Gottfried Schafbuch

„Jede Provinz liebt ihren Dialekt, denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seelen ihren Atem schöpfen.“
— Johann Wolfgang von Goethe

Gottfried Schafbuch 03.01.1898-23.10.1984

Ein Ehrenbürger, der dem merkwürdigen Slogan der Stadtverwaltung „Wir stehen auf Geschichte“ tatsächlich Bedeutung hätte geben können.

Die Stadt erklärt ja über sich: „Man weiß, wo man herkommt, steht auf geschichtsträchtigem Boden und verbindet mit der ‚Hüfinger DNA‘ Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“ Bei so viel historischem Pathos ist es bemerkenswert, wie wenig Interesse den Menschen gilt, die diese Stadt und ihre Geschichte tatsächlich geprägt haben.

Gottfried Schafbuch gehört zur „DNA von Hüfingen“ wie kaum ein anderer. Sein Name und seine Arbeiten sind untrennbar mit der Geschichte und den Geschichten dieser Stadt verbunden. „Dä Gopfried“, wie er in Hüfingen liebevoll genannt wurde, war als Heimat- und Mundartdichter und als Chronist des Hüfinger Lebens weithin bekannt.

Er bewahrte nicht nur Geschichten, Menschen und die Sprache seiner Heimat. Er schaute auch genau hin – und sprach aus, wenn etwas nicht stimmte. Wenn ihm etwas nicht passte, war seine Meinung zu hören, und zwar in unverwechselbarem Hüfinger Dialekt. Er hätte vermutlich auch heute einiges zu sagen. Und wahrscheinlich würde er sich dabei nicht besonders diplomatisch ausdrücken.

Aus dem Nachruf in den Schriften der Baar 1984 von Lorenz Honold

Emil Bader hat Schafbuch einen der guten Geister der Lucian-Reich-Stadt  genannt. Er war es nicht nur für die Bürger seiner Vaterstadt. Wer immer, von auswärts kommend, der reichen Geschichte, der Kunst und Kultur der einstigen fürstenbergischen Oberamtsstadt auf der Baar nachspürte, der fand im Hüfinger Stadtschreiber einen guten Freund und verläßlichen Wegweiser. Er war die lebendige Chronik seiner Vaterstadt, die er liebte. Echt, treu und herb wußte er das Lob der Baar und seiner Menschen zu singen. Die kirchlichen und weltlichen Feste, den schlichten Alltag und die Natur im Wandel der Jahreszeiten lebte und schilderte er in seiner besinnlich-alemannischen Art wie keiner vor ihm.

Und keiner in unserem Jahrhundert war so wie er berufen, dem Fremden die Schatztruhen Hüfingens zu öffnen. Es war mit ein Verdienst Gottfried Schafbuchs, daß die Stadt 1958 Lucian Reichs Hieronymus , die erste Volkskunde des alemannischen Landes, im Original neu erscheinen ließ. Man hat Schafbuch bisweilen den Johann Peter Hebel der Baar genannt. Zweifellos ist er einer der stärksten und sprachgewandtesten aus dem Hüfinger Künstlervölkchen des vorigen Jahrhunderts, vor allem der Brüder Lucian und Franz Xaver Reich. Ihr Werk und ihre Persönlichkeiten hat er in liebevollen Studien und Essays für die Nachwelt festgehalten.

Vorwiegend Themen der Vergangenheit, der Romantik und dem bürgerlichen Biedermeier auf der Baar galt Schafbuchs schriftstellerisches Schaffen. In seiner Mundartdichtung aber ist er unmittelbar gegenwärtig und unauswechselbar. Der bürgerlich-bäuerliche Mensch, Natur und Jahreszeiten auf der Baar – sie werden von dem Mundartdichter Schafbuch nicht nach-, sondern mitempfunden. Sie sind erlebt: Menschen und Dinge haben ihr Leben aus der schmucklosen, dafür farbenreichen und bildkräftigen Sprache des heimatlichen Idioms. Und Humor und Mutterwitz sind stets rechtzeitig zur Stelle, um diese Volkspoesie nicht ins Rührselige abgleiten zu lassen.

Mii Boor – Mii Hoamet

1972 erschien Gottfried Schafbuchs Hauptwerk „Mii Boor – Mii Hoamet“ – ein Buch über die Baar, ihre Menschen, ihre Geschichte und ihre Geschichten.

Buchumschlag mit altem Haus und Kirchturm dahinter

I’s Heinemanns Huus hinter de Poscht,
Potz tausigsappermoscht, Wohnet jao reacht bravi Lüt
Wemers bruchet i de hittige Ziit!

Mehrere Gedichte aus „Mii Boor – Mii Hoamet“ wurden von dem Komponisten, Dirigenten und Südwestfunk-Mitarbeiter Alfred Kluten vertont und zu einer mehrteiligen „Baar-Kantate“ zusammengefügt. Sie wurde anlässlich des 6. Verbandsmusikfestes des Blasmusikverbandes Baar-Schwarzwald in Hüfingen von der Stadtmusik und dem gemischten Chor des Liederkranzes zu Gehör gebracht. Den Schluss der Kantate bildete der Marsch „Gruß an die Baar“.

Kluten war als Musiker und Arrangeur beim Südwestfunk tätig und leitete dort unter anderem die „Volksmusikanten“, eine Blaskapelle aus Rundfunkmusikern. Seine Verbindung zur Baar reicht allerdings noch weiter zurück: Den Marsch „Gruß an die Baar“ soll er bereits 1964 für die Stadt Geisingen komponiert haben.

Herrgott, segne du iiseri Boor,
schütz iiser Schtädtli lieb,
vor Elend, Not und G’fohr.
Mier wennt dankbar sii,
d’Hüfinger Liit, treu und wohr fer alli Ziit
Boor, o Boor, mii Hoamet bischt du.
O Boor, o Boor, mii Hoamet bliibscht du.

S’Rotkäppli

1970 erschien „S’Rotkäppli“ auf der Schallplatte „Alemannische Geschichten für große und chli­ni Lüt. Zehn Sprachbilder in der Muettersproch aus südbadischen Sprachlandschaften“ des Christophorus-Verlags Freiburg. Die Schallplatte sollte die verschiedenen alemannischen Sprachlandschaften nicht nur im geschriebenen Wort, sondern durch die Stimmen ihrer Sprecher hörbar machen. Wie die zeitgenössische Besprechung in der „Badischen Heimat“ hervorhob: „Wie man auf der Baar spricht, weist Gottfried Schafbuch, Hüfingen, vor.“ Schafbuch las „S’Rotkäppli“ selbst.

S’Rotkäppli 1970 gelesen von Gottried Schafbuch

Dem Tod seiner Brüder sowie seiner schwächlichen Konstitution – unter Freunden nannte sich Gottfried einen „Säerbling“ (Schwächling) – hatte er es zu verdanken, dass ihm der Kriegsdienst erspart blieb. Unter dem langjährigen Hüfinger Ratschreiber August Hutzler ausgebildet, wurde er selbst Ratschreiber. Während des Zweiten Weltkrieges tat er Dienst beim Donaueschinger Wehrbezirkskommando.

Schafbuch war mehr als 20 Jahre bei der Stadt Hüfingen beschäftigt, davon 15 Jahre als Ratschreiber. Heute würde man diese Funktion etwa mit der eines Hauptamtsleiters vergleichen.

Am 20. Dezember 1973 wurde Gottfried Schafbuch mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Wenige Jahre später, 1978, ernannte ihn der Gemeinderat unter dem damaligen Bürgermeister Max Gilly feierlich zum Ehrenbürger der Stadt Hüfingen.

Max Gilly

Gottfried Schafbuch ist Ehrenbürger der Stadt Hüfingen

aus den Schriften der Baar 1978 Band 32

Am 6. August 1978 wurde unser Ehrenmitglied Gottfried Schafbuch zum Ehrenbürger der Stadt Hüfingen ernannt. Vor der Überreichung der Ehrenbürgerurkunde während eines Festaktes hielt Bürgermeister Max Gilly die Laudatio, die wir mit seiner Genehmigung nachstehend auszugsweise wiedergeben:

Ich habe heute die Ehre, meinem lieben Freund, unserem langjährigen früheren Ratsschreiber, den Ehrenbürgerbrief der Stadt Hüfingen zu überreichen. Gottfried Schafbuch ist für uns, für die Stadt Hüfingen, das lebende Beispiel jener geistigen Blüte, die unsere Stadt schon im 19. Jahrhundert auszeichnete. Er hat als Poet und Heimatschriftsteller das fortgesetzt, was die berühmten Männer unserer Stadt im 19. Jahrhundert begonnen haben. Ich möchte sagen, ohne die Arbeit unseres Gottfried Schafbuch wäre Hüfingen als Stadt der Dichter, Poeten und Maler ärmer geblieben. Im Mittelpunkt seiner Geschichten und Gedichte steht die Stadt Hüfingen, seine Heimat. Wie ich aus vielen gemeinsamen Gesprächen weiß, hat er nie Fernweh sondern immer nur Heimweh gehabt. Daß er diesen Schritt gewagt hat, diesen Mut gehabt hat, im bescheidenen Rahmen der Heimat zu bleiben, ohne Aussicht, in einem weiteren Bereich bekannt zu werden, das haben wir ihm tief zu danken. Gottfried Schafbuch hat die Gabe, aus den alltäglichen Kleinigkeiten etwas Schönes zu machen, einerlei, ob es sich um einen Brief, eine kleine humorvolle Geschichte oder ein Gedicht handelt. Und gerade seine Gedichte sind Zeugnis dafür, daß er die Volksseele der Baar, in der er von Jugend auf gelebt hat, bestens versteht. Aber er ist ein Mann, der sich gründlich mit der Materie auseinandergesetzt hat. Bevor er sich an seine Mundartgedichte wagte, hat er zuerst einmal die Baaremer Sprache gründlich erlernt; und erst nachdem er sich mit vielen Kapazitäten zusammengesetzt und alles genau erforscht hatte, begann er, seine Gedichte zu schreiben. Alles, was vorher aus seiner Feder kam als Heimatschriftsteller und Erzähler der Geschichte unserer Stadt, hat er elegant mit leichter Hand gemacht. Aber sein ganzes Können hat er erst gegeben, als es ihm um die herbe Mundart der Baar gegangen ist. So hat er uns entscheidend tiefschürfende Werke geschenkt, die immer zum kostbaren Gut der Baar gehören werden. Daß wir mit dieser Ehrung solange gewartet haben, hat sich Gottfried Schafbuch selbst zuzuschreiben. Er hat zu uns immer gesagt:

,Ehrenbürger einer Stadt zu sein, ist das Äußerste und das Letzte, was eine Stadt zu bieten hat; und übertreibt auch solche Sachen nicht‘.

Nun wollen wir hoffen, daß wir noch recht viele Jahre mit ihm zusammen sein können. Ich darf nun die Ehrenbürger-Urkunde verlesen: ,Ehrenbürgerbrief. Gottfried Schafbuch hat als Heimatdichter und Mundartschriftsteller große Verdienste erworben. Der ganze Reichtum des Baaremer Dialektes wurde durch ihn in seiner Vielfalt erkennbar und als unschätzbares Gut erhalten. Darüber hinaus hat er sich mit seinen Schriften aus der Geschichte der Stadt verdient gemacht. Dankbar für all das, was er uns gegeben hat, ernennen wir ihn zum Ehrenbürger seiner von ihm so geliebten Heimatstadt Hüfingen.
6. August 1978, Der Gemeinderat‘.

Sechs Jahre nach seiner Ernennung zum Ehrenbürger war Gottfried Schafbuch tot. Am 23. Oktober 1984 starb er im Alter von 86 Jahren nach kurzer Krankheit. Ausgerechnet Bürgermeister Max Gilly, der ihm 1978 den Ehrenbürgerbrief überreicht und seine Laudatio mit der Hoffnung beendet hatte, noch viele Jahre mit ihm zusammen sein zu können, fand nach seinem Tod noch einmal Worte für das, was Schafbuch seiner Heimat hinterlassen hatte:

„Die Pflege des heimatlichen Brauchtums, der Baaremer Mundart sowie die Erforschung der Geschichte seiner Heimatstadt lag ihm besonders am Herzen. Wir wollen ihm für all das, was er uns gegeben hat, mit seinen eigenen Worten danken.“

Das Grab von Gottfried Schafbuch auf den Hüfinger Friedhof

o Boor, mii Boor, hol mech doch hoam;
dier g’hör ech alli Ziite ,
es mont zum Grabgsang mier emool
nuu d’Hoametglocke liite.

Einladung zum 100. Geburtstag von Gottfried Schafbuch


Feierlichkeiten zum 100. Geburtstages am 3. Januar 1998

Ein Hüfinger Heimatdichter wird 100 – und die Stadt feiert. Zum Geburtstag von Gottfried Schafbuch gab es 1998 noch einen ganzen Abend: Das Stadtmuseum stellte eine Ausstellung zusammen, das Katholische Bildungswerk lud ein, und seine älteste Tochter und Nachlassverwalterin Roswitha Schafbuch las aus dem kurz zuvor erschienenen Nachfolgewerk „Daheim auf der Baar“.

Heute wirkt eine solche Würdigung beinahe wie ein Dokument aus einer anderen Zeit. Damals hielt man es offenbar noch für sinnvoll, die Menschen zu feiern, die zur kulturellen Identität der Stadt beigetragen hatten. Heute schmückt man sich lieber mit der „Hüfinger DNA“ und erklärt, wie wichtig Geschichte und Herkunft seien. Die Menschen, die diese Geschichte tatsächlich geschrieben haben, kommen dabei zunehmend weniger vor.

Zum Glück ist von Roswitha Schafbuch noch etwas erhalten geblieben: eine Aufnahme vom 12. Dezember 1998, auf der sie aus dem Werk ihres Vaters rezitiert. Mein Vater hat die Aufnahme damals gemacht.

Einladung vom Katholischen Bildungswerk 1992
Zm 100. Geburtstag von Gottfried Schafbuch
Roswitha Schafbuch am 12.12.1998



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