Der Preis der Anpassung

Warum Beschwichtigung kein Charakterfehler ist – sondern eine von Kindestagen an gelernte Reaktion.

Es gibt einen Satz, den viele Menschen häufiger denken, als sie zugeben: „Bist du sauer auf mich?“ Er wirkt harmlos, fast freundlich und rücksichtsvoll. Und doch steckt in ihm oft etwas anderes und zwar Angst. In der Psychologie spricht man inzwischen von einer vierten Stressreaktion neben Kampf, Flucht und Erstarren, vom sogenannten „Fawning“. Dieses Wort bezeichnet:

Anpassung.
Beschwichtigung.
Unterwerfung.
Deeskalation.
Bambi-Reflex.

Die Idee dahinter ist genau so einfach wie unbequem. Wenn weder Kampf noch Flucht möglich sind, wenn Erstarren nicht reicht, versucht das Nervensystem etwas anderes. Es versucht, die Situation zu beschwichtigen. Nicht durch Widerstand, sondern durch Anpassung. Menschen werden freundlich, verständnisvoll, nachgiebig. Sie stimmen zu, sie relativieren sich selbst, sie nehmen sich zurück. Nicht, weil sie keine Meinung hätten, sondern weil es so sicherer ist.

Im Englischen wird manchmal auch der Begriff „appeasement“ für „fawning“ verwendet. Ein bekanntes Wort aus der Politik und ein unangenehmes Wort im Alltag. Der entscheidende Unterschied ist, Fawning ist keine bewusste Strategie sondern eine unbewusste Reaktion.

Im Buch „Bist du sauer auf mich?“ von Meg Josephson wird genau das beschrieben. Wie Menschen lernen, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, um Konflikte zu vermeiden, um gemocht zu werden, um nicht abgelehnt zu werden und wie tief dieses Muster gehen kann. Fawning zeigt sich nicht laut sondern leise. Man sagt selten Nein oder nur mit langem Zögern und immer mit schlechtem Gewissen. Man überlegt vorher, wie etwas ankommen könnte und danach fast zwanghaft, ob es falsch war.

Man übernimmt die Verantwortung für die Gefühle anderer Menschen.

Man vermeidet Konflikte um jeden Preis und passt die eigene Meinung an. Die Gedanken kreisen dann in der Nacht um: Habe ich etwas falsch gemacht? War das zu viel? War das unpassend? Ist jetzt jemand verärgert?
Gefühle wie Scham, Unsicherheit und Schuld folgen meist grundlos und ohne klaren Anlass. Gerade dieses Schuldgefühl ist zentral, es gehört nicht zur Situation, es gehört zum Muster des Fawnings und ist eine Reaktion des Nervensystems und erzeugt auf Dauer Schlaflosigkeit und somit Stress.

Und genau hier wird es interessant für die Mechanik der Mikromacht, denn solche Reaktionen entstehen nicht im luftleeren Raum. In einer Welt, in der Anpassung belohnt wird, in der Harmonie über alles gestellt wird, in der Widerspruch als Problem gilt, ist Fawning nicht ungewöhnlich. Weil es ist funktional!

Nicht nur historisch war die Anpassung für viele Menschen notwendig. Frauen, marginalisierte Gruppen, eigentlich alle, die abhängig sind, müssen sich anpassen – und vor allem auch Kinder. Nur die Oberschicht kann sich Exzentrik leisten. Sich anzupassen ist also keine Schwäche, sondern eine tief verankerte Überlebensstrategie. Ein Zitat aus dem Buch von Meg Josephson bringt es auf den Punkt: „Was ist der „Bambi-Reflex“ anderes als der Versuch, sich in ein Schema einzufügen (…) das eine dominante Gesellschaft für akzeptabel hält?“

Es wird in der Kindheit antrainiert und verfestigt. Die Gesellschaft liefert den Rahmen und das Nervensystem reagiert.

Fawning ist nicht nur für andere schwer erkennbar sondern auch für einen selbst. Nach außen ruhig wirken, während innen Alarm herrscht. Denn was von außen wie Freundlichkeit aussieht, kann innen Verzicht sein.

Die Grenze zwischen echter Rücksicht und Selbstaufgabe ist schmal.

Und genau deshalb führt der Weg hinaus oft über einen unangenehmen Schritt: Grenzen setzen!

Das klingt einfacher, als es ist, denn wer lange angepasst war, gerät leicht ins andere Extrem und wird laut, hart und abwehrend. Auch das ist Teil des Prozesses!

Entscheidend ist etwas anderes: Nein sagen ist kein Angriff. Und es ist schon gar kein Integritätsbruch!
Im Gegenteil. Es kann der erste Schritt zurück zur eigenen Integrität sein. Denn Integrität bedeutet nicht, immer ruhig zu bleiben oder immer angenehm zu sein oder es allen recht zu machen. Integrität zeigt sich unter Druck. Und manchmal zeigt sie sich genau dort, wo jemand zum ersten Mal Nein sagt. Darin liegt auch die Verbindung zu den anderen Texten dieser Reihe.

Zum Ton.
Zur Bewertung.
Zum Schweigen.
Zur Sichtbarkeit.
Zur Integrität.

Wer gelernt hat, dass Widerspruch Folgen hat, passt sich an. Und wer sich anpasst, verschwindet. Wer verschwindet lebt im Dauerstress. Wer im Dauerstress lebt wird krank.

Fawning ist kein individuelles Problem.

Es ist eine logische Reaktion auf eine Umgebung, die Anpassung belohnt und Abweichung sanktioniert. Und genau deshalb lohnt es sich, es zu erkennen. Nicht, um sich zu verurteilen, sondern um zu verstehen, woher dieses Verhalten kommt und wo es vielleicht nicht mehr nötig ist.

Schulleiterin der Lucian-Reich-Schule, Naturpark Südschwarzwald, Gebührenanpassungen, Fliesenarbeiten Feuerwehrgerätehaus

Die Unterlagen gibt es wie immer hier: https://huefingen-sitzungsdienst.komm.one/bi/info.asp

Hier geht es um die Gemeinderatssitzung am 23. April 2026

Ausschuss für Umwelt und Technik 18:15 Uhr

Bauantrag Nr. 03/2026

Errichtung eines Einfamilienhauses mit Carport in Sumpfohren.
Durch das Vorhaben wird eine schmale Baulücke zwischen der Dorfstraße (K5741) und dem Mühlenbach bebaut. Der Ortschaftsrat hat einstimmig zugestimmt und auch der Gemeinderat.

Bauantrag Nr. 12/2026

Errichtung eines Schuppens in Behla.
Vorgesehen ist der Abbruch des bestehenden baufälligen Schopfes und Wiederaufbau bzw. Errichtung eines neuen Schuppens an der gleichen Stelle. Der Ortschaftsrat hat einstimmig zugestimmt und auch der Gemeinderat.

Bauantrag Nr. 14/2026

Neubau eines Einfamilienhauses mit Garage auf dem Hohen II.

Was mir auffällt ist, dass hier immer noch Bauvorgaben stehen an die sich auf dem Hohen II eh niemand hält. Es ist Hüfingens Wilder Osten mit Schottergärten, Barrikaden-Zäunen und vermutlicher Drogen-Umschlagplatz. Aber viel kann man hinter der durch ganz merkwürdige Umstände zustandegekommenen Halfpipe nicht erwarten. Wie hatte ich schon im März geschrieben:
Planungssicherheit war selten so langlebig wie auf dem Hüfinger Hohen“

Auch hier hat der Gemeinderat einstimmig zugestimmt.

Sitzung des Gemeinderates um 18:30 Uhr

TOP2 Bürgerfragestunde

TOP3 Bekanntgabe von Beschlüssen aus nichtöffentlichen Sitzungen

Der Bürgermeister bekommt einen Leasingwagen.

TOP4 Vorstellung der neuen Schulleiterin der Lucian-Reich-Schule

Seit dem 1. März 2026 gibt es eine neue Rektorin an der Lucian-Reich-Schule. Die neue Rektorin, Christiane Schell, war früher Konrektorin als Franz Dury noch Rektor war und kennt sich hervorragend aus. Sie hat sich heute dem Gemeinderat vorgestellt und ich bin sicher sie ist ein großer Gewinn für Hüfingen.

TOP5 Naturpark Südschwarzwald

Die Stadt Hüfingen hat zum 3. Dezember 2025 ihre Mitgliedschaft im Naturpark Südschwarzwald e. V. zum nächstmöglichen Zeitpunkt auf Grundlage eines Beschlusses des Gemeinderats im Zuge der nicht öffentlichen Haushaltsberatungen gekündigt. Der Geschäftsführer des Naturparks, Herr Roland Schöttle, hat angeboten, dem Gemeinderat die Beweggründe und Hintergründe der Arbeit des Naturparks persönlich darzustellen. Darüber hinaus soll aufgezeigt werden, welche Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten sich für die Stadt Hüfingen im Rahmen einer Mitgliedschaft im Naturpark ergeben. Es soll durch die Vorstellung und Diskussion eine Entscheidungsgrundlage entstehen, um die Kündigung noch einmal kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls zurückzunehmen.

Aufgaben und Ziel des Naturparks

  • Erhaltung, Pflege und nachhaltige Entwicklung der Kulturlandschaft Südschwarzwald
  • Besondere Bedeutung der Erholungsfunktion
  • Leitmotiv „Schützen durch Nützen“
  • Der wirtschaftende Mensch steht im Mittelpunkt

Nachhaltige und naturverträgliche Entwicklung des Naturparks als Erholungsregion
→ Gesetzliche Grundlage: § 27 Bundesnaturschutzgesetz

Der Gewinn von Hüfingen aus dem Naturpark Südschwarzwald

Ich habe mich schon im Dezember beim Lesen des Haushalts darüber geärgert, dass die Entscheidung zur Kündigung der Mitgliedschaft beim Naturpark Südschwarzwald still, leise und heimlich getroffen wurde. Damals hatte ich nicht die Kraft, mich auch hier noch zu äußern, weil zu dieser Zeit bereits mehr passiert ist, als ich tragen konnte – von der Absage und der Verunglimpfung an den gesamten Naturschutz in der GR Sitzung im November bis zur Fällung der Bäume beim Frank in einer Nacht- und Nebelaktion.

Heute sage ich es klar und ohne Ironie wie fatal diese Kündigung für Hüfingen sein wird:

Hannahs Meinung:

Die „Debatte“ um den Naturpark zeigt erneut, welche Richtung in Hüfingen eingeschlagen wird:

Nicht Zukunft, nicht Qualität, nicht Substanz – sondern kurzfristiges Kleinrechnen auf Kosten dessen, was eine Stadt lebenswert macht.
Die Zahlen sprechen eigentlich für sich.

Die Mitgliedschaft hat sich mehrfach gerechnet. Fördermittel flossen zurück, Projekte wurden ermöglicht, der Beitrag hat sich amortisiert. Trotzdem wurde gekündigt.

Das Problem ist also offenbar nicht das Geld.

Das Problem ist, wofür man Geld auszugeben bereit ist – und wofür nicht.
Für neue Baugebiete, weitere Versiegelung, technische Eingriffe und immer neue Projekte findet sich regelmäßig Bereitschaft. Für Landschaft, Naturschutz, Aufenthaltsqualität und langfristige Entwicklung dagegen erstaunlich wenig.

Wer so entscheidet, setzt klare Prioritäten.

Und es bleibt ja nicht beim Naturpark. Die offene Jugendarbeit wurde 2021 stillgelegt, das Jugendhaus jetzt auch geschlossen, dem Naturschutz wurde generell eine Absage erteilt, kulturelle Förderung zusammengestrichen – die Musikschule sei obsolet – und an anderer Stelle wird ohne erkennbares Gesamtkonzept Substanz zerstört.
Alte Bäume fallen schneller als neue Ideen wachsen.

Nun trifft es auch den Bereich Tourismus und Identität. Denn der Naturpark ist mehr als ein Vereinsbeitrag. Er ist Sichtbarkeit, Förderung, Vernetzung, regionale Stärke und die Chance, Teil eines größeren Ganzen zu sein.

Wer das wegwirft, schwächt die Stadt nach außen und nach innen zugleich.

Besonders bitter ist dabei die Symbolpolitik: Geschichte wird beschworen, Tradition wird inszeniert, Logos werden gestaltet – aber reale Geschichte, gewachsene Landschaft und konkrete Zukunftschancen verlieren an Wert, sobald sie Pflege, Offenheit oder Haltung erfordern.

Hüfingen könnte mehr sein als eine Stadt des Abwehrens, Kürzens und Verhinderns. Aber dafür müsste man endlich begreifen:

Jugend, Kultur, Natur und Lebensqualität sind kein Luxus!

Sie sind das Fundament. Wer dieses Fundament Stück für Stück abträgt, darf sich über den Niedergang nicht wundern.

Ich möchte an dieser Stelle die Gelegenheit nutzen, mich bei dem Geschäftsführer des Naturparks, Herrn Roland Schöttle, dafür zu bedanken, dass er den Versuch unternimmt, Bürgerinnen und Bürger sowie die Stadt Hüfingen vor den kurzsichtigen Kürzungen dieses Gemeinderats zu bewahren und auch für die Transparenz die hiermit hergestellt wird.


Kathrin Schwarz redet für die CDU und meint, dass es womöglich ein Schnellschuss war und die CDU unterstütze die Rücknahme der Kündigung. Reinhard Isak redet für die SPD und ist ähnlicher Meinung wie die CDU. Auch Michael Steinemann vom Freien Forum rechtfertigt sich dafür, dass sie 2.500 Euro sparen wollten ohne richtig darüber nachzudenken. Schön, dass jetzt anscheinend gedacht wird!

Der Gemeinderat widerruft die Kündigung der Mitgliedschaft im Naturpark Südschwarzwald einstimmig!

DANKE!

TOP6 Anpassung der Raumnutzungsentgelte – Trauorte

Die Raumnutzungsentgelte für Eheschließungen wurden zuletzt im Jahr 2022 angepasst und sollen zum 1. Juni 2026 erhöht werden.

Der Gemeinderat beschließt einstimmig die Anpassung der Gebühren.

TOP7 Friedhofsgebühren

Die Bestattungsgebühren wurden letztmals 2022 angepasst und sollen auch zum 1. Juni 2026 erhöht werden.

Es wird auf Antrag der SPD ein Absatz aufgenommen, dass für Kinder bis zum vollendeten 10. Lebensjahr keine Grabherstellungskosten anfallen. Der Kämmerer wendet ein, dass die Kommunalaufsicht diesen Absatz streichen wird.

Der Gemeinderat beschließt die Anpassung der Gebühren zum 1. Juni 2026

TOP8 Vergabe von Bauleistungen – Erweiterung Feuerwehrgerätehaus Hüfingen

Noch etwas erfreuliches:

Eine Firma aus Immendingen soll mit den Fliesenarbeiten in Höhe von 91.209,34 € brutto beauftragt werden.

Für die Bodenbelagsarbeiten gibt es zwei Alternativen:

Eine Firma aus Villingen-Schwenningen soll mit den Bodenbelagsarbeiten in Höhe von 32.862,68 € brutto beauftragt werden. Hier sind die Stoßfugen deutlich unauffälliger und das Material ist insgesamt robuster. Dies wird für Feuerwehren empfohlen.

oder die günstigere Variante:

Bodenbelagsarbeiten in Höhe von 22.160,71 € brutto. Hier wird billigere Bahnenware verlegt, wodurch die Stoßfugen sichtbarer sind und die Materialstärke geringer ausfällt.

Daniel Bucher spricht für die CDU und meint, dass man hier nicht unbedingt sparen sollte, da es sonst im Endeffekt teurer wird. Die SPD ist der selben Meinung und auch Michael Steinemann vom Freien Forum will die bessere Variante.

Es wird einstimmig die robustere Variante ausgewählt.

TOP9 Direktvergabe Elektroakustische Anlage (ELA) Lucian-Reich-Schule

Aktuell hat die Elektroakustische Anlage einen Defekt, wodurch die Durchsagen nicht mehr alle Klassenzimmer erreichen. Da die Anlagenteile bereits über 25 Jahre alt sind, gibt es keine Ersatzteile zur Reparatur und Instandsetzung mehr.
Die Anlage besteht aus zwei Zentralen die komplett getauscht werden müssen.
Der weitere Umfang der Arbeiten beinhaltet, die Inbetriebsetzung, Programmierung, Funktionsprüfung und Einweisung in die neue Anlage.

Eine Hüfinger Firma wird einstimmig für die Elektroarbeiten in Höhe von 39.971,51 € brutto beauftragt.

TOP 10 Informationen der Verwaltung und Anfragen aus dem Gemeinderat

Für das Areal vom Frank gäbe es einen ersten Entwurf und die Nachbarschaftshilfe läge momentan noch beim Registergericht in Freiburg zu Eintragung.

Mete Ünal und SPD stellte einen Antrag für „Pfand gehört daneben„.

Michael Steinemann beschwert sich über das Hochbeet von Natur nah dran. Ist aber doch bisschen peinlich jetzt im Gemeinderat so damit anzukommen, aber immerhin mal kein hinten rum nachtreten, sondern vor versammelter Mannschaft.
Eigentlich war die Idee am Schari gemeinsam mit Jugendlichen etwas wachsen zu lassen.
Etwas, das nicht nur angelegt wird, sondern auch mit Beteiligung, Verantwortung und Identifikation zu tun hat. Aber was will man machen ohne Jugendhaus? Ich habs nicht abgeschafft.

Vor 81 Jahren ermordete die SS Willibald Strohmeyer

Es ist bezeichnend für die lokale Presse, dass Morde der SS bis heute ignoriert werden. Aber auch die lokalen Heimat- und Geschichtsvereine üben sich in Geschichtsklitterung. Vermutlich sollen Väter weichgespült bleiben, gab es hier doch so einige Waffenbrüder aus der SS Leibstandarte. Da ist es einfacher auf Juden zu zeigen, wie es die VHS-Baar tut.

SS-Untersturmführer Heinrich Perner (05.09.1909-17.09.1975) und SS-Unterscharführer Horst Wauer (03.08.1916 -08.09.1991) ermordeten zusammen mit dem französischen SS-Unterscharführer Jacques Roglin (09.08.1922-  12.11.1990) und den Legionären Maurice Leyrat und Raymond Delotter gegen Ende vom Krieg Willibald Strohmeyer. Für Mörder wie Heinrich Perner und Horst Wauer war Willibald Strohmeyer ein sichtbares Wahrzeichen des Anstandes und auch Gewissens.

Am Sonntag, den 22. April 1945 gegen 11.00 Uhr, entführten die SS-Männer Willibald Strohmeyer und fuhren ihn zum Heubronner Eck. Willibald Strohmeyer musste bergauf gehen, bis ihn Jacques Roglin nach etwa 25 Metern durch einen Genickschuss ermordete. Die Leiche wurde etwa 15 Meter weiter geschleift, ausgeraubt und verscharrt. Die Grube wurde dann notdürftig mit Erde, Rasen und Tannreisig bedeckt. Erst am 6. Mai wurde er von von einem Suchkommando des Rammersbacher Hofes entdeckt und auf dem Friedhof von St. Trudpert beigesetzt.

Willibald Strohmeyer ein Gelehrter aus Mundelfingen

27. Dezember 2024

Willibald Strohmeyer wurde am 6. Juli 1877 in Mundelfingen geboren.

Als Zweitgeborener des Landwirts Jakob Strohmeyer schloss sich für Willibald Strohmeyer die Übernahme des elterlichen Betriebes in Mundelfingen aus. Gefördert vom Dorfpfarrer Leopold Streicher, der die Begabung seines Schülers erkannte, konnte Strohmeyer nach der Volksschule die Lendersche Anstalt in Sasbach besuchen, am Gymnasium in Rastatt das Abitur ablegen und anschließend in Freiburg katholische Theologie studieren. Willibald Strohmeyer wurde 1902 zum Priester geweiht und war von 1909 bis zu seiner Ermordung Pfarrer in St. Trudpert im Münstertal .

Am 29. August begrüßt Willibald Strohmeyer (r.) den apostolischen
Nuntius Eugenio Paceli (l.) den späteren Papst Pius XII.,
der vom Freiburger Katholikentag aus dem Kloster St. Trudpert einen Besuch abstattet.

Foto von Unbekannt aus einem alten Zeitungsschnipsel

Im Münstertal entwickelte Strohmeyer ein weit über seine seelsorgerischen Aufgaben hinausreichendes Engagement. Nach über einem Jahrhundert Leerstand gelang es ihm, eines der geistlichen Zentren Süddeutschlands, das Kloster St. Trudpert, wiederzubeleben.

Lucian Reich 1855 in den Wanderblühten:

Gerne erinnern ältere Bergleute sich der Zeit, wo der Grubenbau noch von der Abtei Sankt Trudpert betrieben wurde. Manch heiteres Fest gewährte damals dem mühseligen arbeitenden Bergmann Erholung und Freude. Ein Hauptfest aber war am Tage Sankt Barbara als der Schutzpatronin der Bergleute, welch letztere sich aus den Gruben „Teufelsgrund“ und „Gotteseintracht“ bei Badenweiler alljährlich zur gemeinsamen Feier vereinigten. Früh morgens versammelten sich die ganze Gewerkschaft bei der Münstertaler Boche und Schmelze. Von da ging es im Zuge, voran die Bergwerksfahne, die Ober- und Untersteiger und eine Musikbande, zur Klosterkirche, allwo ein feierliches Hochamt abgehalten wurde. War dieses zu Ende, so begab man sich wieder auf den Sammelplatz, um die Regeln und Satzungen zu verlesen und ein förmliches Sittengericht über Zuwiderhandeln abzuhalten. Nebst diesem wurde strenge Ermahnung gegeben zur Haltung der Gebote Gottes und der Kirche.

Die zweite Hälfte des Tages sodann war der Fröhlichkeit gewidmet. Ein reichbesetztes Mahl im Klosterhofe erwartete die Teilnehmer, deren Zahl zuweilen über dreihundert stieg. Jedes Mal während dem Essen erschien auch der Prälat, der mit seinem Mohren und Heiducken im prächtigen, mit Mauleseln bespannten Gallawagen daher fuhr und seine Leute begrüßte. Später begann der Tanz, zu dem die Dirnen des Tales gerne sich einladen ließen, und wobei es gebräuchlich war, dass jede Schöne ihrem Liebhaber ein farbiges Sacktüchlein zum Geschenk machte. Zuweilen kam es auch vor, (wenn der eine oder andere Knappe ein Glas bösen Wein getrunken oder die Fratze Eifersucht ihn quälte), dass, wie bei Verbrüderungsfesten sich ziemt, ergötzliche Händel und Prügeleien ausbrachen, die nicht selten mit blutigen Köpfen endigten.

Die Kriegsjahre und endlich die Aufhebung des Klosters machten diesen Zuständen ein Ende. Seitdem, heißt es, wolle aber auch der Bergbau nicht mehr recht gedeihen; der Grubenbau ward immer lässiger betrieben und wurde zuletzt in den 20er Jahren, vom Staate an eine Privatgesellschaft verpachtet, die wenig mehr auf die Bräuche und Feste der Gewerkschaft hielt, und auch das stets so feierlich begangene St. Barbarafest eingehen ließ, nachdem die Schutzheilige bei der Knappschaft doch so viele Jahrhunderte lang in dankbaren Andenken gestanden hatte.

Willibald Strohmeyer 1902

Foto von Unbekannt aus einem alten Zeitungsschnipsel

Willibald Strohyeyer kannte als Mundelfinger sicher alle Bücher von Lucian Reich von klein auf und somit auch die Wanderblühten.

Der Heilige Tudpert

Um das Jahr 607 hat der Heilige Trudpert im Münstertal eine Einsiedelei gegründet und wurde von zwei Knechten mit einer Axt erschlagen. Nach der Legende entsprang an dem Ort, an dem St. Trudpert starb, die Trudpertsquelle. Sie wurde im 18. Ih. gefasst und in die Gruft unter der Kapelle geleitet.

Die Trudpertskapelle wurde anstelle eines älteren Rundbaues 1698 erbaut und 1731 konsekriert. Danach begann eine Blüte der Trudpertsverehrung mit achttägigen Feierlichkeiten Hauptfestzeit und Wallfahrtsprozessionen aus der weiteren Umgebung. Heute wird der Sonntag nach dem 26. April von der Gemeinde als Trudpertsfest begangen. In feierlicher Prozession wird an diesem Tag der barocke Reliquienschrein von 1714 um Kapelle, Kloster und Pfarrkirche getragen.

Die Brunnenkapelle, Gruft genannt, wird von einem Barockgitter abgeschlossen. Der symbolische Sarkophag des Heiligen wird von Skulpturen Ehrentrud und Rupert, nach der Legende Geschwister des Heiligen Trudpert, flankiert.

Ehrentrud

Trudpert

Rupert


Lucian Reich 1855 in den Wanderblühten

Weiter in dem Tale führt der allmählich aufsteigende Weg an den Gebäuden der ehemaligen Abtei St. Trudpert vorüber. Die Geschichte nennt diesen Ort eine der ersten Stätten unseres Vaterlandes, wo das junge Christentum Wurzeln geschlagen. Der Irländer Trudpert, der hier das Evangelium predigte, soll die einsame Talgegend von einem Ritter Otbert zum Geschenk erhalten haben. Der Bau selbst, wie er heute zu Tage mit seinem inneren kirchlichen Prunk von unseren Blicken steht, gehört einer späteren, geschmacklosen Zeit an. Ein älterer Überrest scheint allein der steinerne Brunnen zu sein in einer halb unterirdischen Seitenkapelle, welches Monument die Form eines Sarges hat, auf dessen Deckel die liegende Gestalt des Ortsheiligen ausgehauen ist.

Pfarrkirche St. Trudpert

Um 800 entstand das erste Benediktinerkloster rechts des Oberrheins, das 1632 durch die Schweden vollkommen zerstört wurde. Nach dem Wiederaufbau durch den Vorarlberger Baumeister Peter Thumb, wurde die jetzige Pfarrkirche St. Trudpert 1727 geweiht. Im Zuge der Säkularisation im Jahr 1806 wurde die wohlhabende Benediktinerabtei aufgelöst und ging als Schloss Trudpert in Privatbesitz über. So kannte es 1855 Lucian Reich.

Als nach dem Ersten Weltkrieg das Elsass an Frankreich fiel und die deutschen Schwestern vom Heiligen Josef das Kloster Saint Marc in Geberschweier verlassen mussten, fanden sie mit tatkräftiger Unterstützung von Pfarrer Strohmeyer eine neue Heimat in St. Trudpert. Von 1924 bis 1931 fungierte er als Superior des nunmehrigen Nonnenklosters. Seit 1939 hatte Strohmeyer zusätzlich das Amt des Dekans im Dekanat Neuenburg inne.

Willibald Strohmeyer betätigte sich darüber hinaus als Bauherr im Münstertal. Bereits 1913 hatte er die Antoniuskapelle im Ortsteil Rotenbuck errichten lassen, 1928 folgte das neue Pfarrhaus und 1934 die Spielwegkapelle am sogenannten Wiedener Eck. Daneben kümmerte er sich um Instandsetzungen und Renovierungen der bestehenden Kirchengebäude, etwa der St. Trudpertskapelle, die am Ort des Martyriums des Heiligen erbaut worden war.

Seine Chronologischen Notizen in 2 Bänden, angefangen im April 1909, letzter Eintrag am Samstag, 21. April 1945, sind ein überwältigendes Zeugnis von seiner rastlosen Tätigkeit auf dem Felde der ordentlichen Seelsorge. Seine Musestunden nützte er vor allem für die Erforschung und Darstellung der Heimat- und Lokalgeschichte. Daneben beschäftigte er sich mit der Geschichte des Dekanates Neuenburg und schrieb aus der Kenntnis der Heimatgeschichte und den noch lebendigen Überlieferungen des Münstertales 19 heimatgeschichtliche Erzählungen, die heute zwar alle vergriffen sind, aber die vorhandenen Exemplare werden immer noch gern gelesen und zur Freude vieler Zeitgenossen vor dem Untergang behütet.


Dekan-Strohmeyer-Krippe in der St. Trudpertkapelle

Foto von Unbekannt aus einem alten Zeitungsschnipsel

Eine Wiederbesiedelung des Klosters durch die Benediktiner, die er anstrebte, misslang ihm. Dafür ist ihm zu verdanken, dass am Ende des ersten Weltkrieges die im Elsaß schwer bedrohten Schwestern des heiligen Josef von St. Marc eine Neugründung des Klosters durchführen konnten. Pfarrer Strohmeyer war 1924-1931 Superior dieser Neugründung, in der heute noch 138 Schwestern im Münstertal tätig sind.

Dunkle Zeiten

Die schweren Jahre der beiden Weltkriege hat Pfarrer Strohmeyer mit großer Anteilnahme an den Verlusten an Menschen, Glück und Frieden durchlitten. Mit Liebe und Trauer hat er in seinen Chronologischen Notizen alles verzeichnet, was er an Schrecken und Folgen der Kriege zu spüren bekam.

Nachdem die Throne gefallen, wird der Kampf gegen die Altäre beginnen. Doch hier wird es nicht so leicht hergehen. Nun sind wir ganze Republikaner, Deutsche und Badische. Das Herz möchte sich einem im Leibe herumdrehen.*

Der politische Systemwechsel 1918/19 dürfte ihm erleichtert worden sein, dass dieser vom badischen Zentrum mitgetragen wurde. Den beiden Reichskanzlern aus dessen Reihen, vor allem dem in Wellendingen geborenen Constantin Fehrenbach, im Übrigen einem ehemaligen Theologiestudenten, dürfte er wie auch dessen Nachfolger Joseph Wirth mit Sympathie begegnet sein.

Der 30. Januar 1933, der Tag der Machtergreifung Hitlers, bedeutete auch für Willibald Strohmeyer eine tiefe Zäsur:

Adolf Hitler Reichskanzler; der Reichstag aufgelöst. Was wird jetzt kommen? Hat Gott das deutsche Volk vergessen und verlassen? Oder kommt doch etwas Besseres?*

Am 23. März 1933 notierte er:

Heute ging im Reichstag das Ermächtigungsgesetz durch, eine furchtbare Waffe in der Hand Hitlers. Wehe, wenn es mißbraucht würde. Hoffen wir es nicht.*

Am 12. April 1933 hält er fest:

Nicht mehr Alle haben gleiches Recht unter der Sonne. Alle Stellen, die etwas bedeuten, werden jetzt mit S.A.-Männern der NSDAP besetzt; die Kommunisten sind von allem ausgeschlossen, ihre Partei überhaupt verboten. Die Sozialdemokratie kann als Partei bis jetzt noch existieren, aber eigentliche Staatsstellen dürfen sie nicht mehr einnehmen. Das Zentrum ist geduldet, aber überall, wo es geht, müssen einflussreiche Zentrumsmänner den S.A.-Leuten weichen (…). Dieser Tage mußte der Oberbürgermeister Bender von Freiburg (Zentrum) weichen; wie viele Oberbürgermeister sind beurlaubt oder in Schutzhaft! genommen. Auch der Münstertäler sitzt noch. Ungerechtigkeit und Unwahrhaftigkeit sind die Ecksteine, auf dem (sic!) das 3. Reich aufgebaut ist. Wird und kann es von Bestand sein? Doch wehe, wenn ein 4. Reich käme! Gewiß, es ist unter Hitler jetzt schon manches geschafft worden, schon manche Gesetze sind herausgekommen, die vielleicht von Segen sind. Doch wir bangen, wir bangen für die Zukunft. Es ist schwer, noch Optimist zu bleiben. Auch Ministerialrat Hirsch-Karlsruhe ist entlassen; er hat uns den Kredit von 5500 Mark für die neue Treppe zur Orgel vermittelt. Sein Vater war Jude, deshalb muß er gehen.*

Man merkt an diesen Einträgen, wie vorsichtig Willibald Strohmeyer formulierte. Aber trotz aller Vorsicht wird deutlich, dass er von Anfang an ein Gegner des NS-Regimes war. Als Mann des Wortes wusste er, dass eine Definition wie Ungerechtigkeit und Unwahrhaftigkeit seien die Ecksteine des Dritten Reiches ihn leicht Freiheit und Leben hätten kosten können. In einem Stimmungsbild vom 30. Oktober 1943 heißt es:

Es wagt fast niemand mehr an den Sieg zu glauben; aber dies zu äußern ist außerordentlich gefährlich. Wehe, wenn einer zu sagen wagte: Wir verlieren den Krieg. Überall ist man von Spitzeln umgeben. Man hat sich indessen an das Schweigen gewöhnt. Besonders vorsichtig müssen die Geistlichen sein. Wann werden wieder andere Zeiten kommen? Man hat den Mut nicht mehr zu hoffen.*

Die Ermordung Willibad Strohmeyers

Es ist sicher, dass Pfarrer Strohmeyer mit seiner friedlichen Art keinen Ortsgruppenleiter, keinen Gauleiter, keinen Göbbels und keinen Hitler gereizt hat; die Bestie Nationalsozialismus hat aber auch die Ruhigen und Friedfertigen angefallen.

Am 5. Oktober 1941 wurde der französische Kriegsgefangene René Groheux von einem Förster erschossen. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung, darunter auch anderer französischer Kriegsgefangener, vollzog Pfarrer Strohmeyer die Beisetzung des erschossenen Franzosen.

Die Vorgeschichte der Ermordung Pfarrer Strohmeyers aber setzte erst im Herbst 1944 ein. Zu diesem Zeitpunkt wurden Sonderverbände der Waffen-SS ins Leben gerufen, die sogenannten SS-Jagdverbände, die unter dem Kommando von Otto Skorzeny standen.

Ende Februar 1945 fiel der SS-Zug von Heinrich Perner in das Münstertal ein und quartierte sich im Ortsteil Münsterhalden ein. Die Tatsache, dass der 1909 in Bodenbach an der Elbe geborene Maschinenbauingenieur Heinrich Perner in den Jahren 1930 bis 1935 in der Fremdenlegion gedient hatte und sehr gut Französisch sprach, dürfte ihn für seinen Posten qualifiziert haben. Am 23. März 1945 stieß der 1916 in Berlin geborene Unterscharführer Horst Wauer zur Einheit Perners hinzu. Es herrschte in diesen Wochen und Monaten ein Klima der Angst und der Denunziation im Münstertal, hervorgerufen durch das brutale Auftreten des Heinrich Perner und seiner Männer. Bezeichnend für die mörderische Gesinnung innerhalb dieser SS-Einheit war ein Doppelmord am 15. April 1945. An diesem Tag erschoss der erst zwanzigjährige Erich Spannagel auf dem Heuboden eines Hofes in Münsterhalden kaltblütig zwei desertierte, unbewaffnete deutsche Soldaten.

Willibald Strohmeyer hielt in seinem Tagebuch am 17.04.1945 fest:

Gestern Nachmittag wurden 2 Soldaten sang- und klanglos auch ohne kirchlichen Segen auf dem Friedhof (unten am Heldengrab) begraben. Sie hießen Gerhard Leisinger und Otto König. Es handelt sich um Fahnenflüchtige, die sich im Schwarzwald herumtrieben und am Sonntag in der Münsterhalden aufgegriffen wurden. Sie wurden sofort standrechtlich erschossen. Die armen Menschen. *

Mördern wie Heinrich Perner und Horst Wauer war St. Trudpert ein sichtbares Wahrzeichen des Anstandes und auch Gewissens.

Am 22. April 1945, einem Sonntag gegen 11.00 Uhr, drei Tage bevor französische Truppen in das Münstertal einrückten, ließ sich Heinrich Perner in Begleitung eines anderen SS-Mannes, dessen Identität nicht geklärt ist, von seinem französischen Chauffeur Albert Boussichas zum Pfarrhaus von St. Trudpert fahren. Dort forderte Heinrich Perner den Pfarrer Willibald Strohmeyer in scharfem Ton und ohne Angabe von Gründen auf, sich innerhalb von zwei Minuten anzuziehen und mitzukommen. Zu viert fuhren sie im Auto in den Ortsteil Münsterhalden, wo Heinrich Perner und der andere SS-Mann ausstiegen. Ihre Plätze nahmen Horst Wauer und der französische Unterscharführer Jacques Roglin ein, denen Perner den Befehl erteilte, den Pfarrer zu erschießen. Gemeinsam fuhren sie zur Ausflugsgaststätte Haldenhof in Heubronn, wo Soldaten eines anderen Zuges des SS-Jagdkommandos einquartiert waren. Dort stiegen zwei weitere französische Legionäre, Maurice Leyrat und Raymond Delotter, zu. Sie nahmen Hacke und Spaten mit und stellten sich, da im Auto kein Platz mehr war, auf das Schutzblech. Die Fahrt dauerte nur noch wenige hundert Meter einen Waldweg hinauf zum Heubronner Eck. Willibald Strohmeyer musste aussteigen und in Begleitung von vier der fünf SS-Männer (der Chauffeur blieb im Wagen) bergauf gehen, bis ihn Jacques Roglin nach etwa 25 Metern durch einen Genickschuss ermordete. Die Leiche wurde etwa 15 Meter weiter geschleift, ausgeraubt und verscharrt. Die Grube wurde dann notdürftig mit Erde, Rasen und Tannreisig bedeckt. Erst am 6. Mai wurde er von von einem Suchkommando des Rammersbacher Hofes entdeckt und auf dem Friedhof von St. Trudpert beigesetzt.


Das Grab von Willibald Strohmeyer auf dem Friedhof in St. Trudpert


SS-Terror und Priestermord in Münstertal
Pfarrer Willibald Strohmeyer
zur Erinnerung

Die blutige Spur des Il. Weltkrieges mit seinen 55 Millionen Toten, darunter 5.431.000 deutschen Soldaten und 3.333.000 deutschen Zivilisten, führt hinein bis ins abgelegene Münstertal mit seinen 265 gefallenen Soldaten.

Um selbst so lange wie möglich überleben zu können, führten die braunen Machthaber noch bis zuletzt einen rücksichtslosen Krieg gegen das eigene Volk. Dazu ist auch Münstertal etwa ab Mitte Februar 1945 von einem SS-Jagdkommando in der Stärke von zwei Zügen besetzt worden. Führer dieser hauptsächlich aus französischen Fremdenlegionären und Milizangehörigen fremder Länder wie Spanien, Arabien, China u. a. zusammengewürfelten Truppe war der SS-Untersturmführer (Leutnant) Heinrich Perner. Er war am 5.09.09 geboren, deutsch, mittel-punktsbedürftig und wie sein von ihm geliebter Führer Adolf Hitler, der nach dem Krieg im Umkreis von 10 km keinen lebenden Pfaffen mehr sehen wollte. Er war Katholik und fanatischer Kirchenhasser. Der Totenkopfoffizier regierte im Münstertal mit Gesinnungsterror, Drohung mit Erschießen, Auslieferung an die Gestapo und der Ankündigung, er werde den Pfarrer von St. Trudpert noch öffentlich aufhängen lassen, und zwei Scharfschützen im Hinterhalt postieren, um eine Leichenabnahme zu verhindern. … Die Pfaffen sind an allem Schuld! Das halbe Münstertal gehört aufgehängt! – Diese schwarze Bande! Soweit die Hassausbrüche des damaligen SS-Kommandanten in Münstertal.

Französische Truppen standen bereits in Freiburg und in Müllheim als H. Perner am 22.04.1945, kurz nach 10 Uhr, in Begleitung von zwei SS-Soldaten im PKW vor dem Pfarrhaus in Münstertal eintraf. Wahrend der Fahrer, Bussichas, im Wagen zurückblieb, ging er mit seinen Kumpanen ins Haus und erkundigte sich nach dem Pfarrer Willibald Strohmeyer. Ohne anzuklopfen betrat er das Arbeitszimmer des Geistlichen und flegelte ihn an: Sie sind doch der Strohmeyer? Kommen Sie mal mit!

Der 68 Jahre alte Priester war seit 36 Jahren in Münstertal tätig und dort sehr beliebt. Er war auch dafür bekannt, dass er Religion und Politik stets zu trennen verstand. Er erhob sich betroffen und folgte. Als seine hinzugekommene Schwester fragte, was denn überhaupt los sei, wurde sie von Perner angebrüllt: Darüber bin ich ihnen keine Rechenschaft schuldig! In gleich rüden Ton verfuhr er mit den beiden Vikaren im Hause. Perners Begleiter (Name unbekannt) fingerte bei dem Auftritt theatralisch am Revolver und gab dem Geistlichen zwei Minuten Zeit zum Umziehen. Danach fuhren die Schergen mit dem Priester nach Münsterhalden zum Gasthaus Böhler, in dem sich damals das SS-Hauptquartier befand. Perner verließ dort das Fahrzeug und befahl dem unter der Tür stehenden H. Wauer und dem Fremdenlegionär Roglin (It. Gerichtsakten „ein wilder, gefährlicher Baske“): Fahren Sie den Pfarrer hinauf zum Haldenhof und erschießen Sie ihn!

Wauer und Roglin stiegen in den PKW. Perner blieb zurück. Auf der Fahrt zum Tatort wurden an einer der auf der Strecke liegenden Werwolfstellungen Hacke und Schaufel besorgt; zwei weitere Legionäre, Delotter und Leyrat, stiegen zu. Danach ging die Fahrt weiter, einige 100 Meter den Waldrand hinauf. An einem nach links aufwärts führenden Seitenweg wurde angehalten. Der Priester musste aussteigen und dann zusammen mit seinen Henkern den Waldweg hinaufgehen. Oben angekommen wurde er mit zwei Genickschüssen ermordet. Der Tote wurde noch ausgeraubt, bevor man ihn verscharrte.

Der Legionär Leyrat nahm die goldene Uhr des Geistlichen an sich; Horst Wauer bündelte die anderen Habseligkeiten in ein Taschentuch zur Ablieferung an seinen Chef Heinrich Perner. Auf dem Weg zu ihm, rief er einem anderen Angehörigen seiner Einheit großtuerisch zu: Weißt Du schon, dass wir den Schwarzen von St. Trudpert umgelegt haben? Dann prahlte er weiter im Henkerjargon. Die mit Tannenreisern, Wasen und Erde zugedeckte Leiche ist am 06. 05. 1945 von einem Suchtrupp aufgefunden worden. Über Einzelheiten des Tathergangs liegt, auch nach damaligen Presseberichten, ein undurchsichtiger Schleier.

Wie barbarisch die Soldateska mit ihrem Opfer umgegangen ist, lässt der Bericht über die noch am Auffindungstag vorgenommene Leichenschau erkennen:

  1. Eine horizontal verlaufende Strangulationsnarbe am Hals zwischen Kehlkopf und Kinn
  2. Eine Schussöffnung im Nacken; Durchmesser: etwa 5 mm.
  3. Eine weitere Schussöffnung im Genick, wahrscheinlich Kal. 7.65.
  4. Eine starke Schwellung u. Blutunterlaufung am und in der Umgebung des rechten Ohres.
  5. Auch die Kleider des Toten wiesen auf gewalttätige Eingriffe hin. Am schwarzen Überrock waren die Schöße herausgerissen.

Am 23.04.1945 schoss er mit seinem Hauptfeldwebel, dem SS-Unterscharfuhrer (Unteroffizier) Horst Wauer, (geb. 03.08.1916) beide aus Münsterhalden kommend, die rechts der Straße auf einem Felsen angebrachte Marienstatue, samt dem dortigen Kruzifix, mit der Pistole kurzerhand in Stücke. Ein 20 Jahre alter Angehöriger des Menschen-Jagdkommandos Heinrich Perner, der SS – Unterscharführer Erich Spannagel, von seinen Kameraden Bubi genannt, schoss am 25.04.1945 -12 Tage vor der Kapitulation- zwei in ihrem Versteck auf dem Heuboden aufgestöberte, waffenlose, deutsche Soldaten auf der Stelle nieder und gab den beiden regungslos am Boden liegenden zusätzlich den exerziermäßigen Fangschuss.

Am 8. Mai 1945 endete das Tausendjährige Reich. Bereits am 25.04.1945 hat sich der Führer des SS-Menschenjagdkommandos vor den anrückenden französischen Truppen unter dem Futtergang eines Hauses in Münstertal versteckt. Zwei Tage später machte er sich auf den Weg nach Sulzburg, um im dortigen Gefangenenlager unterzutauchen.

Heinrich Perner und die beiden SS-Unterscharführer Horst Wauer und Erich Spannagel hatten sich nach ihrer Verhaftung wegen Mordes und Totschlags im Juni 1948 vor dem Schwurgericht des Landgerichtes Freiburg zu verantworten. Eine Kopie des Schwurgerichtsurteils ist bei der Kurverwaltung, 79244 Münstertal erhältlich. Der Unkostenbeitrag wird für die am Tatort errichtete Gedächtniskapelle samt Umgebung verwendet.

Zum Bau der Gedächtniskapelle wurde mit Genehmigung der französischen Militärregierung am 22.10. 1946 der Grundstein gelegt. Am Sonntag, den 31. 8. 1947 wurde die Kapelle durch Erzbischof Dr. Conrad Gröber, Freiburg, unter der Beteiligung von über 3000 Gläubigen feierlich eingeweiht. Das Grab von Pfarrer Willibald Strohmeyer befindet sich auf dem Friedhof der Gemeinde Münstertal links vom Haupteingang. Dekan Willibald Strohmeyer wird in seiner Pfarrgemeinde St.Trudpert Münstertal wie ein Heiliger verehrt.


Willibald Strohmeyer
Gedächniskapelle

An der Fundstelle beim Heubronner Eck wurde die Strohmeyer-Kapelle errichtet. Am 22.10.1946 wurde der Grundstein gelegt.

Heubronner Eck

Gedächniskapelle

Am Sonntag, den 31.08.1947 wurde die Kapelle durch Erzbischof Dr. Conrad Gröber, Freiburg, unter der Beteiligung von über 3000 Gläubigen feierlich eingeweiht.

Die Baugeschichte
der Willibald-Strohmeyer-Gedächtniskapelle auf dem Heubronner Eck

Am 22. April 1945 wurde hier der Priester Willibald Strohmeyer auf grausame Weise ermordet und verscharrt. Sein Leichnam wurde am 6. Mai 1945 hier aufgefunden. Am 9. Mai 1945 würdigte der Erzbischof von Freiburg, Dr. Conrad Gröber, in einem Hirtenschreiben den Glauben und das Wirken des Ermordeten und bezeichnete ihn als einen Märtyrer. Der Pfarrverweser Alfons Sieber in Münstertal, hatte den Wunsch, am Ort des Martyriums eine Kapelle bauen zu lassen. Am 24. Dezember 1945 bat er die französische Militärregierung um Erlaubnis. Das Vorhaben wurde am 4. Januar 1946 genehmigt, jedoch die Zustimmung des Landrats von Müllheim gewünscht.

Am 10. Januar 1946 wurde der Antrag vom Landrat warm befürwortet. Pfarrverweser Sieber legte seinen Plan dem Erzbischof von Freiburg vor, der sich sehr darüber freute. Sieber schrieb ein Bittgesuch um Zuteilung von Baumaterialien an die Kirchenbehörde. Das Bittgesuch wurde abgelehnt mit der Begründung, der Materialaufwand sei zu hoch, man könne sich aber die Anbringung einer Gedächtnisplatte an der Martyriumsstätte vorstellen. Pfarrverweser Sieber wandte sich, begleitet von Direktor F. Klinger aus Freiburg, an die Militärregierung. Die Militärregierung hatte ein Verbot für Neubauten erlassen. Es erging am 7. März 1946 der Bescheid, gegen den Bau der Kapelle sei nichts einzuwenden, aber es werde kein Baumaterial zur Verfügung gestellt. Im März 1946 bat Alfons Sieber die Badische Forstverwaltung in Freiburg um Zuteilung des nötigen Bauholzes. Die Genehmigung wurde erteilt und das Vermessungsamt Müllheim nahm die nötigen Vermessungen des Bauplatzes vor. Die Bewohner des Ortsteils Münsterhalden baten den Erzbischof von Freiburg, man möge die Kapelle in ihrem Ortsteil und nicht am Ort des Martyriums errichten. Die Bitte wurde von der Kirchenbehörde in Freiburg und vom Stiftungsrat Münstertal abgelehnt.

Für den Bau der Kapelle wurde schon im Jahr 1945 Geld gespendet, bald waren 9.000.– RM gesammelt. Der Kostenanschlag lag bei 10.700 RM. Ende Mai 1946 wurde das Baugrundstück endgültig vermessen. Im November 1946 wurde der Kapellenplatz von der Gemeinde Neuenweg für 200 RM gekauft. Im Juni 1946 verbreiterten 12 Jungmänner aus der Pfarrei den Weg, damit das Baumaterial zur Baustelle transportiert werden konnte. Am 24. Juni 1946 wurde ein neues Baugesuch an die Kirchenbehörde gerichtet. Am 3. Juli 1946 wurde der Antrag abgelehnt. Am 17. Juli 1946 erging vom Landratsamt Müllheim der positive Baubescheid für die Gedächtniskapelle.

Vikar Karl Siegel und Pfarrverweser Alfons Sieber sprachen persönlich bei Generalvikar Dr. Simon Hirt und bei Erzbischof Dr. Conrad Grober in Freiburg vor und erreichten eine positive Zusage. Aus Freiburg kamen nach wenigen Tagen eine Ladung von 20 Sack Zement und die endgültige Baugenehmigung. Der Plan von Prof. Lorenz aus Freiburg wurde auf Wunsch der Kirchenbehörde so geändert, dass ein offen zugänglicher Kapellenraum und ein durch ein Gitter abgetrennter Chorraum entstanden, damit Besucher jederzeit in der Kapelle beten können. Das Landesverkehrsamt genehmigte den Transport der Baumaterialien zum Heubronner Eck, wollte aber aus Mangel an Transportraum die Anforderung verschieben. Alfons Sieber wandte sich an den 1. Transportoffizier der französischen Militärregierung in Freiburg, Herrn Huber. Das Gouvernement Militaire in Müllheim übernahm den Transport.

Am 12. August 1946 begann der Transport der Steine und des Baumaterials. Die Steine kamen zum größten Teil aus Schönau, von einem Denkmal, das abgetragen wurde. Beim Transport halfen französische Soldaten und Buben aus der Pfarrei. Die Lastwagen stellte die französische Transport-Regie in St. Georgen. Am 11. September 1946 war der Baubeginn. Die Bauarbeiten wurden von der Firma Josef Pfefferle ausgeführt. Am 22. Oktober 1946 fand die Grundsteinlegung statt.

Am Sonntag, den 31.8.1947 wurde die Kapelle zu Ehren der sieben Schmerzen Mariens durch Erzbischof Dr. Conrad Gröber feierlich eingeweiht. In seiner Rede zur Einweihung würdigte Staatspräsident Dr. Leo Wohleb den ermordeten Pfarrer Willibald Strohmeyer und ermahnte alle:

Sorgt dafür, dass niemals mehr Zeiten wiederkommen können, in denen Religion und Menschenwürde mit Füßen getreten werden.

(J.S.)

Vikar Alfons Sieber schrieb Papst Pius XII. nach der Befreiung:

Pfarrer Willibald Strohmeyer hat während der ganzen Dauer des Dritten Reiches durch seinen Seeleneifer und sein vorbildliches, priesterliches Leben den hl. katholischen Glauben in der Pfarrgemeinde erhalten und besonders die Jugend vor dem Gift der nationalsozialistischen Irrlehren bewahrt.*

Von guten Mächten
von Siegfried Fietz und Dietrich Bonhoeffer


Der Prozess gegen einige der feigen Mörder und Raubmörder

Erst im Juni 1948 fand der Prozess gegen die Mörder von Willibald Strohmeyer vor einem Schwurgericht des Landgerichts Freiburg statt. An dieses Verfahren angehängt war die Ermordung der beiden Deserteure durch Erich Spannagel, der aufgrund seines zum Tatzeitpunkt jugendlichen Alters am 10. Juni 1948 wegen zweifachen Totschlags eine Strafe von sieben Jahren erhielt, auf die fünf Monate Untersuchungshaft angerechnet wurden. Erich Spannagels Reststrafe wurde am 10. April 1952 zur Bewährung ausgesetzt.

Die Mörder Heinrich Perner (1) und Horst Wauer (2)

Foto von unbekannt aus einem alten Zeitungsschnipsel

Der kaufmännische Angestellte Horst Wauer bekam wegen Beihilfe zum Mord eine Strafe von zehn Jahren Zuchthaus, aber bereits am 8. November 1953 wurde er vorzeitig aus der Haft entlassen. Die schwerste Strafe erhielt der Befehlsgeber Heinrich Perner, der die Beteiligung an diesem Verbrechen bis an sein Lebensende leugnete: die Todesstrafe, die allerdings am 23. Februar 1949 in eine lebenslange Zuchthausstrafe umgewandelt wurde, die er im Landesgefängnis in Freiburg verbüßte. Am 26. April 1955 wurde die lebenslange in eine Strafe von 15 Jahren abgemildert, die zum 9. Mai 1957 auf Bewährung ausgesetzt wurde. Nach fast genau zwölf Jahren Kriegsgefangenschaft, Untersuchungshaft und Haft war damit auch Heinrich Perner 1957 wieder auf freiem Fuß. *

Die Mörder waren unter uns

Heinrich Perner, der nach seiner Entlassung neun Jahre in Bad Dürkheim lebte und nach dem Suizid seiner Ehefrau 1966 vom katholischen zum evangelischen Glauben konvertierte, starb am 17. September 1975 in Frankfurt am Main; er wurde 66 Jahre alt. Der eigentliche Todesschütze Jacques Roglin, der am 9. August 1922 in der nordöstlich von Bordeaux gelegenen Gemeinde Saint-Loubès im Department Gironde geboren worden war, wurde, wie die meisten französischen SS-Kollaborateure, zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt. Bei einer der Amnestien in den 1950er-Jahren muss er aus der Haft entlassen worden sein, denn bereits 1957 heiratete er in Paris. Er starb in seiner Heimat, in der Saint-Loubès benachbarten Stadt Ambarès am 12. November 1990 im Alter von 68 Jahren. Der am 3. August 1916 in Berlin geborene Horst Wauer korrespondierte mit dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem, das diese Angabe freundlicherweise im Internet platziert hat, über genealogische Fragen. Dadurch ließ sich ermitteln, dass er in der Stadt Münster in Westfalen am 8. September 1991 verstorben ist.

Gedenken in St. Trudpert

In seiner letzten Predigt, 3 Stunden vor seinem Tod, sprach er zu seiner Gemeinde über das trostreiche Wort des Herrn nach Johannes, Kapitel 16.16

Noch kurze Zeit, dann seht ihr mich nicht mehr und wieder eine kurze Zeit, dann werdet ihr mich sehen. Da sagten einige von seinen Jüngern zueinander: Was meint er damit, wenn er zu uns sagt: Noch kurze Zeit, dann seht ihr mich nicht mehr, und wieder eine kurze Zeit, dann werdet ihr mich sehen? Und was bedeutet: Ich gehe zum Vater? Sie sagten: Was heißt das: eine kurze Zeit? Wir wissen nicht wovon er redet. Jesus erkannte, dass sie ihn fragen wollten, und sagte zu ihnen:
Ihr macht euch Gedanken darüber, dass ich euch gesagt habe: Noch kurze Zeit, dann seht ihr mich nicht mehr, und wieder eine kurze Zeit, dann werdet ihr mich sehen.
Amen ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet bekümmert sein, aber euer Kummer wird sich in Freude verwandeln. Wenn eine Frau gebären soll, ist sie bekümmert, weil ihre Stunde da ist; aber wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an ihre Not über der Freude, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist.

So seid auch ihr bekümmert, aber ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen, und niemand nimmt euch eure Freude.

Foto von unbekannt aus einem alten Zeitungsschnipsel

Von der SS ermordet
von Wolf Hockenjos aus den Kriegstagebüchern seines Vaters

* Literatur

Willibald Strohmeyer – ein Prister aus dem Münstertal als Märtyrer der letzten Stunde von Bernd Braun. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Mut bewiesen Widerstandsbiographien aus dem Südwesten. Seite 165-177, Band 46 (2017).

Zum Gedenken an Dekan, Geistl. Rat Willibald Strohmeyer von 1909 bis 1945 Pfarrer von St. Trudpert. Handzettel an der Strohmeyer-Gedächniskapelle auf dem Heubronner Eck.

Inschriften von den Tafeln an der Trudpertskapelle und aus St. Trudpert.

Ameisenlöwen und Ameisenjungfer

Liebe Bürgerpostleser,

nun zur Rätselauflösung vom letzten Beitrag: Das gelbe zwischen den beiden Fenstern war der Platz eines Briefkastens. Von jetzt auf nachher wurde er abmontiert. Das haben viele richtig beantwortet. Ich war sehr positiv überrascht, denn viele von Euch hatten auch die richtige Antwort auf Frage, was auf dem anderen Bild zu sehen ist, nämlich einen Fangtrichter des Ameisenlöwen. Einige hatten beides richtig beantwortet. Die Erste, die beides wußte, war Michaela Lang aus Wieladingen, einem Ortsteil von Rickenbach im wunderschönen Hotzenwald. Herzlichen Glückwunsch. Sie hat mir eine Geschichte dazu geschrieben, die kommt später.

Ameisenlöwen sind die räuberischen Larven der Ameisenjungfern, die für ihre Jagdtechnik bekannt sind. Sie graben mit einer ausgereiften Technik trichterförmige Fallen in lockeren Sand, um Ameisen und andere kleine Insekten zu fangen, indem sie diese mit Sand bewerfen. Unten angekommen, wird das Opfer mit den Zangen gepackt, mit Gift betäubt und ausgesaugt. Welch grausiges Ende, ein Oberhammer. Erstaunlich ist, dass Ameisenlöwen bis zu drei Monate ohne Nahrung auskommen können. Die Larven machen drei Stadien durch und leben bis zu drei Jahre im Trichterhals, bevor sie sich verpuppen und als zarte Ameisenjungfer, die wie eine Libelle aussieht, schlüpfen. Die Ameisenjungfer ist ein friedliches, nachtaktives Insekt, das sich von Pollen und Nektar ernährt und eine Flügelspannweite von bis zu 55 mm aufweist. Die Larve wird bis zu 17 mm groß, Nadine Linhard-Blum aus Hohberg hat eine fotografieren können. Sieht schon wie nicht ganz von dieser Welt aus, oder um es auf den Punkt zu bringen, hammermäßig.

Der Lebensraum der Ameisenlöwen sind warme, trockene, sandige und regengeschützte Stellen, wie unter Baumwurzeln, Brücken, Schuppen oder an Hauswänden.

Bei Dr. Ulrike Guttenberger im Hohelohischen fanden sie sich in einer stillgelegten Mörtelwanne. Ameisenlöwen können nur rückwärts laufen und, ganz wichtig, sie sind für den Menschen völlig ungefährlich. Wenn die Bedingungen für den Trichterbau passen, kommen sie regelmäßig bis auf 1.200 m Meereshöhe vor.
Die oben angedeutete Geschichte von Michaela Lang ist die, dass es um ihr Heimathaus in Öflingen, einem Stadtteil von Wehr, viele Fangtrichter gab. Was machte sie als Kind? Sie angelte mit Grashalmen nach den Ameisenlöwen und ab und zu schnappte einer zu und sie bekam ihn zu sehen. In ihrem jetzigen Wohnort Wieladingen hat sie diese Methode mit ihren Kindern gespielt, ist das nicht rührend?

Simone Bröcheler aus WT-Gutenburg berichtete ebenfalls, dass sie „Ameisenlöwenangeln“ auf ihrem Hof gemacht hat. Da ich in meinem Leben bis jetzt noch nie einen Fangtrichter gesehen habe, ist mir dieses „Naturspiel“ leider entgangen. Vielleicht könnt Ihr dazu berichten, ich würde mich sehr freuen.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Mechanik der Mikromacht

Liebe Leserinnen und Leser,

ich möchte hier eine neue Kolumne beginnen. Ein Thema, das mir seit Langem am Herzen liegt und ehrlich gesagt auch seit Langem auf die Nerven geht.

Gemeint sind damit jene kleinen Mechanismen, die oft harmlos wirken und doch erstaunlich wirksam sind. Nicht die große, offizielle Macht, nicht das, was in Gesetzen steht, sondern das, was in unserem Alltag passiert. Dort, wo Menschen eingeordnet werden, kleingemacht werden, zum Schweigen gebracht werden, übersehen werden und nur dann Anerkennung bekommen, wenn sie sich in die vorgesehene Rolle fügen.

Diese Mechanismen gibt es nicht nur in Hüfingen und den Ortsteilen. Aber da dies ein Hüfinger Blog ist, werde ich von hier aus schreiben. Von dem Ort, den ich kenne, von dem, was ich beobachte, von dem, was mir auffällt. Nicht, weil hier alles schlimmer wäre als anderswo, sondern weil man das Allgemeine oft am deutlichsten im Konkreten erkennt.

Mich beschäftigt das auch deshalb, weil solche Mechanismen nie belanglos sind.

Wer Menschen systematisch klein hält, wer sie entmutigt, wer ihnen das Wort nimmt, wer Anerkennung ungerecht verteilt, wer Kritik lächerlich macht, der macht mehr als nur schlechte Stimmung. Der will Hierarchie und Unterordnung – das ist Autoritätssehnsucht und damit auch der Boden für autoritäres Denken. Die großen Verwerfungen beginnen selten groß, sie beginnen im Kleinen.

Mir ist völlig klar, dass diejenigen, die solche Mechanismen nutzen, sich kaum für meine Texte interessieren werden. Darum geht es auch nicht. Diese Kolumne richtet sich an diejenigen, die solche Situationen kennen und spüren, dass etwas nicht stimmt und die merken, dass sie abgewertet werden. Menschen die fragen, warum bestimmte Muster sich ständig wiederholen und die dann hören, sie seien einfach zu empfindlich.

Nein, ihr seid nicht empfindlich oder übertreibt mal wieder, denn da ist tatsächlich ein Muster!

Ich möchte diese Muster sichtbar machen und Worte dafür finden, denn es ist kein Zufall ist, kein Missverständnis, keine einzelne schlechte Laune, sondern Teil einer sozialen Mechanik. Nicht jede Form von Mikromacht ist bewusst geplant aber sehr vieles wird bewusst genutzt. Und zwar

Von Männern.
Von Frauen.
Von Lauten.
Von Freundlichen.
Von denen mit Amt.
Und von denen ohne Amt.
Mikromacht hat viele Gesichter.

Verändern kann man nur, was man erkennt. Darum diese Kolumne.

Texte über Sprache, Rollen, Anerkennung, Integrität – und die kleinen Formen sozialer Herrschaft im Alltag:

Der Preis der Anpassung

Die Statik der Integrität

Frauen fehlen nicht!

Wenn Männer sich engagieren, ist es Ehrenamt. Wenn Frauen sich engagieren, ist es selbstverständlich.

„Jetzt bleiben wir mal sachlich.“ – Wie Frauen diszipliniert werden, wenn sie ihre Rolle verlassen

Der Frühlings-Enzian beim Hüfinger Orchideenwald blüht jetzt!

blühender Frühlingsenzian
blühender Frühlingsenzian
blühender Frühlingsenzian

Ein Pflücken der geschützten und selten Pflanze ist verboten!

Nach dem Volksaberglauben sollte man den Enzian eh nicht pflücken, da sonst jemand stirbt.
Die ins Haus gebrachten Pflanzen ziehen Blitze an!

Steckbrief

Wissenschaftlicher Name Gentiana verna L., Frühlingsenzian,
Blaui Wetternägeli, Schusternägele, Rauchfangkehrer, Himmelsbläueli, Herrgottsliechtli, Tintabluoma, Himmelsstengel.

Gefährdung

  • Rote Liste Deutschland 3 – gefährdet
  • Rote Liste Baden-Württemberg 2 – stark gefährdet

Schutzstatus

  • BNatSchG besonders geschützt
  • FFH-Richtlinie keine FFH-Art

Lebensraum

  • Trocken- und Halbtrockenrasen (Hauptvorkommen)
  • Rasen, Fels- und Geröllfluren des Hochgebirges (Hauptvorkommen)
  • Feuchtwiesen (Nebenvorkommen

Blütezeit

  • März bis August
  • oft im Herbst noch ein zweites Mal

Zeigerwerte(nach Ellenberg)

  • Lichtzahl 8 = Halblicht- bis Volllichtpflanze
  • Feuchtezahl 4 = Trockenheits- bis Frischezeiger
  • Reaktionszahl 7 = Schwachbasenzeiger
Der Frühlings-Enzian, auch Schusternagerl, Schusternägele, Rauchfangkehrer, Himmelsbläueli, Herrgottsliechtli, Tintabluoma oder Himmelsstengel genannt
Frühlings-Enzian am 18. April 2020 im Naturschutzgebiet Deggenreuschen-Rauschachen (Orchideenwald)
Foto: Thomas Kring

Quellen

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Frühlings-Enzian
  2. Breunig, T. & Demuth S. (1999): Rote Liste der Farn- und Samenpflanzen Baden-Württemberg. Naturschutz-Praxis, Artenschutz 2.
  3. https://www.floraweb.de/pflanzenarten/artenhome.xsql?suchnr=2649&

Repowering auf dem Rohrhardsberg – jetzt also doch?

Ein in jüngster Zeit zunehmender Flächenbedarf entsteht durch den Bau von Windkraftanlagen. Gerade für wandernde Jungauerhühner, die für den Austausch zwischen den Teilpopulationen im Schwarzwald besonders wichtig sind, könnten Windräder sehr problematisch werden.
(Bergmann, H., Klaus S., Suchant, R.: Auerhühner. G. Braun-Buchverl., Karlsruhe 2003)

Windenergie und Auerhühner – ein Reizthema par excellence selbst unter Naturschützern! Was ist nicht schon alles geschrieben und diskutiert worden, wenn es um die Rettung des existenzbedrohten „Schwarzwälder Charaktervogels“ geht. Sogar der Stuttgarter Landtag hat (am 11. Mai 2022) über ihn debattiert. Wo doch der grün geführten Landesregierung nichts ungelegener käme, als wenn ausgerechnet sie für das Aussterben des Auerhuhns verantwortlich gemacht würde mit ihrem durch Gas- und Ölmangel, durch Ukraine- und Irankrieg zusätzlich angespornten Windkraft-Elan. 

Foto vom Rohrhardsberg mit Windrad
Präzedenzfall auf dem Rohrhardsberg

So war es denn auch kein Wunder, dass damals in der Parlamentsdebatte grüne wie schwarze Abgeordnete im Brustton der Überzeugung hervorgehoben haben, die Windenergie treffe keinerlei Schuld am so bedauerlichen, allem Anschein nach jedoch kaum noch aufzuhaltenden Rückgang des einst größten mitteleuropäischen Auerhuhn-Bestands außerhalb der Alpen. Der fürs Jagdrecht zuständige Forstminister Peter Hauk (CDU) ließ keine Zweifel aufkommen an der Dramatik der Bestandsentwicklung, verursacht freilich vor allem durch allzu dunkle Nadelwälder, durch den Besucher- wie den Raubwilddruck sowie gewiss auch durch den Klimawandel. Auch er verneinte den Einfluss der Windräder und verwies dabei auf das (vom Land Baden-Württemberg und aus Drittmitteln des Bundesverbands WindEnergie e. V. sowie einiger heimischer Energieversorgungsunternehmen finanzierte) internationale Forschungsprojekt Windenergie & Auerhuhn, das auch im Schwarzwald zu dem wenig überraschenden Ergebnis gekommen war, dass Auerhühner Windenergieanlagen weiträumig meiden, sodass sie daher auch nicht nennenswert vom Lärm, Drehbewegung und Schlagschatten der Rotoren gestresst werden können. Versprochen wurde ein Maßnahmenplan, mit welchem der Beweis erbracht werden soll, dass Klima- und Artenschutz durchaus miteinander zu vereinbaren sei.

Auerhahn
Wo der Schwarzwälder Charaktervogel wohl noch balzt?

Exemplarisch für die seit über einem Vierteljahrhundert andauernden und sich verschärfenden Auseinandersetzungen steht im zentralen Schwarzwald der Rohrhardsberg (genauer: sein Nebengipfel Passeck), der für wandernde Junghühner auch eine Art Brückenkopf darstellt für die zwecks Genaustausch unverzichtbare Verbindung zwischen den von Verinselung bedrohten Teilpopulationen von Süd- und Nordschwarzwald. Ausgerechnet hier oben ist im Jahr 2003 erstmals ein Windrad im Auerhuhn-Habitat genehmigt worden – ein Sündenfall mit Präzedenzwirkung. Dem Antragsteller hatte man zuvor im Elztal die Genehmigung einer Wasserkraftanlage versagt, sodass das Landratsamt, nach massivem Druck des CDU-Wahlkreisabgeordneten und gegen alle Proteste und Petitionen, offenbar nicht auch noch den Bau der Windkraftanlage glaubte ablehnen zu dürfen. Für seinen beharrlichen und schließlich erfolgreichen Einsatz für die regenerative Energiegewinnung ist dem Unternehmer im Jahr 2003 – Auerhühner hin oder her – der BUND-Umweltpreis zuerkannt worden.

Es hatte in jenem Genehmigungsverfahren auch nichts mehr geholfen, dass kurz zuvor dem eigens zum Schutz des Auerhuhns ins Leben gerufenen «Modellprojekt Rohrhardsberg» der Deutsche Umweltpreis verliehen worden war. Erstmals war es doch hier gelungen, Nutzer und Schützer (Forstverwaltung, staatlicher und privater Naturschutz, Kommunen, Tourismus- und Skiverbände) an einen Tisch zu bringen mit dem erklärten Ziel, Skiloipen und Wanderwege aus den fürs Auerhuhn besonders sensiblen Räumen weg zu verlegen und zu bündeln, Biotoppflegemaßnahmen einzuleiten und einen hühnerfreundlichen Waldbau festzuschreiben. Im Jahr 2006 schließlich war auch noch ein «LIFE-Projekt Rohrhardsberg» zustande gekommen, mit 15 Partnern, fünfjähriger Laufzeit und einem Fördervolumen von zwei Millionen Euro. Zur Hälfte von Brüssel gefördert, sollte auch der Auerhuhnschutz profitieren, nicht zuletzt durch Finanzierung eines Pflege- und Entwicklungsplans (PEPL) für die FFH-Gebiete rund um das obere Elztal, insbesondere für das EU-Vogelschutzgebiet Mittlerer Schwarzwald, einem der wenigen im Land, die ausdrücklich auch dem Auerhuhn gelten. Es sage niemand, die Kommunen, der Landkreis und die Bevölkerung der Region hätten kein Herz gezeigt für den «Charaktervogel».

Dennoch droht es seitdem eng und enger zu werden für die Vögel angesichts der so überaus ehrgeizigen grün-roten Zielvorstellungen für den Ausbau der Windenergie. Die Verlockung der lukrativen Pachterlöse für die in Aussicht stehenden WEA-Standorte und der politische Druck auf die Kommunen wie auf den öffentlichen Wald sorgen dafür, dass weitere Einengungen des aktuell noch besiedelten wie des potenziellen Lebensraums der großen scheuen Vögel vorprogrammiert sind: Kaum einer der das obere Elztal einrahmenden Waldberge, der nicht schon längst in den Blickpunkt der Windmüller wie auch des Regionalverbands geraten wäre.

Schon seit über einem Jahrzehnt bemühte sich der rührige Betreiber des Windrads auf dem Passeck um die behördliche Genehmigung des Repowerings seiner Anlage, des Ersatzes des bisher 100 m hohen Windrads durch ein neues und leistungsstärkeres von 200 m Gesamthöhe. Endlich, kurz vor Weihnacht 2025, erging der Bescheid des Landratsamtes Emmendingen, dass die immissionsschutz- und baurechtliche Genehmigung nunmehr erteilt sei – was für Behörden zu einem solchen Zeitpunkt eine nicht ganz unübliche Praxis zu sein scheint, wo doch die Chance für eine fundierte juristische und fachliche Prüfung der (hier 122 Seiten umfassenden) Genehmigung und für einen Eilantrag im Falle des Widerspruchs damit (Weihnachtsferien-bedingt) ziemlich vertan ist. Zudem sieht die neue Rechtslage ja die erneuerbaren Energien als „von überragendem öffentlichem Interesse“ an, gegen welches selbst noch so begründete Einsprüche und Petitionen zugunsten des Artenschutzes kaum mehr erfolgversprechend vorzubringen sind. Allenfalls beim Verwaltungsgerichtshof in Mannheim (VGH) kann noch geklagt werden, wenn auch nicht von Seiten jedes Bürgers und jeder Bürgerinitiative, sondern allenfalls per Verbandsklage, angestrengt etwa von gesetzlich anerkannten Naturschutzverbänden. Geklagt haben nun immerhin die Landschafts- und Naturschutzinitiative Schwarzwald e. V. (LANA) sowie ein weiterer Naturschutzverband, der mit Rücksicht auf seine traditionell eher der regenerativen Energiegewinnung verpflichteten Mitglieder nicht genannt werden möchte. Dies, obwohl sich auch der Landesnaturschutzverband LNV unlängst erst sehr kritisch geäußert hat in der Streitfrage der inzwischen so verbreiteten Inanspruchnahme selbst ökologisch hochwertiger Wälder für die Windstromerzeugung. Zwar enthält die erteilte Genehmigung reichlich Ausgleichsmaßnahmen und Abschaltauflagen zugunsten von Vögeln und Fledermäusen, umso kritischer wird jedoch die noch ungeklärte „Zuwegung“ für den Baustellen- und Wartungsverkehr beurteilt, denn dafür müsste ein Waldweg im Kerngebiet des Auerhuhnhabitats massiv verbreitert werden.

Aber was soll´s: nichts wird gegenwärtig so massiv gefordert wie der Bürokratieabbau bei den Behörden – auch und gerade auf dem so heiklen Feld der natur- und immissionsschutzrechtlichen Vorgaben. Als ob „das überwiegende öffentliche Interesse“ nicht auch für den Artenschutz gelten sollte. Oder ist es womöglich doch bereits fünf nach Zwölf für den Schwarzwälder Charaktervogel, wie in jener Landtagsdebatte anno 2022 eine CDU-Abgeordnete glaubte feststellen zu müssen? Nein, in den Köpfen und Roben der Mannheimer Verwaltungsrichter möchte man wahrlich nicht stecken in diesem Streitfall.

Auerhahn

Die Statik der Integrität

Warum das Problem oft nicht der Ton ist – sondern das, was unter Belastung sichtbar wird.

In der Politik wird gern über den Ton gestritten.

Zu scharf.
Zu persönlich.
Zu emotional.
Nicht sachlich genug.

Das ist praktisch, denn über den Ton zu sprechen heißt, über Oberfläche sprechen. Es ist die bequemste Art, nicht über das Eigentliche reden zu müssen. Was dabei untergeht, ist etwas anderes, etwas Unbequemeres. Nämlich die Statik. Denn nicht jede Entgleisung ist ein Ausrutscher. Manche sind ein Blick ins Tragwerk. Solange alles glatt läuft, wirken viele stabil, sachlich, ausgewogen, verlässlich. Das hält solange nichts dagegenhält.

Solange Zustimmung da ist.
Solange niemand stört.
Solange das eigene Bild unbeschädigt bleibt.

Die Fassade hält nur bei schönem Wetter, aber wehe es gibt Gewitter. Spätestens wenn Widerspruch kommt, wenn Interessen kollidieren, wenn jemand nicht mehr durchkommt, wenn Applaus ausbleibt, dann zeigt sich etwas ganz anderes: Es zeigt sich wie jemand gebaut ist. Plötzlich kippt etwas und Risse im Tragwerk werden sichtbar.

Dann wird aus Sachlichkeit Gereiztheit, aus Souveränität Dünnhäutigkeit, aus Argumentation Abwertung, aus Gelassenheit Trotz, aus Haltung nackte Pose. Und genau da beginnt es interessant zu werden, denn das sind nicht einfach Stilfragen. Das sind Hinweise. Hinweise darauf, was trägt und was nur gut angemalt war. Manche Reaktionen wirken wie spontane Entgleisungen, sind sie aber oft nicht. Sie sind eher kleine statische Prüfungen, die plötzlich sichtbar werden.

Ein scharfer Einwand.
Eine unbequeme Nachfrage.
Ein Moment ohne Applaus, ohne Zustimmung.
Ein Widerspruch zur falschen Zeit.

Und plötzlich zeigt sich, die viel beschworene Haltung war an Bedingungen geknüpft.

An Zustimmung.
An Kontrolle.
An Überlegenheit.
An das eigene Bild.

Das ist kein Versehen, das ist Bauweise. Darum lohnt es sich, genau hinzusehen. Nicht, um jeden Fehler zu skandalisieren. Fehler passieren, jeder verliert einmal die Fassung und jeder sagt einmal etwas Schlechtes. Darum geht es nicht. Aber es gibt diese Momente, in denen klar wird, hier verrutscht nicht nur ein Satz, sondern hier zeigt sich ein Integritätsbruch.

Nicht als großer moralischer Skandal, sondern als etwas Nüchterneres. Ein Bruch zwischen Anspruch und Verhalten.
Zwischen Rolle und Reaktion. Zwischen dem, was jemand vorgibt zu tragen und dem, was tatsächlich hält. Das Problem ist dann nicht der Ton. Der Ton ist nur das Geräusch, das entsteht, wenn innen etwas nachgibt und genau deshalb hilft es so wenig, im Nachhinein über Formulierungen zu streiten. Das ist nur Reparatur an der Fassade, die eigentliche Frage liegt darunter:

Was passiert hier unter Last?

Wer hält Widerspruch aus, ohne abzuwerten?
Wer bleibt ruhig, ohne sich zu entziehen?
Wer kann Kritik aufnehmen, ohne sofort in Verteidigung zu gehen?
Wer verliert nicht die Achtung vor anderen, nur weil sie widersprechen?
Wer braucht Bewunderung, um freundlich zu bleiben?

Das sind keine Stilfragen. Das sind statische Fragen und vielleicht müsste man politische Auftritte nicht als Abfolge von Argumenten, sondern als Belastungstest lesen. Was hier sichtbar wird, ist nicht nur Meinung sondern es ist Struktur.

Und manchmal reicht ein einziger Moment, um zu verstehen:

Das Problem war nie der Ton.
Das Problem war die Statik.

Was sich seit 1840 in unserer Landschaft geändert hat

Bei der Uni Freiburg gibt es alte Karten: Karten

So den topographischen Atlas über das Grossherzogtum Baden:
Auf Befehl Sr. Königlichen Hoheit des Grossherzogs Leopold nach den Original-Aufnahmen des militairisch topographischen Bureaus in 55 Blättern bearbeitet und gestochen im Maasstabe von 1 : 50000 Verjüngung ; … 1838 – 1849. – Ueberdr. – 1:50 000. – Carlsruhe : Müller, [1854]. – 55 Bl. : Kt.; (dt.)

Von diesen Karten habe ich die von Hüfingen raus gezogen und dem Jahr 2026 gegenübergestellt. Bearbeitet wurden hier Ausschnitte aus Blatt XI.4.

1840-2026 Greater Hüfingen


Hausen vor Wald und Behla.
Man beachte den Behlaer Weiher!

Hausen vor Wald und Behla


Fürstenberg

Fürstenberg oben auf dem Berg ist am 18. Juli 1841 abgebrannt und wurde dann unten neu errichtet. Die Karten entstanden von 1838 bis 1849 und wurden 1854 veröffentlicht.

Fürstenberg 1840 und 2026


Mundelfingen

1840-2026 Mundelfingen


Sumpfohren

1840-2026 Sumpfohren


Hüfingen
In Rothlauben war seit 1824 eine landwirtschaftliche Versuchsstation von Jakob Curta von denen die Schosenhöfe ein Teil waren. Ursprünglich waren dort drei Höfe, der einzige Hof von damals der noch an der selben Stelle steht, ist der Untere Schosenhof. Der Obere Schosenhof ist abgebrannt und etwas weiter unten neu errichtet worden. Am alten Standort steht heute noch eine Linde.

1840-2026 Hüfingen


In Hüfingen ist sehr interessant, wo heute die Tiefbrunnen sind hieß damals Im Wangen. Der Schaafaecker war an der Ruckhalde – dort wo heute Donaueschingen einen Tiefbrunnen hat. Beim Hasenwäldle war eine Ziegelhütte. Nördlich der Sieren war ein Kalksteinbruch. Den sieht man heute noch.

1840-2026 Hüfingen mit Open Street Map

Storchen-Eldorado Baar

Spätestens seit 2020 haben es mir die Baar-Störche angetan: Die Zunahme ihrer Population ist eines der wenigen mich hoffnungsfroh stimmenden Zeichen und Wunder auf dieser von Krisen so gebeutelten Welt. Damals, vor sechs Jahren, war es die Coronaseuche, die es ratsam erscheinen ließ, zu Fuß oder per Rad ins Freie zu flüchten, um sich nicht anzustecken und um sich fit zu halten. Und eines Vorfrühlingstages entdeckte ich von meinem Radweg aus das Storchenpaar hoch oben am äußersten Ende des Querarms eines der Masten der Überlandleitung, die längs der Stillen Musel und der lärmigen   Schnellstraße verläuft – was für ein kühnes Experiment des eben aus seinem Winterquartier zurückgekehrten Storchenpaars! Klar, dass ich das fotografisch festhalten musste, zumal sich auf dem Foto dann ja auch noch ein zweiter Horst herausstellte.

Seither benutze ich diesen Radweg besonders gern bei meinen Ausritten in den Baarfrühling, denn die Horste haben sich mittlerweile vervielfacht, auch weitere Masten wurden besiedelt; die Bruten in schwindelnder Höhe und inmitten von Stromkabeln scheinen da oben erstaunlich erfolgreich zu verlaufen, egal wie der Witterungsverlauf im Frühjahr jeweils ausgefallen ist, ob es zu kalt war, zu warm, zu regnerisch oder zu trocken war. Nirgends war von einem Stromschlag zu lesen, ausgelöst durch fütternde an- oder abfliegenden Storcheneltern oder durch einen noch gar zu ungeschickten Jungstorch. Umso mehr beunruhigte mich unlängst die Zeitungsnotiz, wonach die Strombetreibergesellschaft beabsichtige, aus Gründen der Versorgungssicherheit die Horste zu beseitigen.

Störche auf Strommasten
2020
Störche auf Strommasten
2021
Störche auf Strommasten
2022

Doch auch dieses Frühjahr sind sie anscheinend alle noch da, die Horste wie die Storchenpaare, und dies trotz des Winterrückfalles Ende März. Die Bruten scheinen sogar erfolgreicher denn je ausgefallen zu sein. Strom-Blackouts, von denen im Januar halb Berlin, kurzzeitig auch mal ein Teil der Donaustadt betroffen war, hatten nachweislich andere Ursachen. Bleibt zu fragen, was die Überlandleitungsmasten, noch dazu am Stadtrand und über Schnellstraßen, für Störche so unwiderstehlich anziehend macht. Und weshalb ihnen das rustikale Milieu der Baardörfer nicht besser behagt. Oder sollten dort die für Horste geeigneten Kirchtürme und Dächer alle bereits ausgebucht sein? Doch das müssen Ornithologen beantworten. Bleibt zu hoffen, dass sie gute Argumente für den Verbleib auf den Masten ins Feld führen, die den Stromversorger auch weiterhin zu überzeugen vermögen. Wo das Beseitigen der Horste doch nach Bundesnaturschutzgesetz verboten ist.  

Störche auf Strommasten
2023
Störche auf Strommasten
2026
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