Feldhasen

Liebe Bürgerpostleser,

als ich am Dienstag, den 10. Mai mit dem Fahrrad ins Geschäft fuhr, hatte ich ein tolles Erlebnis zwischen Hausen vor Wald und Hüfingen gegenüber dem Fahrradweg. Drei Hasen jagten auf einem Acker hintereinander her. Ich näherte mich vorsichtig, stoppte in passendem Abstand, holte die Telekamera hervor und konnte etliche Bilder schießen. Die zwei besten will ich Ihnen präsentieren. Auf Bild 1 sieht man die drei Hasen mit rasanter Geschwindigkeit in einer Linie hintereinander herjagen. Beim ersten sieht man die deutlich längeren Hinterläufe, weshalb Hasen „hoppeln“. Beim dritten Hasen muss man genau schauen, um die nach vorne gerichteten Hinterläufe zu erkennen. Über kurze Strecken kann der Feldhase sehr schnell sein, bis zu 80 Stundenkilometer. Gefällt Ihnen diese Dynamik in der Aufnahme? 

Ehrlich gesagt, auf Bild 2 hatte ich gehofft und es ging in Erfüllung. Es war das Abschlussbild. Fantastisch, finden Sie nicht auch? Zwei Hasen, die sich aufrichten und mit den Vorderläufen boxen, der dritte scheinbar unbeteiligt dem Geschehen zu schaut. Klarer Fall, zwei Hasenmänner kämpfen um die Gunst des Hasendame. Jetzt aufgepasst, das könnte so sein. Es könnte aber auch sein, dass die Hasendame mit einem der Herren kämpft, das gäbe es bei Hasen auch. Potz Blitz, wer hätte das gedacht?  Mit diesem Verhalten soll die Berührungssperre der sonst einzeln lebenden Hasen überwunden werden. Die Wahl des Partners liegt bei der Häsin. Innerhalb kürzester Zeit paart sie sich mehrmals, so dass selbst innerhalb eines Wurfs Mehrfach-Vaterschaften vorkommen können. Sehr außergewöhnlich ist, dass die Häsin während der Tragezeit erneut trächtig werden kann und sich Embryonen unterschiedlicher Entwicklungsstadien in ihrer Gebärmutter befinden. In der Wissenschaft nennt man das Superfötation. Feldhasen brauchen nichts zu trinken, weil der Wasserbedarf durch die Nahrungsaufnahme gedeckt wird. Bei uns Menschen unvorstellbar.
Außerdem bildet sich im Blinddarm des Feldhasen ein vitaminreicher Nahrungsbrei. Nach der Ausscheidung nimmt er diesen speziellen Kot wieder auf und deckt so seinen Vitamin B und K -Bedarf (Caecotrophie). Ein weiterer Feldhasenhammer.

Feldhasen soll es in Deutschland 3 Millionen geben, es waren schon weniger. Trotzdem gehören sie in die dritte von vier Stufen der Gefährdung. 

Ich habe mich riesig gefreut, dass ich – wie so oft – Glück hatte mit dieser Hasenbegegnung.

Herzliche Grüße

Franz Maus

1. Mai 2022 in Hüfingen

Liebe Frau Jaag,

wir haben heute zum 1. Mai überlegt, wir setzen unserm lieben Bürgermeister ein Denkmal oder Mahnmal. Die Spekulationen mit der Greensill Bank sollten, aus unserer Sicht, nicht in Vergessenheit geraten.
Immerhin geht es hier ja um 3.000.000 Euro!

Wir haben uns also entschlossen ihm etwas Geld , in angemessener Verpackung, zurück zu geben. Im Anhang die Beweisfotos.

Wir bitten darum, dies anonym zu behandeln, da wir ungern erkannt werden möchten.

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Hybrid-Vortrag „Rettet die Bienen“ – müssen wir unsere Insekten wirklich retten?

Christine Albert

Anfang der vergangenen Woche teilte der NABU-Landesvorsitzende Baden-Württemberg Johannes Enssle mit, dass er seinen für den 18. März geplanten Vortrag coronabedingt leider nicht in Präsenz in Hüfingen halten könne, da er sich in Quarantäne befinde.

Hannah Miriam Jaag hatte dann die Idee, den Vortrag trotzdem stattfinden zu lassen und Johannes‘ Vortrag über Zoom zu streamen. Wer ungeachtet ins Binz Weinhaus Baum kommen wolle, könne dies allerdings gerne tun. Gleichzeitig bestand für auswärts Kommende auch die Möglichkeit, per Zoom den Vortrag mitzuverfolgen und sich an der anschließenden Diskussion zu beteiligen.

Die Freude war groß, als sich in der Lokalität über zwanzig Personen einfanden und sich per Zoom nochmals so viele beteiligten. Die Vorsitzende des Vereins „Freunde der Natur Hüfingen“ begrüßte um 19:00 Uhr zum ersten Vortrag des wieder gegründeten Vereins. Auch der Geschäftsführer des Weinhauses, Michael Binz, hieß alle Anwesenden willkommen und kredenzte zum Auftakt einen alkoholfreien Sekt. In der anschließenden Aussprache, moderiert von Thomas Kring, wurden viele Fragen und Meinungen, nicht nur zum Thema Insektensterben, vorgetragen. Leider kam die örtliche Presse (trotz Einladung) nicht zu diesem aufschlussreichen Vortrag. Offensichtlich spielen Umweltthemen keine große Rolle bei den dortigen Journalist*innen.

Johannes Enssle, NABU-Landesvorsitzender

Erkenntnisse aus dem Vortrag:

In den letzten Jahrzehnten ging der Bestand der Insekten dramatisch zurück – dabei ist die artenreichste Tierklasse für das Gleichgewicht der Ökosysteme sowie für Natur und Mensch unentbehrlich.

Für Vögel, Säugetiere, Amphibien oder Reptilien bilden Insekten als Nahrungsquelle eine wichtige Grundlage. Zudem sorgen sie für die Bestäubung und den Fortbestand von weltweit etwa 90 Prozent aller Pflanzenarten. In der Forst- und Landwirtschaft dämmen sie als Regulatoren die Ausbreitung schädlicher Insekten wie Blattläuse oder Milben ein.

Alarmierend ist der massive Rückgang der Insekten: In Schutzgebieten Nordwestdeutschlands ist die Biomasse an Fluginsekten in den vergangenen 27 Jahren um über 75 Prozent zurückgegangen. Diese Daten lassen sich auf das gesamte Offenland übertragen. Mindestens bestandsgefährdet oder sogar bereits ausgestorben sind fast die Hälfte der Insektenarten, die in der Roten Liste erwähnt werden. Bei den Wildbienen sind bereits jetzt über die Hälfte der Arten in ihrem Bestand gefährdet.

Zu den wichtigsten Ursachen des Rückgangs zählen die intensive Landwirtschaft, der Einsatz von Pestiziden, die monotone Kulturlandschaft, Flächenfraß sowie der Klimawandel.

Setzt sich der momentane Abwärtstrend fort, wird sich nicht nur der Artenverlust in Flora und Fauna weiter verstärken. Auch die Sicherung menschlicher Ernährung ist grundlegend gefährdet.

Jeder Einzelne kann durch sein tägliches Konsumverhalten Einfluss auf seine Umgebung nehmen: auf eine billige und fleischlastige Ernährung verzichten, am besten regional, saisonal und bio einkaufen. Garten und Balkon vielfältig gestalten, auf den Einsatz von Pestiziden verzichten. Städte und Kommunen können mit gebietsheimischen Pflanzenarten auf öffentlichen Grünflächen und einem insektenfreundlichen Pflegeregime ihren Beitrag leisten.

Quelle: https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/insektensterben/23580.htm

Antrag Tempo 30

Antrag Michael Steinemann, BFSO/DIE GRÜNEN Fraktion


Die Einrichtung von Tempo 30-Zonen wird durch die Straßenverkehrsordnung bundesweit einheitlich geregelt. Dies passt oft nicht zu den Bedürfnissen vor Ort. Die Kommunen benötigen mehr Entscheidungsfreiheit bei der Gestaltung von lebenswerten öffentlichen Räumen. Dazu gehören auch Straßen und ihr direktes Umfeld. Tempo-30- Zonen erhöhen durch mehr Ruhe die Lebensqualität und verbessern die Verkehrssicherheit.

Die kommunale Initiative „Lebenswerte Städte durch angemessene Geschwindigkeiten eine neue kommunale Initiative für stadtverträglicheren Verkehr“ fordert den Bund auf, umgehend die rechtlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Kommunen im Sinne der Resolution des Deutschen Bundestags vom 17.01.2020 ohne weitere Einschränkungen Tempo 30 als Höchstgeschwindigkeit innerorts dort anordnen können, wo sie es für notwendig halten. Die Leistungsfähigkeit für den Verkehr wird durch Tempo 30 nicht eingeschränkt, die Aufenthaltsqualität dagegen spürbar erhöht. Die Kommunen haben immer noch nicht die Möglichkeit zu entscheiden, wann und wo Geschwindigkeiten flexibel und ortsbezogen angeordnet werden. Die zulässige Höchstgeschwindigkeit muss endlich überall über die zuständigen Straßenverkehrsbehörden so angeordnet werden können, wie es unter Abwägung aller relevanten umwelt-, verkehrs- und städtebaubezogenen Belange angemessen ist. Dies nutzt den Städten, erweitert ihre Gestaltungsfreiheit und öffnet ihre Entwicklung in Richtung mehr Lebendigkeit, Lebensqualität und Nachhaltigkeit. Diese Forderung ist alles andere als radikal – sie ist anderswo in Europa längst umgesetzt und bewegt sich auch in Deutschland in einem Umfeld von aktuellen politischen Positionierungen, die die Dringlichkeit dieser Anpassung des Rechtsrahmens unterstreichen.

Wichtigste Ziele des Antrages sind mehr Sicherheit für Fußgänger und Radfahrer und der Schutz der Wohnbevölkerung vor Lärm und Abgasen. Die Maßnahme dient als Schutz des Erholungsortes Hüfingen, da der Grad der Lärmbeeinträchtigungen und der Schadstoffemissionen sehr hoch ist. Eine Senkung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit hat keinen nennenswerten Einfluss auf die Leistungsfähigkeit einer Hauptverkehrsstraße für den Kfz-Verkehr. Die Funktion der innerstädtischen Hauptverkehrsstraße (vom künftigen Kreisverkehr Schaffhauser Straße/Dögginger Straße, über die Hauptstraße bis einschließlich Donaueschinger Straße) für den Kfz-Verkehr wird daher durch Tempo 30 nicht oder nicht nennenswert beeinträchtigt. Die Wirksamkeit der Maßnahme aus lärmtechnischer Sicht wird im „Lärmaktionsplan Hüfingen“ bestätigt. Insbesondere entlang der Hauptstraße ist eine große Zahl von Bürgern betroffen. Außerdem muss eine große Zahl von Schülern täglich die Straße (z. B. vom Bahnhof kommend) zur Schule überqueren. Die Forderung der Temporeduzierung ist der zuständigen Straßenverkehrsbehörde zeitnahe zu übermitteln.

Beschlussvorschlag:

Der Gemeinderat der Stadt Hüfingen möge beschließen:

  1. Die Stadt Hüfingen tritt der kommunalen Initiative „Lebenswerte Städte durch angemessene Geschwindigkeiten“ bei.
  2. Von der Schaffhauser Straße (Startpunkt neuer Kreisverkehr Dögginger Straße), über die Hauptstraße bis einschließlich Donaueschinger Straße soll die Geschwindigkeit auf Tempo 30 abgesenkt werden.

Entlang der Umzugsstraße

23.02.2022 von Michaela Moser

Entlang des ursprünglichen Hüfinger Umzugsweges tummeln sich in der Hauptstraße die Narren. Nicht alle „life“ versteht sich. Solche Unterfangen gestalten sich momentan zu Coronazeiten noch schwer. Jedoch wusste sich die Narrenzunft Hüfingen, gemeinsam mit den katholischen Frauen zu helfen. Wie einst das schlaue Baptistle, die Urgestalt der Hüfinger Fasnet, sich das Feiern nicht nehmen ließ, und der damaligen Obrigkeit ein Schnippchen schlug, indem es sich die Erlaubnis holte, aus dem Fenster heraus die Fasnet erleben zu dürfen, fanden die Hüfinger Narren ebenfallls ihren eigenen Weg. Baptistle trug damals, der Überlieferung nach, das Fenster um den Hals und durchstreifte die Straßen.

Das Baptistle im Zunftbuch

Heute lachen einem aus den Schaufenstern der gewerbetreibenden Geschäfte die Hüfinger Fasnetfiguren entgegen. Beginnend gleich neben dem Hüfinger Tor, rechterhand, steht es schwarz auf weiß bzw. bunt: „Die Narrenzunft Hüfingen e.V. und die katholischen Frauen Hüfingen Ikfd machen für euch die Fenschderfasnet 2022“. So findet der Spaziergänger entlang des Weges durch die Hauptstraße, Gretle und Hansel, Die Reti-Wölfe aus Hausen vor Wald, Hexen, Schallmeien und nicht zu vergessen – das unvergleichliche Baptistle. Selbst die alte Musikeruniform durfte nicht fehlen, handelt es sich hierbei doch um ein Relikt der Stadtgeschichte. Peter Albert, Urhüfinger, Narrenfreund und Verfasser eines bereits 1992 herausgegebenen Buches zur Hüfinger Fasnet weiß dazu zu berichten:

„Fasnet ist kein oberflächlicher Klamauk und keine ausschweifende Fröhlichkeit, sondern lebendiges Brauchtum, dass Teil der Identität als Alemannen und Baaremer ist. Aus dem Verständnis unserer eigenen, gewachsenen alten Bräuche heraus sind wir daher in der Lage, Achtung und Wertschätzung anderen Bräuchen und Völkern entgegenzubringen.“

Hansel

Viele der Fasnetfiguren entstanden aber auch, laut Albert, erst in den letzten 100 Jahren wie z. Bsp. Die Hexen oder Teufel. Sie sind nicht alle wie ursprünglich angenommen, mittelalterlichen Ursprungs. Die Fasnetgestalt „Bercheappeli“ (1966 ins Leben gerufen) entstammt einer Hüfinger Sage, dass im Berchenwald vor vielen Jahren ein altes Weiblein hauste, das den Wanderern allerlei Schabernack spielte ohne grob oder unverschämt zu werden. Die „Berghexe“ gründete sich 1977. Schon in den Jahren zuvor wurde mit dem Hexenrennen der Schulbuben durch die Hinterstadt, die Fasnet eingeläutet. Das inspirierte die Narrenzunft dazu auch eine Erwachsenenhexengruppe zu gründen. 1979 wurden die „Siere- Schalme“ kreiert. Entwurf und Anfertigiung lagen damals in den Händen des ortsansässigen Bildhauers Otmar Mayer. Eine der jüngeren Gruppen zeigt sich in den 1985 gegründeten „Schalmeien“, welche 1986 ihren ersten Auftritt beim Hüfinger Fasnetgeschehen hatten. Als alles beherrschende Gestalt, neben dem legendären Baptistle, stellt der „Hansel“, begleitet von seinem „Gretle“ die zentrale Figur der Fasnet dar. Vermutlich entwickelte sich die Gestalt aus dem mittelalterlichen Hofnarren heraus.

Scheeremaa

Alle diese spektakulären Figuren treten dieser Tage wieder erneut ins Rampenlicht und als Spiegelbild der Gesellschaft auf. Und möglicherweise ist deshalb der Aschermittwoch so wichtig wie der in Alberts Buch zu Wort kommende Prof. Dr. Utz Jeggle von der Universität Tübingen sagte:

„ … bringt er doch das wahre Gesicht ans Licht -, aber was ist das wahre?“

Narrensame

Jagdwilderei – plötzlich wieder ein Thema

Was einem doch alles durch den Kopf geht angesichts der Berichterstattung über den abscheulichen Doppelmord an einer jungen Polizistin und ihrem nicht viel älteren Kollegen, die frühmorgens zwei Verdächtige kontrollieren wollten. Diese seien mit Ihrem Kastenwagen, wie man liest, am Rand eines wenig befahrenen Sträßchens durch den Landkreis Kusel in der Westpfalz gestanden und hätten so den Verdacht (auf Wilderei?) der auf Streife befindlichen Beamten erregt. Bei der Feststellung der Personalien sei der Polizistin mit einer Schrotflinte in den Kopf geschossen, ihr Kollege mit einem Kugelschuss getötet worden, nachdem sie im Laderaum erlegtes Wild bemerkt hätten. „Kommt schnell, die schießen, die schießen, kommt schnell…“, konnten sie um 4.21 Uhr eben noch funken, während bereits Schüsse gefallen sind.

Wildern – was für ein verstaubtes Genre, mag man spontan denken, wie passt das überhaupt noch in unsere moderne digitalisierte Welt? Wo doch der Wildschütz Jennerwein („er war ein Schütz in seinen besten Jahren, er ward hinweggeputzt von dieser Erd…“) schon längst tot ist, der Archetyp des von der verarmten alpenländischen Bevölkerung heimlich bewunderten und verehrten „Wuilderers“! Und wo doch auch die Notzeiten andere geworden sind.

Doch so gar lange sind Wildererstorys freilich auch wieder nicht her, sie blieben wahrlich auch nicht aufs Hochgebirge beschränkt. Man schlage etwa nach in der Hüfinger Ortschronik aus dem Jahr 1984 (S. 409 f.):

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges stellten sich auch auf der Baar Wilderer in bisher unbekannter Zahl und mit großer Dreistigkeit ein. Den Höhepunkt seines Unwesens erreichte das Wildereiunwesen mit dem Erschießen des sechzigjährigen F.F. Jagdaufsehers Alois Burger aus Hüfingen am Abend des 30. Juni 1921. Dieser Mord erregte die Gemüter der Bewohner der Baar in höchstem Maße.

Auch damals waren die Übeltäter, der Platzwart des F.F. Sägewerks und sein Gehilfe, rasch gefasst (nicht anders als die Kuseler Polizistenmörder, auch wenn die beiden Hüfinger ihre Ausweise nicht am Tatort hinterlassen hatten). Bereits im nämlichen Jahr wurde ihnen unter großer Anteilnahme der Bevölkerung der Prozess gemacht. Der Haupttäter wurde wegen schweren Totschlags, Wilderns und unerlaubten Waffenbesitzes zu 12 Jahren und 6 Monaten Zuchthaus und zu 10 Jahren Ehrverlust verurteilt, sein Komplize wegen Wilderns und verbotenen Waffenbesitzes zu 1 Jahr und 4 Monaten.

So fragt man sich denn, welche Voraussetzungen eigentlich heutzutage noch immer erfüllt sein müssen, wenn der Tatbestand der Jagdwilderei so verlockend und so ergiebig sein soll, dass Täter noch immer die damit verbundenen Risiken in Kauf zu nehmen bereit sind. Damals, im Fall der Ermordung des Hüfinger Jagdaufsehers, dürften es die horrenden spätfeudalen Rehwildbestände auf den fürstlich fürstenbergischen Jagden gewesen sein – und zweifellos auch die vergleichsweise milde Bestrafung des Wilderns – selbst im Wiederholungsfall.

Wildreichtum, schon immer auch eine Verlockung für Wildere

Im aktuellen Kuseler Fall sollen sich die aus dem Saarland stammenden Täter diesmal freilich in einem Damwildgehege bedient haben. Sage und schreibe 22 (!) Tierkadaver sollen im Laderaum des Täterfahrzeugs entdeckt worden sein. Bei beiden fand man zudem eine Vielzahl von Waffen; ob mit oder ohne Waffenschein und Waffenbesitzkarte müsse erst noch überprüft werden. Beide waren sie nicht vorbestraft, allerdings seien sie in der Vergangenheit bereits den Behörden aufgefallen, der ältere u. a. wegen Jagdwilderei. 

Man stutzt: Wie kann einer jemals wegen Wilderns aufgefallen sein, ohne dafür rechtskräftig verurteilt worden zu sein und ohne dass der Waffenbesitz überprüft worden ist? Immerhin scheint einer der beiden einen schwunghaften Wildhandel betrieben zu haben. Bekannt ist freilich auch, dass die Wilddichte in den rheinland-pfälzischen Wäldern vielerorts verführerisch hoch ist – für Waffenfreunde auch ohne Jagderlaubnisschein gewiss eine permanente Versuchung, zumal wenn beim Wildern nicht nur Schalldämpfer und Scheinwerfer, sondern auch Nachtsichtgeräte zum Einsatz gelangen. Andererseits wird der Wald mittlerweile ja doch auch intensivst überwacht:  Wer immer sich als Weidmann oder Weidfrau auf der Höhe der Zeit wähnt, kommt längst nicht mehr ohne Wildkamera aus. Denn deren Einsatz erspart Zeit, erhöht die jagdliche Effizienz und verspricht vielerlei neue Einblicke ins eigene Revier. Die  waldgrün camouflierte Kamera, gut getarnt angebracht an der Kirrung in Schussweite zur Kanzel, überwacht rund um die Uhr nicht nur das Wild. Sie verzeichnet auch „Beifänge“, ob vier- oder zweibeinige „Eindringlinge“, und erschwert so auch Wilderern ihr schmutziges Handwerk. Allein in Rheinland-Pfalz wird die Zahl der in Wald und Flur im Einsatz befindlichen Wildkameras bereits im Jahr 2014 auf ca. 30.000 geschätzt. Sie dürfte sich längst verdoppelt haben (Dunkelziffer inklusive). Was allemal für den Pfälzer Wald zutrifft, wo derzeit ein wissenschaftlich begleitetes Wiedereinbürgerungsprojekt für Luchse mit einer Vielzahl zusätzlicher Kameras  läuft. Kein Wunder also, wenn Wilderer sich da lieber an Damwildgattern vergreifen.

Ist Jagdwilderei, zumal in wenig wildtiergerechten Gattern, also eher ein milde belächeltes und in der Regel ebenso mild bestraftes Kavaliersdelikt? Und wie halten es die Behörden mit der Einhaltung der Waffengesetze? Wie oft werden die gesetzlich vorgeschriebenen Waffenschränke kontrolliert? Und was muss einer alles verbockt haben, bis ihm der Entzug der Waffen droht? Der tragische Fall von Kusel dürfte auch zum Denkanstoß für Behörden werden.

Fällt die Selbstbedienung im wenig wildtiergerechten Gatter unter Jagdwilderei?

Wilde Zerstörung einer jahrzehntealter Streuobstwiese!

01.02.2022 Hildegard und Bruno Eichinger

Ich traute am Samstag, 29. Januar kaum meinen Augen, als beim Blick aus dem Fenster auf die Wiese hinter dem Haus, die große, wuchtige Esche fehlte.
Kurze Zeit später wurden in einer „Hau-Ruck-Aktion“ sämtliche, jahrzehntealten Apfelbäume mit roher Gewalt zu Fall gebracht.
Bäume, die mein ganzes Leben und das meiner Familie begleiteten.
Zu jeder Jahreszeit hatte die Streuobstwiese, die an unser Grundstück grenzt, ihren Reiz.

Wir haben täglich den Straßenlärm vor dem Wohnhaus. Dieser Lärm ist auch im Garten hinter dem Haus deutlich zu hören.
Doch die schöne Aussicht auf die Wiese, die Obstbäume und deren Bewohner sorgt für Ablenkung und Entspannung. Immer gibt es interessantes zu beobachten.
Die Raubvögel ziehen ihre Kreise. Oft ließen sie sich auf den höchsten Baumspitzen nieder, um sich nach Nahrung umzuschauen.
Zu Brutzeiten jagen sich Raubvögel mit Elstern und Raben.
Wir konnten die „Hüfinger Störche“ beobachten, als sie Nistmaterial für den Bau ihres Nestes auf dem Kirchturm suchten. Auch zur Nahrungssuche sind die Störche auf der Wiese zu beobachten.

Interessant zu beobachten war es, wenn sich riesige Starenschwärme auf der Wiese und den Bäumen niederließen.
Vermissen werden wir das Zwitschern der vielen Wildvögel, die ihr Plätzchen in den Bäumen hatten. Auch den vielseitigen Gesang der Amseln, die sich besonders gerne in der Esche aufhielten.
Im Moment sind wir geschockt und traurig. Beim Blick aus dem Fenster, schauen wir auf ein „Bild der Verwüstung der Natur“.
Ein wunderschönes Stück Naturidylle geht durch den Eingriff des Menschen verloren und damit viele schöne Kindheitserinnerungen von mir und meiner Familie.

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Denkbuch von Lucian Reich ab 1830

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896 ist ein Herzensprojekt von mir das ich seit April 2022 voran treibe und immer wieder neue Erkenntnisse beifüge. Momentan befinde ich mich noch im Jahr 1833 und habe das Buch in mehrere Teile unterteilt.

Der 1. Teil : Der Hänslihof und das Denkbuch von Lucian Reich 1750 bis 1813
Der 2. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1813 bis 1830
Der 3. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1830 bis 1833
Der 4. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1833 bis 1836


Unten findet sich das restliche Buch. Mit der Zeit werde ich dies auch aktualisieren. Die alte Formatierung unten ist mit der Zeit etwa durcheinander gekommen, auch sind die Ladezeiten ziemlich lange da alles sehr alte ist inzwischen.

 

 

Nach einem mit den Freunden auf der Sachsenhäuser Warte gehaltenen Abschiedstrunk bestieg ich den Omnibus nach Darmstadt, um von dort — wie sich’s damals bei jungen Leuten von selbst verstand — zu Fuß weiter zu pilgern, den Heimatbergen zu. Heinemann war mir bis Böhrenbach entgegen gekommen. Von Zeit zu Zeit hatte er uns von seinem Kunftstreben Nachricht gegeben, als Probe einmal auch das Bildnis unsrer Schwester in der Schappeltracht der Baar gesendet. Anfänglich wollte er Schildmaler werden bei Dilger in Neustadt, einer der Werkstätten, in welchen sich im Lause der Zeit eine fire Technik ausgebildet hatte, die vollständig genügt hätte, den ebenso praktischen wie charakteristischen, hell lackierten und bemalten, „Schild“ der Schwarzwälderuhr artistisch weiter auszubilden.

Hieronymus Kapitel 20

Nach des Meisters baldigem Tode hatte sich Heinemann bei Keller in Donaueschingen dem lithographischen Fache zugewandt. Bei seinen Eltern in Hüfingen wohnend und jeden Tag den Weg hin und her machend und ausschließlich mit schriftlichen Arbeiten, Tabellen und Impressen beschäftigt, war es ihm nur in freien Stunden vergönnt, Porträts nach der Natur zu zeichnen – und wie viele und treffliche hat er auf Stein gezeichnet, unter andern eins von W. Rehmann und ein frühestes von Scheffel als Eyceist.

Bleistiftzeichunung Karl von Schneider (1847 – 1923)
von Johann Nepomuk Heinemann

Im elterlichen Hause war unterdessen manche Wandlung eingetreten. Das rege Leben im obern Stock war zum Stillleben, der gute Großvater von seinem Tagewerk abberufen worden. Nur der Großmutter (Katharina Schelble geborene Götz) hatten die Jahre scheinbar nichts anzuhaben vermocht. Stets saß sie von Morgen bis Abend noch an der Kunkel. Am Sonntag vor dem Gottesdienst kam regelmäßig der Vetter Galli (Gallus Götz 21.10.1757-29.11.1840)- ihr Bruder, groß und hager, mit einem Gesicht, charalteristisch wie der beste Holzschnitt Dürers, um den Kaffee bei ihr einzunehmen. Und da sie selbst nicht mehr zur Kirche gehen und auch nicht mehr lesen konnte, mußte ihr immer Eins von uns das sonntägliche Evangelium vorlesen; denn aufrecht wie ihre Gestalt war ihr religiöses Bekenntnis, von dem sie kein Jota abging; aber keine Betschwester, die meint, mit dem fleißigen Kirchenbesuch seis abgetan. Kam je eine solche, ihr Nachteiliges von andern zu hinterbringen, so sagte sie: Ich will nichts hören, es hat jedes gnug vor der eignen Tür zu kehren! Eine Freude für sie war, wenn nachmittags der „Nepomuk und die Molly– (Johann Nepomuk Schelble und seine Frau) kamen. Aber auch sie waren immer viel in Anspruch genommen mit Einrichtung und Verbesserungen ihres Hauses und Gütchens. Die Großmutter stammte aus der Hofbauernfamilie Götz, deren Haus in der Vorderstadt noch ganz die mittelalterliche Bauart zeigte und auch eine allerdings trübselige geschichtliche Bedeutung hatte, insofern als die Scheuer der Hauptschauplatz war des gräuelvollen Blutbades vom Jahre 1632 beim Ueberfall der Stadt durch Württembergisches Kriegsvolk.

Katharina Schelble geb. Götz (01.11.1760-04.04.1847)
gemalt von Reich senior ihrem Schwiegersohn im Jahre 1829.
Sie ist die Mutter von dem Musiker Johann Nepomuk Schelble und die Großmutter von Elisabeth Heinemann geb. Reich und Lucian Reich und Xaver Reich.

Der Vater machte jetzt wenig Gebrauch mehr von seiner Kunstbegabung. Der Schlüssel zur Werkstatt hing oft wochenmonatelang unberührt am Nagel; und wenn ich ihn je einmal zur Hand nahm und hinab ging, schauten mich Cicero, Adonis, Hertules, Dacchus et Comp. — Bildhauer Brunner’schen Angedenkens — die ich vor meinem Abgang nach Frankfurt so schön auf Tonpapier gezeichnet — von ihren bestaubten Schäften herab wehmütig und verlassen an.

Kam der einst so kunsteifrige Besitzer aus der Schule heim, so nahmen ihn schon wieder andere Sorgen und Mühen außer dem Hause in Anspruch. Er hatte ein Gipslager auf der Gemarkung entdeckt und an der Breg eine Dunggipsmühle, und in Verbindung mit seinem tätigen Schwager Nober am „Kännerbach“ eine Wollespinnerei errichtet, wozu später noch an der Breg Cement- und Schwarzkali-Fabritation kam. Die Standesherrschaft wie auch der damalige Gemeinderat waren den Unternehmungen im wohlverstandenen Interesse der Allgemeinheit fordernd entgegen gekommen.

Alte Türe am Haus Nober mit dem Schaf als Wappen für die Wollspinnerei

Vaters Werkbank in der Wohnstube glich jetzt einer bunt durcheinander gewürfelten Mineraliensammlung, zu welcher die ganze Umgegend Beiträge geliefert hatte. Im Umgang mit Hofrat W. Rehmann und Oberforstinspektor Gebhard, sowie als aktives Mitglied des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte in Donaueschingen (Baarverein), hatte er sich geognostische Kenntnisse erworben, um welche ihn, wie Professor Fickler sich ausdrückte, mancher Professor hälte beneiden können. Nicht gleichen Schritt mit seinem Unternehmungseifer hielten aber die pekuniären Erfolge; das fortwährende Verbessern und Aendern der Werke nahm die beschränkten Mittel allzusehr in Anspruch; dazu kam noch der Betrieb durch fremde, nicht immer ganz zuverlässige Leute. — Und somit floß jetzt das Leben im elterlichen Hause nicht mehr in ruhigem geregeltem Gang dahin wie früher.

Haus Nober, Hauptstraße 5, etwa 1910

Aber auch die Amtsstadt zeigte die ehemalige Physiognomie nicht mehr so ganz. Der Zeitgeist hatte manchen Zug bereits verwischt oder verdrängt — wenn auch nicht in der Weise, wie der hinkende „Hafnerkaspar“ finden wollte: es habe kein Bürger mehr den richtigen bürgerlichen Gang, — ja wenn er Rock gesagt hätte, den dunkelblauen langen Tuchrock (von Spöttern Zehenklopfer genannt) mit umgelegtem Kragen und Knöpfen statt Hasten, wodurch sich der Handwerksmann vom Bauer unterschied. Auch der Bauer hielt nicht mehr so zäh am Alten fest. Nur die Bäurin schritt sonntags noch im vollen Staat mit weißlackiertem Strohhut, gesticktem Goller, Fürstecker und silbernem Gürtel zur Kirche, während vielleicht das Töchterlein den Tag kaum erwarten konnte, wo es sich die leichtere Modekleidung aneignen dürfte.

Strohhut im Kelnhofmuseum

„Weißlackierter Strohhut“ im Hieronymus

Den umgekehrten Fall, die Verwandlung eines ,Rockmeidli- in ein Juppemeidli, habe ich nur einmal dahier beobachtet. Vor wenig Jahrzehnten hätten die alten Wallfahrtskapellen mit ihren vielen Votivtafeln Gelegenheit geboten zu Trachtenstudien, aus welchen zu ersehen gewesen, wie manche jetzige Tracht nur noch ein Rest der alten ist. Gleich wie die Landestrachten mehr und mehr verschwinden, so wird von altem Herkommen, Sitten und Bräuchen, bald nicht viel mehr übrig sein.

Hat doch selbst Frau Fastnacht ihr eigenartiges Gewand zum Teil schon abgelegt, indem sie in Stadt und Dorf in Gestalt von allen möglichen Trauer-, Schau- und Lustspielen programigemäß über die Bretter geht. Daß trotzdem aber die humoristische Volksdichtung, die ihren Stoff dem alltäglichen Leben entnimmt, immer lustig noch die Pritsche schwingt, davon lieferte der diesjährige Karneval dahier einige recht gelungene Proben. Und auch der Hansel oder Heine-Narro hat stets noch sein Recht behauptet. — Ob er seit alter, d. h. mittelalterlicher Zeit, im Baargau schon heimatberechtigt, möchte schwer zu entscheiden sein. Die Chronisten melden meines Wissens nichts davon. Nur soviel ist anzunehmen, daß er, ähnlich dem Schem- oder Schönbartlaufen; immer nur in stadtbürgerlichen Kreisen, nie aber auf dem Lande, in einem Dorf oder Landsitz, sein Wesen getrieben habe. Aus sehr alter Zeit stammt seine Tracht. Denn schon im Parsival lesen wir, daß die besorgte Mutter dem Söhnlein ein bunt bemaltes Narrenkleid habe anfertigen lassen, um damit seine Herkunft zu verbergen. Auch die Kapuze mit dem Fuchsschwanz (doch ohne den in Villingen gebräuchlichen Halstragen, der viel jünger ist) beweist sein uraltes Herkommen; denn weniger die Metallschelle, die ja auch Vornehme an ihrer Kleidung trügen, als vielmehr die Zier Meister Reinecke’s war das Attribut des Schalksnarren, weshalb sie auch an der weiland Bühler Narrenchronik prangte. 

Film von Ernst Kramer aus 1950

Der Hansel betrug sich übrigens nicht immer so harmlos und gefällig wie jetzt. Er war gefürchtet seiner bösen Zunge wegen und der rücksichtslosesten Lust am „Strälen„. Und wenn er, umtollt von einem Schwarm Gassenbuben, vor einem Hause Posto gefaßt, und diese das eingelernte Liedlein anstimmten, wurde oben das Fenster rasch zugemacht und das Vorhänglein zugezogen. Auf dem Speiszettel einer rechtschaffenen Fastnacht standen Leckerbissen vom hausgeschlachteten Säulein obenan. Erst am Aschermittwoch gab man dem Stockfisch, und allenfalls „gschlampeten“ Schnecken die Ehr. Abends fanden in den meisten Wirtschaften Fastenessen statt, an welchen sich in der Regel nur Eheleute beteiligten. Eingeleitet wurde die Fastnacht (sowie die Kirchweih) Sonntags mit einem Ball, dem nie ein Essen fehlen durfte, zu welchem eine Liste zirkulierte. Es hatte das Gute, daß, im Gegensatze zum gewöhnlichen Tanze, auch ältere und verheiratete Leute sich einfanden, wodurch der Abend mehr den Charakter des Familiären und Gemeinsamen erhielt.


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Aktive und Passive mit statutengemäß bedingtem Zutritt gab es damals noch nicht, beim Cäcilienball nur insofern, als von Kirchenchor-Mitgliedern gut einstudierte hübsche gemischte Chöre und Lieder zum Vortrag gebracht wurden.

Auch Xaver war von München zurückgekommen. Im Atelier Schallers hatte er, obgleich im Steinarbeiten nicht geübt, resolut zu Hammer und Meißel gegriffen und nach Schallers Modell die Holbeinstatue für die Pinatothek in Stein ausgeführt. Im Lehrsaal Zwergers war er bis in die letztere Zeit der einzige Schüler gewesen, der sich ausschließlich der Plastik widmete. Zu den jüngern Fachgenossen, mit denen er jetzt verkehrte, zählte vor allen Hähnel (später Professor in Dresden). Entwürfe, die er mir von seiner Tätigkeit als Mitglied eines Komponiervereins zuschickte, ließen ein frisches, freudiges Schaffen erkennen. Jetzt, nach kurzem Verweilen in der Vaterstadt, hatte er das Glück, an Fürst Karl Egon zu Fürstenberg einen Mäcen zu finden. Der erste bedeutende Auftrag betraf die Donaugruppe für den fürstlichen Park, wozu er das Modell in München fertigen sollte. 

Fürstenbrunnen in Heiligenberg
von Xaver Reich

Die junge Donau als Kind im Schoße der Mutter Baar von Xaver Reich. 

Im Gesellschaftshause Frohsinn hatte er Atelier und Wohnung gemietet; und ein glücklicher Gedanke war es den Kunstheros Cornelius um einen Besuch zu bitten. Und er kam oft, der kleine große Mann mit dem Blicke des Adlers, und nicht nur mit Worten, auch mit genial hingeworfenen Bleistiftstrichen suchte er den jugendlichen Modelleur auf die Erfordernisse monumentaler Plastik ausmerksam zu machen. Wozu mir in Frankfurt die Anregung gefehlt, das tat ich jetzt wieder, indem ich ein Bild aus dem Leben malte. Hierauf begab auch ich mich ebenfalls nach München, wo ich im „Frohsinn, den auch Schaller und Bildhauer Eduard Wendelstädt, Sohn des Inspektors am Städelschen Institut, bezogen hatten, mich einquartierte. (Das bedeutendste Werk dieses talentbegabten, frühe verstorbenen Künstlers ist die Statue Karls des Großen auf der Mainbrücke zu Frankfurt.)

Madonna an Verena und Gallus von Xaver Reich

Unser Schaffen und Streben war im besten Zuge, als uns, wie ein Blitz aus heiterem Himmel — denn er hatte sich ja in anscheinender Besserung befunden — die Nachricht vom Tode Schelbles traf. Es war ein neblig trüber Dezembertag, als wir, mit zwei Schweizer Fruchthändlern die einzigen Passagiere, von Lindau aus über den Bodensee hin fuhren.

Der fürstliche Protektor hatte meinem Bruder ein Atelier im Schloß zu Hüfingen herstellen lassen. Und es zeugt gewiß von seltener Zuversicht und Tatkraft, daß er die über 10 Fuß hohe Gruppe, von seinem getreuen, Seppele (Jos. Billinger), den er eigens dazu geschult, in Punkten gesetzt, eigenhändig in Stein ausführte. Während diese Arbeit mehr und mehr der Vollendung entgegen ging, zeichnete und malte ich viel nach der Natur im Freien. Und ist auch die kornreiche Hochebene für den gewöhnlichen Touristengeschmack keine eigentlich pittoreske, so ist sie doch nicht ohne idyllischen Reiz, namentlich für den, dem sie von der Heimatluft umweht entgegen tritt. Ein schöner frischer Juni- oder Julimorgen, zugebracht an den umbuschten Wiesenufern der Breg, im Tannenrauschen des Wolfbühls, oder unter den alten Föhren des Hölensteins, war an sich schon eine Studie.

Und darin besteht ja der Wert einer solchen Skizze, daß sie uns immer wieder vergegenwärtigt, was wir dabei gedacht, gehofft und geliebt und manches Beengende im Verkehr mit der Natur vergessen gaben. Ungleich mehr malerische Einzelheiten boten die nahen Schwarzwaldteile mit ihren Hütten und Höfen, Milchhäuslein und Brunnen, felsigen Schluchten und weltentlegenen Einsamkeiten und billigen was doch auch zur Schönheit einer Gegend gehört – billigen Wirtszechen.

Hotels gab es noch keine auf dem Wald. Schwarzwald war zu jener Zeit noch eine unbekannte, sozusagen noch nicht entdeckte Gegend. Es brauchte einer nicht gar weit her zu sein, um zu glauben, es wären da oben in den kaum ein paar Wochen des Jahres schneefreien Wäldern und Einöden häufig noch Bären und Wölfe anzutreffen. Der Strom müßigen Touristenvolkes war noch nicht hier, in die tannenumschlossenen grünen Täler und auf ihre luftfrischen Höhen gelenkt worden. Einen mobilen, skizzierenden und notierenden Kollegen getroffen zu haben, entsinne ich mich nicht, wohl aber einmal einen Gendarmen in einem Dorfe gegen Freiburg hin, der dem Skizzisten strengstens bedeutete, ohne polizeiliche Erlaubnis sei es im Lande niemanden gestattet, ein Haus oder einen Berg abzuzeichnen, und der just des Wegs daher wandelnde Ortsvorstand bestätigte es in seiner sabbatlichen Weinfeuchte.

Von Hüfingen aus hatte ich schon einmal die Badische Residenz und den Galeriedirektor Frommel besucht, der mir einen Auftrag gegeben, welcher aber nichts getragen hatte. Als ich jetzt wieder hinkam, wollte er mir nicht raten, in Karlsruhe zu bleiben. Unser Land ist klein und kein günstiges Terrain für Kunst sagte er, und riet mir, um ein Stipendium aus dem Fonds für Künste und Wissenschaften einzukommen und nach München zu gehen; er wolle das Gesuch unterstützen. Also strebte ich wohlgemüt wieder den Ufern der Isar zu, da mir das Stipendium richtig zukam. Es lagerte eine herbstlich angehauchte Atmosphäre über der Kunstwelt Isar-Athens. Von Cornelius hieß es, er beabsichtige die Baierische Metropole zu verlassen. Mit ihm und seinen unvergänglichen Schöpfungen schloß die unter dem großen Mäcen König Ludwig erblühte Kunstperiode ab, Es war ein Uebergang, aber kein tatsächlich ermutigender. Die neue Aera sollte ja erst später, aber nicht von Innen, von Paris und Belgien herkommen; statt des bisherigen Idealismus — Naturalismus bis zum nüchternsten Modellismus.

Ungeachtet dessen muß zugegeben werden, daß die frühere Zeit für die jüngere Generation nicht immer förderlich gewesen ist. Die von König Ludwig ins Leben gerufene deutsche Kunst war vorzugsweise eine monumentale, oder doch wenigstens dahin gerichtete. Aber wie viele, die Beruf und Neigung hiezu nicht in sich fühlten, oder wenn es der Fall gewesen, keine Aussicht hatten, ähnliche Aufträge zu erhalten, mußten auf halbem Wege stehen, d. h. zurückbleiben. Wie in Frankfurt war auch an der Akademie in München zur Ausbildung in Genremalerei keine Gelegenheit geboten. Beim akademischen Studium wurde zu viel Gewicht aufs Komponieren und (Karton-) Zeichnen gelegt und zu wenig aufs Malen und die koloristische Wirkung Bedacht genommen — daher verhältnismäßig wenige ein Staffeleibild malen lernten. Im übrigen war es noch ganz das alte, gemütliche München, der schwarze Adler der erste Gasthof mit einem Comfort, wie er heute kaum einem Gasthof dritten Ranges genügen würde. Das erste Cafe war das Dillmetz’sche, ein gutes auch das Melcher’sche und ein kleineres, aber nicht minder beliebtes, das von Fink, einem gebürtigen Donaueschinger, unweit der Frauenkirche. Wollte einer wiedermal mit einem Trunke süßer Bacchusgabe sich gütlich tun, so lenkte er seine Schritte dem von Künstlern vielbesuchten -Englischen Kaffeehaus zu; und sonntags früh konnte es vorkommen, daß man in Gesellschaft eines Freundes dem Englischen Garten zusteuerte, um bei einer Tasse Mokka, oder gar schon bei einer schäumenden Halben der dienenden Menschheit, Kellnern und Kellnerinnen, Ladendienern und Dienerinnen zuzuschauen, die auf offenem Podium zu den Rhythmen eines Strauß’schen oder Lanner’schen im Tanze sich wiegten. Abends aber saß man behäglich in der „Schießstatt“ beim Maßkrügel, ohne zu ahnen, wie bald sie vom Schienenstrang und seinem Bahnhof erfaßt und weggefegt werden sollte.

Es bestand dort ein zwangloser Künstlerstammtisch, an welchem ich, an Schaller mich anschließend, die rühmlichst bekannten Kupferstecher Merz, Thaeter, Gonzenbach, Hofmann und Schütz und die Maler Albert Zimmermann und Bruckmann kennen lernte. Zimmermann, der mir zuweilen von seinen Landschaftsstudien zum Kopieren gab, malte damals seine Jahreszeiten auf Kreidegrund, jede in Form und Farbe ein der Natur abgelauschtes Gedicht mit Staffagen aus der altgriechischen Welt. Aehnlich Treffliches glaubte ich in Rottmanns, von ebenso echtem Naturgefühl wie virtuoser Technik zeugenden Freiken unter den Arkaden zu finden.

Aergerlich war mir’s nur, eine derselben, die „Beroneserklause“ durch die an der Rückwand angebrachte Wasserleitung des Café Tombosi durchfeuchtet, und allmäligem Verderben ausgesetzt zu sehen. Da sich niemand darum kümmerte, wollte ich es tun durch einen kurzen Hinweis im Tagblatt. Freund Discher, Architett aus Pest, beförderte das lakonische Schriftstück in die Druckerei, und des andern Tages begab er sich zur Zeit, wo der kaum handgroße Residenzmoniteur ausgetragen wurde, als Gast ins betreffende Lokal, um sich am Verdrusse des Besitzers und seiner Stammphilister zu weiden. Item — es half, die Leitung mußte sogleich entfernt werden.

Den Mittagstisch im Stachus besuchten ebenfalls Künstler, die — meine Wenigkeit ausgenommen — sich bereits einen Namen gemacht: Schaller, Chr. Morgenstern, D. Fohr, Koch, Mitarbeiter Schraudolphs in der Pasilika, Mende, Architekt Kayser aus Frankfurt und mehrere Dänen; als Passanten der von einer Studienreise aus Tyrol zurückkehrende Landschafter Schirmer und die Dichter Klemens Brentano und Andersen, der vielgepriesene Märchenerzähler. Ersterer kam in Begleitung eines jungen Mannes, mit dem er sich, offenbar nicht im rosenfarbigsten Humor über die Münchner Kunst und ihren königlichen Protektor unterhielt. Andersen war gekommen, seine Landsleute zu besuchen.

Auch Emil Rehmann lernte ich da kennen, den Neffen und Nachfolger des fürstlich Fürstenbergischen Leibarztes Wilh. Rehmann, und diesem in allem so ähnlich, in vielseitig wissenschaftlichem Streben, wie in edler Selbstlosigkeit, die ihn nicht dazu gelangen ließ, sich Schätze anzuhäufen. Er war auf einer Ausbildungs-Reise begriffen. Der bestgelaunteste der Tafelrunde war allezeit Morgenstern, der, wie er mit so vielem Humor zu erzählen wußte, einstmals in seiner Vaterstadt Hamburg beinahe keine Wohnung gefunden hätte, weil ihm kein Eigentümer habe gestatten wollen, in einem der Zimmer die großen Fenstervorhänge zu beseitigen. Es konnte aber einem Musensohne ähnliches auch an der Isar passieren, z. B. in der Lerchenstraße, wohin ich eines Tages ging, ein ausgeschriebenes Zimmer in Augenschein zu nehmen, Eigentum eines altbürgerlichen Ehepärleins. Sie schloß auf, und er kam in Schlafrock und Pantoffeln aus dem Nebenzimmer gewatschelt. Beide konnten das Zimmer mit seinen Bequemlichkeiten nicht genug anpreisen. Nun es gefiel mir, und da der Preis ein mäßiger, sagte ich zu, nächster Tage schon einziehen zu wollen. „s is recht, bester Herr, schmunzelte der behäbige Herbergsvater, kam es nu. Sie wern mit allem zfrieden sein. — Das Licht ist gut, da am Fenster werde ich meine Staffelei hinstellen Staffel — ja, san’s denn e Molerz, stötterte er entsetzt heraus. Und „e Moler?- wiederholte sein Ehgespons in gleicher Tonart. — Versteht sich— „Na, do is es nir — das hättens uns glai sagen sollen. —Jesses na, do is es nir! ka Red dervol- fiel sie hitzig ein. Und als ich lachend ging, mit der Drohung, meine Sachen dennoch herbringen zu lassen, sie hätten mir ja’s Wort gegeben, schlossen und riegelten sie die Thüre vorsichtig hinter mir zu.

Mit Schütz war ich näher bekannt geworden. Er stach zur Zeit die Odyssee von Genelli, den er nebst Cornelius und Schwind vor allen hoch auf den Leuchter stellte. So wie Genelli in seiner Kunstrichtung dem veränderlichen Zeitgeschmacke nicht das geringste Zugeständnis machte, so waren auch die pekuniären Verhältnisse des genialen Mannes stets äußerst knappe, so daß es seiner Frau nicht selten am nötigsten Kleingeld gemangelt haben soll, den Wochenmarkt zu beschicken. „Was nützt das viele Schaffen“ schrieb er einmal seinem Freunde Schwind nach Karlsruhe, „es kauft’s ja doch niemand, muß ich immer nebenher denken. „

Auch Schütz würde sich bei einer minder strengen idealistischen Richtung besser gestellt, dafür aber bei seiner Bedürfnislosigkeit weniger innerliche Befriedigung gefunden haben. Er besuchte mich oft; und jedesmal freute ich mich, ihn in seinem grauen Flaus und vormärzlichen Cylinder die Straße daherkommen zu sehen. „Schwerenot!“ wunderte er sich einmal beim Eintreten — ich hatte just die Schublade meiner Kommode aufgezogen, etwas herauszunehmen — „was du einen Vorrat an Hemden hast!“. Es mochten etwa ein Dutzend gewesen sein, die mir die Mutter von ihrem selbstgesponnenen Linnen zurechtgemacht und mitgegeben hatte.

Gesellschaften, wo viel disputiert und peroriert wurde, liebte Schütz nicht. „Zum Henker“ sagte er, „kann man denn nicht beisammen sitzen und nur denken? Soll man sich immer an- und beschwatzen lassen?

Ein Original ähnlich denkender Art war der der ältern Künstlergeneration angehörige rühmlichst bekannte Miniaturmaler Thugut Heinrich, dessen Bekanntschaft ich bei seinem Landsmann Schaller gemacht hatte. Man konnte mit ihm ein ganzes Stadtviertel durchwandern, ohne mehr als „ja“ oder „nein“ und „das versteht sich“ aus ihm herauszubringen. Als er einst beauftragt war, die Königin Therese en miniature zu malen, und die hohe Frau während der Sitzung, ihrer Gewohnheit gemäß, beständig mit Bonbons sich zu schaffen machte, platzte Heinrich endlich ungeduldig heraus: „Wenn Majestät immer essen, kann ich Sie ja nicht malen“ Bei der nächsten Sitzung sagte die Königin dann zu ihrer Hofdame: „Heute dürfen wir aber nicht essen, Herr Heinrich erlaubt es nicht„—

Königin Therese von Bayern (1792-1854),
Ausschnitt aus einem Gemälde von Lorenz Kreul, 1826
Foto: Lorenz Kreul, Public domain, via Wikimedia Commons

Obgleich er der Maler der hohen und höchsten Aristokratie war, hatte er doch wenig oder nichts von einem Hofmann an sich. „Dem Adelsstolz“ pflegte er zu sagen, „setze ich den Künstlerstolz entgegen“.

Mit Jäger, Gießmann und Strähuber, die unter Schnorrs Leitung dessen Nibelungen in der Residenz ausführten, bekannt geworden, beteiligte ich mich regelmäßig an ihren kegelabenden in einem Privatgarten. Der Meister selbst, auch Schaller und Marggraf, Sekretär der Akademie, kamen hin; und in ihrer Gesellschaft (Schnorr und Schaller ausgenommen) machte ich einen Ausflug mit nach Oberammergau, dem Passionsspiele beizuwohnen. Der Zulauf von Nah und Fern war damals schon so groß, daß wir unterwegs mit Nachtquartieren in Privathäusern, einmal auch mit einem gemeinsamen, in einem ländlichen Tanzsaal aufgeschichteten Nachtlager vorlieb nehmen mußten. Die Aufführung selbst, mit ihrer einfachen Bretterbühne, machte mir in ihren Hauptmomenten den Eindruck der erhabensten Tragödie.

Auf dem Heimwege halten sich Kaulbach und Halbreiter der Wandertruppe angeschlossen. Es war ein wunderbar verklärter Abend, als wir von Gesang und Zitherspiel begleitet, über den Starnbergersee hinfuhren. Gleich bei meiner Ankunft in München hatte ich mich Schnorr, dem interimistischen Leiter der Akademie, vorgestellt und teilte dann mit Schabet, mir von Frohsinnszeiten her schon befreundet, ein Zimmer im Seitenbau der Akademie.

Früher unter Cornelius in der Ludwigskirche beschäftigt, malte Schabet jetzt Kirchenbilder für Landgemeinden, die laut königlicher Verordnung alle an der Akademie gefertigt werden sollten. Ich hatte von Haus einen Cyklus von Entwürfen mitgebracht, die eine strenge akademische Stilisierung und Ausführung nicht erfordert hätten: Beim Corettobruder; Am Marktbrunnen; Im Klostergarten; Eine heimatliche Sage; Volkslied ec. — kam aber nicht dazu, einen derselben auf die Leinwand zu bringen. Und so nahm ich einen hl. Christophorus in Angriff, der jedoch — trotz seiner Körperstärke — dem Sturm der Zeit nicht standgehalten hat. Auf Zuspruch meiner Freunde war ich dem Kunstverein beigetreten. Es handelte sich just darum, bei den Vorstandswahlen dem überwiegenden Einfluß der Künstlergesellschaft „Stubenvoll“ entgegen zu treten.

Heinemann, der, auf eigene Kraft angewiesen, von Karlsruhe nach München gekommen und bei Hohe sogleich Beschäftigung gefunden, sagte mir, es habe sich ein jüngerer Maler bei diesem beklagt, daß er mit seinen Arbeiten bisher so wenig Beachtung beim Kunstverein gefunden, worauf Hohe erwidert habe: Werden Sie Mitglied des Stubenvoll, außerdem dürfen Sie nie auf Berücksichtigung rechnen.

Selbstbildnis von Johann Nepomuk Heinemann von 1840

Die Wahlen fielen aber nicht nach Wunsch der Opposition aus. Als ich eines Tages im Kunstvereinslokal vor einem raufende Hunde vorstellenden Bilde stand, hörte ich dicht hinter mir eine Stimme: Wyttenbach — so hieß der Maler — „der große Hundsfreund“. Ich schaute mich um — und erkannte den König. Rasch wollte ich auf die Seite treten, er aber bedeutete mir, zu bleiben. „Kunstschüler — woher“ fragte er. Aus dem Großherzogtum Baden. —„Da geht’s jetzt auch vorwärts mit der Kunst“ sagte er, „Hübsch ist ein tüchtiger Architekt“. Und in der That es ging vorwärts auf vaterländischem Boden. Schwind hatte den Auftrag erhalten, das Stiegenhaus des „Akademiebaues“ (Kunsthalle) in Karlsruhe mit Fresken zu schmücken. Gleichzeitig war auch mein Bruder nach Karlsruhe gerufen worden, um sich verschiedener, ihm vom Großherzog zugedächter monumentaler Aufgaben wegen mit Hübsch zu besprechen.

Er hatte den Weg über Freiburg genommen, wo er mit Schwind, der Einsicht vom Münster genommen, zusammen treffen wollte; auch ich hatte mich ihm angeschlossen. Schwind beabsichtigte seinen großen Karton, die Einweihung des Freiburger Münsters, in Wien zu zeichnen. Die Strecke Freiburg Konstanz wollte er zu Fuß zurücklegen, und ich sollte ihn begleiten. Und so wanderten wir unter wolkenlosestem, aber auch heißestem Julihimmel mit leichtem Gepäck dem Schwarzwald zu. Doch schon in Ebnet, wo wir Mittag gemacht, hielten wir in der Scheuer des Wirtshauses Siesta — Schwind füß schlummernd im abgesetzten Kasten einer alten Landkutsche — ich nebenan auf einem Hausen grünen Klees überlegend, wie ich ihn wohlbehalten hinauf über die Steig bringen würde. Er hatte sich das Höllental — den Hirschsprung mit seinem keck auf die Straße herabschauenden, raubritterlichen Falkenstein, ausgenommen wilder, grotesker vorgestellt. Weiterhin im Tal erblickten wir dann eines jener Bilder, die in ihrer Einfachheit und elegischen Lieblichkeit Sinn und Gemüt weit mehr ansprechen und fesseln als manche noch so hoch gepriesene Sehenswürdigkeit.

Vor einer ärmlichen Hütte, am Wege stand eine alte Frau mit einem nackten in ein Stück grober Sackleinwand gewickelten wunderhübschen Kindlein auf dem Arm. Vom vollen Sonnenlicht getroffen, war’s ein Anblick von überraschendster Wirkung. Schwind trat näher, und das Kind streckte lächelnd die Aermchen nach ihm aus. Er nahm’s auf den Arm. Das isch en arms Kindli, sagte die Frau. „Ich han’s numme us Barmherzigkeit zue mer gnomme. Sini Eltere sind doben uf em Berg im Feld. Kürzli hen sie’s Unglück gha, um ihri einzigi Gaiß zkumme. Und jetz hät des arm Weseli halt kei Milch meh Das arme Weselein!“ „Hätt gute Lust“, sagte Schwind, „i traget’s bis nach Wien nunter!“ — Dann trat er ein wenig auf die Seite, um mir zu sagen, er wolle der Frau so viel einhändigen, daß die Leute wieder eine Geiß kaufen könnten. Ich erbot mich, ebenfalls einen Beitrag hierzu zu leisten, meinte jedoch, es möchte die Frage sein, ob die Frau nicht versucht werden könnte, das Geld für sich zu behalten. Sicherer wäre es, wir machten uns frühmorgens von unserm beabsichtigten Nachtquartier im Sternen auf, wieder hieher, um das Geld den Eltern selbst zu geben. Es leuchtete ihm ein; und wir schieden. Als wir ausgeruhte Pilger aber des andern Tages im Sternen erwachten, strahlte die Sonne bereits hoch über alle Berge; und wir hätten den Weg hin und her nicht zurücklegen können, ohne zwischen hier und Hüfingen noch einmal zu nächtigen. Noch auf der Steig schaute Schwind mehrmals zurück, sich ärgernd, daß der Mensch doch so selten dazu komme, das Richtige und Rechte zu tun! Und auch mich wurmte es, durch meine Bedenken — falls die Frau ehrlich war — eine gute Tat verhindert zu haben.

Schwind halte im Schwarzwald Schatten erwartet. Nun begleitete uns aber die Sonne mit einer Sorgfalt, die selbst dem ausgedörrtesten Touristen von Profession Schweiß ausgepreßt haben würde. Von der staubigen Landstraße ablenkend, schlugen wir von Neustadt aus, die Wasserscheide von Rhein und Donau überschreitend, den Weg ins grüne Tal von Eisenbach und der Breg ein — hinaus nach Hüfingen, das Schwind mit den drei laufenden Brunnen in der Hauptstraße -Kleinaugsburg nannte. Da auch von hier aus nur wenig Schatten zu erwarten, ließ uns der Vater seine zwei Gäule einspannen und bis Engen kutschieren.

Von da gemächlich den Hegau durchwandernd, gelangten wir bei guter Tageszeit noch nach Singen, wo wir den Hohentwiel bestiegen und das in purpurnem Lichte des Abends sich vor uns öffnende Landschaftsgemälde bewunderten. Nachdem wir des andern Tages im Steinbock zu Konstanz noch eine Flasche Seezwölfer geleert, trennten wir uns am Hafen, wo der Dampfer bereits zur Abfahrt rüstete — auf Wiedersehen, nächstes Jahr in Karlsruhe.

Bevor Schwind dann nach Karlsruhe zurück ging, hatte er sich einige Zeit in München aufgehalten, wohin auch mein Bruder kam, der vom Großherzog Leopold den Auftrag erhalten, die Giebelgruppe für die Trinkhalle in Baden auszuführen, wozu er das Modell in kleinerm Maßstab in München fertigen wollte. Auch Schwind hatte bei seinem vorjährigen Besuche in Karlsruhe eine flüchtige Skizze dazu entworfen. Schwanthaler, der beide Entwürfe sah, gab dem meines Bruders entschieden den Vorzug, indem er sagte, der Bildhauer dürfe sich nie nach der Skizze eines Malers richten. Nach Erledigung seines Auftrages begab sich Xaver nach Rom und Schwind nach Karlsruhe, um seine Fresken in Angriff zu nehmen.

Trinkhalle in Baden-Baden.
Foto: A.Savin, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons

Gegen das Frühjahr hin schrieb er mir, es gebe im Akademiebau viel zu tun, ich solle mich reisefertig machen. Auch mein Bruder werde kommen, und wir könnten dann ein lustiges Leben zusammen führen. Die Badische Künstlergenossenschaft, die Professor Koopmann im Stiegenhaus des Akademiebaues raphaelisch in Form der Schule von Athen als Fresko hatte verewigen wollen, war noch keine sehr zahlreiche. Ohne eine dienstliche Stellung inne zu haben waren es nur Helmsdorf, Aug. von Bayer und der alte Nehrlich, der in der Galerie kopierte und nebenher philosophierte. Andere, wie Kirner und Grund, hatten versucht, sich festzusetzen, aber nicht lange ausgehalten. Das Kunstinteresse war fast ausschließlich auf den Kunstverein beschränkt, dem Frommel und Münzrat Kachel vorstanden.

Aufträge, wie die Fresken in der Bulacher Kirche von Dietrich, wurden als eine Seltenheit angesehen und besprochen. Großstadtluft wehte noch keine in der Residenz, dafür aber mehr erquickliche Hardtwaldlust. Hotels, luxuriös eingerichtete Restaurants und ähnliche Etablishements architektonisch überschmenglichen Stils suchte man vergeblich zwischen Durlach und Mühlburg. Das einzige Cafe war das familiäre Kappler’sche in der Lammstraße mit einem Zimmer ebner Erde, in welchem die beiden Töchter des Besitzers dem Gast und Hausfreund jederzeit ein Täßchen Mokka in Bereitschaft hielten. Später wurde das etwas komfortablere Däschner’sche eröffnet.

In Karlsruhe hatte ich mich bei der Familie Lorenz in der Bierbrauerei zum Pfau einquartiert, wohin dann auch Lukas Engesser, der mit der Leitung des Akademiebaues betraut war, zog. Unten im Nebenzimmer der Wirtschaft hatte sich ein Kreis gebildet, als dessen Präjes Prof. Guido Schreiber gelten konnte. Und wo Schreiber war, da herrschte Leben. Doch — mochte der Becher auch zuweilen überschäumen, die Unterhaltung gleich einem Pfauenrad in allen Farben spielen — nie kam es zum öden, handwerksmäßigen Kneipen. Schreiber, der Mann der exakten Wissenschaft, war von seltener Vielseitigkeit, wovon, nebst seinen Fachschriften, der Badische Wehrstand, die Malerische Perspektive, die Farbenlehre, sein Technisches Zeichnen, und besonders auch seine früheren Zeichnungen nach der Natur Zeugnis geben.

Zu gleicher Zeit machte ich die persönliche Bekanntschaft Joseph Baders, den ich längst schon aus seiner „Badenia“ und andern Schriften kannte, durch welche er sich das unläugbare Verdienst erworben, Sinn und Interesse für vaterländische Geschichte und Geschichten in den breitesten Kreisen angeregt und geweckt zu haben. Und dies erachtete er ja als seine eigentliche Lebensaufgabe. Ein Gelehrter ex professo wollte er nicht sein. Als ich einst sagte, unter den Griechischen und Römischen Klassikern (die ich verdeutscht in der bekannten Stuttgarter Ausgabe besaß) finde sich doch manch Unbedeutendes, lachte er und meinte: „Wenn’s nicht Griechisch oder Lateinisch wäre, würden unsre Gelehrten vieles gar nicht lesen“. 

Badenia 1839 von Dr. Josef Bader

Im „innern Zirkel“ des Pfauen wurde gegen das Frühjahr hin der Plan zum feierlichen Empfange des Prinzen Karneval entworfen, wobei die Zopfmiliz, deren Hauptquartier im Gasthof zum Kreuz sich befand, paradieren sollte. Das Programm, von Lorenz kalligraphisch ausgeführt und illustriert, wurde sogleich höhern Orts zur Kenntnisnahme gebracht, ein Duplikat auch ins Palais am katholischen Kirchenplatz des Fürsten zu Fürstenberg befördert. Die Sitzungen im großen Saal des Bürger-Vereins waren glänzend und von Angehörigen verschiedener Stände besucht. Selbst Mitglieder der gleichzeitig tagenden II. Kammer, an welche eine offizielle Einladung ergangen, besassen Humor genug, in der Kappe einer Sitzung beizuwohnen.

Als Ehrengast erschien einmal auch Kapellmeister Kalliwoda. Bald nachher traf bei der Redaktion des „vielgeprüften Narrenspiegels ein Lied ein“ Von einem närrischen Zweispänner an der Donauquelle, das den „Schabernack“ der Censur humoristisch parodierte.

Es war bei der 25jährigen Gründungsfeier des Badischen Kunstvereins im Saale des Museums, wo Altvater Lewald, der mit seiner Europa nach der Hardtstadt übergesiedelt, mich mit einem kleinen, klug blickenden Manne im schwarzen Frack bekannt machte, dessen erste Frage lautete: „Haben Sie meine Schwarzwälder Dorfgeschichten schon gelesen?“ — Nein, aber viel rühmliches davon gehört. — „Die müssen Sie lesen.“

Europa, Chronik einer gebildeten Welt.
Von August Lewald 1836

Nachher sagte Auerbach mir, er beabsichtige das Buch illustriert herauszugeben, wozu Lewald mich bestens empfohlen habe. Es wurde dann mehrmals darüber verhandelt, ohne daß es dazu gekommen wäre. Später zeichnete ich auf seinen Wunsch die Illustration zu seinem „Hebelschoppen“ in der Gartenlaube.

War es auch nicht gerade ein „lustiges, so war es doch ein reges produktives Leben, das sich hinter der Bretterverschalung des neuerstehenden Kunsttempels — von Pflastertretern Steinhaufen genannt — aufgetan. Wie in den obern Räumen gezeichnet und gemalt, so wurde in den untern modelliert und gemeißelt, denn auch Xaver hatte sich nach einjährigem Verweilen in der ewigen Stadt eingefunden, um zunächst seine Statuen, Bildhauerei und Malerei für die Altane des Portals in Marmor auszuführen. Einen Punkteur hatte er von München kommen lassen, auch einen Steinmeß fürs Ornamentale. Es war eine kleine Kolonie, zu welcher Geck und, wie bereits erwähnt, auch Lukas Engesser, des Meisters Hübsch bevorzugter Bauführer, gehörten. Nach Auerbachs Weggang hatte Herm. Kurz die Redaktion des von der Müllerschen Hofbuchhandlung verlegten Familienbuches übernommen.

Zu seinen Aufsätzen in demselben zeichnete ich Illustrationen, die Heinemann mit der Feder auf Stein übertrug. Mit Gemüt und poetischer Gestaltungsgabe verband kurz echten Humor, das so seltene Gewürz im deutschen Dichtergarten; wir waren oft mit ihm zusammen. Ich bin fest überzeugt sagte eines Abends Xaver, als wir politisierend bei einem Glase Bier sassen, daß Elsaß-Lothringen dereinst wieder zu Deutschland kommen wird.— „Ja, stimmte Kurz bei, der Zeiger an der Uhr geht zwar langsam, aber sicher wird’s einmal auch zum Schlagen kommen“.

Unsere mehrjährige Tätigkeit in der Kunsthalle war beendet. Wiederholt hatte der Großherzog sie in Betracht genommen und seine Befriedigung ausgesprochen. Da weitere Beschäftigung nicht in Aussicht, hatten die Kolonisten ihre Zelte abgebrochen und sich nach allen Richtungen hin entfernt. Schwind hatte vor seinem Weggange noch ein Oelbild zu malen begonnen — seinen „Rhein“ wobei er, wie er mir sagte, zeigen wollte, daß er imstande sei, ein großes Oelbild zu malen aber nicht wie so viele neuester Schule, die den menschlichen Körper behandelten , wie einen Baumstamm, lediglich nur zum Auffangen von Schatten, Lichtern und Reflexen. Meinen Bruder allein hielten kurze Zeit noch Aufträge von Münzrat Kachel und Baurat Fischer zurück. Ich aber nahm den Kurs wieder dem Quellengebiete der Donau zu, ebenso auch Heinemann.

In München, wo er bei Hohe Blätter für Hanfstängls Dresdener Galerie in Kreidemanier auf Stein zeichnete, hatte er von diesem den Antrag erhalten, unter vorteilhaften Bedingungen bei ihm in Dresden einzutreten, was Heinemann, der baldmöglichst selbständig werden wollte, ablehnte. Nun halte er sich in Hüfingen haushäblich niedergelassen und ein Geschäft eröffnet. (Er heiratete am 31.01.1854 Elisabeth Reich, die Schwester von Lucian). Schon einmal hatte ich, von Kurz veranlaßt, zu einem Genrebild aus der Baar den Text geschrieben und dieses Verfahren wollte ich jetzt wieder einschlagen. Die Skizzen und Notizen, die ich früher bei meinen Streifzügen durch die Baar und den Schwarzwald gesammelt, wollte ich, vervollständigt durch schriftliche Beiträge von der Hand des Vaters, zu einem Gesamtbilde vereinigen und mit Hilfe Heinemanns in Buchform herausgeben. Aber ein Verleger, der mit einem Vorschuß die Herausgabe ermöglicht hätte? —

Ich wendete mich an den fürstlichen Hofmarschall Baron von Pfaffenhofen, durch den ich kurz vorher veranlaßt worden war, von Karlsruhe aus eine Reise nach Heiligenberg zu machen und Skizzen zu einer dort geplanten Restaurierung zu entwerfen, die indes nicht zur Ausführung kam, und nun meinte Pfaffenhofen, der Fürst werde mir ,als Aequivalent für Heiligenberg gerne mit einem Vorschuß zu dem vaterländischen Unternehmen unter die Arme greifen.

Ich hatte Skizzen zu den Bildern vorgelegt und auch über den beabsichtigten Text mich ausgesprochen, und der allen Bestrebungen in Kunst und Wissenschaft förderlichst entgegen kommende Herr sprach sich anerkennend darüber aus. In unsrer nivellierenden, alles zersetzenden Zeit, sagte er wäre es doppelt verdienstlich, dem Volke das „Gute und Schöne“ was es noch besitze und eigen nenne, wirksam vor Augen zu stellen, wozu auch die alten Landestrachten zu rechnen seien.

In meiner Gegenwart gab mir der erlauchte Herr sodann, als „Landgraf in der Baar“ seine Zusage schriftlich. Meinem Bruder war indessen das Schloßatelier wie früher zur Verfügung gestellt worden, in welchem sich wieder eine vielseitige Tätigkeit enthaltete; denn es war nicht nur eine Bildhauer, auch eine Büchsenmacherwerkstatt war es, in welcher geschäfftet, pistoniert und einmal auch ein neuer Gußstahllauf mit Zügen versehen wurde.

Wie in Karlsruhe, wo wir der Schützengesellschaft beigetreten waren, beteiligten wir uns als aktive Mitglieder auch bei den hiesigen Gesellschaftsschießen. Viele Jahre hindurch versah Xaver dabei das Amt des Schützenmeisters, und es verdient registriert zu werden, daß er und Heinemann vor etlich und zwanzig Jahren zur Ueberzeugung gelangten, ein kleineres als das bisherige Kaliber habe nicht nur größere Rasanz, sondern auch größere Trefffähigkeit; und demgemäß beschafften sie sich Standrohre mit einem dem jetzigen beim Militär eingeführten Kaliber nahezu gleich kommenden. —

Die äußerst zweckmäßige Schießhalle verdankt die stets noch bestehende Gesellschaft der Munifizenz des letztverstorbenen Fürsten Karl Egon; früher Kegelhaus im hiesigen Schloßgarten überließ sie der erlauchte Herr auf Verwenden meines Bruders der Gesellschaft und wohnte dann als hochgefeierter Gastschütze der Einweihung selbst bei.

Wir, Heinemann und ich, waren noch mit Vorbereitungen, Tondruckproben rc. zu unserm Bildwerke beschäftigt, als das politische Dunst- und Wettergewölk des Jahres achtundvierzig bebröhlich am Horizont aufstieg. Und als es dann losging, die Sturmglocken und die Feuertrommeln ertönten und die Aufgebote mit Schießeisen, Spießen und Sensen in gleichem Schritt und Tritt durchs Städtlein marschierten hinüber zum Volksrate der bekannten Zehntausend auf dem Donaueschinger Marsfeld, vulgo Rübäcker, da hätte es ganz andere Bilder zu zeichnen gegeben, als die, welche wir unserm Werklein beigeben wollten, da hätte ich die schönsten Studien machen können zu dem Fries aus dem Bauernkrieg, den ich gezeichnet, und wozu Freund kurz ein markiges Gedicht geschrieben hatte.

Uhrenschild von Lucian Reich

Nachdem der Sturm sich gelegt, und man in Ruhe sich wieder den Künsten des Friedens zuwenden konnte, hatten wir, ehe wir unser angefangenes Werk fortsetzten, Musterblätter für Schwarzwälder Uhrenschildmaler herauszugeben begonnen, wozu auch Joseph Heinemann und Heinrich Frank Beiträge gaben. Als ich das erste Heft dem fürstlichen Protektor unterbreitete, sagte er, im Glauben, als wären wir mit unserm heimatlichen Hieronymuswerk auf unwegsamen Boden geraten: „Nun, ich lasse Ihnen das Geld auch zur Forderung dieses Unternehmens.“ Ich gab ihm jedoch das Wort, beide würden zu erwünschtem Ende geführt werden.

Josef Heinemann (1825 – 1901)
Bleistiftzeichnung von seinem Bruder Johann Nepomuk Heinemann.

Im Jahr 52 hatte mich der Bau eines andern Kunsttempels wieder in die Residenz geführt, das Hoftheater, an und in welchem es Verschiedenes zu malen gab, wozu auch Joseph Heinemann und Gleichauf berufen wurden und auch mein Bruder mit seinen Terrakotten sich beteiligen sollte. — Neben diesen Arbeiten her besorgte ich die Korrekturen des Textes zu unserm Werklein. Obgleich das Buch, von Geßner in Kommissionsverlag genommen, binnen kurzem vergriffen, war das finanzielle Ergebnis weder für den Autor noch den Lithographen ein besonders ermutigendes.

Ziegelhütte und Terrakottenbrennerei Reich.
Sie stand da, wo heute der Kofenweiher ist.

Nachdem ich mehrere Jahre später den mir vom verewigten Fürsten gewährten Vorschuß in, von der fürstlichen Domänenkanzlei festgesetzten Fristen zurückerstattet hatte, wollte sich in der Rechnung beinahe ein merkliches Defizit herausstellen.

Zu den bedeutendsten Aufträgen, die mein Bruder von Fürst Karl Egon III. erhalten hat, gehörte die Aufgabe, bei der Neueinfassung der Donauquelle im Schloßhofe auch diese mit einer Figur oder Gruppe zu charakterisieren. Statt wieder eine Nymphe, sagte mir Xaver, wolle er die junge Donau als Kind im Schooße der Baar in Vorschlag bringen. Dem Fürsten gefiel dieser die Heimat des Stromes so klar bezeichnende Gedanke; und der Beauftragte modellierte das Modell zu der Gruppe dann in München im Verkehr mit den Freunden Schwind und Schaller und auch mit Professor Widenmann.

Die junge Donau als Kind im Schoß der Mutter Baar
von Xaver Reich aus 1875

Daß dem so mannigfach Beschäftigten, von dem Cornelius seiner Zeit gesagt, er zeige entschieden Begabung für monumentale Aufgaben, stets auch noch Hand und Sinn fürs Bildnisfach zu Gebote stehe, bewies er an der Porträtstatue des verewigten Fürsten am Portal des Schlosses Heiligenberg und an der Büste des Fürsten von Hohenzollern Sigmaringen, sowie an der seines Schwagers Ludwig Kirsner an dessen Denkmal in Donaueschingen.

Ich hatte gezögert, die mir (1855) vom Großh. Oberstudienrat angetragene Zeichenlehrerstelle am Lyceum zu Rastatt (um die ich mich in der sterilen Zeit unmittelbar nach 49 beworben) anzunehmen. Die Bundesfestung, in welcher ich (1850) einer standgerichtlichen Verhandlung als Entlastungszeuge angewohnt, wußte ich, stehe nichts weniger als im Rufe größer gesellschaftlicher Annehmlichkeiten und geistiger Regsamkeit. Zudem waren die Aussichten lichtere, vom Prinzregent Friedrich war mir eben erst der ehrende Auftrag geworden, die Mainau und den Badischen Bodensee zu beschreiben und zu illustrieren. Doch etwas Gewisses, mußte ich mir sagen, wäre auch in Anschlag zu bringen, also nahm ich an. Gegen ein mäßiges Entgelt war mir ein Zimmer im Mittelbau des Schlosses eingeräumt worden, in welchem ich größere, meist kirchliche Bilder malte. Doch vertrieben mich die Kriegsstürme immer wieder aus dem ruhigen, an so manche Sieges und Ruhmestat — aber auch an die Vergänglichkeit aller irdischen Macht und Herrlichkeit mahnenden Asyl.

Auf beschränktere Räumlichkeiten angewiesen, malte ich Landschaftliches, Genre und erlegtes Wild, dieses zum Teil für die Badener Neunklubverlosung, und auch für den human gesinnten Kunst- und Altertumsfreund Grafen Zeppelin-Aschhausen, der mich in antiquarisch-artistischen Angelegenheiten von Baden aus öfter besuchte.

Länger als ein Jahrzehnt stand ich mit Dr. Krönlein in Verbindung, der mich eingeladen hatte, für den „untern Stock“ der Karlsruher Zeitung feuilletonistische Beiträge zu liefern. Nicht selten war ich bei gesellschaftlichen Anlässen als Arrangeur und Regisseur in Anspruch genommen, auch schrieb ich ein und anderes dafür. Für mich selbst verfaßte ich etwelche Stücke, über welche mir ein Fachmann und Autor, den ich um sein Urteil gebeten hatte, schrieb, sie hätten etwas Apartes, wären nicht nach der Schablone, sondern nach der Natur gearbeitet, und es möchte jeder, dessen Urteil kein korrumpiertes, fühlen und wünschen, sie auf die Bretter gebracht zu sehen. Um dieses erreichen zu können, müßten die Stücke jedoch gedruckt an mehrere Bühnen zugleich versendet werden können — eine Ausgabe, welche mein Finanzministerium mir nicht gestatten wollte.

Aus der beschränkten von der Murg bespülten Sphäre heraus hatten mich in früheren Jahren stets auch wieder auf verschiedene Veranlassungen unternommene, größere Ausflüge geführt nach Nürnberg, Köln-Düsseldorf und wiederholt nach Frankfurt. Im Jahr 68 feierte der Cäcilienverein sein 50 jähriges Jubiläum, wozu ich vom Festkomitee eine Einladung erhalten hatte. Der wahrhaft würdigen Feier wohnten, nebst einer großen Anzahl musikalischer Persönlichkeiten ersten Ranges von nah und ferne, noch drei Mitglieder an, die vor 50 Jahren beim ersten Vereinskonzert in der Wohnung des Gründers mitgewirkt hatten. Das großartige Jubiläumstonzert mit den weihevollen Klängen und Chören der hohen A-moll Messe von Sebastian Bach (der Geigerkönig Joachim an der Spitze), das der vormittägigen akademischen Feier im Saalbau folgte, rief mir Erinnerungen wach an die Konzerte im „Weidenbuschsaal“ und was mit ihnen an Mühen, Sorgen und Opfern zusammenhing. —

Der zweite Teil der Feier des folgenden Tages war der geselligen Seite gewidmet — Bankett und Tanz. „Der große Saal“ heißt es in einem Festberichte, erstrahlte von Lichterfülle. Das Podium hatte sich in einen Garten von Grün und Blumen verwandelt, in dessen Mitte die plastische Kolossalfigur der heiligen Cäcilie thronte, die Hände segnend über die Büsten Schelble’s und Messer’s seines Schülers und Nachfolgers breitend“. Die Gesellschaft bot eine Fülle von Jugend und Schönheit, Würde und Verdienst, Wissen und Kunst und zugleich ein Konglomerat aller Kreise dieser Stadt. Den Reigen der offiziellen Toaste eröffnete Dr. Eckhard, der die Versammlung mit beredten Worten begrüßte und — als Dankopfer für die Toten — unter rauschendem Beifall der Versammlung sein Glas auf das Andenken Schelble’s leerte. Von den nachfolgenden Trinksprüchen war einer der bedeutendsten der von Vincenz Lachner, welcher im Namen seiner Brüder einen Toast erwidernd, sein Hoch der Stadt Frankfurt brachte, deren ächter Bürgergeist in anhaltender und treuer Arbeit mehr für das wahre Gedeihen und Blühen einer ernsten und sittlichen Kunst getan habe, als anderswo Spenden der Kronenträger und Höfe. Auf diesen Geistessieg des freien Bürgertums leerte der gefeierte Redner sein Glas. 

Von alldem war ich jedoch nicht mehr Augen- und Ohrenzeuge. Für mich war die Feier mit dem Konzerte beendet. Nachdem ich mich schriftlich vom Vorstand des Vereins verabschiedet, dämpfte ich im frühesten Morgengrauen wieder dem Festungsgürtel zu — doch nicht ohne noch ein zweites schönes Erinnerungsblatt dem andern angereiht zu haben.

Einem innerlichen Triebe folgend hatte ich den Tag vor der Festlichkeit zu einem Ausfluge nach Mainz benützt, dem Altmeister Weit und der Familie seines Schwiegersohnes Settegast einen Besuch abzustatten. Ich fand den verehrten Meister körperlich und geistig rüstig, all sein Tun und Denken immer noch einer ernsten und sittlichen Kunst zugewandt. Wäre er jünger, versicherte er, würde ihn nichts abgehalten haben, dem Vereinsjubiläum ebenfalls anzuwohnen. Ich freute mich, einen alten Bekannten bei ihm anzutreffen, namens Hieronymus, den er auf seinem Tische liegen hatte und dem er viel Gutes nachsagte. Im Laufe des Gesprächs meinte er, er gehöre nun auch schon zu den hinterm Zeitfortschritt zurück gebliebenen. Ich aber war der Ansicht, es werde ihm dies dereinst sicherlich zum Verdienst angerechnet werden. Settegast begleitete mich in den Dom, wo er mit Ausführung der Wandbilder nach Weits Entwürfen beschäftigt war. Ich konnte mir nicht versagen, dieselben in photographischer Nachbildung von der Verlagshandlung nachkommen zu lassen. Ein liebes Blatt erhielt ich später noch von Settegast, eine eigenhändige Zeichnung aus dem Nachlasse Weits, die, über meinem Arbeitstisch hängend, mir immer wieder längst entschwundene Tage ins Gedächtnis ruft. 

https://hieronymus-online.de/briefe-von-lucian-reich-an-seine-eltern-und-seinen-schwager-1853-1880

Beton für Fürstenberg

Da der Südkurier wieder falsche Behauptungen aufstellt, wollte ich hier die Stellungnahmen vom „Naturschutz“ noch einmal hervorheben.

Die Meldung unten vom 20.01.2022 im Südkurier entspricht nicht der Wahrheit.

Es gab keine Diskussionen, keine Ausgleichsmaßnahmen, da nach 13b gebaut wird und keiner vom Naturschutz ist zufrieden. (Davon abgesehen ist das über die Römer auch Mist.)
Einzig und alleine das Landratsamt hat die Abholzung der Streuobstwiese genehmigt. Dies wird vom Südkurier harmlos als „Umwandlung“ bezeichnet.

Alles schien perfekt zu laufen. Auch Diskussionen mit dem Naturschutz um Streuobstwiesen und Ausgleichsmaßnahmen, fanden für beide Seiten ein zufriedenstellendes Ende.

https://www.suedkurier.de/region/schwarzwald/huefingen/warum-die-alten-roemer-die-erschliessung-des-huefinger-neubaugebiets-hondinger-strasse-vorerst-gestoppt-haben;art372521,11020499

Da wir alle auf der Schwarzen Liste des Südkuriers stehen, dürfen wir uns bei der Zeitung dazu nicht öffentlich äußern. Deshalb hier.

Von Hannah Miriam Jaag am 01.06.2020

Gesetz über Naturschutz und Landschaftspflege (Bundesnaturschutzgesetz – BNatSchG)
§ 44 Vorschriften für besonders geschützte und bestimmte andere Tier- und Pflanzenarten

(1) Es ist verboten, 
1. wild lebenden Tieren der besonders geschützten Arten nachzustellen, sie zu fangen, zu verletzen oder zu töten oder ihre Entwicklungsformen aus der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören,
2. wild lebende Tiere der streng geschützten Arten und der europäischen Vogelarten während der Fortpflanzungs-, Aufzucht-, Mauser-, Überwinterungs- und Wanderungszeiten erheblich zu stören; eine erhebliche Störung liegt vor, wenn sich durch die Störung der Erhaltungszustand der lokalen Population einer Art verschlechtert,
3. Fortpflanzungs- oder Ruhestätten der wild lebenden Tiere der besonders geschützten Arten aus der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören,
4. wild lebende Pflanzen der besonders geschützten Arten oder ihre Entwicklungsformen aus der Natur zu entnehmen, sie oder ihre Standorte zu beschädigen oder zu zerstören

In Hüfingen werden manche Gesetze besonders ausgelegt, als wichtig erachtet und durchgesetzt, andere Gesetze werden ignoriert. Je nachdem, wie es momentan den Herren in den Kram passt.

Das Gesetz oben zählt zu den lästigen Gesetzen und wird deshalb ignoriert. Dies geschieht zum Teil mit Wissen der Unteren Naturschutzbehörde die mir schon mitgeteilt hat, dass dieses Gesetz im Schwarzwald-Baar Kreis nicht „so eng gesehen wird

In Fürstenberg wird nach dem berühmten Beton-Paragraph gebaut. Der § 13b des Baugesetzbuches erlaubt es Wohnbaugebiete ohne Flächennutzungsplan, ohne Umweltprüfung, ohne Eingriffskompensation und mit reduzierter Bürgerbeteiligung durchzuziehen.

Und genau dies geschieht in Fürstenberg. So wurde im Winter schon vorsorglich ein Teil der Streuobstwiese gefällt. Auf Grund der Besonderheiten des Beton-Paragraphen wurden die Vorkommen der Wasserfledermaus (Myotis daubentonii), Großes Mausohr (Myotis myotis) und Braunes Langohr (Plecotus auritus) gleich gar nicht untersucht.

Bleiben wir lieber bei der Aussage des Ortsvorstehers, dass alte Obstbäume ja keinen Wert haben. Genau so wenig Wert wie das Bundesnaturschutzgesetz. Mann ist ja keine Fledermaus oder gar ein Insekt.

Aber kommen wir zu den Kompensationsmaßnahmen, die ja wegen 13b nicht gefordert werden, die aber die Stadt Hüfingen vielleicht trotzdem durchführen könnte.

Eigentlich würde sich hier unser Umweltbüro anbieten, das ja auch von Hüfingen mit finanziert wird, aber leider hat sich der Hüfinger Bürgermeister dafür entschieden nicht mit kompetenten Menschen Rücksprache zu halten.

Was ist überhaupt eine Streuobstwiese?

Bei einer Streuobstwiese stehen hochstämmige Obstbäume auf Wiesen, Weiden oder Mähweiden. Dies hat sogar das Planungsbüro begriffen. Deshalb wurde im Bebauungsplan die Anpflanzung von hochstämmigen Obstbäumen gefordert.

Als Hochstamm bezeichnet man Obstbäume, deren Kronenansatz in mindestens 180 – 220 cm Höhe liegt – gültige bundesweite Norm seit 1995. Bundesweit? Nein, nicht in Baden-Württemberg. Deshalb werden in Baden-Württemberg aus Kosten- und Intelligenz- gründen von den Kommunen die falschen Bäume nachgepflanzt.

Unser Antrag die Hochstämme mit mindestens 180 cm zu spezifizieren wurde vom Gemeinderat Hüfingen abgelehnt. In diesem Fall wohl zufällig nicht aus Kostengründen, sondern wegen des anderen Grundes.

Falls einer meiner Leser mal in den Genuss kommt eine Streuobstwiese anzulegen, wollen wir Ihnen daher das Know-How zur Pflanzung der ökologisch so wertvollen Obst-Hochstämme geben.

Der Erfolg der Pflanzung hängt maßgeblich von der Qualität des Pflanzgutes ab. Die Obst-Hochstämme sollten folgenden Qualitätskriterien entsprechen:

  • Hochstämme mit Stammhöhe >180 cm
  • Stammumfang in 1 m Stammhöhe mindestens 7-8 cm
  • Krone aus mindestens 4 starken Leittrieben
  • Veredlungsstelle mindestens 10 cm über den Wurzeln
  • Veredlungsunterlage: Sämling oder stark wachsende vegetativ vermehrte Unterlage
Alter Birnbaum auf dem Bauplatz in Fürstenberg

Der SPD war übrigens der Zerstörung nicht genug in Fürstenberg und es wurde gefordert die obere Streuobstwiese wegen einer „Verdichtung“ auch noch platt zu machen.

Weil, wenn man Fledermäuse nicht sieht, gibt es sie selbstverständlich auch nicht.

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