Das unverhoffte Aus für die A 86

Wer auf der A 81 von Stuttgart oder Singen kommend in Richtung Bad Dürrheim und Donaueschingen auf die A 864 einbiegt und westwärts rollt, wird bald (Achtung Blitzer!) bis auf 60 Stundenkilometer herunter gebremst, ehe er auf die quer verlaufende, ebenfalls vierspurig ausgebaute B 27/B 33 abbiegt. Exakt hier, beim kurzen Seitenblick auf den dunklen Waldhorizont im Westen, werden die Verkehrsteilnehmer, zumal Schwarzwälder und Baaremer älterer Jahrgänge, urplötzlich von der Erinnerung an die „Schwarzwaldautobahn“ eingeholt. Dies je nachdem: die Einen mit nachträglichem Bedauern, die Andern mit Genugtuung. Denn eigentlich hatte es hier ja mal schnurgerade weiter in Richtung Schwarzwald und Breisgau gehen sollen – fast alle hatten damals mit dem Weiterbau gerechnet.

Verstopfungen in den Engpässen der Ortsdurchfahrten und Leidensdruck bei den Anwohnern der B 31, verursacht durch Lärm und Gestank des in den Wirtschaftswunderjahren so rasch anwachsenden Straßenverkehrs, hatten bereits anno 1965 dafür gesorgt, dass im Generalverkehrsplan des Landes Baden-Württemberg eine „A 86 Freiburg – Donaueschingen“ aufgetaucht ist: die „Schwarzwaldautobahn“. Eine leistungsfähigere Querverbindung über den Schwarzwald hinweg muss her, so argumentierten die Verkehrspolitiker und feierten sie vorneweg schon als „Verkehrsachse Paris – Wien“! Zwei Jahre später wurde sie auch vom Bundesverkehrswegeplan übernommen, und 1970 wurden einzelne Bauabschnitte bereits in Dringlichkeitsstufe II oder gar I eingestuft.

Im Hochschwarzwald schrillten da die Alarmglocken! Denn die zahlreichen Planungsvarianten mit ihren Tunnels und Viadukten mussten ja allesamt vom Rheintal aus eine Höhendifferenz von gut und gern 700 m überwinden und alle sollten sie dann gebündelt über den Thurner (1025 m NN) hinweg führen – womit sie allesamt den „Schwarzwälder Herrgottswinkel“ entweihen würden, das touristisch und landschaftlich so gepriesene Höhengebiet von St. Peter und St. Märgen. Kein Wunder, dass sich da besonders die „Arbeitsgemeinschaft Heimatschutz Südbaden“ ins Zeug legte, jener Zusammenschluss von etlichen dem Natur- und Landschaftsschutz verpflichteten Mitgliedsorganisationen (allen voran dem Schwarzwaldverein) und ihren insgesamt rund 130.000 Mitgliedern, angeführt von einem streitbaren Vorsitzenden, dem St. Märgener Forstamtsleiter und Kreisbeauftragten für Naturschutz Fritz Hockenjos (dem Vater des Verf.). Wie stellen sich die Verkehrsexperten eigentlich die winterliche Überquerung des Thurners auf einer Autobahn vor, so wurde gefragt, und das bei Schnee, Sturm und Wolkennebel, wie sie da oben an der Tagesordnung sind? Und von der Passhöhe sollte es dann durchs bäuerlich-idyllische Jostal in Richtung Neustadt hinab gehen – was für ein Viecherei! Doch so ganz wollte sich auch der Heimatschutz nicht gegen eine brauchbarere Ost-West-Verbindung verkämpfen. Aber wäre es da nicht klüger durchs Höllental mit Untertunnelung von Hirschsprung und Hinterzarten?

Per A 86 durch den „Schwarzwälder Herrgottswinkel“?

Die Auseinandersetzungen um Vor- und Nachteile dieser oder jener Trassenvariante fielen immer heftiger aus: Im Dreisamtal mischte eine eigens hierfür gegründete „Aktionsgemeinschaft für demokratische Verkehrsplanung“ mit, die die A 68 ebenso strikt durchs Dreisam- und Höllental ablehnte wie die Gemeinden St. Peter und St. Märgen die Varianten über ihre Gemarkungen hinweg, während erboste Jostäler Bauern sogar mit der Schrotflinte drohten. „Eine mittlere Barbarei“, so hatte der Oppositionsführer im Landtag, Erhard Eppler, die Schwarzwaldautobahn gescholten. 

Der Überraschungseffekt war daher gewaltig, als im Dezember 1975 Ministerpräsident Filbinger vor der Presse trat und erklärte, dass anstelle der A 86 die B 31 ausgebaut werden soll und dass die Autobahnpläne zu den Akten gelegt worden seien. Was mochte in Stuttgart bloß einen solch krassen Paradigmenwechsel herbeigeführt haben, wenn nicht der geharnischte Widerstand der „Wälder“? Oder hatte es beim Regierungschef womöglich ein Saulus-Paulus-Erlebnis gegeben, von dem die Verkehrpolitiker von Land und Bund buchstäblich überrumpelt worden sind?

Womöglich ist es wie folgt passiert: In Winter 1972/73 war auf dem Thurner ein Skilanglaufzentrum für Freizeitsportler eingeweiht worden, initiiert und gefördert durch die Forstverwaltung (mit Mitteln für Erholungseinrichtungen in und am Wald) und betrieben durch den gemeinnützigen Förderverein Club Thurnerspur. Weil sich jedoch in Breitnau und St. Märgen, auf deren Gemarkungen sich fortan die Skiläufer seitdem austoben durften, niemand so recht vorstellen konnte, was die eigentlichen Motive der Betreiber dieser bundesweit neuartigen Einrichtung da oben waren und ob davon ein touristischer Nutzen zu erwarten war, hatte die Thurnerspur in der Bevölkerung schon bald ihre Spitznamen weg: Mal hieß sie die „Kommunistenrennbahn“, mal „die rote Spur“, wo sich doch im rabenschwarzen St. Märgen der frisch gewählte Bürgermeister als Roter entpuppt hatte und wo auch der Clubvorsitzende politisch kaum einzuordnen war – der „Radikalenerlass“ des Jahres 1972 ließ grüßen.

So war es ein rechter Paukenschlag, als sich auf dem Thurner plötzlich Hans Filbinger, der Landesvater höchstpersönlich, zum Skilaufen einfand und auch sogleich Clubmitglied wurde. Im Nordschwarzwald hatte, mit dem Ministerpräsidenten als Schirmherrn, erstmals ein „Baden-Württembergischer Skiwandertag“ stattgefunden, Grund genug, Filbinger auf den Thurner einzuladen – fraglos ein listiger Schachzug! Dass er sich hier mitsamt Familie und Bodygards beim Skilaufen pudelwohl gefühlt und die Politik weit hinter sich gelassen hat, beweisen seine regelmäßigen Besuche (bis zu seiner Abdankung im Jahr 1978).

Prominenter Besuch auf der Thurnerspur (1973)

Der Thurnerspur brachte das prominente Mitglied nicht nur eine nachhaltige Imageverbesserung ein. Filbinger sorgte auch dafür, dass im Zuge des Neubaus der B 500 reichlich Parkraum entstand auf dem Thurner. Überliefert ist freilich auch die Episode, wonach der Clubvorsitzende anlässlich einer gemeinsamen Thurnerspur-Runde per Langlaufski den Landesvater vom tief verschneiten Doldenbühl aus auf die durchs Jostal geplante, so heiß umstrittene Trasse der Schwarzwaldautobahn aufmerksam gemacht habe. Woraufhin Filbinger, sichtlich betroffen, gemurmelt haben soll, das werde man sich ja wohl noch zwei-, dreimal überlegen müssen – womöglich der Anfang vom Ende des Prestigeprojekts?

Mit der A 86 längs durchs idyllische Jostal (Fotomontage aus „Zeit-Magazin“ 1974)

Allein, der ersatzweise versprochene drei- bis vierspurige Ausbau der B 31 sollte bis heute, nach über einem halben Jahrhundert, immer wieder ins Stocken geraten: Für die Baaremer am eindrucksvollsten ablesbar ist der Stand der Dinge an der seit Jahren vierspurig fertig gestellten Untertunnelung Döggingens. Die Zufahrt zu den beiden Tunnelröhen erfolgt jedoch über die Gauchach hinweg nach wie vor auf einem nur zweispurigen Viadukt. Gegen den Bau der seit Jahren parallel dazu eingeplanten zweiten Gauchachtalbrücke klagt der Verkehrsclub Deutschland (VCD). Ein Termin beim Verwaltungsgerichtshof ist inzwischen in Aussicht gestellt. 

Pinienprozessionsspinner

Liebe Bürgerpostleser, 

meine Hauptschulkameradin Gaby Reithinger geborene Heim aus Immendingen hat das Bild in Ihren Status gestellt. Ich war wie elektrisiert, weil ich so etwas noch nie gesehen habe. Ich vermute, die meisten von Ihnen auch nicht. Jetzt der Reihe nach. Gaby und ihr Ehemann Dietmar haben eine Tochter, die einen Spanier geheiratet hat. Zu deren Familie gehören zwei Kinder und sie leben in Spanien. Da ist es natürlich klar, dass Spanien für sie zum am meisten besuchten Land geworden ist. 

Schließlich will man ja seine Enkelinnen erleben dürfen. Und kürzlich waren sie wieder dort, die Aufnahme stammt vom 20. Februar 2024. „Ich bin beim Spazierengehen fast auf dieses Gebilde draufgestanden“ schrieb mir Gaby. Ich dachte einen kurzen Moment, dass es eine Schlange sein könnte, aber Gaby klärte mich auf: „Es ist der Pinienprozessionsspinner, der in Spanien recht häufig ist.“

Bild links zeigt die Reihenbildung der Raupen, eine hackt sich am Hinterteil der anderen fest. Richtig lustig sieht das aus. Es ist die Phase kurz vor dem Verpuppen. Das machen sie im Boden und zwar im Bereich von 5 bis 20 cm Tiefe. Ist das nicht der Hammer? Auf dem Bild rechts sieht man die Gespinste an einer fast kahlgefressenen Pinie. Hier sammeln sich die Nachtarbeiter bei Tage zum Schutz, um die nächste Nacht wieder auf Fresstour zu gehen. Wie der bei uns vorkommende Eichenprozessionsspinner sind die Raupenhaare giftig für Mensch und Tier. Mit Hunden sollte man nicht unter befallene Bäume gehen. 

Das Hauptverbreitungsgebiet ist der Mittelmeerraum und Vorderasien aber auch zum Beispiel in Südtirol kommt er vor. Ich vermute, das es nicht mehr lange dauern wird, bis er auch bei uns im Südwesten Baden-Württembergs auftauchen wird. Denn er profitiert eindeutig vom Klimawandel.

Liebe Gaby, vielen Dank, dass ich Deine Bilder benutzen durfte, um einen kleinen Beitrag über den eindrucksvollen Prozessionsspinner zu schreiben.

Herzliche Grüße
Franz Maus  

Die Wanderjahre
Neuigkeiten aus der Heimat
Mater dolorosa

Hieronymus Kapitel 22

Die Wanderjahre – Neuigkeiten aus der Heimat
Mater dolorosa

Es war in den ersten Tagen der Pfingstwoche, als Hieronymus mit den besten Zeugnissen von seinem Meister schied, um noch zwei Tage bei den Eltern zuzubringen – und dann die Wanderschaft anzutreten.

„Geld und Geldswert“, sagte der Vater beim Abschied, „können wir dir nit mitgeben. Sei fleißig und rechtschaffen – hab Gott vor Augen – und schick dich nach de Leut und – hast’s g’hört – schreib auch bald.“ Die Mutter aber, nachdem sie sein Felleisen sorglich mit dem Nötigsten versehen, legte obenauf noch ein hübsch eingebundenes Gebetbüchlein, das sie von einer Wallfahrt mitgebracht, die sie für das Wohlergehen des Sohnes zur Bildtanne nach Triberg unternommen hatte. „Halt’s in Ehren!“ bat sie und hielt ihm dann noch eine Vorlesung über die mitgegebenen Kleider und Weißzeugstücke und was alles noch nachgeschickt werden solle, wenn er einmal einen festen Platz haben werde – und ja nicht zu übersehen – unten im Felleisen werde er, für Notfälle, Nadel, Faden und Fingerhut finden, auch ein Dutzend Knöpfe; und sobald die Leinwand von der Bleiche komme, werde sie ihm noch ein halbes Dutzend neue Hemden anfertigen.

Ein Felleisen ist ein lederner Rucksack, der früher von Handwerksgesellen auf Wanderschaft getragen wurde.

Was es mit der Bildtanne in Triberg auf sich hat, läßt sich auf den überaus interessanten Seiten von Dieter Hund nachlesen

Auf dem Hof hatte Hieronymus die Tochter Florentina nicht mehr getroffen. – Sie war über die Feiertage auf Besuch zu ihren Verwandten, den Kaiserzollers, gegangen. – Der Hofbauer hatte dem Jüngling zur bevorstehenden Reise viel Glück und Segen gewünscht, die gute Hausfrau jedoch den Scheidenden bis vor die Türe begleitet und ihm in der Hausöhre noch ein paar Taler in die Hand gedrückt.

Beim Bachweber war des Gesellen letzte Beurlaubung. „Nimm auf deiner Wanderschaft“, sagte der alte Lehrer, „den Eulenspiegel zum Muster; ist’s bergan gegangen, hat er gelacht; ist’s aber abwärts gegangen, war er betrübt; denn, hat er gemeint, wenn es mühselig die Steig naufgeht, freu ich mich, weil ich denk, es werd auf der andern Seiten auch wieder abwärts gehen – und so umgekehrt. Auch du wirst auf deinem Wanderleben nit immer ebene Weg und Straßen antreffen, wirst steile Berg und tiefe Abgründ finden. – Verlier den Mut nit. Geh gradaus, weich nit ab vom rechten Weg, dann wirst du am sichersten zum Ziel gelangen.“ Und mit diesen Worten hatte der Alte aus dem Wandkästlein ein Büchslein genommen, nicht viel größer als eine Welschnuß, worin er das Schulgeld aufzubewahren pflegte. Er fischte zwei blanke Silberlinge heraus, reichte sie seinem ehemaligen Schüler mit den Worten: „Da – trink auf’s Wohl deines alten Lehrers – wenn er dir schon nit viel hat geben können, so war’s doch gut gemeint.“

Im „Felsen“ hatte das ehemals so anhängliche Kleeblatt sich noch ein Stelldichein gegeben. Auch Stoffel hatte versprechen müssen, sich einzufinden, er kam aber nicht. Dionys, zutunlicher denn je, machte den splendiden Wirt. Die Florentina und er, versicherte er den reisefertigen Freund, hätten die Zeit her oft von ihm gesprochen; sie hab immer gehofft, sie werd ihn auch noch sehen und ihm Adje sagen können. – Beim Scheiden war zwischen Hieronymus und Romulus ein fortdauernder Briefwechsel verabredet worden.

Früher hatte Hieronymus immer sich der Hoffnung hingegeben, Severin werde, den alten Plänen getreu, mit ihm ziehen auf die Wanderschaft. Daran aber war in der letzten Zeit nicht mehr zu denken gewesen. Der Gute war im Begriff, immer mehr – wie man zu sagen pflegt – sich einzudeckeln. Alle Lust und Freude an der Außenwelt war ihm vergangen. Die gewaltigen Ereignisse und Umgestaltungen der französischen Revolutions- und Kriegszeit, alles, was er sah und hörte oder zufällig einem Zeitungsblatt entnahm, hatte bei dem ohnehin zum enghäuslichen Stilleben geneigten Junggesellen den Glauben erzeugt, es gehe abwärts mit der Menschheit und es müsse nächstens ein noch größeres Strafgericht über sie hereinbrechen. – Selten mehr verließ er sein Stüblein und die Werkstatt. Sein frugales Mahl bereitete er sich selbst; und im Küchelein herrschte eine Ordnung und Reinlichkeit, wie sie die Hand auch der pünktlichsten Magd oder Hausfrau nicht größer herzustellen vermocht haben würde.

Der Gedanke ans Heiraten war aufgegeben. Severin schauderte bei der Vorstellung, die Erwählte könnte sich hinterher als unordentliche Hausfrau und als schlechte Köchin entpuppen. – „Ich mein“, hatte er einmal zu Hieronymus gesagt, als von diesem Kapitel die Rede gewesen, „auch die feurigst Liebe müß abkühlt werden, wenn die Frau als Sudelköchin dem Mann das Essen anricht!“ – Nicht minder Respekt hatte der sparsame Mensch vor solchen Gemahlschaften, bei denen die schönere Hälfte im Gefühl ihrer Batzen und sonstigen außerordentlichen Eigenschaften sich gewissermaßen für ein Juwel hält, dem ihr geplagter Pantoffelheld höchstens nur zur Fassung und Folie dienen soll. – Im Gegensatz zu solch einem Hausstand schien ihm sein Stüblein ein kleines Paradies zu sein, das er – als zufriedener Adam ohne Eva – recht gern jeden Morgen selbst auskehren und alle vier Wochen einmal eigenhändig auf waschen und fegen wollte.

Das Häuslein, in dem er so lange Zeit schon wohnte, hoffte Severin – wenn fortan jetzt Friede bleiben würde – dereinst käuflich zu erwerben. Und so fühlte er sich glücklich, zufrieden. Was wollte und konnte er Besseres in der weiten Welt noch suchen und finden?

Unser Wandergeselle hatte den Weg ins Schwäbische genommen. Im Kloster Marchtal fand er die erste Beschäftigung. Von da ging’s nach Ulm. Vom Nachfolger des verstorbenen Oberamtrats in Hüfingen war ihm durch Vermittlung des Meisters Amtsdiener ein Schreiben dorthin mitgegeben worden an den Wirt „Zum goldenen Greifen“, wo zu Kreiszeiten die Bevollmächtigten der Höfe Baden-Durlach und Fürstenberg Quartier zu nehmen pflegten. Der jetzige, zum Rat beförderte Amtmann, hatte als Gesandtschaftssekretär mehrmals längere Zeit dort gewohnt, und es war zu hoffen, daß der Greifenwirt, als geborener Ulmer, dem angehenden Handwerksgesellen mit Rat und Tat an die Hand gehen und Arbeit verschaffen werde. – Und wirklich gab er sich auch alle Mühe, dem gut empfohlenen Gesellen einen Platz ausfindig zu machen; allein es wollte nicht gelingen; die Geschäfte stockten, weil niemand recht dem Frieden traute. Der Name Bonaparte, der durch seine Siege in Italien die Welt in Staunen versetzte, schwebte auf aller Lippen. – Trotzdem tat’s der Wirt nicht anders, Hieronymus mußte ein paar Tage lang sein zechfreier Gast sein, um doch wenigstens die Merkwürdigkeiten der alten freien Reichsstadt in Augenschein nehmen zu können.

Der zweite Tag nach des Gesellen Ankunft war der Schwörtag des neu erwählten regierenden Bürgermeisters. Und so hatte er Gelegenheit, den Aufzug sämtlicher Zünfte nebst dem städtischen Offizierkorps zu sehen.

Hieronymus in Ulm
Über Ulm, den Schwörtag, das Rathaus und auch das Münster läßt sich vieles schreiben. Für alle interessierten verweise ich auf die überaus interessanten Seiten des Vereins für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben.

Am folgenden Tage wurde – zum erstenmal wieder seit Beginn des Krieges – das große Fischerstechen auf der Donau abgehalten, welch lustiger Wettkampf der Fischer- und Schifferzunft für Hieronymus ebenfalls ein ganz neues Schauspiel war.

Schon in Marchtal, wo er den Strom so mächtig daherfluten gesehen, war er nicht wenig stolz geworden auf seinen schwarzwäldischen Landsmann, der einst, sozusagen ein Kind noch, dem Kinde stets so viel Lust und Vergnügen bereitet. Wie oft hatte er als Bube, im Bade auf den glatten Kieseln und dem beweglichen Fischgras liegend, die murmelnde, sonnige Welle über sich hingleiten lassen! – Jetzt, in Ulm, hätt‘ er’s – obwohl ein leidlicher Schwimmer – nicht mehr gewagt, dem so groß und stark gewordenen Jugendfreund sich in den Arm zu werfen.

Auch noch ein weiteres Vergnügen verschaffte der Greifenwirt seinem Gaste, den freien Eintritt in das städtische Komödienhaus, wo zum Schluß des Festes eine Vorstellung stattfand. Schon einmal war ihm das Glück zuteil geworden, einen Blick tun zu dürfen in diese Zauberwelt. Es war anläßlich der Rückkehr des fürstenbergischen Hofes nach der Residenz Donaueschingen. Das Söhnlein des Verwalters in Hüfingen, welches außerordentliches Talent zum Singen und Klavierspielen entwickelte, war bestimmt, beim Festspiel in dem kurz vor dem Kriege neueingerichteten Hoftheater eine kleine Begrüßungsarie zu singen. Natürlich, daß sämtliche Hausfreunde des Verwalters der Vorstellung beiwohnten; und auch Hieronymus hatte durch seinen Meister Zutritt erhalten. Ein Marionettentheater war alles, was er bis dahin von der Bretterwelt gesehen, und wenn er damals diesen Maßstab auch nicht gerade in das Hoftheater mitgebracht, so wurden durch alles, was er dort zu sehen und zu hören bekam, seine Erwartungen und Vorstellungen doch so sehr übertroffen, daß er wie ein Verzückter aus dem Musentempel heraus und nach Haus gekommen war.

Es war anläßlich der Rückkehr des fürstenbergischen Hofes nach der Residenz Donaueschingen. Das Söhnlein des Verwalters in Hüfingen, welches außerordentliches Talent zum Singen und Klavierspielen entwickelte, war bestimmt, beim Festspiel in dem kurz vor dem Kriege neueingerichteten Hoftheater eine kleine Begrüßungsarie zu singen.

An früherer Stelle habe ich erwähnt dass der „Verwalter“ der Großvater von Lucian Reich war. So ist mit dem „Söhnlein“ der Onkel von Lucian Reich gemeint, also der Bruder seine Mutter. Der Bruder von Maria Josefa Reich (18. März 1788 -12. November 1866) war Johann Nepomuk Schelble (16. Mai 1789 in Hüfingen – 7. August 1837 in Hüfingen), der Gründer des Cäcilienvereins in Frankfurt a. M..
https://hieronymus-online.de/wanderbluhten-johann-nepomuk-schelble-2/

Johann Nepomuk Schelble (1789 -1837)
Zeichnung von unbekannt.

Die Wiederholung dieses Hochgenusses bot unserm Gesellen jetzt um so mehr Interesse, als sämtliche Maschinen und Dekorationen nebst dem Vorhang kürzlich erst durch Künstler, welche ihre Ausbildung der berühmten Karlsschule zu Stuttgart verdankten, neu beschaffen worden waren. Namentlich war es der Vorhang, der alle Welt in Bewunderung versetzte und auch unsern Malergesellen nicht wenig staunen machte. Da sah man die Philosophie mit der „Person, welche“, wie die Ankündigung besagte, „Ulm vorstellte, von der Theorie und dem Nutzen der Schauspiele“ sich unterhalten, während der, als Flußgott gebildete Donaustrom, in Gesellschaft von Nymphen, Musen und Göttern, dem höchst interessantesten Diskurs aufmerksam zuhörte. – Das Stück selbst, in welchem eine unglückliche Liebe vorkam, rührte den guten Burschen zu Tränen. – Wie ein Träumer und Nachtwandler kam er nach dem Schlusse in den „Greifen“ zurück – und konnte gar nicht begreifen, wie die Bürger dort beim Schoppen von so ganz alltäglichen Dingen sich unterhalten konnten.

Bevor Hieronymus die altertümliche Reichsstadt verließ, besichtigte er auf Zureden seines Wirtes noch das Rathaus. – Bekanntlich herrschte bei unsern Altvordern das löbliche Bestreben, öffentliche Gebäude, zumal Rathäuser, mit Werken der Kunst und Sehenswürdigkeiten überhaupt zu zieren – oder, wo solche vorhanden, wenigstens doch zu erhalten.

Konnte das hiesige Rathaus mit seinen immerhin schönen, gotischen Fenstern und zackigen Giebeln auch keinen Vergleich aushalten mit dem Augsburger – welches Hieronymus bald nachher zu bewundern Gelegenheit hatte -, so sah er doch viel Schönes und Merkwürdiges daselbst, sowohl in der großen Ratsstube, wo vordem die Bürger dem Kaiser gehuldigt, als auch in dem Gemache, wo die Deputationen der Kreisstände sich zu versammeln pflegten: zierliches Getäfel, herrlich leuchtende Glasgemälde, die Wappen alter Ratsherren aus den Geschlechtern darstellend, Bildnisse berühmter Männer und geschichtliche und allegorische Gemälde mit Reimsprüchen, welche die Wände schmückten. Das schöne Gitterwerk am Ofen der Ratsstube sowie der in Bronze gegossene Kronleuchter allda gaben Zeugnis vom hohen Stande einstiger heimischer Kunstfertigkeit. – Auch das Zeughaus, d. h. die dortige reichhaltige Modellkammer (das Zeughaus selbst war bei Beginn des Krieges durch die Kaiserlichen vollständig geleert worden) bekam der Geselle auf Verwendung seines gefälligen Wirtes zu sehen. Er bewunderte da eine Menge von Rissen und Zeichnungen öffentlicher Gebäude aller Länder, Modelle kunstreicher Brücken, Mühlen und Maschinen sowie eine Sammlung von Nachbildungen deutscher und holländischer Festungen.

Wochenlang hätte Hieronymus in Ulm bleiben mögen, um alle Sehenswürdigkeiten mit Muße betrachten zu können. Aber er fürchtete seinem Wirte überlästig zu werden; und so schied er mit herzlichem Dank für die freundliche Bewirtung – nachdem er noch das Münster besichtigt und – zum Andenken – einen neuen Ulmergulden eingewechselt hatte. – Früh morgens, als eben der Kuhhirt blies und groß und klein zum Tor hinaustrieb – verließ er die Stadt, um Augsburg zuzuwandern. Dort, in der reichen Handelsstadt, gab es Arbeit; und der Geselle legte für längere Zeit sein Felleisen nieder.

Wie Bachweber vorausgesagt, fand er im Verlaufe seine Wanderlebens Berge und Täler, Erfreuliches und Trübes, aber sein Mut und sein Eifer blieben allen Hindernissen gewachsen: „Duck dich, laß vorüber gahn, das Wetter will seinen Willen han“, hieß es in dem „guldenen ABC“, welches ihm sein Vater als moralischen Wegweiser mit auf die Reise gegeben hatte.

Mit Fleiß und Beharrlichkeit strebte er in seinem Fache vorwärts; keine Mühe war ihm zuviel, wenn es sich darum handelte, etwas Neues zu lernen oder im Alten sich zu vervollkommnen. Geselligkeit und frohen Lebensgenuß floh er nicht; wenn ihn jedoch der Strudel einmal zu weit fortreißen, fast leichtsinnig machen wollte – denn auch die beste Uhr schlägt zuweilen einmal ein Viertel zuviel -, so besann er sich sogleich wieder – und gedachte der Seinigen daheim, welche in Mühsal und Not sich durchs Leben zu schlagen hatten. – Erfahrung lehrte ihn Vorsicht. Doch wenn er sich auch oft getäuscht fühlen mußte in der guten Meinung, die er zur Zeit noch von allen Menschen hegte, so fand er hinwieder im fremden Lande Freunde und Freundeshilfe, wo sie am wenigsten zu vermuten gewesen.

Nahezu zwei Jahre verbrachte er in der kunst- und gewerbereichen Reichsstadt. Von Zeit zu Zeit schrieb er nach Hause, und zuweilen waren diese Sendschreiben auch mit etwas Silber beschwert. Neben diesem Briefwechsel mit dem Vater unterhielt Hieronymus noch einen zweiten mit Romulus, dem stets pflichtgetreuen Berichterstatter des Neuesten aus der Heimat. – War das Ankommen solcher Briefe für den Sohn und Freund immer ein Gegenstand freudiger Aufregung, so geschah das Öffnen derselben doch nicht ohne ein gewisses banges Nebengefühl, welches nicht weichen wollte, bis er die Zeilen überflogen und die Beruhigung geschöpft hatte, daß zu Haus alles gut stehe. – Vielleicht glaubte er auch auf eine Nachricht stoßen zu müssen, auf welche er zwar gefaßt war, wovon er übrigens nicht recht wußte, ob er sie endlich herbeiwünschen solle oder nicht.

Seit Jahr und Tag war dem geheimen Korrespondenten der Name Florentina nicht mehr aus der Feder geflossen; da meldete er eines Tages die – Verheiratung der Hofbauerntochter Florentina mit dem Handelsmann und „Packer“ Dionys. „Er hat schon“, hieß es in dem Schreiben, „im vorletzten Herbst förmlich um sie angehalten; der Vater und die Verwandten hatten zugesprochen, das Mädchen aber sich ein Jahr Bedenkzeit ausgebeten – endlich hatte sie nachgegeben. – Hat sie vielleicht auf einen Ritter gehofft, der aus fremden Landen, etwa aus dem Schwäbischen kommend, sie vom Scheiterhaufen befreien würde? Der Laubhauser hat Verwandte von nah und fern zur Hochzeit eingeladen und in jede Hütte der Gemeinde Wein und Brot geschickt: die Leute sollen wissen, sagte er, daß der Laubhauser heut ein Fest feiert.“ Der Stabhalter, hieß es weiter, sei an selbigem Tag kreuzfidel gewesen und habe schon bei der Morgensuppe, wo er den Kaffee aus einem Milchbecken getrunken, seine gewohnten Späße zum Besten gegeben usw.

Lange schon hatte der Geselle ausgelesen, aber noch hielt er unbeweglich den Brief mit beiden Händen. Da hob sich die Brust, und ein tiefer Atemzug erleichterte die Last des gepreßten Herzens. Ein halb entwurzelter, ausgerissener Baum grünt und blüht wohl noch eine Zeitlang fort, genährt von Tau und Luft, bis ein Windstoß ihn gänzlich zu Boden wirft. – Also ein anhänglich liebendes Gemüt.

Der Schluß von Romulus‘ Brief hatte noch eine Nachricht enthalten, von welcher Hieronymus unter andern Umständen schmerzlich berührt worden wäre, die aber jetzt eine fast entgegengesetzte Wirkung hervorbrachte, eine Art Trutz gegen das Schicksal. Es war nämlich die Nachricht von dem Tode des alten Stoffel, welchen man eines Morgens tot in seiner Hütte gefunden.

Der treue Dachshund lag zu den Füßen des Leichnams und wollte keinen Menschen sich diesem nähern lassen. Die Hütte stand seitdem leer, niemand mochte sie bewohnen.

Des andern Tages nach dem Empfang dieser Nachrichten hatte unser Geselle zum erstenmal in seinem Leben einen „Blauen“ gemacht, jedoch keineswegs bei Spiel und Wein, sondern in blauer, frischer Luft. Frühe schon war er aufgestanden, hatte sich, damit die Nebengesellen ihm nichts ansehen sollten, am Brunnen die Augen gewaschen, und dann die Werkstatt betreten. Zu arbeiten aber war ihm unmöglich; er kleidete sich vollständig an, wanderte hinaus vor das Tor, durch Felder und Gründe, durch Dörfer und Wälder und kehrte des Abends ziemlich versöhnt, in äußerlich beruhigter Stimmung nach Hause.

Der Aufenthalt in Augsburg aber blieb von jenem Augenblick an dem Gesellen verleidet, er kündigte dem Meister auf und wanderte München zu. Die wenn auch kurze Reise genügte, ihn von allen bösen Wettern, die allenfalls noch im tiefen Schachte seiner Seele gelagert sein mochten, gründlich zu befreien; und der fahrende Geselle betrat die Stadt in einer Stimmung, wie es etwa einem Schwimmer zumute ist, wenn er nach vielem Ringen wieder festen Grund unter seinen Füßen spürt. Ein starkes Band, das ihn an die Heimat gefesselt und heimlich zurückgezogen – er fühlte es jetzt gelöst. In der Fremde wollte und konnte er ja sein Glück machen, auch von da aus dann den Eltern hilfreich sein, sie unterstützen.

Doch was sind Vorsätze, Zukunftspläne! – Auch der stärkste Steuermann vermag ja nichts gegen Sturm und Wogendrang. – Die politische Atmosphäre war – in wie heftigen Schlägen auch die Wetter sich entladen hatten – stets noch eine schwüle – ein dauernder Friede für die nächsten Zeiten nicht zu hoffen. Namentlich unser südwestlicher Winkel Deutschlands sollte sobald nicht zur Ruhe kommen, und fast schien es, als sollten die Prophezeiungen unseres Severin zur Wahrheit werden.

Einigemal schon hatte der Freund dem Freunde geschrieben; und jetzt erhielt Hieronymus wieder ein Brieflein von Severin. Er könne nicht unterlassen, schrieb er, ein paar Zeilen zu schreiben und zu melden, daß es bei ihnen wieder verwirrter und trostloser aussehe denn je. – „ Wie Du wissen wirst, ist es schon wieder losgegangen. Der Franzos will eben mit keinem Nachbar in Frieden leben. Ach, das ist ein trauriger Anblick gewesen die vorige Woche, die Wägen voll Schwerblessierter, so auf dem blutigen Stroh von der Bataille von Stockach her vor’s Zuchthaus hier angefahren sind, wo abermals ein Spital eingerichtet ist: denn die Sträflinge sind ausquartiert und nach dem festen Schloß Wildenstein verbracht worden. Der ganze Vorplatz, das Stiegenhaus und die Gäng und Stuben im untern und obern Stock, alles voll mit Blessierten, überall nix als Ach und Weh. Die französischen Chasseurs, so hat mir der Schwarz Weißgerber gesagt, hätten vor der Schlacht geschworen, sie wollten den östreichischen Kostbeuteln die langen Nasen schon abhauen. Aber ich mein‘, sie haben diesmal ihren Meister gefunden am Erzherzog Karl! – Du kannst Dir eine Vorstellung machen, seit vierzehn Tagen bin ich in kein Bett mehr kommen, weil mein’s belegt ist gewesen mit der Einquartierung. Im Stüblein sieht es aus wie mit der Heugabel durcheinandergeschüttelt. Heut ist der erste Tag, wo wir wieder schnaufen können. – Der Feldwaibel, hieß es am Schluß, „ist seit vorem Jahr schon zum Invalidenkorps versetzt worden. Er und die Annakäther lassen Dich tausendmal grüßen sowie auch des Amtsdieners. NB. Bald hätt ich’s vergessen – der Schwarz Weißgerber laßt Dir sagen, Du sollest ihm doch einen schönen Ulmerkopf schicken, den seinigen hab er verloren durch die Spitzbuben-Einquartierung.“

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Nicht lange – und der Briefbot brachte auch ein Schreiben von Romulus, mit Nachrichten, die unserm Hieronymus schon mehr zu Herzen gingen. Auch Romulus meldete, welch große Drangsale ihnen der diesmalige Feldzug über Wald gebracht. Viele Leute an der Heerstraße, schrieb er, hätten ihre Habseligkeiten in das Tal geflüchtet, in der Meinung, auch jetzt würde der Feind diesen abgelegenen Winkel nicht heimsuchen. Dies müsse verraten worden sein. Die retirierenden Franzosen, die bei Röthenbach und Neustadt ihr Lager gehabt, hätten Spione herübergesandt, und seien dann in hellen Haufen, gleich einem toll gewordenen Bienenschwarm, angerückt, um zu plündern und zu rauben. „Es war anzusehen“, schrieb Romulus, „wie wenn irgendwo Viehmarkt wär, und würden s. v. Ochsen, Kühe, Kälber und Schweine alles fort, zu Markt getrieben. Ein Glück war’s für unser Haus, daß ich just daheim gewesen bin, denn weil ich ein paar Brocken Französisch mit ihnen hab welschen können, so haben sie’s in betreff des Hausrates noch gnädig gemacht; aber dem Vieh im Stall haben sie kein Pardon gegeben.

Koalitionskriege
Wer sich genauer für die Wirren der Koalitionskriege interessiert, sei auf die Seite des Geschichts- und Heimatvereins Villingen verwiesen: Villingen im Zeitalter der Französischen Revolution(1770-1815) von Michael Tocha. Für Hüfingen ist in der Chronik von August Vetter (1984) einiges dazu nachzulesen.

Im Laubhauserhof aber hat’s viel bösere Auftritt abgesetzt; da haben sie nebst alldem noch bares Geld verlangt, und mit „Bougre und andern französischen Titeln dem konsternierten ‚Außvater‘ Peter die Bajonnets auf die Brust gesetzt. Ein Glück für ihn, daß die Bäurin, das Agathle, so resolut gewesen ist und ihnen gleich einen Beutel voll Kronentaler nebst dem Schlüssel zur Speis- und Speckkammer eingehändigt hat. Der alte Laubhauser soll unsichtbar gewesen sein und sich auf dem Heustall unterm Heu verkrochen gehabt haben. – Dem Stabhalter haben sie den Wein im Keller gesoffen, und zwar aus Kübeln und Gelten, und hernach die Fässer eingeschlagen. Wie aber dieses Bachusfest im besten Zug ist gewesen – kam einer auf abgetriebener Mähre dahergaloppiert – allons toutsvite aufgepackt und fort – dem Lager zu. Von der Ferne her krachte es durch die Waldungen. – Was war’s? – Der fürstliche Revierförster Columban, den Du auch kennst, der war’s, der sie so schnell auf die Weichseiten und zur Höllenfahrt getrieben hat. Er wußte, daß die Kaiserlichen schon Bondorf besetzt hatten; er begab sich hin, erbat sich Mannschaft, mit denen er auf Waldwegen beikam – und piff, paff, ging’s über die Piquets und Vorposten her. Alles kam in Alarm und packte auf – dem Höllenpaß zu.

Wie ich nun nachderhand in Euer Haus kommen bin, hab ich Deinen Vater betrübt vor den leeren Kästen und Trögen in der Stube stehen sehen. Die Stalltür fand ich eingeschlagen, die Kuh und die Geiß fort. „Es ist‘, hat Dein Vater mit nassen Augen zu mir gesagt, ,wie wenn wir jetzt erst frisch zu hausen anfangen müßten. – Am meisten aber kränkt es Deine Mutter, daß ihr die Schlingel auch den schönen Ballen Flächsetuch, so sie für Dich gesponnen und umgelegt hat, erwischt haben. ‚Hab immer glaubt‘, sagte sie traurig zu mir, ‚es werd‘ dem Hieronymus einmal die Aussteuer geben. – Wer weiß, was für ein Lumpenkerl nun Staat mit dem Weißzeug machen wird! – Dein Vater aber wünscht und laßt Dir sagen, daß Du je eher je lieber heimkommen möchtest, um ihn zu unterstützen. Er ist den ganzen Winter her kränklich gewesen, und so liegt jetzt die ganze Last allein auf der Mutter.“ – Am Schlusse gestand der Korrespondent, daß er mit den praktischen Ausführungen der neufränkischen Ideen durchaus nicht mehr einverstanden, und von manchem, für das er früher geschwärmt, so ziemlich kuriert worden sei.

Wie stand es nun mit unseres Gesellen hochfliegenden Plänen, sein Glück draußen in der Fremde machen und der Heimat Adjeu sagen zu wollen?

Rief ihn jetzt nicht eine heiligste Pflicht zurück ins Vaterhaus zur Unterstützung der alten Eltern? – Das nächste, was er tat, war, daß er seine Sparpfennige – darunter auch das Goldstück, welches er vor Jahren von der Emigranten-Familie erhalten, samt dem Ulmergulden – zusammenpackte und mit einem Trostschreiben begleitet an den Vater schickte. – So lange, schrieb er, wolle er noch außen bleiben, um seine Wanderjahre vorschriftsmäßig vollenden zu können; was er nebenbei zur Unterstützung des heimatlichen Hauswesens nur immer tun könne, wolle er tun usw.

Mit verdoppeltem Eifer und Fleiß wendete er sich jetzt wieder seinem Geschäfte zu. Er hatte einsehen gelernt, daß die unerbittliche Notwendigkeit den Menschen entweder immer wieder seiner Pflicht – oder dem Abgrund zuführen müsse. – In München hatte er vollauf Gelegenheit, im Fache sich weiter auszubilden und Kenntnisse aller Art zu erwerben. – Und schon gegen den Herbst hin erfreuten ihn auch wieder bessere Nachrichten von daheim.

Das Unheil im Haus hatte sich später denn doch minder groß herausgestellt, als es im ersten Schrecken den Anschein gehabt. Manches, was versteckt gewesen, wurde wieder gefunden, anderes, was die Plünderer auf dem Wege als unnütz oder lästig befunden, weggeworfen, war wieder beigebracht worden. Und selbst die Kuh stand längst wieder gesund und munter im Stall.

Die Franzosen, schrieb der Vater, hätten, als sie das Schießen vom Überfall des Försters gehört, das Tier, das ohnehin nicht gut französisch gesinnt und nur mit Gewalt fortzubringen gewesen, alsbald im Stich gelassen. Verwildert sei dasselbe mehrere Tage im Wald herumgelaufen, endlich aber glücklich wieder eingefangen worden. – Und was das erfreulichste war, auch die Gesundheit des Vaters hatte sich wieder gekräftigt; dies und die Unterstützung des Sohnes benebst einer guten Ernte hatten den Hausstand bald wieder auf den alten Stand gebracht. Und so schrieb der Vater, er sei ganz damit einverstanden, wenn Hieronymus noch ein paar Jahre in der Fremde bleiben wolle, um sich noch vollends auszubilden.

Auf dem Walde verliefen im übrigen die Dinge so ziemlich, wie es vorherzusehen war. – Dionys, welcher jetzt über ein ansehnliches Vermögen verfügte, war neben seinem Krämergeschäft auch noch Packer geworden, d. h. er versendete Uhren, mit deren Anfertigung er verschiedene Meister beschäftigte; sein Geschäft wuchs und gewann mit jedem Jahr an Ausdehnung.

Die Uhrenmacherei hatte zur selben Zeit überhaupt einen mächtigen Aufschwung genommen. Gleich wie ein Samenkorn, vom Winde auf rauhe Felsen getragen, sich selbst überlassen im spärlichen Boden keimt und Wurzeln schlägt und zuletzt zum fruchtbaren Baum erwächst, so ähnlich war der Anfang und so gesegnet der Fortgang dieser neuen Industrie. Im siebenzehnten Jahrhundert aus unscheinbaren Anfängen und Versuchen auf dem Glashof bei St. Peter entstanden, hatte sie sich mehr und mehr ausgebreitet; und zur Zeit unserer Erzählung wurden bereits schon ganze Ladungen von Uhren ins Ausland versendet.

Unser Geschäftsmann Dionys hatte schon mehrere Reisen nach Frankreich gemacht, und von daher nebst fremder Sprache, fremdländischen Manieren und Mode auch fremdes Geld mitgebracht. Dazu im Besitze einer reichen Frau konnte es ihm bei seinen Mitbürgern nicht wohl an Ansehen fehlen, denn auch das bißchen Großtun fand man bei Gelegenheit ganz am Platze, „er kann’s machen!“ hieß es, „er hat’s!“

Doch, wieviel auch der Mensch mit äußerlichen Glücksgütern gesegnet sein mag – vor Schmerz und Leid schützen sie nicht. Auch Florentina, die emsig und treu waltende Hausfrau, mußte dieses erfahren. Ihre ganze Liebe, ihr Lebensinteresse war den beiden Kindern zugewendet, welche der Himmel ihrem Mutterherzen anvertraut hatte. Aber der Tod entriß ihr die Mutter, nicht lange danach auch das einzige Söhnlein.

Längst verhallt war das Grabgeläute und dargebracht das übliche Opfer für die Dahingeschiedenen; aber von der Zeit an blieb ihr liebster Ausgang – auf die Gräber der geliebten Toten. – Wenn am schönen Sonntagnachmittag ringsum alles sich Erholung gönnte und die Menschen singend, plaudernd auf Wegen und Stegen dahinzogen, konnte man in der kleinen Totenkapelle auf dem stillen Gottesacker einsam eine Frau in Trauertracht knien sehen. Die klagte Gott ihr bitteres Leid und suchte Tröstung vor dem Bilde der Mutter, die auch einst mit zerrissenem Herzen an dem Kreuz des Sohnes stand.

Endlich jedoch übte die Zeit auch auf ihr Gemüt wohltätigen Einfluß aus. In dem noch übrigen Kinde, im Familienleben überhaupt, fand sie Ersatz für so manchen Verlust, so manche Lebenstäuschung.

Mann mit Pfeife von Luzian Reich dem Älteren
Es würde mich sehr freuen, wenn jemand die Schrift unten entziffern kann!

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Heimritt
Freisprechung
Einzug in die neue Zunftherberge

Das junge Paar reitet auf edeln Pferden. Das Mädchen trägt einen Strohhut

Hieronymus Kapitel 21

“Zum frohe Sinn, zum freie Muth, und Heimet zu schmeckt alles gut.”
>Johann Peter Hebel

Heimritt – Freisprechung
Einzug in die neue Zunftherberge

Sitte war es damals, daß Neuvermählte vier Wochen nach der Hochzeit ihren auswärts wohnenden Eltern einen Besuch, und zwar zu Pferd, abstatteten; und nicht Peter noch sein junges Weib waren die Leute, solch altes Herkommen unbeachtet zu lassen.

Frühmorgens waren sie vom Laubhauserhof weggeritten, hinaus gegen die benachbarte bergumgrenzte Hochebene, wo zwischen Wiesen und Getreidefeldern bald das heimatliche Dorf des Agathle dem Blick sich zeigte.

Bei den ersten einzelnstehenden Häusern angekommen, gab die junge, stattliche Bäuerin ihrem reich aufgesträußten Pferde einen leichten Schlag, Peter legte die Sporen an, und in raschem Trabe, daß weithin Band und Halstuch flatterten, ritten sie durch das Dorf, um vor des Storchenbauern Hause haltzumachen. Die Mutter war freudig überrascht aus der Küche gerannt, wo sie in Erwartung ihrer Kinder mit Küchlebacken beschäftigt war; und der Vater, der vom Kammerfenster aus gegen die Hochstraße hin die Kommenden bereits von ferne erblickt hatte, stand schon zum freudigen Empfang vor dem Hause bereit.

Doch wir wollen diesmal nicht in das Haus und in die Stube eintreten, in welcher die junge Frau vor den Augen der Mutter und Geschwister ihren buntbemalten „Lid(Deckel)korb“ mit den Geschenken auskramt, während der Vater noch unten beim Schwiegersohn steht, die Gäule und das neue Reitzeug bewundert und mit Kenneraugen schätzt.

Der Heimritt schließt für unser junges Paar die Flitterwochen; das Leben des Ehestandes beginnt. Seine Freuden, seine kleinen und großen Leiden folgen im Wechsel aufeinander, so wie die Jahre kommen und vergehen.


Auch für Hieronymus haben die Freuden und Leiden des Lehrlingsstandes gewechselt und sind vorübergegangen; er stand jetzt daran, „freigesprochen“ zu werden. Alle Gewerbe, außer jenen, welche man zu den freien Künsten zählte, umschlang damals noch ein fester und wohlgegliederter Zunftverband. Die Satzungen und Vorschriften einer Zunft waren verbindlich für Meister und Gesellen. Mochte an einem Orte auch nur ein einziger Meister wohnen, wie der Faßmaler in Hüfingen, so hatte dieser dennoch in allem, was das Gewerbe betraf und dessen Betriebsförmlichkeiten, den Obermeister des Gaues oder Bezirkes als nächsten Vorgesetzten zu betrachten.

Alle Streitigkeiten innerhalb der Zunft, auch solche zwischen Meister und Geselle, wurden vom Handwerksamte „vor offener Lade“ verhandelt und entschieden; es kam vor, daß wichtige Fragen auch weiter, sogar bis vor den Kaiser gebracht wurden.

Kein Meister durfte einem andern einen Gesellen „abspannen“ oder einen ohne ordentlichen Abschied Fortgelaufenen einstellen. Gefiel einem Gesellen die Arbeit nicht, so konnte er nach vierzehn Tagen die Werkstatt wieder verlassen, ebenso konnte in dieser Zeit der Meister seinen Arbeiter fortschicken, war jedoch gehalten, demselben den bedungenen Lohn auszubezahlen; im übrigen fand beiderseits vierzehntägige Aufkündigung statt.

Ein Geselle von schlechter Aufführung ward „gescholten“ und von der ganzen Zunft in die Acht erklärt, d. h., er konnte und durfte von keinem Meister mehr in Arbeit genommen werden. Von Herberg zu Herberg verbreitete sich sein übler Leumund, und es blieb dem Bescholtenen nichts übrig, als vor versammelter Zunft sich förmlich zu „waschen“, zu rechtfertigen oder Abbitte zu tun.

Aber auch ein Meister konnte „gescholten“ werden, was namentlich dann geschah, wenn er seinen Untergebenen Lohn und Kost schmälerte. Ein bescholtener Meister wurde auf ein halbes, zuweilen auf ein ganzes Jahr „gemieden“, d. h., es durfte während dieser Zeit kein Geselle Arbeit bei ihm nehmen. – Kam ein Meister unverschuldet in Armut, so erhielt er Unterstützung aus der Lade.

An seinem Lehrorte war es Hieronymus begreiflich nicht vergönnt, Förmlichkeiten und Feierlichkeiten seiner Zunft aus eigener Anschauung kennenzulernen. Er war in diesem Stück auf mündliche Belehrung durch seinen Meister angewiesen, und seine Freisprechung konnte von keinen besonderen Umständlichkeiten begleitet sein. Einen Begriff aber von der Würde und Bemessenheit, welche bei feierlichen Auftritten einer Zunft herrschten, konnte der junge Mann gleich nach jenem Akte erhalten, denn gerade um jene Zeit hielt das ehrsame Metzgerhandwerk zu Hüfingen seinen Einzug in die neu gewählte Herberge.

An einem Montag, vormittags elf Uhr, setzte sich der vom Hause des Zunftmeisters ausgehende Zug in Bewegung; er war folgendermaßen geordnet: Die Spitze bildete eine spielende Musikbande unter Leitung des städtischen Musikpräzeptors. Unmittelbar dahinter folgte des Zunftmeisters ältester Sohn in stattlicher Kleidung, den schön gezierten, vom Gesellen Hieronymus eigens zum Feste renovierten Zunftschild tragend. Nach diesem sah man zwei junge, weißgeschürzte Metzgergesellen, welche die blumenbekränzte Lade trugen, worin nebst den Dokumenten und Schriften die Insignie der Zunft, ein kleines vergoldetes Haumesser, liegt. Hierauf war zu sehen des Ladenmeisters jüngster Sohn, und auf seinem Kopfe die Zierde des Festes, eine Bratwurst, vierzig Schuh in der Länge und entsprechend dick, vergleichbar fast der ehernen Schlange, jeden mit neuer Lebenskraft erfüllend, der einen Blick auf sie warf. Den Schluß machte die ehrsame Meisterschaft, paarweise daherschreitend, unter Vortritt des Zunft- und des Ladenmeisters.

Nachdem bei großem Zulauf von Neugierigen der Zug am Wirtshause zum „Goldenen Kreuz“ angelangt, wurde haltgemacht. Der Wirt stand wartend unter der Haustüre und hab dann an: „Willkommen, ihr Herrn Metzgermeister! Was ist euer Begehren?“ Der Zunftmeister, hervortretend, das Zwiegespräch fortzusetzen, ließ sich also vernehmen: „Herr Kreuzwirt, im Namen des ehrsamen Handwerkes stell ich an Euch die Frage: ob Ihr unsere Zunft nicht wollet in Euer Haus aufnehmen?“ Wirt: „Ja, ich mache mir eine Ehre daraus, dem ehrsamen Handwerk Herberge und Aufwartung zu verschaffen. Ich bitte, tretet ein!“

Auf diese Einladung verfügen sich sämtliche Festteilnehmer in das Haus und nehmen Besitz von der Wirtsstube und ihrem geräumigen Erker. Der Wirt und seine Frau Liebste aber stehen schon bereit, die Gäste geziemend zu bewillkommnen. Zunftmeister: „Grüß euch Gott, im Namen des ehrsamen Handwerkes, Herr Kreuzwirt und Frau Kreuzwirtin!“ Wirt und Wirtin: „Gott dank euch, ihr Herren Metzgermeister; mit was können wir euch aufwarten, und was ist sonst noch euer Begehr?“ Zunftmeister: „Wir möchten euch heut nicht nur als unseren Gastgeber ansprechen, sondern wir ersuchen euch, ob ihr nicht wollet jetzt und in Zukunft unser Herbergsvater und die Frau Kreuzwirtin unsere Mutter sein?“ Wirt: „Ja, wir machen uns eine besondere Ehr daraus, einem ehrsamen Metzgerhandwerk Herberg und Aufwartung zu verschaffen, auch besitzen wir noch fünf Töchter, die wetteifern werden, euch in Ehren und als Brüder zu bedienen.“ Zunftmeister: „Es gibt aber nicht immer der guten Zeiten, es gibt auch der bösen viele; wollet ihr alsdann auch, in Leid wie in Freud, im Krieg wie im Frieden, unser Vater und die Frau Wirtin unsere Mutter sein?“ Wirt: „Ja! Ich werde mich zu allen Zeiten bestreben, was in meiner Kraft steht. euch als Vater zu unterstützen.“

Zunftmeister: „Wir haben auch wandernde Gesellen bei unserm Handwerk, und unter ihnen solche, die nicht viel Geld im Beutel haben, folglich wenig Gewinn von ihnen zu hoffen ist, wollet Ihr auch diese freundlich beherbergen, und so auch, wenn sie kränklich wären?“

Wirt: „Ja, ich werde reisende Gesellen und Kranke als Herbergsvater behandeln und die allgemeine Menschenpflicht voraus zu meiner steten Richtschnur nehmen.“ Zunftmeister: „Nun, wohlan denn, auf diese bereitwillige Anerbietung werden wir gesamte Metzgermeister Euch als Herbergsvater anerkennen und Euch unsern Schild und die Zunftlade mit Zunftbuch, Zunftzeichen in Verwahr übergeben, dafür aber verlange ich als Zunftmeister im Namen der ganzen Meisterschaft von Euch das herkömmlich feierliche Handgelübde.“ Als dieses abgelegt, wurde der Schild sofort in der Stube aufgesteckt und die Lade dem Herbergsvater überreicht. Dieser aber und seine Frau traktierten das ganze ehrenwerte Handwerk mit einem köstlich bereiteten Mahle, und weil die Wurst lang und der Wein gut war, so wurde es auch die allgemeine Fröhlichkeit. Die Musikanten machten ihre Sache so vortrefflich, daß einer um den andern der Gäste nach Hause eilte, um Frau und Tochter herbeizuholen zum nachfolgenden fröhlichen Tanze.

Hieronymus, als der Renovator des Zunftschildes, war auch zum Feste geladen worden, und diese Ehre durfte er nicht ablehnen, sowenig sein Sinn heute für Feier und Lustbarkeit gestimmt sein mochte. Ein Brief, welchen er tags zuvor von Romulus empfangen, war die Ursache dieser Stimmung.

Er habe sich jetzt entschlossen, hatte der Freund gemeldet, in Donaueschingen Normalschullehrer zu werden. „Als Hauptneuigkeit aber ist zu melden“, so schloß der Brief, „daß Dionys seit jenem Hochzeitsmahl der Florentina bei jeder Gelegenheit offen den Hof macht, und wie ich schon damals vorausgesagt, entschieden als Brautwerber auftritt. Das Mädel aber hat bis jetzt augenscheinlich ihrem verschamerierten Liebhaber, wie man zu sagen pflegt, wenig Käs zum Brot gegeben – doch viele Tropfen höhlen am Ende auch den härtesten Stein aus, und was nicht ist, kann noch werden, zumal die Eltern der beiden die Allianz eifrigst betreiben. – Und das Ende vom Lied wird sein, daß wir zwei allein zuletzt noch übrigbleiben werden, und doch – beim Henker, was wären wir für Kerle, wenn wir Geld genug hätten!“

Sinnend und verstimmt saß Hieronymus im Kreuz. Es wollte bei ihm nicht verfangen, daß der Zunftmeister eigenhändig ihm vom Besten einschenkte; die muntersten Ländler machten ihn schwermütig. Auch der Wein, welcher doch sonst des Menschen Herz erfreut, wollte heut ihn nicht zum Frohsinn stimmen. – Sein Geist war sichtlich der Gegenwart entrückt, und wenn ihn jemand gefragt hätte, ob er Sechser oder Zwölfer, Schweizer oder Markgräfler trinke – wahrlich, er hätte es nicht zu sagen gewußt. Es wollte ihn bedünken, als wäre der schönste Teil seines Lebens schon vorüber und als müßte er, Abschied nehmend, noch einmal wandeln im rosigen Lichte früherer Tage. In jene Täler und auf die Höhen versetzte er sich zum glimmenden Feuer auf duftendem Weidgang oder in die Hütte des Köhlers, wo er mit der Gespielin seiner Jugend den Erzählungen des Alten gelauscht. Er glaubte alle Blüten schon verwelken und nur blasse Herbstzeitlosen der Erinnerung an ihrer Stelle aufleben zu sehen. Seine Liebe kam ihm vor wie ein weggeworfener Blumenstrauß, den niemand mehr vom Boden aufheben mag. – Dann fuhr auch wieder ein trotzender Blitz aus der schwül bewölkten Atmosphäre seines Innern – und ein gärender Unmut stieg in ihm auf – als sollte er sich Luft machen in jugendlicher Tatkraft.

Und wahrlich, noch lange hätte er simulierend dagesessen, versunken in den stillen See der Vergangenheit, hätte ihn nicht der Zunftmeister aufgerüttelt. – Eben spielte die Musik den Hopper:

„Isch’s Anneli nit do?
’s wurd rengle, ’s wurd schneie,
’s wurd Anneli g’wiß reue;
Isch ’s Anneli nit do?“

Der Zunftmeister, längst schon die üble Laune des Gesellen bemerkend, führte diesem scherzend eine Tänzerin zu, seine eigene Schwägerin, mit Vorwürfen über das Regenwettergesicht, das er schneide; und Hieronymus, überrascht, konnte jetzt unmöglich anders, als galant sein und die Schöne zum Tanz führen.

Aber auch dieses Mittel schlug nur halb an. – Als nach geendetem Tanze die Jüngeren an den Tischen manch lustiges Liedlein sangen, wollte es der Zufall, daß einer der Vorsänger eine Weise anstimmte, die unserm Gesellen mächtig ins Herz hineingriff und ihn allen trüben, bereits verscheuchten Gedanken wiederum zuführte. Sie sangen:

„Ach! in Trauern muß ich leben,
Ach! wie hab ich’s denn verschuld’t?
Weil mir’s hat mein Schatz aufgeben,
Muß ich’s leiden mit Geduld.

Vater und Mutter wollen’s nicht leiden,
Gelt mein Schatz, das weißt du wohl?
Kannst dein Glück viel besser machen,
Weil ich dich nicht kriegen soll.

Rosmarin und Lorbeerblätter
Verehr ich dir zu guter Letzt:
Das soll sein das letzt Gedenken,
Weil du mich nochmals ergötzt!

’s sind zwei Sterne an dem Himmel,
Leuchten wie das klare Gold;
Der eine leuchtet zu mei’m Schätzel,
Der andere durch das finstre Holz.

Sind wir oft beisammen g’sessen
Manche schöne halbe Nacht,
Haben wir oft den Schlaf vergessen
Und mit Lieben zugebracht.

Morgen, wenn ich früh aufstehe,
Ist mein Schatz schon aufgeputzt, S
chon mit Stiefeln, schon mit Sporen
Gibt er mir den Abschiedskuß.

Dieses Lied, das Hieronymus einst der Freundin Florentina, schön geschrieben, gegeben hatte, war damals bei der Hochzeit im Felsen von ihr angestimmt worden, als der Stabhalter sie zum Singen aufgefordert.

Das damalige Gespräch, ihre Aufforderung zum Tanz und ihre Einladung zum Besuch bei den Ihrigen im Hof – die ganze Szene, jedes Wort, jeder Blick – sein abstoßendes Benehmen – alles trat wieder lebhaft vor seine Seele- und abermals versank er in ein dumpfes Hinbrüten. – Zuweilen griff er krampfhaft nach dem Glas und leerte es rasch, als wollte er gewaltsam sich betäuben. – Die Musik begann wieder; an Tänzerinnen fehlte es nicht. Entschlossen fuhr er endlich auf – wählte nicht lange – und mischte sich in die Reihen. – Aller Trübsinn schien von ihm gewichen. Noch nie hatte Severin seinen Freund so aufgeregt, so überlustig gesehen.

Eine zweite Flasche stand geleert wieder vor ihnen auf dem Tisch; Hieronymus kommandierte zu einer dritten. – Und als spät – nach dem Kehraus – die Gesellschaft nach und nach verschwand, war er einer der letzten, die nach dem Hute griffen. Severin begleitete ihn bis vor das Haus des Meisters – und kehrte erst in seine Wohnung zurück, nachdem er aufmerksam horchend sich überzeugt hatte, der Polterer habe Stiege und Kammertür oben richtig gefunden.

Ob Hieronymus des andern Tages mit Kopfweh erwacht sei, ist nicht zu sagen; gewiß bleibt nur, daß, als der übernächtliche Dunst verflogen, eine peinigende Unruhe, ein veränderungssüchtiges Mißbehagen den Jüngling fortwährend beherrschten. – Hatte der junge Mensch, der bisher, ohne sich seines Verhältnisses zu dem Mädchen vollkommen bewußt zu sein, immer noch hoffnungsvoll in das farbige Nebelbild der Zukunft geschaut – und jetzt erst die trockene Vernunft zu Rat gezogen? – Wenn er alles recht überlegte und in Betrachtung zog – welche Kluft zwischen dem lediglich auf sich selbst angewiesenen Malergesellen – und den Ansprüchen, die des Laubhausers einziges Töchterlein zu machen berechtigt war! Nur der ausgesprochene, entschiedenste Wille des Mädchens konnte über diese Kluft eine Brücke bauen.

Ja, dann würde auch in der Seele des Jünglings jene Spannkraft erwacht sein, die sich über Berge von Hindernissen siegreich wagend hinwegsetzt. – Wer vermag jedoch den geheimen Prozeß zu verfolgen, welchen oft leise Anregungen in dem Herzen eines Menschen hervorrufen.

Genug, eine tiefe Niedergeschlagenheit hatte sich der Seele unseres Helden bemeistert, und das Spiegelbild dieser Stimmung zeichnete sich in dem Briefe an seine Mutter, wozu ein alsobald eingetretenes Ereignis die Veranlassung gab. Florentina war eben „z’Kunkeln“ bei Frau Anastas, als dieser Brief anlangte; sie mußte ihn sogleich vorlesen.

Hieronymus berichtete den Tod des Amtsrates, und zwar mit allen Nebenumständen, weil sein Herz noch voll war von den Eindrücken dieses Trauerfalles.

Abwechselnd mit dem Feldwaibel und den Familiengliedern des Verstorbenen hatte er am Krankenbette gewacht, und dies war auch in der letzten Nacht der Fall gewesen. Der sorgsame Wächter hatte bemerkt, daß der Kranke in große Schwäche verfiel, und schnell die Familie davon benachrichtigt. „Es war ein trauriger Anblick“, schrieb Hieronymus in dem Brief, „die jammernden Kinder um das Sterbebett zu sehen. Aber keine Klage und kein Weinen vermochten das teure Leben auch nur um eine Minute zu verlängern.

Der Herr Rat war schon ins End gefallen. Und nach wenigen Atemzügen verschied unser im Leben gewesener bester Herr. – Die Frau und die Kinder knieten alle betend um die Bettstatt und auch ich, zu seinen Füßen neben dem ältesten Fräulein Helene. Diese dauert mich am meisten, sie ist jetzt eine elternlose Waise, denn ich weiß von der Base, daß der Herr Rat selig nicht ihr rechter Vater gewesen und die Frau Rätin nicht ihre Mutter ist. Sie ist die Beste unter den Kindern und war immer so gut gegen mich. Der Verstorbene hat wenig Vermögen hinterlassen und viele Kinder.“

Am Schlusse des Briefes tat er den Eltern sein Vorhaben kund, auf die Wanderschaft zu gehen. Es treibe ihn, schrieb er, auf die Wanderschaft hinaus, er müsse fort – auf lang, vielleicht auf immer. Die Kunst, welche er gewählt, sei eine solche, in der man gar nie auslernen könne, und wenn einer so alt werde wie Methusalem.

Der Mutter hatte dieser Brief, das desperate Vorhaben des Sohnes, der Heimat Valet zu sagen und hinauszuziehen, vielleicht für immer, einen unwillkürlichen Seufzer abgepreßt. Florentina aber, als sie geendet und den Brief der Mutter zurückgegeben hatte, blieb schweigsam und blickte eine Zeitlang trübsinnig durch die Fensterscheiben; dann aber steckte sie eiligst die Spindel in den glänzenden Flachswulst an der zierlich gedrechselten, bemalten und vergoldeten Kunkel, einer Arbeit des Briefstellers, und verließ früher als gewöhnlich das Haus.

An dich richtet er kein einziges Wort! Dies mochten etwa ihre Gedanken sein – so wenig Mühe kostet es ihn, fortzuziehen auf lange, vielleicht auf immer? Und dann dieses Fräulein, das immer so gut gegen ihn sein sollte! – Dionys hatte ihr auch schon von diesem Herrenkind erzählt und von den Lobsprüchen, die Hieronymus demselben bei verschiedenen Gelegenheiten gespendet haben sollte.

Die Liebe ist eine starke, aber auch eine zarte Pflanze, sie überdauert die gewaltigsten Stürme, die heftigsten Ungewitter, aber ein einziger erkältender Reif kann ihre Blüte zerstören. Zurücksetzung ist für ein empfindendes Gemüt vielleicht am schwersten zu tragen; und so sehen wir hier zwei Herzen sich entfernen, erkälten, welche bisher von dem stillen, heiligen Feuer innigster Zuneigung erwärmt waren.

Ein äußerer Anstoß, ein Sturm hätte dies Feuer vielleicht zur lichten Flamme angefacht, und jetzt droht es in sich selbst zu verglühen, weil ihm der frische Luftzug tatsächlicher Anregung fehlt.

Was Hieronymus über Helenes Lage geschrieben hatte, verhielt sich wirklich so, und in ihrer Jugend schon sollte das gute Mädchen den vollen Ernst des Lebens kennenlernen. Daß der Amtsrat nicht in den besten Umständen gestorben, wußte sie, und ihr persönliches Verhältnis zur Ratsfamilie hatte sie längst geahnt, obwohl die Eltern stets bemüht waren, sie es in nichts fühlen zu lassen. Aber bei dem jüngsten Trauerfall war es die Stimme der Natur, die, wenn auch unbewußt, aus der Seele der Mutter gesprochen, die sich eben doch gegen die leiblichen Kinder anders gebarte, anders ausdrückte als gegen das Pflegekind, und daß sie dieses sei, war dem guten Mädchen jetzt zur Gewißheit geworden.

Mit Worten zwar ward dies Verhältnis von der Mutter nicht berührt, und begreiflich konnte es Helena nicht in den Sinn kommen, zuerst davon zu sprechen. In der Seele des angenommenen Kindes aber reifte der Entschluß, die gute geliebte Pflegemutter so bald als immer tunlich von der Last ihres Unterhaltes zu befreien.

Die Frau Amtsrätin war seit dem Hinscheiden ihres Mannes auch etwas leidend; eines Abends saß Frau Annakäther bei ihr, und nachdem das Andenken des Abgeschiedenen eine Zeitlang Stoff des Gespräches gewesen, erzählte die Annakäther unter anderem, wie kürzlich ihre Tochter, die Verwalterin auf Wildenstein, das Verlangen geäußert habe, eine Person zu finden, welche ihr nicht nur in der Haushaltung an die Hand gehen, sondern namentlich auch die Kinder pflegen und unterrichten könne.

Die Frauen hatten sich über diesen Gegenstand ausgelassen, diesen und jenen Namen genannt, ohne jedoch zu einer Einigung zu gelangen. Helena hatte schweigend zugehört. – Als aber die Feldwaibelsfrau geschieden, trat, nach einer Pause gegenseitigen Schweigens, das Mädchen vor die im Lehnstuhl sitzende Witwe, warf sich in großer Bewegung vor den Stuhl und sprach, die Hände der Frau an ihre Lippen pressend: „Mutter, ich will nach Wildenstein gehen. – Ich kann es nicht mehr länger über mich bringen – jetzt, wo sich so vieles geändert hat – Euch noch zur Last zu sein – ich kann nichts als danken, Mutter, für alles.“

Burg Wildenstein
Foto: Rainer Halama auf Wikipedia

Die überraschte Frau drückte das gute Kind an ihre Brust. „Helene“, sprach sie in tröstendem Tone, „beruhige dich – es wird noch alles gut werden – sprich mir von keiner Trennung.“ Aber das Mädchen konnte sich nicht zufriedengeben. Beide Hände vor dem Gesicht, lag sie auf den Knien der guten Frau – ein Tränenstrom erleichterte ihre Brust. „Helene, fasse dich, du hast ja deinen Eltern nie Ursache zur Beschwerde gegeben.“ „Ich habe ein heiliges Gelübde getan“, sprach Helena feierlich, „der Himmel ist mein Zeuge. – Laßt mich gewähren, Mutter – versucht es nicht, mich abwendig zu machen – es ist mein Gedanke Tag und Nacht. – Josepha (so hieß die zweite Tochter der Amtsrätin) ist erwachsen, sie kann allein alles versehen. – Oh, ich weiß, daß ich ohne Euch alleingestanden hätte in dieser Welt.“
„Helene“, erwiderte die Rätin begütigend, aber in einem Tone, der ihr Nachgeben bekundete, „ich weiß, was du sagen willst – es sind heilig übernommene Pflichten, dazu die Liebe einer Mutter, die dich an mich fesseln – glaube mir, auch ferner noch wird für dich gesorgt werden – vertraue deiner Mutter.“

So schien denn ein ernstes Geschick unsere bisherigen Freunde auseinanderbringen und lange Trennung, vielleicht auf immer, gewohnten, liebgewordenen Verhältnissen ein Ende machen zu wollen.

Burg Wildenstein

Kupferstich von Matthäus Merian von 1643. Das Profil der Wehrgräben ist extrem überzeichnet, gibt aber den Eindruck wieder, den diese auf die Zeitgenossen ausgeübt haben müssen. Foto: Wikipedia

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Brautwerbung
Die Doppelhochzeit

Die Braut wird geschmückt mit einem Scheppel. Drei Mädchen auch mit Scheppel schauen dabei zu. Im Hintergrund der Schrank mit Aussteuer.

Hieronymus Kapitel 20

“O wie chlopft der di Herz, wie lüpft si di flatterig Halstuch, und wie stigt der d’Röthi jez in die lieblige Backe, wie am Himmel s’Morgeroth am duftige Maitag”
>Johann Peter Hebel

Brautwerbung – Die Doppelhochzeit

Mögen Welthändel die Völker entzweien, widerstreitende Interessen die Volksstämme gegeneinander aufstacheln; mag das „Mein und Dein“, das „Gewinnen und Verlieren“ selbst Nachbarn zu Feinden machen, stets wird die Liebe eine heilige Zufluchtsstätte in den Herzen der einzelnen finden und dort das Band wieder knüpfen, an welchem allein die Menschheit ihrem Ziele entgegengeleitet werden kann.

Ein Jahr war umflossen, seit der Friede wieder ins Land gekehrt, und doch gehörte für Philipp die so heiß ersehnte Verbindung mit der guten Juliana noch immer in das Reich der Hoffnungen und Wünsche. Endlich aber sollte auch bei diesem Paar sich das Sprichwort bewähren, „wo Treue Wurzel schlägt, macht Gott einen Baum daraus“. Die Bedenklichkeiten und Häkeleien, aus Familienverhältnissen und Rücksichten entsprungen, wurden beseitigt, geglättet und sie glücklich als Brautpaar anerkannt.

Solche Vorgänge sind oft wie herausfordernd, denn kurze Zeit darauf sehen wir ein zweites Paar aus dem Kreise unserer Bekannten dem Segen der Kirche zu ihrer Eheverbindung entgegenharren. Des Laubhausers Peter hatte sich entschlossen, zu heiraten, oder besser gesagt, sein Vater hat sich entschlossen, den Sohn zu verheiraten. Des Hofbauern Beweggrund hiezu lag keineswegs etwa darin, daß er das Regiment gerne an den Sohn abgetreten, um den Rest seiner Tage in ruhiger Zurückgezogenheit zu verleben, nein, der alte Laubhauser hatte jetzt gerade eine passende Braut für den Sohn gefunden, oder vielmehr eine Bauerntochter, auf welche er seit geraumer Zeit her sein Augenmerk in dieser Beziehung gerichtet, war jetzt ins heiratsfähige Alter getreten, und der Bauer hatte es an der Zeit erachtet, mit seinen Plänen hervorzutreten.

Die Angelegenheit war schon früher durch den Langen Hans eingefädelt worden. Durch ihn waren unserm Hofbauern gewisse Winke gegeben und von diesem wohl vermerkt worden. Das Mädchen, um welches es sich handelte, war in der Baar zu Hause und die Tochter des reichen Storchenbauern. Wie aber die beabsichtigte Verbindung zustand gebracht worden, das ging auf folgende Weise zu.

Nachdem der Laubhauser einmal das bestimmte Ziel ins Auge gefaßt und seine Maßregeln getroffen hatte, erschienen eines Tages zwei Männer vor des Storchenbauern Hause. Der eine war der Stabhalter von Laubhausen, der andere der Bregenbacherbauer, Peters Götte. Als die Botschafter sich langsam genähert, klopfte der Stabhalter mit dem Stock am Fenster der Wohnstube, zu sehen, ob jemand im Hause. Der Storchenbauer erscheint am Fenster, und als er bemerkt, weß Landes, ladet er die Männer ein, hereinzukommen.

Die beiden aber machen diplomatisch ernsthafte Gesichter und sind eigentlich nur gekommen, im Vorbeigehen die zwei jungen Fohlen, welche der Bauer, soviel sie wissen, feil habe, in Augenschein zu nehmen. Der Storchenbauer führt sie darum in den Stall – wo man lobt, schätzt, bewundert, aber doch nicht handelseins wird. – Der Storchenbauer, nach einigem Schweigen, ladet die Männer ein, hinauf in die Stube zu kommen – der Stabhalter und sein Freund sehen sich fragend an und schreiten dann bedächtlich hinter dem Bauer her.

In der Stube wird nun von Frucht- und Marktpreisen, von Landwirtschaft überhaupt gesprochen. Die älteste Tochter, ein stattliches Mädchen, bringt Wein und Brot und stellt die Erfrischung mit den Worten: „Sind au Gottwilchen!“ auf den Tisch, entfernt sich aber wieder, ohne sich in weiteres Gespräch einzulassen. – Die Männer reden noch immer von Äckern und Wiesen – der Stabhalter führt vergleichungsweise das Hofgut des Laubhausers an, der Storchenbauer macht Bemerkungen über das seinige, während er seinen silberbeschlagenen Ulmerkopf mit Rollenkanaster versieht, Feuer schlägt und starke Dampfwolken vor sich hin treibt.

„Weil wir doch grad davon reden“, sagt er, „so will ich Euch das Inventari holen, da werdet Ihr sehen, Stabhalter, daß wir Baaremer Bure gegen Euch Wälder um e Guts verschieden sind. – Agathle“, ruft er durch den Küchenladen, „gib mir den Kastenschlüssel.“ – Während der Bauer in die Kammer schreitet, winkt der Stabhalter dem Bregenbacher, und sie stoßen mit den Gläsern an. –

Der Storchenbauer kommt zurück, breitet das Inventar auf dem Tische aus und zeigt mit der Mundspitze seiner Pfeife, wo die besten Äcker und Wiesen liegen, wobei er beiläufig anführt, was er einer Tochter geben könne. – Jetzt war der rechte Augenblick gekommen. –

„Wie wär’s“, wirft der Stabhalter ein, indem er mit der flachen Hand auf den Tisch schlägt, „wie wär’s, wenn man die Sach zusammenspielen tät?“

Und siehe! Der Zauber ist gelöst – man nennt das Kind bei seinem rechten Namen. „’s ließ sich hören!“ meint der Storchenbauer und ruft dem Agathle wieder, die Butelle sei leer, und als das flinke Mädel erschienen, sagt ihm der Stabhalter: er habe beinahe vergessen, daß des Laubhausers Peter sie vielmal grüßen lasse. Während sie errötend, ihm nickend, aus dem dargebrachten Glase trinkt, sagt er: „Der Peter ist e Männle – trinket us und stoßet a!“ Soweit war nun alles im Reinen, und man macht noch aus, daß die beiden jungen Leute mit ihren Vätern am Johannimarkt zu Donaueschingen im Gasthaus zum Schützen sich treffen sollten. – Das war die „Abrede“.

Speisekarte von etwa 1880 aus dem Hotel zum Schützen in Donaueschingen.

Die Zusammenkunft mußte ihre Früchte getragen haben, denn nicht lange nachher sieht man eines Tages das Agathle mit seinem Vater auf den „B’schauet“ vor dem Laubhauserhofe anfahren – und daß es ihnen allda recht wohlgefallen, können wir daraus annehmen, daß von dieser Zeit an in des Storchenbauern Hause über Kopf und Hals an der Brautfahrt (Aussteuer) geschafft wurde. Die Hochzeitsfeier selbst begleiteten alle hergebrachten Formen und Bräuche.

Einige Tage vorher fuhr vierspännig ein Leiterwagen, von Laubhausen kommend, vor des Storchenbauern Haus; Geschirr und Wagen waren nagelneu und wurden daselbst in die Scheuer eingestellt. Des andern Tages früh, als auch der glückliche Hochzeiter Peter nachgefolgt war, begann die Verladung der Aussteuer. Zuerst kam die große, mit reich verziertem Bretterhimmel verdachte Doppelbettstatt, dann ein großer Kleiderkasten, ein Trog, möglichst bunt bemalt, eine Kunkel mit angelegtem Flachs und flatternden Bändern. Wenn letzteres als Symbol häuslichen Fleißes bezeichnet werden mochte, so deutete der nie fehlende Brautbesen von weißen Reisern mit seinem verzierten Stiel (eine Arbeit der Stillieger) auf die schöne Eigenschaft der Reinlichkeit.

Der nie fehlende Brautbesen mit weißen Reisern und dem verzierten Stiel der eine Arbeit der Stillieger sei, ist für mich ein Rätsel. Die Bezeichung „Stillieger“ findet sich nur im Zusammenhang mit der Rheinschifffahrt und auch der Brautbesen scheint verschwunden zu sein.

Das Brautbett wurde vorn auf dem Wagen vollständig aufgemacht, und als dieses geschehen, begann das Einpacken der Kästen und Tröge. Verwandte der Braut, schmucke junge Mädchen, trugen Stück für Stück in die Scheuer, daß auch den Nachbarn genaue Einsicht und richtiges Wertschätzen ermöglicht war. Doch weil hier der Platz mangelt, all diese Kostbarkeiten im einzelnen vor dem Leser auszubreiten, führen wir nur an: die schönen eingebändelten Jüppen und Goller, die farbigen Fürtücher, feintuchenen Ärmel, die seidenen Halstücher, Hemden und Strümpfe, ebenso das Tischzeug, Handzwelen, Getüch, Zwillich, Reisten, Flachs, Zinngeschirr; alles dutzendweise gezählt, ellenweise gemessen, zentnerweis gewogen. Erlassen sei es uns jedoch, die blanken Taler zu zählen, welche der Storchenbauer seinem Töchterlein „auf den ersten Wurf“ schon mitgegeben. Kaum hatten die Vormittagsstunden hingereicht, das Geschäft zu beenden. Schlag zwölf Uhr wurde die Aussegnung vorgenommen.

Der Herr Pfarrer war erschienen, die Eltern, die Braut und sämtliches Hausgesinde wohnten der frommen Handlung kniend bei. Nachdem der Geistliche seine Gebete verrichtet und den Segen gesprochen, tritt der Hochzeiter herein, nähert sich seinen zukünftigen Schwiegereltern und dankt mit einem Handschlag für die reiche Hochzeitsgabe. Hierauf bespannt des Laubhausers Karrenknecht mit seinem stolzen Viergespann den Wagen, schwingt sich in den Sattel, und die Fahrt geht vonstatten, während der auf dem Handgaul sitzende Vorreiter, der Roßbub, triumphierend, als hätt er den Brautwagen erobert, mit einem lauten „Juhe!“ sein Lederkäpplein schwingt. Von allen Giebeln und Häusern krachen Schüsse als Gruß und Abschied.

Hinter dem Wagen mit der teuren Last aber steigt in stattlichem blauem Rock und rotem Wollehemd der beglückte Bräutigam Peter; in der Linken hält er einen großen, mit Scheidemünze wohlgefüllten, rot bemalten Beutel, aus welchem die Rechte den glückwünschenden Kindern, welche von Zeit zu Zeit „vorspannen“, Gaben spendet; und um ja der Würde eines Sohnes vom Laubhauserhof heute nichts zu vergeben – wirft der Glückliche noch Geld unter die Zuschauer.

Bei so naher Bekanntschaft und Verwandtschaft war der Gedanke natürlich, daß die Hochzeiten Peters und des Kaiserzollers Philipp an einem Tage gefeiert werden sollten, so ward es unter den Eltern verabredet, und zwar sollten Mahl und Tanz im Felsen sein. Welche Zurüstungen zu diesem Festtage! Noch mancherlei Förmlichkeiten sind bis zum Augenblick der Trauung zu beobachten; versetzen wir uns jedoch mit einem Blick auf unsere Zeichnung in den Hochzeitsmorgen selbst.

Juliana, von der Schwester angekleidet und frisiert, glänzt schon im bräutlichen Schmucke der jungfräulichen Schappeltracht. Die Krone voll Goldflitter und farbigen Perlchen ziert das Haupt; die Haare sind eingeflochten in hochrote Stränge von Türkengarn und Hals und Brust züchtig verhüllt in Flor; über der schwarzen Taffetschürze prangt der schön gestickte Schappelgürtel, und die bauschige Jüppe fällt herab in feinen Falten auf die neuen Stöckelschuhe, in welchen die also Geputzte nur in bemessenen Schritten einherzugehen vermag. – Erwartungsvoll umstehen sie die kleinen Kränzlejungfern, die sich längst schon gefreut und vorbereitet haben auf diesen wichtigen Tag.

Von ferne erklingen die Geigen und Klarinetten der Spielleute, welche der Sitte gemäß im Tal umhergehen und vor den Häusern die „Morgensuppe anblasen“, und bald werden die Glocken zur Kirche rufen. Man sagt, eine Braut, welche in der Hochzeitskirche nicht weine, bekomme eine tränenreiche Ehe. Auch der Himmel, ob hell oder trübe, soll eine Vorbedeutung sein, sagen die Weiber, die natürlich stets auf das Angelegentlichste mit den Brautleuten sich beschäftigen – Tränen jedoch sind bald vergossen und ebensobald wieder abgewischt; doch gewiß ist, daß auch im höchsten Ton der Freude leise Trauer, herber Schmerz mitklingt, wie mit dem hohen Glockenton die tiefe Oktave.

Wie es jedoch mit dem Wetter beschaffen war, hell oder trübe, vermögen wir nicht anzugeben. Nur so viel darf versichert werden, der Hochzeiter Philipp hatte sich innig gefreut auf diesen Tag, der ihm seine geliebte Juliana unauflöslich verbinden sollte; und auch der Peter, nicht wenig stolz auf sein Agathle, hielt ihn für seinen höchsten Ehrentag. Beide junge Männer aber konnten diesen Gefühlen und Erwägungen heute nur flüchtig nachhängen; denn mehr noch als der Kaiser am Krönungstag hatten sie nach allen Richtungen hin diplomatische Förmlichkeiten und Rücksichten zu beobachten: zu grüßen, die Hand zu geben und jedem zu sagen, wie sehr es sie freue, daß man ihnen die Ehre schenke usw.

Doch – überlassen wir ihnen die Ausführung des herkömmlichen Zeremoniells und wenden wir uns nach vollzogener Trauung der Hochzeitstafel im „Felsen“ zu, wo im Doppelfeste zwei Ehebündnisse gefeiert werden.

Welch eine Menge von Gästen, kaum daß sie das Haus mit seiner großen Stube und Nebenkammer, welche durch Aufhebung der hölzernen Scheidewand zu einem Raume vereinigt sind, alle zu fassen vermag. Die ganze Nachbarschaft rund umher ist eingeladen worden, und niemand, scheint es, hat die Einladung abgelehnt; die Ehrenmägdlein haben alle Hände voll zu tun, jedem ankommenden Gaste auf dem Teller sogleich das Sträußchen zu bieten. – Mit dem Fazenettlein und dem Rosmarinzweig in der Hand sitzen die Bräute an dem Tisch; und da es heute nicht schicklich ist, daß sie von dem Aufgetragenen selbst herausnehmen und auf dem Teller zerlegen, so sehen wir die an ihrer Seite sitzenden Brautführer sie zuvorkommend bedienen. – Auch Florentina, Geschwisterkind und Schwägerin, erblicken wir als bekränzte Ehrenmagd oben an der Tafel; aber sie blickt still und gedankenvoll vor sich hin, obwohl der an ihrer Seite sitzende Handelsmann Dionys, sorgfältig angetan, sich alle Mühe gibt, mit Schöntun sie zu gewinnen.

Ein Fazenettlein ein Taschentuch, bzw. ein Tüchlein.
Rosmarin ist das Symbol für ewige Liebe, Treue und bleibende Erinnerung. Im Mittelalter schrieb man Rosmarin die Kraft zu, böse Geister zu bannen. Volkstümlichen Namen für den Rosmarin sind: Brautkraut, Hochzeitsbleami, Hochzeitsmaie, Kranzenkraut, Weyrauchkraut, Rosemarie, Lieblingskraut oder Gedenkemein.

Aber Hieronymus, warum sehen wir diesen nicht an der Tafelrunde? – Eingeladen ist er und hat der Einladung auch Folge geleistet; aber am Hochzeitstisch selbst, unter den Verwandten und Großwürdenträgern, gebührt ihm, dem Sohne des Dienstmannes, heute kein Ehrenplatz; da muß eben alles g’hörig und formularisch sein, wie der Laubhauser sich auszudrücken beliebte; und Ausnahmen durften keine gemacht werden.

War demnach die Etikette streng vorgeschrieben, ward sie doch keineswegs so ängstlich beobachtet, daß zuletzt nicht die alte Zutraulichkeit wieder sich hätte geltend machen dürfen. Aber Hieronymus hatte heute seinen eigenen launenhaften Tag, und wenn er sich im Herzen auch unrecht geben mußte, so vermied er doch störrisch alles Begegnen, alles Annähern an Florentina.

Der Grillenfänger saß am hintern Tischlein bei seinem Vater, der heute im besten Gewande, seinem einstigen Hochzeitsrocke, prangte. Die Mutter war in der Küche beschäftigt. Romulus hatte sich auch zu ihnen gesellt. „Du siehst“, sagte er in gedämpftem Ton, daß es nur Hieronymus hören konnte, „wie er sich an den Laden legt, ich hab richtig prophezeit.“ Damit meinte aber der Student den zutunlichen Dionys, der heute für niemand Augen hatte als nur für Florentina, die er wiederholt schon zum Tanze geführt hatte. Der Angeredete biß sich auf die Lippen und erwiderte nichts. Romulus schenkte die Gläser voll und nötigte den Freund zum Trinken. Ganz abgesehen von ihrer Umgebung taten sich die beiden jetzt Zwang an und sprachen mit scheinbar größter Unbefangenheit von ihren Studien und vom Stadtleben.

Florentina hatte öfter ihre Blicke nach dem hintern Tische gerichtet; und jetzt neigte sich die Braut Juliana, die es bemerkt hatte, zur Gespielin, ihr etwas ins Ohr zu zischeln. Hierauf erhoben sich beide, um Hand in Hand auf den Tisch zuzuschreiten. – Versöhnlich reichte zuerst die Braut ihrem einstigen Anbeter Romulus die Hand; und Florentina, das gute Mädchen, wendete sich an Hieronymus, fragend, was ihm fehle und ob er denn heut gar keine Lust zum Tanzen habe?

„An Tänzern fehlt es ja nit, wie ich seh!“ gab er mit erzwungener Gleichmütigkeit zur Antwort mit einem Seitenblick auf Dionys, der ebenfalls sich herbeigemacht.
„Du hast dich diesmal noch gar nie bei uns sehe lassen, machst dich au gar so rar!“ fuhr in halb vorwurfsvollem Ton die Freundin fort.
„Bin gestern erst kommen und wollt bei euch im Haus nit überlästig sein, wo alles so vollauf mit der Hochzeit beschäftigt g’wesen ist.“
„Nu, so schenkst du uns morgen doch die Ehr, nit wahr?“ fragte sie treuherzig.
„Ich will morgen mit dem frühesten wieder fort“, entgegnete Hieronymus scheinbar kalt und gleichgültig.
„Schon wieder fort?“ wiederholte Florentina, indem es wie ein leiser Schatten über ihr Gesicht hinzog
„Dem Hieronymus g’fallt es nit mehr bei uns auf’m Land“, bemerkte Dionys lächelnd; „’s ist wahr, in der Stadt gibt’s mehr Pläsier.“

Ehe Hieronymus hierauf erwidern konnte, war der Bräutigam Philipp herbeigekommen mit dem vollen Glas, um es den Freunden zuzubringen. „Essen und Vergessen!“ sagte er fröhlich zu seinem ehemaligen Widersacher – und auch Romulus ergriff sein Glas und stieß mit ihm an.

„Kommt, Romulus, Hieronymus“, ermunterte Philipp die beiden, „kommt, seid doch auch e bißle lustig und alert! – Hört ihr nit den lustigen Tanz? Juheisa juhe! Kommt’s euch nit in die Füß? Frisch – hellauf und glattweg!“ Aber auch die Geigen und Flöten, die jetzt vom Tanzboden her tönten, vermochten nicht, das eigensinnige Paar in den allgemeinen Wirbel hineinzuziehen. Sie blieben am Tische sitzen.

Nur einmal, als es hieß, es solle ein Vortanz ausgerufen werden, bemühten sie sich hinaufzugehen, als Zuschauer. – Als die Gruppen sich gehörig gebildet, trat der alte Spielhannes auf und rief, mit der Hand Schweigen gebietend, die üblichen Vortänze aus: „Drei ehrliche Tänz“, verkündet er, „für die beiden ehrsamen Hochzeiter und für den Laubhauserbur, und es soll niemand dreinfahren, außer er hab Staub unterm Hut und e Loch im Strumpf, so groß wie en Speckteller!“ – Allgemeines Gelächter. – Der Tanz beginnt, und machten die Brautleute ihre Sache gut, so tanzte der Bauer mit der Kaiserzollerin noch besser – gravitätisch führt er die Tänzerin auf den Platz, und bald auf dem einen, bald auf dem andern Absatz klappernd oder in die Hände klatschend umschwärmt er die züchtige Tänzerin, die, zimperlich mit der Hand ihr Gewand haltend, bald sich nähert, bald sich entfernt, während der Tänzer die Verslein singt:

„Tanz mir nur all siebe siebe,
Tanz mir nur all siebe;
Mach mir’s, daß ich tanzen kann,
Tanzen wie ein Edelmann;
Frei g’schwind!“

Nachdem diese Tänze beendet, begann erst der allgemeine Ländler. Die beiden Freunde aber hatten längst sich wieder in die Trinkstube an ihren Tisch begeben. – Heiterkeit und Lust waren in vollem Zug – und der Stabhalter, nachdem jedes seinen Platz wieder eingenommen, forderte die Mädchen auf, eins zu singen: „Allons, Florentina“, kommandierte er, „stimm an!“ – Auf das gebot er Stille – und Florentina – nach einigem Besinnen – stimmte eins an, und die andern, darunter natürlich auch der seelenvergnügte Dionys, fielen ein. – Auch dem Hieronymus und seinem Freunde hatte der Stabhalter zugewinkt – aber sie lehnten ab. – Bald nachher fanden sie für gut, dem geräuschvollen Feste sich unbemerkt zu entziehen.

Gegen Abend, als das Mahl beinahe zu Ende war, zog die Musikbande spielend um die Hochzeitstische, und als der „Brotis-Marsch“ beendet, bestieg der alte Spielhannes eine Bank, von welcher herab er mit lauter Stimme den üblichen Zech- und Glückwunschruf herdeklamierte:

„Ich bitte still, ein wenig still,
daß jeder höre, was ich will;
Hochgeehrte, liebe Gäste,
Allen hier beim Hochzeitsfeste,
Bin vom Brautpaar hergesandt:
So viel Dank wie Sand am Meere,
Für die ihm erwies’ne Ehre,
Und was ein Mensch je Guts erdacht,
Sei Freunden auch zum Dank gebracht.
Auch der Wirt bringt heute keine Kreide,
Denn sie beraubt der Gäste Freude,
Man zechet heut, wie’s früher war,
Auf das geliebte Hochzeitspaar.«

Und nachdem die Gäste noch ermahnt worden, zu tun, „was schon die Alten erdacht“, nämlich mit „Gaben“ das Herz der Brautpaare zu erfreuen, wendete der Sprecher sich an diese selbst und wünschte ihnen im Namen der Hochzeitsgäste:

„Alles, alles, nur das Beste,
Zuletzt noch viele Kinder,
Gesund und munter auch sogar,
Mit blauen Augen, gelbem Haar,
Dann“, schloß er, „stirbt die Welt gewiß nicht aus,
Und Gottes Segen ist im Haus.“

Bis in die späte Nacht dauerte das festliche Gelage. – Viele vermochten sich nicht zu trennen, bis am grauenden Morgen. Unsere schmollenden Freunde waren aber in der Dämmerung hinausgewandert ins Freie, in die Einsamkeit des nahen Waldes. Sie sprachen über vielerlei und machten ihrem jugendlichen Unmute in philosophischem Gespräche über die Menschen und Verhältnisse Luft.

Als sie spät am Abend umkehrten, strahlte das Wirtshaus festlich erleuchtet durch den Nebelduft; und Getöse und Tanzmusik tönte weit durch die stille Nacht. Die Jünglinge waren unschlüssig, ob sie noch einmal eintreten sollten. Hieronymus hatte Lust, es zog ihn mit heimlicher Gewalt; doch Romulus ließ sich vernehmen, ihn am Arme packend: „Tu es nicht! Laß dem stolzen Bauernadel für heut sein Gaudium!“

Mißgestimmt war Hieronymus nach Haus gekommen, wo er, ohne sich ganz auszukleiden, sich unverweilt aufs Lager warf, doch ohne daß ihm der Schlaf die Augenlider schloß. – Und als er nach langem Wachen endlich eingeschlummert, weckte ihn bald wieder Wagengerassel und das Spiel der Musikanten. Es war üblich im Tal, daß die Spielleute jeden fremden Hochzeitsgast, von dem ein gutes Trinkgeld zu erwarten war, beim Scheiden musizierend bis vor die Haustür begleiteten. – So – zwischen Einschlummern und Aufwachen – ging es fort, bis der Tag graute. – Noch im Morgendämmer wollte der ungeduldige Mensch von dannen ziehen. Die „Nachhochzeit“, redete er sich vor, werde auch ohne ihn abgehalten werden können. – Nicht viel Zeit brauchte er, sich reisefertig zu machen; auch litt er nicht, daß ihm die soeben erst vom Wirtshaus herübergekommene Mutter ein Süpplein koche. Sie begriff seine Eile nicht, obwohl er ihr sagte, er müsse diesmal den längeren Rückweg über Neustadt machen, um dort für den Meister eine kleine Kirchenarbeit abzuholen.

Nebelgewölk verhüllte noch die Berge, als er durch das „Felsental“ zog; es wich erst, als er oben auf dem „Höchst* angekommen war. Von der Straße ab ging er rechts, eine schwachbeholzte Bergkuppe ersteigend, wo sich ihm eine freie Aussicht bot, über die Vorhügel hinweg – hinaus ins bläuliche Rheintal. Die kühle Morgenluft hatte bereits all die trüben Nachtschatten von gestern aus seinem Gemüte verweht; er atmete freier, und die Gedanken schweiften hinaus, leicht wie die Wölkchen, die im reinen Äther über seinem Haupte wegzogen. – Und doch fühlte er sich nicht so glücklich wie damals, wo er, als Hirte im Grase liegend, hinaufgeschaut und den Wolkenzug betrachtet und aufspringend dann sich gedrängt gefühlt hatte, mit einem weithin schallenden Jauchzer sein Glück den Bergen und Wäldern zu verkünden!

Hier geht es zu Kapitel 21:

Wir freuen uns über mehr Erkenntnisse zu diesem Podcast in den Kommentaren!

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Moreaus Rückzug
Plünderung

Soldaten in einer Stadt ziehen einem Mann der am Boden sitzt einen Schuh aus. Auf dem Balkon im Hintergrund

Hieronymus Kapitel 19

“Drunter ischs und drüber gange was me cha sage. Menge brave Ma hets nime chönne prästiere, het si Sach verlohren und Hunger glitten und bettlet.
>Johann Peter Hebel

Moreaus Rückzug – Plünderung

Für den Augenblick war das Unwetter vorübergezogen, ohne in dieser Gegend größeren Schaden anzurichten; doch bald sollte es, von einem Gegenwind zurückgetrieben, nur um so heftiger sich entladen.

Mit dem Anfang des Oktober hatte der französische General Moreau auf seinem, wohl über die Gebühr gepriesenen Rückzuge die Höhen des Schwarzwaldes und den Paß des Höllentales wiederzugewinnen vermocht und den Schauplatz unserer Erzählung mit seinen Scharen überschwemmt.

Bereits, als es kundbar geworden, wie Erzherzog Karl die zweite feindliche Armee nach dem Main zurückgeworfen habe, und wie die fränkischen Bauern den fliehenden Franzosen mitgespielt, da machte das Vaterlandsgefühl sich geltend, überall, wo ein Feind auf deutschem Boden zu sehen gewesen. In dem diesseitigen Teile des Bistums Speyer hatte der bewaffnete Volksaufstand seinen Anfang genommen, sich rasch über den Odenwald und herauf über die Ortenau verbreitet. Aber selbst in jenem Teile des Schwarzwaldes, welcher noch in Feindes Hand war, suchte man die verborgenen Waffen wieder hervor. Wo man den Franzosen einen Schaden, einen Abbruch tun konnte, geschah es. Nachzügler, einzeln reisende Kriegsbeamte wurden überfallen und auf die Seite geschafft.

An den Heerstraßen hatten verwegene Rotten Hinterhalte angelegt, von wo sie kleinere feindliche Abteilungen versprengten, oft gar überwältigten.

Gefangene wurden bei solchen Gelegenheiten keine gemacht, das begreift man. Allerdings ließen die Franzosen solche Dinge nicht ungeahndet, wo sie es vermochten, allein man darf wohl annehmen, daß nur die Furcht, den Aufstand allgemein zu machen, sie von greulicher Wiedervergeltung abhielt.

Im Kirchtal unter andern hatte der Kuhhirt einige verwegene Gesellen um sich versammelt und lag mit diesen an der Landstraße auf der Lauer. Da sahen sie einen feindlichen Gepäckzug herannahen, nur von wenigen Bewaffneten begleitet. Die Disposition zum Angriff war bald gemacht; als der Zug nahe genug herangekommen, sprangen die Kameraden rasch aus ihrem Versteck, wirbelten mit den Füßen den Staub der Landstraße hoch in die Höhe, der Hirte feuerte dabei zwei Pistolenschüsse ab, und die erschreckten Feinde, wahrscheinlich junge Leute, nahmen eiligst die Flucht, den Wegelagerern das Gepäck als Kriegsbeute überlassend. Doch nicht lange nach dem Streich erscheint eine französische Kolonne in dem Tale, dort die Auslieferung der Übeltäter zu verlangen oder den Ort niederzubrennen. Jene aber hatten sich bereits in die Berge salviert, und der französische General war menschlich genug, nur sechs Häuser in Asche legen zu lassen. – Auch in Hausen vor Wald war ähnliches geschehen, und das Dorf wurde drei Tage lang der Plünderung preisgegeben.

In Hausen vor Wald haben wohl auch Hirten Franzosen überfallen, was genau passiert ist, schreibt Lucian Reich nicht. Auf jeden Fall wurde als Strafe Hausen vor Wald drei Tage lang Plünderungen peisgegeben. Dass danach wohl nicht mehr viel übrig sein konnte, ist wohl klar.

Und wieder fürchtete man in der Baar eine Schlacht. – Schon standen die Armeen einander gegenüber, als die Franzosen ihre Stellungen aufgaben und den Rückzug über den Schwarzwald fortsetzten. Der Feuerschein des brennenden Dorfes Röthenbach, wo vorher einige Franzosen umgebracht worden waren, und die flammende Pfarrkirche samt Schulhaus in Neustadt bezeichneten ihren Weg.

Unsern Hieronymus faßte der Strudel im Hause der Großeltern, welche im Jahr vorher kurz nacheinander aus dieser Zeitlichkeit geschieden waren und für welche eben jetzt der Gedächtnisgottesdienst gehalten werden sollte.

Zweiter Koalitionskrieg
Der Zweite Koalitionskrieg (1798/99–1801/02) wurde von einer Allianz um Russland, Österreich und Großbritannien gegen das im Ersten Koalitionskrieg erfolgreiche revolutionäre Frankreich geführt.

Auf dem Walde war in diesem Jahr vom Kriege wenig zu verspüren gewesen; kein Feind hatte noch die Gegend um Laubhausen betreten; und daß Moreau schon wieder auf dem Rückzug sich befinde, davon hatte man dort nur gerüchtweise sagen gehört. Also war Vater Mathias in die Amtsstadt gekommen, um seinen Sohn zur Gedächtnisfeier abzuholen.

Der 29-jährige Jean-Victor Moreau (1792)
Foto: Wikipedia

Der Gottesdienst im Dorfe war noch ungestört vorübergegangen. Gegen Mittag, als die Leute gruppenweise vor ihren Häusern standen, mehr stumm und erwartungsvoll als beratend, erscholl es plötzlich: „Sie kommen“, und wirklich sah man bald darauf am „Kapf“ (einer Waldecke) Bajonette blitzen. Eine Abteilung Franzosen hatte dort Halt gemacht.

Das Kapf bei Villingen ist gegenüber vom Kirnacher Bahnhöfle und eine alte Wallanlage des keltischen Siedlungsareals.

In demselben Augenblick krächzt eine heisere Weiberstimme: „Sie kummet, sie kummet, d‘ Vetterli kummet! Jetzt ist den arme Leute g’holfe!“ – Es war das alte halbverrückte Duningerannele, welches in wahnsinniger Lust also durch das Dorf rannte.

Über das Duningerannele läßt sich in der Villinger Geschichte leider nichts mehr finden. Anscheinend aber war sie den Ideen der französischen Revolution nicht abgeneigt.

Da tut sich der krumme Davidle, der Viehdoktor und Teufelsbanner hervor, die Leute zu beruhigen: er könne Französisch, behauptete er, und wolle hinausziehen, zu parlamentieren.

Der krumme Davidle, der Viehdoktor und Teufelsbanner ist auch in den Tiefen der Geschichte verschollen.

Man ließ ihn gewähren. Da band der Patriot ein weißes Taschentuch an einen Stock und zog mit dieser Friedensfahne hinaus zu den Franzosen.

Wer sich genauer für die Wirren der Koalitionskriege interessiert, sei auf die Seite des Geschichts- und Heimatvereins Villingen verwiesen: Villingen im Zeitalter der Französischen Revolution(1770-1815) von Michael Tocha.

Nach etwa einer Viertelstunde ängstlichen Harrens kehrte der Parlamentär wieder zurück, von weitem schon schreiend: „Viktoria – sie sage, sie tun uns nüt – wenn wir ihne nur g’nug z‘ essen und z‘ trinke nausbringe.« So leichten Kaufes loszukommen, hatte man nicht vermutet, und alles beeilte sich, Schinken, ganze Speckseiten, geräuchertes Fleisch, Wein und Branntwein herbeizuschaffen, auf Karren zu laden und dies Mittagsmahl den fremden Gästen zuzuführen, welche dasselbe auch ohne viel Komplimentierens entgegennahmen. Die Leute, welche hinausfuhren, waren nicht wenig erstaunt, solch einen bunten, zerrissenen und zerlumpten Haufen zu sehen wie diese Neufranken, obwohl sie bei ihrem ersten Auftreten schon abenteuerlich genug ausgesehen hatten.

Alle Orte von Ulm bis Schwenningen, wo der Haufe durchgezogen war, mußten ihm Tribut gezollt haben. Neben einem Soldaten im französischen Casquet sah man einen andern im schwäbischen Nebelspalter, der hatte einen Weiberrock umgetan, jener einen Ratsherrenmantel. Hier lief einer barfuß, dort ein anderer in Pantoffeln. Hier einer im weißen Chorhemd, dort ein anderer im blauen Fuhrmannskittel. Dieser trug gestreifte Pantalons, jener gelbe Lederhosen. Man sah, hier herrschte Freiheit, aber wenig Gleichheit.

Mit „französische Casquet“ ist vielleicht ein Casque, ein Helm, gemeint.

CASQUE À CHENILLE DE CHASSEURS À CHEVAL MODELE 1791
Internetfund

Was mit einem schwäbischen Nebelspalter gemeint ist, würde mich auch sehr interessieren!

Die Lebensmittel waren kaum an ihre Herren gelangt, als wieder, wie des Morgens schon, ein eisiger Regen einfiel und die Kolonne ihren Marsch nach dem Dorf fortsetzte. – Welch ein vortrefflicher Unterhändler der krumme Davidle gewesen, zeigte sich alsobald; denn als die Franzosen kaum an den ersten Häusern angekommen waren, ging der Spektakel los.

Eine ergötzliche Jagd auf Gänse und Enten war das erste. Wo aber solch fette Bissen auf den Gassen zu finden, muß offenbar in den Häusern noch weit Köstlicheres vorhanden sein. – In dieser Voraussetzung statteten die Neufranken ihren deutschen Brüdern schon in den Nachbarhäusern überraschende Besuche ab. Bald darauf sah man einen mit einem Ballen Leinwand wieder auf die Straße stürzen, die andern gleich einer bellenden Meute hinter ihm drein, jeder bemüht, ein Stück des Ballens herunterzusäbeln und als schützenden Mantel umzuhängen. – Das alles war jedoch, wie gesagt, nur ein Vorspiel, denn bald schien es, als brenne das ganze Dorf, und die behenden Franzosen seien nur gekommen, um auszutragen, was nicht niet- und nagelfest. Da wurden verborgene Schätze gehoben ohne Wünschelrute und Christoffelgebet; Übergaben bewerkstelligt ohne Notar; Truhen wurden geleert, volle Beutel eingesteckst, ohne Empfangsbescheinigung. Manch Schweinchen wurde geschlachtet und zerstückt, ohne vorher gebrüht worden zu sein.

Internetfund mit französischen Uniformen um 1790

Krieg den Palästen, Friede den Hütten!“ war das neue Losungswort – aber in Ermangelung von Palästen mußten eben die Hütten herhalten.

Mathias und Hieronymus hatten sich während dieses Sturmes in dem großelterlichen Häuslein gehalten, und wunderbarerweise war es gerade diese kleine Wohnung, welche verschont geblieben.

Nachdem die wilden Wasser verlaufen, suchten Vater und Sohn wieder den Heimweg. Überall auf ihrem Wege erblickten sie Spuren des wüsten Zuges, und ihre bange Spannung, wie es zu Hause ergangen sein möchte, mußte mit jedem Schritte wachsen. Hie und da begegneten den Wanderern einzelne oder kleine Truppen von Nachzüglern, die jedoch nicht alle den heimischen Herd zu sehen das Glück hatten. Gerade das aber war für den alten Mathias ein Grund vermehrter Besorgnis, denn bereits vom Tage an, wo die Franzosen gegen das Kinzigtal gekommen, war der Stoffel unsichtbar geworden; und bald da, bald dort hatte man einen erschossen gefunden, dafür aber war auch da und dort ein Hof niedergebrannt worden. Doch erwiesen sich diese Besorgnisse glücklicherweise als unbegründet. Der Feind hatte sich auf dem Rückzug keine Zeit genommen, dem entlegenen Laubhauserhof Besuche abzustatten.

Der Feldzug war beendigt und der jugendliche Held Erzherzog Karl zu Freiburg als Befreier des Vaterlandes im Triumphe eingezogen. Nur von Kehl her, welches unter dem Oberbefehl des Fürsten Alois von Fürstenberg beschossen wurde, dröhnte noch das Brummen der schweren Stücke.

Erzherzog Carl Ludwig Johann Joseph Laurentius von Österreich, Herzog von Teschen, (* 5. September 1771 in Florenz; † 30. April 1847 in Wien) aus dem Haus Habsburg-Lothringen war ein österreichischer Feldherr…. Die Zurückdrängung der französischen Rhein-Mosel Armee unter General Moreau über den Rhein nach der Schlacht bei Emmendingen verschafften Karl große Popularität in Deutschland.

aus Wikipedia

Karl von Österreich-Teschen
(Porträt von Johann Baptist Seele, 1800, Heeresgeschichtliches Museum in Wien)

In einem gesegneten Lande aber sind die Wunden des Krieges bald verharscht; der altgewohnte Zustand kehrt wieder. Das Erlebte gibt Stoff zum traulichen Gespräch, und der wieder unbefangene Blick findet aus den Szenen des Schreckens und der Bedrängnis Züge von Humor und Originalität heraus. – So erzählte man sich in Hüfingen lange unter Lachen, wie es dem Vetter Galli ergangen. In dem allgemeinen Durcheinander hatte es ihn zum Verwalter getrieben, ohne daß er recht wußte, was er eigentlich wolle. Unterwegs trifft er auf einen Neufranken, dem sogleich des Vetters neue Bundschuhe in die Augen stechen; der Soldat erlaubt sich, dem Vetter das Schuhwerk auszuziehen, und wirft ihm dafür seine durchgetretenen Stiefel hin. Kaum im Anziehen begriffen, kommt ein anderer Kriegsmann in Pantoffeln daher, und sogleich setzt es einen neuen Tausch ab. Also leicht beschuht zieht der Galli weiter, da begegnet ihm ein Dritter, welcher gar keine Fußbekleidung umzutauschen hatte und welcher den Galli mit der jenem Volke eigenen Höflichkeit nötigt, seine Visite beim Verwalter in Socken abzustatten.

Interessanter für unsere Leser dürfte die Geschichte sein vom Sturm auf das Stöckle, dem Gefängnisturm im süßen Winkel.

Das Stöckle, der Gefängnisturm im süßen Winkel wurde etwa 1840 abgerissen.

In diesen wohlverwahrten Ort hatte man zu Anfang der Kriegsunruhen einige Sträflinge aus dem Zuchthause verbracht, darunter den Langen Hans und seine Tochter Schön Rösel. Das Vagantenmädchen, seiner bekannten Unschuld zu viel vertrauend, hatte sich aus dem Überrhein wieder herübergewagt und war endlich der ungalanten Polizei in die Hände geraten.

Als im Städtlein das Lärmen der plündernden Franzosen bis zu dem Turme gedrungen, machte sich die schöne Heimatlose an das Gitterfenster und sang eines ihrer Lieder, daß es weit durch die Gassen schallte:

„Ei schöner guter Tag!
Ei tausend gute Nacht!
Ein Fischfänger möcht ich sein
Bei der Nacht.
Die Fische fängt man in dem Teich
Im Sommer wie im Winter gleich,
Bei der Nacht!
Bei der Nacht, da fische ich!“

Ein Trupp angetrunkener Franzmänner, welcher die Gasse entlanggezogen, hörte das Lied und erschaute auch alsbald die schöne Sängerin. Als diese aber (sie hatte im Elsaß einige französische Brocken aufgefaßt) den Franzosen ihr „bon jour citoyens“ zugerufen, ging der Tanz los. „Vive la liberté!“ schrie der eine, „vive la bohémienne!“ ein anderer, und die Freiheitsmänner machten sich unter rasendem Beifallsgeschrei sämtlicher Gefangenen kühn daran, einen zweiten Sturm auf die Bastille in dem Städtchen der Baar aufzuführen.

Die gesamte Obrigkeit des Ortes, der Amtsrat, der Schultheiß, die Bettelvögte und was sonst noch zur vollziehenden Gewalt des Städtleins gehörte, waren unterdessen herbeigekommen und suchten, wiewohl vergeblich, den Auflauf zu beschwören; die Franzosen wollten nichts davon verstehen, daß es sich hier um malfaiteurs handle. Man mußte endlich unterhandeln und zuletzt sich dazu verstehen, wenigstens Schön Rösel freizugeben. Im Triumphe ward die reizende Beute durch die Gasse getragen, und sie war auch wirklich ihren Befreiern als belle cantinière auf ihren weiteren Zügen über den Rhein gefolgt.

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Der Landsturm
Rückkehr der Kreissoldaten

Hieronymus Kapitel 18

Aber so wende nach innen, so wende nach außen die Kräfte Jeder: da wär’s ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu sein.
> Goethe

Der Landsturm – Rückkehr der Kreissoldaten

Bevor noch der Krieg erklärt – schon zu Anfang der neunziger Jahre -, war man in den vorliegenden Landen auf Verteidigung derselben durch Errichtung eines Landsturms bedacht.

Der Plan ging zunächst von Freiherrn v. Sommerau aus, dem Landeschef der vorderösterreichischen Regierung. Manche Reichsstände gingen sogleich auf den Vorschlag ein, welcher, allgemein und mit Beharrlichkeit durchgeführt, das Land vor einer französischen Überflutung durchaus schützen mußte. Aber wie es im Reich zu gehen pflegte, einzelne Stände ließen sich bereitwillig finden, andere taten nichts oder waren geradezu entgegen.

Alle waffenfähige Mannschaft, hieß es in dem Aufruf, vom fünfzehnten bis fünfzigsten Jahr, sollte ungesäumt militärisch eingeübt werden. Die Gemeinden sollten für diejenigen, welche es benötigt, Wehr, Munition und Proviant liefern. Sammelplätze wurden bestimmt, und jedem Platz ward ein kaiserlicher Hauptmann als Kommandant beigegeben. – Allein, wie schon gesagt, Zusammenhang kam nie in das Unternehmen, es fehlte an ernstlicher Unterstützung von oben. Erst im Jahr sechsundneunzig, als die Franzosen um Straßburg eine beträchtliche Heeresmacht versammelt hatten, rief man den Landsturm auf. Eine Proklamation erschien, worin das Volk aufgefordert wurde, sich zu verteidigen, als Männer zu kämpfen für Religion, für den Kaiser, für das Vaterland und den eigenen Herd.

Rasch hatte das Wort gezündet. Die Bürger von Freiburg und Kenzingen waren dem Korps des Generals Fröhlich beigegeben, die aus der Herrschaft Kürnberg und Lichteneck den Kaiserlichen bei Ober- und Niederhausen.

Die Bauern aus dem Elztal, Simonswald und Triberg, die Bürger aus den Städten Villingen und Bräunlingen sollten unter Führung ihrer Bürgermeister und Vögte die Gebirgspässe im Schwarzwald besetzen. Auch die Männer aus dem Münstertal, Staufen und Säckingen, Waldshut und Laufenburg sowie die St.-Blasianer griffen zu den Waffen.

Der erste Koalitionskrieg

Der Krieg dauerte von 1792 bis 1797 und es waren Frankreich mit Österreich und Preußen im Krieg.

Die Kaiserlichen Reichstruppen zogen vom Jahr 1790 an durch Hüfingen und 1791 folgte das kaiserliche Kürassierregiment Hohenzollern. Am 14. Juli 1796 überschritten die französischen Truppen unter General Moreaus den Rhein.

Ein kaiserlicher Kürassier im Polnischen Thronfolgekrieg vor Philippsburg 1734 („Jung-Savoyen“ – Zeitgenössische Gudenus-Handschrift) Foto: Wikipedia

Wie wenig durchgreifenden Erfolg auch solche verspätete Erhebung haben mußte, den Franzosen erschien sie bedenklich genug. Vielleicht erinnerten sie sich der Fährlichkeiten, welche ihre Heere zu Anfang des Jahrhunderts im Schwarzwald zu bestehen gehabt. Durch Sendlinge aller Art suchten sie abzumahnen und zu hintertreiben, wo und wie sie nur konnten; Proklamationen verteilte man, worin zur Neutralität geraten und Schutz der Nationalität sowie der Religion verheißen wurde; ihre Agenten zischelten den Bauern in die Ohren, daß der Landsturm nur organisiert werde, um ihn für schweres Geld an die Engländer zu verkaufen usw. Es war eine bewegte Zeit; auch bis in die entlegensten Täler und Winkel schlugen die Wogen der großen Weltbegebenheiten.

Während dieses ungewöhnlichen Treibens pflegte Philipp, der älteste Sohn des Kaiserzollers, ein aufgeweckter junger Mann, oft nach Laubhausen zu kommen, und er unterließ dabei niemals, auch im Wirtshaus „Zum Felsen“ einzusprechen. – Philipp sollte einst das Bauerngut seines Vaters erben und, so Gott wollte und der österreichische Obervogt nichts dagegen hatte, auch des Vaters Amt als Kaiserzoller erhalten. Dieser befehligte ein Fähnlein bei dem Landsturmaufgebot, und dem Philipp war eine Führerstelle bei demselben übertragen worden.

Auch einen zweiten Gast, nämlich Romulus, schienen die Zeitverhältnisse jetzt öfter in den Felsen zu führen. Der Student hatte vorderhand seine Studien an den Nagel gehängt, sei es nun, daß diese Studien den Geldbeutel des Vaters zu sehr angegriffen, oder daß die Zeitströmung überhaupt zu mächtig auf seinen Geist einwirkte, um in Ruhe hinter dem Schreibtisch ausharren zu können. – Das letztere muß als wahrscheinlich angenommen werden, denn des jungen Mannes Kopf schien vollständig eingenommen zu sein von den neufränkischen Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Wenigstens ermangelte er selten, im Gespräch mit anderen diese Ideen zu verteidigen und mit Andersgesinnten deswegen anzubinden.

Die Aufgebote harrten des Befehls zum Ausmarsch, und Philipp benützte diese letzte Frist, um noch einmal herüber zu seinen Verwandten zu kommen. Er war bereits als marschbereiter Wehrmann angetan und hatte sein Pferd im „Felsen“ eingestellt. Diesmal empfing ihn Juliana, das Töchterlein des Hauses, denn der Wirt und sein Sohn waren in Geschäften abwesend. – Das Mädchen hatte dem eintretenden Landsturmmann zuvorkommend Hut und Säbel abgenommen, beides in die Ecke zu stellen, und fragte nun freundlich nach des Gastes weiterem Begehr. – Es waren noch mehr Gäste in der Stube, und auch der Laubhauser hatte sich herüber begeben, um Neuigkeiten zu hören. Romulus mit einigen Gesinnungsgenossen saß am hinteren Tisch bei der Küchentür.

Philipp schien heute besonders redselig; in feurigen Ausdrücken sprach er über die allgemeine Landesdefension, den Ausmarsch, und was damit zusammenhing. Juliana, welche sich neben ihn gesetzt, schien, den Kopf auf die Hand gestützt, aufmerksam jedes Wort des Redners zu verfolgen.

„Ja, wenn alle täten wie wir, im Vorderösterreichischen“, rief Philipp lebhaft, „so kam uns diesmal der Franzos nit auf den Hals! – Aber so ist’s halt meistens g’wesen, während die einen den Brand g löscht haben, sind die andern als bedächtliche Zugucker daneben ’standen oder haben sich höchstens noch am Austragen beteiligt, um ein paar Fetzen für sich zu erwischen. – Da geh‘ mal einer nach Freiburg und schau, wie da das Freischützenkorps so fleißig exerziert und manövriert. Und in Waldshut und in Staufen und andern Städten soll ebenfalls die Bürgerschaft schon vollständig unterm Gwehr steh’n. Und die Bauern von Altdorf, so hört man, die haben sogar aus freien Stücken bei der Regierung den Antrag g’stellt, sich bewaffnen und ausmarschieren zu dürfen. – Und ich kann euch versichern, auch bei mir daheim will keiner z’rückbleiben, ja, ich glaub, die Weiber gingen noch mit, wenn’s sein müßt. – Wundere mich nur, daß hier rum noch alles so ruhig ist!“ „Ich für mein‘ Teil, Vetter“, unterbrach der Laubhauser, unwillig auf die Tür zuschreitend, die Rede seines begeisterten Neffen, „ich bin der Meinung, der Bur g’hört an de‘ Pflug!“

„Ja, freilich“, rief ihm Philipp nach, „so heißt’s eben bei vielen: so der Baur nit muß, rührt er weder Hand noch Fuß. – Und wenn wir auch alle das Leben lassen müssen“, fuhr er, die Augen auf Juliana heftend, fort, „so haben wir uns doch gezeigt als Männer und uns gewehrt für alles, was uns lieb und wert ist!“

Jetzt hörte man am hinteren Tisch an die leere Flasche klingeln, so daß Juliana aufstand, zu sehen, was man begehre. Romulus, ihr die Flasche darreichend, sagte mit spöttischem Blick auf Philipp: „Es wird halt wieder heißen: vorne getrommelt und hinten keine Soldaten!“

Dem Philipp stieg das Blut zu Gesicht, doch hielt er an sich und tat, als habe er’s nicht gehört. „Laßt sie nur kommen, und schaut dann, wie mäuslestill die Helden auf einmal sein werden“, fuhr Romulus fort. – „Laßt euch nit beschwätzen von solchen“, sagte er zu seiner Umgebung, mit einem stechenden Seitenblick auf den jungen Wehrmann, „von Leuten, denen es im Grund ja doch nur um en Amtle oder um die Gnad von oben zu tun ist.“ „Laßt euch nit beschwätzen“, gab Philipp trotzig zurück, „von verdorbnen Advokaten (Romulus hatte Juristerei zu studieren angefangen), von Leut‘, die für’s Geld die Briefträger und falschen Ratgeber machen.“

Aber der Student – der in der Tat kurz vorher eine der vielen damals erschienenen Flugschriften vorgelesen und den Bauern erklärt hatte – brach in ein schallendes Gelächter aus und begann dann das bekannte Spottlied auf den österreichischen Landsturm zu singen: Nur langsam voran, usw. Das war zu stark. – Die mühsam zurücgehaltene Flamme brach aus in lichter Lohe. – Zorngeröteten Angesichts sprang Philipp nach seinem Rolandsschwert. – Die am hintern Tisch aber griffen zu Schutz und Trutz nach Stühlen und Flaschen – so rasch aber wie diese war auch das Wirtstöchterlein Juliana zur Stelle.

„Unfriedensstifter!“ rief sie erzürnt gegen Romulus; und zugleich fühlte dieser von einem schönen, aber kräftigen Arm so unsanft sich zurückgestoßen, daß er, der aus Verdruß wohl ein wenig zu tief ins Glas geschaut haben mochte, taumelnd gegen die Wand stolperte. – Dann wendete das Mädchen sich gegen Philipp und bat, ihn sanft umfassend: „Gib Frieden, mir zulieb!“ Dem Jüngling aber geschah dabei, wie einst Rudolph von Habsburg, als er vor Basel die Botschaft seiner Kaiserwahl empfing, denn gleich diesem steckte jener die gezückte Klinge ruhig wieder in die Scheide und machte Friede.

In der Tat war dem guten Burschen durch das Benehmen des Wirtstöchterleins etwas kund geworden, was ihn höher beglückte als selbst eine Kaiserbotschaft; denn als er dastand, von den Armen des schönen Mädchens umfaßt, als sein Auge in das ihrige schaute, fast bis auf den Grund ihrer Seele, da überkam ihn ein noch nie empfundenes Gefühl. Das wild aufgeregte Meer der Zornesleidenschaft ward zur sonnenhellen Fläche, widerspiegelnd den Himmel und die schönen Sterne.

Bei diesem Anblick des umschlungenen Paares war Romulus mit verbissenem Ingrimm zur Stube hinausgerannt, und jetzt konnten die übrigen Anwesenden erst merken, um was es sich hier gehandelt: daß die beiden nämlich weder um den Kaiser noch um das Reich gestritten, sondern einzig und allein um der Wirtin Töchterlein.

Wäre irgendein Zweifel noch möglich gewesen, die nachfolgende Abschiedsszene hätte auch den letzten Rest davon tilgen müssen; die Zeit drängte, und als der Augenblick des Scheidens nimmer verschoben werden konnte, hatte Juliana bereits den Hut des wehrhaften Landesverteidigers mit Strauß und Band geschmückt und geleitete den Abziehenden hinaus zu seinem Pferde. Der Jüngling hatte mit der Linken Zügel und Kammhaar erfaßt, sich in den Sattel zu schwingen, und streckte die Rechte zum letzten Lebewohl nochmals gegen die Begleiterin. Da vermochte das bisher so spröde Mädchen sich nicht mehr zu halten; zur Verwunderung aller Zuschauer hinter den Fensterscheiben umhalste sie den Freund, drückte einen herzhaften Kuß auf seine Lippen – und eilte schnell in das Haus zurück, auf ihre Kammer, dort den mühsam verhaltenen Tränen freien Lauf zu lassen. Denn Lieb‘ ist Leides Anfang, und wer konnte wissen, ob alle auch glücklich wieder aus dem Felde heimkehren würden?

Der Landsturmmann war rasch aufgesessen, hatte seinem Rosse beide Sporen in die Weichen gedrückt und war im scharfen Trabe davongeritten, gleich, als ginge es jetzt vor den Feind, und als müßte er mutig einsetzen sein Leben für Gott, für das Vaterland und alles, was darin lebte und liebte.

Oben auf der Höhe sah man ihn anhalten, um gegen das schon in der Abenddämmerung rauchende Wirtshaus im Tale noch einmal grüßend den Hut zu schwingen, denn am diesseitigen Giebelfensterlein winkte ja die Genossin seiner Schmerzen, seines Glücks, von welcher ihn das Schicksal zu scheiden zwang, in dem Augenblick, wo ihre Herzen für immer sich verkettet. Schon der nächste Tag brachte den Befehl zum allgemeinen Aufbruche. Die Landsturm-Trompeter gaben aller Orten die Signale, und von allen Bergen und Tälern zogen die Bewaffneten auf ihre Sammelplätze.

Am vierundzwanzigsten Mai des Jahres sechsundneunzig, wenige Stunden nach Mitternacht, begann Geschützfeuer zu erdröhnen im ganzen Rheintal von Basel bis Philippsburg. Diese Nacht hatte der republikanische Oberfeldherr bestimmt, den Übergang seines Heeres über den Strom zu erzwingen. Auf Stadt und Dorf Kehl, wo unser schwäbisches Kreiskontingent mit elf schwachen Bataillonen und zwei Reiterregimentern in langer Linie aufgestellt war, richtete der Feind seinen Hauptstoß. Kaum die Hälfte dieses Korps, wenig über dreitausend Mann, konnten hier auf dem bedachten Punkte den Franzosen entgegengeworfen werden. Um fünf Uhr des Morgens war man handgemein geworden, und noch fünf Stunden lang hatte das Häuflein sich gewehrt gegen die stets und stets wachsende Zahl der Feinde, sechshundert der Ihrigen auf der Walstatt gelassen und dann gegen das Gebirge hin sich zurückgezogen.

Der französische Oberfeldherr hatte die Kaiserlichen rheinabwärts gedrängt, und schon am vierten Tag stand ihm der Eingang in das Renchtal und somit nach Schwaben offen. Bei dem schwäbischen Korps hatte der Landgraf von Fürstenberg den Befehl übernommen (denn der alte Feldzeugmeister Stain war „erkrankt“), und diesem General gelang es noch, mit einigen Abteilungen seines Korps die Gebirgspässe des Kniebis und Roßbühl zu besetzen und so dem Feinde den Weg zu verlegen. Der Rest stand im Kinzigtal.

In der ersten Hälfte des Juli war am Ausgang des Bleichtales bei Herbolzheim und Wagenstadt der Landsturm zum ersten Treffen gekommen und hatte mit seinem Blute wenigstens Unerschrockenheit und den besten Willen bekundet, so daß ihm der General Fröhlich das Zeugnis ausstellen konnte, er verdanke den Sieg größtenteils der Tapferkeit der Landmiliz.

Bis herauf zu den Höhen des Schwarzwaldes hallte der Donner der Geschütze, und selbst in der Gegend des Laubhauserhofes konnte man deutlich die einzelnen Schüsse der schweren Stücke unterscheiden. Während die Alten in banger Spannung lebten und manch bekümmertes Gemüt im Gebet Hilfe suchte, lagen die Kinder draußen auf dem Rasen, das Ohr am Boden und vergnügten sich, die einzelnen Schläge des fernen Geschützdonners zu zählen.

Es war am vierzehnten Juli des Nachts, als der kaiserliche General Fröhlich in Villingen eintraf, welcher die Mannschaft dieser Stadt sowie jene aus Bräunlingen, Triberg und aus dem Nellenburgischen schleunigst nach den Gebirgspässen beorderte. – Mit Freuden war man diesem Befehle gefolgt, denn noch immer hielt man die kaiserliche Armee für unüberwindlich, trotz der vielen bedenklichen Nachrichten, welche man in neuester Zeit vernommen. Doch gab es auch Weiterblickende, denen ein trübes Vorgefühl nicht das Beste prophezeite. Indessen, man marschierte aus, ward in den Dörfern einquartiert, hielt einige Pässe und Höhepunkte besetzt und harrte des Verlaufes der Dinge.

In Hüfingen wie im ganzen Fürstenbergischen war es zu keinem Landsturmaufgebot gekommen; man sprach wohl allgemein davon – und namentlich freute sich der Zollbereiter, wenn in der Abendgesellschaft beim Verwalter davon die Rede war, daß sein Vorschlag einer Bürgerbewaffnung nun doch zur Ausführung komme – allein zur Organisation war es zu spät.

Hieronymus hoffte vergeblich auf einen Ausmarsch; er hatte sogar Lust, in des Kaiserzollers Kompanie als Freiwilliger einzutreten, aber sein Meister und auch Severin rieten ab.

In diese Zeit allgemeinen Kriegslärms fiel auch der Tod unseres Tambours Gsell – der Himmel wollte dem alten Veteranen den Schmerz ersparen, ein kaiserliches Heer retirieren zu sehen.

Des Kaiserzollers Kompanie stand bei St. Georgen auf der Sommerau, und hatte sich in einem alten Gemäuer gelagert. Von nordwärts her hörte man deutlich Kleingewehrfeuer, und Geschützschüsse tönten aus allen Tälern herauf. Ein paar junge Burschen standen als Schildwachen auf den Mauer-trümmern. Im Innern aber lagerte ein Teil der Mannschaft an einem lustigen Feuer, wobei der alte Büchsenmacher aus dem Tribergischen mit Kugelgießen beschäftigt war. Bei jeder blauen Bohne, welche der alte Kauz aus dem Kugelmodel klopfte, murmelte er einige Verwünschungen über das Avancieren der Franzosen und das Mißgeschick des Reichsheeres.

Philipp, den Kopf auf die Hand gestützt, lag nachdenklich abseits, und ich glaube, daß er mehr an des Felsenwirts nettes Töchterlein gedacht als an die Zustände des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Der Hauptmann Kaiserzoller aber ging unruhig auf und ab. – Es dunkelte bereits, das Schießen hatte aufgehört, allein es war unverkennbar, daß der Feind wieder Boden gewonnen habe, daß nicht nur der Kniebispaß, sondern wahrscheinlich auch der Höllenpaß bereits in seiner Hand sein werde. „Wenn sie jetzt nit kommen, so ist ihnen was passiert“, fing endlich der Hauptmann an, indem er stehenblieb. „Entweder sind sie weiter als Mönchweiler oder sie sind am End gar schon den Bündelbuben (den Franzosen) in die Händ‘ g’fallen“, war die Ansicht des Haldenbauers. „Ah“, beruhigte der Büchsenmacher, „so g fährlich steht die Sach‘ noch nit – dem Schießen nach ist noch kein Französle über Schiltach hoben – und wenn auch – sorg nur keiner für den Husarenseppel, der ist ein alter Soldat und kennt die Schlich!“

In dem Augenblick hörte man von außen Stimmen und zugleich auch den Buben, welcher als Lauerposten auf der Mauer stand, herunterrufen. Alle Blicke wendeten sich nach dem Eingang, wo man auch alsobald die beiden auf Kundschaft ausgesendeten Männer, von welchen bisher die Rede gewesen, hereinschreiten sah. Der eine trug zu seinem bäuerischen Anzug noch eine verbleichte Husarenjacke, auf der Schulter aber ein Kommißgewehr nebst großer Patrontasche. Es war der Husarenseppel, der sich wirklich zu dem bevorstehenden Feldzug mit dem Rest seiner ehemaligen Soldatengarderobe herausstaffiert hatte. Sein Begleiter, der Pariserschneider mit sorgfältig gewickeltem Zopf, trug auf der Schulter einen langen Nachtwächterspieß und in der Rocktasche eine mächtige Reiterpistole.

„Das war beim Dunder e g’fährliche Kommission“, platzte der Schneider sogleich heraus. „Ich hab nimmer glaubt, daß wir“ -, doch war es ihm nicht vergönnt, die Phrase zu vollenden, denn mit den Worten: „nur g’stät“, schob ihn der Husarenseppel alsbald zur Seite, trat mit militärischem Gruß steif vor den Hauptmann hin und rapportierte ordonnanzmäßig ungefähr folgendes:

In Mönchweiler hätten sie die Villinger nicht mehr angetroffen, und man habe dort ihnen berichtet, daß sie nach Fischbach marschiert wären, und so hätten sie beide auch den Weg dahin eingeschlagen und die Leute richtig getroffen. Von dem Hauptmann, Syndikus Handtmann, hätten sie nun vernommen, daß des Tags zuvor zweihundert Mann von Stockach zu ihnen gestoßen waren. Der Syndikus und der Stockacher Hauptmann hätten sich dann bei dem österreichischen Kommandanten zu Fischbach gemeldet und diesem ihre Leute zur Verfügung gestellt. Der Offizier aber habe ihnen bedeutet, sie möchten mit ihren Leuten in Gottes Namen wieder heimziehen, denn so, wie die Sachen jetzt stünden, wisse er sie nicht mehr zu gebrauchen.

Dessen aber hätten sich die Landsturmmänner entschieden geweigert. Nun seien heute um Mittag die angesehensten und ältesten Männer von Villingen zu ihnen hinausgekommen, um sie zum Heimgehen zu vermögen, und dazu hätten sie sich endlich auch entschlossen. „Und so bleibt uns denn auch nix anders übris“, schloß die Meldung, „als in Gott’s Name den Villingern nachzumachen und umzukehren. – Die Kappe ist, wie ich merk, verschnitten!“ – Dieser Rat erwies sich wirklich auch als der beste, denn am andern Morgen sah man, daß die Nachhut der kaiserlichen Truppen vor Tag schon aus der Gegend abmarschiert war.

An manchen Herd, in manche Hütte war mit den heimkehrenden Wehrmännern die Ruhe wieder eingezogen, die bange Sorge entflohen. Aber auch manche frühzeitig zur Witwe gewordene Gattin saß da im dumpfen Schmerze; mancher Mutter Tränen flossen um den gebliebenen Sohn, und viele Herzen waren noch die Beute nagender Ungewißheit.

Es waren überhaupt Tage der Verwirrung und Bestürzung. Der fürstliche Hof zu Donaueschingen hatte sich nach der Schweiz geflüchtet, nachdem vorher das Wertvollste aus dem Archiv dorthin gebracht und das Kupfer und Zinngeschirr aus der Schloßküche an einer tiefen Stelle in die Donau versenkt worden war. – Solche Beispiele sind ansteckend, weil die Leute selten den Unterschied der Beweggründe bedenken noch die Mittel zur Ausführung.

Auch in Hüfingen war die Lust zum Auswandern eingerissen. Beim Verwalter wurde die Sache beraten; man wollte wenigstens Frauen und Kinder in Sicherheit bringen. Allein noch keine Tagreise war gemacht, als das Gefühl der Ratlosigkeit schon über alle gekommen. Jedes lernte einsehen, was es heiße, Haus und Hof so übereilt zu verlassen – und so zog man in Gottesnamen wieder heim. Doch wurde das Vieh in die Wälder geflüchtet.

An die Beamten war die Weisung ergangen, auf ihren Posten standhaft auszuharren. Aber auch sie wollten nicht versäumen, ihre beste Habe in Sicherheit zu bringen. Also geschah es auch im Hause des Rats; und Hieronymus wurde vom Meister Amtsdiener beordert, der Familie beim Geschäft an die Hand zu gehen. Während der Amtsdiener nächtlicherweile bemüht war, in einem Winkel des Hausgartens eine Kiste mit Silber und Wertsachen zu verscharren, half Hieronymus der Base Annakäther und Fräulein Helene bei Verpackung des Weißzeugs und anderer Sachen, die man mit Beihilfe eines Knechtes unter dem Kommando der Frau Rätin oben auf dem Speicher unter den Trümmern eines alten Kachelofens versteckte.

Mit Severin war Hieronymus, nachdem das Geschäft beendet, spät in der Nacht noch vor das Tor gegangen. In den Gassen, die sie durchschritten, herrschte Unruhe, alles lief hin und her, und niemand wollte sich dem Schlaf überlassen. Die Männer, welche in Gruppen vor dem Tore standen, wollten bestimmt wissen, die Vorposten der Franzosen stünden bereits schon herwärts von Kirchdorf und Klengen. – An der „Länge„, vom Wartenberg bis zum Fürstenberg hin, sah man Wachtfeuer brennen vom Lager, welches die Condéer und die Kaiserlichen dort geschlagen. Allgemein wurde eine Schlacht befürchtet. – Ein Reiter kam dahergetrabt. Man drängte sich um ihn, fragend nach dem Stand der Dinge. Richtig, die Franzosen hatten Villingen besetzt, der ganze Marktplatz, berichtete der Mann, liege voll Soldaten, stehe voll Kanonen.

Aber schon im Laufe des folgenden Morgens traf die Nachricht ein, die Kaiserlichen hätten ihr Lager aufgehoben und ihren Rückzug fortgesetzt. Bald nachher rückte der Feind in Donaueschingen ein und besetzte auch die Amtsstadt. Die „Erleichterungen“, von welchen der Fohrlenbacher gesprochen, nahmen ihren Anfang. – Zum Glück konnten die brandschatzenden, hungrigen und durstigen Brüder nicht lange in der Gegend verweilen; schon nach drei Tagen zogen sie wieder ab.

Von dem Kreiskontingente wußte man nur wenig Sicheres. Daß dasselbe bedeutend zusammengeschmolzen, namentlich durch den Abzug der Württemberger, war gewiß. Indessen gelangten durch sichere Boten Briefe aus dem Hauptquartier des Landgrafen von Fürstenberg nach Donaueschingen. Durch sie hatte man erfahren, daß das Korps am achtzehnten und neunzehnten Juli sich noch bei Haigerloch und Rottenburg geschlagen, daß man aber durch die Reichsstände zu Augsburg Befehl erhalten habe, nach Biberach zu marschieren.

Bald jedoch waren die Vorgänge bei Biberach kund geworden; sie machten großes Aufsehen, denn daß die braven Soldaten durch Kaiserliche selbst entwaffnet worden, schien unbegreiflich. Man wußte eben nicht, daß es ein Gebot der Not und Vorsicht war; denn Erzherzog Karl wußte, daß viele Reichsstände geneigt waren, separat mit dem französischen Oberfeldherrn zu unterhandeln, so wie andererseits das Gemunkel von einer Schwäbischen Republik (auf welche gewisse Professoren bereits Subskribenten sammelten) auch zu seinen Ohren gekommen sein mußte.

Einige Wochen später kamen einzelne fürstenbergische Soldaten zurück, und man erfuhr in Hüfingen, daß eine größere Abteilung von Geisingen her im Anmarsch wäre. Große Aufregung entstand darob im Städtlein, und viele hatten sich auf den Weg gemacht, ihnen bis zum Hexenberg entgegenzueilen.

Der Hüfinger Hexenberg war vermutlich dort, wo jetzt der Bauhof steht.

Hieronymus war sogleich aus seiner Werkstatt fort zur Base gelaufen, ihr die Neuigkeit zu bringen. Die Nachricht schlug der guten Frau so in die Glieder, daß sie sich setzen mußte und nicht vermochte, dem Gatten entgegenzugehen. Hieronymus eilte allein hinaus und hatte die Kolonne bald erreicht, wenn man einen Haufen abgerissener, schuhloser, mit Stöcken bewaffneter Soldaten also nennen darf. Aber wie auch der Lehrling mit suchendem Auge den Zug musterte – den Feldwaibel sah er nicht. Mit banger Ahnung fragte er einen der alten Grenadiere.

„Der Feldwaibel“, hieß es, „ist in Möhringen zurückgeblieben, er ist malad! Ist aber auch kein Wunder, der Ärger und Verdruß ist mehr als die Strapaz! Sechsundzwanzig Tag hintereinander in der Bataille – und zuletzt so. – Der gemeine Mann hat seine Schuldigkeit getan; bei meiner Seel, so lang das Deutsche Reich existiert, ist’s nit erhört worden!“

Der Grenadier hatte recht berichtet; der Meister Amtsdiener, noch einige Freunde, Frau Annakäther, welche jetzt nimmer aufzuhalten war, hatten alsobald ein leichtes Fuhrwerk genommen, waren damit nach Möhringen geeilt, und hatten auch den Veteranen glücklich und in leidlichem Zustande dort aufgefunden. Es war schon dunkel, als sie zurückkehrend, hinter der Stadtmauer weg, zum Petertörlein hineinfuhren, denn der Feldwaibel wollte nicht bei Tag vor aller Augen in das Standquartier einziehen – ohne Mannschaft und Waffen.

„Ja, den Kaiserlichen haben wir bigott selber die G’wehr lassen müssen“, ergänzte ein Kreisdragoner, der sich statt des Gaules mit einem unterwegs geschnittenen Weißdornstock forthalf, „und die Condéer, hol’s der Teufel, haben uns noch die Gäul g‘ nommen – was haben wir machen können? – Die mögen’s verantworten, die schuld d’ran sind.“ Die Umstehenden waren wenig erbaut von diesen Reden. Hieronymus hielt sich nicht dabei auf, sondern eilte, soviel er vermochte, seine, wenn auch nicht freudige, doch immerhin beruhigende Botschaft der Base zu verkünden.

Der alte Soldat hatte Tränen vergossen, als die Mannschaft das Gewehr strecken mußte, so erzählten später noch Leute seiner Kompanie. Es war die schmerzlichste Wunde, welche dem getreuen Kämpen in seinem Leben geschlagen worden.

Eine Episode soll hier aber noch ergänzt werden:

Auf der Hüfinger Kälberweide wurde am 21. August 1796 ein Soldat des ungarischen Infantrieregiments Benjofsky gehängt, weil er ein Komplott zur Desertion angezettelt haben sollte. Die anderen Beteiligten wurden durch die Spieße gejagt. Der hingerichtete war erst 21 Jahre alt und vom Hüfinger Scharfrichter gefoltert und gehängt worden. Ein ganzes Bataillon war zur Exekution ausgerückt.

Hüfinger Chronik von August Vetter (1984)

Aber auch viele Steuerpflichtigen hätten weinen mögen – über die nachfolgenden Umlagen. Denn über zweimalhunderttausend Gulden hatte der Durchzug das Land gekostet; und zwölf Millionen Franken waren der Preis, um welchen der Schwäbische Kreis seinen Waffenstillstand hat erkaufen müssen – nicht mit eingerechnet die bedeutenden Geldgeschenke, die einzelne Generäle und Kommissäre eigens noch für sich verlangt hatten.

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Regenwurmliebesspiel

Liebe Bürgerpostleser, 

das ist wieder so eine Sache. Hand aufs Herz, haben Sie schon einmal Regenwürmer beim Liebesspiel beobachten können? Ich auch nicht. Aber eine Bekannte aus dem Berufsleben, Frau Dr. Doris Seichter aus München-Grub, schickte mir dieses sensationelle Bild. Sie schrieb dazu: „Neulich morgens um 7.30 Uhr wurde ich Zeuge eines Schauspiels, das ich zwar in Theorie aus der Zoologievorlesung während des Tiermedizinstudiums kannte, aber noch nie in Natura beobachten konnte, das Liebesspiel des Regenwurms. Leider konnte ich nur ein einziges Foto machen, denn als die beiden erkannten, dass sie entdeckt waren, ist jedes in ein eigenes Mauseloch geflüchtet.“ 

Also, dass die zwei auseinandergingen ist klar, weil sie schon stundenlang zusammen waren. Denn spät in der Nacht beginnt das Liebesspiel und dauert oft bis in die Morgenstunden. Die ganze Sache ist sehr gefährlich, weil sich die Würmer außerhalb ihrer Wohngänge paaren und so eine leichte Beute für ihre zahlreichen Fressfeinde werden können. Deswegen hat das Paar beim Fotografieren Gefahr gewittert und ist schnell auseinander und in Deckung. 

Es sieht ja schon einmalig aus das Geschehen, finden sie nicht auch? Es erinnert mich an den Liebesakt der Tigerschnegel. Nun, was sind Regenwürmer sexuell gesehen? Sie ahnen es, Zwitterwesen. Nur im Ausnahmefall befruchten sie sich selbst. Im Regelfall tauschen sie ihre Spermien aus, damit es eine Fremdbefruchtung wird. Erstaunlich sind die schmalen Schwänze der beiden. Sehen Sie die vom Körper abgehobenen Kopfteile? Es wirkt komisch. Der Bereich zwischen den Köpfen ist durch Sekrete verklebt und dient dem Spermienaustausch. Hammerhart. Übrigens erfolgt eine Paarung nicht gleich mit dem ersten besten, sondern bis zu zehn Mal wird getestet, ob es passen könnte. Schön zu sehen ist die Ausbildung des sogenannten Gürtels, einer gelblichen sattelförmigen, drüsenreichen Verdickung vom 27. bis 35. Segment. Das haben nur geschlechtsreife Tiere. Die Geschlechtsreife tritt erst mit ein bis zwei Jahren tritt. Der Regenwurm kann bis acht Jahre alt werden und bekommt einmal jährlich Nachwuchs. Die Eier werden in Kokons abgelegt. Die Jungwürmer schlüpfen ja nach Umgebungstemperatur mit 90 bis 135 Tagen. Regenwürmer sind imstande, Überschwemmungen mit sauerstoffreichem Wasser durch ihre Hautatmung über mehrere Monate lang zu überleben. Wer hätte das gedacht. 


Ich will es dabei bewenden lassen, denn es ließe sich noch viel Interessantes schreiben. Nur noch eines möchte ich ansprechen, die immense Bedeutung des Regenwurmes für die Humusbildung und Bodenfruchtbarkeit.

Vielen Dank an Frau Dr. Doris Seichter für die Überlassung des tollen Bildes. 

Herzliche Grüße
Franz Maus

Gesamtfortschreibung des Flächennutzungsplans 2040

Ein Flächennutzungsplan (FNP) ist ein vorbereitender Bauleitplan, in dem die beabsichtigte städtebauliche Entwicklung einer Gemeinde kartografisch und textlich dargestellt wird. Die dargestellten Bodennutzungen, zum Beispiel Wohn- oder Gewerbegebiet, werden dann durch Bebauungspläne konkretisiert und rechtsverbindlich festgesetzt. Gemeinsam bilden Flächennutzungspläne und Bebauungspläne die gemeindliche Bauleitplanung.

Der aktuell gültige FNP für das Städtedreick ist auf den Seiten des Umweltbüros zu finden:
https://www.gvv-umweltbuero.de/arbeitsfelder/bauleitplanung/flaechennutzungsplan/

Hier der Link zu allen Unterlagen:
https://nc.in-donaueschingen.de

Bis zum 16. Februar fand die frühzeitige Beteiligung der Öffentlichkeit zur Fortschreibung des FNPs des Gemeindeverwaltungsverband Donaueschingen (GVV) statt.

Der NABU Landesverband von Baden-Württemberg,
der BUND Regionalverband Schwarzwald-Baar-Heuberg und der
Landesnaturschutzverbandes von Baden-Württemberg haben folgende öffentliche Stellungnahme hierzu abgegeben:

Die Freunde der Natur Hüfingen haben am 6. Februar 2024 eine öffentliche Stellungnahme hierzu abgeben:

Das Wiedersehen
Bedenkliche politische Neuigkeiten
Einquartierungen

Männer schlafen auf einer Weide und ein bewaffneter Soldat bewacht sie dabei. Hinterm Zaun stehen zwei Buben die zuschauen.

Hieronymus Kapitel 17

Vetter Hans Zerg, s’dunneret, s’dunneret ehnen am Rhi-Strom, und es git e Wetter! I wott, es zög si vorüber.
>Johann Peter Hebel

Das Wiedersehen – Bedenkliche politische Neuigkeiten
Einquartierung

Kehren wir nach dieser Abschweifung wieder zu unserm Freunde Hieronymus zurück. Hohe Zeit wird es sein, wollen wir anders Zeuge sein seines Erwachens aus dem tiefen Schlaf, worin wir ihn verlassen. Jedenfalls sind wir nicht mehr die ersten im Hause; denn, mochte es Ahnung gewesen sein oder sonst eine verwandte Stimmung, genug, als kaum der Tag zu dämmern begann, war die erst wieder genesene Mutter vom Lager aufgestanden und nach einigem Herumgehen im Hause in die obere Kammer getreten, wo sie ihren Hieronymus ausgestreckt auf dem Strohsack liegen sah.

Verwunderungsvoll blieb sie stehen bei diesem unverhofften Anblick, still die Hände über der Brust gefaltet. – Eine fröstelnde Morgenluft drang durchs offene Fenster; sie fühlte es, wendete sich geräuschlos zu dem Kleiderkasten, dort den alten Mantel ihres Mannes vom Nagel zu nehmen und ihn vorsichtig über den Schlummernden zu breiten. Als es geschehen, ohne den Jüngling zu wecken, war sie, auf den Zehen trippelnd, wieder davongeschlichen. – Die wohltuende Wärme hatte den Schlaf länger auf den Augenlidern des Müden festgehalten, und er erwachte erst, als in und außer dem Haus schon alles lebendig war. – Es bedurfte einer Weile, bis die sinnenden Gedanken sich zurechtfanden; erst heftete er den Blick wie forschend an die Holzdecke des Gemaches, dann auf den schützenden Mantel – der Nachtmarsch, die Landfahrer, war das alles ein Traum gewesen?

Gedanken folgen sich schneller, als die Zunge sie auszusprechen vermag, und es bedurfte keines zweiten Blickes auf die Umgebung, um dem Erwachenden klarzumachen, daß jene Vorgänge Wahrheit und er wirklich im Vaterhause angekommen sei. Aber auch diesen Gedanken vermochte er noch nicht mit voller Freudigkeit zu erfassen, denn noch regte sich das gestrige Bedenken. Wie war er angekommen? Schon nach dreiviertel Jahren bei Nacht und Nebel, fast wie ein Dieb. – Wo blieb der gemachte Mann, den alles bei der Heimkehr heimlich beneiden und anstaunen würde, wie ihm der Zauberspiegel seiner Phantasie so oft vorgemalt? Ein halb ausgelernter Lehrling und weiter nichts war er noch. Ja, wenn er sich außer dem Hause nur sehen lassen wollte, mußte vorerst die Nähnadel der Mutter in Anspruch genommen werden, denn der bewußte blautuchene Sonntagsrock, welchen er beim Abmarsch angetan, hatte durch die Hecken, Dornen und Felsen der Wildnis zu große Unbilden erfahren.

Doch soviel war unserem Freunde im Leben bereits klargeworden, daß jeglicher von seinen Wünschen und Hoffnungen ansehnlichen Rabatt verwilligen müsse, weil die Wechsel, die wir selbst in jugendlicher Erwartung auf die Zukunft ausstellen, von der Wirklichkeit selten nach ihrem Nennwerte honoriert werden. – Aus diesen Träumereien riß ihn der Klang einer Mädchenstimme, welche er unter tausenden erkannt haben würde und welche fragte, ob denn Hieronymus noch nicht erwacht sei. Rasch fuhr er auf, ordnete eilig das Nötigste an seinem Anzug und war dann mit ein paar Sätzen unten.

Herzlich grüßten sich Mutter und Sohn; die erstere hatte längst erraten, daß der Besuch nur ihrenthalben eingetroffen, und dem Sohne zeigte das Aussehen der Mutter, daß ihre Gesundheit so ziemlich wiedergekehrt wäre.

„Ich wollt nit haben, daß dir der Vater was von meinem Anfall schreiben sollt“, sagte die Mutter.
„Aber welcher gute Geist hat denn heut nacht den Mantel über mich gebreitet und Euch und der Florentina da meine Ankunft gemeldet?“ fragte lächelnd der Sohn.
„Deine Ankunft?“ erwiderte die Mutter scherzhaft, „mein kleiner Finger hat mir’s g’sagt, und der Florentina hat’s träumt – nit wahr, Florentina?“ Als aber der Jüngling sich jetzt gegen diese wendete, denn diese war die Fragerin, sie zu begrüßen, schien er verlegen, fast schüchtern. Florentina, die, wenn auch ferne, im Bilde seiner stillglühenden Gedankenwelt die traute Gefährtin all seines Tuns und Lassens gewesen, stand vor ihm in ihrer früheren unwandelbaren Freundlichkeit, nur dünkte ihn, ihre Mienen seien ausdrucksvoller, ihre Augen noch schöner geworden; dem ungeachtet vermochte der junge Mann den alten Ton der Zutraulichkeit nicht wiederzufinden. – Das Wiedersehen hatte ihn froh, aber einsilbig, fast stumm gemacht. – Florentina schien es zu bemerken; auch sie blickte wortkarg vor sich hin – und schied, indem sie die Erwartung aussprach, daß er auch ihnen drüben im Hof gleich einen Besuch machen werde.

Vom Vater Mathias, der inzwischen eingetreten, wurde dann sogleich eine Art Programm entworfen, zur Feststellung der Reihenfolge, wie die Besuche des Ankömmlings aufeinander zu folgen hätten; denn ein Verstoß gegen die Etikette in diesem Punkt wär auf dem Laubhauserhof so gut wie an jedem andern Hof übel vermerkt worden. „Es wird notwendig falle“, meinte der Vater, „daß wir zuerst nübergehe in den Hof; darnach zum Herrn Pfarrer, dann zum Stabhalter, und dann kannst du noch zum Lehrer Bachweber dich begeben.“

Vom Lehnsherrn, dem man somit die erste Aufwartung machte, wurden sie in gewohnter trockener, mitunter sarkastischer Manier empfangen. Als Hieronymus auf die Frage, ob er nun bald alles gelernt hab, von den Schwierigkeiten seines Faches zu reden angefangen, äußerte der Bauer: „’s ist e Sach, wenn einer en Herr werde will!“ Er – wie der Vater des Kaplans zu Hüfingen – hielt außer der Landwirtschaft und den notwendigsten Handwerken alles andere für Herrengeschäfte, d. h. eigentlich für gar keine.

Hieronymus war so klug, den Stich nicht fühlen zu wollen; er wußte ja, daß es so bös nicht gemeint sei; zudem blickte ihn bei jedem Trumpf, den der Alte ausspielte, ein schönes Augenpaar so freundlich und beweglich an, als wollte es abbitten und entschuldigen des Vaters – Unhöflichkeit. – Der Laubhauser, nachdem seine Grillen wegen des „Obenauswollens“ versummt hatten, wurde glimpflicher, und er befahl der Tochter, eine Flasche Wein zu holen. Die Bäuerin aber kam mit einem hölzernen, appetitlich beladenen Speckteller und einem Laib Brot daher und nötigte den Gast zum Sitzen.

Mittlerweile war die Ankunft des Lehrlings in der Nachbarschaft bekanntgeworden, und es kamen Bachweber, der Fohrlenbacher und zuletzt auch der Stabhalter herbei – weniger um ihn zu begrüßen, als um von ihm Neuigkeiten zu hören aus der Stadt. Allgemein sprach man zur Zeit von einer Kriegserklärung der Mächte gegen Frankreich; ja, es hieß, es sei dies bereits schon geschehen und Befehl zum Ausmarsch der Reichsvölker gegeben worden.

Hieronymus war in der Tat in der Lage – obwohl sein Sinn just auf ganz andere Dinge stand als Kriegserklärungen -, aus bester Quelle Auskunft zu geben; hörte er doch immer das Neueste vom Feldwaibel und auch vom Meister, die stets noch regelmäßig die Abendgesellschaft beim Verwalter besuchten, wo bekanntlich die Zeitung gehalten wurde. – „Der Feldwaibel“, berichtete er, „hat mir letzthin anvertraut, daß die Ordre zur Ausrüstung der Kreistruppen schon gegeben sei. Und in der Zeitung steht, daß der Kardinal Rochan zu Ettenheim eine ganze Armee von französischen Edelleuten aufg’stellt hab, daß die Patrioten aber ihr ,Friede den Hütten und Krieg den Palästen‚ nächstens au bei uns proklamieren wolle.“ „s ist richtig!“ bestätigte der Fohrlenbacher, „mein Student hat’s gestern ebenfalls heimbracht. – Aber er meint, der gemeine Mann bei uns werd sich nix Übles von ihne zu versehe habe; sie kämen nur, um uns zu helfen und zu erleichtern.“

Kardinal Rochan zu Ettenheim, oder besser Kardinal Louis René Edouard de Rohan-Guémené war 1785 Akteur in der Halsbandaffäre am französischen Hof .

1790 nimmt Kardinal de Rohan im Straßburger Amtshaus (dem Palais Rohan) Residenz. Er versammelt hier eine konterrevolutionäre Armee. Ettenheim ist zeitweise Straßburger Bischofssitz. Er muss dann aus seinen linksrheinischen Besitzungen fliehen.

Kardinal Louis René Edouard de Rohan-Guémené

Friede den Hütten! Krieg den Palästen!

Der sogenannte Koalitionskrieg war der erste Krieg einer großen Koalition zunächst aus Preußen, Österreich und kleineren deutschen Staaten gegen das revolutionäre Frankreich zwischen 1792 und 1797 zur Verteidigung der Monarchie.
Die Markgrafschaft Baden war seit dem 23. November 1792 von der Reichsversammlung aufgefordert ihr Kontingent für die Reichsarmee zu stellen. Baden war Mitglied des Schwäbischen Reichskreises. Seit 1681 besagten die Reichsmatrikel, wie groß die Kontingente der verschiedenen Reichskreise zu sein hätten. In Baden stellte 1792/93 die untere Markgrafschaft 10700, die obere rund 6000 Mann, die mit dem österreichisch-breisgauischem Kontingent in die österreichische Oberrheinarmee eingegliedert waren. Dieses Landaufgebot wurde als militärisch wenig kampfstark angesehen und fand hauptsächlich als Besatzung der rechtsrheinischen Reichsfestungen Kehl und Philippsburg (Speyer) Verwendung (aus Wikipedia)
Allerdings scheint hier Lucian Reich deutlich vom Vormärz und von Georg Büchner (1834) beeinflusst zu sein.
Guerre aux châteaux! Paix aux chaumières! war der französische Schlachtruf und wird dem französischen Schriftsteller Sébastien Roch Nicholas Chamfort zugeschrieben. Büchner erst hat den Ruf sozusagen umgedreht Paix aux chaumières! Guerre aux châteaux!

„Freili werde sie uns erleichtern!“ warf der Stabhalter spöttisch ein. „Grad so, wie sie uns in de vorige Kriegen Erleichterung verschafft haben!“ „Diesmal werd es anderst komme, meint der Romulus“, entgegnete mit Nachdruck der Fohrlenbacher.
„Anderst?“ fragte hitzig der Stabhalter.
„Hab erst gestern e Schreiben bekomme, worin es steht, wie sie’s sogar den eigene Landsleut drübe machen. Da schreibt mir ein G’schäftsfreund, wie sie im Elsaß den Bürgern die Häuser niederreißen und abbrennen und sie mit Gewalt dann zur Schanzarbeit fortschleppen. – Und so und noch ärger würden sie’s auch bei uns mache!“ schloß der Stabhalter, der als rechnender Geschäftsmann der Meinung war, die besten Händel seien kein‘ Batzen wert.
„Wird diesmal nit so weit kommen“, sagte Bachweber mit Zuversicht.
„Es muß einer die kaiserliche Armee nur kenne, so wie ich sie kenn, aus der Zeit, wo ich noch beim Regiment gewesen bin.“
„An der ganze G’schicht“, nahm der Laubhauser aufgebracht das Wort, „ist nix anders schuld als die neu freidenkisch Lehr. Wir haben au bei uns so Patriote, die nur drauf warte, bis geteilt und alles gleichg‘ macht wird. Hab erst kürzlich von reisende Handwerksbursche g hört, daß sich die freidenkische Professoren in Freiburg und in Mainz schon lange Bärt wachse ließen und Reden einstudiere täte, um die französische Patriote, wenn sie komme, hübsch ordeli begrüße zu könne!“

Kaiserliche Truppen

Hiermit ist die Habsburgische Armee –HRR– gemeint. Das Haus Habsburg-Lothringen stellte bis nach dem Tod Kaiser Franz‘ I. Stephan von 1765 bis 1806 die Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation.

Ein kaiserlicher Kürassier im Polnischen Thronfolgekrieg vor Philippsburg 1734 („Jung-Savoyen“ – Zeitgenössische Gudenus-Handschrift) Foto: Wikipedia

„Was werde wir nit alles noch erlebe müsse!“ jammerte Mathias. – Sein Sohn aber, der fröhlicher in die Zukunft schaute, unterhielt sich unterdessen angelegentlich mit der Mutter und Tochter, die ihn freundlich zum Essen und Trinken nötigten. Zwischen ihm und Florentina hatte sich bald die frühere Unbefangenheit wieder geltend gemacht. Hieronymus erzählte von seinen Arbeiten und Erlebnissen in der Stadt und ließ sich dann von dem Mädchen ausführlich berichten, was es seitdem Neues hier im Tale gegeben. – Er hatte zum Besuch im Hof das bewußte rotgesäumte Halstuch umgetan, mit dem er sonst nur an Festtagen Staat zu machen pflegte; und als er bemerkte, wie der Freundin Augen während des Gesprächs öfter an dem hübschen Tüchlein hafteten, ergriff er das volle Glas, um mit einem freudigen „Florentina, ich bring dir’s!“ anzustoßen. Und während sie lächelnd Bescheid tat – und Hieronymus dann auch mit der Bäuerin Gesundheit trank -, hatten auch die Männer die Gläser wieder zur Hand genommen, um angesichts der drohenden Kriegsgefahr hoch den Frieden leben zu lassen.

Drei Tage verblieb der Sohn im Elternhause; es wurde ihm viel Ehre angetan; der Herr Pfarrer, der Stabhalter, sogar der Laubhauser hatten ihn zu Gaste geladen. Letzterer freilich nicht aus eigenem Antrieb, vielmehr auf Andringen der Bäuerin, welche es für schicklich hielt und gegen die andern nicht zurückbleiben wollte.

Wieder zurückgekehrt nach der Stadt, war es nun des guten Sohnes eifriges Anliegen, sein Gelübde zu erfüllen. Zunächst war das beschädigte Muttergottesbild auf dem Blechtäfelein wiederherzustellen oder vielmehr neu zu malen. Figuren in Öl zu malen hatte der Lehrling bisher noch wenig versucht. Doch war ihm einige Mal die Gelegenheit zuteil geworden, im Auftrag seines Meisters die Werkstatt des Hofmalers Weiß in Donaueschingen zu besuchen und dort dem Meister bei der Arbeit zuzusehen. Ein natürliches Geschick und guter Wille waren ihm treffliche Beistände, und so kam immerhin etwas zustande, was sich sehen lassen durfte.

Vom F.F. Hofmaler Franz Joseph Weiß (*15.02.1735 Hüfingen – 14.06.1790 Donaueschingen) aus Hüfingen sind in St. Johann einige Gemälde zu besichtigen seien und er hat die Fahne der Jakobusbruderschaft gemacht. Die Jakobusfahne wird an Fronleichnam bei Prozessionen mitgeführt und begegnet uns in Kapitel 23 nochmals.

Fahne der Jakobsbruderschaft

Nach Severins Rat hatte Hieronymus sich einen kleinen Kupferstich, „Maria vom guten Rat“, zum Muster genommen; und als das Bildchen fertig war, machten die beiden Freunde eines Morgens sich ungesäumt auf den Weg, es an seine Stelle zu bringen. Der Steinmetz hatte sich mit Schlegel, Zweispitz und dem übrigen Benötigten versehen, und nach wenig Stunden tüchtiger Arbeit stand der umgeworfene Stein wieder auf festgemauertem Fundamente. Das Votivbildchen schimmerte in erneuter Schönheit aus seiner Vertiefung, und noch manches Jahr nachher verrichtete der Wandersmann, welchen sein Weg vorüberführte, in Andacht sein stilles Gebet davor.

So ruhig, friedlich wie bisher sollten aber die Lehrjahre unseres Freundes nicht mehr lange verlaufen, denn die Stürme, welche vorerst nur am Niederrhein und bis hinab nach Holland getobt, nahmen jetzt auch ihre Richtung nach den bisher so stillen Gauen des Oberrheins und Schwarzwaldes. Daß der Reichstag wirklich den Krieg erklärt habe, daß das alte Räderwerk einer Reichsarmee noch einmal in Gang gesetzt werden sollte, daß die Kreiskontingente mobil, d. h. marschfertig gemacht werden müßten, das war nach und nach für jedermann eine Gewißheit. Und wollte es manchem auch noch unglaublich vorkommen, so mußte dieser Unglaube weichen, als bald nachher längs der ganzen Heerstraße, von Engen, Geisingen bis ins Höllental, kaiserliche Einquartierung angesagt wurde.

Seit einem Menschenalter hatte man in diesem Gebirgswinkel Deutschlands keine kaiserlichen Soldaten mehr gesehen. Die ganze Umwohnerschaft, jung und alt, war ihnen entgegengeeilt, als es hieß: Sie kommen! Auch Hieronymus mit seinen Bekannten stand an der Landstraße, um den ersten Zug dahermarschieren zu sehen. Da wendete sich ein alter Dragonerwachtmeister, welcher am Ende der Vorhut ritt, lächelnd den gewichsten Schnurrbart streichend, gegen die Gaffer mit den Worten:

„O liebe Leutl, werdet Soldaten noch g’nug z’sehen kriegen; werd’t uns bald nimmer nachlaufen!“

Man weiß, wie richtig diese Prophezeiung eingetroffen ist; denn Welle auf Welle flutete der Kriegsstrom daher. Selbst der Laubhauserhof bekam ungebetene Gäste. – Eines Morgens sah der Bauer sein Haus besetzt von einem Trupp wildfremder Kameraden mit langen Flinten, langen Messern im Gürtel und rote Mäntel über der Schulter.

Ohne viel Umstände hatten sie sich’s bequem gemacht, und der Hofbauer konnte jetzt mit Recht sagen: ich bin nimmer Meister. – Bald waren die Nachbarn einig, daß dies Rotmäntler seien, von welchen ihnen die Großeltern so Unerbauliches aus den vorigen Kriegen erzählt. Der Laubhauser aber tröstete sich in dem Gedanken, daß er, in kluger Voraussicht der kommenden Gefahr, vor einiger Zeit schon seine Kronentaler vergraben habe, im Garten hinter dem Immenhäusle. „Der Teufel ist en Schelm“, hatte er zur Bäuerin gesagt, „ich trau nit.«

Daß allerdings wenig Grund zum Trauen vorlag, konnte der gute Mann schon nach einer Stunde merken an gewissen Lücken in den Vorräten der Speckkammer und des Hühnerstalls sowie an mangelnden Wäschestücken, welche am Hag zum Trocknen aufgehängt waren – obwohl er seiner Einquartierung an Speis und Trank nichts hatte abgehen lassen. – Als die unheimlichen Gäste des Guten ein Genüge getan und sich unter dem großen Apfelbaum aufs Ohr gelegt, schlich der Laubhauser hinüber zum Fohlenbacher, den er in Welthändeln für einen erfahrenen Kopf hielt. Aber auch diesem lag das Haus voll seressanischen Volkes, und er wußte in der Tat wenig Trost als höchstens: er hab es schon lang vorausgesagt, daß es so kommen werde. – Die Kinder aber waren unterdessen an den Zaun geschlichen, wo die braunen, schwarzhaarigen Gesellen wie Katzen im Sonnenschein auf dem Rasen lagerten.

Der Begriff „Rotmäntler“ bezieht sich auf die Seraschaner. Die Sereschaner, eine aus Südslawen gebildete Heerestruppe des Österreichischen Militärs, hatte rote Mäntel an und die markanten Schnauzbärte.

Seressaner (Internetfund)

Kurze Zeit nachher gab es wieder andere Gäste, die Condéer; aber das Betragen dieses Emigrantenkorps wollte den Leuten noch weniger gefallen als das der Rotmäntel. – Der Meister des Hieronymus, sonst ein äußerst konservativ gesinnter Mann, sagte einmal zu seinem Lehrling: „Jetzt kann ich mir das schreckliche Gericht, welches über die Vornehmen drüben gekommen ist, einigermaßen erklären!“ – Einst hatten sie einen dieser Emigranten, der zwei Söhne bei sich hatte, im Quartier; die Meisterin mußte ihnen weichgesottene Eier mit Weißbrot bringen; als jedoch die Frau sehen mußte, wie die jungen adeligen Herren nur die Kruste der Brötchen verspeisten, das Weiche aber zum Fenster hinauswarfen, ohne daß der adelige Herr, ihr Vater, sie daran gehindert hätte, entsetzte sich das gute Weib ob dieser „Sünde“. – Als sie jedoch gleich darauf von einem der jungen Kavaliere in gebrochenem Deutsch gefragt wurde, ob denn ihr Kind, dem sie eben Brei im Pfännchen gebracht, auch schon eine Zunge habe, mußte sie wieder lachen über solch grasse Unwissenheit. – Spät in der Nacht verlangten sie dann vom Hausherrn, er solle ihnen einen Wegweiser verschaffen bis an die Schweizer Grenze; der Meister bestimmte seinen Lehrling dazu, der dann erst am andern Morgen wieder zurückkam – mit einem Goldstück beschenkt. Es war das erste gemünzte Gold, welches in seinen Besitz kam. Der Meister gönnte ihm den Fang von Herzen, meinte aber, wenn es mit der Kampflust der übrigen bestellt sei wie bei diesen, so werde das Korps nicht viel ausrichten.

Während dieser Vorgänge war auch das Fürstenbergische Kontingent auf den Kriegsfuß gebracht worden. Werbeplätze wurden aufgetan im ganzen Schwäbischen Kreis und die Mannschaften vollzählig gemacht; es kostete jedoch Anstrengung, das durch die lange Friedenszeit fast eingerostete deutsche Schwert aus der Scheide zu ziehen.

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Unserm Feldwaibel zu Hüfingen, welcher so manche Kapitulation ausgedient, wäre jetzt ein ehrenhafter Rücktritt in das Invalidenkorps offengestanden, allein das vermochte der alte Soldat bei bevorstehendem Feldzug nicht über sich zu bringen. Von vornherein war er entschlossen, noch einmal für Kaiser und Reich sein Leben in die Schanze zu schlagen.

Was ihm am meisten naheging, war, daß er diesmal den Feldzug ohne seine getreue Annakäther mitmachen mußte. Nicht an dem Willen der Hausfrau lag dies, denn mit Freuden wäre sie auch diesmal noch dem Manne ins Feldlager gefolgt, aber es war lange her seit dem Siebenjährigen Krieg, das Alter forderte bei dem Weibe unerbittlich sein Recht.

Die Mannschaft war ziemlich bald vollzählig. In der Rheinebene sollte das schwäbische Kontingent sich sammeln. Aber die einzelnen Abteilungen, welche dort anlangten, mußten zuerst gleichmäßig uniformiert, zum Teil zweckdienlicher bewaffnet werden. – Der Sommer ging darüber hin, bis das Korps mit dem Nötigen versehen, bis einige Ordnung und Gliederung in die unzusammenhängende Masse gebracht war und man es unternehmen durfte, dieselbe gegen den Feind zu führen.

Dem Feldwaibel waren bei solchen Zuständen alle Hände voller Arbeit, und er hatte nicht viel Muße, auch wenn es in seiner Art gelegen wäre, sorglich trübe Gedanken in die Heimat zu senden.

Dort aber saß jetzt einsam Frau Annakäther an ihrem Spulrade, für die Zeugmacher in der Stadt Wolle zu spinnen. Beim Abschied von dem fortziehenden Gatten hatte sie mehr Festigkeit bewiesen, als man vielleicht erwartet. Jetzt aber war ihr tausendmal des Tages, als müßte sie seinen Tritt auf der Stiege hören oder seine Stimme im Hausgange, und manch stille Träne wischte sie sich mit der grobleinenen Schürze von der vergrämten Wange.

Hieronymus war ihr Tröster in der ungewohnten Einsamkeit, und es erleichterte sie jedesmal, wenn er herüberkam, Bericht zu bringen von dem kaiserlichen Heere oder vom fernen Kriegsschauplatz.

(1) Aus den Schriften der Baar 17 (1928), Georg Tumbült: Das Fürstenbergische Kontigent Schwäbischen Kreises.

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