Vor 81 Jahren ermordete die SS Willibald Strohmeyer

Es ist bezeichnend für die lokale Presse, dass Morde der SS bis heute ignoriert werden. Aber auch die lokalen Heimat- und Geschichtsvereine üben sich in Geschichtsklitterung. Vermutlich sollen Väter weichgespült bleiben, gab es hier doch so einige Waffenbrüder aus der SS Leibstandarte. Da ist es einfacher auf Juden zu zeigen, wie es die VHS-Baar tut.

SS-Untersturmführer Heinrich Perner (05.09.1909-17.09.1975) und SS-Unterscharführer Horst Wauer (03.08.1916 -08.09.1991) ermordeten zusammen mit dem französischen SS-Unterscharführer Jacques Roglin (09.08.1922-  12.11.1990) und den Legionären Maurice Leyrat und Raymond Delotter gegen Ende vom Krieg Willibald Strohmeyer. Für Mörder wie Heinrich Perner und Horst Wauer war Willibald Strohmeyer ein sichtbares Wahrzeichen des Anstandes und auch Gewissens.

Am Sonntag, den 22. April 1945 gegen 11.00 Uhr, entführten die SS-Männer Willibald Strohmeyer und fuhren ihn zum Heubronner Eck. Willibald Strohmeyer musste bergauf gehen, bis ihn Jacques Roglin nach etwa 25 Metern durch einen Genickschuss ermordete. Die Leiche wurde etwa 15 Meter weiter geschleift, ausgeraubt und verscharrt. Die Grube wurde dann notdürftig mit Erde, Rasen und Tannreisig bedeckt. Erst am 6. Mai wurde er von von einem Suchkommando des Rammersbacher Hofes entdeckt und auf dem Friedhof von St. Trudpert beigesetzt.

Willibald Strohmeyer ein Gelehrter aus Mundelfingen

27. Dezember 2024

Willibald Strohmeyer wurde am 6. Juli 1877 in Mundelfingen geboren.

Als Zweitgeborener des Landwirts Jakob Strohmeyer schloss sich für Willibald Strohmeyer die Übernahme des elterlichen Betriebes in Mundelfingen aus. Gefördert vom Dorfpfarrer Leopold Streicher, der die Begabung seines Schülers erkannte, konnte Strohmeyer nach der Volksschule die Lendersche Anstalt in Sasbach besuchen, am Gymnasium in Rastatt das Abitur ablegen und anschließend in Freiburg katholische Theologie studieren. Willibald Strohmeyer wurde 1902 zum Priester geweiht und war von 1909 bis zu seiner Ermordung Pfarrer in St. Trudpert im Münstertal .

Am 29. August begrüßt Willibald Strohmeyer (r.) den apostolischen
Nuntius Eugenio Paceli (l.) den späteren Papst Pius XII.,
der vom Freiburger Katholikentag aus dem Kloster St. Trudpert einen Besuch abstattet.

Foto von Unbekannt aus einem alten Zeitungsschnipsel

Im Münstertal entwickelte Strohmeyer ein weit über seine seelsorgerischen Aufgaben hinausreichendes Engagement. Nach über einem Jahrhundert Leerstand gelang es ihm, eines der geistlichen Zentren Süddeutschlands, das Kloster St. Trudpert, wiederzubeleben.

Lucian Reich 1855 in den Wanderblühten:

Gerne erinnern ältere Bergleute sich der Zeit, wo der Grubenbau noch von der Abtei Sankt Trudpert betrieben wurde. Manch heiteres Fest gewährte damals dem mühseligen arbeitenden Bergmann Erholung und Freude. Ein Hauptfest aber war am Tage Sankt Barbara als der Schutzpatronin der Bergleute, welch letztere sich aus den Gruben „Teufelsgrund“ und „Gotteseintracht“ bei Badenweiler alljährlich zur gemeinsamen Feier vereinigten. Früh morgens versammelten sich die ganze Gewerkschaft bei der Münstertaler Boche und Schmelze. Von da ging es im Zuge, voran die Bergwerksfahne, die Ober- und Untersteiger und eine Musikbande, zur Klosterkirche, allwo ein feierliches Hochamt abgehalten wurde. War dieses zu Ende, so begab man sich wieder auf den Sammelplatz, um die Regeln und Satzungen zu verlesen und ein förmliches Sittengericht über Zuwiderhandeln abzuhalten. Nebst diesem wurde strenge Ermahnung gegeben zur Haltung der Gebote Gottes und der Kirche.

Die zweite Hälfte des Tages sodann war der Fröhlichkeit gewidmet. Ein reichbesetztes Mahl im Klosterhofe erwartete die Teilnehmer, deren Zahl zuweilen über dreihundert stieg. Jedes Mal während dem Essen erschien auch der Prälat, der mit seinem Mohren und Heiducken im prächtigen, mit Mauleseln bespannten Gallawagen daher fuhr und seine Leute begrüßte. Später begann der Tanz, zu dem die Dirnen des Tales gerne sich einladen ließen, und wobei es gebräuchlich war, dass jede Schöne ihrem Liebhaber ein farbiges Sacktüchlein zum Geschenk machte. Zuweilen kam es auch vor, (wenn der eine oder andere Knappe ein Glas bösen Wein getrunken oder die Fratze Eifersucht ihn quälte), dass, wie bei Verbrüderungsfesten sich ziemt, ergötzliche Händel und Prügeleien ausbrachen, die nicht selten mit blutigen Köpfen endigten.

Die Kriegsjahre und endlich die Aufhebung des Klosters machten diesen Zuständen ein Ende. Seitdem, heißt es, wolle aber auch der Bergbau nicht mehr recht gedeihen; der Grubenbau ward immer lässiger betrieben und wurde zuletzt in den 20er Jahren, vom Staate an eine Privatgesellschaft verpachtet, die wenig mehr auf die Bräuche und Feste der Gewerkschaft hielt, und auch das stets so feierlich begangene St. Barbarafest eingehen ließ, nachdem die Schutzheilige bei der Knappschaft doch so viele Jahrhunderte lang in dankbaren Andenken gestanden hatte.

Willibald Strohmeyer 1902

Foto von Unbekannt aus einem alten Zeitungsschnipsel

Willibald Strohyeyer kannte als Mundelfinger sicher alle Bücher von Lucian Reich von klein auf und somit auch die Wanderblühten.

Der Heilige Tudpert

Um das Jahr 607 hat der Heilige Trudpert im Münstertal eine Einsiedelei gegründet und wurde von zwei Knechten mit einer Axt erschlagen. Nach der Legende entsprang an dem Ort, an dem St. Trudpert starb, die Trudpertsquelle. Sie wurde im 18. Ih. gefasst und in die Gruft unter der Kapelle geleitet.

Die Trudpertskapelle wurde anstelle eines älteren Rundbaues 1698 erbaut und 1731 konsekriert. Danach begann eine Blüte der Trudpertsverehrung mit achttägigen Feierlichkeiten Hauptfestzeit und Wallfahrtsprozessionen aus der weiteren Umgebung. Heute wird der Sonntag nach dem 26. April von der Gemeinde als Trudpertsfest begangen. In feierlicher Prozession wird an diesem Tag der barocke Reliquienschrein von 1714 um Kapelle, Kloster und Pfarrkirche getragen.

Die Brunnenkapelle, Gruft genannt, wird von einem Barockgitter abgeschlossen. Der symbolische Sarkophag des Heiligen wird von Skulpturen Ehrentrud und Rupert, nach der Legende Geschwister des Heiligen Trudpert, flankiert.

Ehrentrud

Trudpert

Rupert


Lucian Reich 1855 in den Wanderblühten

Weiter in dem Tale führt der allmählich aufsteigende Weg an den Gebäuden der ehemaligen Abtei St. Trudpert vorüber. Die Geschichte nennt diesen Ort eine der ersten Stätten unseres Vaterlandes, wo das junge Christentum Wurzeln geschlagen. Der Irländer Trudpert, der hier das Evangelium predigte, soll die einsame Talgegend von einem Ritter Otbert zum Geschenk erhalten haben. Der Bau selbst, wie er heute zu Tage mit seinem inneren kirchlichen Prunk von unseren Blicken steht, gehört einer späteren, geschmacklosen Zeit an. Ein älterer Überrest scheint allein der steinerne Brunnen zu sein in einer halb unterirdischen Seitenkapelle, welches Monument die Form eines Sarges hat, auf dessen Deckel die liegende Gestalt des Ortsheiligen ausgehauen ist.

Pfarrkirche St. Trudpert

Um 800 entstand das erste Benediktinerkloster rechts des Oberrheins, das 1632 durch die Schweden vollkommen zerstört wurde. Nach dem Wiederaufbau durch den Vorarlberger Baumeister Peter Thumb, wurde die jetzige Pfarrkirche St. Trudpert 1727 geweiht. Im Zuge der Säkularisation im Jahr 1806 wurde die wohlhabende Benediktinerabtei aufgelöst und ging als Schloss Trudpert in Privatbesitz über. So kannte es 1855 Lucian Reich.

Als nach dem Ersten Weltkrieg das Elsass an Frankreich fiel und die deutschen Schwestern vom Heiligen Josef das Kloster Saint Marc in Geberschweier verlassen mussten, fanden sie mit tatkräftiger Unterstützung von Pfarrer Strohmeyer eine neue Heimat in St. Trudpert. Von 1924 bis 1931 fungierte er als Superior des nunmehrigen Nonnenklosters. Seit 1939 hatte Strohmeyer zusätzlich das Amt des Dekans im Dekanat Neuenburg inne.

Willibald Strohmeyer betätigte sich darüber hinaus als Bauherr im Münstertal. Bereits 1913 hatte er die Antoniuskapelle im Ortsteil Rotenbuck errichten lassen, 1928 folgte das neue Pfarrhaus und 1934 die Spielwegkapelle am sogenannten Wiedener Eck. Daneben kümmerte er sich um Instandsetzungen und Renovierungen der bestehenden Kirchengebäude, etwa der St. Trudpertskapelle, die am Ort des Martyriums des Heiligen erbaut worden war.

Seine Chronologischen Notizen in 2 Bänden, angefangen im April 1909, letzter Eintrag am Samstag, 21. April 1945, sind ein überwältigendes Zeugnis von seiner rastlosen Tätigkeit auf dem Felde der ordentlichen Seelsorge. Seine Musestunden nützte er vor allem für die Erforschung und Darstellung der Heimat- und Lokalgeschichte. Daneben beschäftigte er sich mit der Geschichte des Dekanates Neuenburg und schrieb aus der Kenntnis der Heimatgeschichte und den noch lebendigen Überlieferungen des Münstertales 19 heimatgeschichtliche Erzählungen, die heute zwar alle vergriffen sind, aber die vorhandenen Exemplare werden immer noch gern gelesen und zur Freude vieler Zeitgenossen vor dem Untergang behütet.


Dekan-Strohmeyer-Krippe in der St. Trudpertkapelle

Foto von Unbekannt aus einem alten Zeitungsschnipsel

Eine Wiederbesiedelung des Klosters durch die Benediktiner, die er anstrebte, misslang ihm. Dafür ist ihm zu verdanken, dass am Ende des ersten Weltkrieges die im Elsaß schwer bedrohten Schwestern des heiligen Josef von St. Marc eine Neugründung des Klosters durchführen konnten. Pfarrer Strohmeyer war 1924-1931 Superior dieser Neugründung, in der heute noch 138 Schwestern im Münstertal tätig sind.

Dunkle Zeiten

Die schweren Jahre der beiden Weltkriege hat Pfarrer Strohmeyer mit großer Anteilnahme an den Verlusten an Menschen, Glück und Frieden durchlitten. Mit Liebe und Trauer hat er in seinen Chronologischen Notizen alles verzeichnet, was er an Schrecken und Folgen der Kriege zu spüren bekam.

Nachdem die Throne gefallen, wird der Kampf gegen die Altäre beginnen. Doch hier wird es nicht so leicht hergehen. Nun sind wir ganze Republikaner, Deutsche und Badische. Das Herz möchte sich einem im Leibe herumdrehen.*

Der politische Systemwechsel 1918/19 dürfte ihm erleichtert worden sein, dass dieser vom badischen Zentrum mitgetragen wurde. Den beiden Reichskanzlern aus dessen Reihen, vor allem dem in Wellendingen geborenen Constantin Fehrenbach, im Übrigen einem ehemaligen Theologiestudenten, dürfte er wie auch dessen Nachfolger Joseph Wirth mit Sympathie begegnet sein.

Der 30. Januar 1933, der Tag der Machtergreifung Hitlers, bedeutete auch für Willibald Strohmeyer eine tiefe Zäsur:

Adolf Hitler Reichskanzler; der Reichstag aufgelöst. Was wird jetzt kommen? Hat Gott das deutsche Volk vergessen und verlassen? Oder kommt doch etwas Besseres?*

Am 23. März 1933 notierte er:

Heute ging im Reichstag das Ermächtigungsgesetz durch, eine furchtbare Waffe in der Hand Hitlers. Wehe, wenn es mißbraucht würde. Hoffen wir es nicht.*

Am 12. April 1933 hält er fest:

Nicht mehr Alle haben gleiches Recht unter der Sonne. Alle Stellen, die etwas bedeuten, werden jetzt mit S.A.-Männern der NSDAP besetzt; die Kommunisten sind von allem ausgeschlossen, ihre Partei überhaupt verboten. Die Sozialdemokratie kann als Partei bis jetzt noch existieren, aber eigentliche Staatsstellen dürfen sie nicht mehr einnehmen. Das Zentrum ist geduldet, aber überall, wo es geht, müssen einflussreiche Zentrumsmänner den S.A.-Leuten weichen (…). Dieser Tage mußte der Oberbürgermeister Bender von Freiburg (Zentrum) weichen; wie viele Oberbürgermeister sind beurlaubt oder in Schutzhaft! genommen. Auch der Münstertäler sitzt noch. Ungerechtigkeit und Unwahrhaftigkeit sind die Ecksteine, auf dem (sic!) das 3. Reich aufgebaut ist. Wird und kann es von Bestand sein? Doch wehe, wenn ein 4. Reich käme! Gewiß, es ist unter Hitler jetzt schon manches geschafft worden, schon manche Gesetze sind herausgekommen, die vielleicht von Segen sind. Doch wir bangen, wir bangen für die Zukunft. Es ist schwer, noch Optimist zu bleiben. Auch Ministerialrat Hirsch-Karlsruhe ist entlassen; er hat uns den Kredit von 5500 Mark für die neue Treppe zur Orgel vermittelt. Sein Vater war Jude, deshalb muß er gehen.*

Man merkt an diesen Einträgen, wie vorsichtig Willibald Strohmeyer formulierte. Aber trotz aller Vorsicht wird deutlich, dass er von Anfang an ein Gegner des NS-Regimes war. Als Mann des Wortes wusste er, dass eine Definition wie Ungerechtigkeit und Unwahrhaftigkeit seien die Ecksteine des Dritten Reiches ihn leicht Freiheit und Leben hätten kosten können. In einem Stimmungsbild vom 30. Oktober 1943 heißt es:

Es wagt fast niemand mehr an den Sieg zu glauben; aber dies zu äußern ist außerordentlich gefährlich. Wehe, wenn einer zu sagen wagte: Wir verlieren den Krieg. Überall ist man von Spitzeln umgeben. Man hat sich indessen an das Schweigen gewöhnt. Besonders vorsichtig müssen die Geistlichen sein. Wann werden wieder andere Zeiten kommen? Man hat den Mut nicht mehr zu hoffen.*

Die Ermordung Willibad Strohmeyers

Es ist sicher, dass Pfarrer Strohmeyer mit seiner friedlichen Art keinen Ortsgruppenleiter, keinen Gauleiter, keinen Göbbels und keinen Hitler gereizt hat; die Bestie Nationalsozialismus hat aber auch die Ruhigen und Friedfertigen angefallen.

Am 5. Oktober 1941 wurde der französische Kriegsgefangene René Groheux von einem Förster erschossen. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung, darunter auch anderer französischer Kriegsgefangener, vollzog Pfarrer Strohmeyer die Beisetzung des erschossenen Franzosen.

Die Vorgeschichte der Ermordung Pfarrer Strohmeyers aber setzte erst im Herbst 1944 ein. Zu diesem Zeitpunkt wurden Sonderverbände der Waffen-SS ins Leben gerufen, die sogenannten SS-Jagdverbände, die unter dem Kommando von Otto Skorzeny standen.

Ende Februar 1945 fiel der SS-Zug von Heinrich Perner in das Münstertal ein und quartierte sich im Ortsteil Münsterhalden ein. Die Tatsache, dass der 1909 in Bodenbach an der Elbe geborene Maschinenbauingenieur Heinrich Perner in den Jahren 1930 bis 1935 in der Fremdenlegion gedient hatte und sehr gut Französisch sprach, dürfte ihn für seinen Posten qualifiziert haben. Am 23. März 1945 stieß der 1916 in Berlin geborene Unterscharführer Horst Wauer zur Einheit Perners hinzu. Es herrschte in diesen Wochen und Monaten ein Klima der Angst und der Denunziation im Münstertal, hervorgerufen durch das brutale Auftreten des Heinrich Perner und seiner Männer. Bezeichnend für die mörderische Gesinnung innerhalb dieser SS-Einheit war ein Doppelmord am 15. April 1945. An diesem Tag erschoss der erst zwanzigjährige Erich Spannagel auf dem Heuboden eines Hofes in Münsterhalden kaltblütig zwei desertierte, unbewaffnete deutsche Soldaten.

Willibald Strohmeyer hielt in seinem Tagebuch am 17.04.1945 fest:

Gestern Nachmittag wurden 2 Soldaten sang- und klanglos auch ohne kirchlichen Segen auf dem Friedhof (unten am Heldengrab) begraben. Sie hießen Gerhard Leisinger und Otto König. Es handelt sich um Fahnenflüchtige, die sich im Schwarzwald herumtrieben und am Sonntag in der Münsterhalden aufgegriffen wurden. Sie wurden sofort standrechtlich erschossen. Die armen Menschen. *

Mördern wie Heinrich Perner und Horst Wauer war St. Trudpert ein sichtbares Wahrzeichen des Anstandes und auch Gewissens.

Am 22. April 1945, einem Sonntag gegen 11.00 Uhr, drei Tage bevor französische Truppen in das Münstertal einrückten, ließ sich Heinrich Perner in Begleitung eines anderen SS-Mannes, dessen Identität nicht geklärt ist, von seinem französischen Chauffeur Albert Boussichas zum Pfarrhaus von St. Trudpert fahren. Dort forderte Heinrich Perner den Pfarrer Willibald Strohmeyer in scharfem Ton und ohne Angabe von Gründen auf, sich innerhalb von zwei Minuten anzuziehen und mitzukommen. Zu viert fuhren sie im Auto in den Ortsteil Münsterhalden, wo Heinrich Perner und der andere SS-Mann ausstiegen. Ihre Plätze nahmen Horst Wauer und der französische Unterscharführer Jacques Roglin ein, denen Perner den Befehl erteilte, den Pfarrer zu erschießen. Gemeinsam fuhren sie zur Ausflugsgaststätte Haldenhof in Heubronn, wo Soldaten eines anderen Zuges des SS-Jagdkommandos einquartiert waren. Dort stiegen zwei weitere französische Legionäre, Maurice Leyrat und Raymond Delotter, zu. Sie nahmen Hacke und Spaten mit und stellten sich, da im Auto kein Platz mehr war, auf das Schutzblech. Die Fahrt dauerte nur noch wenige hundert Meter einen Waldweg hinauf zum Heubronner Eck. Willibald Strohmeyer musste aussteigen und in Begleitung von vier der fünf SS-Männer (der Chauffeur blieb im Wagen) bergauf gehen, bis ihn Jacques Roglin nach etwa 25 Metern durch einen Genickschuss ermordete. Die Leiche wurde etwa 15 Meter weiter geschleift, ausgeraubt und verscharrt. Die Grube wurde dann notdürftig mit Erde, Rasen und Tannreisig bedeckt. Erst am 6. Mai wurde er von von einem Suchkommando des Rammersbacher Hofes entdeckt und auf dem Friedhof von St. Trudpert beigesetzt.


Das Grab von Willibald Strohmeyer auf dem Friedhof in St. Trudpert


SS-Terror und Priestermord in Münstertal
Pfarrer Willibald Strohmeyer
zur Erinnerung

Die blutige Spur des Il. Weltkrieges mit seinen 55 Millionen Toten, darunter 5.431.000 deutschen Soldaten und 3.333.000 deutschen Zivilisten, führt hinein bis ins abgelegene Münstertal mit seinen 265 gefallenen Soldaten.

Um selbst so lange wie möglich überleben zu können, führten die braunen Machthaber noch bis zuletzt einen rücksichtslosen Krieg gegen das eigene Volk. Dazu ist auch Münstertal etwa ab Mitte Februar 1945 von einem SS-Jagdkommando in der Stärke von zwei Zügen besetzt worden. Führer dieser hauptsächlich aus französischen Fremdenlegionären und Milizangehörigen fremder Länder wie Spanien, Arabien, China u. a. zusammengewürfelten Truppe war der SS-Untersturmführer (Leutnant) Heinrich Perner. Er war am 5.09.09 geboren, deutsch, mittel-punktsbedürftig und wie sein von ihm geliebter Führer Adolf Hitler, der nach dem Krieg im Umkreis von 10 km keinen lebenden Pfaffen mehr sehen wollte. Er war Katholik und fanatischer Kirchenhasser. Der Totenkopfoffizier regierte im Münstertal mit Gesinnungsterror, Drohung mit Erschießen, Auslieferung an die Gestapo und der Ankündigung, er werde den Pfarrer von St. Trudpert noch öffentlich aufhängen lassen, und zwei Scharfschützen im Hinterhalt postieren, um eine Leichenabnahme zu verhindern. … Die Pfaffen sind an allem Schuld! Das halbe Münstertal gehört aufgehängt! – Diese schwarze Bande! Soweit die Hassausbrüche des damaligen SS-Kommandanten in Münstertal.

Französische Truppen standen bereits in Freiburg und in Müllheim als H. Perner am 22.04.1945, kurz nach 10 Uhr, in Begleitung von zwei SS-Soldaten im PKW vor dem Pfarrhaus in Münstertal eintraf. Wahrend der Fahrer, Bussichas, im Wagen zurückblieb, ging er mit seinen Kumpanen ins Haus und erkundigte sich nach dem Pfarrer Willibald Strohmeyer. Ohne anzuklopfen betrat er das Arbeitszimmer des Geistlichen und flegelte ihn an: Sie sind doch der Strohmeyer? Kommen Sie mal mit!

Der 68 Jahre alte Priester war seit 36 Jahren in Münstertal tätig und dort sehr beliebt. Er war auch dafür bekannt, dass er Religion und Politik stets zu trennen verstand. Er erhob sich betroffen und folgte. Als seine hinzugekommene Schwester fragte, was denn überhaupt los sei, wurde sie von Perner angebrüllt: Darüber bin ich ihnen keine Rechenschaft schuldig! In gleich rüden Ton verfuhr er mit den beiden Vikaren im Hause. Perners Begleiter (Name unbekannt) fingerte bei dem Auftritt theatralisch am Revolver und gab dem Geistlichen zwei Minuten Zeit zum Umziehen. Danach fuhren die Schergen mit dem Priester nach Münsterhalden zum Gasthaus Böhler, in dem sich damals das SS-Hauptquartier befand. Perner verließ dort das Fahrzeug und befahl dem unter der Tür stehenden H. Wauer und dem Fremdenlegionär Roglin (It. Gerichtsakten „ein wilder, gefährlicher Baske“): Fahren Sie den Pfarrer hinauf zum Haldenhof und erschießen Sie ihn!

Wauer und Roglin stiegen in den PKW. Perner blieb zurück. Auf der Fahrt zum Tatort wurden an einer der auf der Strecke liegenden Werwolfstellungen Hacke und Schaufel besorgt; zwei weitere Legionäre, Delotter und Leyrat, stiegen zu. Danach ging die Fahrt weiter, einige 100 Meter den Waldrand hinauf. An einem nach links aufwärts führenden Seitenweg wurde angehalten. Der Priester musste aussteigen und dann zusammen mit seinen Henkern den Waldweg hinaufgehen. Oben angekommen wurde er mit zwei Genickschüssen ermordet. Der Tote wurde noch ausgeraubt, bevor man ihn verscharrte.

Der Legionär Leyrat nahm die goldene Uhr des Geistlichen an sich; Horst Wauer bündelte die anderen Habseligkeiten in ein Taschentuch zur Ablieferung an seinen Chef Heinrich Perner. Auf dem Weg zu ihm, rief er einem anderen Angehörigen seiner Einheit großtuerisch zu: Weißt Du schon, dass wir den Schwarzen von St. Trudpert umgelegt haben? Dann prahlte er weiter im Henkerjargon. Die mit Tannenreisern, Wasen und Erde zugedeckte Leiche ist am 06. 05. 1945 von einem Suchtrupp aufgefunden worden. Über Einzelheiten des Tathergangs liegt, auch nach damaligen Presseberichten, ein undurchsichtiger Schleier.

Wie barbarisch die Soldateska mit ihrem Opfer umgegangen ist, lässt der Bericht über die noch am Auffindungstag vorgenommene Leichenschau erkennen:

  1. Eine horizontal verlaufende Strangulationsnarbe am Hals zwischen Kehlkopf und Kinn
  2. Eine Schussöffnung im Nacken; Durchmesser: etwa 5 mm.
  3. Eine weitere Schussöffnung im Genick, wahrscheinlich Kal. 7.65.
  4. Eine starke Schwellung u. Blutunterlaufung am und in der Umgebung des rechten Ohres.
  5. Auch die Kleider des Toten wiesen auf gewalttätige Eingriffe hin. Am schwarzen Überrock waren die Schöße herausgerissen.

Am 23.04.1945 schoss er mit seinem Hauptfeldwebel, dem SS-Unterscharfuhrer (Unteroffizier) Horst Wauer, (geb. 03.08.1916) beide aus Münsterhalden kommend, die rechts der Straße auf einem Felsen angebrachte Marienstatue, samt dem dortigen Kruzifix, mit der Pistole kurzerhand in Stücke. Ein 20 Jahre alter Angehöriger des Menschen-Jagdkommandos Heinrich Perner, der SS – Unterscharführer Erich Spannagel, von seinen Kameraden Bubi genannt, schoss am 25.04.1945 -12 Tage vor der Kapitulation- zwei in ihrem Versteck auf dem Heuboden aufgestöberte, waffenlose, deutsche Soldaten auf der Stelle nieder und gab den beiden regungslos am Boden liegenden zusätzlich den exerziermäßigen Fangschuss.

Am 8. Mai 1945 endete das Tausendjährige Reich. Bereits am 25.04.1945 hat sich der Führer des SS-Menschenjagdkommandos vor den anrückenden französischen Truppen unter dem Futtergang eines Hauses in Münstertal versteckt. Zwei Tage später machte er sich auf den Weg nach Sulzburg, um im dortigen Gefangenenlager unterzutauchen.

Heinrich Perner und die beiden SS-Unterscharführer Horst Wauer und Erich Spannagel hatten sich nach ihrer Verhaftung wegen Mordes und Totschlags im Juni 1948 vor dem Schwurgericht des Landgerichtes Freiburg zu verantworten. Eine Kopie des Schwurgerichtsurteils ist bei der Kurverwaltung, 79244 Münstertal erhältlich. Der Unkostenbeitrag wird für die am Tatort errichtete Gedächtniskapelle samt Umgebung verwendet.

Zum Bau der Gedächtniskapelle wurde mit Genehmigung der französischen Militärregierung am 22.10. 1946 der Grundstein gelegt. Am Sonntag, den 31. 8. 1947 wurde die Kapelle durch Erzbischof Dr. Conrad Gröber, Freiburg, unter der Beteiligung von über 3000 Gläubigen feierlich eingeweiht. Das Grab von Pfarrer Willibald Strohmeyer befindet sich auf dem Friedhof der Gemeinde Münstertal links vom Haupteingang. Dekan Willibald Strohmeyer wird in seiner Pfarrgemeinde St.Trudpert Münstertal wie ein Heiliger verehrt.


Willibald Strohmeyer
Gedächniskapelle

An der Fundstelle beim Heubronner Eck wurde die Strohmeyer-Kapelle errichtet. Am 22.10.1946 wurde der Grundstein gelegt.

Heubronner Eck

Gedächniskapelle

Am Sonntag, den 31.08.1947 wurde die Kapelle durch Erzbischof Dr. Conrad Gröber, Freiburg, unter der Beteiligung von über 3000 Gläubigen feierlich eingeweiht.

Die Baugeschichte
der Willibald-Strohmeyer-Gedächtniskapelle auf dem Heubronner Eck

Am 22. April 1945 wurde hier der Priester Willibald Strohmeyer auf grausame Weise ermordet und verscharrt. Sein Leichnam wurde am 6. Mai 1945 hier aufgefunden. Am 9. Mai 1945 würdigte der Erzbischof von Freiburg, Dr. Conrad Gröber, in einem Hirtenschreiben den Glauben und das Wirken des Ermordeten und bezeichnete ihn als einen Märtyrer. Der Pfarrverweser Alfons Sieber in Münstertal, hatte den Wunsch, am Ort des Martyriums eine Kapelle bauen zu lassen. Am 24. Dezember 1945 bat er die französische Militärregierung um Erlaubnis. Das Vorhaben wurde am 4. Januar 1946 genehmigt, jedoch die Zustimmung des Landrats von Müllheim gewünscht.

Am 10. Januar 1946 wurde der Antrag vom Landrat warm befürwortet. Pfarrverweser Sieber legte seinen Plan dem Erzbischof von Freiburg vor, der sich sehr darüber freute. Sieber schrieb ein Bittgesuch um Zuteilung von Baumaterialien an die Kirchenbehörde. Das Bittgesuch wurde abgelehnt mit der Begründung, der Materialaufwand sei zu hoch, man könne sich aber die Anbringung einer Gedächtnisplatte an der Martyriumsstätte vorstellen. Pfarrverweser Sieber wandte sich, begleitet von Direktor F. Klinger aus Freiburg, an die Militärregierung. Die Militärregierung hatte ein Verbot für Neubauten erlassen. Es erging am 7. März 1946 der Bescheid, gegen den Bau der Kapelle sei nichts einzuwenden, aber es werde kein Baumaterial zur Verfügung gestellt. Im März 1946 bat Alfons Sieber die Badische Forstverwaltung in Freiburg um Zuteilung des nötigen Bauholzes. Die Genehmigung wurde erteilt und das Vermessungsamt Müllheim nahm die nötigen Vermessungen des Bauplatzes vor. Die Bewohner des Ortsteils Münsterhalden baten den Erzbischof von Freiburg, man möge die Kapelle in ihrem Ortsteil und nicht am Ort des Martyriums errichten. Die Bitte wurde von der Kirchenbehörde in Freiburg und vom Stiftungsrat Münstertal abgelehnt.

Für den Bau der Kapelle wurde schon im Jahr 1945 Geld gespendet, bald waren 9.000.– RM gesammelt. Der Kostenanschlag lag bei 10.700 RM. Ende Mai 1946 wurde das Baugrundstück endgültig vermessen. Im November 1946 wurde der Kapellenplatz von der Gemeinde Neuenweg für 200 RM gekauft. Im Juni 1946 verbreiterten 12 Jungmänner aus der Pfarrei den Weg, damit das Baumaterial zur Baustelle transportiert werden konnte. Am 24. Juni 1946 wurde ein neues Baugesuch an die Kirchenbehörde gerichtet. Am 3. Juli 1946 wurde der Antrag abgelehnt. Am 17. Juli 1946 erging vom Landratsamt Müllheim der positive Baubescheid für die Gedächtniskapelle.

Vikar Karl Siegel und Pfarrverweser Alfons Sieber sprachen persönlich bei Generalvikar Dr. Simon Hirt und bei Erzbischof Dr. Conrad Grober in Freiburg vor und erreichten eine positive Zusage. Aus Freiburg kamen nach wenigen Tagen eine Ladung von 20 Sack Zement und die endgültige Baugenehmigung. Der Plan von Prof. Lorenz aus Freiburg wurde auf Wunsch der Kirchenbehörde so geändert, dass ein offen zugänglicher Kapellenraum und ein durch ein Gitter abgetrennter Chorraum entstanden, damit Besucher jederzeit in der Kapelle beten können. Das Landesverkehrsamt genehmigte den Transport der Baumaterialien zum Heubronner Eck, wollte aber aus Mangel an Transportraum die Anforderung verschieben. Alfons Sieber wandte sich an den 1. Transportoffizier der französischen Militärregierung in Freiburg, Herrn Huber. Das Gouvernement Militaire in Müllheim übernahm den Transport.

Am 12. August 1946 begann der Transport der Steine und des Baumaterials. Die Steine kamen zum größten Teil aus Schönau, von einem Denkmal, das abgetragen wurde. Beim Transport halfen französische Soldaten und Buben aus der Pfarrei. Die Lastwagen stellte die französische Transport-Regie in St. Georgen. Am 11. September 1946 war der Baubeginn. Die Bauarbeiten wurden von der Firma Josef Pfefferle ausgeführt. Am 22. Oktober 1946 fand die Grundsteinlegung statt.

Am Sonntag, den 31.8.1947 wurde die Kapelle zu Ehren der sieben Schmerzen Mariens durch Erzbischof Dr. Conrad Gröber feierlich eingeweiht. In seiner Rede zur Einweihung würdigte Staatspräsident Dr. Leo Wohleb den ermordeten Pfarrer Willibald Strohmeyer und ermahnte alle:

Sorgt dafür, dass niemals mehr Zeiten wiederkommen können, in denen Religion und Menschenwürde mit Füßen getreten werden.

(J.S.)

Vikar Alfons Sieber schrieb Papst Pius XII. nach der Befreiung:

Pfarrer Willibald Strohmeyer hat während der ganzen Dauer des Dritten Reiches durch seinen Seeleneifer und sein vorbildliches, priesterliches Leben den hl. katholischen Glauben in der Pfarrgemeinde erhalten und besonders die Jugend vor dem Gift der nationalsozialistischen Irrlehren bewahrt.*

Von guten Mächten
von Siegfried Fietz und Dietrich Bonhoeffer


Der Prozess gegen einige der feigen Mörder und Raubmörder

Erst im Juni 1948 fand der Prozess gegen die Mörder von Willibald Strohmeyer vor einem Schwurgericht des Landgerichts Freiburg statt. An dieses Verfahren angehängt war die Ermordung der beiden Deserteure durch Erich Spannagel, der aufgrund seines zum Tatzeitpunkt jugendlichen Alters am 10. Juni 1948 wegen zweifachen Totschlags eine Strafe von sieben Jahren erhielt, auf die fünf Monate Untersuchungshaft angerechnet wurden. Erich Spannagels Reststrafe wurde am 10. April 1952 zur Bewährung ausgesetzt.

Die Mörder Heinrich Perner (1) und Horst Wauer (2)

Foto von unbekannt aus einem alten Zeitungsschnipsel

Der kaufmännische Angestellte Horst Wauer bekam wegen Beihilfe zum Mord eine Strafe von zehn Jahren Zuchthaus, aber bereits am 8. November 1953 wurde er vorzeitig aus der Haft entlassen. Die schwerste Strafe erhielt der Befehlsgeber Heinrich Perner, der die Beteiligung an diesem Verbrechen bis an sein Lebensende leugnete: die Todesstrafe, die allerdings am 23. Februar 1949 in eine lebenslange Zuchthausstrafe umgewandelt wurde, die er im Landesgefängnis in Freiburg verbüßte. Am 26. April 1955 wurde die lebenslange in eine Strafe von 15 Jahren abgemildert, die zum 9. Mai 1957 auf Bewährung ausgesetzt wurde. Nach fast genau zwölf Jahren Kriegsgefangenschaft, Untersuchungshaft und Haft war damit auch Heinrich Perner 1957 wieder auf freiem Fuß. *

Die Mörder waren unter uns

Heinrich Perner, der nach seiner Entlassung neun Jahre in Bad Dürkheim lebte und nach dem Suizid seiner Ehefrau 1966 vom katholischen zum evangelischen Glauben konvertierte, starb am 17. September 1975 in Frankfurt am Main; er wurde 66 Jahre alt. Der eigentliche Todesschütze Jacques Roglin, der am 9. August 1922 in der nordöstlich von Bordeaux gelegenen Gemeinde Saint-Loubès im Department Gironde geboren worden war, wurde, wie die meisten französischen SS-Kollaborateure, zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt. Bei einer der Amnestien in den 1950er-Jahren muss er aus der Haft entlassen worden sein, denn bereits 1957 heiratete er in Paris. Er starb in seiner Heimat, in der Saint-Loubès benachbarten Stadt Ambarès am 12. November 1990 im Alter von 68 Jahren. Der am 3. August 1916 in Berlin geborene Horst Wauer korrespondierte mit dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem, das diese Angabe freundlicherweise im Internet platziert hat, über genealogische Fragen. Dadurch ließ sich ermitteln, dass er in der Stadt Münster in Westfalen am 8. September 1991 verstorben ist.

Gedenken in St. Trudpert

In seiner letzten Predigt, 3 Stunden vor seinem Tod, sprach er zu seiner Gemeinde über das trostreiche Wort des Herrn nach Johannes, Kapitel 16.16

Noch kurze Zeit, dann seht ihr mich nicht mehr und wieder eine kurze Zeit, dann werdet ihr mich sehen. Da sagten einige von seinen Jüngern zueinander: Was meint er damit, wenn er zu uns sagt: Noch kurze Zeit, dann seht ihr mich nicht mehr, und wieder eine kurze Zeit, dann werdet ihr mich sehen? Und was bedeutet: Ich gehe zum Vater? Sie sagten: Was heißt das: eine kurze Zeit? Wir wissen nicht wovon er redet. Jesus erkannte, dass sie ihn fragen wollten, und sagte zu ihnen:
Ihr macht euch Gedanken darüber, dass ich euch gesagt habe: Noch kurze Zeit, dann seht ihr mich nicht mehr, und wieder eine kurze Zeit, dann werdet ihr mich sehen.
Amen ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet bekümmert sein, aber euer Kummer wird sich in Freude verwandeln. Wenn eine Frau gebären soll, ist sie bekümmert, weil ihre Stunde da ist; aber wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an ihre Not über der Freude, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist.

So seid auch ihr bekümmert, aber ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen, und niemand nimmt euch eure Freude.

Foto von unbekannt aus einem alten Zeitungsschnipsel

Von der SS ermordet
von Wolf Hockenjos aus den Kriegstagebüchern seines Vaters

* Literatur

Willibald Strohmeyer – ein Prister aus dem Münstertal als Märtyrer der letzten Stunde von Bernd Braun. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Mut bewiesen Widerstandsbiographien aus dem Südwesten. Seite 165-177, Band 46 (2017).

Zum Gedenken an Dekan, Geistl. Rat Willibald Strohmeyer von 1909 bis 1945 Pfarrer von St. Trudpert. Handzettel an der Strohmeyer-Gedächniskapelle auf dem Heubronner Eck.

Inschriften von den Tafeln an der Trudpertskapelle und aus St. Trudpert.

Der Frühlings-Enzian beim Hüfinger Orchideenwald blüht jetzt!

blühender Frühlingsenzian
blühender Frühlingsenzian
blühender Frühlingsenzian

Ein Pflücken der geschützten und selten Pflanze ist verboten!

Nach dem Volksaberglauben sollte man den Enzian eh nicht pflücken, da sonst jemand stirbt.
Die ins Haus gebrachten Pflanzen ziehen Blitze an!

Steckbrief

Wissenschaftlicher Name Gentiana verna L., Frühlingsenzian,
Blaui Wetternägeli, Schusternägele, Rauchfangkehrer, Himmelsbläueli, Herrgottsliechtli, Tintabluoma, Himmelsstengel.

Gefährdung

  • Rote Liste Deutschland 3 – gefährdet
  • Rote Liste Baden-Württemberg 2 – stark gefährdet

Schutzstatus

  • BNatSchG besonders geschützt
  • FFH-Richtlinie keine FFH-Art

Lebensraum

  • Trocken- und Halbtrockenrasen (Hauptvorkommen)
  • Rasen, Fels- und Geröllfluren des Hochgebirges (Hauptvorkommen)
  • Feuchtwiesen (Nebenvorkommen

Blütezeit

  • März bis August
  • oft im Herbst noch ein zweites Mal

Zeigerwerte(nach Ellenberg)

  • Lichtzahl 8 = Halblicht- bis Volllichtpflanze
  • Feuchtezahl 4 = Trockenheits- bis Frischezeiger
  • Reaktionszahl 7 = Schwachbasenzeiger
Der Frühlings-Enzian, auch Schusternagerl, Schusternägele, Rauchfangkehrer, Himmelsbläueli, Herrgottsliechtli, Tintabluoma oder Himmelsstengel genannt
Frühlings-Enzian am 18. April 2020 im Naturschutzgebiet Deggenreuschen-Rauschachen (Orchideenwald)
Foto: Thomas Kring

Quellen

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Frühlings-Enzian
  2. Breunig, T. & Demuth S. (1999): Rote Liste der Farn- und Samenpflanzen Baden-Württemberg. Naturschutz-Praxis, Artenschutz 2.
  3. https://www.floraweb.de/pflanzenarten/artenhome.xsql?suchnr=2649&

Was sich seit 1840 in unserer Landschaft geändert hat

Bei der Uni Freiburg gibt es alte Karten: Karten

So den topographischen Atlas über das Grossherzogtum Baden:
Auf Befehl Sr. Königlichen Hoheit des Grossherzogs Leopold nach den Original-Aufnahmen des militairisch topographischen Bureaus in 55 Blättern bearbeitet und gestochen im Maasstabe von 1 : 50000 Verjüngung ; … 1838 – 1849. – Ueberdr. – 1:50 000. – Carlsruhe : Müller, [1854]. – 55 Bl. : Kt.; (dt.)

Von diesen Karten habe ich die von Hüfingen raus gezogen und dem Jahr 2026 gegenübergestellt. Bearbeitet wurden hier Ausschnitte aus Blatt XI.4.

1840-2026 Greater Hüfingen


Hausen vor Wald und Behla.
Man beachte den Behlaer Weiher!

Hausen vor Wald und Behla


Fürstenberg

Fürstenberg oben auf dem Berg ist am 18. Juli 1841 abgebrannt und wurde dann unten neu errichtet. Die Karten entstanden von 1838 bis 1849 und wurden 1854 veröffentlicht.

Fürstenberg 1840 und 2026


Mundelfingen

1840-2026 Mundelfingen


Sumpfohren

1840-2026 Sumpfohren


Hüfingen
In Rothlauben war seit 1824 eine landwirtschaftliche Versuchsstation von Jakob Curta von denen die Schosenhöfe ein Teil waren. Ursprünglich waren dort drei Höfe, der einzige Hof von damals der noch an der selben Stelle steht, ist der Untere Schosenhof. Der Obere Schosenhof ist abgebrannt und etwas weiter unten neu errichtet worden. Am alten Standort steht heute noch eine Linde.

1840-2026 Hüfingen


In Hüfingen ist sehr interessant, wo heute die Tiefbrunnen sind hieß damals Im Wangen. Der Schaafaecker war an der Ruckhalde – dort wo heute Donaueschingen einen Tiefbrunnen hat. Beim Hasenwäldle war eine Ziegelhütte. Nördlich der Sieren war ein Kalksteinbruch. Den sieht man heute noch.

1840-2026 Hüfingen mit Open Street Map

Dachrinne

Liebe Bürgerpostleser, 

schaut Euch diese Bilder an. Ich finde sie fantastisch. Ein lebender Baum, wahrscheinlich ein Spitzahorn, aus dem eine „Dachrinne herausgehauen“ wurde. Wer von Euch hat so etwas schon gesehen? Ich wäre sehr dankbar, wenn es Rückmeldungen gäbe. Für mich jedenfalls ist es eine Erstsichtung.

Rinne in der Schwarzachklamm
Rinne in der Schwarzachklamm
Rinne in der Schwarzachklamm

Die Bilder schickte mir Dr. Hans-Peter Straub, der im Fränkischen einen Kurzurlaub machte und dabei die Schwarzachklamm westlich von Schwarzenbruck durchquerte. Vielen Dank dafür. Auf Bild 1 sieht man die Dimension der Rinne und dass der Baum sich in starker Schräglage befindet. Man wundert sich wie er sich in der Lage überhaupt halten kann. Vielleicht ist die Schräglage der Grund des Phänomens. Ich denke, an einem geraden Baum würde das nicht entstehen. Reinhold Mayer, mein Helfer in Forstfragen, schrieb: „Ein Dachrinnenbaum. Er ist vermutlich aus einer alten Verletzung mit nachfolgender Kernfäule entstanden. Sieht klasse aus“.

Die Rinnenränder scheinen etwas verdickt zu sein  durch Umwallung und die Äste wachsen logoischerweise nur aus der gesunden Seite heraus. Wiederum ein absoluter Oberhammer.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Fischtag

An Karfreitag gibt´s Fisch nach dem Kirchgang – das ist so obligatorisch wie der Narzissen-Strauß zu Ostern. Manch einen zieht es da aber auch unwiderstehlich hinaus in den Frühling: Mich etwa wieder mal an die Gauchach, nicht in die Schlucht, die an Feiertagen überlaufen sein könnte, sondern auf bequemerem Weg unter dem stählernen Viadukt der Höllentalbahn hindurch zur Eulenmühle (Ihlemühli) und von dort einen kurzen Abstecher hinauf zur Kapelle mit den beiden stattlichen Linden vorm Eingang. Das fotogene Ensemble habe ich liebgewonnen und schon zu den unterschiedlichsten Jahreszeiten besucht und fotografiert, für mich ein würdiger Kirchgangersatz, zumal am Karfreitagmorgen. Diesmal trete ich sogar durch das niedere Türchen ein, nicht aus Frömmelei, eher aus historischem Interesse. „Eulenmüllers Käppele“, das auch unterm Namen Dreifaltigkeitskapelle geführt wird, soll schon im Jahr 1527 erbaut worden sein.

Die Kapelle im April
Eulenmüllers Käppele
Kapelle an der Eulenmühle im Winter

Der Anlass: ein Kind der Eulenmüllers soll zwei Tage lang vermisst, dann aber doch glücklich wieder aufgefunden worden sein; nein, es hatte gottlob nicht, wie befürchtet, tot aus der Gauchach geborgen werden müssen. Die beiden Linden waren erst anno 1899 vor die Eingangstür gepflanzt worden. Man weiß das deshalb so genau, weil zur Einweihung der Höllentalbahn in Unadingen die neue Straße zum Bahnhof (die heutige Lindenstraße) mit Linden bepflanzt worden war, und dabei waren diese beiden übrig geblieben. Heute präsentieren sie sich noch in winterkahlem Zustand, denn der Frühling ist reichlich spät dran, und in den schattigen Partien der Talaue finden sich sogar noch letzte Schneereste. Nur am sonnigen Steilhang blühen erste schüchterne Buschwindröschen gemischt mit dem Zartlila des Lerchensporns.

Eulenmühle

Zurück alsdann wieder zur Eulenmühle hinab, deren Fensterläden rundum geschlossen sind; sie scheint schon länger nicht mehr bewohnt zu sein, vom Mühlenbetrieb ganz zu schweigen, doch vor dem Eingangstor sind zwei Pkws mit auswärtigen Kennzeichen geparkt. Ich beschließe, noch ein Stück bachaufwärts zu wandern. Die Gauchach führt trotz der jüngsten Schneeschmelze kein Hochwasser mehr, dafür haben sich freilich weiße Schaumkissen an den in den Bach gestürzten Stämmen und Wipfeln verfangen. Was mich rätseln lässt, wie der Schaum wohl entstanden sein mag, ob auf natürliche Weise oder durch Fremdchemikalien; wo doch am Oberlauf kaum potenzielle Verursacher anzutreffen sein dürften.

Kurz vor der Dögginger Trinkwasser-Pumpstation, wo einst auch der Mühlenkanal abzweigte, überquert eine Brücke, beidseits mit eisernen Geländern versehen, den Bach. Und hier stutze ich: Denn auf dem Weg liegt zu meiner Verblüffung eine komplette Anglerausrüstung: die Rute noch im halbgeöffneten Futteral, daneben eine große mit mehreren Reißverschlüssen zu öffnende Tragetasche voller Zubehör fürs Fliegenfischen, Messer und Schere inklusive. Doch der Angler ist weit und breit nicht zu entdecken – auch nicht im Bach unter der Brücke! Hat da etwa einer, mag sein wegen des Schaums und weil nichts anbeißen wollte, sein Zeug frustriert weggeworfen? Oder verrichtet er vielleicht gerade seine Notdurft – irgendwo mit Blickkontakt versteckt hinter einem Busch oder Baum? Handelt es sich gar um einen medizinischen Notfall? Oder hat einer Hals über Kopf den Heimweg angetreten, um zuhause eben noch rechtzeitig vor dem Mittagessen die versprochenen Bachforellen abzuliefern – und in der Hetze seine gesamte Ausrüstung hier liegen lassen?

Ich beschließe umzukehren, nachdem ich die Tasche vorsorglich vom Weg aufgehoben und ans Brückengeländer gehängt habe, rätselnd, ob ich die Entdeckung nicht doch dem zuständigen Polizeiposten melden sollte. Aber am heiligen Karfreitag die Polizei strapazieren? Spätestens am Osterdienstagmorgen wird man dann ja im Lokalteil nachlesen können, ob es an der Gauchach womöglich einen Vermissten-, gar einen Kriminalfall gegeben hat.

Bild vom Hang in der GAuchachschlucht
Was geschah bloß an der Gauchach?

Draisine, Dögginger Loch, Ihlemühli
S Brucke und Tunnel Land 

Hüfingen 1786 – und wie viel davon noch da ist

Karte von Hüfingen aus dem Archiv aus 1786

Die alte Karte von 1786 zeigte Dr. Jörg Martin bei seinem Vortrag über Martin Menrad.
Sie enthält die damaligen Hausnummern und befindet sich im Hüfinger Archiv.
Ich habe sie mit der heutigen Karte überlagert und in QGIS angepasst.

Dabei wird sichtbar, wie eng Wasserläufe, Häuser und Wege in Hüfingen einst zusammengehörten – und wie viel davon im heutigen Ortsbild noch erkennbar ist.

Karte von Hüfingen aus dem Jahr 1786 Open Street Map von Hüfingen 2026


Der Verlauf von Mühlibach und Stadtbächli wird dabei plötzlich erstaunlich klar.
Besonders auffällig ist, dass der Mühlibach offenbar weiter über den heutigen Gerberweg verlief und dort auf das Stadtbächli traf.

Erst in der Überlagerung wird sichtbar, wo früher Wasser war – und wie eng Wasserläufe, Wege und Nutzung einst zusammengehörten.

Hüfingen 1786

Als der Rotrain noch eine Idee war

Die fast vergessene Anlage –
und ein Hüfingen, das um 1820 freier dachte, als es heute bisweilen geschieht

Die meisten Hüfinger kennen die „Anlage“, aber kaum noch den Ort, an dem sie einst lag.
Nicht unten an der Breg, wo heute der Anlagenweg verläuft, sondern oben am Rotrain, über dem alten Steinbruch, entstand um 1820 etwas, das weit mehr war als bloße Verschönerung. Die Akte die ich aus dem Landesarchiv in Freiburg habe, erzählt von einem Hüfingen, das damals in mancher Hinsicht freier dachte, als es heute bisweilen geschieht.

Zu Hüfingen
die Herstellung der Anlage auf dem rothen Rain von 1820 bis 1830

Was sich in dieser Akte zur Anlage auf dem Rotrain zwischen 1820 und 1845 zeigt, ist mehr als die Geschichte eines angelegten Weges oder einiger Pflanzungen. Sie öffnet den Blick auf eine Haltung. Auf Menschen, die ihre Umgebung nicht nur nutzten, sondern sie bewusst gestalten, verschönern und für andere erfahrbar machen wollten.

Der Rotrain war dabei kein beliebiger Ort. Über dem Steinbruch gelegen, mit weitem Blick, wurde er zu einem Punkt, an dem sich etwas bündelte, das über die Anlage selbst hinausweist: Gemeinsinn, kulturelle Vorstellungskraft und ein bürgerliches Selbstverständnis, das für diese Zeit bemerkenswert ist.

Eng damit verbunden ist Johann Nepomuk Schelble, der aus Hüfingen stammende Musiker, der später in Frankfurt mit dem Cäcilienverein zu großer Bedeutung gelangte. Schelble starb bereits 1837, doch seine Verbindung zur Heimat und sein Interesse an dem Ort blieben lebendig. In den Wanderblühten wird spürbar, dass es ihm nicht nur um Landschaft ging, sondern um mehr: um die Verbindung von Natur, Geist und Gemeinschaft. Dass ein Ort wie Hüfingen nicht klein gedacht werden muss, sondern Anteil haben kann an etwas, das über ihn hinausweist.

Johann Nepomuk Schelble (16.05.1789-06.08.1837), Lithografie von Heinrich Ott. Foto: Frankfurt am Main: Stadt- und Univ.-Bibliothek

Und vielleicht liegt genau darin das eigentlich Faszinierende dieser Akte.
Sie zeigt keine starre Vereinswelt mit festen Ämtern und klar abgegrenzten Zuständigkeiten. Kein Konstrukt, das zuerst Ordnung schafft und dann Handlung erlaubt. Stattdessen begegnet einem etwas Offeneres, beinahe Selbstverständliches: Menschen, die tun, was sie können und beitragen wollen. Der eine bringt Ideen ein, der andere Arbeit, wieder andere Material, Pflanzen oder praktische Hilfe. Kein enges System, sondern ein gemeinsames Tun, getragen von Überzeugung.

Gerade darin zeigt sich eine Haltung, die man ohne Übertreibung als früh demokratisch bezeichnen kann. Nicht im politischen Sinn, wie er später sichtbar wurde, sondern im gesellschaftlichen Kern:
Dass Gemeinwohl nicht nur von oben organisiert werden muss.
Dass Bürger selbst Verantwortung übernehmen, öffentliche Räume mitdenken und gestalten können.
Und dass das, was entsteht, allen gehört und allen zugutekommt.

Für die Zeit ist das bemerkenswert. Die Badische Revolution von 1848 lag noch Jahrzehnte entfernt – und doch ist hier bereits etwas von jenem Geist spürbar, der später politische Form annahm: Eigenverantwortung, Gemeinsinn, Öffentlichkeit, Mitgestaltung. Dass Hüfingen 1848 nicht unbeteiligt blieb, erscheint von hier aus betrachtet weniger zufällig, als es zunächst wirken mag.

Die Anlage auf dem Rotrain war damit nicht einfach ein schöner Ort, sondern Ausdruck eines Denkens, das seiner Zeit voraus war:
Dass Natur nicht nur Nutzen hat, sondern Wert.
Dass Schönheit kein Luxus sein muss.
Und dass gemeinsam geschaffene Orte etwas über das Selbstverständnis einer Stadt erzählen.

Umso sprechender ist es, dass die Akte auch von Zerstörung berichtet. Schon früh wurde ein erheblicher Teil der Anlage mutwillig beschädigt. Bäume wurden umgehauen, Pflanzungen zerstört, Geschaffenes verwüstet. Auch das gehört zu dieser Geschichte: Dass dort, wo Menschen mit Sinn und Hingabe etwas für alle schaffen, fast immer auch jene auftauchen, die darin nichts sehen – oder es gerade deshalb zerstören. Die Empörung darüber ist in den Unterlagen deutlich spürbar und wirkt bis heute erstaunlich vertraut.

Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820 StAF B 695/1 Nr. 731

Und dennoch blieb es nicht dabei.
Es wurde weitergemacht. Repariert, ergänzt, gepflegt. Wege, Übergänge und Verbesserungen wurden neu gedacht und umgesetzt. Gerade darin zeigt sich, dass hinter dem Rotrain keine flüchtige Idee stand, sondern ein ernst gemeinter Wille, etwas Dauerhaftes zu schaffen – nicht aus Pflicht, sondern aus Überzeugung.

So bewahrt diese Akte mehr als die Erinnerung an eine fast verschwundene Anlage.
Sie bewahrt ein Stück Hüfinger Selbstverständnis.
Ein Hüfingen, das nicht klein dachte.
Ein Hüfingen, das Schönheit, Öffentlichkeit, Natur und gemeinschaftliches Handeln zusammenbrachte, lange bevor solche Gedanken selbstverständlich wurden.

Akte über die Anlage auf dem Rotrain aus 1820 bis 1845. 

Briefe von Lucian Reich an seine Eltern und seinen Schwager 1853-1880

Bearbeitet, Original vom Sommer 2021

Lucian Reich aus Karlsruhe, 25. März 1853

Liebe Eltern!
Vor lauter Geschäften bin ich nicht dazu gekommen der lieben Mutter zum Namensfeste zu gratulieren, es soll deshalb noch nachträglich geschehen. Der lieben ? ebenfalls, ich habe ihr als Namenstagsgruß ein Exemplar Hieronymus hübsch einbinden lassen und werde es nächstens an sie abgehen lassen.
Unsere hiesigen Subscribenten sind mit dem Werke alle sehr zufrieden, man hört nur Günstiges darüber. Die Besprechung von Dr. J. Bader darüber in der Carlsruher Zeitung lege ich hier bei, sie ist besser als die Fiklerische in den Landblättern. Beim Fürsten bin ich sehr gut aufgenommen worden. – Es wird gut sein wenn Heinemann vielleicht nur von hundert zu hundert druckt daß wir recht bald wieder in (?) kommen. Der Zettel mit den Druckfehlern ist allerdings eine von Vogel unnötigen Sparsamkeiten,

übrigens unbedeutend, der Buchbinder muß eben das Blatt auf ein Papier aufziehen. Bei den nächsten Versendungen muß es auf ein ganzes Blatt gedruckt werden. Stotz hat in Neustadt Abonnenten: Marie
Hoffmayer, lieferungsweise.
Hübsch wartet sehnlichst auf den Giebel. Xaver wird einige Zeit hier verweilen müssen. Es wäre mir lieb wenn Heinemann vorerst keine der Bilder frisch zeichnen würde, um den Druck nicht aufzuhalten. Auch muß ich gestehen daß mir der Büchsenmacher welcher Kugel gießt, nicht unwerth ist. Die Bilder finden überhaupt bei jedermann den entschiedensten Anklang. Die Art der Ausführung zieht jedermann unwillkürlich an. In Frankfurt hat sich eine Buchhandlung zur Sammlung der Sache erboten. Überhaupt scheint mir daß die ganze Sache recht gut im Gang ist.
Indem ich Euch Alle tausend mal grüße
Euer Lucian
Carlsruhe, den 25. Mrz. 53
Xaver möge nicht vergessen die Büsten vom Fürsten und der Fürstin mit hierher zu bringen.

Lucian Reich aus Rastatt, 1. August 1856

Liebe Eltern!
Das Schuljahr neigt sich dem Ende zu, und ich freue mich wieder einige Wochen bei Euch sein zu können. Bevor ich nach Hüfingen komme, werde ich jedoch, des früher besprochenen Projekts wegen, an den See, in die Umgegend der Arhenberger reisen. Läßt sich etwas damit machen, so kann der Aufenthalt wohl 14 Tag bis 3 Wochen dauern. Ist der Stoff nicht ergiebig, so werde ich einen Ausflug nach Zürich machen und dann direkt nach Hüfingen kommen. Unsere Prüfungen am Lyceum beginnen dieses Jahr schon mit dem 13. und ich hoffe davon

dispensiert zu werden, weil ich doch nichts dabei zu thun habe. Ich hoffe Euch Alle gesund und wohl anzutreffen; daß dir lieber Vater die Brüder in Dürrheim so gute Dienste geleistet, hat mir Heinemann geschrieben.
Von Kreidel habe ich dieser Tage Nachricht bekommen, daß das Mainau-Werklein dem Regent vorgelegt worden sei. Kreidel ertheilt der Arbeit sehr große Lobsprüche und glaubt daß sie der Regent gewiß gebührend würdigen werde. Die vorige Woche traf auch ein Schreiben von Paris ein, worin gesagt wird, daß der Uhrenmarkt angekommen sei. So wie man hört, will das neuvermählte Paar etwa am 28. Sept. die Rundreise durchs Land antreten und auf der Mainau eine kleine Rast einlegen.

Indem ich Euch und Alle herzlich grüße
Euer dankbarer Sohn Lucian
Rastatt 1. Aug. 56
Die Ernte fällt hier sehr gut aus. Die Früchte sind von außerordentlicher Qualität und auch die Kartoffeln versprechen das Beste.

Lucian Reich aus Rastatt, 22. Mai 1857

Liebe Eltern!
Die Nachricht, welche mir Heinemann von dem dir lieber Vater zugestoßenen Unfall mitgetheilt, hat mich nicht wenig erschreckt, aber auch wiederum getröstet, da ich die Versicherung erhielt, die Verlezungen seien Gott sei Dank nicht gefährlich und im Verlauf weniger Tage so geheilt worden, daß du lieber Vater wieder deine täglichen Ausgänge machen kannst. Wir können alle dem Himmel nicht genug danken, daß der gefahrvolle Tag nicht zum wirklichen Unglückstag für uns geworden ist, was bei der Größe der

Gefahr, so leicht hätte der Fall sein können. Gott wolle uns vor ähnlichen Ereignissen gnädig bewahren. Ich kann mir denken, wie es die liebe Mutter und alle Familien-Angehörigen erschreckt haben wird.

Dem Heinemann werde ich nächstens schreiben. Wegen Xavers Angelegenheit in Baden konnte ich bis jezt noch nichts thun, da ich bei meinem kürzlichen Besuche dort den Fohr zufällig nicht angetroffen habe. Ich werde nächstens wieder einmal hinüber gehen.

Hier in Rastatt geht alles seinen gewohnten ruhigen Gang fort; vom Ministerium erhielt ich die Versicherung, daß mein Gehalt demnächst auf die normalen 600 fl gestellt werden solle.

Indem ich baldigen weiteren Nachrichten entgegen sehe, wie es dir lieber Vater ferner geht, grüße ich alle herzlich
Euer dankbarer Sohn Lucian
Rastatt, d. 21. Mai 1857

Lucian Reich aus Rastatt, 3. Mai 1858

Liebe Eltern!
Ich wollte bisher warten Euch Nachricht zu geben bis ich dem Heinemann zugleich hätte die Holzstöcklein für den ? ? mitschicken können. Dies kann aber erst im Laufe der nächsten Woche geschehen. Ich bin sehr begierig, wie es dir liebe Mutter geht, hoffentlich von Tag zu Tag besser. Den gleichen Tag, wie ich hierher kam hatte eine Nachbarsfrau, die viel zu meinen Hausleuten kommt das nämliche Unglück

nur war der Fall gefährlicher, weil der Knochen durch die Haut herausdrang. Sie mußte bis jetzt liegen, den Arm auf einem Kissen befestigt. Ich bin hier wieder in meine gewöhnliche Tätigkeit eingetretten. Von Freiburg höre ich daß die Zeichnungen zu den Glasfenstern sehr viel Beifall finden. Auf Xavers Großherzog ist man allenthalben sehr gespannt; er wird aber gut thun, wenn er selbst damit nach Carlsruhe geht. In Baden herrschen noch immer die Blattern und es geht niemand hin, der nicht

muß. Wenn ich nach Carlsruhe komme so werde ich den Schmuck für den Sepperle für seine getreue Pflege dort einkaufen. Bis dahin lebt alle wohl und benachrichtigt mich bald wie es der lieben Mutter geht. An Xavers Familie und Heinemann, Nober viele herzliche Grüße

von euerm dankbaren Sohn
Lucian
Rastatt, 3. Mai 1858

Lucian Reich um 1860
Dieser Brief ist nicht datiert, aus dem Inhalt geht aber hervor, daß er um 1860 geschrieben sein muß. Um 1860 war Franz Xaver mit der Ausführung des Großherzog-Leopold-Denkmals beschäftigt.
Josefa Namenstag ist am 19. März.

Liebe Eltern!
Zum morgigen Namensfeste gratuliere ich dir liebe Mutter herzlich, der Himmel möge uns dieses Fest noch vielmal ungetrübt feiern lassen. Wie ich heute von Heinemann höre wird die Base Martha, die leider keinen guten Winter gehabt hat, ? zu Euch hinauf kommen, sollte sie gerade bei Euch anwesend sein, so bitte ich sie herzlich zu grüßen.

In Herrn ? Angelegenheit bin ich immer noch derselben Ansicht, wie ich sie ihm umgehend mitgetheilt habe. Er soll sich auf ein auswärtiges Gutachten, wobei auch Männer vom eigenen Fach mitzusprechen haben, berufen, gegen ein willkürliches ? näher ? Verwerfung ? der Auffassung und der Motive, wodurch ja alle künstlerische Freiheit gerade zu ver? wäre bescheidenen Einspruch erheben.
Im Übrigen sich bei nochmaliger Bearbeitung streng an die Natur halten, was abgeschlossen von anderen Künstlern und ihren

Arbeiten der einzig richtige Weg ist, wobei auch nicht gesagt ist, daß man sich in Kleinlichkeiten verlieren soll. Sollte er Lust haben nach München zu gehen, so würde ich dort nur kleine Skizzen machen oder vielmehr in kleinen Skizzen von den jezigen Figuren beibehalten was man dort für gut findet.

Sollten in Betreff der Leopoldfigur Steine in den Weg zu werfen versucht werden, so würde ich mich entschieden auf das gegeben gutheißend Wort des Großherzogs und seines Bruders des Prinzen Wilhelm berufen,

Leopold I. Grossherzog von Baden von Xaver Reich in Konstanz

und dem Großherzog zu bedenken geben, daß mit Zurücknahme dieses gegebenen Wortes ?? dein Ruf als Künstler gefährdet werde. Die Figur ist entschieden gut und wird später, wenn sich die Staubwolken verzogen haben, ihre Anerkennung finden.
Indem ich bitte der lieben Josephine im Garten zu gratulieren ebenso bei Nober auch bei Heinemanns meine Grüße auszurichten.
Euer dankbarer Sohn Lucian
Unsere diesjährigen Remunerationen sind für diejenigen, welche keine Dienstwohnung haben, um 50 reichlicher ausgefallen.

Lucian Reich aus Rastatt, 3. Januar 1861
Die 5. Tochter von Xaver Reich, Amalie, wurde am 25.12.1860 geboren und starb erst am 31.08.1955 in Hüfingen.

Liebe Eltern!
Zum neuen Jahr meine herzlichsten Glückwünsche; der Himmel wolle uns noch lange gesund und wohl beisammen erhalten. Ebenso wünsche ich dir lieber Vater zum Namensfeste Glück und Segen. Eine dritte Gratulation bitte ich in Xavers Familie gelangen zu lassen, wegen der glücklichen Ankunft des Christkindleins.
Über die Brunnenangelegenheit ist noch keine Bestimmung getroffen;

nur soviel wurde mir gesagt, daß die Kosten zur Figur durch freiwillige Beiträge gedeckt werden sollen. Vor einigen Tagen erhielt ich aus Württemberg eine Anfrage wegen 2 Cartons zu Kirchenfenstern.
Dieser Tage werdet Ihr ein Kistchen mit einigen Flaschen Markgräfler erhalten.
Indem ich alle Familienangehörige herzlich grüße und ihnen Glück zum Neujahr
wünsche
Euer dankbarer Sohn Lucian
Rastatt, 3. Jr. 61

Lucian Reich aus Rastatt, 18. März 1866
Eine Tochter von Xaver Reich war Marie Josefa Amalie Reich. Sie hat am 08.03.1866 den Karl Eschborn, FF Forstverwalter, geheiratet. Sowohl die Mutter von Lucian Reich als auch seine Nichte hießen also Josepha. (Vielen Dank an Markus Greif, der das Rätsel mit dem Eschborn’schen Haus entziffert hat)

Liebe Eltern!
Zum hl. Josephsfest meine herzlichsten Glückwünsche dir, liebe Mutter, so wie auch unsere Josepha’s im Garten und neugegründetem Eschborn’schen Hause.
Die frühe Ostern macht mir die Ferienreise zu Euch hinauf unthunlich. Mein Bild erfordert zur Vollendung noch recht gut den ganzen Monat, und da ich die Goldrahm dazu hierher bekomme, so werde ich es noch einige Tage im Schloß zur Ansicht aufstellen. Ich glaube, daß es sehr gut geworden ist. Nach diesem werde ich noch zwei kleinere Altarbilder für eine

Kirche in der Nähe von Ettlingen malen. Unterdessen wird der August herankommen, den ich dann wie gewöhnlich zur Hinaufreise benützen werde.
Xaver wird am besten thun, das Relief mit Oel- oder Schellack zu colorieren, denn auch in der großen Tonwaarenfabrik bei Koblenz geschieht mit Figuren, Vasen etc., die ins Freie kommen, das gleiche.
Indem ich Euch alle, ins besonders das junge Ehepaar, von dem ich gestern einen Brief erhalten, bestens grüße Euer dankbarer Sohn Lucian
Rastatt 18. Mrz. 66

Luzian Reich (07.01.1787 – 18.12.1866) und seine Ehefrau Maria Josefa Schelble (19.03.1788-12.11.1866). Die lieben Eltern starben kurz nacheinander vor Weihnachten 1866.
Foto von Johann Nepomuk Heinemann (dem lieben Schwager) etwa 1866.

Lucian Reich aus Rastatt an Johann Nepomuk Heinemann, 19. September 1880.
Margareta Stoffler aus Geisingen war die Frau von Lucian Reich und Mutter der einzigen Tochter Anna. Marie Heinemann war die einzige Tochter von „Lisette“ Reich (seine Schwester Elisabeth 15.12.1819-22.06.1871) und dem „lieben Schwager“ . https://hieronymus-online.de/hufinger-kunstlerkreis/

Lieber Schwager!
Das an Xaver und Dich gerichtete Schreiben wird Dir mitgeteilt worden sein.
Euch beiden, als den nächsten Angehörigen, wollte ich keine gedruckten Todesanzeigen zuschicken. Dir das tiefe Gefühl der Trauer über diese ? zu schildern, kann ich unterlassen, da du von dem gleichen Geschick betroffen worden und alles schmerzliche an dir selbst erfahren hast. Dieses Geschick hat ohnehin viel Gemeinsames, unsere gute unvergeßliche Margarete viel Ähnlichkeit mit der guten Lisette selig. Beide gleich anspruchslos u. verzichtend auf äußerlichen Lebensgenuß opferten sich ganz

den Ihrigen. Beiden war nur eine Tochter beschieden, auf die sich ihr ganzes Lebens? vereinigt hat. Und was uns selbst betrifft, so sind wir beide im Alter, wo man nur noch im Wohlergehen u. Glück der Kinder sein eigenes Finden kann.
Was nun meine gute Anna betrifft, so war sie an dem 10 monatlangen Krankenlager der Mutter fast über ihre Kräfte angestrengt, so daß sie jezt der Ruhe und Erholung dringend von nöthen hat. Wir haben eine Schwester der Verewigten bei uns, die einige Wochen bleiben. Anna hofft, Du werdest gestatten, daß deine Marie im Laufe des Winters auf Besuch zu uns kommt. Obwohl uns die Trauerzeit nunmehr Zurückgezogenheit auferlegt, so würden wir ihr den

Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen versuchen.
Mit herzlichen Grüßen auch von Anna Dein trauernder Schwager Lucian R.
Rastatt, 19. Sept. 80

Elisabeth (Lisette) Reich (1819 – 1871) am Spinnrad; Katharina Heinemann (1828 – 1900) mit Kind; J. Nepomuk Heinemann, genannt “Muckle” (1817 – 1902) mit Fes? Mütze; Lucian Reich (1817-1900) mit Pfeife; Rudolf (Vetter) Gleichauf (1826 – 1896) rechts unter der Uhr; Josef Heinemann (1825 – 1901) mit Buch. Zeichnung aus den Wanderblühten.

Lucian Reich aus Rastatt an Johann Nepomuk Heinemann, 24. Sept. 1880

Lieber Schwager!
Dein Schreiben mit der Versicherung, Deine Marie werde uns besuchen, war ein freundlicher Lichtstrahl im Dämmer unserer Traurigkeit. Anna meint wenn sie nur schon da wäre, damit sie ihr Herz gegen sie ausschütten könnte. Wie man aber den Kindern nicht alles zur gleichen Zeit gibt, sondern die Süßigkeiten vertheilt, damit sie lange daran haben, so bin ich der Meinung, solle man es auch mit Liebeswerken umgehen, u. glaube, daß Marie ihren Besuch auf eine Weile verschieben solle, bis die Schwägerin, die wir hier haben uns verlaßen hat. Es würde sonst der Fall eintreten, daß beide, sie und Marie, uns zur gleichen Zeit wieder allein lassen würden; und würden wir dann

Marie Heinemann

die schmerzliche Lücke, zumal Abends, doppelt fühlen. Bis dorthin werden wir, so hoffe ich, dann auch wieder in der Faßung u. Stimmung sein, Marie den Aufenthalt mehr angenehm zu machen. Anna, die in der Sorge u. Wiederinstandsetzung unseres Hauswesens, einen Ableiter gegen trübes Sinnen und Denken sucht, wird dann sich wohl auch wieder mehr ihren Freundinnen zu wenden, von welchen einige bei unserem Unglück sich treu bewährt haben. Auch ich werde mich mehr in’s Unvermeidliche fügen gelernt und wieder mehr Theilnehmend gegen Alles was mir Gutes und Liebes noch geblieben ist, erzeigen können. Abends gehe ich nicht mehr aus, u. werde nicht mehr ausgehen. Meist bin ich um 9 Uhr schon zu Bett, ebenso Anna und unsere Base. Es sind nun schon 8 Tage seit dem Hinscheiden unserer guten Mutter Margareth, so schnell

auch im Trübsinn die Zeit hingeht, so habe ich doch das Gefühl, als wäre sie uns schon seit Jahren entrißen.
Hätte ich nicht für Anna zu leben u. zu sorgen, so würde ich im Hinblick, daß auch meine Laufbahn naturgemäß keine allzulange mehr sein kann, mit Shakespeare im Hamlet ausrufen, „s’ist ein Ziel, auf’s innigste zu wünschen!“ – Doch genug hiervon. – Anna erwartet täglich ein Brieflein von Marie, die wir beide herzlich grüßen wie Euch alle
Euer trauender anhänglicher Schwager und Onkel
Lucian
Rastatt 24. Sept. 1880

*Transkription unter den Briefen ist das meiste von einer großen Unbekannten – mit einer Schreibmaschine getippte Seiten waren bei den Briefen dabei. Ist also nicht alles von mir.

Maria Josepha Heinemann Brunnen an der Hauptstrasse 52 mit Elisabeth Heinemann (Grießhaber) und ihrer Cousine Maria Heinemann (Nober). Maria Heinemann war die Tochter von J. Nepomuk Heinemann und Elisabeth Reich.
Brunnen an der Hauptstrasse 52 mit Elisabeth Heinemann (Grießhaber) und ihrer Cousine Maria Heinemann (Nober). Maria Heinemann war die Tochter von J. Nepomuk Heinemann und Elisabeth Reich.

Stadtwappen, Hohentwiel und Grenzsteine

15. August 2024 – aktualisiert

Der älteste Abdruck eines Siegels von Hüfingen ist von 1465 und das Urkundenbuch von Donaueschingen enthält ein Siegel bei einer Urfehde vom 17. November 1477. Das Wappen mit dem Schild in einem reich ornamentierten Dreipaß wies keine Öffnungen im Wappenturm auf. Diese erscheinen erst vom Jahre 1495 an in einem Siegel mit der Umschrift: * SIGILLUM* CIVITATIS & HVFFINGAE, also: Siegel der Stadt Hüfingen. Jetzt ist der Turm rund und schlank ins Siegel geschnitten. Zwar hat der Turm in der Folgezeit noch zahlreiche Wandlungen durchgemacht, aber rund ist er geblieben, allerdings sind die drei Ecktürmchen des älteren Siegels zu zwei auffälligen Erkertürmchen geworden.*1

Siegel 1460-1577

Wappen 1595-1628

Wappen 1628-1725

(1708) 1721-1828

1903

1856-1904

1904

1856-1873

1984

Stempel von Hüfingen vom 12.Dezember 1934 unterschrieben von Bürgermeister Philipp Frank
Stempel von Hüfingen 1934 unterschrieben von Bürgermeister Philipp Frank

FR. L. Baumann*2 sieht im Wappenturm das damals bekannteste Bauwerk der Stadt, den Stock im Graben oder Hohentwiel, wie er später genannt wurde, der als Wahrzeichen gelten konnte. Baumann nennt die Entwicklung des Stadtsiegels mit dem buckelquaderverzierten wehrhaften Bergfried zum schmächtigen Torturm als Beispiel des Verfalls der Heraldik in der neueren Zeit.

Lucian Reich schreibt im Denkbuch 1896:

Einen ähnlichen und doch wieder grundverschiedenen Eindruck machte auf uns der Hohentwiel, den wir über die Ausläufer des hohen Randen hinwandernd im abendlichen Dämmer am östlichen Horizont vor uns auftauchen sahen. Der Hohentwiel! Wie viel hatten wir als Kinder nicht schon von ihm gehört! Trug doch ein ehmaliger Turm in der „Hinterstadt” diesen Namen. Und der „alt Franz” unser Taglöhner, dem ich so manches „Budeli Brends zNüni” zugetragen, und der „Vetter Kupferschmied” waren von denen, die auf Gemeindekosten ringsum aufgeboten worden, das für unbezwinglich gehaltene Hegaubollwerk zu sprengen und demolieren.

Bild von Martin Menrad von Hüfingen
Hiffingen von Martin Menrad.
Das Gemälde hat er 1688 im Auftrag des Fürsten Anton Egon zu Fürstenberg-Heiligenberg gemalt.

In der Mitte hinten sieht man den Hohentwiel.

Hüfingen 1664 von Martin Menrad
Hüfingen 1664 von Martin Menrad
Karte aus dem Jahr 1664 von Hüfingen

Beatrice Scherzer und Hermann Sumser*3 schreiben über den Hohentwiel:

In der Hinterstadt im Bereich der herrschaftlichen Burg stand einst ein mächtiger Bergfried, der „Stock im Graben” oder wegen seiner Stärke auch „Hohentwiel” genannt wurde. Dieser Wohnturm diente in Belagerungszeiten als Zufluchtsort für die Burginsassen. Er war der am schwierigsten einzunehmende Bauteil der Burg.
Auf dem Gemälde von Menrad ist dieser Turm zu sehen, allerdings in bereits zerstörtem Zustand. Eine weitere Abbildung des Bergfrieds soll das alte Stadtwappen sein:
Das Hüfinger Stadtsiegel zeigt heute einen schmächtigen Torturm, in dem des 15. Jahrhunderts aber erscheint an dessen Stelle ein mit Buckelquadern an den Ecken verstärkter, wehrhafter Bergfried, der von der Seite her aufgenommen ist. Selbstredend steht dieses Wappenbild mit der Stadt im Zusammenhang; es ist nichts anderes als die Abbildung des obengenannten Stocks im Graben oder Hohentwiel’s, der in der Tat beim Anblicke der Stadt, solange er stand, das Augenfälligste, sozusagen das Wahrzeichen von Hüfingen gewesen ist und deshalb zum Wappenzeichen der Stadt vorzüglich geeignet war. Das jetzige Wappen ist erst im 17. Jahrhundert durch Unkenntnis des Sachverhaltes aus jenem verballhornt worden.

Alte Grenzsteine

Lucian Reich schreibt 1896 im Denkbuch über das Hasenwäldle:

Und in frühester Morgenstunde machte ich mich auf zum hochgelegenen „Hasenwäldle“, wo immer Raben nisteten. Dort angekommen gewahrte ich eine Kesselflickerbande, die unter den Tannen übernachtet hatte. Um sie her lagen Säcke, anscheinend Fruchtsäcke, aus welchen, als ich näher gekommen, allerdings Früchte schlüpften, aber in Gestalt von schwarzhaarigen Sprößlingen in paradiesischem Zustand. Sie bettelten den Ankömmling sogleich an, waren aber an den Unrechten gekommen, denn dessen Taschen waren so leer wie nunmehr ihre Säcke, in denen sie auf so praktische Art ihre Nachtruhe gehalten. Man konnte sie damals noch häufig treffen, diese Enterbten ohne Altersversorgung und Unterstützungswohnsitz. Jetzt sind sie verschwunden, um andern Platz zu machen, mit welchen die Polizei nicht so leicht fertig werden wird, wie mit jenen.

Die Landfahrer haben Lucian Reich auch mehrfach im Hieronymus beschäftigt. Über den „schlimmsten Inquisitor“, den Schultheiß Schäffer zu Sulz am Neckar, schreibt er im Kapitel 24:

Geschärft ward allenthalben das Schwert der Kriminaljustiz. Die Waage in der Hand des Richters muß empfindlich im höchsten Grade gewesen sein, denn das geringste Gewichtsteilchen von Schuld reichte hin, die Schale des Missetäters hoch hinaufzuschnellen. Lange war der Name des Schultheißen Schäfer zu Sulz am Neckar der Schrecken aller Landfahrer. Man erzählt sich heute noch, daß Hunderte jener armen Teufel durch den gestrengen Richter von Rechts wegen dem Henker überliefert worden seien.

Der „schlimmste Inquisitor“ war Jacob Georg Schäffer (28. 06.1745 – 1.09.1814). Er war Oberamtmann in Sulz am Neckar und ließ nicht nur die Landfahrer hinrichten, sondern raubte ihnen auch die Kinder. Die Kinder der „verurteilten Jauner“ wurden ab acht Jahren in das Waisenhaus in Ludwigsburg verbracht, die jüngeren Kinder wurden auf Kosten des Staates bei Bürgern in Kost und Logie gegeben. *4

Ein Grenzstein von 1622 nach Allmendshofen befindet sich noch beim Hasenwäldle:

Abgeknickter Baum, trotz Ansitz, beim Hasewäldle am 9. November 2021

Die Linde beim Hasenwäldle hat sich bis am 8. Mai 2025 erholt und verspricht ein hübscher Baum zu werden.

Hasenwäldle
Hasenwäldle von Karl Merz 1949
Grenzstein am Hasenwäldle mit Rabenfeder
Grenzstein von
1622

H für Hüfingen

Grenzstein nach Allmendshofen
Grenzstein von
1622

A für Allmendshofen

Ein weiterer Grenzstein von 1622 steht zwischen dem Mühlibach und der Breg. Er stammt vermutlich von der Schächerkapelle die 1968/69 renoviert wurde.

Diese Seite zeigt ein H für Hüfingen
und darunter 1622

Ein A für Allmendshofen
und darunter 1622

Karte mit Breg und Bregauen. Hüfinen am Rand oben das Siechenhaus und Schächer
Generallandesarchiv Karlsruhe 229 Nr. 1300 K

Um die genaue Grenze zwischen Hüfingen und Allmendshofen gab es immer wieder Streit, wie die Karte aus 1790 zeigt.
„Mappa über den strittigen Bregabfluss zwischen der Gemeinde Allmentshofen und der Stadt Hiffingen, die Überschwemmung und Einrisse in die Güter betreffend.
Differenzen zwischen den Gemeinden Allmendshofen, Hüfingen und Donaueschingen wegen der Anlage eines Damms an der Breg und der Banngrenzen / 1790-1793.


* 1 Chronik von Hüfingen, Vetter (1984)
*2 Zur Geschichte der Stadt Hüfingen. Forschung zur Schwäbischen Geschichte von Fr. L. Baumann, Josef Kösel, Kempten (1899)
*3 Führer durch eine alte Stadt, von Beatrice Scherzer und Hermann Sumser (1996)
*4 https://de.wikipedia.org/wiki/Jacob_Georg_Schäffer

Wilder Bienenstock

Liebe Bürgerpostleser, 

im November 2025 konnte ich in einem leer stehenden Haus diese gewaltigen Aufnahmen machen. Etwas geschützt unter dem Vordach waren eine Menge vertikaler Bienenwaben an der Holzdecke angeheftet. Etwas nachgedacht und Imker Jürgen Mess aus Aselfingen befragt, war klar, es handelt sich um die ehemalige Wohnstatt eines Bienenschwarms, der seinem Imker entflohen ist. Dass das im Freien geschah, erstaunte den erfahrenen Imker Jürgen Mess auch außerordentlich. Üblicher Weise suchen sie ein neues zu Hause in großen Baumhöhlen oder Nistkästen. Nun, die Bilder geben einiges her: Zum Beispiel fällt auf, dass es helle und dunkle Waben gibt.

Waben von Wildbienen
Waben von Wildbienen
Waben von Wildbienen

Habt Ihr eine Idee, womit das zusammenhängen könnte? In den hellen Waben war von der Königin noch kein Brut eingesetzt, in den dunklen war das der Fall. Die dunkle Farbe kommt von den zurückgelassenen Kokons der Bienen nach dem Schlüpfen. So kann man an der Farbe Brut- von Honigwaben unterscheiden. Ein kleines Hämmerchen, im Vergleich dazu, was noch kommt. Ob der Bienenschwarm ein oder zwei oder mehrere Jahre besiedelt war, entzieht sich unserer Kenntnis.

Genauer hingeschaut sieht man, dass Wabenteile fehlen, dass sie durchlöchert sind und schräg hängen. Wer hat für diese Unordnung gesorgt?

Waben von Wildbienen

Das Bild liefert den Übeltäter in Form der weißen Puppen der Honigwachsmotte. Sie fressen als Larven hauptsächlich organische Rückstände in Bienennestern wie Pollen, Brutrückstände wie Nymphenhäutchen und Honig. Sie können sich durch die Waben und sogar durch das Holz des Bienenkastens fressen, auf dem Bild unten sieht man ihre Fraßspuren. Die Larven zerstören dabei Bienenwaben, verkleben diese mit Gespinsten und hinterlassen Fäkalien, was insbesondere für geschwächte Bienenvölker eine Gefährdung darstellt. Man sieht auf den Bildern, dass die hellen Waben nicht von Ihnen befallen werden. Deswegen sollen in der Imkerei nur diese hellen, unbebrüteten und pollenfreien Waben gelagert werden. Brutwaben dagegen sollten eingeschmolzen werden. Als Schuljunge war ich Adjutant bei meinem Opa, der 60 Bienenvölker besaß. Sehr stark habe ich in Erinnerung, dass die Wabenschränke mit Schwefelschwarten eingeräuchert wurden, das war kein schlechtes Gschmäckle, kann ich Euch sagen. Diese Verwendung von Schwefel als Biozid ist seit 2014 in der EU nicht mehr erlaubt.

Waben von Wildbienen

Es gibt zwei Arten, die große Honigwachsmotte, die hauptsächlich bienenfreie Waben befällt, und die kleine Honigwachsmotte, die auch in aktiven Völkern zu finden ist. Welche hier am Werke war, kann nicht zugeordnet werden. Der Lebenszyklus läuft wie folgt: Die befruchteten weiblichen Falter der Honigwachsmotten fliegen durch Duft angelockt in die Nester von Honigbienen und legen dort mehrere hundert Eier je Falter ab. Diese schlüpfen zu Larven, die Ihre Fraßspuren hinterlassen. Täuschen und Tarnen kann ich nur sagen, denn die Wachsmottenlarven nehmen den Nestgeruch schnell an und werden dadurch kaum als Eindringlinge erkannt und nicht bekämpft. Ein klassischer Hammer. Die ausgewachsene Larven spinnen einen festen, widerstandsfähigen Kokon aus Seide, oft in Ecken oder Nischen des Bienenstocks. Das Bild hier zeigt diese Kokons im Detail. Aus ihnen schlüpfen die Falter und ein neuer Zyklus beginnt. 

Übrigens, am 10. April 2024 hatte ich einen Beitrag über die verwandte Hummelwachsmotte geschrieben. Wer kann sich noch erinnern?

Herzliche Grüße
Franz Maus

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