Moderne Landwirtschaft

von Heinrich Musch aus Bad Schussenried

Die Welt versinkt im Chaos. Kriege, Unwetter, Hitze, Dürren, Ernteausfälle … usw., als habe die Endzeit begonnen. Bad news all over, so dass man´s bald nicht mehr hören mag.

Das sechste große Artensterben ausgelöst durch menschliche Dummheit und Gier. Vollzogen durch die Ausbeutung und Zerstörung der Biodiversität und natürlichen Ressourcen. Hauptakteur ist die  moderne Landwirtschaft oder besser gesagt die Industrielandwirtschaft und diese ist vollkommen aus dem Ruder gelaufen. WELTWEIT! Nicht nur alle wildlebenden Tiere wurden durch diese raubtierhafte Bewirtschaftung nahezu ausgerottet bzw. dramatisch reduziert, sondern auch die Biodiversität im Gesamten zerstört. Gedeckt und gefördert wird dieses Treiben durch Lobbyismus, Scheinheiligkeit und dumme Profitgier.

Es scheint, als wären wir aller Instinkte beraubt, gepaart mit erschreckender Gleichgültigkeit. Wir sehen, wie sich z.B. eine Kulturlandschaft in eine Monokulturlandschaft verwandelt, und es ist uns schlichtweg egal. Wir spüren die Auswirkungen der Pestizideinsätze, aber ignorieren sie. Die Pestizide wirken heute systemisch, was bedeutet, dass auch die jeweilige Frucht selber toxisch wird. Wir sehen was auf uns zukommt und zucken noch nicht einmal mit den Schultern. 

Die Leidtragenden jedoch sind am langen Ende trotzdem wir. Immer mehr Krebstote, immer mehr Allergien, immer mehr Autoimmunerkrankungen … usw. Die Agrarlobby argumentiert, dass nur mit Pestizideinsatz Lebensmittelsicherheit gewährleistet werden kann. Das Gegenteil ist der Fall! Die vergifteten Böden können bereits heute nur noch mit massivem Einsatz von künstlichem Dünger überhaupt noch Ernteerträge erzeugen. 

Landwirtschaftsminister Özdemir verlängert z.B. nach Vorgabe der EU den Glyphosateinsatz um 10 Jahre. In einer Studie an 182 Stadtbewohnern aus 18 europäischen Ländern wurde bei 45 % der Teilnehmer Glyphosat im Urin nachgewiesen.  Besorgniserregend ist dies, da Glyphosat bereits in geringen Mengen menschliche Embryonal- und Plazenta-Zellen sowie die DNA von Menschen und Tieren schädigt: So stellte eine französische Studie fest, dass Glyphosat menschliche Zellen innerhalb eines Tages abtötet – und das selbst bei einer 100.000-fachen Verdünnung des Wirkstoffes. Zudem wirken viele Pestizide beim Menschen wie Östrogene und sind nachweislich für hormonbedingte Krebserkrankungen mit verantwortlich. Parkinson wird bei Landwirten zwischenzeitlich als Berufskrankheit anerkannt. Spinnen wir eigentlich?

Der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Hauk forderte neulich, dass neue Pflanzenschutzmittel schneller zugelassen werden und dass bereits verbotene doch wieder verwendet werden sollten. Das macht sprachlos! Mit immer noch mehr Gift das heilen, was durch  Gift krank wurde. Respekt – das ist durchdacht! 

Fakt ist, dass ein Höfesterben in der ganzen EU stattfindet, mit dem Ergebnis, dass immer weniger Landwirte immer mehr Fläche bewirtschaften und sich die Höfe in landwirtschaftliche Großindustriebetriebe transformieren. Also immer mehr Tiere in Massenhaltung gehalten werden.  Seuchen, Krankheiten, Salmonellen und daraus resultierender Antibiotikamissbrauch sind vorprogrammiert. Immer größere Ackerflächen werden von noch größeren Maschinen bewirtschaftet. Bodenverdichtung, Monokultur mit allen Ausprägungen und Biodiversitätsverlust sind die Folge. Wie kann es zu solchen Fehlentwicklungen kommen, fragt man sich? Nun, wenn der europäische Präsident des Bauernverbandes mitunter einer der größten Nutznießer einer verfehlten europäischen EU Agrarsubventionspolitik ist, braucht man sich eventuell nicht wundern? Vollstrecker dieses programmierten Wahnsinns sind die örtlichen Landwirtschaftsämter, welche die restlichen Landwirte so lange reglementieren, schikanieren und zur Aufgabe zwingen, bis sie schließlich das Handtuch werfen. 

Es ist doch blanker Hohn von Biogas bzw. Bioethanol zu sprechen, wenn man weiß, dass dafür einerseits in Südamerika Urwald abgeholzt wird und sich Agrarbarone durch Anbau von Soja oder Palmöl dumm und dämlich verdienen. Aufbereitet, wird dieses nach Deutschland verfrachtet, dort unseren Treibstoffen beigemischt um dann von 10% Bioethanolanteil zu reden, welcher ein aktiver Beitrag zur Reduzierung von Treibhausgasen sei! Wirkungsgrad in Richtung null! Haben wir eigentlich noch alle Tassen im Schrank? Das Mercosur Abkommen ist jetzt unterzeichnet, von all den scheinheiligen Politikern, wohlwissend, dass dies sowohl dem südamerikanischen Urwald als auch den europäischen Landwirten den endgültigen Todessstoß versetzen wird.

Andererseits ist unsere Produktion von Biogas nicht besser, eher (noch) schlimmer. Um die flächendeckende Zerstörung durch Produktion von Biogas zu sehen, brauchen wir nur vor die Haustüre zu schauen. Wiesen werden mitunter bis zu sechs mal im Jahr gemäht. Supertraktoren mit „Butterflymähwerken“ (welche Ironie!) mähen in etwa eine Schnittbreite von 10 Meter und das bei einer Geschwindigkeit von um die 20 km/h. Das überlebt kein einziges Tier! Kein Frosch, kein Insekt und keine sonstigen Wiesenbewohner. Was dort an Tieren noch nicht zerhäckselt werden sollte, wird anschließend auf den Feldern zu Tode vergiftet. Aber auch die Bodenbiodiversität wird durch das Biogaskonzentrat – ausgebracht als Gülle – vollkommen vernichtet. Eine bunt blühende Wiese verliert bereits durch ein einziges Düngen mit diesem Substrat sämtliche Blumen. Nach mehrmaligem Düngen überlebt nur noch Weidelgras diese Tortur und selbst dieses dünnt von Jahr zu Jahr mehr aus. Rechnet man dann noch den enormen Dieselverbrauch der Traktoren, die Verdichtung der Böden … etc. dazu, stellt sich doch die Frage, wie dieses Verfahren zur Bioetikette kommt?

Man kann feststellen, dass nicht nur vielen Landwirten, sondern uns allen, sowohl das Gefühl für die Natur, als auch der Respekt vor ihr, restlos verloren ging. Das hochgelobte Mercosur Handelsabkommen wird dem (Rest-)Urwald wohl nun endgültig den Garaus machen! Großgrundbesitzer, welche zur Ernte- und/oder Fleischerzeugung „nur“ ein Feuerzeug brauchen, dürfen ihre Produkte dann zu Billigstpreisen bei uns verhökern. Natürlich werden wir diese Billigprodukte kaufen  – Ideologien hören meistens an der Theke auf! Peter Hauk, baden württembergischer Landwirtschaftsminister, sagte vor kurzem, dass in 2024 weniger Pflanzenschutzmittel als in den Vorjahren eingesetzt worden seien. Das Gegenteil ist der Fall! Die neuartigen Neonicotinoide sind ca. 7000 (www.mellifera.de) mal wirksamer als beispielsweise DDT. Eine Kurzbeschreibung zu Neonicotinoide:

Neonicotinoide sind hochwirksame systemische Insektizide, die über Wurzeln oder Blätter in die gesamte Pflanze aufgenommen werden und Schädlinge (saugende und beißende Insekten) durch Störung ihres Nervensystems töten, wobei sie als Kontakt- oder Fraßgift wirken und lange anhaltend sind, was sie besonders effektiv macht, aber auch massive Risiken für Nicht-Zielorganismen wie Bienen, Hummeln und Vögel birgt, da sie schon in geringsten Mengen zu Orientierungsverlust, Reproduktionsstörungen und Massensterben führen können. Die Gifte sind natürlich auch im Fruchtkörper vorhanden, der von uns gegessen wird.

Eine Kettenreaktion der Vernichtung beginnt: 

Die Äcker werden mit Pestiziden behandelt. Diese gelangen auf Nachbargrundstücke, in Gewässer und ins Grundwasser. Bodenbiodiversität wird getötet. Insekten an Land und im Wasser sterben. Vögel und Fische sterben. Ökosysteme brechen zusammen. Soweit sind wir bereits! Auf diesen Moment aber warten die Spezialisten unter den Insekten, die mit den bisherigen Giften nicht getötet werden können. Glasflügelzikaden und Japankäfer, um nur mal zwei Beispiele zu nennen. Natürliche Fressfeinde sind keine mehr da, die Nematoden im Boden vernichtet. Das ist genau die Basis auf welche diese Generalisten unter den Insekten gewartet haben. Im Badischen geht´s übrigens bereits los. Immer mehr deutsche Landwirte sehen bereits ihre Existenz durch diese Insekten bedroht. Landwirtschaftsminister Hauk hat aber eine einfache Lösung: noch mehr Gift – noch schnellere Zulassungsverfahren – bereits verbotene Gifte aus dem Giftkeller holen … usw.

Anderes Beispiel: 

Die Tigermücke breitet sich rasant aus und hat nahezu keine Fressfeinde. Frösche, Molche … etc. sind fast vollständig ausgerottet. Die Tigermücke überträgt Malaria, Dengue-, Zika- und Chikungunya-Fieber sowie das West-Nil-Virus. Zudem kann sie bei Tieren auch Herzwürmer übertragen. Aus diesen Gründen schlägt BAYER Managerin, Chefin von BAYER CropScience Deutschland, Karin Guendel Gonzales, Alarm! Kurz gesagt empfiehlt sie einen höheren Pestizideinsatz. Mit (noch mehr) Gift retten, was durch Gift aus dem Gleichgewicht geriet! So ein Denkansatz macht sprachlos?

Die Tigermücke wird aber zunehmend resistent gegen die gängigen Insektizide. Bereits heute gibt es zwei nachgewiesene Mutationen. Und jetzt …. ?

Ein Mitarbeiter eines Landwirtschaft Amtes sagte, ich zitiere: „früher war alles so bunt und farbenfroh, weil es die Landwirtschaft noch nicht besser konnte!“ Was soll man darauf antworten?

Noch heute wird in den Landwirtschaftsschulen gelehrt, dass es eine „Spritzschande“ sei, wenn in einer Ecke eines Kornfeldes noch eine einzige Blume blühen würde und dass ein Pferd mit seinen Hufen den Boden stärker verdichten würde, als ein Traktorgespann mit 40 to. Gesamtgewicht – auf mm³ bezogen … etc.

Wo fängt ein Umdenken an? An der Ladentheke, an der landwirtschaftlichen Hochschule in Hohenheim, in den Landwirtschaftsschulen oder in der Politik? Wann fängt ein Umdenken an?         Zu spät, dessen bin ich mir sicher. 

Um aber von all dem abzulenken nimmt statt dessen unsere Regierung die Bevölkerung auf´s Korn. So gestattet sie einerseits der Landwirtschaft die vollständige Ausrottung aller Insekten stellt aber das Töten z.B.: einer einzigen Wespe unter Strafe. Kann es sein, dass ein Ordnungsgeld bis zu 5000,-€ verhängt werden würde? Es werden Fledermaustunnel und Fledermausüberflugschneisen und weiß was Gott noch alles gebaut, koste es was es wolle, gestattet aber parallel die Vernichtung der Lebensgrundlage dieser Tiere – absurd!

Warum berichten Sie nicht über unsere Meere und der abscheulichen, gnadenlosen Ausbeutung derselben? Wie dort mit den Tieren umgegangen wird?

Warum berichten Sie nicht über die brutale Ausbeutung unserer Wälder? Wie dort mehrmals im Jahr mit modernsten Vollerntern buchstäblich alles kurz und klein geholzt wird. Ein Bild der Zerstörung. Falls aber ein Bürger im falschen Moment einen Baum einkürzt, drohen ihm bis zu 50.000,-€ Strafe, verhängt von einem Staat, der vorgibt Umweltstandards mit einem FSC Siegel zu setzen, welches zwischenzeitlich zu 100% IKEA gehört. Diese Firma ist hauptverantwortlich für die Abholzung des nahezu gesamten europäischen Urwalds. Natürlich unter Einhaltung der FSC Standards!

Ich weiß nicht, was mit uns allen los ist? Mir scheint, dass wir alle unserer Instinkte und eines normalen Menschenverstandes beraubt sind. Irgendwann stellt sich doch die Frage nach dem „Warum“! Warum sind wir, wie wir sind und warum machen wir all diese Dinge? 

In welcher Welt wollen wir zukünftig leben? In einer schrillen, lärmenden und zerstörten Welt ohne Tiere und Blumen? Das würden auch wir nicht überleben. Es ist für uns alle beschämend, dass wir diesen Zustand herbeiführen und anscheinend resignierend akzeptieren. Ein happy end jedoch wird das nicht geben.

Lassen Sie mich mit der Weissagung der Cree-Indianer enden:

„ Erst wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fisch gefangen und der letzte Fluss vergiftet ist, werden wir begreifen, dass man Geld nicht essen kann. “ 

Vortrag über Martin Menrad von Dr. Jörg Martin

Plakat mit einem Gemälde von Mendrad aus 1662

Für alle die bei dem fantastischen Vortrag nicht dabei sein konnten, und auch für diejenigen die es sich nochmal anhören möchten, unten der Podcast von Dr. Jörg Martin dem Leiter des Fürstlich Fürstenbergischen Archivs über Martin Menrad.

Der Vortrag war an 23. Februar 2026 in der Rathausgalerie in Hüfingen.

Vortrag von Dr. Jörg Martin am 23. Februar 2026

Ausnahmsweise kommt hier eine Galerie mit Fotos zum weiterklicken:

  • Bild von Martin Menrad von Hüfingen

Elseli – die Hüfinger Mutter Courage

Mutter Courage und ihre Kinder ist ein Drama von Bertolt Brecht das im Dreißigjährigen Krieg zwischen 1624 und 1636 spielt. Erzählt wird die Geschichte der Marketenderin Mutter Courage, die versucht, ihr Geschäft mit dem Krieg zu machen, und dabei ihre drei Kinder verliert. Wer das Buch nicht kennt, dem empfehle ich zumindest den Wikipedia Eintrag dazu zu lesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Mutter_Courage_und_ihre_Kinder

Was in Hüfingen leider verloren gegangen ist, ist das Wissen, dass es auch hier eine Mutter Courage mit dem Namen „Deggenreuschen-Elseli“ gegeben hatte. Früher ist sie mit auf der Fasnet gelaufen. Heute spukt sie nur noch im restlichen Wald, in dem, von der B31 zerstörten, Naturschutzgebiet Deggenreuschen-Rauschachen. Vielleicht sollte sie mal im Gewissen der Politiker und der Führer vom RPF spuken, damit die uns zumindest eine Wildtierbrücke bauen lassen.

Das Deggenreuschen-Elseli

von Gottfried Schafbuch in Mii Boor – Mii Hoamet 1972

Das Deggenreuschen Elselie vorgelesen von Maria Simon

Die schwedischen Horden, in Wirklichkeit waren es aber württembergische Söldner, die am 15. Oktober 1632 in Hüfingen das gräßliche Blutbad anrichteten, zogen auf ihrem Raub- und Plünderungsweg südwärts. Am Morgen des 17. Oktober erschien ein Meldereiter im Lager des Oberst Rau und meldete, daß die Marketenderin Elseli samt Waren, Roß und Wagen spurlos verschwunden sei. Der Oberst, ein trinkfester Haudegen, schlug wütend auf den Tisch und schrie zornig:
„Der Teufel soll doch die abgefeimte Vettel holen und sie geisterweise in den Wäldern umherjagen. Doch, wir haben weder Lust noch Zeit, der schwarzen Hexe nachzuspüren!“

Die durchtriebene und furchtlose Marketenderin Elseli war schon zwei Tage vorher, also an jenem Tage als die Soldateska im Städtchen Hüfingen fürchterlich und grausam mordete und manchem Mannsvolk den sogenannten „Schwedentrunk“ gab, heimlicherweise bei Nacht und Nebel abseits der ehemaligen Römerstraße entlanggefahren, und hatte sich in eine kleine Lichtung zwischen den dichten Tannenwäldern Rauschachen, Schafschachen und Armenhölzle geflüchtet.

Beim Morgengrauen traf sie dort der sechsunddreißigjährige Sattler und Ratsherr Matthias Schafbuch mit seiner Frau Magdalena geborene Forster, die schon am 29. April 1633 im Wochenbett verstarb. Nach kurzem hin und her und wohin führten Schafbuch und dessen Weib auf fast unwegsamem Karrenweg das Elseli mit seinem Gespann in den nahegelegenen Deggenreuschenwald. Dort zeigten sie ihm den ehemaligen römischen Gutshof, in dessen Keller 17 Stufen hinunter führten. Gemeinsam richteten sie der Heimatlosen eine wohl recht dürftige Niederlassung ein.

Ihren Klepper gab Elseli wohlfeil dem Ratsherrn, der ihr versprach, sie nicht im Stich zu lassen und nach Möglichkeit für ihre Atzung besorgt zu sein. So hatte das Weiblein, das sich fortan nur selten im Städtlein zeigte, sogar eine heizbare Unterkunft, wie sie ehedem von den Römern erbaut wurden.

Badezimmers der villa rustica.
Das Bild zeigt die unterste Lage der Heizkacheln, durch die die warme Luft des Kohlbodens in die Höhe steigt und die Wand erwärmt. Die Kacheln sind da, wo sie den Boden verlassen, durch einen Viertelrundstab gegen Beschädigungen geschützt und an ihrer Vorderseite geraut, damit der Wandstuck besser haftet.

Die Römer in der Baar von Dr. Paul Revellio in der Badische Heimat 8 (1921)

Fürderhin sammelte Elseli Wurzeln, Kräuter und Beeren, die sie gegen Nahrung in Hüfingen, Döggingen, Hausen vor Wald und Sumpfohren feilhielt. Niemand wagte es, das runzelige Weiblein abzuweisen. Gar bald stand es im Städtchen und in dessen Umgebung im Verdachte der Zauberei und im Bündnis mit dem Leibhaftigen. Ihr Umgang im Hause des Ratsherrn Schafbuch schützte sie jedoch vor öffentlichen Lieblosigkeiten oder gar Verfolgung.

Im Frühjahr und zur Sommerszeit erfreute Elseli ihre Wohltäter mit den seltensten Blumen wie: Osterglocken, Ägetli, Hummel-, Spinne-, Bienen- und Fliegenragwurz, sowie Türkenbund und dem prächtigen Frauenschuh. Man munkelte, daß das Elseli den Samen dieser bisher unbekannten Blumen aus fernen Landen in ihrem Marketenderwagen mitgebracht und an verborgenen, schier unzugänglichen Plätzen ausgestreut habe.

Der Frühlings-Enzian, auch Schusternagerl, Schusternägele, Rauchfangkehrer, Himmelsbläueli, Herrgottsliechtli, Tintabluoma oder Himmelsstengel genannt
Frühlings-Enzian
Bienen-Ragwurz
Bienen-Ragwurz
Pyramidenorchis
Pyramidenorchis
Fliegen-Ragwurz
Fliegen-Ragwurz

Viele Jahre lebte das anspruchslose Weiblein vor sich hin. Matthias Schafbuch war am 19. November 1635 gestorben und seine zweite Frau, Catharina geborene Bauknecht, sowie ihre beiden Kinder Johann Georg und Catharina, waren dem Elseli stets gut gesinnt.

Auf einmal blieb das alte Weiblein aus und man vermutete allenthalben, daß es verstorben sei. Der ehemals römische Gutshof war nun im Laufe der Jahre eingestürzt und zweihundert Jahre später ward ein großer Hügel aus ihm, der bis anfangs des 20. Jahrhunderts im Volksmund das „Hünengrab“ genannt wurde. Erst im Jahre 1913 gruben Gelehrte das Hünengrab um und legten den römischen Gutshof, den ehemaligen Aufenthaltsort des Elseli, frei.

Nach Ende des unseligen Dreißigjährigen Krieges anno 1648, hieß es allgemein, das Elseli gehe im Deggenreuschenwald geistweis. Man erzählte von gar manchem Schabernack, den es den Leuten antue.

Ab und zu rauschte es im Dickicht und ein kleines Weiblein huschte vorüber. Die Leute, die ihm ausweichen wollten, verfehlten den düsteren Weg und kamen an irgend einer anderen Stelle, weitab ihres Zieles, zum Walde heraus. Ja, mancher Wanderer erzählte, daß ihm ein ausgemergeltes Weiblein auf den Rücken gehüpft sei und sich bis zum Ende des Waldes von ihm tragen ließ. Es sei dann boshaft lachend in den Deggenreuschenwald zurückgehuscht. Einer Botenfrau aus Bachheim, die wöchentlich mit einem eselbespannten Wägelein auf dem Weg im Deggenreuschenwald fuhr, in Hüfingen Butter, Eier und Geflügel feilbot und dort von den Krämern Waren mitnahm, geschah es mehrmals, dass ihr Esel stark unruhig wurde, zu schreien und zu schwitzen begann und zuguterletzt das Wägelein mit der ganzen Butscher umwarf. Wohl oder übel mußte die geneckte Botenfrau ihren allerdings unversehrt gebliebenen Kram wieder in das Wägelein packen, während dessen sprang das Hexlein Elseli lachend in das Innere des Waldes. Schindluder trieb der Waldgeist auch immer wieder mit den Schnittern und Schnitterinnen, die im nahen Ochsentrieb arbeiteten. Öfters kam es vor, dass das Hexlein den Korb mit dem Frühstück eiligst wegnahm und damit in einem dichten Gebüsch verschwand. Wenn die Schnitterinnen dann schimpfend an die Schatenstelle eilten, wo der Brotkorb in der Kühle stand, lag er noch unberührt, aber mit etlichen Blumen geschmückt, am Platze. Manchmal wurde auch beobachtet, daß das Weiblein nach Sonnenuntergang über die Ährenfelder dahintanzte.

Aber nicht nur neckend oder gar boshaft war das Deggenreuschen-Elseli. Gar manchen Leuten half es beim Holzlesen. Kindern, welche Erdbeeren und Himbeeren im Walde suchten, zeigte es gerne die besten Plätze. Nur in ganz wenigen Fällen jedoch führte es Leute zu seinen farbenfrohen Blumengärtchen. Möglich ist dies vielleicht die Ursache, daß sich heute noch im Deggenreuschen- und Rauschachenwald ein geschütztes Orchideenvorkommen erhalten hat, daß die Botaniker diesen beiden Wäldern den Namen „Blumenparadies von Deutschland“ gaben.

Ist das Deggenreuschen-Elseli von seinem Dasein „verlöst“ und zur Ruhe gebracht worden? Gewiß ist, dass es in Hüfngen heute, 1972, noch Leute gibt, die fest und steif behaupten, den Waldgeist Elseli gesehen zu haben. Es sei auf dem untersten Ast einer mächtigen Tanne gesessen und habe sich auf- und abgeschaukelt. Plötzlich sei es verschwunden und dann wieder in einem anderen Häs auf dem nächsten Tannenbaum lauthalslachend erschienen.

Solange im „Blumenparadies von Deutschland“ die Vielzahl seltener Blumen und Pflanzen vorkommt und unser Auge erfreut, wollen wir aber auch furchtlos der sagenhaften Gestalt des Deggenreuschen-Elseli gedenken und jener schrecklichen Zeit des „Dreißigjährigen Krieges“, in der unsere Vorfahren gar oft in den Wäldern kampieren mußten.

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Winterfütterung

Liebe Bürgerpostleser, 

was ist bei mir das Besondere während der Winterfütterung? Zum einen, dass ein Trupp von neun Stieglitzen – auch Distelfinken genannt – unser Leben bereichern. Sie zanken gerne untereinander und gehen nicht beziehungsweise ganz selten an die Futterkette, sondern in die Tröge. Dort sind sie so aufmerksam, dass sie meistens verschwunden sind, bis ich mit dem Händifoto gerichtet bin. Unten die neun Exemplare, eines ist etwas versteckt, auf unserer Gartenlärche. Auf dem Bild daneben sehen wir vier auf Ästen sitzend dicht neben der Futterstelle. Die rechten zwei zeigen die farbliche Schönheit dieser Vögel. 

verschiedene Vögel auf einem verschneiten Baum
vier Stieglitze auf einem Busch

Das Bild unten demonstriert die Dominanz einer Vogelart in diesem Winter, die der Blaumeisen. Vermutlich hatten sie die letzten Brutsaisons durch bestimmte Umstände sehr hohe Aufzuchtraten. Früher beherrschten Hausspatzen das Geschehen. Zählt alle durch, kommt Ihr auch auf 14 Stück? Alles nur Blaumeisen. Das ist doch ein Hammer, nicht wahr? 

Meisen an einem Erdnussring

Unten: Ich bin hell begeistert, dieses Jahr zum ersten Mal Schwanzmeisen an der Futterkette beobachten zu können. Bis jetzt sind es vier Stück. Sie sind schnell und behänd und die langen Schwänze sind so was von klasse. Die Schnäbel sind sehr fein und die schwarzen Kulleraugen wissen zu beeindrucken. Interessant ist, sie sind nicht im Haus anzutreffen, sondern – im Unterschied zu den Stieglitzen – nur an der Futterkette. Das letzte Bild zeigt drei Fotos der gleichen Schwanzmeise. Sie ist mit einem weißen Kopf ausgestattet, das heißt, sie stammt aus Skandinavien und ist zu uns über den Winter eingeflogen. Meistens kommt der Trupp zweimal am Tag kurz vorbei zum Fressen und verschwindet dann wieder. 

Schwanzmeisen an Erdnussring
Schwanzmeisen an Erdnussring

Wer hat Schwanzmeisen diesen Winter auch schon erleben dürfen? Waren auch weißköpfige dabei?

Herzliche Grüße
Franz Maus

Äschemittwoch

von Gottfried Schafbuch

gelesen von Ingeborg Jaag

Grau und näblig schliift de Morge
us em Fasnethas in Dag.
Iisig ischt’s, e bissig Lüftli
pfifet ibers ’s Schtudehaag.

A de Bämmli dont no pfladdre
ganzi Bändel grell Bapiir
und en Wearchschnauz samt de Nase
geitschet dert, a sell’re Tir.

I de Ohre heerscht all schuusre,
Narremarsch und Hanselgschell.
Duescht mit Gwalt dech ummidrille;
’s kunnt en Walzer uff de Schtell

Magscht dech wehre no so selli
geget ’s Fasnetgjugs und Gschroa.
Bringscht’s nitt loos, du muescht es heere,
siehscht dezue no ’s närrisch Doa

Endli duet de Schloof mol kumme.
Droome duet es dier reacht glii,
daß du uhni Hemb und Hose
sei-ischt bi de Fasnet gsii.

D’Litt schtond doo, dont uff dech dite;
lachet, daß du näckig bischt.
’s gilt en Ruck; jetz bischt verwachet,
freischt dech, daß ’s verloge ischt.

Niini schleet jetz d‘ Uhr im Schtübli,
d‘ Fasnet ischt verbei des Johr.
…. Äsche schtreut mer grad dim Gretli
i de Kerch uff’s Gruselhoor.

Am Schluß do kummet die Schönschte…

Collage mit Bürgermeister Patrick Haas in Frack als Abraham Lincoln vor einem alten Bild des Hotel Frank als alle Bäume noch standen. Im Hintergrund die Justicia vom Friedhof, vorne der Biber vom Camp der IBG, Lorax auf der Kiefer und an der Türe vom Gasthof Frank einen Einladung zur Nachbarschaftshilfe. Das alte und neue Logo der Stadt Hüfingen am Boden und ich sitze im Biergarten und schreibe an meinen Büchern. Recht unten ein Copyright Symbol mit der Schrift Symbolbild.
I have stepped out upon this platform that I may see you and that you may see me, and in the arrangement I have the best of the bargain.
Abraham Lincoln, 16. Februar 1861

Einige wissen ja, dass ich aus Villingen stamme. Deshalb gehört mein Herz der Villinger Fasnet und vor allem den Wuescht:

Ein Wueschtgruß

Vielen Dank an den Wueschtvater a.D. Roland Weißer

Es isch e Maidle in de Brunne keit,
Ich han se heere plumpse,
ich han se no am Strumpf verwischt,
no fangt der Sirch a brunze.

Zwei Blaumeisen beobachten grüne Hexe und nackten Lappen im Stadtbächli.
Februar 2022

…in welcher man bekanntlich alles Bildliche und Farbige beseitigt, und selbst den Himmel noch weiß angestrichen hätte, wenn ihm beizukommen…
https://hieronymus-online.de/hieronymus-kapitel-12/
Februar 2023


Überflutung der Hüfinger Innenstadt am 15.02.1990

Am 15. Februar jährt sich die Überflutung der Hüfinger Innenstadt zum 36. Mal. Hier ein Foto von der Breg am Friedhof.

Hochwasser der Breg 15.02.1990
Hochwasser der Breg 15.02.1990

Unten ein alter Beitrag hierzu:

Spitzenabfluss in den Bach wird reduziert

Beitrag vom 6. August 2021

Mit diesem wundervollen Satz verabschiedet sich der Hüfinger Gemeinderat in die Sommerpause.

Sicher kein Alleinstellungsmerkmal, aber der Gemeinderat steuert uns alle ungebremst und mit offenen Augen mitten in die Klimakrise.

Was schert die alten Männer noch ein Hangrutsch in Fürstenberg? Ein versumpftes Sumpfohren? Eine überflutete Altstadt in Hüfingen? Quellen die versiegen?

Hauptsache möglichst viele Baugebiete für junge glückliche Familien, großflächige Gewerbegebiete und die Augen der alten Herren werden nicht etwa durch hohe Gebäude beleidigt. Asphalt muss her, möglichst viel Beton! Der Bürgermeister kann ja wieder drei Quadratmeter Blumenwiese säen. Oder vielleicht besser vier?

Dafür werden die nächsten Jahre Millionen in RÜBen (Regenrücklaufbecken) der höchsten Qualität investiert, um die Spitzenabflüsse zu reduzieren und um unsere Quellen auszutrocknen.

Die Enkel der alten Männer können sich aussuchen, was wohl schlimmer wird:

Überflutung oder Wassermangel?

Ihr bekommt beides.

Hochwasser der Breg 15.02.1990
Hochwasser der Breg 15.02.1990

Ringschnabelente

Liebe Bürgerpostleser, 

heute darf ich Euch eine ornithologische Sensation vorstellen. Die Bilder hat mir Thomas Kring aus Hüfingen überlassen Er ist Projektleiter des Naturschutzgroßprojektes Baar beim Schwarzwald-Baar-Kreis. Er meinte, das wäre doch sicher auch einen Beitrag wert. Ihr erinnert Euch, von ihm erhielt ich auch die Bilder für den Libellen-Schmetterlingshaft Beitrag. 

Also, wieso ist das Ganze eine Sensation? Ganz einfach, weil diese Ente, die Ringschnabelente heißt, in großer Anzahl in Kanada und den USA lebt. Die Bestände steigen, obwohl in den USA jährlich 700.000 Exemplare gejagt werden. Bei uns dagegen erscheinen sie nur in ganz geringen Anzahlen: avi-fauna/ringschnabelente.
Zur Zeit sind am Bodensee vier Standorte mit jeweils nur einem Exemplar bekannt. Pro Jahr gibt es deutschlandweit etwa zehn Meldungen überwiegend von Einzelexemplaren über das Winterhalbjahr. Der klassische Begriff für eine solche Vogelart ist „Irrgast“. Man vermutet, dass sie durch Stürme nach Europa „verweht“ wurden. Und hier leben sie im Verbund mit zahleichen anderen Enten, man muss sich wundern, dass sie überhaubt erkannt werden. Wenn dann aber eine Meldung im Internet unter www.ornitho.de eingestellt wird, dann machen sich Vogelfans auf die Suche. So kam Thomas Kring auch zu seinen herrlichen Fotos. 

Für mich war hoch interessant, dass die beiden Enten auf dem Bild oben von zwei Experten auf den ersten Blick für eine Art nämlich für Reiherenten gehalten wurden, bis ich auf ein genaueres Hinsehen hinwies. „Die vordere ist jedenfalls eine Reiherente“. Genau, charakteristisch ist für sie die schwarz-weiße Färbung und der Federschopf am Hinterkopf. Die zweite Ente auf dem Bild ist das Männchen der Ringschnabelente, auch eine schwarz-gräulichweiße Grundfärbung aber ohne Federschopf. Dafür mit weißer Schnabelumrandung und weiß-schwarzem Schnabel. Klar, man muss wirklich genau hinschauen. Bild unten zeigt sie zusammen mit einer Moorente, sie macht den Eindruck, wie wenn sie dazugehörte.

Die nächsten beiden Bilder sind wunderschöne Portraitaufnahmen dieses einen Ringschnabelenten Mannes vom Bodensee. 

Seit einigen Wochen gibt es von mehreren Orten am Bodensee fast tägliche Meldungen jeweils einer einzelnen männlichen Ringschnabelente. Vermutlich sind es mehrere Tiere, die sich am Bodensee aufhalten. Aber die genau Anzahl läßt sich nicht sagen. In jedem Falle hat Thomas Kring seine Fotos am 07. Februar 2026 geschossen und am 11. Februar 2026 könnt Ihr es genießen. 

Vielen Dank an Thomas Kring für die Ermöglichung des sensationellen Berichtes. Ich glaube, er lag richtig, als er meinte, dass das einen Beitrag wert ist. 

Herzliche Grüße
Franz Maus

Besuche aus der Heimat
Zur Erntezeit
Die Fastnacht

Vierzehntes Kapitel gelesen aus dem Hieronymus von Lucian Reich


E freude Stund e guti Stund,
s’ erhaltet Lib und Lebe gsund,
doch muß es in der Ordnig goh,
sust het me Schand und Leid dervo.

>Johann Peter Hebel

Besuche aus der Heimat – Zur Erntezeit – Die Fastnacht

Der nahende Herbst hatte unserem Hieronymus mehrere Besuche von zu Hause gebracht, erst den Vater und die Mutter, welche kamen, nach des Lehrlings Tun und Treiben und nach der Zufriedenheit des Meisters sich zu erkundigen. Dionys, des Stabhalters Sohn, war sogar später bei ihm über Nacht geblieben und hatte mit ihm das Lager geteilt. Er hatte ihm verschiedene Grüße ausgerichtet und Neuigkeiten erzählt aus der Heimat, worunter die interessanteste gewesen, daß die Florentine immer vollkommener und schöner werde. Von sich selber konnte der junge Handelsmann sagen, daß, ohne Rühmens, sein Geschäft prächtig floriere, und daß auf dem ganzen Wald kein Geschäftsmann zu finden sei, dem mehr Geld durch die Hand laufe als ihm und seinem Vater.

Die Eltern des Hieronymus waren hoch erfreut über das gute Zeugnis, welches der Meister seinem Lehrling ausgestellt, nach Hause zurückgekehrt. Denn auch der Feldwaibel hatte ihnen halb scherzhaft die Versicherung gegeben, daß er, als Beistand, bis jetzt noch nicht den mindesten Grund gehabt, hinsichtlich der geleisteten Bürgschaft irgendwie in Sorgen zu sein.

Nicht nur im eigentlichen Geschäft, auch bei Feldarbeiten griff Hieronymus wacker ein, wobei er – dank der Erziehung daheim – in allen Sätteln sich gerecht erzeigte. – Als sein Meister, der nebenbei auch Feldbau betrieb, zur Erntezeit einmal eines Garbenbinders wegen sehr in Verlegenheit war, erbot sich der Lehrling zur Verrichtung dieses sonst nur geübten Männern anvertrauten Geschäftes. Der Meister schüttelte anfangs ungläubig den Kopf; jener aber ergriff alsbald den Bindnagel, holte aus dem Stadtbächlein die dort zum Einweichen eingelegten „Wieden“, die Magd nahm den „Schaub“ auf den Kopf, die mit frischem Wasser gefüllte „Lägel* an den Arm, und die Meisterin ging zum Antragen mit. Und siehe da – Hieronymus band die hundert Korngarben so regelrecht, wie es der geschickteste Oberknecht nicht hätte besser machen können.

Ebenso willig und gewandt zeigte er sich als Mäher. Frühmorgens, wenn kaum der erste Wachtelschlag den anbrechenden Tag verkündete, schritt er mit andern zum Tor hinaus, die Sense oder das Räff (zum Mähen der Mischelfrucht) über der Schulter, das hölzerne „Futterfäßle“ mit dem Wetzstein hinten am ledernen Gurt befestigt. Und kam er nach vollbrachter Arbeit abends heim, und waren Suppe und Sauermilch verspeist, so nahm er ungeheißen wieder das „Dangelgeschirr“ zur Hand und dengelte, auf einem Holzblock vor dem Scheuertor sitzend, mit den Nachbarn lustig um die Wette. – War dieses Geschäft besorgt und hatte er am Brunnen sich gewaschen, dann erst konnte er sich Ruhe gönnen, indem er sich ein Stündchen noch zur Familie setzte, auf das Bänklein vor dem Haus.

Wie zur Winterszeit gewisse Stuben und Stüblein Sammelorte waren für nachbarliche Abendgesellschaften, so waren es im Sommer die Bänklein vor den Häusern, bei welchen die Freunde in und außer dem Haus sich zu versammeln pflegten.

Erforderten unter der Woche die Erntearbeiten ein frühes Schlafengehen, um morgens wieder zeitig bei der Hand zu sein, so fiel diese Rücksicht am Samstagabend sowie vor einem Feiertag natürlich weg. – Da saßen sie denn oft bis Mitternacht, hemdärmelig, barhäuptig unter dem Himmel voll Sternengefunkel und Wetterleuchten, während im offenstehenden Haus nichts sich regte als das Heimchen und der laute Schlag der Wanduhr in der Stube. – Es hörte sich angenehm zu, dem Gesang der fremden Schnitter und Schnitterinnen, die in Gruppen vor dem Haus des Bauers dort noch ein Stündchen sich verkühlen lassen wollten. Und war auch der Oberamtsrat ein gestrenger Herr, so konnte es ihm doch entfernt nicht einfallen, den Schnittersleuten das Singen überhaupt verbieten zu wollen, wie dies ein halbes Säkulum später von einer nahen Amtsstadt aus geschehen sein soll.

Da es dem fruchtreichen Gau zur Erntezeit an Arbeitskräften fehlt, so kam – wie heute noch – regelmäßig Aushilfe vom benachbarten Heuberg oder von den nächsten Schweizerorten daher, jede Schar unter der Obhut eines besonderen Schnittmeisters. Auch Kinder mit Säcklein zum Ährenlesen waren dabei. War ein Großbauer nicht ganz von der filzigen Sorte, so ließ es sein in diesem Punkte löblicher Stolz gewiß nicht zu, seinem Gesinde das Zusammenrechen hinter dem Garbenbinden her zu gestatten. – Das Verzettelte sollte eben lediglich den Armen gehören.

Bevor es ganz einwinterte, war unserm jungen Freunde noch ein unverhofftes Zusammentreffen vorbehalten. Die Heugabel auf der Schulter, war er mit dem Meister und seinen Leuten zum oberen Tor hinausgeschritten, auf der Schlehwiese noch einiges Ohmdgras einzuheimsen, als von dem Wege, welcher nach dem Roten Rain führt, ein wohlbekannter Pfiff sein Ohr traf.

Das Zeichen kam von einem Patrone, welcher auch dem Leser nicht zum erstenmal vor die Augen tritt. Der Kommende trug über der Schulter, an einem glattgeschälten, äpfelbaumenen Stock, eine Anzahl Vogelkäfige, unter dem Arme, in ein hochrotes Nastuch gewickelt, eine Geige; die kurzen, hellgrün gestreiften Beinkleider waren am Knie mit flatternden Bändeln befestigt; über dem rot und gelb getupften „Leible“ glänzte eine herzförmige silberne Busennadel zum Anheften des leicht geschlungenen Halstüchleins.

Ein breiter Filzhut mit Pfauenfedern und ein zinnener Schlagring mit schwerem Knopfe am kleinen Finger der rechten Hand, womit schon manche Stirn und Nase blau oder rot gesiegelt worden, vollendeten das Kostüm eines Landfahrers; und daß es der Lange Hans sei, bedurfte für Hieronymus keines zweiten Blickes. Er war, vom Walde kommend, seiner Bande vorangeschritten, die Baar der Kirchweih willen zu besuchen.

„Auf e paar Wörtle!“ raunte er dem stehengebliebenen Hieronymus zu, indem er ihn etwas auf die Seite nahm. „Der Zufall hot mer ‚en Gang verspart; schau“, sagte er geheimnisvoll, als sie allein waren, „di haun i grad aufsuche wölle!“
-„Ihr kommt von daheim?“ fragte Hieronymus. „Es sind doch alle g’sund und wohl?“
„Alls g’sund und wohl!“ bestätigte der Lange. „Schau! Du woißt gar nit, was de for e Glückskind bist, Gott soll mi leaba lau – wenn’s nit wohr ist. Schau, i hau der no e b’sundere Gruß ausz richte von enere G’wisse – de kennst mi scho – Hieronymus!“ lispelte er verschmitzt, „schau, i hau der was z’bringen; i kenn reiche Bauresöhn, en Finger vo der Hand gäbet si drum, wenn ihne so was passiere tät; roht, was haun i do, Männle?“ Mit diesen Worten zog er ein Päcklein aus der Rocktasche.
„Ihr macht Spaß, Hans“, meinte Hieronymus, mit forschendem Blick auf den Langen.
„Koi bißle!“ versetzte dieser. – „Schau, i will di nit lang im Wunder lau -’s Laubhauserbaure Töchterle hot mer auftrage, i soll di schäa grüeße – und do schickt dir das Dundersmädle ne Krämle – i haun ihr’s sealber b’sorge müesse auf’m Vöhrebacher Johrmärkt; i hau scho lang g’merkt, wo Barthle de Most holt!“ Dem jungen Burschen war das Blut ins Angesicht geschossen; der Lange hatte ihm das Päcklein überreicht. Der Empfänger aber war unwillkürlich mit der Hand in die Tasche gefahren, als wollte er den wohlverdienten Botenlohn herauslangen. „Hans“, sagte er nach einigem scheinbaren Grübeln, „ich hab kein Münz, wenn Ihr aber nach der Kirchweih wieder bei mir einspreche wollt „
„Hot nix z’sage, Hieronymus! Schau, i bin die best Seel im ganze Ländle, und wenn i nor älle Leuta healfa könnt – als Menschefreund – beim Dunder, tät’s!“ – Bei diesen Worten hatte der Landfahrer seinen Hut aufs linke Ohr gedrückt; „mer schwätze noch später mit’nander von deare Sach – adjes!“ sagte er, mit einem Händedruck und streifte im Fortgehen ein Blatt vom nahen Weidenbusche, um darauf die Melodie des Liedes: „Und du kennst mi au mit“ zu pfeifen. Hieronymus aber eilte rasch seinen Leuten nach.

Das Ohmd auf der Wiese war bald in Schober gehäufelt, und der Lehrling erhielt vom Meister die Weisung, auf den Fuhrmann zu warten. Kaum sah der Zurückgebliebene sich allein, als er, aufs duftige Ohmdgras niedergelassen, sein Päcklein bedächtig und nicht ohne einige Beklommenheit öffnete. – Ein schwarzseidenes Halstuch mit roten Zipfeln fiel ihm in die Augen, dabei ein Schreiben von seiner ehemaligen Schülerin: Dieses wenige, schrieb sie, schicke sie ihm für den Kleiderkasten, den er ihr so schön renoviert und für welchen sie ihm noch nichts habe geben können. „Mich und Deine Mutter“, schloß der Brief, „dunkt es schon eine halbe Ewigkeit, seit Du fort bist, und wir reden oft von Dir und hat Dich noch keins vergessen, und wenn wir beten, beten wir auch für Dich.“ – Unten am Rande des Schreibens hatte die Briefstellerin noch ein Verslein beigesetzt:

„So viel Tröpflein in dem Meer,
So viel Sandkörnlein hin und her,
Als Blatt und Früchten an Bäumen sein,
Als Strahlen hat der Sonnenschein,
Als Gras und Kraut die Erde tragt,
Als Stern und Geist der Himmel hat,
So viel hunderttausend Mal seist Du gegrüßt.“

Er lag noch lange träumerisch auf dem weichen Lager und schaute aufwärts in die Luft. In den abgemähten Stoppeln zirpten die Grillen ihr eintöniges Lied, und von den nahen Schlehenbüschen zitterten vergilbte Blätter schon herbstlich zu Boden, aber Hieronymus war es zumute, als breche eben der Frühling an mit all seinen Knospen und Blüten; und wenn er hinüberschaute nach den dunkelblauen Höhenzügen des Schwarzwaldes, wo der Rauch von den Kohlenmeilern wie Säulen in die stille Luft aufstieg und das ferne Rufen und Singen vereinzelter Hirten in den Wiesen umher durch die Landschaft klang – so glaubte er tausend Grüße zu vernehmen aus der Heimat.

Der Fuhrmann war gekommen, der Wagen geladen, und der Glückliche bestieg ihn, um mit dem Hochgefühl eines Siegers durch das Tor in die Stadt einzuziehen. Die Winternebel lagen auf der Landschaft, und schon hatte es der Lehrling so weit gebracht, daß ihn sein Meister für würdig hielt, einen erst kürzlich entdeckten Grundpfeiler der bildenden Kunst kennenzulernen. Es war , die durch Vereinigung der Natur und Kunst auf den rechten Grund und Grad der Vollkommenheit gesetzte Zeichnungswissenschaft oder Proportion der Figuren von der Geburt bis zum vierundzwanzigsten Jünglingsalter«. Ein Werk, worin, beiläufig gesagt, die leibliche Gestalt des Menschen mit ebensoviel Sicherheit und Scharfsinn ausgemessen war wie seine geistige Natur in gewissen philosophischen Abhandlungen der alten und neuen Zeit. – Hieronymus brachte das Heft oft zu seinem Freunde Severin, wo die beiden im warmen Stüblein manche Mußestunde mit Zeichnen und Tuschen zubrachten.

Unter solchen Beschäftigungen verging der Winter; Advent, Weihnachten, der Neujahrstag waren vorüber sowie der Dreikönigstag; und man näherte sich der Zeit, von welcher es heißt: Lichtmeß bei Tag eß, das Spinnen vergeß. – Die Fastnacht fiel heuer ziemlich frühe, und Hieronymus freute sich, das ungewohnte Leben und Treiben dieser Tage einmal mit ansehen zu können.

Bereits einige Tage vor dem „schmutzigen Donnerstag“ , dem ersten der drei Narrentage, sah man allabendlich die Gassenjugend vor dem Untertor versammelt, wo der Baptistle, ihr Liebling, wohnte. – Welch ein Jubel und Geschrei, wenn bald da, bald dort an einem Fensterlein des Tores der Kopf des närrischen Kauzes in wunderlicher Grimasse, ähnlich dem Lällekönig zu Basel, zum Vorschein kam – oder wenn eine Hand herausfuhr, welche Wolken von Puder unter den Haufen streute – oder wenn durch irgendeinen Spalt des alten Gebäudes plötzlich eine große Schlange unter das jugendliche Publikum raschelte, die, ehe sie erhascht werden konnte, ebenso schnell wieder oben verschwand.

Baptistle bewohnte sein Torstüblein, wie Diogenes sein Faß, in Armut, aber in philosophischer Geringschätzung alles dessen, was die Menschen irdische Güter und Schätze zu nennen pflegen. – Hinter dem grünen Kachelofen lagen in bunten Haufen seine Narrenkleider, zusammengeflickte Fetzen, seltsame wunderliche Trachten, welche ihm in Ermangelung eines Bettes das ganze Jahr hindurch zum Lager dienen mußten, weshalb er auch zu sagen pflegte: es gehe nichts über ein Federbett, er habe nur eine einzige Feder darin und schlafe herrlich wie ein König, wie gut müßten erst diejenigen schlafen, die viele darin hätten. Eine gräuliche, an vielen Stellen schon geflickte Riesenschlange nebst einem ausgestopften Kalb, dessen Kopf und Hinterteil einst vergoldet gewesen, teilten mit dem närrischen Patron den engen Stubenraum. – Es war dieses Getier das einzige, was er aus der Erbschaft seiner seligen Großmutter als wünschenswert an sic gezogen, und stammte ursprünglich aus einer Zeit, in welcher man für gut gefunden, moralisch-deklamatorische Aufzüge statt der altväterischen Fastnachtspossen dem Volke zur Erbauung vorzuführen. „Ludendo corrigo mores!“ lautete das Motto auf einem noch vorhandenen Programm. Bei solch einem Umzug, wobei in Begleitung von Instrumental- und Vokalmusik die sieben Todsünden dargestellt wurden und wobei auch die Großmutter des Baptistle mitgewirkt hatte, dienten jene Tiere als symbolische Beigaben.

Wenn unser moderner Diogenes auch keinen eigentlichen Lebenszweck zu kennen schien, denn seine Narrheit war rein um ihrer selbst willen da, und grünte, um zu grünen, wie das Semper vivum, so war er doch in Wirklichkeit nicht ohne Sorgen. Diese aber bestanden nicht etwa darin, daß er sich gekümmert hätte, was er wohl morgen essen werde (dafür ließ der Philosoph unsern Herrgott und gute Leute sorgen), sein Sinn bezog sich lediglich auf die Instandhaltung und zweckmäßige Vermehrung seiner Narrengarderobe. – Ein Geschäft, welches, wenn auch unbewußt, von manch andern, sich weise dünkenden Menschenkindern ebenso sorgsam gepflegt wird!

Sah unser Baptistle eine schön geputzte Person in neuen Kleidern über die Gasse gehen, so konnte man sicher sein, daß der Narr alsbald bei jener seine Aufwartung machte, bittend um einige Abfälle von dem neuen Prachtgewande; ja, ich glaube, wäre ein neuer Alexander vor ihn hingetreten mit der Aufforderung: eine Gnade sich zu erbitten – Baptistle hätte nur um einen einzigen Zipfel des königlichen Purpurs gebeten, um damit seine Narrenjacke zu flicken!

Einmal war allgemeine Landestrauer und das Narrenlaufen von Amts wegen verboten; man mußte sich, wenn auch ungern, fügen. Baptistle aber vermochte es nicht zu überwinden, daß sein Dichten und Trachten eines ganzen Jahres, gerade als er die Früchte davon zu ernten vermeinte, verkümmert und vernichtet werden sollte. Er ging, dem Herrn Amtsrat seine untertänigste Aufwartung zu machen und demütigst die Bitte vorzutragen: ob es ihm nicht wenigstens gestattet werden möchte, maskiert den Kopf durch das Fenster zu stecken? – Dies allenfalls konnte, unbeschadet des Ansehens der obrigkeitlichen Verfügung, verwilligt werden. – Mit vielen Bücklingen nahm Baptistle die gnädigste Erlaubnis entgegen, und mit schmunzelnder Miene sah man ihn seinem Stüblein zuschreiten.

Des anderen Morgens, am Schmutzigen Donnerstag, als der Herr Rat in Seelenruhe sein Pfeifchen zum Fenster herausschmauchte, denn die Frau Rätin liebte den Qualm im Zimmer nicht, entsteht gewaltiger Rumor auf der Gasse; der Stadtknecht stürzt zur Tür herein: „Der Baptistle“, berichtet er atemlos, „erfrecht sich – narrenzulaufen!“
„Augenblicklich her mit ihm“, befiehlt mit zornglühendem Antlitz der Rat. – Und man führt den Kontravenienten vor den gestrengen Herrn. – Baptistle hatte sein stattliches Narrenhäß angetan und ein Schiebfenster als Halskragen über den Kopf gestülpt.

Überrascht starrt der Amtmann bald den Baptistle, bald dessen seltsame Halskrause an, dann aber fährt er heraus: „ Wer hat Ihm erlaubt?“
„Gestrenger Herr!“ entgegnete der Schalksnarr mit tiefer Reverenz, „haben mir ja Permission erteilt zum Maskieren und den Kopf zu meim‘ Fenster rausstrecken zu dürfen. – Das hier ist mein Stubenfenster, wo ich rausschau!“ — Ob diesem Gebaren war selbst richterlicher Ernst nicht mehr haltbar, und mit gnädigem Lächeln gab der Rat den Bescheid: „Für diesmal soll es Ihm hingehen, aber auf den Gassen laß er sich hinfüro nicht mehr blicken – verstanden?“ Der Baptistle geht.

Aber am zweiten Fastnachtstag erblicken die Einwohner des Städtleins oben am Schellenberger Wald ein seltsames Schauspiel. – Es war unser Eulenspiegel mit der Schuljugend, welcher eingedenk der Worte des Stadtgebieters: sich nicht mehr auf der Gasse blicken zu lassen, das freie Feld zum Tummelplatz seiner Narrenstreiche gewählt hatte.

Aus diesem Vorgang hätte der Herr Rat wohl merken können, daß man einen tief gewurzelten Baum nicht wohl ausreißen kann, ohne daß einige Würzelein und Zäserchen zurückbleiben, welche von neuem ausschlagen.

Als diesmal der erste Fastnachtsmorgen angebrochen, hatte sich gleich nach dem Gottesdienste wieder die ganze Kinderschar vor dem Untertor versammelt. – Als der Held nicht alsogleich erscheinen wollte, erhob sich wie bei einem Theaterpublikum Lärm und Spektakel. – Endlich rumpelt es auf der Stiege – Baptistle erscheint – und zwar in der Gestalt eines „Eselsreiters“. – Unter dem scheckigen Waffenröcklein schaut der hölzerne Kopf des Langohrs hervor, auf welchem der Ritter, im Sattel sitzend und die Zügel in der Hand, zu reiten scheint, während auf der Kehrseite Schwanz und Hinterteil des Tierleins zu schauen sind. Über der Schulter hängt die ausgestopfte Kälberhaut, eine malerische Beigabe, die ihrem Träger beinahe das Ansehen eines in die Neuzeit übersetzten Herkules verlieh.

Donnernder Jubelruf erschallt beim Anblick des Heros, der, seiner Rosinante die Sporen gebend, kühn unter den Haufen sprengt – fort bewegt sich der Troß -, während der Ritter, wie Zeus seine Blitze auf verweglich nahende Sterbliche, sein an einem Stricke befestigtes Kalb den neckenden Buben stäubend auf den Rücken schleudert. Gaß auf, Gaß ab, durch Dick und Dünn geht der Ritt, und die begleitende Schar, blau vor Zeter und Rennen, läßt im Chorus die Narrenverslein erschallen:

Alle Vöglele singet so hell
Bis am Samstig z’Obed!
Alle Meideli hättest mi gern,
O! wie bin i ploget!
Narroh!

Hideli, hädele, hinterm Städtlele
Hät en Bettelma Hochzit,
Es giget e Müüsli,
Es tanzet e Lüüsli,
Es schlagt en Igeli Trumme,
Alle Tierli, wo Wädeli hond,
Sollet zur Hochzit kumme!
Narroh!

Somit war die Fastnacht eröffnet, dem Faß der Zapfen ausgestoßen, und nach dem Sprichwort: „ein Narr macht hundert“, ließ sich mancher vorher unentschlossene Geselle bewegen, einzusteigen ins allgemeine Narrenschiff und die zwei- oder dreitägige Lustfahrt mitzumachen.

Doch sehen wir uns gelegentlich auch einmal nach unserm Lehrling um, welche Rolle denn dieser gespielt. Wenn es schwer ist, in solch bewegtem Durcheinander den einzelnen im Auge zu behalten, so darf doch als gewiß angenommen werden, daß Hieronymus weder unter den Maskierten noch auf dem Tanzboden zu finden gewesen; denn unsere Voreltern hatten den einfältigen Glauben, daß einem Lehrjungen (so wie auch einem Schulpflichtigen) noch keine Stelle allda gebühre, und daß ein solcher, dort betroffen, von Meistern und Gesellen nach Haus gejagt zu werden verdiene. Deshalb dürfen wir mit gutem Grund annehmen, daß er unter den Zuschauern sich befunden, ein Platz, der diesmal besonders ergötzlich gewesen sein mochte.

Es waren zu jener Zeit die alten, etwas in Abgang gekommenen Nationalmasken, die „Hansel“, oder wie sie auch heißen, die „Narro“ wieder in Aufnahme gekommen; denn weil Narrheit und Mode sozusagen Geschwisterkind sind, so unterliegt auch erstere dem Wechsel der Zeit und der Laune.

Das „Häß“ dieser Hansel war kurz vorher in der Werkstatt des Meisters Amtsdiener hübsch renoviert, d. h. bunt bemalt worden.

Der Hansel oder „Heine“, in den Städten Rottweil, Villingen, Donaueschingen und Hüfingen sowie in mannigfacher Abwechslung in der Seegegend heimisch, erscheint als ein Gemisch des altdeutschen Pickelhärings und des italienischen Pantalone. Eine große Holzlarve, „Scheme„, bedeckt das Gesicht, eine Kapuze mit hängendem Fuchsschwanz, zuweilen auch ein breiter Kragen, zieren Kopf und Hals. Die weite Jacke, die schlotterige Hose, beide von weißem Zwillich, bemalt mit Laubwerk und Figuren, und die kreuzweis übergehängten Riemen mit schweren metallenen Schellen sind die Kleidung des Hansels. – Als Waffe schwingt er den hölzernen Flamberg oder die Pritsche, oder er bedient sich der weit ausgreifenden „Narrenscher“. – In allen Häusern ist ihm Zutritt gestattet; und hat er hier die Bolzen seines Witzes verschossen oder gestrehlt, wie die Villinger sagen – so betritt er sein eigentliches Lustrevier, die Gasse, wo die dankbare Jugend seiner harrt -; und daß er ja in Gang und Haltung sich nicht verrate, bediente er sich des üblichen „Narrensprungs“, unnachahmlich jedem Hergelaufenen, d. h. Fremden.

Unser Bildchen soll eine solche Hanselsszene veranschaulichen. Gelockt von Apfelkorb und Bierkrug, umschwärmt ein tobender, schreiender, haschender Haufe den Hansel, fort geht es im Takte des Schellengeklingels, und aus hundert Kehlen erschallt es lustig:

I ha de Narr am Seile,
I han e recht erwischt;
I laß en nimme renne,
Bis d’Fasnet umen ischt!

Narro, Narro siebe sie,
Siebe, siebe Narro gsi;
Narro, Narro Gigeboge,
Was de seist, isch all’s verloge.
Narroh!

Nicht immer iedoch sind’s die alten Liedle, welche der jugendliche Troß dem „auswerfenden“ Hansel singt; manchmal bringt dieser ein neues, eigens auf bestimmte Persönlichkeiten oder Ereignisse gereimtes auf’s Tapet. – Erscheint er aber „nüchtern“, d. h. mit leeren Händen, dann muß er sich’s gefallen lassen, selbst die Zielscheibe des Spottes zu werden:

Hansele, due Lumpehund!
Häst nit g’wißt, daß d‘ Fasnet kummt?
Hättest ’s Muul mit Wasser g’riebe,
Wär der’s Geld im Beutel bliebe!
Narroh!

Dem guten Wälderkinde Hieronymus wollte das Tollen und Treiben des närrischen Theaters fast befremdlich vorkommen; ja, es war ihm anfangs unheimlich zumut, wenn ihn so ein schellenbehangener Narr auf der Straße anredete und er dann – in die finstern Augenhöhlen der großen, lächelnden Holzlarve blickend – nicht recht wußte, wie er den „hänselnden“, foppenden Ton des Schalkes passend erwidern sollte. Und da er, wie schon angedeutet – ohnedies als Lehrling zur Passivität verurteilt war, so entschloß er sich, die freie Zeit des letzten Fastnachtstages zu einem Besuch im stillen Dorfe der betagten Großeltern zu benützen. Des andern Tages, am Aschermittwoch, wollte er dann, über Villingen zurückkehrend, seinen Freund Severin aufsuchen, der dort im Wirtshaus „Zum Hecht“ jedesmal über diese Zeit bei der Tanzmusik mitwirkte. Die „Hecht“-Wirtin war die Patin des musikalischen Altgesellen, und dieser nicht der Mann, einem sich darbietenden Nebenverdienst so leicht den Rücken zu kehren.

Auch dort, in der alten vorderösterreichischen Reichsstadt, stand dazumal die Narrenzunft im höchsten Flor. Der erste Tag, der schmutzige Donnerstag, gehörte in Villingen ehedem ausschließlich der Schuljugend; da hatten die Buben das Recht, narrenzulaufen. Fiel es aber einem Jungen ein, auch an den folgenden Tagen maskiert unter die Erwachsenen sich zu mischen, so wurde er ergiffen und zur Abkühlung des allzu hitzigen Narrengeblüts in den nächsten Brunnen getaucht.

Die derben, mitunter anstößigen Späße und Possen der früheren Zeit, die rücksichtslosen Kundgebungen und verletzenden Persiflagen in Prosa und Versen sind überall verschwunden und haben löblicherweise einem harmloseren Humor das Feld eingeräumt; ebenso manche der unschönen, ständigen Figuren der alten Narrenbühne, wie zum Beispiel die „Hexe“ und der „ Wuest„, die es mit ihren Besen in der Hand lediglich auf Scharmützel mit den Gassen-buben abgesehen hatten, sowie auch der wild sich gebärdende „Butzesel*, der stets von einer Anzahl Narros begleitet sein mußte, die ihn mit Peitschenhieben von beliebten Angriffen auf das, namentlich ländliche, Publikum abzuhalten hatten.

Wueschtvater a.D. Roland Weißer

Als der Held unserer Erzählung, nachdem er bei den Großeltern übernachtet, am Aschermittwoch-Nachmittag die Stadt Villingen betrat und über den Marktplatz schritt, bemerkte er dort viele, müßig um ein schwarzes Gerüst herumstehende Leute, und weiterhin in einer Gasse sah er leidtragende Männer in schwarzen Ratsmänteln mit langen, flatternden Trauerflören daherkommen. – Schon wollte er einen Vorübergehenden fragen, was für eine vornehme Person denn begraben werden solle, als ihm einfiel, es werde wohl der alten Fastnacht gelten. Denn schon in Hüfingen hatte er gehört, daß heute auch dort die Fastnacht „begraben“ werden sollte.

Mit Severin, den er richtig noch im „Goldenen Hecht“ traf, konnte er sodann Zeuge sein von dieser, im Charakter damaliger Zeit liegenden (jetzt aber erfreulicherweise nicht mehr gebräuchlichen) Zeremonie. – Nachdem sie im Wirtshaus zusammen eine Flasche geleert und sich die von der Gotte „Hecht“-Wirtin zubereiteten Fastenküchle trefflich schmecken lassen, begaben sie sich auf den Marktplatz, wo man auf einer Art Sarkophag die irdischen Reste der Entschwundenen – in Gestalt eines mit Stroh ausgestopften Narros – bereits enthüllt auf dem Paradebett liegen sah.

Mittlerweile hatte der Zug sich gebildet. In den wunderlichsten An- und Aufzügen, eine antiquarische Blumenlese aus allen Gerümpelkammern des Orts, waren die Teilnehmer herbeigekommen, ohne Larven, nur mit bemalten oder berußten Gesichtern. Die Agnaten und nächsten Anverwandten der allerhöchst Vergangenen trugen alle schwarze Ratsmäntel, von welchen sich dazumal in jedem Hause mindestens ein Exemplar vorfand, weil kein Bürger ohne diesen Mantel vor Rat erscheinen durfte. – Unter lautem Wehklagen und Seufzen setzte sich der Kondukt in Bewegung, voran die Totengräber und der Standartenträger, hinter ihnen die von vier Narro getragene Bahre, dann sämtliche in Sack und Asche trauernden Zunftgenossen, und ganz zuletzt trippelte – als Hauptperson der Feierlichkeit – die „Leidfrau“, in einem Kostüm, wie die Hex vor Tag, wie man zu sagen pflegt. Aller Spott, alle schlechten Witze, gereimt und ungereimt, wurden von den das Geleite umschwärmenden Zuschauern auf die Leidfrau losgelassen, die in unbändigstem Schmerze sich die Haare ausraufte und ganze Fetzen aus ihrer antiken Gewandung riß.

Am meisten Spaß hatten Hieronymus und sein Begleiter an der Person des mit vielen hohen – nunmehr aber schwarzverschleierten Orden gezierten Hofastrologen der jüngst verwichenen Herrscherin, der gravitätisch unter den übrigen traurigen Hof- und Kammerlakaien einherschritt. Durch den oberen Teil einer Kunkel schaute der gelehrte chaldäische Doktor, wie durch ein Fernrohr, beständig nach den Sternen, als sollten dort – wie dies beim Tode mächtiger Potentaten schon der Fall gewesen sein soll – außerordentliche Zeichen und wichtige Ereignisse verkündende Konstellationen sich zeigen; und eben wollte er dem mutwilligen Publikum den nahe bevorstehenden Weltuntergang prophezeien, als er – zum nicht geringen Gelächter der Zuschauer – auf einer, durch das herrschende Tauwetter schlüpferig gewordenen Stelle ausglitschte und – ziemlich unsanft zunächst an seine eigene Hinfälligkeit erinnert wurde.

Das Ziel des Zuges war – eine bittere Ironie auf den Ausgang aller menschlichen Lust und Herrlichkeit – der große Dung- und Kehrichthaufen am Spital, der den Leichnam aufzunehmen bestimmt war. Große Eile hatte es übrigens damit nicht; denn überall, wo man unterwegs ein Wirtshaus traf, wurde haltgemacht und das grambeschwerte Herz mit der süßen Bacchusgabe zu erleichtern gesucht.

Am genannten Orte angekommen, ging sodann die Versenkung mit allerlei Parodien und einer Predigt vor sich – wobei manche alte Narren – wie Hieronymus und Severin zu bemerken glaubten – in ihrem Katzenjammer wirkliche Tränen vergossen – wahrscheinlich im betrübenden Gedanken an ihre so leicht gewordenen Geldbeutel und an die Buß- und Fastenpredigten, die ehelicherseits zu Hause ihrer warteten.

Unsere Schilderung aber sei mit dem bis auf den heutigen Tag noch gültigen Sprichworte geschlossen:

„Würden alle Narren Kolben tragen, so würde das Holz teuer.„


Drei Filme der Hüfinger Fasnet von 2015



Hier noch zum Vergleich ein Filmchen von 2014 mit Villinger Narros

Und weil es so schön passt hier noch der Hexensunntig in Bräunlingen 2011

Landfahrerleben
Heimreise

Hieronymus
Das Buch von Lucian Reich 1858

Der Hüfinger Künstlerkreis

Johann Nepomuk Heinemanns „Hieronymus“

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