. Romulus, ihr die Flasche darreichend, sagte mit spöttischem Blick auf Philipp: „Es wird halt wieder heißen: vorne getrommelt und hinten keine Soldaten!“

Dem Philipp stieg das Blut zu Gesicht, doch hielt er an sich und tat, als habe er’s nicht gehört. „Laßt sie nur kommen, und schaut dann, wie mäuslestill die Helden auf einmal sein werden“, fuhr Romulus fort. – „Laßt euch nit beschwätzen von solchen“, sagte er zu seiner Umgebung, mit einem stechenden Seitenblick auf den jungen Wehrmann, „von Leuten, denen es im Grund ja doch nur um en Amtle oder um die Gnad von oben zu tun ist.“ „Laßt euch nit beschwätzen“, gab Philipp trotzig zurück, „von verdorbnen Advokaten (Romulus hatte Juristerei zu studieren angefangen), von Leut‘, die für’s Geld die Briefträger und falschen Ratgeber machen.“

Aber der Student – der in der Tat kurz vorher eine der vielen damals erschienenen Flugschriften vorgelesen und den Bauern erklärt hatte – brach in ein schallendes Gelächter aus und begann dann das bekannte Spottlied auf den österreichischen Landsturm zu singen: Nur langsam voran, usw. Das war zu stark. – Die mühsam zurücgehaltene Flamme brach aus in lichter Lohe. – Zorngeröteten Angesichts sprang Philipp nach seinem Rolandsschwert. – Die am hintern Tisch aber griffen zu Schutz und Trutz nach Stühlen und Flaschen – so rasch aber wie diese war auch das Wirtstöchterlein Juliana zur Stelle.

„Unfriedensstifter!“ rief sie erzürnt gegen Romulus; und zugleich fühlte dieser von einem schönen, aber kräftigen Arm so unsanft sich zurückgestoßen, daß er, der aus Verdruß wohl ein wenig zu tief ins Glas geschaut haben mochte, taumelnd gegen die Wand stolperte. – Dann wendete das Mädchen sich gegen Philipp und bat, ihn sanft umfassend: „Gib Frieden, mir zulieb!“ Dem Jüngling aber geschah dabei, wie einst Rudolph von Habsburg, als er vor Basel die Botschaft seiner Kaiserwahl empfing, denn gleich diesem steckte jener die gezückte Klinge ruhig wieder in die Scheide und machte Friede.

In der Tat war dem guten Burschen durch das Benehmen des Wirtstöchterleins etwas kund geworden, was ihn höher beglückte als selbst eine Kaiserbotschaft; denn als er dastand, von den Armen des schönen Mädchens umfaßt, als sein Auge in das ihrige schaute, fast bis auf den Grund ihrer Seele, da überkam ihn ein noch nie empfundenes Gefühl. Das wild aufgeregte Meer der Zornesleidenschaft ward zur sonnenhellen Fläche, widerspiegelnd den Himmel und die schönen Sterne.

Bei diesem Anblick des umschlungenen Paares war Romulus mit verbissenem Ingrimm zur Stube hinausgerannt, und jetzt konnten die übrigen Anwesenden erst merken, um was es sich hier gehandelt: daß die beiden nämlich weder um den Kaiser noch um das Reich gestritten, sondern einzig und allein um der Wirtin Töchterlein.

Wäre irgendein Zweifel noch möglich gewesen, die nachfolgende Abschiedsszene hätte auch den letzten Rest davon tilgen müssen; die Zeit drängte, und als der Augenblick des Scheidens nimmer verschoben werden konnte, hatte Juliana bereits den Hut des wehrhaften Landesverteidigers mit Strauß und Band geschmückt und geleitete den Abziehenden hinaus zu seinem Pferde. Der Jüngling hatte mit der Linken Zügel und Kammhaar erfaßt, sich in den Sattel zu schwingen, und streckte die Rechte zum letzten Lebewohl nochmals gegen die Begleiterin. Da vermochte das bisher so spröde Mädchen sich nicht mehr zu halten; zur Verwunderung aller Zuschauer hinter den Fensterscheiben umhalste sie den Freund, drückte einen herzhaften Kuß auf seine Lippen – und eilte schnell in das Haus zurück, auf ihre Kammer, dort den mühsam verhaltenen Tränen freien Lauf zu lassen. Denn Lieb‘ ist Leides Anfang, und wer konnte wissen, ob alle auch glücklich wieder aus dem Felde heimkehren würden?

Der Landsturmmann war rasch aufgesessen, hatte seinem Rosse beide Sporen in die Weichen gedrückt und war im scharfen Trabe davongeritten, gleich, als ginge es jetzt vor den Feind, und als müßte er mutig einsetzen sein Leben für Gott, für das Vaterland und alles, was darin lebte und liebte.

Oben auf der Höhe sah man ihn anhalten, um gegen das schon in der Abenddämmerung rauchende Wirtshaus im Tale noch einmal grüßend den Hut zu schwingen, denn am diesseitigen Giebelfensterlein winkte ja die Genossin seiner Schmerzen, seines Glücks, von welcher ihn das Schicksal zu scheiden zwang, in dem Augenblick, wo ihre Herzen für immer sich verkettet. Schon der nächste Tag brachte den Befehl zum allgemeinen Aufbruche. Die Landsturm-Trompeter gaben aller Orten die Signale, und von allen Bergen und Tälern zogen die Bewaffneten auf ihre Sammelplätze.

Am vierundzwanzigsten Mai des Jahres sechsundneunzig, wenige Stunden nach Mitternacht, begann Geschützfeuer zu erdröhnen im ganzen Rheintal von Basel bis Philippsburg. Diese Nacht hatte der republikanische Oberfeldherr bestimmt, den Übergang seines Heeres über den Strom zu erzwingen. Auf Stadt und Dorf Kehl, wo unser schwäbisches Kreiskontingent mit elf schwachen Bataillonen und zwei Reiterregimentern in langer Linie aufgestellt war, richtete der Feind seinen Hauptstoß. Kaum die Hälfte dieses Korps, wenig über dreitausend Mann, konnten hier auf dem bedachten Punkte den Franzosen entgegengeworfen werden. Um fünf Uhr des Morgens war man handgemein geworden, und noch fünf Stunden lang hatte das Häuflein sich gewehrt gegen die stets und stets wachsende Zahl der Feinde, sechshundert der Ihrigen auf der Walstatt gelassen und dann gegen das Gebirge hin sich zurückgezogen.

Der französische Oberfeldherr hatte die Kaiserlichen rheinabwärts gedrängt, und schon am vierten Tag stand ihm der Eingang in das Renchtal und somit nach Schwaben offen. Bei dem schwäbischen Korps hatte der Landgraf von Fürstenberg den Befehl übernommen (denn der alte Feldzeugmeister Stain war „erkrankt“), und diesem General gelang es noch, mit einigen Abteilungen seines Korps die Gebirgspässe des Kniebis und Roßbühl zu besetzen und so dem Feinde den Weg zu verlegen. Der Rest stand im Kinzigtal.

In der ersten Hälfte des Juli war am Ausgang des Bleichtales bei Herbolzheim und Wagenstadt der Landsturm zum ersten Treffen gekommen und hatte mit seinem Blute wenigstens Unerschrockenheit und den besten Willen bekundet, so daß ihm der General Fröhlich das Zeugnis ausstellen konnte, er verdanke den Sieg größtenteils der Tapferkeit der Landmiliz.

Bis herauf zu den Höhen des Schwarzwaldes hallte der Donner der Geschütze, und selbst in der Gegend des Laubhauserhofes konnte man deutlich die einzelnen Schüsse der schweren Stücke unterscheiden. Während die Alten in banger Spannung lebten und manch bekümmertes Gemüt im Gebet Hilfe suchte, lagen die Kinder draußen auf dem Rasen, das Ohr am Boden und vergnügten sich, die einzelnen Schläge des fernen Geschützdonners zu zählen.

Es war am vierzehnten Juli des Nachts, als der kaiserliche General Fröhlich in Villingen eintraf, welcher die Mannschaft dieser Stadt sowie jene aus Bräunlingen, Triberg und aus dem Nellenburgischen schleunigst nach den Gebirgspässen beorderte. – Mit Freuden war man diesem Befehle gefolgt, denn noch immer hielt man die kaiserliche Armee für unüberwindlich, trotz der vielen bedenklichen Nachrichten, welche man in neuester Zeit vernommen. Doch gab es auch Weiterblickende, denen ein trübes Vorgefühl nicht das Beste prophezeite. Indessen, man marschierte aus, ward in den Dörfern einquartiert, hielt einige Pässe und Höhepunkte besetzt und harrte des Verlaufes der Dinge.

In Hüfingen wie im ganzen Fürstenbergischen war es zu keinem Landsturmaufgebot gekommen; man sprach wohl allgemein davon – und namentlich freute sich der Zollbereiter, wenn in der Abendgesellschaft beim Verwalter davon die Rede war, daß sein Vorschlag einer Bürgerbewaffnung nun doch zur Ausführung komme – allein zur Organisation war es zu spät.

Hieronymus hoffte vergeblich auf einen Ausmarsch; er hatte sogar Lust, in des Kaiserzollers Kompanie als Freiwilliger einzutreten, aber sein Meister und auch Severin rieten ab.

In diese Zeit allgemeinen Kriegslärms fiel auch der Tod unseres Tambours Gsell – der Himmel wollte dem alten Veteranen den Schmerz ersparen, ein kaiserliches Heer retirieren zu sehen.

Des Kaiserzollers Kompanie stand bei St. Georgen auf der Sommerau, und hatte sich in einem alten Gemäuer gelagert. Von nordwärts her hörte man deutlich Kleingewehrfeuer, und Geschützschüsse tönten aus allen Tälern herauf. Ein paar junge Burschen standen als Schildwachen auf den Mauer-trümmern. Im Innern aber lagerte ein Teil der Mannschaft an einem lustigen Feuer, wobei der alte Büchsenmacher aus dem Tribergischen mit Kugelgießen beschäftigt war. Bei jeder blauen Bohne, welche der alte Kauz aus dem Kugelmodel klopfte, murmelte er einige Verwünschungen über das Avancieren der Franzosen und das Mißgeschick des Reichsheeres.

Philipp, den Kopf auf die Hand gestützt, lag nachdenklich abseits, und ich glaube, daß er mehr an des Felsenwirts nettes Töchterlein gedacht als an die Zustände des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Der Hauptmann Kaiserzoller aber ging unruhig auf und ab. – Es dunkelte bereits, das Schießen hatte aufgehört, allein es war unverkennbar, daß der Feind wieder Boden gewonnen habe, daß nicht nur der Kniebispaß, sondern wahrscheinlich auch der Höllenpaß bereits in seiner Hand sein werde. „Wenn sie jetzt nit kommen, so ist ihnen was passiert“, fing endlich der Hauptmann an, indem er stehenblieb. „Entweder sind sie weiter als Mönchweiler oder sie sind am End gar schon den Bündelbuben (den Franzosen) in die Händ‘ g’fallen“, war die Ansicht des Haldenbauers. „Ah“, beruhigte der Büchsenmacher, „so g fährlich steht die Sach‘ noch nit – dem Schießen nach ist noch kein Französle über Schiltach hoben – und wenn auch – sorg nur keiner für den Husarenseppel, der ist ein alter Soldat und kennt die Schlich!“

In dem Augenblick hörte man von außen Stimmen und zugleich auch den Buben, welcher als Lauerposten auf der Mauer stand, herunterrufen. Alle Blicke wendeten sich nach dem Eingang, wo man auch alsobald die beiden auf Kundschaft ausgesendeten Männer, von welchen bisher die Rede gewesen, hereinschreiten sah. Der eine trug zu seinem bäuerischen Anzug noch eine verbleichte Husarenjacke, auf der Schulter aber ein Kommißgewehr nebst großer Patrontasche. Es war der Husarenseppel, der sich wirklich zu dem bevorstehenden Feldzug mit dem Rest seiner ehemaligen Soldatengarderobe herausstaffiert hatte. Sein Begleiter, der Pariserschneider mit sorgfältig gewickeltem Zopf, trug auf der Schulter einen langen Nachtwächterspieß und in der Rocktasche eine mächtige Reiterpistole.

„Das war beim Dunder e g’fährliche Kommission“, platzte der Schneider sogleich heraus. „Ich hab nimmer glaubt, daß wir“ -, doch war es ihm nicht vergönnt, die Phrase zu vollenden, denn mit den Worten: „nur g’stät“, schob ihn der Husarenseppel alsbald zur Seite, trat mit militärischem Gruß steif vor den Hauptmann hin und rapportierte ordonnanzmäßig ungefähr folgendes:

In Mönchweiler hätten sie die Villinger nicht mehr angetroffen, und man habe dort ihnen berichtet, daß sie nach Fischbach marschiert wären, und so hätten sie beide auch den Weg dahin eingeschlagen und die Leute richtig getroffen. Von dem Hauptmann, Syndikus Handtmann, hätten sie nun vernommen, daß des Tags zuvor zweihundert Mann von Stockach zu ihnen gestoßen waren. Der Syndikus und der Stockacher Hauptmann hätten sich dann bei dem österreichischen Kommandanten zu Fischbach gemeldet und diesem ihre Leute zur Verfügung gestellt. Der Offizier aber habe ihnen bedeutet, sie möchten mit ihren Leuten in Gottes Namen wieder heimziehen, denn so, wie die Sachen jetzt stünden, wisse er sie nicht mehr zu gebrauchen.

Dessen aber hätten sich die Landsturmmänner entschieden geweigert. Nun seien heute um Mittag die angesehensten und ältesten Männer von Villingen zu ihnen hinausgekommen, um sie zum Heimgehen zu vermögen, und dazu hätten sie sich endlich auch entschlossen. „Und so bleibt uns denn auch nix anders übris“, schloß die Meldung, „als in Gott’s Name den Villingern nachzumachen und umzukehren. – Die Kappe ist, wie ich merk, verschnitten!“ – Dieser Rat erwies sich wirklich auch als der beste, denn am andern Morgen sah man, daß die Nachhut der kaiserlichen Truppen vor Tag schon aus der Gegend abmarschiert war.

An manchen Herd, in manche Hütte war mit den heimkehrenden Wehrmännern die Ruhe wieder eingezogen, die bange Sorge entflohen. Aber auch manche frühzeitig zur Witwe gewordene Gattin saß da im dumpfen Schmerze; mancher Mutter Tränen flossen um den gebliebenen Sohn, und viele Herzen waren noch die Beute nagender Ungewißheit.

Es waren überhaupt Tage der Verwirrung und Bestürzung. Der fürstliche Hof zu Donaueschingen hatte sich nach der Schweiz geflüchtet, nachdem vorher das Wertvollste aus dem Archiv dorthin gebracht und das Kupfer und Zinngeschirr aus der Schloßküche an einer tiefen Stelle in die Donau versenkt worden war. – Solche Beispiele sind ansteckend, weil die Leute selten den Unterschied der Beweggründe bedenken noch die Mittel zur Ausführung.

Auch in Hüfingen war die Lust zum Auswandern eingerissen. Beim Verwalter wurde die Sache beraten; man wollte wenigstens Frauen und Kinder in Sicherheit bringen. Allein noch keine Tagreise war gemacht, als das Gefühl der Ratlosigkeit schon über alle gekommen. Jedes lernte einsehen, was es heiße, Haus und Hof so übereilt zu verlassen – und so zog man in Gottesnamen wieder heim. Doch wurde das Vieh in die Wälder geflüchtet.

An die Beamten war die Weisung ergangen, auf ihren Posten standhaft auszuharren. Aber auch sie wollten nicht versäumen, ihre beste Habe in Sicherheit zu bringen. Also geschah es auch im Hause des Rats; und Hieronymus wurde vom Meister Amtsdiener beordert, der Familie beim Geschäft an die Hand zu gehen. Während der Amtsdiener nächtlicherweile bemüht war, in einem Winkel des Hausgartens eine Kiste mit Silber und Wertsachen zu verscharren, half Hieronymus der Base Annakäther und Fräulein Helene bei Verpackung des Weißzeugs und anderer Sachen, die man mit Beihilfe eines Knechtes unter dem Kommando der Frau Rätin oben auf dem Speicher unter den Trümmern eines alten Kachelofens versteckte.

Mit Severin war Hieronymus, nachdem das Geschäft beendet, spät in der Nacht noch vor das Tor gegangen. In den Gassen, die sie durchschritten, herrschte Unruhe, alles lief hin und her, und niemand wollte sich dem Schlaf überlassen. Die Männer, welche in Gruppen vor dem Tore standen, wollten bestimmt wissen, die Vorposten der Franzosen stünden bereits schon herwärts von Kirchdorf und Klengen. – An der „Länge„, vom Wartenberg bis zum Fürstenberg hin, sah man Wachtfeuer brennen vom Lager, welches die Condéer und die Kaiserlichen dort geschlagen. Allgemein wurde eine Schlacht befürchtet. – Ein Reiter kam dahergetrabt. Man drängte sich um ihn, fragend nach dem Stand der Dinge. Richtig, die Franzosen hatten Villingen besetzt, der ganze Marktplatz, berichtete der Mann, liege voll Soldaten, stehe voll Kanonen.

Aber schon im Laufe des folgenden Morgens traf die Nachricht ein, die Kaiserlichen hätten ihr Lager aufgehoben und ihren Rückzug fortgesetzt. Bald nachher rückte der Feind in Donaueschingen ein und besetzte auch die Amtsstadt. Die „Erleichterungen“, von welchen der Fohrlenbacher gesprochen, nahmen ihren Anfang. – Zum Glück konnten die brandschatzenden, hungrigen und durstigen Brüder nicht lange in der Gegend verweilen; schon nach drei Tagen zogen sie wieder ab.

Von dem Kreiskontingente wußte man nur wenig Sicheres. Daß dasselbe bedeutend zusammengeschmolzen, namentlich durch den Abzug der Württemberger, war gewiß. Indessen gelangten durch sichere Boten Briefe aus dem Hauptquartier des Landgrafen von Fürstenberg nach Donaueschingen. Durch sie hatte man erfahren, daß das Korps am achtzehnten und neunzehnten Juli sich noch bei Haigerloch und Rottenburg geschlagen, daß man aber durch die Reichsstände zu Augsburg Befehl erhalten habe, nach Biberach zu marschieren.

Bald jedoch waren die Vorgänge bei Biberach kund geworden; sie machten großes Aufsehen, denn daß die braven Soldaten durch Kaiserliche selbst entwaffnet worden, schien unbegreiflich. Man wußte eben nicht, daß es ein Gebot der Not und Vorsicht war; denn Erzherzog Karl wußte, daß viele Reichsstände geneigt waren, separat mit dem französischen Oberfeldherrn zu unterhandeln, so wie andererseits das Gemunkel von einer Schwäbischen Republik (auf welche gewisse Professoren bereits Subskribenten sammelten) auch zu seinen Ohren gekommen sein mußte.

Einige Wochen später kamen einzelne fürstenbergische Soldaten zurück, und man erfuhr in Hüfingen, daß eine größere Abteilung von Geisingen her im Anmarsch wäre. Große Aufregung entstand darob im Städtlein, und viele hatten sich auf den Weg gemacht, ihnen bis zum Hexenberg entgegenzueilen.

Der Hüfinger Hexenberg war vermutlich dort, wo jetzt der Bauhof steht.

Hieronymus war sogleich aus seiner Werkstatt fort zur Base gelaufen, ihr die Neuigkeit zu bringen. Die Nachricht schlug der guten Frau so in die Glieder, daß sie sich setzen mußte und nicht vermochte, dem Gatten entgegenzugehen. Hieronymus eilte allein hinaus und hatte die Kolonne bald erreicht, wenn man einen Haufen abgerissener, schuhloser, mit Stöcken bewaffneter Soldaten also nennen darf. Aber wie auch der Lehrling mit suchendem Auge den Zug musterte – den Feldwaibel sah er nicht. Mit banger Ahnung fragte er einen der alten Grenadiere.

„Der Feldwaibel“, hieß es, „ist in Möhringen zurückgeblieben, er ist malad! Ist aber auch kein Wunder, der Ärger und Verdruß ist mehr als die Strapaz! Sechsundzwanzig Tag hintereinander in der Bataille – und zuletzt so. – Der gemeine Mann hat seine Schuldigkeit getan; bei meiner Seel, so lang das Deutsche Reich existiert, ist’s nit erhört worden!“

Der Grenadier hatte recht berichtet; der Meister Amtsdiener, noch einige Freunde, Frau Annakäther, welche jetzt nimmer aufzuhalten war, hatten alsobald ein leichtes Fuhrwerk genommen, waren damit nach Möhringen geeilt, und hatten auch den Veteranen glücklich und in leidlichem Zustande dort aufgefunden. Es war schon dunkel, als sie zurückkehrend, hinter der Stadtmauer weg, zum Petertörlein hineinfuhren, denn der Feldwaibel wollte nicht bei Tag vor aller Augen in das Standquartier einziehen – ohne Mannschaft und Waffen.

„Ja, den Kaiserlichen haben wir bigott selber die G’wehr lassen müssen“, ergänzte ein Kreisdragoner, der sich statt des Gaules mit einem unterwegs geschnittenen Weißdornstock forthalf, „und die Condéer, hol’s der Teufel, haben uns noch die Gäul g‘ nommen – was haben wir machen können? – Die mögen’s verantworten, die schuld d’ran sind.“ Die Umstehenden waren wenig erbaut von diesen Reden. Hieronymus hielt sich nicht dabei auf, sondern eilte, soviel er vermochte, seine, wenn auch nicht freudige, doch immerhin beruhigende Botschaft der Base zu verkünden.

Der alte Soldat hatte Tränen vergossen, als die Mannschaft das Gewehr strecken mußte, so erzählten später noch Leute seiner Kompanie. Es war die schmerzlichste Wunde, welche dem getreuen Kämpen in seinem Leben geschlagen worden.

Eine Episode soll hier aber noch ergänzt werden:

Auf der Hüfinger Kälberweide wurde am 21. August 1796 ein Soldat des ungarischen Infantrieregiments Benjofsky gehängt, weil er ein Komplott zur Desertion angezettelt haben sollte. Die anderen Beteiligten wurden durch die Spieße gejagt. Der hingerichtete war erst 21 Jahre alt und vom Hüfinger Scharfrichter gefoltert und gehängt worden. Ein ganzes Bataillon war zur Exekution ausgerückt.

Hüfinger Chronik von August Vetter (1984)

Aber auch viele Steuerpflichtigen hätten weinen mögen – über die nachfolgenden Umlagen. Denn über zweimalhunderttausend Gulden hatte der Durchzug das Land gekostet; und zwölf Millionen Franken waren der Preis, um welchen der Schwäbische Kreis seinen Waffenstillstand hat erkaufen müssen – nicht mit eingerechnet die bedeutenden Geldgeschenke, die einzelne Generäle und Kommissäre eigens noch für sich verlangt hatten.

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Das Wiedersehen
Bedenkliche politische Neuigkeiten
Einquartierungen

Hieronymus Kapitel 17

Vetter Hans Zerg, s’dunneret, s’dunneret ehnen am Rhi-Strom, und es git e Wetter! I wott, es zög si vorüber.
>Johann Peter Hebel

Das Wiedersehen – Bedenkliche politische Neuigkeiten
Einquartierung

Kehren wir nach dieser Abschweifung wieder zu unserm Freunde Hieronymus zurück. Hohe Zeit wird es sein, wollen wir anders Zeuge sein seines Erwachens aus dem tiefen Schlaf, worin wir ihn verlassen. Jedenfalls sind wir nicht mehr die ersten im Hause; denn, mochte es Ahnung gewesen sein oder sonst eine verwandte Stimmung, genug, als kaum der Tag zu dämmern begann, war die erst wieder genesene Mutter vom Lager aufgestanden und nach einigem Herumgehen im Hause in die obere Kammer getreten, wo sie ihren Hieronymus ausgestreckt auf dem Strohsack liegen sah.

Verwunderungsvoll blieb sie stehen bei diesem unverhofften Anblick, still die Hände über der Brust gefaltet. – Eine fröstelnde Morgenluft drang durchs offene Fenster; sie fühlte es, wendete sich geräuschlos zu dem Kleiderkasten, dort den alten Mantel ihres Mannes vom Nagel zu nehmen und ihn vorsichtig über den Schlummernden zu breiten. Als es geschehen, ohne den Jüngling zu wecken, war sie, auf den Zehen trippelnd, wieder davongeschlichen. – Die wohltuende Wärme hatte den Schlaf länger auf den Augenlidern des Müden festgehalten, und er erwachte erst, als in und außer dem Haus schon alles lebendig war. – Es bedurfte einer Weile, bis die sinnenden Gedanken sich zurechtfanden; erst heftete er den Blick wie forschend an die Holzdecke des Gemaches, dann auf den schützenden Mantel – der Nachtmarsch, die Landfahrer, war das alles ein Traum gewesen?

Gedanken folgen sich schneller, als die Zunge sie auszusprechen vermag, und es bedurfte keines zweiten Blickes auf die Umgebung, um dem Erwachenden klarzumachen, daß jene Vorgänge Wahrheit und er wirklich im Vaterhause angekommen sei. Aber auch diesen Gedanken vermochte er noch nicht mit voller Freudigkeit zu erfassen, denn noch regte sich das gestrige Bedenken. Wie war er angekommen? Schon nach dreiviertel Jahren bei Nacht und Nebel, fast wie ein Dieb. – Wo blieb der gemachte Mann, den alles bei der Heimkehr heimlich beneiden und anstaunen würde, wie ihm der Zauberspiegel seiner Phantasie so oft vorgemalt? Ein halb ausgelernter Lehrling und weiter nichts war er noch. Ja, wenn er sich außer dem Hause nur sehen lassen wollte, mußte vorerst die Nähnadel der Mutter in Anspruch genommen werden, denn der bewußte blautuchene Sonntagsrock, welchen er beim Abmarsch angetan, hatte durch die Hecken, Dornen und Felsen der Wildnis zu große Unbilden erfahren.

Doch soviel war unserem Freunde im Leben bereits klargeworden, daß jeglicher von seinen Wünschen und Hoffnungen ansehnlichen Rabatt verwilligen müsse, weil die Wechsel, die wir selbst in jugendlicher Erwartung auf die Zukunft ausstellen, von der Wirklichkeit selten nach ihrem Nennwerte honoriert werden. – Aus diesen Träumereien riß ihn der Klang einer Mädchenstimme, welche er unter tausenden erkannt haben würde und welche fragte, ob denn Hieronymus noch nicht erwacht sei. Rasch fuhr er auf, ordnete eilig das Nötigste an seinem Anzug und war dann mit ein paar Sätzen unten.

Herzlich grüßten sich Mutter und Sohn; die erstere hatte längst erraten, daß der Besuch nur ihrenthalben eingetroffen, und dem Sohne zeigte das Aussehen der Mutter, daß ihre Gesundheit so ziemlich wiedergekehrt wäre.

„Ich wollt nit haben, daß dir der Vater was von meinem Anfall schreiben sollt“, sagte die Mutter.
„Aber welcher gute Geist hat denn heut nacht den Mantel über mich gebreitet und Euch und der Florentina da meine Ankunft gemeldet?“ fragte lächelnd der Sohn.
„Deine Ankunft?“ erwiderte die Mutter scherzhaft, „mein kleiner Finger hat mir’s g’sagt, und der Florentina hat’s träumt – nit wahr, Florentina?“ Als aber der Jüngling sich jetzt gegen diese wendete, denn diese war die Fragerin, sie zu begrüßen, schien er verlegen, fast schüchtern. Florentina, die, wenn auch ferne, im Bilde seiner stillglühenden Gedankenwelt die traute Gefährtin all seines Tuns und Lassens gewesen, stand vor ihm in ihrer früheren unwandelbaren Freundlichkeit, nur dünkte ihn, ihre Mienen seien ausdrucksvoller, ihre Augen noch schöner geworden; dem ungeachtet vermochte der junge Mann den alten Ton der Zutraulichkeit nicht wiederzufinden. – Das Wiedersehen hatte ihn froh, aber einsilbig, fast stumm gemacht. – Florentina schien es zu bemerken; auch sie blickte wortkarg vor sich hin – und schied, indem sie die Erwartung aussprach, daß er auch ihnen drüben im Hof gleich einen Besuch machen werde.

Vom Vater Mathias, der inzwischen eingetreten, wurde dann sogleich eine Art Programm entworfen, zur Feststellung der Reihenfolge, wie die Besuche des Ankömmlings aufeinander zu folgen hätten; denn ein Verstoß gegen die Etikette in diesem Punkt wär auf dem Laubhauserhof so gut wie an jedem andern Hof übel vermerkt worden. „Es wird notwendig falle“, meinte der Vater, „daß wir zuerst nübergehe in den Hof; darnach zum Herrn Pfarrer, dann zum Stabhalter, und dann kannst du noch zum Lehrer Bachweber dich begeben.“

Vom Lehnsherrn, dem man somit die erste Aufwartung machte, wurden sie in gewohnter trockener, mitunter sarkastischer Manier empfangen. Als Hieronymus auf die Frage, ob er nun bald alles gelernt hab, von den Schwierigkeiten seines Faches zu reden angefangen, äußerte der Bauer: „’s ist e Sach, wenn einer en Herr werde will!“ Er – wie der Vater des Kaplans zu Hüfingen – hielt außer der Landwirtschaft und den notwendigsten Handwerken alles andere für Herrengeschäfte, d. h. eigentlich für gar keine.

Hieronymus war so klug, den Stich nicht fühlen zu wollen; er wußte ja, daß es so bös nicht gemeint sei; zudem blickte ihn bei jedem Trumpf, den der Alte ausspielte, ein schönes Augenpaar so freundlich und beweglich an, als wollte es abbitten und entschuldigen des Vaters – Unhöflichkeit. – Der Laubhauser, nachdem seine Grillen wegen des „Obenauswollens“ versummt hatten, wurde glimpflicher, und er befahl der Tochter, eine Flasche Wein zu holen. Die Bäuerin aber kam mit einem hölzernen, appetitlich beladenen Speckteller und einem Laib Brot daher und nötigte den Gast zum Sitzen.

Mittlerweile war die Ankunft des Lehrlings in der Nachbarschaft bekanntgeworden, und es kamen Bachweber, der Fohrlenbacher und zuletzt auch der Stabhalter herbei – weniger um ihn zu begrüßen, als um von ihm Neuigkeiten zu hören aus der Stadt. Allgemein sprach man zur Zeit von einer Kriegserklärung der Mächte gegen Frankreich; ja, es hieß, es sei dies bereits schon geschehen und Befehl zum Ausmarsch der Reichsvölker gegeben worden.

Hieronymus war in der Tat in der Lage – obwohl sein Sinn just auf ganz andere Dinge stand als Kriegserklärungen -, aus bester Quelle Auskunft zu geben; hörte er doch immer das Neueste vom Feldwaibel und auch vom Meister, die stets noch regelmäßig die Abendgesellschaft beim Verwalter besuchten, wo bekanntlich die Zeitung gehalten wurde. – „Der Feldwaibel“, berichtete er, „hat mir letzthin anvertraut, daß die Ordre zur Ausrüstung der Kreistruppen schon gegeben sei. Und in der Zeitung steht, daß der Kardinal Rochan zu Ettenheim eine ganze Armee von französischen Edelleuten aufg’stellt hab, daß die Patrioten aber ihr ,Friede den Hütten und Krieg den Palästen‚ nächstens au bei uns proklamieren wolle.“ „s ist richtig!“ bestätigte der Fohrlenbacher, „mein Student hat’s gestern ebenfalls heimbracht. – Aber er meint, der gemeine Mann bei uns werd sich nix Übles von ihne zu versehe habe; sie kämen nur, um uns zu helfen und zu erleichtern.“

Kardinal Rochan zu Ettenheim, oder besser Kardinal Louis René Edouard de Rohan-Guémené war 1785 Akteur in der Halsbandaffäre am französischen Hof .

1790 nimmt Kardinal de Rohan im Straßburger Amtshaus (dem Palais Rohan) Residenz. Er versammelt hier eine konterrevolutionäre Armee. Ettenheim ist zeitweise Straßburger Bischofssitz. Er muss dann aus seinen linksrheinischen Besitzungen fliehen.

Kardinal Louis René Edouard de Rohan-Guémené

Friede den Hütten! Krieg den Palästen!

Der sogenannte Koalitionskrieg war der erste Krieg einer großen Koalition zunächst aus Preußen, Österreich und kleineren deutschen Staaten gegen das revolutionäre Frankreich zwischen 1792 und 1797 zur Verteidigung der Monarchie.
Die Markgrafschaft Baden war seit dem 23. November 1792 von der Reichsversammlung aufgefordert ihr Kontingent für die Reichsarmee zu stellen. Baden war Mitglied des Schwäbischen Reichskreises. Seit 1681 besagten die Reichsmatrikel, wie groß die Kontingente der verschiedenen Reichskreise zu sein hätten. In Baden stellte 1792/93 die untere Markgrafschaft 10700, die obere rund 6000 Mann, die mit dem österreichisch-breisgauischem Kontingent in die österreichische Oberrheinarmee eingegliedert waren. Dieses Landaufgebot wurde als militärisch wenig kampfstark angesehen und fand hauptsächlich als Besatzung der rechtsrheinischen Reichsfestungen Kehl und Philippsburg (Speyer) Verwendung (aus Wikipedia)
Allerdings scheint hier Lucian Reich deutlich vom Vormärz und von Georg Büchner (1834) beeinflusst zu sein.
Guerre aux châteaux! Paix aux chaumières! war der französische Schlachtruf und wird dem französischen Schriftsteller Sébastien Roch Nicholas Chamfort zugeschrieben. Büchner erst hat den Ruf sozusagen umgedreht Paix aux chaumières! Guerre aux châteaux!

„Freili werde sie uns erleichtern!“ warf der Stabhalter spöttisch ein. „Grad so, wie sie uns in de vorige Kriegen Erleichterung verschafft haben!“ „Diesmal werd es anderst komme, meint der Romulus“, entgegnete mit Nachdruck der Fohrlenbacher.
„Anderst?“ fragte hitzig der Stabhalter.
„Hab erst gestern e Schreiben bekomme, worin es steht, wie sie’s sogar den eigene Landsleut drübe machen. Da schreibt mir ein G’schäftsfreund, wie sie im Elsaß den Bürgern die Häuser niederreißen und abbrennen und sie mit Gewalt dann zur Schanzarbeit fortschleppen. – Und so und noch ärger würden sie’s auch bei uns mache!“ schloß der Stabhalter, der als rechnender Geschäftsmann der Meinung war, die besten Händel seien kein‘ Batzen wert.
„Wird diesmal nit so weit kommen“, sagte Bachweber mit Zuversicht.
„Es muß einer die kaiserliche Armee nur kenne, so wie ich sie kenn, aus der Zeit, wo ich noch beim Regiment gewesen bin.“
„An der ganze G’schicht“, nahm der Laubhauser aufgebracht das Wort, „ist nix anders schuld als die neu freidenkisch Lehr. Wir haben au bei uns so Patriote, die nur drauf warte, bis geteilt und alles gleichg‘ macht wird. Hab erst kürzlich von reisende Handwerksbursche g hört, daß sich die freidenkische Professoren in Freiburg und in Mainz schon lange Bärt wachse ließen und Reden einstudiere täte, um die französische Patriote, wenn sie komme, hübsch ordeli begrüße zu könne!“

Kaiserliche Truppen

Hiermit ist die Habsburgische Armee –HRR– gemeint. Das Haus Habsburg-Lothringen stellte bis nach dem Tod Kaiser Franz‘ I. Stephan von 1765 bis 1806 die Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation.

Ein kaiserlicher Kürassier im Polnischen Thronfolgekrieg vor Philippsburg 1734 („Jung-Savoyen“ – Zeitgenössische Gudenus-Handschrift) Foto: Wikipedia

„Was werde wir nit alles noch erlebe müsse!“ jammerte Mathias. – Sein Sohn aber, der fröhlicher in die Zukunft schaute, unterhielt sich unterdessen angelegentlich mit der Mutter und Tochter, die ihn freundlich zum Essen und Trinken nötigten. Zwischen ihm und Florentina hatte sich bald die frühere Unbefangenheit wieder geltend gemacht. Hieronymus erzählte von seinen Arbeiten und Erlebnissen in der Stadt und ließ sich dann von dem Mädchen ausführlich berichten, was es seitdem Neues hier im Tale gegeben. – Er hatte zum Besuch im Hof das bewußte rotgesäumte Halstuch umgetan, mit dem er sonst nur an Festtagen Staat zu machen pflegte; und als er bemerkte, wie der Freundin Augen während des Gesprächs öfter an dem hübschen Tüchlein hafteten, ergriff er das volle Glas, um mit einem freudigen „Florentina, ich bring dir’s!“ anzustoßen. Und während sie lächelnd Bescheid tat – und Hieronymus dann auch mit der Bäuerin Gesundheit trank -, hatten auch die Männer die Gläser wieder zur Hand genommen, um angesichts der drohenden Kriegsgefahr hoch den Frieden leben zu lassen.

Drei Tage verblieb der Sohn im Elternhause; es wurde ihm viel Ehre angetan; der Herr Pfarrer, der Stabhalter, sogar der Laubhauser hatten ihn zu Gaste geladen. Letzterer freilich nicht aus eigenem Antrieb, vielmehr auf Andringen der Bäuerin, welche es für schicklich hielt und gegen die andern nicht zurückbleiben wollte.

Wieder zurückgekehrt nach der Stadt, war es nun des guten Sohnes eifriges Anliegen, sein Gelübde zu erfüllen. Zunächst war das beschädigte Muttergottesbild auf dem Blechtäfelein wiederherzustellen oder vielmehr neu zu malen. Figuren in Öl zu malen hatte der Lehrling bisher noch wenig versucht. Doch war ihm einige Mal die Gelegenheit zuteil geworden, im Auftrag seines Meisters die Werkstatt des Hofmalers Weiß in Donaueschingen zu besuchen und dort dem Meister bei der Arbeit zuzusehen. Ein natürliches Geschick und guter Wille waren ihm treffliche Beistände, und so kam immerhin etwas zustande, was sich sehen lassen durfte.

Vom F.F. Hofmaler Franz Joseph Weiß (*15.02.1735 Hüfingen – 14.06.1790 Donaueschingen) aus Hüfingen sind in St. Johann einige Gemälde zu besichtigen seien und er hat die Fahne der Jakobusbruderschaft gemacht. Die Jakobusfahne wird an Fronleichnam bei Prozessionen mitgeführt und begegnet uns in Kapitel 23 nochmals.

Fahne der Jakobsbruderschaft

Nach Severins Rat hatte Hieronymus sich einen kleinen Kupferstich, „Maria vom guten Rat“, zum Muster genommen; und als das Bildchen fertig war, machten die beiden Freunde eines Morgens sich ungesäumt auf den Weg, es an seine Stelle zu bringen. Der Steinmetz hatte sich mit Schlegel, Zweispitz und dem übrigen Benötigten versehen, und nach wenig Stunden tüchtiger Arbeit stand der umgeworfene Stein wieder auf festgemauertem Fundamente. Das Votivbildchen schimmerte in erneuter Schönheit aus seiner Vertiefung, und noch manches Jahr nachher verrichtete der Wandersmann, welchen sein Weg vorüberführte, in Andacht sein stilles Gebet davor.

So ruhig, friedlich wie bisher sollten aber die Lehrjahre unseres Freundes nicht mehr lange verlaufen, denn die Stürme, welche vorerst nur am Niederrhein und bis hinab nach Holland getobt, nahmen jetzt auch ihre Richtung nach den bisher so stillen Gauen des Oberrheins und Schwarzwaldes. Daß der Reichstag wirklich den Krieg erklärt habe, daß das alte Räderwerk einer Reichsarmee noch einmal in Gang gesetzt werden sollte, daß die Kreiskontingente mobil, d. h. marschfertig gemacht werden müßten, das war nach und nach für jedermann eine Gewißheit. Und wollte es manchem auch noch unglaublich vorkommen, so mußte dieser Unglaube weichen, als bald nachher längs der ganzen Heerstraße, von Engen, Geisingen bis ins Höllental, kaiserliche Einquartierung angesagt wurde.

Seit einem Menschenalter hatte man in diesem Gebirgswinkel Deutschlands keine kaiserlichen Soldaten mehr gesehen. Die ganze Umwohnerschaft, jung und alt, war ihnen entgegengeeilt, als es hieß: Sie kommen! Auch Hieronymus mit seinen Bekannten stand an der Landstraße, um den ersten Zug dahermarschieren zu sehen. Da wendete sich ein alter Dragonerwachtmeister, welcher am Ende der Vorhut ritt, lächelnd den gewichsten Schnurrbart streichend, gegen die Gaffer mit den Worten:

„O liebe Leutl, werdet Soldaten noch g’nug z’sehen kriegen; werd’t uns bald nimmer nachlaufen!“

Man weiß, wie richtig diese Prophezeiung eingetroffen ist; denn Welle auf Welle flutete der Kriegsstrom daher. Selbst der Laubhauserhof bekam ungebetene Gäste. – Eines Morgens sah der Bauer sein Haus besetzt von einem Trupp wildfremder Kameraden mit langen Flinten, langen Messern im Gürtel und rote Mäntel über der Schulter.

Ohne viel Umstände hatten sie sich’s bequem gemacht, und der Hofbauer konnte jetzt mit Recht sagen: ich bin nimmer Meister. – Bald waren die Nachbarn einig, daß dies Rotmäntler seien, von welchen ihnen die Großeltern so Unerbauliches aus den vorigen Kriegen erzählt. Der Laubhauser aber tröstete sich in dem Gedanken, daß er, in kluger Voraussicht der kommenden Gefahr, vor einiger Zeit schon seine Kronentaler vergraben habe, im Garten hinter dem Immenhäusle. „Der Teufel ist en Schelm“, hatte er zur Bäuerin gesagt, „ich trau nit.«

Daß allerdings wenig Grund zum Trauen vorlag, konnte der gute Mann schon nach einer Stunde merken an gewissen Lücken in den Vorräten der Speckkammer und des Hühnerstalls sowie an mangelnden Wäschestücken, welche am Hag zum Trocknen aufgehängt waren – obwohl er seiner Einquartierung an Speis und Trank nichts hatte abgehen lassen. – Als die unheimlichen Gäste des Guten ein Genüge getan und sich unter dem großen Apfelbaum aufs Ohr gelegt, schlich der Laubhauser hinüber zum Fohlenbacher, den er in Welthändeln für einen erfahrenen Kopf hielt. Aber auch diesem lag das Haus voll seressanischen Volkes, und er wußte in der Tat wenig Trost als höchstens: er hab es schon lang vorausgesagt, daß es so kommen werde. – Die Kinder aber waren unterdessen an den Zaun geschlichen, wo die braunen, schwarzhaarigen Gesellen wie Katzen im Sonnenschein auf dem Rasen lagerten.

Der Begriff „Rotmäntler“ bezieht sich auf die Seraschaner. Die Sereschaner, eine aus Südslawen gebildete Heerestruppe des Österreichischen Militärs, hatte rote Mäntel an und die markanten Schnauzbärte.

Seressaner (Internetfund)

Kurze Zeit nachher gab es wieder andere Gäste, die Condéer; aber das Betragen dieses Emigrantenkorps wollte den Leuten noch weniger gefallen als das der Rotmäntel. – Der Meister des Hieronymus, sonst ein äußerst konservativ gesinnter Mann, sagte einmal zu seinem Lehrling: „Jetzt kann ich mir das schreckliche Gericht, welches über die Vornehmen drüben gekommen ist, einigermaßen erklären!“ – Einst hatten sie einen dieser Emigranten, der zwei Söhne bei sich hatte, im Quartier; die Meisterin mußte ihnen weichgesottene Eier mit Weißbrot bringen; als jedoch die Frau sehen mußte, wie die jungen adeligen Herren nur die Kruste der Brötchen verspeisten, das Weiche aber zum Fenster hinauswarfen, ohne daß der adelige Herr, ihr Vater, sie daran gehindert hätte, entsetzte sich das gute Weib ob dieser „Sünde“. – Als sie jedoch gleich darauf von einem der jungen Kavaliere in gebrochenem Deutsch gefragt wurde, ob denn ihr Kind, dem sie eben Brei im Pfännchen gebracht, auch schon eine Zunge habe, mußte sie wieder lachen über solch grasse Unwissenheit. – Spät in der Nacht verlangten sie dann vom Hausherrn, er solle ihnen einen Wegweiser verschaffen bis an die Schweizer Grenze; der Meister bestimmte seinen Lehrling dazu, der dann erst am andern Morgen wieder zurückkam – mit einem Goldstück beschenkt. Es war das erste gemünzte Gold, welches in seinen Besitz kam. Der Meister gönnte ihm den Fang von Herzen, meinte aber, wenn es mit der Kampflust der übrigen bestellt sei wie bei diesen, so werde das Korps nicht viel ausrichten.

Während dieser Vorgänge war auch das Fürstenbergische Kontingent auf den Kriegsfuß gebracht worden. Werbeplätze wurden aufgetan im ganzen Schwäbischen Kreis und die Mannschaften vollzählig gemacht; es kostete jedoch Anstrengung, das durch die lange Friedenszeit fast eingerostete deutsche Schwert aus der Scheide zu ziehen.

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Unserm Feldwaibel zu Hüfingen, welcher so manche Kapitulation ausgedient, wäre jetzt ein ehrenhafter Rücktritt in das Invalidenkorps offengestanden, allein das vermochte der alte Soldat bei bevorstehendem Feldzug nicht über sich zu bringen. Von vornherein war er entschlossen, noch einmal für Kaiser und Reich sein Leben in die Schanze zu schlagen.

Was ihm am meisten naheging, war, daß er diesmal den Feldzug ohne seine getreue Annakäther mitmachen mußte. Nicht an dem Willen der Hausfrau lag dies, denn mit Freuden wäre sie auch diesmal noch dem Manne ins Feldlager gefolgt, aber es war lange her seit dem Siebenjährigen Krieg, das Alter forderte bei dem Weibe unerbittlich sein Recht.

Die Mannschaft war ziemlich bald vollzählig. In der Rheinebene sollte das schwäbische Kontingent sich sammeln. Aber die einzelnen Abteilungen, welche dort anlangten, mußten zuerst gleichmäßig uniformiert, zum Teil zweckdienlicher bewaffnet werden. – Der Sommer ging darüber hin, bis das Korps mit dem Nötigen versehen, bis einige Ordnung und Gliederung in die unzusammenhängende Masse gebracht war und man es unternehmen durfte, dieselbe gegen den Feind zu führen.

Dem Feldwaibel waren bei solchen Zuständen alle Hände voller Arbeit, und er hatte nicht viel Muße, auch wenn es in seiner Art gelegen wäre, sorglich trübe Gedanken in die Heimat zu senden.

Dort aber saß jetzt einsam Frau Annakäther an ihrem Spulrade, für die Zeugmacher in der Stadt Wolle zu spinnen. Beim Abschied von dem fortziehenden Gatten hatte sie mehr Festigkeit bewiesen, als man vielleicht erwartet. Jetzt aber war ihr tausendmal des Tages, als müßte sie seinen Tritt auf der Stiege hören oder seine Stimme im Hausgange, und manch stille Träne wischte sie sich mit der grobleinenen Schürze von der vergrämten Wange.

Hieronymus war ihr Tröster in der ungewohnten Einsamkeit, und es erleichterte sie jedesmal, wenn er herüberkam, Bericht zu bringen von dem kaiserlichen Heere oder vom fernen Kriegsschauplatz.

(1) Aus den Schriften der Baar 17 (1928), Georg Tumbült: Das Fürstenbergische Kontigent Schwäbischen Kreises.

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Landfahrerleben
Heimreise

Hieronymus Kapitel 15

„s’ lauft so Waar jez gnueg im Land, wo bettlen und stehle, Schere-Schlifer, Hafe-Binder, alti Soldate, Säge-Feiler, Zeinemacher, anderi Strolche.”
>Johann Peter Hebel

Landfahrerleben – Heimreise

Ob der Lange Hans bei Hieronymus gelegentlich eingesprochen und das verheißene Trinkgeld abgeholt habe, wüßten wir so wenig anzugeben als die Antwort, welche der Beschenkte an die freundliche Geberin Florentina gelangen ließ, zu unserer Kenntnis gekommen. Als erwiesen dagegen müssen wir den Umstand hervorheben, daß Hieronymus seinen Freund Hans kurze Zeit nach der Fastnacht wieder einmal in der Stadt zu sehen bekam, und zwar in dem Augenblick, wo dieser von dem Amthause aus – die Hände auf dem Rücken gebunden – in Begleitung des Schließers in das „Stöckle“, einem Gefängnisturm im „süßen Winkel“, geführt wurde. Fast unbefangen hatte der Lange ihm von ferne zugewinkt, aber Hieronymus, verblüfft über den unerwarteten Auftritt, war unbeweglich stehengeblieben, ohne den Blick von dem Malefikanten abwenden zu können. Allerdings war dem jungen Manne über das Treiben der Landfahrer von seinem Meister, dem Amtsdiener, mancherlei zu Ohren gekommen: so sollte die Lohrmännin, die alte Vagantin, über das wohlfeile Einkaufen auf Jahrmärkten, über Einbrüche und Brandlegen auf dem Totenbett Geständnisse abgelegt haben, welche die Obrigkeit bewogen, von neuem auf die Sippschaft zu fahnden; allein der Lange hatte doch stets seine Ehrlichkeit so hoch beteuert, daß an diesem wenigstens Hieronymus nicht zweifeln zu dürfen glaubte. Aber bei dem jetzigen Anblick mußte des Jünglings Vertrauen doch wankend werden, und es wollte sich nicht wieder befestigen, als der Zufall ihn kurz darauf in dem Zuchthausgarten mit dem Gefangenen zusammenführte, wohin dieser zum Holzmachen kommandiert worden und wo er dem jungen Manne wiederholt versicherte, daß er so unschuldig sei wie die Säge, die er in der Hand halte, daß er bis auf den Tag nicht wisse, warum ein braver Familienvater so behandelt werde; und daß ihn niemand daure als sein Weib und seine Kinder und dergleichen mehr.

Hieronymus blieb ungläubig, wenn es ihm gleich aufrichtig leid tat, sich in einem Gegenstande seines bisherigen Vertrauens getäuscht zu haben.

Doch solche Lebenserfahrungen hinterlassen bei der Jugend selten bleibenden Eindruck, denn das Leben gleicht einem fließenden Wasser, welches an dem einen Orte wieder anhäuft, was es an dem andern weggerissen. Aus neuen Bekanntschaften, aus der innigeren Pflege früherer freundlicher Verhältnisse zieht jene Leutseligkeit ihre Nahrung, ohne welche ein offenes jugendliches Gemüt nicht zu gedeihen vermag. Der Mensch aber ist einer Farbe vergleichbar, welche durch Annäherung einer zweiten und dritten wesentlich verändert, höher oder tiefer gestimmt werden kann.

Einflußreich war darum für unser Landkind auch die Bekanntschaft mit der Ratsfamilie, wohin er durch die Base Annakäther eingeführt worden.

Die Frau Amtsrätin sah es nicht ungerne, wenn der junge, muntere Mensch zuweilen herüberkam, um bei den lärmenden Unterhaltungen und Spielen ihrer jüngeren Kinder den Aufseher und sorglichen Wärter zu machen.

Die nur einige Jahre weniger zählende Helena, mit welcher Hieronymus in den Kinderjahren bereits Freundschaft geschlossen, blieb ihm auch jetzt noch sichtlich gewogen; und wenn ihre jüngeren Geschwister sich mitunter Unschicklichkeiten und dumme Späße mit dem geduldigen, immer noch wälderisch gekleideten Sohn vom Lande erlaubten, war das gesetztere Mädchen seine Bundesgenossin und Beschützerin. Dadurch hatte sich in dem Herzen des jungen Mannes neben jener anerzogenen Hochachtung gegen höhere Stände unbewußt noch ein stilles, aber tiefgreifendes Gefühl der Dankbarkeit und Anhänglichkeit festgesetzt, welches bei jedem Anlasse, an Neujahrs-, an Namens- und Geburtstagen in sauber geschriebenen Reimen und gemalten, blumenverzierten Glückwünschen seinen herzlichen und gut gemeinten Ausdruck fand. Kleine Aufmerksamkeiten, welche ihm dieses Mädchen bisweilen zuteil werden ließ, mußten deshalb einen desto größeren Eindruck auf ihn machen, je weniger er seinem Stande und seiner Herkunft nach gewohnt war, dergleichen sich erweisen zu sehen.

Es war noch im vorigen Herbst, und Hieronymus mit den Kindern des Rats in ihren Baumgarten vor die Stadt gegangen. Unausgesetzt schöne Tage hatten Pflaumen und anderes Obst schnell zur Reife gebracht. Über die abgemähte Grasfläche schossen zwischen den alten, dunkelbelaubten Apfelbäumen in tiefem Fluge die Schwalben, und die Kinder tummelten sich im Grünen um die Wette mit diesen leicht beschwingten Bewohnern der Lüfte. Clemens, Helenens ältester Bruder, hatte einen Baum bestiegen und begann, nachdem er sich satt gegessen, die reifen Pflaumen in ein Körbchen zu sammeln, welches er sodann gefüllt der Schwester Helena hinabreichte.

Die Kinder drängten sich hastig im Kreise um diese herum, jedes mit Ungestüm seinen Teil verlangend. Aber Helena ging zuerst mit vollgefüllter Hand auf den etwas seitwärts stehenden Hieronymus zu und legte ihm freundlich die süße Frucht in beide dargehaltenen Hände, dann erst kamen die Geschwister an die Reihe. Solche Bevorzugung hatte Hieronymus nicht erwartet, und er fühlte sich durch die Aufmerksamkeit eigentümlich ergriffen. – So wenig und so viel bedarf es oft, einen Menschen froh und glücklich zu machen.

Nicht lange nach dem jüngsten Zusammentreffen mit dem Langen Hans empfing Hieronymus durch einen Landsmann, welcher bei Amt zu tun gehabt, ein Brieflein vom Vater Mathias, worin dieser in mühsam geschriebenen Zeilen dem Sohne mitteilte, daß die Mutter sehr krank, ja gefährlich darnieder gelegen. – Es zog ihn nun mächtig heimwärts, und ließ ihm weder Rast noch Ruhe. Aber der Vorsatz, der so fest gefaßte, so oft erneute Vorsatz, nicht in Laubhausen anzukehren, bevor er dort mit einigem Gewicht und Ansehen auftreten könne! – Die stolzen Pläne, welche sich an dieses vermeintliche Auftreten knüpften! Sollte das alles aufgegeben werden, sollte die unerbittliche Wirklichkeit schon diese ersten Träume zunichte machen, sollte aus den schönen Blütenansätzen nichts werden als eine kleine, eingeschrumpfte Frucht? Doch, was mag in die Waagschale fallen, wenn es die Gesundheit, vielleicht das Leben der Angehörigen gilt.

Hieronymus erbat sich Urlaub vom Meister, und noch denselben Tag machte er sich auf den Weg zu den Seinen. Das Wetter war höchst unfreundlich. Der Wind, welcher die Wolken in eiligem Zuge über die verdüsterte Landschaft jagte und mächtig in den noch kahlen Baumgerippen sauste, kam ihm gerade entgegen. Und doch trieb es ihn so unaufhaltsam vorwärts; konnte er doch nicht wissen, wie er zu Haus alles antreffen werde! Er wünschte sich Flügel, um mit den Raben dort in hoher Luft, die, obwohl auch gegen den Sturm ankämpfend, alsbald dem Blicke entschwunden waren, über Berg und Tal dem Schwarzwald zu fittichen zu können. – Der Wanderer schlug den Weg über Hubertshofen und Mistelbrunn ein, um vor Einbruch der Nacht noch sein Ziel zu erreichen.

Als er hinter letzterem Dorfe, rechts sich wendend, schon eine Strecke waldeinwärts gegangen, fiel zufällig sein Blick auf ein umgeworfenes Bildstöcklein am Wege. In der nischenartigen Vertiefung hing schlotterig ein blechernes Täfelein, worauf, schon stark verwittert, ein Muttergottesbildchen zu erkennen war. Unter dem Gemälde, neben einer alten Jahreszahl, las man noch deutlich die Worte: Geh nicht vorüber: Ave Maria! sprich, dafür, mein Kind, wir segnen dich.

Dem jungen Wanderer war es, als hielte ihn etwas zurück bei diesem umgeworfenen Denkmal sinniger Frömmigkeit; er gedachte der kranken Mutter daheim, und sogleich entwand seinen Lippen sich das Gelöbnis, der heiligen Gottesmutter zu Ehren den Bildstock wiederherstellen zu lassen, wenn er die eigene Mutter zu Hause wieder genesen finden würde. Die Votivtafel ward in den Reisesack geschoben, und wie erleichtert schritt der Jüngling eilenden Fußes weiter.

Er war schon tief in den Wald eingedrungen. Der Wind sauste immer stärker durch die hohen Tannenwipfel, um welche da und dort nistende Reiher kreisten. Der Pfad ward immer unwegsamer, nach kurzer Strecke jede Spur davon verloren, und der Wanderer sah sich in einer Wildnis, wohin noch nicht einmal die Axt des Holzhauers gedrungen, und kaum bisweilen ein Strahl der Sonne durch das Dickicht bricht. Auf dem mitternächtlich gelegenen, steil abfallenden Boden lagerten neben himmelhohen graubärtigen Weißtannen umgeworfene Stämme, Windfälle, von Jahrhunderten her über- und untereinander, zum Teil völlig vermodert. Starrende Äste und ausgerissenes Wurzelgeflecht, hie und da sickernde Quellen und verborgene tiefe Lachen machten dem Schritte des Jünglings das Vorwärtskommen streitig. Mühsam arbeitete er sich eine Zeitlang ab, hinwegzukommen über dieses Chaos von Leben und Verwesung, und der Anstrengung gelang es endlich, an eine Stelle zu gelangen, wo der jähe Abhang quer durchrissen war von einer Schlucht mit wildem Waldwasser. Zackige Granitblöcke, wie von unbekannter Gewalt hereingeschleudert, gewährten zur Not Anhaltspunkte zum Übersetzen, und so vermochte zuletzt unser irrender Ritter sich hinaus aus dem wilden Tobel zu arbeiten und wieder gangbaren Boden zu gewinnen.

Doch an einen Weg war auch hier nicht zu denken. Schon begann es dunkel zu werden, und Hieronymus machte sich bereits mit dem Gedanken vertraut, in dieser Abgeschiedenheit sich ein frostiges Nachtlager suchen zu müssen. Erzählungen aus seiner Kindheit, von Menschen, welche in Wildnissen wochenlang herumgeirrt oder gar elend verkommen wären, fielen ihm dabei frisch ins Gedächtnis.

Bereits hatte der Ermüdete eine überhängende Tanne erspäht, welche einigen Schutz zu gewähren schien, und sich da niedergelassen, als es ihm vorkam, als erblicke er durch eine enge Lichtung des Waldes hinziehenden Rauch. – Aufspringen und dieser Richtung folgen war das Werk des nächsten Augenblickes. Kaum ein paar Schritte hatte er gemacht, als aus dem verwachsenen Gestrüpp bellend ein Hündlein auf ihn losfährt, welches aber sogleich, als ob es den Fremdling kenne, wedelnd stehenbleibt. Der nächste Schritt zeigt ihm am kleinen, moosigen Weiher ein schwarzbraunes Weib, geschäftig Linnenzeug zu waschen, welches, seiner ansichtig, in Überraschung den Namen Hieronymus ausruft. – Es war Trautel, die Vagantin. – Wer mochte froher sein als unser Ritter, dem es bei seinem Auszug so wenig um Abenteuer zu tun gewesen.

„Bist du allein?“ war Trautels erste Frage.
„Ja!“ hieß die Antwort.
„Aber, um äller Heiligen willen, wo schlagt dich das Wetter daher?“
„Ich bin verirrt“, berichtete der Wandersmann, „ich will die Eltern daheim besuchen und hab im Oberholz den Weg verloren!“
„Hieronymus!“ nahm Trautel, nähertretend, wieder das Wort, „du weißt, daß i und mei Hans dir und deinen Eltern dahoim nix äls Lieb’s und Guet’s erwiese hän, d’rum denk i au älleweil, du wearest uns jez nit vermähre und Leut, die in einm fort ung rechterweis verfolget wearet, ins Unglück bringen und unschuldig’s Bluet vergieße healfe!“
„Was das anbetrifft“, versicherte Hieronymus, „könnt Ihr ruhig schlafe, was mich nit brennt, blas ich nit. – Aber recht wär’s mir, wenn ich meine Schuh und Strümpf bei Euch e bißle trocknet könnt‘; so wie ich seh‘, habt Ihr Feuer in der Näh‘, und wenn Ihr mir nachher auf den rechten Weg verhelfe wolltet, so wär’s mir’s lieb.“
„Jo freili! Was mir tue könnet, das soll jo g’scheah; komm, Schatz“, fuhr die Vagantenmutter fort, den Angekommenen bei der Hand nehmend, „komm und wärm dich – ’s Wetter ist schaurig -’s wird heut früh Nacht und finster.“

Die Alte hatte bei diesen Worten ihren Gast auf ein nahes Haselnußgestrüpp zugeführt, wo dieser alsobald den Eingang zu einer unterirdischen Bettelküche wahrnehmen konnte, die er auch bald an der Hand seiner Circe betrat. An einem halb erloschenen Feuer waren Kinder emsig beschäftigt, unter Zank und Hader die Reste einer eben gehaltenen Mahlzeit zu vertilgen. Die geschäftige Wirtin fachte die Glut von neuem an, bereitete dem Gast einen Sitz daneben und begann unverweilt, ihm zur Stärkung ein Habermus zu kochen.

Diese Banden von Heimatlosen, bei denen Hieronymus hier eine Zuflucht gefunden und wovon die letzten Abkömmlinge heutzutage noch auf den Grenzen zwischen Deutschland und der Schweiz sich herumtreiben, führten eine Lebensweise fast wie die Zigeuner. Doch war jede einzelne Bande stets auf ein gewisses Revier beschränkt, hin- und herziehend, und in den Ortschaften und Gehöften desselben so heimisch und bekannt wie die Einwohner selbst. Einen und denselben Herbergsviter beglückten sie jedoch nur zweimal des Jahres mit ihrer Gegenwart; einmal des Sommers und einmal im Winter.

Hier thematisiert Lucian Reich wieder die Verfolgung und aber auch das Leben der Jenischen, oder wie es es nennt der Landfahrer. Für Lucian Reich waren die Landfahrer Menschen, die in Banden unterteilt ein Leben im Raum Schweiz, Schwarzwald, Baar und dem Elsaß führten.

„Jenisch“ war damals nur eine Bezeichnung für die Sprache; wie in Wikipedia so schön steht:

„Jenisch“ ist ein erstes Mal für eine Wortliste aus dem Jahr 1714 bei Friedrich Kluge (1901) angegeben, und zwar als Sprach-, nicht als Sprecherbezeichnung.

Waren diese Leute in den verschiedenen Diebspraktiken auch keine Neulinge, so übten sie dieselben doch meistenteils nur außerhalb ihres Reviers und niemals in der Herberge; hier durfte man keck vor ihnen Tür und Tor offenstehen lassen, denn die Herbergszeugnisse waren der einzige Ausweis, worauf sie sich bei Berührungen mit der Polizei zu berufen pflegten.

Den Sommer über waren Wald und Busch ihr Nachtquartier. Untertags beschäftigte sich der Mann mit den ältesten Buben mit Weidenhauen, Korbflechten, Besenmachen und andern freien Künsten, während das Weib mit den kleinsten Kindern und dem unzertrennlichen Mops oder Spitzer an irgendeiner Waldecke am Feuer lagerte und kochte. Oder sie zog mit dem jüngsten Sprößling, den sie in einer um den Nacken befestigten Schlinge vor sich hertrug, auf dem Bettel herum, welches Metier „rumgehen“ hieß und ganz methodisch ausgebildet war. – Waren Kleidung und Toilette einer solchen Rumgehenden aus Zweckmäßigkeitsgründen auch nicht immer die schönsten, so gab es auch wieder Zeiten, wo die Gattin oder Liebste im höchsten Staate einer echten Landfahrerin sich zeigen wollte. Zu diesem Staate gehörten: der roteingebändelte schwarze oder grüne Rock, eine Schürze von buntfarbigem Pers, das große, nur lose umgeschlagene Halstuch, die Haare mit farbigen Bändern durchflochten und bedeckt mit einem seidenen Tüchlein, während das oft zehnfache, mit einem Geldstück behangene Granat-Halsnister so wenig fehlen durfte wie das silber- oder messingbeschlagene Messer, welches am ledernen Riemen am Gürtel befestigt war.

Auch die Männer bettelten nicht, sie „hausierten“ bloß. Zum Betteln verstanden sie sich erst, wenn sie alt, gebrechlich und von ihrer Bande verlassen waren. So wie Gebildete in Gegenwart anderer gerne in französischer Sprache verkehren, so bedienten sich die Landfahrer unter sich einer eigenen, der sogenannten jenischen Sprache, welche der Untersuchungsrichter damaliger Zeit verstehen mußte, wollte er bei Verhören und Konfrontationen nicht an der Nase herumgeführt werden.

In Schulen versperrten die Vagantenkinder andern niemals den Platz; und den nötigsten Religionsunterricht erhielten sie von ihren guten Eltern.

Es beschränkte sich dieser lediglich auf das Auswendiglernen des Vater-unsers. Neben der eigenen Erbauung brauchten sie dieses Gebet vorzugsweise zum Behufe des „Rumgehens.“ Außerdem erhielten die Kleinen eine weitere religiöse Bildung im Auswendiglernen verschiedener Bettelsprüche, wovon hier einige zur Probe: Die Bettlerin: „Gend is au en Almuosa der Gotteswilla, mer wend au ne Vaterunser betha em heilige Sant Wendelines, daß Gott ’s Vieh und all’s g’sund erhalt.“ – Das Kind: „Almuosa – Gottswilla -‚trunser betha – ‚lines Gott Vieh g’sund halt.“

Man wird wohl begreifen, daß grasser Aberglaube geherrscht haben werde bei diesen Leuten, welche fast wie das Wild des Waldes aufwuchsen, denn etwas will doch am Ende jeder glauben; aber sie verstanden es auch trefflich, diese Schwäche der menschlichen Natur bei andern zum eigenen Vorteil auszubeuten. – Die Taschen trugen sie voll geweihter Dinge, in der beruhigenden Zuversicht, daß sie dann der „Kuonle nicht zopfe“, das heißt, daß sie der Teufel nicht holen könne. Beim Trinken verfehlten sie niemals, den linken Fuß über den rechten zu schlagen, denn das schützte, durch den Trunk nicht vergiftet, nicht verliebt, nicht wahnsinnig gemacht werden zu können.

Sympathetische Heilmittel sollten bei ihnen von Geschlecht zu Geschlecht vererbt worden sein, und sie wußten zu raten bei allem, was Menschen und Vieh in dieser Beziehung zustoßen konnte, nur, sagten sie, wär es ihnen nicht erlaubt, derartige Dienste irgendeines Gewinnes willen zu tun, aber ein Trinkgeld dafür zu nehmen, wäre nicht verboten.

Aber nicht jedesmal bestand dieses Trinkgeld in klingender Münze; es wurde ihnen mitunter auch in Form einer Handvoll ungebrannter Asche verabreicht, wie dem Langen einmal bei einem Bauer in der Baar passiert sein soll. Die vier Gäule des Bauers hatten plötzlich alle Freßlust verloren, und der Hans, im Einverständnis mit einem zufällig im Orte anwesenden Schindersknecht, erbot sich, den Hexenbann zu lösen mittels Weihwasser, gefärbt mit Kräutern aus der Weihbuschel, Heilig-Dreikönig-Salz und andern bewährten Sachen. Als sodann um Mitternacht – auf den feierlichen Ruf:

»Jetzt!“ – der mit Ketten rasselnde Schwarze beim Schein eines angeblich der heiligen Agatha geweihten Wachsstöckleins wirklich erschien, sprangen die Söhne und Knechte des Mannes aus dem Futtergang hervor und verabreichten den beiden das Trinkgeld in so rauher Währung, daß der Lange hoch und teuer verschwor, den Flegeln das Haus nie mehr betreten zu wollen. – Man rieb den Pferden die Zähne, welche die Gaukler vorher mit Seife eingerieben, mit Salz ab – und der Bann war gehoben.

Daß übrigens dies Völklein dem Landvolk nicht immer so ganz unwillkommen war, hat der Leser bereits einem früheren Kapitel entnommen.

Und warum sollte es auch ungern gesehen worden sein? War doch so ein Landfahrer ein förmliches lebendiges Urbar und mobiles Unterpfandsbuch, aus welchem der, auf Vermögensverhältnisse anderer stets etwas eifersüchtige Bauer alle Schulden, Kapitalien und Obligationen der Nachbarn rings umher erfahren konnte. Und dem ledigen Burschen oder röschen Witwer, sollte es ihm nicht willkommen gewesen sein, wenn ihm die vielerfahrene Vagantenmutter ein vollständiges Register von allen heiratsfähigen Bauerntöchtern der Umgegend vorlegte oder hersagte? Und wenn sie dann der Erwählten die Karten schlug und ihr von ferne den gewissen Freier zeigte und auch die Eltern dem Projekte günstig zu stimmen wußte, sollte dies beiden Teilen nicht ganz erwünscht gewesen sein? Und wahrlich, mehr als ein glücklicher Ehebund ist auch dazumal auf diesem „nicht mehr ungewöhnlichen Weg“ eingefädelt und zum Abschluß gebracht worden.

Die ehelichen Verbindungen dieser Landfahrer selbst waren meist Neigungsheiraten; man wird dies leicht glauben, da sie in tatsächlicher Gütergemeinschaft lebten; und was die Form der Bündnisse anbetrifft, so ist anzunehmen, daß bei ihrem Abschlusse wenig Papier verschrieben worden sei.

Was überhaupt ihre Ansichten über den Wert der Glücksgüter betrifft, so erzählte der Lange Hans einst, wie er und seine Trautel ein schönes Vermögen zusammengebracht hätten: am Abend vor der Hochzeit, sagte er, habe er seiner Trautel einen Kuß gegeben und dabei ausgerufen: „Trautl, du bist mir hundert Gulden wert.“ Hierauf habe ihm Trautel ebenfalls einen gegeben und gesagt: „Hans, du bist mir tausend wert!“ Das hätten sie nun zusammengerechnet und am ersten Abend ihrer Verehelichung schon elfhundert Gulden zusammengebracht.

Auf alten Ursprung deuten die nächtlichen Zusammenkünfte dieser Heimatlosen, welche sie alljährlich zur Herbstzeit auf irgendeinem einsamen Waldplatze abhielten. – „Lon euch au finde, am Scheuremer Eck“, „Schelmenhau!“ war die Losung, mit welcher sie auf Jahrmärkten, und wo sie sonst noch zusammentrafen, sich gegenseitig zum Feste luden.

Die nebenstehende Abbildung soll uns ein solches Nachtgelage wiedergeben. Im tiefen Walde, an der Felswand, brennt das Feuer. Der Lange schnarchend im Vorgrunde; Trautel bei der lustig brennenden Flamme – sie, die perfekte Köchin, von welcher ihr Eheliebster, der Lange Hans, zu sagen pflegte: Sie sei eine Köchin obenraus, und es gäbe nichts, was sie nicht zu kochen verstünde; so habe sie ihm einmal sogar die Schuhbürste gesotten in der Suppe gebracht! –

„s’ lauft so Waar jez gnueg im Land, wo bettlen und stehle, Schere-Schlifer, Hafe-Binder, alti Soldate, Säge-Feiler, Zeinemacher, anderi Strolche.” >Johann Peter Hebel

Auf verborgenen Pfaden ziehen unterdessen die Geladenen heran zum Schmause, der also verschwenderisch bereitet wird, daß die mutwilligen Vagantinnen oft noch die Zweige nebenstehender Holderstauden in den Teig, sodann in die Pfanne ziehen und das also fertig gemachte Holderküchlein als Wahrzeichen an dem Gesträuche hängenlassen. Nach dem Mahle beginnt die volle Lust; bald auch ertönt die Fiedel, und zu ihrem muntern Klange drehen sich auf freiem Waldplatze beim Lichte des Vollmonds die Paare. Damit es aber dem Feste nicht an der nötigen Abwechslung mangle, setzte es dabei fast regelmäßig Händel und Prügeleien ab, und namentlich pflegten die Damen wegen allzu fertiger Zunge von ihren Rittern oft traktiert zu werden, wie weiland Frau Kriemhilde von ihrem Hörning Siegfried. Auch Trautel mußte zuweilen erfahren, welch veränderlich Wesen die Liebe sei; „o Hans!“ rief sie einst im höchsten Schmerze nach solch einem kriegerischen Momente ihres Ehelebens, „wie host mi verküßt und verschlecket am Scheuremer Eck – und jetzt schlaist (schlägst) mil“ – Solche Szenen aber zogen vorüber wie Aprilschauer, auf welche der Sonnenschein des lieben Friedens rasch wiederzukehren pflegt.

Erst nach Mitternacht, wenn schon die Morgenluft durchs Gesträuche zieht und auf dem fernen Einödhof die Hähne krähen, verschwindet der Spuk; glücklich alsdann der arme Holzmacher oder der Waldbannwart, welcher tags darauf an die verlassene Feuerstelle kommt, wo die Holderstauden so köstliche Früchte tragen.

Eine nette Geschichte ist die der Holderküchlein

So haben die Jenischen bei ihren Feiern auf einsamen Waldplätzen auf Zweigen von Holunderbüschen Holderküchlein gebacken, sozusagen als Wahrzeichen. Diese haben dann am nächsten Morgen „arme Holzmacher und Waldbannwärter“ glücklich gemacht.

Im Augenblick unserer Erzählung war die Sippe des inhaftierten Langen Hans ziemlich zusammengeschmolzen. Dem Arm der Justiz waren nur Frau Trautel, ihre beiden Stiefkinder Sepple und Schön Rösel, der Stumpfarm und noch einige andere entgangen.

„O!“ jammerte die bekümmerte Trautel seufzend, „was treibt ma doch àlles mit de Leute – und es kann mei’m Mann doch nit ’s kleinst Brösele bewiese weare!“ – Die betrübte Gattin wollte weiterreden, da unterbrach sie barsch eine rauhe Stimme, aus einem finstern Winkel der Höhle kommend, und: „Lochlone, wittischer Massik!“ tönte es von dorther, was etwa so viel heißen sollte, als: Laß bleiben – ein Verräter ist da.

Es scheint, dass Lucian Reich einiges aus der Jenischen Sprache konnte, bzw. zumindest verstand.

Lochlone wittischer Massik!

Laß bleiben – ein Verräter ist da

So findet sich im Wörterbuch der Jenischen Sprache (Chochemer Loschen von 1832) der Ausdruck „wittischer Massik“ als Verräter der Diebe.

Hieronymus, um sich blickend, gewahrte jetzt erst einen Mann im Hintergrund, auf einer Moosbank ausgestreckt. – Es war der Stumpfarm, welcher jene Warnungsworte gesprochen und die Alte zum Schweigen gebracht hatte.

Er trat hervor ans Feuer, um etwas Holz nachzulegen. Der augenscheinlich gleisende Ausdruck seines Gesichtes, die Jacke aus ungeschorenem Schaffelle erinnerten Hieronymus unwillkürlich an den Wolf im Schafspelz.

„Für den Hans“, fing jener gleichgültig an, „hab ich kei Sorg, er ist sauber übers Nierenstück und hot kein Fehler als sei übertriebene Ehrlichkeit; den Zuchtverwalter und sei Frau kenn ich, es sind scharmante Leutle; ihr ältste Tochter hot mer jo sealber e Kind zum Tauf trage, wo in sealbigem Haus uf d’Welt kummen ist, von mei’m erste Weib selig.“

„O du liebs Herrgöttle“, schluchzte Trautel dazwischen, „wie wurd er jetzt so grausam Langweil hau no sei’m Weib und seine Kinder, die jetzt arme Woisle sind.“

„Und wenn der ganz Schwäbisch Kreis in helle Flamme stünd“, sagte mit verbissenem Grimm der im Schafskleid, „so wär der Himmel nit so brandig und rot als das Blut ist von all den unschuldig Hing‘ richteten und G’räderten; der Krug goht aber zum Brunne, bis er bricht – der Weltgeist steigt allweil höher und höher – und ’s Strofg‘ richt wird kummen über Sodoma und Gomorrha“, schloß er, eine Handvoll Moos in die Flamme werfend.

Hieronymus schwieg. Frau Trautel aber, nachdem sie ihre Tränen getrocknet, hatte ihr irdenes Pfeiflein hervorgezogen und diesmal, in Ermanglung des echten Holländischen, mit gedörrten Rosenblättern gestopft. Sie schmauchte mit einem Anstande, welcher einer emanzipierten Dame des neunzehnten Jahrhunderts Ehre gemacht hätte.

Eben wollte Trautel dem Gespräche eine andere Wendung geben und beeilte sich, ihrem jungen Gaste die Mahlzeit anzurichten, als man vom Eingang her leichte Tritte hörte und Schön Rösel in die Höhle trat. – Hieronymus erblicken und dem lange nicht mehr gesehenen Jugendfreunde zärtlich um den Hals fallen, war für die Schöne ein Werk des Augenblicks; aber bevor Hieronymus unter solchem Überfall unerwarteter Zärtlichkeit seine Fassung zu finden vermochte, fuhr eine Hand dermaßen ungestüm dazwischen, daß Jüngling und Mädchen, wie von einem plötzlichen Windstoße erfaßt, ein paar Schritte gegen die Wand taumelten.

Hab’s mit deiner’s Gatting!“ kreischte dabei die Stimme der intervenierenden Macht, in der Person der zärtlich eifersüchtigen Stiefmutter Trautel.

Jetzt aber ergoß sich in sprudelnder Eifersüchtigkeit aus den Kehlen beider Schönen ein Schwall von nicht zierlichen Reden, wie wenn eine Schleuse vom Müller aufgezogen wird und der Wasserstrahl sich brausend auf die Räder stürzt und das ganze Mühlwerk klappernd und schrillend in Gang kommt.

Doch der Kampf der Worte, wie mächtig er auch erbrauste, war nur das Tosen vor dem Hagelschlag, denn ein heilloser Waffentanz begann sofort mit Pfannen und Kochlöffeln. – Hundegebell und Kindergeheul machten den Chorus dazu wie in einer altgriechischen Tragödie.

Hieronymus, der noch immer nicht wußte, wie ihm geschah, hatte sich mechanisch gegen die Moosbank salviert und betrachtete die Amazonenschlacht mit neutraler Miene. Als aber im Dialog der beiden Fechtenden gewisse Reden verlauteten, welche geeignet waren, die so viel gerühmte Ehrlichkeit der Sippe zu beeinträchtigen, sprang der Stumpfarm, welcher wieder teilnahmslos in unzerstörbarer Ruhe dagelegen, rasch auf, riß ein rauchendes Scheit Holz aus dem Feuer und fuhr damit erbarmungslos zwischen die Streitenden, das Feuer mit Rauch zu ersticken.

Frau Trautel aber, welche nicht die Person war, sich so leicht in ihrem angestammten Rechte des letzten Wortes beeinträchtigen zu lassen, griff schnell nach dem Topfe mit dem siedenden Habermus, ihn dem Stumpfarm an den Kopf zu schleudern – dieser aber bückt sich rasch, dem dahersausenden Donnerkeil auszuweichen; sei es aber, daß der Wurf ursprünglich schlecht gezielt war – oder daß die Schützin die Bewegung des Feindes noch rechtzeitig erschaut – kurz, der Topf zerplatzte auf dem Rücken des alsobald von Brei übergossenen Stumpfarm, daß er dampfte wie ein gebrühtes Ferkel.

Ohne dem Gegner Zeit zur Besinnung zu lassen, fuhr das Weib, einer gereizten Bärin gleich, wider ihren Feind, und die scharfe Zunge stieß Reden aus, welche fast wie Blut und Mord klangen.

Nun entbrennt des Vaganten Zorn, die Stirnadern schwellen an, die Augen flammen und die Hand fährt nach dem Messer; da aber macht Schön Rösel Front gegen den ungeschliffenen Friedensstifter, fährt ihm mit der einen Hand in den borstigen Schopf und faßt mit der andern die waffensuchende Rechte.

Der Moment war kritisch. – Unser Ritter Hieronymus fühlte, daß er sich der bedrängten Unschuld annehmen sollte – aber ehe er über das Wie mit sich einig, war der Schwarz Sepple hereingetreten und stand mit einem Satze in der Mitte der Kämpfenden. Er hatte alsbald an den herumliegenden Waffen erkannt, welche Karten hier bei dem Spiele Trumpf wären. Den Stock hoch geschwungen, fuhr es ihm heraus: „In des Drei Teufels Namen, gebt Ruh!“ – Die hadernde Sippschaft, die Zauberkräfte dieses Stabes kennend, schien plötzlich alle Lust zur Fortsetzung des Kriegs verloren zu haben.

Gegen den Stumpfarm gewendet aber fuhr jener fort:
„Dich wird der Kuonle noch reite, bis du Quartier g’funde hast im Haus auf drei Pfähl und ohne Dach“ (womit er den Galgen meinte). Sodann, gegen die Weiber gewendet, machte er mit dem Stocke einen Strich auf den Boden mit den Worten:
„Bis daher! – Wie eine den Fuß drübersetzt – so!“ – Beide verstanden die Gebärde und fügten sich. –

Der holde Friede war somit wieder in die versöhnlichen Herzen eingezogen, und Hieronymus, welcher nach dem tragischen Ende seines Habermuses keine Ursache mehr sah zu längerem Verweilen, faßte ein Herz und wendete sich zum Sepple: „Ich hab noch ein gut Stück Wegs vor mir – es ist schon spät und finster, drum wär’s mir recht, wenn du mir ein Stück weit ausfolgen wolltest.“

Frau Trautel aber gab durchaus nicht zu, daß ihr Gast so nüchtern abziehen sollte; er mußte sich zu einem Stück Speck und Schwarzbrot bequemen und dies Mahl mit einem Schluck Wacholder würzen. – Dann aber erhob er sich mit solcher Entschiedenheit, daß die andern wohl sahen, er sei nicht länger aufzuhalten. Der Herbergsmutter drückte er einige Schweizerbatzen in die Hand und beurlaubte sich mit den Worten: „Nix für ungut, und spar Euch Gott g’sund.“ Schön Rösel aber ließ den Freund nicht scheiden ohne einen herzhaften Schmatz, so daß es dem guten Jungen fast schwül dabei ward.

„Wenn du nach Hüfingen kommst“, rief der Stumpfarm dem Scheidenden nach, „so grüß mir die Amtleut und die Gardisten und sag ihnen, sie können uns auf die Kirchweih komme, drüben im Elsaß; dem Hans kannst melde, daß er uns überm Rhein drübe finde könn, beim Jude Schmulche. – Den Zuchtverwalter und den Amtsdiener laß ich schön grüße, der Amtsrat aber“ – den Schluß dieses Auftrags konnte der Abziehende nicht mehr vernehmen, er war bereits mit seinem Begleiter auf der Oberwelt angekommen, wo es durch die finstere Nacht unheimlich sauste und stürmte und der Wandersmann ohne seinen Führer weder Weg noch Steg gefunden hätte.

Sepple begleitete ihn bis über den Wald hinaus; „da“, sagte er, gegen einen vor ihm liegenden schwarzen Punkt deutend, „das ist der Krumbehof, und rechts drübe die Straß. Du wirst schweige könne, Hieronymus, über das, was du g’sehe und g’hört hast – ’s leid’t gegewärtig s‘ Schnaufe nit – du verstehst mi scho!“
„Vollkommen!“ erwiderte der Freund, indem er seinem Wegweiser den letzten Rest seines Barvorrates als Trinkgeld aufgenötigt hatte.

Nun wieder sich selbst überlassen, dankte Hieronymus im Herzen Gott, daß er ihn so gnädig aus des Teufels Garküche erlöst habe. Allein seines Weges ziehend, überkamen ihn allerhand Gedanken. Das Bild von Schön Rösel wollte ihm nicht aus dem Sinne weichen. Noch als Knospe, d. h. als Kind, hatte man dem Mädchen ihren Beinamen gegeben, und jetzt war sie vor ihn getreten als völlig aufgeblühte wilde Rose. Ihre Züge heimelten ihn an wie eine dunkle Jugenderinnerung, Bilder vergangener Zeiten zogen im Geiste an ihm vorüber. Die verstorbene Johanna trat vor seine Seele, und ihre Tochter, jenes Kind Tolbergs, welches von dem Geschäftsführer des Fabrikherrn abgeholt worden und von welchem man bisher nichts Gewisses mehr in Erfahrung gebracht. Jetzt fiel ihm ein, wie die alte Fahlenbacherin, welche längst aus dieser Zeitlichkeit geschieden, ihm und seinen Gespielen oft erzählt, daß Schön Rösel jenes Kind Tolbergs sei, von ihm entführt und den Vaganten übergeben worden, es dadurch um sein Erbe zu betrügen; ja, sie hatte zuweilen nicht undeutlich vermerken lassen, daß der Elsässer eigentlich der wilde Jäger und wahrhaftige „Gott b’hüt üs davor“ gewesen, dem auch Dieter für betrügerisches Geld seine Seele habe verschreiben müssen.

Wenn Hieronymus letzteres auch für das hielt, was es war, für eine Altweiberfabel, so konnte er jetzt doch kaum anders, als den ersteren Behauptungen vollen Glauben beimessen. Je mehr der arme Junge nachdachte, je weniger war er mit sich selber und mit seinem heutigen Benehmen zufrieden.

Es war ihm klar, daß er eigentlich Schön Rösel hätte befreien und ihren Verwandten in die Arme führen sollen. – Doch mußte der arme Ritter nicht selbst froh sein, mit heiler Haut davongekommen zu sein? Wie – wenn ihn der heimtückische Stumpfarm als vermeintlichen Verräter aus dem Wege geschafft und allenfalls in den moosigen Weiher geworfen hätte, denn so viel von der Spitzbubensprache hatte Hieronymus inne, daß er jene Worte des mißtrauisch verschlagenen Alten verstanden; oder wenn während seines Verweilens der Bande plötzlich eine Streif wache über den Hals gekommen wäre, wie angenehm für Hieronymus, mitverhaftet und auf einem Leiterwagen in Gesellschaft seiner Freunde in die Stadt abgeführt zu werden, denn mitgefangen – mitgehangen, lautete es dann. Von solch wirren Betrachtungen zogen ihn endlich Anwandlungen von großer Müdigkeit ab, die sich ihm wie bleierne Gewichte auf seine Sinne legten, so daß er, ein zweiter Odysseus, nach langer Irrfahrt sozusagen schlafend in der Heimat anlangte.

Geräuschlos ward am Vaterhaus die hintere hölzerne Laube erstiegen und die Türe an der obern unbewohnten Kammer geöffnet, allwo der wegmüde Mensch, ohne sich Zeit zum Ausziehen zu gönnen, auf einem seit seinem Wegzug nicht mehr benützten Strohsack schnell den erquicklichen Schlaf fand.

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Lehrjahre
Kleinstädterleben
Das Freischießen

Hieronymus Kapitel 13

“De freudig Stündli isch’s nit e Fündli?”
>Johann Peter Hebel

Die Lehrjahre – Kleinstädterleben – Das Freischießen

Hieronymus, wie das Kind im Hause des Meisters gehalten, zeigte sich willig wie anstellig und hatte sich bald wieder an die regelmäßige Arbeit gewöhnt. In kurzer Zeit war er so weit, daß er dem Meister brauchbare Arbeit liefern konnte. – Denn schon bei seinem Scheiden von der Heimat hatte er den guten Vorsatz gehabt, nicht eher an eine Rückkehr zu denken, bevor er nicht etwas Namhaftes erlernt und eine gewisse Selbständigkeit erworben habe. – Allerdings mußte er diesen Entschluß sich manchmal wieder zurückrufen, wenn ihn eine Sehnsucht beschlich nach den Tälern und Bergen, dem Schauplatz seines Jugendlebens. – Besonders lebhaft traten diese Bilder vor seine Seele, wenn er nach Feierabend an seinem Kammerfenster stand, und die fernen Tannenberge ihre dunklen Umrisse in verglimmendem Abendrot abzeichneten, oder phantastische Wolkengebilde wie Schlösser und Gebirge dort aufstiegen und – wandelbar wie Gedanken – wieder zerflossen im dämmerigen Luftmeer. – Doch blieb ihm glücklicherweise wenig Muße, solchen Gedanken und Träumereien nachzuhängen, denn die Gegenwart, alles, was er sah und hörte, nahm seine Teilnahme zu sehr in Anspruch; auch konnte in diesem Lebensalter, wo die Hoffnungen noch keine Täuschung erfahren haben, wo man andern so leicht vertraut und sich anschließt, bei dem offenen jungen Mann die Stelle eines Freundes unmöglich lange unbesetzt bleiben.

Schon der nächste Sonntag brachte für den Lehrling die Gelegenheit, beim Feldwaibel einen Gesellen zu finden, zu welchem er sich alsbald hingezogen fühlte, und dem er auch sein Leben lang in aufrichtiger Freundschaft zugetan blieb. Es war jener Severin, von welchem der Feldwaibel seinem jungen Vetter bereits am Tage seiner Ankunft gesprochen und eine Arbeit von ihm vorgezeigt hatte.

Severin zählte etwas mehr an Jahren als Hieronymus, allein ein eigentümliches Ereignis erschloß ihnen bald gegenseitig die Herzen. Severin besaß eine hübsche Sammlung von Zeichnungen, die er seinem Freunde am nächsten Feiertag zu zeigen versprach. „Die Mutter ist zwar krank“, fügte er seiner Einladung bei, „aber es geht gottlob wieder um ein Guts besser.

Gestern ist sie vom Kaplan versehen worden, und heut kann sie schon wieder aufstehen. – Die Gote ist den Morgen bei ihr und wartet ihr ab.“ Es war ein stiller Sonntagnachmittag, ein solcher, wo alles, selbst die Natur, zu ruhen und sich zu vertiefen scheint. – Freund Severin mit seiner betagten Mutter bewohnte ein Unterstüblein in einem abgelegenen Stadtviertel. – Als Hieronymus bei ihm eingetreten, fand er den jungen Steinmetzen eben beschäftigt, in Erwartung des versprochenen Besuchs Zeichnungen in einer Mappe zu ordnen. „Ich hab schon glaubt, du kommest nit“, erwiderte Severin freundlich, aber leise redend, den Gruß des Ankommenden. »Wir müssen ein wenig still tun, weil die Mutter schläft.“ Dabei deutete er auf die halb offenstehende Tür des Hinterofens, wo Hieronymus die sieche Matrone in einem Lehnstuhl schlummernd erblickte.

Während der Steinmetz nun behutsam das Klebtischlein von der Wand herabklappte, um die Zeichnungen daraufzulegen, nahm er wahr, wie der Blick des Malerlehrlings auf einer eingerahmten Tafel an der Wand haftete, welche einen in Alabaster gearbeiteten Steinmetzenschild enthielt. „Es ist eine Arbeit von mir, und das ist mein Steinmetzenzeichen“, erklärte er dem Lehrling.

„Ja, wenn ich’s emal so weit brächt, wie Ihr“, sagte Hieronymus mit einem tiefen Atemzug; „und g’wiß versteht Ihr Euch auch auf Musik“ fuhr er fort, auf eine Klarinette deutend, welche nebenan auf dem Schafte lag.
„Früher, ja, da hab ich viel g’spielt; es ist der Mutter ihr Liebstes – aber jetzt“, sagte er, indem er besorgt gegen den Ofen hinblickte, „jetzt – seit den paar Wochen, hab ich alles liegenlassen.“ Das Auge des Lehrlings wendete sich wieder der Schlafenden zu; es war, als suchte er nach einem Worte, das er nicht finden konnte.

Mittlerweile hatte der Steinmetz seine Mappe aufgeschlagen, und Hieronymus vermochte nur zu staunen über die zierlichen Arbeiten, welche jener ihm vorlegte. Die Blätter, alle numeriert, waren teils mit der Feder, teils in Tusch ausgeführt, und stellten mancherlei Grundrisse dar, Fenster- und Türgewände, Filialen und Blattkreuze, allerlei Maßwerk und Schnörkel. Denn wenn damals gleich die gotische Baukunst von dem herrschenden Geschmack längst schon in die ästhetische Rumpelkammer geworfen worden war, so bestand unter den Steinmetzen doch noch der Verband der alten Bauhütten, und man heischte von jedem Gesellen und angehenden Meister Kenntnis der Regeln jener Kunst.

Nachdem fast alles durchgesehen und Severin eben einen kunstreichen Riß erläutern wollte, hörte er die Mutter sich regen und mit schwacher Stimme seinen Namen rufen. Behende, aber leisen Trittes war Severin zu der Kranken geeilt, zu fragen, ob sie was bedürfe. „Severin, spiel mir doch noch einmal etwas“, lispelte die Mutter, und der Sohn gehorchte, wenngleich sichtbar beklommen. Er langte das Instrument vom Schafte herab, band zuerst sorgsam das Blatt am Mundstück fest, und spielte einen jener gemütlichen Ländler, welche die Frau stets so gerne gehört hatte. Nachdem er geendet und wieder zu der stille gewordenen Mutter hintrat – war sie zusammengesunken – eine Leiche. – Mit den Tönen war auch ihr Geist fortgezogen aus seiner gebrechlichen Hülle – hinüber in ein besseres Land!

Hieronymus teilte aufrichtig den herben Schmerz des jammernden Sohnes; der ganze bedeutsame Moment aber verfehlte seine Wirkung auf beide nicht. Es war ihnen, als seien sie schon seit Jahren bekannt, und sie blieben von nun an unwandelbar anhängliche Freunde. Den Sonntagnachmittag brachte Hieronymus gerne beim Feldwaibel zu.

Wie bereits erwähnt, hatte der Vetter den ganzen Siebenjährigen Krieg mitgemacht, und auch Annakäther, seine treuanhängliche Ehehälfte, war ihm, nach damaligem Kriegsgebrauch, ins Feld gefolgt. – „Wollte ich meine Erlebnisse aus dem Krieg alle aufschreiben“, sagte der alte Soldat oft, „so würd‘ es ein ganzes Buch geben.“ In Friedenszeiten war es die Obliegenheit der meist verheirateten Mannschaft, Polizeidienste im Bezirk und auf den Jahrmärkten zu tun und insbesondere hier im Städtchen in der landesherrlichen Strafanstalt Wachdienste zu versehen. – Die Wachstube dort mit ihrem Tabaksqualm und den Erzählungen der langgedienten Kriegskameraden hielt unsern Lehrling manches Viertelstündchen fest. – Oft auch holte ihn sonntags nach der Vesper Freund Severin ab zu einem Spaziergang.

Sie schlenderten auf Feldwegen durch die weitläufigen Gemarkungen und machten Pläne für die Zukunft, während aus dem reifenden Kornfelde die Wachtel rief oder da und dort eine Kette Rebhühner an ihnen vorbeisauste.

Seit dem Tode des Mütterleins, welches den Sohn allein bisher im Heimatorte festgehalten, war bei Severin mehr und mehr der Entschluß gereift, zu wandern und sein Fortkommen in der Fremde zu suchen. Auch Hieronymus wollte dies tun, sobald nur die Lehrzeit glücklich beendet sein würde. – Dann stand auch ihm die Welt frei und offen! – Welche Aussichten boten sich ihnen da – glänzend wie die Wolkenberge dort im sonnigen Himmelsblau, farbig wie der Regenbogen nach erfrischendem Gewitter. – Mitunter suchten sie auch den Tambour Gsell auf im Wald, wo der Alte tagelang dem Vogelfang oblag, und wo dann Hieronymus, als Zögling Stoffels, Gelegenheit hatte, seine Kenntnisse vom Jagdwesen an den Mann zu bringen.

Als sie einst, von einem solchen Ausflug heimkehrend, über die Höhen von „Schosen“ wanderten, machten sie an einer Stelle einen Augenblick Halt, die eine Aussicht bot über die weiten Fruchtfelder der Baar und den westlich liegenden Schwarzwald. Die Sonne war hinunter, und durch das Laub der vereinzelten Kirschbäume in der Nähe säuselte schon der Abendwind, dem heißen Tage kühlenden Abschied zufächelnd.
„Dort, wo jetzt der Abendstern vorkommt“, nahm Hieronymus nach einer Weile das Wort, „in der Richtung, wo die hohen Tannen stehen, da muß der Laubhauserhof liegen.“
„Hast du noch nie kein Heimweh gehabt?“ fragte Freund Severin.
„Heimweh?“ wiederholte Hieronymus. „Wenn du“ – (denn sie duztensich bereits gegenseitig) – „wüßtest, wie ich mich in der letzten Zeit von daheim fortg’sehnt hab, würdest du mich nit fragen.“
„Es muß aber doch auch recht schön sein auf’m Wald. – So en Hofbauer muß en rechter Freiherr sein, der nach niemand viel zu fragen hat“, meinte Severin. – „Ist der Laubhauser reich?“
„Das will ich meinen“, versetzte Hieronymus. „Sein Wald allein ist größer als euer Wolfbühl dort. Und der vermöglichste Bauer von euern treibt nit halb soviel Vieh auf die Weid als wie der Laubhauser.“
„Hat er Kinder?“ fragte Severin.
„Einen Sohn und eine Tochter!“
„Ist die Tochter hübsch?“ fragte Severin weiter; – hübsch! – Hieronymus wußte nicht, was er erwidern sollte. – Schön und seelengut, wollte er sagen, allein das Wort erstarb ihm auf den Lippen – und er sagte bloß: „Ich wollt nur, du könntest sie mal sehen! – Der Alte ist ein stolzer Mann“, setzte er weiter ausholend bei, „viel besser ist die Bäuerin, ganz g‘ mein und verständig und die Güte selber. – Ganz so ist auch die Tochter – der Peter aber schlagt dem Vater nach!“

Dann erzählte er, einmal in dieses Fahrwasser gekommen, dem Freund umständlich von allen Verhältnissen daheim, von frühester Jugend bis zum Abschied von dort, wobei natürlich der Name Florentina mehr als einmal genannt und hervorgehoben werden mußte.
Severin ließ ihn ausreden. Es schien ihm ein Licht aufzudämmern; jedenfalls war er glücklicher im Erraten und Verstehen, als es der Stoffel am Neujahrstag gewesen. – Herzensangelegenheiten hatten übrigens dem guten Severin für seinen Teil bisher noch wenig zu schaffen gemacht. Er glaubte an dergleichen nicht denken zu dürfen, solang er für die alte Mutter zu sorgen hatte.

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Wie heutzutag die Turner-, Sänger- und andern Feste mit ihren Fahnenweihen und Banketten das Interesse des friedliebenden Stadtbürgers allerwärts in Anspruch nehmen, ebenso allgemein war dazumal die Teilnahme an den verschiedenen kirchlichen Festlichkeiten und Umzügen. Für unsern Wäldersohn hatten diese, wenn sie auch gewohnte Dinge betrafen, doch einen neuen, großartigen Zuschnitt. Hatte er in seinem heimatlichen Tale dem Fronleichnamstag stets mit größter Erhebung beigewohnt, so sah er dieses Fest jetzt in der Amtsstadt mit einer Prachtentfaltung und unter Umständen begehen, wovon er früher keine Ahnung gehabt hatte. Das Schließen der Stadttore während der Prozession, die in Blumenpfade verwandelten Gassen, das Allerheiligste, begleitet von den zwölf jüngsten Bürgern in Uniform und mit Hellebarden auf der Schulter, die Beamten, die vierundzwanzig Ratsverwandten in ihren schwarzen Mänteln, die Grenadierkompanie in Parade, die regelmäßigen Gewehr- und Böllersalven beim Segen, das alles konnte einen hohen Eindruck auf sein Gemüt nicht verfehlen. – Ein anderes, ihm ebenso neues Gepräge trug das Jakobifest zu Ehren des Kirchenpatrons, wobei die gesamte Jakobsbruderschaft sich von nah und fern in Pilgertracht mit Stab und Muschelhut zu versammeln pflegte, um, geleitet von sämtlichen Zünften, einen Umzug zu halten.

Bei all der andächtigen Stimmung, die unsern Lehrling an solchen Tagen zu erfassen pflegte, war er jedoch immer noch in einem Alter, wo man über dem Himmlischen das Irdische nicht ganz aus den Augen verlieren möchte. Und so können wir nicht verschweigen, daß ihn die am Herz- Jesu-Fest von Händlern aus dem nahen Klettgau hergebrachten Kirschenkörbe und am Jakobifest die Zainen voll duftender „Bestlebirnen“ fast ebensosehr interessierten wie die vorgenannten Umzüge.

Übrigens fehlte es auch damals nicht an weltlichen Festlichkeiten und Vergnügen. Hervorragend darunter war das städtische Scheibenschießen, welches alljährlich auf den Tag Peter und Paul seinen Anfang nahm und allsonntäglich bis zur in den Oktober fallenden Kirchweih fortgesetzt wurde.

Schien die Bestimmung des von der fürstlichen Regierung gegebenen Schützenbriefes: „die Untertanen und Hintersassen auf eine etwa hereinbrechende Kriegsgefahr oder andern sich ergebenden Notfall zur Landesdefension tauglich zu machen“, auch keinen praktischen Wert mehr zu haben, so wurde doch immer noch daran festgehalten, daß jeder Bürger oder Bürgerssohn, der das neunzehnte Jahr zurückgelegt, verpflichtet sein sollte, den regelmäßigen, sonntäglichen Schießübungen wenigstens sechs Tage des Jahres beizuwohnen.

Das Schützenhaus stand bis 1839 auf dem Anger beim Farrenstall und die Breg wird in jener Gegend noch immer Schützenbach genannt. 1848 wurde dann im „unteren Angel“ ein neues Schützenhaus errichtet. Nach der Schützenordnung des Fürsten Karl Friedrich vom 8. Juni 1744 wurde das „Ordinarii- Wochen- und Gesellenschießen“ mit „Bürstenbüchsen“ zur Pflicht gemacht. (1)

Das Schießen begann nach dieser Ordnung alljährlich am Sonntag nach Georgi (23. April). Wie schon im vorletzten Kapitel erwähnt, war der Großvater von Lucian Reich, der Zuchtverwalter Franz Joseph Schelble, der hier zum wiederholen Male gewonnen und das „Beste“ im Hauptschießen davon getragen hatte.

Der Schützenmeister Franz Xaver Reich (der Bruder von Lucian Reich) schrieb am 2. April 1859, dass der Fürst zu Fürstenberg der Gesellschaft das Abbruchmaterial des Kegelhauses im Schloßgarten zum Bau eines neuen Schützenhauses als Geschenk überlassen habe. (1)

Postkarte von 1890 aus der Sammlung Dieter Friedt. 

Diesmal sollte der Beginn der Übungen besonders festlich begangen werden mit einem Freischießen, bei welchem die fürstliche Freigebigkeit die ersten Preise spendete. – Die Gesellschaft, welche stets noch beim Zuchthausverwalter zusammenkam und bewährte Schützen unter ihren Gliedern zählte, hatte schon geraume Zeit vorher ihre Zurüstungen zum bevorstehenden Wettkampfe gemacht. Jeder betrachtete es gewissermaßen als eine Ehrensache, die ersten Preise nicht außerhalb der Mauern der Stadt in die Hände fremder Schützen gelangen zu lassen. – Sämtliche Standrohre von großem und kleinem Kaliber wurden neu visiert (der Verwalter selbst, zur Zeit erster Schützenmeister, war der Büchsenmacherei kundig), frisch geschmirgelt und im Zuchthausgarten, in Lett gelegt, frisch eingeschossen, bei welcher Arbeit auch Hieronymus, als solcher Dinge gewöhnt, mit Hand anlegen durfte.

Der Auszug geschah nach Bestimmung des Schützenbriefs. Nach beendetem Gottesdienste wirbelten die Trommeln, und sämtliche Schützen mit Ober- und Untergewehr eilten dem Rathaus zu, wo das Schützenbanner aufbewahrt war. Von da begaben sie sich in guter Ordnung und formierten Gliedern, unter Vortritt der beiden Schützenmeister, mit fliegender Fahne, Trommeln und Pfeifen auf die Schießstatt vor dem obern Tor. Nachdem die Fahne in der Stube des Schützenhauses aufgepflanzt worden, verkündeten Böllerschüsse den Anfang des Schießens, zu welchem von nah und fern geladene Teilnehmer sich eingefunden hatten.

Der Nachmittag bildete sodann erst den Glanzpunkt des Festes. Alles war vor die Tore geströmt, auf den Schauplatz der Unterhaltung. Oben im Schützenhaus wurde Wein und Bier verzapft; an den Fenstern, welche eine Aussicht auf die Scheiben boten, erblickte man sonntäglich geputzte Frauen und Töchter.

Auch Hieronymus hatte sich unter die Zuschauer gemischt, und als er die Augen einmal hinaufgleiten ließ zu den Fenstern, gewahrte er alsbald die Frau Oberamtsrätin mit Fräulein Helena und ihren jüngeren Geschwistern dort; und fast wär er ein wenig in Verlegenheit gekommen, der n es wollte ihn bedünken, daß ihm, als Lehrling, hier in dieser Gesellschaft von Herren, Damen und Bürgern, eigentlich kein Platz gebühre. Von solchen Gedanken angewandelt, begab er sich ins Erdgeschoß des Hauses, wo die Ladbänke angebracht waren, froh, daß es ihm vergönnt sei, hier dem alten Franz, dem Büchsenspanner seines Meisters, beim Laden an die Hand gehen zu dürfen.

Postkarte von 1943 aus der Sammlung Dieter Friedt. 

Das Schießen war im besten Zug, als es – um die Mitte des Nachmittags – plötzlich hieß: „der Fürst kommt!“ – Alles geriet in Bewegung, und auch Hieronymus rannte von der Ladbank hinweg vor das Haus. Alle Blicke wendeten sich dem Städtchen zu, wo über die Brücke, von der Residenz Donaueschingen kommend, eine vierspännige Kutsche heranrollte mit einem Vorreiter und begleitet von zwei rot uniformierten Leibhusaren. In dem stattlichen offenen Wagen saß der regierende Fürst, Joseph Maria Benedikt, mit einigen Kavalieren. – Zu gleicher Zeit sah man auch seine Gemahlin, welche im Schlosse gegenüber abgestiegen, an den Fenstern desselben erscheinen, um von dort aus das Schießen mit anzusehen.

Der Landesherr mischte sich heute selbst unter die Schützen und tat manch trefflichen Schuß. Die Gewehre waren Prachtexemplare und Meisterstücke der Büchsenmacherkunst; die stahlblauen, silbereingelegten Rohre, die geschnitzten, mit Perlmutter und Elfenbein reich verzierten Schäfte und die Schloßbleche, auf welchen Scharmützel und ganze Bataillen in künstlicher Gravierung zu sehen, erregten allgemeine Bewunderung.

Der regierende Fürst, Joseph Maria Benedikt zu Fürstenberg-Stühlingen (9. Januar 1758 – 24. Juni 1796) übernahm 1783 die Regierung. Seine Frau war Maria Antonia von Hohenzollern-Hechingen. Die Ehe blieb kinderlos.

Plötzlich entstand ungewöhnlicher Lärm und Aufregung, Böllerschüsse krachten darein, und den Zeiger an der „Stechscheibe“ in seiner Hanswurstjacke sah man seine Späße und Sprünge machen: es mußte ein außergewöhnlicher Schuß gefallen sein.
„Wer?“ schallte es durch ein Sprachrohr vom Schlosse her.
„Der Zuchtverwalter!“ wurde auf diese Weise vom Schießplatz aus zurück berichtet.
Es war die Gewohnheit der Fürstin, bei jedem guten Schusse, der auf der Scheibe gezeigt wurde, vermittelst des Sprachrohrs anfragen und sich den Namen des Schützen melden zu lassen.

Der Zuchtverwalter hatte diesmal einen Glücksschuß getan – und den „Zweck“ (Zentrum) geschossen. Gleich darauf zeigte sich Fortuna auch dem Meister unseres Hieronymus gewogen, und zwar auf der „Schnapperscheibe“, und der Lehrling freute sich, daß nun doch die besten „Gaben“ im Städtlein verbleiben würden. Diese, die Gaben, bestanden im Hauptschießen in feinem Zinngeschirr, damals eine Zier jeder bürgerlichen Haushaltung, nebst etlichen silbernen Löffeln. Als Preise im „Schnapper“ dagegen sah man Wachs- und Unschlittkerzen mit verschiedenen wertvollen Rittergaben ausgestellt.

Durch den Büchsenspanner Franz war unser Lehrling Hieronymus eingeladen worden, auch einmal einen Schuß zu probieren. Der junge Bursche aber glaubte die Einladung ablehnen zu müssen – obwohl er vielleicht seine Überlegenheit über manchen Schützen fühlen mochte, dessen Kugel statt ins Schwarze in den hinter den Scheiben ansteigenden Rain oder in die benachbarten Krautgärten flog. – Allerdings – durch einen glücklichen Schuß hätte er der Gesellschaft zeigen können, daß auch er – nicht links, der Waffen nicht so ganz ungewohnt sei. – Wie aber – wenn ihm das Schicksal einen Streich spielen und die Kugel ebenfalls dem Rain oder den Gärten zuwehen würde? – Welches Gelächter alsdann unter den Zuschauern, wenn der Pritschenmeister herbeikäme, den Neuling mit dem klappernden Szepter vorschriftsmäßig abzustrafen! Nicht um alles in der Welt hätte er den Mamsellen oben am Fenster – die Ratsfamilie weilte stets noch dort – den spaßhaften Anblick verschaffen mögen. Und überdies mochte er wohl fühlen, daß es sich für den Lehrjungen nicht schicke, hier es den Herren und Meistern gleichtun zu wollen.

Postkarte von 1929 aus der Sammlung Dieter Friedt. 

Doch werden wir unsern Freund bald bei einer andern Gelegenheit im glänzendsten Lichte seiner Geschicklichkeit erblicken. Und um dem Leser diesen Moment nicht allzulange vorzuenthalten, wollen wir den Ausgang des gegenwärtigen Freischießens, welches drei Tage in Anspruch nahm, nur kurz berichten.

Wie vorauszusehen, hatte der Verwalter mit seinem Zentrumsschuß das „Beste“ im Hauptschießen davongetragen: eine große zinnerne Suppenschüssel mit einem silbernen Schöpflöffel. Seinem Freund, dem Naglermeister, warf das Glück den zweiten Preis, zwei Dutzend schwere Zinnteller, in den Schoß, während Hieronymus das Vergnügen hatte, seinem Meister einen ansehnlichen Pack Wachskerzen, Schnappergabe Nr. 1, nach Hause tragen zu dürfen. – Wem die übrigen Preise und die Rittergaben zuteil geworden, ist aus den alten, mangelhaften Schützenrodeln nicht mehr mit Gewißheit zu entnehmen.

Die Gelegenheit für Hieronymus, von welcher wir gesprochen, ergab sich bei einem der kleineren Freischießen, welche im Laufe des Herbstes in den umliegenden Dörfern ausgeschrieben wurden.

Es war ein nebliger Oktobertag, als man wohlausgerüstet von der Amtsstadt auszog, hinauf nach Mistelbrunn. Hieronymus und ein paar andere Schildknappen waren in der Gesellschaft. – Auf der Schießstatt hinter dem Wirtshaus ging es schon lebhaft zu, als unsere Freunde dort ankamen. Nach der alten, zum Sprichwort gewordenen Erfahrung: „einem nüchterne Ma goht kein Schick a“, hatten sie zuerst eine Erfrischung zu sich genommen und dann wohlgemut ihr Feuer eröffnet – diesmal jedoch ohne den gewohnten Erfolg.

Der Verwalter, welcher soeben einige fatale „Schlenker“ auf der Probierscheibe getan, schüttelte, die „Muck“ (Korn) auf seiner Büchse betrachtend, ärgerlich den Kopf: „der Wind muß mich genommen haben, denn so wie die Fähnlein weisen, zieht er an. – Wir müssen ein wenig zugeben“, meinte er, indem er vorsichtig mit beiden Daumen das Korn etwas seitwärts rückte und sodann, die Büchse auf den Nagel legend, auch das „Guckerle“ zurechtschraubte.
„Weiß nicht“, entgegnete der Kaplan, „ich hab bis jetzt immer konträr in den Wind geschossen.“
„’s ist bigott wie verhext“, brummte der nebenan stehende Schmied vom Ort, verdrießlich seine alte Radschloßbüchse auf die Ladbank schiebend.
„Den ganzen Tag noch kein ordentlicher Schuß! – Bin nur froh, daß es euch au nit besser geht, ihr Herren aus der Stadt.“
„Ein schwacher Zweikreisler hat bis jetzt noch ’s Beste inn, obwohl schon über vierzig Doppel abg’schosse worde sind“, bestätigte der inzwischen hinzugetretene Wirt, der als „Bestgeber“ das Schießen ausgeschrieben.
„Nur Geduld, der letzt hat noch nicht g’schosse!“ warf der Meister Amtsdiener hin. „Ich denk, Schwager“, wendete er sich zum Verwalter, „wir machen vorderhand Waffenstillstand. Vielleicht legt sich der Wind unterdessen.“
„Ei was, Wind!“ versetzte der Naglermeister. „Das neblig Wetter ist schuld; wir müssen am Pulver zusetzen.“

Während sie so sich berieten und jeder eine der hundert, den Schützen bekanntlich so geläufigen Ausreden vorbrachte, war Hieronymus von der Schießstatt weg gegen den vom Wald herziehenden Fußweg gesprungen, und man sah, wie er lebhaft grüßend, einem alten Gesellen, der Büchse und Kugelsack trug, die Hand reichte.

„Aha, da kommt der Stoffel!“ rief der Schmied, nach jener Richtung deutend. „Wollen seh‘, wie es dem geht, der kann mehr als Brot essen.“ Es war wirklich der Stoffel, der ehemalige Kamerad des Hieronymus, der jenen schon von ferne bemerkt hatte und ihm entgegengeeilt war.
„Ist recht, daß du da bist“, sagte, auf dem Platz angekommen, der Alte, indem er seinen Tiroler von der Schulter nahm und dann aus dem ledernen Futteral losschnallte. „Eh mein Herr, der Oberförster, kommt, mußt du é paar Schuß tun, Hieronymus. Ich will dir gleich laden.“
„Gut!“ meinte der Amtsdiener, sein Meister. „Versuch mal dein Glück, vielleicht kannst du mehr als wir.«
„Ich will’s probiere!“ entgegnete Hieronymus, freudig auf den Vorschlag eingehend.
„Nimm dich aber in acht“, warnte der Stoffel seinen Freund und drückte nicht ohne Anstrengung mit dem Setzstock die Kugel in das Rohr.
„Du weißt, der Tiroler hat viel Schluß und stoßt e‘ bißle, schießt aber sonst teufelsmäßig.“

Nachdem die Büchse geladen, trägt sie der Alte auf den Stand und Hieronymus folgt. – Fast alle Zuschauer hatten sich um die beiden geschart. Der Stoffel legt das Rohr vorn auf den Nagel, gibt dem Schützen den Kolben in die Hand, röhrt auf, reibt den Feuerstein mit dem Daumen-nagel, hält vorsichtig den aufgezogenen Hahn solange fest, bis Hieronymus den Finger in den Bügel gelegt und sich fertiggemacht, tritt dann zurück und kommandiert: „laß brechen!“ Der Schütze hält den Atem an, zielt lange endlich kracht der Schuß – aber o Schrecken! – Die Büchse rumpelt vom Nagel herab, die Schattenbleche klappern – und der Schütze liegt der Länge nach auf der Nase – im Sand. – Der Stoffel springt vor und bemächtigt sich des Geschützes – und lacht hämisch – der Gefallene rafft sich auf, bestürzt, sprachlos – reibt sich die Knie und die Ellenbogen. – Die Umstehenden aber, als sie ihn unbeschädigt sehen – brechen in ein schallendes Gelächter aus.

„Hab ich dir nit g’sagt, daß er stoßt?“ grinst der Stoffel. – Doch jetzt wenden sich alle Blicke nach der Scheibe. Der Schwarz Weißgerber, der renommierte Zeiger, den der Wirt extra von Hüfingen verschrieben und engagiert hatte, war herausgetreten, hatte kaum auf das Ziel geblickt, als er wie betrunken ins Gras taumelte. – Jetzt wußte man, wieviel Uhr es geschlagen. Neben dem Zeigerschirm qualmte Rauch auf – es krachten Böllerschüsse – und „e Mäßle vom Beste*, schreit der Stoffel durch die hohle Hand dem Zeiger zu, der, aufspringend, seinen Hut in die Höhe wirft – und endlich, nach vielen Späßen, den Zeigstock in den Schuß hängt – ein allgemeiner Ausruf der Verwunderung – das Zentrum war rund hinausgeschossen. Jetzt ging es los: „das ist wieder e Stückle vom Stoffel“, murmelte der Schmied; „dem jungen Mensch hätt’s übel aufstoßen könne“, ein anderer; „er hat ihm eine Freikugel geladen“, ein dritter.

Aber der Schuhfränzle, Gemeindeschreiber im Dorf, vom Wirt als Schützenmeister aufgestellt, rannte herbei: – „Ihr Herren“, fing er an, indem er, mit der Hand Platz machend, im Kreise herumfuhr: „Ihr Männer – ich als Schützenmeister muß Einsprach‘ erheben – Ich nehm‘ euch alle zu Zeugen, ihr habt gesehe‘, was vorgangen ist. – Der Stoffel ist mir en rechter Mensch -, ich will nix über ihn sagen. – Aber ihr habt g’seh‘, wie’s dem jungen Mensch gangen ist. – In dem alten Schützenbrief, der heutzutage noch gilt (bei diesen Worten legte der Sprecher den Zeigefinger der Rechten in den ausgestreckten Daumen der Linken), da heißt es Paragraph achtundzwanzig ganz deutlich: daß diejenigen, so mit Zauberei, Teufelswerk oder unerlaubten Sachen schießen, den Schuß verlieren und nebstdem nach rechtlicher Erkenntnis von Obrigkeits wegen in Straf verfallen. – Ihr Männer! Der Schuß kann nit gelten, ich als Schützenmeister muß protestiere.

Mit ernsthaftem Gesichte hatten viele dem Redner zugehört, andere jedoch, unter ihnen unsere Freunde, lachten. „Guter Freund!“ nahm der Verwalter das Wort, „man merkt, daß Ihr nicht auf den Kopf gefallen seid – aber laßt doch jedem sein Pläsier -; wem es Vergnügen macht, bei jedem Schuß auf die Nase zu fallen, der mag’s in Gottes Namen tun, davon steht ja nichts im Brief.“
„Wer mir das Kunststückle nachmachen will, der soll’s probieren“, meinte Hieronymus, indem er mit der Hand seine rechte, etwas geschwollene Wange hielt. Die Lacher waren jetzt auf des Lehrjungen Seite, und der Wirt konnte nicht anders sagen, als „er hat Recht“

Um jedoch unsern Freund nicht in das Licht eines Schwarzkünstlers oder Hexenmeisters zu stellen, sei es gesagt, daß alles mit ganz natürlichen Dingen zugegangen. Die Büchse hatte noch den kurzen, deutschen Schaft, dieses und Stoffels Warnung, daß das Gewehr stark stoße, hatten verursacht, daß der Schütze beim Zielen sich stark nach vorwärts gelehnt, die Büchse beim Schuß über den Nagel vorgerutscht war und jener das Gleichgewicht verloren hatte. Der Zentrumsschuß war entweder Folge seines richtigen Zielens oder bloßer Zufall.

Werfen wir zum Schluß einen Blick auf unser Bildchen, welches den Heimzug unserer Freunde darstellt, so entnehmen wir daraus, daß der beste Schuß unserem Hieronymus geblieben sein mußte, denn der Schmalzkübel, den die Buben an einem Aste, ähnlich den Männern mit der großen Traube aus dem Gelobten Lande, tragen, deutet unzweifelhaft auf das gewonnene Beste. Und wenn das nebenan hängende Päckchen etwa gar voll jener hellbraunen Bohnen wäre, ohne welche es, wie manche behaupten wollen, heutzutage fast keine zufriedene Ehe mehr gäbe – wahrlich, so dürfen wir annehmen, daß die sieghaften Schützen von ihren Frauen und Töchtern daheim mit vergnügten Gesichtern willkommen geheißen wurden.

Die „hellbraunen Bohnen“ ohne die es heutzutage fast keine zufriedene Ehe mehr gäbe, sind vermutlich Kaffeebohnen.

“De freudig Stündli isch’s nit e Fündli?”
>Johann Peter Hebel

(1) Aus den Schriften der Baar 17 (1928), Georg Tumbült: Das Fürstenbergische Kontigent Schwäbischen Kreises.

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Abschied von der Heimat
Ankunft in der Stadt

Hieronymus Kapitel 12

“Siehsch des ordelig Städtli mit sine Fenstern und Gieble,”
>Johann Peter Hebel

Abschied von der Heimat – Ankunft in der Stadt

Zur Zeit unserer Erzählung hatte das fürstenbergische Amtsstädtchen an der Straße nach Schaffhausen und nach Freiburg noch so ziemlich sein mittelalterliches Ansehen. Die eng zusammengebauten Häuser und Gassen umgab eine Mauer mit etlichen Türmen und Schießscharten, vielfach geflickt und ausgebessert wie ein alter, abgetragener Rock. Die Vorrichtung zur Stauung des Stadtgrabens war jedoch längst schon beseitigt; im Graben selbst wuchs hohes Gras zwischen Schutthaufen und Hafenscherben, oder man fand ihn stellenweise aufgefüllt und zu wohlgelegenen Krautgärten hergerichtet.

Ebenso war die Mauer hin und wieder verbaut mit Wohnungen, Scheuern und Fruchtspeichern, und wo sie noch im Urzustand erschien, sah man manches grüne Stäudlein herabwinken, als bezeichnendes Symbol der langen Friedenszeit. – Die paar Türme, welche Mauer und Graben flankierten oder ehedem die alte, längst auch umgebaute „Burg“ in der „Hinterstadt“ beschützt hatten, dienten zu Wohnungen, die mit Verteidigungszwecken nichts mehr gemein hatten, als höchstens ihr äußeres Aussehen.

Waren die Zeiten demnach auch längst vorüber, wo es dem Bürger, laut Stadtbrief, bei Strafe verboten war, anders als bei den „rechten Toren“ aus- und einzugehen, den Harnisch oder die Armbrust zu verkaufen oder zu versetzen, so wurden nichtsdestoweniger die Tore noch jede Nacht geschlossen, und die Stadtmauer zu durchbrechen, um ein Fenster oder eine Türe einzusetzen, ward nur in Ausnahmsfällen gestattet.

Bei allerlei Handwerkstätigkeit, wie z. B. Wollenweberei und Gerberei, war die Einwohnerschaft, wie heute noch, vorzugsweise auf Landwirtschaft angewiesen. Der Ort zählte dazumal beiläufig achtzig „ganze“ und zwanzig „halbe“ Bauern, welche sich in den Besitz der weitläufigen Gemarkung mit zugehörigem Waidrecht ausschließlich teilten. Wollte ein Taglöhner oder Hintersaß ein oder ein paar Kühlein mit hinaustreiben lassen, so konnte es nur nach Maßgabe einer Anzahl gepachteter Grundstücke geschehen.

Von dem im Zunftverbande großgezogenen Kunstgewerbe – welches bekanntlich erst am Schlusse des vorigen Jahrhunderts in rasche Abnahme gekommen, und mit Aufhören der alten Reichsverfassung gänzlich in der „nüchternen Zeit“ aufging (in welcher man bekanntlich alles Bildliche und Farbige beseitigt, und selbst den Himmel noch weiß angestrichen hätte, wenn ihm beizukommen) -, grünten stets noch einzelne Zweige, die letzte, erfreuliche Blüten trieben. Auch in kleineren Städten gab es noch Meister, die nach selbstgefertigten Zeichnungen und Rissen zu arbeiten verstanden. Wie achtenswert sind nicht, um nur ein Beispiel aus der Nähe anzuführen, die Arbeiten in gebranntem Ton eines Hafnermeisters Hans Kraut, der zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts in Villingen gelebt. Welch hübsches, nicht selten mit Geschmack und phantasiereichem Schwunge gearbeitetes Gitterwerk (worin in unserer Gegend sich besonders Hofschlosser Kaltenbach in Donaueschingen ausgezeichnet) findet sich noch an öffentlichen Gebäuden, Wirtshausschildern oder Brunnen. Immer noch gab es Meister, die im Gravieren, in getriebener Arbeit in Kupfer oder in Silber, im Schnitzen und Fassen sich auszeichneten. Und gewiß nicht leicht fand sich ein bemittelter bürgerlicher Bauherr, der nicht auch an oder in seinem Hause auf irgendeine künstlerische Zier, soviel in seinen Kräften stand, bedacht gewesen wäre: eine Figur, Malerei, ein Emblem, in mannigfacher Beziehung zum Haus, Gewerbe, zur Familie oder Religion.

Die Schule dieser Kunstgewerbe waren zunächst die alten Reichsstädte, wohl auch die reichen Klöster mit ihren Sammlungen und Laienwerkstätten, so wie auch der (vielverschriene) Luxus der kleinen Höfe mehr oder weniger der Kunst und dem verwandten Handwerk Gelegenheit gab, sich zu bilden und hervorzutun. – Dazumal siedelten sich tüchtige Meister gerne auch in kleineren Städten an, während jetzt Arbeitskräfte, Talent und Kapital fast gänzlich von den großen Städten, wo man sich schnell um jeden Preis bereichern will, angezogen und aufgesogen werden. Ein solcher tüchtiger Meister war auch der Lehrherr unseres Hieronymus. Die Kunst des Fassens, Marmorierens und Gravierens war in der Familie durch mehrere Generationen hindurch vom Vater auf den Sohn vererbt worden. Bei all dieser Vielseitigkeit fand der Mann überdies noch Zeit, den Dienst eines Amtsdieners beim fürstlichen Oberamt zu versehen.

Der angehende Lehrling Hieronymus hatte nur wenig Gepäck zu tragen, als er eines Morgens, als kaum ein erster Schein des Frührots durch die alten Tannen schimmerte und der Mond wie eine Laterne, die man auszulöschen vergessen, noch am Himmel hing – das Elternhaus verließ. – Das Kistlein mit dem kurz vorher noch glücklich beschafften neuen Rock und dem Weißzeug sollte einem Kohlenfuhrmann übergeben und nachgeschickt werden.

Der Vater, Dionys und Romulus begleiteten ihn eine Strecke weit. – Wie ein Strahl der Morgensonne fiel es in sein vom Abschied ein wenig beengtes Herz, als er, im Vorbeigehen am Hofe, das Töchterlein so frühe schon am Kammerfenster stehen und ihm ihr Bhütigott zuwinken sah. – Sonst rührte sich noch niemand im Haus; nur der Sultan, des Hofes treuer Wächter, bellte, heftig an der langen Kette zerrend, dem fortziehenden Freunde ein Lebewohl nach. – Ein wenig später erschien dann auch der Oberknecht unter der Stalltür, dem Ausmarsch der vier noch eine Weile nachschauend.

Als Hieronymus am Abend vorher im Hofe Abschied genommen, hatte ihm der Bauer, nicht ohne eine gewisse Förmlichkeit, drei Brabanter in die Hand gedrückt, für den Kasten. Hieronymus wollte das viele Geld nicht nehmen: „Es soll ja ein Andenken – will sagen eine Erkenntlichkeit sein“, stotterte er etwas verwirrt, „für die vielen Wohltaten, die ich im Haus da genossen hab.“ Aber der Bauer sagte: „Nimm’s, wirst’s brauche könne! Wer nix nimmt, kommt zu nix.“ Und Hieronymus mußte das Geld nehmen.

Mutter und Tochter hatten ihn bis vor die Haustüre begleitet, wo ihn erstere noch zu fernerem Wohlverhalten ermahnte, mit der Versicherung, daß man später dann auch wieder etwas für ihn tun werde. – Florentina aber wollte noch nicht Abschied nehmen: sie komme noch einmal hinüber in die Mühle, sagte sie. Und richtig kam sie gleich nachher, einen Ballen Reistentuch in der Schürze tragend. „Das schickt die Mutter noch“, erklärte sie der überraschten Anastas, die eben im Begriffe war, das Kistlein zu packen. „Siehst – wie gut man’s mit dir meint!“ sagte die Mutter zum Sohn, mit der Schürze sich die Augen trocknend. –

„Schreib auch recht bald, Hieronymus“, bat Florentina, „und komm bald emal auf B’such.“
„Vor einem Jahr nit“, entgegnete er. „Ihr würdet sonst meinen, ich hab Heimweh!“

Als Florentina schied, gab ihr Anastasia noch’s Geleit hinüber in den Hof. Und daß Hieronymus nicht vergessen hatte, dem Töchterchen ein vielfaches Vergeltsgott an die Mutter mitzugeben, bedarf wohl keiner Versicherung. Er war allen so sehr zu Dank verpflichtet! – Und doch – hätt‘ ihn mehr als Geld und Getüch – ein anderes glücklich gemacht – ein Andenken von Florentina, und wär’s auch nur eine Kleinigkeit gewesen!

Der Schwarzebub
Danke an Hubert Mauz

Im Hinauswandern hatte der Vater Zeit genug, dem Sohn alle die guten Lehren und Ermahnungen von früher zu wiederholen und einzuprägen. – Im „Schwarzen Bue“ tranken sie noch eine Butelle Schweizer oder Markgräfler mitsammen. Dionys und Romulus versprachen, ihn nächstens einmal in der Stadt zu besuchen – dann ließen sie ihn allein weiterziehen.

s’ chunt alles jung und neu und alles schlicht im Alter zu, und alles nimmt en End, und nüt stoht still. Hörsch nit, wie ’s Wasser ruuscht, und siehsch am Himmel obe Stern an Stern? Me meint, vo alle rühr si kein, und doch ruckt alles witers, alles chunnt und goht.
>Johann Peter Hebel

Der Schwarzebub
Danke an Hubert Mauz

Der Tag ließ sich prachtvoll an. Die Sonne verfolgte ihre Bahn mit einem Feuer, welches unserm Wanderer schon an der Steig beim Zindelstein Schweißtropfen auf die Stirne lockte. – In den Wiesen und Kleeäckern um Wolterdingen sah man bereits einzelne Mähder; das Gras stand reif da in heißer Sommerluf. – Bei Bräunlingen angekommen, schlug er den Weg rechts ein, vorbei an der alten Gottesackerkirche, hinab durch den Wald.

Der Schwarzebub
Danke an Hubert Mauz

Am Ausgang des Gehölzes machte er dann einen Augenblick Halt. – Die Stadt, in welche er nun zu längerem Verbleiben eintreten sollte, lag in einiger Entfernung vor ihm. – An den fernen lichtblauen Bergen flimmerten die Luftwellen; glänzend weiße Wolken standen im reinen Ather über dem grünbedachten hohen Kirchturm. – Um ihn her, im Walde, herrschte Stille; man hörte nur hie und da das Fallen eines Tannzapfens, das Summen einer Hummel oder das Nagen eines Eichhörnchens im Gezweig. Die schlanken, jungen Fohrenstämmchen bewegten wiegend und verneigend ihre Äste in der kaum fühlbar säuselnden Luft. – Von der Donaueschinger Straße her tönte ein Posthorn, und über die Bregbrücke zog langsam ein schwerbeladener Gutwagen; das Schellengeklingel des Roßgeschirrs und das Geißelknallen der Fuhrleute klang weithin durch die Landschaft. – Der Wanderer wischte sich den Schweiß von der Stirne. – Dann, nach längerem Sinnen, zog er weiter, vorbei am felsigen Höllenstein, wo die Raben um das düstere Hochgericht flatterten, längs dem Münchhofe, gegen das Städtchen.

Blick über das Römerbad von W. Scheuchzer etwa 1825 (1)

Als Hieronymus in die Gasse einbog, worin die Wohnung des Feldwaibels lag – denn diesem wollte er zuerst einen Besuch machen -, brachte ihn eine unverhoffte Szene, die ihn beinahe erschreckte, zum Stillstehen. In einiger Entfernung nämlich rannten der Vetter und hinter demselben der Tambour, so gut ihn seine alten Füße noch zu tragen vermochten, an ihm vorüber; einige Kinder folgten. Der Feldwaibel in der Uniform, jedoch ohne Hut und Waffen, der Tambour mit einer Sense. „Sie kommen uns aus!“ schrie der Alte keuchend, da sind sie über die Mauer!“ hörte er den Feldwaibel sagen, und der Herr Kaplan, der oben zum Fenster seiner Behausung herausschaute, rief: „Da sind sie, in meinem Garten!“

Hieronymus vermutete sogleich, daß Sträflinge aus dem nahen Zuchthause, wo der Vetter Feldwaibel oft Wachdienst hatte, ausgebrochen seien und verfolgt würden. Die Nachsetzenden waren eiligst in den Kaplaneigarten gerannt, und Hieronymus zitterte bei dem Gedanken, daß hier ein Kampf oder eine Rauferei zwischen den Flüchtlingen und den Männern stattfinden könnte. Es hatten sich mehrere Leute um den Garten versammelt; der Tambour aber hatte die Türe geschlossen und niemand hineingelassen.

Hieronymus näherte sich auch und schaute ängstlich durch die Staketen. – Was sah er? – Offenbar nichts anderes, als daß ein junger Bienenschwarm „geschöpft“ werden sollte. – Der Kaplan kam herab in den Garten, öffnete das Gartenhäuschen, nahm einen leeren Bienenkorb heraus, eine Kapuze, Handschuhe und alles, was zu der Operation nötig, und überreichte den Apparat dem Feldwaibel. – Der Tambour indes dengelte und klopfte aus Leibeskräften auf seiner Sense, um die geflügelten Auswanderer, die sich in Form einer großen Traube an einen Johannisbeerstrauch angehängt, zum Bleiben zu verlocken. Der Feldwaibel, nachdem er die Rüstung angezogen, näherte sich vorsichtig, hielt den umgekehrten Korb unter den Strauch – schüttelte und – „Viktoria!“ schrie der Tambour, die Operation war gelungen.

Die Neugierigen vor dem Garten verliefen sich. Hieronymus jedoch erlaubte sich, in denselben einzutreten, wo er, nachdem er vor dem geistlichen Herrn seine Reverenz gemacht, von den Männern freudig begrüßt wurde. – Er erfuhr nun, daß der soeben einkasernierte Bienenschwarm seinem Vetter gehöre. Die Auswanderer hatten, statt in der Nähe sich niederzulassen, Reißaus genommen über Häuser und Gärten hinweg, und ein Glück war es zu nennen, daß ihr Flug nicht weiter gereicht als bis in den Garten des geistlichen Herrn, welcher sogleich, wie wir gesehen, mit bereitwilliger Hilfe entgegengekommen.

Nachdem für die völlige ordonnanzmäßige Einquartierung der summenden Kompanie Sorge getragen worden, ging der Herr Kaplan in das Haus und kam nach einiger Zeit wieder zurück mit Butter und Brot, zur Erquickung der in Schweiß geratenen Männer und zu willkommenem Labsal für unsern Reisenden, der seit dem Morgenimbiß im „Schwarzen Bue“ nichts mehr zu sich genommen.

Die Gesellschaft hatte Platz genommen auf der Bank am Hause, von wo aus man den unter ein Tuch gestellten Immenkorb noch ferner beobachten konnte. „Erst gestern“, nahm jetzt der Feldwaibel das Wort, „hat mich dein künftiger Meister, der Faßmaler, gefragt, ob du nicht bald eintreffen werdest.“
„Wenn’s auf mich allein ankommen wär'“, entgegnete Hieronymus, „so hätt ich schon gleich nach Neujahr den Bündel g’schnürt.“
„Du wirst den Meister jetzt im Augenblick nicht einmal zu Haus treffen“, erklärte ihm der Vetter. „Es ist heut ein starker Heutag, und er ist mit seiner ganzen Familie, soviel ich weiß, draus auf den Wiesen.“

„Also der Hieronymus will ein Maler und Vergolder werden?“, fragte freundlich der Herr Kaplan. „Recht so!“ setzte er bei, „es müssen alle Ständ erfüllt werden wie in einem Bienenkorb. Es können nicht alle Bauern, Schneider oder Schuhmacher werden, auch nicht alle studieren. – Und sonderbar ist’s, wie oft der Zufall oder, besser gesagt, die Vorsehung – denn ich sehe in nichts Zufall, nicht einmal in dem geringfügigen Umstand, daß die Bienen da in meinen Garten hereingeschwärmt haben – die Vorsehung, sage ich, den Menschen oft einer Lebensbahn zuführt. – So sollte ich zum Beispiel nach dem Willen meines Vaters, der ein armer Dorftaglöhner gewesen, Sattler werden. Von der Mutter aber hatte ich natürliche Anlage zur Musik geerbt.

Sie hatte eine hübsche Singstimme und sang mir mit ihren Liedern gleichsam schon an der Wiege Lieb‘ und Lust zur Musik ein; später, als ich mehr herangewachsen, brachte sie es trotz dem Widerspruch des Vaters, der alles für ‚Luxus‘ hielt, was nicht zur absoluten Leibesnotdurft gehört, dahin, daß ich als Chorsänger in unserm Heimatkirchlein mittun durfte. – Wie hätt ich damals ahnen können, daß dieses, mein wenig Singen, mir zu einem Lebensberuf verhelfen würde!«

„Um die Zeit der Hirschjagd kam der regierende Fürst zuweilen in unser Dorf ins dortige Fösterhaus; und einmal wohnte er gelegentlich auch unserm Gottesdienste bei. Mein Singen mußte ihm gefallen haben, denn nach beendetem Gottesdienst ließ er sogleich unsern Schulmeister rufen und erkundigte sich nach dem Knaben, der heut in der Kirche so hübsch gesungen habe, dann befahl er, diesen herzuholen. – Ihr könnt euch denken, wie es mir zumut war vor dem gnädigen Herrn, der mich über alles befragte und mir zuletzt die Zusicherung gab, daß er für mich sorgen werde. Ich durfte mit den Jägerburschen zu Mittag essen, und obwohl mir die Bissen trefflich schmeckten, so konnte ich doch kaum erwarten, bis ich heimspringen und der Mutter und auch dem erstaunten Vater das große Glück verkünden durfte. – Der gnädige Protektor hielt Wort, er verschaffte mir einen Freiplatz im Kloster Marchtal, wo ich neben der Musik auch zu studieren angefangen und es mit Gottes und meines Gönners Hilf bis zum geistlichen Stand gebracht habe. Und so kann ich wohl sagen: die Lieder der Mutter haben dem Sohn zu einer Existenz verholfen.«

„Ein Glück für uns“, versetzte hierauf der Feldwaibel, „daß Euer Hochwürden just auf die hiesige Kaplanei gekommen sind, denn eine bessere Kirchenmusik als die hiesige ist weit und breit keine zu finden, seit Sie die Leitung übernommen haben und den jungen Leuten unentgeltlich Unterricht erteilen.«

„Es ist richtig!“ bekräftigte der Tambour, sein kölnisches Pfeiflein aus der Rocktasche ziehend und mit frischem Knaster füllend. „Und auch das ist richtig, wie wunderbarlich der Mensch oft zu seinem Lebensglück kommen kann. Unser Herrgott hat halt unterschiedliche Kostgänger; und wenn es für den einen ein Glück ist, daß er, wie der Herr Kaplan da, schon in der Tugend was Rechtes g’lernt hat, so kann ich auch von einem erzählen, dem es zu gut kommen ist, daß er als Bub soviel wie ein angehender Taugenichts gervesen ist. – Mei Mütterle – den Vater hab ich nit mehr gekanner iss mengsmal zu mir g’sagt: ,Jörgle, du bist en fule Hund, du schaffst nit gern, mußt en Herr werde!* – Aber – du lieber Gott – zum Studieren, dazu hat’s nit g’langt; und hätt auch gar kei‘ Lust dazu gehabt. Zwar an gutem Musik-g’hör hat’s nit g’fehlt, so wenig wie bei Ihnen, Herr Kaplan; ein jedwedes Liedle hab ich nachsingen oder pfeife könne – und notabene, die konzigsten am besten. Die Mutter hat Verschiedentliches mit mir probiert: vier Wochen auf der Schneiderbutik, vierzehn Tag beim Balbiererkasper, und enmal beim’ne Gerber – en andermal als Stierbub – hat nix anschlage wolle. Wenn’s eben nit im Holz liegt, gibt’s kei‘ Pfeif. – Der liebste Aufenthalt aber war mir ’s Bärewirts Kegelplatz, und Geld hab ich mir alsfort verdient mit Kegel-aufsetzen und mit‘ m Vogelfang und Taubehandel – und bei Raufhändeln und Schlägereien bin ich b’ständig einer der vordersten gewesen, so daß mich der Stadtknecht endlich auf den Strich bekommen hat. – Und wer am’ne schöne Sonntagnachmittag unter der Vesper abgefaßt wird mit noch zwei andre, einem Schereschleifer und’s Fidelis Große, als Hasardspieler und Flucher – hinter’m Bierglas weg, bin ich gewese. – Den beiden andre hat der Schließer am nächste Morge sogleich ’s Frühstück z’recht mache müsse mit dem Haselmußstock – und wär auch mir passiert, wenn nit einer vom Stadtrat mein Göte g’wese wär. – Es sind dazumal österreichische Werber hier gelegen, vom Regiment Anspach – und allons marsch, hat’s g’heiße, alle drei in den Soldatenrock. – Gottsname, denk ich, ’s ist au so recht, ’s Mütterle aber, potz Kalbfell und Trummeschlägel, wie hat das lamentiert und g‘ meint, jetzt sei’s aus mit ihrem Jörgle – und ist doch mein größtes Glück gewese. Denn weil ich e‘ gut’s Musikg’hör g habt hab, so bin ich zur Musik kommen als Triangelspieler – und später bin ich zum Tambour avanciert. – ’s Mütterle daheim hat lang nix mehr von mir g hört, bis einer von den zwei, die mit mir im ‚Bären‘ abgefaßt worde sind, ’s Fideli’s Große, heimg’schrieben, oder vielmehr heimschreiben lasse hat – denn am Schulsack hat er nie schwer z trage g’habt -: er brauch Geld, er sei fußlos und lieg im Spital. ,Vom Jörgle‘, hat es am Ende des Briefes g’heiße, , weiß ich nur soviel, daß er den Dreiangel verloren hat und zu den Dampohren kommen ist.‘ – O jehli, wie hat mei‘ Mutterle g‘ jammert, wie ihm der alt Fideli das Schreibe vorbuchstabiert hat: de‘ Jörgle hät de Dreiangel verloren; jetzt wurd er g‘ wiß Spießrute g’jagt oder gar verschosse, hat es g‘ meint.“

Der redselige Invalide hätte sicherlich noch lang so fortgemacht, wenn ihn der Feldwaibel nicht unterbrochen, „der Abend kommt, wir wollen machen, daß sie in Ruh‘ kommen“, sagte er, auf den Bienenkorb deutend. – Und nachdem er dem geistlichen Herrn für alles bestens gedankt, trug er mit Hieronymus und dem Alten den Korb mit seinen Bewohnern vergnügt von dannen.

Postkarte von 1898 aus der Sammlung Dieter Friedt.

„Es wird jetzt wohl schon zu spät sein, daß du dich heut noch beim Meister meldest“, sagte der Feldwaibel zu seinem Vetter, nachdem sie das Geschäft zu Hause am Bienenstand vollends beendigt hatten. „Bis sie mit dem letzten Heuwagen heimkommen, wird’s jedenfalls Nacht. Also nimmst du bis morgen dein Quartier bei uns.“

Es war schon Dämmerung, als die Base Annakäther, die heute bei der Oberamtsrätin beschäftigt gewesen, nach Haus kam, wo doppelte Überraschung ihrer harrte, denn Vetter Hieronymus sprang sogleich grüßend auf sie zu, und der Tambour referierte schon von weitem über die glücklich vollzogene Vermehrung des kleinen Hausstandes.

Mit der Base waren noch zwei junge Mädchen gekommen, welche einen Korb mit Wäsche trugen, die sie mit Hilfe Annakäthers im seitwärts gelegenen Holzschopf zum Trocknen aufhängen wollten. Als Hieronymus das größere der Mädchen schärfer ins Auge faßte, glaubte er seine Freundin aus den Kinderjahren, Helene, zu erkennen, sie war groß und stark geworden, und ihre halb ihm zugewendeten Wangen färbte das Rot der vollsten Gesundheit.

Postkarte von 1899, Ansicht um 1682 aus der Sammlung Dieter Friedt.

Sollte er ihr entgegengehen, sie begrüßen? – War es schicklich, sie anzureden – oder unhöflich, es nicht zu tun? Er konnte nicht ganz mit sich einig werden. – Jetzt wendete sie das Gesicht einmal gegen ihn, wahrscheinlich, weil die Base soeben von ihm gesprochen – er sah sich in peinlichste Verlegenheit versetzt. – Zu lange hatte er schon gezaudert, dem Fräulein entgegenzugehen, und jetzt – war es offenbar zu spät. Ärgerlich, unzufrieden mit sich selbst, war es dem guten Burschen willkommen, daß ihn der Vetter ins Haus hineinrief, wo er ihm einen eben erst erhaltenen, artig verzierten Käfig für Turteltauben zeigen wollte. „Du wirst“, meinte der Feldwaibel, „den Verfertiger dieses Stücks wahrscheinlich schon in den ersten Tagen hier kennenlernen. Er heißt Severin und ist ein geschickter Steinmetz und Zeichner.“ – Indem sie hierüber noch weitersprachen, kam auch Base Annakäther herbei, und Hieronymus beeilte sich, seinen Reisesack aufzuschnüren und ein Päckchen herauszulangen, das er ihr mit einem Gruß von der Mutter überreichte. Die Base schlug das Papier auseinander, und ein schön gestickter, goldener Haubenboden glitzerte ihr entgegen.

„Die Mutter hat es selbst gestickt!“ erklärte Hieronymus, sichtlich erfreut über den Beifall, den die Base dem Geschenke zollte.
„Deine Mutter ist eine ausnehmend geschickte Stickerin“, sagte Annakäther,“ wär sie hier oder in Donaueschingen, so könnt sie viel Geld mit ihrer Kunst verdienen. – Es freut mich – aber ihr hättet euch nit soviel Unkosten machen sollen“, setzte sie bei, während sie die Arbeit in der Hand wog und aus dem Gewicht wohl schließen konnte, daß Gold und Silber echt sein müßten.
„Ist kaum der Rede wert“, entgegnete Hieronymus. „Die Eltern und ich sind euch ja so viel Dank schuldig, daß wir’s gar nit vergelten, sondern höchstens uns e‘ bißle erkenntlich zeige könne.“
„Nun kannst du in deinen alten Tagen noch recht Staat machen“, sagte lächelnd der Feldwaibel.
„Meinst du?“ versetzte seine Frau.
„Nein, für mich ist so was nit mehr“, seufzte sie, den Kleiderkasten öffnend und das Putzstück sorgfältig hineinlegend. „Aber für’s Bäbele in Wildenstein, für das soll es einmal ein Erbstück geben.“

Während sie noch über verschiedenes, namentlich über die Einrichtung des Lehrlings beim Meister sprachen, ging die Tür auf, und zwei schalkhafte Köpfchen schauten ins Zimmer – den dreien gute Nacht wünschend.

St. Remigius – Gottesackerkirche – „Mutterkirche der Baar“
Gezeichnet von Lucian Reich 1838

(1) Die Römer in der Baar von Dr. Paul Revellio in der Badische Heimat 8 (1921)

Wir freuen uns über mehr Erkenntnisse zu diesem Podcast in den Kommentaren!

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