Liebe Bürgerpostleser,
wenn ich es recht im Kopf habe, war der Frauenschuh noch nicht thematisiert. Dieses Jahr bewegen mich zwei Dinge, über ihn etwas zu schreiben, erstens seine Vermehrungsstrategie und zweitens die Anzahl Blüten pro Stängel. Ich habe mich erinnert, vor langer Zeit, genauer gesagt, vor 20 Jahren dreiblütige Stängel auf dem Tannbüel an einer Stelle gesehen zu haben. Und tatsächlich, im Archiv habe ich zwei Bilder heraus fischen können.
Ich finde drei Blüten pro Stengel sind etwas besonders Schönes beim eh schönen Frauenschuh. Ich denke, das könnt ihr nachvollziehen. Dieses Jahr waren dreiblütige Fehlanzeige, es waren zwar viele zweiblütige Stengel zu sehen, aber nicht eine einzige dreiblütige. Auch ein Aufruf im Status gab keine positive Rückmeldung. Vielleicht auch hier noch der Aufruf, wer so etwas zu Gesicht bekommt, es mir bitte mitzuteilen.
Dann hat Karl Wild aus Maichingen beim Rundgang auf dem Tannbüel das Bild geschossen und mich aufgeklärt, wieso diese Wildbiene, vermutlich eine Sandbiene im Frauenschuh hockt.

Wenn Ihr befürchtet, dass der Frauenschuh eine fleischfressende Pflanze sei, so gebe ich knallharte Entwarnung. Es hängt mit der Vermehrungsstrategie zusammen. Die Blüte lockt kleine Insekten durch Farbe und Duft an. Die schuhförmige Lippe der Blüte ist wie eine Falle: Das Insekt rutscht hinein und kann nicht direkt wieder heraus. Das wird Kesselfallen-Prinzip genannt. Beim einzigen Ausgang muss das Insekt an den Pollensäcken vorbei. Hat es vorher Pollen von einer anderen Frauenschuh-Blüte mitgebracht, bleibt dieser an der Narbe hängen und die Blüte wird befruchtet. Danach entsteht eine Samenkapsel mit sehr vielen winzigen Samen.

Das Bild zeigt eine solche Kapsel vom letzten Jahr mit einer zweiblütigen Pflanze von diesem Jahr. Das Insekt nimmt neue Pollen mit und kann weitere Blüten besuchen, in die Falle gehen und befruchten. Das nenn ich mal einen Oberhammer.

Vor 20 Jahren habe ich das Bild geschossen mit der Haarfliege im Kessel, jetzt erst verstehe ich, dass auch sie zur Befruchtung beigetragen. Ist das nicht fantastisch? Die Samen haben kaum Nährstoffe. Sie können deshalb nur keimen, wenn sie mit bestimmten Bodenpilzen zusammenarbeiten, was die Vermehrung schwierig macht.
Zusätzlich kann sich der Frauenschuh über sein unterirdisches Rhizom, das ist ein unterirdisch wachsendes Sprossachsensystem, ausbreiten und neue Triebe bilden. Interessant ist auch, dass der Frauenschuh sehr langsam wächst – oft dauert es mehrere Jahre, bis aus einem Samen eine blühende Pflanze entsteht.

Zu guter Letzt nochmals ein Hammerbild. Seht Ihr die veränderliche Krabbenspinne? Veränderlich deshalb, weil sie Ihre Färbung der Umgebung anpasst. Gelb auf Gelb, bestens getarnt. Offenbar weiß sie instinktiv, dass da Insekten vorbeikommen an der Frauenschuhblüte zur Befruchtung. Seht Ihr, wie sie für eine liebevolle, sprich tödliche Umarmung vorbereitet ist? Der Frauenschuhkessel ist voller Beutetiere, also Verhungern mußte sie garantiert nicht.

Also die nächsten Tage ist die Vollblüte vorbei, trotzdem lohnt sich noch eine Besuch zum Beispiel auf dem Hüfinger Orchideenpfad, auf Tannbühl und auf Schopfeln Rehletal bei Hattingen.
Herzliche Grüße
Franz Maus

