Sumserturm, Modellgemeinde – Sozialraumplanung, Forstwirtausbildung im Städteviereck, Neubaugebiet „Im Stegle“, Bauhof

Hier geht es um die Gemeinderatssitzung am 2. Juli 2026. Die Unterlagen gibt es hier: https://huefingen-sitzungsdienst.komm.one

Sitzung des Ausschusses für Umwelt und Technik 18:20 Uhr

26/2026 Anbau und altersgerechter Umbau eines bestehenden Wohnhauses

Zur Schaffung von zusätzlichem Wohnraum bzw. einer barrierefreien Wohnung im Erdgeschoss sind zwei Anbauten vorgesehen. Durch die Umbaumaßnahmen entsteht eine zusätzliche 3. Wohnung im Dachgeschoss.
Entgegen den Festsetzungen des Bebauungsplanes sind Befreiung für die Überschreitung der festgesetzten Anzahl der max. Wohneinheiten (3 anstatt max. 2) sowie die Unterschreitung der festgesetzten Dachneigung (13° anstatt 20-42°)
notwendig.

Der Ortschaftsrat von Hausen vor Wald hat einstimmig zugestimmt. Auch der Gemeinderat hat einstimmig zugestimmt.

27/2026 Denkmalschutzrechtliche Genehmigung – Austausch Fenster, Wehrturm Hüfingen

Die aktuell verbauten Holzfenster stammen aus den 1960er Jahren. Ziel der Maßnahme ist der vollständige Austausch der abgängigen Fensterelemente durch neue, material- und werkgerechte Holzfenster. Dabei soll das charakteristische
Erscheinungsbild der Fassade gewahrt und gleichzeitig der Wärmeschutz signifikant verbessert werden.
Bei dem Wehrturm handelt es sich um ein Kulturdenkmal gemäß §28 Denkmalschutzgesetz. Ebenfalls liegt das Gebäude innerhalb des denkmalgeschützten Altstadt-Ensembles von Hüfingen.
Vorbehaltlich der Zustimmung des Landesdenkmalamtes kann laut Ansicht der Verwaltung dem Antrag zugestimmt werden.

Danke für die tolle alte Zeichnung vom Sumser-Turm!

Der Ausschuss stimmt einstimmig zu.

Sitzung des Gemeinderates 18:30 Uhr

Öffentliche Sitzung des Gemeinderates

TOP 2 Bekanntgabe von Beschlüssen aus nichtöffentlichen Sitzungen

Es gibt nichts neues.

TOP 3 Bürgerfragestunde

Nur vier Bürger anwesend.

TOP 4 Hüfingen Modellgemeinde – Sozialraumplanung

Die in Hüfingen neu geschaffene Stelle für Sozialraumplanung stellt die notwendige lokale Perspektive sicher und macht damit die enge Zusammenarbeit mit der Sozialplanung des Landkreises erst möglich. Die Gemeinde benennt damit eine feste Ansprechpartnerin, die die Abstimmung mit Vereinen, Nachbarschaftshilfe, Kirchengemeinden und lokalen Trägern übernimmt.

Die Arbeit in Hüfingen ist in mehrere miteinander verzahnte Teilprojekte gegliedert, die thematisch ineinandergreifen und von einer Steuerungsgruppe begleitet werden, die den Gesamtverlauf bewertet.

Die Stadt Hüfingen übernimmt viele operative Aufgaben vor Ort, der Landkreis leistet die fachliche Begleitung und die übergeordnete Abstimmung. In diesem Modell verlagern sich Aufgaben der Sozialplanung. Die sozialplanerische Arbeit vor Ort ist stärker operativ ausgestaltet, während die Sozialplanung des Landkreises mehr eine beratende, steuernde und vermittelnde Funktion zwischen den Ämtern, den freien Trägern und weiteren Kommunen einnimmt.

Die gemeinsame Sozialplanung in Hüfingen ist als dauerhaftes Modellprojekt angelegt. Die neu geschaffene Vollzeitstelle zur Sozialraumplanung in der Gemeinde ist eine zentrale Voraussetzung und ein Vorbild für andere Kommunen. In Schönwald gibt es einen kommunalen Ansprechpartner (Kümmerer) auf Basis eines Minijobs und in Blumberg eine Teilzeitbeschäftigte. Gelingt die Erprobung, lassen sich die erarbeiteten Strukturen, Abläufe und Finanzierungsansätze auf weitere Gemeinden übertragen.

Susanne Bucher stellt den aktuellen Stand und die acht Teilprojekte vor.

Teilprojekte:

  1. Implementierung des Fachkonzepts Sozialraumorientierung
  2. Einführung eines Sozialraumdialogs
  3. Aufbeu eines lokalen Pflegebündnisses
  4. Weiterentwicklung der Sozialraumkonferenz Jugendhilfe
  5. Bildung eines Arbeitskreises für Menschen mit Behinderung
  6. Aufbau bürgerschaftlicher Nachbarschaftshhilfe
  7. Entwicklung eines Finanzierungskonzepts (z.B. Sozialraumbudget)
  8. Aufbau eines sozialräumlichen Beratungs- und Sozialdienstes

Petra Moog (CDU) fragt nach der Finanzierung und den Fördertöpfen. Da Hüfingen Modellgemeinde ist, arbeitet das Landratsamt mit und kann auch Anträge stellen. Was mich erstaunt ist, dass sich Michael Steinemannn (Freies Forum) immer noch nicht mit der Nachbarschaftshilfe auseinander gesetzt hat. Dies ist offensichtlich so, da er nicht weiß, dass die Nachbarschaftshilfe grundsätzlich keine Handwerkerleistungen übernimmt.

Die Gemeinderäte sind alle begeistert und bedanken sich bei Susanne Bucher.

TOP 5 Neufassung der Satzung über die Entschädigung für ehrenamtliche Tätigkeit der Stadt Hüfingen


Der Gemeinderat hat beschlossen, für die Tätigkeit des ehrenamtlichen Inklusionsbeauftragten eine monatliche Aufwandsentschädigung in Höhe von 60,00 Euro zu gewähren und die entsprechende Regelung in die Satzung über die Entschädigung für ehrenamtliche Tätigkeit aufzunehmen.

  1. Der Gemeinderat beschließt die als Anlage beigefügte Neufassung der Satzung über die Entschädigung für ehrenamtliche Tätigkeit der Stadt Hüfingen.
  2. Die Satzung tritt am 09.07.2026 in Kraft. Gleichzeitig tritt die Satzung über die Entschädigung für ehrenamtliche Tätigkeit vom 14.12.2023 außer Kraft.

Dem wird einstimmig zugestimmt.

TOP 6 Neufassung der Satzung über die Form der öffentlichen Bekanntmachung

Die Form der öffentlichen Bekanntmachung ist gemäß § 4 Gemeindeordnung für Baden-Württemberg (GemO) in Verbindung mit § 1 der Verordnung des Innenministeriums zur Durchführung der Gemeindeordnung (DVO GemO) durch Satzung festzulegen. Die Bekanntmachungssatzung bestimmt die Art und Weise, in der öffentliche Bekanntmachungen der Stadt Hüfingen erfolgen.

Die derzeit geltende Satzung über die Form der öffentlichen Bekanntmachung vom 13.12.2001 sieht die Veröffentlichung amtlicher Bekanntgaben im Amtsblatt der Stadt Hüfingen („Hüfinger Bote“) vor. Diese Veröffentlichungsform entspricht zunehmend nicht mehr den Anforderungen an eine moderne, zeitgemäße und effiziente Bereitstellung öffentlicher Informationen.
Mit der Neufassung der Bekanntmachungssatzung sollen öffentliche Bekanntmachungen künftig durch Bereitstellung auf der Homepage der Stadt Hüfingen erfolgen. Dadurch wird eine schnelle und jederzeit zugängliche Veröffentlichung ermöglicht und gleichzeitig die Digitalisierung vorangetrieben. Zur Verbesserung der Bürgerinformation ist vorgesehen, weiterhin ergänzend im Amtsblatt auf erfolgte öffentliche Bekanntmachungen hinzuweisen. Dadurch werden auch Bürgerinnen und Bürger erreicht, die das Amtsblatt weiterhin als bevorzugte Informationsquelle nutzen.
Zur Umsetzung ist die Satzung über die Form der öffentlichen Bekanntmachung vom 13.12.2001 aufzuheben und durch eine neue Satzung zu ersetzen, die die öffentliche Bekanntmachung durch Bereitstellung auf der Homepage der Stadt Hüfingen festlegt.

Beschlussvorschlag:

  1. Der Gemeinderat beschließt die als Anlage beigefügte Satzung über die Form
    der öffentlichen Bekanntmachung der Stadt Hüfingen.
  2. Die bisherige Satzung über die Form der öffentlichen Bekanntmachung vom
    13.12.2001 tritt mit Inkrafttreten der neuen Satzung außer Kraft.

Dann hoffe ich, dass man sich künftig nicht nur an die neue Veröffentlichungsregelung hält, sondern auch an § 35 der Gemeindeordnung für Baden-Württemberg. Dort ist klar geregelt: Die Sitzungen des Gemeinderats sind grundsätzlich öffentlich. Öffentlichkeit ist der Regelfall, Nichtöffentlichkeit die Ausnahme. Nichtöffentlich darf nur beraten werden, wenn das öffentliche Wohl oder berechtigte Interessen Einzelner dies erfordern. Und auch Beschlüsse, die nichtöffentlich gefasst wurden, sind in der nächsten öffentlichen Gemeinderatssitzung bekanntzugeben, sofern keine Gründe mehr entgegenstehen.

Kurz gesagt: Nichtöffentlichkeit ist die Ausnahme – auch wenn der Gemeinderat gelegentlich den gegenteiligen Eindruck vermittelt.

Wo diese Bekanntgabe erfolgt, ist mir persönlich egal. Dass sie erfolgt, ist mir nicht egal.

Dem Beschlussvorschlag wird einstimmig zugestimmt.

TOP 7 Gemeinsame Forstwirtausbildung im Städteviereck – Sachstand, Kosteninformation und Projektstart

In der Gemeinderatssitzung am 24. Juli 2025 unter TOP12 wurde dem Gemeinderat die Überlegung zu einer gemeinsamen Forstwirtausbildung im Städteviereck (Hüfingen, Donaueschingen, Bräunlingen und Blumberg) vorgestellt.

Angedacht ist, dass für die Ausbildung eine neue Sparte bzw. Unterabschnitt beim Zweckverband Volkshochschule (VHS) geschaffen wird, da diesem Zweckverband bereits alle vier Städte angehören. Ziel des Projekts ist es, dem zunehmenden Fachkräftemangel im Forstbereich durch eine gemeinsame Ausbildungsoffensive der vier Städte entgegenzuwirken.

Der Gemeinderat fasste den Beschluss, dass die Absicht, eine gemeinsame Ausbildung von Forstwirten im Städteviereck aufzubauen, befürwortet wird. Die Verwaltung wurde beauftragt, in die weitere Detailabstimmung einzusteigen und den Gemeinderat wieder zu informieren. In den drei anderen Städten (Donaueschingen, Bräunlingen und Blumberg) wurden gleichlautende Beschlüsse gefasst.
Im Anschluss fanden weitere Abstimmungsgespräche zwischen den beteiligten Städten sowie mit Fachvertretern des Forstbereichs statt. Bei einem Termin bei den Technischen Diensten der Stadt Donaueschingen (TDDS), die als Ausbildungsstützpunkt vorgesehen sind, wurden die Anforderungen an eine anerkannte Ausbildungsstätte gemeinsam mit dem Forstlichen Ausbildungszentrum (FAZ) Mattenhof geprüft. Im Rahmen dieses Abstimmungstermins zeigten sich diverse neue und zu beachtende Themen, welche insbesondere auch finanzielle Auswirkungen auf die bisherige Kalkulation des Vorhabens zur gemeinsamen Forstwirtausbildung mit sich brachten.

So steigen die einmaligen Kosten voraussichtlich von bislang rund 100.000 Euro auf 150.000 Euro. Bei vier beteiligten Kommunen ergibt sich daraus ein einmaliger Kostenanteil von rund 37.500 Euro je Stadt.
Die jährlichen Kosten steigen (bei vier Auszubildenden) von rund 120.000 Euro auf 163.000 Euro. Der auf die Stadt Hüfingen entfallende Anteil würde sich damit auf rund 40.750 Euro jährlich belaufen.
Hinzuweisen ist, dass es sich weiterhin um Schätzwerte handelt. Insbesondere im Bereich der jährlichen Kosten ist in den ersten Jahren noch mit geringeren Ausgaben zu rechnen, da die Ausbildung voraussichtlich nicht direkt mit vier Auszubildenden (Maximalanzahl) startet.
Aufgrund der vorliegenden Kostensteigerungen haben sich die vier Bürgermeister darauf verständigt, dass diese neue Kostensituation vorab erneut in den kommunalen Gremien (Gemeinderat) beraten werden soll, bevor der Zweckverband die finalen Weichen für die Forstwirtausbildung (Satzungsänderung, etc.) stellt.
Die Verwaltung empfiehlt weiterhin an der Umsetzung der Forstwirtausbildung festzuhalten. Es bestehen sehr gute Chancen, dass hier die Möglichkeit entsteht, zwingend benötigte Fachkräfte auszubilden und langfristig an die kommunalen Forstbetriebe zu binden. Durch den Einsatz des Forstwirtschaftsmeisters sowie der Auszubildenden in den Forstbetrieben ist darüber hinaus auch mit Kosteneinsparungen bei bislang zugekauften Unternehmerleistungen zu rechnen.

Die bisher erfolgte öffentliche Berichterstattung sowie persönliche Gespräche der Beteiligten haben dazu geführt, dass bereits Anfragen interessierter Jugendlicher für die Ausbildung als auch eines potentiellen Forstwirtschaftsmeisters vorliegen.
Vorausgesetzt, dass die Forstwirtausbildung weiterhin in allen vier Kommunen unterstützt wird, könnte der Zweckverband in seiner Verbandsversammlung am 16. Dezember 2026 die entsprechenden Beschlüsse fassen (Satzungsänderung, etc.). Da der Zweckverband hier eine neue Aufgabe übernimmt, müssen die Gemeinderäte vorher noch der geplanten Änderung der Verbandssatzung zustimmen, siehe § 21 GKZ i.V.m. § 6 Abs. 1 GKZ. Diese Zustimmung wäre dann zu gegebener Zeit noch einzuholen. Anschließend könnte dann die Projektumsetzung starten.

Warum ausgerechnet der VHS-Zweckverband?

Die Wahl des Zweckverbands scheint in erster Linie dadurch begründet zu sein, dass die organisatorische Struktur bereits existiert. Ob sie auch fachlich die beste Lösung für einen technischen Ausbildungsbetrieb ist, bleibt für mich jedoch offen.

Meine Bedenken richten sich nicht gegen die Idee einer gemeinsamen Forstwirtausbildung – diese halte ich für sinnvoll und unterstützenswert. Kritisch sehe ich jedoch die geplante organisatorische Anbindung an den Zweckverband Volkshochschule Baar.
Der Zweckverband besteht zwar bereits. Dennoch stellt sich die Frage, ob er der geeignete Träger für eine hoch spezialisierte forstliche Berufsausbildung ist.

Die fachliche Ausbildung wird selbstverständlich durch einen qualifizierten Forstwirtschaftsmeister erfolgen. Dieser wäre jedoch organisatorisch dem Geschäftsführer des Zweckverbands unterstellt.
Gerade deshalb halte ich die Leitungsstruktur für entscheidend. Eine forstliche Ausbildung stellt andere Anforderungen als der Betrieb einer Volkshochschule. Es geht um Personalführung, Ausbildungsqualität, Arbeitssicherheit, Organisation eines technischen Ausbildungsbetriebs sowie die langfristige Entwicklung eines neuen Fachbereichs.

Hier habe ich erhebliche Zweifel, ob die vorhandenen Leitungsstrukturen und Kompetenzen den Anforderungen eines technischen Ausbildungsbetriebs gerecht werden.

Hinzu kommt, dass sich die Volkshochschule Baar in den vergangenen Jahren personell aus meiner Sicht nicht stabil entwickelt hat. Die erhebliche Fluktuation im Mitarbeiterbereich wirft Fragen nach der Führungs- und Organisationskultur auf. Gerade beim Aufbau eines völlig neuen Ausbildungszweigs halte ich stabile Führungsstrukturen für einen wesentlichen Erfolgsfaktor.

Deshalb sollte zumindest geprüft werden, ob für die gemeinsame Forstwirtausbildung nicht ein eigenständiger Zweckverband die bessere Lösung wäre. Damit ließen sich Aufgaben und Verantwortlichkeiten klar trennen und gleichzeitig die Strukturen von Anfang an passgenau auf die Anforderungen eines forstlichen Ausbildungsbetriebs ausrichten.

Auch finanziell sollte diese Variante geprüft werden. Wird die Forstwirtausbildung künftig über einen eigenständigen Zweckverband organisiert, stellt sich zugleich die grundsätzliche Frage, ob der bisherige Zweckverband Volkshochschule Baar in seiner heutigen Form überhaupt noch benötigt wird. Für ihn sind im Haushalt 2026 rund 40.000 Euro vorgesehen.

Gerade weil die Forstwirtausbildung als langfristiges Zukunftsprojekt angelegt ist, sollte sie auf einer Organisationsstruktur aufbauen, die fachlich überzeugt und von allen Beteiligten dauerhaft mitgetragen werden kann.

Markus Leichenauer (CDU) befürwortet die gemeinsame Ausbildung aber die Kostensteigerung gefällt ihm nicht. Es ist ihm nicht so ganz klar warum es so viel kostet und der Schlüssel gefällt ihm auch nicht. Also warum es durch vier geteilt wird. Bei den Kosten schlägt er vor, dass diese nach Waldfläche berechnet werden kann. Für die CDU ist auch die VHS nicht der richtige Träger. Aus diesen Gründen beantragt er die Vertagung.

Kerstin Skodell (SPD) findet auch den Zweckverband VHS hier nicht den richtigen Träger Sie schlägt vor, dass die Beträge nach Einwohner oder auch Waldfläche aufgeteilt werden. Sie kann beim Vertagen mitgehen.

Michael Steinemann (Freies Forum) stimmt Markus Leichenauer zu und hätte dagegen gestimmt, wenn nicht vertagt wird.

Harald Weh (CDU) meint auch, dass die VHS Baar hier falsch ist und fragt warum es nicht ein Teil der GVV werden kann.

Im Allgemeinen gibt es sehr viele organisatorische Fragen und Markus Leichenauer schlägt ein interkommunales Gespräch vor.

Beschlussvorschlag:

  1. Der Gemeinderat nimmt den Sachstandsbericht zur Kenntnis.
  2. Die gemeinsame Ausbildung von Forstwirten im Städteviereck wird weiterhin befürwortet. Die Zustimmung der Stadt Hüfingen ist daran gekoppelt, dass auch die übrigen drei Kommunen zustimmen.
  3. Im Haushalt 2027 sollen die erforderlichen Mittel eingestellt werden.

Der Gemeinderat vertagt den Beschluss einstimmig, bis es genaueres gibt und alle Bedenken und Fragen geklärt sind.

TOP 8 Erschließung Neubaugebiet „Im Stegle“ Hausen vor Wald Nachtrag Bodenaustausch

Die Baumaßnahme zur Erschließung des Baugebiets „Stegle“ im Stadtteil Hausen vor Wald hat Anfang Mai mit der Einrichtung der Baustelle begonnen. Die ersten Arbeitsschritte auf der Baustelle umfassen die Einbindung der neuen Schmutzwasserkanalisation in den vorhandenen Sammler der Ortsstraße und den Anschluss der Regenwasserableitung in den verdolten Schlehwiesengraben im Bereich der neu herzustellenden Einmündung in die angrenzende Ortsdurchfahrt.
Im Zuge dieser Kanal- und Tiefbauarbeiten musste festgestellt werden, dass sich unterhalb des Mutterbodens extrem weiche und plastische Auelehmböden befinden, die bis zu einer Stärke von 3,50 m auf dem anschließenden tragfähigen Mergelgestein vorgelagert sind. Die Auelehmböden sind schwer bearbeitbar und können nicht auf die für einen qualifizierten Straßenbau geforderten
Tragfähigkeitswerte verdichtet werden. Aufgrund des hohen organischen Anteils des Materials scheidet auch eine Bodenverbesserung mit hydraulischem Bindemittel aus, welche im Baugebiet grundsätzlich vorgesehen ist. Als Lösung verbleibt der komplette Ausbau des Materials samt Wiederverfüllung mit tragfähigem Ersatzmaterial. Der Bereich umfasst hinter der jetzigen Gehweghinterkante eine Länge von ca. 25 m ins Baugebiet. Vermutlich handelt es sich in diesem Bereich um verlandetes Schwemmmaterial des Schlehwiesengrabens. In den anschließenden höheren Lagen des Baugebiets können dann Bodenverhältnisse mit steif-halbfester Konsistenz vorgefunden werden, die sich dann wieder mit den ausgeschriebenen Maßnahmen zur Bodenverbesserung bearbeiten lassen.

Nachtragsangebot: Da die schlechten Bodenverhältnisse zum Zeitpunkt der Ausschreibung unbekannt waren, ist für den vorgesehenen Bodenaustausch ein Nachtragsangebot erforderlich.
Im Bereich der Erschließungsmaßnahme ist als Ersatzmaterial ein Grobschotter zur Erhöhung der Tragfähigkeit vorgesehen. Im Bereich des Löschwasserbehälters wird ein Magerbeton C 20/25 eingebaut. Das Nachtragsangebot schließt bei einer Gesamtsumme von brutto € 61.148,11 ab.

Kosten RÜB

Technisch ist dieser Bodenaustausch sicherlich erforderlich. Politisch sollte er uns jedoch daran erinnern, dass jede neue Versiegelung und jede beschleunigte Ableitung von Regenwasser ihren Preis haben. Der notwendige Bodenaustausch zeigt zugleich, wie stark wir in natürliche Bodenstrukturen eingreifen. Mit jeder zusätzlichen versiegelten Fläche versickert weniger Niederschlagswasser vor Ort und trägt damit immer weniger zur Neubildung unseres Grundwassers bei. Unsere beiden Tiefbrunnen verfügen jedoch nicht über eine unerschöpfliche Schüttung. Deshalb sollten wir bei jeder weiteren Flächenversiegelung und Regenüberlaufbeckenen auch die langfristigen Folgen für die Wasserversorgung künftiger Generationen mitdenken.

Beschlussvorschlag:

Der Gemeinderat genehmigt die zusätzlichen Ausgaben in Höhe von 61.148,11 € brutto im Zuge des Nachtragsangebots.

Dem wird mit einer Enthaltung einstimmig zugestimmt.

TOP 9 Vergabe von Bauleistungen – Bauhof 2. Bauabschnitt

Die Kostenberechnung für die Malerarbeiten lag bei 56.884,96 € brutto (47.802,50 € netto). Somit befindet sich der Angebotspreis um 29.825,31 € unter dem bepreisten Leistungsverzeichnis.

Beschlussvorschlag:
Ein Malerbetrieb aus Villingen- Schwenningen wird mit den Malerarbeiten in Höhe von 27.059,65 € brutto beauftragt.

Dem wird einstimmig zugestimmt.

TOP 10 Ersatzbeschaffung Mulcher Bauhof

Die Mulcharbeiten im Stadtgebiet Hüfingen werden derzeit einem Landwirt aus Behla ausgeführt. Das städtische Mulchgerät, das er hierfür verwendet, ist mit seinem hohen Alter von 45 Jahren verstärkt störungs- und reparaturanfällig. Eine Ersatzbeschaffung ist daher dringend notwendig.
Der neue Ausleger ist so ausgewählt, dass die bereits vorhandenen Anbauteile weiter genutzt werden können. Zudem kann der neue Ausleger auch an den Traktor Valtra des städtischen Bauhofs angekuppelt werden und ist somit auch für den Bauhof einsetzbar.

Es wurden zwei Angebote von Händlern eingeholt. Im Haushaltsplan 2026 sind 100.000 € eingestellt.

Martin Bausch (Freies Forum) hätte ein Foto vom Gerät schön gefunden. (Dem stimme ich zu!)

Beschlussvorschlag:

Die Verwaltung wird beauftragt, die Ersatzbeschaffung des Mulchgeräts zum Angebotspreis in Höhe von 66.309,18 € auszuführen.

Dem wird einstimmig zugestimmt.

TOP 11 Informationen der Verwaltung und Anfragen aus dem Gemeinderat

Der Brief an die Landesregierung ist raus gegangen und gestern war Pizza und talk. Es wird zwei neue Mülleimer geben und eine Bank. Die Kinder und Jugendlichen wünschen sich einen Fitnessparcours.



Zu Besuch beim Nationalerbe-Baum 

Kürzlich machte auch im Schwarzwald ein Kuratorium Nationalerbe-Bäume von sich reden, initiiert von der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft e. V. und gefördert von der Eva Mayr-Stihl Stiftung, mit dem lobenswerten Ziel, 100 Bäume in Deutschland als Nationalerbe-Bäume auszurufen: „Wir suchen, erhalten, pflegen und schützen besondere Charakterbäume in Deutschland, um sie in Würde altern zu lassen“, so lautet das offizielle Programm. Klar, dass da die allerstärksten Eichen und Linden zum Zuge kommen, natürlich auch die auf ein Alter von 1.100 (aber auch von bis zu 4.000) Jahren geschätzte Eibe von Balderschwang im Allgäu, der wohl älteste Baum Deutschlands. Doch unlängst ist man dann auch im Schwarzwald fündig geworden mit einem würdigen „Charakterbaum“: Ausgewählt wurde die „Danieltanne“, mit 46 m Höhe und mit über 5,80 m Brusthöhenumfang zweifellos eine der prominentesten Weißtannen des Schwarzwalds. Sie steht, neben einer zweiten Riesin, der kaum schmächtigeren „Danielatanne“, im Gemeindewald von Grafenhausen in knapp 1000 m Meereshöhe, per Fußmarsch leicht erreichbar vom Parkplatz am Hüsli aus, dem Heimatmuseum, besser noch bekannt als schwarzwaldtypischer „Wohnsitz“ von Professor Brinkmann aus der einst weltweit gesendeten TV-Serie „Die Schwarzwaldklinik“, in Sichtweite zur Badischen Staatsbrauerei Rothaus. 

Ob die Danieltanne (die nach der Waldabteilung Daniel benannt ist) zwar tatsächlich gegen 400 Jahre alt ist, wie bei der Verkündung des Nationalerbe-Baums behauptet wurde, erscheint etwas gewagt, denn wer weiß, wie lange in ihrer Jugend ihr „Schattenschlaf“ unterm Schirm des Vorbestands gedauert hat, in welchem sie nur mikroskopisch enge Jahrringe ausbilden konnte; die lassen sich vom Dendrologen allenfalls mithilfe eines Spezialgeräts (eines Resistographen) ermitteln und abzählen, das hier jedoch nicht zum Einsatz gekommen ist.

Der Besuch der frischgekürten Danieltanne erfolgte diesmal im Rahmen des Peter-und-Paul-Treffens der hochschwarzwälder Forstleute, die damit einer uralten Tradition zu folgen pflegen: alljährlich am 29. Juni hatten auch sie einstmals ihr Vieh auf die Hochweiden des Feldbergs getrieben und anschließend zusammen gehörig gefeiert. Inzwischen will es das Programm, dass jeweils eine Wanderung angeboten wird, bei welcher zumindest aus der Ferne der Gipfel des Höchsten noch zu erblicken sein sollte; doch aus Anlass der Kür des Nationalerbe-Baums durfte es ausnahmsweise auch einmal etwas weiter weg nach Süden gehen. Und so standen sie denn bald, bei hochsommerlichen Temperaturen selbst im Tannenschatten, staunend vor dem geschützten Naturdenkmal, zuallermeist grauköpfige Ruheständler, die die Angaben der hölzernen Tafel mit den Maßen (Stand 2014) studierten und den Erläuterungen des jungen, örtlich zuständigen Forstkollegen lauschten. Wieviel mochte der Baum inzwischen zugelegt haben? Auch wurden die Wanderer daran erinnert, dass die Forstleute eigentlich ja schon immer ein besonderes Faible hatten für die allerstärksten Exemplare des „Schwarzwälder Charakterbaumes“, der Weißtanne – sieht man mal von jener sog. „Keilschirmschlag-Ära“ des scharfzüngigen und überdynamischen Landesforstmeisters KARL PHILIPP in den 1920er Jahren ab, der darauf gedrängt hatte, „die faulen Gesellen“ zeitiger zu ernten , womit er nicht nur die überstarken Stämme im Staatswald meinte, sondern auch ältere Berufskollegen. Andererseits erschien doch schon 1908 das Buch Bemerkenswerte Bäume im Großherzogtum Baden des Botanik-Professors Ludwig Klein, in dem auch die allerstärksten Tannen gewürdigt wurden, wie auch 1915 im Schwäbischen Baumbuch des Forstassessors Otto Feucht.

Nur über die exakten Maße von „Deutschlands größter Tanne“, des „Hölzlekönigs“ hart an der Landesgrenze im Wald zwischen Villingen und Schwenningen, den sie beide aufgesucht hatten, konnten sie sich nicht einigen. Und 1975 hatte dann der Forstminister den Assessor Hockenjos damit beauftragt, nachzuschauen und zu dokumentieren, was aus den Baumriesen der Jahrhundertwende geworden war (veröffentlicht im Bildtextband Begegnung mit Bäumen). Gegen Ende des Jahrtausends wurden die aufgefundenen allerstärksten Tannen dann durch die Freiburger Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) mithilfe moderner Lasertechnik vermessen, denn deren Volumen lässt sich bekanntlich nur über eine „Formzahl“ genauestens ermitteln. Die Danieltanne, damals noch namenlos, hatte sich dabei als im Brusthöhenumfang (BHD) stärkste, nicht jedoch voluminöseste der Schwarzwälder Tannenriesen herausgestellt; aktuelle Rekordhalterin war (und ist es wohl noch immer) eine Konkurrentin: die telegene Großvatertanne im Staatswald bei Freudenstadt. „Die mit 5,37 m Umfang (in Brusthöhe) dickleibigste Tanne“, so wurde es damals in der Fachzeitschrift (AFZ/DerWald 6/1998) im Bericht über die erfolgte Vermessungsaktion festgehalten, „steht (beinahe in Tuchfühlung zu vier weiteren kapitalen Prachtexemplaren) im Gemeindewald Grafenhausen im Südschwarzwald.“ Wobei der Berichterstatter und Fotograf längst schon erkannt hatte, dass seine Tannen auf den Fotos desto stärker ausfielen, je schlanker die an den Stammfuß plazierte Person ausgewählt worden war.

Ob von den fünf erwähnten „Prachtexemplaren“ die heute fehlenden drei derweil eines natürlichen Todes gestorben sind, ob sie per Stihl-Motorsäge genutzt wurden oder ob sie den Dürre- und Hitzephasen dieses Jahrtausends erlegen sind: darüber mochten die Peter-und-Paul-Wanderer beim Örtlichen nicht weiter nachbohren. Beim Anblick der allem Anschein nach jedoch noch recht gesunden Kuppelkronen von Daniel- und Danielatanne konnte sich bei ihnen immerhin wieder etwas Zuversicht einstellen in der so dringlichen wie heiklen Frage nach der erforderlichen Resilienz von Weißtannen – ein Wunder fast nach dem erst tags zuvor erduldeten neuen Hitzerekord. 

Der Abschluss in der Gaststätte neben der Badischen Staatsbrauerei – bei Tannenzäpfle, versteht sich, und badischem Wurstsalat – musste freilich etwas beschleunigt werden, denn es galt ja noch, zuhause bis nach Mitternacht das WM-Schicksalsspiel der Nation nicht zu verpassen. Spätestens nach dem Elfmeterschießen war es dann wieder vorbei mit der am Nationalerbe-Baum neugewonnenen Zuversicht!

Deutschlands derzeit Allerstärkste:
die Große Waldhaustanne im Bayerischen Wald

Kleine Galerie der Baaremer Tannenriesen

Beitrag vom 11. Juni 2022

Die Weiß- oder Edeltanne ist, ähnlich der Eiche unter den Laubhölzern, durch den Adel der Gestalt wie durch das Alter und die mächtigen Dimensionen, welche einzelne besonders günstig entwickelte Exemplare erreichen, unstreitig die Königin unserer Nadelhölzer.

Ludwig Klein: Bemerkenswerte Bäume im Großherzogtum Baden. Karlsruhe (1908)

Die Tanne nimmt eine ganz untergeordnete Stellung ein, obgleich sie in einzelnen riesenhaften Exemplaren und fast allenthalben als Überständer vorkommt.

Aus den Forsteinrichtungsakten des ehem. Wolterdinger Gemeindewalds (1833)

Ein Hoch auf die Weißtanne! Auch wenn sich die „Königin unserer Nadelhölzer“ (L. Klein) im Wald der Baar und des Baarschwarzwalds schon seit längerem ziemlich rar gemacht hat. Dabei war sie, wie es die  Pollenprofile beweisen, auch hier die führende Nadelbaumart. An ihrer Stelle hat die frostharte und gegen Wildverbiss so viel robustere Fichte das Rennen gemacht. Wo immer der Wald im schachbrettartigen Altersklassenverfahren nach Maßgabe des badischen Forstgesetzes (ab 1833) bewirtschaftet worden ist, wo gar Kahlschläge grassierten und Sturmblößen um sich gegriffen haben, war es um die gegen Spätfrost so empfindliche Tanne geschehen. Weshalb bis heute labile Fichtenreinbestände („Monokulturen“) den Ton angeben, so sehr die Förster bemüht waren, den Tannenanteil wieder anzuheben. Fast schon resignierend heißt es etwa 1960 in den Forsteinrichtungsakten des Bräunlinger Stadtwalds: „Die Tanne hat sich mit 3 % behauptet, […] die immer wieder geforderte Erhöhung des Tannenanteils gelang nicht.“ Derzeit liegt er noch immer deutlich unter 10 %. Oft genug lag es auch an übertriebener Rehwildhege (Winterfütterung, unzulängliche Bejagung), dass alle waldbaulichen Bemühungen um die Tanne umsonst waren. Weil aber im Zeichen des Klimawandels der Waldumbau hin zu stabileren, ökologisch wie ökonomisch vorteilhafteren Mischwäldern (mit mehr Weißtannen und Buchen als Fichten) zur neuen Jahrhundertaufgabe der Forstwirtschaft avanciert ist, gerät die Forstpartie oft genug unter öffentlichen Druck, ob mit oder ohne Zutun des Bestsellerautors Peter Wohlleben. Denn der gleichwüchsige, fichtenlastige „Tausendsäulensaal“ hat ausgedient angesichts der Anforderungen an den Wald der Zukunft, als da sind CO2-Speicherung, Kühlung und Widerstandskraft (Resilienz).

Umso dankbarer nimmt man zur Kenntnis, dass da und dort wenigstens ein paar einzelne alte Weißtannen (im Forstjargon sog. „Überständer“ oder „Überhälter“) allen Stürmen und  Immissionen, selbst dem Trocken- und Hitzestress der zurückliegenden Jahre getrotzt haben. Denn als Samenspender sind sie noch immer im Stande, für den lang ersehnten Nachwuchs zu sorgen. Einige dieser Veteranen aus tannenfreundlicheren Epochen haben inzwischen bereits Dimensionen erreicht, die längst durch kein Sägewerksgatter mehr passen. Was schon Generationen von Waldeigentümern und Förstern dazu veranlasst hat, ihnen das Gnadenbrot zu gewähren. Mitunter tragen sie dann sogar Namensschilder, stehen womöglich unter Naturdenkmalschutz und sind inzwischen zum Stolz ihrer Eigentümer und zu bestaunten Attraktionen für Waldbesucher herangewachsen. 

Was Prominenz und Bekanntheitsgrad solcher Uralttannen anbetrifft, so bleibt natürlich „Deutschlands größte Tanne“ unerreicht: der „Hölzlekönig“, der einst im Gewann Hölzle zwischen Villingen und Schwenningen residierte. Der märchenhaft populäre, geschätzt über 350 jährige Riese, an den noch ein Ausflugslokal gleichen Namens erinnert, hat mit seinem Umfang von 6 Metern in Brusthöhe und mit seinem Holzvolumen von –  sage und schreibe – 64 (!) Festmetern freilich schon vor einhundert Jahren das Zeitliche gesegnet, nachdem er zuvor durch Blitzschlag und Wipfelbruch beschädigt worden war. Auch die etwas schmächtigere „Hölzlekönigin“ an seiner Seite hat ihn nicht mehr lange überlebt. Das Ableben des Königs dürfte zudem durch den Umstand beschleunigt worden sein, dass unter seiner Krone ausgiebig Waldfeste gefeiert worden sind, was zu baumschädlicher Bodenverdichtung geführt haben muss. 

Waldfest unterm Hölzlekönig

Weißtannen können im Extremfall bis zu 700 Jahre alt werden, wie sie nachweislich per Jahrringzählung an einem jener Thüringer Tannengiganten ermittelt worden sind, unter denen auch die Nachfolgerin des „Hölzlekönigs“ als Deutschlands neuer Superlativ gefunden wurde: die „Königstanne“; benannt nach Gottlob König (1779 – 1849), dem Gründer und Direktor der Eisenacher Forstlehranstalt. Weil er als Begründer der Dendrometrie, der Holzmesslehre, gilt, dürften Zweifel am Holzvolumen der ihm gewidmeten Tanne, an deren phänomenalen 66 Festmetern, unangebracht sein, so sehr Volumenangaben von stehenden Bäumen ansonsten mit Vorsicht zu genießen sind. Wirklich Verlass ist meist nur auf Durchmesser und Umfang in Brusthöhe.

Auch wenn die heutigen Starktannen der Baar und des Baarschwarzwalds noch nicht zur absoluten Spitzenklasse zählen, so spricht doch nichts dagegen, dass die eine oder andere durchaus das Zeug dazu hat, in die allererste Garnitur aufzusteigen. Aktuelle deutsche Rekordhalterin ist die „Große Waldhaustanne“ im Nationalpark Bayerischer Wald mit 6,35 m Brusthöhenumfang (BHU) bei einer Baumhöhe von 50 m; für Baden-Württemberg hält bislang die „Großvatertanne“ unweit Freudenstadt den Rekord mit 5,50 m BHD, einer Baumhöhe von 50 m und ca. 40 Festmetern Volumen. Gegen derlei Konkurrenz mögen die hiesigen Spitzenreiter fast noch schmächtig erscheinen, doch staunenswert sind sie allemal. Weshalb zumindest ein paar wenige es verdient haben, dem Leser vorgestellt zu werden.

1. Meßmer-Tanne

Mit einem BHU von „nur“ 3,70 m zählt sie noch nicht zum engeren Kreis der Giganten, doch weil sie einem Donaueschinger Bürgermeister gewidmet, soll sie hier aufgeführt werden: Leopold Meßmer, nach dem auch eine Straße benannt ist, war, wie man einer Tafel am Baum entnehmen kann, von 1945 – 1953 amtierend. Als Verfolgter des NS-Regimes wurde er gleich nach Kriegsende von der französischen Besatzungsmacht inthronisiert, was ihn nicht daran gehindert hat, die Bürgermeistergeschäfte so überzeugend zu versehen, dass man ihm eine der Tannen-Überhälter im Oberholz hart an der Mistelbrunner Grenze gewidmet hat. Die Benadelung seiner dem Wind ausgesetzten Krone ist bereits etwas schütter, dennoch scheint ihr Gesundheitszustand noch immer zufriedenstellend zu sein. In der Wanderkarte 1:35.000 des Schwarzwald-Baar-Kreises ist die Tanne allerdings nur mit einer winzigen Signatur als „Hervorragender Baum“ verzeichnet, und der Wanderbetrieb hält sich hier offenbar in Grenzen – damit auch die Zahl der an Donaueschingens Zeitgeschichte interessierten Bewunderer Meßmers und seiner Tanne. Immerhin habe sich vor Jahren einmal die  SPD-Fraktion zu einem Besuch der Tanne aufgerafft, um ihres Genossen zu gedenken.



2. Fischer-Tanne

Wie die Meßmer-Tanne schmückt auch die Fischer-Tanne den Donaueschinger Stadtwald-Distrikt Oberholz. Und auch sie ist einem Bürgermeister gewidmet: dem von 1885 bis 1909 amtierenden Hermann Fischer und an dessen Wirken bis heute auch eine Hermann-Fischer-Allee in der Stadt erinnert. Bei ihrem BHD von 4,60 m und mit dem am Stamm angebrachten Namensschild ist sie von Hubertshofen aus kaum zu verfehlen. Steht sie doch am schnurgeraden, von der Richard Fesenmeyer Hütte (benannt nach dem Großvater des derzeitigen, in 6. Generation für den Stadtwald zuständigen Försters) aus durch schier endlosen Fichtenforst führenden Fischertannenweg und ist auch in der Wanderkarte verzeichnet. Ausweislich der dichten Benadelung ihrer Krone erfreut sie sich bester Gesundheit, was verwundern muss. Denn in der Rinde des mächtigen Stammes hat unverkennbar ein Blitz seine gewundene Spur hinterlassen. Ein kleines Kruzifix neben dem Stammfuß könnte die Vermutung aufkommen lassen, dass nicht nur die Tanne getroffen wurde, sondern auch noch ein Waldbesucher, der hier am 11. März 2005 den Tod gefunden hat.  Doch es war ein Waidmann, den hier ein Herzschlag ereilt hat, und die Narben am Stamm sind offenbar älteren Datums. Eine Kanzel neben der Tanne, gepaart mit einer saftig-grünen Äsungsfläche, erinnert daran, wie sehr eine erfolgreiche Rehwildbejagung über Wohl und Wehe von Weißtannen entscheidet. Umso schmerzlicher vermisst man im weiten Umkreis jegliche Ansätze von Ansamung und Anreicherung mit Tannenjugend. 



 3. Georg-Mayer-Tanne

Sie ist unübersehbar ein extrastarkes Kaliber mit ihrem BHU von 4,80 m, sodass die Sitzbank am Stammfuß optisch zum Bänkchen zusammenschrumpft. Gewidmet wurde die Tanne, wie einer hölzernen Tafel am Stamm zu entnehmen ist, dem F.F. Revierförster Georg Mayer, der von 1962 bis 1999 das Revier Hubertshofen versah und 2020 84jährig verstarb. Schon zuvor hatte der kapitale Baum mit seinem mächtigen Kandelaber-Ast in der Krone unter dem Namen „Habseck-Tanne“ einen gewissen Bekanntheitsgrad genossen, ist er doch vom Startplatz der Hubertshofener Skiloipe aus auf dem waldeinwärts führenden Weg bequem erreichbar. Sein Alter dürfte, gemessen an seinem Stammumfang, die 250 Jahre längst überschritten haben. Nur schade, dass es auch ihm zeitlebens nicht gegönnt war, für Tannen-Nachwuchs zu sorgen: im weiten Umkreis dominiert ausschließlich die Fichte. Tannenkeimlinge bevorzugen zwar auch deren Halbschatten, doch leider werden sie bereits als Sternchen vom Rehwild so vernascht, dass der Nachwuchs chancenlos bleibt.

Georg Mayer-Tanne

4. Die Große Eggwaldtanne

Bis unlängst war sie noch – mit ihrem BHU von 5,20 m und einer Baumhöhe von 50 m – die unzweifelhaft stärkste Tanne des Landkreises. Doch im Winter 2020 wurde sie vom Wintersturm „Sabine“ in ca. 30 m Höhe geköpft, der abgerissene Wipfel maß an der Bruchstelle noch immer  einen Dreiviertelmeter. Weil der Stamm aber noch über genügend grüne Äste verfügt, wird er wohl alsbald eine Ersatzkrone aufsetzen, sodass das Schicksal des Baumes noch lange nicht besiegelt sein muss. Dass er auch schon in intaktem Zustand nur wenig Aufsehen erregt hat, liegt an seinem versteckten Standort: Der Gigant steht eingetieft auf der Sohle der „Hofbächleschlucht“ im äußersten Westen des tannenreichen Brigachtaler Gemeindewalddistrikts Eggwald, weshalb er schon vor dem Sturmschaden das Bestandesdach kaum überragte. Wipfelbrüche sind für derlei Tannentürme nichts Ungewöhnliches: Schon einmal, im Kriegsjahr 1942, ist es der Eggwaldtanne widerfahren, wie es alte Überauchener Holzhauer bezeugt haben.  Weißtannen besitzen, wie sich hier zeigt, eine famose Fähigkeit zur Ausheilung abhanden gekommener Wipfel.

Die Große Eggwaldtanne – ein geschütztes Naturdenkmal

2013 war mit einem Spezialgerät, einem auf Holzdichte kalibrierten Resistographen, der Versuch unternommen worden, das genaue Alter der Tanne zu ergründen, wobei nur gegen 200 Jahrringe gezählt werden konnten. Doch der innerste Kern wies mikroskopisch enge Jahrringe auf, was auf einen längeren „Schattenschlaf“ unter dem Bestandesdach schließen lässt, für Schatten ertragende Weißtannen ein nicht ungewöhnlicher Lebenslauf, der das wahre Alter der Bäume zu verschleiern pflegt: Bis über hundert Jahre lang können sie als sog. „Vorwüchse“ überdauern, um dann bei Lichtzutritt loszuwachsen wie ein biologisch junger Baum. Der Riesenwuchs korrespondiert also nicht durchweg mit dem Alter, sondern weit mehr mit der Waldstruktur und dem verfügbaren Nährstoff- und Wasserangebot. Im Wurzelraum der Tanne haust gegenwärtig ein Dachs, der bisweilen morsches Wurzelholz nach oben zu befördert. Ob dies auf eine beeinträchtigte Statik des geschützten Naturdenkmals hindeutet, bleibt einstweilen dahin gestellt. Sollte sein Schicksal doch eines Tages besiegelt sein, so bietet sich ein Stück bachabwärts am Steilhang der „Schlucht“ bereits eine würdige Nachfolgerin an.

Im Wurzelraum wohnt der Dachs

5. Tanne im Krumpendobel

Unweit des Fischerhofs zweigt vom Bregtal rechts der Krumpendobel ab. Zuhinterst, wo 1565 der letzte Bär von F.F. Jägern erlegt worden ist, versteckt sich hart am Bachlauf eines Seitentälchens eine namenlose, doch offensichtlich sehr vitale Starktanne. „Waldbiotop“, verkündet ein Schildchen am Stamm, „geschützt durch Fürstenberg Forst“ und zeigt damit an, dass die Tanne nicht geerntet wird und also noch richtig alt werden darf bis zu ihrem natürlichen Ende. Dank optimaler Wasser- und Nährstoffversorgung wie auch durch ihren vor Stürmen bestens geschützten Standort hat sie gute Chancen, dereinst in die Spitzenklasse der Tannenveteranen aufzurücken, auch wenn ihr BHU eben erst die Viermeter übersprungen hat. Ihr Stammvolumen wird sich weiterhin progressiv vergrößern, weil das Dickenwachstum von Tannen bis ins höchste Greisenalter anhält und jeder Jahrring sich um einen noch größeren Holzzylinder legt. 

Im Krumpendobel

Wer sie aufsuchen will, nehme den Waldweg durch den Krumpendobel bis rechter Hand der Hangweg zum mysteriösen Krumpenschloss „Altfürstenberg“ abzweigt und wo von links ein Bächlein herabplätschert. Exakt an diesem, keine 20 m vom Fahrwegrand entfernt, versteckt sie sich im Fichtenbestand. Dass auch das lange Zeit überaus fichtenfreudige F.F. Fürstenhaus sich mittlerweile mehr Weißtannen erhofft im Wald der Zukunft, zeigt sich im steilen Talabschluss, wo etliche weitere Tannen als Überhälter von der Holzernte ausgespart geblieben sind und mit ihrem Nachwuchs die nächste, wenn nicht gar übernächste Waldgeneration bereichern dürfen. Sogar die eigentliche Gesellschafterin der Weißtannen, die Buche, konnte sich hier hinten behaupten.

6. Die Linacher Tanne

Noch versteckter als die Tanne im Krumpendobel wartet der Wald des Linacher Hansenhofs mit einem leider schon stark ramponierten Riesen auf, dem man kaum mehr eine Zukunft zutrauen mag. Viele Jahrzehnte lang war er von der Kreisstraße aus leicht auszumachen, denn seine Kuppelkrone überragte den Wald im (dem Hansenhof gegenüberliegenden) Dobel beträchtlich. Ein Gerücht will sogar wissen, dass im Taumel des „Dritten Reichs“ auf der Tanne auch schon mal die Hakenkreuzfahne gehisst worden sei, wem auch immer das gelungen sein soll. Doch inzwischen ist die Tanne nach dem Verlust des Wipfels abgetaucht, nachdem auch ihre sie bedrängenden halbstarken Sprösslinge an Höhenwachstum kräftig zugelegt haben. Der BHU des gewaltigen Stammes mit den zahlreichen abgebrochenen dürren Starkästen beträgt 4,75 m; dabei wird es wohl auch bleiben, denn ob der Baum mit der geringen ihm verbliebenen Nadelmasse doch noch einmal eine Sekundärkrone ausbilden kann, erscheint höchst zweifelhaft. Von einem Besuch ist deshalb eher abzuraten.

Im Wald des Hansenhof

7. Schillertanne

Sie ist die Einzige, die in der Wanderkarte mit Namen aufgeführt wird, auch als geschütztes Naturdenkmal. Und noch ein Alleinstellungsmerkmal verdient festgehalten zu werden: Sie hat für reichlich Tannenverjüngung gesorgt, was für den St. Georgener Stadtwalddistrikt Röhlinwald wenig überraschend sein mag, denn hier scheint die Balance zwischen Wald und Wild zu stimmen. Dennoch ist die ca. 350jährige Tanne, die Ihren Namen wohl seit dem hundertsten Todestag des Dichters (am 9. Mai 1909) trägt, das Sorgenkind unter den Naturdenkmälern: Weil ein als Rad- und Wanderweg markierter Forstweg an ihr vorbeiführt, hatte die untere Naturschutzbehörde auf Antrag der Forstverwaltung bereits 2010 ihrer Fällung aus Verkehrssicherungsgründen zugestimmt. Denn in ca. 11 m Höhe ist der Stamm durch einen halbseits sichtbaren Tannenkrebs befallen, an dessen Totholzgeschwür auch der Fruchtkörper des Weißfäule verursachenden Feuerschwamms und mehrere Spechthöhlen erkennbar sind. Hätte nicht ein Baumsachverständiger rasch noch ein Gutachten gefertigt, das zugunsten eines einstweiligen Verbleibs der Tanne ausgefallen war und somit die Verkehrsgefährdung relativiert hatte, wäre es um den Baum geschehen gewesen. Allein das Grummeln in der St. Georgener Bevölkerung oder die vom Naturschutzgesetz geschützten Spechthöhlen hätten ihn gewiss nicht mehr gerettet. Immerhin wurde aus Sicherheitsgründen eine Sitzbank vom Stammfuß wegversetzt.

Tannenjungwuchs zu Füßen der Schillertanne

Ausweislich der 1993 erstellten Erläuterungstafel hatte die Schillertanne damals einen BHU von 4.35 m, dabei aber nur eine Baumhöhe von 28 m, denn 30 Jahre zuvor war ihr im Sturm der Wipfel abgebrochen, woraufhin sie die tannenübliche Ersatzkrone aufgesetzt hatte; die hat inzwischen dafür gesorgt, dass der Stamm bis heute an Umfang noch einmal kräftig zulegt hat und jetzt 4,70 m misst.

Tannenkrebs mit Spechthöhlen und Feuerschwamm – ist die Tanne noch zu retten?

Neuerdings wurde erneut ein Gutachten angefordert, denn der Tannenkrebs könnte sich unterdessen ja weiter ausgebreitet und das Risiko für Radler und Wanderer noch vergrößert haben. Dabei war im Jahr 2010 das Bundeswaldgesetz ergänzt worden um eine geringfügige, für die Verkehrssicherungspflicht jedoch desto bedeutsamere Änderung: So wurde die durch die Bundesländer umzusetzende Rahmenregelung, wonach bislang (im § 14 Abs. 1 BWaldG) die Benutzung des Waldes „auf eigene Gefahr“ geschieht, ergänzt um einen klärenden Satz: „Dies gilt insbesondere für waldtypische Gefahren.“

Lässt sich die Schillertanne vielleicht doch noch retten? Immerhin bestünde die Möglichkeit, ihren Stamm in Höhe des Krebses zu kappen und so jegliche Verkehrsgefährdung zu minimieren. Denn knapp darunter hat sich bereits ein mächtiger Ast empor gerichtet, der dafür sorgen könnte, dass die Tanne ein weiteres Mal eine Ersatzkrone bildet und so den St. Georgenern weiterhin erhalten bleibt – wer weiß, vielleicht bis zum 250. Todestag Friedrich Schillers.

Im Umgang mit „Gedächtnistannen“ hat man Erfahrung in der Bergstadt: Spätestens seit 1719, als der hiesige Vikar und Magister der Philosophie sein dickleibiges Buch über die wahre Donauquelle veröffentlichte. In ihm hatte er ihm Auftrag des württembergischen Herzogs den Nachweis zu führen, dass die Donau nicht etwa in Donaueschingen, sondern am Hirzbauernhof im damals Württembergischen entspringt. Sein frappierender Beweis: eine gewaltige Wettertanne, die man auf dem dortigen Weidfeld schon deshalb nie gefällt habe, weil sie seit Urzeiten dem Andenken an die Donauquelle gewidmet gewesen sei.

Ob sich die Schillertanne am Ende also doch erhalten lässt – trotz (waldtypischer?) Gefahrenlage für Radler und Wanderer? Halten wir uns an den Dichter:

Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,
Und neues Leben blüht aus den Ruinen.
(Wilhelm Tell IV, 2)

8. Tanne am Reichenbächle

Ein letzter, vergleichsweise schlanker, doch hoch aufgeschossener Tannenveteran soll hier noch angefügt werden, denn auch ihm (wie unmittelbar daneben zwei weiteren stattlichen Weißtannen) droht möglicherweise Gefahr. Gegenwärtig präsentiert er sich noch in  bester  gesundheitlicher Verfassung. Sein Pech ist. dass er ausgangs des Reichenbächles (im Volksmund des „Badmühlenbächles“) steht und daher nur knapp überm Staubereich des neuen Wolterdinger Hochwasserdammes, der im Katastrophenfall das Bregtal abriegeln soll, um die Donautalbewohner vor exorbitanten Hochwässern zu schützen. Und die Szenarien der im Zuge des Klimawandels zu befürchtenden Starkniederschläge lassen es nicht mehr als ganz und gar abwegig erscheinen, dass die Breg im Falle eines Jahrhunderthochwassers fast bis zur Dammkrone ansteigen wird. Da könnte die tief wurzelnde Tanne womöglich nasse Füße bekommen, und ab wann ihr die Überflutung schaden wird, ist ungewiss. 

Einstweilen erbauen sich die Wolterdinger Waldgänger noch an ihrer stolzen, namenslosen Tanne – ahnend, dass diese Baumart noch immer Seltenheitswert besitzt in ihrem Wald. Um ihren Stammfuß herum hat ein Baumliebhaber ein Bänkchen gezimmert, das zum Rasten einlädt und zum Staunen über die Wuchspotenz der Weißtanne. Noch hat sie erst einen BHU von 3,90 m erreicht, doch angesichts bester Wasser- und Nährstoffversorgung wird auch sie alsbald die Viermeterschwelle übersprungen haben – immer vorausgesetzt, dass die Jahrhundert- oder gar Jahrtausendhochwässer nicht überhand nehmen werden. Das Einzugsgebiet der Breg ist überaus waldreich, und Wälder sollten auch bei Starkregen tunlichst noch als Schwämme und Regenrückhalt taugen, so es sich denn um die richtige Sorte von (Misch-)Wald handelt. Die Tannenriesen geben hierzu die nötigen Fingerzeige.

Am Reichenbächle


                                                      

                                                                                                      

Mauerlehmwespe

Liebe Bürgerpostleser,

heute geht es wieder einmal um etwas aus der Insektenwelt. Mein langjähriger Chef und Tierzuchtkollege Wolf Brodauf aus Neustadt hat mir Bilder geschickt mit dem Vermerk „eine verrückte Geschichte“. Er und seine Frau Gisela haben festgestellt, dass an der Balkontür außen in einer waagrechten Rille etwas zementiert wurde. Das merkten sie aber erst, als kleine Klümpchen und Räupchen zu sehen waren. Es ging alles zügig von Statten, was denkt ihr, von vielen Individuen? Nein, nur von einem Weibchen der Frühen- oder Mauer-Lehmwespe,  einer solitären Faltenwespe. Das heißt, es existiert kein Volk wie bei den normalen Wespen. Die Mauer-Lehmwespen leben auf feuchten Wiesen, in offener Landschaft, gelegentlich in Gärten und anderen Gebieten, in denen ihre Futterpflanzen und bevorzugten Nistplätze vorkommen. Erwachsene Tiere ernähren sich von Pflanzensäften, Honigtau und Nektar verschiedener Pflanzen, hauptsächlich Wald-Engelwurz, Bärenklau, Brombeeren, Nachtschattengewächsen, Goldruten und Disteln.

Die Art bringt jährlich eine Generation hervor. Männchen treten von Juni bis September auf, während Weibchen zwischen Februar und Oktober beobachtet werden. Nach der Begattung sterben die Männchen, die Weibchen überwintern und erscheinen im Frühjahr wieder. Das ist doch der Hammer. 

Nester werden im Frühjahr und frühen Sommer gebaut, wie an Brodaufs Balkontür zu sehen. Sie bestehen aus Löchern oder Röhren in Holz mit Teilern aus Lehm; sie kann auch Nisthilfen für Wildbienen annehmen. Die Wespen legen ein Ei in jede Zelle und bringen gelähmte kleine Raupen ein, hauptsächlich von Wicklern. Diese gehören zu den Kleinschmetterlingen. Wenn die Larven schlüpfen, ernähren sie sich von dieser Beute. Ist das nicht der zweite Hammer? Gelähmte Raupen als Nahrungsdepot für die Mauer-Lehmwespen Larven. Nach dem Verschließen verlässt die Mutterwespe das Nest und kümmert sich nicht weiter darum.

Sie stechen nicht, sie helfen Raupen zu dezimieren und sie machen nichts kaputt, also freuen wir uns mit Gisela und Wolf, dass sie so etwas bei sich haben.

Vielen Dank Euch für die Überlassung der Bilder und die Ermöglichung des Beitrags. 

Herzliche Grüße
Franz Maus

Zwei Jahre nach der Bürgermeisterwahl

„Was möglich ist, in der Tat, ist Veränderung.“
Ingeborg Bachmann 1959

Vor zwei Jahren stand ich am Rathaus und berichtete live über die Bürgermeisterwahl. Die Euphorie jener Tage ist in der Rede des neu gewählten Bürgermeisters und in den Kommentaren noch gut zu spüren. Damals hatte ich das Gefühl, dass nach Jahren der Auseinandersetzungen etwas Neues beginnt. Nicht nur politisch. Auch persönlich. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dazuzugehören. Mit diesem Schwung entstanden viele Ideen und Projekte. Einige davon konnten umgesetzt werden und haben Hüfingen ein Stück naturnäher gemacht.

Zwei Jahre später fällt die Bilanz gemischter aus. Manche Hoffnungen haben sich erfüllt, andere nicht. Beim Naturschutz und der Transparenz sehe ich eher Rückschritte als Fortschritte. Und auch bei einem anderen Thema hat sich meine Hoffnung nicht erfüllt: der Frage, wer in dieser Stadt gehört wird und wer mitgestalten darf.

Natürlich gibt es engagierte Frauen in Vereinen, Initiativen, der Verwaltung und auch in der Kommunalpolitik. Doch dort, wo Entscheidungen vorbereitet, Netzwerke geknüpft und Prioritäten gesetzt werden, sind Frauen weiterhin deutlich unterrepräsentiert. Die Diskussionen um die Kindergartenbetreuung haben vielen Müttern gezeigt, wie schnell ihre Lebensrealität in den Hintergrund geraten kann.

Vielleicht erklärt das auch, warum mich das neue Stadtlogo mehr beschäftigt, als ein Logo eigentlich sollte. Andere sehen darin ein Symbol der Identifikation. Ich sehe darin vor allem ein Symbol dafür, wer sichtbar ist und wer nicht.

Parität bedeutet für mich mehr als einzelne Frauen in einzelnen Funktionen. Sie bedeutet, dass Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Perspektiven und Prioritäten selbstverständlich an den entscheidenden Tischen sitzen. Auch dann, wenn sie widersprechen, unbequem sind oder andere Themen für wichtig halten. Von diesem Anspruch sind wir in Hüfingen immer noch meilenweit entfernt.

Trotzdem gehören auch solche Erfahrungen zur Geschichte einer Stadt. Die Aufbruchsstimmung von 2024 war echt. Die Ernüchterung auch. Meine Hoffnung auf mehr Beteiligung, mehr Offenheit und mehr Vielfalt ebenfalls. Zwei Jahre später bleibt für mich die Erkenntnis, dass in diesen Bereichen noch viel Luft nach oben ist.

Vielleicht war meine größte Fehleinschätzung, zu glauben, Zugehörigkeit und Mitbestimmung würden nach der Wahl selbstverständlich werden.

Deshalb lasse ich die Rede, die Videos, die Kommentare und die Wahlergebnisse heute noch einmal für sich sprechen. Sie zeigen einen Moment großer Erwartungen. Was daraus geworden ist, darüber darf sich jede und jeder sein eigenes Bild machen.

Bürgermeisterwahl 2024

30. Juni 2024

Vor dem Rathaus am 30. Juni 2024



Hier die ganze Rede von unserem Bürgermeister Patrick Haas
am 30. Juni 2024

Gesamt Hüfingen
%
Tassilo Koch2,35
Michael Kollmeier10,27
Andreas Hofmann7,09
Christina Meckes18,93
Patrick Haas61,33



6006 Wahlberechtigte, 3.503 Stimmen, Wahlbeteiligung 58,33 %

Hausen vor Wald
Tassilo Koch00
Michael Kollmeier229,91 %
Andreas Hofmann83,60 %
Christina Meckes8940,09 %
Patrick Haas10346,40 %
Hausen vor Wald
Mundelfingen
Tassilo Koch93,11 %
Michael Kollmeier217,27 %
Andreas Hofmann165,54 %
Christina Meckes4013,84 %
Patrick Haas20370,24 %
Mundelfingen
Behla%
Tassilo Koch63,3
Michael Kollmeier137,14
Andreas Hofmann42,20
Christina Meckes3418,68
Patrick Haas12568,68
Behla
Sumpfohren%
Tassilo Koch00
Michael Kollmeier2013,33
Andreas Hofmann74,67
Christina Meckes3724,67
Patrick Haas8657,33
Sumpfohren
Fürstenberg
Tassilo Koch00
Michael Kollmeier4825%
Andreas Hofmann42,08 %
Christina Meckes189,38 %
Patrick Haas12263,54 %
Fürstenberg
St.Verena
Tassilo Koch102,57 %
Michael Kollmeier389,77 %
Andreas Hofmann276,94 %
Christina Meckes6616,97 %
Patrick Haas24863,75 %
St.Verena
LRS Schule%
Tassilo Koch81,65
Michael Kollmeier5912,11
Andreas Hofmann5912,11
Christina Meckes7014,37
Patrick Haas29159,75
LRS Schule
Rathaus Hüfingen%
Tassilo Koch326,75
Michael Kollmeier347,17
Andreas Hofmann408,44
Christina Meckes8317,51
Patrick Haas28459,92
Rathaus Hüfingen

Die Wahlergebnisse gibt es auch hier, da sind auch die Briefwahlergebnisse, die ich oben nicht abgetippt habe:

https://wahlergebnisse.komm.one/lb/produktion/wahltermin-20240630/08326027/praesentation/index.html


Hans Schroedter

bearbeiteter Originalbeitrag vom Dezember 2022

Der Maler und Illustrator Hans Schroedter wurde 1872 in Karlsruhe geboren und lebte 40 Jahre in Hausen vor Wald, wo er 1957 starb. Sein Nachlass befindet sich im Archiv des Stadtmuseums.

Gemälde im Zimmer des Ortsvorstehers in Hausen vor Wald

Hier die Ansprache von Pfarrer Thieringer anlässlich der Trauerfeier im Krematiorium in Schwenningen am 12. Dezember 1957

Hans Adolf Schroedter war geboren am 14. Juli 1872 in Karlsruhe; seine Eltern waren der Ingenieur Max Schroedter und dessen Ehefrau Selma, geborene Nottebohm. Er war das erste Kind, es folgten ihm aber noch drei Geschwister, zwei Schwestern, die heute hochbetagt in Karlsruhe leben, und ein Bruder, der vor zwei Jahren starb. Auch die väterlichen Großeltern lebten in Karlsruhe; der Großvater Adolf Schroeder war Maler, die Großmutter Alwine, geborene Heuser ist bekannt geworden als Blumenmalerin. Diese Großeltern hatten ursprünglich in Düsseldorf gelebt und kamen dadurch nach Karlsruhe, daß der Großvater durch den damaligen Großherzog Friedrich I. als Ornametiker an die technische Hochschule nach Karlsruhe berufen wurde. Nicht nur im eigenen Elternhaus, sondern vor allem auch von der künstlerischen Tätigkeit und Atmosphäre im großelterlichen Haus empfing unser Verstorbener von früh auf Eindrücke, die sehr wohl seine eigene künstlerische Laufbahn mit bestimmten. Er verblieb dann auch bei den Großeltern als seine Eltern nach Bad Cannstatt übersiedel-ten; Hans Schroedter besuchte damals das humanistische Gymnasium in Karlsruhe; nach wohlbestandenem Abitur ging er an die Karlsruher Kunstschule, um sich dort die grundlegenden technischen und künstlerischen Kenntnisse zu erwerben. Seine einzelnen Lehrer hier und an den späteren Orten seiner Ausbildung können nicht alle aufgezählt werden; in Karlsruhe war es unter anderen Kalckreuth; Studienreisen führten ihn später nach England, Frankreich und Italien: weiterstudiert hat er längere Zeit auch in München, dann in Berlin unter anderem auch beim Historienmaler Lessing; vor allem war er dann abschließend noch Meisterschüler bei Hans Thoma.

Vieler anderer hat er in Dankbarkeit und Verehrung gedacht. – Bald fielen ihm einige größere Aufträge zu, sodaß sich der Beginn seiner eigenen künstlerischen Laufbahn verheißungsvoll anließ. Er wurde Mitbegründer der Kunstdruckerei Künstlerbund in Karlsruhe, und durch seine sowie seiner künstlerischen Freunde entfaltende Tätigkeit gewann damals gerade die graphische Kunst einen starken Auftrieb.

Im Jahre 1906 vermählte er sich in Köln mit Thusnelda, geborene Edle von Födransperg; die junge Frau war Sängerin, und so gesellte sich in seinem Haus zur bildenden Kunst die Musik.

Daß auch die Hausfrau tätige Künstlerin war, bedeutete vor allem, daß sie aufs Beste zu allen Zeiten ihren lieben Gatten verstand und aus eben diesem Verstehen heraus alle jene Voraussetzungen schuf, die er für sein Schaffen brauchte: die Stille und Sammlung, fern von all dem Kleinkram des Alltags, der sich so oft lähmend auf die Seele legen will; fern sogar, soweit es nur ging, auch von den Sorgen und Nöten des Lebens.

Darum auch konnten die Bilder von Hans Schroedter soviel Ruhe und Frieden ausströmen, darum ging von ihnen eine stille, aber starke Kraft aus. Bekannt wurde dann sein Name vor allem durch die Bildwerke, die er für die bekannte Kirche in St. Blasien zu malen hatte, – es war im Jahre 1912 -, und rasch folgten noch einige weitere größere Aufträge, darunter auch ein Bild für die Kirche in Brötzingen. – Da kam, auch für sein Leben, der scharfe, schicksalschwere Einschnitt durch den Ausbruch des ersten Weltkrieges. Erst diente er mit der Waffe, dann war er als Frontmaler dabei bis zum traurigen Ende von 1918. Sein übergroß gewordenes Bedürfnis nach Stille und Ruhe, wohl auch notwendiger Neuorientierung in den plötzlich so anders gewordenen Verhältnissen, ließ bei den Ehepaar den Entschluß reifen, die Karlsruher Wohnung aufzugeben und dauernden Wohnsitz in Wolterdingen zu nehmen.

Nach einigen Jahren erbauten sie sich dann ein eigenes Heim in Hausen vor Wald. Die beiden dem Ehepaar geschenkten Kinder. ein Sohn und eine Tochter, wuchsen dort auf, und das Dorf wurde ihnen Heimat. Aber auch die Eltern Schroedter lebten sich voll und bewußt in die Dorfgemeinschaft ein. Gar manches Werk ist dann unter den fleißigen Händen von Meister Schroedter im Atelier zu Hausen entstanden, Porträts, Landschafen, vor allem der Baar, auch reizvolle Märchenbilder voller Gefühlstiefe, oft auch voll feinen: Humors; er schuf Bilderbücher für Kinder, religiöse Bilder für Kirchen; vor allem beschäftigte ihn immer wieder die Frage nach richtigen und würdigen Ehrenmalen für die Gefallenen des Krieges. Als be-sondere, wohl reifste Frucht dieser langjährigen Bemühung entstand dann ein großes Triptychon, das in tiefer Weise den Zusammenhang zwischen Tod und Leben deutet und ebenso den Betrachter zur Einkehr, ja Andacht fordert, wie es andererseits die Bedeutung des Sterbens an der Front vor Augen hält.

Es war ihm ein tiefer Schmerz, daß dann dieses reife Werk „die Ernte seines Schaffens“ wie er sich einmal mir gegenüber. ausdrückte, nie den Raum erhalten hat, in dem es wirken und fruchtbar werden konnte. Er hat sich in und mit diesem Werk zu den positiven Kräften der Religion, ja des Christentums bekannt, und an dieser Überzeugung hat keine Macht der Welt zu rütteln vermocht. Darum ist es ihm aber auch in vielen andern Fällen gelungen, mit seinen Bildern Kraft und Trost zu spenden. In einer stillen Stunde hat er mir einmal von dieser Beglückung gesprochen, er, der immer ein Stiller war und von sich selbst am wenigsten sprach. Der Besitzer eines Bildes hatte ihm im zweiten Weltkrieg geschrieben, daß er das Bild bei jedem Luftalarm mit in den Keller nehme, und nach furchtbaren Bombennächten betrachte er allemal still wieder das Bild und finde dabei sein seelisches Gleichgewicht und seine Kraft zum Leben wieder. –

Hans Schroeders bis in solche Tiefen reichende Kunst erfuhr denn auch beim 80. Geburtstag des Meisters im Jahre 1952 die verdiente, wenn auch späte Würdigung durch Verleihung des Staatspreises. Das war ihm nach dem Zusammenbruch und den darauffolgenden schweren Jahren doch eine Genugtuung Nur hat er dann nicht mehr lange schaffen können. Der Körper versagte dem Geist den Dienst, er mußte den Pinsel aus der Hand legen. Langsam, aber merklich häuften sich die Beschwerden des Alters gerade vor einem Jahr durfte er noch an der Seite seiner geliebten, treuen Frau die goldene Hochzeit feiern, zwar nur im engsten Familienkreis, aber froh und dankbar.

Eine eigentliche lange Erkrankung und ein schmerzvolles Lager sind ihm erspart geblieben. Ein Schlaganfall setzte am vergangenen Sonntag, den 8. Dezember, dem Leben dieses gesegneten Sonntagskindes ein stilles, friedliches Ende. Er hat ein Alter von 85 Jahren, 5 Monaten und 28 Tagen erreicht.

Wir lesen 1. Petr. 3,4 die Worte:
Der verborgene Mensch des Herzens, unverrückt, mit sanftem und stillem Geiste, das ist köstlich vor Gott„.

Sooft wir an einer Bahre stehen und Abschied nehmen müssen, überkommt uns der Eindruck dieses nun endgültig abgeschlossenen Lebens, sodaß wir uns immer wieder fragen müssen angesichts der Flüchtigkeit aller Zeit: was ist doch der Mensch?

Die Rettung des Gnadenbilds in St. Maria in Fürstenberg

Was ist denn das Leben?

Heute aber, an dieser Bahre, fragen wir uns anders: Was war das für ein Mensch? Welch ein reiches Leben hat er so ganz aus der Stille und von Innen her verströmt! Nicht im Äußern und Äußerlichen, auch nicht nur, weil er Bilder hinterließ, die von seinem Wesen starkes Zeugnis ablegen, sondern vor allem, weil sein Wesen selbst so eindrücklich war: freundlich und still, bescheiden und schlicht, klar und rein, so ohne allen falschen Stolz, – und dabei doch ein starkes Wesen, das Formen und Farben zu bannen vermochte, die lebendige Bewegung so fest-hielt, als ginge sie weiter; die Kraft, auch dem alltäglichsten Ding einen tieferen Sinn abzuringen, die flüchtige Stunde in das Licht der Unvergänglichkeit zu tauchen, den eigentlichen Sinn alles Geschehens sichtbar werden zu lassen.

In all‘ dieser besonderen Kraft war er aus seinem Innersten heraus ein Künstler, einer, wie wir uns einen Künstler denken, ein Künstler, wie ihn das Volk braucht, ein Künder verborgener Schönheit, ein Mensch, der mit seinen Werken Licht entzündet, Freude schafft, Frieden schenkt, Stille ausbreitet.

Wir fragen uns daher weiter: Was ist nun eigentlich das Geheimnis eines solchen Künstlerlebens?

Gewiß muß auch der Künstler lernen und üben, aber seine eigentliche Gabe muß Absicht im Letzten erfüllt. Aber was er genau so wußte, war die Tatsache, daß Gott jedem Menschen besondere Gaben ins Leben mitgibt, und daß jeder seinen Mitmenschen damit dienen kann, ja soll. Und eben diese Gewißheit wollen wir von seiner Bahre mitnehmen. Derselbe Gott, der ihn gesegnet hat, will Dich und mich auch segnen, will uns allen ewige Kräfte schenken, will uns herausheben aus unserem oft so verdrossenen Dasein, will uns ins Helle führen aus unserem eigenem Dunkel. Derselbe Gott, der unsern Meister wundersam geleitet und nun zu sich genommen hat in betagtem Alter, will Euch, liebe Leidtragende, hinweghelfen über allen Trennungsschmerz, über die Klage und das Weh in Euren Herzen. Er will Euch dessen gewiß machen, daß Euer lieber Vater nun heimgegangen ist in jene Welt, aus der ihm so viele innere Güter zugeflossen sind in seinem langen Leben; er ist im Tod nicht abgesunken, sondern aufgenommen worden, sein Leben ist nicht erloschen, sondern erfüllt, nicht vernichtet, sondern vollendet.

Uns alle aber, die wir mit Euch trauern und tragen, möchte der Vater im Himmel dazu führen, daß wir die Gaben, die er uns gab, erkennen und in seinem Sinne nützen; dann wird auch von unserm Tagewerk Licht ausgehen und wir werden selbst beglückt sein, wenn wir den Menschen um uns her das Leben lichter und leichter machen; wir werden die tiefste Freude darin finden, daß wir andern Freude bereiten können: wir werden selbst getroster und zufriedener werden, wenn es uns gelingt, andern die Last des Lebens zu erleichtern. Dann erleben wir es, daß an jedem Menschen sich die Verheißung erfüllen kann und will: „Ich will Dich segnen und Du sollst ein Segen sein„. Dann wird an unserm eigenen Wesen werden, was unser Heimgegangener in so ausgeprägter Weise war, ein Verborgener Mensch des Herzens“, still und stark, ein Segen für viele Ueber Tod und Grab hinaus soll er es bleiben, indem wir ihm versprechen in dieser Abschiedsstunde:

Wir wollen werden, wie DU warst!

Bild von Hüfingen von Hans Schroedter

Blaugrüne Mosaikjungfer

Liebe Bürgerpostleser.

schaut Euch die beiden Fotos an. Es sieht zweifelsohne spektakulär aus. Was denkt Ihr, dass es darstellt? Hat da die wunderschöne Libellenart „Blaugrüne Mosaikjungfer“ Beute gemacht und sich mit ihr auf dem Holzstapel niedergelassen, um sich in Ruhe dem Fressen hinzugeben? Auf den ersten Blick wäre diese Interpretation der Situation möglich oder nicht?

frisch geschlüpfte Libelle mit ihrer alten Haus
frisch geschlüpfte Libelle mit ihrer alten Haus

Aber diese Geschichte ist weitaus spektakulärer. Es zeigt den grandiosen Moment der Verwandlung einer Libellenlarve in die fertige Libelle. Hans Kindler aus Mundelfingen war zur rechten Zeit am richtigen Ort und dankenswerter Weise hat er mir die Bilder zur Verfügung gestellt.
Wie geht diese Verwandlung vor sich? Nach der Paarung werden die Eier von trächtigen Weibchen in Gewässer abgelegt. Dort entwickeln sie sich mit mehreren Häutungen zu gefräßigen fertigen Libellenlarven. Dieser Vorgang dauert ein bis zwei Jahre. Dann krabbelt sie an Land, um mit einer letzten Häutung die Verwandlung zum Land- und Luftwesen Libelle zu vollziehen. Ist das nicht ein absoluter Hammer?

Die Larvenhülle wird übrigens Exuvie genannt. Eine Libelle lebt je nach Art etwa ein bis drei Monate. Im Flug kann sie bis zu 50 km/h erreichen, kein Mensch ist so schnell. Ist es Euch schon aufgefallen, Großlibellen, wie die Mosaikjungfer haben die Flügel immer ausgebreitet, Kleinlibellen klappen sie nach dem Flug ein. Die Libelle kann zudem ihre Flügel unabhängig voneinander bewegen. Dadurch ist sie in der Lage, ihre Flugrichtung plötzlich zu ändern, in der Luft stehen zu bleiben und teilweise sogar rückwärts zu fliegen. Grandios.
Libellen sind Räuber und ernähren sich von anderen Tieren: Die Larven jagen verschiedene Wassertiere, ausgewachsene Libellen fangen ihre Beute, andere Insekten, im Flug. Libellen sind auch Lebewesen, die unser Sommergefühl steigern können.

Vielen Dank Hans Kindler für die Ermöglichung dieses Beitrags.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Luchse: Endlich Nachwuchs

Bild vom Luchsbaby im Wald

„Erster Luchsnachwuchs nach 200 Jahren:  Luchskätzchen in Baden-Württembergs Wäldern“, so ist die Pressemitteilung unserer neuen Ministerin für Ländlichen Raum, Landwirtschaft und Heimat, Marion Gentges MdL, vom 22. Juni 2026 überschrieben, „ein großer Erfolg des Auswilderungsprojekts“. Darunter sind zwei so herzige Fotos des Kätzchens angefügt, dass man sicher sein darf: die Erfolgsmeldung wird weiteste mediale Verbreitung finden! Dass das Monitoring-Team des Wildtierinstituts der Freiburger Forstlichen Forschungs- und Versuchsanstalt (FVA) diesen Nachweis führen konnte, ist den Telemetriedaten von Luchsmutter Elisabeth zu verdanken, die im vergangenen Herbst im Nordschwarzwald ausgewildert worden ist; mit deren Hilfe konnte nun die Wurfhöhle ausfindig gemacht werden und das Kleine der Öffentlichkeit präsentiert werden. Man darf davon ausgehen, dass dabei Profis am Werk waren, sodass keine Negativauswirkungen des Fototermins auf das Kätzchen zu befürchten sind. Dass nicht nur der Wolf, sondern auch der Beutegreifer Luchs Sympathiewerbung durchaus gebrauchen kann, zeigen die Fälle illegaler Wilderei in seinem wiederbesiedelten mitteleuropäischen Lebensraum: Vor wenigen Wochen erst wurde ein aus dem Hotzenwald über den Hochrhein hinweg in die Schweiz gewechselter Luchskuder tot aufgefunden. Immerhin dürfte sich die baden-württembergische Jägerschaft mittlerweile voll mit dem Luchsauswilderungsprojekt identifizieren: ihr Verband verschickte ebenfalls eine Pressemitteilung mit der Erfolgsmeldung „Meilenstein im Luchsprojekt: Luchsin Elisabeth hat Nachwuchs“.

Dass inzwischen elf Luchse in Baden-Württemberg nachgewiesen sind und dass es sich dabei fast drei Jahrzehnte lang ausschließlich um männliche Zuwanderer aus der benachbarten Schweiz gehandelt hat ohne realistische Aussicht auf eine Populationsgründung, hatte lange genug mit der Ablehnung von Seiten der Jäger und Landwirte zu tun – umso erfreulicher nun die Akzeptanz des Projekts. Und es gibt Hoffnung auf weiteren Nachwuchs: So wird in der Pressemitteilung der Ministerin angemerkt, dass die 2024 ausgewilderte Luchsin Verena und Kuder Reinhold (benannt jeweils nach bekennenden Luchsförderern) in der zurückliegenden Ranzzeit gemeinsam  ertappt und fotografiert worden seien, für die einzelgängerischen Luchse ein klares Indiz!

Nicht vor 200, sondern erst vor 30 Jahren wurde auf der Baar in einer Waldhütte zusammen mit schweizerischen, elsässischen und bayerischen Luchsexperten die Luchs-Initiative Baden-Württemberg gegründet. Auch für sie ist heute ein Freudentag! Drücken wir die Daumen, dass das Kleine durchkommt.


Luchse: auf Finja folgen Verena und Reinhold

28. Dezember 2024

Für das baden-württembergische Bestandesstützungsprogramm scheint das Jahr 2024 doch noch recht erfolgreich verlaufen zu sein, so sehr es die Luchs-Sympathisanten im Juli geschmerzt hatte, dass die im Dezember 2023 unter großem medialem Widerhall im Nordschwarzwald ausgewilderte Luchskatze Finja nachweislich an der Viruserkrankung Staupe (und nicht etwa an Vergiftung) eingegangen war.

Auf dem Sprung in die Freiheit: Luchs Reinhold
(Foto: Timo Deible)

Sehr viel weniger öffentliches Aufsehen erregten die Pressemitteilungen von Peter Hauk MdL, Minister für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, vom 27. November und  vom 19. Dezember 2024 jeweils über die Auswilderung der Luchskatze Verena und des Luchskuders Reinhold. Wie schon Finja, stammen auch diese beiden aus dem Auswilderungsgehege des Thüringer Wildkatzendorfs Hütscheroda und wurden durch das Projektteam der Freiburger Versuchs- und Forschungsanstalt FVA in den Nordschwarzwald verbracht. Verenas Freilassung ist im nachstehenden Film dokumentiert:

                       Ein weiterer Luchs in Baden-Württemberg ausgewildert    

Getauft wurden die beiden Luchse diesmal mit den Vornamen zweier um das Luchsprojekt besonders verdienter Persönlichkeiten: der Vorsitzenden der bereits seit 35 Jahren existierenden Luchs-Initiative Baden-Württemberg e. V. Verena Schiltenwolf sowie des Abgeordneten der Grünen im Landtag Reinhold Pix, der maßgeblich dazu beigetragen hat, dass das Bestandesstützungsprojekt Eingang in den grün/schwarzen Koalitionsvertrag von 2022 gefunden hatte. Waren doch seit 2004 bis zu 18 männliche Luchse (Kuder) aus der benachbarten Schweiz zugewandert – ohne jegliche Aussicht auf Nachwuchs. Die nächste winterliche Ranzzeit der Luchse könnte nun also schon zu einem Happyend führen, sei es mit dem seit Jahren im Nordschwarzwald nachgewiesenen Luchskuder Toni, sei es zwischen Verena und Reinhold.

Und natürlich sollen nach dem Schwarzwald bald auch die anderen waldreichen Landesteile wiederbesiedelt und die europäische Luchspopulation miteinander vernetzt werden. Zu Recht weist der BUND Baden-Württemberg jedoch in seinem Kommentar vom 19. 12. 2024 darauf hin, dass dies einhergehen müsse mit dem Bau von  Grünbrücken, wo doch auf den baden-württembergischen Autobahnen schon mehrere Luchse zu Tode gekommen sind. Man denke insbesondere an die A 81, wo von Heilbronn bis Engen  keinerlei Grünbrücken existieren. Bestandesstützung und der Bau von Durchlässen und Übergängen für wandernde Wildtiere müssen Hand in Hand gehen. Andernfalls droht die genetische Verarmung.

Denkbuch von Lucian Reich 1833 bis 1836

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896 ist ein Herzensprojekt von mir das ich seit April 2022 voran treibe und immer wieder neue Erkenntnisse beifüge. Da die Datei für einen einzigen Beitrag viel zu groß geworden ist, habe ich das Buch in verschiedene Teile unterteilt:

Der 1. Teil : Der Hänslihof und das Denkbuch von Lucian Reich 1750 bis 1813
Der 2. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1813 bis 1830
Der 3. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1830 bis 1833

Unten findet sich das Denkbuch von etwa 1833 bis etwa 1833. Der Text von Lucian Reich ist in kursiv.

106…Professor Hessemer’s Gunst genoß ich nicht lange, weil ich seinen trockenen geometrischen Vorlesungen und dem geometrischen Zeichnen nur wenig Geschmack abgewinnen konnte, was er bald heraus gefühlt haben mochte. Dessen ungeachtet suchte er dem saumseligen Schüler manchmal wieder einen beherzigenswerten Wink zu geben. So z. B. begegnete ich ihm einmal mit einem neuen Skizzenbuche in der Hand im Gange zu unsern Arbeitszimmern. „Sie haben da“, hielt er mich an, „ein neues Skizzenbuch! Zeichnen Sie jedes Blatt so, als sollte es zu einem bleibenden Zwecke dienen.“ Ich befolgte die gute Lehre, so gut es gehen wollte. Meinem Bruder war dies Suchen und Haschen nach neuen Stoffen und Motiven, das Skizzieren und Komponieren — womit damals manch vielversprechendes Talent seine beste Kraft und Zeit verlor — erspart geblieben. Sein Lernen und Schaffen war zunächst aufs Notwendigste, auf die jeder Kunstausübung unentbehrliche Technik gerichtet. Und diese konnte er sich unter Zwergers Leitung, dessen Lehrsaal sonst ausschließlich angehende Kunsthandwerker, Stuccatore, Gelbgießer, Bautechniker u. a., die sich im Modellieren und Formen üben wollten, besuchten, völlig aneignen. Dabei zeichnete er charakteristisch mit leichter Hand in Veits Manier, und seine Entwürfe trugen, um ein Wort Binders zu gebrauchen, „das Gepräge anmutiger Erfindung.“ Veit ließ bei der Wahl des Sujets und deren Ausführung Jeden frei gewähren. Nur zuweilen entschlüpfte ihm eine Bemerkung, aus der wir seine Ansicht entnehmen konnten. So z. B. hatte ein Schüler, der ein Bild à la Düsseldorf zu malen begonnen, verschiedene, von einem Freunde geliehene Studien von oder nach Lessing an seine Staffelei geheftet, als Veit herzu kam und in seiner lakonisch treffenden Art hinwarf: „Lassen Sie doch die Natur da weg — es ist ja doch keine!“

Philipp Veit (* 13. Februar 1793 als Feibisch Veit in Berlin; † 18. Dezember 1877 in Mainz) war ein deutscher Maler, der der Richtung der Nazarener angehörte.

Vermutlich Johann Nepomuk Zwerger
(* 28. April 1796 in Donaueschingen; † 26. Juni 1868 in Cannstatt)
war ein deutscher Bildhauer und Hochschullehrer.
Hier 1829 gezeichnet von Reich senior.

Er war zur Zeit mit seinem großen Freskobilde „die Einführung des Christentums“ beschäftigt. Wir Schüler kamen selten in diese Räume, der Meister schaffte bei verschlossener Thüre. Als ich einst Sonntags frühe die Treppe zu unsern Zimmern hinan stürmte, begegnete ich Veit an der Thür seines Ateliers: „Nun, Lucian“, fragte er, „haben Sie denn auch schon die Messe besucht?“ Da es just Meßzeit war und ich glaubte, er meine diese, sagte ich, daß ich mich um diese wenig kümmere. Ich sei im Begriff, einen gestern angefangenen Studienkopf fertig zu malen. — „Gut“, versetzte er mit mildem Ernste, der ihn so sehr charakterisierte, „aber man soll Gott mehr dienen, als den Menschen“. 107

Zu sehr mit seinen eigenen, geistvoll durchdachten Schöpfungen beschäftigt fand Veit wenig Zeit, sich mit eigentlichem Unterrichte abzugeben. Dann war seine Art zu malen, das Kolorit gleichsam seelisch zu vertiefen, dem Anfänger nicht leicht beizubringen. Schelble war der Ansicht, es könne einem Meister wie Veit nicht zugemutet werden, seine Zeit mit Unterricht geben zu zerstückeln. Und als Binder nach Frankfurt gekommen, bewog er seinen Freund Passavant, Mitglied der Administration, für dessen Anstellung einzutreten. Binder, den auch Veit sehr hochschätzte, war ein korrekter Zeichner, vorzüglicher Kolorist und guter Lehrer. Er kam von München, wo er mit Heß in der Allerheiligenkapelle thätig gewesen. In Frankfurt hatte er sich mit Glück dem Bildnisfache zugewandt. Seine Anstellung war jedoch keine definitive. Nicht einmal ein Atelier war ihm im Institute eingeräumt worden. Die Administration war, Passavant ausgenommen, eine zu engherzige, in allem mehr Hemmschuh als Förderung.

Mitunter kam Besuch, namentlich von Düsseldorf her, als bedeutendster der genial veranlagte Alfred Rethel, welcher, obgleich er sich mit seinen „Rheinsagen“ bereits einen Namen gemacht, sich in anspruchslosester Weise bei uns einführte.

Als der Vater, einer Einladung Schelbles folgend, einmal in die Mainstadt kam, wollte es ihm bei uns Malerschülern scheinen, als kämen wir vor lauter Studien nach Gips und an Freund Gliedermann nie zum Beginnen, und vor vielem Untermalen und Aendern nie zum Fertigmachen eines Bildes. Und gewiß, der Umstand, daß früher der Lehrling in der Werkstatt des Meisters diesem sogleich behilflich sein mußte, brauchbare Arbeit herzustellen, hat nicht wenig beigetragen, jenen bald möglichst zum praktischen Manne zu machen.

Ich hatte eine Zeichnung nach Goethes „Totentanz“ entworfen , die ich, da ja jeder seinen Mißgriff machen muß, später in Oel malte. -Zu welcher später Herm. Kurz eine launige Geschichte fürs, Familienbuch geschrieben. 108

Weil aber der Vater fürs Märchen- und Sagenhafte sich nicht interessierte, oder ihm wenigstens doch eine gewisse Bedeutung unterlegen wollte, nahm er’s so, als gehöre der Laken dem Türmer und dichtete hiezu:

Thor! Wie magst du dich vor mir auf Turm und Bergeshöhen flüchten!
Ich komme nicht, dich zu vernichten.
Halt Stand!
Nicht dich,
Nur dein Gewand
Will ich!

Abbildung Deutsches Familienbuch
Foto: Jenny Dopita

In angenehmster Erinnerung ist mir das Haus Philipp Passavant, wohin wir Institutsschüler unsre Schritte oft lenkten, um seine Kunstsammlung zu bewundern. Mit größter Bereitwilligkeit führte uns dann, Mamsell Passavant, seine anspruchslose Schwester, die ihm, dem unverehlichten unabhängigen Manne, die Haushaltung besorgte, in das Zimmer, dessen Wände Overbecks schöner Karton „der Verkauf Josephs“ — sein Oelbildchen, die „Auferweckung des Lazarus“ eine Perle damaliger ideal-realistischer Kunstrichtung, ferner eine große Landschaft von Meister Koch in Rom, Zeichnungen von Fellner, K. Fohr u. A. schmückten. Auch ein geschnitztes Kruzifix von der Hand unsres Vaters fanden wir in Gesellschaft dieser Meister.

Joseph wird von seinen Brüdern verkauft.
Wandgemälde aus dem achtteiligen Zyklus aus der Casa Bartholdy in Rom
Provenance/Rights: Alte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin / Andres Kilger

Der Aufenthalt im Schelble’schen Hause, Eck der Schönen Aussicht, der Stadtbibliothek gegenüber, gehört zu meinen nachhaltigsten und liebsten Erinnerungen. Noch oft leiten meine Gedanken mich in das Zimmerchen mit dem Ausblick auf den zu jeder Tageszeit von Fischernachen belebten Strom und auf die Brücke, über welche jeden Mittag die Musik des im Deutschen Hause liegenden Oesterreichischen Regimentes mit Mannschaft auf die Hauptwache zog.

Blick von der Alten Stadtbibliothek über die Schöne Aussicht nach Westen,
im Hintergrund die Alte Brücke, 1845
(Stahlstich von Wilhelm Lang nach Vorlage von Jakob Fürchtegott Dielmann)
Foto: Jakob Fürchtegott Dielmann, Public domain, via Wikimedia Commons

Das Schelble’sche Haus war ein gastfreundliches; selten verlief ein Abend ohne Besuch. Zu den intimsten Freunden des Hauses zählten Chr. Eberhard und seine Frau, ebenso Schnyder von Wartensee, der heitere breitschultrige Mann im grauen Stußfrack, stets bereit, die Unterhaltung mit einem, in seiner Schwiezerischen Mundart vorgebrachten Scherz zu würzen. Zu den anhänglichsten Freunden des Hauses gehörten auch H. Weismann, F. Hauser und Philipp Passavant, Mitbegründer des Cäcilienvereins. 109

Neue Disputa
Allegorie zur Namensgebung des Cäcilienvereins.

Oben bei den Engeln die heiligen Cäcilia und Händel, Beethoven, Mozart, Hayden

Unten
Schelble, seine Frau Molly und die Gründungsmitglieder u.a. Marianne von Willemer, Wilhelm Mannskopf, Christian Hahn.

Aus frühester Zeit datierte das Freundschaftsverhältnis mit Geh. Rat von Willemer und dessen Frau, der bekannten geistreichen Freundin Goethes. Sie, welche mit enthusiastischer Liebe Schelbles Ideen teilte, hatte, auch als Sängerin, tätig mitgewirkt bei Gründung des Cäcilienvereins. (Festrede des Appellations-Gerichtsrats Dr. Echard beim 50 jährigen Jubiläum des Cäcilienvereins. Druck und Verlag von Mahlau und Waldschmitt 1868.)

alte Zeichnung

Bleistiftzeichnung von Moritz August von Bethmann-Hollweg um 1828 (HMF, C 5797 Der Cäcilienchor Frankfurt am Main 1818 bis 2018)

Kamen wir Mittwoch abends aus dem Aktzeichnen, so nahmen wir den Weg an der Hauptwache vorbei zum Rauch’schen Hause, in dessen Saal der Verein seine Proben abhielt. Xaver reihte sich dann jedesmal den Sängern an, während ich, oft der einzige Zuhörer, unter der Galerie Platz nahm. Während unsres drei-, resp. vierjährigen Aufenthaltes in der Mainstadt hatten wir, ohne bei befreundeten Familien eingeladen zu sein, selten einen Abend außer dem Hause zugebracht.

Onkel Schelble war der Ansicht, es sei für uns die Zeit des Lernens und Studierens, womit das urgermanische Kneipen mit nachfolgendem obligaten Katzenjammer nicht stimmen wolle. Auch er ging abends selten zu einem Glase Bier, und nur ins „Stift-, wohin auch Freund Eberhard, Beit, Binder, der Landschaftsmaler Thomas, zuweilen auch Zwerger u. A. kamen.

Blick aus einem Fenster des Hotels „Russischer Hof“ auf der Zeil nach Westen zur Hauptwache
(William Henry Fox Talbot, 1846)
Kalotypie Notiz auf dem Abzug: „street at Frankfort, gloomy day, 32 minutes in camera“
Hinweis: Talbots Abzug ist höchstwahrscheinlich seitenverkehrt. Der 1891 abgerissene Russische Hof befand sich auf der Nordseite der Zeil, siehe dazu auch ein Foto von Mylius, die Katharinenkirche hingegen auf der Südseite. Die Zeil verläuft in ost-westlicher Richtung zur Hauptwache; es ist von der Zeil aus daher nicht möglich, die Katharinenkirche rechts (nördlich) vom Hauptwachengebäude sehen.

Von Haus hatten wir unsre Grammatiken und Lesebücher mitgenommen, nach dem Willen der Tante auch wieder Unterricht im Französischen genommen, zuletzt aber die alte und neue Gelehrsamkeit in die Judengasse getragen und an einen Trödler verschächert. Das Durchwandeln dieser engen dunkeln Gasse, mit ihren hunderterlei Seilschaften in und vor den Häusern, altpatriarchalischen Gestalten und Trachten hätte vorzügliche Studien geboten zu Bildern a la Rembrandt, einem Altertümler aber Gelegenheit zu wohlfeilen antiquarischen Einkäufen, die heutzutage ein ansehnliches Kapital repräsentieren würden.

110 Im Schelble’schen Hause wurde, außer den gewöhnlichen Unterrichtsstunden, selten musiziert. Als Mendelssohn einmal auf Besuch gekommen, hatten wir Gelegenheit gehabt, seine Meisterschaft im Orgelspiel zu bewundern, in der Paulskirche, wo er vor einem engern Kreise Eingeladener Bachsche Fugen exekutierte. Nach Hause gekommen, empfing ihn das Schelble’sche Dienstmädchen, ein unverfälschtes Kind vom Lande, mit einer Empfehlung von „Frau von Knüppel “ (v. Schlegel, der Mutter Veits – Dorothea Friederile von Schlegel, Tochter Moses Mendelssohns, geb. 24. Okt. 1763 zu Berlin, gest. 3. Aug. 1839 zu Frankfurt a. M.; heiratete 1779 den Bankier Simon Veit, trennte sich von ihm und ließ sich mit Friedrich v. Schlegel trauen, nach dessen Tode sie 1830 nach Frankfurt Übersiedelte. ) und sie lasse ihn abends zum Tee bitten.

Felix Mendelssohn-Bartholdy: Präludium und Fuge für Klavier D-Dur op. 35 Nr. 2
Aus: https://www.swr.de/swr2/musik-klassik/musikstueck-der-woche/article-swr-16198.html

Wollten wir uns wiedermal von Althüfingen unterhalten, so suchten wir unsere Landsleute, Vetter Xaver Gleichauf (vielleicht ein Bruder von Rudolf Gleichauf 29.07.1826, ein Sohn vom Amtsaktuar Franz Josef Gleichauf?) und Math. Tröndle auf, beide Schüler (auch eifrige und begabte Zeichenschüler) unsres Vaters. Ersterer hatte sich bei Schelble zum Musiker ausgebildet, Tröndle schon in Hüfingen zum Steinmetzen — dauernd jetzt beschäftigt in der Werkstatt des Bauunternehmers Rust. Doch war ihm da wenig Gelegenheit geboten, sein ganzes können zu bethätigen, indem bei Neubauten das Ornamentale, Friese, Gesimse rc. fast ausnahmslos in Gips hergestellt wurde. Es war die Nachwirkung der nüchternen oder Empirezeit, wo auch bei Zimmereinrichtungen, Möbeln rc. der Hobel ausschließlicher Faktor war.

Matthäus Tröndle (23.10.1803-?) Steinhauer in Frankfurt am Main war mit Johanna Susanna Pracht aus Frankfurt verheiratet (22.12.1830 Heirat in Hüfingen) und hatte 10 Kinder.

Zwei andre aus der vaterstädtischen Zeichenakademie hervorgegangene Künstler waren der Maler Auer und sein etwas jüngerer Landsmann Durler. Ersterer, der Sohn des Hirschwirts in Hüfingen, hatte sich bei Seele in Stuttgart zum Porträtmaler ausbilden wollen, sich jedoch der strengen Zucht des Meisters frühe schon entzogen, wie sein Landsmann Zwerger, damals im Atelier Danneckers beschäftigt, zu erzählen wußte: Eines Tages war der Freund zu ihm gekommen mit dem Gesuch, ihm doch seinen neuen Frack zu leihen zu einer Fahrt nach Ludwigsburg, wo er einer Hinrichtung beiwohnen wolle. Zwerger entsprach seiner Bitte, hat aber ihn — den neuen Frack — nie mehr zu sehen bekommen.

Der Hirschen 1976

Hirschwirt Auer: Augustin Auer (1770 Tengen-1837) und Magdalena Fritschi (1762-1832) hatten 9 Kinder. Darunter der Portraitmaler Franz Josef Auer (04.05.1796-08.11.1832)

Franz Josef Durler (*12.04.1806 Lehrer in Neuhausen bei Engen und Gewerbelehrer in Rastatt) hatte mit Anna Maria Haller (*04.10.1800) drei Kinder:
Josef Durler (1829-14.04.1867 Bildhauer in Wiesbaden) und Max Durler (1831-07.06.1858 Litograph in Mühlhausen bei Wiesloch)

Nach Jahren war der leichtlebige Künstler (Franz Josef Auer) kränklich in die Vaterstadt zurückgekehrt, wo da und dort in einer Stube noch lange ein von seiner Hand gemaltes Miniaturporträt zu sehen war. Von Durler (Franz Josef Durler) hörte ich in Rastatt noch oft erzählen, wo er als erstmaliger Gewerbeschullehrer in gutem Andenken stand. Von seiner Kunstbetätigung zeugten lithographierte Stadt-Ansichten und Zeichnungen nach Stichen alter Meister, die er unter Freunden auszuspielen pflegte. Ein Gönner von ihm war der Geistliche Rat, Professor Grieshaber, in dessen Auftrag er unter anderm auch das Plafondgemälde der Schloßkirche zu Rastatt in Tuschmanier kopierte. In die Windsbraut 1848/49 hineingerissen, endete er als Flüchtling beim Untergang des Schiffes, das ihn nach dem Land der Freiheit hätte bringen sollen.

Diesen Stich von Rastatt habe ich auf den Seiten der Stadt gefunden.
Josef Durler müsste aber 1866 schon tot gewesen sein.
Foto: Stadtarchiv Rastatt

111 In das vielseitige, nach außen hin aber wenig bewegte Leben unseres Frankfurter Aufenthaltes tönten bald auch schrille Mißklänge politischer Geschehnisse. Mit dem Rufe auf der Straße: Die Liberalen stürmen die Hauptwache waren eines Abends die Bewohner der freien Stadt aus ihrer Ruhe und Behaglichkeit geschreckt worden. Es galt, wie bekannt, zunächst den Sitzen der Herrn in der Eschenheimer Gasse. Das über die festgenommenen studentischen Tollköpfe verhängte, jahrelange heimliche Gerichtsverfahren, von dem nur zuweilen ein Schein gleich dem einer Blendlaterne in die Oeffentlichkeit drang, war nichts weniger als geeignet, die bundestägliche Justiz populär zu machen. Und als eines Morgens — wir befanden uns just auf dem Wege zum Städelschen Institut — einer dem andern in den Straßen zurief: „Sie sind durch heut nacht!“ und die Leute in Gruppen vor der Konstablerwache standen und zu den Käfigen hinauf schauten, an welchen die Stricke, an denen sie sich herabgelassen, noch zu sehen waren, und es hieß, draus im Weiher beim Bethmannschen Garten habe man die Fußstapfen der Flüchtlinge entdeckt — da war unter der nach hunderten zählenden Menge gewiß nicht Einer, der ihnen nicht von Herzen glückliche Reise gewünscht hätte. 

112 Zu den Freunden des Schelbleschen Hauses gehörte Bunsen, Vorstand eines vielbesuchten Erziehungsinstitutes, wohin Xaver und ich zuweilen kamen, um im Speisesaal die Cornelianischen Nibelungen in Betracht zu nehmen, oder mit den Zöglingen und ihren Lehrern einen Ausflug zu machen. Bunsen, ein Liberaler der alten Schule, der in seinem pädagogischen Bekehrungseifer dem Bilde glich, das Goethe in Dichtung und Wahrheit von seinem Freunde Basedow entwirft, hatte einige Jahre vorher bei einem Besuche des Schelbleschen Ehepaares in Hüfingen mit unserem Vater Freundschaft geschlossen und nachher ihm durch Frankfurter Damen, die gelegentlich einer Reise ins Berner Oberland Hüfingen berührten, als Beweis, daß nicht gefeiert wird, ein Päcklein politischer Flugschriften zur Verbreitung zugeschickt, womit sich der Vater, aller politischen Agitation abhold, aber nicht befassen möchte. Ein Bruder Bunsens war dann richtig auch einer der Hauptbeteiligten beim Krawall an der Hauptwache, dem es aber noch rechtzeitig gelang, sich aus dem Staub zu machen.

Zeitgenössischer Holzschnitt zum Frankfurter Wachensturm vom 3. April 1833
siehe Wikipedia

Zu Goethes „Dichtung und Wahrheit“ konnte uns die freie Reichsstadt noch ziemlich unverändert die Scenerie vergegenwärtigen. Das Exemplar kam aus der Bibliothek des Rats von Willemer und war mit einer Menge von Bleistiftvermerken bezeichnet. Bekanntlich schriftstellerte der Herr Rat selbst auch viel. Und man erzählte sich, wenn er wieder eine neue Auflage seiner unverkauften Werke veranstaltet, habe er’s seiner Frau mitgeteilt:
Denke dir, liebe Marianne, wir haben schon wieder eine Auflage erlebt!“
Seine Schriften, meist humanistisch-pädagogischen Inhalts, hatten den Weg auch in des Vaters Bücherschrank gefunden. Ich erinnere mich indes nicht, daß sie viel gelesen worden wären.

Marianne von Willemer (* 20. November 1784 in Linz (?); † 6. Dezember 1860 in Frankfurt am Main.

Johann Jakob de Lose, Public domain, via Wikimedia Commons

Johann Jakob Willemer, seit 1816 von Willemer (* 29. März 1760 in Frankfurt am Main; † 19. Oktober 1838 ebenda)

Johann Jakob von Willemer Painting by Joseph Nicolaus Peroux  Wikimedia Commons.

Abgesehen vom Städelschen Institute geschah in der Vaterstadt Goethes für bildende Kunst noch wenig. Die Saat, die König Ludwig ausgestreut, war, wie allerwärts außerhalb Münchens, eben erst im Reimen begriffen. Zwerger z. B. hatte während unsres Aufenthaltes am Main nicht einen Auftrag erhalten und zu seinem Hirtenknab, unstreitig sein bestes Werk, keinen Käufer gefunden. Er wanderte nach England.

113 Doch gab es immer einzelne Liebhaber, die, wie Städel und Passavant, ihren Mammon in löblicherer Weise anzulegen wußten, als in Papieren an der Börse. Ein solcher war meines Wissens auch Bankier Finger, Kassier des Kunstvereins, der sich eine wertvolle Sammlung alter Niederländer angelegt hatte.

Ende fünfunddreißig war mein Bruder einer Einladung Schallers gefolgt, in dessen Atelier in München einzutreten. Gelegentlich einer Reise, die Onkel Schelble zur Kräftigung seiner angegriffenen Gesundheit nach Gastein unternommen, wobei wir ihn bis München begleiten durften, hatten wir Schaller, den Landsmann Binders, kennen gelernt. — Die Badekur hatte den erwarteten Erfolg nicht gehabt; im Sommer 1836 sah der gute Onkel sich genötigt, aller Tätigkeit zu entsagen und sich nach Hüfingen in sein von ihm mit so großem Interesse gegründetes Landgütchen zurückzuziehen.

Ich war so lange noch in Frankfurt geblieben, um das Fortschaffen der Möbel überwachen zu können. Felix Mendelssohn war gekommen, die interimistische Leitung des Cäcilienvereins zu übernehmen.

Felix Mendelssohn Bartholdy, Gemälde von Eduard Magnus, 1846
Foto: Eduard Magnus, Public domain, via Wikimedia Commons

Nach einem mit den Freunden auf der Sachsenhäuser Warte gehaltenen Abschiedstrunk bestieg ich den Omnibus nach Darmstadt, um von dort — wie sich’s damals bei jungen Leuten von selbst verstand — zu Fuß weiter zu pilgern, den Heimatbergen zu. Heinemann war mir bis Böhrenbach entgegen gekommen. Von Zeit zu Zeit hatte er uns von seinem Kunftstreben Nachricht gegeben, als Probe einmal auch das Bildnis unsrer Schwester in der Schappeltracht der Baar gesendet. Anfänglich wollte er Schildmaler werden bei Dilger in Neustadt, einer der Werkstätten, in welchen sich im Lause der Zeit eine fire Technik ausgebildet hatte, die vollständig genügt hätte, den ebenso praktischen wie charakteristischen, hell lackierten und bemalten, „Schild“ der Schwarzwälderuhr artistisch weiter auszubilden.

113

Hier geht es zur alten noch nicht überarbeiteten Fortsetzung: Denkbuch von Lucian Reich ab 1830 alte Forsetzung

Teil 1: Das Denkbuch von Lucian Reich von 1750 bis 1813
Teil 2: Denkbuch von Lucian Reich 1813 bis 1830
Teil 3: Denkbuch von Lucian Reich 1830 bis 1833

Denkbuch von Lucian Reich 1830 bis 1833

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896 ist ein Herzensprojekt von mir das ich seit April 2022 voran treibe und immer wieder neue Erkenntnisse beifüge. Da die Datei für einen einzigen Beitrag viel zu groß geworden ist, habe ich das Buch in verschiedene Teile unterteilt:

Der 1. Teil : Der Hänslihof und das Denkbuch von Lucian Reich 1750 bis 1813
Der 2. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1813 bis 1830

Unten findet sich das Denkbuch von 1830 bis etwa 1833. Der Text von Lucian Reich ist in kursiv.

Landesheim 1916 mit Mühlibach
1916

100…Von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die kleine Stadt war das fürstliche Schloß mit seinem schönen Garten und den Kunst- und Naturmerkwürdigkeiten im „Kabinet“. Was es da zu betrachten und zu bewundern gab, machte auf mich einen lebendigeren und nachhaltigeren Eindruck, als das, was wir bald nachher von Sammlungen, wissenschaftlich geordnet, klassifiziert und  katalogisiert, zu sehen bekamen.

Foto der Wirtschaftsgebäude und des Gartens des fürstlich fürstenbergischen Landesspitals 1916

Und dasselbe möchte ich auch von andern Jugenderinnerungen sagen, z. B. von den Schlittenfahrten, welche die Herrschaften oft an schönen Wintertagen hierher machten, in den phantastisch gestalteten Schlitten aus der Zeit des Rokoko: Diana mit dem Hirsch, Neptun das Walroß lenkend, Löwen und anderes Gebilde zeigend. Abends sahen wir das Schloß dann erleuchtet, im Saale gegen den Hof zu ertönte Musik zu improvisierten Tänzen, und die bei Fackelschein bewerkstelligte Rückfahrt ließ uns den Zug erst recht im romantisch märchenhaften Lichte erscheinen. Der gewöhnliche sog. Wurstschlitten hatte im Gegensatze zum „Kasten= oder Chaisenschlitten“ nur einen schmalen gepolsterten und freien Sitz. Einen solchen besassen auch wir, geziert mit einem von der Hand des Vaters geschnitzten und vergoldeten Drachen.

Ob die jetzige Generation vergnügter, zufriedener lebt als die frühere? Wenn wir zur Beantwortung dieser Frage die in so üppigem Flor stehenden Vereinsfeste und Zusammenkünfte zum Maßstab nehmen, müssen wir sie bejahen — jedoch hinzufügen, daß es auch in frühern Tagen — abgesehen von kirchlichen Festen nicht an gemeinsamen Veranstaltungen und Festlichkeiten gefehlt hat; nur hatten diese mehr eigenartiges Gepräge und stets auch einen Anhauch von Poesie, indem sie auch der Schuljugend eine Beteiligung gestatteten.

„Und wieder ist die Baar
Fruchtbar wie sie war!“

sangen die Schulkinder in einem von Bürgermeister und Major des Bürgermilitärs, Burkhard, gedichteten Liede bei Einbringen des ersten festlich bekränzten Garbenwagens im Jahr 1817. An ein anderes schönes Fest wurden wir Schüler noch lange durch die Inschrift an der „Schulkanzel“ gemahnt: „Wer Gesetz, Ordnung, Tugend und Religion liebt und zur Richtschnur nimmt, der ist weise, der ist frei“. Aus der Antwort Karl Friedrichs auf die Danksagung des Landes bei Aufhebung der Leibeigenschaft. 

Litographie von Josef Burkhard dem Hüfinger Bürgermeister im frühen 19. Jahrhundert.

Litographie von Josef Burkhard aus der Bürgermeistermappe im Hüfinger Archiv.
Burkhard war vor 1826 Bürgermeister, er wurde aber nur innerhalb Hüfingens Bürgermeister genannt und nicht in offiziellen Urkunden. Vermutlich hängt dies mit den Französischen und den Württembergischen Besatzern zusammen.

Die Kanzel hatte nämlich beim Karl Friedrichjubiläum zum Piedestal (Postament einer Statue) eines vom Vater gemalten lebensgroßen Brustbildes des Gefeierten gedient, welches von der Schuljugend bekränzt den Mittelpunkt der Festlichkeit gebildet hatte. Die Lieder, welche beim Empfange des neuvermählten fürstlichen Paares Karl Egon und Amalie zu Fürstenberg (1818) von welchem Tag noch lange gesprochen wurde, und im Jahre dreißig bei der Landesbereisung des Großherzogs Leopold und der Großherzogin Sophie vom Hüfinger Bürgermilitär unter Gleichaufs Direktion im Schloßhofe zu Donaueschingen gesungen wurden, waren aus Burkhards Feder geflossen. (Ebenso die meisten zur Zeit üblichen Nachtwächterrufe). Und viel Hübsches und Sinniges wurde bei den Festlichkeiten stets auch in dekorativer Hinsicht geleistet und zwar ohne großen Kostenaufwand. Die Vorbereitungen hierzu fanden gewöhnlich in der großen leerstehenden Schloßkirche statt, im Flügel gegen das Stadttor hin.

Vielen Dank an unseren Archivar Herrn Frank Schrader für die Überlassung von:
Der Hüfingische
Nachtwächter
1819
von Josef Burkhard

Von jeher wurde in der Amtsstadt viel musiziert und gesungen. Es gab Kirchenchor-Mitglieder, die bis in ihr spätestes Alter als Violinspieler oder als Sänger mitwirkten. So z. B. der Amtmann Reichlin; dieser sang noch bei den musizierten Messen, nachdem er nicht nur die Stimme, sondern längst auch alle Zähne verloren hatte. Wie die Mutter und ihre Schwestern, Magdalena, Elisabeth und Katharine zu den Sängerinnen zählten, so that auch unsre Schwester Lisette mit ihrer klangvollen Sopranstimme lange Zeit Dienste auf dem „Chor“.

Elisabeth (Lisette) Reich 1819-1871

Das Hoftheater in Donaueschingen war ein Theater der Fürsten zu Fürstenberg, das 1774 in der ehemaligen Reitschule errichtet wurde und am 28. April 1850 abbrannte und daraufhin nicht wieder aufgebaut wurde. Bis dahin wurden Schauspiele und Opern aufgeführt, unter anderem unter der Leitung der Hofkapellmeister Conradin Kreutzer und Johann Wenzel Kalliwoda. (Zu den Anfängen einer „Donaueschinger Musik“ von Hugo Siefert in den Schriften der Baar 69 (2016))

Hoftheater in der ehemaligen Reitschule Donaueschingen

Fotos: Baarverein

Auch wir Brüder mußten mitsingen bei den Messen, die Onkel Seyferle, zur Zeit Unterlehrer, mit den Schülern einübte. Außerdem wurde mir die Auszeichnung, mit Seyferle und einem seiner auswärtigen Zöglinge als Altist und Chorist in der Oper „Cristine“ von Kalliwoda, in der Doppelrolle als Bauernjunge und königlicher Page, auf dem Hoftheater in Donaueschingen auftreten zu dürfen. Nach jeder der etlich und dreißig Proben im Museum (Post) hatten wir zwei Altisten jedesmal eine Halbe Braunbier mit einer Portion Schweizerkäs zu konsumieren beim Hofschmied (Fürstenbergerhof), wo unter’m Vorsitze des Hofapothekers Kirsner sen. und seines Adjutanten Bäsele immer große Redeschlachten geliefert wurden zwischen Russen und Türken, die zur selben Zeit weit hinten in der Türkei aufeinander schlugen. 

Katharina Schelble geb. Götz (01.11.1760-04.04.1847) gemalt von Luzian Reich (senior) ihrem Schwiegersohn im Jahre 1829 .
Sie ist die Mutter von dem Musiker Johann Nepomuk Schelble und die Großmutter von Xaver, Lucian und Lisette.

Seyferle Abstammung

Onkel Seyferle war mit Elisabeth Schelble verheiratet, einer Schwester von Josepha

Schelble im Stammbuch

Die 14 Kinder von Katharina Götz

103 Die wichtigsten Proben waren uns aber die Hauptproben mit dem wirkungsvollen Finale am „Offiziantentische“ im Schlosse, wo wir Choristen bei Wildpret und einem Trunke aus dem Schloßkeller zeigen konnten, wie sicher wir auch da im Treffen seien.
Ernsthafter als Gesang beschäftigte uns Brüder das Klavierspiel, in welchem uns Vetter Franz Joseph Gleichauf, Amtsaktuar und ebenso eifriger wie uneigennütziger Chorregent und Kapellmeister des Bürgermilitärs, Unterricht gab.

Franz Josef Gleichauf (6.12.1796-19.07.1869) war mit Maria Catharina Federle (22.07.1797-07.08.1869) verheirate und der Sohn von Johann Gleichauf (4.2.1764-23.03.1816) und Anna Maria Schelble (27.03.1760-27.12.1816).

Xaver bildete sich weiter darin aus, und noch in spätern Jahren fand er in den Werken Mozart’s, Bach’s und Beethoven’s Erholung und Genuß. Jeden Winter wurde beim Schnurren der Spinnräder und dem Schein eines Oelämpeleins des Vaters Büchersammlung durchgelesen. Für einen Schullehrer damaliger Zeit war sie reichhaltig genug. Gellert, Hebel und Winkelmann (in der Donaueschinger Ausgabe) waren mit ihren sämtlichen, Göthe, Schiller, Klopstock, Wieland mit einzelnen Werken vertreten, dabei Sulzers Theorie der schönen Künste, Weißes Kinderfreund, Kampes Robinson, Reisebeschreibungen nebst dem Brockhaus’schen Konversationslexikon fast ausnahmslos Geschenke von Onkel Schelble und dem frühern Stadtpfarrer Reislin; denn Bücher kaufte der Vater selten. Das erste klassische Werk, das ich von meinen ersparten 10 Kreuzern auf dem Jahrmarkt erwarb, war Tyll Eulenspiegel, den ich, weil mir die groben Holzschnitte darin nicht gefielen, zu illustrieren unternahm.

Zeichnung aus den Wanderblühten.

Elisabeth (Lisette) Reich (1819 – 1871) am Spinnrad; Katharina Heinemann (1828 – 1900) mit Kind;
J. Nepomuk Heinemann, genannt „Muckle“ (1817 – 1902) mit Fes (Das Tragen eines Fes war im Biedermeier ein Zeichen der Gemütlichkeit);
Lucian Reich (1817-1900) mit Pfeife;
Rudolf Gleichauf (1826 – 1896) rechts unter der Uhr;
Josef Heinemann (1825 – 1901) mit Buch.

Xaver Reich,
gezeichnet von Josef Heinemann
Xaver Reich 1838
gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann.
Xaver Reich
gezeichnet J. Nepomuk Heinemann, 1848, Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oIII 609.

Zuweilen machten wir unter väterlicher Leitung Fußtouren, unter andern einmal nach Freiburg, wo es das erste war, das Münster zu besichtigen, obgleich uns, müde und abgespannt, der vorläufige Besuch einer Gastwirtschaft erwünschter gewesen wäre. Und daher kam es, daß uns, insbesondere mir, der von zahllosen krächzenden Krähen umschwärmte altersgraue Bau mit dem ahnungsvollen Dämmerlichte seines Innern den erwarteten überwältigenden Eindruck nicht machte; obgleich wir das treffende Urteil eines Hüfinger Kunstrichters nicht hätten unterschreiben mögen, der auf die Frage des Vaters: „Nun, Sie haben das Freiburger Münster gesehen? Nicht wahr, der Turm ist ein wahres Wunderwerk!“ den klassischen Ausspruch that: „Nun ja, er ist kunstreich! Aber ich muß Ihnen offen gestehen, der hiesige Kirchturm gefällt mir besser, er ist einfacher!“

Ansicht von St Verena und Gallus mit Statue von Xaver Reich
St. Verena und Gallus

Ein andermal wanderten wir über Schleitheim, woher der Vater die Steine zu seinen Grabdenkmälern bezog, nach Schaffhausen. Kurz vorher hatte ich den Rheinfall nach einer Lithographie Welle für Welle in Kreidemanier gezeichnet. Und nun trat mir das Naturspiel in seinem Stürzen und Ueberstürzen, Tosen und Schäumen um so überraschender entgegen.

Einen ähnlichen und doch wieder grundverschiedenen Eindruck machte auf uns der Hohentwiel, den wir über die Ausläufer des hohen Randen hinwandernd im abendlichen Dämmer am östlichen Horizont vor uns auftauchen sahen. Der Hohentwiel! Wie viel hatten wir als Kinder nicht schon von ihm gehört! Trug doch ein ehmaliger Turm in der „Hinterstadt“ diesen Namen. Und der „alt Franz“ unser Taglöhner, dem ich so manches „Budeli Brends zNüni“ zugetragen, und der „Vetter Kupferschmied“ waren von denen, die auf Gemeindekosten ringsum aufgeboten worden, das für unbezwinglich gehaltene Hegaubollwerk zu sprengen und demolieren.

Karte aus dem Jahr 1664 von Hüfingen, Behla und Sumpfohren von Martin Menrad
Karten von Hüfingen aus 1664 von Martin Menradt mit dem Hohentwiel.
Foto: Dr. Jörg Martin, Fürstlich Fürstenbergisches Archiv Donaueschingen

Hohentwiel

Wappen von Hüfingen

In der Hinterstadt im Bereich der herrschaftlichen Burg stand einst ein mächtiger Bergfried, der „Stock im Graben” oder wegen seiner Stärke auch „Hohentwiel” genannt wurde. Dieser Wohnturm diente in Belagerungszeiten als Zufluchtsort für die Burginsassen. Er war der am schwierigsten einzunehmende Bauteil der Burg.Auf dem Gemälde von Menrad ist dieser Turm zu sehen, allerdings in bereits zerstörtem Zustand. Eine weitere Abbildung des Bergfrieds soll das alte Stadtwappen sein:Das Hüfinger Stadtsiegel zeigt heute einen schmächtigen Thorthurm, in dem des 15. Jahrhunderts aber erscheint an dessen Stelle ein mit Buckelquadern an den Ecken verstärkter, wehrhafter Bergfried, der von der Seite her aufgenommen ist. Selbstredend steht dieses Wappenbild mit der Stadt im Zusammenhange; es ist nichts anderes als die Abbildung des obengenannten Stocks im Graben oder Hohentwiel’s, der in der Tat beim Anblicke der Stadt, solange er stand, das Augenfälligste, sozusagen das Wahrzeichen von Hüfingen gewesen ist und deshalb zum Wappenzeichen der Stadt vorzüglich geeignet war.

Aus: Hüfingen – Führer durch eine alte Stadt von Beatrice Scherzer und Hermann Sumser 1996

Diese die Französische Gewaltherrschaft bezeichnende Anordnung kam den Gemeinden teuer genug zu stehen. Geisingen z. B. traf es 400 fl. und nicht weniger Hüfingen, und so verhältnismäßig alle Orte.

Von frühester Jugend an wußte ich nicht anders, als daß ich Maler werden wollte, obgleich ich eine alte Base sagen hörte, kein Maler werde alt, von wegen den giftigen Farben. Mein Bruder hatte sich für die Plastik entschieden. Formensinn und außerordentlich geschickte Hand befähigten ihn hiezu. Jeden Herbst kam Onkel Schelble zu Besuch in die Vaterstadt, und was wir von ihm vom Städel’schen Kunstinstitute hörten, ließ uns Frankfurt in ganz verklärtem Lichte erscheinen. Gegen Ende der 20ger Jahre war Zwerger, der Zögling Danneckers, aus Italien zurückgekommen.

Vermutlich Johann Nepomuk Zwerger
(* 28. April 1796 in Donaueschingen; † 26. Juni 1868 in Cannstatt)
war ein deutscher Bildhauer und Hochschullehrer.
Hier 1829 gezeichnet von Reich senior.

In Hüfingen, bei seinem Schwager, Schloßverwalter Wehrle, vollendete er seinen „Hirtenknab“ in Karrarischem Marmor. Von Schelble empfohlen, hatte er bald nachher eine Berufung an das Städel’sche Institut erhalten. Und nun erbot er sich, meinen Bruder als Schüler anzunehmen; und somit verließ dieser im Herbste 1832 mit Onkel und Tante die Vaterstadt, und im Jahr darauf fuhr auch ich mit ihnen der ersehnten freien Reichsstadt (Frankfurt) zu. 105

Das Städel’sche Institut war gewissermaßen noch im Entstehen begriffen. Mein Bruder hatte seine Lehrzeit noch im alten Hause auf dem Roßmarkt begonnen, und der Umzug ins neue war kurz vor meiner Ankunft bewerkstelligt worden, so daß zehn oder zwölf Malerschüler, mit mir dem jüngsten, erstmaligen Besitz von den obern vier, in den Hof und Garten hinausgehenden, Ateliers nahmen. Es war eine gemischte Genossenschaft, die sich da zusammengefunden, ein Konglomerat verschiedenster Ausbildungsstufen und Richtungen, jeder mit einem andern Gegenstand beschäftigt.

Settegast, der am weitesten vorangeschrittene Zögling Direktor Veit’s, malte eine hl. Barbara für eine Kirche am Unterrhein, Becker aus Bornheim kopierte religiöse Bilder aus der Galerie, die von Inspektor Wendelstädt anstandslos in die Ateliers gegeben wurden, Bauer von Sachsenhausen, ursprünglich Lithograph, zeichnete für eine Kunsthandlung Veit’s Achillesschild auf Stein, Kaufmann von Kreuznach, das adrette Kerlchen mit Vollbart, Barett und hübschem Tenor, den er später auch im Cäcilienverein verwertete, skizzierte nach Spindlers, damals mit Begeisterung gelesenem „Jude“, während Weidenbusch, das ominöse Genie, einen großen Karton zeichnete: Prometheus von Cyklopen an den Felsen geschmiedet, und ebenso zeigte er uns Blätter aus seinem „Cid“, den er, wie Cornelius den Faust, im Stich erscheinen lassen wollte.

Ich hatte verschiedene Zeichnungen von daheim mitgebracht: eine figurenreiche Fastnachtsscene mit äpfelauswerfenden Hanseln, plaudernde Nachbarn auf dem Hausbänklein, und was sich mir sonst in der Wirklichkeit zeigen wollte. In der jetzigen Umgebung hörte ich aber von Originalität der Komposition, neuen Gedanken und Motiven. Wie hätten gegen all das meine schlichten Baarerkinder aufkommen können! Also griff auch ich zur Kohle und komponierte und fixierte Zeichnungen höhern Stils. 

Der „lange Tag“ in der Synagoge in Rödelheim bei Frankfurt. Luzian Reich senior 1833

Teil 3: Denkbuch von Lucian Reich 1833 bis 1836

Hier geht es zur alten noch nicht überarbeiteten Fortsetzung: Denkbuch von Lucian Reich ab 1830 alte Forsetzung

Teil 1: Das Denkbuch von Lucian Reich von 1750 bis 1813
Teil 2: Denkbuch von Lucian Reich 1813 bis 1830

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner