Moreaus Rückzug
Plünderung

Hieronymus Kapitel 19

“Drunter ischs und drüber gange was me cha sage. Menge brave Ma hets nime chönne prästiere, het si Sach verlohren und Hunger glitten und bettlet.
>Johann Peter Hebel

Moreaus Rückzug – Plünderung

Für den Augenblick war das Unwetter vorübergezogen, ohne in dieser Gegend größeren Schaden anzurichten; doch bald sollte es, von einem Gegenwind zurückgetrieben, nur um so heftiger sich entladen.

Mit dem Anfang des Oktober hatte der französische General Moreau auf seinem, wohl über die Gebühr gepriesenen Rückzuge die Höhen des Schwarzwaldes und den Paß des Höllentales wiederzugewinnen vermocht und den Schauplatz unserer Erzählung mit seinen Scharen überschwemmt.

Bereits, als es kundbar geworden, wie Erzherzog Karl die zweite feindliche Armee nach dem Main zurückgeworfen habe, und wie die fränkischen Bauern den fliehenden Franzosen mitgespielt, da machte das Vaterlandsgefühl sich geltend, überall, wo ein Feind auf deutschem Boden zu sehen gewesen. In dem diesseitigen Teile des Bistums Speyer hatte der bewaffnete Volksaufstand seinen Anfang genommen, sich rasch über den Odenwald und herauf über die Ortenau verbreitet. Aber selbst in jenem Teile des Schwarzwaldes, welcher noch in Feindes Hand war, suchte man die verborgenen Waffen wieder hervor. Wo man den Franzosen einen Schaden, einen Abbruch tun konnte, geschah es. Nachzügler, einzeln reisende Kriegsbeamte wurden überfallen und auf die Seite geschafft.

An den Heerstraßen hatten verwegene Rotten Hinterhalte angelegt, von wo sie kleinere feindliche Abteilungen versprengten, oft gar überwältigten.

Gefangene wurden bei solchen Gelegenheiten keine gemacht, das begreift man. Allerdings ließen die Franzosen solche Dinge nicht ungeahndet, wo sie es vermochten, allein man darf wohl annehmen, daß nur die Furcht, den Aufstand allgemein zu machen, sie von greulicher Wiedervergeltung abhielt.

Im Kirchtal unter andern hatte der Kuhhirt einige verwegene Gesellen um sich versammelt und lag mit diesen an der Landstraße auf der Lauer. Da sahen sie einen feindlichen Gepäckzug herannahen, nur von wenigen Bewaffneten begleitet. Die Disposition zum Angriff war bald gemacht; als der Zug nahe genug herangekommen, sprangen die Kameraden rasch aus ihrem Versteck, wirbelten mit den Füßen den Staub der Landstraße hoch in die Höhe, der Hirte feuerte dabei zwei Pistolenschüsse ab, und die erschreckten Feinde, wahrscheinlich junge Leute, nahmen eiligst die Flucht, den Wegelagerern das Gepäck als Kriegsbeute überlassend. Doch nicht lange nach dem Streich erscheint eine französische Kolonne in dem Tale, dort die Auslieferung der Übeltäter zu verlangen oder den Ort niederzubrennen. Jene aber hatten sich bereits in die Berge salviert, und der französische General war menschlich genug, nur sechs Häuser in Asche legen zu lassen. – Auch in Hausen vor Wald war ähnliches geschehen, und das Dorf wurde drei Tage lang der Plünderung preisgegeben.

In Hausen vor Wald haben wohl auch Hirten Franzosen überfallen, was genau passiert ist, schreibt Lucian Reich nicht. Auf jeden Fall wurde als Strafe Hausen vor Wald drei Tage lang Plünderungen peisgegeben. Dass danach wohl nicht mehr viel übrig sein konnte, ist wohl klar.

Und wieder fürchtete man in der Baar eine Schlacht. – Schon standen die Armeen einander gegenüber, als die Franzosen ihre Stellungen aufgaben und den Rückzug über den Schwarzwald fortsetzten. Der Feuerschein des brennenden Dorfes Röthenbach, wo vorher einige Franzosen umgebracht worden waren, und die flammende Pfarrkirche samt Schulhaus in Neustadt bezeichneten ihren Weg.

Unsern Hieronymus faßte der Strudel im Hause der Großeltern, welche im Jahr vorher kurz nacheinander aus dieser Zeitlichkeit geschieden waren und für welche eben jetzt der Gedächtnisgottesdienst gehalten werden sollte.

Zweiter Koalitionskrieg
Der Zweite Koalitionskrieg (1798/99–1801/02) wurde von einer Allianz um Russland, Österreich und Großbritannien gegen das im Ersten Koalitionskrieg erfolgreiche revolutionäre Frankreich geführt.

Auf dem Walde war in diesem Jahr vom Kriege wenig zu verspüren gewesen; kein Feind hatte noch die Gegend um Laubhausen betreten; und daß Moreau schon wieder auf dem Rückzug sich befinde, davon hatte man dort nur gerüchtweise sagen gehört. Also war Vater Mathias in die Amtsstadt gekommen, um seinen Sohn zur Gedächtnisfeier abzuholen.

Der 29-jährige Jean-Victor Moreau (1792)
Foto: Wikipedia

Der Gottesdienst im Dorfe war noch ungestört vorübergegangen. Gegen Mittag, als die Leute gruppenweise vor ihren Häusern standen, mehr stumm und erwartungsvoll als beratend, erscholl es plötzlich: „Sie kommen“, und wirklich sah man bald darauf am „Kapf“ (einer Waldecke) Bajonette blitzen. Eine Abteilung Franzosen hatte dort Halt gemacht.

Das Kapf bei Villingen ist gegenüber vom Kirnacher Bahnhöfle und eine alte Wallanlage des keltischen Siedlungsareals.

In demselben Augenblick krächzt eine heisere Weiberstimme: „Sie kummet, sie kummet, d‘ Vetterli kummet! Jetzt ist den arme Leute g’holfe!“ – Es war das alte halbverrückte Duningerannele, welches in wahnsinniger Lust also durch das Dorf rannte.

Über das Duningerannele läßt sich in der Villinger Geschichte leider nichts mehr finden. Anscheinend aber war sie den Ideen der französischen Revolution nicht abgeneigt.

Da tut sich der krumme Davidle, der Viehdoktor und Teufelsbanner hervor, die Leute zu beruhigen: er könne Französisch, behauptete er, und wolle hinausziehen, zu parlamentieren.

Der krumme Davidle, der Viehdoktor und Teufelsbanner ist auch in den Tiefen der Geschichte verschollen.

Man ließ ihn gewähren. Da band der Patriot ein weißes Taschentuch an einen Stock und zog mit dieser Friedensfahne hinaus zu den Franzosen.

Wer sich genauer für die Wirren der Koalitionskriege interessiert, sei auf die Seite des Geschichts- und Heimatvereins Villingen verwiesen: Villingen im Zeitalter der Französischen Revolution(1770-1815) von Michael Tocha.

Nach etwa einer Viertelstunde ängstlichen Harrens kehrte der Parlamentär wieder zurück, von weitem schon schreiend: „Viktoria – sie sage, sie tun uns nüt – wenn wir ihne nur g’nug z‘ essen und z‘ trinke nausbringe.« So leichten Kaufes loszukommen, hatte man nicht vermutet, und alles beeilte sich, Schinken, ganze Speckseiten, geräuchertes Fleisch, Wein und Branntwein herbeizuschaffen, auf Karren zu laden und dies Mittagsmahl den fremden Gästen zuzuführen, welche dasselbe auch ohne viel Komplimentierens entgegennahmen. Die Leute, welche hinausfuhren, waren nicht wenig erstaunt, solch einen bunten, zerrissenen und zerlumpten Haufen zu sehen wie diese Neufranken, obwohl sie bei ihrem ersten Auftreten schon abenteuerlich genug ausgesehen hatten.

Alle Orte von Ulm bis Schwenningen, wo der Haufe durchgezogen war, mußten ihm Tribut gezollt haben. Neben einem Soldaten im französischen Casquet sah man einen andern im schwäbischen Nebelspalter, der hatte einen Weiberrock umgetan, jener einen Ratsherrenmantel. Hier lief einer barfuß, dort ein anderer in Pantoffeln. Hier einer im weißen Chorhemd, dort ein anderer im blauen Fuhrmannskittel. Dieser trug gestreifte Pantalons, jener gelbe Lederhosen. Man sah, hier herrschte Freiheit, aber wenig Gleichheit.

Mit „französische Casquet“ ist vielleicht ein Casque, ein Helm, gemeint.

CASQUE À CHENILLE DE CHASSEURS À CHEVAL MODELE 1791
Internetfund

Was mit einem schwäbischen Nebelspalter gemeint ist, würde mich auch sehr interessieren!

Die Lebensmittel waren kaum an ihre Herren gelangt, als wieder, wie des Morgens schon, ein eisiger Regen einfiel und die Kolonne ihren Marsch nach dem Dorf fortsetzte. – Welch ein vortrefflicher Unterhändler der krumme Davidle gewesen, zeigte sich alsobald; denn als die Franzosen kaum an den ersten Häusern angekommen waren, ging der Spektakel los.

Eine ergötzliche Jagd auf Gänse und Enten war das erste. Wo aber solch fette Bissen auf den Gassen zu finden, muß offenbar in den Häusern noch weit Köstlicheres vorhanden sein. – In dieser Voraussetzung statteten die Neufranken ihren deutschen Brüdern schon in den Nachbarhäusern überraschende Besuche ab. Bald darauf sah man einen mit einem Ballen Leinwand wieder auf die Straße stürzen, die andern gleich einer bellenden Meute hinter ihm drein, jeder bemüht, ein Stück des Ballens herunterzusäbeln und als schützenden Mantel umzuhängen. – Das alles war jedoch, wie gesagt, nur ein Vorspiel, denn bald schien es, als brenne das ganze Dorf, und die behenden Franzosen seien nur gekommen, um auszutragen, was nicht niet- und nagelfest. Da wurden verborgene Schätze gehoben ohne Wünschelrute und Christoffelgebet; Übergaben bewerkstelligt ohne Notar; Truhen wurden geleert, volle Beutel eingesteckst, ohne Empfangsbescheinigung. Manch Schweinchen wurde geschlachtet und zerstückt, ohne vorher gebrüht worden zu sein.

Internetfund mit französischen Uniformen um 1790

Krieg den Palästen, Friede den Hütten!“ war das neue Losungswort – aber in Ermangelung von Palästen mußten eben die Hütten herhalten.

Mathias und Hieronymus hatten sich während dieses Sturmes in dem großelterlichen Häuslein gehalten, und wunderbarerweise war es gerade diese kleine Wohnung, welche verschont geblieben.

Nachdem die wilden Wasser verlaufen, suchten Vater und Sohn wieder den Heimweg. Überall auf ihrem Wege erblickten sie Spuren des wüsten Zuges, und ihre bange Spannung, wie es zu Hause ergangen sein möchte, mußte mit jedem Schritte wachsen. Hie und da begegneten den Wanderern einzelne oder kleine Truppen von Nachzüglern, die jedoch nicht alle den heimischen Herd zu sehen das Glück hatten. Gerade das aber war für den alten Mathias ein Grund vermehrter Besorgnis, denn bereits vom Tage an, wo die Franzosen gegen das Kinzigtal gekommen, war der Stoffel unsichtbar geworden; und bald da, bald dort hatte man einen erschossen gefunden, dafür aber war auch da und dort ein Hof niedergebrannt worden. Doch erwiesen sich diese Besorgnisse glücklicherweise als unbegründet. Der Feind hatte sich auf dem Rückzug keine Zeit genommen, dem entlegenen Laubhauserhof Besuche abzustatten.

Der Feldzug war beendigt und der jugendliche Held Erzherzog Karl zu Freiburg als Befreier des Vaterlandes im Triumphe eingezogen. Nur von Kehl her, welches unter dem Oberbefehl des Fürsten Alois von Fürstenberg beschossen wurde, dröhnte noch das Brummen der schweren Stücke.

Erzherzog Carl Ludwig Johann Joseph Laurentius von Österreich, Herzog von Teschen, (* 5. September 1771 in Florenz; † 30. April 1847 in Wien) aus dem Haus Habsburg-Lothringen war ein österreichischer Feldherr…. Die Zurückdrängung der französischen Rhein-Mosel Armee unter General Moreau über den Rhein nach der Schlacht bei Emmendingen verschafften Karl große Popularität in Deutschland.

aus Wikipedia

Karl von Österreich-Teschen
(Porträt von Johann Baptist Seele, 1800, Heeresgeschichtliches Museum in Wien)

In einem gesegneten Lande aber sind die Wunden des Krieges bald verharscht; der altgewohnte Zustand kehrt wieder. Das Erlebte gibt Stoff zum traulichen Gespräch, und der wieder unbefangene Blick findet aus den Szenen des Schreckens und der Bedrängnis Züge von Humor und Originalität heraus. – So erzählte man sich in Hüfingen lange unter Lachen, wie es dem Vetter Galli ergangen. In dem allgemeinen Durcheinander hatte es ihn zum Verwalter getrieben, ohne daß er recht wußte, was er eigentlich wolle. Unterwegs trifft er auf einen Neufranken, dem sogleich des Vetters neue Bundschuhe in die Augen stechen; der Soldat erlaubt sich, dem Vetter das Schuhwerk auszuziehen, und wirft ihm dafür seine durchgetretenen Stiefel hin. Kaum im Anziehen begriffen, kommt ein anderer Kriegsmann in Pantoffeln daher, und sogleich setzt es einen neuen Tausch ab. Also leicht beschuht zieht der Galli weiter, da begegnet ihm ein Dritter, welcher gar keine Fußbekleidung umzutauschen hatte und welcher den Galli mit der jenem Volke eigenen Höflichkeit nötigt, seine Visite beim Verwalter in Socken abzustatten.

Interessanter für unsere Leser dürfte die Geschichte sein vom Sturm auf das Stöckle, dem Gefängnisturm im süßen Winkel.

Das Stöckle, der Gefängnisturm im süßen Winkel wurde etwa 1840 abgerissen.

In diesen wohlverwahrten Ort hatte man zu Anfang der Kriegsunruhen einige Sträflinge aus dem Zuchthause verbracht, darunter den Langen Hans und seine Tochter Schön Rösel. Das Vagantenmädchen, seiner bekannten Unschuld zu viel vertrauend, hatte sich aus dem Überrhein wieder herübergewagt und war endlich der ungalanten Polizei in die Hände geraten.

Als im Städtlein das Lärmen der plündernden Franzosen bis zu dem Turme gedrungen, machte sich die schöne Heimatlose an das Gitterfenster und sang eines ihrer Lieder, daß es weit durch die Gassen schallte:

„Ei schöner guter Tag!
Ei tausend gute Nacht!
Ein Fischfänger möcht ich sein
Bei der Nacht.
Die Fische fängt man in dem Teich
Im Sommer wie im Winter gleich,
Bei der Nacht!
Bei der Nacht, da fische ich!“

Ein Trupp angetrunkener Franzmänner, welcher die Gasse entlanggezogen, hörte das Lied und erschaute auch alsbald die schöne Sängerin. Als diese aber (sie hatte im Elsaß einige französische Brocken aufgefaßt) den Franzosen ihr „bon jour citoyens“ zugerufen, ging der Tanz los. „Vive la liberté!“ schrie der eine, „vive la bohémienne!“ ein anderer, und die Freiheitsmänner machten sich unter rasendem Beifallsgeschrei sämtlicher Gefangenen kühn daran, einen zweiten Sturm auf die Bastille in dem Städtchen der Baar aufzuführen.

Die gesamte Obrigkeit des Ortes, der Amtsrat, der Schultheiß, die Bettelvögte und was sonst noch zur vollziehenden Gewalt des Städtleins gehörte, waren unterdessen herbeigekommen und suchten, wiewohl vergeblich, den Auflauf zu beschwören; die Franzosen wollten nichts davon verstehen, daß es sich hier um malfaiteurs handle. Man mußte endlich unterhandeln und zuletzt sich dazu verstehen, wenigstens Schön Rösel freizugeben. Im Triumphe ward die reizende Beute durch die Gasse getragen, und sie war auch wirklich ihren Befreiern als belle cantinière auf ihren weiteren Zügen über den Rhein gefolgt.

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Der Landsturm
Rückkehr der Kreissoldaten

Hieronymus Kapitel 18

Aber so wende nach innen, so wende nach außen die Kräfte Jeder: da wär’s ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu sein.
> Goethe

Der Landsturm – Rückkehr der Kreissoldaten

Bevor noch der Krieg erklärt – schon zu Anfang der neunziger Jahre -, war man in den vorliegenden Landen auf Verteidigung derselben durch Errichtung eines Landsturms bedacht.

Der Plan ging zunächst von Freiherrn v. Sommerau aus, dem Landeschef der vorderösterreichischen Regierung. Manche Reichsstände gingen sogleich auf den Vorschlag ein, welcher, allgemein und mit Beharrlichkeit durchgeführt, das Land vor einer französischen Überflutung durchaus schützen mußte. Aber wie es im Reich zu gehen pflegte, einzelne Stände ließen sich bereitwillig finden, andere taten nichts oder waren geradezu entgegen.

Alle waffenfähige Mannschaft, hieß es in dem Aufruf, vom fünfzehnten bis fünfzigsten Jahr, sollte ungesäumt militärisch eingeübt werden. Die Gemeinden sollten für diejenigen, welche es benötigt, Wehr, Munition und Proviant liefern. Sammelplätze wurden bestimmt, und jedem Platz ward ein kaiserlicher Hauptmann als Kommandant beigegeben. – Allein, wie schon gesagt, Zusammenhang kam nie in das Unternehmen, es fehlte an ernstlicher Unterstützung von oben. Erst im Jahr sechsundneunzig, als die Franzosen um Straßburg eine beträchtliche Heeresmacht versammelt hatten, rief man den Landsturm auf. Eine Proklamation erschien, worin das Volk aufgefordert wurde, sich zu verteidigen, als Männer zu kämpfen für Religion, für den Kaiser, für das Vaterland und den eigenen Herd.

Rasch hatte das Wort gezündet. Die Bürger von Freiburg und Kenzingen waren dem Korps des Generals Fröhlich beigegeben, die aus der Herrschaft Kürnberg und Lichteneck den Kaiserlichen bei Ober- und Niederhausen.

Die Bauern aus dem Elztal, Simonswald und Triberg, die Bürger aus den Städten Villingen und Bräunlingen sollten unter Führung ihrer Bürgermeister und Vögte die Gebirgspässe im Schwarzwald besetzen. Auch die Männer aus dem Münstertal, Staufen und Säckingen, Waldshut und Laufenburg sowie die St.-Blasianer griffen zu den Waffen.

Der erste Koalitionskrieg

Der Krieg dauerte von 1792 bis 1797 und es waren Frankreich mit Österreich und Preußen im Krieg.

Die Kaiserlichen Reichstruppen zogen vom Jahr 1790 an durch Hüfingen und 1791 folgte das kaiserliche Kürassierregiment Hohenzollern. Am 14. Juli 1796 überschritten die französischen Truppen unter General Moreaus den Rhein.

Ein kaiserlicher Kürassier im Polnischen Thronfolgekrieg vor Philippsburg 1734 („Jung-Savoyen“ – Zeitgenössische Gudenus-Handschrift) Foto: Wikipedia

Wie wenig durchgreifenden Erfolg auch solche verspätete Erhebung haben mußte, den Franzosen erschien sie bedenklich genug. Vielleicht erinnerten sie sich der Fährlichkeiten, welche ihre Heere zu Anfang des Jahrhunderts im Schwarzwald zu bestehen gehabt. Durch Sendlinge aller Art suchten sie abzumahnen und zu hintertreiben, wo und wie sie nur konnten; Proklamationen verteilte man, worin zur Neutralität geraten und Schutz der Nationalität sowie der Religion verheißen wurde; ihre Agenten zischelten den Bauern in die Ohren, daß der Landsturm nur organisiert werde, um ihn für schweres Geld an die Engländer zu verkaufen usw. Es war eine bewegte Zeit; auch bis in die entlegensten Täler und Winkel schlugen die Wogen der großen Weltbegebenheiten.

Während dieses ungewöhnlichen Treibens pflegte Philipp, der älteste Sohn des Kaiserzollers, ein aufgeweckter junger Mann, oft nach Laubhausen zu kommen, und er unterließ dabei niemals, auch im Wirtshaus „Zum Felsen“ einzusprechen. – Philipp sollte einst das Bauerngut seines Vaters erben und, so Gott wollte und der österreichische Obervogt nichts dagegen hatte, auch des Vaters Amt als Kaiserzoller erhalten. Dieser befehligte ein Fähnlein bei dem Landsturmaufgebot, und dem Philipp war eine Führerstelle bei demselben übertragen worden.

Auch einen zweiten Gast, nämlich Romulus, schienen die Zeitverhältnisse jetzt öfter in den Felsen zu führen. Der Student hatte vorderhand seine Studien an den Nagel gehängt, sei es nun, daß diese Studien den Geldbeutel des Vaters zu sehr angegriffen, oder daß die Zeitströmung überhaupt zu mächtig auf seinen Geist einwirkte, um in Ruhe hinter dem Schreibtisch ausharren zu können. – Das letztere muß als wahrscheinlich angenommen werden, denn des jungen Mannes Kopf schien vollständig eingenommen zu sein von den neufränkischen Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Wenigstens ermangelte er selten, im Gespräch mit anderen diese Ideen zu verteidigen und mit Andersgesinnten deswegen anzubinden.

Die Aufgebote harrten des Befehls zum Ausmarsch, und Philipp benützte diese letzte Frist, um noch einmal herüber zu seinen Verwandten zu kommen. Er war bereits als marschbereiter Wehrmann angetan und hatte sein Pferd im „Felsen“ eingestellt. Diesmal empfing ihn Juliana, das Töchterlein des Hauses, denn der Wirt und sein Sohn waren in Geschäften abwesend. – Das Mädchen hatte dem eintretenden Landsturmmann zuvorkommend Hut und Säbel abgenommen, beides in die Ecke zu stellen, und fragte nun freundlich nach des Gastes weiterem Begehr. – Es waren noch mehr Gäste in der Stube, und auch der Laubhauser hatte sich herüber begeben, um Neuigkeiten zu hören. Romulus mit einigen Gesinnungsgenossen saß am hinteren Tisch bei der Küchentür.

Philipp schien heute besonders redselig; in feurigen Ausdrücken sprach er über die allgemeine Landesdefension, den Ausmarsch, und was damit zusammenhing. Juliana, welche sich neben ihn gesetzt, schien, den Kopf auf die Hand gestützt, aufmerksam jedes Wort des Redners zu verfolgen.

„Ja, wenn alle täten wie wir, im Vorderösterreichischen“, rief Philipp lebhaft, „so kam uns diesmal der Franzos nit auf den Hals! – Aber so ist’s halt meistens g’wesen, während die einen den Brand g löscht haben, sind die andern als bedächtliche Zugucker daneben ’standen oder haben sich höchstens noch am Austragen beteiligt, um ein paar Fetzen für sich zu erwischen. – Da geh‘ mal einer nach Freiburg und schau, wie da das Freischützenkorps so fleißig exerziert und manövriert. Und in Waldshut und in Staufen und andern Städten soll ebenfalls die Bürgerschaft schon vollständig unterm Gwehr steh’n. Und die Bauern von Altdorf, so hört man, die haben sogar aus freien Stücken bei der Regierung den Antrag g’stellt, sich bewaffnen und ausmarschieren zu dürfen. – Und ich kann euch versichern, auch bei mir daheim will keiner z’rückbleiben, ja, ich glaub, die Weiber gingen noch mit, wenn’s sein müßt. – Wundere mich nur, daß hier rum noch alles so ruhig ist!“ „Ich für mein‘ Teil, Vetter“, unterbrach der Laubhauser, unwillig auf die Tür zuschreitend, die Rede seines begeisterten Neffen, „ich bin der Meinung, der Bur g’hört an de‘ Pflug!“

„Ja, freilich“, rief ihm Philipp nach, „so heißt’s eben bei vielen: so der Baur nit muß, rührt er weder Hand noch Fuß. – Und wenn wir auch alle das Leben lassen müssen“, fuhr er, die Augen auf Juliana heftend, fort, „so haben wir uns doch gezeigt als Männer und uns gewehrt für alles, was uns lieb und wert ist!“

Jetzt hörte man am hinteren Tisch an die leere Flasche klingeln, so daß Juliana aufstand, zu sehen, was man begehre. Romulus, ihr die Flasche darreichend, sagte mit spöttischem Blick auf Philipp: „Es wird halt wieder heißen: vorne getrommelt und hinten keine Soldaten!“

Dem Philipp stieg das Blut zu Gesicht, doch hielt er an sich und tat, als habe er’s nicht gehört. „Laßt sie nur kommen, und schaut dann, wie mäuslestill die Helden auf einmal sein werden“, fuhr Romulus fort. – „Laßt euch nit beschwätzen von solchen“, sagte er zu seiner Umgebung, mit einem stechenden Seitenblick auf den jungen Wehrmann, „von Leuten, denen es im Grund ja doch nur um en Amtle oder um die Gnad von oben zu tun ist.“ „Laßt euch nit beschwätzen“, gab Philipp trotzig zurück, „von verdorbnen Advokaten (Romulus hatte Juristerei zu studieren angefangen), von Leut‘, die für’s Geld die Briefträger und falschen Ratgeber machen.“

Aber der Student – der in der Tat kurz vorher eine der vielen damals erschienenen Flugschriften vorgelesen und den Bauern erklärt hatte – brach in ein schallendes Gelächter aus und begann dann das bekannte Spottlied auf den österreichischen Landsturm zu singen: Nur langsam voran, usw. Das war zu stark. – Die mühsam zurücgehaltene Flamme brach aus in lichter Lohe. – Zorngeröteten Angesichts sprang Philipp nach seinem Rolandsschwert. – Die am hintern Tisch aber griffen zu Schutz und Trutz nach Stühlen und Flaschen – so rasch aber wie diese war auch das Wirtstöchterlein Juliana zur Stelle.

„Unfriedensstifter!“ rief sie erzürnt gegen Romulus; und zugleich fühlte dieser von einem schönen, aber kräftigen Arm so unsanft sich zurückgestoßen, daß er, der aus Verdruß wohl ein wenig zu tief ins Glas geschaut haben mochte, taumelnd gegen die Wand stolperte. – Dann wendete das Mädchen sich gegen Philipp und bat, ihn sanft umfassend: „Gib Frieden, mir zulieb!“ Dem Jüngling aber geschah dabei, wie einst Rudolph von Habsburg, als er vor Basel die Botschaft seiner Kaiserwahl empfing, denn gleich diesem steckte jener die gezückte Klinge ruhig wieder in die Scheide und machte Friede.

In der Tat war dem guten Burschen durch das Benehmen des Wirtstöchterleins etwas kund geworden, was ihn höher beglückte als selbst eine Kaiserbotschaft; denn als er dastand, von den Armen des schönen Mädchens umfaßt, als sein Auge in das ihrige schaute, fast bis auf den Grund ihrer Seele, da überkam ihn ein noch nie empfundenes Gefühl. Das wild aufgeregte Meer der Zornesleidenschaft ward zur sonnenhellen Fläche, widerspiegelnd den Himmel und die schönen Sterne.

Bei diesem Anblick des umschlungenen Paares war Romulus mit verbissenem Ingrimm zur Stube hinausgerannt, und jetzt konnten die übrigen Anwesenden erst merken, um was es sich hier gehandelt: daß die beiden nämlich weder um den Kaiser noch um das Reich gestritten, sondern einzig und allein um der Wirtin Töchterlein.

Wäre irgendein Zweifel noch möglich gewesen, die nachfolgende Abschiedsszene hätte auch den letzten Rest davon tilgen müssen; die Zeit drängte, und als der Augenblick des Scheidens nimmer verschoben werden konnte, hatte Juliana bereits den Hut des wehrhaften Landesverteidigers mit Strauß und Band geschmückt und geleitete den Abziehenden hinaus zu seinem Pferde. Der Jüngling hatte mit der Linken Zügel und Kammhaar erfaßt, sich in den Sattel zu schwingen, und streckte die Rechte zum letzten Lebewohl nochmals gegen die Begleiterin. Da vermochte das bisher so spröde Mädchen sich nicht mehr zu halten; zur Verwunderung aller Zuschauer hinter den Fensterscheiben umhalste sie den Freund, drückte einen herzhaften Kuß auf seine Lippen – und eilte schnell in das Haus zurück, auf ihre Kammer, dort den mühsam verhaltenen Tränen freien Lauf zu lassen. Denn Lieb‘ ist Leides Anfang, und wer konnte wissen, ob alle auch glücklich wieder aus dem Felde heimkehren würden?

Der Landsturmmann war rasch aufgesessen, hatte seinem Rosse beide Sporen in die Weichen gedrückt und war im scharfen Trabe davongeritten, gleich, als ginge es jetzt vor den Feind, und als müßte er mutig einsetzen sein Leben für Gott, für das Vaterland und alles, was darin lebte und liebte.

Oben auf der Höhe sah man ihn anhalten, um gegen das schon in der Abenddämmerung rauchende Wirtshaus im Tale noch einmal grüßend den Hut zu schwingen, denn am diesseitigen Giebelfensterlein winkte ja die Genossin seiner Schmerzen, seines Glücks, von welcher ihn das Schicksal zu scheiden zwang, in dem Augenblick, wo ihre Herzen für immer sich verkettet. Schon der nächste Tag brachte den Befehl zum allgemeinen Aufbruche. Die Landsturm-Trompeter gaben aller Orten die Signale, und von allen Bergen und Tälern zogen die Bewaffneten auf ihre Sammelplätze.

Am vierundzwanzigsten Mai des Jahres sechsundneunzig, wenige Stunden nach Mitternacht, begann Geschützfeuer zu erdröhnen im ganzen Rheintal von Basel bis Philippsburg. Diese Nacht hatte der republikanische Oberfeldherr bestimmt, den Übergang seines Heeres über den Strom zu erzwingen. Auf Stadt und Dorf Kehl, wo unser schwäbisches Kreiskontingent mit elf schwachen Bataillonen und zwei Reiterregimentern in langer Linie aufgestellt war, richtete der Feind seinen Hauptstoß. Kaum die Hälfte dieses Korps, wenig über dreitausend Mann, konnten hier auf dem bedachten Punkte den Franzosen entgegengeworfen werden. Um fünf Uhr des Morgens war man handgemein geworden, und noch fünf Stunden lang hatte das Häuflein sich gewehrt gegen die stets und stets wachsende Zahl der Feinde, sechshundert der Ihrigen auf der Walstatt gelassen und dann gegen das Gebirge hin sich zurückgezogen.

Der französische Oberfeldherr hatte die Kaiserlichen rheinabwärts gedrängt, und schon am vierten Tag stand ihm der Eingang in das Renchtal und somit nach Schwaben offen. Bei dem schwäbischen Korps hatte der Landgraf von Fürstenberg den Befehl übernommen (denn der alte Feldzeugmeister Stain war „erkrankt“), und diesem General gelang es noch, mit einigen Abteilungen seines Korps die Gebirgspässe des Kniebis und Roßbühl zu besetzen und so dem Feinde den Weg zu verlegen. Der Rest stand im Kinzigtal.

In der ersten Hälfte des Juli war am Ausgang des Bleichtales bei Herbolzheim und Wagenstadt der Landsturm zum ersten Treffen gekommen und hatte mit seinem Blute wenigstens Unerschrockenheit und den besten Willen bekundet, so daß ihm der General Fröhlich das Zeugnis ausstellen konnte, er verdanke den Sieg größtenteils der Tapferkeit der Landmiliz.

Bis herauf zu den Höhen des Schwarzwaldes hallte der Donner der Geschütze, und selbst in der Gegend des Laubhauserhofes konnte man deutlich die einzelnen Schüsse der schweren Stücke unterscheiden. Während die Alten in banger Spannung lebten und manch bekümmertes Gemüt im Gebet Hilfe suchte, lagen die Kinder draußen auf dem Rasen, das Ohr am Boden und vergnügten sich, die einzelnen Schläge des fernen Geschützdonners zu zählen.

Es war am vierzehnten Juli des Nachts, als der kaiserliche General Fröhlich in Villingen eintraf, welcher die Mannschaft dieser Stadt sowie jene aus Bräunlingen, Triberg und aus dem Nellenburgischen schleunigst nach den Gebirgspässen beorderte. – Mit Freuden war man diesem Befehle gefolgt, denn noch immer hielt man die kaiserliche Armee für unüberwindlich, trotz der vielen bedenklichen Nachrichten, welche man in neuester Zeit vernommen. Doch gab es auch Weiterblickende, denen ein trübes Vorgefühl nicht das Beste prophezeite. Indessen, man marschierte aus, ward in den Dörfern einquartiert, hielt einige Pässe und Höhepunkte besetzt und harrte des Verlaufes der Dinge.

In Hüfingen wie im ganzen Fürstenbergischen war es zu keinem Landsturmaufgebot gekommen; man sprach wohl allgemein davon – und namentlich freute sich der Zollbereiter, wenn in der Abendgesellschaft beim Verwalter davon die Rede war, daß sein Vorschlag einer Bürgerbewaffnung nun doch zur Ausführung komme – allein zur Organisation war es zu spät.

Hieronymus hoffte vergeblich auf einen Ausmarsch; er hatte sogar Lust, in des Kaiserzollers Kompanie als Freiwilliger einzutreten, aber sein Meister und auch Severin rieten ab.

In diese Zeit allgemeinen Kriegslärms fiel auch der Tod unseres Tambours Gsell – der Himmel wollte dem alten Veteranen den Schmerz ersparen, ein kaiserliches Heer retirieren zu sehen.

Des Kaiserzollers Kompanie stand bei St. Georgen auf der Sommerau, und hatte sich in einem alten Gemäuer gelagert. Von nordwärts her hörte man deutlich Kleingewehrfeuer, und Geschützschüsse tönten aus allen Tälern herauf. Ein paar junge Burschen standen als Schildwachen auf den Mauer-trümmern. Im Innern aber lagerte ein Teil der Mannschaft an einem lustigen Feuer, wobei der alte Büchsenmacher aus dem Tribergischen mit Kugelgießen beschäftigt war. Bei jeder blauen Bohne, welche der alte Kauz aus dem Kugelmodel klopfte, murmelte er einige Verwünschungen über das Avancieren der Franzosen und das Mißgeschick des Reichsheeres.

Philipp, den Kopf auf die Hand gestützt, lag nachdenklich abseits, und ich glaube, daß er mehr an des Felsenwirts nettes Töchterlein gedacht als an die Zustände des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Der Hauptmann Kaiserzoller aber ging unruhig auf und ab. – Es dunkelte bereits, das Schießen hatte aufgehört, allein es war unverkennbar, daß der Feind wieder Boden gewonnen habe, daß nicht nur der Kniebispaß, sondern wahrscheinlich auch der Höllenpaß bereits in seiner Hand sein werde. „Wenn sie jetzt nit kommen, so ist ihnen was passiert“, fing endlich der Hauptmann an, indem er stehenblieb. „Entweder sind sie weiter als Mönchweiler oder sie sind am End gar schon den Bündelbuben (den Franzosen) in die Händ‘ g’fallen“, war die Ansicht des Haldenbauers. „Ah“, beruhigte der Büchsenmacher, „so g fährlich steht die Sach‘ noch nit – dem Schießen nach ist noch kein Französle über Schiltach hoben – und wenn auch – sorg nur keiner für den Husarenseppel, der ist ein alter Soldat und kennt die Schlich!“

In dem Augenblick hörte man von außen Stimmen und zugleich auch den Buben, welcher als Lauerposten auf der Mauer stand, herunterrufen. Alle Blicke wendeten sich nach dem Eingang, wo man auch alsobald die beiden auf Kundschaft ausgesendeten Männer, von welchen bisher die Rede gewesen, hereinschreiten sah. Der eine trug zu seinem bäuerischen Anzug noch eine verbleichte Husarenjacke, auf der Schulter aber ein Kommißgewehr nebst großer Patrontasche. Es war der Husarenseppel, der sich wirklich zu dem bevorstehenden Feldzug mit dem Rest seiner ehemaligen Soldatengarderobe herausstaffiert hatte. Sein Begleiter, der Pariserschneider mit sorgfältig gewickeltem Zopf, trug auf der Schulter einen langen Nachtwächterspieß und in der Rocktasche eine mächtige Reiterpistole.

„Das war beim Dunder e g’fährliche Kommission“, platzte der Schneider sogleich heraus. „Ich hab nimmer glaubt, daß wir“ -, doch war es ihm nicht vergönnt, die Phrase zu vollenden, denn mit den Worten: „nur g’stät“, schob ihn der Husarenseppel alsbald zur Seite, trat mit militärischem Gruß steif vor den Hauptmann hin und rapportierte ordonnanzmäßig ungefähr folgendes:

In Mönchweiler hätten sie die Villinger nicht mehr angetroffen, und man habe dort ihnen berichtet, daß sie nach Fischbach marschiert wären, und so hätten sie beide auch den Weg dahin eingeschlagen und die Leute richtig getroffen. Von dem Hauptmann, Syndikus Handtmann, hätten sie nun vernommen, daß des Tags zuvor zweihundert Mann von Stockach zu ihnen gestoßen waren. Der Syndikus und der Stockacher Hauptmann hätten sich dann bei dem österreichischen Kommandanten zu Fischbach gemeldet und diesem ihre Leute zur Verfügung gestellt. Der Offizier aber habe ihnen bedeutet, sie möchten mit ihren Leuten in Gottes Namen wieder heimziehen, denn so, wie die Sachen jetzt stünden, wisse er sie nicht mehr zu gebrauchen.

Dessen aber hätten sich die Landsturmmänner entschieden geweigert. Nun seien heute um Mittag die angesehensten und ältesten Männer von Villingen zu ihnen hinausgekommen, um sie zum Heimgehen zu vermögen, und dazu hätten sie sich endlich auch entschlossen. „Und so bleibt uns denn auch nix anders übris“, schloß die Meldung, „als in Gott’s Name den Villingern nachzumachen und umzukehren. – Die Kappe ist, wie ich merk, verschnitten!“ – Dieser Rat erwies sich wirklich auch als der beste, denn am andern Morgen sah man, daß die Nachhut der kaiserlichen Truppen vor Tag schon aus der Gegend abmarschiert war.

An manchen Herd, in manche Hütte war mit den heimkehrenden Wehrmännern die Ruhe wieder eingezogen, die bange Sorge entflohen. Aber auch manche frühzeitig zur Witwe gewordene Gattin saß da im dumpfen Schmerze; mancher Mutter Tränen flossen um den gebliebenen Sohn, und viele Herzen waren noch die Beute nagender Ungewißheit.

Es waren überhaupt Tage der Verwirrung und Bestürzung. Der fürstliche Hof zu Donaueschingen hatte sich nach der Schweiz geflüchtet, nachdem vorher das Wertvollste aus dem Archiv dorthin gebracht und das Kupfer und Zinngeschirr aus der Schloßküche an einer tiefen Stelle in die Donau versenkt worden war. – Solche Beispiele sind ansteckend, weil die Leute selten den Unterschied der Beweggründe bedenken noch die Mittel zur Ausführung.

Auch in Hüfingen war die Lust zum Auswandern eingerissen. Beim Verwalter wurde die Sache beraten; man wollte wenigstens Frauen und Kinder in Sicherheit bringen. Allein noch keine Tagreise war gemacht, als das Gefühl der Ratlosigkeit schon über alle gekommen. Jedes lernte einsehen, was es heiße, Haus und Hof so übereilt zu verlassen – und so zog man in Gottesnamen wieder heim. Doch wurde das Vieh in die Wälder geflüchtet.

An die Beamten war die Weisung ergangen, auf ihren Posten standhaft auszuharren. Aber auch sie wollten nicht versäumen, ihre beste Habe in Sicherheit zu bringen. Also geschah es auch im Hause des Rats; und Hieronymus wurde vom Meister Amtsdiener beordert, der Familie beim Geschäft an die Hand zu gehen. Während der Amtsdiener nächtlicherweile bemüht war, in einem Winkel des Hausgartens eine Kiste mit Silber und Wertsachen zu verscharren, half Hieronymus der Base Annakäther und Fräulein Helene bei Verpackung des Weißzeugs und anderer Sachen, die man mit Beihilfe eines Knechtes unter dem Kommando der Frau Rätin oben auf dem Speicher unter den Trümmern eines alten Kachelofens versteckte.

Mit Severin war Hieronymus, nachdem das Geschäft beendet, spät in der Nacht noch vor das Tor gegangen. In den Gassen, die sie durchschritten, herrschte Unruhe, alles lief hin und her, und niemand wollte sich dem Schlaf überlassen. Die Männer, welche in Gruppen vor dem Tore standen, wollten bestimmt wissen, die Vorposten der Franzosen stünden bereits schon herwärts von Kirchdorf und Klengen. – An der „Länge„, vom Wartenberg bis zum Fürstenberg hin, sah man Wachtfeuer brennen vom Lager, welches die Condéer und die Kaiserlichen dort geschlagen. Allgemein wurde eine Schlacht befürchtet. – Ein Reiter kam dahergetrabt. Man drängte sich um ihn, fragend nach dem Stand der Dinge. Richtig, die Franzosen hatten Villingen besetzt, der ganze Marktplatz, berichtete der Mann, liege voll Soldaten, stehe voll Kanonen.

Aber schon im Laufe des folgenden Morgens traf die Nachricht ein, die Kaiserlichen hätten ihr Lager aufgehoben und ihren Rückzug fortgesetzt. Bald nachher rückte der Feind in Donaueschingen ein und besetzte auch die Amtsstadt. Die „Erleichterungen“, von welchen der Fohrlenbacher gesprochen, nahmen ihren Anfang. – Zum Glück konnten die brandschatzenden, hungrigen und durstigen Brüder nicht lange in der Gegend verweilen; schon nach drei Tagen zogen sie wieder ab.

Von dem Kreiskontingente wußte man nur wenig Sicheres. Daß dasselbe bedeutend zusammengeschmolzen, namentlich durch den Abzug der Württemberger, war gewiß. Indessen gelangten durch sichere Boten Briefe aus dem Hauptquartier des Landgrafen von Fürstenberg nach Donaueschingen. Durch sie hatte man erfahren, daß das Korps am achtzehnten und neunzehnten Juli sich noch bei Haigerloch und Rottenburg geschlagen, daß man aber durch die Reichsstände zu Augsburg Befehl erhalten habe, nach Biberach zu marschieren.

Bald jedoch waren die Vorgänge bei Biberach kund geworden; sie machten großes Aufsehen, denn daß die braven Soldaten durch Kaiserliche selbst entwaffnet worden, schien unbegreiflich. Man wußte eben nicht, daß es ein Gebot der Not und Vorsicht war; denn Erzherzog Karl wußte, daß viele Reichsstände geneigt waren, separat mit dem französischen Oberfeldherrn zu unterhandeln, so wie andererseits das Gemunkel von einer Schwäbischen Republik (auf welche gewisse Professoren bereits Subskribenten sammelten) auch zu seinen Ohren gekommen sein mußte.

Einige Wochen später kamen einzelne fürstenbergische Soldaten zurück, und man erfuhr in Hüfingen, daß eine größere Abteilung von Geisingen her im Anmarsch wäre. Große Aufregung entstand darob im Städtlein, und viele hatten sich auf den Weg gemacht, ihnen bis zum Hexenberg entgegenzueilen.

Der Hüfinger Hexenberg war vermutlich dort, wo jetzt der Bauhof steht.

Hieronymus war sogleich aus seiner Werkstatt fort zur Base gelaufen, ihr die Neuigkeit zu bringen. Die Nachricht schlug der guten Frau so in die Glieder, daß sie sich setzen mußte und nicht vermochte, dem Gatten entgegenzugehen. Hieronymus eilte allein hinaus und hatte die Kolonne bald erreicht, wenn man einen Haufen abgerissener, schuhloser, mit Stöcken bewaffneter Soldaten also nennen darf. Aber wie auch der Lehrling mit suchendem Auge den Zug musterte – den Feldwaibel sah er nicht. Mit banger Ahnung fragte er einen der alten Grenadiere.

„Der Feldwaibel“, hieß es, „ist in Möhringen zurückgeblieben, er ist malad! Ist aber auch kein Wunder, der Ärger und Verdruß ist mehr als die Strapaz! Sechsundzwanzig Tag hintereinander in der Bataille – und zuletzt so. – Der gemeine Mann hat seine Schuldigkeit getan; bei meiner Seel, so lang das Deutsche Reich existiert, ist’s nit erhört worden!“

Der Grenadier hatte recht berichtet; der Meister Amtsdiener, noch einige Freunde, Frau Annakäther, welche jetzt nimmer aufzuhalten war, hatten alsobald ein leichtes Fuhrwerk genommen, waren damit nach Möhringen geeilt, und hatten auch den Veteranen glücklich und in leidlichem Zustande dort aufgefunden. Es war schon dunkel, als sie zurückkehrend, hinter der Stadtmauer weg, zum Petertörlein hineinfuhren, denn der Feldwaibel wollte nicht bei Tag vor aller Augen in das Standquartier einziehen – ohne Mannschaft und Waffen.

„Ja, den Kaiserlichen haben wir bigott selber die G’wehr lassen müssen“, ergänzte ein Kreisdragoner, der sich statt des Gaules mit einem unterwegs geschnittenen Weißdornstock forthalf, „und die Condéer, hol’s der Teufel, haben uns noch die Gäul g‘ nommen – was haben wir machen können? – Die mögen’s verantworten, die schuld d’ran sind.“ Die Umstehenden waren wenig erbaut von diesen Reden. Hieronymus hielt sich nicht dabei auf, sondern eilte, soviel er vermochte, seine, wenn auch nicht freudige, doch immerhin beruhigende Botschaft der Base zu verkünden.

Der alte Soldat hatte Tränen vergossen, als die Mannschaft das Gewehr strecken mußte, so erzählten später noch Leute seiner Kompanie. Es war die schmerzlichste Wunde, welche dem getreuen Kämpen in seinem Leben geschlagen worden.

Eine Episode soll hier aber noch ergänzt werden:

Auf der Hüfinger Kälberweide wurde am 21. August 1796 ein Soldat des ungarischen Infantrieregiments Benjofsky gehängt, weil er ein Komplott zur Desertion angezettelt haben sollte. Die anderen Beteiligten wurden durch die Spieße gejagt. Der hingerichtete war erst 21 Jahre alt und vom Hüfinger Scharfrichter gefoltert und gehängt worden. Ein ganzes Bataillon war zur Exekution ausgerückt.

Hüfinger Chronik von August Vetter (1984)

Aber auch viele Steuerpflichtigen hätten weinen mögen – über die nachfolgenden Umlagen. Denn über zweimalhunderttausend Gulden hatte der Durchzug das Land gekostet; und zwölf Millionen Franken waren der Preis, um welchen der Schwäbische Kreis seinen Waffenstillstand hat erkaufen müssen – nicht mit eingerechnet die bedeutenden Geldgeschenke, die einzelne Generäle und Kommissäre eigens noch für sich verlangt hatten.

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Das Wiedersehen
Bedenkliche politische Neuigkeiten
Einquartierungen

Hieronymus Kapitel 17

Vetter Hans Zerg, s’dunneret, s’dunneret ehnen am Rhi-Strom, und es git e Wetter! I wott, es zög si vorüber.
>Johann Peter Hebel

Das Wiedersehen – Bedenkliche politische Neuigkeiten
Einquartierung

Kehren wir nach dieser Abschweifung wieder zu unserm Freunde Hieronymus zurück. Hohe Zeit wird es sein, wollen wir anders Zeuge sein seines Erwachens aus dem tiefen Schlaf, worin wir ihn verlassen. Jedenfalls sind wir nicht mehr die ersten im Hause; denn, mochte es Ahnung gewesen sein oder sonst eine verwandte Stimmung, genug, als kaum der Tag zu dämmern begann, war die erst wieder genesene Mutter vom Lager aufgestanden und nach einigem Herumgehen im Hause in die obere Kammer getreten, wo sie ihren Hieronymus ausgestreckt auf dem Strohsack liegen sah.

Verwunderungsvoll blieb sie stehen bei diesem unverhofften Anblick, still die Hände über der Brust gefaltet. – Eine fröstelnde Morgenluft drang durchs offene Fenster; sie fühlte es, wendete sich geräuschlos zu dem Kleiderkasten, dort den alten Mantel ihres Mannes vom Nagel zu nehmen und ihn vorsichtig über den Schlummernden zu breiten. Als es geschehen, ohne den Jüngling zu wecken, war sie, auf den Zehen trippelnd, wieder davongeschlichen. – Die wohltuende Wärme hatte den Schlaf länger auf den Augenlidern des Müden festgehalten, und er erwachte erst, als in und außer dem Haus schon alles lebendig war. – Es bedurfte einer Weile, bis die sinnenden Gedanken sich zurechtfanden; erst heftete er den Blick wie forschend an die Holzdecke des Gemaches, dann auf den schützenden Mantel – der Nachtmarsch, die Landfahrer, war das alles ein Traum gewesen?

Gedanken folgen sich schneller, als die Zunge sie auszusprechen vermag, und es bedurfte keines zweiten Blickes auf die Umgebung, um dem Erwachenden klarzumachen, daß jene Vorgänge Wahrheit und er wirklich im Vaterhause angekommen sei. Aber auch diesen Gedanken vermochte er noch nicht mit voller Freudigkeit zu erfassen, denn noch regte sich das gestrige Bedenken. Wie war er angekommen? Schon nach dreiviertel Jahren bei Nacht und Nebel, fast wie ein Dieb. – Wo blieb der gemachte Mann, den alles bei der Heimkehr heimlich beneiden und anstaunen würde, wie ihm der Zauberspiegel seiner Phantasie so oft vorgemalt? Ein halb ausgelernter Lehrling und weiter nichts war er noch. Ja, wenn er sich außer dem Hause nur sehen lassen wollte, mußte vorerst die Nähnadel der Mutter in Anspruch genommen werden, denn der bewußte blautuchene Sonntagsrock, welchen er beim Abmarsch angetan, hatte durch die Hecken, Dornen und Felsen der Wildnis zu große Unbilden erfahren.

Doch soviel war unserem Freunde im Leben bereits klargeworden, daß jeglicher von seinen Wünschen und Hoffnungen ansehnlichen Rabatt verwilligen müsse, weil die Wechsel, die wir selbst in jugendlicher Erwartung auf die Zukunft ausstellen, von der Wirklichkeit selten nach ihrem Nennwerte honoriert werden. – Aus diesen Träumereien riß ihn der Klang einer Mädchenstimme, welche er unter tausenden erkannt haben würde und welche fragte, ob denn Hieronymus noch nicht erwacht sei. Rasch fuhr er auf, ordnete eilig das Nötigste an seinem Anzug und war dann mit ein paar Sätzen unten.

Herzlich grüßten sich Mutter und Sohn; die erstere hatte längst erraten, daß der Besuch nur ihrenthalben eingetroffen, und dem Sohne zeigte das Aussehen der Mutter, daß ihre Gesundheit so ziemlich wiedergekehrt wäre.

„Ich wollt nit haben, daß dir der Vater was von meinem Anfall schreiben sollt“, sagte die Mutter.
„Aber welcher gute Geist hat denn heut nacht den Mantel über mich gebreitet und Euch und der Florentina da meine Ankunft gemeldet?“ fragte lächelnd der Sohn.
„Deine Ankunft?“ erwiderte die Mutter scherzhaft, „mein kleiner Finger hat mir’s g’sagt, und der Florentina hat’s träumt – nit wahr, Florentina?“ Als aber der Jüngling sich jetzt gegen diese wendete, denn diese war die Fragerin, sie zu begrüßen, schien er verlegen, fast schüchtern. Florentina, die, wenn auch ferne, im Bilde seiner stillglühenden Gedankenwelt die traute Gefährtin all seines Tuns und Lassens gewesen, stand vor ihm in ihrer früheren unwandelbaren Freundlichkeit, nur dünkte ihn, ihre Mienen seien ausdrucksvoller, ihre Augen noch schöner geworden; dem ungeachtet vermochte der junge Mann den alten Ton der Zutraulichkeit nicht wiederzufinden. – Das Wiedersehen hatte ihn froh, aber einsilbig, fast stumm gemacht. – Florentina schien es zu bemerken; auch sie blickte wortkarg vor sich hin – und schied, indem sie die Erwartung aussprach, daß er auch ihnen drüben im Hof gleich einen Besuch machen werde.

Vom Vater Mathias, der inzwischen eingetreten, wurde dann sogleich eine Art Programm entworfen, zur Feststellung der Reihenfolge, wie die Besuche des Ankömmlings aufeinander zu folgen hätten; denn ein Verstoß gegen die Etikette in diesem Punkt wär auf dem Laubhauserhof so gut wie an jedem andern Hof übel vermerkt worden. „Es wird notwendig falle“, meinte der Vater, „daß wir zuerst nübergehe in den Hof; darnach zum Herrn Pfarrer, dann zum Stabhalter, und dann kannst du noch zum Lehrer Bachweber dich begeben.“

Vom Lehnsherrn, dem man somit die erste Aufwartung machte, wurden sie in gewohnter trockener, mitunter sarkastischer Manier empfangen. Als Hieronymus auf die Frage, ob er nun bald alles gelernt hab, von den Schwierigkeiten seines Faches zu reden angefangen, äußerte der Bauer: „’s ist e Sach, wenn einer en Herr werde will!“ Er – wie der Vater des Kaplans zu Hüfingen – hielt außer der Landwirtschaft und den notwendigsten Handwerken alles andere für Herrengeschäfte, d. h. eigentlich für gar keine.

Hieronymus war so klug, den Stich nicht fühlen zu wollen; er wußte ja, daß es so bös nicht gemeint sei; zudem blickte ihn bei jedem Trumpf, den der Alte ausspielte, ein schönes Augenpaar so freundlich und beweglich an, als wollte es abbitten und entschuldigen des Vaters – Unhöflichkeit. – Der Laubhauser, nachdem seine Grillen wegen des „Obenauswollens“ versummt hatten, wurde glimpflicher, und er befahl der Tochter, eine Flasche Wein zu holen. Die Bäuerin aber kam mit einem hölzernen, appetitlich beladenen Speckteller und einem Laib Brot daher und nötigte den Gast zum Sitzen.

Mittlerweile war die Ankunft des Lehrlings in der Nachbarschaft bekanntgeworden, und es kamen Bachweber, der Fohrlenbacher und zuletzt auch der Stabhalter herbei – weniger um ihn zu begrüßen, als um von ihm Neuigkeiten zu hören aus der Stadt. Allgemein sprach man zur Zeit von einer Kriegserklärung der Mächte gegen Frankreich; ja, es hieß, es sei dies bereits schon geschehen und Befehl zum Ausmarsch der Reichsvölker gegeben worden.

Hieronymus war in der Tat in der Lage – obwohl sein Sinn just auf ganz andere Dinge stand als Kriegserklärungen -, aus bester Quelle Auskunft zu geben; hörte er doch immer das Neueste vom Feldwaibel und auch vom Meister, die stets noch regelmäßig die Abendgesellschaft beim Verwalter besuchten, wo bekanntlich die Zeitung gehalten wurde. – „Der Feldwaibel“, berichtete er, „hat mir letzthin anvertraut, daß die Ordre zur Ausrüstung der Kreistruppen schon gegeben sei. Und in der Zeitung steht, daß der Kardinal Rochan zu Ettenheim eine ganze Armee von französischen Edelleuten aufg’stellt hab, daß die Patrioten aber ihr ,Friede den Hütten und Krieg den Palästen‚ nächstens au bei uns proklamieren wolle.“ „s ist richtig!“ bestätigte der Fohrlenbacher, „mein Student hat’s gestern ebenfalls heimbracht. – Aber er meint, der gemeine Mann bei uns werd sich nix Übles von ihne zu versehe habe; sie kämen nur, um uns zu helfen und zu erleichtern.“

Kardinal Rochan zu Ettenheim, oder besser Kardinal Louis René Edouard de Rohan-Guémené war 1785 Akteur in der Halsbandaffäre am französischen Hof .

1790 nimmt Kardinal de Rohan im Straßburger Amtshaus (dem Palais Rohan) Residenz. Er versammelt hier eine konterrevolutionäre Armee. Ettenheim ist zeitweise Straßburger Bischofssitz. Er muss dann aus seinen linksrheinischen Besitzungen fliehen.

Kardinal Louis René Edouard de Rohan-Guémené

Friede den Hütten! Krieg den Palästen!

Der sogenannte Koalitionskrieg war der erste Krieg einer großen Koalition zunächst aus Preußen, Österreich und kleineren deutschen Staaten gegen das revolutionäre Frankreich zwischen 1792 und 1797 zur Verteidigung der Monarchie.
Die Markgrafschaft Baden war seit dem 23. November 1792 von der Reichsversammlung aufgefordert ihr Kontingent für die Reichsarmee zu stellen. Baden war Mitglied des Schwäbischen Reichskreises. Seit 1681 besagten die Reichsmatrikel, wie groß die Kontingente der verschiedenen Reichskreise zu sein hätten. In Baden stellte 1792/93 die untere Markgrafschaft 10700, die obere rund 6000 Mann, die mit dem österreichisch-breisgauischem Kontingent in die österreichische Oberrheinarmee eingegliedert waren. Dieses Landaufgebot wurde als militärisch wenig kampfstark angesehen und fand hauptsächlich als Besatzung der rechtsrheinischen Reichsfestungen Kehl und Philippsburg (Speyer) Verwendung (aus Wikipedia)
Allerdings scheint hier Lucian Reich deutlich vom Vormärz und von Georg Büchner (1834) beeinflusst zu sein.
Guerre aux châteaux! Paix aux chaumières! war der französische Schlachtruf und wird dem französischen Schriftsteller Sébastien Roch Nicholas Chamfort zugeschrieben. Büchner erst hat den Ruf sozusagen umgedreht Paix aux chaumières! Guerre aux châteaux!

„Freili werde sie uns erleichtern!“ warf der Stabhalter spöttisch ein. „Grad so, wie sie uns in de vorige Kriegen Erleichterung verschafft haben!“ „Diesmal werd es anderst komme, meint der Romulus“, entgegnete mit Nachdruck der Fohrlenbacher.
„Anderst?“ fragte hitzig der Stabhalter.
„Hab erst gestern e Schreiben bekomme, worin es steht, wie sie’s sogar den eigene Landsleut drübe machen. Da schreibt mir ein G’schäftsfreund, wie sie im Elsaß den Bürgern die Häuser niederreißen und abbrennen und sie mit Gewalt dann zur Schanzarbeit fortschleppen. – Und so und noch ärger würden sie’s auch bei uns mache!“ schloß der Stabhalter, der als rechnender Geschäftsmann der Meinung war, die besten Händel seien kein‘ Batzen wert.
„Wird diesmal nit so weit kommen“, sagte Bachweber mit Zuversicht.
„Es muß einer die kaiserliche Armee nur kenne, so wie ich sie kenn, aus der Zeit, wo ich noch beim Regiment gewesen bin.“
„An der ganze G’schicht“, nahm der Laubhauser aufgebracht das Wort, „ist nix anders schuld als die neu freidenkisch Lehr. Wir haben au bei uns so Patriote, die nur drauf warte, bis geteilt und alles gleichg‘ macht wird. Hab erst kürzlich von reisende Handwerksbursche g hört, daß sich die freidenkische Professoren in Freiburg und in Mainz schon lange Bärt wachse ließen und Reden einstudiere täte, um die französische Patriote, wenn sie komme, hübsch ordeli begrüße zu könne!“

Kaiserliche Truppen

Hiermit ist die Habsburgische Armee –HRR– gemeint. Das Haus Habsburg-Lothringen stellte bis nach dem Tod Kaiser Franz‘ I. Stephan von 1765 bis 1806 die Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation.

Ein kaiserlicher Kürassier im Polnischen Thronfolgekrieg vor Philippsburg 1734 („Jung-Savoyen“ – Zeitgenössische Gudenus-Handschrift) Foto: Wikipedia

„Was werde wir nit alles noch erlebe müsse!“ jammerte Mathias. – Sein Sohn aber, der fröhlicher in die Zukunft schaute, unterhielt sich unterdessen angelegentlich mit der Mutter und Tochter, die ihn freundlich zum Essen und Trinken nötigten. Zwischen ihm und Florentina hatte sich bald die frühere Unbefangenheit wieder geltend gemacht. Hieronymus erzählte von seinen Arbeiten und Erlebnissen in der Stadt und ließ sich dann von dem Mädchen ausführlich berichten, was es seitdem Neues hier im Tale gegeben. – Er hatte zum Besuch im Hof das bewußte rotgesäumte Halstuch umgetan, mit dem er sonst nur an Festtagen Staat zu machen pflegte; und als er bemerkte, wie der Freundin Augen während des Gesprächs öfter an dem hübschen Tüchlein hafteten, ergriff er das volle Glas, um mit einem freudigen „Florentina, ich bring dir’s!“ anzustoßen. Und während sie lächelnd Bescheid tat – und Hieronymus dann auch mit der Bäuerin Gesundheit trank -, hatten auch die Männer die Gläser wieder zur Hand genommen, um angesichts der drohenden Kriegsgefahr hoch den Frieden leben zu lassen.

Drei Tage verblieb der Sohn im Elternhause; es wurde ihm viel Ehre angetan; der Herr Pfarrer, der Stabhalter, sogar der Laubhauser hatten ihn zu Gaste geladen. Letzterer freilich nicht aus eigenem Antrieb, vielmehr auf Andringen der Bäuerin, welche es für schicklich hielt und gegen die andern nicht zurückbleiben wollte.

Wieder zurückgekehrt nach der Stadt, war es nun des guten Sohnes eifriges Anliegen, sein Gelübde zu erfüllen. Zunächst war das beschädigte Muttergottesbild auf dem Blechtäfelein wiederherzustellen oder vielmehr neu zu malen. Figuren in Öl zu malen hatte der Lehrling bisher noch wenig versucht. Doch war ihm einige Mal die Gelegenheit zuteil geworden, im Auftrag seines Meisters die Werkstatt des Hofmalers Weiß in Donaueschingen zu besuchen und dort dem Meister bei der Arbeit zuzusehen. Ein natürliches Geschick und guter Wille waren ihm treffliche Beistände, und so kam immerhin etwas zustande, was sich sehen lassen durfte.

Vom F.F. Hofmaler Franz Joseph Weiß (*15.02.1735 Hüfingen – 14.06.1790 Donaueschingen) aus Hüfingen sind in St. Johann einige Gemälde zu besichtigen seien und er hat die Fahne der Jakobusbruderschaft gemacht. Die Jakobusfahne wird an Fronleichnam bei Prozessionen mitgeführt und begegnet uns in Kapitel 23 nochmals.

Fahne der Jakobsbruderschaft

Nach Severins Rat hatte Hieronymus sich einen kleinen Kupferstich, „Maria vom guten Rat“, zum Muster genommen; und als das Bildchen fertig war, machten die beiden Freunde eines Morgens sich ungesäumt auf den Weg, es an seine Stelle zu bringen. Der Steinmetz hatte sich mit Schlegel, Zweispitz und dem übrigen Benötigten versehen, und nach wenig Stunden tüchtiger Arbeit stand der umgeworfene Stein wieder auf festgemauertem Fundamente. Das Votivbildchen schimmerte in erneuter Schönheit aus seiner Vertiefung, und noch manches Jahr nachher verrichtete der Wandersmann, welchen sein Weg vorüberführte, in Andacht sein stilles Gebet davor.

So ruhig, friedlich wie bisher sollten aber die Lehrjahre unseres Freundes nicht mehr lange verlaufen, denn die Stürme, welche vorerst nur am Niederrhein und bis hinab nach Holland getobt, nahmen jetzt auch ihre Richtung nach den bisher so stillen Gauen des Oberrheins und Schwarzwaldes. Daß der Reichstag wirklich den Krieg erklärt habe, daß das alte Räderwerk einer Reichsarmee noch einmal in Gang gesetzt werden sollte, daß die Kreiskontingente mobil, d. h. marschfertig gemacht werden müßten, das war nach und nach für jedermann eine Gewißheit. Und wollte es manchem auch noch unglaublich vorkommen, so mußte dieser Unglaube weichen, als bald nachher längs der ganzen Heerstraße, von Engen, Geisingen bis ins Höllental, kaiserliche Einquartierung angesagt wurde.

Seit einem Menschenalter hatte man in diesem Gebirgswinkel Deutschlands keine kaiserlichen Soldaten mehr gesehen. Die ganze Umwohnerschaft, jung und alt, war ihnen entgegengeeilt, als es hieß: Sie kommen! Auch Hieronymus mit seinen Bekannten stand an der Landstraße, um den ersten Zug dahermarschieren zu sehen. Da wendete sich ein alter Dragonerwachtmeister, welcher am Ende der Vorhut ritt, lächelnd den gewichsten Schnurrbart streichend, gegen die Gaffer mit den Worten:

„O liebe Leutl, werdet Soldaten noch g’nug z’sehen kriegen; werd’t uns bald nimmer nachlaufen!“

Man weiß, wie richtig diese Prophezeiung eingetroffen ist; denn Welle auf Welle flutete der Kriegsstrom daher. Selbst der Laubhauserhof bekam ungebetene Gäste. – Eines Morgens sah der Bauer sein Haus besetzt von einem Trupp wildfremder Kameraden mit langen Flinten, langen Messern im Gürtel und rote Mäntel über der Schulter.

Ohne viel Umstände hatten sie sich’s bequem gemacht, und der Hofbauer konnte jetzt mit Recht sagen: ich bin nimmer Meister. – Bald waren die Nachbarn einig, daß dies Rotmäntler seien, von welchen ihnen die Großeltern so Unerbauliches aus den vorigen Kriegen erzählt. Der Laubhauser aber tröstete sich in dem Gedanken, daß er, in kluger Voraussicht der kommenden Gefahr, vor einiger Zeit schon seine Kronentaler vergraben habe, im Garten hinter dem Immenhäusle. „Der Teufel ist en Schelm“, hatte er zur Bäuerin gesagt, „ich trau nit.«

Daß allerdings wenig Grund zum Trauen vorlag, konnte der gute Mann schon nach einer Stunde merken an gewissen Lücken in den Vorräten der Speckkammer und des Hühnerstalls sowie an mangelnden Wäschestücken, welche am Hag zum Trocknen aufgehängt waren – obwohl er seiner Einquartierung an Speis und Trank nichts hatte abgehen lassen. – Als die unheimlichen Gäste des Guten ein Genüge getan und sich unter dem großen Apfelbaum aufs Ohr gelegt, schlich der Laubhauser hinüber zum Fohlenbacher, den er in Welthändeln für einen erfahrenen Kopf hielt. Aber auch diesem lag das Haus voll seressanischen Volkes, und er wußte in der Tat wenig Trost als höchstens: er hab es schon lang vorausgesagt, daß es so kommen werde. – Die Kinder aber waren unterdessen an den Zaun geschlichen, wo die braunen, schwarzhaarigen Gesellen wie Katzen im Sonnenschein auf dem Rasen lagerten.

Der Begriff „Rotmäntler“ bezieht sich auf die Seraschaner. Die Sereschaner, eine aus Südslawen gebildete Heerestruppe des Österreichischen Militärs, hatte rote Mäntel an und die markanten Schnauzbärte.

Seressaner (Internetfund)

Kurze Zeit nachher gab es wieder andere Gäste, die Condéer; aber das Betragen dieses Emigrantenkorps wollte den Leuten noch weniger gefallen als das der Rotmäntel. – Der Meister des Hieronymus, sonst ein äußerst konservativ gesinnter Mann, sagte einmal zu seinem Lehrling: „Jetzt kann ich mir das schreckliche Gericht, welches über die Vornehmen drüben gekommen ist, einigermaßen erklären!“ – Einst hatten sie einen dieser Emigranten, der zwei Söhne bei sich hatte, im Quartier; die Meisterin mußte ihnen weichgesottene Eier mit Weißbrot bringen; als jedoch die Frau sehen mußte, wie die jungen adeligen Herren nur die Kruste der Brötchen verspeisten, das Weiche aber zum Fenster hinauswarfen, ohne daß der adelige Herr, ihr Vater, sie daran gehindert hätte, entsetzte sich das gute Weib ob dieser „Sünde“. – Als sie jedoch gleich darauf von einem der jungen Kavaliere in gebrochenem Deutsch gefragt wurde, ob denn ihr Kind, dem sie eben Brei im Pfännchen gebracht, auch schon eine Zunge habe, mußte sie wieder lachen über solch grasse Unwissenheit. – Spät in der Nacht verlangten sie dann vom Hausherrn, er solle ihnen einen Wegweiser verschaffen bis an die Schweizer Grenze; der Meister bestimmte seinen Lehrling dazu, der dann erst am andern Morgen wieder zurückkam – mit einem Goldstück beschenkt. Es war das erste gemünzte Gold, welches in seinen Besitz kam. Der Meister gönnte ihm den Fang von Herzen, meinte aber, wenn es mit der Kampflust der übrigen bestellt sei wie bei diesen, so werde das Korps nicht viel ausrichten.

Während dieser Vorgänge war auch das Fürstenbergische Kontingent auf den Kriegsfuß gebracht worden. Werbeplätze wurden aufgetan im ganzen Schwäbischen Kreis und die Mannschaften vollzählig gemacht; es kostete jedoch Anstrengung, das durch die lange Friedenszeit fast eingerostete deutsche Schwert aus der Scheide zu ziehen.

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Unserm Feldwaibel zu Hüfingen, welcher so manche Kapitulation ausgedient, wäre jetzt ein ehrenhafter Rücktritt in das Invalidenkorps offengestanden, allein das vermochte der alte Soldat bei bevorstehendem Feldzug nicht über sich zu bringen. Von vornherein war er entschlossen, noch einmal für Kaiser und Reich sein Leben in die Schanze zu schlagen.

Was ihm am meisten naheging, war, daß er diesmal den Feldzug ohne seine getreue Annakäther mitmachen mußte. Nicht an dem Willen der Hausfrau lag dies, denn mit Freuden wäre sie auch diesmal noch dem Manne ins Feldlager gefolgt, aber es war lange her seit dem Siebenjährigen Krieg, das Alter forderte bei dem Weibe unerbittlich sein Recht.

Die Mannschaft war ziemlich bald vollzählig. In der Rheinebene sollte das schwäbische Kontingent sich sammeln. Aber die einzelnen Abteilungen, welche dort anlangten, mußten zuerst gleichmäßig uniformiert, zum Teil zweckdienlicher bewaffnet werden. – Der Sommer ging darüber hin, bis das Korps mit dem Nötigen versehen, bis einige Ordnung und Gliederung in die unzusammenhängende Masse gebracht war und man es unternehmen durfte, dieselbe gegen den Feind zu führen.

Dem Feldwaibel waren bei solchen Zuständen alle Hände voller Arbeit, und er hatte nicht viel Muße, auch wenn es in seiner Art gelegen wäre, sorglich trübe Gedanken in die Heimat zu senden.

Dort aber saß jetzt einsam Frau Annakäther an ihrem Spulrade, für die Zeugmacher in der Stadt Wolle zu spinnen. Beim Abschied von dem fortziehenden Gatten hatte sie mehr Festigkeit bewiesen, als man vielleicht erwartet. Jetzt aber war ihr tausendmal des Tages, als müßte sie seinen Tritt auf der Stiege hören oder seine Stimme im Hausgange, und manch stille Träne wischte sie sich mit der grobleinenen Schürze von der vergrämten Wange.

Hieronymus war ihr Tröster in der ungewohnten Einsamkeit, und es erleichterte sie jedesmal, wenn er herüberkam, Bericht zu bringen von dem kaiserlichen Heere oder vom fernen Kriegsschauplatz.

(1) Aus den Schriften der Baar 17 (1928), Georg Tumbült: Das Fürstenbergische Kontigent Schwäbischen Kreises.

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Landfahrerleben
Heimreise

Hieronymus Kapitel 15

„s’ lauft so Waar jez gnueg im Land, wo bettlen und stehle, Schere-Schlifer, Hafe-Binder, alti Soldate, Säge-Feiler, Zeinemacher, anderi Strolche.”
>Johann Peter Hebel

Landfahrerleben – Heimreise

Ob der Lange Hans bei Hieronymus gelegentlich eingesprochen und das verheißene Trinkgeld abgeholt habe, wüßten wir so wenig anzugeben als die Antwort, welche der Beschenkte an die freundliche Geberin Florentina gelangen ließ, zu unserer Kenntnis gekommen. Als erwiesen dagegen müssen wir den Umstand hervorheben, daß Hieronymus seinen Freund Hans kurze Zeit nach der Fastnacht wieder einmal in der Stadt zu sehen bekam, und zwar in dem Augenblick, wo dieser von dem Amthause aus – die Hände auf dem Rücken gebunden – in Begleitung des Schließers in das „Stöckle“, einem Gefängnisturm im „süßen Winkel“, geführt wurde. Fast unbefangen hatte der Lange ihm von ferne zugewinkt, aber Hieronymus, verblüfft über den unerwarteten Auftritt, war unbeweglich stehengeblieben, ohne den Blick von dem Malefikanten abwenden zu können. Allerdings war dem jungen Manne über das Treiben der Landfahrer von seinem Meister, dem Amtsdiener, mancherlei zu Ohren gekommen: so sollte die Lohrmännin, die alte Vagantin, über das wohlfeile Einkaufen auf Jahrmärkten, über Einbrüche und Brandlegen auf dem Totenbett Geständnisse abgelegt haben, welche die Obrigkeit bewogen, von neuem auf die Sippschaft zu fahnden; allein der Lange hatte doch stets seine Ehrlichkeit so hoch beteuert, daß an diesem wenigstens Hieronymus nicht zweifeln zu dürfen glaubte. Aber bei dem jetzigen Anblick mußte des Jünglings Vertrauen doch wankend werden, und es wollte sich nicht wieder befestigen, als der Zufall ihn kurz darauf in dem Zuchthausgarten mit dem Gefangenen zusammenführte, wohin dieser zum Holzmachen kommandiert worden und wo er dem jungen Manne wiederholt versicherte, daß er so unschuldig sei wie die Säge, die er in der Hand halte, daß er bis auf den Tag nicht wisse, warum ein braver Familienvater so behandelt werde; und daß ihn niemand daure als sein Weib und seine Kinder und dergleichen mehr.

Hieronymus blieb ungläubig, wenn es ihm gleich aufrichtig leid tat, sich in einem Gegenstande seines bisherigen Vertrauens getäuscht zu haben.

Doch solche Lebenserfahrungen hinterlassen bei der Jugend selten bleibenden Eindruck, denn das Leben gleicht einem fließenden Wasser, welches an dem einen Orte wieder anhäuft, was es an dem andern weggerissen. Aus neuen Bekanntschaften, aus der innigeren Pflege früherer freundlicher Verhältnisse zieht jene Leutseligkeit ihre Nahrung, ohne welche ein offenes jugendliches Gemüt nicht zu gedeihen vermag. Der Mensch aber ist einer Farbe vergleichbar, welche durch Annäherung einer zweiten und dritten wesentlich verändert, höher oder tiefer gestimmt werden kann.

Einflußreich war darum für unser Landkind auch die Bekanntschaft mit der Ratsfamilie, wohin er durch die Base Annakäther eingeführt worden.

Die Frau Amtsrätin sah es nicht ungerne, wenn der junge, muntere Mensch zuweilen herüberkam, um bei den lärmenden Unterhaltungen und Spielen ihrer jüngeren Kinder den Aufseher und sorglichen Wärter zu machen.

Die nur einige Jahre weniger zählende Helena, mit welcher Hieronymus in den Kinderjahren bereits Freundschaft geschlossen, blieb ihm auch jetzt noch sichtlich gewogen; und wenn ihre jüngeren Geschwister sich mitunter Unschicklichkeiten und dumme Späße mit dem geduldigen, immer noch wälderisch gekleideten Sohn vom Lande erlaubten, war das gesetztere Mädchen seine Bundesgenossin und Beschützerin. Dadurch hatte sich in dem Herzen des jungen Mannes neben jener anerzogenen Hochachtung gegen höhere Stände unbewußt noch ein stilles, aber tiefgreifendes Gefühl der Dankbarkeit und Anhänglichkeit festgesetzt, welches bei jedem Anlasse, an Neujahrs-, an Namens- und Geburtstagen in sauber geschriebenen Reimen und gemalten, blumenverzierten Glückwünschen seinen herzlichen und gut gemeinten Ausdruck fand. Kleine Aufmerksamkeiten, welche ihm dieses Mädchen bisweilen zuteil werden ließ, mußten deshalb einen desto größeren Eindruck auf ihn machen, je weniger er seinem Stande und seiner Herkunft nach gewohnt war, dergleichen sich erweisen zu sehen.

Es war noch im vorigen Herbst, und Hieronymus mit den Kindern des Rats in ihren Baumgarten vor die Stadt gegangen. Unausgesetzt schöne Tage hatten Pflaumen und anderes Obst schnell zur Reife gebracht. Über die abgemähte Grasfläche schossen zwischen den alten, dunkelbelaubten Apfelbäumen in tiefem Fluge die Schwalben, und die Kinder tummelten sich im Grünen um die Wette mit diesen leicht beschwingten Bewohnern der Lüfte. Clemens, Helenens ältester Bruder, hatte einen Baum bestiegen und begann, nachdem er sich satt gegessen, die reifen Pflaumen in ein Körbchen zu sammeln, welches er sodann gefüllt der Schwester Helena hinabreichte.

Die Kinder drängten sich hastig im Kreise um diese herum, jedes mit Ungestüm seinen Teil verlangend. Aber Helena ging zuerst mit vollgefüllter Hand auf den etwas seitwärts stehenden Hieronymus zu und legte ihm freundlich die süße Frucht in beide dargehaltenen Hände, dann erst kamen die Geschwister an die Reihe. Solche Bevorzugung hatte Hieronymus nicht erwartet, und er fühlte sich durch die Aufmerksamkeit eigentümlich ergriffen. – So wenig und so viel bedarf es oft, einen Menschen froh und glücklich zu machen.

Nicht lange nach dem jüngsten Zusammentreffen mit dem Langen Hans empfing Hieronymus durch einen Landsmann, welcher bei Amt zu tun gehabt, ein Brieflein vom Vater Mathias, worin dieser in mühsam geschriebenen Zeilen dem Sohne mitteilte, daß die Mutter sehr krank, ja gefährlich darnieder gelegen. – Es zog ihn nun mächtig heimwärts, und ließ ihm weder Rast noch Ruhe. Aber der Vorsatz, der so fest gefaßte, so oft erneute Vorsatz, nicht in Laubhausen anzukehren, bevor er dort mit einigem Gewicht und Ansehen auftreten könne! – Die stolzen Pläne, welche sich an dieses vermeintliche Auftreten knüpften! Sollte das alles aufgegeben werden, sollte die unerbittliche Wirklichkeit schon diese ersten Träume zunichte machen, sollte aus den schönen Blütenansätzen nichts werden als eine kleine, eingeschrumpfte Frucht? Doch, was mag in die Waagschale fallen, wenn es die Gesundheit, vielleicht das Leben der Angehörigen gilt.

Hieronymus erbat sich Urlaub vom Meister, und noch denselben Tag machte er sich auf den Weg zu den Seinen. Das Wetter war höchst unfreundlich. Der Wind, welcher die Wolken in eiligem Zuge über die verdüsterte Landschaft jagte und mächtig in den noch kahlen Baumgerippen sauste, kam ihm gerade entgegen. Und doch trieb es ihn so unaufhaltsam vorwärts; konnte er doch nicht wissen, wie er zu Haus alles antreffen werde! Er wünschte sich Flügel, um mit den Raben dort in hoher Luft, die, obwohl auch gegen den Sturm ankämpfend, alsbald dem Blicke entschwunden waren, über Berg und Tal dem Schwarzwald zu fittichen zu können. – Der Wanderer schlug den Weg über Hubertshofen und Mistelbrunn ein, um vor Einbruch der Nacht noch sein Ziel zu erreichen.

Als er hinter letzterem Dorfe, rechts sich wendend, schon eine Strecke waldeinwärts gegangen, fiel zufällig sein Blick auf ein umgeworfenes Bildstöcklein am Wege. In der nischenartigen Vertiefung hing schlotterig ein blechernes Täfelein, worauf, schon stark verwittert, ein Muttergottesbildchen zu erkennen war. Unter dem Gemälde, neben einer alten Jahreszahl, las man noch deutlich die Worte: Geh nicht vorüber: Ave Maria! sprich, dafür, mein Kind, wir segnen dich.

Dem jungen Wanderer war es, als hielte ihn etwas zurück bei diesem umgeworfenen Denkmal sinniger Frömmigkeit; er gedachte der kranken Mutter daheim, und sogleich entwand seinen Lippen sich das Gelöbnis, der heiligen Gottesmutter zu Ehren den Bildstock wiederherstellen zu lassen, wenn er die eigene Mutter zu Hause wieder genesen finden würde. Die Votivtafel ward in den Reisesack geschoben, und wie erleichtert schritt der Jüngling eilenden Fußes weiter.

Er war schon tief in den Wald eingedrungen. Der Wind sauste immer stärker durch die hohen Tannenwipfel, um welche da und dort nistende Reiher kreisten. Der Pfad ward immer unwegsamer, nach kurzer Strecke jede Spur davon verloren, und der Wanderer sah sich in einer Wildnis, wohin noch nicht einmal die Axt des Holzhauers gedrungen, und kaum bisweilen ein Strahl der Sonne durch das Dickicht bricht. Auf dem mitternächtlich gelegenen, steil abfallenden Boden lagerten neben himmelhohen graubärtigen Weißtannen umgeworfene Stämme, Windfälle, von Jahrhunderten her über- und untereinander, zum Teil völlig vermodert. Starrende Äste und ausgerissenes Wurzelgeflecht, hie und da sickernde Quellen und verborgene tiefe Lachen machten dem Schritte des Jünglings das Vorwärtskommen streitig. Mühsam arbeitete er sich eine Zeitlang ab, hinwegzukommen über dieses Chaos von Leben und Verwesung, und der Anstrengung gelang es endlich, an eine Stelle zu gelangen, wo der jähe Abhang quer durchrissen war von einer Schlucht mit wildem Waldwasser. Zackige Granitblöcke, wie von unbekannter Gewalt hereingeschleudert, gewährten zur Not Anhaltspunkte zum Übersetzen, und so vermochte zuletzt unser irrender Ritter sich hinaus aus dem wilden Tobel zu arbeiten und wieder gangbaren Boden zu gewinnen.

Doch an einen Weg war auch hier nicht zu denken. Schon begann es dunkel zu werden, und Hieronymus machte sich bereits mit dem Gedanken vertraut, in dieser Abgeschiedenheit sich ein frostiges Nachtlager suchen zu müssen. Erzählungen aus seiner Kindheit, von Menschen, welche in Wildnissen wochenlang herumgeirrt oder gar elend verkommen wären, fielen ihm dabei frisch ins Gedächtnis.

Bereits hatte der Ermüdete eine überhängende Tanne erspäht, welche einigen Schutz zu gewähren schien, und sich da niedergelassen, als es ihm vorkam, als erblicke er durch eine enge Lichtung des Waldes hinziehenden Rauch. – Aufspringen und dieser Richtung folgen war das Werk des nächsten Augenblickes. Kaum ein paar Schritte hatte er gemacht, als aus dem verwachsenen Gestrüpp bellend ein Hündlein auf ihn losfährt, welches aber sogleich, als ob es den Fremdling kenne, wedelnd stehenbleibt. Der nächste Schritt zeigt ihm am kleinen, moosigen Weiher ein schwarzbraunes Weib, geschäftig Linnenzeug zu waschen, welches, seiner ansichtig, in Überraschung den Namen Hieronymus ausruft. – Es war Trautel, die Vagantin. – Wer mochte froher sein als unser Ritter, dem es bei seinem Auszug so wenig um Abenteuer zu tun gewesen.

„Bist du allein?“ war Trautels erste Frage.
„Ja!“ hieß die Antwort.
„Aber, um äller Heiligen willen, wo schlagt dich das Wetter daher?“
„Ich bin verirrt“, berichtete der Wandersmann, „ich will die Eltern daheim besuchen und hab im Oberholz den Weg verloren!“
„Hieronymus!“ nahm Trautel, nähertretend, wieder das Wort, „du weißt, daß i und mei Hans dir und deinen Eltern dahoim nix äls Lieb’s und Guet’s erwiese hän, d’rum denk i au älleweil, du wearest uns jez nit vermähre und Leut, die in einm fort ung rechterweis verfolget wearet, ins Unglück bringen und unschuldig’s Bluet vergieße healfe!“
„Was das anbetrifft“, versicherte Hieronymus, „könnt Ihr ruhig schlafe, was mich nit brennt, blas ich nit. – Aber recht wär’s mir, wenn ich meine Schuh und Strümpf bei Euch e bißle trocknet könnt‘; so wie ich seh‘, habt Ihr Feuer in der Näh‘, und wenn Ihr mir nachher auf den rechten Weg verhelfe wolltet, so wär’s mir’s lieb.“
„Jo freili! Was mir tue könnet, das soll jo g’scheah; komm, Schatz“, fuhr die Vagantenmutter fort, den Angekommenen bei der Hand nehmend, „komm und wärm dich – ’s Wetter ist schaurig -’s wird heut früh Nacht und finster.“

Die Alte hatte bei diesen Worten ihren Gast auf ein nahes Haselnußgestrüpp zugeführt, wo dieser alsobald den Eingang zu einer unterirdischen Bettelküche wahrnehmen konnte, die er auch bald an der Hand seiner Circe betrat. An einem halb erloschenen Feuer waren Kinder emsig beschäftigt, unter Zank und Hader die Reste einer eben gehaltenen Mahlzeit zu vertilgen. Die geschäftige Wirtin fachte die Glut von neuem an, bereitete dem Gast einen Sitz daneben und begann unverweilt, ihm zur Stärkung ein Habermus zu kochen.

Diese Banden von Heimatlosen, bei denen Hieronymus hier eine Zuflucht gefunden und wovon die letzten Abkömmlinge heutzutage noch auf den Grenzen zwischen Deutschland und der Schweiz sich herumtreiben, führten eine Lebensweise fast wie die Zigeuner. Doch war jede einzelne Bande stets auf ein gewisses Revier beschränkt, hin- und herziehend, und in den Ortschaften und Gehöften desselben so heimisch und bekannt wie die Einwohner selbst. Einen und denselben Herbergsviter beglückten sie jedoch nur zweimal des Jahres mit ihrer Gegenwart; einmal des Sommers und einmal im Winter.

Hier thematisiert Lucian Reich wieder die Verfolgung und aber auch das Leben der Jenischen, oder wie es es nennt der Landfahrer. Für Lucian Reich waren die Landfahrer Menschen, die in Banden unterteilt ein Leben im Raum Schweiz, Schwarzwald, Baar und dem Elsaß führten.

„Jenisch“ war damals nur eine Bezeichnung für die Sprache; wie in Wikipedia so schön steht:

„Jenisch“ ist ein erstes Mal für eine Wortliste aus dem Jahr 1714 bei Friedrich Kluge (1901) angegeben, und zwar als Sprach-, nicht als Sprecherbezeichnung.

Waren diese Leute in den verschiedenen Diebspraktiken auch keine Neulinge, so übten sie dieselben doch meistenteils nur außerhalb ihres Reviers und niemals in der Herberge; hier durfte man keck vor ihnen Tür und Tor offenstehen lassen, denn die Herbergszeugnisse waren der einzige Ausweis, worauf sie sich bei Berührungen mit der Polizei zu berufen pflegten.

Den Sommer über waren Wald und Busch ihr Nachtquartier. Untertags beschäftigte sich der Mann mit den ältesten Buben mit Weidenhauen, Korbflechten, Besenmachen und andern freien Künsten, während das Weib mit den kleinsten Kindern und dem unzertrennlichen Mops oder Spitzer an irgendeiner Waldecke am Feuer lagerte und kochte. Oder sie zog mit dem jüngsten Sprößling, den sie in einer um den Nacken befestigten Schlinge vor sich hertrug, auf dem Bettel herum, welches Metier „rumgehen“ hieß und ganz methodisch ausgebildet war. – Waren Kleidung und Toilette einer solchen Rumgehenden aus Zweckmäßigkeitsgründen auch nicht immer die schönsten, so gab es auch wieder Zeiten, wo die Gattin oder Liebste im höchsten Staate einer echten Landfahrerin sich zeigen wollte. Zu diesem Staate gehörten: der roteingebändelte schwarze oder grüne Rock, eine Schürze von buntfarbigem Pers, das große, nur lose umgeschlagene Halstuch, die Haare mit farbigen Bändern durchflochten und bedeckt mit einem seidenen Tüchlein, während das oft zehnfache, mit einem Geldstück behangene Granat-Halsnister so wenig fehlen durfte wie das silber- oder messingbeschlagene Messer, welches am ledernen Riemen am Gürtel befestigt war.

Auch die Männer bettelten nicht, sie „hausierten“ bloß. Zum Betteln verstanden sie sich erst, wenn sie alt, gebrechlich und von ihrer Bande verlassen waren. So wie Gebildete in Gegenwart anderer gerne in französischer Sprache verkehren, so bedienten sich die Landfahrer unter sich einer eigenen, der sogenannten jenischen Sprache, welche der Untersuchungsrichter damaliger Zeit verstehen mußte, wollte er bei Verhören und Konfrontationen nicht an der Nase herumgeführt werden.

In Schulen versperrten die Vagantenkinder andern niemals den Platz; und den nötigsten Religionsunterricht erhielten sie von ihren guten Eltern.

Es beschränkte sich dieser lediglich auf das Auswendiglernen des Vater-unsers. Neben der eigenen Erbauung brauchten sie dieses Gebet vorzugsweise zum Behufe des „Rumgehens.“ Außerdem erhielten die Kleinen eine weitere religiöse Bildung im Auswendiglernen verschiedener Bettelsprüche, wovon hier einige zur Probe: Die Bettlerin: „Gend is au en Almuosa der Gotteswilla, mer wend au ne Vaterunser betha em heilige Sant Wendelines, daß Gott ’s Vieh und all’s g’sund erhalt.“ – Das Kind: „Almuosa – Gottswilla -‚trunser betha – ‚lines Gott Vieh g’sund halt.“

Man wird wohl begreifen, daß grasser Aberglaube geherrscht haben werde bei diesen Leuten, welche fast wie das Wild des Waldes aufwuchsen, denn etwas will doch am Ende jeder glauben; aber sie verstanden es auch trefflich, diese Schwäche der menschlichen Natur bei andern zum eigenen Vorteil auszubeuten. – Die Taschen trugen sie voll geweihter Dinge, in der beruhigenden Zuversicht, daß sie dann der „Kuonle nicht zopfe“, das heißt, daß sie der Teufel nicht holen könne. Beim Trinken verfehlten sie niemals, den linken Fuß über den rechten zu schlagen, denn das schützte, durch den Trunk nicht vergiftet, nicht verliebt, nicht wahnsinnig gemacht werden zu können.

Sympathetische Heilmittel sollten bei ihnen von Geschlecht zu Geschlecht vererbt worden sein, und sie wußten zu raten bei allem, was Menschen und Vieh in dieser Beziehung zustoßen konnte, nur, sagten sie, wär es ihnen nicht erlaubt, derartige Dienste irgendeines Gewinnes willen zu tun, aber ein Trinkgeld dafür zu nehmen, wäre nicht verboten.

Aber nicht jedesmal bestand dieses Trinkgeld in klingender Münze; es wurde ihnen mitunter auch in Form einer Handvoll ungebrannter Asche verabreicht, wie dem Langen einmal bei einem Bauer in der Baar passiert sein soll. Die vier Gäule des Bauers hatten plötzlich alle Freßlust verloren, und der Hans, im Einverständnis mit einem zufällig im Orte anwesenden Schindersknecht, erbot sich, den Hexenbann zu lösen mittels Weihwasser, gefärbt mit Kräutern aus der Weihbuschel, Heilig-Dreikönig-Salz und andern bewährten Sachen. Als sodann um Mitternacht – auf den feierlichen Ruf:

»Jetzt!“ – der mit Ketten rasselnde Schwarze beim Schein eines angeblich der heiligen Agatha geweihten Wachsstöckleins wirklich erschien, sprangen die Söhne und Knechte des Mannes aus dem Futtergang hervor und verabreichten den beiden das Trinkgeld in so rauher Währung, daß der Lange hoch und teuer verschwor, den Flegeln das Haus nie mehr betreten zu wollen. – Man rieb den Pferden die Zähne, welche die Gaukler vorher mit Seife eingerieben, mit Salz ab – und der Bann war gehoben.

Daß übrigens dies Völklein dem Landvolk nicht immer so ganz unwillkommen war, hat der Leser bereits einem früheren Kapitel entnommen.

Und warum sollte es auch ungern gesehen worden sein? War doch so ein Landfahrer ein förmliches lebendiges Urbar und mobiles Unterpfandsbuch, aus welchem der, auf Vermögensverhältnisse anderer stets etwas eifersüchtige Bauer alle Schulden, Kapitalien und Obligationen der Nachbarn rings umher erfahren konnte. Und dem ledigen Burschen oder röschen Witwer, sollte es ihm nicht willkommen gewesen sein, wenn ihm die vielerfahrene Vagantenmutter ein vollständiges Register von allen heiratsfähigen Bauerntöchtern der Umgegend vorlegte oder hersagte? Und wenn sie dann der Erwählten die Karten schlug und ihr von ferne den gewissen Freier zeigte und auch die Eltern dem Projekte günstig zu stimmen wußte, sollte dies beiden Teilen nicht ganz erwünscht gewesen sein? Und wahrlich, mehr als ein glücklicher Ehebund ist auch dazumal auf diesem „nicht mehr ungewöhnlichen Weg“ eingefädelt und zum Abschluß gebracht worden.

Die ehelichen Verbindungen dieser Landfahrer selbst waren meist Neigungsheiraten; man wird dies leicht glauben, da sie in tatsächlicher Gütergemeinschaft lebten; und was die Form der Bündnisse anbetrifft, so ist anzunehmen, daß bei ihrem Abschlusse wenig Papier verschrieben worden sei.

Was überhaupt ihre Ansichten über den Wert der Glücksgüter betrifft, so erzählte der Lange Hans einst, wie er und seine Trautel ein schönes Vermögen zusammengebracht hätten: am Abend vor der Hochzeit, sagte er, habe er seiner Trautel einen Kuß gegeben und dabei ausgerufen: „Trautl, du bist mir hundert Gulden wert.“ Hierauf habe ihm Trautel ebenfalls einen gegeben und gesagt: „Hans, du bist mir tausend wert!“ Das hätten sie nun zusammengerechnet und am ersten Abend ihrer Verehelichung schon elfhundert Gulden zusammengebracht.

Auf alten Ursprung deuten die nächtlichen Zusammenkünfte dieser Heimatlosen, welche sie alljährlich zur Herbstzeit auf irgendeinem einsamen Waldplatze abhielten. – „Lon euch au finde, am Scheuremer Eck“, „Schelmenhau!“ war die Losung, mit welcher sie auf Jahrmärkten, und wo sie sonst noch zusammentrafen, sich gegenseitig zum Feste luden.

Die nebenstehende Abbildung soll uns ein solches Nachtgelage wiedergeben. Im tiefen Walde, an der Felswand, brennt das Feuer. Der Lange schnarchend im Vorgrunde; Trautel bei der lustig brennenden Flamme – sie, die perfekte Köchin, von welcher ihr Eheliebster, der Lange Hans, zu sagen pflegte: Sie sei eine Köchin obenraus, und es gäbe nichts, was sie nicht zu kochen verstünde; so habe sie ihm einmal sogar die Schuhbürste gesotten in der Suppe gebracht! –

„s’ lauft so Waar jez gnueg im Land, wo bettlen und stehle, Schere-Schlifer, Hafe-Binder, alti Soldate, Säge-Feiler, Zeinemacher, anderi Strolche.” >Johann Peter Hebel

Auf verborgenen Pfaden ziehen unterdessen die Geladenen heran zum Schmause, der also verschwenderisch bereitet wird, daß die mutwilligen Vagantinnen oft noch die Zweige nebenstehender Holderstauden in den Teig, sodann in die Pfanne ziehen und das also fertig gemachte Holderküchlein als Wahrzeichen an dem Gesträuche hängenlassen. Nach dem Mahle beginnt die volle Lust; bald auch ertönt die Fiedel, und zu ihrem muntern Klange drehen sich auf freiem Waldplatze beim Lichte des Vollmonds die Paare. Damit es aber dem Feste nicht an der nötigen Abwechslung mangle, setzte es dabei fast regelmäßig Händel und Prügeleien ab, und namentlich pflegten die Damen wegen allzu fertiger Zunge von ihren Rittern oft traktiert zu werden, wie weiland Frau Kriemhilde von ihrem Hörning Siegfried. Auch Trautel mußte zuweilen erfahren, welch veränderlich Wesen die Liebe sei; „o Hans!“ rief sie einst im höchsten Schmerze nach solch einem kriegerischen Momente ihres Ehelebens, „wie host mi verküßt und verschlecket am Scheuremer Eck – und jetzt schlaist (schlägst) mil“ – Solche Szenen aber zogen vorüber wie Aprilschauer, auf welche der Sonnenschein des lieben Friedens rasch wiederzukehren pflegt.

Erst nach Mitternacht, wenn schon die Morgenluft durchs Gesträuche zieht und auf dem fernen Einödhof die Hähne krähen, verschwindet der Spuk; glücklich alsdann der arme Holzmacher oder der Waldbannwart, welcher tags darauf an die verlassene Feuerstelle kommt, wo die Holderstauden so köstliche Früchte tragen.

Eine nette Geschichte ist die der Holderküchlein

So haben die Jenischen bei ihren Feiern auf einsamen Waldplätzen auf Zweigen von Holunderbüschen Holderküchlein gebacken, sozusagen als Wahrzeichen. Diese haben dann am nächsten Morgen „arme Holzmacher und Waldbannwärter“ glücklich gemacht.

Im Augenblick unserer Erzählung war die Sippe des inhaftierten Langen Hans ziemlich zusammengeschmolzen. Dem Arm der Justiz waren nur Frau Trautel, ihre beiden Stiefkinder Sepple und Schön Rösel, der Stumpfarm und noch einige andere entgangen.

„O!“ jammerte die bekümmerte Trautel seufzend, „was treibt ma doch àlles mit de Leute – und es kann mei’m Mann doch nit ’s kleinst Brösele bewiese weare!“ – Die betrübte Gattin wollte weiterreden, da unterbrach sie barsch eine rauhe Stimme, aus einem finstern Winkel der Höhle kommend, und: „Lochlone, wittischer Massik!“ tönte es von dorther, was etwa so viel heißen sollte, als: Laß bleiben – ein Verräter ist da.

Es scheint, dass Lucian Reich einiges aus der Jenischen Sprache konnte, bzw. zumindest verstand.

Lochlone wittischer Massik!

Laß bleiben – ein Verräter ist da

So findet sich im Wörterbuch der Jenischen Sprache (Chochemer Loschen von 1832) der Ausdruck „wittischer Massik“ als Verräter der Diebe.

Hieronymus, um sich blickend, gewahrte jetzt erst einen Mann im Hintergrund, auf einer Moosbank ausgestreckt. – Es war der Stumpfarm, welcher jene Warnungsworte gesprochen und die Alte zum Schweigen gebracht hatte.

Er trat hervor ans Feuer, um etwas Holz nachzulegen. Der augenscheinlich gleisende Ausdruck seines Gesichtes, die Jacke aus ungeschorenem Schaffelle erinnerten Hieronymus unwillkürlich an den Wolf im Schafspelz.

„Für den Hans“, fing jener gleichgültig an, „hab ich kei Sorg, er ist sauber übers Nierenstück und hot kein Fehler als sei übertriebene Ehrlichkeit; den Zuchtverwalter und sei Frau kenn ich, es sind scharmante Leutle; ihr ältste Tochter hot mer jo sealber e Kind zum Tauf trage, wo in sealbigem Haus uf d’Welt kummen ist, von mei’m erste Weib selig.“

„O du liebs Herrgöttle“, schluchzte Trautel dazwischen, „wie wurd er jetzt so grausam Langweil hau no sei’m Weib und seine Kinder, die jetzt arme Woisle sind.“

„Und wenn der ganz Schwäbisch Kreis in helle Flamme stünd“, sagte mit verbissenem Grimm der im Schafskleid, „so wär der Himmel nit so brandig und rot als das Blut ist von all den unschuldig Hing‘ richteten und G’räderten; der Krug goht aber zum Brunne, bis er bricht – der Weltgeist steigt allweil höher und höher – und ’s Strofg‘ richt wird kummen über Sodoma und Gomorrha“, schloß er, eine Handvoll Moos in die Flamme werfend.

Hieronymus schwieg. Frau Trautel aber, nachdem sie ihre Tränen getrocknet, hatte ihr irdenes Pfeiflein hervorgezogen und diesmal, in Ermanglung des echten Holländischen, mit gedörrten Rosenblättern gestopft. Sie schmauchte mit einem Anstande, welcher einer emanzipierten Dame des neunzehnten Jahrhunderts Ehre gemacht hätte.

Eben wollte Trautel dem Gespräche eine andere Wendung geben und beeilte sich, ihrem jungen Gaste die Mahlzeit anzurichten, als man vom Eingang her leichte Tritte hörte und Schön Rösel in die Höhle trat. – Hieronymus erblicken und dem lange nicht mehr gesehenen Jugendfreunde zärtlich um den Hals fallen, war für die Schöne ein Werk des Augenblicks; aber bevor Hieronymus unter solchem Überfall unerwarteter Zärtlichkeit seine Fassung zu finden vermochte, fuhr eine Hand dermaßen ungestüm dazwischen, daß Jüngling und Mädchen, wie von einem plötzlichen Windstoße erfaßt, ein paar Schritte gegen die Wand taumelten.

Hab’s mit deiner’s Gatting!“ kreischte dabei die Stimme der intervenierenden Macht, in der Person der zärtlich eifersüchtigen Stiefmutter Trautel.

Jetzt aber ergoß sich in sprudelnder Eifersüchtigkeit aus den Kehlen beider Schönen ein Schwall von nicht zierlichen Reden, wie wenn eine Schleuse vom Müller aufgezogen wird und der Wasserstrahl sich brausend auf die Räder stürzt und das ganze Mühlwerk klappernd und schrillend in Gang kommt.

Doch der Kampf der Worte, wie mächtig er auch erbrauste, war nur das Tosen vor dem Hagelschlag, denn ein heilloser Waffentanz begann sofort mit Pfannen und Kochlöffeln. – Hundegebell und Kindergeheul machten den Chorus dazu wie in einer altgriechischen Tragödie.

Hieronymus, der noch immer nicht wußte, wie ihm geschah, hatte sich mechanisch gegen die Moosbank salviert und betrachtete die Amazonenschlacht mit neutraler Miene. Als aber im Dialog der beiden Fechtenden gewisse Reden verlauteten, welche geeignet waren, die so viel gerühmte Ehrlichkeit der Sippe zu beeinträchtigen, sprang der Stumpfarm, welcher wieder teilnahmslos in unzerstörbarer Ruhe dagelegen, rasch auf, riß ein rauchendes Scheit Holz aus dem Feuer und fuhr damit erbarmungslos zwischen die Streitenden, das Feuer mit Rauch zu ersticken.

Frau Trautel aber, welche nicht die Person war, sich so leicht in ihrem angestammten Rechte des letzten Wortes beeinträchtigen zu lassen, griff schnell nach dem Topfe mit dem siedenden Habermus, ihn dem Stumpfarm an den Kopf zu schleudern – dieser aber bückt sich rasch, dem dahersausenden Donnerkeil auszuweichen; sei es aber, daß der Wurf ursprünglich schlecht gezielt war – oder daß die Schützin die Bewegung des Feindes noch rechtzeitig erschaut – kurz, der Topf zerplatzte auf dem Rücken des alsobald von Brei übergossenen Stumpfarm, daß er dampfte wie ein gebrühtes Ferkel.

Ohne dem Gegner Zeit zur Besinnung zu lassen, fuhr das Weib, einer gereizten Bärin gleich, wider ihren Feind, und die scharfe Zunge stieß Reden aus, welche fast wie Blut und Mord klangen.

Nun entbrennt des Vaganten Zorn, die Stirnadern schwellen an, die Augen flammen und die Hand fährt nach dem Messer; da aber macht Schön Rösel Front gegen den ungeschliffenen Friedensstifter, fährt ihm mit der einen Hand in den borstigen Schopf und faßt mit der andern die waffensuchende Rechte.

Der Moment war kritisch. – Unser Ritter Hieronymus fühlte, daß er sich der bedrängten Unschuld annehmen sollte – aber ehe er über das Wie mit sich einig, war der Schwarz Sepple hereingetreten und stand mit einem Satze in der Mitte der Kämpfenden. Er hatte alsbald an den herumliegenden Waffen erkannt, welche Karten hier bei dem Spiele Trumpf wären. Den Stock hoch geschwungen, fuhr es ihm heraus: „In des Drei Teufels Namen, gebt Ruh!“ – Die hadernde Sippschaft, die Zauberkräfte dieses Stabes kennend, schien plötzlich alle Lust zur Fortsetzung des Kriegs verloren zu haben.

Gegen den Stumpfarm gewendet aber fuhr jener fort:
„Dich wird der Kuonle noch reite, bis du Quartier g’funde hast im Haus auf drei Pfähl und ohne Dach“ (womit er den Galgen meinte). Sodann, gegen die Weiber gewendet, machte er mit dem Stocke einen Strich auf den Boden mit den Worten:
„Bis daher! – Wie eine den Fuß drübersetzt – so!“ – Beide verstanden die Gebärde und fügten sich. –

Der holde Friede war somit wieder in die versöhnlichen Herzen eingezogen, und Hieronymus, welcher nach dem tragischen Ende seines Habermuses keine Ursache mehr sah zu längerem Verweilen, faßte ein Herz und wendete sich zum Sepple: „Ich hab noch ein gut Stück Wegs vor mir – es ist schon spät und finster, drum wär’s mir recht, wenn du mir ein Stück weit ausfolgen wolltest.“

Frau Trautel aber gab durchaus nicht zu, daß ihr Gast so nüchtern abziehen sollte; er mußte sich zu einem Stück Speck und Schwarzbrot bequemen und dies Mahl mit einem Schluck Wacholder würzen. – Dann aber erhob er sich mit solcher Entschiedenheit, daß die andern wohl sahen, er sei nicht länger aufzuhalten. Der Herbergsmutter drückte er einige Schweizerbatzen in die Hand und beurlaubte sich mit den Worten: „Nix für ungut, und spar Euch Gott g’sund.“ Schön Rösel aber ließ den Freund nicht scheiden ohne einen herzhaften Schmatz, so daß es dem guten Jungen fast schwül dabei ward.

„Wenn du nach Hüfingen kommst“, rief der Stumpfarm dem Scheidenden nach, „so grüß mir die Amtleut und die Gardisten und sag ihnen, sie können uns auf die Kirchweih komme, drüben im Elsaß; dem Hans kannst melde, daß er uns überm Rhein drübe finde könn, beim Jude Schmulche. – Den Zuchtverwalter und den Amtsdiener laß ich schön grüße, der Amtsrat aber“ – den Schluß dieses Auftrags konnte der Abziehende nicht mehr vernehmen, er war bereits mit seinem Begleiter auf der Oberwelt angekommen, wo es durch die finstere Nacht unheimlich sauste und stürmte und der Wandersmann ohne seinen Führer weder Weg noch Steg gefunden hätte.

Sepple begleitete ihn bis über den Wald hinaus; „da“, sagte er, gegen einen vor ihm liegenden schwarzen Punkt deutend, „das ist der Krumbehof, und rechts drübe die Straß. Du wirst schweige könne, Hieronymus, über das, was du g’sehe und g’hört hast – ’s leid’t gegewärtig s‘ Schnaufe nit – du verstehst mi scho!“
„Vollkommen!“ erwiderte der Freund, indem er seinem Wegweiser den letzten Rest seines Barvorrates als Trinkgeld aufgenötigt hatte.

Nun wieder sich selbst überlassen, dankte Hieronymus im Herzen Gott, daß er ihn so gnädig aus des Teufels Garküche erlöst habe. Allein seines Weges ziehend, überkamen ihn allerhand Gedanken. Das Bild von Schön Rösel wollte ihm nicht aus dem Sinne weichen. Noch als Knospe, d. h. als Kind, hatte man dem Mädchen ihren Beinamen gegeben, und jetzt war sie vor ihn getreten als völlig aufgeblühte wilde Rose. Ihre Züge heimelten ihn an wie eine dunkle Jugenderinnerung, Bilder vergangener Zeiten zogen im Geiste an ihm vorüber. Die verstorbene Johanna trat vor seine Seele, und ihre Tochter, jenes Kind Tolbergs, welches von dem Geschäftsführer des Fabrikherrn abgeholt worden und von welchem man bisher nichts Gewisses mehr in Erfahrung gebracht. Jetzt fiel ihm ein, wie die alte Fahlenbacherin, welche längst aus dieser Zeitlichkeit geschieden, ihm und seinen Gespielen oft erzählt, daß Schön Rösel jenes Kind Tolbergs sei, von ihm entführt und den Vaganten übergeben worden, es dadurch um sein Erbe zu betrügen; ja, sie hatte zuweilen nicht undeutlich vermerken lassen, daß der Elsässer eigentlich der wilde Jäger und wahrhaftige „Gott b’hüt üs davor“ gewesen, dem auch Dieter für betrügerisches Geld seine Seele habe verschreiben müssen.

Wenn Hieronymus letzteres auch für das hielt, was es war, für eine Altweiberfabel, so konnte er jetzt doch kaum anders, als den ersteren Behauptungen vollen Glauben beimessen. Je mehr der arme Junge nachdachte, je weniger war er mit sich selber und mit seinem heutigen Benehmen zufrieden.

Es war ihm klar, daß er eigentlich Schön Rösel hätte befreien und ihren Verwandten in die Arme führen sollen. – Doch mußte der arme Ritter nicht selbst froh sein, mit heiler Haut davongekommen zu sein? Wie – wenn ihn der heimtückische Stumpfarm als vermeintlichen Verräter aus dem Wege geschafft und allenfalls in den moosigen Weiher geworfen hätte, denn so viel von der Spitzbubensprache hatte Hieronymus inne, daß er jene Worte des mißtrauisch verschlagenen Alten verstanden; oder wenn während seines Verweilens der Bande plötzlich eine Streif wache über den Hals gekommen wäre, wie angenehm für Hieronymus, mitverhaftet und auf einem Leiterwagen in Gesellschaft seiner Freunde in die Stadt abgeführt zu werden, denn mitgefangen – mitgehangen, lautete es dann. Von solch wirren Betrachtungen zogen ihn endlich Anwandlungen von großer Müdigkeit ab, die sich ihm wie bleierne Gewichte auf seine Sinne legten, so daß er, ein zweiter Odysseus, nach langer Irrfahrt sozusagen schlafend in der Heimat anlangte.

Geräuschlos ward am Vaterhaus die hintere hölzerne Laube erstiegen und die Türe an der obern unbewohnten Kammer geöffnet, allwo der wegmüde Mensch, ohne sich Zeit zum Ausziehen zu gönnen, auf einem seit seinem Wegzug nicht mehr benützten Strohsack schnell den erquicklichen Schlaf fand.

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Lehrjahre
Kleinstädterleben
Das Freischießen

Hieronymus Kapitel 13

“De freudig Stündli isch’s nit e Fündli?”
>Johann Peter Hebel

Die Lehrjahre – Kleinstädterleben – Das Freischießen

Hieronymus, wie das Kind im Hause des Meisters gehalten, zeigte sich willig wie anstellig und hatte sich bald wieder an die regelmäßige Arbeit gewöhnt. In kurzer Zeit war er so weit, daß er dem Meister brauchbare Arbeit liefern konnte. – Denn schon bei seinem Scheiden von der Heimat hatte er den guten Vorsatz gehabt, nicht eher an eine Rückkehr zu denken, bevor er nicht etwas Namhaftes erlernt und eine gewisse Selbständigkeit erworben habe. – Allerdings mußte er diesen Entschluß sich manchmal wieder zurückrufen, wenn ihn eine Sehnsucht beschlich nach den Tälern und Bergen, dem Schauplatz seines Jugendlebens. – Besonders lebhaft traten diese Bilder vor seine Seele, wenn er nach Feierabend an seinem Kammerfenster stand, und die fernen Tannenberge ihre dunklen Umrisse in verglimmendem Abendrot abzeichneten, oder phantastische Wolkengebilde wie Schlösser und Gebirge dort aufstiegen und – wandelbar wie Gedanken – wieder zerflossen im dämmerigen Luftmeer. – Doch blieb ihm glücklicherweise wenig Muße, solchen Gedanken und Träumereien nachzuhängen, denn die Gegenwart, alles, was er sah und hörte, nahm seine Teilnahme zu sehr in Anspruch; auch konnte in diesem Lebensalter, wo die Hoffnungen noch keine Täuschung erfahren haben, wo man andern so leicht vertraut und sich anschließt, bei dem offenen jungen Mann die Stelle eines Freundes unmöglich lange unbesetzt bleiben.

Schon der nächste Sonntag brachte für den Lehrling die Gelegenheit, beim Feldwaibel einen Gesellen zu finden, zu welchem er sich alsbald hingezogen fühlte, und dem er auch sein Leben lang in aufrichtiger Freundschaft zugetan blieb. Es war jener Severin, von welchem der Feldwaibel seinem jungen Vetter bereits am Tage seiner Ankunft gesprochen und eine Arbeit von ihm vorgezeigt hatte.

Severin zählte etwas mehr an Jahren als Hieronymus, allein ein eigentümliches Ereignis erschloß ihnen bald gegenseitig die Herzen. Severin besaß eine hübsche Sammlung von Zeichnungen, die er seinem Freunde am nächsten Feiertag zu zeigen versprach. „Die Mutter ist zwar krank“, fügte er seiner Einladung bei, „aber es geht gottlob wieder um ein Guts besser.

Gestern ist sie vom Kaplan versehen worden, und heut kann sie schon wieder aufstehen. – Die Gote ist den Morgen bei ihr und wartet ihr ab.“ Es war ein stiller Sonntagnachmittag, ein solcher, wo alles, selbst die Natur, zu ruhen und sich zu vertiefen scheint. – Freund Severin mit seiner betagten Mutter bewohnte ein Unterstüblein in einem abgelegenen Stadtviertel. – Als Hieronymus bei ihm eingetreten, fand er den jungen Steinmetzen eben beschäftigt, in Erwartung des versprochenen Besuchs Zeichnungen in einer Mappe zu ordnen. „Ich hab schon glaubt, du kommest nit“, erwiderte Severin freundlich, aber leise redend, den Gruß des Ankommenden. »Wir müssen ein wenig still tun, weil die Mutter schläft.“ Dabei deutete er auf die halb offenstehende Tür des Hinterofens, wo Hieronymus die sieche Matrone in einem Lehnstuhl schlummernd erblickte.

Während der Steinmetz nun behutsam das Klebtischlein von der Wand herabklappte, um die Zeichnungen daraufzulegen, nahm er wahr, wie der Blick des Malerlehrlings auf einer eingerahmten Tafel an der Wand haftete, welche einen in Alabaster gearbeiteten Steinmetzenschild enthielt. „Es ist eine Arbeit von mir, und das ist mein Steinmetzenzeichen“, erklärte er dem Lehrling.

„Ja, wenn ich’s emal so weit brächt, wie Ihr“, sagte Hieronymus mit einem tiefen Atemzug; „und g’wiß versteht Ihr Euch auch auf Musik“ fuhr er fort, auf eine Klarinette deutend, welche nebenan auf dem Schafte lag.
„Früher, ja, da hab ich viel g’spielt; es ist der Mutter ihr Liebstes – aber jetzt“, sagte er, indem er besorgt gegen den Ofen hinblickte, „jetzt – seit den paar Wochen, hab ich alles liegenlassen.“ Das Auge des Lehrlings wendete sich wieder der Schlafenden zu; es war, als suchte er nach einem Worte, das er nicht finden konnte.

Mittlerweile hatte der Steinmetz seine Mappe aufgeschlagen, und Hieronymus vermochte nur zu staunen über die zierlichen Arbeiten, welche jener ihm vorlegte. Die Blätter, alle numeriert, waren teils mit der Feder, teils in Tusch ausgeführt, und stellten mancherlei Grundrisse dar, Fenster- und Türgewände, Filialen und Blattkreuze, allerlei Maßwerk und Schnörkel. Denn wenn damals gleich die gotische Baukunst von dem herrschenden Geschmack längst schon in die ästhetische Rumpelkammer geworfen worden war, so bestand unter den Steinmetzen doch noch der Verband der alten Bauhütten, und man heischte von jedem Gesellen und angehenden Meister Kenntnis der Regeln jener Kunst.

Nachdem fast alles durchgesehen und Severin eben einen kunstreichen Riß erläutern wollte, hörte er die Mutter sich regen und mit schwacher Stimme seinen Namen rufen. Behende, aber leisen Trittes war Severin zu der Kranken geeilt, zu fragen, ob sie was bedürfe. „Severin, spiel mir doch noch einmal etwas“, lispelte die Mutter, und der Sohn gehorchte, wenngleich sichtbar beklommen. Er langte das Instrument vom Schafte herab, band zuerst sorgsam das Blatt am Mundstück fest, und spielte einen jener gemütlichen Ländler, welche die Frau stets so gerne gehört hatte. Nachdem er geendet und wieder zu der stille gewordenen Mutter hintrat – war sie zusammengesunken – eine Leiche. – Mit den Tönen war auch ihr Geist fortgezogen aus seiner gebrechlichen Hülle – hinüber in ein besseres Land!

Hieronymus teilte aufrichtig den herben Schmerz des jammernden Sohnes; der ganze bedeutsame Moment aber verfehlte seine Wirkung auf beide nicht. Es war ihnen, als seien sie schon seit Jahren bekannt, und sie blieben von nun an unwandelbar anhängliche Freunde. Den Sonntagnachmittag brachte Hieronymus gerne beim Feldwaibel zu.

Wie bereits erwähnt, hatte der Vetter den ganzen Siebenjährigen Krieg mitgemacht, und auch Annakäther, seine treuanhängliche Ehehälfte, war ihm, nach damaligem Kriegsgebrauch, ins Feld gefolgt. – „Wollte ich meine Erlebnisse aus dem Krieg alle aufschreiben“, sagte der alte Soldat oft, „so würd‘ es ein ganzes Buch geben.“ In Friedenszeiten war es die Obliegenheit der meist verheirateten Mannschaft, Polizeidienste im Bezirk und auf den Jahrmärkten zu tun und insbesondere hier im Städtchen in der landesherrlichen Strafanstalt Wachdienste zu versehen. – Die Wachstube dort mit ihrem Tabaksqualm und den Erzählungen der langgedienten Kriegskameraden hielt unsern Lehrling manches Viertelstündchen fest. – Oft auch holte ihn sonntags nach der Vesper Freund Severin ab zu einem Spaziergang.

Sie schlenderten auf Feldwegen durch die weitläufigen Gemarkungen und machten Pläne für die Zukunft, während aus dem reifenden Kornfelde die Wachtel rief oder da und dort eine Kette Rebhühner an ihnen vorbeisauste.

Seit dem Tode des Mütterleins, welches den Sohn allein bisher im Heimatorte festgehalten, war bei Severin mehr und mehr der Entschluß gereift, zu wandern und sein Fortkommen in der Fremde zu suchen. Auch Hieronymus wollte dies tun, sobald nur die Lehrzeit glücklich beendet sein würde. – Dann stand auch ihm die Welt frei und offen! – Welche Aussichten boten sich ihnen da – glänzend wie die Wolkenberge dort im sonnigen Himmelsblau, farbig wie der Regenbogen nach erfrischendem Gewitter. – Mitunter suchten sie auch den Tambour Gsell auf im Wald, wo der Alte tagelang dem Vogelfang oblag, und wo dann Hieronymus, als Zögling Stoffels, Gelegenheit hatte, seine Kenntnisse vom Jagdwesen an den Mann zu bringen.

Als sie einst, von einem solchen Ausflug heimkehrend, über die Höhen von „Schosen“ wanderten, machten sie an einer Stelle einen Augenblick Halt, die eine Aussicht bot über die weiten Fruchtfelder der Baar und den westlich liegenden Schwarzwald. Die Sonne war hinunter, und durch das Laub der vereinzelten Kirschbäume in der Nähe säuselte schon der Abendwind, dem heißen Tage kühlenden Abschied zufächelnd.
„Dort, wo jetzt der Abendstern vorkommt“, nahm Hieronymus nach einer Weile das Wort, „in der Richtung, wo die hohen Tannen stehen, da muß der Laubhauserhof liegen.“
„Hast du noch nie kein Heimweh gehabt?“ fragte Freund Severin.
„Heimweh?“ wiederholte Hieronymus. „Wenn du“ – (denn sie duztensich bereits gegenseitig) – „wüßtest, wie ich mich in der letzten Zeit von daheim fortg’sehnt hab, würdest du mich nit fragen.“
„Es muß aber doch auch recht schön sein auf’m Wald. – So en Hofbauer muß en rechter Freiherr sein, der nach niemand viel zu fragen hat“, meinte Severin. – „Ist der Laubhauser reich?“
„Das will ich meinen“, versetzte Hieronymus. „Sein Wald allein ist größer als euer Wolfbühl dort. Und der vermöglichste Bauer von euern treibt nit halb soviel Vieh auf die Weid als wie der Laubhauser.“
„Hat er Kinder?“ fragte Severin.
„Einen Sohn und eine Tochter!“
„Ist die Tochter hübsch?“ fragte Severin weiter; – hübsch! – Hieronymus wußte nicht, was er erwidern sollte. – Schön und seelengut, wollte er sagen, allein das Wort erstarb ihm auf den Lippen – und er sagte bloß: „Ich wollt nur, du könntest sie mal sehen! – Der Alte ist ein stolzer Mann“, setzte er weiter ausholend bei, „viel besser ist die Bäuerin, ganz g‘ mein und verständig und die Güte selber. – Ganz so ist auch die Tochter – der Peter aber schlagt dem Vater nach!“

Dann erzählte er, einmal in dieses Fahrwasser gekommen, dem Freund umständlich von allen Verhältnissen daheim, von frühester Jugend bis zum Abschied von dort, wobei natürlich der Name Florentina mehr als einmal genannt und hervorgehoben werden mußte.
Severin ließ ihn ausreden. Es schien ihm ein Licht aufzudämmern; jedenfalls war er glücklicher im Erraten und Verstehen, als es der Stoffel am Neujahrstag gewesen. – Herzensangelegenheiten hatten übrigens dem guten Severin für seinen Teil bisher noch wenig zu schaffen gemacht. Er glaubte an dergleichen nicht denken zu dürfen, solang er für die alte Mutter zu sorgen hatte.

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Wie heutzutag die Turner-, Sänger- und andern Feste mit ihren Fahnenweihen und Banketten das Interesse des friedliebenden Stadtbürgers allerwärts in Anspruch nehmen, ebenso allgemein war dazumal die Teilnahme an den verschiedenen kirchlichen Festlichkeiten und Umzügen. Für unsern Wäldersohn hatten diese, wenn sie auch gewohnte Dinge betrafen, doch einen neuen, großartigen Zuschnitt. Hatte er in seinem heimatlichen Tale dem Fronleichnamstag stets mit größter Erhebung beigewohnt, so sah er dieses Fest jetzt in der Amtsstadt mit einer Prachtentfaltung und unter Umständen begehen, wovon er früher keine Ahnung gehabt hatte. Das Schließen der Stadttore während der Prozession, die in Blumenpfade verwandelten Gassen, das Allerheiligste, begleitet von den zwölf jüngsten Bürgern in Uniform und mit Hellebarden auf der Schulter, die Beamten, die vierundzwanzig Ratsverwandten in ihren schwarzen Mänteln, die Grenadierkompanie in Parade, die regelmäßigen Gewehr- und Böllersalven beim Segen, das alles konnte einen hohen Eindruck auf sein Gemüt nicht verfehlen. – Ein anderes, ihm ebenso neues Gepräge trug das Jakobifest zu Ehren des Kirchenpatrons, wobei die gesamte Jakobsbruderschaft sich von nah und fern in Pilgertracht mit Stab und Muschelhut zu versammeln pflegte, um, geleitet von sämtlichen Zünften, einen Umzug zu halten.

Bei all der andächtigen Stimmung, die unsern Lehrling an solchen Tagen zu erfassen pflegte, war er jedoch immer noch in einem Alter, wo man über dem Himmlischen das Irdische nicht ganz aus den Augen verlieren möchte. Und so können wir nicht verschweigen, daß ihn die am Herz- Jesu-Fest von Händlern aus dem nahen Klettgau hergebrachten Kirschenkörbe und am Jakobifest die Zainen voll duftender „Bestlebirnen“ fast ebensosehr interessierten wie die vorgenannten Umzüge.

Übrigens fehlte es auch damals nicht an weltlichen Festlichkeiten und Vergnügen. Hervorragend darunter war das städtische Scheibenschießen, welches alljährlich auf den Tag Peter und Paul seinen Anfang nahm und allsonntäglich bis zur in den Oktober fallenden Kirchweih fortgesetzt wurde.

Schien die Bestimmung des von der fürstlichen Regierung gegebenen Schützenbriefes: „die Untertanen und Hintersassen auf eine etwa hereinbrechende Kriegsgefahr oder andern sich ergebenden Notfall zur Landesdefension tauglich zu machen“, auch keinen praktischen Wert mehr zu haben, so wurde doch immer noch daran festgehalten, daß jeder Bürger oder Bürgerssohn, der das neunzehnte Jahr zurückgelegt, verpflichtet sein sollte, den regelmäßigen, sonntäglichen Schießübungen wenigstens sechs Tage des Jahres beizuwohnen.

Das Schützenhaus stand bis 1839 auf dem Anger beim Farrenstall und die Breg wird in jener Gegend noch immer Schützenbach genannt. 1848 wurde dann im „unteren Angel“ ein neues Schützenhaus errichtet. Nach der Schützenordnung des Fürsten Karl Friedrich vom 8. Juni 1744 wurde das „Ordinarii- Wochen- und Gesellenschießen“ mit „Bürstenbüchsen“ zur Pflicht gemacht. (1)

Das Schießen begann nach dieser Ordnung alljährlich am Sonntag nach Georgi (23. April). Wie schon im vorletzten Kapitel erwähnt, war der Großvater von Lucian Reich, der Zuchtverwalter Franz Joseph Schelble, der hier zum wiederholen Male gewonnen und das „Beste“ im Hauptschießen davon getragen hatte.

Der Schützenmeister Franz Xaver Reich (der Bruder von Lucian Reich) schrieb am 2. April 1859, dass der Fürst zu Fürstenberg der Gesellschaft das Abbruchmaterial des Kegelhauses im Schloßgarten zum Bau eines neuen Schützenhauses als Geschenk überlassen habe. (1)

Postkarte von 1890 aus der Sammlung Dieter Friedt. 

Diesmal sollte der Beginn der Übungen besonders festlich begangen werden mit einem Freischießen, bei welchem die fürstliche Freigebigkeit die ersten Preise spendete. – Die Gesellschaft, welche stets noch beim Zuchthausverwalter zusammenkam und bewährte Schützen unter ihren Gliedern zählte, hatte schon geraume Zeit vorher ihre Zurüstungen zum bevorstehenden Wettkampfe gemacht. Jeder betrachtete es gewissermaßen als eine Ehrensache, die ersten Preise nicht außerhalb der Mauern der Stadt in die Hände fremder Schützen gelangen zu lassen. – Sämtliche Standrohre von großem und kleinem Kaliber wurden neu visiert (der Verwalter selbst, zur Zeit erster Schützenmeister, war der Büchsenmacherei kundig), frisch geschmirgelt und im Zuchthausgarten, in Lett gelegt, frisch eingeschossen, bei welcher Arbeit auch Hieronymus, als solcher Dinge gewöhnt, mit Hand anlegen durfte.

Der Auszug geschah nach Bestimmung des Schützenbriefs. Nach beendetem Gottesdienste wirbelten die Trommeln, und sämtliche Schützen mit Ober- und Untergewehr eilten dem Rathaus zu, wo das Schützenbanner aufbewahrt war. Von da begaben sie sich in guter Ordnung und formierten Gliedern, unter Vortritt der beiden Schützenmeister, mit fliegender Fahne, Trommeln und Pfeifen auf die Schießstatt vor dem obern Tor. Nachdem die Fahne in der Stube des Schützenhauses aufgepflanzt worden, verkündeten Böllerschüsse den Anfang des Schießens, zu welchem von nah und fern geladene Teilnehmer sich eingefunden hatten.

Der Nachmittag bildete sodann erst den Glanzpunkt des Festes. Alles war vor die Tore geströmt, auf den Schauplatz der Unterhaltung. Oben im Schützenhaus wurde Wein und Bier verzapft; an den Fenstern, welche eine Aussicht auf die Scheiben boten, erblickte man sonntäglich geputzte Frauen und Töchter.

Auch Hieronymus hatte sich unter die Zuschauer gemischt, und als er die Augen einmal hinaufgleiten ließ zu den Fenstern, gewahrte er alsbald die Frau Oberamtsrätin mit Fräulein Helena und ihren jüngeren Geschwistern dort; und fast wär er ein wenig in Verlegenheit gekommen, der n es wollte ihn bedünken, daß ihm, als Lehrling, hier in dieser Gesellschaft von Herren, Damen und Bürgern, eigentlich kein Platz gebühre. Von solchen Gedanken angewandelt, begab er sich ins Erdgeschoß des Hauses, wo die Ladbänke angebracht waren, froh, daß es ihm vergönnt sei, hier dem alten Franz, dem Büchsenspanner seines Meisters, beim Laden an die Hand gehen zu dürfen.

Postkarte von 1943 aus der Sammlung Dieter Friedt. 

Das Schießen war im besten Zug, als es – um die Mitte des Nachmittags – plötzlich hieß: „der Fürst kommt!“ – Alles geriet in Bewegung, und auch Hieronymus rannte von der Ladbank hinweg vor das Haus. Alle Blicke wendeten sich dem Städtchen zu, wo über die Brücke, von der Residenz Donaueschingen kommend, eine vierspännige Kutsche heranrollte mit einem Vorreiter und begleitet von zwei rot uniformierten Leibhusaren. In dem stattlichen offenen Wagen saß der regierende Fürst, Joseph Maria Benedikt, mit einigen Kavalieren. – Zu gleicher Zeit sah man auch seine Gemahlin, welche im Schlosse gegenüber abgestiegen, an den Fenstern desselben erscheinen, um von dort aus das Schießen mit anzusehen.

Der Landesherr mischte sich heute selbst unter die Schützen und tat manch trefflichen Schuß. Die Gewehre waren Prachtexemplare und Meisterstücke der Büchsenmacherkunst; die stahlblauen, silbereingelegten Rohre, die geschnitzten, mit Perlmutter und Elfenbein reich verzierten Schäfte und die Schloßbleche, auf welchen Scharmützel und ganze Bataillen in künstlicher Gravierung zu sehen, erregten allgemeine Bewunderung.

Der regierende Fürst, Joseph Maria Benedikt zu Fürstenberg-Stühlingen (9. Januar 1758 – 24. Juni 1796) übernahm 1783 die Regierung. Seine Frau war Maria Antonia von Hohenzollern-Hechingen. Die Ehe blieb kinderlos.

Plötzlich entstand ungewöhnlicher Lärm und Aufregung, Böllerschüsse krachten darein, und den Zeiger an der „Stechscheibe“ in seiner Hanswurstjacke sah man seine Späße und Sprünge machen: es mußte ein außergewöhnlicher Schuß gefallen sein.
„Wer?“ schallte es durch ein Sprachrohr vom Schlosse her.
„Der Zuchtverwalter!“ wurde auf diese Weise vom Schießplatz aus zurück berichtet.
Es war die Gewohnheit der Fürstin, bei jedem guten Schusse, der auf der Scheibe gezeigt wurde, vermittelst des Sprachrohrs anfragen und sich den Namen des Schützen melden zu lassen.

Der Zuchtverwalter hatte diesmal einen Glücksschuß getan – und den „Zweck“ (Zentrum) geschossen. Gleich darauf zeigte sich Fortuna auch dem Meister unseres Hieronymus gewogen, und zwar auf der „Schnapperscheibe“, und der Lehrling freute sich, daß nun doch die besten „Gaben“ im Städtlein verbleiben würden. Diese, die Gaben, bestanden im Hauptschießen in feinem Zinngeschirr, damals eine Zier jeder bürgerlichen Haushaltung, nebst etlichen silbernen Löffeln. Als Preise im „Schnapper“ dagegen sah man Wachs- und Unschlittkerzen mit verschiedenen wertvollen Rittergaben ausgestellt.

Durch den Büchsenspanner Franz war unser Lehrling Hieronymus eingeladen worden, auch einmal einen Schuß zu probieren. Der junge Bursche aber glaubte die Einladung ablehnen zu müssen – obwohl er vielleicht seine Überlegenheit über manchen Schützen fühlen mochte, dessen Kugel statt ins Schwarze in den hinter den Scheiben ansteigenden Rain oder in die benachbarten Krautgärten flog. – Allerdings – durch einen glücklichen Schuß hätte er der Gesellschaft zeigen können, daß auch er – nicht links, der Waffen nicht so ganz ungewohnt sei. – Wie aber – wenn ihm das Schicksal einen Streich spielen und die Kugel ebenfalls dem Rain oder den Gärten zuwehen würde? – Welches Gelächter alsdann unter den Zuschauern, wenn der Pritschenmeister herbeikäme, den Neuling mit dem klappernden Szepter vorschriftsmäßig abzustrafen! Nicht um alles in der Welt hätte er den Mamsellen oben am Fenster – die Ratsfamilie weilte stets noch dort – den spaßhaften Anblick verschaffen mögen. Und überdies mochte er wohl fühlen, daß es sich für den Lehrjungen nicht schicke, hier es den Herren und Meistern gleichtun zu wollen.

Postkarte von 1929 aus der Sammlung Dieter Friedt. 

Doch werden wir unsern Freund bald bei einer andern Gelegenheit im glänzendsten Lichte seiner Geschicklichkeit erblicken. Und um dem Leser diesen Moment nicht allzulange vorzuenthalten, wollen wir den Ausgang des gegenwärtigen Freischießens, welches drei Tage in Anspruch nahm, nur kurz berichten.

Wie vorauszusehen, hatte der Verwalter mit seinem Zentrumsschuß das „Beste“ im Hauptschießen davongetragen: eine große zinnerne Suppenschüssel mit einem silbernen Schöpflöffel. Seinem Freund, dem Naglermeister, warf das Glück den zweiten Preis, zwei Dutzend schwere Zinnteller, in den Schoß, während Hieronymus das Vergnügen hatte, seinem Meister einen ansehnlichen Pack Wachskerzen, Schnappergabe Nr. 1, nach Hause tragen zu dürfen. – Wem die übrigen Preise und die Rittergaben zuteil geworden, ist aus den alten, mangelhaften Schützenrodeln nicht mehr mit Gewißheit zu entnehmen.

Die Gelegenheit für Hieronymus, von welcher wir gesprochen, ergab sich bei einem der kleineren Freischießen, welche im Laufe des Herbstes in den umliegenden Dörfern ausgeschrieben wurden.

Es war ein nebliger Oktobertag, als man wohlausgerüstet von der Amtsstadt auszog, hinauf nach Mistelbrunn. Hieronymus und ein paar andere Schildknappen waren in der Gesellschaft. – Auf der Schießstatt hinter dem Wirtshaus ging es schon lebhaft zu, als unsere Freunde dort ankamen. Nach der alten, zum Sprichwort gewordenen Erfahrung: „einem nüchterne Ma goht kein Schick a“, hatten sie zuerst eine Erfrischung zu sich genommen und dann wohlgemut ihr Feuer eröffnet – diesmal jedoch ohne den gewohnten Erfolg.

Der Verwalter, welcher soeben einige fatale „Schlenker“ auf der Probierscheibe getan, schüttelte, die „Muck“ (Korn) auf seiner Büchse betrachtend, ärgerlich den Kopf: „der Wind muß mich genommen haben, denn so wie die Fähnlein weisen, zieht er an. – Wir müssen ein wenig zugeben“, meinte er, indem er vorsichtig mit beiden Daumen das Korn etwas seitwärts rückte und sodann, die Büchse auf den Nagel legend, auch das „Guckerle“ zurechtschraubte.
„Weiß nicht“, entgegnete der Kaplan, „ich hab bis jetzt immer konträr in den Wind geschossen.“
„’s ist bigott wie verhext“, brummte der nebenan stehende Schmied vom Ort, verdrießlich seine alte Radschloßbüchse auf die Ladbank schiebend.
„Den ganzen Tag noch kein ordentlicher Schuß! – Bin nur froh, daß es euch au nit besser geht, ihr Herren aus der Stadt.“
„Ein schwacher Zweikreisler hat bis jetzt noch ’s Beste inn, obwohl schon über vierzig Doppel abg’schosse worde sind“, bestätigte der inzwischen hinzugetretene Wirt, der als „Bestgeber“ das Schießen ausgeschrieben.
„Nur Geduld, der letzt hat noch nicht g’schosse!“ warf der Meister Amtsdiener hin. „Ich denk, Schwager“, wendete er sich zum Verwalter, „wir machen vorderhand Waffenstillstand. Vielleicht legt sich der Wind unterdessen.“
„Ei was, Wind!“ versetzte der Naglermeister. „Das neblig Wetter ist schuld; wir müssen am Pulver zusetzen.“

Während sie so sich berieten und jeder eine der hundert, den Schützen bekanntlich so geläufigen Ausreden vorbrachte, war Hieronymus von der Schießstatt weg gegen den vom Wald herziehenden Fußweg gesprungen, und man sah, wie er lebhaft grüßend, einem alten Gesellen, der Büchse und Kugelsack trug, die Hand reichte.

„Aha, da kommt der Stoffel!“ rief der Schmied, nach jener Richtung deutend. „Wollen seh‘, wie es dem geht, der kann mehr als Brot essen.“ Es war wirklich der Stoffel, der ehemalige Kamerad des Hieronymus, der jenen schon von ferne bemerkt hatte und ihm entgegengeeilt war.
„Ist recht, daß du da bist“, sagte, auf dem Platz angekommen, der Alte, indem er seinen Tiroler von der Schulter nahm und dann aus dem ledernen Futteral losschnallte. „Eh mein Herr, der Oberförster, kommt, mußt du é paar Schuß tun, Hieronymus. Ich will dir gleich laden.“
„Gut!“ meinte der Amtsdiener, sein Meister. „Versuch mal dein Glück, vielleicht kannst du mehr als wir.«
„Ich will’s probiere!“ entgegnete Hieronymus, freudig auf den Vorschlag eingehend.
„Nimm dich aber in acht“, warnte der Stoffel seinen Freund und drückte nicht ohne Anstrengung mit dem Setzstock die Kugel in das Rohr.
„Du weißt, der Tiroler hat viel Schluß und stoßt e‘ bißle, schießt aber sonst teufelsmäßig.“

Nachdem die Büchse geladen, trägt sie der Alte auf den Stand und Hieronymus folgt. – Fast alle Zuschauer hatten sich um die beiden geschart. Der Stoffel legt das Rohr vorn auf den Nagel, gibt dem Schützen den Kolben in die Hand, röhrt auf, reibt den Feuerstein mit dem Daumen-nagel, hält vorsichtig den aufgezogenen Hahn solange fest, bis Hieronymus den Finger in den Bügel gelegt und sich fertiggemacht, tritt dann zurück und kommandiert: „laß brechen!“ Der Schütze hält den Atem an, zielt lange endlich kracht der Schuß – aber o Schrecken! – Die Büchse rumpelt vom Nagel herab, die Schattenbleche klappern – und der Schütze liegt der Länge nach auf der Nase – im Sand. – Der Stoffel springt vor und bemächtigt sich des Geschützes – und lacht hämisch – der Gefallene rafft sich auf, bestürzt, sprachlos – reibt sich die Knie und die Ellenbogen. – Die Umstehenden aber, als sie ihn unbeschädigt sehen – brechen in ein schallendes Gelächter aus.

„Hab ich dir nit g’sagt, daß er stoßt?“ grinst der Stoffel. – Doch jetzt wenden sich alle Blicke nach der Scheibe. Der Schwarz Weißgerber, der renommierte Zeiger, den der Wirt extra von Hüfingen verschrieben und engagiert hatte, war herausgetreten, hatte kaum auf das Ziel geblickt, als er wie betrunken ins Gras taumelte. – Jetzt wußte man, wieviel Uhr es geschlagen. Neben dem Zeigerschirm qualmte Rauch auf – es krachten Böllerschüsse – und „e Mäßle vom Beste*, schreit der Stoffel durch die hohle Hand dem Zeiger zu, der, aufspringend, seinen Hut in die Höhe wirft – und endlich, nach vielen Späßen, den Zeigstock in den Schuß hängt – ein allgemeiner Ausruf der Verwunderung – das Zentrum war rund hinausgeschossen. Jetzt ging es los: „das ist wieder e Stückle vom Stoffel“, murmelte der Schmied; „dem jungen Mensch hätt’s übel aufstoßen könne“, ein anderer; „er hat ihm eine Freikugel geladen“, ein dritter.

Aber der Schuhfränzle, Gemeindeschreiber im Dorf, vom Wirt als Schützenmeister aufgestellt, rannte herbei: – „Ihr Herren“, fing er an, indem er, mit der Hand Platz machend, im Kreise herumfuhr: „Ihr Männer – ich als Schützenmeister muß Einsprach‘ erheben – Ich nehm‘ euch alle zu Zeugen, ihr habt gesehe‘, was vorgangen ist. – Der Stoffel ist mir en rechter Mensch -, ich will nix über ihn sagen. – Aber ihr habt g’seh‘, wie’s dem jungen Mensch gangen ist. – In dem alten Schützenbrief, der heutzutage noch gilt (bei diesen Worten legte der Sprecher den Zeigefinger der Rechten in den ausgestreckten Daumen der Linken), da heißt es Paragraph achtundzwanzig ganz deutlich: daß diejenigen, so mit Zauberei, Teufelswerk oder unerlaubten Sachen schießen, den Schuß verlieren und nebstdem nach rechtlicher Erkenntnis von Obrigkeits wegen in Straf verfallen. – Ihr Männer! Der Schuß kann nit gelten, ich als Schützenmeister muß protestiere.

Mit ernsthaftem Gesichte hatten viele dem Redner zugehört, andere jedoch, unter ihnen unsere Freunde, lachten. „Guter Freund!“ nahm der Verwalter das Wort, „man merkt, daß Ihr nicht auf den Kopf gefallen seid – aber laßt doch jedem sein Pläsier -; wem es Vergnügen macht, bei jedem Schuß auf die Nase zu fallen, der mag’s in Gottes Namen tun, davon steht ja nichts im Brief.“
„Wer mir das Kunststückle nachmachen will, der soll’s probieren“, meinte Hieronymus, indem er mit der Hand seine rechte, etwas geschwollene Wange hielt. Die Lacher waren jetzt auf des Lehrjungen Seite, und der Wirt konnte nicht anders sagen, als „er hat Recht“

Um jedoch unsern Freund nicht in das Licht eines Schwarzkünstlers oder Hexenmeisters zu stellen, sei es gesagt, daß alles mit ganz natürlichen Dingen zugegangen. Die Büchse hatte noch den kurzen, deutschen Schaft, dieses und Stoffels Warnung, daß das Gewehr stark stoße, hatten verursacht, daß der Schütze beim Zielen sich stark nach vorwärts gelehnt, die Büchse beim Schuß über den Nagel vorgerutscht war und jener das Gleichgewicht verloren hatte. Der Zentrumsschuß war entweder Folge seines richtigen Zielens oder bloßer Zufall.

Werfen wir zum Schluß einen Blick auf unser Bildchen, welches den Heimzug unserer Freunde darstellt, so entnehmen wir daraus, daß der beste Schuß unserem Hieronymus geblieben sein mußte, denn der Schmalzkübel, den die Buben an einem Aste, ähnlich den Männern mit der großen Traube aus dem Gelobten Lande, tragen, deutet unzweifelhaft auf das gewonnene Beste. Und wenn das nebenan hängende Päckchen etwa gar voll jener hellbraunen Bohnen wäre, ohne welche es, wie manche behaupten wollen, heutzutage fast keine zufriedene Ehe mehr gäbe – wahrlich, so dürfen wir annehmen, daß die sieghaften Schützen von ihren Frauen und Töchtern daheim mit vergnügten Gesichtern willkommen geheißen wurden.

Die „hellbraunen Bohnen“ ohne die es heutzutage fast keine zufriedene Ehe mehr gäbe, sind vermutlich Kaffeebohnen.

“De freudig Stündli isch’s nit e Fündli?”
>Johann Peter Hebel

(1) Aus den Schriften der Baar 17 (1928), Georg Tumbült: Das Fürstenbergische Kontigent Schwäbischen Kreises.

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Abschied von der Heimat
Ankunft in der Stadt

Hieronymus Kapitel 12

“Siehsch des ordelig Städtli mit sine Fenstern und Gieble,”
>Johann Peter Hebel

Abschied von der Heimat – Ankunft in der Stadt

Zur Zeit unserer Erzählung hatte das fürstenbergische Amtsstädtchen an der Straße nach Schaffhausen und nach Freiburg noch so ziemlich sein mittelalterliches Ansehen. Die eng zusammengebauten Häuser und Gassen umgab eine Mauer mit etlichen Türmen und Schießscharten, vielfach geflickt und ausgebessert wie ein alter, abgetragener Rock. Die Vorrichtung zur Stauung des Stadtgrabens war jedoch längst schon beseitigt; im Graben selbst wuchs hohes Gras zwischen Schutthaufen und Hafenscherben, oder man fand ihn stellenweise aufgefüllt und zu wohlgelegenen Krautgärten hergerichtet.

Ebenso war die Mauer hin und wieder verbaut mit Wohnungen, Scheuern und Fruchtspeichern, und wo sie noch im Urzustand erschien, sah man manches grüne Stäudlein herabwinken, als bezeichnendes Symbol der langen Friedenszeit. – Die paar Türme, welche Mauer und Graben flankierten oder ehedem die alte, längst auch umgebaute „Burg“ in der „Hinterstadt“ beschützt hatten, dienten zu Wohnungen, die mit Verteidigungszwecken nichts mehr gemein hatten, als höchstens ihr äußeres Aussehen.

Waren die Zeiten demnach auch längst vorüber, wo es dem Bürger, laut Stadtbrief, bei Strafe verboten war, anders als bei den „rechten Toren“ aus- und einzugehen, den Harnisch oder die Armbrust zu verkaufen oder zu versetzen, so wurden nichtsdestoweniger die Tore noch jede Nacht geschlossen, und die Stadtmauer zu durchbrechen, um ein Fenster oder eine Türe einzusetzen, ward nur in Ausnahmsfällen gestattet.

Bei allerlei Handwerkstätigkeit, wie z. B. Wollenweberei und Gerberei, war die Einwohnerschaft, wie heute noch, vorzugsweise auf Landwirtschaft angewiesen. Der Ort zählte dazumal beiläufig achtzig „ganze“ und zwanzig „halbe“ Bauern, welche sich in den Besitz der weitläufigen Gemarkung mit zugehörigem Waidrecht ausschließlich teilten. Wollte ein Taglöhner oder Hintersaß ein oder ein paar Kühlein mit hinaustreiben lassen, so konnte es nur nach Maßgabe einer Anzahl gepachteter Grundstücke geschehen.

Von dem im Zunftverbande großgezogenen Kunstgewerbe – welches bekanntlich erst am Schlusse des vorigen Jahrhunderts in rasche Abnahme gekommen, und mit Aufhören der alten Reichsverfassung gänzlich in der „nüchternen Zeit“ aufging (in welcher man bekanntlich alles Bildliche und Farbige beseitigt, und selbst den Himmel noch weiß angestrichen hätte, wenn ihm beizukommen) -, grünten stets noch einzelne Zweige, die letzte, erfreuliche Blüten trieben. Auch in kleineren Städten gab es noch Meister, die nach selbstgefertigten Zeichnungen und Rissen zu arbeiten verstanden. Wie achtenswert sind nicht, um nur ein Beispiel aus der Nähe anzuführen, die Arbeiten in gebranntem Ton eines Hafnermeisters Hans Kraut, der zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts in Villingen gelebt. Welch hübsches, nicht selten mit Geschmack und phantasiereichem Schwunge gearbeitetes Gitterwerk (worin in unserer Gegend sich besonders Hofschlosser Kaltenbach in Donaueschingen ausgezeichnet) findet sich noch an öffentlichen Gebäuden, Wirtshausschildern oder Brunnen. Immer noch gab es Meister, die im Gravieren, in getriebener Arbeit in Kupfer oder in Silber, im Schnitzen und Fassen sich auszeichneten. Und gewiß nicht leicht fand sich ein bemittelter bürgerlicher Bauherr, der nicht auch an oder in seinem Hause auf irgendeine künstlerische Zier, soviel in seinen Kräften stand, bedacht gewesen wäre: eine Figur, Malerei, ein Emblem, in mannigfacher Beziehung zum Haus, Gewerbe, zur Familie oder Religion.

Die Schule dieser Kunstgewerbe waren zunächst die alten Reichsstädte, wohl auch die reichen Klöster mit ihren Sammlungen und Laienwerkstätten, so wie auch der (vielverschriene) Luxus der kleinen Höfe mehr oder weniger der Kunst und dem verwandten Handwerk Gelegenheit gab, sich zu bilden und hervorzutun. – Dazumal siedelten sich tüchtige Meister gerne auch in kleineren Städten an, während jetzt Arbeitskräfte, Talent und Kapital fast gänzlich von den großen Städten, wo man sich schnell um jeden Preis bereichern will, angezogen und aufgesogen werden. Ein solcher tüchtiger Meister war auch der Lehrherr unseres Hieronymus. Die Kunst des Fassens, Marmorierens und Gravierens war in der Familie durch mehrere Generationen hindurch vom Vater auf den Sohn vererbt worden. Bei all dieser Vielseitigkeit fand der Mann überdies noch Zeit, den Dienst eines Amtsdieners beim fürstlichen Oberamt zu versehen.

Der angehende Lehrling Hieronymus hatte nur wenig Gepäck zu tragen, als er eines Morgens, als kaum ein erster Schein des Frührots durch die alten Tannen schimmerte und der Mond wie eine Laterne, die man auszulöschen vergessen, noch am Himmel hing – das Elternhaus verließ. – Das Kistlein mit dem kurz vorher noch glücklich beschafften neuen Rock und dem Weißzeug sollte einem Kohlenfuhrmann übergeben und nachgeschickt werden.

Der Vater, Dionys und Romulus begleiteten ihn eine Strecke weit. – Wie ein Strahl der Morgensonne fiel es in sein vom Abschied ein wenig beengtes Herz, als er, im Vorbeigehen am Hofe, das Töchterlein so frühe schon am Kammerfenster stehen und ihm ihr Bhütigott zuwinken sah. – Sonst rührte sich noch niemand im Haus; nur der Sultan, des Hofes treuer Wächter, bellte, heftig an der langen Kette zerrend, dem fortziehenden Freunde ein Lebewohl nach. – Ein wenig später erschien dann auch der Oberknecht unter der Stalltür, dem Ausmarsch der vier noch eine Weile nachschauend.

Als Hieronymus am Abend vorher im Hofe Abschied genommen, hatte ihm der Bauer, nicht ohne eine gewisse Förmlichkeit, drei Brabanter in die Hand gedrückt, für den Kasten. Hieronymus wollte das viele Geld nicht nehmen: „Es soll ja ein Andenken – will sagen eine Erkenntlichkeit sein“, stotterte er etwas verwirrt, „für die vielen Wohltaten, die ich im Haus da genossen hab.“ Aber der Bauer sagte: „Nimm’s, wirst’s brauche könne! Wer nix nimmt, kommt zu nix.“ Und Hieronymus mußte das Geld nehmen.

Mutter und Tochter hatten ihn bis vor die Haustüre begleitet, wo ihn erstere noch zu fernerem Wohlverhalten ermahnte, mit der Versicherung, daß man später dann auch wieder etwas für ihn tun werde. – Florentina aber wollte noch nicht Abschied nehmen: sie komme noch einmal hinüber in die Mühle, sagte sie. Und richtig kam sie gleich nachher, einen Ballen Reistentuch in der Schürze tragend. „Das schickt die Mutter noch“, erklärte sie der überraschten Anastas, die eben im Begriffe war, das Kistlein zu packen. „Siehst – wie gut man’s mit dir meint!“ sagte die Mutter zum Sohn, mit der Schürze sich die Augen trocknend. –

„Schreib auch recht bald, Hieronymus“, bat Florentina, „und komm bald emal auf B’such.“
„Vor einem Jahr nit“, entgegnete er. „Ihr würdet sonst meinen, ich hab Heimweh!“

Als Florentina schied, gab ihr Anastasia noch’s Geleit hinüber in den Hof. Und daß Hieronymus nicht vergessen hatte, dem Töchterchen ein vielfaches Vergeltsgott an die Mutter mitzugeben, bedarf wohl keiner Versicherung. Er war allen so sehr zu Dank verpflichtet! – Und doch – hätt‘ ihn mehr als Geld und Getüch – ein anderes glücklich gemacht – ein Andenken von Florentina, und wär’s auch nur eine Kleinigkeit gewesen!

Der Schwarzebub
Danke an Hubert Mauz

Im Hinauswandern hatte der Vater Zeit genug, dem Sohn alle die guten Lehren und Ermahnungen von früher zu wiederholen und einzuprägen. – Im „Schwarzen Bue“ tranken sie noch eine Butelle Schweizer oder Markgräfler mitsammen. Dionys und Romulus versprachen, ihn nächstens einmal in der Stadt zu besuchen – dann ließen sie ihn allein weiterziehen.

s’ chunt alles jung und neu und alles schlicht im Alter zu, und alles nimmt en End, und nüt stoht still. Hörsch nit, wie ’s Wasser ruuscht, und siehsch am Himmel obe Stern an Stern? Me meint, vo alle rühr si kein, und doch ruckt alles witers, alles chunnt und goht.
>Johann Peter Hebel

Der Schwarzebub
Danke an Hubert Mauz

Der Tag ließ sich prachtvoll an. Die Sonne verfolgte ihre Bahn mit einem Feuer, welches unserm Wanderer schon an der Steig beim Zindelstein Schweißtropfen auf die Stirne lockte. – In den Wiesen und Kleeäckern um Wolterdingen sah man bereits einzelne Mähder; das Gras stand reif da in heißer Sommerluf. – Bei Bräunlingen angekommen, schlug er den Weg rechts ein, vorbei an der alten Gottesackerkirche, hinab durch den Wald.

Der Schwarzebub
Danke an Hubert Mauz

Am Ausgang des Gehölzes machte er dann einen Augenblick Halt. – Die Stadt, in welche er nun zu längerem Verbleiben eintreten sollte, lag in einiger Entfernung vor ihm. – An den fernen lichtblauen Bergen flimmerten die Luftwellen; glänzend weiße Wolken standen im reinen Ather über dem grünbedachten hohen Kirchturm. – Um ihn her, im Walde, herrschte Stille; man hörte nur hie und da das Fallen eines Tannzapfens, das Summen einer Hummel oder das Nagen eines Eichhörnchens im Gezweig. Die schlanken, jungen Fohrenstämmchen bewegten wiegend und verneigend ihre Äste in der kaum fühlbar säuselnden Luft. – Von der Donaueschinger Straße her tönte ein Posthorn, und über die Bregbrücke zog langsam ein schwerbeladener Gutwagen; das Schellengeklingel des Roßgeschirrs und das Geißelknallen der Fuhrleute klang weithin durch die Landschaft. – Der Wanderer wischte sich den Schweiß von der Stirne. – Dann, nach längerem Sinnen, zog er weiter, vorbei am felsigen Höllenstein, wo die Raben um das düstere Hochgericht flatterten, längs dem Münchhofe, gegen das Städtchen.

Blick über das Römerbad von W. Scheuchzer etwa 1825 (1)

Als Hieronymus in die Gasse einbog, worin die Wohnung des Feldwaibels lag – denn diesem wollte er zuerst einen Besuch machen -, brachte ihn eine unverhoffte Szene, die ihn beinahe erschreckte, zum Stillstehen. In einiger Entfernung nämlich rannten der Vetter und hinter demselben der Tambour, so gut ihn seine alten Füße noch zu tragen vermochten, an ihm vorüber; einige Kinder folgten. Der Feldwaibel in der Uniform, jedoch ohne Hut und Waffen, der Tambour mit einer Sense. „Sie kommen uns aus!“ schrie der Alte keuchend, da sind sie über die Mauer!“ hörte er den Feldwaibel sagen, und der Herr Kaplan, der oben zum Fenster seiner Behausung herausschaute, rief: „Da sind sie, in meinem Garten!“

Hieronymus vermutete sogleich, daß Sträflinge aus dem nahen Zuchthause, wo der Vetter Feldwaibel oft Wachdienst hatte, ausgebrochen seien und verfolgt würden. Die Nachsetzenden waren eiligst in den Kaplaneigarten gerannt, und Hieronymus zitterte bei dem Gedanken, daß hier ein Kampf oder eine Rauferei zwischen den Flüchtlingen und den Männern stattfinden könnte. Es hatten sich mehrere Leute um den Garten versammelt; der Tambour aber hatte die Türe geschlossen und niemand hineingelassen.

Hieronymus näherte sich auch und schaute ängstlich durch die Staketen. – Was sah er? – Offenbar nichts anderes, als daß ein junger Bienenschwarm „geschöpft“ werden sollte. – Der Kaplan kam herab in den Garten, öffnete das Gartenhäuschen, nahm einen leeren Bienenkorb heraus, eine Kapuze, Handschuhe und alles, was zu der Operation nötig, und überreichte den Apparat dem Feldwaibel. – Der Tambour indes dengelte und klopfte aus Leibeskräften auf seiner Sense, um die geflügelten Auswanderer, die sich in Form einer großen Traube an einen Johannisbeerstrauch angehängt, zum Bleiben zu verlocken. Der Feldwaibel, nachdem er die Rüstung angezogen, näherte sich vorsichtig, hielt den umgekehrten Korb unter den Strauch – schüttelte und – „Viktoria!“ schrie der Tambour, die Operation war gelungen.

Die Neugierigen vor dem Garten verliefen sich. Hieronymus jedoch erlaubte sich, in denselben einzutreten, wo er, nachdem er vor dem geistlichen Herrn seine Reverenz gemacht, von den Männern freudig begrüßt wurde. – Er erfuhr nun, daß der soeben einkasernierte Bienenschwarm seinem Vetter gehöre. Die Auswanderer hatten, statt in der Nähe sich niederzulassen, Reißaus genommen über Häuser und Gärten hinweg, und ein Glück war es zu nennen, daß ihr Flug nicht weiter gereicht als bis in den Garten des geistlichen Herrn, welcher sogleich, wie wir gesehen, mit bereitwilliger Hilfe entgegengekommen.

Nachdem für die völlige ordonnanzmäßige Einquartierung der summenden Kompanie Sorge getragen worden, ging der Herr Kaplan in das Haus und kam nach einiger Zeit wieder zurück mit Butter und Brot, zur Erquickung der in Schweiß geratenen Männer und zu willkommenem Labsal für unsern Reisenden, der seit dem Morgenimbiß im „Schwarzen Bue“ nichts mehr zu sich genommen.

Die Gesellschaft hatte Platz genommen auf der Bank am Hause, von wo aus man den unter ein Tuch gestellten Immenkorb noch ferner beobachten konnte. „Erst gestern“, nahm jetzt der Feldwaibel das Wort, „hat mich dein künftiger Meister, der Faßmaler, gefragt, ob du nicht bald eintreffen werdest.“
„Wenn’s auf mich allein ankommen wär'“, entgegnete Hieronymus, „so hätt ich schon gleich nach Neujahr den Bündel g’schnürt.“
„Du wirst den Meister jetzt im Augenblick nicht einmal zu Haus treffen“, erklärte ihm der Vetter. „Es ist heut ein starker Heutag, und er ist mit seiner ganzen Familie, soviel ich weiß, draus auf den Wiesen.“

„Also der Hieronymus will ein Maler und Vergolder werden?“, fragte freundlich der Herr Kaplan. „Recht so!“ setzte er bei, „es müssen alle Ständ erfüllt werden wie in einem Bienenkorb. Es können nicht alle Bauern, Schneider oder Schuhmacher werden, auch nicht alle studieren. – Und sonderbar ist’s, wie oft der Zufall oder, besser gesagt, die Vorsehung – denn ich sehe in nichts Zufall, nicht einmal in dem geringfügigen Umstand, daß die Bienen da in meinen Garten hereingeschwärmt haben – die Vorsehung, sage ich, den Menschen oft einer Lebensbahn zuführt. – So sollte ich zum Beispiel nach dem Willen meines Vaters, der ein armer Dorftaglöhner gewesen, Sattler werden. Von der Mutter aber hatte ich natürliche Anlage zur Musik geerbt.

Sie hatte eine hübsche Singstimme und sang mir mit ihren Liedern gleichsam schon an der Wiege Lieb‘ und Lust zur Musik ein; später, als ich mehr herangewachsen, brachte sie es trotz dem Widerspruch des Vaters, der alles für ‚Luxus‘ hielt, was nicht zur absoluten Leibesnotdurft gehört, dahin, daß ich als Chorsänger in unserm Heimatkirchlein mittun durfte. – Wie hätt ich damals ahnen können, daß dieses, mein wenig Singen, mir zu einem Lebensberuf verhelfen würde!«

„Um die Zeit der Hirschjagd kam der regierende Fürst zuweilen in unser Dorf ins dortige Fösterhaus; und einmal wohnte er gelegentlich auch unserm Gottesdienste bei. Mein Singen mußte ihm gefallen haben, denn nach beendetem Gottesdienst ließ er sogleich unsern Schulmeister rufen und erkundigte sich nach dem Knaben, der heut in der Kirche so hübsch gesungen habe, dann befahl er, diesen herzuholen. – Ihr könnt euch denken, wie es mir zumut war vor dem gnädigen Herrn, der mich über alles befragte und mir zuletzt die Zusicherung gab, daß er für mich sorgen werde. Ich durfte mit den Jägerburschen zu Mittag essen, und obwohl mir die Bissen trefflich schmeckten, so konnte ich doch kaum erwarten, bis ich heimspringen und der Mutter und auch dem erstaunten Vater das große Glück verkünden durfte. – Der gnädige Protektor hielt Wort, er verschaffte mir einen Freiplatz im Kloster Marchtal, wo ich neben der Musik auch zu studieren angefangen und es mit Gottes und meines Gönners Hilf bis zum geistlichen Stand gebracht habe. Und so kann ich wohl sagen: die Lieder der Mutter haben dem Sohn zu einer Existenz verholfen.«

„Ein Glück für uns“, versetzte hierauf der Feldwaibel, „daß Euer Hochwürden just auf die hiesige Kaplanei gekommen sind, denn eine bessere Kirchenmusik als die hiesige ist weit und breit keine zu finden, seit Sie die Leitung übernommen haben und den jungen Leuten unentgeltlich Unterricht erteilen.«

„Es ist richtig!“ bekräftigte der Tambour, sein kölnisches Pfeiflein aus der Rocktasche ziehend und mit frischem Knaster füllend. „Und auch das ist richtig, wie wunderbarlich der Mensch oft zu seinem Lebensglück kommen kann. Unser Herrgott hat halt unterschiedliche Kostgänger; und wenn es für den einen ein Glück ist, daß er, wie der Herr Kaplan da, schon in der Tugend was Rechtes g’lernt hat, so kann ich auch von einem erzählen, dem es zu gut kommen ist, daß er als Bub soviel wie ein angehender Taugenichts gervesen ist. – Mei Mütterle – den Vater hab ich nit mehr gekanner iss mengsmal zu mir g’sagt: ,Jörgle, du bist en fule Hund, du schaffst nit gern, mußt en Herr werde!* – Aber – du lieber Gott – zum Studieren, dazu hat’s nit g’langt; und hätt auch gar kei‘ Lust dazu gehabt. Zwar an gutem Musik-g’hör hat’s nit g’fehlt, so wenig wie bei Ihnen, Herr Kaplan; ein jedwedes Liedle hab ich nachsingen oder pfeife könne – und notabene, die konzigsten am besten. Die Mutter hat Verschiedentliches mit mir probiert: vier Wochen auf der Schneiderbutik, vierzehn Tag beim Balbiererkasper, und enmal beim’ne Gerber – en andermal als Stierbub – hat nix anschlage wolle. Wenn’s eben nit im Holz liegt, gibt’s kei‘ Pfeif. – Der liebste Aufenthalt aber war mir ’s Bärewirts Kegelplatz, und Geld hab ich mir alsfort verdient mit Kegel-aufsetzen und mit‘ m Vogelfang und Taubehandel – und bei Raufhändeln und Schlägereien bin ich b’ständig einer der vordersten gewesen, so daß mich der Stadtknecht endlich auf den Strich bekommen hat. – Und wer am’ne schöne Sonntagnachmittag unter der Vesper abgefaßt wird mit noch zwei andre, einem Schereschleifer und’s Fidelis Große, als Hasardspieler und Flucher – hinter’m Bierglas weg, bin ich gewese. – Den beiden andre hat der Schließer am nächste Morge sogleich ’s Frühstück z’recht mache müsse mit dem Haselmußstock – und wär auch mir passiert, wenn nit einer vom Stadtrat mein Göte g’wese wär. – Es sind dazumal österreichische Werber hier gelegen, vom Regiment Anspach – und allons marsch, hat’s g’heiße, alle drei in den Soldatenrock. – Gottsname, denk ich, ’s ist au so recht, ’s Mütterle aber, potz Kalbfell und Trummeschlägel, wie hat das lamentiert und g‘ meint, jetzt sei’s aus mit ihrem Jörgle – und ist doch mein größtes Glück gewese. Denn weil ich e‘ gut’s Musikg’hör g habt hab, so bin ich zur Musik kommen als Triangelspieler – und später bin ich zum Tambour avanciert. – ’s Mütterle daheim hat lang nix mehr von mir g hört, bis einer von den zwei, die mit mir im ‚Bären‘ abgefaßt worde sind, ’s Fideli’s Große, heimg’schrieben, oder vielmehr heimschreiben lasse hat – denn am Schulsack hat er nie schwer z trage g’habt -: er brauch Geld, er sei fußlos und lieg im Spital. ,Vom Jörgle‘, hat es am Ende des Briefes g’heiße, , weiß ich nur soviel, daß er den Dreiangel verloren hat und zu den Dampohren kommen ist.‘ – O jehli, wie hat mei‘ Mutterle g‘ jammert, wie ihm der alt Fideli das Schreibe vorbuchstabiert hat: de‘ Jörgle hät de Dreiangel verloren; jetzt wurd er g‘ wiß Spießrute g’jagt oder gar verschosse, hat es g‘ meint.“

Der redselige Invalide hätte sicherlich noch lang so fortgemacht, wenn ihn der Feldwaibel nicht unterbrochen, „der Abend kommt, wir wollen machen, daß sie in Ruh‘ kommen“, sagte er, auf den Bienenkorb deutend. – Und nachdem er dem geistlichen Herrn für alles bestens gedankt, trug er mit Hieronymus und dem Alten den Korb mit seinen Bewohnern vergnügt von dannen.

Postkarte von 1898 aus der Sammlung Dieter Friedt.

„Es wird jetzt wohl schon zu spät sein, daß du dich heut noch beim Meister meldest“, sagte der Feldwaibel zu seinem Vetter, nachdem sie das Geschäft zu Hause am Bienenstand vollends beendigt hatten. „Bis sie mit dem letzten Heuwagen heimkommen, wird’s jedenfalls Nacht. Also nimmst du bis morgen dein Quartier bei uns.“

Es war schon Dämmerung, als die Base Annakäther, die heute bei der Oberamtsrätin beschäftigt gewesen, nach Haus kam, wo doppelte Überraschung ihrer harrte, denn Vetter Hieronymus sprang sogleich grüßend auf sie zu, und der Tambour referierte schon von weitem über die glücklich vollzogene Vermehrung des kleinen Hausstandes.

Mit der Base waren noch zwei junge Mädchen gekommen, welche einen Korb mit Wäsche trugen, die sie mit Hilfe Annakäthers im seitwärts gelegenen Holzschopf zum Trocknen aufhängen wollten. Als Hieronymus das größere der Mädchen schärfer ins Auge faßte, glaubte er seine Freundin aus den Kinderjahren, Helene, zu erkennen, sie war groß und stark geworden, und ihre halb ihm zugewendeten Wangen färbte das Rot der vollsten Gesundheit.

Postkarte von 1899, Ansicht um 1682 aus der Sammlung Dieter Friedt.

Sollte er ihr entgegengehen, sie begrüßen? – War es schicklich, sie anzureden – oder unhöflich, es nicht zu tun? Er konnte nicht ganz mit sich einig werden. – Jetzt wendete sie das Gesicht einmal gegen ihn, wahrscheinlich, weil die Base soeben von ihm gesprochen – er sah sich in peinlichste Verlegenheit versetzt. – Zu lange hatte er schon gezaudert, dem Fräulein entgegenzugehen, und jetzt – war es offenbar zu spät. Ärgerlich, unzufrieden mit sich selbst, war es dem guten Burschen willkommen, daß ihn der Vetter ins Haus hineinrief, wo er ihm einen eben erst erhaltenen, artig verzierten Käfig für Turteltauben zeigen wollte. „Du wirst“, meinte der Feldwaibel, „den Verfertiger dieses Stücks wahrscheinlich schon in den ersten Tagen hier kennenlernen. Er heißt Severin und ist ein geschickter Steinmetz und Zeichner.“ – Indem sie hierüber noch weitersprachen, kam auch Base Annakäther herbei, und Hieronymus beeilte sich, seinen Reisesack aufzuschnüren und ein Päckchen herauszulangen, das er ihr mit einem Gruß von der Mutter überreichte. Die Base schlug das Papier auseinander, und ein schön gestickter, goldener Haubenboden glitzerte ihr entgegen.

„Die Mutter hat es selbst gestickt!“ erklärte Hieronymus, sichtlich erfreut über den Beifall, den die Base dem Geschenke zollte.
„Deine Mutter ist eine ausnehmend geschickte Stickerin“, sagte Annakäther,“ wär sie hier oder in Donaueschingen, so könnt sie viel Geld mit ihrer Kunst verdienen. – Es freut mich – aber ihr hättet euch nit soviel Unkosten machen sollen“, setzte sie bei, während sie die Arbeit in der Hand wog und aus dem Gewicht wohl schließen konnte, daß Gold und Silber echt sein müßten.
„Ist kaum der Rede wert“, entgegnete Hieronymus. „Die Eltern und ich sind euch ja so viel Dank schuldig, daß wir’s gar nit vergelten, sondern höchstens uns e‘ bißle erkenntlich zeige könne.“
„Nun kannst du in deinen alten Tagen noch recht Staat machen“, sagte lächelnd der Feldwaibel.
„Meinst du?“ versetzte seine Frau.
„Nein, für mich ist so was nit mehr“, seufzte sie, den Kleiderkasten öffnend und das Putzstück sorgfältig hineinlegend. „Aber für’s Bäbele in Wildenstein, für das soll es einmal ein Erbstück geben.“

Während sie noch über verschiedenes, namentlich über die Einrichtung des Lehrlings beim Meister sprachen, ging die Tür auf, und zwei schalkhafte Köpfchen schauten ins Zimmer – den dreien gute Nacht wünschend.

St. Remigius – Gottesackerkirche – „Mutterkirche der Baar“
Gezeichnet von Lucian Reich 1838

(1) Die Römer in der Baar von Dr. Paul Revellio in der Badische Heimat 8 (1921)

Wir freuen uns über mehr Erkenntnisse zu diesem Podcast in den Kommentaren!

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Die Lebensfrage
Dunkles Gewölk und Wetterleuchten am politischen Horizont
Zweckloses Treiben
Der Lehrvertrag

Hieronymus Kapitel 11

Es chunnt e chuele Abedluft, und an de Halme hangt der Duft denckmol, mer göhn jez an alsgmach im stille Frieden unter Dach!
>Johann Peter Hebel

Unsern Hieronymus und seine Kameraden sehen wir nun in jene Periode eintreten, wo die Kinderwelt entschwunden ist, wo das Jünglingsleben beginnt mit seinen neuen Gefühlen, seiner eigentümlichen Anschauung, und wo die Eltern gewöhnlich die Frage zu erörtern pflegen: „Was soll eigentlich aus dem Bürschlein werden?“

Das Leben des Menschen ist dem Jahresleben eines Baumes vergleichbar, und die Jugend dem Frühling, welcher die Blüten hervorlockt. Wie ihr rosiger Schmuck die Hoffnung des Pflanzers erweckt, so entzücken uns die sich entwickelnden Eigenschaften des Kindes. Ist jedoch der Frühling vorüber, so sieht der Gärtner nach, was wohl die wehenden Lüfte, die Maifröste, Raupen und Käfer übriggelassen haben; und er ist froh, wenn von all den hoffnungsreichen Knospen nur ein bescheidener Teil sich entwickelt hat als werdende Frucht und künftig lohnende Ernte.

Zu schönen Hoffnungen durfte Vater Mathias sich gewiß berechtigt glauben, denn sein Sohn hatte bisher in allen Arbeiten ein natürliches Geschick gezeigt und mannigfache Anlagen entwickelt. Ein eigentlicher Lebensweg jedoch lag noch nicht bestimmt vor Augen. – Hieronymus war der einzige von seinen Altersgenossen, über dessen künftigen Beruf man noch zu keinem Entschluß gekommen.

Romulus hatte stets wenig Neigung zur Feldarbeit gezeigt, weshalb sein Vater auf den Gedanken gekommen war, der Bube müsse Student werden; und wirklich hatte er auch zu studieren angefangen und vom Herrn Pfarrer in den Rudimenten Unterweisung empfangen. Wenn der Neffe des geistlichen Herrn, ein Studiosus Juris, seine Ferien im Tale zubrachte, so war ihm Romulus dienstbarer Geist und Famulus, der ihm die Kleider und die Schuhe reinigen und bei Ausflügen das Ränzlein tragen durfte. Daß er nebenbei auf seine Kameraden etwas geringschätzig herabsah, konnte einem, der bereits schon lateinisch zu deklinieren verstand, nicht wohl übelgenommen werden.

Was Dionys betraf, so hatte sein Vater, der Stabhalter, als praktischer Mann, neben seiner Wirtschaft noch einen Kramladen errichtet, worin er dem gewöhnlichen Warenvorrat für den Hausbedarf noch ein Lager von Draht, Eisen- und Messingblech usw. beigesellte, um damit die Uhrenmacherwerkstätten der Umgegend versorgen zu können, welche täglich mehr an Bedeutung zunahmen. – Der junge Dionys war für sein Alter bereits ein recht gewürfelter Bursche, der sich trefflich zum Krämergeschäft anschickte. – Wenn er so des Sonntagnachmittags, wo viele Leute ab- und zugingen, vor der Ladentür stand, die Feder hinterm Ohr, so wußte er sich ein Ansehen zu geben, als wäre er Mitglied der ostindischen Handelskompanie und wüßte aller Welt die Prozente vorzurechnen.

Des Laubhausers Peter, der auch vollständig herangewachsen war, brauchte sich, als einziger Sohn des reichen Vaters, begreiflicherweise nicht viel Kopfzerbrechen über seine künftige Bestimmung zu machen. Liebe zum Bauernstand war ihm angeboren, und er kümmerte sich in der Tat nur wenig um Dinge, welche außerhalb der Marksteine des Hofgutes lagen.

So war denn Hieronymus, wie gesagt, der einzige, welcher noch zu keinem Entschlusse gekommen war. Sein Vater wünschte ihn in demjenigen ausgebildet zu sehen, was er selbst mit so viel Mühe und doch nur notdürftig andern abgelernt: im Malen und Schnitzen; und dahin ging auch das Streben des Sohnes. Es war dem Vater bekannt, daß sein Schwager, der Klosterschneider in Villingen, ein Befreundeter des Malers Schilling alldort sei, welcher zur Zeit viel für Kirchen zu malen hatte. Er nahm sich vor, gelegentlich einmal mit dem Schwager zu reden und ihn um Rat zu fragen.

Dem Klosterschneider aber wollte der Plan nicht recht einleuchten, namentlich seitdem ihm der Maler Schilling zu verstehen gegeben, wieviel Zeit, Kosten, Selbstverleugnung und Glück dazu gehörten, um bei allem Talent auf der Kunstbahn vorwärtszukommen. – Eher, sagte der Schwager, rate er zum Lehrfach: „Es ist jetzt drauf und dran“, meinte er, „daß überail die Normalschulen eingeführt werden, und ich glaub, daß der Bub da ganz am Platz wär und sein ehrlich Brot und Auskommen finden würde.“

Auch der greise Pfarrer riet dazu; weniger aber zeigte sich Bachweber mit der Sache einverstanden, nicht etwa, weil er gefürchtet hätte, Hieronymus möchte ihm dereinst ins Handwerk stehen, sondern weil er auf die Neuerung mit den Normalschulen überhaupt nicht viel hielt; die Sache, meinte er, werde nur verändert, aber nicht besser, und werde gewiß nicht lange halten. – Hieronymus, der bei dieser wichtigen Frage doch auch nicht ganz ohne Sitz und Stimme bleiben konnte, gab aber dem Kunstfach entschieden den Vorzug. Gern wäre er zu einem Uhrenschildmaler, der im benachbarten kleinen Eisenbächle ansässig, in die Lehre gegangen. Aber dieser Mann hatte es im Fache selbst noch nicht so weit gebracht, daß ein Lehrling viel hätte bei ihm profitieren können. – Auch in Hüfingen lebte – wie man vom Feldwaibel wußte – ein Maler und Vergolder, und Hieronymus bewog den Vater, mit dem Vetter dort gelegentlich einmal zu reden. – Das ward denn auch ausgeführt; die beiden zogen hinaus ins Standquartier, wo sie vom Feldwaibel, wie gewohnt, freundlichst aufgenommen wurden.

Der Kriegsmann billigte das Streben des Hieronymus und erbot sich gern zu aller Beihilfe. Ohne weiteren Verzug führte er die Angekommenen zu seinem Freunde, dem Faßmaler, den sie gerade in voller Arbeit fanden. Der Meister hatte einen reichgeschnitzten Altar unter den Händen, um ihn mit buntfarbiger Marmorierung und Vergoldung zu schmücken. Beim Anblick dieses Werkes sowie bei der raschen und sicheren Handfertigkeit des Meisters ward es dem guten Mathias fast weinerlich zumut, so klein kam er sich in diesem Augenblick vor. Sein Sohn aber faßte frischen Mut und Vertrauen.

Als der Feldwaibel dem Meister das Anliegen seines Vetters gründlich auseinandergesetzt, legte jener den Anschießpinsel und das Goldmesser aus der Hand, sah über die Brille hinweg auf den Jungen und erklärte: „Jetzt, grad im Augenblick, kann ich euren Sohn nicht unterbringen – ich hab gegenwärtig selbst noch zwei Lehrjungen; und bis der eine Schlingel ausgelernt hat, kann ich keinen andern einstellen. – Aber – hernach kann es sein, da wollen wir sehen, wie sich der kleine Wäldner anlaßt. – Die vom Wald“, setzte er bei, „haben gemeiniglich ein besseres Sitzleder und bleiben lieber bei der Stubenarbeit als die aus der Baar, die nausmüssen, wenn die Lerchen singen, ins Feld. – Ich denk, so in einem halben Jahr – wird sich’s machen lassen.“ – Mit diesen Zusicherungen schickte man sich zum Fortgehen an. „ Was ich noch sagen will*, rief der Meister den Scheidenden nach, „werdet Ihr Euren Vetter heut abend mitbringen zu mei’m Schwager, dem Verwalter?“ – Der Feldwaibel bejahte und begleitete seine Gäste wieder nach Haus, wo die Hausfrau und das Mittagessen ihrer warteten.

Das Gespräch über Mittag nahm diesmal eine Wendung über die alltäglichen eigenen Angelegenheiten hinweg. Denn das Gewitter, das in Frankreich zum Losbruch kommen sollte, zeigte sich schon als dunkles unheildrohendes Gewölk am Horizont. Das Wetterleuchten zuckte bereits herüber über den Rhein. „Ich glaub, daß ich in meinen alten Tagen nochmal Pulver zu riechen bekommen werde“, äußerte der Feldwaibel, „denn“, setzte er hinzu, „die Potentaten haben, scheint es, kein sonderliches Wohlgefallen an der Wirtschaft drüben im Nachbarland.“ Mathias erschrak bei dieser Bestätigung der trüben Nachrichten, welche der Sohn des Kaiserzollers kürzlich auf den Laubhauserhof gebracht hatte.

Er kannte den Krieg und wußte, daß der Bauer stets am meisten dabei herhalten müsse, weshalb er – wenn von Händeln und Krieg die Rede war – zu sagen pflegte, daß ihm für sein Teil der „Friedle“ der liebste sei. – Als Antwort teilte er nun dem Feldwaibel die Nachrichten des jungen Kaiserzollers mit, welche dessen Vater kürzlich von Freiburg heimgebracht: im ganzen Elsaß geh ein gefährlicher Wind, im Straßburgischen, auch hüben im Hanauer Ländle und in der Ortenau hätten sie rebelliert, und der Fürst von Heitersheim sei fort nach Passau. Ebenso hätten sich auch andere Herrschaften und Beamten aus dem Staub gemacht. – Und auch der Kaiserzoller hab seinen Verwandten sagen lassen, daß er beim ersten Rumpel mit seiner Kasse nach dem von der Landstraße weiter abgelegenen Laubhauserhof flüchten wolle. „Wenn wir heut abend beim Verwalter zLicht gehen, werden wir vielleicht mehr hören. Heut kommt die Ordinari mit der Zeitung“, entgegnete der Feldwaibel. „Es liegt etwas in der Luft und muß sich gewiß bald entscheiden.“

Der Verwalter aber, von welchem er gesprochen, war der Vorstand der Landesstrafanstalt in Hüfingen. Diese Anstalt, wohin man auch die Straf kontingente einiger benachbarter Territorien ablieferte, beherbergte damals noch Gäste eigener Art. Burschen niederer Herkunft, welche nicht guttun wollten, pflegte man unters Militär zu stecken; vornehme Familien aber zogen es vor, einem Sprößling, an welchem Hopfen und Malz verloren, ein Nebenplätzchen im Zuchthaus zu verschaffen. – In der Strafanstalt zu Hüfingen befanden sich um jene Zeit etliche solcher Gutedel, denen natürlich eine gewisse Freiheit und Bequemlichkeit gestattet ward.

Grundriss des Zucht- und Arbeitshaus (2)
siehe ganz unten

Die geräumige Wohnstube des Verwalters diente abends zur gewöhnlichen Zusammenkunft von Bürgern und Beamten, welche in vertraulichen Gesprächen über städtische und andere Angelegenheiten und Tagesfragen sich die Stunden verkürzten. Als diesmal der Feldwaibel mit seinem Vetter eintrat (Hieronymus war bei der Base geblieben), trafen sie den Kaplan gerade beschäftigt, einen Artikel aus dem Postreiter vorzulesen. Es war darin von einem Kurier die Rede, welcher mit gewissen wichtigen Depeschen durch eine gewisse Residenz gekommen sein sollte. Diese Nachricht führte unsere Gesellschaft unwillkürlich zur Erörterung der wichtigen Frage: was das wohl zu bedeuten haben werde?

– Der Feldwaibel, nachdem er seinen Gast der Gesellschaft vorgestellt, berichtete, was dieser ihm vom Kaiserzoller mitgeteilt; und man schien nicht abgeneigt, zu glauben, daß es zum Krieg kommen werde. Auch der Kaplan war dieser Meinung.

„Seine Majestät, der Kaiser“, sagte er, „ist bekanntlich verschwägert mit dem Franzosenkönig; und es sollte mich nicht wundern, wenn er mit dem König von Preußen Allianz machte, um seinem bedrängten Schwager zu Hilf zu ziehen.“
„A parbleu!“ ließ sich aus der Ecke ein junger Mann in Jagdkleidung vernehmen, „der König von Frankreich wird allein mit der rebellischen Canaille fertig werden! Hätt ich nur vier Wochen das Regime“, setzte er bei, indem er die Füße über den vor seinem Lehnstuhl stehenden Schemel legte, „ich würde der Welt ein Exempel geben.“
Der Sprecher war Monsieur Sirjean, einer jener jungen Herrn, von welchen wir oben geredet. Seine Familie, bei Kolmar begütert, war durch den Tunichtgut fast ruiniert worden und hatte ihn endlich dem Zuchthausverwalter in Hüfingen in Kost und Logis gegeben.
„Das Morgenrot der Humanität ist angebrochen“, entgegnete der Gefällverwalter, seine Perücke etwas auf die Seite schiebend. „Und ich behaupte, daß die Tugend im Zwillichkittel ebenso ehrwürdig sei wie im goldbortierten Rock. – Die Zeit, wo man Hexen schmäucht, ist Gott sei Dank vorbei. Es wird immer heller, und jeder kann sehen, daß das Horn des Überflusses von der gütigen Natur für alle Kreaturen, ohne Unterschied, ausgeschüttet wird.“ „Très bien! Mit Ausnahme der Straßburger Gänseleberpasteten“, warf spöttisch Sirjean ein; denn der philosophierende Gefällverwalter, welcher als Junggeselle lebte, hielt, nebst der Tugend und Natur, Geflügel, feines Gemüse und andere Produkte der höheren Kochkunst, welche er von Straßburg zu beziehen pflegte, für das Preiswürdigste im Leben.
„Euer Witz ist etwas abgetragen!“ versetzte beleidigt der Gefällverwalter mit einem Seitenblick auf das ziemlich schäbige Kollett des Sprechers, „man lerne mich besser verstehen!“ fügte er bei und drehte jenem den Rücken zu. – Der Kaplan aber, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, sagte:
„Ich verstehe mich zwar nicht viel auf weltliche Handel, aber so viel scheint doch aus allem hervorzugehen, daß ein Überfall französischerseits gar wohl möglich wäre.“
Diese Behauptung aber brachte sämtliche kaiserlich Gesinnte in den Harnisch, und der Zollbereiter schwur hoch und teuer, daß sie, die Franzosen, diesmal nicht ungestraft über den Höllenpaß heraufkommen sollten. „Es müßte mit dem Teufel zugehen“, meinte er, „wenn wir ihnen nicht schon vor der Haustür ein Frühstück anrichteten, daß ihnen der Appetit zum Mittagsmahl vergehen würde.“

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„Da werden wir städtische Schützen uns wohl hinter die Stadtmauer postieren müssen“, unterbrach ihn der Zuchtverwalter lächelnd, indem er einen Griff in seine silberbeschlagene Dose tat. „Und die Böller auf dem Lorettoberg aufpflanzen, zur Begrüßung!* ergänzte sein Nachbar und Hausfreund, der Naglermeister.
„Allerdings!“ erwiderte der Zollbereiter. „Haben nicht ebenso kleine Städtlein schon gegen übermächtige Feinde sich gewehrt? – Man leitet die Breg in den Stadtgraben, verrammelt die Tore, wirft die hölzerne Brücke ab und da wollt ich doch sehen“

»Man hört, lieber Herr“, unterbrach ihn der Feldwaibel, der bisher schweigend zugehört, „daß Ihr noch niemals dabeigewesen seid, wo’s ernstlich geknallt hat. Mit alten Stadtmauern und hölzernen Torflügeln richtet man heutzutag nichts mehr aus, das dürft Ihr mir glauben.“
„Herr Feldwaibel!“ warf der kommandierende Zollbereiter ärgerlich hin, „das kann ich Euch sagen, so wie zu Eurer Zeit, im Siebenjährigen Krieg, so ging’s nicht mehr. Der Bürgersmann würde jetzt auch noch ein Wort mit dreinreden wollen. „

„Hab nichts dagegen!“ erwiderte gelassen der alte Kriegsmann. „Der Markt wird lehren kramen. – Glaubt mir indes: nur der Soldat gibt im Krieg den Ausschlag, und der Bürger muß sich ducken!“ – Aber der Zollbereiter nahm den Kampf von neuem auf und schleuderte Tod und Verderben von den Mauern und Türmen der Stadt auf den anrückenden Reichsfeind. Und als Sirjean zuletzt verächtlich einige französische Stücke auf einer Anhöhe über dem Städtchen aufführen ließ, um die deutschen „Spießbürger“ Mores zu lehren, wurde das Gefecht immer lauter und allgemeiner – und wahrlich, das Schicksal beider Reiche wäre sicherlich, an diesem Abend schon, an den Ufern der Bregach entschieden worden, hätte nicht ein plötzliches Dazwischenkommen von außen her die Kämpfenden getrennt und zum Waffenstillstand gebracht. Es war der Nachtwächter, der auf seinem Rundgang durch die Gassen seinen Ruf erschallen ließ – mit der Mahnung: „Habet acht auf Feur und Licht, daß niemand keinen Schaden geschicht. – Es hat Zehne g’schlagen. Gelobt sei Jesus Christ!“

„Oha! Schon die Zeit?“ hieß es, indem jeder nach Hut und Stock griff.
„Wie man sich doch verplaudern kann!“ – Im Fortgehen sagte der Vetter Galli, ein friedliebender Bürgersmann und Olmüller: „Soviel hab ich g’merkt, wir alle da machen die Sach nit aus. Der Kaiser aber, hoff ich, wird der Haue schon en Stiel finde. – Gut Nacht, ihr Herren!“

Nicht ohne Besorgnis für die Zukunft war Mathias mit seinem Sohn in die Berge zurückgekehrt. Hieronymus aber, dem politische Händel wenig Sorgen machten, freute sich der günstigen Aussichten, die ihm vom Meister eröffnet worden. – Dabei fühlte er sich jedoch in eine eigentümliche Lage versetzt. Er war ruhelos, harrte Tag um Tag, Woche um Woche auf Nachricht aus der Stadt. Zu keiner Arbeit mehr fühlte er sich aufgelegt. Ja er schien sogar gewohnte Gesellschaft zu meiden. Er glich einem Menschen, der reisefertig bei allen Bekannten schon Abschied genommen und eingepackt hat, stets aber durch Hindernisse wieder festgehalten wird. Sein bisheriger Gesichtskreis schien sich erweitert zu haben und sein Geist unstät hinaus ins Weite zu schweifen.

Wem es aber vergönnt gewesen wäre, einen Blick zu tun in das Innere des guten Burschen, auf den verschwiegenen Grund seines Herzens, der hätte vielleicht noch andere Ursachen seines wachsenden Unbehagens gefunden, das ihm die Brust bald hob, bald beengte. – War es etwa die Liebe im Schoße der Hoffnung, welche dem Sohne des Häuslers goldene Träume der Zukunft vormalte – ein holdes Bild und glückseligen Besitz, der nur durch einen langen Umweg zu erreichen war?

Zu Feldarbeiten fühlte er gar keine Lust mehr; und auch seine sonstigen Beschäftigungen machten ihm kein Vergnügen mehr, seitdem er einsehen gelernt, daß er doch beinahe von vorne anfangen müsse. – Es trieb ihn hinaus in die Wälder und Berge; und sein liebster Gesellschafter war der Stoffel. Das unstete Leben des Jägers und Fischers paßte vollkommen zu seiner Gemütsstimmung. Oft, wenn es im Tale schon dunkelte, wenn allein noch auf einzelnen Gumpen im Bach oder auf Quellen im tiefen Mattengrün der Abglanz des verglimmenden Tages ruhte, sah man die beiden noch draußen beim Fischfang. Und frühmorgens, wenn feuchte Nebelmassen noch auf den Bergen lagen und über den wildbewachsenen Ufern der Bregach, zogen sie wieder hinaus mit Netzen und Stangen.

Wenn im Frühjahr der Auerhahn balzte und der fürstliche Hof zur Jagd erwartet wurde, war Hieronymus dabei, wenn der Stoffel abends vorher das Federwild „verhörte“; oder er ging mit, das Gewehr über der Schulter, hinaus auf den Anstand oder half dem Stoffel beim Dachsgraben oder leistete ihm Gesellschaft in der Fallhütte. – Von der felsigen Fischerhöhe bis in die Wälder der Schollach und des Hallenberges führten sie ihre Streifereien. Und nicht selten nahmen sie ihr Nachtquartier in entlegenen Hütten und Höfen.


Wär es dem Alten nach gegangen, Hieronymus wäre sein Nachfolger im Dienst geworden. Die Kugelbüchse (nebst der Ulmer Pfeife Stoffels intimste Freundin und Begleiterin) sollte dereinst dem Burschen als Erbstück zufallen, so versicherte er diesem oft.

So gelehrig sich Hieronymus indes anstellte, zum Waidwerk fühlte er keinen innerlichen Beruf. Ja, er kam oft verdüstert und verdrießlich von diesen Gängen heim. Das Gefühl, zweck- und nutzlos seine Zeit zu verschleudern, lastete zuweilen wie ein Alp auf seiner Brust. Die Mutter bekümmerte sich nicht wenig über die veränderte Lebensweise ihres Sohnes; und es vermochte sie nur wenig zu beruhigen, wenn der Vater ihr tröstend einredete, es könne ja nicht mehr lange dauern, bis Hieronymus beim Meister in der Stadt eintreten müsse.

Denn mehr noch als das Leben, von welchem es heißt: Fischen und Jagen hat nie viel eingetragen, mußte die Mutter sich Bedenken machen über die Gesellschaft ihres Sohnes; denn man sagte dem Stoffel manches Unheimliche nach. Er besuchte nie eine Kirche, und niemand wußte, ob er ein Christ oder ein Heide sei. Wie alt er war, wußte ebenfalls niemand, er selbst nicht ganz genau, denn sein Taufschein war ihm längst abhanden gekommen. Auch sagte man ihm nach, daß Menschenblut an seinen Händen klebe, daß er früher, als Wilderer, stets bereit gewesen sei, die Kugel, die für den Rehbock gegossen, unter Umständen auch dem Jäger als runden Gutenmorgen entgegenzuschicken, während er jetzt, als Waldhüter, nicht leicht einen Wilderer verschone.

Manche behaupteten auch, er verstehe die Kunst, sich „fest zu machen“; ja, die alte Fahlenbacherin und einige andere Betschwestern und Geisterseherinnen wollten herausgebracht haben, der Stoffel suche bisweilen den „Schwarzen“ im Walde auf.

Mochten diese Behauptungen von vielen bezweifelt werden, von einem Stücklein, welches den Beweis lieferte, daß der Alte mehr könne als Brot essen, war fast das ganze Kirchspiel Augenzeuge gewesen. – Dem Oberförster war einigemal aus seinem Garten das mühsam erzielte Obst gestohlen worden, und der Stoffel hatte öffentlich ausgesprochen, daß er den Dieb nächstens „stellen“ werde. – Und wirklich sahen die Leute, als sie am nächsten Sonntag aus der Kirche kamen, einen fremden Handwerksburschen, der, die Hand am Aste eines Apfelbaums, sich vergeblich bemühte, dieselbe loszumachen. Zugleich sah man den Stoffel herankommen mit der Hundspeitsche:

„Hab ich endlich emal einen, wart, ich will dir das Stehlen vertreiben!“ Und somit schickte er sich an, dem armen Teufel das Trinkgeld zu verabreichen; einige geheimnisvolle Zeichen, und der Bann war sodann gelöst. – Freilich wollten einige wissen, alles sei Verabredung gewesen, aber – was die Hauptsache war – Obst wurde von der Zeit an dem Oberförster keines mehr gestohlen. Ob es mit den andern Künsten des Stoffels ähnliche Bewandtnis gehabt habe, vermögen wir nicht zu entscheiden; gewiß bleibt, daß der Waidgeselle überall dabei war, wo es ein nicht gern gesehenes Treiben galt. Durch ihn vornehmlich war ein alter, fast vergessener Brauch neuerdings wieder in Schwung gekommen, das „Sägswerfen“ in der Nacht vor der sogenannten Jungfernfastnacht. Altere Leute schüttelten den Kopf über dies „heidnische Wesen“, indem sie behaupteten, daß dabei oft schon urplötzlich ein „Gewisser« sich eingestellt habe, zum Todesschrecken der Teilnehmer.

Es war im März; die jungen Burschen, Hieronymus unter ihnen, hatten sich versammelt, um mit einbrechender Nacht auf die hohe St.-Georgen-Halde zu ziehen. Unten im Tale sammelten sich die Zuschauer, die Mädchen dicht zusammengeschart. – Als der letzte Abendschimmer hinter dunkeln Wolkenschleiern verschwunden war, sah man oben auf der Halde ein mächtiges Feuer auflodern. Dort war indessen ein Tannenstamm in scheibenförmige Stücke zersägt und die Scheiben in der Mitte durchbohrt worden. Jeder Bursche hatte eine Scheibe ergriffen, um sie auf einen Stock zu stecken und am Feuer in Brand zu setzen.

Hieronymus trat zuerst vor, den Stab mit der glühenden Scheibe in der Hand und sprach, gegen das Tal gewendet, mit lauter Stimme: „Die Sags fahrt links, die Sägs fahrt rechts, sie macht’s der Jungfer Florentina grad recht!“ Dabei schleuderte er in raschem Schwunge das funkensprühende Rad weit hinaus in die finstere Nacht. – Unten angekommen, rollte es noch eine Strecke weit über die Wiesen hin, um zischend in der Bregach zu erlöschen.

Auf solche Weise trat nun einer nach dem andern der jungen Burschen vor, warf die Sägs und nannte den Namen des Mädchens, dem zu Ehren der Wurf getan wurde. Des andern Tages empfing dann jeder dieser ländlichen Ritter den Dank von seiner Holden; und bestand dieser Dank auch nicht in güldenen Ketten oder Pokalen, so war er doch nicht minder begehrt und erfreulich. Denn so eine große Platte voll Fastnachtsküchle, zumal von schönen Händen zubereitet und gespendet, war ein Preis, um den man schon einmal die „Fastnachtsfunken“ sprühen und sausen lassen konnte.

Für unsern Ritter, der auf dem Wege war, in solch zwecklosem Treiben sich ganz zu verlieren, schlug glücklicherweise jetzt bald die Stunde der Lebenswendung. Ehe jedoch dieser Zeitpunkt erschienen, ward ihm Gelegenheit geboten, vor seinem Abschied der Freundin Florentina noch einen Dienst zu erweisen. Diese war unterdessen in ein Alter getreten, wo man mit Recht von ihr sagen konnte: „De bist jetzt kei Meideli meh, jetz sag i der Meidli, und wie de gosch, wirsch alliwil größer und schöner.“ Durch die Mutter war ihr ein eigener Kleiderkasten eingeräumt worden. Denn der Vater hatte, wie er selbst zu gestehen pflegte und wie wir bereits am Neujahrsmorgen gesehen, in Sachen des Putzes allen Einfluß verloren. „Die Alte hat sie verzogen“, äußerte er oft, scheinbar verdrießlich, in der Tat aber innerlich geschmeichelt von den Lobsprüchen, die man dem schönen Mägdlein und seinem Kleiderstaate allenthalben spendete. „Es ist nur gut“, meinte er, „daß sie die einzige ist; hätt ich ein Dutzend, so wär mei‘ Seel der Wald droben schon lang de Bach ab!“

Bevor das Töchterlein seine Aussteuer in den überkommenen Kasten einräumte, hatte es den Hieronymus gebeten, das altväterliche Möbel hübsch zu renovieren, d. h. frisch anzustreichen und zu bemalen – eine Bitte, die wie ein reifes Samenkorn in fruchtbares Erdreich fiel. Freudig hatte sich der Künstler an die Arbeit gemacht, und die Bestellerin schaute fleißig nach und unterließ auch nicht, durch eine gelegentliche Erfrischung aus dem Hofkeller seine Begeisterung zu erhöhen. – Kein Eckchen am Kasten blieb unverziert.

In der Mitte der Türfüllung brachte er ein rotes flammendes Herz an, umgeben von Rosen und Vergißmeinnicht, auf den Seiten grüne Girlanden mit großen Maschen, während die ausgeschweifte Bekrönung oben den vergoldeten Namen der Eigentümerin und die Jahreszahl aufzunehmen bestimmt war. Über die Art der Honorierung des gelungenen Werkes wurde im Hof dann eine geheime Konferenz abgehalten. Der Bauer, der natürlich nichts geschenkt haben wollte, war der Meinung, man solle dem Mathias ein paar Viertel Vesen dafür ablassen; die Bäuerin aber sagte: „Nein, der Hieronymus hat’s g’schafft, er soll au den Lohn dafür bekomme. Er geht jetzt bald in die Lehr, und da wird er Geld brauche; an dem, was er daheim mitbekommt, wird er ohnehin nit schwer zu trage habe.“ Und als zur Abstimmung geschritten wurde, sah sich der gute Mann abermals in der Minorität, denn Florentina stimmte mit der Mutter, und der Vater zog seinen Antrag zurück – dem Hausfrieden zulieb, wie er sich ausdrückte.

Hieronymus seinerseits hätte vorlieb genommen mit dem herzlichen Dank, den ihm die Freundin für die Arbeit spendete. „Nun hab ich doch ein Andenken von dir, wenn du einmal fort sein wirst“, sagte sie, ihm die Hand gebend. , Und ich kann darnach nie über dem Kasten, ohne an dich zu Ein paar Wochen nachher kam der Amtsbot mit einem Schreiben vom Meister. – Mathias machte sich ungesäumt auf nach der Stadt, um das Nähere zu hören und auszumachen. Hieronymus sollte, so wurde bestimmt, drei Jahre lernen, und weil der Vater das Lehrgeld nicht bezahlen konnte, nach vollbrachter Lehrzeit noch ein Jahr „zurückdienen“ und auch alle Kosten übernehmen beim Aufdingen und Ledigsprechen. Der Feldwaibel, als „ Beistand“, stellte die herkömmliche Bürgschaft mit zwanzig Gulden, „für den nicht zu verhoffenden Fall, daß der Lehrjung etwa nicht fromm und redlich“ sein sollte. Beinebens sollte dieser außer den Schuhen auch die Kleider sich beschaffen und sogleich beim Eintritt achtundvierzig Kreuzer in die Zunftlade bezahlen. – So verlangten es die Satzungen.

Hieronymus jubelte, als ihm’s der Vater Schwarz auf Weiß brachte, daß der Bann nun gelöst sei, der ihn wider Willen bisher im engen heimatlichen Kreise festgehalten. – Bald darauf nahm er Abschied, um der neuen Bestimmung entgegenzugehen.


Zucht- und Arbeitshaus Hüfingen

Nach dem Kreistagsbericht vom 25.Juli 1715 sollte das Donaueschinger Zucht- und Arbeitshaus zur Aufnahme von mindestens 300 Personen dienen; auch „arme Kinder und Waisen, alte unkräftige Leute, Tolle und Irrsinnige sollten Aufnahme finden, dagegen nicht eigentlich Zigeuner, die den Venetianern ad triremes zu überlassen waren“. (2)

Nach 9- jährige Bauzeit wurde am 7. Oktober 1758 der Bau und die Einrichtung fertig und am 16. Mai 1759 ergeht ein Erlaß an sämtliche Oberämter mit der Anfrage, ob Züchtlinge oder Kinder einzuweisen seien. Am 23. Januar 1790 wurde Franz Joseph Schelble Zuchtmeister. Er war der letzte fürstenbergische Zuchthausverwalter und wurde 1808 in badischen Dienst übernommen. (2)

Franz Joseph Schelble war der Schwiegervater von Luzian Reich senior und somit der Großvater von Lucian Reich.

Am 27. Juli 1809 wurde das Zuchthaus in ein Korrektionshaus umgewandelt und zum Korrektionshausverwalter wurde Zuchtmeister Schelble ernannt.

Alle nach badischen Kriminalgesetzten Verurteilten wurden nach Freiburg abtransportiert. Das Korrektionshaus wurde 1828 aufgegehoben. Schelble starb mit 78 Jahren am 13. Februar 1835 und seine Ehefrau Katharina geb. Götz am 4. April 1847 mit 87 Jahren. (2)

1850 diente das Gebäude eine Zeitlang als Kaserne, 1853 als Fürsorgeerziehungsanstalt, die nach dem in der Nacht vom 22./23. März 1853 abgebrannten Kloster in Neudingen den Namen Mariahof führt und seither katholische schulpflichtige Knaben beherbergte.

Das Bauwerk wurde erst 1972 abgerissen.

Postkarte von 1910 aus der Sammlung Dieter Friedt. Hüfingen
http://www.baarverein.de/postkarten/huefingen/bauwerke/index.htm

(1) Aus den Schriften der Baar 17 (1928), Georg Tumbült: Das Fürstenbergische Kontigent Schwäbischen Kreises.

(2) Aus den Schriften der Baar 17 (1928), Dr. F. Wangener: Aus der Geschichte des Zucht- und Arbeitshauses in Hüfingen.

Mehr zur Jagd gibt es hier

Wir freuen uns über mehr Erkenntnisse zu diesem Podcast in den Kommentaren!

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Liebes- und Heiratsgeschichte

Hieronymus Kapitel 8

So hüt di vorem böse Ding s’bringt nume Weh und Ach’ Wenn’s Sunntig isch se bet und sing Am Werchtig schaff di Sach.
>Johann Peter Hebel


Liebes- und Heiratsgeschichte

Es war zur hohen Sommerszeit; der alte Klaus saß ruhig bei seinem Feuerherd unter dem Tierstein, in dessen unmittelbarer Nähe er seine Kohlestatt aufgeschlagen hatte. Die Sonne brannte heiß an die zackige Granitwand; und nur zuweilen strich ein leises Lüftchen durch die Erlen und über die Wellen der nahe vorbeifließenden Bregach. Die Natur schien ihr Mittagsschläfchen zu halten, so ruhig war es rings umher – nur im reinen Himmelsblau wiegte sich ein Geier, seiner Gier nach Beute von Zeit zu Zeit durch einen schrillen Pfiff Ausdruck gebend. – Da kam ein Bube gelaufen mit dem Bericht: Die Johanna schicke ihn, der Vater soll heimkommen, der Dieter sei da. – Verwundert erhob sich der Alte, umging einigemal schweigend den Meiler, gab dann dem Kolumban noch einige Anweisungen und begab sich gedankenvoll auf den Heimweg.

Zu Hause angekommen, traute er seinen Augen kaum, als ein feiner Herr ihn als Vater begrüßte. Es war richtig sein Dieter, aber in welch auffallender Umgestaltung. Ein flohbrauner Rock mit langen Schößen und großen blankgeschliffenen Stahlknöpfen, die gestickte Atlasweste, die kurzen Beinkleider von pomeranzfarbigem Kaschmir, die seidenen Strümpfe mit geblümten Zwickeln, der dreieckige Hut auf dem gepuderten Toupet, ein leichtes Bambusstöckchen, das er in der Hand schwenkte, gaben dem ehemaligen Köhlersjungen vollständig das Ansehen eines Stutzers damaliger Zeit.

Auf die Fragen des Vaters gab Dieter indes wenig Auskunft: er sei ein gemachter Mann, Freund und Associe eines Millionärs – mehr könne er vorderhand nicht sagen. Sein Freund sei mit ihm hieher gereist und werde in Zeit einer Stunde da sein und sein Absteigquartier im Haus nehmen, ihm, dem Dieter, zum Gefallen.

Der Alte schüttelte den Kopf; es schien ihm fast, als sei es bei dem Dieter nicht ganz richtig im Oberstüblein. Wenn er aber dann wieder an die Aussagen des durchreisenden Handwerksburschen dachte, so wollte es ihm vorkommen, es möchte doch vielleicht etwas an der Sache sein. – Monsieur Dieter blieb indes nicht lange untätig; er ordnete und kommandierte im Haus, daß die guten Leute ganz verwirrt wurden. Schwester Johanna mußte den alten, eichenen Tisch mit einem frisch gewaschenen Tischtuch bedecken und einen Blumenstrauß daraufstellen. Die Schlafkammer mit der großen Himmelbettstatt hatte Dieter schon gleich beim Eintritt ins Haus für sich und seinen Freund in Beschlag genommen. Sogleich mußte das Lager mit frischem Leinenzeug überzogen werden.

In der Wohnstube zerrte er einige Kleider des Alten, welche an der Wand hingen, eiligst herab und warf den ganzen Plunder durch die Kammertür, dabei ausrufend: „Ihr habt auch gar keine Passion für Ordnung, ihr Landleute!« – Hierauf riß er das Fenster auf, um frische Luft hereinzulassen. Das große, vom Alter gebräunte Kruzifix über dem Tisch wollte er auch herabnehmen und beseitigen, weil solches nicht mehr in die Zeit passe, aber der Alte packte ihn gewaltig am Arm, mit einer Gebärde, die dem Söhnlein von früher her nur zu gut noch im Gedächtnis haftete. Die Schwester mußte sich umkleiden und ihren neuen Strohhut aufsetzen.

Dann wurde ihr eingeschärft, den reichen Elsässer ja recht artig mit einem Knix zu empfangen. – Der Vater hatte sich wie träumend im großen Lehnstuhl niedergelassen, den Rumor mit Schweigen betrachtend; endlich konnte er nicht anders glauben, als der Dieter komme geraden Wegs aus dem Narrenhaus. – Eben wollte dieser den Vater nötigen, sein rußiges Wams mit dem Sonntagsrock zu vertauschen, als er gegen das Fenster springend ausrief: „A voilà, da kommt er ja schon! – Aufgepaßt, Leute, der Herr, den ihr dort um das Waldeck herumpassieren seht, ist mein Freund, Monsieur Tolberg, der einzige Sohn eines Millionärs!“ Mit einem Sprung eilte er zur Türe hinaus.

Wirklich sahen die beiden Zurückgebliebenen einen fremden Herrn in Begleitung eines Bauernburschen, welcher jenem das Gepäck trug, auf das Haus zuschreiten – und alsbald an der Hand Dieters eintreten. Es war ein hübscher junger Mann mit schwarzem Kraushaar, weniger auffallend gekleidet als Dieter, aber von gefälligen Manieren. – Mit Ungezwungenheit begrüßte er den Alten. – Johanna trat aus der Kammertür und bewillkommte den Gast mit einem Kompliment, wie Dieter ihr befohlen hatte. – Der Fremde schien überrascht von dieser Erscheinung; die hübsche Tracht und der noch hübschere Wuchs der jungen Schwarzwälderin machten ihn stutzen. Sie hatte ihren Sonntagsstaat angetan; die weißen fein gefältelten Hemdärmel, der rotsammtne Latz mit den goldenen Nesteln, das dunkelgrüne Goller, der gelbe Strohhut mit den gewaltigen hellbraunen Zöpfen darunter – alles war geeignet, die blühende Gestalt des Mädchens im schönsten Lichte erscheinen zu lassen.

Der junge Herr Tolberg erklärte nun: er sei gekommen, um die wackeren Eltern und Geschwister seines Freundes Dieter kennenzulernen, sowie die traulichen Hütten und romantischen Gegenden des schönen Schwarzwaldes. – „Aber nur dann“, setzte er lächelnd hinzu, „werde ich Eure Gastfreundschaft auf ein paar Tage in Anspruch nehmen, wenn Ihr mir versprecht, Euch in nichts stören zu lassen – und meinetwegen kein Haar breit von Eurer gewöhnlichen Lebensweise abzuweichen.“ Johanna wollte aus dem nächsten Wirtshaus eine Flasche Wein holen; Herr Tolberg aber ließ es nicht zu. Er bat um ein Glas Quellwasser, das er nirgends so frisch und erquicklich gefunden wie hier im Schwarzwald. – Ebenso einfach mußte auch auf seinen Wunsch das Abendessen zubereitet werden.

Tolberg schien seinen glücklichsten Abend zu verleben, und Dieter war seelenvergnügt, daß sein Freund sich so gut amüsiere. Das Gespräch war in Fluß gekommen, und Johanna horchte mit gespannter Aufmerksamkeit auf alle Begebenheiten und Abenteuer, welche der junge Mann aus seinem Reiseleben mit beredter Zunge zum besten gab. Es war schon spät, als mit sehr verschiedenartigen Gedanken die Gesellschaft sich trennte, um sich zur Ruhe zu begeben. Mit wenig Zügen läßt sich die Geschichte des jungen Abenteurers und seines Freundes wiedergeben. Dieter, aus der Lehre fortgelaufen, hatte sich in der Fremde umzutun gewußt. Ein gewisses Talent, Sprache und äußerliche Manieren des Städters sich anzueignen, sein guter Humor und geschmeidiges Benehmen konnten nicht verfehlen, ihn bei seiner Umgebung gern gesehen und beliebt zu machen.

In einem Gasthof, wo er als Kellner eine Zeitlang figurierte, hatte er seinen jetzigen Begleiter kennengelernt, der in der Tat der einzige Sohn eines reichen Fabrikherrn im Elsaß war. Die Eltern hatten den jungen Mann auf Reisen geschickt, damit er die Welt und Menschen kennenlerne und im Fache sich weiter ausbilde. Über seine Zukunft konnte weiter kein Zweifel obwalten. Ins Vaterhaus zurückgekehrt, sollte er das große Geschäft übernehmen und die Tochter eines mit Glücksgütern reich gesegneten Hausfreundes zum Altar führen. Von Natur gutmütig, doch dabei leichtsinnig und nicht gewohnt, sich irgend etwas zu versagen, machte er bald einen Auf-wand, fast zu groß für die Verhältnisse eines wenn auch noch so wohlhabenden Handelshauses. – Dieter, der sich an ihn zu machen gewußt, war ihm bald unentbehrlich und fortan sein Begleiter – aber auch sein böser Genius. Im Geldverschleudern entwickelte Dieter eine viel größere Meisterschaft als in der Färberei und Kellnerei.

So besuchten die beiden verschiedene größere Städte des südlichen Frankreichs und der Schweiz. Mitgegebene Wechsel und heimliche Geldsendungen von der Mama, welche, eine Pariserin, ihren Sprößling verzärtelt und verwöhnt hatte, wollten bald nicht mehr ausreichen – und der junge Herr, von Dieter verleitet, nahm seine Zuflucht zu verdächtigen Wechselmanipulationen. Doch hierin hatten sie es noch nicht zur eigentlichen Meisterschaft gebracht; die Sache wurde ruchbar, und Freund Tolberg merkte bald, daß er den vollen Zorn des Vaters zu befürchten habe, denn diesem war die Wechselgeschichte zugleich mit der flotten Lebensweise des Sohnes bekanntgeworden. – Dieter gab den Rat, dem Unwillen des Vaters vorerst aus dem Wege zu gehen und sich eine Weile unsichtbar zu machen. Er schlug vor, sie wollten sich auf den Schwarzwald begeben, zu seinem Vater. Die Abwechslung, meinte er, werde dem Freunde Pläsier machen; sie könnten dort wohlfeil leben, allerlei Suiten und Ausflüge machen, und mittlerweile werde sich das böse Wetter zu Hause bei Papa und Mama verziehen.

Das fand sogleich Eingang bei dem jungen Bonvivant; einen ländlichen Roman hatte er noch nicht gespielt, und auch das mußte einmal versucht werden: „ma foi c’est delicieux!“ rief er aus, indem er seinen erfinderischen Freund umarmte. „Dieter, du bist ein köstlicher Kerl, ein Genie! Fort, aufs Land, in die stille harmlose Natur, depechons nous!“ Gesagt, getan; eines Morgens waren die Herren abgereist, auf kürzesten Wegen dem Schwarzwald zu.

Am zweiten Tage ihres Hierseins wurden schon Ausflüge unternommen; und als sie spät abends dann nach Hause kamen, mußte Johanna dem Gaste noch einige ihrer Lieder vortragen. Sie besaß eine wunderschöne Singstimme, und nie war Kolumban vom Jahrmarkt heimgekommen, ohne ihr die neuesten Lieder als fliegende Blätter mitzubringen. – Sie sang mit Ausdruck besonders ihr Lieblingsliedchen: „Gestern abend in der stillen Ruh‘ hört ich im Wald der Amsel zu“, oder das schöne: „Liebestreu und Liebeskraft.“ – Als sie an jenem Abend das Lied „Vom Grafen und der Nonne“ gesungen, mit der Strophe:

„Und wenn ich schon nicht reiche bin,
Aller Ehren bin ich voll.
Meine Ehr‘ will ich behalten,
Meine Ehr‘ will ich behalten,
Bis daß meinsgleichen kommt,
Bis daß meinsgleichen kommt!“

Da konnte der neue Freund seine Bewegung nicht mehr verbergen. Er sprach über Standesvorurteile, und wie der freie Mann all‘ diese unnatürlichen Fesseln zerbrechen und Liebe allein den Bund der Herzen schließen müsse usw. Und als er eine Stunde später mit seinem Freund in die Kammer trat, fiel er diesem um den Hals mit dem Ausruf: „Dieter, ich heirate deine Schwester!“ „Und Mamsell Dorval?“ fragte der Schlaue, wie von einem raschen Gedanken erfaßt.

„Schweig!“ rief Tolberg. „Nie wird das verzogene, abgeschmackte Ding meine Gattin, so wahr ich ein Tolberg bin. Ich bin mein eigener Herr. – Nur mit Johanna will ich leben und wär’s in der tiefsten Einöde des Waldes; fern will ich leben von den verächtlichen Krämerherzen der spekulierenden Welt – ich habe sie genugsam kennengelernt!“

Freund Dieter schwieg, und Tolberg trat ans Fenster, durch welches der klare Vollmond blickte. „Hier“, fuhr er fort, „hier find ich mich selbst wieder. – Wahrlich, ich habe bisher ein töricht Leben geführt – es muß anders werden. – Zum erstenmal in meinem Leben fühl ich mich stark und will tun, wie mir mein besseres Selbst gebietet. – Wie schön ist’s hier in dieser Einsamkeit! – Welch herrliche Nacht! – Ich steh am Wendepunkt meines Lebens, und Johanna soll meine Führerin sein!“

In diesem Tone fuhr der Schwärmer noch eine Zeitlang fort, während Dieter, die Schlange, bereits in den Federn lag und mit gespannter Aufmerksamkeit zuhörte. – Denn das war Musik in seinen Ohren; er kannte seinen Freund und Herrn und wußte, wie leicht er zu gewinnen sei, wenn eine Sache nur rasch und klug ins Werk gesetzt werde. – Und war Tolberg einmal sein Schwager, so blühte auch sein Weizen, dann konnte es ihm nicht mehr fehlen.

Als er nach vielen schönen Phantasien morgens erwachte, schien die Sonne schon warm durch die runden Fensterscheiben. Sein Schlafkamerad aber war fort und unten in der Stube, wo Johanna ein einfaches Frühstück bereits aufgetragen hatte. Es war nicht zu verkennen, ihr ausdrucksvolles Auge ruhte mit Wohlgefallen auf dem schönen Fremdling, der ihr bald seine ganze Lebensgeschichte mitteilte und selbst Fehltritte nicht verschwieg. Er erzählte ihr von seinem elterlichen Hause, von der seelenguten Mama – und gab ihr zuletzt ganz unverhohlen zu verstehen, daß er nur mit ihr das Leben und alles, was ihm der Himmel an Glücksgütern beschert, genießen und teilen wolle. – Und als er zuletzt fragte: ob sie sein Schutzgeist und guter Engel werden wolle, schüttelte sie errötend zwar das Köpfchen – aber nein sagen konnte sie nicht.

Johanna wußte nicht, wie ihr geschah. Es war das erstemal, daß sie in dieser bestrickenden Tonart reden hörte. Im Gesichte des jungen Mannes lag nichts von Verstellung; sein freimütiges Bekenntnis erweckte Vertrauen und Mitgefühl. Und mit Hoffnungen und Selbsttäuschung blickten beide über alle die Hindernisse hinweg, die einer so ungleichen Verbindung im Wege stehen mußten. – Wenn das gute Mädchen jedoch dann in stillen Stunden bei sich selbst über alles nachdachte und ihr früheres sorgenloses Dahinleben mit dem jetzigen Zustande verglich, so meinte sie mit der, „Amsel im Walde“ singen zu können:

„Ei, du Schmeichler, sprach sie unerschreckt,
Wer hat dir mein‘ Aufenthalt entdeckt?
Ja, im Wald, da ist mein Aufenthalt,
Wo ich zuvor in meinem Sinn
Ganz vergnügt gewesen bin.“

Die jungen Leute indes machten Ausflüge in der Umgegend. – Dieter trug dabei eine mitgebrachte alte Militäruniform nebst langem Stahldegen. In diesem seltsamen Kostüme spielte er den maitre de plaisir. Hatte die Gesellschaft zum Beispiel verabredet, diesen oder jenen Berg zu besteigen und in einem Wirtshaus in der Nähe Erfrischung einzunehmen, so eilte er als Quartiermacher voraus, während Tolberg und Johanna langsam nachfolgten.

Dieter wußte sich dabei ein gewaltiges Ansehen zu geben. Wenn er in die Wirtsstube eintrat und die Bauern vor dem fremden Offizier ehrerbietig aufstanden oder, Platz machend, näher zusammenrückten, so sagte er vornehm herablassend: „Geniert euch nicht, ihr Landleute!“ Wenn dann einer oder der andere der Gäste seinem Nachbar in die Ohren raunte: dies sei des Forbachklausen Dieter, der sein Glück in der Fremde gemacht, so erreichte die Verwunderung den höchsten Grad. Als Mann von Welt machte sich Tolberg unter anderm auch mit der gastfreundlichen Familie des benachbarten herrschaftlichen Obervogts bekannt.

Die junge, gesellschaftliebende Frau dieses Mannes lud ihn und Johanna oft zu sich, und bei einem solchen Anlaß veranstaltete sie einst, daß Johanna ihre ländliche Tracht mit städtischen Frauenkleidern vertauschte, und also vor ihren überraschten Tolberg trat. – Allerdings schien dieser entzückt über solchen Einfall, versicherte aber zugleich, daß seinem Mädchen die Landestracht doch tausendmal besser stünde, und er werde nie zugeben, daß sie solche ablegte, wenn sie einmal die Seinige geworden: „denn“, setzte er hinzu, „die Tracht wird mir stets ein liebes Andenken an deine Heimat und den Schwarzwald sein.“

Die Anstalten zur Hochzeit wurden indessen von den beiden Abenteurern mit unglaublicher Hast und Eile betrieben. Damals überwachte man die Fremden noch nicht mit der mütterlichen Sorgfalt wie heutigen Tages, und der Stabhalter, sein künftiger Schwager, welchem Tolberg seine Papiere vorlegte, durfte dieselben für vollgültigen Ausweis halten.

Auch mit dem Pfarrer hatte der junge Mann Rücksprache genommen, und da er, wenngleich unbewußt, die diplomatische Maxime befolgte: nur die Wahrheit zu sagen, freilich nicht die ganze Wahrheit, so sah auch der geistliche Herr in dem Fremden sowohl wie in der ganzen Sache nichts Verfängliches. Nur der alte Klaus vermochte nicht, sich zu beruhigen. Er hielt den jungen Herrn für einen Gaukler oder herumfahrenden Komödianten. Auch er wandte sich, um Rat zu holen, an den Pfarrherrn.

„Wenn er wirklich so ein reicher Herr wär’«, behauptete er, „so wär mein Bub g’wiß nit sein Kamerad, und er wär‘ nit da, wo er jetzt ist.“
„Ein Betrüger“, erwiderte der Pfarrer, „ist er in keinem Falle – er ist wirklich das, wofür er sich ausgibt: reicher Leute Kind und von guter Erziehung, ich habe mich hinlänglich überzeugt.“ „Um so schlechter“, erwiderte der Alte: „Dann ist mein‘ Tochter erst recht an geführt. Herren sind Herren, und die Armut gehört hinter die Tür – und es fällt mir immer der Lang Hanns ein: Habt’s mit euers Gatting. Wenn er wirklich ein reicher Herr ist, dann ist die Sach‘ erst recht g’fehlt.“ – „Allerdings“, erwiderte der Geistliche, „hat diese Verbindung viel Bedenkliches. – Doch dies ist seine Sache. – Wenn Ihr aber, als Vater, Eure Einwilligung durchaus nicht dazu gebet, so denke ich, wird das Mädchen, als gehorsame Tochter, so wie ich sie kenne, Euern Willen ehren.“ Der Alte ging seufzend von dannen, sagte sich aber fortwährend: „Es geht mir en Unglück vor – es ist kein Segen in der Sach‘.

Dieter hatte unterdessen alle Verwandten und Bekannten zu bearbeiten gewußt, was ihm nicht sehr schwer geworden. Der Stabhalter war ohnehin von dem offenen, jovialen Benehmen des jungen Mannes im voraus eingenommen; und so mußte endlich auch der alte Vater geschehen lassen, was er nicht hindern konnte, denn auch die Vorstellungen des Geistlichen fanden bei dem Mädchen kein Gehör mehr.

Die tätigste Unterhändlerin aber war die Fahlenbacherin, und durch einige Geldstücke und gute Bissen ganz für Tolberg eingenommen. Ihn nannte sie bei Johanna den schönsten und bravsten Herrn im ganzen Römischen Reich und pries sie als das glückseligste Bräutlein der Welt. Doch konnte sie anderseits nicht umhin, zu Kolumban, dem Köhlerknecht, zu schleichen und ihm, als dem früheren Liebhaber Johannas, die ganze Sache in langsamen, aber bitteren Tropfen beizubringen. – Was sie hier anrichtete, läßt sich denken: unglaublich war die Wut des Burschen; er schwur dem Elsässer den Untergang; und die ganze Sache hätte wahrscheinlich eine schlimme Wendung genommen, wenn die Fahlenbacherin nicht wieder schleunigst den bedrohten Tolberg und seinen Freund Dieter von der Gefahr benachrichtigt hätte.

Kolumban fluchte, weinte und gebärdete sich wie toll. Er kündigte seinem Meister den Dienst und lief fort – die ganze Sippschaft verwünschend. Unterdessen hatte Tolberg auf dringendstes Bitten von seinem Freunde, dem Geschäftsführer seines Vaters, Briefe und Geld erhalten. Dieser schrieb etwa folgendes:

„Hier empfängst Du eine Summe Geld. – Es ist alles, was ich bei großer Gefahr, verraten zu werden, auftreiben konnte. Dein Vater ist wütend und auch die Mutter sehr aufgebracht. – Die Wechselgeschichte war in der Tat ein fataler Streich. Der Unwille Deines Vaters hierüber hat sich seit Deinem langen Stillschweigen eher gesteigert als vermindert. – Doch ich will Dir keine Strafpredigt hierüber halten. Die reumütigen Selbstanklagen in Deinem letzten Schreiben und Deine Beteuerungen, daß Du umkehren wollest auf solch verderblicher Bahn, zeigen, daß Du endlich Deine Fehler einsehen gelernt. Ist es Dir hiemit ernst, so wird sich die ganze Sache noch zum Guten lenken lassen. Unter diesen Umständen halte ich es selbst für besser, wenn Du jetzt nicht sogleich Deinem Vater unter die Augen kommst. Der Aufenthalt auf dem Lande scheint sehr günstig auf Dich zu wirken. Du Glücklicher! Du verlebst herrliche Tage, während ich mich, wie ein Zugtier in der Mühle, im ewigen einförmigen Kreislauf des Geschäftes abmüden muß. Das muß ja ein herrliches Naturvölkchen sein, diese Schwarzwälder. Die Schilderung Deiner Kohlenbrennerstochter ist magnifique – der Spaß mit dem Heiraten köstlich. – Wie schön müßte sich Monsieur Tolbergs einziger Sohn und Erbe als rußiger Kohlenbrenner in den Bergen des Schwarzwaldes ausnehmen, wenn er so, in seinem Gott vergnügt, sein Stückchen verschimmeltes Schwarzbrot äße – doch Spaß a part. Mache Dich immerhin noch ein bißchen lustig, ehe Du in die ernste Geschäftswelt eintrittst; Madmoiselle Dorval mit ihren Goldfüchsen ist Dir ja doch gewiß usw.“

Alle Hindernisse, welche der Verbindung noch im Wege gestanden, hatte Dieters erfindungsreicher Kopf aus dem Wege zu räumen gewußt. Die Trauung wurde wirklich vollzogen. Nebst den wenigen Verwandten und Bekannten war die Frau des Obervogts noch als Zeugin zugegen. Tolberg und seine junge Frau verlebten glückliche Flitterwochen in dieser Einsamkeit. – Es war ein schöner Morgen, dem ein düsterer Abend folgt, die Stille vor dem Sturme. Der Gedanke nach Hause aber blieb eine schwere Wolke an dem Himmel des jungen Paares, und am Ende konnte die Reise zu den Eltern nicht mehr aufgeschoben werden. Es war verabredet, daß der junge Mann mit Dieter, doch vorerst ohne seine Frau, nach Hause reisen solle, um alles in Ordnung zu bringen, ehe sie nachfolge. – Zu Hause angekommen, vertraute er sich zuerst der Mutter an, die beim Vater seine Fürsprecherin machen sollte; aber der alte Herr, schon auf das äußerste erbost durch die Wechselgeschichte, kam vollends ganz außer sich, als er von der Heirat seines Sohnes hörte. Vergeblich warf sich ihm dieser, ähnlich dem verlorenen Sohn, zu Füßen – der Vater verließ das Zimmer, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

Des andern Morgens ließ er den ungeratenen Sohn vor sich rufen und sagte ihm kalt: „Also statt eines braven Sohnes ist ein Betrüger, ein Narr ins Vaterhaus zurückgekehrt. Entweder, du willigst ein, unter strengster Aufsicht, getrennt von der Person, die du deine Frau nennst, hier unter meinen Augen zu leben und niemand von der tollen Heirat ein Wort zu sagen, oder – ich übergebe dich den Gerichten als Wechselfälscher und Verschwender.“

Das allerdings war ein Donnerschlag für den feinen Herrn. Doch, unfähig der Selbstbeherrschung und stets hingerissen von dem augenblicklichen Eindruck, versprach er jetzt aus Furcht Gehorsam. Bald sah er sich, sozusagen eingesperrt, beaufsichtigt, in allem beschränkt. Selbst die Mutter konnte ihm diesen Zustand nur wenig erleichtern. Dieter aber sah sich von dem Fabrikherrn derart begrüßt, daß er für gut fand, eiligst das Weite zu suchen mit Zurücklassung aller goldenen Träume von vornehmer Schwägerschaft, Geschäftsbeteiligung usw.

Endlich hatte der junge Tolberg gewagt, bei dem Vater für seine Johanna zu bitten. Der Alte aber erklärte, er wolle sich bei dem Geistlichen und den Behörden erkundigen, ob diese Johanna ehrlicher Leute Kind und ob sie vor ihrer Verheiratung einen guten Leumund gehabt – oder ob sie eine leichtfertige Person sei, die seinen Sohn nur verführt und ins Garn gelockt habe. Im ersten Falle werde er sich zu einer Unterstützung verstehen. – Der Fabrikant gehörte nämlich zu jenen Leuten, welche da wähnen, mit Geld sei alles in der Welt auszugleichen.

Die gute Johanna hatte unterdessen gewartet und gewartet. Anstatt ihres Mannes erschien endlich ein alter Herr, ei n Vertrauter und Abgesandter desHerrn Tolberg, um ihr kalt und unumwunden die ganze Sachlage zu entdecken und mitzuteilen: daß sie durch den Geistlichen von nun an einen monatlichen Gehalt empfangen werde. Die Empfindungen der verlassenen jungen Frau sind leicht sich vorzustellen: sie fühlte sich in ihrem Innersten vernichtet – selbst die Briefe ihres Mannes, welche dieser heimlicherweise an sie gelangen ließ und worin er sie zur Geduld ermahnte und zur Ausdauer von nur einem Jahr, vermochten nicht, sie zu beruhigen.

Lange Wochen und Monate vergingen. Von Zeit zu Zeit erhielt sie Geschenke von ihrem Gatten und Briefe, aus denen nur seine eigene, unfreie und beschränkte Lage ersichtlich war. Unter diesen Umständen ward Johanna von einem Töchterchen entbunden, welches Ereignis dem fernen Gatten brieflich mitgeteilt wurde. – Es kam hierauf ein Schreiben mit Geld; er habe, schrieb Tolberg, sich einen Plan aufgebaut: wenn das Kind ein Alter erreicht haben werde, in welchem es eine längere Reise ertragen könne, solle es ihm geschickt werden, um beim Großvater die Fürbitterin seiner Eltern zu machen.

Aber es war anders vorgezeichnet. Johanna hoffte wenig mehr für sich in diesem Leben. Nur für ihr Kind und für Tolberg schickte sie ihre inbrünstigen Gebete zum Himmel. Stundenlang verweilte sie im Bruderkirchlein vor dem Bilde der gnadenreichen Mutter und stellte selbst ihre Andachtsübungen nicht ein, als es schon winterlich kalt und der Aufenthalt zwischen den feuchten Wänden des Kirchleins ungesund zu werden begann. Klaus hatte noch im Walde zu schaffen, als Bruder Cyriak eines Tages mit der Botschaft zu ihm kam: mit Johanna stehe es schlecht; nach seinem Dafürhalten sei es das hitzige Fieber, was bei ihr angesetzt habe.

Vergeblich wendeten der kräuterkundige Cyriak und der sogenannte „Kühmarti“ aus der nächsten Gemeinde ihre Künste an. – Johanna starb; und der Pfarrer, der sie in ihrer Krankheit häufig besucht und sie vor ihrem Hingang noch mit den Tröstungen der Religion versehen hatte, hielt es für seine Pflicht, das traurige Ereignis den Messieurs Tolberg zu melden – mit dem Zusatz: „So ist sie heimgegangen in die himmlischen Wohnungen des Friedens. Sie wird einen gnädigen allbarmherzigen Richter gefunden haben. Sie war ein gutes Geschöpf. – Aber an Euch ist’s jetzt, wieder gutzumachen, was Ihr schlimm gemacht, an dem armen verlassenen Kinde Vaterstelle zu vertreten und ihm eine ordentliche Erziehung zukommen zu lassen.“ – Der Großvater kann nichts für das Kind tun, er ist jetzt sozusagen selbst ohne Pflege, und die verheiratete Schwester der Verstorbenen hat eine starke Familie und ist ihr deshalb nichts in diesem Punkte zuzumuten; so ist denn die Kleine allein, ohne Wartung und Zucht. Schreibt mir, was Ihr zu tun gedenkt.“

Der alte Geschäftsmann und Vertraute erschien wieder auf dem Walde, und nach längerer Besprechung mit dem Geistlichen kündete er den Verwandten des Kindes an, daß er beauftragt sei, für die Erziehung desselben zu sorgen und deshalb nach dem Willen des Vaters die Kleine zu sich nehmen müsse. Vergebens sträubte sich der alte Klaus dagegen; dem Zureden des Geistlichen und des Felsenwirts mußte er nachgeben – und der Geschäftsfreund fuhr mit dem Kinde von dannen, bis zur nächsten Station noch von der Fahlenbacherin begleitet. – So endete die Geschichte.

Tiefe Stille herrschte seitdem in der Hütte des Köhlers. Seine Schwester Barbara, die Hebamme, hatte sich zu ihm übergesiedelt und besorgte den kleinen Haushalt. Der Alte trieb sein Geschäft wieder hin wie her. Viele Jahre waren seitdem schon verflossen. – Gerne besuchten ihn die Kinder in der Hütte auf der Kohlstatt und lauschten seinen Erzählungen.

Nur von Tolberg sprach der Alte nie. – Doch hörten sie manchmal von ihm, wenn Anastasia und die Laubhauser Bäuerin von den seltsamen Schicksalen der unglücklichen Johanna und ihrem Kinde sich unterhielten.

Dieter war nicht mehr in der Heimat erschienen, und niemand wußte, wo ihn der Wind hingetrieben.

Tierstein im Sommer 2020

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Das Bruderkirchlein und die Familie des Köhlers
Beim rauchenden Meiler

Hieronymus Kapitel 7

“Sie lüte weger s’ Zeiche scho der Pfarrer, schint’s, well zitli cho.”
>Johann Peter Hebel

Das Bruderkirchlein und die Familie des Köhlers
Beim rauchenden Meiler

Rings von immergrünen Tannen beschattet, steht das Kirchlein in einsamer Talschlucht. – Von allen Himmelsgegenden führen die Wege und Weglein hinzu, auf welchen heute, als einem Marientage, die Umwohner heranziehen, gleich den Wellen des Baches.

Es ist das Bruderkirchlein in der Nähe des Laubhauserhofes – ein Filial des dortigen Kirchspiels und seit alten Zeiten eine Wallfahrt zu Ehren der Fürbitterin Maria, eine Zuflucht aller Leidenden und Bedrängten. – Ein klarer, lieblicher Morgen feiert gewissermaßen den Festtag mit zur fröhlichen Stimmung der Menschen, die, hinter sich lassend alle niederziehenden Sorgen des Werktaglebens, heute im Gebet sich sammeln und erheben wollen.

Hinten an das Gotteshäuslein angebaut ist die Wohnung des Bruders Cyriak, eines Einsiedlers und Waldbruders, wie solche damals noch häufig anzutreffen. In seiner engen Klause pflegte der Mann allerlei Hantierung zu treiben: er gießt Christkindlein und Heiligenbildchen in Wachs, drechselt aus Holz und Bein Rosenkränze und verschmäht auch nicht, im Winter sich die Zeit mit Lichtspanschnitzen zu vertreiben. Einige abgerichtete Vögel und ein zahmes Eichhörnchen, das sein Nest in einem alten, an der Wand angebrachten Filzhut hat, sind die alleinigen Gefährten seiner Einsamkeit.

Und weil der Klausner stets ein gutes, selbst gebranntes Waldkirschenwasser im Vorrat hat und nebstdem ein nach dem bewährten Rezept der Klosterfrauen in Friedenweiler bereitetes „Grünwässerle“ besitzt, so sprechen die Wallfahrer nach beendetem Gottesdienste gerne bei ihm ein, um sich zu stärken auf den langen Heimweg.

Aber nicht nur beim Kirchgang, auch zu anderen Zeiten kehrten die Leute beim Bruder ein, denn nebst der Herz- und Magenstärkung gab’s bei ihm noch Mittel gegen Haupt-, Glieder- und anderes Weh. Er verstand sich auf die Heilkraft aller Kräuter, heiß, feucht oder trocken im ersten, andern und dritten Grad; und sein Wacholdergsälz und der aus jungen grünen Tannzapfen gesottene Trank waren gewiß nicht weniger wirksam, als es unsere heutigen Fichtennadel-Dekokts und die Berliner Malz- und anderen Extrakte sind.

Herwärts vom Kirchlein sehen wir das Haus des Kohlenbrenners Klaus, der jedoch den ganzen Sommer und Herbst über in der Nähe des Laubhauserhofs sich aufhält, wo schon der Vater und der Großvater dem Bauer den Dienst eines Kohlenbrenners versehen haben.

Bevor wir aber in unserer Historie weiter fortfahren, sehen wir uns bemüßigt, die Geschichte dieses Hauses und seiner Bewohner hier einzuschalten, weil sie notwendig zum Ganzen gehört.

Mancher Leser mag zwar denken, diese Geschichte werde nicht sehr verwickelt sein; hier, in dieser Abgeschiedenheit, wo die Natur, die Verhältnisse dem Menschen so wenig bieten von demjenigen, was wir Lebensgenüsse zu nennen gewohnt sind, hier, so möchte man glauben, werden Sorgenfreiheit und Gemütsruhe zu Hause sein; der stille Friede der Natur werde auch dem Menschenherzen eine verwandte Stimmung geben, und wenig bewegt werde der Lebensgang eines solchen Waldbewohners sein. – Doch, wo wäre auch das Fleckchen Erde, auf dem der Mensch sagen könnte, hier bin ich frei und sicher vor dem Versucher und Friedensstörer, der einbricht wie der Dieb in der Nacht?

Und in der Tat, wenn der alte Klaus so allein, auf seinen Schürhaken gestützt, beim rauchenden Meiler stand, oder nach beendetem spärlichen Mahl auf der Moosbank sitzend, in die verglimmende Glut seines Herdes schaute, so schienen auch ihm allerlei schwere Gedanken wie Wolkenschatten durch den Kopf zu ziehen. Dachte der Alte vielleicht an jene Tage, wo er, nicht so allein, an den eigenen Kindern erwünschte Hilfe und Stütze gefunden? Das Haus neben dem Bruderkirchlein erbte der Klaus von seinem Vater.

Mit seinem Weib und drei Kindern trieb er das Geschäft fort, und nichts schien imstande zu sein, den Lebenslauf des genügsamen Mannes zu unterbrechen – bis der Tod des Weibes auch hier jene Lücke in das Leben riß, welche so selten ganz glücklich wieder ausgefüllt werden kann. – Bald nachher verheiratete sich die älteste Tochter, ein hübsches, kräftiges Mädchen, an den Felsenwirt, den wir bereits als Stabhalter der Gemeinde kennengelernt. Noch blieb dem Klaus ein Sohn und eine jüngere Tochter; doch an dem Buben Dieter sollte der Vater wenig Freude erleben, an der Tochter herben Schmerz.

Der Dieter hatte unsteten Sinn, das Köhlerhandwerk behagte ihm nur schlecht, und als er zufällig einen Färbermeister auf dem Walde kennengelernt, wußte er den widerstrebenden Vater zu bewegen, daß er ihn dem Manne in die Lehre gab. – Was jedoch ein Haken werden will, krümmt sich beizeiten. Das Bürschlein wollte nicht gut tun, und der Färbermeister sah sich genötigt, dem Lehrling zuweilen den Rücken blau zu färben, was dieser so übelnahm, daß er noch vor Ablauf der Lehrzeit in die weite Welt entlief. – Seit Jahr und Tag hatte man nichts mehr von ihm gehört.

Der alte Vater hauste inzwischen mit dem einzigen zu Hause gebliebenen Kinde, der jüngsten Tochter, welche ihm in allem getreulich an die Hand ging. Im Winter besorgte das Mädchen die Hausgeschäfte, und die lange Sommer- und Herbstzeit half es dem Vater bei der Köhlerei. An kräftigem Wuchse glich es der älteren Schwester; aber ein Hang zum Ungewöhnlichen, vielleicht nach dem Naturell der lebhafteren Mutter, verstärkt noch durch die fast gänzliche Abgeschiedenheit von den Menschen, hatte sich frühe schon bei dem Mädchen bemerkbar gemacht.

Als Kind war Johanna wild und verwegen. Kein Baum war ihr zu hoch und kein Fels zu schroff, den sie, als sie noch die Ziegen hütete, nicht erklettert und erstiegen hätte. Der Alte hatte in dieser Beziehung seine wahre Not mit ihr. – Aber bei der Arbeit griff sie wacker zu; sie wußte den Holzkarren und den Schürhaken und alles, was zum Handwerk gehört, so geschickt zu regieren, daß sie dem Vater alsbald einen zweiten Köhlerknecht ersparte.

Zur Jungfrau herangewachsen, legte Johanna dies wilde Wesen ab. Von früher Jugend an war sie den Verwandten der Mutter, die in guten Verhältnissen im Städtchen Neustadt lebten, viel mehr zugetan als den Sippen väterlicherseits, die alle einfache Taglöhner, Holzmacher und Kübler waren.

Längst hätte sie auch ihre Wäldertracht mit der mehr städtischen Mode vertauscht, wenn es der Vater zugelassen – längst auch wäre sie fortgegangen in einen Dienst nach Freiburg oder Waldkirch, wenn nicht Kindespflicht sie zu Hause festgehalten. Einige Zeit trug sie sich mit dem Gedanken, ins Kloster zu gehen. Das gefällige Mädchen war bei der Frau Abtissin in Friedenweiler sehr wohl gelitten; mit natürlichem Geschick begabt, lernte es dort bald allerlei künstliche Handarbeiten – so wie es denn auch Johannas liebstes Geschäft war, den Altar und das Gnadenbild im Bruderkirchlein mit selbstgefertigten Blumen, Girlanden und farbigen Bändern sinnig zu verzieren.

Tanzbelustigungen, Hochzeiten und Kirchweihen besuchte sie nie, obwohl es ihr nicht an Tänzern gefehlt haben würde. Wenigstens gab es jemand, der seinen ganzen spärlichen Jahreslohn darangesetzt haben würde, sie dort einmal einführen zu dürfen. Dieser jemand war Kolumban, ein junger Bursche, der dem Klaus aushalf beim Geschäft. Er bewarb sich eifrig um sie. Doch das Mädchen schien seine schweigende Liebe, seine Huldigungen nicht verstehen zu wollen.

Eines Tages, es war im Spätherbst, kam ein fremder Handwerksbursche ins Tal, der sich angelegentlich nach dem Köhler-Klaus erkundigte. – Man wies ihn auf die Kohlstatt, wo er richtig den Alten beim Abendessen fand. Der Geselle grüßte höflich mit der Frage, ob er den Vater des Monsieur Dieter vor sich habe?
„Ein Sohn hab ich, der Dieter heißt“, gab der Klaus zur Antwort. „Ob’s aber der Musje ist, von dem Ihr sagt, weiß ich nit“
„Freilich ist er’s“, entgegnete der Handwerksbursche. „ Ist Monsieur Dieter doch mein bester Freund, neben dem ich ein ganzes halbes Jahr drüben in Mühlhausen in Kondition gestanden bin. – Ich komm, um Euch viel Grüß von ihm auszurichten und Euch zu melden, daß er Euch nächstens einmal besuchen wird; aber nicht als armer Schlucker, sondern patent, als ein Mann, der’s hat und machen kann.“

Als der Alte nichts erwiderte, fuhr der Geselle redselig fort: „Freund Dieter steht nämlich auf dem Punkt, Karrier zu machen; überall, in den ersten Häusern hat er Zutritt, und ich kenn‘ mehr als einen reichen Fabrikherrn, der ihm seine Tochter mit Pläsier zur Frau geben würde! – Ich sag Euch, Dieter hat Konnexionen und Protektionen. Hätten mich Familienumstände nicht heim ins Württembergische abberufen, so wär ich wahrscheinlich nächstens sein Kompagnon geworden. – Das ist’s, was ich Euch im Vorbeireisen hab sagen wollen. – Ich sag Euch, Meister Klaus, Ihr seid ein glücklicher Vater!“

Der Klaus schüttelte den Kopf; dann fragte er trocken, mit ironischem Lächeln: „Hat Euch mein Sohn vielleicht Geld für mich mitgeben? – Wenn er’s so gut hat, wie Ihr sagt, so wird er g’wiß auch eppes für sei‘ n alte Vater übrig habe.“

„Lieber Mann“, entgegnete der Geselle, „in dem Punkt müßt Ihr Euern Sohn vorderhand exkusieren. Nehmt’s nicht ungütig, Monsieur Dieter braucht im Moment seine Spän selbst, um anstandsgemäß leben und nobel auftreten zu können. Hat er aber einmal drüben eine reiche Partie gemacht, so zweifle ich nicht, daß er, so wie ich ihn kenn‘, seinen alten Vater und seine Geschwisterig nicht vergessen wird. Darauf könnt Ihr Euch verlassen und das weitere ruhig abwarten.“

„Ist Euch vielleicht ein Gläsle Brändts oder en Schluck Wein g’fällig?“ fragte der Klaus, der indessen den alten Fechtbruder vom Kopf bis zum Fuß betrachtet hatte. „Wenn Ihr Durst habt, so kommt mit mir nüber in den Felsen. – Den Zehrpfennig und Botenlohn will ich Euch nachschicke, wenn ich mal im Besitz von der Unterstützung bin, die Ihr mir vom Dieter da in Aussicht stellt.“

Der gute Freund schlug’s nicht ab; und der Alte übergab die Aufsicht über das Geschäft dem Knecht und ging mit jenem hinüber ins Wirtshaus, wo der alte Stromer dann noch ein Langes und Breites vom bevorstehenden Glück des Dieter zu erzählen wußte.

Ein Jahr und mehr war seitdem verstrichen, und Dieter hatte weder geschrieben noch Geld geschickt. Das Geschäft des Köhlers ging seinen regelmäßigen Gang. Ist dieses Geschäft auch ein einfaches und einsames, so hat es nichtsdestoweniger auch sein Schönes – allerdings auch seine Mühen und Beschwerden. – Wenn auch entfernt von Menschen, so fehlt es dem Köhler doch nicht an Besuch; ist’s nicht der Forstknecht, der im Vorbeigehen in der Hütte einspricht und am Herd sein Pfeiflein anzündet, so ist’s der Harzer, der in der Umgebung sein Geschäft betreibt; oder es kommen Holzmacher oder Kinder, welche Erd- oder Steinbeeren suchen. – Und wie diese Menschengeschöpfe, so verschmähen es auch die Tiere des Waldes nicht, dem fleißigen Mann untertags eine Visite abzustatten, weil sie wissen, daß hier weder Tod noch Verderben auf sie lauert. Reincke, der Schlaue, hat ganz in der Nähe seine sichere Felsenburg und treibt an schönen Tagen mit den Jungen auf dem sonnigen Plätzlein dort seine Kurzweil, während das Eichhörnchen auf dem Baum Turnübungen abhält und der Grünspecht fleißig am Stamme hämmert. Ja selbst das schüchterne Reh wagt sich heran und betrachtet mit großen, sanften Augen das Tun und Treiben seines rußigen, aber friedlich gesinnten Freundes, und nur wenn die Geißel des Holzfuhrmanns ertönt oder das Bellen der Jagdhunde im Revier, so „schmält“ es und ergreift die Flucht. – Vertrauter ist der Rabe, der, wie die Kinder meinen, früher selbst ein Kohlenbrenner gewesen ist. Dreist, als hätte er die Aufsicht, spaziert er auf dem Platz umher und scheut sich nicht, dem Köhler auch einmal sein abgelegtes Wams zu visitieren, ob nicht ein Stücklein geräuchertes Fleisch oder ein Brocken Schwarzbrot im Sack desselben stecke.

Und ist es ganz stille, liegt die Sonne brütend heiß auf den breiten Zweigen der Weißtanne, so marschiert wohl auch einmal die Gattin des Auerhahns mit ihren Küchlein vorbei, um ihnen die Ameisenhaufen und Tannzapfen im trockenen Moos zu zeigen.

Die Nacht sinkt herab, das Geräusch des Tages ist verstummt; kein Vogel läßt sich mehr hören, höchstens daß noch der Flügelschlag eines Raben oder einer Wildtaube in den Asten einer hohen Tanne rauscht, weil ein Baummarder oder ein Wildkuter die kaum begonnene Ruhe gestört – aber unser

Köhler ist stets noch wach und auf den Beinen; denn wehe, wenn der verräterische Nachtwind die innere Glut des Haufens zur hellen Flamme anfachte oder Mangel an Zuglöchern den Brand ersticken würde. – Darum macht er von Stund zu Stunde seinen Rundgang. Er schaut zum Sternenhimmel auf, um nach der Zeit zu sehen. Der abnehmende Mond, der eben hinter der hohen Bergkuppe dort untergeht, der Stand gewisser Sternbilder, die er – wenn auch nicht dem Namen nach – sehr wohl kennt, sagen ihm, Mitternacht sei kaum vorüber. Noch ist alles stille, nur der Waldbach tost, ruhelos durch die Nacht hinströmend. – Kommt unser Freund zum zweiten-, kommt er zum drittenmal, so sind die Brillanten am Himmelsdom bereits verblaßt. Im Osten zuckt es hell und heller. – Und kommt er noch einmal, so schaut der junge Tag schon über die erwachende Erde, die den dunklen Schleier abgelegt hat und langsam ihr luftig kühles, aus Silberduft und Nebeltau gewirktes Morgengewand anzieht.

Soweit wäre alles recht hübsch und einladend. Aber es kommen auch Tage, die selbst einem Köhler nicht gefallen wollen. Wenn Nebel wochenlang trübsinnig über Berg und Wald hereinhängen oder einförmige Regentage die Gegend grau verschleiern, wenn es dann im ganzen Revier vor Nässe und Feuchtigkeit dampft und dunstet wie in einer Waschküche; wenn Sturm und Wetter die Glut auf dem kleinen Herde auszulöschen drohen und niemand den Köhler mehr besuchen mag als höchstens vielleicht ein Wilderer, der sein im Walde verborgenes Gewehr ins Trockene bringen will, oder ein verirrter Wanderer, der vor Einbruch der schauerlichen Nacht noch ein schützendes Obdach sucht – da könnte es selbst einem so abgehärteten Naturmensch vom Schlage des alten Klaus unbehaglich werden, obwohl er immer noch nicht tauschen möchte mit einem Städter und Stubenhocker.

Die Geschichte vom Bruderkirchlein in Vöhrenbach gibts auf den Seiten vom Baarverein

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Der Besuch in der Stadt

Hieronymus Kapitel 5


Ruhig Gewissen, eigner Herd Ist Gott und aller Ehren werth.
>Johann Peter Hebel

Der Besuch in der Stadt

Es traf sich oft, daß der Feldwaibel auf Kommando zu Streifzügen und Exekutionen auf den Wald kam, wo er, wenn immer möglich, in der Mühle einzusprechen Gelegenheit nahm. Dies war auch kurz nach jenem nächtlichen Brande geschehen, welchen der Lange Hans auf dem Laubhauserhof noch spät abends angezeigt, und weshalb später dringender Verdacht der Brandstiftung auf die Vagabunden gefallen war.

Ein Einbruch, den der Stumpfarm geleitet und wobei auch der Hans die Hand im Spiel gehabt haben sollte, war durch einen Bauern verraten und bei Gericht angezeigt worden; und allgemein vermutete man, daß diesem dafür von der Bande der rote Hahn aufs Dach gesteckt worden sei, wobei, wie wir gehört, auch der Kaiserzoller zu Schaden gekommen war. Es wurde eine Streife angeordnet, aber ohne Erfolg, denn der Herr Graf von Bettelrain und Nirgendheim mit Gefolge war in strengstem Inkognito längst über die Grenze gereist, und die verhaßten „Balmacker“, wie die Soldaten in der Gaunersprache heißen, hatten das Nachsehen. – Nach einiger Zeit aber, als die Emigranten annehmen konnten, es sei über das Geschehene Gras gewach-sen, kehrten sie wieder zurück auf ihre Domänen, wofür sie die Bauernhöfe ansahen. Diesmal aber hatten sie sich in ihrer Voraussetzung getäuscht, denn sie wurden alsbald abgefaßt, eingesteckt und scharf inquiriert. Es kam jedoch dabei nicht viel mehr heraus als die gewöhnlichen Atzungs- und Untersuchungskosten für den Staat, denn die guten Leute waren ja, wie alle Spitzbuben, die nicht auf frischer Tat ertappt werden, völlig unschuldig und nach der Untersuchung wieder ebenso „ehrlich“ wie vorher.

Bald hatten Diebstähle und anderer Unfug wieder so überhandgenommen, daß eine Generalstreife notwendig schien, und diese führte den Feldwaibel auf einige Tage zu seinen Freunden nach Laubhausen; denn der einsamere Schwarzwald war es besonders, wohin sich die Landfahrer während solcher unbequemen Züge flüchteten und versteckten. – Die graubärtigen Weißröcke hatten hoch und teuer geschworen, daß ihnen diesmal kein Schopf und kein Knopf von der Hanikelbande durchschlüpfen solle. In Verbindung mit den aufgebotenen Bettelvögten und Bauern wurden alle Schlupfwinkel in Feld und Wald, alle Bettelküchen und Feuerstellen, wo die Zunft gewöhnlich lagerte, gründlich durchsucht, die Kameraden auch haufenweis zusammengetrieben, diejenigen, welche sich nicht als sauber übers Nierenstück auszuweisen vermochten, abgeführt und hinter Schloß und Riegel gesetzt.

Hieronymus und seine Kameraden beteten zu Gott, daß doch ja der Lange Hans nicht aufgegriffen werden möge, denn er war ja ihr bester Freund und Lehrmeister. Hatte er, der fertige Spielmann, den Romulus nicht geigen gelehrt und den Hieronymus maultrommeln? Wer hatte ihnen so zierliche Vogelkäfige von Draht gestrickt und ihnen alle Vorteile und Gelegenheiten gezeigt, um Schwarzblättchen, Kreuzschnäbel und andere Vögel zu fangen?

Hier stellt sich Lucian Reich wieder deutlich auf die Seite der Landfahrer und läßt Hieronymus und seine Freunde beten, dass zumindest ihr „bester Freund und Lehrmeister“ nicht aufgegriffen wird.

Und erst kürzlich hatte er auch dem Hieronymus wieder einen Bund feiner Bleistifte vom Vöhrenbacher Markt mitgebracht, wo er stets so wohlfeil einzukaufen pflegte. Kein Wunder also, wenn die Buben wünschten, er möge den ergrimmten Musketieren nicht in die Waffen fallen.

Diesmal kam der Lange wirklich auch ungerupft davon, denn es wurden nur solche Vögel gefangen und abgeführt, die von irgendeiner Behörde signalisiert oder in den Gaunerlisten eingetragen waren – und der Hans war ja, wie er selbst oft versicherte und wie es sich bei früheren Untersuchungen zur Genüge herausgestellt, der ehrlichste Mann im ganzen Schwäbischen Kreis.

Der Feldwaibel hatte bei seinem Besuch in der Mühle natürlich auch Einsicht von den Kunstleistungen unseres Hieronymus genommen. Er selbst verstand etwas von diesen Dingen, war er doch ein Hausfreund vom Faßmaler und Vergolder in Hüfingen. Zwar das Porträt des edlen Ritters, mit dem er ja im Frühjahr überrascht werden sollte, wurde ihm jetzt noch nicht gezeigt; dafür sah er aber andere Blätter, denen er alles Lob spenden konnte. Hieronymus solle nur so fortfahren, sagte er, und ihn dann im Frühjahr in Hüfn-gen besuchen, wo er allerlei Schönes und Merkwürdiges zu sehen bekommen werde. Erst kürzlich, erzählte er, habe die dortige Pfarrkirche zwei schöne neue Seitenaltäre bekommen, welche das Werk seines Freundes, des Faßmalers, seien. Die Altarblätter hiezu habe der Hofmaler in Donaueschingen gefertigt.

Jakobsfahne vom Hofmaler Weiss

Fahne der Jakobsbruderschaft vom Hofmaler Weiß
Vielen Dank an Markus Leichenauer für das Foto!

linker Seitenaltar in Verena und Gallus vom Hofmaler Weiß

Jakobus mit Wanderstab in der Hand, dem Volke predigend aus 1774.

Die links unten auf der Tafel gemalte Männergestalt soll ein Selbstbildnis des Hofmalers Franz Josef Weiß sein.

So war denn die Sache aufs beste eingeleitet; und noch nie in seinem Leben hatte der fleißige Schüler sich so auf den Frühling gefreut wie diesmal. Hätte die Sonne nur halb soviel Eifer und Ungeduld an den Tag gelegt wie er, der Schnee wäre längst geschmolzen gewesen und der holde Lenz schon um Lichtmeß oder Fastnacht ins Land gekommen. So aber schien die Gute – ihm recht zum Schabernack – nur deshalb jeden Tag früher aufzustehen, um durch Auftauen und wieder gefrieren lassen die dicke Schneedecke immer noch zäher und undurchdringlicher machen zu wollen. – Es war erster Mai – und noch hatte die Gegend ihr weißes Wollehemd an. Ja, am vierten oder fünften mußte sogar der Bahnschlitten wieder geführt werden. Hatte dieses Fuhrwerk dem Knaben sonst jedesmal viel Spaß gemacht, wenn er und seine Kameraden als Ballast obenauf unter Lachen und Jubel den sprühenden Schneestaub um Ohren und Augen sich sausen lassen – so sah er jetzt den Zug mit Verdruß am Haus vorbeikutschieren. Denn, „wenn der Schnee weg ist und man auch ’naus ins Freie kann!“ hatte der Vetter Feldwaibel ausdrücklich seiner freundlichen Einladung beigefügt.

Doch die Sache machte sich rascher, als man vermutete. Der Wind schlug plötzlich um und blies aus einer anderen, weicheren Tonart. Der neue Schnee fraß sozusagen den alten; die ganze Nacht über rutschten und rauschten die Lawinen groß und klein ins Tal herab. Und als Hieronymus des Morgens früh zum Fenster hinauslugte, sah er den Bach vom Eise befreit, ein paar Tage später – und auch das Feld war geräumt. – Bachweber, der die Schule geschlossen und sich anschickte, die langen Sommerferien wieder drüben beim Schwager zuzubringen, gab die tröstliche Versicherung, die schönen Tage würden dauernd und kein Rückfall, weder von Frost noch von Schnee, mehr zu befürchten sein: Das wollte er dem Fluge der Vögel, dem Benehmen der Spinnen und andern Naturerscheinungen entnommen haben.

Und so geschah es auch. – Gegen Mitte des Monats säte der Laubhauserbauer den Haber – und Vater Mathias trug die Stöcke aus der obern Kammer hinab ins Immenhäusle; und jetzt durfte auch der Sohn den längst vorbereiteten Ausflug antreten.

Es war des Knaben erste selbständige Reise, für ihn eine Fahrt ins Gelobte Land, von welchem ihm aus den Kinderjahren nur wenig in der Erinnerung geblieben war. Der Vater gab ihm das Geleite bis zum Zindelstein, um ihm noch einige Anstandsregeln einzuprägen.

Schon in Wolterdingen, wo er den Wald hinter sich hatte, glaubte der kleine Wandersmann in der Fremde zu sein; mit einem gewissen Trostgefühl jedoch bemerkte er dort einen Landsmann und alten Bekannten wieder neben sich: den Bregbach, welcher murmelnd und plätschernd ihm treues Geleite gab. – Das Wetter war zweifelhaft; der Himmel, mit einem milchweißen Flor überzogen, ließ kaum durch einen hellern Fleck den Stand der Sonne erraten; doch morgen war der heilige Pfingsttag! Und da konnte es unmöglich schlechtes Wetter geben. Und er täuschte sich nicht, denn kaum hatte er den Fußweg vom Dorfe abwärts eingeschlagen, so trat die Sonne siegreich strahlend aus dem dünnen Gewölk hervor; es schien, als würde ein Vorhang am Himmel weggezogen, recht eigentlich zur Verschönerung des kommenden Festtages. – Durch die grünenden Wiesen hin gaukelten ein paar gelbe Schmetterlinge, wahrscheinlich machten auch sie ihren ersten Ausflug wie der kleine Tourist. Dieser war jedoch nicht so leicht, ohne alles Gepäck, fortgezogen wie die Sommervögel. Über seiner Schulter hing ein ganz anständiger Zwerchsack, der keine geringe Last vermuten ließ. Und in der Tat hatte die Mutter ihrem Einzigen beim Abmarsch noch etwas mitgegeben, von dem sie überzeugt war, daß es der haushälterischen, genau rechnenden Base Annakäther ein beifälliges Lächeln abzugewinnen imstande sein werde.

In seinem vorderen Teil nämlich beherbergte der Sack nichts geringeres als einen großen, sorgfältig in eine hölzerne Schachtel verpackten Butterballen, während die hintere Abteilung, des Gleichgewichtes wegen, mit einem nicht minder schweren Hafen voll Honig belastet war – Dinge, welche man in der Baar nicht von solcher Güte haben konnte wie auf dem Wald. – Unterm Arm trug er dann noch die Rolle mit dem bewußten Bildnis, welches nachträglich noch schön koloriert worden war. – So ausgerüstet, schritt er mit seinem dicken Haselnußstock in der Rechten munter vorwärts.

Die Sonne meinte es wahrlich gut, obwohl sie bereits im Sinken war; und gerne hätte der kleine Sackträger auch einmal ausgeruht, dort, wo der Fußweg auf kurze Strecke sich im Holz verliert – wenn er nicht gefürchtet hätte, bei gar zu später Tageszeit in Hüfingen anzukommen. Aus diesem Grunde ließ er Bräunlingen rechts liegen, den näheren Weg am Abhang hin, der Mühle zu, einschlagend. Dort, am brausenden Wuhr, wo die badenden Gänse einen so merkwürdigen Lärm erhoben, als verwunderten sie sich über die Ankunft des Reisenden, dort erblickte er die ersten Häuser von Hüfingen, in welches er heute zum erstenmal allein, ohne die Eltern, eintreten sollte. Das Herz schlug ihm vor Freude und Beklemmung, als er näher und näher kam und die, wie er meinte, große Stadt mit ihren zackigen Hausgiebeln und rauchenden Schornsteinen vor sich liegen sah. Und als er durch das obere Tor in diese eingetreten und vom Kirchturm feierliches Geläute erklang, als Vorbedeutung des kommenden Festtages, so wurde er fast kleinmütig und verlegen: er fühlte sich fremd in den unbekannten Gassen.

Vor den Häusern standen plaudernde Männergruppen, den früheren Feierabend in behaglicher Ruhe genießend, und am Stadtbächlein und an den Brunnen waren fleißige Hände noch mit Waschen und Putzen beschäftigt. Aber die Kinder, welche bisher vor dem Rathaus um die hohe, mit eisernen Geländern versehene Freitreppe ihr lärmendes Wesen getrieben, hatten sich, nachdem die Betglocken ausgeklungen, gebührendermaßen schon von der Gasse entfernt. Das steinerne Muttergottesbild auf dem Stadtbrunnen, an welchem die Knechte und Buben ihre Rosse tränkten, sah schon bekränzt für den morgigen Tag herab auf den Platz.

Hieronymus erinnerte sich von seinen früheren Besuchen her nur noch dunkel der Gasse, in welcher seine Verwandten wohnten. Nach vielem Zögern fragte er endlich einen Vorübergehenden, wo der Vetter wohne, was man ihm natürlich erst sagen konnte, als er Name und Stand desselben beigesetzt.

Das Ehepaar saß eben beim Abendessen, als Hieronymus eintrat. Obwohl das Mahl für Gäste nicht eingerichtet, mußte der Ankömmling, nachdem er die vielen Grüße von daheim ausgerichtet und sein Gepäck im Stubenwinkel abgelegt hatte, dennoch ohne Umstände sogleich mithalten.

Im reinlichen Stüblein blickten ihn die Gerätschaften und Möbel wie alte Bekannte nach langer Trennung wieder an. An derselben Stelle wie vor Jahren hing noch das große holzgeschnitzte Kruzifix, gegenüber dem Bildnisse des Fürsten Frobenius in der gewaltigen Allongeperücke. Auf der geschweiften Kommode tickte immer noch die Stockuhr in ihrem hübsch eingelegten Holzkästchen; die Turteltauben unter dem Ofen und das Eichhörnchen in seinem Häuschen schienen stets noch dieselben zu sein wie damals; und die schön gemalten Tassen im Glaskästchen erinnerten ihn lebhaft an den Tag, an dem er zum erstenmal den köstlichen, fremdländischen Trank geschlürft.

Die Base zeigte sich ausnehmend zutunlich, namentlich seit dem Momente der feierlichen Enthüllung des gewichtigen „Krams“ im Zwerchsack; und auch der Vetter sprach sich sehr belobend aus über das wohlgetroffene Bild-nis, das er sogleich mit Stecknadeln an die Wand heftete.

Nach dem Essen kam noch ein zweiter Gast, der invalide Tambour Gsell, der Hausfreund und Diener des Feldwaibels. – Als der Alte das Porträt des Prinzen Eugenius sah, versicherte er, dasselbe sei ausnehmend gut getroffen, nur etwas jünger sehe er aus als damals, wo er ihn als Kommandierenden am Rhein gesehen und sogar einmal mit ihm gesprochen habe. Es sei nach einer Attacke gewesen, wo der Prinz vor allen seinen Generälen gesagt habe, wenn er ein ganzes Regiment solcher Kerle hätte wie der Tambour Gsell, so würde er’s getrost nicht bloß mit dem Türk oder Franzos, sondern mit allen Potentaten der Welt aufnehmen.

Nachdem Hieronymus sodann von allem, wie es zu Haus stehe, gehörig Bericht erstattet und alle sonstigen Fragen der Base gewissenhaft beantwortet hatte, wurde ihm das Schlafkämmerlein angewiesen. Das Ehepaar erfreute sich nur einer einzigen Tochter, die an den Schloßverwalter in Wildenstein im Donautal verheiratet war. Seit ihrem Wegzug stand die Kammer unbewohnt, in welcher Hieronymus nun ein wohlaufgerichtetes Gastbett fand.

Vergnügt über den glücklichen Verlauf der Reise, erfreut über die gute Aufnahme im Haus, versenkte er sich alsbald in die Federn, wo ein fester Schlaf nicht lange auf sich warten ließ.

Als er morgens nach erquicklichem Schlummer die Augen aufschlug, warf die Sonne bereits ihre Strahlen schräg durch das Fensterlein, welches der Feldwaibel mit Bewilligung des Stadtrats schräg in die Stadtmauer hatte brechen lassen. Nach kurzem Besinnen erhob er sich rasch, denn bereits hörte er die Base in der Küche nebenan rumoren, und auch der Vetter hustete schon in der Stube. Er streckte den Kopf zum Fenster hinaus – es war der schönste Morgen – ganz nach Bachwebers Prophezeiung. – In der alten Stadtmauer und auf den Vogelbeerbäumen am Stadtgraben hin schrien und jagten sich die Spatzen wie in tollem Jubel über den schönen Tag. Rechts am Wiesfeld hin floß die Breg – langsam, als wolle sie ausruhen von ihrem ungestümen Lauf über Stock und Stein. – Die glatte Fläche dampfte wie in Schweiß ge-raten. Weiter hinaus in der Hochebene, in den von Morgennebeln halb verhüllten Dörfern längs den blauen Linien des Heuberges, tönten Morgenglocken – es war ein Festtag – herrlich weit und breit. In den Gärten unten an der Mauer standen schon einige Hausväter betrachtend vor den Bienenstöcken oder vor den Beeten voll knospender Tulpen und Aurikeln, während auf der Straße von Donaueschingen her festlich gekleidete Leute, einzeln oder in Gruppen, der Stadt zu wandelten.

Die Base erschien jetzt unter der Kammertür, freundlich guten Morgen wünschend und zum Kaffee kommandierend; denn ein solcher wurde heute wiederum aufgetischt, einmal des Vierfestes wegen und dann zu Ehren ihres Gastes. – War Kaffee zu jener Zeit auch noch ein teures Getränk, so kam das Frühstück die Base doch nicht hoch zu stehen, weil sie aus der Küche der ihr geneigten Frau Oberamtsrätin regelmäßig den Satz vom jüngst genossenen Trank der Ratsfamilie erhielt, woraus sie dann eine zweite, mit vielen Zusätzen vermehrte, aber keineswegs verbesserte Auflage veranstaltete.

Während des Frühstücks verkündete die Base ihrem Gast, daß er mit ihr und ihrem Mann den Spätgottesdienst besuchen dürfe. Seine Toilette hiezu war schnell gemacht. Denn kurzes Haar ist bald gebürstet, sagt das Sprichwort; desto mehr Zeit brauchte indes die Base, um sich gehörig in Staat zu setzen. Sie zog, was nur bei ganz absonderlichen Gelegenheiten geschah, ihr seidenes, großgeblümtes Hochzeitskleid an, ein Geschenk der verstorbenen Fürstin, bei welcher sie lange Zeit in Diensten gestanden. Den Kopfputz bildete die zierliche Goldhaube mit dem mit Perlen und Flitter besetzten Boden; und als Vervollständigung kam hinzu noch das grünschillernde Mieder mit langer Taille, wie es die Tracht der Bürgerfrauen mit sich brachte.

Der Gottesdienst selbst hatte für Hieronymus etwas Überraschendes; das mit Pauken und Trompeten eingeleitete Hochamt, die vollen Orgeltöne und die Instrumentalmusik stachen so gewaltig ab gegen das einfache Ritual in seinem Heimatkirchlein, daß er wie in eine andere Welt sich versetzt glaubte.

Mit Staunen und Ehrfurcht betrachtete der Knabe – wie einst sein Vater die Bildnisse im Rittersaal zu Villingen – die lebensgroßen Apostel im Langhaus, die Altäre und die steinernen Ritter- und Frauengestalten auf den freiherrlich schellenbergischen Grabmälern an den Wänden umher, und in seinem Innersten regte sich der leise Wunsch, auch dereinst so etwas machen zu können. Bald ward dieser Wunsch zum Gebet, welches er zu Gott emporsendete, daß er ihm solche Fertigkeit gnädig verleihen möge.

Nach dem Gottesdienste sehen wir den Knaben mit seinem Vetter im Gärtchen am Hause lustwandeln, wo in den reinlichen, mit Buchs eingefaß-ten Beeten im herrlichsten Flor Tulpen und Hyazinthen blühten und die tiefglühende Pfingstrose bereits am Aufbrechen war. Bunte Schmetterlinge, summende Bienen wiegten sich von Blume zu Blume, denn es war hier an der Stadtmauer, die Haus und Garten nach außen hin abschloß, ganz sommerlich warm und windstill. – Alles war so friedlich, so ungestört wie die damalige Friedenszeit selbst, die sich in ihrer Harmlosigkeit überall in allen Zuständen des öffentlichen wie des Familienlebens klar abspiegelte.

Hieronymus betrachtete seinen Vetter, der sich mit ihm auf der Bank unter dem Holunderstrauch niedergelassen, mit heimlicher Verwunderung, denn der Feldwaibel glänzte heut in seiner Paradeuniform; und in der Tat sah der alte Kriegsmann in dem weißen, rot ausgeschlagenen Kolett mit blanken weißen Knöpfen, dem Dreispitz mit Silberborten und weißem Busch darauf, ganz stattlich aus. Sein stark markiertes Gesicht mit dem vorwärts-dressierten Backenbart, die steifgepuderten Haarlocken und der schwarz ein-gebändelte Zopf sowie der ganze abgemessene Anstand des Mannes mußten jedem in seiner Umgebung schuldigsten Respekt einflößen.

Eben wollte der Vetter seinem Gaste sagen, daß sie dann morgen ins hiesige Schloß und auch in den Hofgarten gehen wollten – als ein Rütteln und Schütteln an der Gartentür die Blicke beider dorthin lenkte. Alsbald gewahrten sie auch ein frisiertes, gepudertes Kinderköpfchen, das über die Tür hereinlugte und Einlaß verlangte; obgleich das Pförtchen nicht verschlossen war, konnte es die Kleine doch nicht öffnen, denn in der einen Hand trug sie einen Blumenstrauß, in der andern den Fächer, und dem Ellenbogen wollte der hölzerne Riegel nicht weichen.

Hier trifft Hieronymus das erste mal auf Helena, die Tochter des Herrn Oberamtsrates und er geht danach mit seinem Vetter, dem „Feldwaibel“ nach Donaueschingen auf einen Spaziergang.

Bevor der Feldwaibel hinzutreten konnte, war ihm seine Frau zuvorgekommen, weil auch sie die kommende Visite vom Fenster aus bemerkt hatte. – Das geputzte Dämchen war heute eigentlich nur gekommen, um sein neues Kleid und seine Frisur zu zeigen. Frau Annakäther führte es an der Hand auf ihren Mann und Hieronymus zu; und nachdem der Feldwaibel gebührendes Lob gespendet, wurden die Kleinen einander förmlich vor-gestellt. – Da standen sie einander gegenüber – hier das Stadt- und Beamtenkind in seinem seidenen bauschigen Kleidchen und den violetten Atlasschuhen – dort das bäuerliche Wälderkind im leinenen Kittel, mit kurzen Lederhosen und schwer genagelten Bundschuhen; zwischen ihnen Frau Annakäther in ihrer Bürgerstracht, gleichsam als vermittelnder Genius. Mit jeder Hand hielt sie eines der Kinder gefaßt und bemühte sich, dieselben einander näherzubringen, was ihr jedoch durchaus nicht gelingen wollte, weil Hieronymus, schüchtern und verlegen, immer zurückwich; und so vermochte die Base es mit keiner Lieb dahin zu bringen, daß die Kleinen sich die Hände reichten. – Später allerdings ging die Sache besser.

Der Abstand zwischen dem höheren und niederen Herkommen ward in jugendlicher Zutraulichkeit bald vergessen, und nach einer Weile wandelten die beiden Hand in Hand zwischen den Beeten umher. Helene machte ihren neuen Freund auf jede Blume und Blüte aufmerksam, an deren Pflege und Wachstum sie als Mithelferin der Hausfrau kindlichen Anteil genommen; denn manche Stunde verbrachte sie hier im Garten und Haus. Zuletzt führte sie ihn zu einem Beetchen an der Mauer, welches ihr gehörte und worin der Anfangsbuchstabe ihres Namens eingesät und bereits als zartes Grün auf dem dunkeln Grunde sich zeigte. – Und als Hieronymus die Entdeckung machte, dieses H sei ja auch der Anfangsbuchstabe seines Namens, ward dies mit Jubel dem lächelnden Feldwaibel verkündet, der bisher behaglich auf dem sonnigen Bänkchen sitzengeblieben. Nur ungern trennten sich die beiden Kinder, als das Mädchen zuletzt von der Magd zum Mittagessen abgerufen wurde.

Helenchen war die Tochter des Herrn Oberamtsrats, der in der Nähe ein herrschaftliches Haus bewohnte. Herr Rat und Frau Rätin waren dem Feld-waibelschen Ehepaar in Gnaden sehr gewogen, und die Frau Amtsrätin kam oft herüber, um in allerlei häuslichen Angelegenheiten die Hilfe der dienstfertigen Frau Annakäther in Anspruch zu nehmen. Und auch dem Feld-waibel war es nicht selten vergönnt, tätig dort mit Hand anlegen zu dürfen – versteht sich, ohne Sold.

Nachmittags pflegte sich, in regelmäßigem Gang wie eine Wälderuhr, der Tambour Gsell einzustellen. War es gestern, am Vorabend, sein Geschäft gewesen, das Kolett seines Feldwaibels mit Weißerde anzustreichen, auszuklopfen und auszubürsten, Knöpfe und Schnallen blank zu machen, so kam er jetzt, um den Vögeln in den Käfigen Mehlwürmer, Ameiseneier und andere Leckerbissen zuzustecken. Nebenbei unterließ er natürlich nie, pflichtgemäß Rapport zu erstatten über wichtige Stadtneuigkeiten. – Solche gab es heute glücklicherweise keine, wenigstens keine, die aufregender Natur gewesen wären. Und so konnte der Feldwaibel ungestört seine Zeit dem Gaste widmen.

Nach der Vesper machten sie zusammen einen Spaziergang, hinab durch die Wiesen, über Almendshofen nach Donaueschingen. Es war ein Tag, den man unmöglich in Haus und Stube zubringen konnte – voll Lerchenwirbel und Himmelsruh. – Es lag in der Absicht des Feldwaibels, dem wißbegierigen Knaben die Hauptmerkwürdigkeit der Gegend, die Donauquelle, zu zeigen.

Bei dem kleinen Wäldner war die Neugierde um so größer, als ihm der Lehrer Bachweber schon so mancherlei vom Donaustrom, vom Ursprung bis zum Ausfluß, erzählt hatte: wie das Gewässer oberhalb Ulm schon zweihundert Schritt breit und schiffbar werde – und wie er, als Schneidergeselle auf seiner Wanderschaft von Ulm abwärts, auf dem Wiener Ordinarischiff nach Wien gefahren und sicherlich weiter bis nach Ungarn und ans Schwarze Meer gekommen wäre, wenn’s der Zufall oder das Glück nicht gewollt, daß er, bald nach seiner Ankunft in der Kaiserstadt, ein Engagement als Kompanieschneider gefunden hätte.

Hieronymus hatte sich den Ursprung immer ziemlich stark vorgestellt, wenigstens so viel Wasser, meinte er, werde der Brunnen haben wie die Breg bei Hammereisenbach.

Nun sah er aber, im Schloßhof angekommen, eine Quelle, etwa halb so groß wie der Forellenweiher beim Laubhauserhof. – Während er in das Quirlen und Blasenaufwerfen des kristallklaren Wasserbeckens hinabschaute, erzählte ihm der Vetter, wie es früher Sitte gewesen, daß jeder Fremde, der zum erstenmal die Quelle in Augenschein genommen, zum Andenken einen Sprung in dieselbe habe tun müssen. „Ist es ein Vornehmer, ein Fürst oder Edelmann gewesen“, berichtete er, „so ist ihm vorher der Willkomm im großen silbernen Becher dargereicht worden, wozu die Böller geknallt und die Musik gespielt haben. – So soll es auch dazumal gewesen sein – wie mir ein Piarist am hiesigen Pädagogium erzählt hat -, als Kaiser Max, von Villingen her, den Donauursprung besichtigt hat. Da seien allhier Zelt‘ aufgeschlagen und allerlei Spiel‘ und Kurzweil getrieben worden.“ „Der Lehrer hat uns oft g’sagt“, nahm Hieronymus das Wort, „der rechte Ursprung sei eigentlich unsre Breg, weil sie am weitesten herkommt.“

„Ich weiß“, versetzte der Feldwaibel, „die Gelehrten und Professoren, die ja sonst alles am besten wissen wollen, sind in diesem Punkt selber nicht im klaren. Erst kürzlich hat der Abt von St. Blasi eine Landkart im Druck ausgehen lassen, die unser Hauptmann letzthin auf die Wachtstube gebracht hat, auf welcher weder der hiesige Quell noch die Bregach – sondern die Brig hinter St. Georgen als der alleinige Ursprung der Donau verzeichnet ist.

Ja, wem soll man jetzt glauben?“ fragte Hieronymus, der keinenfalls der Brig den Vorzug vor seinem heimatlichen Bach einräumen mochte.

„Wem man glauben soll? – Den Alten!“ entschied der Feldwaibel. „Seit Menschengedenken heißt die Quell hier und die drüben bei Allmendshofen – Donau. Und bis die Gelehrten einmal einig sind, wird es am besten sein, den Ursprung hier in der Baar anzunehmen, wo das wässerige Kleeblatt gleichsam zu einem Stiel zusammenwachst.“

Selbstverständlich wird die Donauquelle besichtigt und der jahrhundertalte Streit um die „richtige“ Quelle wird diskutiert. Die Argumente waren vor 200 Jahren genau die gleichen wie heute und der Feldwaibel entscheidet, dass die Donau ihren Ursprung hier in der Baar habe, wo das „wässrige Kleeblatt gleichsam zu einem Stiel zusammenwachst“.

Das schien auch dem Kleinen das vernünftigste zu sein; und der Vetter sagte ihm dann, sie wollten jetzt noch einen Gang durch den fürstlichen Hofgarten machen. Der Hofgärtner besorgte früher den Dienst im Schloßgarten zu Hüfingen, wo ihn der Feldwaibel oft besucht und manche Tulpenzwiebel oder sonstige Sämerei von ihm erhalten hatte. Sie trafen den Mann im Garten, vor dem Treibhaus; und während er ihnen bereitwillig die Pflanzen und Blumen zeigte, erzählte er seinem Freunde, daß die fürstliche Regierung nächstens einen Befehl ergehen lassen werde zur Bepflanzung der Landstraßen mit Obstbäumen. „Es ist wahrhaftig kein Überfluß“, meinte er, „wenn die Baar mit Bäumen geziert wird. Denn, sagt selbst, Feldwaibel, ist es nicht ein trostloser Anblick, wenn man zum Beispiel aus dem schönen Kinzigtal heraufkommt und unsere baumlose Hochebene überschaut?“

„Wie man’s nimmt“, entgegnete der Feldwaibel. „Als Gärtner habt Ihr vollkommen recht. – Fragt aber einmal einen Bauern, der wird Euch sagen, daß es in der Welt nichts Schöneres gebe als so ein glatter Fruchtösch, Feld an Feld wie ein Schachbrett – insonderheit wenn die Ernt reif ist und das Aug über die gelben, im Sonnenschein wie ein Meer schwankenden Kornfelder hinschauen kann.“
„Ganz richtig“, versetzte der Hofgärtner. „Hätt ich aber zu befehlen, so müßte mir jeder Bauer wenigstens ein halbes Dutzend Obstbäume in jeden Acker pflanzen.“
„Würde nicht lang guttun“, meinte der Feldwaibel, „der Bauersmann ist kein Freund vom Schatten; und das hiesige Klima ist dem veredelten Obstbaum nicht günstig. Besser als das wäre meines Erachtens, wenn man das Wildobst im Wald und Feld mehr schonen würd. Erinnere mich noch recht wohl, wie wir daheim den ganzen Winter über gedörrte Holzäpfelschnitz oder teige Holzbirnen im Vorrat gehabt haben. Und eine ordentliche Kunkelstube hätt Euch den Abend nicht rumzubringen gewußt, wenn die Spinnerinnen keine Schnitz oder gedörrte Schlehen zum ‚Annetzen‘ gehabt hätten. – Und jetzt noch darf in keinem rechten Bauernhaus das Fäßle hinterm Ofen fehlen, in dem die Bäurin ihren Essig aus Wildobst aufbewahrt.“

„In dem Punkt mögt Ihr recht haben, Feldwaibel“, räumte der Hofgärtner ein. „Andernteils aber müßt Ihr wieder zugeben, daß so manches unbenützte Plätzlein um Haus und Dorf vorhanden ist, wo ein Baum, gleichviel, ob Obstbaum oder sonst einer, recht gut stehen und niemand im Weg sein würde.“

„Einverstanden, Herr Hofgärtner, bin ganz Eurer Meinung“, sagte der Feldwaibel, „und bedaure nur, daß der alte Brauch mit Pflanzen von Linden so ganz abzukommen droht. Denn abgesehen von den Gemeindelinden ist keine Kirch, kein Kirchhof, keine Kapell oder Schützenhaus gewesen, wo früher nicht Linden hingepflanzt worden sind. – So ein Lindenbaum aber ist für den Landmann eine kleine Apothek, wo er den Lindenblütentee umsonst haben kann, für die Immen im Frühling aber eine wahre Honigweid. – Und daß auch der Holzbildhauer am liebsten zum Lindenholz greift, wenn er etwas Schönes machen will, ist bekannt.“

Dieses bis heute leidige Thema läßt sich auch an der Geschichte der Freunde der Natur sehen. Der Vater von Lucian Reich, Luzian Reich senior, hatte zusammen mit dem Musiker Johann Nepomuk Schelble und anderen in der Hüfinger Anlage einige Bäume gepflanzt. Der Hauptteil selber aber wurde 1821 von wütenden Bauern zerstört. Baaremer Bauern scheinen traditionell etwas gegen Bäume zu haben, auch wenn diese nicht auf ihrem Land stehen.

Hieronymus schenkte begreiflicherweis diesem landwirtschaftlichen Gespräch, das die beiden noch eine Weile fortsetzten, wenig Aufmerksamkeit.

Interessanter als Holzäpfel und Lindenblüten erschienen ihm die prächtigen Pomeranzen- und Zitronenbäume, die er hier mit ihren Früchten zum erstenmal in natura zu sehen bekam. – Nachdem der Feldwaibel dann noch etwelche neuangekommene Blumensorten umständlich bewundert hatte, trat er mit seinem Vetter den Rückweg an.

Viel Neues und Schönes brachte auch der zweite Pfingstfeiertag, an welchem der Feldwaibel seinen Gast sogleich nach dem Essen hinauf ins fürstliche Schloß führte, das jedem Fremden gerne gezeigt wurde. – Dasselbe, ursprünglich zum Witwensitze bestimmt und jetzt nur von einem Verwalter bewohnt, war erst neuerdings mit allerlei Merkwürdigkeiten neu ausstaffiert und möbliert worden.

Der Feldwaibel besichtigt hier mit Hieronymus das Schloss in Hüfingen, welches zu der Zeit nur von einem Verwalter bewohnt war.

Das war denn für Hieronymus wieder eine ganz neue Welt. Schon das hohe geräumige Stiegenhaus, durch welches der Verwalter die beiden führte, erregte Bewunderung. Es hingen da große, in Öl gemalte Ahnenbilder des fürstenbergischen Hauses, die in ihren kriegerischen Rüstungen und prächtigen Ordensgewändern einen tiefen Eindruck auf den Knaben machten. Es waren die ersten lebensgroßen Bildnisse, die er in seinem Leben gesehen.

Nicht minder schön und wunderbar dünkte ihn das, was er in der langen Zimmerreihe zu betrachten bekam. Er glaubte in einem Heiligtum zu wandeln. Die kostbaren farbigen Tapeten, die Vorhänge von schwerem Damast mit großen Quasten, die mit Seidenzeug überzogenen Sessel, Lehnstühle und Sofas, die zierlich eingelegten Kästchen und Pfeilertischlein, von welchen eines ein ganzes Kartenspiel, benebst dem Titelblatte eines Kalenders in kunstvoller Einlage zeigte, die allmächtig großen Spiegel, in denen der Kleine seine ganze Figur vom Kopf bis zum Fuß betrachten konnte – alles war ihm neu und entlockte ihm Ausdrücke des höchsten Erstaunens. In einem größeren Zimmer erschaute man Merkwürdigkeiten der seltensten Art. Gleich beim Eintritt fielen die Augen auf eine freistehende, längliche Kommode, auf welcher ein Truthahn, ein Pudel und ein Pfau saßen, überaus täuschend aus verschiedenfarbigen Schneckchen und Muscheln zusammengesetzt. Aus gleichem Material gebildet waren die an den Wänden angebrachten Affen, Waldteufel, Tiger und Meerkatzen, alle so natürlich, daß man fast darob erschrak. Dazwischen wieder ganze Landschaften, Städte, Schlösser und Seehäfen mit Schiffen, aus Rinde, Baumzweigen, Moos und Korallen gemacht.

Der Verwalter sagte dem entzückten Kleinen, daß alle diese Herrlichkeiten eigenhändige Arbeiten des fürstlichen Archivars in Donaueschingen seien. Ein anderes Gemach, das dem jugendlichen Beschauer groß wie ein Saal vorkam, war mit hübschen, mythologischen Figuren geziert, Grau in Grau auf die Wand gemalt; und in einem folgenden, äußerst behaglichen Kabinettchen mit der Aussicht auf die Brücke und die Lorettokapelle sah er zum erstenmal in seinem Leben ein Welschkamin. Kohlen und Feuerzange lagen noch da, als wär die wärmende Glut erst gestern ausgegangen. – Dann kamen Zimmer mit schönen Gemälden: Herodias, das Haupt des Johannes tragend, Diana auf der Jagd, Lot und seine Töchter, Wildbrethändler, Landschaften, Bataillenstücke, duftige Pastellbilder, Windhunde und seltenes Wild. – Auch war zu finden eine Anzahl Vögel, halb erhaben mit natürlichem Gefieder, auf Tableaux aufgelegt, jeder in seinem Element, im Wasser, auf dem Baum oder im Gras. Und die nebenbei in Kästen zur Schau gestellten Mineralien und Stufen aus den Bergwerken im Kinzigtal sowie verschiedene Kuriositäten bildeten eine von allen Kennern jener Zeit hochgeschätzte Sehenswürdigkeit.

Am meisten bewunderte Hieronymus den großen Elefantenzahn, den er mit Mühe kaum vom Boden zu lüpfen vermochte, nicht minder das Straußenei, die Kokosnüsse, die glänzenden Meermuscheln und den großen Magnet, der ein ganzes Hufeisen trug. Und blickte er an die Decke hinauf, so mußte er staunen über die Tempel, Girlanden und Figuren, welche halb erhaben, in Stucko, die Plafonds schmückten.

Der gute Junge hatte nur einen Wunsch, daß auch Vater und Mutter anwesend sein möchten, um teilzunehmen am Beschauen all dieser Herrlichkeit.

Nachdem das Merkwürdigste oben beschaut, stiegen sie in den Schloßgarten hinab, um sich in der schattigen Lindenallee und zwischen den geschorenen Hecken und Laubwänden vergnüglich zu ergehen. Und als zum Schluß der Vetter beim Verwalter, der zugleich auch wirtete, ein Glas frisches Braunbier mit Käs und Brot bestellt hatte, ließ sich Hieronymus, der sich ganz müde und hungrig gesehen, diese leiblichen Genüsse mit ebenso großer Inbrunst schmecken wie vorher die geistigen.

Im Verlauf des Nachmittags ward unserm Wälderkind auch noch Gelegenheit geboten, den sogenannten Pfingstritt der Knechte und Roßbuben mit anzusehen, von welchem der Vater oft schon erzählt hatte. – Mit bebänderten Tannenbäumchen in den Händen, zog die verschieden kostümierte Kavalkade durch das obere Tor in die Stadt ein, wo nach den üblichen Sprüchen und Schwänken der vollständig in Rinde gehüllte „Pfingsthagen“ unter dem Jubel der Schuljugend in den Brunnen geworfen wurde. Nach dieser feierlichen Handlung wurde vor den Häusern gesammelt, zum Schmaus, welcher im Wirtshaus zum Leuen abgehalten werden sollte. Auch dabei, bei diesem Umritt, war es Aufgabe der Gassenjugend, den armen durchnäßten Pfingsthagen tüchtig zu necken, der, hinter den andern herreitend, die Hände zu den Fenstern emporhob mit dem beweglichen Ruf: „I ha au no nünd!“ Nach all diesen Erlebnissen sehnte sich Hieronymus wieder recht sehr nach Hause, um den Eltern und Kameraden von dem Gesehenen und Gehörten ausführlich Bericht erstatten zu können.

Am Ende des Kapitels wird der Pfingstritt der Knechte und Roßbuben beschrieben, an dessen Ende der Pfingsthagen in den Brunnen geworfen wurde.

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