Kriegstüchtiges Erscheinungsbild


Aber das Heer war mehr als das Heer: Es war der marschierende Wald.
(Elias Canetti: Masse und Macht, Hamburg 1960)

Ein Baumstumpf über Weinbergen


Es war nicht erst die Militärparade zum 80. Jahrestag des Weltkriegsendes auf dem Pekinger Tiananmen-Platz, dem so berüchtigten „Platz des Himmlischen Friedens“, die mich das obige Foto erneut hervorholen und staunend betrachten ließ. Schon beim ersten Durchblättern der AFZ-DerWald vom 02. 08. 2025 bin ich darüber ins Stolpern geraten. Stammt es doch aus einem Beitrag über erfolgreichen naturnahen Waldbau, verfasst von Martin Beck unter dem Titel Zukunft aus Tradition – Freiherr von Fürstenberg´sche Forstverwaltung. Die bewirtschaftet, so verrät schon der Untertitel, seit einem Jahrhundert zwei ausgedehnte Waldreviere im Sauerland: „Inmitten klimatischer Herausforderungen und ökologischer Ansprüche verfolgt Lucas Freiherr von Fürstenberg einen klaren Kurs: naturnah, unternehmerisch, innovativ – mit Blick auf Generationen.“ Die Bildunterschrift des Fotos lautet: „Nach Kyrill wurden unter anderem Douglasien im Weitverband 3×10 m gepflanzt. Außerdem wird auf Naturverjüngung gesetzt.“

Doch wie soll das bloß zusammenpassen: die grob gerasterte Großfläche einer Douglasien-Monokultur, in meiner von Putins und Netanyahus Kriegen verdorbenen Vorstellungswelt einer auf Kommando Stillgestanden! gestoppten Militärparade nicht unähnlich, dazu im Bildvordergrund der wie von Granaten zerfetzte Fichtenstrunk und beides konnotiert mit dem Begriff „Naturverjüngung“? Wie hat man sich die im Sauerland bloß vorzustellen? Und wie reagieren die Sauerländer wohl auf derlei Wald- und Landschaftsbilder?

„Zwischen Altbeständen, Kalamitätsflächen und klimaresilienten Mischwäldern“, so fährt Martin Beck lobend fort, liege der Weg, den Lucas Freiherr von Fürstenberg konsequent gehe: „Der studierte Kaufmann, heute engagierter Forstmann und ANW-Mitglied, führt den traditionsreichen Familienbetrieb in dritter Generation – mit unternehmerischem Gespür und forstlichem Sachverstand.“ Für den Quereinsteiger, der sich mit Leidenschaft nicht nur im Betrieb und in der regionalen Forstwirtschaft, sondern auch in der ANW engagiere, sei die naturnahe Waldwirtschaft nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll, wobei er einen sehr nüchternen Ansatz und in der ANW vor allem auch die Eigentümerinteressen verfolge. Der Betrieb sei häufig Gastgeber von Exkursionen aus der ANW und von Hochschulen. Sogar mit der Weißtanne, dem ANW-Lieblingsbaum, mit heimischen wie mit rumänischen Herkünften, werde experimentiert, wovon im Beitrag das Foto eines 10jährigen Tannenhorstes unter einem Fichten-Altholz Zeugnis ablegt.

Damit die Ökonomie stimmt, müssen freilich doch auch noch ein paar weitere Geschäftsmodelle erprobt werden: „Windkraft im Anlauf – mühsam, aber notwenig“, so überschreibt der Autor (der sich im Nachspann dem Leser vorstellt als selbstständiger Unternehmensberater und -sanierer, als Aufsichtsrat und Vorsitzender von gemeinnützigen Organisationen, als Hochschullehrer mit eigenem Waldbesitz in Baden-Württemberg und Thüringen) eine der verheißungsvollsten Bemühungen des Betriebs: Gemeinsam mit Projektierern werde seit Jahren der Einstieg in die Nutzung von Windkraft vorbereitet, was allerdings ein mühsamer Prozess mit vielen Hindernissen sei, die nicht alle nachvollziehbar seien. Jetzt aber scheine das Projekt zum Laufen zu kommen. Windgeneigte Standorte gäbe es in den beiden Revieren jedenfalls genügend, soweit dem der Regionalplan nicht entgegensteht.

Oder soll damit womöglich auch noch Gegenwind aus einer ganz anderen Ecke gemeint sein: ausgerechnet vom prominentesten Sauerländer, dem mit Sitz in Berlin, der vor lauter Staatsschulden die Windenergie nur halbherzig zu fördern bereit zu sein scheint?

Kurz: Naturnähe, gar den von der ANW seit einem halben Jahrhundert so vehement propagierten naturgemäßen Dauerwaldbetrieb habe ich mir irgendwie anders vorgestellt. Auch wenn ich diesbezüglich im Donaueschinger Ruhestand – im Dunstkreis des fichtenlastigen (mit seinen Maschinengassen im 20 Meter-Abstand im Drohnenbild gleichfalls grob gerastert erscheinenden) Fürstlich fürstenbergischen Großprivatwalds – nicht übermäßig verwöhnt werde. Ob Freiherr oder Fürst: Könnte es sein, dass ich da seit der „Zeitenwende“ etwas verpasst habe – dass jetzt auch der nach ANW-Kriterien bewirtschaftete Wald „kriegstüchtig“ erscheinen darf? Dass auch noch so großflächig strammstehende Monokulturen anstandslos als naturnah deklariert werden dürfen? Elias Canetti hat es anno 1960 mit seinem „marschierenden Wald“ wohl doch schon auf den Punkt gebracht.

Die Lorettokapelle

Originalbeitrag vom 24.07.2021

Der Grundstein der von Dekan und Stadtpfarrer J. Kaspar Reichlin geplanten Lorettokapelle wurde am Georgitag, (23. April) 1711 gelegt. 1*

Eine Lorettokapelle ist eine architektonische Nachbildung der Santa Casa, der Basilika vom Heiligen Haus in Loreto. Nach legendarischer Überlieferung sollen im 13. Jahrhundert Engel das Haus der Heiligen Familie von Nazareth nach Loreto getragen haben.

Die Hüfinger Kapelle wurde nach dem Muster der Villinger Lorettokapelle gebaut.

Lorettokapelle in Villingen 1955

Die Hüfinger Lorettokapelle wurde am 31. Oktober 1715 von Weihbischof Konrad Ferdinand Geist von Wildegg (1692-1722) geweiht.1*

Die 130 Pfund schwere Glocke, die im Winter 1805/1806 gesprungen war und umgegossen werden mußte, überstand beide Weltkriege. * 1

Vielen Dank an Artur Lehnert fürs Läuten und auch dafür, dass er mich geduldig in Loretto hat Fotos machen lassen!

Johann Ignatz Schupp wurde 1692 in Villingen geboren und half seinem Vater Josef beim Fertigen des ersten Hochaltars der Benediktinerkirche in Villingen. *2

Eigentlich für St. Verena und Gallus fertigte er diese Heiligen an.

Johannes der Täufer und Johannes Evangelista vom Villinger Schnitzer Johann Ignatz Schupp 1743

Antonius der Einsiedler und Johannes Nepomuk vom Villinger Schnitzer Johann Ignatz Schupp 1743

Im Bruderhäuschen wohnten verschiedene Waldbrüder. Über die Waldbrüder berichtet auch Lucian Reich im Hieronymus Kapitel 7. Später nannte man die Waldbrüder „Lorettomessner“.

Der letzte Lorettomessner lebt noch, hat im Bruderhäuschen gewohnt und wird uns zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht mehr erzählen.

Bruderhäuschen

In das Bruderhäuschen kommt man hinter dem Altar.

Dieser wunderschöne alte Anbau sollte eigentlich zusammen mit dem Denkmalschutz renoviert werden und würde dann sicher gute Räumlichkeiten für die Jugend bieten.

Ganz oben im einsturzgefährdeten Dachgeschoss befindet sich ein altes Glasfenster vermutlich aus der Werkstatt von Fridolin Heinemann (19.12.1859-04.02.1926) einem Sohn von Josef Heinemann.

Glasfenster aus der Werkstatt von Fridolin Heinemann – ein Sohn von Josef Heinemann.

Von Gottfried Schafbuch 1972: „Die Schrecknisse des Krieges 1939/1945 sind nicht spurlos an der hiesigen Stadtkirche vorbeigegangen. Sämtliche Kirchenfenster, dabei leider auch die mit den Glasmalereien des in München verstorbenen Hüfinger Künstlers Fridolin Heinemann (1859-1926), gingen in Scherben. Das Altarbild aber blieb heil und unversehrt.

Ebenfalls im Dachgeschoss befindet sich ein Gemälde das vermutlich von Josef Heinemann gemalt wurde:

*1 Hüfingen von August Vetter (1984)

*2 Geschichts- und Heimatverein Villingen

Das Sonnenkreuz zu Hüfingen

Am 1. September 2023 bei den Bauarbeiten Schaffhauser Straße.

Von Gottfried Schafbuch (03.01.1898 – 23.10.1984) aus „Mii Baar – Mii Hoamet“ (1972)

Mii Boor – Mii Hoamet

Dort, wo sich am südlichen Ausgang des Städtchens Hüfingen die Hast und Unrast auf der Bundesstraße teilt und nach rechts durch das Höllental Freiburg zu weiterbraust und linksab mit Sonnenhunger und Fernweh in die Schweiz und nach dem Süden führt, steht, geschützt in einer kleinen Grasinsel, das sogenannte steinerne Sonnenkreuz.

Landauf und landab, in den einsamen Tälern des Schwarzwaldes, an stillen Wanderwegen und auf manch luftigen Höhenzügen trifft man wohl vielfach Wegkreuze aus Stein oder Holz. Jedoch alldort kaum so wenig wie an den poesielosen Autostraßen, die wie fiebernde Pulsadern durch die Länder ziehen, dürfte ein Kreuz mit einer so seltsamen Inschrift in deutscher Sprache, wie sie das Sonnenkreuz in Hüfingen zeigt, zu finden sein.

Das Steinkreuz trägt im Fuße des Sockels die Jahreszahl 1783 und weiter oben, in einem Sockelfeld folgende Inschrift:

2ten IvnI
stirb HeIneMann
StIfter DIeses
CrVCIfIX
Gott Lasse Ihn
eVVIg rVhen.

Wohl schon mancher Beschauer dieser Inschrift mag an der Lösung dieses Rätsels herumgeraten haben und ohne Klarheit zu bekommen, kopfschüttelnd weitergegangen sein. Es ist eine Zeitinschrift, in der die römischen Zahlbuchstaben, die besonders als große Buchstaben hervorgehoben sind, zusammengezählt die Jahreszahl der Begebenheit angeben, von der die Rede ist. Diese Zeitinschrift wird Chronogramm und je nach der Art des Verses auch Chronostichon genannt.

Zählt man nun die Zahlwerte der Buchstaben dieser Inschrift, dieses sind IVIIMIDICVCIIXLIVVIV zusammen, so erhält man die vermeintlich fehlende Angabe des Todesjahres des Stifters, nämlich das Jahr 1794, und das Rätsel ist gelöst.

Der großzügige Stifter des Steinkreuzes, Matthäus Heinemann, wurde am 20. September 1723 als Sohn des Bäckers und Gastwirts Andreas Heinemann und der Katharina Benz zu Hüfingen geboren.

Von Gottfried Schafbuch (03.01.1898 – 23.10.1984) aus „Mii Baar – Mii Hoamet“ (1972)

Sonnenkreuz auf einer alten Postkarte

Die Einweihung vom neuen Sonnenbrunnen!

4. September 2025

Am 4. September 2025 um 17:00 Uhr wurde der Sonnenbrunnen im strömenden Regen feierlich eingeweiht und gesegnet.

Der Gemeinderat hatte am 20. Mai 2016 beschlossen für den abgebauten Sonnenbrunnen Ersatz zu schaffen. Fast exakt 9 Jahre, am 25. April 2025 steht er!

Skizze von Alexander Albert

Die Festschrift vom Gausängertag wurde 1924 im Auftrage des Gesangvereins Liederkranz verfaßt.
Darin wurde darauf hin gewiesen dass „eine erschöpfende Darstellung der Geschichte des Hüfinger Liederkranzes leider nicht möglich ist, da ein Teil der Vereinsakten bei dem im Jahre 1897 stattgehabten Brande des Gasthauses zur Sonne in welchem sich zu jener Zeit das Vereinslokal befand, zerstört wurde.

Es gab in Hüfingen mehrere Gasthäuser zur Sonne. Hier ist die um 1815 von Johann Baptist Fischerkeller (30.6.1781- 25.8.1853) neu erbaute Sonne an der Schaffhauser Straße gemeint. Sie befand sich in der Nähe des Sonnenkreuzes und des Sonnenbrunnens und ist 1897 abgebrannt.

Zivilisatorischer Fortschritt oder Krampf?

Der Fischbacher Mohren

Es ging spazieren vor dem Tor
Ein kohlpechrabenschwarzer Mohr…

Wilhelm Busch: Die Geschichte von den schwarzen Buben. In: Der Struwwelpeter. 1844. Verl. Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt am Main 1917.

Keine deutsche Nachrichtensendung, keine Tageszeitung durfte gegen Ende des Sommerlochs 2025 auf diese Meldung verzichten: Die Berliner Straße und U-Bahnstation Mohrenstraße wurde nach langjährigen Auseinandersetzungen in Anton-Wilhelm-Amo-Straße umbenannt; zuletzt war damit sogar das Berliner Oberverwaltungsgericht noch auf Trab gehalten worden. Es wirke dies wie eine krampfhafte historische Verrenkung, meinte dazu etwa die Süddeutsche Zeitung (v. 25. August 2025), wo doch der Namensgeber, erster afrodeutscher Akademiker (1756 – 1784), der in Halle und Jena Philosophie gelehrt hatte, so gut wie nichts mit Berlin zu tun habe. Zuvor schon hatten Aktivisten mit Pinsel, Farbe oder Aufklebern aus der Mohren- eine Möhrenstraße gemacht.

Foto: Internet rbb24

Ob jetzt auch die deutschlandweit über einhundert im Netz aufgeführten Mohrenapotheken umbenannt werden müssen – soweit man sich dort nicht schon längst um einen neuen Namen bemüht hat? Zumal, wenn überm Eingang womöglich noch halbnackte dunkelhäutige Figuren getanzt haben, im Blätterrock oder in Pluderhosen und mit Speeren bewaffnet. Die abendländische Medizin habe halt einst viel vom Wissen der arabischen Besatzer Spaniens profitiert, so lautet ein akademischer Erklärungsversuch.

Nahegelegt wird neuerdings ja auch Melchior, dem Schwarzafrikaner unter den drei Königen, sich fortan das Gesicht nicht mehr zu schwärzen? K+M+B sind sich mittlerweile zum Verwechseln ähnlich, wenn sie um Dreikönig herum ihre Runde machen. Was soll´s, wo doch auch Winnetou zwar noch Apache, doch kein Indianer mehr sein darf. Muss nächstens auch der Name Moritz getilgt werden, der doch wohl von Mauritius abstammt, dem dunkelhäutigen Schutzheiligen der Infanterie, der Messer- und Waffenschmiede? Muss demnach auch Wilhelm Buschs Max und Moritz – Eine Bubengeschichte in sieben Streichen von 1865 überarbeitet werden? People of Color, mögen ihre Bezeichnungen auch seit Jahrhunderten eingedeutscht sein und jedweder rassistischen Untertöne unverdächtig erscheinen, sollen es künftig besser haben bei uns – so die Devise.

Und was passiert mit den (in Süddeutschland gar nicht so seltenen) Gasthäusern zum Mohren? Wie waren sie denn überhaupt zu diesem inzwischen als spätkolonialistisch und rassistisch gedeuteten Namen gekommen? Nehmen wir uns dazu den Mohren in Fischbach vor, in der Teilgemeinde von Niedereschach, einen der bekanntesten Gasthöfe im Hintervillinger Raum, nebst dem Sinkinger Taubenmarkt bis unlängst noch der wichtigste Anziehungspunkt. Noch gibt es ihn, leider jedoch mit stark reduzierter Küche, und nach Schließungen aufgrund einer Insolvenz bekommt man immerhin noch sein Bier am Stammtisch, sofern nicht gerade Betriebsferien herrschen. Sollte der gastronomische Niedergang womöglich nicht nur mit den branchenüblichen Personalproblemen, sondern auch mit der neuempfundenen Anstößigkeit des Wirtshausnamens zu tun haben?

Der Fischbacher Mohren

Ein solcher Verdacht hat bereits vor Jahren (am 4. 10. 2022) einen Journalisten der Schwäbischen Zeitung inspiriert, geäußert in seinem Beitrag aus Anlass der Wiedereröffnung des Hauses:

Die Herkunft des Namens „Zum Mohren“, der aktuell bekanntlich nicht unumstritten ist, den manche als rassistisch ansehen und deshalb ablehnen, kann nicht eindeutig belegt werden. Eine andere, gleichnamige Gaststätte in Hechingen etwa, änderte im August ihren Namen.
Forschungen sollen jedoch ergeben haben, dass es Unterkünfte mit diesem Namen fast nur entlang der alten Römerstraße Via Claudia Augusta gab und gibt. Fürsten und ihre dunkelhäutigen Bediensteten sowie allerlei Pilger reisten häufig über diese wichtige Handelsstraße, die Süddeutschland und Italien verband, und kehrten in sogenannten Hospizen ein. Man vermutet, dass der Name „Zum Mohren“ von diesen Gästen stammt.

Eine recht abenteuerliche These, wo Fischbach doch wohl nie an einer „wichtigen Handelsstraße“ aus Römerzeiten lag, auch wenn unweit des Dorfs immerhin die Grundmauern einer villa rustica und die Ruine eines Römerbads ausgegraben wurden. Sollten etwa auch hier „dunkelhäutige Bedienstete“ mitgemischt haben?

Villa rustica bei Fischbach-Sinkingen

mit restauriertem Römerbad   

Freilich bietet sich auch eine sehr viel näher liegende Erklärung an: Man denke an die im Süddeutschen weit verbreiteten Wirtshausnamen zum Ochsen oder zum Hirschen. Denn im bäuerlichen Schwarzwald hieß das weibliche Hausschwein, die Muttersau, seltsamerweise Mohr – wer oder was wollte einen Schwarzwälder also daran hindern, seinen Gasthof zum Mohren zu nennen, wo sich da dem Gast doch sogleich die Assoziationen Schweinebraten oder -schnitzel aufdrängten, so wie bei der Konkurrenz Ochsenmaulsalat oder Hirschragout?

Doch was helfen derlei Erklärungsversuche, wenn die Menschheit immer vehementer dazu neigt, historisch Gewachsenes umzudeuten und  umzudeklarieren. Hoffen wir zugunsten der Fischbacher wie der gesamten Region, dass der vormals so berühmte Landgasthof zum Mohren auch unter seinem alteingeführten Namen nicht vollends schließen muss.

In Wilhelm Buschs Struwwelpeter werden die drei vorlauten Buben, die den Schwarzen zu verspotten wagten, vom Nikolaus zur Strafe ins Tintenfass getaucht. Rassismus jedenfalls scheint dem Dichter damals fern gelegen zu haben. Übertreiben wir´s da heute nicht doch ein bisschen – vor lauter political correctness

Du siehst sie hier, wie schwarz sie sind,
Viel schwärzer als das Mohrenkind!
Der Mohr voraus im Sonnenschein,
Die Tintenbuben hinterdrein;
Und hätten sie nicht so gelacht,
Hätt‘ Niklas sie nicht schwarz gemacht.

1250 Jahre Wolterdingen

Wolterdingen Glaskunst

Unten das Programm für die Freilichtspiele vom 12. – 14. September

3. August 2025

Im Jubeljahr werden in der vielfältigen Gemeinde auch vielseitige Formate vorgestellt. Nach dem Festbankett, der Ausstellung mit den 50 Sachen und dem Jubiläums Volksfest war ein Vortrag über die Wolterdinger und die Baarschwarzwälder Glaskunst. Denn die Wolterdinger Glasfabrik, d ‚Glasi und d‘ Schliefi, war wohl das aussergewöhnlichste und kunstvollste Gewerbe der Bregtal Gemeinde. Über diese dort ausgeübt Glaskunst gab es im Kehlnhof Museum in Bräunlingen eine Vortrag über die Kulturgeschichte des Glasmachens von der Antike bis in die Glasfabrik Wolterdingen. Im Kehlnhof Museum deshalb, weil ausgerechnet in unserem Jubiläumsjahr die zur Habsburger Stadt gehörende Glasgemeinde Bubenbach 300 Jahre alt wird. Sie war so etwas wie der Urknall der Baarschwarzwälder Glaserei im Dreieck Bubenbach, Herzogenweiler und dem Höhepunkt Wolterdingen. Im musealen Ambiente des Kehlnhofes mit stilgerechten Glasobjekten wird über die grosse Glaskunst in Wort und Bild
erzählt.

Finissage mit 50 Sachen

5. Mai 2025

Am bedeutungsvollen Internationalen Tag des Museums, am 18.5.2025 fand die Finissage der erfolgreichen, kurzweiligen Ausstellung: „Wolterdingen in 50 Sachen“ statt.

Bis dann kann man aussagestarke Objekte aus Geschichte, Kultur, Gesellschaft und Spiritualität der sehr alten und ungewöhnlich  vielfältigen Jubiläumsgemeinde Wolterdingen auf sich wirken lassen. Bronzelappenbeile, Doppelspitzbarren, Mineralien und ein rarer Fulgurit sind naturkundliche Objekte. Andere Dinge wie eine St. Kiliansskulptur, Gewerbe – und Industriehistorische  Beispiele, eine Original Bregtäler Holzklassebank und die überdimensionale, beeindruckende Gemarkungsgrundkarte geben einen optischen und erklärenden Einblick in die Eigenart des Ortes. Gesellschaftliches Leben wird durch Feuerlöschgerät, einen Schellenbaum und einen Film über die 1200 Jahrfeier vor 50 Jahren dargestellt. Ein Wasserverteilstein als Symbol einer frühen Wasserversorgung durch Diechelleitungen vor dem  Sammlungseingang stellen die Versorgungslage dar. Vorläufiger Höhepunkt der Gemeindeentwicklung ist der enorme Hochwasserdamm. All das kann in einem stilvollen und informativen Begleitkatalog nachvollzogen werden. Die Bregtäler Ballade, vorgetragen von Walter Köhler, der zur Einstimmig auf der Bregtalbahn Holzklassebank Platz nimmt, wird die Poesie des Bregtälers, des legendären Romulus, musikalisch aufleben lassen.

Interessierte sollten die in dieser Art einmalige Ausstellung in den FF Sammlungen am Karlsplatz Donaueschingen  bis zum 18.5.2025 besuchen. Denn danach werden die Objekte wieder für lange Zeit in verschiedenen Depots, Sammlungen und Archiven eingelagert werden.
Die Bevölkerung der Region ist herzlich zu dieser finalen Abschlussveranstaltung  eingeladen.

Ausstellung in den FF-Sammlungen über 1250 Jahre Wolterdingen

2. April 2025

In den Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen am Karlsplatz Donaueschingen werden 50 für Wolterdingen aussagestarke, bezeichnende Objekte, Dinge, Artefakte, Sachen ausgestellt. Anhand dieser Sachen kann der Besucher der langen und vielfältigen Vita der Jubiläumsgemeinde nachspüren.

Die ältesten Wolterdinger sind zurück

Seit kurzem sind zwei Sachen der Heimatgemarkung zurückgekehrt. Vor weit über 3000
Jahren haben Bewohner in der Bronzezeit mit diesen Fundobjekten Holz bearbeitet, Katen gebaut, Bäume gefällt, Brennholz und Kohlenmeiler Holz gespalten. Es sind Bronze Lappenbeile. Äxte die aus Bronze, einer Legierung aus Kupfer und Zink, hergestellt, geschmiedet werden. Lappenbeil deshalb, weil zunächst eine Bronze Platine geschmiedet wurde und da zwei seitliche Lappen aufgebogen wurden. In dieses Auge, in diese Röhre wurde dann der Beilstiel eingepasst. Beide Metalle gibt es in Mitteleuropa nicht. Nur im Norden, in Britannien und dem Balkan. Also mussten diese Geräte von sehr weit her und kostspielig eingeführt werden. Im Flecken Wolterdingen wurden diese wertvollen Werkzeuge benutzt. Also war da was, in der Bronzezeit. Mehr wissen wir noch nicht. Nur dass diese archäologische Rarität hier gefunden wurde. Wo, wann, von wem ist in der Archiv- Beschreibung im archäologischen Landesarchiv Rastatt leider nicht vermerkt.

Wer sich vom Mythos Bronze Lappenbeil anregen lassen will, kann dies in einer Vitrine in der Ausstellung

Fulgurit – Au des no

Wolterdingen in 50 Sachen

„Erklär mir Wolterdingen“

08. September 2023

Am Freitag 08.09.2023 war ein Bildvortrag zur Einstimmung zum 1250 Jahrfest

Motto : „Vom Bronce Lappenbeil zur Hochwasserregulierung“.

Freiluft Veranstaltung an der HW- Dammarena

Wolterdinger Bronce Lappenbeil 3000 Jahre alt

Hochwasserregulierungswehr 2009

Als Geburtsstunde einer Gemeinde gilt üblicherweise die schriftliche Erwähnung in einem Rotulus, mundartlich „Rodel“, eines Klosterprotokolles. Im Quellenland gehört Wolterdingen unter die Top-Ten der Ersterwähnungen. Nur um knappe 15 Jahre von Heidenhofen geschlagen.

Anno 775 wird in einem „Baumgarten“ eines Amtssitzes oder auch eines Klosters ein derartiger Rodel unterschrieben. Dass aber Wolterdingen zu den ältesten Gemeinwesen im Baarschwarzwald gehört, kann man sogenannten Artefakten ablauschen. Denn im Gewann Gehren wurde, wie erst jetzt bekannt, ein ungefähr 3000 Jahre altes Bronce-Lappenbeil gefunden. Und aus der Eisenzeit, der Keltenzeit vor etwa 2500 Jahren, wurden 12 Eisenbarren, sogenannte Doppelspitzbarren gefunden. Die Manganerzvorkommen im Unteren Bregtal und der Eisen- Keltenfürst vom Magdalenenberg legen deshalb nahe, dass hier schon damals ein erfolgreiches Gemeinwesen angesiedelt gewesen sein muss.

Über diese uralten Ursprünge, die Beuurkundung und die anschliessende ungewöhnlich vielfältige Entwicklung von Wolterdingen kann man sich bei diesem Bildvortrag an der Dammarena zu den 1250 Jahrfeiern im Jahr 2025 einstimmen. Gestreift wird die historische Entwicklung bis in die Neuzeit in Wort und Bild. Keltische Rennöfen, uralte logische Verkehrswege, Geologie, Landschaftsgeographie, Steinbruchwesen, Holzwirtschaft, Landwirtschaft, Mühlen und Sägereien, Ziegelei, Kalkbrennen, Wasserversorgung, Hydrologie, Bregtalbahn, Glasfabrik, Handel und Gewerbe und geistliche und weltliche Bildung werden kurz erläutert.

All das führte zu der aussergewöhnlichsten, vielseitigsten Gemeinde im Baarschwarzwald. Gerade am Beispiel Wolterdingen wird der Historiker Kernsatz sehr deutlich: „ Die Geschichte wird von der Landschaftsgeographie geschrieben, nicht von den Herrschenden“.
Den Besuchern dieses ersten Test- und Probelaufes, dieser Info Veranstaltung für Bürger, Aktive und Helfer an der Dammarena, wird eine Sitzunterlage und warme Bekleidung und etwas Selbstverpflegung empfohlen. Ausser Leinwand, Beschallung und Projektion wird keine Infrastruktur zu diesem gemütlichen, stimmungsvollen und idyllischen Vortrag bereitgestellt.

Die Bevölkerung der ganzen Region ist zu dieser kostenfreien „Schnupper“ Freiluftdarbietung, zur Motivation und zu diesem Appetitanreger herzlich eingeladen.
Festkommitee und Ortsverwaltung 1250 Jahre Wolterdingen

Venus und Jupiter

Venus und Jupiter am 11. August 2025 um 5:19 Uhr

Liebe Bürgerpostleser,

heute habe ich etwas Astronomisches anzubieten. Die Bilder zeigen den Verlauf der Begegnung zweier Planeten vom 5. August 2025 bis zum 19. August 2025 über einen Zeitraum von zwei Wochen. In den Bildern ist neben den Tagen auch die Uhrzeit aufgeführt, ich hoffe, Sie wissen mein Frühaufstehen zu schätzen. Das ist alles ohne Wecker passiert, scheinbar schläft man mit zunehmendem Alter nicht mehr so fest. Das Wetter spielte hervorragend mit, ich konnte an zehn von den 14 Tagen Bilder machen. 

Venus und Jupiter am 5. August 2025 um 5:17 Uhr

5. August 2025 um 5:17 Uhr

Venus und Jupiter am 11. August 2025 um 5:19 Uhr

11. August 2025 um 5:19 Uhr

Venus und Jupiter am 12. August 2025 um 5:20 Uhr

12. August 2025 um 5:20 Uhr

Venus und Jupiter am 13. August 2025 um 5:28 Uhr

13. August 2025 um 5:28 Uhr

Venus und Jupiter am 19. August 2025 um 5:20 Uhr

19. August 2025 um 5:20 Uhr

Zunächst einmal die Frage, hätten Sie gedacht, dass zwei Planeten so schnell aneinander vorbeirauschen? Haben Sie eine Vorstellung, welcher Planet so zu sagen „Vollgas“ fährt? Nun, es sind die Planeten Venus und Jupiter. Was denken Sie, wer von beiden der hellere ist? Genau so ist es, es ist die Venus. Neben dem Mond ist sie das Hellste, was wir am Firmament sehen können. Das hängt damit zusammen, dass die Venus uns um ein Zigfaches näher ist als der Jupiter. Und wer fährt „Vollgas“? Genau, auch die Venus. Sie umrundet die Sonne in nur 225 Tagen, Jupiter dagegen braucht sage und schreibe 11,9 Jahre. Auf den Bildern kommt das gut zum Ausdruck. Venus kurvt am „stabilen“ Jupiter vorbei. Am 12. August 2025 war die engste Begegnung der beiden, ein toller Anblick finde ich. Das ist laut Kosmos Himmelsjahr 2025 die engste Planetenbegegnung in diesem Jahr. Und wir waren dabei. Den Tag vorher und danach habe ich auch dargestellt, damit man ein Gespür für die schnelle Veränderung bekommt. 

Wem von Ihnen/Euch ist diese Konstellation in den frühen Morgenstunden aufgefallen? Ich freue mich auf Rückmeldungen.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Liebesbrief im Glas

Glasfritte mit Schlieren

Unglaublich was so ein Jubiläumsjahr so alles ans Licht fördert. Auf einmal sind Bürger hellwach und werden auf unbeachtete, längst vergessene Dinge aufmerksam. Kurz vor dem Glasvortrag kommt ein Anruf von Gisela Ruth: Komm mal vorbei, ich hab einen grossen Glasstein und ein Trinkglas mit einem eingravierten Liebesbrief. Sie zeigt mir einen wunderbaren, grossen, schweren Glasmassestein mit anhaftender, markanter Glasgalle. Das Schwergewicht  hat Sohn Ralph vor 40 Jahren an der Reiner Halde ausgegraben. Der grösste, schönste, marmoriert und bisher entdeckte Glasfritte-Brocken von der Glasi Wolterdingen. Verblüffung wandelt sich in Begeisterung.


Aber das zweite Objekt mit seiner wundersamen Geschichte macht geradezu fassungslos. Und es liefert auch die perfekte Vorlage für ein Vortragsthema, wofür noch ein ausdrucksstarkes Bild oder Objekt fehlt. Nämlich das unvergängliche Glas darzustellen  als Datenträger für die Archivierung der Weltformeln  und es somit zu erklären. Dieses Teilthema des Glaswunders kann man nun durch die Steilvorlage  durch dieses Becherglases lebensnah, poesievoll und anschaulich erklären.

Aber nun von vorne. Glas ist das beständigste, fast korrosionsfreie, unvergänglichste von Menschenhand geschaffene Material. Und das prädestiniert es dazu, diese sogenannten Weltformeln zu archivieren. Bisher wurden die wichtigsten Daten, Fakten, Erkenntnisse und Formeln auf Papier, Stein, Horn, Bein, Ton, Leder und Metall geschrieben. In der Neuzeit auf Digitale Datenträger. Ausgerechnet die sind am Kurzlebigsten, am Vergänglichsten und haben die geringste Halbwertzeit. Weil hochwertiges Glas eine Verfallzeit von mindestens 20 000 Jahren und mehr hat, schreibt man eben diese Weltformeln auf Glas. Und das binär und rein optisch. Also bekommen unsere Nachfahren zu diesem Glasdatenträger eine intelligente Gebrauchsanweisung dazu, eine Erklärung wie man binär und rein optisch liest. Und schon können die Menschen, falls es diese Spezies in 20 000 Jahren noch geben sollte, unsere Gedchichte, unsere Zivilisation so auf Glas erklärt bekommen. Und das auf einem 1 Quadrat Zentimeter grossen, sehr korrosionsarmen Glasscheible. Optisch lesbar und ohne dann ohnehin  schon lang verrottete digitale Hard- und Software zu benutzen. Mindestens 2000 dicke, wissenschaftliche Bücher sollen auf so ein Scheible passen.
Und jetzt kommt unser Liebesbrief von 1907 ins Spiel. Von Claire Krämer auf ein mundgeblasenes Glas, evtl. aus der Glasfabrik Wolterdingen, von Hand graviert. Dieser Brief  wäre noch lesbar in 20 000 Jahren, wenn die dortigen Wesen  noch Deutsche Buchsprache könnten. Und so geht diese Geschichte, eine der vielen Geschichten hinter den vielen Glasgeschichten.  Kaum eine andere ist so poesievoll wie diese:

Eine ältere Dame im Senjohrenheim St. Michael übergibt das Glas der Betreuerin Gisela Ruth zur Verwahrung und zum Andenken an die Wolterdinger Glasfabrik. Das mundgeblasene Becherglas habe eine Frau auf einer Bahnfahrt von Rügen nach Berlin von Hand freihändig graviert. Es sei ein Liebesbrief in oder auf Glas. Bei Gisela ist es jetzt durch diesen Glasvortrag wieder aufgetaucht. Betrachtet man die Inschrift mit der Lupe und bei günstigem Lichteinfall liest man, dass eine Claire Krämer diesen in ein Glas  gravierten Brief 1902  geritzt hat. 1907 muss sie ihn ergänzt haben, wie auf dem Boden des Glases erkennbar ist. Erst dann hat sie diesen Glasbrief ihrem Verehrer vielleicht übergeben. Dass sie eine fast unvergängliche Form dieser Mitteilung gewählt hat, dürfte sie nicht gewusst haben. Sie hat die fast zeitlose, hochmoderne Art der Datenübermittlung und der Datenarchivierung in unbewusst weiser Voraussicht  vorweggenommen. Wenn das mal kein Anlass ist das Hohelied auf das Glaswunder zu singen.

Und so heisst der unvergängliche Text auf dem fast unvergänglichen Glas:

Der Brief auf dem Glas vom 4. August 1907, gesprochen von Maria Simon.

Tim und das Unsichtbare Band

Ein Märchenprojekt der Autorin und Tierrechtsaktivistin Margrit Vollertsen-Diewerge (21.07.1933-23.08.2024) das wir im Jahr 2023 veröffentlichen durften.


Illustrationen: Maria Pihlainen, Lina Sjöberg und Douglas Leijgard, Lehrerin Maria Wännerdahl, Stalforsskolan, Eskilstuna Amornrat Songhongnok, Kunstlehrer Mathias Hill, Eichendorffschule Erlangen (2008)

Gelesen von Klaus Karl-Kraus

In einem Land nicht weit von hier lebte Tim in einem alten Mietshaus. Es hatte blaue Türen und vor der Haustür stand eine große Birke, in der drei Eichhörnchen wohnten, zwei rote und ein graues.
Wenn Tim Erdnüsse oder Haselnüsse oder Walnüsse gefunden hatte, legte er sie unter den Baum, dann kamen die Eichhörnchen und versteckten sie für den Winter.


Als Tim eines Mittags von der Schule nach Hause kam, dachte er: „Heute habe ich mich aber in der Straße geirrt. Wo ist denn die Birke geblieben?“
Vor dem Haus war nur ein großer leerer Platz, weil der Hausmeister den Baum abgesägt hatte.
„Mich haben die Blätter geärgert, die im Herbst in der Regenrinne lagen,“ sagte er und zog an seiner Pfeife.



Tim setzte sich auf den Baumstumpf, der noch aus der Erde ragte. Auf einem der abgesägten Birkenstücke saß plötzlich das graue Eichhörnchen und sagte: „Könntest du nicht vielleicht so nett sein und unser Zuhause wieder instandsetzen?“ Erstaunt erwiderte Tim: „Kannst du sprechen?“ „Frag‘ doch nicht so dumm, das hörst du doch,“ sagte das graue Eichhörnchen.
„Beeil‘ dich und geh hinunter zu Tante Astrid, die mußt du um das Unsichtbare Band bitten. Du weißt doch sicher, daß Tante Astrid in dem lila Haus unten am Fluß wohnt?“


„Klar weiß ich das,“ sagte Tim und lief die Straße hinunter. Unten am Fluß war das lila Haus, gleich daneben hatte ein Wanderzirkus seine Zelte aufgeschlagen. Er brauchte nicht einmal anzuklopfen, denn Tante Astrid stand schon an der Tür und sagte: „Soso, da will sich mal wieder einer mein Unsichtbares Band ausleihen. Es funktioniert aber nur, wenn es für einen guten Zweck gebraucht wird!“ „Ich will die abgesägte Birke wieder zusammensetzen, in der wohnen drei Eichhörnchen, die sind jetzt heimatlos geworden,“ sagte Tim.
Komm‘ rein,“ sagte Tante Astrid. „Siehst du diese vielen Bücher hier? In einem davon ist das Unsichtbare Band, aber ich weiß nicht mehr, in welchem. Wenn du anfängst, in den Büchern zu lesen, wird es plötzlich in deiner Hand liegen.“



Tim stand vor der riesigen Bücherwand.
„Das sind doch sicher 1000 Stück?“ fragte er. „Es sind 146 Millionen,“ sagte Tante Astrid. „Aber das ist kein großer Unterschied. Wenn du Glück hast, ist es bei den ersten zwanzig dabei.“ Beim 14. Buch fühlte Tim plötzlich ein Knäuel in seiner Hand. Als er aber hinsah, war nichts drin.
Wenn du es fühlst, ist es da,“ sagte Tante Astrid. „Du mußt es aber gut festhalten, sonst findest du es nie wieder. Wie willst du denn die großen schweren Birkenstücke aufeinandersetzen? Willst du auf eine Leiter klettern?“


Tim bekam einen großen Schreck, denn darüber hatte er überhaupt nicht nachgedacht. Ehe er antworten konnte, sagte Tante Astrid. „Geh‘ gleich hinüber zum Wanderzirkus. Unter dem Baum ist der Elefant November schon zwei Wochen lang angekettet, denn der Wärter hat den Schlüssel zum Schloß verloren. Er wird dir sagen, wo der Schlüssel liegt, den mußt du holen und das Schloß aufschließen.
Dann wird November heute nacht kommen und die Birkenstücke aufeinandersetzen.
Aber verliere ja nicht das Unsichtbare Band.
Das graue Eichhörnchen muß es wie eine Spirale um den Stamm herumlegen und damit fertig sein, bevor der Pirol anfängt zu singen.“


Tim hielt das Knäuel ganz fest und ging zu November, der laut trompetete, als er ihn sah. Der Wärter sah herüber und schrie:
„Geh‘ ja nicht näher, der Elefant hebt dich mit seinem Rüssel in die Höhe und läßt dich auf die Erde fallen, dann trampelt er dich tot. Er ist nämlich bösartig.“ Tim tat so, als hätte er nichts verstanden, denn er hörte November sagen: „Glaub‘ ihm nicht, ich bin nur böse, weil er mich an diesen Baum gefesselt hat und überhaupt nicht nach dem Schlüssel sucht. Der liegt hundert Meter von hier unter dem großen Brennnesselbusch. Wenn du ihn holst, kannst du das Schloß aufschließen.
Dann bleibe ich still stehen, damit der Wärter nichts merkt. Ich komme um Mitternacht und setze den Stamm wieder zusammen.“


Tim ging am Fluß entlang und wirklich! da war der große Brennesselbusch und darunter lag der Schlüssel. Nun hatte Tim beide Hände voll, in der einen das Unsichtbare Band, in der anderen den verrosteten Schlüssel. Um das Schloß aufschließen zu können, klemmte Tim das Knäuel unter sein Kinn, denn er hätte es ja nicht wiedergefunden, wenn er es auf die Erde gelegt hätte.
„Bis heute Abend“, sagte November und blieb ganz still stehen, als Tim das Schloß aufgeschlossen hatte.
Tim ging zurück zu dem großen Mietshaus und sah sich die Birkenstücke an. Die beiden roten und das graue Eichhörnchen beobachteten ihn. „Wirst du das Band auch nicht fallen lassen, während du es um den Stamm legst?“ fragte Tim das graue Eichhörnchen.


„Das sicher nicht,“ antwortete das graue Eichhörnchen. „Meine Sorge ist, daß November die schweren Stücke nicht genau aufeinanderlegt und wir erschlagen wer-den, wenn der Stamm umfällt.“ „November ist vier Meter hoch und hat einen superstarken Rüssel,“ sagte Tim.
„Weißt du überhaupt, daß du mit dem Unsichtbaren Band oben sein mußt, bevor der Pirol anfängt zu singen?“ „Klar weiß ich das, schließlich ist Tante Astrid meine beste Freundin,“ entgegnete das graue Eichhörnchen.


Um Mitternacht kam November lautlos die Straße herauf. Seine riesigen Ohren wedelten, als er sich die Birkenstücke ansah.
„Zum Glück ist das unterste Stück immer das dickste,“ sagte er, „nicht auszudenken, wenn die Birke unten dünn und oben dick wäre.“
Er schlang seinen Rüssel um das erste Stück, hob es hoch und rückte es zurecht, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan als Birkenstücke aufeinander zu setzen. Doch je höher der Stamm wurde, desto langsamer ging es, und schließlich sagte November:
„Das letzte Stück schaffe ich nicht, da mußt du mir helfen.“ Er hob Tim mit dem Rüssel hoch und trug ihn und das Birkenstück in die Höhe. Geschafft !


Kaum hatte November Tim wieder auf die Erde gesetzt, begann das graue Eichhörnchen wie ein Wiesel um den Stamm zu laufen. „Es hat ja nur wenige Minuten Zeit,“ dachte Tim, „hoffentlich fällt ihm nicht das Unsichtbare Band herunter. Das würden wir ja niemals wiederfinden.“
In weniger als vier Sekunden war das graue Eichhörnchen oben angelangt. Doch was war das? Plötzlich leuchtete das Band blutrot auf, wie eine Spirale umschloß es den schwarz-weißen Birkenstamm, der so kerzengerade dastand als hätte er nicht bis zum Beginn der Nacht in Stücken auf der Erde gelegen. In diesem Augenblick begann der Pirol zu singen, und das Band wurde wieder unsichtbar.


Tim wurde sehr müde und schlief auf der Stelle ein. Durch die laute Stimme des Hausmeisters wurde er unsanft geweckt.
„Ich meinte, ich hätte gestern die Birke bis auf einen Stumpf abgesägt, aber nun steht sie wieder in voller Größe da!“ hörte er den Hausmeister sagen.
„Gut, daß du es nicht getan hast,“ sagte die Hausmeisterin, „jetzt haben wir wieder viel Grün vor dem Fenster und die vier Eichhörnchen toben wie früher in den Zweigen.“


Vier? Hatte Tim sich verhört?
Wieso vier?
„Sieh‘ nur das zweite graue Eichhörnchen,“ rief die Hausmeisterin. „Hast du je so ein riesiges Eichhörnchen gesehen?“
Natürlich weiß ich, daß Elefanten sich nicht einfach verwandeln können, dachte Tim.
Aber wenn ich dieses Eichhörnchen mit den riesengroßen Ohren und dem kurzen Schwanz mit langen borstigen Haaren sehe, glaube ich, daß es ein Elefantenhörnchen ist. Sicher wollte November nie wieder im Zirkus angekettet sein, sondern hierbleiben.


„Jetzt muß ich das Unsichtbare Band zu Tante Astrid zurückbringen,“ dachte Tim.
Aber wo ist es? Ist es als roter Faden um den Birkenstamm geschlungen? Oder hat das graue Eichhörnchen es bei seinen Nüssen versteckt? Oder ist es vielleicht auf die Erde gefallen und liegt irgendwo unsichtbar im Gras?
Niedergeschlagen ging Tim hinunter zum lila Haus am Fluss, um es Tante Astrid zu sagen. Doch sie stand schon in der Tür und lächelte Tim zu.
„Es ist nicht verloren, wie du meinst. Es ist längst wieder in einem meiner 146 Millionen Bücher. Wer sie liest und es für eine gute Tat braucht, wird es ganz gewiß darin finden.“





Weltuntergangsstimmung

Beitrag vom 18. August 2023 und 1900

Beim Aufräumen fiel mir neulich ein wilhelminisches Zeitdokument in die Hände: in Buchform der komplette Jahrgang 1900 einer Gratisbeilage der Nixdorfer Zeitung und des Britzer Tageblattes, das Sonntags-Blatt. Während Britz, ein ehemaliges Rittergut mit Schloss und Gartenareal, noch leicht identifiziert werden kann, obwohl es mittlerweile von der Hauptstadt Berlin aufgesogen und dem Stadtteil Neukölln zugeordnet wurde, sucht man Nixdorf  vergebens; mit Google-Hilfe werden allenfalls Nixdorf-Computer und andere Namensträger aus der IT- und Kfz-Branche ausgespuckt. Ein Erscheinungsort ist nicht mehr ausfindig zu machen. Dennoch wird schon beim ersten Durchblättern klar, was die (offenbar vorwiegend preußische) Leserschaft damals als Wochenendlektüre bevorzugt und aufgetischt bekommen hat: Reich bebilderte Berichte von den Kriegsschauplätzen in Südafrika und China, vom industriellen Aufschwung, von Neuerungen bei der deutschen Kriegsflotte, bisweilen auch Reportagen über aktuelle Brand- wie Eisenbahnkatastrophen, vor allem aber reichlich Adelsgeschichten. 


Natürlich darf auch die allwöchentliche Herz- und Schmerz-Fortsetzungsgeschichte nicht fehlen. Über Monate hinweg ist es der Roman „Maria da Caza“ eines Georg Freiherrn von Ompteda (verbunden jeweils mit dem Hinweis „Nachdruck verboten“). Auch „Das Dampfboot“, die „Erzählung vom Bodensee von Arthur Achleitner“ hält sich recht lange. Und in der zweiten Jahreshälfte ist es dann der Roman „Daniela“ eines Hans Wachenhusen, der die Leserschaft bis zum Jahresende gefesselt hat. Zudem wird jeweils ein buntes Allerlei mit Spielecke, Rätseln und Vexierbildern verabreicht sowie die Sparte Humoristisches mit Kurzgeschichten und Karikaturen.

In den Letzteren taucht erstaunlich oft die Gestalt des Försters auf, in der Regel zusammen mit der des Sonntagsjägers. Das Strickmuster ist dabei zumeist von entwaffnender Schlichtheit und verleitet heutzutage kaum mehr zum Schmunzeln: Beispielhaft etwa auf S. 88 unter der Überschrift Treffend ausgedrückt: Förster (zum Sonntagsjäger): „Donnerwetter…. Sie haben ja den jungen Studenten angeschossen – heute ist doch keine… Fuchsjagd!“  Oder auf S. 362 unter der Überschrift Ein Praktikus:  Sonntagsjäger: „Warum verbieten Sie den alten Weibern nicht, dass sie sich während der Jagd hier herumtreiben?“ Förster: „Fällt mir gar nicht ein, da hätten ja die Herren gar keine Ausrede mehr, wenn sie nichts treffen.“

Unter Humoristisches findet sich auf S. 80 indessen auch ein verblüffendes Dokument, das nahelegt, dass zum Jahrhundertwechsel wohl doch nicht nur Adelsverehrung, technischer Fortschrittsglaube und imperiales Getöse den Ton angegeben haben. Die Karikatur lässt vielmehr vermuten, dass es in der wilhelminischen Gesellschaft auch pessimistische Unterströmungen gegeben hat. Wie anders lässt sich der Dialog der beiden Waffenträger deuten? Könnte es sein, dass der Aufbruch ins 20. Jahrhundert angesichts der martialischen Aufrüstung der Flotte wie der militärischen Strafaktionen in Südafrika und China doch auch von Skepsis, ja von apokalyptischen Ängsten begleitet wurde – womöglich sogar in düsterer Vorahnung der beiden Jahrhundertkatastrophen, den späteren Folgen deutscher Großmannssucht? Hatten deshalb auch bereits Weltuntergangsszenarien Konjunktur? „Haben Sie gelesen, Herr Oberförster, die Welt soll untergehen?“ so fragt der bebrillte Mitjäger. „Mir egal … ich lüg mich schon durch!“, meint dazu sein bärtiger Gegenüber in der Karikatur, wie es ausschaut sehr gelassen, kaum dass er dazu die Pfeife aus dem Mund nehmen muss. Auf was sonst, als auf eine verbreitete, zumindest unterschwellige Stimmung im Volk spielt das Sonntags-Blatt hier an? Oder war es schlicht der Jahrhundertwechsel, der immer auch die Kassandras und Weltuntergangspropheten aus der Deckung hervorzulocken pflegt, nicht anders als es uns Heutigen aus Anlass des Jahrtausendwechsels  in Erinnerung geblieben ist – auch wenn es dann vor allem die Computer-Nerds waren, die den ganz großen Crash befürchtet haben. 


Nixdorf ist mittlerweile überall, und auch „wir lügen uns schon durch!“, wie der Oberförster meinte in der Karikatur. Ob der damit womöglich auch die gegenwärtig herrschende Grundstimmung noch zielgenau treffen würde?

Haarschnecken und Tigerschnegel

aktualisierter Beitrag vom 16. Juli 2021

Von den etwa 244 Arten Schnecken in Deutschland gibt es auf der Baar schon immer relativ wenig Vertreter, da die Tiere sehr kalkliebend sind. Dann wurden viele Arten durch die intensive Landwirtschaft, aber auch durch übereifrige Gärtner ausgelöscht. Wer also in seinem Garten Gift verwendet, sollte immer auch bedenken, dass nicht nur derjenige, der bekämpft wird von ihm ausgelöscht wird, sondern auch das Tier, das die Leiche frisst.

Dies bedeutet in der Konsequenz, dass sich das eigentlich bekämpfte Tier ungebremst vermehren kann. Dies sieht man wunderschön an der sogenannten Roten Wegschnecke, deren Fraßfeinde im Städtle fast komplett ausgelöscht wurden.

Tigerschnegel (Limax maximus)
– ernährt sich von den Eiern der Roten Wegschnecke

Schwarzer Schnegel (Limax cinereoniger)

Rote Wegschnecke (Arion vulgaris)

Die allermeisten Schnecken ernähren sich nicht von lebenden Pflanzen, sondern von Aas, abgestorbenen Pflanzenteilen oder auch Algen und Pilzen.

Ein besonders hübscher Vertreter ist die Haarschnecke. Von der Haarschnecke gibt es auch wieder einige Unterarten mit verschiedenen wechselnden Namen, sowohl auf deutsch als auch auf wissenschaftlich. Dies soll uns hier aber nicht sonderlich interessieren.

Bis jetzt war nur bekannt, dass es bei uns in den Wutachflühen Haarschnecken gibt.

Die Bilder aus dem Jahr 2021 sind wegen eines alten, mangelhaften plugins leider nicht mehr verfügbar.

Unten konnte ich im Jahr 2021 den ersten Fund einer Haarschnecke an der Breg zwischen Hüfingen und Bräunlingen nachweisen.

Dieses Tier und noch drei weitere konnten am 11.07.2021 auf einem blühenden Giersch gesichtet werden. Leider wollte das Tier nicht aus dem Haus rausschauen.



Wer mehr Schnecken gucken will, hier habe ich die Geschichte der Heideschnecken am Bahnhof in Hüfingen

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