Die Mondfrau

Text von Wolf Stucke, Illustration von Heiner Graf und gelesen von Maria Simon.

Es war einmal vor nicht langer Zeit, während einer Vollmondnacht, dass zwei Kinder in einem entfernten kleinen Dorf, in einem uns unbekannten Land, in ihrem Stockbett lagen und versuchten den Schlaf zu finden.  Aber sie schlafen nicht ein, ganz und gar nicht, stattdessen erwartet sie eine traumhafte Abenteuernacht.

Doch der Reihe nach: 
Die beiden nicht schlafenden Kinder heißen Lala und Jojo, Lala ist schon beinahe acht und die große Schwester von Jojo, der erst fünf ist.

„Du, schläfst Du schon?“ fragt just in diesem Moment Lala ihren kleinen Bruder, den sie unter sich weiß. Sie, als ältere Schwester darf natürlich oben im Doppelbett liegen.
„Soll ich jetzt ‘Ja’ sagen?“ hört sie Jojo antworten.
„Ja“ erwidert Lala erleichtert, dass sie nicht alleine wach liegen muss, in dem gar nicht so dunklen Zimmer. Die Sonne ist zwar schon seit Stunden untergegangen, aber durch das Fenster scheint der Mond, der voller nicht sein könnte. Durch das Licht des Mondes erinnert sich Lala, dass ihre Eltern mal erwähnt hatten, dass manche Personen mondsüchtig seien. Sie hatte sich daraufhin vorgestellt, dass diese mondsüchtigen Menschen, wohl ähnlich wie Wölfe, den Mond anheulten. Aber das stellte sich als Irrtum heraus, mondsüchtigen Menschen schlafwandeln einfach bei Vollmond durch das Haus. 

„Jojo, weißt Du was mondsüchtig ist?“ fragt Lala ihren jüngeren Bruder.
„Nein“
„Menschen, die bei Vollmond durch das Haus laufen“
Eine Erklärung, die den kleinen Bruder nicht sehr beeindruckt.
„Warum?“
„Weiss ich auch nicht.“

Als könnten die beiden Geschwister die Antwort auf diese Frage im Mond entdecken, betrachten beide den gut zu sehenden Vollmond. 


„Warum hat der Mond eigentlich dunkle Flecken?“ möchte da Jojo von seiner großen Schwester wissen.
„Ich glaube, das sind die Krater, so etwas wie Berge, aber manche behaupten auch das sei der Mondmann.“
„Der Mondmann?“ wiederholt Jojo ungläubig.
„Äh, Ja ja!“ erwidert daraufhin seine Schwester.

Und da erkennen die Kinder, wie die dunklen Flecken im Mond sich scheinbar bewegen, ein Fleck bewegt sich nach oben, ein anderer dreht sich. Lala traut kaum ihren Augen, das kann doch nicht sein. Doch, doch, die Flecken reihen sich aneinander, und bilden eine Gestalt, eindeutig, die dunklen Flecken formen Beine, Bauch, Arme und einen Kopf. 

„Du, Lala, jetzt sehe ich den Mondmann, Du hast recht“ stellt Jojo nüchtern fest.
Mit fünf Jahren ist seine kindliche Fantasie noch so viel größer, als dass winkende Mondflecken ihn überraschen könnten. 
„Lala, hast Du das gesehen, der Mondmann winkt uns, da guck mal.“
„Äh, ja.“ stammelt sie, während sie genau dasselbe beobachtet.
„Na, wenn er uns schon winkt, dann sollten wir wohl hin, oder?“ schlägt Jojo gelassen vor.
„Aber, wir können doch nicht fliegen. Also, außer in unseren Träumen, oder in unserer Fantasie, oder in Büchern, oder so“ antwortet Lala.

Dann denkt sie nach und entsinnt sich des Buches: Peterchen’s Mondfahrt. Es handelt von zwei Kindern, die zum Mond fliegen. Sie erinnert sich, wie in dem Buch die beiden Kinder die Schwerkraft überwinden. Dann schweben sie, und schafften es sich mit der Luft zu vereinen.

„Also gut, Jojo, wir können es ja mal versuchen, also wir müssen unsere Arme ausbreiten,“ erklärt sie, „die werden zu unseren Flügeln, und dann müssen wir der Schwerkraft entgegenwirken.“
„Was ist Schwerkraft?“ fragt ihr Bruder.
„Egal“ fährt die große Schwester fort.
„Also wir müssen die Arme ausbreiten, und dann Leichtigkeit in uns einsaugen, damit uns die Schwerkraft nicht mehr nach unten zieht, und dann, ja, dann können wir vielleicht schweben, na, und vor allem müssen wir daran glauben. Mama sagt ja immer, der Glaube kann Berge versetzen.“
„Aber wir wollen doch fliegen, oder?“

Eigentlich hat sich Jojo schon daran gewöhnt, dass seine Schwester sich manchmal sehr rätselhaft oder einfach ein bisschen blöd ausdrückt, aber nichtsdestotrotz ist Lala seine Schwester. Die tollste Schwester, die es überhaupt nur gibt. 

Und wie mutig sie ist!!

„Komm“, unterbricht Lala seinen Gedankenfluss, „Lass es uns einfach versuchen.“
Und dann kommt sie hinab, ergreift die Hand ihres Bruders, leise schleichen sich die Geschwister aus dem Haus und in den Garten. 

Fest die Hände haltend konzentrieren sie sich, schließen die Augen und atmen Leichtigkeit in sich ein. „Eigentlich atme ich Luft ein, ein bisschen frisch,“ denkt Jo-Jo. „So kann ich doch nicht fliegen.“
Dann schaut er hinüber zu seiner Schwester, die weiter mit geschlossenen Augen, seine Hand festhaltend und scheinbar sehr konzentriert, Luft in sich aufnimmt. 
„Hmm, dann mach ich das auch so.“ Denkt er sich, und widmet sich dann, wie seine große Schwester, weiter der frischen Abendluft. Und dann merkt er, wie sich Leichtigkeit in seinem Körper verbreitet, er fühlt sich so anders an, so als wäre alles viel leichter, so als würde er den Boden nur noch streifen, und nicht fest darauf stehen, wie doch sonst immer. Und da, plötzlich erheben sich seine Füße etwas vom Boden, genau wie die von Lala. 

Unglaublich, „ich kann fliegen“ denkt Jojo.
Und dann mit all ihrer geschwisterlichen Vorstellungskraft, und ihrem Wunsch zum Mond zu gelangen, schweben sie immer höher, lassen die Baumwipfel unter sich und gleiten Richtung Mond. 
Auf ungefähr halbem Weg entdecken sie eine milchige Straße. Die beiden sind ziemlich überrascht, wie wir alle bestens verstehen können. Wer denkt schon, dass man zwischen Erde und den Sternen auf eine Straße treffen könnte. Und zu dem herrscht auf selbiger Straße ein reger Betrieb. Vor ihren Nasen rast plötzlich im Zickzack ein schmaler aber groß gewachsener Mann an ihnen vorbei.


„HaloHalidolai!“ schreit er den Kindern zu, „ich bin der blitzschnelle Blitz-Hans, keine Zeit, ich muss mich mal wieder über Stuttgart entladen. Und zwar so richtig kräftig.“

Und schon war er weg, Jojo und Lala staunten nicht schlecht.

Kurz darauf ächzt ein eher rundlicher Geselle hinterher, er sei der Donnerbommel erklärt er kurz den Geschwistern, er sei gar nicht gut gelaunt, überhaupt nicht, immer dürfe er nur die zweite Trommel spielen. Immer erst nach dem Blitz-Hans dürfe er donnern, und überhaupt wollte er eigentlich mal so entspannen und sich ausruhen. Aber nein, immer muss er dem Blitz-Hans hinterher, beschwert er sich bei den Kindern. Doch dann hält er einen Moment inne, guckt die Geschwister interessiert an, und fragt dann neugierig.


„Wer seid ihr eigentlich?“
„Ich bin die Lala und das ist Jojo, mein Bruder, der Mondmann hat uns gewunken.“
„Ahh der Mondmann, lieber Kerl“ antwortet ihnen Donnerbommel.
„Aber falls er schlechte Laune hat, dann ist er ziemlich ungenießbar, so richtig miesepetrig. Aber mit etwas Kartoffelmarmorkuchen strahlt er wieder, als sei er der Sonnenmann. Der mag diesen Kuchen, als gäbe es nichts anderes leckeres, wie zum Beispiel ein frisch zubereitetes Zuckerwatten-Gänseblümchen-Ragout. Aber ihr habt Glück, meine Frau, die liebe Nebelina, hat gestern einen Kartoffelmarmorkuchen gebacken, und ich habe ein großes Stück dabei, man weiß ja nie, wie lang der Blitz-Hans da rumblitzen will, aber wenn ihr noch zum Mondmann wollt, dann braucht ihr den Kuchen mehr als ich.“
Und damit überreichte er den beiden Geschwistern ein großes Stück Kartoffelmarmorkuchen.
„So, jetzt muss ich mich aber wirklich sputen.“ Und das gesagt bummelte Donnerbommel weiter dem Blitz-Hans hinterher.

Nur wenige Augenblicke später schlurft da platsch, platsch, platsch eine komplett durchnässte Frau an Lala und Jojo vorbei. Auch sie klagt den Kindern ihr Leid:
„Oh, Hallo ihr Zwei, ich bin die Wasserfrau, aber ich muss weiter! Schon wieder! Warum können die zwei nicht alleine rumblitzen und Krach machen, nein nein, auch ich soll wieder mit!“


Lala und Jojo staunen nicht schlecht, hier auf dieser weiß-milchigen Straße ist ja echt etwas los. Kurz darauf treffen sie auf eine junge schöne Frau, leuchtend in allen nur erdenklichen Farben. Sie fragt die Geschwister, ob sie denn den Sonnenmann oder die Wasserfrau gesehen hätten, und sie sei übrigens die Kunterbuntfee. Das Leben sei ja so ungerecht, beschwert auch sie sich, noch bevor die Geschwister ihr antworten können.

„So gerne würde ich öfter erscheinen, aber die Wasserfrau und der Sonnenmann, die mögen sich ja nicht so, und ich, ich darf mich nur dann blicken lassen, wenn die beiden mal nicht sich gegenseitig ärgern. Nämlich nur wenn Wasserfrau und Sonnenmann gemeinsam losziehen, darf ich in Erscheinung treten. So eine Gemeinheit! Dabei bin ich so reich an allen nur erdenklichen Farben, und damit mache ich alle Menschen froh, oder?“
Dies gesagt schaut sie fragend die beiden Kinder an, die staunend die wahrhaft farbenfrohe Fee betrachten, und stumm nicken.
„Ja seht ihr, wenn ich zum Beispiel mit dem Blitzhans und dem Donnerbommel auf Tour gehen könnte, die sind ja dauernd unterwegs, dann könnte ich mich so viel öfter zeigen. Aber nein, das ginge ja nicht, das sei unnatürlich, quatsch unnatürlich, das wäre ein Riesenspass! Habt ihr denn vielleicht die Wasserfrau oder den Sonnenmann gesehen?“ wiederholt sie ihre Frage.
„Äh ja“, meint Lala „die Wasserfrau ist da dem Blitzhans und dem Donnerbommel hinterher!“
„Ach Mist, und der Sonnenmann?“
„Ähh, nicht gesehen.“
„Ahh nein, sowas, dann gehe ich mal wieder die Schäfchen ausführen, dann können wenigstens die Menschen besser schlafen, manche zählen nämlich Schäfchen vor dem Schlafen, und das, obwohl sie die Michstraßenschäfchen gar nicht sehen können, Menschen soll man mal verstehen, naja, ihr seid ja Kinder, die sind einfach toll. Also, Tschüss ihr zwei, ich muss die Schafe wieder einfangen.“


Und so entschwebt die Kunterbuntfee. Lala und Jo-Jo sehen noch wie sie etwas weiter die Milchstraße verlässt, wohl um die Weide der Schäfchen aufzusuchen, die ja wohl kaum auf der Straße liegt. 
Kaum ist die Fee gänzlich aus ihrem Blickfeld entschwunden, wird es heller. Ungewöhnlich hell, und dies mitten in der Nacht. Und da nehmen die Kinder eine hell strahlende Figur wahr, die sich ihnen langsam nähert.
„Oh, hallo wer seid ihr denn?“ richtet sich ein golden strahlender Mann an die beiden Kinder.
„Ich bin Lala, und das ist mein Bruder Jo-Jo“ antwortet ihm die große Schwester.
„Hallo Kinder, ich bin der Sonnenmann, habt ihr vielleicht meine Frau gesehen, die Wasserfrau?“
„Ja, ja, die ist vorhin hier vorbeigekommen, sie ist dem Blitzhans und dem Donnerbommel hinterher.“
„Oh nein, die zwei schon wieder. Das kann ja wieder dauern, wenn dieser Hans sich mal ein bisschen zurücknehmen könnte. Wenn es nach dem ginge, dann würde er das ganze Jahr hindurch ein Blitzfest veranstalten! Hm, schade.“
Und der strahlende Sonnenmann setzt sich zu den Kindern, stützt seinen Kopf in die Hände und seufzt laut. Er sieht ziemlich traurig aus. So traurig, dass Lala besorgt nachfragt:
„Stimmt etwas nicht? Du siehst traurig aus.“
„Hmm. Ach, wisst ihr, wir haben uns wieder gestritten und dabei habe ich sie doch so lieb, meine Wasserfrau, tollste Frau des Universums, wenn auch ’n bisschen nass.“
Und nochmals stößt er einen Seufzer hervor und spricht dann weiter.
„Ach wisst ihr, ich wollte mich bei ihr entschuldigen, das war doof von mir. Ich habe behauptet, dass die Menschen sich ja so viel mehr über Sonnenstrahlen freuen würden, als über Regentropfen. Aber das stimmt ja gar nicht, ich weiss auch nicht, das war doof von mir und ich wollte mich entschuldigen. Und eigentlich gibt s ja nichts tollereres, als so `n richtig erfrischenden Regen. Oder? Ja, und eigentlich wollte ich sie fragen, ob wir so einen schönen Ausflug zusammen machen könnten, und dazu dann auch noch unsere Tochter mitnehmen, die hätte ja sicher auch Lust. Hmmm“
Und abermals wird sein Redefluss durch einen langen Seufzer unterbrochen. 
„Apropos meine Tochter, habt ihr vielleicht die Kunterbuntfee gesehen?“
„Ja“ antwortet diesmal Jojo.
„Die war vorhin hier, und meinte sie würde zu den Schäfchen gehen.“
„Ah, das ist lieb von ihr, überhaupt, eine so liebe Tochter. Ja dann guck ich mal, ob ich sie dort antreffen werde. Danke Kinder.“
Damit erhebt er sich, und schwebt Richtung Schafweide davon.

Jojo und Lala blicken ihm nach, und dann zum Mond, wo sie wiederum das Winken des Mondmannes sehen:
„Auf zum Mond!!“

Mit Leichtigkeit schweben die beiden dann auch von der Milchstraße bis zum Mond. Dort gelandet erkunden sie die Landschaft, staunen über die kargen ‚Berge‘, bis plötzlich hinter einem dieser der Mondmann erscheint. Wieder winkt er ihnen zu, doch seine Miene wirkt auf sie etwas düster.
„Hallo ihr zwei, habt ihr denn etwas Kartoffelmarmorkuchen für mich dabei?“ Lala nickt, und gibt ihm vorsichtig das Stück Kuchen.


Und sofort erhellt sich sein Antlitz. Zufrieden lässt er sich seine ganz persönliche Gaumenfreude munden. Da halten die beiden Kinder auch nicht zurück und futtern mit. Sie haben gar nicht bemerkt, wie sie nach dieser aufregenden Reise durch die Nacht Hunger bekommen haben.

Gesättigt fragt sie der Mondmann, ob sie sich trauten in das Innere des Mondes einzudringen und die dort verborgenen Geheimnisse zu ergründen. Naja und dabei könnten sie natürlich auch die Mondfrau kennenlernen. 
„Total liebe Frau, nicht so missmutig wie ich zu Weilen, und ’n bisschen Kuchen könnten wir ihr auch noch mitbringen.“

Lala und Jojo stimmen zu, denn dort, wo sie ein mögliches Abenteuer erwarten, zögern die beide nicht lange. Der Mondmann führt sie zur Mond-Innenbahnrutsche. 
„Ok, hier wir sind angekommen, da ist die Rutsche“ und er deutet mit seinem Finger auf den Mondboden, genau dort, wo Lala steht. Doch Lala erkennt da nichts, nichts außer dem steinigen Mondboden.
„Aber wo ist eigentlich die Rutsche?“ fragt Lala leicht verunsichert.
„Na, Du stehst genau darauf, Du musst nur noch das Passwort sagen, übrigens mein Lieblingsessen, und schon geht’s ab und Du rutschst los.“
„Ok.“ Lala holt tief Luft, nimmt ihren ganzen Mut zusammen, von dem sie ja zum Glück in Übermaßen hat, und sagt dann klar und deutlich:
„Kartoffelmarmorkuchen“

Kaum gesagt, öffnet sich der Boden unter ihren Füssen und sie fällt, erst langsam und dann immer schneller, durch einen scheinbar langen, mit einem roten Schimmer durchzogenen Tunnel. Plötzlich macht der Tunnel eine scharfe Wendung und Lala knallt mit der Hüfte an die Wand des Tunnels. Doch der Schlag wird aufgefangen, die Wand ist ganz weich, wie aus Schaumstoff, als wäre sie aus so einem Riesenkaugummi, nur nicht so klebrig. 
„Aber warum riecht es hier so nach Erdbeere?“ denkt sie.
Bumm, und schon pflatscht sie mit dem Popo voraus auf den Boden, der aber glücklicherweise wiederum kaumgummiweich ist. Und batsch schon landet neben ihr Jojo und kurz darauf neben ihm auch noch der Mondmann.

Lala blickt umher, seltsam, alles ist rund, scheinbar gibt es keine Ecken. Ein sanftes rötlich getöntes Licht erhellt die Umgebung, so als wären sie in einer Schaumgummiseifenblase gelandet. 
„Warum riecht es denn so sehr nach Erdbeere hier?“ traut sich Jojo zu fragen.
„Naja, wenn wir, also die Monfrau und ich, halt mal keinen Kartoffelmarmorkuchen haben, dann beißen wir auch gerne mal in die Wand!“
„Wie bitte, ihr beißt in die Wand?“ wiederholt Jojo.
„Jaja, nicht so deliziös wie Kartoffelmarmorkuchen, aber auch nicht schlecht, versucht’s mal, einfach mal die Zähne kräftig in die Wand hauen.“
Na, da Lala und Jojo bereits gemerkt haben, dass hier, nichts aber auch gar nichts wie auf der Erde ist, schrecken sie nicht zurück und beginnen die Wand anzuknuspern. 
„Hmm, gar nicht so schlecht, schmeckt wie Erdbeereis, nur nicht so kalt, und tropft auch nicht.“
„Lecker“, bestätigt Jojo.

„Mondmann, hast Du etwas Kartoffelmarmorkuchen für mich dabei?“ vernehmen da die Geschwister eine Stimme, die von der anderen Seite der Kugel, aus einem kleinen Zugang zu einem anderen Tunnel kommt.
„Ja, habe ich, meine liebe Mondfrau, und nicht nur das, zwei Menschenkinder sind zu uns gekommen.“
„Oh, wirklich, was für eine schöne Überraschung, bring sie rüber.“
„Na, kommt“, meint da der Mondmann zu den beiden Geschwistern.

Beide haben noch den Mund voll mit Erdbeerschaumwandgummis, nicken und folgen gespannt dem Mondmann. Dieser zwängt sich durch einen Zugang, durch den er gerade so eben durchpasst, in einen anderen Tunnel hinein, Lala und dann Jojo hinterher. Der Tunnel ist nicht lang und schon gelangen die drei in einen etwas größeren Raum, der wiederum ganz rund ist, und von vielen verschiedenen Lichtern aller Farben durch- und überflutet wird. Die Lichter tanzen durch den Raum, als wären sie kleine Leuchtwürmer, und bei jedem Aufeinandertreffen lassen sie Funken aufsprühen. Die Kinder betrachten staunend das Lichterspektakel. 

Dann nehmen sie die Mondfrau wahr, sie befindet sich in der Mitte des Kugelraums, und direkt neben ihr sehen Lala und Jojo etwas sehr Seltsames. Sie erblicken verschiedene Kristallkugeln, die miteinander verwoben sind, in manchen der Kugeln sprudeln Flüssigkeiten, mal sprudelt ein dunkles Lila, mal glänzt die Kugel in türkis. Oberhalb der ineinander verflochtenen Kristallkugeln ist eine noch etwas größere montiert aus der eine Art langes Rohr herausragt. Das führt zu einem kleinen Loch in der Erdbeerschaumgummiwand, hin zu einem winzigen Ausgang. 


Die Kinder betrachten fasziniert sowohl die Mondfrau als auch diese farbig glitzernde Maschine.
„Hallo, meine Lieben, wer seid ihr denn, ich bin die Mondfrau.“
„Hallo, ich bin Lala.“
„Und, ich der Jojo.“
„Oh, wie schön, dass ich euch mal treffen darf, oh Lala, ist der Regenbogen angekommen?“
„Wie, bitte, was für ein Regenbogen?“
Wovon spricht denn die Mondfrau, wundert sich Lala.
„Na, ich habe Dir vorgestern eine grün-glitzer-lila-zitronengelb Mischung geschickt und meistens bringt diese Mischung dann Regenbögen in die Träume.“

Und da erinnert sich Lala, tatsächlich, vorletzte Nacht hatte sie davon geträumt, wie ein Regenbogen im Schornstein feststeckte, na und Papa hatte erfolglos versucht ihn da aus dem Schornstein wieder rauszuziehen, während sie, Mama und Jojo das superlustig fanden und einen Kicheranfall nach dem anderen bekamen. Ja, aber wie konnte denn die Mondfrau das von dem Regenbogen wissen.
„Ähh ja tatsächlich, aber woher weißt Du das?“
„Ach, wisst ihr, das ist doch meine Arbeit, ich kümmere mich um die Kinderträume auf der Erde, guckt mal, jetzt möchte ich zum Beispiel dem lustigen Rotschopf, dem Paul, einen schönen Traum schicken. Erst gehe ich ganz tief in die Fantasie von dem Kind, und dann mische ich einen Traum.“

Vorsichtig berührt sie mit ihren Händen eine Kristallkugel, in der sich eine hellblaue Flüssigkeit befindet. Die blaue Flüssigkeit fängt an zu drehen und sprudeln, bis sich drei dicke Tropfen in die große Kristallkugel absondern. Den Vorgang wiederholt sie noch mit einer gelben und einer grünen Kristallkugel. Anschließend streicht sie mit ihren Händen über die große Kristallkugel in der sich die verschieden farbigen Tropfen befinden. Daraufhin flitzen die Tropfen rasend hin und her und sprühen Funken in allen Richtungen. Dann werden sie wieder langsamer, finden zueinander, vereinigen sich und die zwei Kinder dürfen beobachten, wie die Tropfen sich ausdehnen und auf diese Art eine glänzende Traumblase geformt wird. Wie von magischer Hand angezogen findet die Traumblase das Bambusrohr, treibt langsam hindurch und dann weiter durch den Ausgang, wo dann Pauls Traumblase gänzlich aus der Sicht der Kinder entschwindet.

„Die Traumblase fliegt jetzt erst durch den Mondtraumtunnel und macht sich dann auf den Weg zum Paul, um ihm diesen Traum zu bringen.“ erklärt die Mondfrau weiter.
„Oh, das ist ja unglaublich und erfindest Du dann den Traum, wie bei dem Regenbogen bei mir?“ fragt Lala neugierig.
„Nein“, lacht da die Mondfrau, „die Träume kann ich nicht erfinden, ich bringe nur die Traumblasen, zum Beispiel viel grün, dann wird es lustig, mit blau und gelb werden Tiere auftauchen und dann mit mehr oder weniger Glitzer, sind die Träume eher aufregender oder ruhiger. Na und dann habe ich selbst viel gelernt, die grün-glitzer-lila-zitronengelb Mischung bringt eigentlich immer einen Regenbogen und noch so vieles mehr!“
„So jetzt muss ich weitere Träume machen, viele Kinder brauchen noch ihre Frühmorgenträume und wenn sie die nicht bekommen, dann fängt der Tag für die Kinder nicht so schön an.“

Gebannt schauen Lala und Jojo ihr weiter zu. 
„So eine grün-glitzer-lila-zitronengelb Mischung würde ich ja auch gerne kriegen, so ein Regenbogen im Traum ist sicher schön und wenn er dann noch im Schornstein feststeckt, hmm …“ denkt sich Jo-Jo, und überlegt gerade noch, ob er sich denn bei der Mondfrau einen bestellen könnte, als er bemerkt, wie schwer sich alles anfühlt, wie müde er ist.
Auch Lala denkt daran, dass sie ja wirklich wieder nach Hause müssen, ihre Eltern machen sich möglicherweise schon Sorgen und sie müssen ja auch noch zurückfliegen. 
Die Geschwister verabschieden sich. Doch bevor sie gehen können, überreicht die Mondfrau beiden ein kleines Geschenk.
„Was ist denn das für eine schöne Glitzerflasche.“ staunt Jojo.



„Na, das ist keine Glitzerflasche“, widerspricht ihm die Mondfrau, „das ist eine Albtraum-Schutz-Flasche“. Die Mondfrau schüttelt sie drei Mal, „wie ihr seht, entstehen dann ganz viele kleine farbige Bläschen, und da unten könnt ihr…“ sie deutet mit ihrem Finger auf eine kleine Öffnung am Flaschenbauch „….vorsichtig reinblasen, und dann kommt oben durch dieses kleine Röhrchen eine kleine Schutz-Traum-Blase, ja und die beschützt euch vor Angst-Träumen und alle weiteren Träume der Nacht werden einfach nur schön!“
Lala und Jojo strahlen, nehmen sich beide ihre Albtraum-Schutz-Flasche und bedanken sich ganz herzlich bei den zwei Mondmenschen.

Etwas später schweben sie bereits mit Leichtigkeit der Erde entgegen. Als sie an der Milchstraße vorbeikommen, hören sie aus der Ferne.
„Nein, ich will aber nicht schon wieder los und mach mal langsam, gibt s bei Dir denn gar nicht Mal einen Sonntag, schon mal was von Feiertag gehört…..“
Die beiden Geschwister kichern in sich hinein, „ach, der liebe Donnerbommel“

Noch kurz vor Morgengrauen schweben sie durch das Fenster in ihr Kinderzimmer. Seltsam so viele Abenteuer in nur einer Nacht, aber vielleicht hat ja jemand für sie die Zeit in dieser Nacht auseinandergezogen. Und nach dieser Nacht wissen sie, dass auch das Unmöglich mit etwas Fantasie und ‘Leichtigkeit’ nicht unmöglich bleiben muss.

Mondmann’s Gaumenschmaus:

Rezept für einen Kartoffelmarmorkuchen

Zutaten:

2 mittelgroße gekochte Kartoffeln
300 gr. Weizen- oder Dinkelmehl (weiß, Vollkorn oder gemischt)
100 gr. Butter (2 Stunden vor Zubereitung aus dem Kühlschrank nehmen)
3 Eier 
200 gr. Zucker (weiß oder braun)
1 Packung Backpulver (Weinstein)
2 Packungen Vanillezucker
50 gr. Kakaopulver
7 Salzkörner (entspricht einer halben Prise Salz)

Zubereitung:

An Tagen, an denen Deine Eltern mal wieder Pellkartoffeln zum Mittagessen machen, fraget doch, ob sie zwei extra machen könnten, die ihr ja für den Kartoffelmarmorkuchen braucht.
Du nimmst eine Schüssel, in die Du das Mehl mit dem Backpulver, Vanillezucker und Salzkörnern gibst. Mit einer Gabel vorsichtig vermischen. 
Dann gibst Du den Zucker, die geschälten Kartoffeln, die weiche Butter und die 3 Eier hinzu. Mit einem elektrischen Rührer alles zu einem geschmeidigen Teig verarbeiten.
Nun nimmst Du eine zweite Schüssel, in der Du ungefähr die Hälfte des Teigs hineingibst und dann mit dem Kakaopulver vermischst.
Nun hast Du zwei Schüsseln mit einem hellen und einem dunklen Teig: vermische beide mit den Händen (kein Elektrorührer) genauso, wie Du gerne Deinen Kartoffelmarmorkuchen gestalten möchtest. 
Anschließend ´gib den Teig in eine eingefettete Kuchenform Deiner Wahl; und dann 37 Minuten bei 220 C (Ober u. Unterhitze) in den Backofen.

PPS: Der Kuchen ist nicht nur (natürlich auch) zum Anschauen, sondern vor allem auch zum Essen!! Lasst es Euch gut schmecken!

Junge Eichelhäher

Liebe Bürgerpostleser, 

das war wieder eine spannungsreiche Geschichte, kann ich Ihnen sagen. Aber der Reihe nach: Rita Schorp, unsere Nachbarin, kam von der Gassirunde nach Hause. Wie jeden Tag. Aber dieses Mal hatte sie in jeder Jackentasche etwas mitgebracht, Sie werden es nicht erraten. Sie war verständlicherweise ganz aufgeregt: „Franz, was sollen wir machen, die beiden sind am Wegrand gesessen und da musste ich sie einfach mitnehmen. Nicht dass die beiden der Fuchs holt“. 

So, erst mal in Ruhe an die Sache ran. Ich holte den bewährten Vogelkäfig und setzte die beiden hinein. Wie die schon schreien konnten, fast wie die Alten. Dann fiel mir Ellen Claasen aus Villingen ein, die sich ehrenamtlich der Jungvogelaufzucht widmet. Sie ist eine absolute Retterin in der Not und blickt voll durch. Das hat sich auch in diesem Fall bestätigt. Zum Beispiel hatte Wolfgang Schorp rucki zucki etliche Regenwürmer organisiert. Mit der Pinzette legte er einen in den Schnabel, der Kerle brauchte nur zu schlucken, aber er zeigte keine Regung. Als Ellen das Bild sah, schrieb sie: „Eichelhäher sind in diesem Alter besonders schwierig aufzuziehen. Sie verweigern die Nahrung und stehen unter Dauerstress“. Und dann kam die Lösung: „Die beiden sind Ästlinge, die gehören an den Fundort zurück auf einen Ast gesetzt. Dort werden sie, wie alle Ästlinge von den Eltern weiter versorgt“. Ästlinge nennt man Jungvögel, die das Nest verlassen, aber noch nicht fliegen können und deshalb nicht voll selbstständig sind. Ellen sei Dank für sie richtige Antwort. Rita meinte dann, den Rücktransport können Wolfgang und ich ohne sie machen, sie erklärte uns den Weg, mal die Kurve, mal die andere und dann ist der Fundort gefunden. Ich sagte zu Rita, das hat so keinen Wert, da mußt Du mitfahren. Gesagt getan. Der Hammer war, dass ein Altvogel sofort schrie und die Jungen auch, da war uns klar, dass das funktionieren sollte. 

Wir setzten sie auf einen Ast und man sieht man schön, dass ein Altersunterschied vorliegen muss. Das Daunengefieder des jüngeren ist noch nicht voll ausgebildet, er ist kleiner und die Schnabel ist viel schwächer ausgebildet. Ellen Claasen schätzte den Altersunterschied auf zwischen vier und acht Tage. Ganz beachtlich, aber ganz normal, denn es kann nur ein Ei je Tag gelegt werden. Und laut des Buches „Jungvögel, Eier und Nester“ von Colin Harrison wird bei Eichelhähern sofort nach dem Legen des ersten Eies mit Brüten begonnen, so dass es bei sechs bis sieben und teilweise noch mehr Eiern zu diesen Unterschieden kommen muss. Auf meine Frage, wieso der Jüngere auch ausgebüxt ist, antwortete Ellen: „Wenn alle sich auf den Weg machen, will er nicht alleine bleiben“. Das ist vollkommen plausibel.

Nette interessante Geschichte, die Rita Schorp ermöglicht hat. Ihr vielen Dank.

Herzliche Grüße
Franz Maus

…wo sind sie geblie-hi-ben?

Sag mir wo die Blumen sind
wo sind sie geblieben?
Sag mir wo die Blumen sind
Was ist geschehen?

Der Ohrwurm aus den 1960er Jahren, im Original noch gesungen von Marlene Dietrich, will mir nicht mehr aus dem Kopf seit meinem jüngsten Besuch der Trollblumenwiese. Hatte ich auf ihr doch 2019 eines meiner schönsten Frühlingsmotive gefunden, das nachfolgend  dank CEWE als Grußkarte diente.

Diesmal war ich misstrauisch geworden, nachdem ich schon bei meinem Frühlingsbesuch des Weißwalds am Rande des vergrasten Erdwegs statt der alljährlich begrüßten Exemplare von Trollius europaeus nur eine einzige Blüte vorfand. Also steuerte ich den Überauchener Stellwald an, in dem sich, unmittelbar angrenzend an das Naturschutzgebiet Plattenmoos, als Insel eine blumenreiche Feuchtwiese befindet. Und siehe da: nicht ein einziger gelber „Butterballen“ leuchtete mir entgegen, nur Margariten, Glockenblumen und das Gelb der Wiesenbocksbärte – alles wie ausgewechselt. Und dies trotz üppigen, örtlich sogar chaotischen Niederschlags in diesem Frühjahr!

Was mochte der Grund sein für diesen Totalausfall? War es die Serie abnormer Trockensommern oder war gedüngt worden? War es die Stickstoffdusche aus der Landwirtschaft und dem Verkehr, die ohnehin seit Jahrzehnten über der Landschaft niedergeht? Und war das Verschwinden endgültig, oder würde sich der Trollblumenbestand wieder erholen? Verbleiben Hahnenfußgewachse  per Samenbank im Boden, um dann irgendwann, wenn es ihnen passt, wieder zu erscheinen? Botaniker müsste man sein – oder Optimist!

Ländlich, sittlich


Hieronymus Kapitel 16

Willchumm Herr Storch! bisch au scho do, und schmecksch im Weiher d’Frösche scho? und meinsch der Winter heig si Sach, und’s besser Wetter chöm alsgmach?
>Johann Peter Hebel

Ländlich, sittlich

Lassen wir vorderhand unsern Helden im väterlichen Hause ungestört ausschlafen, um uns bis zu seinem Wiedererwachen der Betrachtung vorliegender Illustration und der Landschaft überhaupt zuzuwenden.

Die Zeichnung trägt den Charakter der Baar. Über die Häuser, welche mit ihren aufstrebenden steinernen Giebeln einen auffallenden Gegensatz bilden zu den breiten, strohbedeckten Hütten des Waldes, zieht durch die heitere Luft der Storch, der stets willkommene Frühlingsgast. Ehe jedoch der beschwingte Reisende das alte Nest, weit umkreisend, in Besitz nimmt und sein Dorf klappernd begrüßen kann, jubeln ihm schon die Kinder entgegen.

Gleich aber beginnt ein Wettlauf der lieben Jugend nach dem Hause des Vogts; denn es gilt nach altem Herkommen einen Laib Brot für denjenigen, welcher die Ankunft des Frühlingsboten dort zuerst meldet.

Dem Waldbewohner erscheint die benachbarte Hochebene bereits als „im Schwobe druß“. Und wirklich verrät das fruchtreiche Kornland mit seinen abgegrenzten Tannen- und Buchenwäldern und den zusammengedrängten, von großen Fruchtöschen umgebenen Ortschaften schon viel schwäbisches Gepräge. Der hohe Schwarzwald dort hat keine eigentlichen Dörfer, nur Talgemeinden in zerstreut durch die Täler und über die Höhen hinziehenden Gehöften und Hütten. – Im Wälderhof befindet sich die große gemeinsame Wohnstube nebst Küche im Erdgeschoß; das alte Baarer Haus in Stadt und Land hat diese ausschließlich im zweiten Stockwerk.

Wie die Wohnungsverhältnisse, so zeigen auch Lebensweise, Sitten und Gewohnheiten der beiden Angrenzer merkliche Verschiedenheit. Wenn der Baarer bei Übergabe des Hofguts das Regiment sogleich an den jüngsten Sohn oder – in Ermanglung eines männlichen Sprossen – an die älteste Tochter abtrat und dann im Leibgedingstüblein, einem Alkov neben der allgemeinen Wohnstube, seine Tage verbrachte, so erhielt dagegen der junge Wäldner bei seiner Verehelichung zwar den Kauf, aber nicht zugleich das Regiment im Haus; dies behielt der Vater meist lebenslänglich für sich, und die jungen Eheleute setzten sich mit den Alten zu Tische; die baarischen Leibgedingleute dagegen führten eine getrennte Haushaltung: sie speisten am sogenannten Klebtischlein, wo sie gewöhnlich die kleinen Enkel zu Gast hatten.

Das baarische Hofgut bestand in der Regel aus Lehen, wobei nur ein kleiner Teil eigen und zinsfrei war. – Des Wäldners Güter waren meist freies Eigentum. – Hier wie dort aber bildeten ein charakteristisches Familienanhängsel die „Vetter„, wie die älteren, im Haus verbliebenen ledigen Brüder des Gutsbesitzers insgemein genannt wurden. Schon von frühester Jugend an mußten diese hören, daß sie sich auf Versorgung, d. h. Verheiratung, nicht viel Hoffnung machen dürften, es wäre denn, daß eine reiche Bauerntochter oder eine Witwe sich fände, die bereit wäre, ihr Herz einem solchen Vetter zu schenken. Eigenes Vermögen besaßen die Vettern nicht. Wohl wurden ihnen bei der Erbteilung etwelche Felder überlassen, aber nur als unveräußerlicher Bestandteil des Hofes, der, gewissermaßen Fideikommiß, nie geschmälert werden durfte – worauf auch die Vettern einen besonderen Stolz hatten. Sie schafften in Haus und Feld, was und wie es ihnen beliebte, erhielten Verköstigung vom Bruder mit Statt und Platz zur Legung ihrer Feldfrüchte; und im Alter wurden sie gemeiniglich sorglich verpflegt, weil es gewöhnlich von ihnen noch etwas zu erben gab.

Beachtet man, daß seit uralten Zeiten ein bedeutender Teil des Waldes mit der Baar in Gaugenossenschaft verbunden gewesen, so wird man es erklärlich finden, daß bei aller Verschiedenheit des Volkscharakters und der Lebens- und Erwerbsweise dennoch Sitten und Anschauungen viel Übereinstimmendes haben mußten. Namentlich prägten sich religiöse Formen und Bräuche, die allem eine gewisse Weihe gaben, überall gleichmäßig aus, im öffentlichen wie im häuslichen Leben.

Kein Bauernknecht, auch nicht der roheste, betrat des Morgens die Stube ohne den Gruß: „Gelobt sei Jesus Christ!“ und ohne sich, nachdem er die Hände im zinnernen „Handgießle“ an der Türe gewaschen, mit Weihwasser zu besprengen. Mit einem „Im Namen Gottes!“ begann der Sämann sein Tagewerk, und mit dem Wunsch: „Jetzt walt Gott und unsre liebe Frau!“ verließ er nach vollbrachter Arbeit den Acker. – Mit den Worten: „Glück im Stall!“ betrat man in fremden Häusern den Viehstall; und fand man ein Stück zu loben, so geschah es nie ohne den Beisatz: „Ein schön Stück Vieh, b’hüt’s Gott!“

Die am Palmsonntag von Knaben zur Kirche getragene und da geweihte Palme wurde – wie heute noch – vor dem Hause aufgesteckt als Schutz gegen Blitz und Ungewitter; während der von Mädchen zum Altar gebrachte (in früheren Zeiten lediglich nur aus Heilkräutern bestehende) Kräuterbüschel im Stall das Vieh vor Krankheiten behüten soll. – Wenn am St.-Agatha-Tag sich das Gesinde am Herd versammelte, um den Rosenkranz zu beten, so geschah es, weil diese Heilige als Patronin gegen Feuersgefahr angerufen wird. Dieser Beziehung verdankte zum Beispiel auch das alte Heiligenbild unter dem Gewölbe des Niedertors zu Villingen sein Dasein, vor welchem Bilde früher alljährlich am genannten Tage Lichter angezündet und öffentliche Gebete verrichtet wurden; und zwar soll dies seit der Zeit geschehen sein, wo (im 13. Jahrhundert) die Stadt durch einen großen – der Sage nach durch eine vom Niedertor hereingeflogene feurige Kugel (Aerolith) verursachten – Brand bis auf wenige Häuser in Asche gelegt wurde.

Zeichnung von Paul Bärsen. (aus GHV-Jahresheft 2001, Seite 41).

Das Niedere Tor in Villingen wurde (bis heute ein Ärgernis aller Villinger) 1847 abgebrochen. Das Aussehen und die Abmessung des Niederen Tores sind laut Geschichts- und Heimatverein Villingen weitgehend unbekannt. So wird wohl auf ewig unbekannt bleiben was für ein altes Heiligenbild unter dem Gewölbe zu sehen war. Es läßt aber vermuten, dass es ein Bild der Heiligen Agatha war.

Eine Figur der Heiligen Agatha, die aus den Trümmern des Tors gerettet worden sei, befindet sich heute im Franziskanermuseum

Figur der Heiligen Agathe aus dem 18. Jahrhundert.
Foto: Peter Graßmann, Franziskanermuseum

1271 wurde eine feurige Kugel, welche aus der Luft in die Stadt fuhr, ein Haus in Brand gesteckt, worauf das Feuer so schnell und gewaltig um sich griff, daß ganz Villingen niederbrannte, und über dreihundert Menschen ihr Leben einbüßten.

Badische Landes-Geschichte von den ältesten bis auf unsere Zeiten von Josef Bader 1836

Lucian Reich erzählt hier die Sage, dass am St.Agatha Tag diese feurige Kugel, seiner Meinung nach ein Aerolith (Meteorit), durch das Niedere Tor hereingeflogen kam und Villingen in Asche gelegt habe.

Aus diesen Gründen war wohl das Niedere Tor der Heiligen Agathe – der Patronin der Feuerwehren – geweiht worden.

Am Thomastage pflegten die Mädchen jedweden Hauses den sogenannten Durchsitz zu halten, d. h. sie durchwachten die Nacht in gesellschaftlichem Verein, wobei sie spannen und abwechslungsweise geistliche Lieder sangen (wie es scheint, eingeführt, um die in dieser Nacht getriebenen abergläubischen Bräuche zu verdrängen). Und gewiß, es war ein sinniger Brauch, wenn in der Heiligen Nacht die Hirten betend um den Stall gingen und sodann den Tieren Futter aufsteckten. Noch bis in die neueste Zeit war es in Villingen üblich, daß in jener Nacht die städtischen Hirten, ihre Reigen blasend, durch die Gassen der Stadt zogen.

Bekannt sind die kirchlichen Prozessionen vor der Erntezeit durch die Ortsgemarkung oder, wie man in der Baar sagt, um den Oesch. Eigentümlich war früher daselbst der Oeschritt, welcher nur von berittenen Männern, voran der Geistliche mit Kreuz und Fahne, abgehalten wurde. Wie früher alles in standesgemäßer Ordnung und Begrenzung vor sich gehen mußte, so trugen bei einem solchen Oeschritt die Verheirateten den blauen Tuchrock, die Ledigen das rote Wollehemd, während den Buben nur der weiße Zwillichkittel zustand. Wenn dann der also geordnete Zug nach vollbrachtem Umritt dem heimatlichen Dorfe wiederum nahte, so warteten seiner die Weiber mit ihren Kindern auf den Armen; und nun war es eine Freude für die Kleinen, wenn sie, vom Vater auf das Roß gehoben, den Weg bis zur Kirche und von da nach Haus im Sattel zurücklegen durften.

Von den verschiedenen religiösen Vereinen mag allein der sogenannte Marianische Rat, dessen Ursprung sehr alt zu sein scheint, hier erwähnt werden.

Dieser Verein bestand in der Regel aus dem Vogt als Vorstand und elf Mitgliedern, gewöhnlich den Ältesten der Gemeinde und von anerkannter Ehrenhaftigkeit. Seine Aufgabe war, in Verbindung mit dem Pfarrer die Kirchenordnung und Sittlichkeit überhaupt zu handhaben und zu überwachen, denn selbst auf Aburteilung von Felddiebstählen und ähnlicher Vergehen dehnte sich die Befugnis aus. Beim sonntäglichen Gottesdienste führte stets ein Ratsglied die Aufsicht über die Jugend; die zwei vordersten Bänke auf der Männerseite waren der bestimmte Platz für diese Volksältesten, wo vor jedem ein mit einem Stern gezierter Stab aufgesteckt war, an welchem er bei Prozessionen feierlich einherzuschreiten pflegte.

Waren sittlicher Ernst und religiöse Anschauung auf diese Weise überall vorherrschend, so konnte man die Lebensweise doch entfernt nicht eine kopfhängerische nennen. Denn an heitern Anlässen, Erholungen und Lustbarkeiten fehlte es durchaus nicht.

Ein allgemein bekanntes, bis in unsere Zeit reichendes Kinderfest war der Gregoristag, am Ende der Winterschule. Schon im sechzehnten Jahrhundert verschönerte die Gattin Heinrichs von Fürstenberg, welche auch die erste Schule in Donaueschingen gegründet, dieses Fest durch eine Stiftung, zufolge welcher noch heute an diesem Tage Wecken an arme Kinder der Gemeinde ausgeteilt werden. – In der Regel waren es die vier besten Schüler, welche als „Gregorisbuben“ mit bebänderten Stäben in den Händen in und vor den Häusern umhergehen, Sprüche hersagen und Gaben einsammeln durften, mit welchen dann der allgemeine Schmaus im Wirtshaus bestritten wurde. An manchen Orten fanden auch dabei Spiele statt, wie zum Beispiel in Bräunlingen das Kugelwerfen nach dem hölzernen Löwen (im Stadtwappen), wobei die Gemeinde die Preise spendete. – Die Neuzeit hat dieses Schulkinderfest abgeschafft, und kein anderes ist bis jetzt an seine Stelle getreten.

Gregoristag
Das GregoriFest findet in Donaueschingen immer noch statt. Auch werden heute noch „Gregorisbuben“ vom Fürst mit einer Uhr beschenkt. Wobei die Buben heute wohl eher Mädchen sind.
Das Kugelwerfen in Bräunlingen nach dem hölzernen Löwen hört sich besonders spannend an.

Löwe auf dem Ottilienberg in Bräunlingen

An Kirchweih und Fastnacht fanden fast in jedem Dorf an je zwei Tagen Tanzbelustigungen statt. – Versetzen wir uns einige Jahrzehnte zurück, um auf dem Tanzboden als Zuschauer gegenwärtig sein zu können.

Es ist zwölf Uhr mittags. Im Zuge, voran die Spielleute, begeben sich die Paare ins Wirtshaus, wohin vorerst der ledige Bursche nur seine Schwester mitbringen darf. – Denjenigen Schönen, welche eines Bruders entbehren, ist jedoch nur eine kurze Frist des Harrens auferlegt. Denn kaum einige Stunden währt die Lust, so wählt der junge Bursche, dem die Sitte verbietet, seine Liebste in eigener Person zum Tanze zu führen, aus seinen Freunden einen sogenannten Fürsprech, der als Abgeordneter ins elterliche Haus des Mädchens gesendet wird.

Hier grüßt er die Eltern mit dem herkömmlichen Spruch:

„Des Vogts Peter schickt mich her,
Eine Tänzerin wär sein Begehr.
Er verspricht, er wolle sie halten in Ehren,
Drum werden’s die lieben Eltern nicht verwehren.“

Wenn die Mutter hierauf ihre Einwilligung gegeben, entfernt sich das Töchterlein, um sich geziemend herauszustaffieren. Der Vater aber trinkt mit dem Fürsprech am Tisch den Willkomm. Endlich tritt die geschmückte Schöne wieder in die Stube; der Vater bestimmt die Stunde, welche der Lustbarkeit ein Ende machen soll; die Mutter führt die Tochter vor das Weihwassergefäß, besprengt, segnet sie und entläßt sie in „Gottes Namen“. – War es ein heiterer Tag, so ließ sich die ganze Tanzgesellschaft wohl auch einmal verlocken, vom Tanzboden weg einen Ausflug ins Freie zu machen – dieses hieß das „Ausziehen“. Auf eine nahegelegene Wiese oder Garten zog das junge Volk unter dem Schall der Instrumente. Nachdem die Spielleute sich auf eine Bank postiert, begann der Tanz. – Aber jetzt, nachdem, angelockt durch Musik und lauten Jubel, jüngere Frauen, ihre Kinder auf dem Arme, herbeigekommen und zuschauend die Tanzenden umstanden, geschah das „Wechseln“, eine Sitte, die eine anmutige Rücksicht der Mädchen gegen die jungen Frauen in sich schloß. Mitten im Tanze wurde innegehalten. Jedes Mädchen führte ihren Tänzer einer der zusehenden Frauen zu, nahm ihr das Kind vom Arme und unterhielt sich mit dem Kleinen, während die Mutter nun den Reigen antrat.

Die ledigen Burschen saßen gewöhnlich in gemeinschaftlicher Zeche, wobei jedesmal ein gewählter Zechmeister die Schreibtafel zu besorgen hatte, zu welchem Amtlein in der Regel solche junge Männer ausersehen wurden, die in Trauer waren und deshalb nicht tanzen durften. Nebst einer großen und einer kleinen Zeche, in welche letztere die Späterkommenden sich setzten, gab es auch noch einen „Knausertisch“ für solche, die auf eigene Rechnung zehren wollten.

Der Tanz selbst hatte mancherlei Abwechslung. Es gab Hahnen-, Schappel- und Hammeltänze sowie die „sieben Sprüng“, welche man nach dem Rhythmus gewisser, von den Tanzenden gesprochener Verse ausführte.

Die löbliche Sitte der Landleute, sich in selbstgefertigte Leinwand zu kleiden, hatte damals den ausgedehnten Anbau des Hanfes und Flachses zur Notwendigkeit gemacht, und die Zubereitung dieser beiden Erzeugnisse, bevor sie in die Hände des Webers kamen, war fast ausschließlich Geschäft der Hausfrauen.

Wenn im Oktober die Arbeit des Hanfbrechens bei einer eigens hiezu gebauten Feuerstätte im Freien, die je einer Familie abwechslungsweise zur Benutzung zustand, vorgenommen wurde, so halfen außer den bestellten Lohnbrecherinnen noch angesehene Bauerntöchter mit, welche man Ehrenbrecherinnen nannte. Kam nun während des Geschäftes, wobei es gewöhnlich lustig zuging, ein bekannter junger Mann vorüber, so beeilten sich ein paar der Mädchen, ihm zuvorzukommen. Jede trug eine Handvoll feiner Reisten (gebrochenen Hanf), mit welcher sie dem Ankömmling den Weg bestreuten, sprechend:

„Es reist ein schöner Herr wohl übers Land,
Wir hoffen, er hab einen großen Verstand,
Wir wollen ihm streuen in Ehren,
Er wird uns auch was in die Reisten verehren!“

Der Angesprochene, um sich loszukaufen, langt in die Tasche, reicht den schalkhaften Brecherinnen scherzweise das kleinste Geldstück, welches er bei sich trägt und spricht:

„Weil ihr mir die Ehr erweiset,
Und mich gar einen Herren heißet,
So will ich mich nicht länger wehren,
Und euch diesen Kronentaler in die Reisten verehren!“

Die Mädchen unter Scherz und Lachen:

„Dieser Kronentaler ist viel zu klein,
So zahlen arme Bäuerlein;
Die Herren spenden immer mehr,
Drum gib uns noch einen Zwölfer her.“

Und keiner war je so ungalant, daß er nicht den schönen Drängerinnen mehr gespendet hätte. Reiche Bauernsöhne gaben sogar nicht selten in der Tat einen Kronentaler, selbst mehr, vorausgesetzt, daß ihnen die „Reisten“ und diejenigen, welche sie gestreut, gut gefallen.

Den Schluß des ländlichen Geschäfts machte jedesmal ein Schmaus, welchen die Hausfrau ihren Helferinnen zum besten gab – und als Beweis, daß diese stets einen guten Appetit von der Arbeit mitzubringen pflegten, kann das alte Sprichwort gelten: Hunger haben wie eine Brecherin. Während dem Ehrenmahl erschienen die ledigen Burschen des Ortes, jeder mit einem Stab in der Hand, und indem sie sich vor das Haus postierten, unterhielten sie sich durch die offenen Fenster mit den essenden Schönen in der untern Stube.

Weil aber dem Mahle niemals Apfel- oder Birnenschnitze fehlen durften, so verlangten die Außenstehenden, scherzweise durch die hohle Hand sprechend, bald von dieser, bald von jener Innesitzenden einen Schnitz, dessen Geben oder Verweigern natürlich stets großen Spaß verursachte.

War das Essen vorüber, so stellten sich die Burschen im Spalier vor dem Hause auf mit vorgehaltenen Stäben – und wenn die Mädchen heraustraten, um nach Hause zu gehen, so mußte sich jede die Begleitung eines solchen galanten Stabhalters gefallen lassen.

Selbst der geringste Stand der Dienstboten, die Roßbuben, die wir bereits in einem früheren Kapitel kennengelernt, hatten ihre besonderen Rechte und bestimmten Lustbarkeiten.

Ehe die allgemeine Allmendteilung stattgefunden, bestanden in der Baar überall besondere Roßweiden, die sich wieder in Tag- und in Nachtweiden teilten. Am ersten Mai, wenn die Roßbuben zum erstenmal „ausfuhren“, fand ein Ringkampf unter ihnen statt, und die drei Stärksten wurden die „Stillieger“ oder Hauptleute der übrigen. Drei Knappen, solche, die nach ihnen im Kampfe als die Gewandtesten sich erwiesen, durften sie bedienen, wenn sie am Feuer lagerten, schmausten, würfelten oder sonstige Kurzweil trieben; während allen andern, den „Wehrbuben“, die Aufsicht über die Rosse oblag.

Gewisse Gesetze und Gebote waren diesen wilden und oft sehr rohen Burschen, welche die Hälfte des Jahres unter freiem Himmel zubrachten, um so notwendiger, als sie nur wenig in die Kirche und höchst selten in eine Schule kamen; daher das Sprichwort: Gefürchtet wie der Teufel und die Roßbuben.

Übertretung ihrer Gebote – von welchen zum Beispiel eines Ehrerbietung gegen Frauen und Mädchen oder gegen Feldkreuze zur Pflicht machte – wurden jeden Monatssonntag nach dem Gottesdienst von den Stilliegern öffentlich vor dem Pfarrhof oder dem Rathaus mittelst auf dem bloßen Arm des Schuldigen hin und her geschwungener Bündel Wacholderreises abgestraft. – Aber auch dem Feldbannwart stand eine gewisse Aufsicht über die ganze „Hut“ zu; denn wenn er auf die Weide kam und zum Beispiel zum Gebet kommandierte, so mußten sich alle seiner Anordnung fügen. Kehrten sie abends mit ihren Rossen heim, so wurde auf dem Weg ein gemeinschaftlicher Rosenkranz gebetet.

War das Stehlen unter Kameraden strenge verpönt, so wurde es nach außen hin – nach altspartanischer Sitte – doch nur dann als strafwürdig erachtet, wenn der Betreffende ungeschickt genug war, sich dabei erwischen zu lassen. Während der Nacht oft meilenweit reitend, statteten die Burschen den Obstgärten und Rauchfängen fremder Bauern gern Besuche ab; und es war für die Bäurin gewiß keine angenehme Überraschung, wenn sie morgens die Küche betrat und statt der saftigen Schinken ein Stück Holz im Kamin hängen sah. – Auch geschah es oft, daß eine „Hut“ einer andern benachbarten förmlich Krieg erklärte; auf unzugerittenen Fohlen sprengten sie dann gegeneinander, und nicht selten verfolgten die Sieger den fliehenden Feind bis in die Dörfer, allwo Pfarrer und Vogt zur Abwehr herbeieilen mußten, um weitere Gewalttaten zu verhindern.

Der Pfingstmontag war – wie wir bereits gesehen haben – der eigentliche Ehrentag dieser Nomaden, wobei sie unter dem Schalle ihrer Rindenhörner zu Pferd in die betreffende Ortschaft oder Stadt einzogen, um den Pfingsthagen, Pfingstbutz oder wie er sonst noch geheißen, in den Brunnen zu werfen – ein Brauch, der jedenfalls auf das altgermanische Maifest zurückzuführen ist. Unter dem grüne Tännchen in der Hand tragenden Zuge wurde der Frühling verstanden, welcher kommt, den mit Rinde oder Stroh umhüllten Winter in das fließende Wasser zu werfen. – Ein ähnlicher Brauch herrschte auch unter den Kindern. Paarweise zogen sie in den Häusern umher, das eine mit dem grünen Bäumchen stellte den Frühling, das andere in Stroh gehüllte den Winter vor, der unter wechselweise hergesagten Sprüchen vom andern zur Tür hinausgetrieben wurde.

Der Pfingsthagen ist heute ganz unbekannt. Wobei ein Teil des Brauches lebt vielleicht in den Villinger Wuescht fort.

An der Kirchweih war unsern Rossebändigern zwei Tage hindurch Tanzbelustigung – der sogenannte Heuliechertanz – abzuhalten gestattet, während alsdann die Knechte für sie die Pferde auf die Weide treiben und hüten mußten.

Mit Beginn des Frühlings pflegte die erwachsene Jugend allsonntäglich hinauszuziehen auf den in der Nähe des Ortes gelegenen „Brühl“ oder Grasgarten, um da gemeinsame Spiele, Ballschlagen usw. zu treiben. Vom ersten Mai ab hörte aber dieses „Brühlrennen“ auf, weil von jetzt an die Wiesen nicht mehr begangen werden durften. – Beliebt war in der Baar um Ostern das Eierlesen; eine Wette, wobei ein Bursche eine gewisse Wegstrecke zurückzulegen hat, während sein Gegner eine Anzahl, in gemessener Entfernung auseinanderliegenden Eier jedes einzeln aufzulesen und in eine am Ziel aufgestellte, mit Spreu gefüllte Wanne zu bringen sich anheischig macht.

Während der Heuernte hatte jeder Bursche unter den Mädchen seiner Umgebung ein „Heubühle“ (deminutiv von Buhle) zu wählen, dem er diese Zeit über gefällig und dienstbar sein wollte. – Sind die Früchte glücklich eingeheimst, so feiert der Bauer die „Sichelhenke„; hat das Gesinde dem Meister das Jahr über redlich gedient, so ist’s jetzt am Meister und der Meisterin, die Dienstboten am Tische zu bedienen und – womöglich mit neuem Wein – das Mundschenkenamt zu versehen.

Werden diese flüchtigen Umrisse nicht schon erkennen lassen, wie gut es unsere Vorfahren verstanden, jedem Vorkommnis im Leben eine bedeutende oder heitere Seite abzugewinnen? Und sollte ein Vergleich der Gegenwart mit den Bildern der Vergangenheit nicht zu allen Zeiten eine ebenso nützliche wie angenehme Unterhaltung gewähren?

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Die Schwarzwaldbahn

Originalbeitrag vom 6. Dezember 2021

Die „schönste Gebirgsbahn von Offenburg nach Konstanz“ wurde am 10. November 1873 eröffnet. 1973 hat die Bundesbahndirektion zum 100 jährigen Bestehen eine Jubiläumsbroschüre heraus gegeben.

100 Jahre Fahrt durch Wälder, Täler, Tunnel:

Donaueschingen ist Höhenluftkurort und Solbad, Endpunkt der Höllentalbahn von Freiburg her und war einst und bis 1806 das lebensfrohe Residenzstädtchen derer von Fürstenberg. Das Schloß steht noch, in dem Victor von Scheffel („Ekkehard“) Bibliothekar und Konradin Kreutzer („Das ist der Tag des Herrn“) als Hofkapellmeister ihr Brot verdienten. Und hintenan im Schlosspark liegt eine ebenso wichtige wie umstrittene Sehenswürdigkeit, eingefaßt in einem Rondell, verziert mit einer Marmorgruppe von 1896 und von Professor Adolf Heer aus Karlsruhe: die sogenannte Donauquelle.

„678 m über dem Meer“, steht da eingemeisselt und „Bis zum Meer 2.840 km“. 120 Liter Wasser pro Sekunde ergießt sich über die verschiedenen Münzen, die die Besucher wer-weiß-warum in die stahlblaue Quelle geworfen haben. Und die Marmorgruppe hat zu bedeuten, dass „die Baar ihrer jungen Tochter, der Donau, den Weg in die Ferne deutet“. Schon einen Spaziergang weiter freilich mündet sie in die weitaus kräftigere Brigach, die sich alsbald mit der Breg zusammentut. Und weil die Breg länger sei als die Brigach, behaupten die Furtwanger, sie besässen die Donauquelle.

So kam es, dass es vor einigen Jahren zu einer Anfrage im Landtag kam und auf höchst ministerieller Ebene ein halbwegs weises Urteil getroffen wurde: Die Donau beginnt in Donaueschingen und kommt zustande durch den Zusammenfluss von Brigach und Breg am Ende des alten Fürstlich Fürstenbergischen Parkes.

Im juristischen Sinne gibt es also keine Donauquelle, die gefasste Quelle im Park hat also nur symbolischen Charakter…
Charakter? Den allerdings hat die junge Donau kaum. Denn schon nach 25 Flusskilometern zwischen Immendingen und Möhringen, verkrümelt sie sich sechs Monate im Jahr durchs poröse Kalkgestein, fliesst 12 unterirdische Kilometer weit und taucht erst 177 m tiefer in Aach als Achquelle auf.

Seite 12-13 aus der Jubiläumsbroschüre
Donauquelle auf Seite 5 aus der Jubiläumsbroschüre

Dem Büchlein beigefügt sind ausführliche Zeichnungen einer Lokomotive und eines Wagens.

Schnellzuglok
Schnellzuglok
Detailplan einer Lok
Schnellzuglok
Schnellzuglok

Die Donauquelle wird auch im Hieronymus in Kapitel 5 erwähnt:

Selbstverständlich wird die Donauquelle besichtigt und der jahrhundertalte Streit um die “richtige” Quelle wird diskutiert. Die Argumente waren vor 200 Jahren genau die gleichen wie heute und der Feldwaibel entscheidet, dass die Donau ihren Ursprung hier in der Baar habe, wo das “wässrige Kleeblatt gleichsam zu einem Stiel zusammenwachst”.

Rollstuhl-Check auf dem Hohen II

Weg endet auf Schutt und Wiese

Wer auf dem Hohen II wohnt, muss entweder direkt mit dem Auto weg oder halt sehr gut zu Fuß sein.

Eine Begehung vom Landratsamt, eine sogenannte „Verkehrsschau“, befand es vollkommen in Ordnung, wenn Menschen mit Rollstuhl, Rollator oder auch Kinderwagen ohne starken Mann nirgends hin kommen. Abgeflachte Bordsteinkanten scheinen die Stadt vollkommen zu überfordern und damit kein Anwohner weiter als 10 Meter gehen muss, wird kurzerhand der komplette Gehweg für Fußgänger gesperrt und Gehwege enden in Schutthalden.

Hier ein kleiner Praxistest:

kleine Baustelle
also rüber
warum?
wieder rüber!
da steh ich nun
und was ist das?
geht ja vorbei
nur wohin? und wie?
und jetzt?
irgendwie
Berge von was-auch-immer
Gras drüber!
Gehweg endet im Parkplatz
geschafft!
verloren im Erdaushub
ratlos?
ist das giftig?

Es war einmal…. die Hoffnung

Hoffnung aus dem mittelniederdeutschen bedeutet hüpfen oder zappeln vor Erwartung. Sie bedeutet eine zuversichtliche innerliche Ausrichtung mit einer positiven Erwartungshaltung, dass etwas Wünschenswertes eintrifft. So ging es denke ich jedem, der auf die Wahlergebnisse gewartet hat.

Vaclac Havel sagte einmal zur Hoffnung: Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.

Bei diesem Wahlergebnis habe ich versucht den Sinn zu finden. Zu wählen macht Sinn ohne Zweifel und ist das große Vorrecht einer Demokratie, ob das Ergebnis Sinn macht muss jeder für sich entscheiden, der sein Kreuzchen gesetzt hat. Was war der Antrieb? War es Wut, Verzweiflung, Frust, Furcht, Überzeugung? Das alles könnte es gewesen sein. Wenn der Sinn darin liegt durch das Kreuzchen Parteien dazu zu bringen sich nicht gegenseitig zu zerfetzen, sondern konstruktiv zum Wohle der Gemeinschaft zusammenzuarbeiten ohne parteipolitische Dogmen mit Gewalt am Leben zu erhalten,  wäre der Sinn erkennbar. Ich bezweifle allerdings anhand der jetzt schon lauthals verkündeten Drohungen und Forderungen, das dieses Ziel erreicht worden ist. 

Solange das Gegeneinander lukrativer ist als das Miteinander werden wir als Bürger, egal warum wir wo in welcher Wahl ein Kreuz gemacht haben zum Spielball der Parteienlandschaft werden und auch bleiben. 

Und so werden wir sicherlich bald erkennen, wer nur wie man hier so sagt geschwätzt hat und wer tatsächlich umsetzbare Lösungen bietet, die Frieden, Klima, Wohlstand und Zusammenhalt fördern. Denn das ist das, worauf alle hoffen.

Friedrich Nietzsche schreibt zur Hoffnung. „Zeus wollte nämlich, dass der Mensch, auch noch so sehr durch die andren Übel gequält, doch das Leben nicht wegwerfe, sondern fortfahre sich immer von Neuem quälen zu lassen. Dazu gibt er den Menschen die Hoffnung; sie ist in Wahrheit das übelste Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert.“

Doch andererseits ist sie neben Liebe und Glaube einer der drei christlichen Tugenden. Was bleibt ist daher die Hoffnung, dass sowohl die Erde als auch unsere Mitmenschen auf diesem Planeten nicht am Ende die Verlierer sind. Und da wir nur diese Erde haben und als Christen wissen müssten, dass alle vom gleichen Menschenpaar abstammen, sollten wir überlegen, wem wir unsere Stimme geben.

Mögen wir also selbst entscheiden, ob dieses Ergebnis die Qual nur verlängert oder ein Sinn darin bestand. 

Buchrezension: Über den Schwarzwald. Entdeckungsreise auf dem Westweg.


Buchrezension:
Schweikle, Johannes und Keyerleber, Daniel:
Über den Schwarzwald. Entdeckungsreise auf dem Westweg.
8 grad verlag, Freiburg 2024, 254 S. 35 €

Über den 285 Kilometer langen, bereits im Jahr 1900 vom Schwarzwaldverein mit der roten Raute ausgeschilderten Westweg von Pforzheim nach Basel ist schon viel geschrieben worden. Auch Johannes Schweikle, in Freudenstadt geborener Journalist, Autor und Dozent, hatte 2014 bereits ein Buch über ihn unterm Titel Westwegs (Klöpfer u. Meyer Verl.) verfasst, und unlängst ist mit Wildwestwegs sogar noch ein Film über diesen wohl bekanntesten und bestfrequentierten Fernwanderweg Deutschlands in die Kinos gekommen. Nun haben Johannes Schweikle und Fotograf Daniel Keyerleber mit einem Westwegbuch nachgelegt, das zweifellos neue Maßstäbe setzt: Den Schwarzwald erlebt und beschreibt der Autor auf seiner Wanderung mitreißend amüsant und zugleich nachdenklich, jedenfalls auf ganz und gar unsentimentale Weise und fernab aller üblichen touristischen Klischees. In seinen unterwegs eingeblendeten Exkursen beweist der Freudenstädter ein enormes Hintergrundwissen über Land und Leute wie über die Geschichte, sodass selbst der Schwarzwälder Leser aus dem Staunen und Schmunzeln nicht herauskommt.

Für Daniel Keyerlebers eingestreute Fotos gilt Ähnliches: Auch sie zeigen den Schwarzwald nicht in den gewohnten Bildband- und Kalendermotiven, sondern zumeist recht unprätentiös, wobei er nicht einmal vor wetterbedingter Düsternis oder vor Windkraftanlagen zurückschreckt. Schade nur, dass Bildunterschriften fehlen und dass zur Lokalisierung der Aufnahmen zuhinterst im Bildverzeichnis nachgeschaut werden muss. 

Die Windräder blendet auch der Autor nicht gänzlich aus, wenn er etwa das „Blindrad“ hart am Rande des Naturschutzgebiets Blinder See kritisch kommentiert oder den Straubenhardter Windpark eher gelten lässt, um welchen der Westweg ein Stück nach Osten verlegt werden musste, um nicht die Zertifizierung als Premiumwanderweg zu gefährden. Auch massentouristische Exzesse à la Mummel- oder Titisee werden weder geschönt noch ausgelassen. Und dennoch beschreibt er die Wanderung als beglückendes und bereicherndes Erlebnis –  ausgenommen die allerletzten schnurgeraden Kilometer bis ins Ziel: „Seit Lörrach fürchte ich das Ende des Wegs. So sieht die Welt aus, in die ich nach dem Ende dieser Wanderung zurückmuss.“

Ob freilich der Schwarzwaldverein sich nächstens nicht noch zu vielen Verlegungen des Westwegs (auf seine neue Gesamtlänge von dann geschätzt 350 Kilometern) genötigt sehen wird, wenn all die von den Regionalverbänden derzeit ausgewiesenen Vorranggebiete mit Windparks zugestellt sein werden? Und ob sich der Autor dann nochmals zu einer Westwegtour aufraffen könnte, erscheint zweifelhaft. „Hier oben“, schreibt er auf S. 165, „bin ich empfindlicher. Ich suche eine Insel im Meer der Funktionalität, brauche Abstand von den kalten Lösungen der Technokraten. Im Wald will ich mich erholen von den Anstrengungen permanenter Veränderungen. Deshalb verträgt der Blindensee kein Windrad.“

„Blindrad“

Demokratie ohne Frauen

Es reicht nicht, wenn wir überall den Mund halten und in der 2. Reihe den Herren zuschauen.
Es reicht nicht, wenn wir als Lob dafür unseren Männern immer brav im Hintergrund den Rücken gestärkt zu haben, einen Blumenstrauß überreicht bekommen.
Es reicht nicht, das Reden den Männern zu überlassen, nur weil die sich dafür so gerne selber loben.

Es geht um die 4.000 Hüfinger Frauen, die es sich in der 2. Reihe bequem gemacht haben!

Geht wählen!
Bleibt nicht zuhause!

aktualisierter Originalbeitrag vom 1. Februar 2024

Liebe Hüfingerinnen,

wir leben noch in Deutschland und nicht in Afghanistan.
Ich zumindest will, dass dies so bleibt!
Es reicht mir ständig gegen eine Wand anzurennen!
Es reicht mir von den Männern bedroht zu werden, weil ich eine von zwei Frauen bin, die den Mund auf machen!

Ich weiß durchaus, dass für Parität und Mitbestimmung zu sorgen eigentlich die Aufgabe eines Bürgermeisters wäre. Aber wir haben nunmal keinen. Das wird sich hoffentlich im Sommer ändern, aber die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, wie wichtig es ist eben nicht alles den Männern zu überlassen.

Gleich 2019 hatte mir der Bm in einer öffentlichen Sitzung während einer „Debatte“ (so wie das die Männer nennen) gesagt, dass meine Meinung unwichtig sei und auch nicht interessiere. Klar ist das so für die Männer, aber hatte ich deswegen den Mund gehalten? Darauf hin hat er mir mehrfach gedroht mich zu verklagen, auch über die Kommunalaufsicht und sein Fraktionssprecher sowieso, aber nein, es ist den Männern nicht gelungen, dass ich den Mund halte. Ein Resultat davon ist der Hieronymus.

Lasst euch nicht klein reden!
Ihr habt eine Meinung und dürft die auch sagen! Meint ihr denn die Männer schwätzen in ihren „Debatten“ klug?

Jetzt im Wahlkampf könnt ihr euch die Listen und Kandidatinnen genau anschauen. Es gibt sie, die Frauen die ihre Meinung sagen und sie auch vertreten –
für uns alle!

Unterstützt sie!
Geht wählen!

Es reicht! Demokratie jetzt für alle!



Zum Fronleichnamsfilm und zum „Hüfinger Herrgottstag“

Peter Albert am 21.05.2020

Fronleichnamsfilm von Ernst Kramer 1931

Hinweis zum besseren Verständnis:

Der hier dargestellte Film setzt sich aus mehreren Teilen zusammen, so sind auch nachfolgende Jahre filmisch mit festgehalten.

In der ehemals Fürstenbergischen Oberamtsstadt Hüfingen haben Feste, die Musik sowie die bildende Kunst eine lange Tradition. Letztere führte auch dazu, dass es gerade hier zu einer der farbenprächtigsten Fronleichnamsprozessionen nördlich der Alpen kommen konnte. Aus einer lokal begrenzten allgemein üblichen Fronleichnamsprozession wurde in Hüfingen ein Prunkaufzug im Rahmen europäischen Festwesens. Wie konnte es dazu kommen? Im Jahr 1841 brach der 26jährige Franz Xaver Reich zu einer Studienreise nach Italien auf. In Rom arbeitete er in Werkstätten bedeutender Meister und wurde dort auf die beiden Städtchen Portici und Resina aufmerksam.

In den beiden Orten wurden schon zur damaligen Zeit der Prozessionsweg mit Blumen des mediterranen Raumes ausgelegt. Dieser Brauch hinterließ bei dem jungen Hüfinger Künstler einen bleibenden Eindruck, so dass er bereits, nach dem er im Frühjahr 1842 in seine Heimatstadt zurückgekehrt war, dort am 8. Mai den ersten Blumenteppich nach süditalienischem Vorbild vor seinem Haus – heute Nr. 5 – legte. Im Jahr darauf war die Begeisterung unter der Bevölkerung so groß, dass sich alle Anwohner dem Blumenlegen angeschlossen hatten. Mit den ersten Filmaufnahmen aus dem Jahr 1931 von Ernst Kramer, welche ich von Herrn Dr. Karl Preis zur Auswertung und Verbleib bekommen habe, besitzt Hüfingen Bild und Filmmaterial von außergewöhnlichem Wert.

Zum Inhalt des Films:

Da ich selbst kaum mehr Personen, die im Film dargestellt sind kenne, habe ich mich schon früh mit älteren Bürger*innen unterhalten. So zum Beispiel mit Otto Böhm, einer „Institution“ in Sachen Hüfinger Kirchengeschichte. Er sagt zum Inhalt folgendes aus:

„Die Schwestern mit den großen weißen Hauben sind die barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul; Vinzentinerinnen aus dem Mutterhaus in Freiburg. Sie waren im städtischen Krankenhaus, haben die Kinderschule und die Nähschule betreut und eine von ihnen war die Städtleschwester; sie hat Hausbesuche gemacht und die Kranken betreut. Die Vinzenzschwestern waren auch im Landesspital; dort waren es mehr als im Krankenhaus. Sie waren seit 1862 dort und haben die alten Menschen gepflegt. Im Ganzen dürften ungefähr 20 bis 25 Vinzentinerinnen in Hüfingen gewesen sein“.

Ferner:

„Die Schwestern mit den schwarzen Hauben sind Franziskanerinnen aus dem Kloster Erlenbad. Sie waren zu erst in Neudingen im Kloster Mariahof. In den 1920er Jahren brannte das Kloster ab und die Schwestern übernahmen in Hüfingen das Heim für schwer erziehbare Knaben, das bis dahin in privaten Händen war. Die Schwestern übernahmen den Namen ihres Klosters in Neudingen und so wurde aus dem alten Zuchthaus das Heim Mariahof. Die Einrichtung wurde vom Caritasverband übernommen und von einem Priester geleitet. Der erste Rektor im Knabenheim war Hermann Kast, dann kam Franz Enz und danach Hans Haiber.

Das Krankenhaus wurde in den 1970er Jahren geschlossen. Im Landesspital und im Heim Mariahof wurden die Schwestern in den 1990er Jahren von den Mutterhäusern, wegen Schwesternmangel abberufen“.

Auch zwei Geistliche konnte Otto Böhm im Film identifiziere: Zum einen Pfarrer Theodor Renner und der schon erwähnte Prof. Hermann Kast.

Des weiteren ist die Stadtmusik Hüfingen unter der Leitung von Josef Hutzler mehrfach gut erkennbar. Hutzler war von 1935 bis 1963 Stadtmusikdirigent.

Die Stadtmusik ist in ihrer Art einer der ältesten Klangkörper in Süddeutschland. Erste urkundliche Erwähnungen gehen bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts zurück. Mit den vier Prozessionsmärschen, mit welchen die Stadtmusik den Festzug begleitet und jedem Hüfinger das Herz höher schlagen lässt, hat sich nicht nur Franz Xaver Reich ein Denkmal gesetzt.

Übrigens, bis 1915 feierten die Hüfinger ihren Herrgottstag, wie es allgemein üblich war so, dass der Teppich unmittelbar nach dem Festgottesdienst weggeräumt wurde. Auf besonderen Wunsch des damaligen Stadtpfarrers Schatz ließen sie aber 1916 die Blumen erstmals bis in den Nachmittag hinein liegen, damit auch Auswärtige, beispielsweise das Fürstenhaus, die Gelegenheit hatten, sich an dieser gelungenen Volkskunst zu erfreuen. Wie groß der Stellenwert auch weit über Süddeutschland hinaus geht, sieht man daran, dass schon im Jahr 1955 der Päpstliche Nuntius – Bischof Aloysius Munch – extra aus der damaligen Bundeshauptstadt Bonn zur Prozession angereist war.

Es ist sehr bedauerlich, dass dieses Jahr auf die schöne und traditionsreiche Feierlichkeit leider verzichtet werden muss.

Ein Trost bleibt: Nächstes Jahr ist wieder „Herrgottstag“ und bis dahin haben wir ja unseren tollen Film von Ernst Kramer!

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