Landfahrerleben
Heimreise

die Landfahrer sitzen im Wald vor einer Höhle an einem Feuer.

Hieronymus Kapitel 15

„s’ lauft so Waar jez gnueg im Land, wo bettlen und stehle, Schere-Schlifer, Hafe-Binder, alti Soldate, Säge-Feiler, Zeinemacher, anderi Strolche.”
>Johann Peter Hebel

Landfahrerleben – Heimreise

Ob der Lange Hans bei Hieronymus gelegentlich eingesprochen und das verheißene Trinkgeld abgeholt habe, wüßten wir so wenig anzugeben als die Antwort, welche der Beschenkte an die freundliche Geberin Florentina gelangen ließ, zu unserer Kenntnis gekommen. Als erwiesen dagegen müssen wir den Umstand hervorheben, daß Hieronymus seinen Freund Hans kurze Zeit nach der Fastnacht wieder einmal in der Stadt zu sehen bekam, und zwar in dem Augenblick, wo dieser von dem Amthause aus – die Hände auf dem Rücken gebunden – in Begleitung des Schließers in das „Stöckle“, einem Gefängnisturm im „süßen Winkel“, geführt wurde. Fast unbefangen hatte der Lange ihm von ferne zugewinkt, aber Hieronymus, verblüfft über den unerwarteten Auftritt, war unbeweglich stehengeblieben, ohne den Blick von dem Malefikanten abwenden zu können. Allerdings war dem jungen Manne über das Treiben der Landfahrer von seinem Meister, dem Amtsdiener, mancherlei zu Ohren gekommen: so sollte die Lohrmännin, die alte Vagantin, über das wohlfeile Einkaufen auf Jahrmärkten, über Einbrüche und Brandlegen auf dem Totenbett Geständnisse abgelegt haben, welche die Obrigkeit bewogen, von neuem auf die Sippschaft zu fahnden; allein der Lange hatte doch stets seine Ehrlichkeit so hoch beteuert, daß an diesem wenigstens Hieronymus nicht zweifeln zu dürfen glaubte. Aber bei dem jetzigen Anblick mußte des Jünglings Vertrauen doch wankend werden, und es wollte sich nicht wieder befestigen, als der Zufall ihn kurz darauf in dem Zuchthausgarten mit dem Gefangenen zusammenführte, wohin dieser zum Holzmachen kommandiert worden und wo er dem jungen Manne wiederholt versicherte, daß er so unschuldig sei wie die Säge, die er in der Hand halte, daß er bis auf den Tag nicht wisse, warum ein braver Familienvater so behandelt werde; und daß ihn niemand daure als sein Weib und seine Kinder und dergleichen mehr.

Hieronymus blieb ungläubig, wenn es ihm gleich aufrichtig leid tat, sich in einem Gegenstande seines bisherigen Vertrauens getäuscht zu haben.

Doch solche Lebenserfahrungen hinterlassen bei der Jugend selten bleibenden Eindruck, denn das Leben gleicht einem fließenden Wasser, welches an dem einen Orte wieder anhäuft, was es an dem andern weggerissen. Aus neuen Bekanntschaften, aus der innigeren Pflege früherer freundlicher Verhältnisse zieht jene Leutseligkeit ihre Nahrung, ohne welche ein offenes jugendliches Gemüt nicht zu gedeihen vermag. Der Mensch aber ist einer Farbe vergleichbar, welche durch Annäherung einer zweiten und dritten wesentlich verändert, höher oder tiefer gestimmt werden kann.

Einflußreich war darum für unser Landkind auch die Bekanntschaft mit der Ratsfamilie, wohin er durch die Base Annakäther eingeführt worden.

Die Frau Amtsrätin sah es nicht ungerne, wenn der junge, muntere Mensch zuweilen herüberkam, um bei den lärmenden Unterhaltungen und Spielen ihrer jüngeren Kinder den Aufseher und sorglichen Wärter zu machen.

Die nur einige Jahre weniger zählende Helena, mit welcher Hieronymus in den Kinderjahren bereits Freundschaft geschlossen, blieb ihm auch jetzt noch sichtlich gewogen; und wenn ihre jüngeren Geschwister sich mitunter Unschicklichkeiten und dumme Späße mit dem geduldigen, immer noch wälderisch gekleideten Sohn vom Lande erlaubten, war das gesetztere Mädchen seine Bundesgenossin und Beschützerin. Dadurch hatte sich in dem Herzen des jungen Mannes neben jener anerzogenen Hochachtung gegen höhere Stände unbewußt noch ein stilles, aber tiefgreifendes Gefühl der Dankbarkeit und Anhänglichkeit festgesetzt, welches bei jedem Anlasse, an Neujahrs-, an Namens- und Geburtstagen in sauber geschriebenen Reimen und gemalten, blumenverzierten Glückwünschen seinen herzlichen und gut gemeinten Ausdruck fand. Kleine Aufmerksamkeiten, welche ihm dieses Mädchen bisweilen zuteil werden ließ, mußten deshalb einen desto größeren Eindruck auf ihn machen, je weniger er seinem Stande und seiner Herkunft nach gewohnt war, dergleichen sich erweisen zu sehen.

Es war noch im vorigen Herbst, und Hieronymus mit den Kindern des Rats in ihren Baumgarten vor die Stadt gegangen. Unausgesetzt schöne Tage hatten Pflaumen und anderes Obst schnell zur Reife gebracht. Über die abgemähte Grasfläche schossen zwischen den alten, dunkelbelaubten Apfelbäumen in tiefem Fluge die Schwalben, und die Kinder tummelten sich im Grünen um die Wette mit diesen leicht beschwingten Bewohnern der Lüfte. Clemens, Helenens ältester Bruder, hatte einen Baum bestiegen und begann, nachdem er sich satt gegessen, die reifen Pflaumen in ein Körbchen zu sammeln, welches er sodann gefüllt der Schwester Helena hinabreichte.

Die Kinder drängten sich hastig im Kreise um diese herum, jedes mit Ungestüm seinen Teil verlangend. Aber Helena ging zuerst mit vollgefüllter Hand auf den etwas seitwärts stehenden Hieronymus zu und legte ihm freundlich die süße Frucht in beide dargehaltenen Hände, dann erst kamen die Geschwister an die Reihe. Solche Bevorzugung hatte Hieronymus nicht erwartet, und er fühlte sich durch die Aufmerksamkeit eigentümlich ergriffen. – So wenig und so viel bedarf es oft, einen Menschen froh und glücklich zu machen.

Nicht lange nach dem jüngsten Zusammentreffen mit dem Langen Hans empfing Hieronymus durch einen Landsmann, welcher bei Amt zu tun gehabt, ein Brieflein vom Vater Mathias, worin dieser in mühsam geschriebenen Zeilen dem Sohne mitteilte, daß die Mutter sehr krank, ja gefährlich darnieder gelegen. – Es zog ihn nun mächtig heimwärts, und ließ ihm weder Rast noch Ruhe. Aber der Vorsatz, der so fest gefaßte, so oft erneute Vorsatz, nicht in Laubhausen anzukehren, bevor er dort mit einigem Gewicht und Ansehen auftreten könne! – Die stolzen Pläne, welche sich an dieses vermeintliche Auftreten knüpften! Sollte das alles aufgegeben werden, sollte die unerbittliche Wirklichkeit schon diese ersten Träume zunichte machen, sollte aus den schönen Blütenansätzen nichts werden als eine kleine, eingeschrumpfte Frucht? Doch, was mag in die Waagschale fallen, wenn es die Gesundheit, vielleicht das Leben der Angehörigen gilt.

Hieronymus erbat sich Urlaub vom Meister, und noch denselben Tag machte er sich auf den Weg zu den Seinen. Das Wetter war höchst unfreundlich. Der Wind, welcher die Wolken in eiligem Zuge über die verdüsterte Landschaft jagte und mächtig in den noch kahlen Baumgerippen sauste, kam ihm gerade entgegen. Und doch trieb es ihn so unaufhaltsam vorwärts; konnte er doch nicht wissen, wie er zu Haus alles antreffen werde! Er wünschte sich Flügel, um mit den Raben dort in hoher Luft, die, obwohl auch gegen den Sturm ankämpfend, alsbald dem Blicke entschwunden waren, über Berg und Tal dem Schwarzwald zu fittichen zu können. – Der Wanderer schlug den Weg über Hubertshofen und Mistelbrunn ein, um vor Einbruch der Nacht noch sein Ziel zu erreichen.

Als er hinter letzterem Dorfe, rechts sich wendend, schon eine Strecke waldeinwärts gegangen, fiel zufällig sein Blick auf ein umgeworfenes Bildstöcklein am Wege. In der nischenartigen Vertiefung hing schlotterig ein blechernes Täfelein, worauf, schon stark verwittert, ein Muttergottesbildchen zu erkennen war. Unter dem Gemälde, neben einer alten Jahreszahl, las man noch deutlich die Worte: Geh nicht vorüber: Ave Maria! sprich, dafür, mein Kind, wir segnen dich.

Dem jungen Wanderer war es, als hielte ihn etwas zurück bei diesem umgeworfenen Denkmal sinniger Frömmigkeit; er gedachte der kranken Mutter daheim, und sogleich entwand seinen Lippen sich das Gelöbnis, der heiligen Gottesmutter zu Ehren den Bildstock wiederherstellen zu lassen, wenn er die eigene Mutter zu Hause wieder genesen finden würde. Die Votivtafel ward in den Reisesack geschoben, und wie erleichtert schritt der Jüngling eilenden Fußes weiter.

Er war schon tief in den Wald eingedrungen. Der Wind sauste immer stärker durch die hohen Tannenwipfel, um welche da und dort nistende Reiher kreisten. Der Pfad ward immer unwegsamer, nach kurzer Strecke jede Spur davon verloren, und der Wanderer sah sich in einer Wildnis, wohin noch nicht einmal die Axt des Holzhauers gedrungen, und kaum bisweilen ein Strahl der Sonne durch das Dickicht bricht. Auf dem mitternächtlich gelegenen, steil abfallenden Boden lagerten neben himmelhohen graubärtigen Weißtannen umgeworfene Stämme, Windfälle, von Jahrhunderten her über- und untereinander, zum Teil völlig vermodert. Starrende Äste und ausgerissenes Wurzelgeflecht, hie und da sickernde Quellen und verborgene tiefe Lachen machten dem Schritte des Jünglings das Vorwärtskommen streitig. Mühsam arbeitete er sich eine Zeitlang ab, hinwegzukommen über dieses Chaos von Leben und Verwesung, und der Anstrengung gelang es endlich, an eine Stelle zu gelangen, wo der jähe Abhang quer durchrissen war von einer Schlucht mit wildem Waldwasser. Zackige Granitblöcke, wie von unbekannter Gewalt hereingeschleudert, gewährten zur Not Anhaltspunkte zum Übersetzen, und so vermochte zuletzt unser irrender Ritter sich hinaus aus dem wilden Tobel zu arbeiten und wieder gangbaren Boden zu gewinnen.

Doch an einen Weg war auch hier nicht zu denken. Schon begann es dunkel zu werden, und Hieronymus machte sich bereits mit dem Gedanken vertraut, in dieser Abgeschiedenheit sich ein frostiges Nachtlager suchen zu müssen. Erzählungen aus seiner Kindheit, von Menschen, welche in Wildnissen wochenlang herumgeirrt oder gar elend verkommen wären, fielen ihm dabei frisch ins Gedächtnis.

Bereits hatte der Ermüdete eine überhängende Tanne erspäht, welche einigen Schutz zu gewähren schien, und sich da niedergelassen, als es ihm vorkam, als erblicke er durch eine enge Lichtung des Waldes hinziehenden Rauch. – Aufspringen und dieser Richtung folgen war das Werk des nächsten Augenblickes. Kaum ein paar Schritte hatte er gemacht, als aus dem verwachsenen Gestrüpp bellend ein Hündlein auf ihn losfährt, welches aber sogleich, als ob es den Fremdling kenne, wedelnd stehenbleibt. Der nächste Schritt zeigt ihm am kleinen, moosigen Weiher ein schwarzbraunes Weib, geschäftig Linnenzeug zu waschen, welches, seiner ansichtig, in Überraschung den Namen Hieronymus ausruft. – Es war Trautel, die Vagantin. – Wer mochte froher sein als unser Ritter, dem es bei seinem Auszug so wenig um Abenteuer zu tun gewesen.

„Bist du allein?“ war Trautels erste Frage.
„Ja!“ hieß die Antwort.
„Aber, um äller Heiligen willen, wo schlagt dich das Wetter daher?“
„Ich bin verirrt“, berichtete der Wandersmann, „ich will die Eltern daheim besuchen und hab im Oberholz den Weg verloren!“
„Hieronymus!“ nahm Trautel, nähertretend, wieder das Wort, „du weißt, daß i und mei Hans dir und deinen Eltern dahoim nix äls Lieb’s und Guet’s erwiese hän, d’rum denk i au älleweil, du wearest uns jez nit vermähre und Leut, die in einm fort ung rechterweis verfolget wearet, ins Unglück bringen und unschuldig’s Bluet vergieße healfe!“
„Was das anbetrifft“, versicherte Hieronymus, „könnt Ihr ruhig schlafe, was mich nit brennt, blas ich nit. – Aber recht wär’s mir, wenn ich meine Schuh und Strümpf bei Euch e bißle trocknet könnt‘; so wie ich seh‘, habt Ihr Feuer in der Näh‘, und wenn Ihr mir nachher auf den rechten Weg verhelfe wolltet, so wär’s mir’s lieb.“
„Jo freili! Was mir tue könnet, das soll jo g’scheah; komm, Schatz“, fuhr die Vagantenmutter fort, den Angekommenen bei der Hand nehmend, „komm und wärm dich – ’s Wetter ist schaurig -’s wird heut früh Nacht und finster.“

Die Alte hatte bei diesen Worten ihren Gast auf ein nahes Haselnußgestrüpp zugeführt, wo dieser alsobald den Eingang zu einer unterirdischen Bettelküche wahrnehmen konnte, die er auch bald an der Hand seiner Circe betrat. An einem halb erloschenen Feuer waren Kinder emsig beschäftigt, unter Zank und Hader die Reste einer eben gehaltenen Mahlzeit zu vertilgen. Die geschäftige Wirtin fachte die Glut von neuem an, bereitete dem Gast einen Sitz daneben und begann unverweilt, ihm zur Stärkung ein Habermus zu kochen.

Diese Banden von Heimatlosen, bei denen Hieronymus hier eine Zuflucht gefunden und wovon die letzten Abkömmlinge heutzutage noch auf den Grenzen zwischen Deutschland und der Schweiz sich herumtreiben, führten eine Lebensweise fast wie die Zigeuner. Doch war jede einzelne Bande stets auf ein gewisses Revier beschränkt, hin- und herziehend, und in den Ortschaften und Gehöften desselben so heimisch und bekannt wie die Einwohner selbst. Einen und denselben Herbergsviter beglückten sie jedoch nur zweimal des Jahres mit ihrer Gegenwart; einmal des Sommers und einmal im Winter.

Hier thematisiert Lucian Reich wieder die Verfolgung und aber auch das Leben der Jenischen, oder wie es es nennt der Landfahrer. Für Lucian Reich waren die Landfahrer Menschen, die in Banden unterteilt ein Leben im Raum Schweiz, Schwarzwald, Baar und dem Elsaß führten.

„Jenisch“ war damals nur eine Bezeichnung für die Sprache; wie in Wikipedia so schön steht:

„Jenisch“ ist ein erstes Mal für eine Wortliste aus dem Jahr 1714 bei Friedrich Kluge (1901) angegeben, und zwar als Sprach-, nicht als Sprecherbezeichnung.

Waren diese Leute in den verschiedenen Diebspraktiken auch keine Neulinge, so übten sie dieselben doch meistenteils nur außerhalb ihres Reviers und niemals in der Herberge; hier durfte man keck vor ihnen Tür und Tor offenstehen lassen, denn die Herbergszeugnisse waren der einzige Ausweis, worauf sie sich bei Berührungen mit der Polizei zu berufen pflegten.

Den Sommer über waren Wald und Busch ihr Nachtquartier. Untertags beschäftigte sich der Mann mit den ältesten Buben mit Weidenhauen, Korbflechten, Besenmachen und andern freien Künsten, während das Weib mit den kleinsten Kindern und dem unzertrennlichen Mops oder Spitzer an irgendeiner Waldecke am Feuer lagerte und kochte. Oder sie zog mit dem jüngsten Sprößling, den sie in einer um den Nacken befestigten Schlinge vor sich hertrug, auf dem Bettel herum, welches Metier „rumgehen“ hieß und ganz methodisch ausgebildet war. – Waren Kleidung und Toilette einer solchen Rumgehenden aus Zweckmäßigkeitsgründen auch nicht immer die schönsten, so gab es auch wieder Zeiten, wo die Gattin oder Liebste im höchsten Staate einer echten Landfahrerin sich zeigen wollte. Zu diesem Staate gehörten: der roteingebändelte schwarze oder grüne Rock, eine Schürze von buntfarbigem Pers, das große, nur lose umgeschlagene Halstuch, die Haare mit farbigen Bändern durchflochten und bedeckt mit einem seidenen Tüchlein, während das oft zehnfache, mit einem Geldstück behangene Granat-Halsnister so wenig fehlen durfte wie das silber- oder messingbeschlagene Messer, welches am ledernen Riemen am Gürtel befestigt war.

Auch die Männer bettelten nicht, sie „hausierten“ bloß. Zum Betteln verstanden sie sich erst, wenn sie alt, gebrechlich und von ihrer Bande verlassen waren. So wie Gebildete in Gegenwart anderer gerne in französischer Sprache verkehren, so bedienten sich die Landfahrer unter sich einer eigenen, der sogenannten jenischen Sprache, welche der Untersuchungsrichter damaliger Zeit verstehen mußte, wollte er bei Verhören und Konfrontationen nicht an der Nase herumgeführt werden.

In Schulen versperrten die Vagantenkinder andern niemals den Platz; und den nötigsten Religionsunterricht erhielten sie von ihren guten Eltern.

Es beschränkte sich dieser lediglich auf das Auswendiglernen des Vater-unsers. Neben der eigenen Erbauung brauchten sie dieses Gebet vorzugsweise zum Behufe des „Rumgehens.“ Außerdem erhielten die Kleinen eine weitere religiöse Bildung im Auswendiglernen verschiedener Bettelsprüche, wovon hier einige zur Probe: Die Bettlerin: „Gend is au en Almuosa der Gotteswilla, mer wend au ne Vaterunser betha em heilige Sant Wendelines, daß Gott ’s Vieh und all’s g’sund erhalt.“ – Das Kind: „Almuosa – Gottswilla -‚trunser betha – ‚lines Gott Vieh g’sund halt.“

Man wird wohl begreifen, daß grasser Aberglaube geherrscht haben werde bei diesen Leuten, welche fast wie das Wild des Waldes aufwuchsen, denn etwas will doch am Ende jeder glauben; aber sie verstanden es auch trefflich, diese Schwäche der menschlichen Natur bei andern zum eigenen Vorteil auszubeuten. – Die Taschen trugen sie voll geweihter Dinge, in der beruhigenden Zuversicht, daß sie dann der „Kuonle nicht zopfe“, das heißt, daß sie der Teufel nicht holen könne. Beim Trinken verfehlten sie niemals, den linken Fuß über den rechten zu schlagen, denn das schützte, durch den Trunk nicht vergiftet, nicht verliebt, nicht wahnsinnig gemacht werden zu können.

Sympathetische Heilmittel sollten bei ihnen von Geschlecht zu Geschlecht vererbt worden sein, und sie wußten zu raten bei allem, was Menschen und Vieh in dieser Beziehung zustoßen konnte, nur, sagten sie, wär es ihnen nicht erlaubt, derartige Dienste irgendeines Gewinnes willen zu tun, aber ein Trinkgeld dafür zu nehmen, wäre nicht verboten.

Aber nicht jedesmal bestand dieses Trinkgeld in klingender Münze; es wurde ihnen mitunter auch in Form einer Handvoll ungebrannter Asche verabreicht, wie dem Langen einmal bei einem Bauer in der Baar passiert sein soll. Die vier Gäule des Bauers hatten plötzlich alle Freßlust verloren, und der Hans, im Einverständnis mit einem zufällig im Orte anwesenden Schindersknecht, erbot sich, den Hexenbann zu lösen mittels Weihwasser, gefärbt mit Kräutern aus der Weihbuschel, Heilig-Dreikönig-Salz und andern bewährten Sachen. Als sodann um Mitternacht – auf den feierlichen Ruf:

»Jetzt!“ – der mit Ketten rasselnde Schwarze beim Schein eines angeblich der heiligen Agatha geweihten Wachsstöckleins wirklich erschien, sprangen die Söhne und Knechte des Mannes aus dem Futtergang hervor und verabreichten den beiden das Trinkgeld in so rauher Währung, daß der Lange hoch und teuer verschwor, den Flegeln das Haus nie mehr betreten zu wollen. – Man rieb den Pferden die Zähne, welche die Gaukler vorher mit Seife eingerieben, mit Salz ab – und der Bann war gehoben.

Daß übrigens dies Völklein dem Landvolk nicht immer so ganz unwillkommen war, hat der Leser bereits einem früheren Kapitel entnommen.

Und warum sollte es auch ungern gesehen worden sein? War doch so ein Landfahrer ein förmliches lebendiges Urbar und mobiles Unterpfandsbuch, aus welchem der, auf Vermögensverhältnisse anderer stets etwas eifersüchtige Bauer alle Schulden, Kapitalien und Obligationen der Nachbarn rings umher erfahren konnte. Und dem ledigen Burschen oder röschen Witwer, sollte es ihm nicht willkommen gewesen sein, wenn ihm die vielerfahrene Vagantenmutter ein vollständiges Register von allen heiratsfähigen Bauerntöchtern der Umgegend vorlegte oder hersagte? Und wenn sie dann der Erwählten die Karten schlug und ihr von ferne den gewissen Freier zeigte und auch die Eltern dem Projekte günstig zu stimmen wußte, sollte dies beiden Teilen nicht ganz erwünscht gewesen sein? Und wahrlich, mehr als ein glücklicher Ehebund ist auch dazumal auf diesem „nicht mehr ungewöhnlichen Weg“ eingefädelt und zum Abschluß gebracht worden.

Die ehelichen Verbindungen dieser Landfahrer selbst waren meist Neigungsheiraten; man wird dies leicht glauben, da sie in tatsächlicher Gütergemeinschaft lebten; und was die Form der Bündnisse anbetrifft, so ist anzunehmen, daß bei ihrem Abschlusse wenig Papier verschrieben worden sei.

Was überhaupt ihre Ansichten über den Wert der Glücksgüter betrifft, so erzählte der Lange Hans einst, wie er und seine Trautel ein schönes Vermögen zusammengebracht hätten: am Abend vor der Hochzeit, sagte er, habe er seiner Trautel einen Kuß gegeben und dabei ausgerufen: „Trautl, du bist mir hundert Gulden wert.“ Hierauf habe ihm Trautel ebenfalls einen gegeben und gesagt: „Hans, du bist mir tausend wert!“ Das hätten sie nun zusammengerechnet und am ersten Abend ihrer Verehelichung schon elfhundert Gulden zusammengebracht.

Auf alten Ursprung deuten die nächtlichen Zusammenkünfte dieser Heimatlosen, welche sie alljährlich zur Herbstzeit auf irgendeinem einsamen Waldplatze abhielten. – „Lon euch au finde, am Scheuremer Eck“, „Schelmenhau!“ war die Losung, mit welcher sie auf Jahrmärkten, und wo sie sonst noch zusammentrafen, sich gegenseitig zum Feste luden.

Die nebenstehende Abbildung soll uns ein solches Nachtgelage wiedergeben. Im tiefen Walde, an der Felswand, brennt das Feuer. Der Lange schnarchend im Vorgrunde; Trautel bei der lustig brennenden Flamme – sie, die perfekte Köchin, von welcher ihr Eheliebster, der Lange Hans, zu sagen pflegte: Sie sei eine Köchin obenraus, und es gäbe nichts, was sie nicht zu kochen verstünde; so habe sie ihm einmal sogar die Schuhbürste gesotten in der Suppe gebracht! –

„s’ lauft so Waar jez gnueg im Land, wo bettlen und stehle, Schere-Schlifer, Hafe-Binder, alti Soldate, Säge-Feiler, Zeinemacher, anderi Strolche.” >Johann Peter Hebel

Auf verborgenen Pfaden ziehen unterdessen die Geladenen heran zum Schmause, der also verschwenderisch bereitet wird, daß die mutwilligen Vagantinnen oft noch die Zweige nebenstehender Holderstauden in den Teig, sodann in die Pfanne ziehen und das also fertig gemachte Holderküchlein als Wahrzeichen an dem Gesträuche hängenlassen. Nach dem Mahle beginnt die volle Lust; bald auch ertönt die Fiedel, und zu ihrem muntern Klange drehen sich auf freiem Waldplatze beim Lichte des Vollmonds die Paare. Damit es aber dem Feste nicht an der nötigen Abwechslung mangle, setzte es dabei fast regelmäßig Händel und Prügeleien ab, und namentlich pflegten die Damen wegen allzu fertiger Zunge von ihren Rittern oft traktiert zu werden, wie weiland Frau Kriemhilde von ihrem Hörning Siegfried. Auch Trautel mußte zuweilen erfahren, welch veränderlich Wesen die Liebe sei; „o Hans!“ rief sie einst im höchsten Schmerze nach solch einem kriegerischen Momente ihres Ehelebens, „wie host mi verküßt und verschlecket am Scheuremer Eck – und jetzt schlaist (schlägst) mil“ – Solche Szenen aber zogen vorüber wie Aprilschauer, auf welche der Sonnenschein des lieben Friedens rasch wiederzukehren pflegt.

Erst nach Mitternacht, wenn schon die Morgenluft durchs Gesträuche zieht und auf dem fernen Einödhof die Hähne krähen, verschwindet der Spuk; glücklich alsdann der arme Holzmacher oder der Waldbannwart, welcher tags darauf an die verlassene Feuerstelle kommt, wo die Holderstauden so köstliche Früchte tragen.

Eine nette Geschichte ist die der Holderküchlein

So haben die Jenischen bei ihren Feiern auf einsamen Waldplätzen auf Zweigen von Holunderbüschen Holderküchlein gebacken, sozusagen als Wahrzeichen. Diese haben dann am nächsten Morgen „arme Holzmacher und Waldbannwärter“ glücklich gemacht.

Im Augenblick unserer Erzählung war die Sippe des inhaftierten Langen Hans ziemlich zusammengeschmolzen. Dem Arm der Justiz waren nur Frau Trautel, ihre beiden Stiefkinder Sepple und Schön Rösel, der Stumpfarm und noch einige andere entgangen.

„O!“ jammerte die bekümmerte Trautel seufzend, „was treibt ma doch àlles mit de Leute – und es kann mei’m Mann doch nit ’s kleinst Brösele bewiese weare!“ – Die betrübte Gattin wollte weiterreden, da unterbrach sie barsch eine rauhe Stimme, aus einem finstern Winkel der Höhle kommend, und: „Lochlone, wittischer Massik!“ tönte es von dorther, was etwa so viel heißen sollte, als: Laß bleiben – ein Verräter ist da.

Es scheint, dass Lucian Reich einiges aus der Jenischen Sprache konnte, bzw. zumindest verstand.

Lochlone wittischer Massik!

Laß bleiben – ein Verräter ist da

So findet sich im Wörterbuch der Jenischen Sprache (Chochemer Loschen von 1832) der Ausdruck „wittischer Massik“ als Verräter der Diebe.

Hieronymus, um sich blickend, gewahrte jetzt erst einen Mann im Hintergrund, auf einer Moosbank ausgestreckt. – Es war der Stumpfarm, welcher jene Warnungsworte gesprochen und die Alte zum Schweigen gebracht hatte.

Er trat hervor ans Feuer, um etwas Holz nachzulegen. Der augenscheinlich gleisende Ausdruck seines Gesichtes, die Jacke aus ungeschorenem Schaffelle erinnerten Hieronymus unwillkürlich an den Wolf im Schafspelz.

„Für den Hans“, fing jener gleichgültig an, „hab ich kei Sorg, er ist sauber übers Nierenstück und hot kein Fehler als sei übertriebene Ehrlichkeit; den Zuchtverwalter und sei Frau kenn ich, es sind scharmante Leutle; ihr ältste Tochter hot mer jo sealber e Kind zum Tauf trage, wo in sealbigem Haus uf d’Welt kummen ist, von mei’m erste Weib selig.“

„O du liebs Herrgöttle“, schluchzte Trautel dazwischen, „wie wurd er jetzt so grausam Langweil hau no sei’m Weib und seine Kinder, die jetzt arme Woisle sind.“

„Und wenn der ganz Schwäbisch Kreis in helle Flamme stünd“, sagte mit verbissenem Grimm der im Schafskleid, „so wär der Himmel nit so brandig und rot als das Blut ist von all den unschuldig Hing‘ richteten und G’räderten; der Krug goht aber zum Brunne, bis er bricht – der Weltgeist steigt allweil höher und höher – und ’s Strofg‘ richt wird kummen über Sodoma und Gomorrha“, schloß er, eine Handvoll Moos in die Flamme werfend.

Hieronymus schwieg. Frau Trautel aber, nachdem sie ihre Tränen getrocknet, hatte ihr irdenes Pfeiflein hervorgezogen und diesmal, in Ermanglung des echten Holländischen, mit gedörrten Rosenblättern gestopft. Sie schmauchte mit einem Anstande, welcher einer emanzipierten Dame des neunzehnten Jahrhunderts Ehre gemacht hätte.

Eben wollte Trautel dem Gespräche eine andere Wendung geben und beeilte sich, ihrem jungen Gaste die Mahlzeit anzurichten, als man vom Eingang her leichte Tritte hörte und Schön Rösel in die Höhle trat. – Hieronymus erblicken und dem lange nicht mehr gesehenen Jugendfreunde zärtlich um den Hals fallen, war für die Schöne ein Werk des Augenblicks; aber bevor Hieronymus unter solchem Überfall unerwarteter Zärtlichkeit seine Fassung zu finden vermochte, fuhr eine Hand dermaßen ungestüm dazwischen, daß Jüngling und Mädchen, wie von einem plötzlichen Windstoße erfaßt, ein paar Schritte gegen die Wand taumelten.

Hab’s mit deiner’s Gatting!“ kreischte dabei die Stimme der intervenierenden Macht, in der Person der zärtlich eifersüchtigen Stiefmutter Trautel.

Jetzt aber ergoß sich in sprudelnder Eifersüchtigkeit aus den Kehlen beider Schönen ein Schwall von nicht zierlichen Reden, wie wenn eine Schleuse vom Müller aufgezogen wird und der Wasserstrahl sich brausend auf die Räder stürzt und das ganze Mühlwerk klappernd und schrillend in Gang kommt.

Doch der Kampf der Worte, wie mächtig er auch erbrauste, war nur das Tosen vor dem Hagelschlag, denn ein heilloser Waffentanz begann sofort mit Pfannen und Kochlöffeln. – Hundegebell und Kindergeheul machten den Chorus dazu wie in einer altgriechischen Tragödie.

Hieronymus, der noch immer nicht wußte, wie ihm geschah, hatte sich mechanisch gegen die Moosbank salviert und betrachtete die Amazonenschlacht mit neutraler Miene. Als aber im Dialog der beiden Fechtenden gewisse Reden verlauteten, welche geeignet waren, die so viel gerühmte Ehrlichkeit der Sippe zu beeinträchtigen, sprang der Stumpfarm, welcher wieder teilnahmslos in unzerstörbarer Ruhe dagelegen, rasch auf, riß ein rauchendes Scheit Holz aus dem Feuer und fuhr damit erbarmungslos zwischen die Streitenden, das Feuer mit Rauch zu ersticken.

Frau Trautel aber, welche nicht die Person war, sich so leicht in ihrem angestammten Rechte des letzten Wortes beeinträchtigen zu lassen, griff schnell nach dem Topfe mit dem siedenden Habermus, ihn dem Stumpfarm an den Kopf zu schleudern – dieser aber bückt sich rasch, dem dahersausenden Donnerkeil auszuweichen; sei es aber, daß der Wurf ursprünglich schlecht gezielt war – oder daß die Schützin die Bewegung des Feindes noch rechtzeitig erschaut – kurz, der Topf zerplatzte auf dem Rücken des alsobald von Brei übergossenen Stumpfarm, daß er dampfte wie ein gebrühtes Ferkel.

Ohne dem Gegner Zeit zur Besinnung zu lassen, fuhr das Weib, einer gereizten Bärin gleich, wider ihren Feind, und die scharfe Zunge stieß Reden aus, welche fast wie Blut und Mord klangen.

Nun entbrennt des Vaganten Zorn, die Stirnadern schwellen an, die Augen flammen und die Hand fährt nach dem Messer; da aber macht Schön Rösel Front gegen den ungeschliffenen Friedensstifter, fährt ihm mit der einen Hand in den borstigen Schopf und faßt mit der andern die waffensuchende Rechte.

Der Moment war kritisch. – Unser Ritter Hieronymus fühlte, daß er sich der bedrängten Unschuld annehmen sollte – aber ehe er über das Wie mit sich einig, war der Schwarz Sepple hereingetreten und stand mit einem Satze in der Mitte der Kämpfenden. Er hatte alsbald an den herumliegenden Waffen erkannt, welche Karten hier bei dem Spiele Trumpf wären. Den Stock hoch geschwungen, fuhr es ihm heraus: „In des Drei Teufels Namen, gebt Ruh!“ – Die hadernde Sippschaft, die Zauberkräfte dieses Stabes kennend, schien plötzlich alle Lust zur Fortsetzung des Kriegs verloren zu haben.

Gegen den Stumpfarm gewendet aber fuhr jener fort:
„Dich wird der Kuonle noch reite, bis du Quartier g’funde hast im Haus auf drei Pfähl und ohne Dach“ (womit er den Galgen meinte). Sodann, gegen die Weiber gewendet, machte er mit dem Stocke einen Strich auf den Boden mit den Worten:
„Bis daher! – Wie eine den Fuß drübersetzt – so!“ – Beide verstanden die Gebärde und fügten sich. –

Der holde Friede war somit wieder in die versöhnlichen Herzen eingezogen, und Hieronymus, welcher nach dem tragischen Ende seines Habermuses keine Ursache mehr sah zu längerem Verweilen, faßte ein Herz und wendete sich zum Sepple: „Ich hab noch ein gut Stück Wegs vor mir – es ist schon spät und finster, drum wär’s mir recht, wenn du mir ein Stück weit ausfolgen wolltest.“

Frau Trautel aber gab durchaus nicht zu, daß ihr Gast so nüchtern abziehen sollte; er mußte sich zu einem Stück Speck und Schwarzbrot bequemen und dies Mahl mit einem Schluck Wacholder würzen. – Dann aber erhob er sich mit solcher Entschiedenheit, daß die andern wohl sahen, er sei nicht länger aufzuhalten. Der Herbergsmutter drückte er einige Schweizerbatzen in die Hand und beurlaubte sich mit den Worten: „Nix für ungut, und spar Euch Gott g’sund.“ Schön Rösel aber ließ den Freund nicht scheiden ohne einen herzhaften Schmatz, so daß es dem guten Jungen fast schwül dabei ward.

„Wenn du nach Hüfingen kommst“, rief der Stumpfarm dem Scheidenden nach, „so grüß mir die Amtleut und die Gardisten und sag ihnen, sie können uns auf die Kirchweih komme, drüben im Elsaß; dem Hans kannst melde, daß er uns überm Rhein drübe finde könn, beim Jude Schmulche. – Den Zuchtverwalter und den Amtsdiener laß ich schön grüße, der Amtsrat aber“ – den Schluß dieses Auftrags konnte der Abziehende nicht mehr vernehmen, er war bereits mit seinem Begleiter auf der Oberwelt angekommen, wo es durch die finstere Nacht unheimlich sauste und stürmte und der Wandersmann ohne seinen Führer weder Weg noch Steg gefunden hätte.

Sepple begleitete ihn bis über den Wald hinaus; „da“, sagte er, gegen einen vor ihm liegenden schwarzen Punkt deutend, „das ist der Krumbehof, und rechts drübe die Straß. Du wirst schweige könne, Hieronymus, über das, was du g’sehe und g’hört hast – ’s leid’t gegewärtig s‘ Schnaufe nit – du verstehst mi scho!“
„Vollkommen!“ erwiderte der Freund, indem er seinem Wegweiser den letzten Rest seines Barvorrates als Trinkgeld aufgenötigt hatte.

Nun wieder sich selbst überlassen, dankte Hieronymus im Herzen Gott, daß er ihn so gnädig aus des Teufels Garküche erlöst habe. Allein seines Weges ziehend, überkamen ihn allerhand Gedanken. Das Bild von Schön Rösel wollte ihm nicht aus dem Sinne weichen. Noch als Knospe, d. h. als Kind, hatte man dem Mädchen ihren Beinamen gegeben, und jetzt war sie vor ihn getreten als völlig aufgeblühte wilde Rose. Ihre Züge heimelten ihn an wie eine dunkle Jugenderinnerung, Bilder vergangener Zeiten zogen im Geiste an ihm vorüber. Die verstorbene Johanna trat vor seine Seele, und ihre Tochter, jenes Kind Tolbergs, welches von dem Geschäftsführer des Fabrikherrn abgeholt worden und von welchem man bisher nichts Gewisses mehr in Erfahrung gebracht. Jetzt fiel ihm ein, wie die alte Fahlenbacherin, welche längst aus dieser Zeitlichkeit geschieden, ihm und seinen Gespielen oft erzählt, daß Schön Rösel jenes Kind Tolbergs sei, von ihm entführt und den Vaganten übergeben worden, es dadurch um sein Erbe zu betrügen; ja, sie hatte zuweilen nicht undeutlich vermerken lassen, daß der Elsässer eigentlich der wilde Jäger und wahrhaftige „Gott b’hüt üs davor“ gewesen, dem auch Dieter für betrügerisches Geld seine Seele habe verschreiben müssen.

Wenn Hieronymus letzteres auch für das hielt, was es war, für eine Altweiberfabel, so konnte er jetzt doch kaum anders, als den ersteren Behauptungen vollen Glauben beimessen. Je mehr der arme Junge nachdachte, je weniger war er mit sich selber und mit seinem heutigen Benehmen zufrieden.

Es war ihm klar, daß er eigentlich Schön Rösel hätte befreien und ihren Verwandten in die Arme führen sollen. – Doch mußte der arme Ritter nicht selbst froh sein, mit heiler Haut davongekommen zu sein? Wie – wenn ihn der heimtückische Stumpfarm als vermeintlichen Verräter aus dem Wege geschafft und allenfalls in den moosigen Weiher geworfen hätte, denn so viel von der Spitzbubensprache hatte Hieronymus inne, daß er jene Worte des mißtrauisch verschlagenen Alten verstanden; oder wenn während seines Verweilens der Bande plötzlich eine Streif wache über den Hals gekommen wäre, wie angenehm für Hieronymus, mitverhaftet und auf einem Leiterwagen in Gesellschaft seiner Freunde in die Stadt abgeführt zu werden, denn mitgefangen – mitgehangen, lautete es dann. Von solch wirren Betrachtungen zogen ihn endlich Anwandlungen von großer Müdigkeit ab, die sich ihm wie bleierne Gewichte auf seine Sinne legten, so daß er, ein zweiter Odysseus, nach langer Irrfahrt sozusagen schlafend in der Heimat anlangte.

Geräuschlos ward am Vaterhaus die hintere hölzerne Laube erstiegen und die Türe an der obern unbewohnten Kammer geöffnet, allwo der wegmüde Mensch, ohne sich Zeit zum Ausziehen zu gönnen, auf einem seit seinem Wegzug nicht mehr benützten Strohsack schnell den erquicklichen Schlaf fand.

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Schillertannne 2.0

  Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,
Und neues Leben blüht aus den Ruinen.
(Friedrich Schiller: Wilhelm Tell IV, 2)

Ob neues Leben wohl auch aus Baumruinen zu erblühen vermag? Friedrich Schiller wird ein besonderes Faible für den Forstberuf nachgesagt. Die Bemühungen um Nachhaltigkeit, das Planen über Baumgenerationen hinweg, hatten ihm offenbar Respekt abgenötigt. Schon sein Vater, in späten Jahren Vorstand der Hofgärtnerei auf der Solitude, hat mit Bäumen zu tun gehabt, und des Dichters Ältester war, gewiss nicht ohne väterliches Zutun, in den Kgl. württembergischen Forstdienst eingetreten. Zu Schillers 100. Todestag errichtete man vielerorts Gedenksteine, in der Bergstadt St. Georgen hingegen wurde ihm 1905 ein Naturdenkmal gewidmet: die „Schillertanne“; die dürfte schon zu des Dichters Lebzeiten ein stattlicher Baum gewesen sein. Sie steht, namentlich verzeichnet in der Wander- und Freizeitkarte, an einem als Wander- und Radweg ausgewiesenen Forstweg im St. Georgener Stadtwalddistrikt Röhlinwald. Ihr Alter wird auf ca. 350 Jahre geschätzt bei einem Stammumfang in Brusthöhe von 4,70 Meter, womit sie zu den stärksten Tannenriesen des Schwarzwalds gehört und nicht nur für Bildungsbürger ein beliebtes Wanderziel darstellt. Name, mutmaßliches Alter und Maße sind auf einer (längst nicht mehr aktuellen) Hinweistafel am Stammfuß vermerkt, eine Sitzbank lud zum Verweilen ein – zum Gedenken an den „Dichterfürsten aus dem Schwabenland“, mehr noch zur Bewunderung des geschützten Naturdenkmals. Im Jahr 1961 hatte ein Sturm der Weißtanne den Hauptwipfel abgerissen; doch an der Bruchstelle war – nicht untypisch für die Baumart – aus verbliebenem Grün alsbald wieder ein neuer Wipfel herangewachsen: Zuvor hatte man eine Baumhöhe von 44 m gemessen, nun, ein halbes Jahrhundert nach dem Bruch, waren es doch wieder ca. 35 m geworden. Trotz Waldsterben und Klimastress machte die Tanne mit ihrer neu gebildeten Krone noch 2023 einen durchaus vitalen Eindruck auf die Besucher.

Dennoch hätte die Schillertanne den 200. Todestag des Dichters beinahe nur noch um fünf Jahre überlebt: Im Spätsommer 2010 hat die untere Naturschutzbehörde die im Naturdenkmalbuch eingetragene Tanne auf Drängen des Forstrevierleiters aus Verkehrssicherheitsgründen zur Fällung freigegeben1. Das amtliche „Todesurteil“ für den Baum hatte den Stadtbaumeister so sehr irritiert, dass er den Stadtgärtner beauftragte, sich die Tanne und deren Gesundheitszustand doch noch einmal genauer anzuschauen. Weil aber Gärtner sich zwar mit Tannenreisig, weniger mit betagten Tannenbäumen auszukennen pflegen, beschloss man im Rathaus, zusätzlich noch den Rat eines Baumsachverständigen einzuholen. Dessen Gutachten fiel eindeutig aus: Am Stamm bestätigte er zwar in ca. 11 m Höhe einen halbseits sichtbaren Tannenkrebs sowie an dessen Holzgeschwür auch schon einen Fruchtkörper des Weißfäule verursachenden Feuerschwamms sowie mehrere Spechthöhlen. Doch eine akute Gefährdung der Passanten auf dem Forstweg schloss der Experte rundweg aus. Vielmehr weise der Baum das typische Erscheinungsbild alter Weißtannen auf. Selbst ein Stammbruch in Höhe der Krebsstelle, wie er nicht gänzlich auszuschließen sei, müsse nicht zwangsläufig eine Gefahr für die Wegbenutzer bedeuten, denn der Baum stehe drei Meter vom Fahrbahnrand entfernt, so dass die Krone im Falle eines Bruches, der Schwerkraft folgend, eher nicht auf den Weg stürzen werde. Weil sich unterhalb des Krebsstelle bereits ein kräftiger Ast kandelaberartig empor zu richten begonnen hatte, könne die Tanne auch ohne ihre (bereits zweite) Krone möglicherweise noch über Jahrhunderte weiterexistieren, ein maximales Alter von 6 bis 700 Jahren sei schließlich für Weißtannen verbürgt. Allenfalls die Sitzbank solle man aus dem potenziellen Gefahrenbereich versetzen, damit aber sei der Verkehrssicherungspflicht einstweilen Genüge getan.

Wie es sich in der Stadt herumgesprochen hatte, soll – ausgerechnet! – der Rat eines Höhlenbrüterexperten den Förster dazu veranlasst haben, die Fällung des geschützten Naturdenkmals zu beantragen; was der Ornithologe freilich entschieden zurückweist. Vielmehr habe er anlässlich eines Revierbegangs mit dem Förster auf dessen haftungsrechtliche Bedenken hin auf einige Dürräste in der Krone aufmerksam gemacht, die man im Zweifel ja würde beseitigen können. Keinesfalls habe er zur Fällung geraten, sondern auf die Bruthöhle des Buntspechts hingewiesen. Diese habe der Förster in seiner Empfehlung gegenüber der Naturschutzbehörde freilich unerwähnt gelassen – genießen Bruthöhlenbäume doch (gem. § 43 Abs. 2 Satz 2 NSchG) den besonderen Schutz des Gesetzes.

Zwischenzeitlich hatte auch die örtliche Presse Wind von der angeordneten Fällung bekommen und über die Entscheidung der Naturschutzbehörde berichtet. Zwar löste der Bericht in der Bürgerschaft keinen Sturm der Entrüstung aus, gewiss wäre auch kein St. Georgener auf die Idee verfallen, sich nach den Vorbildern von Stuttgart 21 an den Tannenstamm zu ketten, gar die Tannenkrone zu besetzen. Doch Unruhe war aufgekommen, und manch einer hat auch seinem Unverständnis Luft gemacht. Durch die Proteste, vor allem aber durch das Gutachten des Baumsachverständigen sah man sich immerhin dazu veranlasst, die Entscheidung auszusetzen. Von Seiten der Naturschutzbehörde wurde jedoch eine gerätetechnische Untersuchung der Standfestigkeit des Stammes verlangt sowie die Beseitigung von Dürrastmaterial mit Hilfe einer Hebebühne. Viel hatte dennoch nicht gefehlt, und die Schillertanne wäre ums Haar beseitigt worden! 

Was sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht bis in alle Amtsstuben herumgesprochen hatte: Am 6. August 2010 sind einige geringfügige, für die Verkehrssicherungspflicht jedoch desto bedeutsamere Änderungen des Bundeswaldgesetzes in Kraft getreten. So wurde die durch die Bundesländer umzusetzende Rahmenregelung, wonach (im § 14 Abs. 1 BWaldG) das Betreten des Waldes „auf eigene Gefahr“ geschieht, ergänzt um einen klärenden Satz: „Dies gilt insbesondere für waldtypische Gefahren.“ Schon zuvor hatte die forstliche Fachpresse (16/2010 AFZ-DerWald) über ein Urteil des Landgerichts Saarbrücken (vom 3. 3. 2010, Az. 12 0 271/06) zur Verkehrssicherungspflicht der Waldbesitzer auf Waldwegen berichtet. In ihm wurde die Klage einer Waldbesucherin abgewiesen, die durch einen herabfallenden Eichenast schwer verletzt worden war. Sollte etwa keine „waldtypische Gefahr“ sein, was schlimmstenfalls von der Schillertanne drohte? Mag man an öffentlichen Straßen und Schienen noch jegliches Verständnis aufbringen für haftungsrechtliche Risiken und allfällige Präventivmaßnahmen, auch für Übertreibungen aller Art: Längs von Waldwegen indessen, zumal weitab von Siedlungen im Bestandesinneren, sollten andere Maßstäbe gelten: Nach dem erklärten Willen des Gesetzgebers sollen Förster und Waldeigentümer hier „die Kirche im Dorf lassen“ und also auch mehr Toleranz walten lassen angesichts altehrwürdiger Baumdenkmäler, Spechtbäumen und Baumruinen, den waldtypischen Gefahrenquellen. 

Ließ sich die Tanne nun vielleicht doch noch retten, oder hatte sich der Krebs inzwischen weiter durch den Stamm gefressen und so die Gefahrenlage „atypisch“ verschärft? Knapp darunter hatte sich bereits ein mächtiger Ast kandelaberartig empor gerichtet mit erneuter  Aussicht auf eine Ersatzkrone. So könnte die Tanne trotz eines Stammbruchs den St. Georgenern weiterhin erhalten bleiben – wer weiß, womöglich bis zum 250. oder gar 300. Todestag Friedrich Schillers? Wo sie hier doch Erfahrung haben im Umgang mit „Gedächtnistannen“: Spätestens seit 1719, als der hiesige Vikar und Magister der Philosophie Friedrich Wilhelm Breuninger sein dickleibiges Buch über die „wahre“ Donauquelle veröffentlicht hatte. In ihm hatte er im Auftrag des württembergischen Herzogs den Nachweis zu erbringen bemüht, dass die Donau nicht etwa in Donaueschingen, sondern am nahen Hirzbauernhof entspringt. Sein Beweisstück: eine gewaltige Wettertanne, die man auf dem dortigen Weidfeld schon deshalb nie gefällt habe, weil sie seit Urzeiten dem Andenken an die Donauquelle gewidmet gewesen sei.

Doch am 11. Mai 2022 erschien im Lokalteil der Tageszeitung ein ausführlicher und bebilderter Bericht unter der Überschrift Gibt es bald eine Schillertanne 2.0? Darunter: Gemeinderat: Das Naturdenkmal im Stadtwald könnte wegen Tannenkrebs zur Gefahr für Passanten werden. Die Stadtverwaltung wolle die Gefahr gerne aus dem Weg schaffen und den Baum fällen lassen. Bei einem Naturdenkmal sei dies allerdings gar nicht so einfach. Weshalb Gemeinderäte, Bürgermeister und Verwaltungsmitarbeiter zusammen mit Forstrevier- und Forstamtsleiter sich bei einer Waldbegehung vor Ort ein Bild von der aktuellen Situation verschafft und über das weitere Vorgehen beraten hätten. 

Das Ergebnis der Beratung, in die auch das Landratsamt als untere Naturschutzbehörde miteinbezogen war, liegt seit Februar 2024 vor: Zu besichtigen ist eine stark verstümmelte Tanne, die in ca. 15 m Höhe als Biotopbaum in Wellenlinie rot gekennzeichnet ist, wobei auch die Spechtlöcher in roter und grüner Farbe umrandet wurden. Ein Haufen Astwerk mit und ohne Nadelgrün ist noch am Stammfuß gelagert und lässt ahnen, wie viel der Tannekrone entnommen worden ist – alles in Allem ein überaus gewöhnungsbedürftiger Anblick! Immerhin ist der Kandelaberast weitestgehend verschont geblieben, und so bleibt eine Restchance, dass die Schillertanne den baumchirurgischen Eingriff doch noch überleben wird. 

Baumchirurgische Verstümmlung

Und sollte der Hauptstamm mit seinen Bruthöhlen und mitsamt dem Nebenwipfel doch nächstens das Zeitliche segnen, so wissen die Förster dem Bericht zufolge heute bereits Rat: Ein Stück weiter unten, mitten im Bestand und abseits von Wegen steht noch eine zweite Tanne, die nach Alter und Stärke, wie auch nach derzeitigem Gesundheitszustand das Zeug zu einem Naturdenkmal hätte, sofern die Naturschutzbehörde mitzieht – die „Schillertanne 2.0“.  So oder so: mit Unmutsäußerungen der Bergstädter ist wohl eh nicht mehr zu rechnen, wo doch auch das Andenken an den Dichter Friedrich Schiller weit in den Hintergrund getreten ist in unserer krisengebeutelten Gegenwartsgesellschaft.

Schillertanne 2022
Schillertanne 2024
Kronenloses Naturdenkmal 2024

1 Hockenjos, W.: Schillertanne – ein Lehrstück. Naturdenkmal am seidenen Faden der Verkehrssicherungspflicht. AFZ-DerWald 4/2011

Kompetente Visionen des Patriarchats Teil 7

Ein sehr wichtiges Privileg ist das eines von den Bürgern bezahlten Dienstwagens exklusiv nur für den Bürgermeister vom lokalen CDU Autohaus.

Nicht nur der OB von Tübingen hat keinen Dienstwagen, auch der Oberbürgermeister von Donaueschingen zieht es vor mit dem Fahrrad zu fahren – es ständen ja genug Fahrzeuge der Stadt zur Verfügung, falls er eines brauche. Die Stadt Hüfingen hat drei Dienstfahrzeuge und der Gemeindevollzugsbedienstete sogar einen Ford Focus Kombi.

Allerdings ist ein Hüfinger Bürgermeister ist auch deutlich wichtiger als alle anderen Männer und muss allzeit bereit sein, mit einem exklusiven Wagen auf den Ortschaften bei der nächsten fröhlichen Zusammenkunft standesgemäß präsent zu sein. Wobei sich wieder viele Fragen auftun.

Ein Bm einer Gemeinde unter 10.000 Einwohner hat Grundgehaltsstufe A 16 ‐ was einem monatlichen Bruttoverdienst von 8110,70 Euro entspricht. Hinzu kommt eine steuerfreie Dienstaufwandsentschädigung von 13,5 Prozent. So steigt das monatliche Einkommen auf 9205,65 Euro. Dann Sitze in Aufsichtsräten, Zweckverbänden, Familienzuschläge, so liegt das Monatseinkommen bei über 10.000 Euro. (Bei der zweiten Amtsperiode steigt das nochmal ordentlich). Dann gibt es ab 2024 eine Gehaltserhöhung um 11,5.

Lehrjahre
Kleinstädterleben
Das Freischießen

Zwei Jäger mit Flinten in Begleitung von Kindern und zwei älteren Herren. Im Hintergrund

Hieronymus Kapitel 13

“De freudig Stündli isch’s nit e Fündli?”
>Johann Peter Hebel

Die Lehrjahre – Kleinstädterleben – Das Freischießen

Hieronymus, wie das Kind im Hause des Meisters gehalten, zeigte sich willig wie anstellig und hatte sich bald wieder an die regelmäßige Arbeit gewöhnt. In kurzer Zeit war er so weit, daß er dem Meister brauchbare Arbeit liefern konnte. – Denn schon bei seinem Scheiden von der Heimat hatte er den guten Vorsatz gehabt, nicht eher an eine Rückkehr zu denken, bevor er nicht etwas Namhaftes erlernt und eine gewisse Selbständigkeit erworben habe. – Allerdings mußte er diesen Entschluß sich manchmal wieder zurückrufen, wenn ihn eine Sehnsucht beschlich nach den Tälern und Bergen, dem Schauplatz seines Jugendlebens. – Besonders lebhaft traten diese Bilder vor seine Seele, wenn er nach Feierabend an seinem Kammerfenster stand, und die fernen Tannenberge ihre dunklen Umrisse in verglimmendem Abendrot abzeichneten, oder phantastische Wolkengebilde wie Schlösser und Gebirge dort aufstiegen und – wandelbar wie Gedanken – wieder zerflossen im dämmerigen Luftmeer. – Doch blieb ihm glücklicherweise wenig Muße, solchen Gedanken und Träumereien nachzuhängen, denn die Gegenwart, alles, was er sah und hörte, nahm seine Teilnahme zu sehr in Anspruch; auch konnte in diesem Lebensalter, wo die Hoffnungen noch keine Täuschung erfahren haben, wo man andern so leicht vertraut und sich anschließt, bei dem offenen jungen Mann die Stelle eines Freundes unmöglich lange unbesetzt bleiben.

Schon der nächste Sonntag brachte für den Lehrling die Gelegenheit, beim Feldwaibel einen Gesellen zu finden, zu welchem er sich alsbald hingezogen fühlte, und dem er auch sein Leben lang in aufrichtiger Freundschaft zugetan blieb. Es war jener Severin, von welchem der Feldwaibel seinem jungen Vetter bereits am Tage seiner Ankunft gesprochen und eine Arbeit von ihm vorgezeigt hatte.

Severin zählte etwas mehr an Jahren als Hieronymus, allein ein eigentümliches Ereignis erschloß ihnen bald gegenseitig die Herzen. Severin besaß eine hübsche Sammlung von Zeichnungen, die er seinem Freunde am nächsten Feiertag zu zeigen versprach. „Die Mutter ist zwar krank“, fügte er seiner Einladung bei, „aber es geht gottlob wieder um ein Guts besser.

Gestern ist sie vom Kaplan versehen worden, und heut kann sie schon wieder aufstehen. – Die Gote ist den Morgen bei ihr und wartet ihr ab.“ Es war ein stiller Sonntagnachmittag, ein solcher, wo alles, selbst die Natur, zu ruhen und sich zu vertiefen scheint. – Freund Severin mit seiner betagten Mutter bewohnte ein Unterstüblein in einem abgelegenen Stadtviertel. – Als Hieronymus bei ihm eingetreten, fand er den jungen Steinmetzen eben beschäftigt, in Erwartung des versprochenen Besuchs Zeichnungen in einer Mappe zu ordnen. „Ich hab schon glaubt, du kommest nit“, erwiderte Severin freundlich, aber leise redend, den Gruß des Ankommenden. »Wir müssen ein wenig still tun, weil die Mutter schläft.“ Dabei deutete er auf die halb offenstehende Tür des Hinterofens, wo Hieronymus die sieche Matrone in einem Lehnstuhl schlummernd erblickte.

Während der Steinmetz nun behutsam das Klebtischlein von der Wand herabklappte, um die Zeichnungen daraufzulegen, nahm er wahr, wie der Blick des Malerlehrlings auf einer eingerahmten Tafel an der Wand haftete, welche einen in Alabaster gearbeiteten Steinmetzenschild enthielt. „Es ist eine Arbeit von mir, und das ist mein Steinmetzenzeichen“, erklärte er dem Lehrling.

„Ja, wenn ich’s emal so weit brächt, wie Ihr“, sagte Hieronymus mit einem tiefen Atemzug; „und g’wiß versteht Ihr Euch auch auf Musik“ fuhr er fort, auf eine Klarinette deutend, welche nebenan auf dem Schafte lag.
„Früher, ja, da hab ich viel g’spielt; es ist der Mutter ihr Liebstes – aber jetzt“, sagte er, indem er besorgt gegen den Ofen hinblickte, „jetzt – seit den paar Wochen, hab ich alles liegenlassen.“ Das Auge des Lehrlings wendete sich wieder der Schlafenden zu; es war, als suchte er nach einem Worte, das er nicht finden konnte.

Mittlerweile hatte der Steinmetz seine Mappe aufgeschlagen, und Hieronymus vermochte nur zu staunen über die zierlichen Arbeiten, welche jener ihm vorlegte. Die Blätter, alle numeriert, waren teils mit der Feder, teils in Tusch ausgeführt, und stellten mancherlei Grundrisse dar, Fenster- und Türgewände, Filialen und Blattkreuze, allerlei Maßwerk und Schnörkel. Denn wenn damals gleich die gotische Baukunst von dem herrschenden Geschmack längst schon in die ästhetische Rumpelkammer geworfen worden war, so bestand unter den Steinmetzen doch noch der Verband der alten Bauhütten, und man heischte von jedem Gesellen und angehenden Meister Kenntnis der Regeln jener Kunst.

Nachdem fast alles durchgesehen und Severin eben einen kunstreichen Riß erläutern wollte, hörte er die Mutter sich regen und mit schwacher Stimme seinen Namen rufen. Behende, aber leisen Trittes war Severin zu der Kranken geeilt, zu fragen, ob sie was bedürfe. „Severin, spiel mir doch noch einmal etwas“, lispelte die Mutter, und der Sohn gehorchte, wenngleich sichtbar beklommen. Er langte das Instrument vom Schafte herab, band zuerst sorgsam das Blatt am Mundstück fest, und spielte einen jener gemütlichen Ländler, welche die Frau stets so gerne gehört hatte. Nachdem er geendet und wieder zu der stille gewordenen Mutter hintrat – war sie zusammengesunken – eine Leiche. – Mit den Tönen war auch ihr Geist fortgezogen aus seiner gebrechlichen Hülle – hinüber in ein besseres Land!

Hieronymus teilte aufrichtig den herben Schmerz des jammernden Sohnes; der ganze bedeutsame Moment aber verfehlte seine Wirkung auf beide nicht. Es war ihnen, als seien sie schon seit Jahren bekannt, und sie blieben von nun an unwandelbar anhängliche Freunde. Den Sonntagnachmittag brachte Hieronymus gerne beim Feldwaibel zu.

Wie bereits erwähnt, hatte der Vetter den ganzen Siebenjährigen Krieg mitgemacht, und auch Annakäther, seine treuanhängliche Ehehälfte, war ihm, nach damaligem Kriegsgebrauch, ins Feld gefolgt. – „Wollte ich meine Erlebnisse aus dem Krieg alle aufschreiben“, sagte der alte Soldat oft, „so würd‘ es ein ganzes Buch geben.“ In Friedenszeiten war es die Obliegenheit der meist verheirateten Mannschaft, Polizeidienste im Bezirk und auf den Jahrmärkten zu tun und insbesondere hier im Städtchen in der landesherrlichen Strafanstalt Wachdienste zu versehen. – Die Wachstube dort mit ihrem Tabaksqualm und den Erzählungen der langgedienten Kriegskameraden hielt unsern Lehrling manches Viertelstündchen fest. – Oft auch holte ihn sonntags nach der Vesper Freund Severin ab zu einem Spaziergang.

Sie schlenderten auf Feldwegen durch die weitläufigen Gemarkungen und machten Pläne für die Zukunft, während aus dem reifenden Kornfelde die Wachtel rief oder da und dort eine Kette Rebhühner an ihnen vorbeisauste.

Seit dem Tode des Mütterleins, welches den Sohn allein bisher im Heimatorte festgehalten, war bei Severin mehr und mehr der Entschluß gereift, zu wandern und sein Fortkommen in der Fremde zu suchen. Auch Hieronymus wollte dies tun, sobald nur die Lehrzeit glücklich beendet sein würde. – Dann stand auch ihm die Welt frei und offen! – Welche Aussichten boten sich ihnen da – glänzend wie die Wolkenberge dort im sonnigen Himmelsblau, farbig wie der Regenbogen nach erfrischendem Gewitter. – Mitunter suchten sie auch den Tambour Gsell auf im Wald, wo der Alte tagelang dem Vogelfang oblag, und wo dann Hieronymus, als Zögling Stoffels, Gelegenheit hatte, seine Kenntnisse vom Jagdwesen an den Mann zu bringen.

Als sie einst, von einem solchen Ausflug heimkehrend, über die Höhen von „Schosen“ wanderten, machten sie an einer Stelle einen Augenblick Halt, die eine Aussicht bot über die weiten Fruchtfelder der Baar und den westlich liegenden Schwarzwald. Die Sonne war hinunter, und durch das Laub der vereinzelten Kirschbäume in der Nähe säuselte schon der Abendwind, dem heißen Tage kühlenden Abschied zufächelnd.
„Dort, wo jetzt der Abendstern vorkommt“, nahm Hieronymus nach einer Weile das Wort, „in der Richtung, wo die hohen Tannen stehen, da muß der Laubhauserhof liegen.“
„Hast du noch nie kein Heimweh gehabt?“ fragte Freund Severin.
„Heimweh?“ wiederholte Hieronymus. „Wenn du“ – (denn sie duztensich bereits gegenseitig) – „wüßtest, wie ich mich in der letzten Zeit von daheim fortg’sehnt hab, würdest du mich nit fragen.“
„Es muß aber doch auch recht schön sein auf’m Wald. – So en Hofbauer muß en rechter Freiherr sein, der nach niemand viel zu fragen hat“, meinte Severin. – „Ist der Laubhauser reich?“
„Das will ich meinen“, versetzte Hieronymus. „Sein Wald allein ist größer als euer Wolfbühl dort. Und der vermöglichste Bauer von euern treibt nit halb soviel Vieh auf die Weid als wie der Laubhauser.“
„Hat er Kinder?“ fragte Severin.
„Einen Sohn und eine Tochter!“
„Ist die Tochter hübsch?“ fragte Severin weiter; – hübsch! – Hieronymus wußte nicht, was er erwidern sollte. – Schön und seelengut, wollte er sagen, allein das Wort erstarb ihm auf den Lippen – und er sagte bloß: „Ich wollt nur, du könntest sie mal sehen! – Der Alte ist ein stolzer Mann“, setzte er weiter ausholend bei, „viel besser ist die Bäuerin, ganz g‘ mein und verständig und die Güte selber. – Ganz so ist auch die Tochter – der Peter aber schlagt dem Vater nach!“

Dann erzählte er, einmal in dieses Fahrwasser gekommen, dem Freund umständlich von allen Verhältnissen daheim, von frühester Jugend bis zum Abschied von dort, wobei natürlich der Name Florentina mehr als einmal genannt und hervorgehoben werden mußte.
Severin ließ ihn ausreden. Es schien ihm ein Licht aufzudämmern; jedenfalls war er glücklicher im Erraten und Verstehen, als es der Stoffel am Neujahrstag gewesen. – Herzensangelegenheiten hatten übrigens dem guten Severin für seinen Teil bisher noch wenig zu schaffen gemacht. Er glaubte an dergleichen nicht denken zu dürfen, solang er für die alte Mutter zu sorgen hatte.

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Wie heutzutag die Turner-, Sänger- und andern Feste mit ihren Fahnenweihen und Banketten das Interesse des friedliebenden Stadtbürgers allerwärts in Anspruch nehmen, ebenso allgemein war dazumal die Teilnahme an den verschiedenen kirchlichen Festlichkeiten und Umzügen. Für unsern Wäldersohn hatten diese, wenn sie auch gewohnte Dinge betrafen, doch einen neuen, großartigen Zuschnitt. Hatte er in seinem heimatlichen Tale dem Fronleichnamstag stets mit größter Erhebung beigewohnt, so sah er dieses Fest jetzt in der Amtsstadt mit einer Prachtentfaltung und unter Umständen begehen, wovon er früher keine Ahnung gehabt hatte. Das Schließen der Stadttore während der Prozession, die in Blumenpfade verwandelten Gassen, das Allerheiligste, begleitet von den zwölf jüngsten Bürgern in Uniform und mit Hellebarden auf der Schulter, die Beamten, die vierundzwanzig Ratsverwandten in ihren schwarzen Mänteln, die Grenadierkompanie in Parade, die regelmäßigen Gewehr- und Böllersalven beim Segen, das alles konnte einen hohen Eindruck auf sein Gemüt nicht verfehlen. – Ein anderes, ihm ebenso neues Gepräge trug das Jakobifest zu Ehren des Kirchenpatrons, wobei die gesamte Jakobsbruderschaft sich von nah und fern in Pilgertracht mit Stab und Muschelhut zu versammeln pflegte, um, geleitet von sämtlichen Zünften, einen Umzug zu halten.

Bei all der andächtigen Stimmung, die unsern Lehrling an solchen Tagen zu erfassen pflegte, war er jedoch immer noch in einem Alter, wo man über dem Himmlischen das Irdische nicht ganz aus den Augen verlieren möchte. Und so können wir nicht verschweigen, daß ihn die am Herz- Jesu-Fest von Händlern aus dem nahen Klettgau hergebrachten Kirschenkörbe und am Jakobifest die Zainen voll duftender „Bestlebirnen“ fast ebensosehr interessierten wie die vorgenannten Umzüge.

Übrigens fehlte es auch damals nicht an weltlichen Festlichkeiten und Vergnügen. Hervorragend darunter war das städtische Scheibenschießen, welches alljährlich auf den Tag Peter und Paul seinen Anfang nahm und allsonntäglich bis zur in den Oktober fallenden Kirchweih fortgesetzt wurde.

Schien die Bestimmung des von der fürstlichen Regierung gegebenen Schützenbriefes: „die Untertanen und Hintersassen auf eine etwa hereinbrechende Kriegsgefahr oder andern sich ergebenden Notfall zur Landesdefension tauglich zu machen“, auch keinen praktischen Wert mehr zu haben, so wurde doch immer noch daran festgehalten, daß jeder Bürger oder Bürgerssohn, der das neunzehnte Jahr zurückgelegt, verpflichtet sein sollte, den regelmäßigen, sonntäglichen Schießübungen wenigstens sechs Tage des Jahres beizuwohnen.

Das Schützenhaus stand bis 1839 auf dem Anger beim Farrenstall und die Breg wird in jener Gegend noch immer Schützenbach genannt. 1848 wurde dann im „unteren Angel“ ein neues Schützenhaus errichtet. Nach der Schützenordnung des Fürsten Karl Friedrich vom 8. Juni 1744 wurde das „Ordinarii- Wochen- und Gesellenschießen“ mit „Bürstenbüchsen“ zur Pflicht gemacht. (1)

Das Schießen begann nach dieser Ordnung alljährlich am Sonntag nach Georgi (23. April). Wie schon im vorletzten Kapitel erwähnt, war der Großvater von Lucian Reich, der Zuchtverwalter Franz Joseph Schelble, der hier zum wiederholen Male gewonnen und das „Beste“ im Hauptschießen davon getragen hatte.

Der Schützenmeister Franz Xaver Reich (der Bruder von Lucian Reich) schrieb am 2. April 1859, dass der Fürst zu Fürstenberg der Gesellschaft das Abbruchmaterial des Kegelhauses im Schloßgarten zum Bau eines neuen Schützenhauses als Geschenk überlassen habe. (1)

Postkarte von 1890 aus der Sammlung Dieter Friedt. 

Diesmal sollte der Beginn der Übungen besonders festlich begangen werden mit einem Freischießen, bei welchem die fürstliche Freigebigkeit die ersten Preise spendete. – Die Gesellschaft, welche stets noch beim Zuchthausverwalter zusammenkam und bewährte Schützen unter ihren Gliedern zählte, hatte schon geraume Zeit vorher ihre Zurüstungen zum bevorstehenden Wettkampfe gemacht. Jeder betrachtete es gewissermaßen als eine Ehrensache, die ersten Preise nicht außerhalb der Mauern der Stadt in die Hände fremder Schützen gelangen zu lassen. – Sämtliche Standrohre von großem und kleinem Kaliber wurden neu visiert (der Verwalter selbst, zur Zeit erster Schützenmeister, war der Büchsenmacherei kundig), frisch geschmirgelt und im Zuchthausgarten, in Lett gelegt, frisch eingeschossen, bei welcher Arbeit auch Hieronymus, als solcher Dinge gewöhnt, mit Hand anlegen durfte.

Der Auszug geschah nach Bestimmung des Schützenbriefs. Nach beendetem Gottesdienste wirbelten die Trommeln, und sämtliche Schützen mit Ober- und Untergewehr eilten dem Rathaus zu, wo das Schützenbanner aufbewahrt war. Von da begaben sie sich in guter Ordnung und formierten Gliedern, unter Vortritt der beiden Schützenmeister, mit fliegender Fahne, Trommeln und Pfeifen auf die Schießstatt vor dem obern Tor. Nachdem die Fahne in der Stube des Schützenhauses aufgepflanzt worden, verkündeten Böllerschüsse den Anfang des Schießens, zu welchem von nah und fern geladene Teilnehmer sich eingefunden hatten.

Der Nachmittag bildete sodann erst den Glanzpunkt des Festes. Alles war vor die Tore geströmt, auf den Schauplatz der Unterhaltung. Oben im Schützenhaus wurde Wein und Bier verzapft; an den Fenstern, welche eine Aussicht auf die Scheiben boten, erblickte man sonntäglich geputzte Frauen und Töchter.

Auch Hieronymus hatte sich unter die Zuschauer gemischt, und als er die Augen einmal hinaufgleiten ließ zu den Fenstern, gewahrte er alsbald die Frau Oberamtsrätin mit Fräulein Helena und ihren jüngeren Geschwistern dort; und fast wär er ein wenig in Verlegenheit gekommen, der n es wollte ihn bedünken, daß ihm, als Lehrling, hier in dieser Gesellschaft von Herren, Damen und Bürgern, eigentlich kein Platz gebühre. Von solchen Gedanken angewandelt, begab er sich ins Erdgeschoß des Hauses, wo die Ladbänke angebracht waren, froh, daß es ihm vergönnt sei, hier dem alten Franz, dem Büchsenspanner seines Meisters, beim Laden an die Hand gehen zu dürfen.

Postkarte von 1943 aus der Sammlung Dieter Friedt. 

Das Schießen war im besten Zug, als es – um die Mitte des Nachmittags – plötzlich hieß: „der Fürst kommt!“ – Alles geriet in Bewegung, und auch Hieronymus rannte von der Ladbank hinweg vor das Haus. Alle Blicke wendeten sich dem Städtchen zu, wo über die Brücke, von der Residenz Donaueschingen kommend, eine vierspännige Kutsche heranrollte mit einem Vorreiter und begleitet von zwei rot uniformierten Leibhusaren. In dem stattlichen offenen Wagen saß der regierende Fürst, Joseph Maria Benedikt, mit einigen Kavalieren. – Zu gleicher Zeit sah man auch seine Gemahlin, welche im Schlosse gegenüber abgestiegen, an den Fenstern desselben erscheinen, um von dort aus das Schießen mit anzusehen.

Der Landesherr mischte sich heute selbst unter die Schützen und tat manch trefflichen Schuß. Die Gewehre waren Prachtexemplare und Meisterstücke der Büchsenmacherkunst; die stahlblauen, silbereingelegten Rohre, die geschnitzten, mit Perlmutter und Elfenbein reich verzierten Schäfte und die Schloßbleche, auf welchen Scharmützel und ganze Bataillen in künstlicher Gravierung zu sehen, erregten allgemeine Bewunderung.

Der regierende Fürst, Joseph Maria Benedikt zu Fürstenberg-Stühlingen (9. Januar 1758 – 24. Juni 1796) übernahm 1783 die Regierung. Seine Frau war Maria Antonia von Hohenzollern-Hechingen. Die Ehe blieb kinderlos.

Plötzlich entstand ungewöhnlicher Lärm und Aufregung, Böllerschüsse krachten darein, und den Zeiger an der „Stechscheibe“ in seiner Hanswurstjacke sah man seine Späße und Sprünge machen: es mußte ein außergewöhnlicher Schuß gefallen sein.
„Wer?“ schallte es durch ein Sprachrohr vom Schlosse her.
„Der Zuchtverwalter!“ wurde auf diese Weise vom Schießplatz aus zurück berichtet.
Es war die Gewohnheit der Fürstin, bei jedem guten Schusse, der auf der Scheibe gezeigt wurde, vermittelst des Sprachrohrs anfragen und sich den Namen des Schützen melden zu lassen.

Der Zuchtverwalter hatte diesmal einen Glücksschuß getan – und den „Zweck“ (Zentrum) geschossen. Gleich darauf zeigte sich Fortuna auch dem Meister unseres Hieronymus gewogen, und zwar auf der „Schnapperscheibe“, und der Lehrling freute sich, daß nun doch die besten „Gaben“ im Städtlein verbleiben würden. Diese, die Gaben, bestanden im Hauptschießen in feinem Zinngeschirr, damals eine Zier jeder bürgerlichen Haushaltung, nebst etlichen silbernen Löffeln. Als Preise im „Schnapper“ dagegen sah man Wachs- und Unschlittkerzen mit verschiedenen wertvollen Rittergaben ausgestellt.

Durch den Büchsenspanner Franz war unser Lehrling Hieronymus eingeladen worden, auch einmal einen Schuß zu probieren. Der junge Bursche aber glaubte die Einladung ablehnen zu müssen – obwohl er vielleicht seine Überlegenheit über manchen Schützen fühlen mochte, dessen Kugel statt ins Schwarze in den hinter den Scheiben ansteigenden Rain oder in die benachbarten Krautgärten flog. – Allerdings – durch einen glücklichen Schuß hätte er der Gesellschaft zeigen können, daß auch er – nicht links, der Waffen nicht so ganz ungewohnt sei. – Wie aber – wenn ihm das Schicksal einen Streich spielen und die Kugel ebenfalls dem Rain oder den Gärten zuwehen würde? – Welches Gelächter alsdann unter den Zuschauern, wenn der Pritschenmeister herbeikäme, den Neuling mit dem klappernden Szepter vorschriftsmäßig abzustrafen! Nicht um alles in der Welt hätte er den Mamsellen oben am Fenster – die Ratsfamilie weilte stets noch dort – den spaßhaften Anblick verschaffen mögen. Und überdies mochte er wohl fühlen, daß es sich für den Lehrjungen nicht schicke, hier es den Herren und Meistern gleichtun zu wollen.

Postkarte von 1929 aus der Sammlung Dieter Friedt. 

Doch werden wir unsern Freund bald bei einer andern Gelegenheit im glänzendsten Lichte seiner Geschicklichkeit erblicken. Und um dem Leser diesen Moment nicht allzulange vorzuenthalten, wollen wir den Ausgang des gegenwärtigen Freischießens, welches drei Tage in Anspruch nahm, nur kurz berichten.

Wie vorauszusehen, hatte der Verwalter mit seinem Zentrumsschuß das „Beste“ im Hauptschießen davongetragen: eine große zinnerne Suppenschüssel mit einem silbernen Schöpflöffel. Seinem Freund, dem Naglermeister, warf das Glück den zweiten Preis, zwei Dutzend schwere Zinnteller, in den Schoß, während Hieronymus das Vergnügen hatte, seinem Meister einen ansehnlichen Pack Wachskerzen, Schnappergabe Nr. 1, nach Hause tragen zu dürfen. – Wem die übrigen Preise und die Rittergaben zuteil geworden, ist aus den alten, mangelhaften Schützenrodeln nicht mehr mit Gewißheit zu entnehmen.

Die Gelegenheit für Hieronymus, von welcher wir gesprochen, ergab sich bei einem der kleineren Freischießen, welche im Laufe des Herbstes in den umliegenden Dörfern ausgeschrieben wurden.

Es war ein nebliger Oktobertag, als man wohlausgerüstet von der Amtsstadt auszog, hinauf nach Mistelbrunn. Hieronymus und ein paar andere Schildknappen waren in der Gesellschaft. – Auf der Schießstatt hinter dem Wirtshaus ging es schon lebhaft zu, als unsere Freunde dort ankamen. Nach der alten, zum Sprichwort gewordenen Erfahrung: „einem nüchterne Ma goht kein Schick a“, hatten sie zuerst eine Erfrischung zu sich genommen und dann wohlgemut ihr Feuer eröffnet – diesmal jedoch ohne den gewohnten Erfolg.

Der Verwalter, welcher soeben einige fatale „Schlenker“ auf der Probierscheibe getan, schüttelte, die „Muck“ (Korn) auf seiner Büchse betrachtend, ärgerlich den Kopf: „der Wind muß mich genommen haben, denn so wie die Fähnlein weisen, zieht er an. – Wir müssen ein wenig zugeben“, meinte er, indem er vorsichtig mit beiden Daumen das Korn etwas seitwärts rückte und sodann, die Büchse auf den Nagel legend, auch das „Guckerle“ zurechtschraubte.
„Weiß nicht“, entgegnete der Kaplan, „ich hab bis jetzt immer konträr in den Wind geschossen.“
„’s ist bigott wie verhext“, brummte der nebenan stehende Schmied vom Ort, verdrießlich seine alte Radschloßbüchse auf die Ladbank schiebend.
„Den ganzen Tag noch kein ordentlicher Schuß! – Bin nur froh, daß es euch au nit besser geht, ihr Herren aus der Stadt.“
„Ein schwacher Zweikreisler hat bis jetzt noch ’s Beste inn, obwohl schon über vierzig Doppel abg’schosse worde sind“, bestätigte der inzwischen hinzugetretene Wirt, der als „Bestgeber“ das Schießen ausgeschrieben.
„Nur Geduld, der letzt hat noch nicht g’schosse!“ warf der Meister Amtsdiener hin. „Ich denk, Schwager“, wendete er sich zum Verwalter, „wir machen vorderhand Waffenstillstand. Vielleicht legt sich der Wind unterdessen.“
„Ei was, Wind!“ versetzte der Naglermeister. „Das neblig Wetter ist schuld; wir müssen am Pulver zusetzen.“

Während sie so sich berieten und jeder eine der hundert, den Schützen bekanntlich so geläufigen Ausreden vorbrachte, war Hieronymus von der Schießstatt weg gegen den vom Wald herziehenden Fußweg gesprungen, und man sah, wie er lebhaft grüßend, einem alten Gesellen, der Büchse und Kugelsack trug, die Hand reichte.

„Aha, da kommt der Stoffel!“ rief der Schmied, nach jener Richtung deutend. „Wollen seh‘, wie es dem geht, der kann mehr als Brot essen.“ Es war wirklich der Stoffel, der ehemalige Kamerad des Hieronymus, der jenen schon von ferne bemerkt hatte und ihm entgegengeeilt war.
„Ist recht, daß du da bist“, sagte, auf dem Platz angekommen, der Alte, indem er seinen Tiroler von der Schulter nahm und dann aus dem ledernen Futteral losschnallte. „Eh mein Herr, der Oberförster, kommt, mußt du é paar Schuß tun, Hieronymus. Ich will dir gleich laden.“
„Gut!“ meinte der Amtsdiener, sein Meister. „Versuch mal dein Glück, vielleicht kannst du mehr als wir.«
„Ich will’s probiere!“ entgegnete Hieronymus, freudig auf den Vorschlag eingehend.
„Nimm dich aber in acht“, warnte der Stoffel seinen Freund und drückte nicht ohne Anstrengung mit dem Setzstock die Kugel in das Rohr.
„Du weißt, der Tiroler hat viel Schluß und stoßt e‘ bißle, schießt aber sonst teufelsmäßig.“

Nachdem die Büchse geladen, trägt sie der Alte auf den Stand und Hieronymus folgt. – Fast alle Zuschauer hatten sich um die beiden geschart. Der Stoffel legt das Rohr vorn auf den Nagel, gibt dem Schützen den Kolben in die Hand, röhrt auf, reibt den Feuerstein mit dem Daumen-nagel, hält vorsichtig den aufgezogenen Hahn solange fest, bis Hieronymus den Finger in den Bügel gelegt und sich fertiggemacht, tritt dann zurück und kommandiert: „laß brechen!“ Der Schütze hält den Atem an, zielt lange endlich kracht der Schuß – aber o Schrecken! – Die Büchse rumpelt vom Nagel herab, die Schattenbleche klappern – und der Schütze liegt der Länge nach auf der Nase – im Sand. – Der Stoffel springt vor und bemächtigt sich des Geschützes – und lacht hämisch – der Gefallene rafft sich auf, bestürzt, sprachlos – reibt sich die Knie und die Ellenbogen. – Die Umstehenden aber, als sie ihn unbeschädigt sehen – brechen in ein schallendes Gelächter aus.

„Hab ich dir nit g’sagt, daß er stoßt?“ grinst der Stoffel. – Doch jetzt wenden sich alle Blicke nach der Scheibe. Der Schwarz Weißgerber, der renommierte Zeiger, den der Wirt extra von Hüfingen verschrieben und engagiert hatte, war herausgetreten, hatte kaum auf das Ziel geblickt, als er wie betrunken ins Gras taumelte. – Jetzt wußte man, wieviel Uhr es geschlagen. Neben dem Zeigerschirm qualmte Rauch auf – es krachten Böllerschüsse – und „e Mäßle vom Beste*, schreit der Stoffel durch die hohle Hand dem Zeiger zu, der, aufspringend, seinen Hut in die Höhe wirft – und endlich, nach vielen Späßen, den Zeigstock in den Schuß hängt – ein allgemeiner Ausruf der Verwunderung – das Zentrum war rund hinausgeschossen. Jetzt ging es los: „das ist wieder e Stückle vom Stoffel“, murmelte der Schmied; „dem jungen Mensch hätt’s übel aufstoßen könne“, ein anderer; „er hat ihm eine Freikugel geladen“, ein dritter.

Aber der Schuhfränzle, Gemeindeschreiber im Dorf, vom Wirt als Schützenmeister aufgestellt, rannte herbei: – „Ihr Herren“, fing er an, indem er, mit der Hand Platz machend, im Kreise herumfuhr: „Ihr Männer – ich als Schützenmeister muß Einsprach‘ erheben – Ich nehm‘ euch alle zu Zeugen, ihr habt gesehe‘, was vorgangen ist. – Der Stoffel ist mir en rechter Mensch -, ich will nix über ihn sagen. – Aber ihr habt g’seh‘, wie’s dem jungen Mensch gangen ist. – In dem alten Schützenbrief, der heutzutage noch gilt (bei diesen Worten legte der Sprecher den Zeigefinger der Rechten in den ausgestreckten Daumen der Linken), da heißt es Paragraph achtundzwanzig ganz deutlich: daß diejenigen, so mit Zauberei, Teufelswerk oder unerlaubten Sachen schießen, den Schuß verlieren und nebstdem nach rechtlicher Erkenntnis von Obrigkeits wegen in Straf verfallen. – Ihr Männer! Der Schuß kann nit gelten, ich als Schützenmeister muß protestiere.

Mit ernsthaftem Gesichte hatten viele dem Redner zugehört, andere jedoch, unter ihnen unsere Freunde, lachten. „Guter Freund!“ nahm der Verwalter das Wort, „man merkt, daß Ihr nicht auf den Kopf gefallen seid – aber laßt doch jedem sein Pläsier -; wem es Vergnügen macht, bei jedem Schuß auf die Nase zu fallen, der mag’s in Gottes Namen tun, davon steht ja nichts im Brief.“
„Wer mir das Kunststückle nachmachen will, der soll’s probieren“, meinte Hieronymus, indem er mit der Hand seine rechte, etwas geschwollene Wange hielt. Die Lacher waren jetzt auf des Lehrjungen Seite, und der Wirt konnte nicht anders sagen, als „er hat Recht“

Um jedoch unsern Freund nicht in das Licht eines Schwarzkünstlers oder Hexenmeisters zu stellen, sei es gesagt, daß alles mit ganz natürlichen Dingen zugegangen. Die Büchse hatte noch den kurzen, deutschen Schaft, dieses und Stoffels Warnung, daß das Gewehr stark stoße, hatten verursacht, daß der Schütze beim Zielen sich stark nach vorwärts gelehnt, die Büchse beim Schuß über den Nagel vorgerutscht war und jener das Gleichgewicht verloren hatte. Der Zentrumsschuß war entweder Folge seines richtigen Zielens oder bloßer Zufall.

Werfen wir zum Schluß einen Blick auf unser Bildchen, welches den Heimzug unserer Freunde darstellt, so entnehmen wir daraus, daß der beste Schuß unserem Hieronymus geblieben sein mußte, denn der Schmalzkübel, den die Buben an einem Aste, ähnlich den Männern mit der großen Traube aus dem Gelobten Lande, tragen, deutet unzweifelhaft auf das gewonnene Beste. Und wenn das nebenan hängende Päckchen etwa gar voll jener hellbraunen Bohnen wäre, ohne welche es, wie manche behaupten wollen, heutzutage fast keine zufriedene Ehe mehr gäbe – wahrlich, so dürfen wir annehmen, daß die sieghaften Schützen von ihren Frauen und Töchtern daheim mit vergnügten Gesichtern willkommen geheißen wurden.

Die „hellbraunen Bohnen“ ohne die es heutzutage fast keine zufriedene Ehe mehr gäbe, sind vermutlich Kaffeebohnen.

“De freudig Stündli isch’s nit e Fündli?”
>Johann Peter Hebel

(1) Aus den Schriften der Baar 17 (1928), Georg Tumbült: Das Fürstenbergische Kontigent Schwäbischen Kreises.

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Abschied von der Heimat
Ankunft in der Stadt

Hieronymus steht auf einer Lichtung über Hüfingen

Hieronymus Kapitel 12

“Siehsch des ordelig Städtli mit sine Fenstern und Gieble,”
>Johann Peter Hebel

Abschied von der Heimat – Ankunft in der Stadt

Zur Zeit unserer Erzählung hatte das fürstenbergische Amtsstädtchen an der Straße nach Schaffhausen und nach Freiburg noch so ziemlich sein mittelalterliches Ansehen. Die eng zusammengebauten Häuser und Gassen umgab eine Mauer mit etlichen Türmen und Schießscharten, vielfach geflickt und ausgebessert wie ein alter, abgetragener Rock. Die Vorrichtung zur Stauung des Stadtgrabens war jedoch längst schon beseitigt; im Graben selbst wuchs hohes Gras zwischen Schutthaufen und Hafenscherben, oder man fand ihn stellenweise aufgefüllt und zu wohlgelegenen Krautgärten hergerichtet.

Ebenso war die Mauer hin und wieder verbaut mit Wohnungen, Scheuern und Fruchtspeichern, und wo sie noch im Urzustand erschien, sah man manches grüne Stäudlein herabwinken, als bezeichnendes Symbol der langen Friedenszeit. – Die paar Türme, welche Mauer und Graben flankierten oder ehedem die alte, längst auch umgebaute „Burg“ in der „Hinterstadt“ beschützt hatten, dienten zu Wohnungen, die mit Verteidigungszwecken nichts mehr gemein hatten, als höchstens ihr äußeres Aussehen.

Waren die Zeiten demnach auch längst vorüber, wo es dem Bürger, laut Stadtbrief, bei Strafe verboten war, anders als bei den „rechten Toren“ aus- und einzugehen, den Harnisch oder die Armbrust zu verkaufen oder zu versetzen, so wurden nichtsdestoweniger die Tore noch jede Nacht geschlossen, und die Stadtmauer zu durchbrechen, um ein Fenster oder eine Türe einzusetzen, ward nur in Ausnahmsfällen gestattet.

Bei allerlei Handwerkstätigkeit, wie z. B. Wollenweberei und Gerberei, war die Einwohnerschaft, wie heute noch, vorzugsweise auf Landwirtschaft angewiesen. Der Ort zählte dazumal beiläufig achtzig „ganze“ und zwanzig „halbe“ Bauern, welche sich in den Besitz der weitläufigen Gemarkung mit zugehörigem Waidrecht ausschließlich teilten. Wollte ein Taglöhner oder Hintersaß ein oder ein paar Kühlein mit hinaustreiben lassen, so konnte es nur nach Maßgabe einer Anzahl gepachteter Grundstücke geschehen.

Von dem im Zunftverbande großgezogenen Kunstgewerbe – welches bekanntlich erst am Schlusse des vorigen Jahrhunderts in rasche Abnahme gekommen, und mit Aufhören der alten Reichsverfassung gänzlich in der „nüchternen Zeit“ aufging (in welcher man bekanntlich alles Bildliche und Farbige beseitigt, und selbst den Himmel noch weiß angestrichen hätte, wenn ihm beizukommen) -, grünten stets noch einzelne Zweige, die letzte, erfreuliche Blüten trieben. Auch in kleineren Städten gab es noch Meister, die nach selbstgefertigten Zeichnungen und Rissen zu arbeiten verstanden. Wie achtenswert sind nicht, um nur ein Beispiel aus der Nähe anzuführen, die Arbeiten in gebranntem Ton eines Hafnermeisters Hans Kraut, der zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts in Villingen gelebt. Welch hübsches, nicht selten mit Geschmack und phantasiereichem Schwunge gearbeitetes Gitterwerk (worin in unserer Gegend sich besonders Hofschlosser Kaltenbach in Donaueschingen ausgezeichnet) findet sich noch an öffentlichen Gebäuden, Wirtshausschildern oder Brunnen. Immer noch gab es Meister, die im Gravieren, in getriebener Arbeit in Kupfer oder in Silber, im Schnitzen und Fassen sich auszeichneten. Und gewiß nicht leicht fand sich ein bemittelter bürgerlicher Bauherr, der nicht auch an oder in seinem Hause auf irgendeine künstlerische Zier, soviel in seinen Kräften stand, bedacht gewesen wäre: eine Figur, Malerei, ein Emblem, in mannigfacher Beziehung zum Haus, Gewerbe, zur Familie oder Religion.

Die Schule dieser Kunstgewerbe waren zunächst die alten Reichsstädte, wohl auch die reichen Klöster mit ihren Sammlungen und Laienwerkstätten, so wie auch der (vielverschriene) Luxus der kleinen Höfe mehr oder weniger der Kunst und dem verwandten Handwerk Gelegenheit gab, sich zu bilden und hervorzutun. – Dazumal siedelten sich tüchtige Meister gerne auch in kleineren Städten an, während jetzt Arbeitskräfte, Talent und Kapital fast gänzlich von den großen Städten, wo man sich schnell um jeden Preis bereichern will, angezogen und aufgesogen werden. Ein solcher tüchtiger Meister war auch der Lehrherr unseres Hieronymus. Die Kunst des Fassens, Marmorierens und Gravierens war in der Familie durch mehrere Generationen hindurch vom Vater auf den Sohn vererbt worden. Bei all dieser Vielseitigkeit fand der Mann überdies noch Zeit, den Dienst eines Amtsdieners beim fürstlichen Oberamt zu versehen.

Der angehende Lehrling Hieronymus hatte nur wenig Gepäck zu tragen, als er eines Morgens, als kaum ein erster Schein des Frührots durch die alten Tannen schimmerte und der Mond wie eine Laterne, die man auszulöschen vergessen, noch am Himmel hing – das Elternhaus verließ. – Das Kistlein mit dem kurz vorher noch glücklich beschafften neuen Rock und dem Weißzeug sollte einem Kohlenfuhrmann übergeben und nachgeschickt werden.

Der Vater, Dionys und Romulus begleiteten ihn eine Strecke weit. – Wie ein Strahl der Morgensonne fiel es in sein vom Abschied ein wenig beengtes Herz, als er, im Vorbeigehen am Hofe, das Töchterlein so frühe schon am Kammerfenster stehen und ihm ihr Bhütigott zuwinken sah. – Sonst rührte sich noch niemand im Haus; nur der Sultan, des Hofes treuer Wächter, bellte, heftig an der langen Kette zerrend, dem fortziehenden Freunde ein Lebewohl nach. – Ein wenig später erschien dann auch der Oberknecht unter der Stalltür, dem Ausmarsch der vier noch eine Weile nachschauend.

Als Hieronymus am Abend vorher im Hofe Abschied genommen, hatte ihm der Bauer, nicht ohne eine gewisse Förmlichkeit, drei Brabanter in die Hand gedrückt, für den Kasten. Hieronymus wollte das viele Geld nicht nehmen: „Es soll ja ein Andenken – will sagen eine Erkenntlichkeit sein“, stotterte er etwas verwirrt, „für die vielen Wohltaten, die ich im Haus da genossen hab.“ Aber der Bauer sagte: „Nimm’s, wirst’s brauche könne! Wer nix nimmt, kommt zu nix.“ Und Hieronymus mußte das Geld nehmen.

Mutter und Tochter hatten ihn bis vor die Haustüre begleitet, wo ihn erstere noch zu fernerem Wohlverhalten ermahnte, mit der Versicherung, daß man später dann auch wieder etwas für ihn tun werde. – Florentina aber wollte noch nicht Abschied nehmen: sie komme noch einmal hinüber in die Mühle, sagte sie. Und richtig kam sie gleich nachher, einen Ballen Reistentuch in der Schürze tragend. „Das schickt die Mutter noch“, erklärte sie der überraschten Anastas, die eben im Begriffe war, das Kistlein zu packen. „Siehst – wie gut man’s mit dir meint!“ sagte die Mutter zum Sohn, mit der Schürze sich die Augen trocknend. –

„Schreib auch recht bald, Hieronymus“, bat Florentina, „und komm bald emal auf B’such.“
„Vor einem Jahr nit“, entgegnete er. „Ihr würdet sonst meinen, ich hab Heimweh!“

Als Florentina schied, gab ihr Anastasia noch’s Geleit hinüber in den Hof. Und daß Hieronymus nicht vergessen hatte, dem Töchterchen ein vielfaches Vergeltsgott an die Mutter mitzugeben, bedarf wohl keiner Versicherung. Er war allen so sehr zu Dank verpflichtet! – Und doch – hätt‘ ihn mehr als Geld und Getüch – ein anderes glücklich gemacht – ein Andenken von Florentina, und wär’s auch nur eine Kleinigkeit gewesen!

Der Schwarzebub
Danke an Hubert Mauz

Im Hinauswandern hatte der Vater Zeit genug, dem Sohn alle die guten Lehren und Ermahnungen von früher zu wiederholen und einzuprägen. – Im „Schwarzen Bue“ tranken sie noch eine Butelle Schweizer oder Markgräfler mitsammen. Dionys und Romulus versprachen, ihn nächstens einmal in der Stadt zu besuchen – dann ließen sie ihn allein weiterziehen.

s’ chunt alles jung und neu und alles schlicht im Alter zu, und alles nimmt en End, und nüt stoht still. Hörsch nit, wie ’s Wasser ruuscht, und siehsch am Himmel obe Stern an Stern? Me meint, vo alle rühr si kein, und doch ruckt alles witers, alles chunnt und goht.
>Johann Peter Hebel

Der Schwarzebub
Danke an Hubert Mauz

Der Tag ließ sich prachtvoll an. Die Sonne verfolgte ihre Bahn mit einem Feuer, welches unserm Wanderer schon an der Steig beim Zindelstein Schweißtropfen auf die Stirne lockte. – In den Wiesen und Kleeäckern um Wolterdingen sah man bereits einzelne Mähder; das Gras stand reif da in heißer Sommerluf. – Bei Bräunlingen angekommen, schlug er den Weg rechts ein, vorbei an der alten Gottesackerkirche, hinab durch den Wald.

Der Schwarzebub
Danke an Hubert Mauz

Am Ausgang des Gehölzes machte er dann einen Augenblick Halt. – Die Stadt, in welche er nun zu längerem Verbleiben eintreten sollte, lag in einiger Entfernung vor ihm. – An den fernen lichtblauen Bergen flimmerten die Luftwellen; glänzend weiße Wolken standen im reinen Ather über dem grünbedachten hohen Kirchturm. – Um ihn her, im Walde, herrschte Stille; man hörte nur hie und da das Fallen eines Tannzapfens, das Summen einer Hummel oder das Nagen eines Eichhörnchens im Gezweig. Die schlanken, jungen Fohrenstämmchen bewegten wiegend und verneigend ihre Äste in der kaum fühlbar säuselnden Luft. – Von der Donaueschinger Straße her tönte ein Posthorn, und über die Bregbrücke zog langsam ein schwerbeladener Gutwagen; das Schellengeklingel des Roßgeschirrs und das Geißelknallen der Fuhrleute klang weithin durch die Landschaft. – Der Wanderer wischte sich den Schweiß von der Stirne. – Dann, nach längerem Sinnen, zog er weiter, vorbei am felsigen Höllenstein, wo die Raben um das düstere Hochgericht flatterten, längs dem Münchhofe, gegen das Städtchen.

Blick über das Römerbad von W. Scheuchzer etwa 1825 (1)

Als Hieronymus in die Gasse einbog, worin die Wohnung des Feldwaibels lag – denn diesem wollte er zuerst einen Besuch machen -, brachte ihn eine unverhoffte Szene, die ihn beinahe erschreckte, zum Stillstehen. In einiger Entfernung nämlich rannten der Vetter und hinter demselben der Tambour, so gut ihn seine alten Füße noch zu tragen vermochten, an ihm vorüber; einige Kinder folgten. Der Feldwaibel in der Uniform, jedoch ohne Hut und Waffen, der Tambour mit einer Sense. „Sie kommen uns aus!“ schrie der Alte keuchend, da sind sie über die Mauer!“ hörte er den Feldwaibel sagen, und der Herr Kaplan, der oben zum Fenster seiner Behausung herausschaute, rief: „Da sind sie, in meinem Garten!“

Hieronymus vermutete sogleich, daß Sträflinge aus dem nahen Zuchthause, wo der Vetter Feldwaibel oft Wachdienst hatte, ausgebrochen seien und verfolgt würden. Die Nachsetzenden waren eiligst in den Kaplaneigarten gerannt, und Hieronymus zitterte bei dem Gedanken, daß hier ein Kampf oder eine Rauferei zwischen den Flüchtlingen und den Männern stattfinden könnte. Es hatten sich mehrere Leute um den Garten versammelt; der Tambour aber hatte die Türe geschlossen und niemand hineingelassen.

Hieronymus näherte sich auch und schaute ängstlich durch die Staketen. – Was sah er? – Offenbar nichts anderes, als daß ein junger Bienenschwarm „geschöpft“ werden sollte. – Der Kaplan kam herab in den Garten, öffnete das Gartenhäuschen, nahm einen leeren Bienenkorb heraus, eine Kapuze, Handschuhe und alles, was zu der Operation nötig, und überreichte den Apparat dem Feldwaibel. – Der Tambour indes dengelte und klopfte aus Leibeskräften auf seiner Sense, um die geflügelten Auswanderer, die sich in Form einer großen Traube an einen Johannisbeerstrauch angehängt, zum Bleiben zu verlocken. Der Feldwaibel, nachdem er die Rüstung angezogen, näherte sich vorsichtig, hielt den umgekehrten Korb unter den Strauch – schüttelte und – „Viktoria!“ schrie der Tambour, die Operation war gelungen.

Die Neugierigen vor dem Garten verliefen sich. Hieronymus jedoch erlaubte sich, in denselben einzutreten, wo er, nachdem er vor dem geistlichen Herrn seine Reverenz gemacht, von den Männern freudig begrüßt wurde. – Er erfuhr nun, daß der soeben einkasernierte Bienenschwarm seinem Vetter gehöre. Die Auswanderer hatten, statt in der Nähe sich niederzulassen, Reißaus genommen über Häuser und Gärten hinweg, und ein Glück war es zu nennen, daß ihr Flug nicht weiter gereicht als bis in den Garten des geistlichen Herrn, welcher sogleich, wie wir gesehen, mit bereitwilliger Hilfe entgegengekommen.

Nachdem für die völlige ordonnanzmäßige Einquartierung der summenden Kompanie Sorge getragen worden, ging der Herr Kaplan in das Haus und kam nach einiger Zeit wieder zurück mit Butter und Brot, zur Erquickung der in Schweiß geratenen Männer und zu willkommenem Labsal für unsern Reisenden, der seit dem Morgenimbiß im „Schwarzen Bue“ nichts mehr zu sich genommen.

Die Gesellschaft hatte Platz genommen auf der Bank am Hause, von wo aus man den unter ein Tuch gestellten Immenkorb noch ferner beobachten konnte. „Erst gestern“, nahm jetzt der Feldwaibel das Wort, „hat mich dein künftiger Meister, der Faßmaler, gefragt, ob du nicht bald eintreffen werdest.“
„Wenn’s auf mich allein ankommen wär'“, entgegnete Hieronymus, „so hätt ich schon gleich nach Neujahr den Bündel g’schnürt.“
„Du wirst den Meister jetzt im Augenblick nicht einmal zu Haus treffen“, erklärte ihm der Vetter. „Es ist heut ein starker Heutag, und er ist mit seiner ganzen Familie, soviel ich weiß, draus auf den Wiesen.“

„Also der Hieronymus will ein Maler und Vergolder werden?“, fragte freundlich der Herr Kaplan. „Recht so!“ setzte er bei, „es müssen alle Ständ erfüllt werden wie in einem Bienenkorb. Es können nicht alle Bauern, Schneider oder Schuhmacher werden, auch nicht alle studieren. – Und sonderbar ist’s, wie oft der Zufall oder, besser gesagt, die Vorsehung – denn ich sehe in nichts Zufall, nicht einmal in dem geringfügigen Umstand, daß die Bienen da in meinen Garten hereingeschwärmt haben – die Vorsehung, sage ich, den Menschen oft einer Lebensbahn zuführt. – So sollte ich zum Beispiel nach dem Willen meines Vaters, der ein armer Dorftaglöhner gewesen, Sattler werden. Von der Mutter aber hatte ich natürliche Anlage zur Musik geerbt.

Sie hatte eine hübsche Singstimme und sang mir mit ihren Liedern gleichsam schon an der Wiege Lieb‘ und Lust zur Musik ein; später, als ich mehr herangewachsen, brachte sie es trotz dem Widerspruch des Vaters, der alles für ‚Luxus‘ hielt, was nicht zur absoluten Leibesnotdurft gehört, dahin, daß ich als Chorsänger in unserm Heimatkirchlein mittun durfte. – Wie hätt ich damals ahnen können, daß dieses, mein wenig Singen, mir zu einem Lebensberuf verhelfen würde!«

„Um die Zeit der Hirschjagd kam der regierende Fürst zuweilen in unser Dorf ins dortige Fösterhaus; und einmal wohnte er gelegentlich auch unserm Gottesdienste bei. Mein Singen mußte ihm gefallen haben, denn nach beendetem Gottesdienst ließ er sogleich unsern Schulmeister rufen und erkundigte sich nach dem Knaben, der heut in der Kirche so hübsch gesungen habe, dann befahl er, diesen herzuholen. – Ihr könnt euch denken, wie es mir zumut war vor dem gnädigen Herrn, der mich über alles befragte und mir zuletzt die Zusicherung gab, daß er für mich sorgen werde. Ich durfte mit den Jägerburschen zu Mittag essen, und obwohl mir die Bissen trefflich schmeckten, so konnte ich doch kaum erwarten, bis ich heimspringen und der Mutter und auch dem erstaunten Vater das große Glück verkünden durfte. – Der gnädige Protektor hielt Wort, er verschaffte mir einen Freiplatz im Kloster Marchtal, wo ich neben der Musik auch zu studieren angefangen und es mit Gottes und meines Gönners Hilf bis zum geistlichen Stand gebracht habe. Und so kann ich wohl sagen: die Lieder der Mutter haben dem Sohn zu einer Existenz verholfen.«

„Ein Glück für uns“, versetzte hierauf der Feldwaibel, „daß Euer Hochwürden just auf die hiesige Kaplanei gekommen sind, denn eine bessere Kirchenmusik als die hiesige ist weit und breit keine zu finden, seit Sie die Leitung übernommen haben und den jungen Leuten unentgeltlich Unterricht erteilen.«

„Es ist richtig!“ bekräftigte der Tambour, sein kölnisches Pfeiflein aus der Rocktasche ziehend und mit frischem Knaster füllend. „Und auch das ist richtig, wie wunderbarlich der Mensch oft zu seinem Lebensglück kommen kann. Unser Herrgott hat halt unterschiedliche Kostgänger; und wenn es für den einen ein Glück ist, daß er, wie der Herr Kaplan da, schon in der Tugend was Rechtes g’lernt hat, so kann ich auch von einem erzählen, dem es zu gut kommen ist, daß er als Bub soviel wie ein angehender Taugenichts gervesen ist. – Mei Mütterle – den Vater hab ich nit mehr gekanner iss mengsmal zu mir g’sagt: ,Jörgle, du bist en fule Hund, du schaffst nit gern, mußt en Herr werde!* – Aber – du lieber Gott – zum Studieren, dazu hat’s nit g’langt; und hätt auch gar kei‘ Lust dazu gehabt. Zwar an gutem Musik-g’hör hat’s nit g’fehlt, so wenig wie bei Ihnen, Herr Kaplan; ein jedwedes Liedle hab ich nachsingen oder pfeife könne – und notabene, die konzigsten am besten. Die Mutter hat Verschiedentliches mit mir probiert: vier Wochen auf der Schneiderbutik, vierzehn Tag beim Balbiererkasper, und enmal beim’ne Gerber – en andermal als Stierbub – hat nix anschlage wolle. Wenn’s eben nit im Holz liegt, gibt’s kei‘ Pfeif. – Der liebste Aufenthalt aber war mir ’s Bärewirts Kegelplatz, und Geld hab ich mir alsfort verdient mit Kegel-aufsetzen und mit‘ m Vogelfang und Taubehandel – und bei Raufhändeln und Schlägereien bin ich b’ständig einer der vordersten gewesen, so daß mich der Stadtknecht endlich auf den Strich bekommen hat. – Und wer am’ne schöne Sonntagnachmittag unter der Vesper abgefaßt wird mit noch zwei andre, einem Schereschleifer und’s Fidelis Große, als Hasardspieler und Flucher – hinter’m Bierglas weg, bin ich gewese. – Den beiden andre hat der Schließer am nächste Morge sogleich ’s Frühstück z’recht mache müsse mit dem Haselmußstock – und wär auch mir passiert, wenn nit einer vom Stadtrat mein Göte g’wese wär. – Es sind dazumal österreichische Werber hier gelegen, vom Regiment Anspach – und allons marsch, hat’s g’heiße, alle drei in den Soldatenrock. – Gottsname, denk ich, ’s ist au so recht, ’s Mütterle aber, potz Kalbfell und Trummeschlägel, wie hat das lamentiert und g‘ meint, jetzt sei’s aus mit ihrem Jörgle – und ist doch mein größtes Glück gewese. Denn weil ich e‘ gut’s Musikg’hör g habt hab, so bin ich zur Musik kommen als Triangelspieler – und später bin ich zum Tambour avanciert. – ’s Mütterle daheim hat lang nix mehr von mir g hört, bis einer von den zwei, die mit mir im ‚Bären‘ abgefaßt worde sind, ’s Fideli’s Große, heimg’schrieben, oder vielmehr heimschreiben lasse hat – denn am Schulsack hat er nie schwer z trage g’habt -: er brauch Geld, er sei fußlos und lieg im Spital. ,Vom Jörgle‘, hat es am Ende des Briefes g’heiße, , weiß ich nur soviel, daß er den Dreiangel verloren hat und zu den Dampohren kommen ist.‘ – O jehli, wie hat mei‘ Mutterle g‘ jammert, wie ihm der alt Fideli das Schreibe vorbuchstabiert hat: de‘ Jörgle hät de Dreiangel verloren; jetzt wurd er g‘ wiß Spießrute g’jagt oder gar verschosse, hat es g‘ meint.“

Der redselige Invalide hätte sicherlich noch lang so fortgemacht, wenn ihn der Feldwaibel nicht unterbrochen, „der Abend kommt, wir wollen machen, daß sie in Ruh‘ kommen“, sagte er, auf den Bienenkorb deutend. – Und nachdem er dem geistlichen Herrn für alles bestens gedankt, trug er mit Hieronymus und dem Alten den Korb mit seinen Bewohnern vergnügt von dannen.

Postkarte von 1898 aus der Sammlung Dieter Friedt.

„Es wird jetzt wohl schon zu spät sein, daß du dich heut noch beim Meister meldest“, sagte der Feldwaibel zu seinem Vetter, nachdem sie das Geschäft zu Hause am Bienenstand vollends beendigt hatten. „Bis sie mit dem letzten Heuwagen heimkommen, wird’s jedenfalls Nacht. Also nimmst du bis morgen dein Quartier bei uns.“

Es war schon Dämmerung, als die Base Annakäther, die heute bei der Oberamtsrätin beschäftigt gewesen, nach Haus kam, wo doppelte Überraschung ihrer harrte, denn Vetter Hieronymus sprang sogleich grüßend auf sie zu, und der Tambour referierte schon von weitem über die glücklich vollzogene Vermehrung des kleinen Hausstandes.

Mit der Base waren noch zwei junge Mädchen gekommen, welche einen Korb mit Wäsche trugen, die sie mit Hilfe Annakäthers im seitwärts gelegenen Holzschopf zum Trocknen aufhängen wollten. Als Hieronymus das größere der Mädchen schärfer ins Auge faßte, glaubte er seine Freundin aus den Kinderjahren, Helene, zu erkennen, sie war groß und stark geworden, und ihre halb ihm zugewendeten Wangen färbte das Rot der vollsten Gesundheit.

Postkarte von 1899, Ansicht um 1682 aus der Sammlung Dieter Friedt.

Sollte er ihr entgegengehen, sie begrüßen? – War es schicklich, sie anzureden – oder unhöflich, es nicht zu tun? Er konnte nicht ganz mit sich einig werden. – Jetzt wendete sie das Gesicht einmal gegen ihn, wahrscheinlich, weil die Base soeben von ihm gesprochen – er sah sich in peinlichste Verlegenheit versetzt. – Zu lange hatte er schon gezaudert, dem Fräulein entgegenzugehen, und jetzt – war es offenbar zu spät. Ärgerlich, unzufrieden mit sich selbst, war es dem guten Burschen willkommen, daß ihn der Vetter ins Haus hineinrief, wo er ihm einen eben erst erhaltenen, artig verzierten Käfig für Turteltauben zeigen wollte. „Du wirst“, meinte der Feldwaibel, „den Verfertiger dieses Stücks wahrscheinlich schon in den ersten Tagen hier kennenlernen. Er heißt Severin und ist ein geschickter Steinmetz und Zeichner.“ – Indem sie hierüber noch weitersprachen, kam auch Base Annakäther herbei, und Hieronymus beeilte sich, seinen Reisesack aufzuschnüren und ein Päckchen herauszulangen, das er ihr mit einem Gruß von der Mutter überreichte. Die Base schlug das Papier auseinander, und ein schön gestickter, goldener Haubenboden glitzerte ihr entgegen.

„Die Mutter hat es selbst gestickt!“ erklärte Hieronymus, sichtlich erfreut über den Beifall, den die Base dem Geschenke zollte.
„Deine Mutter ist eine ausnehmend geschickte Stickerin“, sagte Annakäther,“ wär sie hier oder in Donaueschingen, so könnt sie viel Geld mit ihrer Kunst verdienen. – Es freut mich – aber ihr hättet euch nit soviel Unkosten machen sollen“, setzte sie bei, während sie die Arbeit in der Hand wog und aus dem Gewicht wohl schließen konnte, daß Gold und Silber echt sein müßten.
„Ist kaum der Rede wert“, entgegnete Hieronymus. „Die Eltern und ich sind euch ja so viel Dank schuldig, daß wir’s gar nit vergelten, sondern höchstens uns e‘ bißle erkenntlich zeige könne.“
„Nun kannst du in deinen alten Tagen noch recht Staat machen“, sagte lächelnd der Feldwaibel.
„Meinst du?“ versetzte seine Frau.
„Nein, für mich ist so was nit mehr“, seufzte sie, den Kleiderkasten öffnend und das Putzstück sorgfältig hineinlegend. „Aber für’s Bäbele in Wildenstein, für das soll es einmal ein Erbstück geben.“

Während sie noch über verschiedenes, namentlich über die Einrichtung des Lehrlings beim Meister sprachen, ging die Tür auf, und zwei schalkhafte Köpfchen schauten ins Zimmer – den dreien gute Nacht wünschend.

St. Remigius – Gottesackerkirche – „Mutterkirche der Baar“
Gezeichnet von Lucian Reich 1838

(1) Die Römer in der Baar von Dr. Paul Revellio in der Badische Heimat 8 (1921)

Wir freuen uns über mehr Erkenntnisse zu diesem Podcast in den Kommentaren!

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Abendrot

Liebe Bürgerpostleser, 

heute möchte ich Ihnen einen optischen Augenschmaus zukommen lassen. Und zwar die Himmelsverfärbung am Maria Lichtmess, dem 2.2.2024 in zeitlicher Abfolge. Bild 1 als erstes wurde um 17.37 Uhr aufgenommen und Bild 5 als letztes um 17.58 Uhr, 21 Minuten später. Ein Spektakel sondersgleihen, finden Sie nicht auch? Vor allem der Wechsel von gelb zu intensivrot ist beachtlich. Bild drei ist nach Norden aufgenommen, ebenfalls ein schön gefärbter Himmmel. 

17:37 Uhr
17:58

Man konnte feststellen, dass im Januar und Februar an vielen Abenden der Himmel relativ intensiv verfärbt war. Wissen Sie, was der Grund dafür war? Mit ziemlicher Sicherheit die Vulkanausbrüche auf Island und teilweise Saharastaub. Dadurch befinden sich riesige Mengen an Kleinpartikel in der Luft, die dazu führen, dass an ihnen das Sonnenlicht stark gestreut wird und sich farbintensiv zeigt. 

Es gibt Bauernregeln, wie das Wetter je nach Himmelsfarbe werden soll. Zum Beispiel: “Obedgehl, Obedgehl, sind am andere Morge nass die Pfähl“. Das träfe auf jeden Fall zu für Bild 1 und 2. 

„Obedrot, Obedrot, ist morgen gut Wetter im Hof“ trifft zu für Bild 3 und 5 und teilweise für 4. Nach meinen Bildern war der 3. Februar kalt und schön, mein Holzbengel zeigte ein schönes Haareis. Also hat dieses Mal das Abendrot gepasst.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Die Lebensfrage
Dunkles Gewölk und Wetterleuchten am politischen Horizont
Zweckloses Treiben
Der Lehrvertrag

Ein Junge mit einem Jäger im Wald an einem Bach. Im Hintergrund Rehe.

Hieronymus Kapitel 11

Es chunnt e chuele Abedluft, und an de Halme hangt der Duft denckmol, mer göhn jez an alsgmach im stille Frieden unter Dach!
>Johann Peter Hebel

Unsern Hieronymus und seine Kameraden sehen wir nun in jene Periode eintreten, wo die Kinderwelt entschwunden ist, wo das Jünglingsleben beginnt mit seinen neuen Gefühlen, seiner eigentümlichen Anschauung, und wo die Eltern gewöhnlich die Frage zu erörtern pflegen: „Was soll eigentlich aus dem Bürschlein werden?“

Das Leben des Menschen ist dem Jahresleben eines Baumes vergleichbar, und die Jugend dem Frühling, welcher die Blüten hervorlockt. Wie ihr rosiger Schmuck die Hoffnung des Pflanzers erweckt, so entzücken uns die sich entwickelnden Eigenschaften des Kindes. Ist jedoch der Frühling vorüber, so sieht der Gärtner nach, was wohl die wehenden Lüfte, die Maifröste, Raupen und Käfer übriggelassen haben; und er ist froh, wenn von all den hoffnungsreichen Knospen nur ein bescheidener Teil sich entwickelt hat als werdende Frucht und künftig lohnende Ernte.

Zu schönen Hoffnungen durfte Vater Mathias sich gewiß berechtigt glauben, denn sein Sohn hatte bisher in allen Arbeiten ein natürliches Geschick gezeigt und mannigfache Anlagen entwickelt. Ein eigentlicher Lebensweg jedoch lag noch nicht bestimmt vor Augen. – Hieronymus war der einzige von seinen Altersgenossen, über dessen künftigen Beruf man noch zu keinem Entschluß gekommen.

Romulus hatte stets wenig Neigung zur Feldarbeit gezeigt, weshalb sein Vater auf den Gedanken gekommen war, der Bube müsse Student werden; und wirklich hatte er auch zu studieren angefangen und vom Herrn Pfarrer in den Rudimenten Unterweisung empfangen. Wenn der Neffe des geistlichen Herrn, ein Studiosus Juris, seine Ferien im Tale zubrachte, so war ihm Romulus dienstbarer Geist und Famulus, der ihm die Kleider und die Schuhe reinigen und bei Ausflügen das Ränzlein tragen durfte. Daß er nebenbei auf seine Kameraden etwas geringschätzig herabsah, konnte einem, der bereits schon lateinisch zu deklinieren verstand, nicht wohl übelgenommen werden.

Was Dionys betraf, so hatte sein Vater, der Stabhalter, als praktischer Mann, neben seiner Wirtschaft noch einen Kramladen errichtet, worin er dem gewöhnlichen Warenvorrat für den Hausbedarf noch ein Lager von Draht, Eisen- und Messingblech usw. beigesellte, um damit die Uhrenmacherwerkstätten der Umgegend versorgen zu können, welche täglich mehr an Bedeutung zunahmen. – Der junge Dionys war für sein Alter bereits ein recht gewürfelter Bursche, der sich trefflich zum Krämergeschäft anschickte. – Wenn er so des Sonntagnachmittags, wo viele Leute ab- und zugingen, vor der Ladentür stand, die Feder hinterm Ohr, so wußte er sich ein Ansehen zu geben, als wäre er Mitglied der ostindischen Handelskompanie und wüßte aller Welt die Prozente vorzurechnen.

Des Laubhausers Peter, der auch vollständig herangewachsen war, brauchte sich, als einziger Sohn des reichen Vaters, begreiflicherweise nicht viel Kopfzerbrechen über seine künftige Bestimmung zu machen. Liebe zum Bauernstand war ihm angeboren, und er kümmerte sich in der Tat nur wenig um Dinge, welche außerhalb der Marksteine des Hofgutes lagen.

So war denn Hieronymus, wie gesagt, der einzige, welcher noch zu keinem Entschlusse gekommen war. Sein Vater wünschte ihn in demjenigen ausgebildet zu sehen, was er selbst mit so viel Mühe und doch nur notdürftig andern abgelernt: im Malen und Schnitzen; und dahin ging auch das Streben des Sohnes. Es war dem Vater bekannt, daß sein Schwager, der Klosterschneider in Villingen, ein Befreundeter des Malers Schilling alldort sei, welcher zur Zeit viel für Kirchen zu malen hatte. Er nahm sich vor, gelegentlich einmal mit dem Schwager zu reden und ihn um Rat zu fragen.

Dem Klosterschneider aber wollte der Plan nicht recht einleuchten, namentlich seitdem ihm der Maler Schilling zu verstehen gegeben, wieviel Zeit, Kosten, Selbstverleugnung und Glück dazu gehörten, um bei allem Talent auf der Kunstbahn vorwärtszukommen. – Eher, sagte der Schwager, rate er zum Lehrfach: „Es ist jetzt drauf und dran“, meinte er, „daß überail die Normalschulen eingeführt werden, und ich glaub, daß der Bub da ganz am Platz wär und sein ehrlich Brot und Auskommen finden würde.“

Auch der greise Pfarrer riet dazu; weniger aber zeigte sich Bachweber mit der Sache einverstanden, nicht etwa, weil er gefürchtet hätte, Hieronymus möchte ihm dereinst ins Handwerk stehen, sondern weil er auf die Neuerung mit den Normalschulen überhaupt nicht viel hielt; die Sache, meinte er, werde nur verändert, aber nicht besser, und werde gewiß nicht lange halten. – Hieronymus, der bei dieser wichtigen Frage doch auch nicht ganz ohne Sitz und Stimme bleiben konnte, gab aber dem Kunstfach entschieden den Vorzug. Gern wäre er zu einem Uhrenschildmaler, der im benachbarten kleinen Eisenbächle ansässig, in die Lehre gegangen. Aber dieser Mann hatte es im Fache selbst noch nicht so weit gebracht, daß ein Lehrling viel hätte bei ihm profitieren können. – Auch in Hüfingen lebte – wie man vom Feldwaibel wußte – ein Maler und Vergolder, und Hieronymus bewog den Vater, mit dem Vetter dort gelegentlich einmal zu reden. – Das ward denn auch ausgeführt; die beiden zogen hinaus ins Standquartier, wo sie vom Feldwaibel, wie gewohnt, freundlichst aufgenommen wurden.

Der Kriegsmann billigte das Streben des Hieronymus und erbot sich gern zu aller Beihilfe. Ohne weiteren Verzug führte er die Angekommenen zu seinem Freunde, dem Faßmaler, den sie gerade in voller Arbeit fanden. Der Meister hatte einen reichgeschnitzten Altar unter den Händen, um ihn mit buntfarbiger Marmorierung und Vergoldung zu schmücken. Beim Anblick dieses Werkes sowie bei der raschen und sicheren Handfertigkeit des Meisters ward es dem guten Mathias fast weinerlich zumut, so klein kam er sich in diesem Augenblick vor. Sein Sohn aber faßte frischen Mut und Vertrauen.

Als der Feldwaibel dem Meister das Anliegen seines Vetters gründlich auseinandergesetzt, legte jener den Anschießpinsel und das Goldmesser aus der Hand, sah über die Brille hinweg auf den Jungen und erklärte: „Jetzt, grad im Augenblick, kann ich euren Sohn nicht unterbringen – ich hab gegenwärtig selbst noch zwei Lehrjungen; und bis der eine Schlingel ausgelernt hat, kann ich keinen andern einstellen. – Aber – hernach kann es sein, da wollen wir sehen, wie sich der kleine Wäldner anlaßt. – Die vom Wald“, setzte er bei, „haben gemeiniglich ein besseres Sitzleder und bleiben lieber bei der Stubenarbeit als die aus der Baar, die nausmüssen, wenn die Lerchen singen, ins Feld. – Ich denk, so in einem halben Jahr – wird sich’s machen lassen.“ – Mit diesen Zusicherungen schickte man sich zum Fortgehen an. „ Was ich noch sagen will*, rief der Meister den Scheidenden nach, „werdet Ihr Euren Vetter heut abend mitbringen zu mei’m Schwager, dem Verwalter?“ – Der Feldwaibel bejahte und begleitete seine Gäste wieder nach Haus, wo die Hausfrau und das Mittagessen ihrer warteten.

Das Gespräch über Mittag nahm diesmal eine Wendung über die alltäglichen eigenen Angelegenheiten hinweg. Denn das Gewitter, das in Frankreich zum Losbruch kommen sollte, zeigte sich schon als dunkles unheildrohendes Gewölk am Horizont. Das Wetterleuchten zuckte bereits herüber über den Rhein. „Ich glaub, daß ich in meinen alten Tagen nochmal Pulver zu riechen bekommen werde“, äußerte der Feldwaibel, „denn“, setzte er hinzu, „die Potentaten haben, scheint es, kein sonderliches Wohlgefallen an der Wirtschaft drüben im Nachbarland.“ Mathias erschrak bei dieser Bestätigung der trüben Nachrichten, welche der Sohn des Kaiserzollers kürzlich auf den Laubhauserhof gebracht hatte.

Er kannte den Krieg und wußte, daß der Bauer stets am meisten dabei herhalten müsse, weshalb er – wenn von Händeln und Krieg die Rede war – zu sagen pflegte, daß ihm für sein Teil der „Friedle“ der liebste sei. – Als Antwort teilte er nun dem Feldwaibel die Nachrichten des jungen Kaiserzollers mit, welche dessen Vater kürzlich von Freiburg heimgebracht: im ganzen Elsaß geh ein gefährlicher Wind, im Straßburgischen, auch hüben im Hanauer Ländle und in der Ortenau hätten sie rebelliert, und der Fürst von Heitersheim sei fort nach Passau. Ebenso hätten sich auch andere Herrschaften und Beamten aus dem Staub gemacht. – Und auch der Kaiserzoller hab seinen Verwandten sagen lassen, daß er beim ersten Rumpel mit seiner Kasse nach dem von der Landstraße weiter abgelegenen Laubhauserhof flüchten wolle. „Wenn wir heut abend beim Verwalter zLicht gehen, werden wir vielleicht mehr hören. Heut kommt die Ordinari mit der Zeitung“, entgegnete der Feldwaibel. „Es liegt etwas in der Luft und muß sich gewiß bald entscheiden.“

Der Verwalter aber, von welchem er gesprochen, war der Vorstand der Landesstrafanstalt in Hüfingen. Diese Anstalt, wohin man auch die Straf kontingente einiger benachbarter Territorien ablieferte, beherbergte damals noch Gäste eigener Art. Burschen niederer Herkunft, welche nicht guttun wollten, pflegte man unters Militär zu stecken; vornehme Familien aber zogen es vor, einem Sprößling, an welchem Hopfen und Malz verloren, ein Nebenplätzchen im Zuchthaus zu verschaffen. – In der Strafanstalt zu Hüfingen befanden sich um jene Zeit etliche solcher Gutedel, denen natürlich eine gewisse Freiheit und Bequemlichkeit gestattet ward.

Grundriss des Zucht- und Arbeitshaus (2)
siehe ganz unten

Die geräumige Wohnstube des Verwalters diente abends zur gewöhnlichen Zusammenkunft von Bürgern und Beamten, welche in vertraulichen Gesprächen über städtische und andere Angelegenheiten und Tagesfragen sich die Stunden verkürzten. Als diesmal der Feldwaibel mit seinem Vetter eintrat (Hieronymus war bei der Base geblieben), trafen sie den Kaplan gerade beschäftigt, einen Artikel aus dem Postreiter vorzulesen. Es war darin von einem Kurier die Rede, welcher mit gewissen wichtigen Depeschen durch eine gewisse Residenz gekommen sein sollte. Diese Nachricht führte unsere Gesellschaft unwillkürlich zur Erörterung der wichtigen Frage: was das wohl zu bedeuten haben werde?

– Der Feldwaibel, nachdem er seinen Gast der Gesellschaft vorgestellt, berichtete, was dieser ihm vom Kaiserzoller mitgeteilt; und man schien nicht abgeneigt, zu glauben, daß es zum Krieg kommen werde. Auch der Kaplan war dieser Meinung.

„Seine Majestät, der Kaiser“, sagte er, „ist bekanntlich verschwägert mit dem Franzosenkönig; und es sollte mich nicht wundern, wenn er mit dem König von Preußen Allianz machte, um seinem bedrängten Schwager zu Hilf zu ziehen.“
„A parbleu!“ ließ sich aus der Ecke ein junger Mann in Jagdkleidung vernehmen, „der König von Frankreich wird allein mit der rebellischen Canaille fertig werden! Hätt ich nur vier Wochen das Regime“, setzte er bei, indem er die Füße über den vor seinem Lehnstuhl stehenden Schemel legte, „ich würde der Welt ein Exempel geben.“
Der Sprecher war Monsieur Sirjean, einer jener jungen Herrn, von welchen wir oben geredet. Seine Familie, bei Kolmar begütert, war durch den Tunichtgut fast ruiniert worden und hatte ihn endlich dem Zuchthausverwalter in Hüfingen in Kost und Logis gegeben.
„Das Morgenrot der Humanität ist angebrochen“, entgegnete der Gefällverwalter, seine Perücke etwas auf die Seite schiebend. „Und ich behaupte, daß die Tugend im Zwillichkittel ebenso ehrwürdig sei wie im goldbortierten Rock. – Die Zeit, wo man Hexen schmäucht, ist Gott sei Dank vorbei. Es wird immer heller, und jeder kann sehen, daß das Horn des Überflusses von der gütigen Natur für alle Kreaturen, ohne Unterschied, ausgeschüttet wird.“ „Très bien! Mit Ausnahme der Straßburger Gänseleberpasteten“, warf spöttisch Sirjean ein; denn der philosophierende Gefällverwalter, welcher als Junggeselle lebte, hielt, nebst der Tugend und Natur, Geflügel, feines Gemüse und andere Produkte der höheren Kochkunst, welche er von Straßburg zu beziehen pflegte, für das Preiswürdigste im Leben.
„Euer Witz ist etwas abgetragen!“ versetzte beleidigt der Gefällverwalter mit einem Seitenblick auf das ziemlich schäbige Kollett des Sprechers, „man lerne mich besser verstehen!“ fügte er bei und drehte jenem den Rücken zu. – Der Kaplan aber, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, sagte:
„Ich verstehe mich zwar nicht viel auf weltliche Handel, aber so viel scheint doch aus allem hervorzugehen, daß ein Überfall französischerseits gar wohl möglich wäre.“
Diese Behauptung aber brachte sämtliche kaiserlich Gesinnte in den Harnisch, und der Zollbereiter schwur hoch und teuer, daß sie, die Franzosen, diesmal nicht ungestraft über den Höllenpaß heraufkommen sollten. „Es müßte mit dem Teufel zugehen“, meinte er, „wenn wir ihnen nicht schon vor der Haustür ein Frühstück anrichteten, daß ihnen der Appetit zum Mittagsmahl vergehen würde.“

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„Da werden wir städtische Schützen uns wohl hinter die Stadtmauer postieren müssen“, unterbrach ihn der Zuchtverwalter lächelnd, indem er einen Griff in seine silberbeschlagene Dose tat. „Und die Böller auf dem Lorettoberg aufpflanzen, zur Begrüßung!* ergänzte sein Nachbar und Hausfreund, der Naglermeister.
„Allerdings!“ erwiderte der Zollbereiter. „Haben nicht ebenso kleine Städtlein schon gegen übermächtige Feinde sich gewehrt? – Man leitet die Breg in den Stadtgraben, verrammelt die Tore, wirft die hölzerne Brücke ab und da wollt ich doch sehen“

»Man hört, lieber Herr“, unterbrach ihn der Feldwaibel, der bisher schweigend zugehört, „daß Ihr noch niemals dabeigewesen seid, wo’s ernstlich geknallt hat. Mit alten Stadtmauern und hölzernen Torflügeln richtet man heutzutag nichts mehr aus, das dürft Ihr mir glauben.“
„Herr Feldwaibel!“ warf der kommandierende Zollbereiter ärgerlich hin, „das kann ich Euch sagen, so wie zu Eurer Zeit, im Siebenjährigen Krieg, so ging’s nicht mehr. Der Bürgersmann würde jetzt auch noch ein Wort mit dreinreden wollen. „

„Hab nichts dagegen!“ erwiderte gelassen der alte Kriegsmann. „Der Markt wird lehren kramen. – Glaubt mir indes: nur der Soldat gibt im Krieg den Ausschlag, und der Bürger muß sich ducken!“ – Aber der Zollbereiter nahm den Kampf von neuem auf und schleuderte Tod und Verderben von den Mauern und Türmen der Stadt auf den anrückenden Reichsfeind. Und als Sirjean zuletzt verächtlich einige französische Stücke auf einer Anhöhe über dem Städtchen aufführen ließ, um die deutschen „Spießbürger“ Mores zu lehren, wurde das Gefecht immer lauter und allgemeiner – und wahrlich, das Schicksal beider Reiche wäre sicherlich, an diesem Abend schon, an den Ufern der Bregach entschieden worden, hätte nicht ein plötzliches Dazwischenkommen von außen her die Kämpfenden getrennt und zum Waffenstillstand gebracht. Es war der Nachtwächter, der auf seinem Rundgang durch die Gassen seinen Ruf erschallen ließ – mit der Mahnung: „Habet acht auf Feur und Licht, daß niemand keinen Schaden geschicht. – Es hat Zehne g’schlagen. Gelobt sei Jesus Christ!“

„Oha! Schon die Zeit?“ hieß es, indem jeder nach Hut und Stock griff.
„Wie man sich doch verplaudern kann!“ – Im Fortgehen sagte der Vetter Galli, ein friedliebender Bürgersmann und Olmüller: „Soviel hab ich g’merkt, wir alle da machen die Sach nit aus. Der Kaiser aber, hoff ich, wird der Haue schon en Stiel finde. – Gut Nacht, ihr Herren!“

Nicht ohne Besorgnis für die Zukunft war Mathias mit seinem Sohn in die Berge zurückgekehrt. Hieronymus aber, dem politische Händel wenig Sorgen machten, freute sich der günstigen Aussichten, die ihm vom Meister eröffnet worden. – Dabei fühlte er sich jedoch in eine eigentümliche Lage versetzt. Er war ruhelos, harrte Tag um Tag, Woche um Woche auf Nachricht aus der Stadt. Zu keiner Arbeit mehr fühlte er sich aufgelegt. Ja er schien sogar gewohnte Gesellschaft zu meiden. Er glich einem Menschen, der reisefertig bei allen Bekannten schon Abschied genommen und eingepackt hat, stets aber durch Hindernisse wieder festgehalten wird. Sein bisheriger Gesichtskreis schien sich erweitert zu haben und sein Geist unstät hinaus ins Weite zu schweifen.

Wem es aber vergönnt gewesen wäre, einen Blick zu tun in das Innere des guten Burschen, auf den verschwiegenen Grund seines Herzens, der hätte vielleicht noch andere Ursachen seines wachsenden Unbehagens gefunden, das ihm die Brust bald hob, bald beengte. – War es etwa die Liebe im Schoße der Hoffnung, welche dem Sohne des Häuslers goldene Träume der Zukunft vormalte – ein holdes Bild und glückseligen Besitz, der nur durch einen langen Umweg zu erreichen war?

Zu Feldarbeiten fühlte er gar keine Lust mehr; und auch seine sonstigen Beschäftigungen machten ihm kein Vergnügen mehr, seitdem er einsehen gelernt, daß er doch beinahe von vorne anfangen müsse. – Es trieb ihn hinaus in die Wälder und Berge; und sein liebster Gesellschafter war der Stoffel. Das unstete Leben des Jägers und Fischers paßte vollkommen zu seiner Gemütsstimmung. Oft, wenn es im Tale schon dunkelte, wenn allein noch auf einzelnen Gumpen im Bach oder auf Quellen im tiefen Mattengrün der Abglanz des verglimmenden Tages ruhte, sah man die beiden noch draußen beim Fischfang. Und frühmorgens, wenn feuchte Nebelmassen noch auf den Bergen lagen und über den wildbewachsenen Ufern der Bregach, zogen sie wieder hinaus mit Netzen und Stangen.

Wenn im Frühjahr der Auerhahn balzte und der fürstliche Hof zur Jagd erwartet wurde, war Hieronymus dabei, wenn der Stoffel abends vorher das Federwild „verhörte“; oder er ging mit, das Gewehr über der Schulter, hinaus auf den Anstand oder half dem Stoffel beim Dachsgraben oder leistete ihm Gesellschaft in der Fallhütte. – Von der felsigen Fischerhöhe bis in die Wälder der Schollach und des Hallenberges führten sie ihre Streifereien. Und nicht selten nahmen sie ihr Nachtquartier in entlegenen Hütten und Höfen.


Wär es dem Alten nach gegangen, Hieronymus wäre sein Nachfolger im Dienst geworden. Die Kugelbüchse (nebst der Ulmer Pfeife Stoffels intimste Freundin und Begleiterin) sollte dereinst dem Burschen als Erbstück zufallen, so versicherte er diesem oft.

So gelehrig sich Hieronymus indes anstellte, zum Waidwerk fühlte er keinen innerlichen Beruf. Ja, er kam oft verdüstert und verdrießlich von diesen Gängen heim. Das Gefühl, zweck- und nutzlos seine Zeit zu verschleudern, lastete zuweilen wie ein Alp auf seiner Brust. Die Mutter bekümmerte sich nicht wenig über die veränderte Lebensweise ihres Sohnes; und es vermochte sie nur wenig zu beruhigen, wenn der Vater ihr tröstend einredete, es könne ja nicht mehr lange dauern, bis Hieronymus beim Meister in der Stadt eintreten müsse.

Denn mehr noch als das Leben, von welchem es heißt: Fischen und Jagen hat nie viel eingetragen, mußte die Mutter sich Bedenken machen über die Gesellschaft ihres Sohnes; denn man sagte dem Stoffel manches Unheimliche nach. Er besuchte nie eine Kirche, und niemand wußte, ob er ein Christ oder ein Heide sei. Wie alt er war, wußte ebenfalls niemand, er selbst nicht ganz genau, denn sein Taufschein war ihm längst abhanden gekommen. Auch sagte man ihm nach, daß Menschenblut an seinen Händen klebe, daß er früher, als Wilderer, stets bereit gewesen sei, die Kugel, die für den Rehbock gegossen, unter Umständen auch dem Jäger als runden Gutenmorgen entgegenzuschicken, während er jetzt, als Waldhüter, nicht leicht einen Wilderer verschone.

Manche behaupteten auch, er verstehe die Kunst, sich „fest zu machen“; ja, die alte Fahlenbacherin und einige andere Betschwestern und Geisterseherinnen wollten herausgebracht haben, der Stoffel suche bisweilen den „Schwarzen“ im Walde auf.

Mochten diese Behauptungen von vielen bezweifelt werden, von einem Stücklein, welches den Beweis lieferte, daß der Alte mehr könne als Brot essen, war fast das ganze Kirchspiel Augenzeuge gewesen. – Dem Oberförster war einigemal aus seinem Garten das mühsam erzielte Obst gestohlen worden, und der Stoffel hatte öffentlich ausgesprochen, daß er den Dieb nächstens „stellen“ werde. – Und wirklich sahen die Leute, als sie am nächsten Sonntag aus der Kirche kamen, einen fremden Handwerksburschen, der, die Hand am Aste eines Apfelbaums, sich vergeblich bemühte, dieselbe loszumachen. Zugleich sah man den Stoffel herankommen mit der Hundspeitsche:

„Hab ich endlich emal einen, wart, ich will dir das Stehlen vertreiben!“ Und somit schickte er sich an, dem armen Teufel das Trinkgeld zu verabreichen; einige geheimnisvolle Zeichen, und der Bann war sodann gelöst. – Freilich wollten einige wissen, alles sei Verabredung gewesen, aber – was die Hauptsache war – Obst wurde von der Zeit an dem Oberförster keines mehr gestohlen. Ob es mit den andern Künsten des Stoffels ähnliche Bewandtnis gehabt habe, vermögen wir nicht zu entscheiden; gewiß bleibt, daß der Waidgeselle überall dabei war, wo es ein nicht gern gesehenes Treiben galt. Durch ihn vornehmlich war ein alter, fast vergessener Brauch neuerdings wieder in Schwung gekommen, das „Sägswerfen“ in der Nacht vor der sogenannten Jungfernfastnacht. Altere Leute schüttelten den Kopf über dies „heidnische Wesen“, indem sie behaupteten, daß dabei oft schon urplötzlich ein „Gewisser« sich eingestellt habe, zum Todesschrecken der Teilnehmer.

Es war im März; die jungen Burschen, Hieronymus unter ihnen, hatten sich versammelt, um mit einbrechender Nacht auf die hohe St.-Georgen-Halde zu ziehen. Unten im Tale sammelten sich die Zuschauer, die Mädchen dicht zusammengeschart. – Als der letzte Abendschimmer hinter dunkeln Wolkenschleiern verschwunden war, sah man oben auf der Halde ein mächtiges Feuer auflodern. Dort war indessen ein Tannenstamm in scheibenförmige Stücke zersägt und die Scheiben in der Mitte durchbohrt worden. Jeder Bursche hatte eine Scheibe ergriffen, um sie auf einen Stock zu stecken und am Feuer in Brand zu setzen.

Hieronymus trat zuerst vor, den Stab mit der glühenden Scheibe in der Hand und sprach, gegen das Tal gewendet, mit lauter Stimme: „Die Sags fahrt links, die Sägs fahrt rechts, sie macht’s der Jungfer Florentina grad recht!“ Dabei schleuderte er in raschem Schwunge das funkensprühende Rad weit hinaus in die finstere Nacht. – Unten angekommen, rollte es noch eine Strecke weit über die Wiesen hin, um zischend in der Bregach zu erlöschen.

Auf solche Weise trat nun einer nach dem andern der jungen Burschen vor, warf die Sägs und nannte den Namen des Mädchens, dem zu Ehren der Wurf getan wurde. Des andern Tages empfing dann jeder dieser ländlichen Ritter den Dank von seiner Holden; und bestand dieser Dank auch nicht in güldenen Ketten oder Pokalen, so war er doch nicht minder begehrt und erfreulich. Denn so eine große Platte voll Fastnachtsküchle, zumal von schönen Händen zubereitet und gespendet, war ein Preis, um den man schon einmal die „Fastnachtsfunken“ sprühen und sausen lassen konnte.

Für unsern Ritter, der auf dem Wege war, in solch zwecklosem Treiben sich ganz zu verlieren, schlug glücklicherweise jetzt bald die Stunde der Lebenswendung. Ehe jedoch dieser Zeitpunkt erschienen, ward ihm Gelegenheit geboten, vor seinem Abschied der Freundin Florentina noch einen Dienst zu erweisen. Diese war unterdessen in ein Alter getreten, wo man mit Recht von ihr sagen konnte: „De bist jetzt kei Meideli meh, jetz sag i der Meidli, und wie de gosch, wirsch alliwil größer und schöner.“ Durch die Mutter war ihr ein eigener Kleiderkasten eingeräumt worden. Denn der Vater hatte, wie er selbst zu gestehen pflegte und wie wir bereits am Neujahrsmorgen gesehen, in Sachen des Putzes allen Einfluß verloren. „Die Alte hat sie verzogen“, äußerte er oft, scheinbar verdrießlich, in der Tat aber innerlich geschmeichelt von den Lobsprüchen, die man dem schönen Mägdlein und seinem Kleiderstaate allenthalben spendete. „Es ist nur gut“, meinte er, „daß sie die einzige ist; hätt ich ein Dutzend, so wär mei‘ Seel der Wald droben schon lang de Bach ab!“

Bevor das Töchterlein seine Aussteuer in den überkommenen Kasten einräumte, hatte es den Hieronymus gebeten, das altväterliche Möbel hübsch zu renovieren, d. h. frisch anzustreichen und zu bemalen – eine Bitte, die wie ein reifes Samenkorn in fruchtbares Erdreich fiel. Freudig hatte sich der Künstler an die Arbeit gemacht, und die Bestellerin schaute fleißig nach und unterließ auch nicht, durch eine gelegentliche Erfrischung aus dem Hofkeller seine Begeisterung zu erhöhen. – Kein Eckchen am Kasten blieb unverziert.

In der Mitte der Türfüllung brachte er ein rotes flammendes Herz an, umgeben von Rosen und Vergißmeinnicht, auf den Seiten grüne Girlanden mit großen Maschen, während die ausgeschweifte Bekrönung oben den vergoldeten Namen der Eigentümerin und die Jahreszahl aufzunehmen bestimmt war. Über die Art der Honorierung des gelungenen Werkes wurde im Hof dann eine geheime Konferenz abgehalten. Der Bauer, der natürlich nichts geschenkt haben wollte, war der Meinung, man solle dem Mathias ein paar Viertel Vesen dafür ablassen; die Bäuerin aber sagte: „Nein, der Hieronymus hat’s g’schafft, er soll au den Lohn dafür bekomme. Er geht jetzt bald in die Lehr, und da wird er Geld brauche; an dem, was er daheim mitbekommt, wird er ohnehin nit schwer zu trage habe.“ Und als zur Abstimmung geschritten wurde, sah sich der gute Mann abermals in der Minorität, denn Florentina stimmte mit der Mutter, und der Vater zog seinen Antrag zurück – dem Hausfrieden zulieb, wie er sich ausdrückte.

Hieronymus seinerseits hätte vorlieb genommen mit dem herzlichen Dank, den ihm die Freundin für die Arbeit spendete. „Nun hab ich doch ein Andenken von dir, wenn du einmal fort sein wirst“, sagte sie, ihm die Hand gebend. , Und ich kann darnach nie über dem Kasten, ohne an dich zu Ein paar Wochen nachher kam der Amtsbot mit einem Schreiben vom Meister. – Mathias machte sich ungesäumt auf nach der Stadt, um das Nähere zu hören und auszumachen. Hieronymus sollte, so wurde bestimmt, drei Jahre lernen, und weil der Vater das Lehrgeld nicht bezahlen konnte, nach vollbrachter Lehrzeit noch ein Jahr „zurückdienen“ und auch alle Kosten übernehmen beim Aufdingen und Ledigsprechen. Der Feldwaibel, als „ Beistand“, stellte die herkömmliche Bürgschaft mit zwanzig Gulden, „für den nicht zu verhoffenden Fall, daß der Lehrjung etwa nicht fromm und redlich“ sein sollte. Beinebens sollte dieser außer den Schuhen auch die Kleider sich beschaffen und sogleich beim Eintritt achtundvierzig Kreuzer in die Zunftlade bezahlen. – So verlangten es die Satzungen.

Hieronymus jubelte, als ihm’s der Vater Schwarz auf Weiß brachte, daß der Bann nun gelöst sei, der ihn wider Willen bisher im engen heimatlichen Kreise festgehalten. – Bald darauf nahm er Abschied, um der neuen Bestimmung entgegenzugehen.


Zucht- und Arbeitshaus Hüfingen

Nach dem Kreistagsbericht vom 25.Juli 1715 sollte das Donaueschinger Zucht- und Arbeitshaus zur Aufnahme von mindestens 300 Personen dienen; auch „arme Kinder und Waisen, alte unkräftige Leute, Tolle und Irrsinnige sollten Aufnahme finden, dagegen nicht eigentlich Zigeuner, die den Venetianern ad triremes zu überlassen waren“. (2)

Nach 9- jährige Bauzeit wurde am 7. Oktober 1758 der Bau und die Einrichtung fertig und am 16. Mai 1759 ergeht ein Erlaß an sämtliche Oberämter mit der Anfrage, ob Züchtlinge oder Kinder einzuweisen seien. Am 23. Januar 1790 wurde Franz Joseph Schelble Zuchtmeister. Er war der letzte fürstenbergische Zuchthausverwalter und wurde 1808 in badischen Dienst übernommen. (2)

Franz Joseph Schelble war der Schwiegervater von Luzian Reich senior und somit der Großvater von Lucian Reich.

Am 27. Juli 1809 wurde das Zuchthaus in ein Korrektionshaus umgewandelt und zum Korrektionshausverwalter wurde Zuchtmeister Schelble ernannt.

Alle nach badischen Kriminalgesetzten Verurteilten wurden nach Freiburg abtransportiert. Das Korrektionshaus wurde 1828 aufgegehoben. Schelble starb mit 78 Jahren am 13. Februar 1835 und seine Ehefrau Katharina geb. Götz am 4. April 1847 mit 87 Jahren. (2)

1850 diente das Gebäude eine Zeitlang als Kaserne, 1853 als Fürsorgeerziehungsanstalt, die nach dem in der Nacht vom 22./23. März 1853 abgebrannten Kloster in Neudingen den Namen Mariahof führt und seither katholische schulpflichtige Knaben beherbergte.

Das Bauwerk wurde erst 1972 abgerissen.

Postkarte von 1910 aus der Sammlung Dieter Friedt. Hüfingen
http://www.baarverein.de/postkarten/huefingen/bauwerke/index.htm

(1) Aus den Schriften der Baar 17 (1928), Georg Tumbült: Das Fürstenbergische Kontigent Schwäbischen Kreises.

(2) Aus den Schriften der Baar 17 (1928), Dr. F. Wangener: Aus der Geschichte des Zucht- und Arbeitshauses in Hüfingen.

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Wald am Fürstenberg Südhang wird umgebaut

Die Fichten am Südhang Fürstenberg sind alle gefällt!

Südhang Fürstenberg
am 16. Februar 2024

Pressemitteilung „Naturschutzgroßprojekt Baar“ vom 5. Januar 2024

Voraussichtlich ab Mitte Januar bis Ende Februar werden am Südhang des Fürstenberges auf zirka einem Hektar standortfremde Fichten im Rahmen des Naturschutzgroßprojektes Baar (NGP-Baar) entnommen. Im Frühjahr 2024 sollen rund 800 heimische Laubbäumen gepflanzt und damit ein standortangepasster und lichter Mischwald begründet werden. Das NGP Baar hatte für diese Maßnahme Flächen erworben. So soll der Biotopverbund zwischen den Freiflächen oberhalb, westlich und unterhalb des jetzigen Fichtenbestandes verbessert werden. Der artenreiche und lichte Zielbestand soll dazu vielfältige Strukturen und baumfreie Korridore aufweisen. Von der Verbesserung des regionalen Biotopverbundes sollen Arten wie der Baumpieper (Anthus trivialis) und die Mopsfledermaus (Barbastella barbastellus) sowie der Silberfleck-Perlmutfalter (Boloria euphrosyne) und das Esparsetten-Widderchen (Zygaena carniolica) profitieren.

Auskünfte rund um die Maßnahme und zum NGP Baar gibt Jörg Fünfgeld.

Hintergrundinformationen zum Naturschutzgroßprojekt Baar

Seit März 2013 werden Teile der Baar und der Baaralb, aufgrund ihrer gesamtstaatlichen und internationalen Bedeutung für den Naturschutz, als „Naturschutzgroßprojekt Baar“ durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) und des Landes Baden-Württemberg gefördert. Ziel des NGP Baar ist es zum einen, die Wald-, Trocken- und Feuchtlebensräume für den Arten- und Biotopschutz sowie den regionalen und internationalen Biotopverbund zu sichern. Zum anderen wird aber auch die qualitative und quantitative Verbesserung von bedeutsamen Lebensräumen angestrebt. Damit leistet das Naturschutzgroßprojekt einen wichtigen Beitrag zum Erhalt und zur Verbesserung der Biodiversität, also der biologischen Vielfalt. Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist Träger des Naturschutzgroßprojektes Baar. Daneben sind der Landkreis Tuttlingen und die folgenden zehn Kommunen beteiligt: Bad Dürrheim, Blumberg, Bräunlingen, Brigachtal, Donaueschingen, Geisingen, Hüfingen, Königsfeld, Mönchweiler und Villingen-Schwenningen. Die Gesamtfläche der Fördergebiete von 4.289 Hektar gliedert sich in 17 Teilflächen.

An der Witwenblume findet nicht nur das Esparsetten-Widderchen (rechts), sondern auch eine Skabiosen-Langhornmotte Nahrung.

Liebes- und Heiratsgeschichte

Ein Köhler mit seinem Meiler unter einem Felsen. Ein Wandersmann kommt vorbei.

Hieronymus Kapitel 8

So hüt di vorem böse Ding s’bringt nume Weh und Ach’ Wenn’s Sunntig isch se bet und sing Am Werchtig schaff di Sach.
>Johann Peter Hebel


Liebes- und Heiratsgeschichte

Es war zur hohen Sommerszeit; der alte Klaus saß ruhig bei seinem Feuerherd unter dem Tierstein, in dessen unmittelbarer Nähe er seine Kohlestatt aufgeschlagen hatte. Die Sonne brannte heiß an die zackige Granitwand; und nur zuweilen strich ein leises Lüftchen durch die Erlen und über die Wellen der nahe vorbeifließenden Bregach. Die Natur schien ihr Mittagsschläfchen zu halten, so ruhig war es rings umher – nur im reinen Himmelsblau wiegte sich ein Geier, seiner Gier nach Beute von Zeit zu Zeit durch einen schrillen Pfiff Ausdruck gebend. – Da kam ein Bube gelaufen mit dem Bericht: Die Johanna schicke ihn, der Vater soll heimkommen, der Dieter sei da. – Verwundert erhob sich der Alte, umging einigemal schweigend den Meiler, gab dann dem Kolumban noch einige Anweisungen und begab sich gedankenvoll auf den Heimweg.

Zu Hause angekommen, traute er seinen Augen kaum, als ein feiner Herr ihn als Vater begrüßte. Es war richtig sein Dieter, aber in welch auffallender Umgestaltung. Ein flohbrauner Rock mit langen Schößen und großen blankgeschliffenen Stahlknöpfen, die gestickte Atlasweste, die kurzen Beinkleider von pomeranzfarbigem Kaschmir, die seidenen Strümpfe mit geblümten Zwickeln, der dreieckige Hut auf dem gepuderten Toupet, ein leichtes Bambusstöckchen, das er in der Hand schwenkte, gaben dem ehemaligen Köhlersjungen vollständig das Ansehen eines Stutzers damaliger Zeit.

Auf die Fragen des Vaters gab Dieter indes wenig Auskunft: er sei ein gemachter Mann, Freund und Associe eines Millionärs – mehr könne er vorderhand nicht sagen. Sein Freund sei mit ihm hieher gereist und werde in Zeit einer Stunde da sein und sein Absteigquartier im Haus nehmen, ihm, dem Dieter, zum Gefallen.

Der Alte schüttelte den Kopf; es schien ihm fast, als sei es bei dem Dieter nicht ganz richtig im Oberstüblein. Wenn er aber dann wieder an die Aussagen des durchreisenden Handwerksburschen dachte, so wollte es ihm vorkommen, es möchte doch vielleicht etwas an der Sache sein. – Monsieur Dieter blieb indes nicht lange untätig; er ordnete und kommandierte im Haus, daß die guten Leute ganz verwirrt wurden. Schwester Johanna mußte den alten, eichenen Tisch mit einem frisch gewaschenen Tischtuch bedecken und einen Blumenstrauß daraufstellen. Die Schlafkammer mit der großen Himmelbettstatt hatte Dieter schon gleich beim Eintritt ins Haus für sich und seinen Freund in Beschlag genommen. Sogleich mußte das Lager mit frischem Leinenzeug überzogen werden.

In der Wohnstube zerrte er einige Kleider des Alten, welche an der Wand hingen, eiligst herab und warf den ganzen Plunder durch die Kammertür, dabei ausrufend: „Ihr habt auch gar keine Passion für Ordnung, ihr Landleute!« – Hierauf riß er das Fenster auf, um frische Luft hereinzulassen. Das große, vom Alter gebräunte Kruzifix über dem Tisch wollte er auch herabnehmen und beseitigen, weil solches nicht mehr in die Zeit passe, aber der Alte packte ihn gewaltig am Arm, mit einer Gebärde, die dem Söhnlein von früher her nur zu gut noch im Gedächtnis haftete. Die Schwester mußte sich umkleiden und ihren neuen Strohhut aufsetzen.

Dann wurde ihr eingeschärft, den reichen Elsässer ja recht artig mit einem Knix zu empfangen. – Der Vater hatte sich wie träumend im großen Lehnstuhl niedergelassen, den Rumor mit Schweigen betrachtend; endlich konnte er nicht anders glauben, als der Dieter komme geraden Wegs aus dem Narrenhaus. – Eben wollte dieser den Vater nötigen, sein rußiges Wams mit dem Sonntagsrock zu vertauschen, als er gegen das Fenster springend ausrief: „A voilà, da kommt er ja schon! – Aufgepaßt, Leute, der Herr, den ihr dort um das Waldeck herumpassieren seht, ist mein Freund, Monsieur Tolberg, der einzige Sohn eines Millionärs!“ Mit einem Sprung eilte er zur Türe hinaus.

Wirklich sahen die beiden Zurückgebliebenen einen fremden Herrn in Begleitung eines Bauernburschen, welcher jenem das Gepäck trug, auf das Haus zuschreiten – und alsbald an der Hand Dieters eintreten. Es war ein hübscher junger Mann mit schwarzem Kraushaar, weniger auffallend gekleidet als Dieter, aber von gefälligen Manieren. – Mit Ungezwungenheit begrüßte er den Alten. – Johanna trat aus der Kammertür und bewillkommte den Gast mit einem Kompliment, wie Dieter ihr befohlen hatte. – Der Fremde schien überrascht von dieser Erscheinung; die hübsche Tracht und der noch hübschere Wuchs der jungen Schwarzwälderin machten ihn stutzen. Sie hatte ihren Sonntagsstaat angetan; die weißen fein gefältelten Hemdärmel, der rotsammtne Latz mit den goldenen Nesteln, das dunkelgrüne Goller, der gelbe Strohhut mit den gewaltigen hellbraunen Zöpfen darunter – alles war geeignet, die blühende Gestalt des Mädchens im schönsten Lichte erscheinen zu lassen.

Der junge Herr Tolberg erklärte nun: er sei gekommen, um die wackeren Eltern und Geschwister seines Freundes Dieter kennenzulernen, sowie die traulichen Hütten und romantischen Gegenden des schönen Schwarzwaldes. – „Aber nur dann“, setzte er lächelnd hinzu, „werde ich Eure Gastfreundschaft auf ein paar Tage in Anspruch nehmen, wenn Ihr mir versprecht, Euch in nichts stören zu lassen – und meinetwegen kein Haar breit von Eurer gewöhnlichen Lebensweise abzuweichen.“ Johanna wollte aus dem nächsten Wirtshaus eine Flasche Wein holen; Herr Tolberg aber ließ es nicht zu. Er bat um ein Glas Quellwasser, das er nirgends so frisch und erquicklich gefunden wie hier im Schwarzwald. – Ebenso einfach mußte auch auf seinen Wunsch das Abendessen zubereitet werden.

Tolberg schien seinen glücklichsten Abend zu verleben, und Dieter war seelenvergnügt, daß sein Freund sich so gut amüsiere. Das Gespräch war in Fluß gekommen, und Johanna horchte mit gespannter Aufmerksamkeit auf alle Begebenheiten und Abenteuer, welche der junge Mann aus seinem Reiseleben mit beredter Zunge zum besten gab. Es war schon spät, als mit sehr verschiedenartigen Gedanken die Gesellschaft sich trennte, um sich zur Ruhe zu begeben. Mit wenig Zügen läßt sich die Geschichte des jungen Abenteurers und seines Freundes wiedergeben. Dieter, aus der Lehre fortgelaufen, hatte sich in der Fremde umzutun gewußt. Ein gewisses Talent, Sprache und äußerliche Manieren des Städters sich anzueignen, sein guter Humor und geschmeidiges Benehmen konnten nicht verfehlen, ihn bei seiner Umgebung gern gesehen und beliebt zu machen.

In einem Gasthof, wo er als Kellner eine Zeitlang figurierte, hatte er seinen jetzigen Begleiter kennengelernt, der in der Tat der einzige Sohn eines reichen Fabrikherrn im Elsaß war. Die Eltern hatten den jungen Mann auf Reisen geschickt, damit er die Welt und Menschen kennenlerne und im Fache sich weiter ausbilde. Über seine Zukunft konnte weiter kein Zweifel obwalten. Ins Vaterhaus zurückgekehrt, sollte er das große Geschäft übernehmen und die Tochter eines mit Glücksgütern reich gesegneten Hausfreundes zum Altar führen. Von Natur gutmütig, doch dabei leichtsinnig und nicht gewohnt, sich irgend etwas zu versagen, machte er bald einen Auf-wand, fast zu groß für die Verhältnisse eines wenn auch noch so wohlhabenden Handelshauses. – Dieter, der sich an ihn zu machen gewußt, war ihm bald unentbehrlich und fortan sein Begleiter – aber auch sein böser Genius. Im Geldverschleudern entwickelte Dieter eine viel größere Meisterschaft als in der Färberei und Kellnerei.

So besuchten die beiden verschiedene größere Städte des südlichen Frankreichs und der Schweiz. Mitgegebene Wechsel und heimliche Geldsendungen von der Mama, welche, eine Pariserin, ihren Sprößling verzärtelt und verwöhnt hatte, wollten bald nicht mehr ausreichen – und der junge Herr, von Dieter verleitet, nahm seine Zuflucht zu verdächtigen Wechselmanipulationen. Doch hierin hatten sie es noch nicht zur eigentlichen Meisterschaft gebracht; die Sache wurde ruchbar, und Freund Tolberg merkte bald, daß er den vollen Zorn des Vaters zu befürchten habe, denn diesem war die Wechselgeschichte zugleich mit der flotten Lebensweise des Sohnes bekanntgeworden. – Dieter gab den Rat, dem Unwillen des Vaters vorerst aus dem Wege zu gehen und sich eine Weile unsichtbar zu machen. Er schlug vor, sie wollten sich auf den Schwarzwald begeben, zu seinem Vater. Die Abwechslung, meinte er, werde dem Freunde Pläsier machen; sie könnten dort wohlfeil leben, allerlei Suiten und Ausflüge machen, und mittlerweile werde sich das böse Wetter zu Hause bei Papa und Mama verziehen.

Das fand sogleich Eingang bei dem jungen Bonvivant; einen ländlichen Roman hatte er noch nicht gespielt, und auch das mußte einmal versucht werden: „ma foi c’est delicieux!“ rief er aus, indem er seinen erfinderischen Freund umarmte. „Dieter, du bist ein köstlicher Kerl, ein Genie! Fort, aufs Land, in die stille harmlose Natur, depechons nous!“ Gesagt, getan; eines Morgens waren die Herren abgereist, auf kürzesten Wegen dem Schwarzwald zu.

Am zweiten Tage ihres Hierseins wurden schon Ausflüge unternommen; und als sie spät abends dann nach Hause kamen, mußte Johanna dem Gaste noch einige ihrer Lieder vortragen. Sie besaß eine wunderschöne Singstimme, und nie war Kolumban vom Jahrmarkt heimgekommen, ohne ihr die neuesten Lieder als fliegende Blätter mitzubringen. – Sie sang mit Ausdruck besonders ihr Lieblingsliedchen: „Gestern abend in der stillen Ruh‘ hört ich im Wald der Amsel zu“, oder das schöne: „Liebestreu und Liebeskraft.“ – Als sie an jenem Abend das Lied „Vom Grafen und der Nonne“ gesungen, mit der Strophe:

„Und wenn ich schon nicht reiche bin,
Aller Ehren bin ich voll.
Meine Ehr‘ will ich behalten,
Meine Ehr‘ will ich behalten,
Bis daß meinsgleichen kommt,
Bis daß meinsgleichen kommt!“

Da konnte der neue Freund seine Bewegung nicht mehr verbergen. Er sprach über Standesvorurteile, und wie der freie Mann all‘ diese unnatürlichen Fesseln zerbrechen und Liebe allein den Bund der Herzen schließen müsse usw. Und als er eine Stunde später mit seinem Freund in die Kammer trat, fiel er diesem um den Hals mit dem Ausruf: „Dieter, ich heirate deine Schwester!“ „Und Mamsell Dorval?“ fragte der Schlaue, wie von einem raschen Gedanken erfaßt.

„Schweig!“ rief Tolberg. „Nie wird das verzogene, abgeschmackte Ding meine Gattin, so wahr ich ein Tolberg bin. Ich bin mein eigener Herr. – Nur mit Johanna will ich leben und wär’s in der tiefsten Einöde des Waldes; fern will ich leben von den verächtlichen Krämerherzen der spekulierenden Welt – ich habe sie genugsam kennengelernt!“

Freund Dieter schwieg, und Tolberg trat ans Fenster, durch welches der klare Vollmond blickte. „Hier“, fuhr er fort, „hier find ich mich selbst wieder. – Wahrlich, ich habe bisher ein töricht Leben geführt – es muß anders werden. – Zum erstenmal in meinem Leben fühl ich mich stark und will tun, wie mir mein besseres Selbst gebietet. – Wie schön ist’s hier in dieser Einsamkeit! – Welch herrliche Nacht! – Ich steh am Wendepunkt meines Lebens, und Johanna soll meine Führerin sein!“

In diesem Tone fuhr der Schwärmer noch eine Zeitlang fort, während Dieter, die Schlange, bereits in den Federn lag und mit gespannter Aufmerksamkeit zuhörte. – Denn das war Musik in seinen Ohren; er kannte seinen Freund und Herrn und wußte, wie leicht er zu gewinnen sei, wenn eine Sache nur rasch und klug ins Werk gesetzt werde. – Und war Tolberg einmal sein Schwager, so blühte auch sein Weizen, dann konnte es ihm nicht mehr fehlen.

Als er nach vielen schönen Phantasien morgens erwachte, schien die Sonne schon warm durch die runden Fensterscheiben. Sein Schlafkamerad aber war fort und unten in der Stube, wo Johanna ein einfaches Frühstück bereits aufgetragen hatte. Es war nicht zu verkennen, ihr ausdrucksvolles Auge ruhte mit Wohlgefallen auf dem schönen Fremdling, der ihr bald seine ganze Lebensgeschichte mitteilte und selbst Fehltritte nicht verschwieg. Er erzählte ihr von seinem elterlichen Hause, von der seelenguten Mama – und gab ihr zuletzt ganz unverhohlen zu verstehen, daß er nur mit ihr das Leben und alles, was ihm der Himmel an Glücksgütern beschert, genießen und teilen wolle. – Und als er zuletzt fragte: ob sie sein Schutzgeist und guter Engel werden wolle, schüttelte sie errötend zwar das Köpfchen – aber nein sagen konnte sie nicht.

Johanna wußte nicht, wie ihr geschah. Es war das erstemal, daß sie in dieser bestrickenden Tonart reden hörte. Im Gesichte des jungen Mannes lag nichts von Verstellung; sein freimütiges Bekenntnis erweckte Vertrauen und Mitgefühl. Und mit Hoffnungen und Selbsttäuschung blickten beide über alle die Hindernisse hinweg, die einer so ungleichen Verbindung im Wege stehen mußten. – Wenn das gute Mädchen jedoch dann in stillen Stunden bei sich selbst über alles nachdachte und ihr früheres sorgenloses Dahinleben mit dem jetzigen Zustande verglich, so meinte sie mit der, „Amsel im Walde“ singen zu können:

„Ei, du Schmeichler, sprach sie unerschreckt,
Wer hat dir mein‘ Aufenthalt entdeckt?
Ja, im Wald, da ist mein Aufenthalt,
Wo ich zuvor in meinem Sinn
Ganz vergnügt gewesen bin.“

Die jungen Leute indes machten Ausflüge in der Umgegend. – Dieter trug dabei eine mitgebrachte alte Militäruniform nebst langem Stahldegen. In diesem seltsamen Kostüme spielte er den maitre de plaisir. Hatte die Gesellschaft zum Beispiel verabredet, diesen oder jenen Berg zu besteigen und in einem Wirtshaus in der Nähe Erfrischung einzunehmen, so eilte er als Quartiermacher voraus, während Tolberg und Johanna langsam nachfolgten.

Dieter wußte sich dabei ein gewaltiges Ansehen zu geben. Wenn er in die Wirtsstube eintrat und die Bauern vor dem fremden Offizier ehrerbietig aufstanden oder, Platz machend, näher zusammenrückten, so sagte er vornehm herablassend: „Geniert euch nicht, ihr Landleute!“ Wenn dann einer oder der andere der Gäste seinem Nachbar in die Ohren raunte: dies sei des Forbachklausen Dieter, der sein Glück in der Fremde gemacht, so erreichte die Verwunderung den höchsten Grad. Als Mann von Welt machte sich Tolberg unter anderm auch mit der gastfreundlichen Familie des benachbarten herrschaftlichen Obervogts bekannt.

Die junge, gesellschaftliebende Frau dieses Mannes lud ihn und Johanna oft zu sich, und bei einem solchen Anlaß veranstaltete sie einst, daß Johanna ihre ländliche Tracht mit städtischen Frauenkleidern vertauschte, und also vor ihren überraschten Tolberg trat. – Allerdings schien dieser entzückt über solchen Einfall, versicherte aber zugleich, daß seinem Mädchen die Landestracht doch tausendmal besser stünde, und er werde nie zugeben, daß sie solche ablegte, wenn sie einmal die Seinige geworden: „denn“, setzte er hinzu, „die Tracht wird mir stets ein liebes Andenken an deine Heimat und den Schwarzwald sein.“

Die Anstalten zur Hochzeit wurden indessen von den beiden Abenteurern mit unglaublicher Hast und Eile betrieben. Damals überwachte man die Fremden noch nicht mit der mütterlichen Sorgfalt wie heutigen Tages, und der Stabhalter, sein künftiger Schwager, welchem Tolberg seine Papiere vorlegte, durfte dieselben für vollgültigen Ausweis halten.

Auch mit dem Pfarrer hatte der junge Mann Rücksprache genommen, und da er, wenngleich unbewußt, die diplomatische Maxime befolgte: nur die Wahrheit zu sagen, freilich nicht die ganze Wahrheit, so sah auch der geistliche Herr in dem Fremden sowohl wie in der ganzen Sache nichts Verfängliches. Nur der alte Klaus vermochte nicht, sich zu beruhigen. Er hielt den jungen Herrn für einen Gaukler oder herumfahrenden Komödianten. Auch er wandte sich, um Rat zu holen, an den Pfarrherrn.

„Wenn er wirklich so ein reicher Herr wär’«, behauptete er, „so wär mein Bub g’wiß nit sein Kamerad, und er wär‘ nit da, wo er jetzt ist.“
„Ein Betrüger“, erwiderte der Pfarrer, „ist er in keinem Falle – er ist wirklich das, wofür er sich ausgibt: reicher Leute Kind und von guter Erziehung, ich habe mich hinlänglich überzeugt.“ „Um so schlechter“, erwiderte der Alte: „Dann ist mein‘ Tochter erst recht an geführt. Herren sind Herren, und die Armut gehört hinter die Tür – und es fällt mir immer der Lang Hanns ein: Habt’s mit euers Gatting. Wenn er wirklich ein reicher Herr ist, dann ist die Sach‘ erst recht g’fehlt.“ – „Allerdings“, erwiderte der Geistliche, „hat diese Verbindung viel Bedenkliches. – Doch dies ist seine Sache. – Wenn Ihr aber, als Vater, Eure Einwilligung durchaus nicht dazu gebet, so denke ich, wird das Mädchen, als gehorsame Tochter, so wie ich sie kenne, Euern Willen ehren.“ Der Alte ging seufzend von dannen, sagte sich aber fortwährend: „Es geht mir en Unglück vor – es ist kein Segen in der Sach‘.

Dieter hatte unterdessen alle Verwandten und Bekannten zu bearbeiten gewußt, was ihm nicht sehr schwer geworden. Der Stabhalter war ohnehin von dem offenen, jovialen Benehmen des jungen Mannes im voraus eingenommen; und so mußte endlich auch der alte Vater geschehen lassen, was er nicht hindern konnte, denn auch die Vorstellungen des Geistlichen fanden bei dem Mädchen kein Gehör mehr.

Die tätigste Unterhändlerin aber war die Fahlenbacherin, und durch einige Geldstücke und gute Bissen ganz für Tolberg eingenommen. Ihn nannte sie bei Johanna den schönsten und bravsten Herrn im ganzen Römischen Reich und pries sie als das glückseligste Bräutlein der Welt. Doch konnte sie anderseits nicht umhin, zu Kolumban, dem Köhlerknecht, zu schleichen und ihm, als dem früheren Liebhaber Johannas, die ganze Sache in langsamen, aber bitteren Tropfen beizubringen. – Was sie hier anrichtete, läßt sich denken: unglaublich war die Wut des Burschen; er schwur dem Elsässer den Untergang; und die ganze Sache hätte wahrscheinlich eine schlimme Wendung genommen, wenn die Fahlenbacherin nicht wieder schleunigst den bedrohten Tolberg und seinen Freund Dieter von der Gefahr benachrichtigt hätte.

Kolumban fluchte, weinte und gebärdete sich wie toll. Er kündigte seinem Meister den Dienst und lief fort – die ganze Sippschaft verwünschend. Unterdessen hatte Tolberg auf dringendstes Bitten von seinem Freunde, dem Geschäftsführer seines Vaters, Briefe und Geld erhalten. Dieser schrieb etwa folgendes:

„Hier empfängst Du eine Summe Geld. – Es ist alles, was ich bei großer Gefahr, verraten zu werden, auftreiben konnte. Dein Vater ist wütend und auch die Mutter sehr aufgebracht. – Die Wechselgeschichte war in der Tat ein fataler Streich. Der Unwille Deines Vaters hierüber hat sich seit Deinem langen Stillschweigen eher gesteigert als vermindert. – Doch ich will Dir keine Strafpredigt hierüber halten. Die reumütigen Selbstanklagen in Deinem letzten Schreiben und Deine Beteuerungen, daß Du umkehren wollest auf solch verderblicher Bahn, zeigen, daß Du endlich Deine Fehler einsehen gelernt. Ist es Dir hiemit ernst, so wird sich die ganze Sache noch zum Guten lenken lassen. Unter diesen Umständen halte ich es selbst für besser, wenn Du jetzt nicht sogleich Deinem Vater unter die Augen kommst. Der Aufenthalt auf dem Lande scheint sehr günstig auf Dich zu wirken. Du Glücklicher! Du verlebst herrliche Tage, während ich mich, wie ein Zugtier in der Mühle, im ewigen einförmigen Kreislauf des Geschäftes abmüden muß. Das muß ja ein herrliches Naturvölkchen sein, diese Schwarzwälder. Die Schilderung Deiner Kohlenbrennerstochter ist magnifique – der Spaß mit dem Heiraten köstlich. – Wie schön müßte sich Monsieur Tolbergs einziger Sohn und Erbe als rußiger Kohlenbrenner in den Bergen des Schwarzwaldes ausnehmen, wenn er so, in seinem Gott vergnügt, sein Stückchen verschimmeltes Schwarzbrot äße – doch Spaß a part. Mache Dich immerhin noch ein bißchen lustig, ehe Du in die ernste Geschäftswelt eintrittst; Madmoiselle Dorval mit ihren Goldfüchsen ist Dir ja doch gewiß usw.“

Alle Hindernisse, welche der Verbindung noch im Wege gestanden, hatte Dieters erfindungsreicher Kopf aus dem Wege zu räumen gewußt. Die Trauung wurde wirklich vollzogen. Nebst den wenigen Verwandten und Bekannten war die Frau des Obervogts noch als Zeugin zugegen. Tolberg und seine junge Frau verlebten glückliche Flitterwochen in dieser Einsamkeit. – Es war ein schöner Morgen, dem ein düsterer Abend folgt, die Stille vor dem Sturme. Der Gedanke nach Hause aber blieb eine schwere Wolke an dem Himmel des jungen Paares, und am Ende konnte die Reise zu den Eltern nicht mehr aufgeschoben werden. Es war verabredet, daß der junge Mann mit Dieter, doch vorerst ohne seine Frau, nach Hause reisen solle, um alles in Ordnung zu bringen, ehe sie nachfolge. – Zu Hause angekommen, vertraute er sich zuerst der Mutter an, die beim Vater seine Fürsprecherin machen sollte; aber der alte Herr, schon auf das äußerste erbost durch die Wechselgeschichte, kam vollends ganz außer sich, als er von der Heirat seines Sohnes hörte. Vergeblich warf sich ihm dieser, ähnlich dem verlorenen Sohn, zu Füßen – der Vater verließ das Zimmer, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

Des andern Morgens ließ er den ungeratenen Sohn vor sich rufen und sagte ihm kalt: „Also statt eines braven Sohnes ist ein Betrüger, ein Narr ins Vaterhaus zurückgekehrt. Entweder, du willigst ein, unter strengster Aufsicht, getrennt von der Person, die du deine Frau nennst, hier unter meinen Augen zu leben und niemand von der tollen Heirat ein Wort zu sagen, oder – ich übergebe dich den Gerichten als Wechselfälscher und Verschwender.“

Das allerdings war ein Donnerschlag für den feinen Herrn. Doch, unfähig der Selbstbeherrschung und stets hingerissen von dem augenblicklichen Eindruck, versprach er jetzt aus Furcht Gehorsam. Bald sah er sich, sozusagen eingesperrt, beaufsichtigt, in allem beschränkt. Selbst die Mutter konnte ihm diesen Zustand nur wenig erleichtern. Dieter aber sah sich von dem Fabrikherrn derart begrüßt, daß er für gut fand, eiligst das Weite zu suchen mit Zurücklassung aller goldenen Träume von vornehmer Schwägerschaft, Geschäftsbeteiligung usw.

Endlich hatte der junge Tolberg gewagt, bei dem Vater für seine Johanna zu bitten. Der Alte aber erklärte, er wolle sich bei dem Geistlichen und den Behörden erkundigen, ob diese Johanna ehrlicher Leute Kind und ob sie vor ihrer Verheiratung einen guten Leumund gehabt – oder ob sie eine leichtfertige Person sei, die seinen Sohn nur verführt und ins Garn gelockt habe. Im ersten Falle werde er sich zu einer Unterstützung verstehen. – Der Fabrikant gehörte nämlich zu jenen Leuten, welche da wähnen, mit Geld sei alles in der Welt auszugleichen.

Die gute Johanna hatte unterdessen gewartet und gewartet. Anstatt ihres Mannes erschien endlich ein alter Herr, ei n Vertrauter und Abgesandter desHerrn Tolberg, um ihr kalt und unumwunden die ganze Sachlage zu entdecken und mitzuteilen: daß sie durch den Geistlichen von nun an einen monatlichen Gehalt empfangen werde. Die Empfindungen der verlassenen jungen Frau sind leicht sich vorzustellen: sie fühlte sich in ihrem Innersten vernichtet – selbst die Briefe ihres Mannes, welche dieser heimlicherweise an sie gelangen ließ und worin er sie zur Geduld ermahnte und zur Ausdauer von nur einem Jahr, vermochten nicht, sie zu beruhigen.

Lange Wochen und Monate vergingen. Von Zeit zu Zeit erhielt sie Geschenke von ihrem Gatten und Briefe, aus denen nur seine eigene, unfreie und beschränkte Lage ersichtlich war. Unter diesen Umständen ward Johanna von einem Töchterchen entbunden, welches Ereignis dem fernen Gatten brieflich mitgeteilt wurde. – Es kam hierauf ein Schreiben mit Geld; er habe, schrieb Tolberg, sich einen Plan aufgebaut: wenn das Kind ein Alter erreicht haben werde, in welchem es eine längere Reise ertragen könne, solle es ihm geschickt werden, um beim Großvater die Fürbitterin seiner Eltern zu machen.

Aber es war anders vorgezeichnet. Johanna hoffte wenig mehr für sich in diesem Leben. Nur für ihr Kind und für Tolberg schickte sie ihre inbrünstigen Gebete zum Himmel. Stundenlang verweilte sie im Bruderkirchlein vor dem Bilde der gnadenreichen Mutter und stellte selbst ihre Andachtsübungen nicht ein, als es schon winterlich kalt und der Aufenthalt zwischen den feuchten Wänden des Kirchleins ungesund zu werden begann. Klaus hatte noch im Walde zu schaffen, als Bruder Cyriak eines Tages mit der Botschaft zu ihm kam: mit Johanna stehe es schlecht; nach seinem Dafürhalten sei es das hitzige Fieber, was bei ihr angesetzt habe.

Vergeblich wendeten der kräuterkundige Cyriak und der sogenannte „Kühmarti“ aus der nächsten Gemeinde ihre Künste an. – Johanna starb; und der Pfarrer, der sie in ihrer Krankheit häufig besucht und sie vor ihrem Hingang noch mit den Tröstungen der Religion versehen hatte, hielt es für seine Pflicht, das traurige Ereignis den Messieurs Tolberg zu melden – mit dem Zusatz: „So ist sie heimgegangen in die himmlischen Wohnungen des Friedens. Sie wird einen gnädigen allbarmherzigen Richter gefunden haben. Sie war ein gutes Geschöpf. – Aber an Euch ist’s jetzt, wieder gutzumachen, was Ihr schlimm gemacht, an dem armen verlassenen Kinde Vaterstelle zu vertreten und ihm eine ordentliche Erziehung zukommen zu lassen.“ – Der Großvater kann nichts für das Kind tun, er ist jetzt sozusagen selbst ohne Pflege, und die verheiratete Schwester der Verstorbenen hat eine starke Familie und ist ihr deshalb nichts in diesem Punkte zuzumuten; so ist denn die Kleine allein, ohne Wartung und Zucht. Schreibt mir, was Ihr zu tun gedenkt.“

Der alte Geschäftsmann und Vertraute erschien wieder auf dem Walde, und nach längerer Besprechung mit dem Geistlichen kündete er den Verwandten des Kindes an, daß er beauftragt sei, für die Erziehung desselben zu sorgen und deshalb nach dem Willen des Vaters die Kleine zu sich nehmen müsse. Vergebens sträubte sich der alte Klaus dagegen; dem Zureden des Geistlichen und des Felsenwirts mußte er nachgeben – und der Geschäftsfreund fuhr mit dem Kinde von dannen, bis zur nächsten Station noch von der Fahlenbacherin begleitet. – So endete die Geschichte.

Tiefe Stille herrschte seitdem in der Hütte des Köhlers. Seine Schwester Barbara, die Hebamme, hatte sich zu ihm übergesiedelt und besorgte den kleinen Haushalt. Der Alte trieb sein Geschäft wieder hin wie her. Viele Jahre waren seitdem schon verflossen. – Gerne besuchten ihn die Kinder in der Hütte auf der Kohlstatt und lauschten seinen Erzählungen.

Nur von Tolberg sprach der Alte nie. – Doch hörten sie manchmal von ihm, wenn Anastasia und die Laubhauser Bäuerin von den seltsamen Schicksalen der unglücklichen Johanna und ihrem Kinde sich unterhielten.

Dieter war nicht mehr in der Heimat erschienen, und niemand wußte, wo ihn der Wind hingetrieben.

Tierstein im Sommer 2020

Mehr zum Hieronymus gibt es hier:

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Köcherfliegen

Liebe Bürgerpostleser, 

von Axel Ortlieb aus dem Münstertal erhielt ich am 25. Oktober 2023 diese beiden Bildermit der F rage, ob ich wüsste, um was es sich handelt. „Auf Anhieb nicht“ antwortete ich, aber zwei Minuten später schrieb ich, „Google lens tippt auf Eier von Köcherfliegen“. Zugegebenermaßen war ich etwas erstaunt, aber weitere Recherchen waren eindeutig. Der Standort der Eier war an einem Eisenpfosten einer Kläranlage in der Rheinebene mit einem Altrhein in der Nähe. 

Wenn es ein Bild wie unten gewesen wäre, hätte man nicht lange überlegen müssen. Denn die Bezeichnung kommt daher, dass die Larven dieser aquatischen Insektengruppe in selbstgebauten Köchern wohnen. Das ist doch wieder ein weiterer Naturhammer, finden Sie nicht auch? Mit etwa 13.000 bekannten Arten weltweit ist es die größte Insektenordnung. Aus Europa insgesamt sind 1.211 Arten und Unterarten belegt, in Mitteleuropa knapp 400 Arten, in Deutschland leben 307 Arten. Hätten Sie diese Vielfalt erwartet? Diese Informationen sind aus Wikipedia. 

Aber dass die Eier so anders aussehen, finde ich beachtlich. Vielen Dank an Axel Ortlieb, dass er mir die Fotos überlassen hat und wir deshalb wieder etwas mehr wissen. 

Herzliche Grüße
Franz Maus

Anmerkung vom Hieronymus:
Unten Filme die wir zum Spaziergang an der Gauchach hochgeladen hatten:

Köcherfliegenlarve in einem Tümpel in Hüfingen 2021
Köcherfliegenlarve (Trichoptera) von Dr. Rankenstein (Wikimedia)

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