Ich möchte hier erwähnen, dass ich das alte Buch von 1853 mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift vorgelesen habe, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren. Aus diesen Gründen ist der Text ein Gemisch aus alter und neuer Schreibweise.
Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript und ein paar Bildern vom Hieronymus.
Hier das zweite Kapitel:
Christoph hatte sein Versprechen gemäß des anderen Tages, Haue, Schaufel und ein Beil mitgebracht, und die beiden Männer säumten keinen Augenblick, ihr Werk zu beginnen.
Zuerst wurde die Felskluft von dem üppig wuchernden Gestripp und Steingerölle gesäubert, bei welcher Arbeit viele Knochen großer und kleiner Tiere zum Vorschein kamen, woraus Bruder Martin schloß, dass die Höhle vor Zeiten, wenn nicht einem Drachen, doch wahrscheinlich Bären oder Wölfen zum Aufenthalte gedient haben müsse. Als die Kluft ausgeräumt und der Platz davor geebnet war, fällten die Männer im nahen Walde einige Stämme, um von deren Ästen und Zweigen eine Hütte mit Vordach in den Fels hineinzubauen. Nach diesem ging es an die Beschaffung der Tische und Bänke sowie auch einer Schlafstätte. Alles so einfach, wie es einem Waldbruder geziemt. Auf den Radtdes Köhlers wurde zuletzt noch ein starker Zaun von spitzigen Pfählen vor dem Eingang der Klause aufgeführt. Zur Vorsicht gegen wilde Tiere, denn die Wildnis des Schwarzwaldes beherbergten dazumal noch Wölfe, und auch Bären ließen sich hin und wieder in den Wäldern blicken.
Nachdem alles so weit hergerichtet war, dass ein Mensch zur Not daselbst wohnen konnte, entließ Martin seinen Freund unter vielen Dankesbezeugungen. Sie machten unter sich noch aus, dass sie auch ferner sich besuchen und stets nachbarsliche Freunde bleiben wollten.
Im Verlauf der Zeit war es dem Waldbruder Martin gelungen, ein Plätzlein an der nahen, steinigen Halde, wo sonst nur Heidekraut und einzelne verkrüppelte Tannen wuchsen, urbar zu machen und zum Gärtlein herzurichten. Hier wollte er den Sommer über Gemüse und einige taugliche Fruchtgattungen pflanzen. So sehr aber der emsige Mann auch mit Sorgen und Mühen für das Leibes Notdurft beschäftigt war, so vergaß er darüber doch niemals das Wesentlichere, nämlich seine Seele zu Gott zu erheben und in frommen Betrachtungen den unsterblichen Geist zu einem schöneren, ewig dauernden Leben vorzubereiten. Bei ihm wurde der Kernspruch unserer Vorälteren zur Wahrheit:
Das Herz bei Gott, die Hand bei der Arbeit.
Früh, wenn kaum der junge Tag im Osten graute, und das leuchtende Tagesgestirn noch hinter den dunkleren Wäldern verborgen lag, öffnete der fromme Bruder die Tür seiner Zelle, um Gott zu danken für den gesund erlebten Tag und seine Nacht und Güte zu preisen im Angesicht der großen, herrlichen Schöpfung.
Allmächtiger Vater, betete er dann, Du Morgenstern der ewigen Liebe, der Du die finstere Nacht verscheuchest und den Tag erleuchtest; – die ganze Natur verkündet Deine Macht und Größe, Dich verkündet das Morgenrot und der Strahl des kommenden Lichtes, der blinkende Tau und die farbigen Blumen; Dich preiset das laute Rauschen des Waldes sowie das Plätschern der Quelle; Dich lobet die Lerche in heiterer Luft und das Geschrei der Raben im hohen Bergwalde. – Herr aller Gewalten des Himmels und der Erde, Dir sei Lob und Dank, dass Du mich in dieser Nacht durch deine große Barmherzigkeit und Milde behütet hast. Verleihe, dass auch ich den heutigen Tage verlebe mit aller Liebe, Ausdauer und Geduld, in nützlicher Arbeit sowie in Gehorsam Deiner göttlichen Gebote. Behüte mich vor allem Übel des Leibes und der Seele durch deinen Sohn Jesum Christum, der gekommen ist, die Welt zu erlösen. Amen.
Nach dem Gebete schritt er zum quellenden Brünnlein, Gesicht und Hände zu waschen, dann erst begann sein Tageswerk.
Der Platz an der Felsenwohnung hatte nach und nach ein freundliches Ansehen gewonnen. Es war dem Bruder gelungen, im nahen Walde einige Kirsch- und Birnbäume zu bekommen, welche er vor den Eingang seiner Hütte pflanzte. – In einer Ecke des Gärtleins ward eine kleine Baumschule angelegt, um aus Kernen bessere Obstgattungen, welche Martin aus dem Rheintal mitgebracht, Bäumchen zu erziehen, und jene Wildstämme durch Pfropfen zu veredeln.
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Auch mit der Bienenzucht beschäftigte sich der tätige Altvater. Als er einst im Walde nach Wurzeln und Kräutern suchte, fand er an dürren Ästen einer Eiche einen Schwarm junger Bienen angehängt. Eiligst verfertigte er einen Korb aus Binsen und Waldgras, zog die Kapuze seines härenen Gewandes über den Kopf, um sich vor dem Stiche der Tiere zu sichern, und näherte sich vorsichtig, – schüttelte und der ganze Klumpen aneinander hängender Bienen fiel glücklich in den Korb, welchen er auf ein Stück Baumrinde stellte, um den noch außerhalb Umherschwärmenden Zeit zu lassen, sich ebenfalls in der neuen Wohnung ein Plätzlein zu suchen. – Nachdem Alles in Ordnung war, trug der erfreute Bruder die ganze Bescherung nach Hause, wo er den Korb in einem sonnigen, windstillen Winkel an der Felswand aufstellte.
Schon des anderen Tages flogen die fleißigen Tierlein aus, um auf dem blumigen Wiesen im Tale Wachs und Honig zu sammeln. Und das ganze Jahr darauf vermehrte sich der Schwarm, so dass der Bruder neue Körbe flechten, und ein eigenes Häuslein zu ihrer Unterkunft bauen mußte.
Der gegenseitige Verabredung gemäß kam Christoph, der Köhler, oft zu dem Waldbruder, um aus dem Munde des erleuchteten Mannes Worte der Belehrung und Weisheit zu hören. Der fromme Martin besaß nämlich die Gabe, sein schlichtes Wissen, sein starker Glaube und sein Gottvertrauen überzeugend auch auf andere überzutragen. Sein Geist sah in der Tiefe und erkannte die Quelle gar mancherlei Übel, so wie die Schwächen des menschlichen Herzens. Der Ruf seiner Heiligkeit und Weisheit hatte sich bald weit umher verbreitet. Leute von nah und fern kamen herbei, und allen war er Freund, Lehrer und Ratgeber.
Christoph, welcher dem frommen Vater sich gerne dankbar erweisen wollte, brachte ihm eines Tages eine Ziege mit ihren Jungen, welch‘ nützliche Haustiere mit ihrer Milch dem Waldbruder sehr wohl zu statten kamen, zumal der lange Winter die kargen Vorräte, welche die rauhe Gegend bot, oft nur all‘ zu früh zu Ende gehen ließ. Aus diesem Grunde hatte Martin auch ein Stücklein Feld neben dem Gärtlein aufgebrochen und mit etwas Hafer und Wintergerste angeblümt; ein Unternehmen, welches so gut einschlug, dass der Pflanzer von dem Ertrag der kleinen Ernte seinem Freund Christoph und anderen Waldbewohnern die Mittel zu ähnlichen Versuchen darreichen konnte. – Müßiggang war überhaupt dem tätigen Manne fremd; selbst wenn er an den öden Halden seine Ziegen hütete, mußte sein Geist oder die Hand Beschäftigung haben: Entweder vertiefte er sich im Lesen der heiligen Schriften, oder er fertigte mit geschickter Hand aus Binsenweiden oder Stroh künstliche Geflechte, welche zu Decken, Hüten oder Körben verarbeitet wurden.
Wenn dann unter solcherlei Tätigkeit das Ende des Tages heran genaht und die Sonne hinter den Bergen verschwunden war, so beschloß er mit frommen Dankgebeten sein Tagwerk.
Allmächtiger! betete er, öffne meinen Mund Dich zu benedeien und zu loben Deinen heiligen Namen. Durch dich leuchtet der Mond und der liebliche Abendstern. Dein Hauch bewegt die ziehenden Wolken und die rieselnden Nebel, welche das tiefe Tal bedecken. Unter Deinem Schutze ruhe das Fischlein im Bache und das Wild in den Wäldern. Allen Geschöpfen schenkst Du Ruhe und Frieden. Aber dem Menschen allein gabst Du Vernunft und ein fühlendes Herz, damit er Dir Danke und Lob singe. Beschirmen mich, o Vater, diese Nacht, und befehle mich Deinen Engeln, damit ich ruhen möge unter dem Schatten ihrer Flügel, in Deinem Namen, o Herr, will ich schlafen, damit ich glücklich den Tag erlebe und Dir diene in diesem wie dereinst im ewigen Leben. Amen.
Die einbrechende Nacht stand unserem Waldbruder regelmäßig schon auf seinem Lager, wo bald ein erquicklicher Schlummer seine Augen schloß. Und ob Sturm und Gewitter auch seine Hütte schlugen oder in nächtlicher Stille Wölfe die Wohnung umheulten, – ihn schreckte nichts, denn ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen, und wer Gott vertraut, hat wohl gebaut.
„Gott, der die Welten schuf und träg, Der in sich selbst bleibt unbewegt, Der Du des Lichtes Lauf beschränkst Ser Tageszeiten Wechsel lenkst.
Schenk‘ uns am Abend, Herr, dein Licht! Des Lebensgluth entzieh‘ uns nicht! Führ‘ uns in sel’gem Tod erneut. In deines Reiches Herrlichkeit!
Dies, Vater, gibt vom Gnadenthron, Und Du, dem Vater gleicher Sohn, Dem mit dem Geist, der Trost verleiht, Sey Ehr‘ und Preis in Ewigkeit. Amen.„
Ich möchte hier erwähnen, dass ich das alte Buch von 1853 mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift vorgelesen habe, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren. Aus diesen Gründen ist der Text ein Gemisch aus alter und neuer Schreibweise.
Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript und ein paar Bildern vom Hieronymus.
Hier das erste Kapitel:
Vor mehr als 300 Jahren lebte am Hofe eines mächtigen Herzogs, der in einer großen Stadt im Rheintal wohnte, ein Mann namens Martin. Seine Jugend hatte er meist im Kriege und auf den Heereszügen seines Herrn, des Herzogs, zugebracht. Ergraut in den Wechselfällen einer bewegten Zeit, hatte er manche Erfahrung und Lebensweisheit gesammelt. Es war ihm klar geworden, dass der Mensch sein Glück nicht allzu sehr in äußerlichen Dingen suchen dürfe, und dass nur der innere Friede und das Bewusstsein redlich erfüllter Pflichten die Seele wahrhaft glücklich mache. Er hatte gefunden, dass die Ruhe des Gemütes uns gar oft geraubt werde im Geräusche der Welt, und ihrem Haschen und Jagen nach eitlen, vergänglichen Dingen.
Längst war daher in ihm der Wunsch entstanden, den Rest seiner Tage in stiller Zurückgezogenheit, fern von dem Getriebe der großen Stadt zu beschließen. – Er verabschiedete sich von seinem Herrn, schenkte all sein Hab und Gut den Armen, und ergriff, mit Wenigem ausgerüstet, den Wanderstab.
Der Pilgrim wendete sich östlich gegen das hohe waldige Gebirge, welches man den Schwarzwald nennt.
Mehrere Tage war er schon gewandert und hatte bereits die finstere Schlucht des Höllentales durchschritten, als er auf eine Höhe kam, wo er, rückwärts blickend zum letzten Mal das Rheintal sah und dem silberglänzenden Strom, und der fernen im bläulichen Dufte verschwindenden Stadt, für immer Lebewohl zuwinkte.
Der rauhe, hochgelegene Schwarzwald war aber dazumal noch nicht so bewohnt und wegsam wie heut zu Tage. In den fast ununterbrochenen Tannenwäldern hausten nur hin und wieder einzelne Jäger, Holzmacher oder Kohlenbrenner, die im Dienste irgend eines Ritters oder Klosters ihre Geschäfte betrieben.
In den Tälern, wo rinnende Quellen und Bächlein üppige Matten bewässerten, lag da und dort ein Einödhof, um welchen zahlreiche Viehherden weideten, die den Hauptreichtum des Waldbauern ausmachten.
So schlicht und einfach die Menschen waren, die der Wanderer hier traf, so gastlich und herzlich war die Aufnahme, wenn er in den Hütten einsprach, um eine Erfrischung oder Herberge zu erbitten.
Einst, nach längerem Marsch, war er in ein düsteres Tal gekommen, wo im steinigen Bette ein wilder Waldbach rauschte. Die Sonne war längst hinunter, und Finsternis bedeckte die wenig begangenen Pfade. Schon hatte der Pilgrim alle Hoffnung aufgegeben, in dieser Wildnis ein beschützendes Dach zur Nachtherberge zu finden, als er unverhofft in einiger Entfernung Licht erblickte. Näher gekommen sah er ein hohes, mit Mauern umschlossenes Gebäude vor sich, welches auf einem Hügel über dem Bache lag. Es war ein Kloster. – Die hohen Fenster der Kapelle waren hell erleuchtet; die frommen Brüder hielten Gottesdienst, weil der morgige Tag ein Festtag war. – Eben rückte die glänzende Scheibe des Vollmondes über das dunkle Gebirge empor, – da ertönte von innen die Orgel und mit ihr die feierlichen Choräle. – Andächtig faltete der Pilgrim die Hände, und sein Herz hob sich mit den geheiligten Tönen des Liedes.
Als der Gesang verstummt und der Gottesdienst zu Ende war, klopfte der Fremdling an das Tor und bat den öffnenden Pförtner um Einlass und Nachtherberge, was beides ihm bereitwillig gewährt wurde. Die frommen Mönche nahmen den Pilgrim freundlich auf und fragten ihn, wo er hinzureisen gedenke. Nachdem er ihnen gesagt hatte, dass er gesinnt sei, in einer Einöde sein Leben als Waldbruder zu beschließen, machten sie ihm den Vorschlag, bei ihnen in dem Kloster zu verbleiben, was er jedoch, getreu seinem Gelübde, abzulehnen zu müssen glaubte.
Nur die Feiertage wollte er in den geheiligten Mauern zubringen, und dann wiederum weiterziehen.
Der Abt des Klosters, als er gesehen, dass der Gast durchaus nicht zum Bleiben zu bewegen sei, gab ihm die Erlaubnis, in den umliegenden Wildnissen, welche zum Kloster gehörten, sich niederzulassen wo und wie er für gut befinden würde. – Dankend und voll Vertrauen auf die göttliche Vorsicht, welche seine Schritte hierher gelenkt, schied der Pilgrim.
Nach zweitägiger, mühsamer Wanderung gelangte er an eine Stelle des Waldes, wo nebst einem rauchenden Meiler ein Kohlbrenner saß, welcher, sobald er den Fremdling gewahrte, aufstund, um ihm ehrerbietig zu begrüßen.
Der Angekommene ließ sich mit dem Manne in ein Gespräch ein und erfuhr von ihm, dass er ein Dienstmann des Klosters sei und seit frühester Jugend hier in diesem Walde die Kohlenbrennerei betreibe. Dass er Christoph heiße, Weib und Kinder habe und im benachbarten Tal ein Häuslein bewohne.
Martin, der noch mancherlei gefragt hatte, freute sich der verständigen Sinnesart dieses Mannes und teilte ihm sein Vorhaben mit, in dieser Gegend einsiedlerisch sich niederzulassen. Der Köhler that ihm hierauf zu wissen, dass hier in der Nähe eine geräumige Felsenhöhle sei, wo in der Vorzeit, wie er von seinem Großvater gehört, ein gräulicher Drache gehaust habe; daneben sei ein Brünnlein, welches im heißesten Sommer niemals versiegen und im Winter nicht zu friere, so wie eine sommerlich gelegene Halde, welche sich sehr gut zum Anbau eigne.
Der gute Martin erachtete diese Kunde für einen Fingerzeig Gottes und beschloß, den Platz einzusehen und sich daselbst niederzulassen. Der Köhler erbot sich zu bereitwilliger Mithilfe und lud, weil es schon Abend war, den Pilgrim ein, bei ihm in der Köhlerhütte zu übernachten und ein kleines Mahl daselbst einzunehmen; ein Vorschlag, den der müde Wanderer dankend und mit Freude annahm.
Am anderen Tag, früh morgens, geleitete Christoph seinen Gast zu der bezeichneten Höhle. Nach längerer Wanderung waren sie an einen Ort gekommen, wo eine wildbewachsene jähe Halde in ein tiefes Tal sich senkte. Oben in dem zackigen Gestein eines Granitfelsens fand sich eine leicht zugängliche Grotte, überragt von einer mächtigen Eiche, daneben das Brünnlein, welches ein terrassenförmiges, sonniges Wiesenplätzlein vergrünend bewässerte.
Die ganze Lage hat etwas Einladendes, heimliches; die aufgehende Sonne bestrahlte eben golden die Baumwipfel, in welchen vielstimmig der Vöglein Morgenlied erschallte.
Martin gerührt, und voll Dank gegen Gottes gütige Führung und Vorsorge, fiel auf die Knie, und drückte in den Worten des Psalms seine Empfindungen aus:
„Heil dem, sprach er, der in des Höchsten Schutze, * Im Schatten seiner Allmacht wandelt. Er kann so sich mit Wahrheit sprechen: * Ich darf auf Gottes Hilfe bauen. Flieh‘ ich zu Ihm in Angst und Nöten: *Ist Er mir eine Burg auf Felsen. Mich werden seine Flügel bedecken. * Sein starker Arm wird mich beschützen. Ein Schirm und Schild ist seine Treue. * Ich darf beim Grau’n der Nacht nicht zittern. Beim Tage darf ich furchtlos wandeln. * Wenn Seuchen meinem Leben drohen. Kein Unfall naht sich meiner Hütte, * Wenn ich den Ewigen vertraue. Er hat den Engeln anbefohlen, * Auf allen Wegen mich zu tragen. Und wenn ich seinen Namen ehre, * Nach seinem Reich vor Allem trachte: So wird er mein Gebet erhören, * Aus jeder Lebensnoth mich retten; Nach seiner Huld mich täglich speisen, * Gesunde Tage mir verleihen. Er wird, bin ich des Pilgerns müde, * Das Heil der Ewigkeit mir zeigen. Dem Vater und dem Sohne sei Ehre, * Und gleicher Ruhm dem heiligen Geiste. So wie im Anbeginn der Zeiten, * So nun auch jetzt und dereinst ewig. Amen.
Nachdem der Pilgrim seinen Lobgesang geendet und sich wieder erhoben hatte, wurde verabredet, dass morgen schon die Vorbereitungen zur neuen Ansiedelung getroffen werden sollten. Christoph machte sich anheischig, das nötige Handwerksgeschirr herbeizuschaffen und einige Tage selbst mit Hand anzulegen.
Somit verließen die beiden Männer den Ort, um morgen mit Gottes Hilfe frisch ans Werk zu gehen.
Für die dunkle Jahreszeit empfehle ich die Insel Mainau und der Badische Bodensee von Lucian Reich aus 1856. Das Buch hatte ich im Winter 2022/2023 hier vorgestellt und möchte es jetzt aktualisieren.
Ich möchte hier erwähnen, dass ich das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift vorgelesen habe, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren. Man möge mir verzeihen: Mir ist das Deutsche vor 200 Jahren sehr fremd und das oft Zitierte aus dem 18., 17. und sogar 16. Jahrhundert ist aus heutiger Sicht fast unverständlich. Dazu kommt die eigenwillige Rechtschreibung und eine fremde Denkweise. Da viele Worte der alten Sprache von mir gesprochen und vom Programm transkribiert wurde, sind viele Worte in moderner Schreibweise im Text. Ich habe dies meistens aus Bequemlichkeit und für den Leser so stehen lassen. Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches hier gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz. In blau einige Fotos und Erklärungen.
Hier das Kapitel Radolfzell, die Höre, Stein.
Während das Gefrieren des Ober- und Überlingersee’s zu den größten Seltenheiten gehört, legt der Winter beinahe jedes Jahr seine Eisdecke über den minder tiefen Untersee. Auf der Reichenau herrscht ein Sprichwort:
Wenn der Rhein treit, Kost‚ es Leben und Leut.
Der See gegen die Schweiz hin, heißt nämlich im Volksmund der Rhein, und es soll, wenn er gefroren ist, immer am kältesten auf der Insel sein. – Nach der Tradition führte früher ein steter Weg von Reichenau nach der Mettnau bei Radolfzell.
An der langen Uferstrecke zwischen Allensbach und Zell liegt Markelfingen, durchströmt von einem Wässerlein, welches aus dem oberhalb liegenden Mindelsee rinnt. Das Dorf ist eine der ältesten Ansiedlungen der Umgegend. Im Schwedenkrieg mussten die Einwohner manche Unbill erdulden. Noch zeigt man auf dem Kirchturm in der schweren eichernen Tür, die den oberen Boden abschließt, eine Öffnung. – Als die Schwedischverbündeten den Ort überfielen, flüchtete der Pfarrer auf den Turm und verriegelte die Tür; der Feind verfolgte ihn, und hieb, als er die Tür verschlossen fand, ein Loch in dieselbe, öffnete und reichte dem armen Manne den „Schwedentrunk“ (Mistjauche) bis er unter ihren Händen starb.
Das Städtlein Radolfzell, am Schlusse des Untersee’s, hat mit Toren und Mauern noch ganz die mittelalterliche Tracht. Was jedoch vielen interessanter vorkommen mag, als dieses, ist sein großer Verkehr vom Hegau her, die Frucht- und Viehmärkte und die soliden Gemeindeverhältnisse, welche zu den besten des Seekreis gehören. Der Fruchtmarkt hat seit Einführung des schweizerischen Zolls und des neuen Schweizergeldes sehr gewonnen. Früher führte der Hegauer Bauer sein Getreide nach Stein, jetzt bringt er es in die Amtstadt Radolfzell und überlässt es, wie billig, dem Schweizer Nachbar, seinen Bedarf da abzuholen.
Die Ortsgeschichte hebt vom heiligen Ratoldus (Radolf) an. Dieser vornehme Alemanne war der Nachfolger Bischofs Egino von Verona, und kehrte gleich diesem, von Sehnsucht getrieben, ins Vaterland zurück. Mit Bewilligung des Abts Hatto in der Reichenau baute er am Untersee eine klösterliche Zelle; als Reliquie brachte er die Gebeine der Heiligen, Synesius und Theopontus, wozu noch das Haupt des heiligen Zeno kam, dahin. Sein Ableben fällt in’s Jahr 874; die von ihm gegründete Pfarrkirche in Radolfzell bewahrt sein Grab.
Aus der Ratolduszelle erwuchs später ein Chorherrenstift, dem der Reichenauer Abt Albrecht von Ramstein im Jahr 1290 Regeln gab. Zugleich hatte sich der Ort zur ummauerten Veste als Schutz für die ansässigen Gotteshausleute herangebildet. Schon zurzeit Rudolf’s von Habsburg scheint Zell eine Stadt gewesen zu sein, welche dieser Kaiser samt der Reichsvogtei an sich brachte.
Das Vorspiel des 30-jährigen Krieges, der Bauernkrieg, brachte ihr großes Bedrängnis. Im Frühling des Jahres 1525 durchzogen zwei starke, bewaffnete Haufen das Hegau. Die feige hegausche Ritterschaft hatte sich geflüchtet, und es blieb den Städtern allein überlassen, mit den Aufrührern sich abzufinden. Nachdem diese Engen und Ach durch Überrumpelung genommen, belagerten sie Radolfzell zehn Wochen lang. Die Stadt hielt sich, bis die kriegsgeübten Feldobristen, des Tuchseß von Waldburg und Graf Wilhelm von Fürstenberg mit den Bündischen herbeikamen und den Bauern in verschiedenen Treffen totale Niederlagen beibrachten.
Im 30-jährigen Krieg kam die Stadt ohne Kampf in die Hände der Württemberger; ein Anschlag, den Platz der Kaiserlichen wieder zu gewinnen, schlug fehl. Ein zweiter, offener Versuch missglückte ebenfalls; bis nach der Nördlinger Schlacht die Schweden das Schwäbische räumte und Zell wiederum österreichische Besatzung bekam. Die spätere Zeit brachte wenig hervorragende Ereignisse.
Im bayerischen Erbfolgekriege litt die Stadt viel durch eine französische Besatzung von 7000 Mann. Nicht minder fühlte sie auch die langen Weltwirren des französischen Revolutionskrieges.
Ein schönes Baudenkmal ist die gotische Pfarrkirche mit einer unterirdischen Kapelle. Eine Inschrift außerhalb am Chor sagt, dass der „hochwidrig her Fridrich von Wartenberg, abt der richen owe 1436“ den ersten Stein zu dem Gotteshaus gelegt habe. Rechts im Langhaus findet sich das steinerne Grabmal des heiligen Ratold. Bei einer Ausbesserung im Jahr 1538 wurde der Deckel abgehoben und zwei Leichname in einem Sarg von Eichenholz gefunden, wovon der eine, laut beigegebener in Wachs aufbewahrte Urkunde, als der des heiligen Ratold erkannt ward. Der zweite Tote unbekannter Abkunft, hatte keinen Ausweis bei sich. – Einige altdeutsche Gemälde und die Grabmäler des Ritters Wolf von Homburg und des Abts von Stein, Davids von Winkelheim, sind beachtenswert.
Auf dem Brunnen, der mit seinem frisch schwellenden Strahl eine wesentliche Zierde des Marktplatzes ausmacht, steht die Figur des Kirchengründers; einige Ritterschaft und Amtsgebäude in der Nähe geben eine vorteilhaften Begriff vom städtischen Wesen der mittelalterlichen Zeit. – Zugleich aber bilden sie einen auffallenden Gegensatz zu dem neuen Kauf- und Rathause, das in seinem steifen, schmucklosen Äußeren zu den unerbaulichsten Betrachtungen Veranlassung gibt. – Das Stadtarchiv soll, wie man mich versicherte, wenig Geschichtliches enthalten; die auf die Stadt bezüglichen Urkunden befänden sich in schweizerischen Archiven und aus späterer Zeit sei wenig mehr vorhanden. *Eine Geschichte von Radolfzell verfaßte der verstorbene Amtmann Wallcher.
Wäre es aber nicht sehr wünschenswert, in jedem Städtlein oder größerem Dorfe historische Aufzeichnungen seine Chronik, zu führen? Die Mühe, auf jedem Rathause ein derartiges Buch zu unterhalten, wäre in der That gering. Der Chronist, etwa ein Schulmann von altem Schrot und Korn, ein patriotischer Ratsschreiber oder Gemeinderat, würde sich wohl überall finden, der mit uneigennützigen konservativen Sinne und historischer Treue, fern von persönlicher Eitelkeit, das Geschäft besorgte. – Solche Arbeiten gäben den Nachkommen manch‘ willkommenen Aufschluss im Gemeindehaushalt, und Belehrung in vorkommenden ähnlichen Fällen; zugleich würde das Andenken des Guten und Würdigen der Vorzeit erhalten, und Anhänglichkeit an den eigenen Grund und Boden, mit der Liebe zum Vaterlande geweckt werden.
Von der Umgebung Zell’s kann mit Recht gesagt werden, dass sie einem fruchtreichen Garten gleiche. Wer einen Mittwochsmarkt in der Stadt besucht, wird alle Erzeugnisse einer bis zur Überfülle begünstigten Gegend beisammen finden. Umso mehr mag es auffallen, diese Bucht des See’s weniger als die übrigen Gewässer befahren und von keinem Dampfschiffe besucht zu sehen. Die kürzere direkte Landverbindung mit der Schweiz, welcher Zell und sein Amtsbezirk kommerziell verbunden sind, scheint den Verkehr zu Wasser einigermaßen entbehrlich zu machen.
In östlicher Richtung von der Stadt erstreckt sich schwertförmig eine Landzunge in den See. Sie heißt die Mettnau (Augiae Meta); in ihrem Umfange trägt sie Wein, und endet in ein niedriges, oft überschwemmtes Ried, wo die städtische Meierei steht.
Ich machte einen Spaziergang durch ihre höher gelegene Weinberge, wo man eine freie Rundschau genießt. – Über dem dunkelblauen Abendsee funkelte bereits der freundliche Hesperus. Die Gegend ringsumher war in Schweigen gesunken; nur eine Lerche, der lieblichen Mettnau entstiegen, schmetterte noch die letzten Strophen ihrer Jubelhymne. – Rückwärts streifte der Blick in’s grüne Hegau, wo in zarten Silhouetten die Schlossberge Hohentwiel, Krähen und Stoffeln standen. – Rechts der mächtige Schienerberg und die blinkenden Villen Thurgau’s – links an der niederen, waldbedeckten Hügelkette Makelfingen und Allensbach; und vor mir in blauer Flut – die Reichenau, und über dem dunklen violetten Wasserstreifen – Konstanz, wie dicht am Fuße der Alpen
Das breite Vorland, überragt von dem Schienerberg, zwischen dem Zellersee und dem Rhein, heißt die Höre (Bischofshöre). Der Name soll „dem Bischof gehörig“ bedeuten, weil der Landteil seit uralten Zeiten den Bischöfen von Konstanz zinsbar und eigen war. Die Höre ist außerordentlich fruchtbar – „wenn der Bauer e Hörnle us em Sack verliert, so wachst es“. Sie gewährt dem Wanderer die angenehmsten Touren, obwohl sie wenig besucht wird von jenen Söhnen Albions, die mit ihrem Wegweiser in der Hand fragen: was muss man hier sehen? – oder von unseren modernen Germanen, denen allein nur Gambrinus den höchsten Genuss verschaffen kann. Desto besser aber wird es einem Solchen gefallen, der überall am rechten Platze ist, wo eine schöne Natur und ein unverdorbener, kräftiger Menschenschlag sich findet.
Von Zell führt der Weg um die flache Seebucht nach dem Dorfe Moos. Ein weiteres schilfiges Ried oder Moor, umschwärmt von zahllosen Möwen und anderen Wasservögeln, bildet ein der Fischerei vorzüglich günstiges Revier. Zudem mündet hier die Ach, welchem Flusse mit lebendigem, und im Frühlinge, wenn kaltes Alpenschneewasser den See füllt, wärmerem Wasser gerne die laichenden Fische zuziehen. Beinahe alle im Bodensee vorkommenden Fische werden hier gefangen: der Aal, die Treische, der Barsch, die Lachsforelle, der Äsch, die Muräne, der Fölchen, die Barbe, der Karpfen, der Hecht, der Brachsmen und viele mehr.
Der Untersee ist überhaupt fischreicher als der Obersee. – Ein alter Fischer, der am Ufer beschäftigt war, Garne zum Trocknen aufzuhängen, erzählte mir mancherlei von seinem Handwerk. Die Laichzeit des Bachsmen dauere in der Regel nicht länger als zwei Tage, und sonderbarerweise falle sie fast immer auf einen Feiertag oder Sonntag. Um diese Zeit werde dann der Fisch zu Tausenden gefangen. Zu Bischofszeiten habe sich einmal die Landgeistlichkeit wegen Entheiligung des Sabbaths durch die Fischer beschwerend an den bischöflichen Obervogt von Hundtbiß auf der Reichenau gewendet. Der alte Herr habe den Spruch gethan: weil die Fische bei ihrem Laichen keinen Feiertag beobachteten, so könne man den armen Fischern, welche sie fangen sollten, ebenfalls nichts gegen ihr Sonntagsgeschäft haben. Es gebe aber, sagt der Mann, von alters her, absolute Seefeiertage, wie zum Beispiel die doppelten Aposteltage. – Über die Schweizer Fischer beklagte er sich; sie machten, behauptete er, auf sehr zudringliche Weise von ihrem diesseitigen Fischrechte Gebrauch und schon dabei die Setzgarne ihrer Genossen nur wenig, während der Badenser Grund genug habe, auf der Schweizerseite sein Recht nicht geltend zu machen.
Bekanntlich treibt im Hegau der Popele von Hohenkrähen noch immer seinen neckischen Spuk. Auch der Fischer von Moos weiß von ihm zu erzählen. In dunklen Nächten hört er oft rufen: „Hol, hol!“ und eilt an die Fahr, im Wahne, es wolle Jemand vom jenseitigen Ufer übersetzen, siehe da – das Schifflein ist los und die Ruder sind in’s Wasser geworfen. Wenn der Fischer bei Nachtzeit „setzt“, so patscht und badet es, als wären sie hundertweis im Garn; wenn er zur Stelle eilt – findet er die Garne zerrissen – und im Nachtwind verhallt ein schelmisches Gelächter. – Gleiches passiert den Jägern, die „beim Hellmond, wenn’s zunachtet“ und in den Fallschirmen der Wasserjagd pflegen. – Jedesmal aber kommt auf solche Spukerei ein Unwetter.
Von diesem wunderlichen Burggeist hörte ich überhaupt allerlei erzählen. Der Wirt von Gayenhofen ritt früher einmal mit einem Kameraden nach Engen auf dem Bohnenmarkt. Sie machten schlechte Geschäfte und suchten ihren Verdruss in einigen Botellen Neuen zu ertränken. Als sie im Heim ritt, am „Krayen“ vorbei kommen, ruft der Eine Spottweise hinauf: „Popele komm, komm!“ Und gibt seiner Mähre lachend die Sporen; – aber siehe – es dauert nicht lang, so liegt er da im Graben – und der Kamerad, der absteigt, ihm aufzuhelfen, verliert ebenfalls das Gleichgewicht und stolpert über ihn hin. Um ihre Ohren schallt es wie Gelächter, und wenn die Gäule nicht so vernünftig gewesen und stehen geblieben wären, hätten sie den Weg bis heim zu Fuße machen müssen. – Ähnliches soll sich noch oft in dieser Gegend zugetragen – „absonderlich in guten Weinjahren“, würde der alte Custode im Konstanzer Conciliumsaale sagen.
Das Geröhricht um Moos ist, wie bereits erwähnt, auch für die Wasserjagd sehr günstig. Es kommen alle Gattungen Wildenten, Strandläufer, auch Wasserhühner vor und zuweilen verirrt sich ein Fischadler oder ein wilder Schwan hierher. Der beständigste Gast jedoch ist die aschgraue Möwe, die mit ihrem heiseren Geschrei die Altwasser und Moore so gierig und dreist umschwärmt, als wolle sie den Fischern alle Augenblicke ihren Fang streitig machen. – Das hier wachsende Ried- oder Schilfgras wird zu ökonomischen Zwecken benützt, der halbe Morgen einer solchen „Streuwiese“ kostet nicht selten 300 fl. Ankauf.
Die Gegend von Moos, Weiler und Iznang heißt die Zwiebelhöre, weil in den Gemarkungen dieser Dörfer vorzugsweise Zwiebeln gepflanzt werden. In dem lockeren, sorgfältig erhöhten Boden, sieht man dieses Gewächs zelgenweise gebaut; es wird nach Schaffhausen verführt, wo alljährlich ein besonderer Zwiebelmarkt an St. Bartholomä abgehalten wird.
Nahe bei Weiler lag früher ein Edelsitz der Herren von Grüneberg, aus dem später ein armes Nonnenklösterlein erwuchs, von welchem aber keine Spur mehr sichtbar ist.
Der Abwechslung wegen zog ich, mit Umgehung der Uferdörflein Itznang und Gundolzen, von Moos über Weiler gen Gayenhofen. Der Weg führt durch ein wohlangebautes Tal und zuletzt über einen waldigen Gebirgskamm. Einem Blicke rückwärts zeigen sich im malerischer Verschiebung zum letzten Mal die Berge des Hegau’s. Die weite Wasserfläche verschwindet, statt ihrer brausenden Gewelle trifft Tannenrauschen unser Ohr, der Schlag der Finken und tief im grünen Forst das Geruuke der wilden Taube. – Doch, die wohltuende Abwechslung dauert nicht lange, bald endet der Wald, die Höhe ist erstiegen, und die Straße führt sachte abwärts. – Die Reichenau taucht wieder aus den Wellen empor und vor uns, zwischen paradiesischen Ufern, zieht der mächtige Vater Rhein.
Über dem Thurgau standen dunstige Wolken und Wetter, und tief im Horizont murmelte der Donner. – In Gayenhofen, wo ich einkehrte, sagte man mir, dass Hagelwetter in dieser Gemarkung keine Seltenheit sein; aber jedesmal bleibe Iznang verschont. Der Wirt erzählte von einem furchtbaren Schloßenwetter, wobei die Rehe gestreckten Laufes aus den oberen Wäldern dem See zu geeilt seien, um sich in dem Wasser zu bergen.
Gayenhofen hat ein altes noch bewohntes Schloss; dieses gehörte seit dem zwölften Jahrhundert zu dem Hochstift Konstanz, von dem es die Herren von Klingenberg, von Reischach, von Heudorf und andere zu Lehen trugen. In späteren Zeiten besaß es der Bischof unmittelbar. Alle Monate wurde hier von dem bischöflichen Amtmann von Bohlingen und Amtstag gehalten, und weil die Keller voll des besten Weines lagen, so soll der fleißige Mann jedes Mal illuminiert und von dannen gezogen sein. Auch mein launiger alter Wirt wusste von den Kellern zu erzählen, wenn der bischöfliche Kellermeister in Geschäften dahin kam, so war jedem, der bei ihm ein sprach, ein gemessener Trunk verabreicht. War aber der Kieferknecht allein in den Gewölben, so ging es mit einem Trunk selten ab. Der Wirt wurde als Bub auch einmal von dem gastfreundlichen Knecht traktiert. – Bei seiner Heimkunft warf es ihn den langen Weg zu Boden und die schwere Zunge lallte unverständliche Worte. Die Mutter, zum Tode erschrocken, rief dem Vater; dieser aber, der sogleich merkte, wo der Haas im Pfeffer liege, sagte: „Bist im Schloss gsi? – Jo – Ist de‘ Kieferknecht d’obe? – , He jo“ – „Für‘ ihn uffi und leg‘ ihn in’s Bett“, habe der Vater die jammernde Mutter lächelnd getröstet, „si Krankhet ist nit so geföhrli!“
Aufwärts im See, bei Hornstad, steht halb zerfallen ein kleineres Schloss. In seinem verwahrlosten holzgetäfelten Stuben wohnt ein armer Bauer. Die Besitzung gehörte früher den Herren von Kopenhagen, die durch üble Wirtschaft so herunterkamen, dass sie in der teuren Zeit der vorigen 70er Jahre, einen Vierling des besten Feldes um einen Laib Brot hergaben.
Horn, eine kleine Viertelstunde von da, bietet eine der freudigsten Aussichten am ganzen See. Die hochgelegene Kirche überschaut ein weites, herrliches Panorama. Wie ein schimmernder Garten liegt die Reichenau vor uns; über der Landzunge schimmert der Überlinger See und seine Felsenufer, herwärts die grauen Mauern von Zell, östlich die Kathedrale von Konstanz und der blaue Gürtel der Alpen, das grüne Schweizerland und seine im See sich spiegelnden Städtlein und Dörfer, Ermatingen, Berlingen und Steckborn. Es ist Sonntag früh, die Glocken erklingen ringsum aus den fliehenden Morgennebeln und stimmen deine Seele zum Gebet und zum Entzücken.
Obwohl abwärts Gayenhofen die Ufer sich verengen und das Wasser bereits merklich rinnt, so ist der Name See bis an die Brücke zu Stein noch immer der bezeichnende. – Oberhalb bei Ermatingen wird bedeutende Wasserjagd und Fischerei getrieben; unter Anderem kommt dort der den Biertrinkern bekannte Gangfisch vor, der zur Laichzeit in ungeheurer Anzahl gefangen wird.
Abwärts Gayenhofen liegt zuerst Hemmenhofen; es gehörte früher dem jenseitigen schweizerischen Kloster Feldbach und mit diesem zur Grafschaft Nellenburg. – Eine heiße Mittagssonne begleitet mich auf diesem Wege. Um so lieber folgte ich der Einladung des Müllers von Hemmenhofen, welcher von seinem Hause stehend, dem Fremden, der ihm um den Weg fragte, zurredete, einzutreten in sein Haus und eine kurze Mittagsruhe darin zu halten. Dem Zuspruch folgend, sass ich denn längerer Zeit gar behaglich in dem altväterlichen Stüblein, neben dem klappernden Mühlwerk, und ließ mir den säuerlichen Seewein und das kräftige Hausbrod, mit welchem mich der Hausherr regalierte, vortrefflich schmecken. – Eine solche alttestamentarische Gastfreundschaft findet sich eben nur noch auf dem Lande.
Eine kleine Strecke vom Dorfe erschauen wir das Schloss Marbach. Es gehörte seit Jahrhunderten den Herren von Ulm, von welchen es käuflich an einen französischen Malteser-Ritter von Grimaldi kam. – Frei auf einem felsigen Hügel an der Straße hatte es vor Kurzem noch Mauern und Umwallungen; der neue Besitzer ließ alles Abtragen, ebnen und dem alten Ritterhause einen nagelneuen weißen Anstrich geben. Dieser vor kurzem verstorbene Mann hatte überhaupt große Baulust, aber zwecklos wie ein Kind, das heute einreißt, was es gestern aufgebaut. „Es ist gut genug auf ein Jahr“ lautete der Wahlspruch des reichen Herrn, dessen Liebhabereien übrigens den umwohnenden Handwerksleuten und Tagelöhnern trefflich zu statten kamen.
In der Pfarrkirche des hübschen, vom alten Obstbäumen beschatteten Dorfes Wangen hatten die Herren von Ulm in einer eigenen Kapelle ihr Begräbnis. In der Kirche, mit der Jahreszahl 1411, sieht man ein Grabmal aus Sandstein gehauen: eine lebensgroße liegende Figur in voller Rüstung, den Kopf auf die Hand gestützt und den Rosenkranz in der Hand. Es gibt dem „edlen und gestrengen Hans Caspar von Ulm zu Marbach und Wangen, der in Gott alt, katholisch gelebt und aus diesem Jammertal abgeschieden im Jahr 1610“.
Als ich am schwülen Nachmittag von Wangen weiter pilgerte, kam mir ein mühselig daherschreitender Alter entgegen, mit dem ich ein flüchtiges Gespräch anknüpfte. Er sei früher einer der wohlhabendsten Bauern der Gegend gewesen, erzählte er, habe aber den Unschick gemacht, Alles seinen Kindern zu geben, denen er jetzt (ein Akt aus König Lear) unwert und überlästig sei; hoffentlich werde es aber mit ihm bald „Feuerthalen“ (dem Fegefeuer) zugehen. Der Tod könne ihn heute oder morgen dahin mähen. – Es waren in eurer Jugend wohl schönere Tage als jetzt? – warf ich hin. – Das will ich meinen, erwiderte er, das war ein anderes Leben – ein viel freieres. Jetzt darf, hol mich Gott – ja Keiner dem anderen mehr eine – Ohrfeige geben, ohne dass er vor Amt kommt. Zu meiner Zeit hat keinem Hahn darnach gekräht – und Tanz und Musik haben wir alle Sonntag und Feiertag gehabt! Sagte er ganz ernsthaft und humpelte kopfschüttelnd weiter, dem Dorfe zu.
Bevor ich sofort mein Tagesziel, Öningen, erreichte, hatte ich Gelegenheit, noch einen romantischen Rest alter Zeiten zu betrachten. – Die alte abenteuerliche Burg Kattenhorn, die, wie ein verrosteter Harnisch aus der Rüstungskammer des Mittelalters, wenig beachtet am flachen Ufer des See’s liegt. In ihren dunklen, holzgetäfelten Gemachen wohnte ein fürstenbergischer Dienstmann, der das schöne fürstliche Rebgut zu bauen und zu beaufsichtigen hat. Das Schloss (mit einigen Häusern) wird schon im Jahr 1155 urkundlich genannt. Die Herren von Landenberg waren seine früheren Besitzer. Eine kleine nebenan stehende Kapelle hat die Jahreszahl 1583. – Oberhalb am Berg erhebt sich ein kleines neueres Schlösslein, welches ein Herr Schultheiß baute, kurze Zeit bevor es an Fürstenberg kam.
Ein mehr in die Augen fallendes altertümliches Bauwerk finden wir hart am See, zwischen Hattenhorn und Öningen – das Schloss Oberstad. Der wohl erhaltene Turm mit zackigen Zinnen und gotischen Fenstern schaut wie ein Gewappnet über den See, den er als Wächter einst beherrschte. Wie Badian erzählt, wurde von hier aus den Schiffern manche Gewalttat zugefügt, weshalb die Schweizer im Jahr 1499 ihren Groll durch Zerstörung des Schlosses ausließen. Vordem besaßen es die Herren von Klingenberg, von welchen es in schnellem Wechsel von einer Hand in die andere kam. An den Mauern dieses Baues haftet die Erinnerung eines schnöden Mordes. Der vorletzte Besitzer war ein allgemein geachteter Herr von Lenz. Früherer Hauptmann im fürstenbergischen Diensten, verwaltete er von dem Schloss aus das benachbarte fürstliche Rebgut in Hattenhorn.
– Er hatte eine einzige Tochter, Walburga, die ihre Güte und Leutseligkeit wegen in der Umgebung allgemein beliebt war. – Im Hause bestand die alte Sitte, bei Tagesanbruch mit dem Turmglöcklein die Hora oder „Betzeit“ zu läuten. Als eine Magd, der dies Geschäft oblag, einst um Mitternacht, beirrt durch die Helle des Vollmondes, das Glöcklein zog, eilten die benachbarten Öninger herbei, in der Meinung, es sei dem Hause etwas Übles zugestoßen und das Geläute ein Notruf. Das Fräulein äußerte hierbei, wenn je ein solcher Fall eintreten solle, so werde sie nicht säumen, den bereitwilligen Nachbarn ein Zeichen mit dem Glöcklein zu geben. – Das arme Kind wusste nicht, wie nahe ihr ein solcher Fall bevorstand. – Es war an einem Sonntag, den 16. Dezember des Jahres 1829. Der Vater hatte sich mit den Spätgottesdienst nach Öningen begeben, die Tochter war allein in dem ringsum abgeschlossenen Hause zurückgeblieben. – Zwei Tiger in Menschengestalt mußten aber vorher sich in dem Bau eingeschlichen haben, die jetzt hervorbrachen und das Fräulein, ehe sie noch den Turm und den Glockenstrang erreichen konnte, überfielen. Es scheint, dass die Mörder sie nötigen wollten, ihnen Geld und Kostbarkeiten zu entdecken, und als sie nicht zu ihrem Zwecke gelangten, das Fräulein von ihnen tödlich verletzt zu Boden geschlagen wurde. – Nach einer Weile aus tiefer Ohnmacht erwachend, schleppte sie sich taumelnd in die Wohnstube, wo die Banditen eben im Begriff sind, eine Kommode zu leeren und nun ihr Opfer vollends mit schweren Hammerschlägen töteten. – Indem schellte es am verschlossenen Hoftor – sie eilten hinab und treffen einen Handwerksmann, der in Geschäften zu dem Schlossherrn will. Es entspinnt sich ein verzweiflungsvoller Kampf, in welchem der Einzelne unterliegt. – Von der Schweizerseite, von Mammern aus, sah man zwei Männer querfeldein der waldigen Anhöhe zurennen. – Dem Vater aber ward, als er aus der Kirche zurückkam, der schreckliche Anblick des erbrochenen Hauses und zweier Leichen. – Niemals wurden die Täter entdeckt. Zwei übel berüchtigte Menschen, auf welchen der Hauptverdacht lastete, endeten, des langen Verhörs entlassen, später unter auffallenden Umständen. Der tiefgebeugte Vater aber wollte das Haus nicht mehr bewohnen, weshalb er die ganze Besitzung verkaufte. Jetzt ist sie Eigentum eines schweizerischen Fabrikherrn.
Doch wenden wir den Blick ab von einem unerfreulichen Gegenstande, der uns die Menschennatur auf dem schwärzesten Grunde zeigt. – Die Landschaft umher ruht so mild verklärt im goldenen Abendlichte, als wohnte keine Leidenschaft, nichts als Eintracht und Friede in ihr. Der Klosterbau erhebt sich imponierend über den Dächern des großen Dorfes, und Du glaubst eher eine Stadt als ein Dorf vor dir zu haben.
Von dem alten Augustinerstift Öningen berichtet uns die Geschichte, dass es ein gleiches Schicksal hatte wie das Kloster Reichenau; im Jahr 1534 wurde die Probstei zu den Tafelgeldern des Bischofs von Konstanz gezogen, der sich von da an „Statthalter von Oeningen“ nannte, und das Stift durch Priore, und später durch Dekane verwalten ließ, während die Mönche vom Hochstifte ihren Unterhalt bezogen. – Die Klostergründung fällt ins Jahr 965. Cuno, ein Sprössling der Grafen von Oeningen, die hier in dem Hauptorte der uralten Grafschaft gleichen Namens gewohnt haben, vergab seine Güter und sein Schloss der Kirche, zur Errichtung einer Augustiner-Probstei. Noch jetzt heißt ein mittelalterlicher Teil des Klosters das „Stammhaus“. Die nebenstehende Totenkapelle mit der Mönchsgruft soll die erste Kirche gewesen sein; eine Brüderschaft, „die Todtenbrüder„, hält noch alljährlich darin ihren Gottesdienst. –
Die Grafen von Öningen waren den berühmten Geschlechtern Habsburg und Zähringen nahe verwandt. – Das Dorf wird bereits in der zweiten Hälfte des achte Jahrhunderts als reich begüterter Meierhof genannt. Nahe dabei ist der berühmte Oeninger Steinbruch (Stinkkalk), in welchem zahlreiche Versteinerungen urweltlichen Getiers zu finden sind.
In dem nahen Stiegen, dem letzten badischen Orte, hatte ich übernachtet und machte des anderen Tages eine Tour nach Schienen. – In Oeningen, durch welches der Weg führt, prangten die Brunnen im Schmuck grüner bebänderter Tännlein – ein Werk der Schönen des Dorfes, die hiermit dem ersten Maitag ihre Huldigung dargebracht. – Schienen liegt im Schoße des Berges gleichen Namens, 2006 badische Fuß über dem Meere. Die Abgeschiedenheit des Ortes passt trefflich zu der Sage, welche Schienen, in den ersten christlichen Jahrhunderten, zu einer Zufluchtstätte für verfolgte Christen macht. Das uralte Michelskirchlein (in neuester Zeit eine Privatwohnung), soll an jenen Zeiten herrühren; es war vor Allem von einem großen „Todtengarten“ umgeben.
Die Pfarr- und Wallfahrtskirche zu unserer lieben Frauen soll, zugleich mit einem Kloster, unter Karl dem Großen von Otto, einem Grafen im Hegau und der Bertholdsbaar, gebaut und gestiftet worden sein. Das Stift, ein Benediktinerkloster, kam in der Folge so herab, dass es in einen Chorherrenstift verwandelt und endlich im Jahr 1452 der Abtei Reichenau, und mit dieser dem Bistum Konstanz zufiel. -Der Pfarrhof und die ehemalige Chorherrenwohnung. Die Pfarrkirche trägt am Portal die Jahreszahl 1559. In ihren Grundverhältnissen hat sie noch etwas von der Karolingerzeit, obwohl der Bau teilweise neuer ist, als selbst die ebengenannte Jahreszahl.
Ein Gemälde mit einer Inschrift erzählt die Sage von ihrer Erbauung: Als die Kirch, heißt es, öd und alt zu Boden fallen wollt, und man eine neue baute, ließ sich eine weiße Frau, liebreich mit Worten, sehen und ermunterte die Arbeiter zum Fleiße; es war Maria, wird geglaubt. – Von dem Wallfahrtsbild unserer lieben Frauen wird gesagt: Weil die Kirche öd, wildverwüstet und verderbt, ward das Bildniß (Marien’s) von dannen auf Sankt Michelsberg getragen, und von keiner Menschenhand, wie die Alten sagen, angerührt, wieder allhie gefunden.
Links am Chor bewahrt ein Grabstein mit einem unbehülflich gemeißelten Bildnis das Andenken des ehrbaren Hölzlin von Martendorf (gestorben 1598), „der 17 Jahr bei Hans Christoph von Schienen ehrlich gedient und demselben drei Töchter aus der Taufe gehoben.“
Nördlich von Schienen, auf einem Vorsprung des Berges, liegt die Schrozburg, mit einem fürstenbergischen Kameralhof. Die Sage schreibt die Erbauung der Veste einem alemannischen Adelichen zu, während die antiken Fundstücke* auf ein Römerkastell deuten. *Bestehend in mehreren römischen Silbermünzen, die in der fürstlich fürstenbergischen Altertumsammlung im Schlosse zu Hüfingen aufbewahrt sind.
Ihre Zerstörung fällt ins Jahr 1441, in die Zeit, wo die aufblühenden Städte in steter Fehde lagen mit der Ritterschaft, von welcher bereits mancher Sprosse die Tugend der Väter verloren hatte. Auf Schrozsburg saßen die Ritter von Schienen. Einer aus diesem Geschlechte, Werner mit Namen, der in Mitte des 15. Jahrhunderts die luftige Feste bewohnte, trieb in der Gegend um den See unedle Wegelagerei. Einmal fing er auf dem Staderberge bei Konstanz einen Krämer von München, den herbeikommende Konstanzer mit Mühe aus seinen Händen befreiten. Allein der Streitritter hatte ihn bereits geplündert und seine Barschaft in fürsorglichen Besitz genommen; die Münchner, denen man deshalb schrieb, antworteten, dass weder ihre Herrschaft noch sie mit dem gedachten von Sienenen jemals Ungunst gehabt hätten.
Gleichzeitig lagen sich die verbündeten schwäbischen Städte und ein Teil des Adels im Hegau und am Rhein in den Haaren; und es ging bei diesen Feindseligkeiten wie heut zu Tage zwischen den Russen und Westmächten, man nahm und verdarb sich gegenseitig zugehöriges Gut, wobei dann mancher Unschuldige in Schaden kam. So machte unter anderem der Adel bei Stiegen einen Fang an Genfergut, welches zu Schiff von Konstanz nach Stein verbracht werden sollte. –
Es waren dabei Heinrich von Lupfen, Hans von Rechberg und zwei von Landenberg; diese ließen die Beute, 20.000 fl. an Wert, auf Wägen nach der Burg Höwen führen. Ein größerer Teil, auf 10.000 fl. geschätzt, blieb aber in Stein, unter der Obhut des Ritters von Klingenberg, der einen „michel Theil“ davon den Konstanzern, die nicht in das Städtebündnis gehörten und ihr Eigentum zurückforderten, auslieferte. Ebenso wandte sich der Rat von Konstanz auch nach Höwen, und ließ den Rittern sagen, dass unter dem genommenen Gut Vieles von Konstanzer Bürgern sich befinde. Die Adeligen antworteten, was die von Konstanz bei ihrem Eid als eigen ansprechen könnten, solle ohne Schaden gütlich ausgeliefert werden. – Die verbündeten Städte aber wollten einen Zug vor die Burg Höwen tun, kamen aber zu keinem Entschlusse.
Unterdessen betrieb der von Schienen sein Wegelagerergeschäft so schwunghaft, dass Niemand getrost und fröhlich von Konstanz nach Stein und Schaffhausen reisen konnte, weil der Ritter und seine Gesellen zu Wasser und zu Land viel Ungemach verübten und alle vorbeifahrenden Schiffe anriefen und zu Landen nötigten. Eines Tages ritt Werner mit acht Pferden von seiner Schrozsburg aus über den Rhein in den Bonderbach unter Freudenfels. Über den Trupp kamen etliche Gesellen von Konstanz und nahmen ihnen drei Pferde und einen armen Knecht gefangen. – Als aber die verbündeten Städte Ulm, Biberach, Memmingen, Kempten, Ravensburg, Buchhorn, Lindau, Überlingen, Rottweil x. endlich Ernst machten, sich rüsteten und von Konstanz verlangten, dass die Stadt dem Bündnisse beitreten solle, lehnte der Rat das Ansinnen ab, unter dem Vorwande, dass es eine Schmach wäre, wenn Konstanzer Bürger unter dem Hauptmann der Überlinger in’s Feld ziehen würden; auch hätten die Städte Alles verabredet und festgesetzt, ohne Vorwissen und Beiziehung der Konstanzer, sie könnten deshalb ehrenhalber nicht mitziehen; was man den Nachbarn aber sonst zu lieb tun könne, wolle man tun.
Am Allerheiligenabend zogen die Städtischen von Überlingen aus nach dem Hegau. Bald darauf schwuren auch die von Radolfzell zu ihnen, die es früher mit der Ritterschaft gehalten hatten. Man zog vor ein Haus, die Wasserburg geheißen, und gewann auch denen von Rechberg eines ab. Hernach ging’s vor die Schozburg, die Wohnung der Herren von Schienen. Die Burg war fest und wohl versehen mit Wein, Fleisch und anderem. Die Belagerer fingen an, das Holz um den Berg zu fällen, um damit alle Ausgänge ringsherum zu verlegen, dass Keiner entrinne. Als die Belagerten dieses merkten, steckten sie die Burg in Brand und flüchteten. Die Feinde aber löschten das Feuer und machten große Beute. – Nachher brannten sie die Burg nieder und zerstörten sie von Grund aus. Überdies verbrannten sie das Dorf Schienen, einen Torkel und ein dem von Schienen gehöriges Haus, verdarben die Reben und nahmen alles weg, was sie erwischen konnten. Nach diesem verbrannten sie Horn und was denen von Rechberg gehörte, zogen gegen Hilzingen, wovon auch ein Teil diesem Ritter gehörte und zerbrachen daselbst den Turm. Dann wandten sie sich gegen das Städtlein Stein, wo sie an den Hans von Klingenberg wollten; die Steiner widersetzten sich aber, und der Junker Albrecht von Klingenberg zu den Städtern und sagte, Stein wäre sein und die Sache der Adelichen ginge ihn nichts an. Auf dieses ließ man ab und zog in’s Hegau, verbrannte den Anteil des Hans von Rechberg an der Burg Stauffen und gewann die Wasserburg, die dem Vitus von Ast gehörte. Vor Engen wurde nichts unternommen, weil Graf Sigismund den Sturm zu beschwichtigen wusste, dafür wurde aber das Eigentum des Grafen von Lupfen verwüstet. – Da es schon zu kalt war, um Höwen zu belagern, wandte sich der Siegeszug (am 16. November) wiederum heimwärts. – Nachdem die Feindseligkeiten noch längere Zeit fortgedauert und manches arme Dörflein im Hegau mit Feuer und Schwert heimgesucht worden, kam endlich, auf Befehl des Kaisers Friderich, ein Friede zu Stande, der im Jahr 1445 zu Konstanz besiegelt wurde. Jeder Theil mußte den ihm zugegangen Schaden erleiden, ohne Ersatzansprüche. Dergleichen Putsche waren im Mittelalter an der Tagesordnung.
Von der Schozburg ist nur weniges Mauerwerk, umfangen vom Graben, übrig. Die Aussicht, die man hier hat, ist groß und herrlich; wie von einer Königsloge aus betrachten wir ein weites Amphitheater – links das ganze Hegau, rechts den Untersee, Reichenau und Konstanz, den glänzenden Obersee und in blaulicher Ferne das Vorarlberg. – Wie zum Finale drängt sich die weite, von uns durchwanderte Landschaft noch einmal auf die Bühne – ruhendes Gewässer, freundliche Städtlein, Dörfer halbverdeckt im Grünen, auf den Zacken alter Felsen gebrochenes Gemäuer, aus grünem Wiesenplan der Blitz der Bäche, weitgedehnte Wälder, wogende Saatfelder und Gebirge, ruhend in Duft und Wolken.
Die Sonne war bereits hinunter, als ich über die Landesgrenze zum Städtlein Stein zuwanderte. Noch einmal öffnet sich auf luftiger Höhe die Aussicht; über Land und See lagen schon die Schatten der Nacht, aber die ewigen Alpen, schweigend und groß, standen noch glühend wie Abendrot am fernen Horizont.
In dem alterthümlichen Schweizerstädtlein Stein machte ich Rasttag. Es war mir vorzüglich darum zu thun, den schönen Amtssaal im ehemaligen Kloster zu sehen. Aber da der Stadtschreiber zufällig abwesend war, so wollte Niemand über die Schlüssel gebieten, und ich mußte auf den Genuss verzichten. Nach dem Urteile Verständiger sind die Wandgemälde des Klostersaales dem Besten mittelalterlicher Kunst beizuzählen. Sie entstanden unter Abt David von Winkelsheim, der während der Reformation nach Radolfzell flüchtete, und, wie bereits erwähnt, in der dortigen Pfarrkirche begraben liegt.
Als Ersatz für den vorenthaltenen Kunstgenuss betrachtete ich das hübsche Städtlein, seine wohlerhaltenen mittelalterlichen Häuser, ihre Wandgemälde und zierlichen Erker, und hoch über Allem – die ritterliche Burg Hohenklingen.
Ich hatte einen Platz auf dem Eilwagen genommen und war über die Rheinbrücke gegangen, an der Straße nach Schaffhausen den Wagen zu erwarten. – Eine Zigeunerfamilie lagerte nicht weit von meinem Wachposten im Grünen. Einige ihrer braunen Weiber kamen zu dem Reisenden herüber, ein müßiges Gespräch anzuknüpfen. – Sie fragten nach Heimat und Vaterland. – ich hatte keinen Grund, die Frage ausweichend zu beantworten. Sie spendeten dem Lande große Lobsprüche und rühmten seine Gastfreundschaft gegenüber der Schweiz. – Ich fragte, wohin ihre Reise gehe? – Wir wissen es selbst nicht! lautete die Antwort, wir sind überall am rechten Ort, wo sich gute, hilfreiche Menschen finden.
Indem rollte der Wagen heran und hielt, der Passagier stiegen ein, und fort gieng’s es in rascher Fahrt den Ufern des grünen Rheins entlang nach Schaffhausen und weiter.
Ende
Radolfzell (Wikimedia)
Radolfzell, Thor
Abbildung aus: Franz Xaver Kraus: Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden. Band 1: Die Kunstdenkmäler des Kreises Konstanz. Freiburg i. Br. 1887 (Wikimedia)
Grab von Radolf von Verona in der Kirche von Radolfzell. (Foto: Wikimedia)
Die Geschichte über den Ratoldsbrunnen ist im Südkurier aufgearbeitet:
Der Poppele vom Hohentwiel
Über den Poppele kennt wohl auch noch heute jeder eine Geschichte. Falls sich jemand, aus Sicht des frühen 20. Jahrhunderts, dafür interessiert, dem sei zu der Abenteuerliche Reise des kleinen Schmiedledick von Elisabeth Walter geraten.
Felchen
Es sind mehrere Quellen zum Gangfisch vorhanden und sie gehen bis ins Mittelalter zurück. Aus den Quellen lässt sich deuten, dass der Gangfisch ein sehr wichtiges Produkt für den Bodenseeraum war. Offensichtlich war der Fischfang nicht nur auf Ermatingen konzentriert. Gottlieben und Konstanz werden als weitere Fangorte genannt. Seine Wichtigkeit hatte der Gangfisch auch als Handelsprodukt, sei es als Zehntenabgabe oder als Exportprodukt. Fangzeit und –methoden sowie Zubereitungsweisen werden ebenfalls in den Quellen beschrieben.
Wird der Legende des Konstanzer Bischofs Gebhard aus dem 10. Jahrhundert Glaube geschenkt, ist der Fisch schon seit dieser Zeit bekannt. Eine weitere gefundene Erwähnung datiert aus dem 13. Jahrhundert. Damals kommt der Name Gangfisch – dazumals „ganchvisch“, „gangvissche“ oder „gantvisch“ – in alten Fischereiordnungen vor. Die älteste Erwähnung von der Ankunft der Fische im Laichgebiet ist im 1337 vollendeten „Schachzabelbuch“ des Schweizer Benediktinermönchs Konrad von Ammenhausen zu finden. Sie war am 11. November, dem St. Martinstag, und dauerte zwölf Tage. Der Gangfisch war eng mit den Klöstern in der Umgebung verbunden. Zum einem im Rahmen der Klosterfischerei, das heisst zur Versorgung der Klöster selbst, zum anderen vergaben sie auch Fischrechte zur Lehe, deren Zins jährlich in Naturalien, in einer festgelegten Menge an Fischen, zu bezahlen war. Fischereirechte im Untersee vergaben das Kloster von Reichenau und der Bischof von Konstanz. Der Ermatinger Dorfchronist Thomas Vaterlaus berichtet von einer Quelle aus dem 14. Jahrhundert, wonach die Ermatinger „getertem Gantvisch“, also geräucherten Gangfisch, dem Kloster Reichenau als Teil ihres Zehnten abliefern mussten. Aus dieser Quelle geht hervor, dass der Gangfisch bereits damals geräuchert wurde. Auch in der Ortsgeschichte von Gottlieben, einem Nachbardorf von Ermatingen, ist notiert, dass die Bewohner dem Bischof Gangfische als Zinsen ablieferten. 13 000 Stück sollen es im Jahr 1521 gewesen sein. Der Bischof aus Konstanz erlaubte den Gottliebern keinen Grundbesitz, so dass sie sich ausschliesslich der Fischerei widmeten. Dies erklärt die bis heute sehr kleine Fläche des Ortes.
Der Gangfisch hat mindestens zwei Blütezeiten durchgemacht. Von der einen berichtet der Konstanzer Historiker Gregor Mangolt aus dem 16. Jahrhundert. Er beschrieb einen Rekordfang: „Im Jahr 1534 fiengents im Manet December […] ob 46’000 gangfisch…“ Der Gangfisch soll so begehrt gewesen sein, dass 1533 „etlich geterdt Gangfisch“ sogar nach Zürich – zu Heinrich Bullinger – geliefert wurden, wie Mangolt berichtet. Eine zweite Blütezeit soll um die Zeit des 2. Weltkriegs gewesen sein. Damals gab es so viele Gangfische, dass man die Idee hatte, einen Wettbewerb mit ebendiesen Fischen als Preis einzuführen. Im Jahr 1937 wurde das so genannte Gangfischschiessen erstmals durchgeführt und findet bis heute jedes Jahr am zweiten Wochenende im Dezember statt. Geschossen wird natürlich nicht auf die Fische, sondern, wie es sich bei einem Preisschiessen gehört, auf Zielscheiben. Anschliessend wird an diesem Tag der Gangfisch in den Ermatinger Restaurants angeboten. Der Brauch ist ein wichtiges und bekanntes Fest, an dem mittlerweile Schützen auch ausserhalb der Region teilnehmen.
Auch über die spezielle Fangmethode wird berichtet. Immer wieder ist von der Gangfischsegi, dem grössten Fanggerät der Schweiz, die Rede. Sie soll bereits im 14. Jahrhundert erwähnt worden sein. Segi bezeichnet sowohl das Boot, einen schweren, schwarzen, flachbödigen bis 15 Meter langen Kahn, als auch das Garn. Ebenso wird mit Segi die Mannschaft bezeichnet. Eine Statutenrevision der Ermatinger Gilde der Gangfischer vom Jahr 1876 legt dar, dass die Mannschaft 18 Mitglieder umfasst. Die Mitgliedschaft war sehr begehrt. Entsprechend streng waren die Auflagen. Lediglich Ermatinger Bürger durften es sein; schied ein Mitglied aus erhielt sein ältester Sohn das erste Anrecht auf Mitgliedschaft, die dazumals stolze CHF 150.- kostete. Wenn es wieder Zeit für den Gangfischfang war, brachte jeder Fischer sein eigenes Zuggarn. Diese wurden anschliessend nach einem genauen Plan zu einem grossen Fischfanggarn zusammengesetzt. Der Fischfang mit der Gangfischsegi war bis nach dem 2. Weltkrieg viel im Einsatz, seit 1958 respektive 1967 – je nach Quelle – ist es jedoch vorbei. Als 1968 ein Fischer erkrankte und sich kein Ersatz finden liess, um die nötigen 18 Mann für die Gangfischsegi zusammenzubringen, wurde erstmals darauf verzichtet. Jedes Jahr hoffte man, dass sich wieder genügend Fischer finden liessen – jedoch vergeblich. Heute ist die Gangfischsegi im Seemuseum in Kreuzlingen oder am Ermatinger Groppenumzug, einer speziellen Form der Fastnacht, zu sehen. Die wenigen heute aktiven Fischer verwenden einen neuen Bootstyp.
Das Stift Öhningen liegt auf einer Anhöhe oberhalb des Untersees in der Nähe zum Rheinübergang bei Stein und wurde möglicherweise an der Stelle eines älteren Adelssitzes gegründet. Die Urkunde, in der Kaiser Otto I. (936-973) im Jahr 965 die Stiftung Öhningens und den zugehörigen Besitz bestätigte, ist wahrscheinlich in allen Teilen eine Fälschung des letzten Drittels des 12. Jahrhunderts. Nach diesem unechten Gründungsprivileg hatte Kuno von Öhningen mit Zustimmung seiner Frau Richlind und seiner vier Söhne das Stift kurz zuvor gegründet. Bereits die Gestalt des vermeintlichen Stifters hat für eine noch andauernde Forschungskontroverse gesorgt. Einigkeit besteht lediglich darin, dass Kuno als ein Mitglied des konradinischen Familienverbands anzusehen ist und dass er eine enge Beziehung zum Rheinauer Stifterverband besaß. Die Forschung tendiert des Weiteren dazu, Kuno mit dem von Otto II. (973-983) eingesetzten Herzog Konrad von Schwaben (982-997) gleichzusetzen sowie Richlind als Enkelin Ottos I. genealogisch einzuordnen. Die Vermutung, Kuno habe in Öhningen eine geistliche Institution gestiftet, ist in gleicher Weise spekulativ wie alle anderen Hypothesen, die einen späteren Gründungszeitpunkt favorisieren. Nicht zu klären ist ebenfalls die Frage nach dem Status Öhningens, das erstmals 1155 als Propstei und 1166 als Augustiner-Chorherrenstift sicher fassbar ist: Entweder bestand bereits eine ältere Gemeinschaft von Geistlichen, die erst später die Augustinerregel übernahm, möglicherweise als Benediktinerkloster oder als nicht reguliertes Kollegiatstift, oder Öhningen wurde als Augustiner-Chorherrenstift eingerichtet, vielleicht während der großen Gründungswelle solcher Institutionen im Bistum Konstanz im ausgehenden 11. und beginnenden 12. Jahrhundert. Im Jahr 1155 bestätigte Kaiser Friedrich I. (1152-1190) dem Konstanzer Bischof Hermann von Arbon (1138-1165) den Besitz der „prepositura Oningen“. Nach dem Tod Hermanns konnte der Kaiser seine Besitzbestätigung von 1155 rückgängig machen und so eigene Familieninteressen wahren. Doch kurz nach dem Tod Friedrichs erhielten die Bischöfe das Augustiner-Chorherrenstift wieder zurück, denn am 1191 übertrugen Heinrich VI. (1190-1197) und seine Brüder Bischof Diethelm von Krenkingen (1189-1206) die Vogtei des Orts unter Einschluss des Stifts. Trotz eines Privilegs Papst Alexanders IV. (1254-1261) aus dem Jahr 1256, in dem dieser das Stift Öhningen und dessen Güter in seinen Schutz nahm, blieb die Vogtei seit dem ausgehenden 12. Jh. unangefochten beim Konstanzer Bischof. Die Vogteirechte übten u. a. in Gaienhofen ansässige Untervögte aus, die den Besitz des Stifts verwalteten, der sich vor allem im Hegau und Klettgau, aber auch im Thurgau sowie im südlichen Schwarzwald befand. Ein Propst ist namentlich erstmals 1160 fassbar, er versah die inneren Angelegenheiten des Stifts und lenkte den meist etwa sechs Chorherren umfassenden Konvent. Besonders im beginnenden 15. Jh., als die Gemeinde Öhningen nach Unabhängigkeit von Bischof und Stift strebte, sind häufig Konflikte um Rechte und Zuständigkeiten belegt. Weitere Spannungen entstanden zwischen dem Augustiner-Chorherrenstift und der Stadt Stein am Rhein oder dem dortigen Kloster. Im Schwabenkrieg 1499 blieb Öhningen weitgehend verschont, im Bauernkrieg 1524/25 vertrieben Öhninger Bauern den Propst, selbst einige Chorherren sollen sich den Aufständischen angeschlossen haben. Mit dem Beginn des 16. Jh. erreichte der wirtschaftliche Niedergang auch im Augustiner-Chorherrenstift Öhningen seinen Höhepunkt, meist konnten nur noch drei Kleriker mit Pfründen versorgt werden. Die Bischöfe warfen den Chorherren sittliches Fehlverhalten vor, in erster Linie dürften die Ordinarien mit diesen Anschuldigungen aber versucht haben, das Stift stärker unter ihre Kontrolle zu bekommen. Zudem bot der Kaiser dem Bischof an, die Inkorporation des Stifts Öhningen zu unterstützen, um die Finanzen des Hochstifts zu verbessern. Unter Johann von Lupfen (1532-1537) wurde der Plan ausgeführt, die Inkorporation erlangte 1534 die Zustimmung Papst Pauls III., 1536 die Billigung König Ferdinands I. Nun fungierte der amtierende Konstanzer Bischof als Propst, der einen Dekan oder einen Prior einsetzte, der für die geistlichen Aufgaben vor Ort zuständig war; das Einverständnis des Konvents zu diesen Personalentscheidungen musste nicht eingeholt werden. In Öhningen residierte ab dem 17. Jh. ein bischöflicher Obervogt, der die weltlichen Belange des Stifts bestimmte. Die Inkorporation brachte eine vorübergehende Verbesserung der wirtschaftlichen Situation auch des Stifts, nun sind meist sechs Chorherren als Pfründner belegt. Allerdings war ihre von Konstanz aus gewährte finanzielle Versorgung oft knapp bemessen und wurde in manchen Fällen verspätet ausgezahlt. Bemühungen, besonders unter Dekan Karl Loder (+1760), die Inkorporation aufzuheben, blieben erfolglos. Im 30-jährigen Krieg kam es wiederholt zu Plünderungen des Stifts, doch die Bischöfe sorgten für die Wiederherstellung des Besitzstands. Das Augustiner-Chorherrenstift kam 1803 an Baden; im selben Jahr wurde seine Auflösung eingeleitet, die zwei Jahre später mit der Einrichtung der Pfarrei Öhningen abgeschlossen war. An der Öhninger Kirche gab es mehrere bruderschaftliche Zusammenschlüsse, die vor allem im 17. Jh. gegründet wurden. Der geistig wirkungsmächtigste Kanoniker war Dominikus Wenz (+1755), der einen Kommentar zur Augustinusregel (1718), eine Vorbereitungsschrift für die Erstkommunion (1724) und eine Sammlung von Sinnsprüchen (1726) zum Druck brachte. Sein Hauptwerk ist das 1757 und 1793 erschienene „Exempel-Buch“, das für die Erzählliteratur des 18. und 19. Jh. wichtige Anstöße gab. Dekan Karl Loder (+1760) verfasste neben einer biblischen Historie handschriftliche Aufzeichnungen zur Stiftsgeschichte. Im Westen des Stiftsareals stehen die Kirche, die Dreiflügelanlage des Konvents und das in der Mitte des 17. Jh. errichtete Amtshaus des Obervogts, im Osten der Wirtschaftshof. Die Baugeschichte lässt sich erst für die Zeit um 1500 sicher rekonstruieren: Auf Anordnung von Propst Nikolaus Christiner (1482-1513/16) wurden die Konventsbauten neu errichtet, einige Teile dieses Bauensembles sind in den heute erhaltenen, von Umbauten und Erweiterungen des 17. und 18. Jh. geprägten Gebäuden noch verbaut. Der weitgehende Neubau der Kirche wurde in Auftrag von Bischof Jakob Fugger (1604-1626) etwa 1610 begonnen und 1620 abgeschlossen. Unter Bischof Franz Johann Vogt von Altensumerau und Prasberg (1645-1689) wurden Schäden an Kirche und Konventsbauten behoben, 1681 konnte der neue Hochaltar geweiht werden. Auf Bischof Kasimir Anton von Sickingen (1743-1750) geht die barocke Umgestaltung des Konventsaals zurück. Den Innenraum der Saalkirche, deren Äußeres weitgehend Züge der Spätrenaissance trägt, ließen die Konstanzer Ordinarien barock ausgestalten. Der mittelalterliche Kirchenschatz und der vorbarocke Kirchenschmuck sind verloren, aus der heute vorhandenen Ausstattung ragen der Hochaltar und die Plastik Christus am Kreuz von Josef Anton Feuchtmayer hervor. Das Chorgestühl mit 30 Sitzen ist barock. Aus dem Besitz des Stifts stammen außerdem zwei Wappenscheiben aus dem Jahr 1520 (heute Zürich, Schweizerisches Landesmuseum).
Beiträge zur Geschichte der Badischen Landessammlungen für Naturkunde in Karlsruhe IX. Eine Aktion zur Gewinnung öhninger Fossilien 1854-1860
Die wegen ihrer Fossilfunde weltberühmten öhninger Steinbrüche (Untermiozäne Kalke und Mergel), bis zur Säkularisation im Besitz des Klosters Öhningen, wurden danach staatlicher Besitz und gingen schließlich in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts in Privatbesitz über. Der ehemalige Goldarbeiter Leonhard Barth verstand es daraufhin bald, die meisten Fossilien an sich zu bringen und nach ihrer Präparation teuer, vorwiegend ins Ausland zu verkaufen, wodurch sie dem Land Baden verloren gingen. Dies abzustellen, schloß der Bergrat und Professor für Mineralogie und Geologie an der Polytechnischen Schule in Karlsruhe Friedrich August Walchner im Jahr 1852 mit Johann Hangarter, dem Besitzer eines der beiden Steinbrüche einen Vertrag, wonach die anfallenden Fossilien zu sammeln und dem Verwalter Benz auf Schloß Marbach gegen eine jährliche Entschädigung abzuliefern seien. Barth versuchte daraufhin den Steinbruch zu erwerben, weshalb Walchner der Behörde vorschlug, Barth zuvorzukommen, was auch geschah, so daß Walchner von dem Vertrag zurücktreten konnte. Der nunmehr ärarische Steinbruch wurde von nun an vorzugsweise zur Fossiliengewinnung für das Naturalienkabinett in Karlsruhe unter der Direktion von Professor Dr. Moritz Seubert betrieben. Für die Auswahl und Herrichtung der Stücke zum Versand wurde der Apotheker Dr. Julius Schill in Stockach verpflichtet, welchen Auftrag er bis Herbst 1859 erfüllte, dann aber wegen Wegzugs nach Freiburg beendete. Da der Betrieb des Steinbruchs für den Staat letzten Endes ein Verlustgeschäft war, verpachtete er ihn noch im gleichen Jahr an Barth, der auch an einem Kauf interessiert war, der schließlich 1861 zu Stande kam, womit die Aktion zur Gewinnung von Fossilien für das Naturalienkabinett ein Ende fand.
Der spornartige Käppeleberg war vermutlich eine frühgeschichtliche Anlage in Form einer keltischen Zelle. Die ältesten Teile der St. Michaelskirche sind sicherlich die Mauern eines solchen Kultraumes. Der große Eckstein mit schalenförmigen Veriefungen unter der Nordwestecke wurde hier wahrscheinlich schon von den Kelten als Kultstein (Megalith) verwendet.
Nach dem hiesigen Probsteibuch soll die Gründung bis in die Zeit der ersten Christenverfolgungen im Bodenseegebiet zurückgehen. Der Sakralbau stellt somit die Verbindung zwischen keltischer und frühchristlicher Kultur in unserer Gegend dar. Die St. Michaels-Kapelle gehört, wie die Sylvesterkapelle in Goldbach, zu den ältesten Gotteshäusern am Bodensee.
Zwischen Jahren 832/838 wird die St. Michaelskapelle erstmal in einer reichenauischen Handschrift erwähnt. Die Reliquie des heiligen Genesius wurde etwa 800 vom Grafen Scrot aus Florenz auf sein Landgut Schienen und seine Eigenkirche St. Michael gebracht und wurde rasch Ziel zahlreicher Pilger.
Für die dunkle Jahreszeit empfehle ich die Insel Mainau und der Badische Bodensee von Lucian Reich aus 1856. Das Buch hatte ich im Winter 2022/2023 hier vorgestellt und möchte es jetzt aktualisieren.
Ich möchte hier erwähnen, dass ich das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift vorgelesen habe, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren. Man möge mir verzeihen: Mir ist das Deutsche vor 200 Jahren sehr fremd und das oft Zitierte aus dem 18., 17. und sogar 16. Jahrhundert ist aus heutiger Sicht fast unverständlich. Dazu kommt die eigenwillige Rechtschreibung und eine fremde Denkweise. Da viele Worte der alten Sprache von mir gesprochen und vom Programm transkribiert wurde, sind viele Worte in moderner Schreibweise im Text. Ich habe dies meistens aus Bequemlichkeit und für den Leser so stehen lassen. Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches hier gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz. In blau einige Fotos und Erklärungen.
Hier das Kapitel Wollmatingen und Reichenau
Wollmatingen und Reichenau
Der badische Bodensee hat den unbestrittenen Vorteil großer landschaftliche Abwechslung: Wenn der breite Obersee mit seiner Alpenkrone von verschiedenen Standorten aus gesehen, stets das gleiche Bild gewährt, so wechseln an den schmäleren Buchten des Überlinger- und Untersee’s die Details auf das Mannigfaltigste.
Wie auf dem Überlinger See die Burgen Bodman, Hohenfels und Heiligenberg herniederschauen, so bilden die abenteuerlichen Hegauer Berge für den stilleren Untersee einen erhabenen Hintergrund; dort die ritterliche Mainau als Herrscherin über den Wellen – hier Reichenau, die Trägerin uralter Kultur und Gesittung.
Der erste Ort, von Konstanz abwärts, Wollmatingen, hat eine äußerst anmutige Lage zwischen Weinbergen, Obstgärten und Getreidefeldern. Ein weites torfhaltiges Ried liefert den Einwohnern, sowie auch den Nachbarn wohlfeilen Brennstoff. Das Gemeinvermögen ist eines der bedeutendsten am See. – Von hier führt ein fester Weg in die Reichenau. Ehe dieser hergestellt war, mußte der Übergang mittels einer Fähre bewerkstelligt werden. – So sehr mich die grüne Au im silbernen Gewässer auch verlocken mochte, so ließ ich sie doch noch bei Seite liegen, um vorher Hegne und Allensbach zu besuchen.
Schloss Hegne, mit einem ummauerten Garten, an der Landstraße, hat wie die meisten geistlichen Sitze, eine außerordentlich behagliche Lage; es war früher die Sommerwohnung der Fürstbischöfe von Konstanz und gehörte ehedem der Familie Reichlin von Meldegg. Jetzt ist es Eigentum eines Privaten. Die Schlosskapelle enthält zwei Hochreliefs von Hans Moring.
Das umliegende Dörflein, von Bauern und Schiffern bewohnt, zählt beiläufig 160 Seelen, die nach Wollmatingen eingepfarrt sind. – Aus der Zeit des 30-jährigen Krieges und der Pest erzählt man, sei in Hegne eine Person mehr verstorben, als der Ort überhaupt Einwohner gehabt habe. Ein Handwerksbursche kam abends in den nächtlichen, verödeten Ort und setzte sich ermüdet auf die Steinbank vor dem Schloss, über Nacht beschlich ihn der „schwarze Tod“.
Das große Pfarrdorf (Marktflecken) Allensbach, eine halbe Stunde von Hegne, soll vorzeiten eine Stadt gewesen sein. Doch wird dieser Behauptung nur insofern Glauben geschenkt werden dürfen, als der wohlgelegene, dem Kloster Reichenau gehörige Ort am See, von jedem möglichst begünstigt und mit Vorrechten begabt worden ist. Allerdings mochten die Gräben und Tore, die Allensbach früher hatte, dem Ganzen den Charakter einer Stadt gegeben haben.
Im Schwedenkrieg wurde hier übel gehaust; der Feind brannte einen Teil des Fleckens nieder, und wer konnte, flüchtete sich. Zudem kam später noch die Pest, die den Ort schrecklich entvölkerte. Bei gänzlichem Mangel an Weltpriestern kamen die Kapuziner von Konstanz und reichten den Sterbenden die heiligen Sterbesakramente zu den offenen Fenstern hinein.
Als ein geflüchteter Bürger endlich wieder in seinem Vaterort zurückkehrte, fand er alles verödet; im Felde standen die überreifen Trauben an den Stöcken. Niemand kam, sie einzuheimsen. – Der Mann ging in die Pfarrkirche und zog die Glocke, um zu sehen, ob sich noch etwas Lebendiges im Flecken rege – da kamen drei Personen, die allein noch Übriggebliebenen.
Nur langsam erholte sich der Gemeindehaushalt. Die großen hiesigen Fruchtmärkte waren während der Verödung nach Radolfzell verlegt worden und blieben für immer daselbst. Ja, noch bis in die neuere Zeiten will man die Folgen jener Unheils Jahre verspürt haben. Als vor etwa 60 Jahren ein bewaffnetes Bürgercorps (sogenanntes Herrgotts-Corporäle) zur Begehung der Fronleichnamsprozession errichtet werden sollte, fanden sich nicht 18 taugliche junge Leute, und man mußte zu fremden, hier dienenden Knechten seine Zuflucht nehmen.
Als hübsches Beispiel brüderlich werktätiger Gesinnung, wie sie vielfach in den Einrichtungen des Mittelalters sich offenbart, kann das hiesige kleine Bürgerspital gelten, wo ehedem eine Stube war, in welcher durchreisende Handwerksgesellen unentgeltlich Herberge und im Winter einen warmen Ofen fanden.
Früher soll auch ein Schloss hier gestanden haben, noch wird der Platz gezeigt. – Ein schwarzer Pudel hütet dort vergrabene Schätze. – Zu Großvaterszeiten lebte im Dorfe ein außergewöhnlich zänkisches Weib; als sie einst in später Nacht mit ihren Geliebten Streit bekommen, verließ sie unter Verwünschungen das Haus. Es war Mitternacht, als sie am „Schloßbuck“ vorbeikam -da vertrat ihr der Borstige mit glühenden Augen den Weg. In stillem Schrecken kehrte sie um – ihrer Wohnung zu; der Hund aber gibt ihr das Geleite. Sie klopft an der Haustüre, der Mann öffnet, und als er die Eskorte sieht, sagt er lakonisch: „Du hast e’n Saubern bei dir.“ Die Xantippe aber soll von der Zeit an nie mehr vom Hauswesen fortgelaufen sein.
Das Dorf hatte eine umfangreiche Gemarkung; früher wurde fast durchgehenden Wein gebaut, bloß zwei Bauern „schnitten Brod“.- Jetzt wird mehr auf Getreide gehalten, während nur in den tauglichsten Geländen Wein gepflanzt wird. Das Allensbacher Gewächs ist übrigens ein sehr preiswürdiges, wovon ich selbst durch die altdeutsche Gastfreundschaft des Herrn Bürgermeisters mich genüglich überzeugt habe.
Die Ufer beim Dorfe sind außerordentlich quellig. Hart am See befindet sich ein Sprudel, der durch Deichel so hoch steigt, dass sämtliche Brunnen des Ortes, von dem ihr Wasser erhalten. Nahe dabei ist die „Fahr“, wo ein Schiffsmann immer bereit ist, Passagiere nach der Insel Reichenau und zurück zu befördern. – Wenn am Fronleichnamstag Kirchen und Brunnen mit grünen Bäumen geschmückt werden, so steckt nach altem Brauch auch der Fährmann seinen geweihten Maien – das „Haldenstäudle“, in den See, an die Halde.
Die Entfernung von hier nach Reichenau beträgt beiläufig eine halbe Stunde. Während meiner Überfahrt, abends vor einem hohen Kirchenfeste, verkündeten die Glocken ringsumher die kommende Feier. Es war, als summe und erklinge der See in seiner Tiefe. – Über dem alten Sankt Markusmünster lagen bereits die Schatten der Dämmerung und in verdüstertem Blau schauten die Hegauer Berge über die farblose Wasserfläche. Es wehte kühl und der Pilgrim, nachdem er in Mittelzell gelandet, war froh, im Wirtshaus zur „Krone“ eine behaglich warme Stube zu finden. – Dieses Gebäude gehörte früher dem Kloster und diente zur Bibliothek. Der hübsche Hausgarten mit seiner grünen Laube gewährt einem bequemen Standort, den tiefer liegenden Klosterbau des einst so berühmten Ortes zu betrachten.
Die Bauart des breiten, massiven Turms mit seinem dreifachen Rundbogenbaien sagt uns deutlich, wie manches Jahrhundert über die mönchische Ansiedelung möge dahingegangen sein. – Und in der Tat müssen wir bis ins achte Jahrhundert zurückgehen, um das Datum ihrer Begründung zu finden. – Die Insel war zu jener Zeit im Besitz eines austrasischen Landvogts, namens Sintlas, der auf der benachbarten Burg Sandeck wohnte; von ihm trug das Eiland den Namen Sintlas-Au; es war aber öde und unbewohnt, ein Aufenthalt giftigen Gewürms und schädlichen Ungeziefer. – Erst durch das Christentum kam Kultur dahin. Der Landvogt Sintlas gestattete nämlich den frommen Bischof Pirmin und seinen Genossen auf der Insel sich niederzulassen. Sie reuteten die Wildnis aus, bepflanzten das Land und bauten sich ein kleines Kloster, dessen Stiftungsbrief von König Carl Martell ausgestellt, die Jahreszahl 724 trägt.
Die junge Pflanzung blühte freudig auf; Könige und Fürsten wendeten ihr besondere Gunst zu und vermehrten den Besitzstand durch fromme Schenkungen. Carl der Große gab ihr zehn Ortschaften, darunter die Dörfer Ulm und Radolfzell. Gerold, Herzog in Schwaben, die Orte Tuttlingen, Wangen, Stetten am Kalten Markt und 24 Dörfer; Karlmann Vier kleine Städte am Comersee; Herzog Berthold aus Schwaben 35 Dörfer, worunter Geisingen und Schaffhausen; Carl der Dritte den Ort Zurzach, Ludwig der Fromme sieben Ortschaften, – Herzog Berthold in Schwaben 30 Dörfer, und Konrad, Herzog von Zähringen Deningen im Breisgau. Dazu kam noch eine Menge geringerer Stiftungen.
80 Jahre nach dem ersten Klosterbau ließ Abt Otto I die jetzt noch (der Hauptsache nach) stehende Münsterkirche ausführen. – Das Kloster erwuchs bald zum reichsten im ganzen Alemannien. Der Hof des gefürsteten Abtes wurde von Kaisern und Päpsten besucht, während zahlreiche und mächtige Vasallen als Lehenträger dem Stifte dienstbar waren. – Aber nicht nur in materieller Beziehung errang sich das Gotteshaus auf der reichen Au große Bedeutung; auch in geistiger Hinsicht war es ein Mittelpunkt, von dem bis weithin wohltätiges Licht und Wärme ausstrahlte. Nicht in stillem Zurückziehen von der Welt suchten die Mönche ihren Beruf; ihre Anstalt war die Pflanzschule des Christentums, das Gehege alles Schönen und Guten, der Künste und Wissenschaften, der deutschen Sprache und Sitte, eine Erziehungsstätte des alemannischen Adels.
Aber wie eben Verwelken und Hinfälligkeit der Heimatschein alles Irdischen ist, so erhielt sich auch diese Einrichtung nicht lange auf ihrem Höhepunkt. Schon vor den Hohenstaufen ging es abwärts, und in Mitte des 14. Jahrhunderts sehen wir das Stift geistig und materiell völlig verarmt und bedeutungslos. Schlechte Verwaltung der Güter, mehr noch Schwelgerei und Ausgelassenheit der Mönche waren Schuld am Ruin. Das Kloster, von dem die Sage geht, dass sein Abt, wenn er nach Rom reiste, jede Nacht auf eigenem Grund und Boden habe übernachten können; oder wenn die Zehntfuhren aneinandergereiht, die erste Fuhre auf der Insel angekommen, die letzte in Ulm das Tor passiert habe; dieses Kloster hatte im Jahr 1385 nicht mehr so viel, seinen Vorsteher, den Abt Werner von Roseneck, mit dem nötigsten Lebensbedarf versorgen zu können. Der gute Mann mußte bei dem Pfarrer zu Niederzell alltäglich Imbiss und Nachtmahl suchen. Drei Mark Silber waren allein die Gesamteinkünfte des Stiftes. Um dieses erklärlich zu finden, mag ein einziger Zug von Verweichlichungen der Klosterangehörigen hier stehen. Ein Lehensbauer hatte mit seinen Leuten die Verpflichtung, zur Nachtzeit die im nahen Weiher quakenden Frösche, welche die frommen Mönche und ihrer vornehmen Gäste den Schlummer stören konnten, mit Stangen zur Ruhe zu verweisen.
Kümmerlich schleppte das einst so berühmte hochverdiente Kloster seine Existenz bis zum Jahre 1538. Längst schon hatten die mächtigen Bischöfe von Konstanz ein begehrliches Augenmerk auf dasselbe gerichtet; aber erst Bischof Johannes von Weza, von Kaiser Karl der Fünfte, begünstigt und im Einverständnis mit Abt Marr von Knörringen, brachte 1538 die Einverleibung des Stiftes ins Bistum Konstanz zuwege. Vergeblich war die spätere Protestation eines Mönches; die Bischöfe waren und. Lieben Herren der Reichenau. Sie ließen als Äbte des Stiftes durch zwölf Mönche den Gottesdienst besorgen, während ein bischöflicher Obervogt die Klostergüter und Einkünfte verwaltete.
Im Jahr 1757 wollten die beibehaltene Mönche, unter ihrem Prior Weichelbeck, von neuem die Selbstständigkeit des Stiftes erringen. Auswärtige Klöster und die Höfe von Frankreich und Preußen unterstützten sie, doch ohne Erfolg. – Kardinal Roth schickte eine Kommission unter dem Schutze bischöflicher Soldaten nach der Reichenau, welche die guten Väter, als sie eben an der Tafel saßen, aufhob und in verschiedene Abteien Schwabens versetzte. Von da an besorgten zwölf Missionäre aus verschiedenen benachbarten Klöstern den Kirchendienst, bis im Kriegsjahr 1799 und diese abgedankt und das Münster als Pfarrkirche der Gemeinde Mittelzell mit drei Weltpriestern besetzt wurde. Fünfundfünfzig Äbte vom Jahr 727 bis 1538, bildeten die Reihe seiner Äbte.
Nach dieser kurzen geschichtlichen Betrachtung steigen wir hinunter in den alten Bau, um zu sehen, was nach so vielen Jahrhunderten an Pracht und Reichtum noch übrig geblieben. – In der Tat verhältnismäßig wenig. Es ging eben auch hier wie anderwärts; während die Gelehrten über den Ort und seine Geschichte weitschweifige Abhandlungen schrieben, verwahrlosten und zerfielen die Denkmale, die ehrwürdigen Zeugen des Bestandenen, und manch anderes wurde verschleppt und verloren. So finden wir denn heute in dem Münster nur Weniges, was den bedeutenden historischen Erinnerungen einigermaßen entsprechend wäre.
Die alte Grabstätte des unglücklichen Kaisers Carl des Dicken ist nicht mehr zu finden. Ein wertloses Gemälde aus der Zopfzeit, den Kaiser darstellend, hängt über der Sakristeitüre und soll bedeuten, dass an dieser Stelle die Gebeine Carl’s ruhen, welche im Jahr 1728 aus ihrem ursprünglichen Grabe genommen und hierher gebracht wurden.
Von dem Ruheort des Herzogs Gerold von Bussen, der ein Schwager Carl’s des Großen, 798 in der Hunnenschlacht fiel, suchen wir vergeblich eine Spur, sowie von dem Grabe des Grafen Mangold von Beringen, der im Kampf gegen Herzog Ernst von Schwaben den Tod gefunden. Das gleiche gilt von den Gräbern der Herzoge Burkard, Berthold und Hermann von Schwaben, welche in der Evanuskapelle bestattet sind. Alte, meist schlecht erhaltene Grabsteine finden sich von mehreren Äbten den des 14., 15. und folgenden Jahrhunderts.
Der Hauptaltar enthält die namenhafteste Reliquie der Kirche, das heilige Blut, verschlossen in einem goldenen Kreuze. – Ein Gemälde, links im Chor, stellt eine Jubiläumsfeier desselben vor aus dem Jahre 1738 am 26. Mai. Das Bild vergegenwärtigt in seinen Einzelheiten recht gut die Pracht des damaligen fürstbischöflichen Hofes, denn der Bischof, als Landesherr und Abt von Reichenau, wohnte der Feier persönlich bei. In der Mitte des Gemäldes schreitet der geistliche Fürst, Bischof Johann Schenck von Staufenberg*, gefolgt von sämtlichen Lehensrittern, Vasallen und den Domherren von Konstanz nebst einer Menge verschiedener Ordensgeistlicher. *Johann Schenck von Stauffenberg kam zur bischöflichen Würde 1704 und starb 1740 am Schlagfluss im Schlosse zu Meßkirch, wo er die Ehe des Fürsten Froben von Fürstenberg mit der Gräfin Theresia von Sulz eingesegnet hatte.
Zur Seite paradiert das weiß uniformierte bischöfliche Militär mit den von Meersburg hergebrachten Kanonen. Ein anderes, halb vermodertes Ölbild im Seitenchor bezieht sich auf die Besitznahme durch den Heiligen im Pirmin. Der fromme Mann landet auf der einen Seite, während auf der anderen Schlangen, Kröten und Eidechsen das Eiland verlassen. Das Gemälde aus dem vorigen Jahrhundert ist ohne Kunstwerth, verdient aber sorgfältiger Verwahrung, weil es die ganze Lokalität des Klosters mit der, in neuerer Zeit leider als abgegriffenen alten Pfalz und der nicht mehr vorhandene Johanniskirche getreulich darstellt.
Ein älteres Heiligenbild auf Holz und Goldgrund hängt hinter dem Hauptaltar. Es diente früher als Altargemälde und soll nach der Tradition aus der Schweiz stammen, wo es bei der Reformation in’s Wasser geworfen und landend an der Insel aufgefischt und in’s Münster gebracht wurde.
Die Sakristei besitzt noch mancherlei Reste früheren Reichtums. – 6 bis 7 Reliquiensärge von schöner Arbeit; von diesen enthält der eine die Gebeine des heiligen Markus, des Patron der Kirche; Bischof Egino brachte sie (830) aus Italien hierher. – Eine Urne von weißem Marmor, ohne sonderliches Kunstgepräge, wird als ein Krug von der Hochzeit zu Kana vorgewiesen. Ein zierlicher Reif von Silber, mittelalterliche Arbeit, hält das schadhafte Gefäß in der Mitte zusammen. Der griechische Fürst Simon Bardo soll es um’s Jahr 910 nach Reichenau gestiftet haben.
Ein in Silber gefaßter Zahn Carl’s des Dicken; ein sogenannter Smaragd von 28 Pfund, der aber ein bloßer Glasfluß ist. Carl der Dicke, verkappte ihn hierher. – Ein uraltes Evangelienbuch mit zierlichem Einband und figurreichem Beschläg. (Ein Abtsstab aus dem 14. Jahrhundert ist neuerer Zeit abhanden gekommen.) – Ein Siborium von Elfenbein mit geschnitzten Figuren. – Eine Monstranz aus dem 17. Jahrhundert. – Ein Zahn des heiligen Markus usw.. Unter den Messgewändern findet sich ein sehr altes, mit einer Stickerei den gekreuzigten Heiland darstellend, ein anderes soll die Kaiserin Maria Theresia selbst gestickt und anher verehrt haben.
Die Kirche an sich, obwohl zweimal durch Brand beschädigt, trägt noch ganz den einfachen ernsten Charakter der karolingischen Zeit. Als ursprünglich dürften der Turm und das Mittelschiff mit seinen massiven Pfeilern angesehen werden. Die Umfassungsmauern und der Chor gehören einem späteren Jahrhundert an. – Das Kloster, ein armer Überrest des früheren, ist gering an Ausdehnung und enthält nichts Bemerkenswertes. – Die Bibliothek war außerordentlich reichhaltig an seltenen Handschriften. Mit dem Verfalle des Klosters gerieten diese Schätze in Vergessenheit, bis im vorigen Jahrhundert der gründlichste Forscher seiner Zeit, der. sanktblasische Abt Martin Gerbert,* sie wieder hervorzog und teilweise ans Licht stellte.
*Dieser gebildete Prälat stammt aus dem alten Geschlecht der Gebert zu Hornau von Horb. Er wurde im Jahr 1764 Abt von Sankt Blasien und starb 1793. Unter seinem Regiment war das schwarzwaldische Kloster der Hort der Künste und Wissenschaften; und der Ruhm, den sich sein Vorsteher selbst durch Werke geschichtlichen und theologischen Inhalts erwarb, reichte weit über die engen Marken seines Landes. Er durchreiste, mit Altertumsforschung beschäftigt, Deutschland, Italien und Frankreich, und entdeckte eine Menge bisher unbeachtet gebliebener Kunstschätze. Nicht minder ruhmwürdig war sein stilleres, einheimisches Wirken als Vorstand seines Klosters und Sprengels. Die hinterlassenen Stiftungen sind zu wahrhaften Wohlthaten der betreffenden Gemeinden geworden. Erst der neueren Zeit war es vorbehalten, diesen verdienstvollen Mann durch ein öffentliches Monument gebührend zu ehren. Durch geistliche und weltliche Vorstände der Amtstadt Bonndorf angeregt, wird die Porträtstatue des Abtes vom Bildhauer Xaver Reich in Sandstein ausgeführt und im Lauf des nächsten Jahres in genannter Stadt aufgestellt werden.
Die meisten der wertvollen Werke bewahren die Bibliotheken zu Karlsruhe und Heidelberg. Doch verlassen wir die feuchten, düstern Räume und ihre Vergangenheit und begeben uns hinaus in die lebendige Gegenwart. – Wir schweifen über die Höhen des gesegneten Eilands – welch‘ liebliche Bilder zeigen uns seine drei Pfarrdörflein zwischen Weingärten, Wiesen und Fruchtfeldern umher gestreut! Hier das eben verlassene Mittelzell und seine Kloster, den See und die Waldhöhen bei Allensbach im Rücken. – Gegen Morgen, zwischen Baumgrün, Oberzell auf lichtschimmerndem Grunde des Sees, aus dem in zarten Silhouetten der Dom von Konstanz und die Hochberge Tirols emporsteigen.
Dort – die schlanken Türme von Niederzell und weiterhin, über der wasserblauen Fläche Radolfzell und die ritterlichen Vorposten des Schwarzwaldes, der gewaltige Hohentwiel und seine hochgeborenen Nachbarn. Wenn uns dieser Blick mit Sehnsucht in die Ferne zieht, so erregt dagegen die Aussicht südwärts auf die Städtlein und Edelsitze des nahen Thurgau’s behagliche Gefühle der Wohnlichkeit. Auf der Rheinseite der schweizerischen Kreisorte Ermatingen; über demselben die Schlösser Hard und Wolfsberg. Unserem Standort gegenüber, auf einer vorspringenden, malerisch bewachsenen Terrasse, die napoleonische Villa Arenaberg; die Burg Salenstein und das Dorf Mannenbach mit seinem Schlosse Eugensberg. – Im ganzen anzuschauen wie ein grüner Gürtel mit kostbarem Gesteine besetzt.
Zur Insel gewendet, betrachten wir zuerst die alte St. Georgskirche in Oberzell. Abt Otto III gründete sie im Jahr 888. Sie enthält als Reliquie das Haupt des heiligen Georg und ist vollständig erhalten, eines der merkwürdigsten Bauwerke der Gegend. Unter dem Chor befindet sich eine Krypta.
Unweit Oberzell sehen wir unförmliche Reste der Burg Schopfeln, die wie ein urweltlicher Zahn im äußersten östlichen Teil der Insel steckt. Ihren Erbauer kennt man nicht; in frühesten Zeiten sollen daselbst Ritter gehaust haben, die in Sankt Gögen (Oberzell) zur Kirche gingen. Später diente die Veste den reichenauischen Aebten zum gelegentlichen Aufenthalte. In einer Fehde der Konstanzer mit dem Abte Mangold von Brandis (dem späteren Bischof von Konstanz) und seinen Brüdern und Vettern auf der Reichenau, wurde sie (1382) zerstört. Die Streitigkeiten hatten schon unter Bischof Heinrich von Brandis, ihrem Oheim, viele Jahre vorher angefangen. Als im Jahre 1366 zwischen Weihnachten und Fastnacht sechzehn Konstanzer Patrizier und Bürger mit zehn Gesellen (Adligen) vom Lande auf ein Stechen nach Zürich reiten wollten, begegnete ihnen bei Bassersdorf, zwischen Winterthur und Zürich, sechsundzwanzig Wäppner, deren von Brandis aus der Reichenau, welche auch zum Turniere zogen. Sobald die Reichenauer aber die verhaßten Städter erblickten, sprengten sie auf sie ein und stachen ihrer fünfe von den Rossen. Ihrerseits aber bekamen Junker Wölfle von Brandis (ein Bruder Mangold’s) einen Stich in’s Gesicht, dass er tot auf dem Acker liegen blieb. Die Konstanzer behaupteten das Feld und machten vier Gefangene. Die Gegner, unter Ritter Türing von Brandis, ergriffen die Flucht, einen Konstanzer als Gefangenen mit sich schleppend. Nach längerem Verhandeln mussten später die Konstanzer eine Strafsumme von 2000 Gulden geben; jedoch machte der Rat dabei die Bedingung, dass weder die Bürger, welche bei dem Strauße zugegen waren, noch ihre Nachkommen sollten gehalten sein, etwas an der Summe zu erlegen.
Als in der Folge ab Mangold und seine Vettern einige Fischer von Konstanz, welche auf ihrem Gebiete fischten, auf das Grausamste mißhandelten, zogen die empörten Städter in die Reichenau und zerstörten die Veste Schopfeln und mehrere Mönchshöfe daselbst.
Die Kirche zu Niederzell verdankte ihr Dasein dem Bischof Egino von Verona, dem edlen Alemannen aus dem Geschlechte der Zähringer, die in der Bertholdsbaar ihren ursprünglichen Sitz hatten. Eine Messingplatte mit Inschrift in Mitte des Chores deckt seine Ruhestätte; sein Tod fällt ins Jahr 802. – Der Bau hat zwei hübsche Türme, die aber durch einen neuen, kreideweißen Verputz und Anstrich um ihr altehrwürdiges Ansehen gekommen sind. – Einige 100 Schritte von da liegt am See das Schlösslein Bürglein, ein ehemaliges Tusculanum der reichenauischen Mönche. – Zu bequemer Überschau der Seelandschaft hat ein Bewohner der Insel, Herr Hofrat Seyfried, auf dem höchsten Punkte, der sogenannten Hochwart (1469 Fuß über der Meeresfläche) ein Belvedere errichtet, wo sich ein Fraunhofer’scher Tubus befindet.
Die Insel an sich mißt fünf Viertelstunden in die Länge und eine halbe Stunde in die Breite; sie hat ungefähr 1400 Einwohner. – Das Leben des Insel Völkleins hat viel Eigentümliches. Ein Teil ihrer Felder liegt außerhalb des Eilands, in dem Gemarkungen Allensbach, Hegne, Radolfzell und Makelfingen, und ihre Produkte müssen auf Schiffen eingebracht werden. Nicht leicht wird ein Fremder auf der Insel ansässig. Seit Menschengedenken, versichert man, sei der Kronenwirth in der Mittelpfarrei der einzige, der sich von auswärts hierher verheiratet habe. Der Wohlstand der Bevölkerung hat zur Ablösung der Grundlasten außerordentlich zugenommen. Eine genügsame Lebensweise, der seltene Verkehr mit den Nachbarsorten, sowie ein löblich konservativer Sinn im Familien- und Gemeindewesen haben diesen Aufschwung mit befördern helfen.
„Der Auer“, sagte mir der greise Hirschenwirt in Mittelzell, „ist bereits (etwas) gelinder als alle seine Nachbarn; er muss dienstfertig gegen diese sein, weil er ihre Hilfe, bei Vorfällen auf dem See, namentlich beim gefährlichen Westwind, oft in Anspruch nehmen muss. Händelflüchtiges Wesen ist ihm fremd, auch hat er blutwenig bei Amt zu schaffen, weshalb der selige Geheimrat Ittner in Konstanz zu sagen pflegte: Die Auer seien ihm die Liebsten, sie hätten. Am wenigsten mit ihm zu tun.“ –
Dann erzählte der Mann mit großer Naivität, wie es zu seiner Zeit noch viele Gespenster gegeben, die so oft bis in die Au herübergekommen, seit dem Jubiläum des Papstes Pius VI aber gänzlich verschwunden sein. –
Auf dem „Ergat“ (wo eine alte Linde im Umfang von 36 Fuß steht) habe dazumal eine Hexe gewohnt, die Betrunkene usw. verhext habe; und wenn der Hört-Geist am jenseitigen Gestade über dem Wasser erschienen sei, habe es jedes Mal Unwetter gegeben. Seine Großälteren hätten oft erzählt, wie das Kloster in arger Verderbnis gekommen, und ein Mönch einmal nachts in Niederzell ein Mädchen besucht habe, von dem jungen Burschen erschlagen und der Leichnam vor die Klosterpforte gelegt worden sei.
Nach der Sage ist die ganze Bevölkerung zu Zeiten der Pest ausgestorben; nur drei Männer sind am Leben geblieben; sie retteten sich dadurch, dass sie in einem Fasse sich aufhielten, wo vorher neuer Wein gewesen.
Das Inselland war in den ersten Zeiten als ein geheiligt es angesehen; weshalb der Fromme Wahn, solche Kinder, welche von der Taufe gestorben, oder tot geboren waren, außerhalb beim sogenannten Kindlebild am Wege nach Konstanz bestatten ließ. Auch durften auf der Insel keine Waffen getragen, und Todesstrafen mußten auswärts vollzogen werden.
In der Reichenau war es von jeher der Sitz des Oberfischermeisters über den Untersee. Zwei und zwanzig Ortschaften, acht schweizerische und 14 badische, haben gemeinschaftliches Fischrecht. Die immer noch giltige Satzungen dieser Zunft sind uralt und stammen von den Bischöfen von Konstanz. Alljährlich versammeln sich die Glieder auf der Reichenau, um unter dem Vorsitz des Oberfischermeisters die Bestimmungen für das laufende Jahr festzusetzen.
Unter den herkömmlichen Festen ist das Pirminsfest eines der sinnigsten.
Am Tage des Heiligen, zur Herbstzeit, opfert nämlich jeder Einwohner etwas von den Erzeugnissen der Inselfelder auf dem Pirminsaltar im Münster: Trauben, Getreide, Obst und Gartengewächse aller Art, in dankbarem Andenken der Verdienste des Heiligen um die erste Kultur der Insel. Die dargebrachten Früchte bilden zugleich eine Competenz des Messners.
In sehr feierlicher Weise wird auch das Fest des heiligen Blutes, im Monat Mai begangen. Früher kam an diesem Tage von allen umliegenden Orten die Pfarrgemeinden in Prozessionen nach der Insel. Seitdem jedoch eine Prozession, von der Neubirnau kommend, auf der Fahrt über den See, vom Sturme überfallen, in Todesgefahr gekommen, findet die Zuzüge nicht mehr in dieser Weise statt.
Eben so große Feierlichkeiten bringt das Markusfest, an welchem Tage der silberne Sarg mit den Gebeinen des Heiligen in feierlichem Umgange verehrend zur Schau getragen wird.
In sehr poetischer Weise, und bezeichnend für die Reichenau, wird am Pfingstdiensttag die Inselfahrt abgehalten. An diesem Kirchenfeste macht die ganze Bevölkerung auf etwa 15 Schiffen eine Fahrt um die Au. – Voran die Geistlichkeit mit dem Allerheiligsten und Kreuz und Fahne. An vier verschiedenen Plätzen, Mittelzell, Nieder- und Oberzell und auf der Rheinseite an der „Städe“ werden die Evangelien gelesen. – Man denke sich einen sonnigen Frühlingstag; über Land und See. Der Blütenhauch linder Maiendüfte – Sonntagsruhe rings umher – nur Glockenklang und Chorgesang der Jungfrauen auf einer eigenen Jacht begleiteten im Weiterziehen den Rudertakt der Bootsleute.
„Horch! wie über’s Wasser hallend, Klar die Vesperhymne klingt! Näher jetzt und näher schallend, Jubilate, Amen! Ferner jetzt und ferner hallend, Bis sie sanft im Ohr verklingt, Jubilate, Amen.
Jetzt, wie Mondscheinwellen rollend An das Ufer stirbt sie hin; Jetzt, wie zorn’ge Brandung, grollend Wächst die Fluth des Liedes kühn, Jubilate, Amen! Wieder hoch! wie Wellen rollend An das Ufer stirbt sie hin; Jubilate, Amen.„
Aussicht auf die westliche Hegaulandschaft vom Hegaublick aus. Foto: Suedkollektiv, Wikimedia
„Pietà von Hans Morlock (jetzt in Karlsruhe)“ laut Lucian Reich Hans Moring, um 1600; ursprünglich in St. Johann, Konstanz, 1819 nach Schloss Hegne gekommen Abbildung aus: Franz Xaver Kraus: Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden. Band 1: Die Kunstdenkmäler des Kreises Konstanz. Freiburg i. Br. 1887 (Photograph Krämer, Kehl, oder German Wolf (1830-1890), Public domain, via Wikimedia)
Schloss Hegne, Abbildung aus: Franz Xaver Kraus: Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden. Band 1: Die Kunstdenkmäler des Kreises Konstanz. Freiburg i. Br. 1887 Rudolf Redtenbacher (1840–1885) (Wikimedia)
„Trinität von Hans Morlock (jetzt in Karlsruhe)“ laut Lucian Reich Hans Moring, um 1600; ursprünglich in St. Johann in Konstanz, 1819 nach Schloss Hegne gekommen. Abbildung aus: Franz Xaver Kraus: Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden. Band 1: Die Kunstdenkmäler des Kreises Konstanz. Freiburg i. Br. 1887 (Photograph Krämer, Kehl, oder German Wolf (1830-1890), Public domain, via Wikimedia)
Das zänkische Weib und der Borstige
Im Dorfe Allensbach erzählt die Sage, hüte ein schwarzer Pudel auf dem Platze, wo früher das Schloss gestanden, vergrabene Schätze. Vor langen Jahren lebte in selbigem Orte ein zänkisches Weib, das mit ihrem Manne tagaus tagein Händel hatte. Einmal in später Nacht, als sie wieder mit ihrem Ehegespons im Streite lag, verliess sie das Haus unter lauten Verwünschungen und sprang zornentbrannt durch das Dorf. Wie sie nun am »Schlossbuck« vorbeikam, war es gerade Mitternacht. Da vertrat ihr der »Borstige« den Weg, flösste ihr mit seinen glühenden Augen einen solchen Schrecken ein, dass sie schnurstracks umkehrte und zu ihrer Wohnung eilte. Doch der schwarze Pudel geleitete sie bis vor die Haustüre. Hier begann das böse Weib dermassen zu klopfen, als ob die ganze Hölle hinter ihr her wäre und bis ihr der Mann öffnete. Als dieser den gespenstischen Begleiter sah, den seine Frau bei sich hatte, sagte er spöttisch: »Du hast bei Gott einen sauberen Gesellen mitgebracht!« Seitdem ist das zänkische Weib geheilt gewesen und nie mehr vom Hauswesen fortgelaufen.
laut Wikimedia: „Reichenau, Münster Mittelzell, Elfenbeinpyxis und Blut-Reliquie“ Lucian Reich schreibt: „Siborium von Elfenbein mit geschnitzten Figuren.„ „Der Hauptaltar enthält die namenhafteste Reliquie der Kirche, das heilige Blut, verschlossen in einem goldenen Kreuze“.….
Abbildung aus: Franz Xaver Kraus: Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden. Band 1: Die Kunstdenkmäler des Kreises Konstanz. Freiburg i. Br. 1887 (Wikimedia)
Grenzgebiet, Reichenau; Umrissradierung, koloriert. Zwischen 1788 and 1798. Swiss National Library, Prints and Drawings Department (Wikimedia)
Die Abbildung Hermann des Lahmen auf einer Kachel der Schatzkammer des Münsters in Reichenau-Mittelzell wird sehr häufig reproduziert. Der Ofen ist 1745-1746 gesetzt worden, hat schon damals „Ehre eingelegt“ und „wegen schönerer als vereinbarter Malerei“, dem Hafner ein Trinkgeld eingebracht. Walter Berschin hat in „Hermann der Lahme, Gelehrter und Dichter“, Heidelberg 2004 die Schrift in der Kartusche folgendermaßen gedeutet: „Beatus Hermannus Contractus Monachus Augiae a devotione Mariae celebris obiit 19. Julii 1054.“ (Der selige Hermann der Lahme, Mönch der Reichenau, berühmt ob seiner Marienverehrung, starb am 19. Juli 1054.) Foto: Thomas Fink, Veringen (Wikimedia)
Denkmal Abt Martin Gerbert von Franz Xaver Reich aus dem Jahr 1856 im Bonndorfer Martinsgarten
Kirche Sankt Georg in Oberzell
Tatsächlich hatte der Reichenauer Abt und Mainzer Erzbischof Hatto im Jahr 896 König Arnulf zur Kaiserkrönung nach Rom begleitet. Wieweit allerdings der Bau dieser Kirche bis dahin gediehen war, ob sie bereits fertiggestellt war oder sich noch im Bau befand, läßt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen.
Der Platz für die neuerworbenen Reliquien war die vierstützige Krypta der Kirche, die sich unter dem Querhaus und der Ostchoranlage befindet und über eine Treppe erreichbar ist. Was Stilreinheit und Harmonie angeht, ist St. Georg die ausgeglichenste der noch erhaltenen Reichenauer Kirchen.
Nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist die Krypta, deren Ostwand frühmittelalterlich mit zwei Kruzifixen und jeweils einer anbetenden Heiligenfigur bemalt ist, sowie die Michaelskapelle über der heutigen Vorhalle. Dort auf der Westapsis ist eine Parusie Christi, die Wiederkunft Christi zum Weltgericht dargestellt.
‚Hark, the vesper hymn is stealing‘ ist ein Text von Thomas Moore den Lucian Reich aus der Übersetzung von Ferdinand Freiligrath anscheinend frei zitiert hat.
Für die dunkle Jahreszeit empfehle ich die Insel Mainau und der Badische Bodensee von Lucian Reich aus 1856. Das Buch hatte ich im Winter 2022/2023 hier vorgestellt und möchte es jetzt aktualisieren.
Ich möchte hier erwähnen, dass ich das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift vorgelesen habe, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren. Man möge mir verzeihen: Mir ist das Deutsche vor 200 Jahren sehr fremd und das oft Zitierte aus dem 18., 17. und sogar 16. Jahrhundert ist aus heutiger Sicht fast unverständlich. Dazu kommt die eigenwillige Rechtschreibung und eine fremde Denkweise. Da viele Worte der alten Sprache von mir gesprochen und vom Programm transkribiert wurde, sind viele Worte in moderner Schreibweise im Text. Ich habe dies meistens aus Bequemlichkeit und für den Leser so stehen lassen. Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches hier gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz. In blau einige Fotos und Erklärungen.
Hier das Kapitel Bodman und Lüzelstetten. – Ja, Lüzelstetten steht da, nicht Litzelstetten!
Bodman und Lüzelstetten
Das Wetter war kalt, unfreundlich geworden; in Gewitter, das im Lauf des gestrigen Nachmittags aufgezogen, hatte, die Atmosphäre gekühlt und verdüstert. Ein rauher Ost haderte so gewaltig mit den Wellen, dass ich zwei Ruderer brauchte, um nach Bodman überzusetzen.
Zwischen diesem Dorfe und Ludwigshafen, wo der See gegen das Tal von Espasingen an flachen Ufern endet, mündet die Stockach. – Bodman selbst liegt malerisch am Fuße waldiger Berge, die so hoch im Süden aufsteigen, dass den Einwohnern Winters um zwei Uhr schon die Sonne entschwindet. Trotzdem ist die Vegetation hier früher, als in der südlichen Bucht von Ludwigshafen; ohne Zweifel deshalb, weil Bodman den Vorteil der Morgensonne hat. Das wenige Land um das Dorf ist außerordentlich fruchtbar., die Häuser stehen in einem förmlichen Wald von Obstbäumen. – Das Schloss des Freiherrn von Bodman umgeben zierliche Gärten und Anlagen; es ist von mäßigem Umfang und scheint der Bauart nach dem vorigen Jahrhundert anzugehören.
Das Geschlecht dieses Hauses, ein ehemaliger reichenauischer Dienstadel, gehört zu den ältesten am See. An ihr Wappen mit den dreilinden Blättern hat Dr. Bader in seinem neuesten Werk „Fahrten und Wanderungen im Heimathlande“ interessante Aufschlüsse geknüpft.
Auf einem der drei „Randen“, die sich hinter dem Dorfe erheben, liegt in Ruinen Altbodmann, der frühere Sitz des Geschlechtes – und gegenüber der Frauenberg, welche allgemein für den Ort gilt, wo die alte fränkische Königspfalz Bodama gestanden, auf der Kaiser Karl im Jahre 881 Urkunden ausfertigte, wie vorher Ludewig der Fromme den 18. April 839. In folgenden Jahrhunderten saßen hier die mit dem Bischof Salomo streitenden Kammerboten Echanger und Berthold, welche über dem Kampfe um Wiederherstellung des altalemannischen Herzogtums das Leben verloren. Auch wurde auf dem Frauenberg der heilige Othmar gefangen gehalten, der von einigen umwohnenden Gaugrafen gehasst und verfolgt, auf der Insel Stein (759) sein viel geprüftes Dasein beschloss.
Gegenwärtig steht ein Schlößlein aus mittleren Zeiten an der Stelle. Ein Gang zu seinen hohen Waldgipfel über dem See, versetzt uns in das stille Reich einsamsten Naturlebens. Ein bodmanscher Dienstmann, der hier wohnt, öffnet uns die Hausräume und die Kapelle, in der ehemals ein salemischer Priester den Wallfahrtsdienst besorgte. An der Rückwand hängt ein großes Ölgemälde mit Kostümfiguren; es bezieht sich auf die wunderbare Errettung des einzigen Sprößlings bodman’schen Stammes. Als im Jahre 1307 während eines Familienfestes, „das Bodmerschloss durch Gottes Gewalt und Donnerstrahl“ entzündet ward, und alle Sippen des Geschlechts von Bodman in den Flammen ihren Tod fanden, rettete Adelhaid, des jüngsten Kindes Säugamme, ihren Schutzbefohlenen dadurch das Leben, dass sie den Knaben in einen kupfernen Kessel setzte und selbigen im Namen der heiligen Dreifaltigkeit den Abhang hinunter rollen ließ. Im Mitte des Berges, an der Stelle, wo jetzt ein Bildstöcklein steht, blieb der Kessel mit der teuren Last im Gestrüpp hängen. Der Kleine wurde von Dorfbewohnern gefunden und zu Verwandten auf die Burg Kargeck gebracht, wo er eine sorgfältige Erziehung erhielt.
Eine im Munde des Volkes lebende Sage bringt dieses Ereignis mit einer älteren, wunderlichen Mär in Verbindung. – Ein Ritter von Bodman, heißt es, wollte die Welt ausreiten. Er nahm von seiner Gemahlin Abschied mit dem Bedeuten, dass er binnen sieben Jahre nicht zurückkehren werde, sie ihn für tot halten und, wenn er ihr bliebe, sich wiederum verheiraten dürfe. Von ein paar. Knappen begleitet, machte sich der Ritter auf den Weg; er zog übers Meer in unbekannte, ferne Länder. Nachdem er schon viele Jahre gereist war, kam er in eine wilde Einöde, wo er abends auf einem hohen Berg ein Licht schimmern sah. Er schickte einen Knappen hinauf, um zu erfahren, ob Menschen da wohnten, bei denen man eine Herberge finden könne. Der Diener ging, kam aber nicht wieder; ebenso der zweite und der dritte. Endlich, nach langem Harren, machte sich der Herr selbst auf den Weg. Oben angekommen findet er in einen kleinen Haus ein Weiblein, das ihn mit bedächtiger Miene begrüßt und ihn sagt, ihr Mann sei das Nebelmännlein und ein grausamer Feind der Menschenkinder; wolle er das Schicksal seiner Diener nicht teilen, so müsse er sich schleunigst von hinnen machen. Während sie aber noch sprach, hörte man jemand kommen, und das Weib sagte Ich will Euch verbergen, schlupft da hinunter in den Keller. – Der Ritter folgte dem Wink. Das Nebelmännlein aber ließ sich nicht täuschen. Ich wittere einen Menschen! schnaubte es gleich beim Eintritt. – ein Mensch muss da verborgen sein! und näherte sich dem Kellerloch. Der Ritter, der sich entdeckt sah, trat heraus, aber wie erstaunte er, als ihn der Alte nicht unfreundlich mit Namen begrüßte. Woher wisst ihr, wie ich heiße? Fragte verwundert der Ritter. Ich weiß noch mehr, sagte der Nebelmann, morgen früh wird Eure Gemahlin getraut in der Schlosskapelle zu Bodman. Die sieben Jahr, die ihr Bedung habt, sind längst verflossen. – Den Ritter traf dies Wort wie ein Wetterstrahl; das Nebelmännlein aber fuhr fort: „Ich will einen Vertrag mit Euch abschließen – wisst, ich bin der Nebelmann vom Bodensee, und die Nebelglocke, die jeden Abend in Bodman geläutet wird, schlägt mich jedes Mal bummelnd um den Kopf – wenn ihr mir versprecht, das leidige Ding für ewige Zeiten in den Bodensee zu versenken, so will ich euch noch vor Tagesanbruch in die Heimat schaffen. – Der Ritter willigte ein, worauf das Nebelmännlein einen seiner dienstbaren Geister berief und ihn fragte: Wie schnell bist du? – Wie der Pfeil vom Bogen! Lautete die Antwort. – Du bist zu langsam, versetzte der Nebelmann und zitierte einen zweiten: Wie schnell bist du? So schnell wie der Wind! – erhielt er zur Antwort: Zu langsam – hieß es und ein dritter wurde gerufen, der auf die Frage, wie schnell er sei, zur Antwort gab: So schnell wird es Menschengedanken! Gut, versetzte das Nebelmännlein, Du bist der Rechte auf mit im und davon. –
Der Ritter wusste nicht, wie ihm geschah. – Als er erwachte, lag er auf dem „Gänsriedersteg“ bei Bodman. Lieblich von der Morgensonne beschienen, glänzte der See und die hohe heimatliche Burg, die Glocken riefen zur Kirche. Bei dem Festmahle, das der Trauung folgte, wird dem Fremden im Schlosshofe stehenden Pilgrim hereingerufen und ihm einen Ehrenplatz angewiesen; die Braut selbst kredenzt ihm den üblichen Trunk. Der Ritter lässt seinen Ehering in den Wein fallen, und die gute Frau, als sie Bescheid thun will, sieht das Zeichen auf das Bechers Grunde liegen -sie wird aufmerksam – und erkennt in dem Gaste den todt geglaubten Gemahl – und Alles endet in Freude, der Ritter aber löst getreulich sein Versprechen wegen des Nebelglöckleins. – Gewöhnlich wird der Geschichte im Volksmund durch Verknüpfung der späteren Sage ein tragisches Ende gegeben.- Die Frau will den, durch lange Jahre und Mühseligkeiten gealterten Gemahl nimmer erkennen, worauf dieser des Himmels Strafe und Verderben über die Ungetreue und ihr ganzes Haus herabschwört. Sogleich erfüllt sich die Verwünschung. Ein Wetter zieht am Himmel auf, und der Strahl entzündet die Burg, in welcher alle in den Flammen den Tod finden, mit Ausnahme des jüngsten Sprößlings eines anwesenden Ritters von Bodman, der durch die Geistesgegenwart der Amme gerettet wird. Bis auf den heutigen Tag wird im freiherrlichen Schlosse der Kessel, in dem das Kind gelegen, als Familienreliquie aufbewahrt. Und jeder Fremde, der das gastliche Haus besucht, übt gerne den alten Brauch, stehend auf dem Grunde des ehernen Gefäßes einen Becher Weins auf das Wohl des Geschlechtes von Bodman zu lehren.
Noch soll zuweilen bei niederem Wasserstand die versenkte Nebelglocke gesehen werden. Das Nebelmännlein aber hat seinen Sitz im „Löchle„, einer angeblich unergründlichen Tiefe des See’s bei Bodman, welcher Fleck bei größter Kälte niemals zu gefriert. In stillen Nächten steigt der silberbärtige Alte auf, beirrend die Schiffsleute und beschadigend mit kaltem Reife die Reben.
Die Keller unter dem Schlösslein Frauenberg sollen den heiligen Othmar beherbergt haben. Ein Platz am See heißt noch heute das Othmarsenstücklein; von hier soll der fromme Mönch, aus seinem Kerker entlassen, trockenen Fußes über den See, an das jenseitige Ufer gewandelt sein. – Auch von der ehemaligen Stadt Bodungo lebt noch eine Tradition im Volk. Ein großes Stück Feld, westlich vom Dorf „auf Mauern“ geheißen, soll ihre alten Fundamente bergen.
Unter den hiesigen alten Volkssitten findet sich auch der anderwärts herrschende, jetzt aber abgekommene Brauch, Gegenstände der Landwirtschaft, die vom saumseligen Bauern über Winter draußen im Felde gelassen worden, vogelfrei zu erklären und zur Fastnachtszeit lustig zu verschmausen. – Noch in den dreißiger Jahren holten die Bodman junge Bursche einen Sägklotz vom Felde und schickten sich an, die gute Prise im Wirtshaus zur „Linde“ zu vertrinken – aber man erklärte ihnen, die alten Privilegien hätten aufgehört, und das Fasnachtsrecht sei außer Kraft.
In einer handschriftlichen Chronik fand ich einen ähnlichen Zug aus Hintschingen in der Baar. Bauernweiber, darunter die Frau Vögtin selbst, holten am Aschermittwoch einen im Felde stehen gebliebenen Pflug und hielten auf Kosten des Eigentümers einen Schmaus im Wirtshaus.
Von Bodman bis Wallhausen, die ganze Uferstrecke entlang, führt kein eigentlicher Weg. Ein schmaler Raum zwischen Wald und See dient bei niederem Wasserstand dem Fußgänger zum notdürftigen Pfad. – Von Bodman hatte ich einen Führer und Packträger mitgenommen. Die Luft war immer noch stürmisch, aber wolkenlos und klar. Ein Sonntagnachmittag, ganz geeignet, einen so wild einsamen Landstrich zu durchwandern. Das brausende, tief erregte Gewelle in seinem dunklen Blau bildete einen wundersamen Gegensatz zum jenseitigen grauen Felsgestade und seine sonnenhellen Höhen im zartgrünen Frühlingsgewande. Glänzend stand die verlassene Kirche Neubirnau’s als erhabener Mittelpunkt in der schönen Landschaft.
Während mir längs des Kranzes von verwelkten Blättern, den in vorigen Herbst der Wald dem wellenreichen Bodan um die Stirne gelegt, dahin wandelten, erzählte mein Begleiter mancherlei auf die Gegend bezügliches. – Entlang dem düsteren Bodenwalde, der sich weithin über den Rück ausbreitet, gelangt der Wanderer zu einer Schlucht, über welcher in kolossalen Trümmern auf Felsen die Burg Kargeck, vergessen von der Welt, seit Jahrhunderten die Einsamkeit hütet. Sie ist Eigentum der Herren von Bohman und soll im Bauernkrieg gebrochen worden sein. – Das Gemäuer überblickt weithin den See, und die Besitzer konnten den von Hohenfels am jenseitigen Ufer in die Fenster schauen.
Nach einer Volkssage lebte in dem alten Schlosse eine schöne Fräulein, Fortunata, die von einem Ritter von Hohenfels geliebt wurde. Aber nur in dunkeln, sternenlosen Nächten durfte der Erwählte es wagen, sein von einem tyrannischen Vater bewachtes, Mädchen zu besuchen. Ein zweiter Leander, schwamm er über den breiten See nach dem Schlosse, wo auf hohem Söller ein Licht brannte – das Zeichen der Sicherheit und zugleich dem nächtlichen Schwimmer ein Leitstern. Während er einst dieses Wagnis unternahm, erhob sich ein Unwetter, der rasende Sturm verlöschte das Licht – und der weitverschlagene Ritter fand in den Wogen seinen Tod. – Die Liebende aber nahm ihre Treue mit in’s Grab – sie soll die letzte ihres Stammes gewesen sein. Die Sage läßt wunderseltene Schätze in der Burg verschüttet sein, unter Anderem ein Kegelspiel von purem Golde. Mehr waldeinwärts liegt der boman’sche Prachthof Kargeck. Der See soll in dieser Gegend von außerordentlicher Tiefe sein.
Weiterhin, hart am Ufer, kommen wir zum sogenannten Halbmond, einer alten fichtenbeschatteten schroff ansteigenden Felswand mit einer, wie von Menschenhand gebildeten, Bogenstellung. – Ein harmloses Schneiderlein aus einem benachbarten Dorfe suchte einst im Wald nach Haselnüssen. An der dichtbewachsenen Felswand macht er einen Fehltritt und stürzt hernieder. Aus der Betäubung unverletzt erwachend, gelobte er eine Wallfahrt nach Maria Einsiedeln, mit dem Versprechen, dem dortigen Gnadenbilde so viele Pfund Wachs zu opfern, als sein eigenes körperliches Gewicht betrage. Am fernen Gnadenorte angekommen, läßt er sich wägen – und siehe – sein Gewicht beträgt kaum 10 Pfund. Misstrauisch besteigt er die Waagschale zum zweitenmale – da sieht er bloß noch 5 Pfund. Jetzt ahnt er übernatürlichen Einfluss und wie gut es seinen Fürbitterin die Mutter Gottes mit ihm meine, opfert gläubig nach Maßgabe des reduzierten Gewichtes und scheidet neugestärkt im Glauben von hinnen.
Ferner zeigte mir mein Cicerone die Stelle (vis a vis von Überlingen), wo unterm Wasserspiegel verborgen das sogenannte Teufelstisch liegt – ein isolierter Felsblock von etwa 40 Fuß im Durchschnitte, der nur in ganz trockenen Jahrgängen bei außerordentlich niederem Wasserstand zum Vorschein kommt. Wie der gefrorene See, so wird auch dieses Vorkommniß mit einiger Umständlichkeit gefeiert.
Im Jahre 1829, wo der Block zum Vorschein kam, hielt eine joviale Gesellschaft von Überlingen ein Gastmahl und Tanz auf dem alten Felszahn, dem sie ihre Namen und die Jahreszahl meißeln ließen. Auch im vorigen Jahre (1854) kam der Tisch über der Wasserspiegel. Einen außergewöhnlich niederen Wasserstand beobachtete man auch im Jahr 1672 im März. Damals kam bei Konstanz oberhalb der Rheinmühle nächst der Dominikanerinsel ein großes „Horn“ zum Vorschein, auf welchem ein Freischießen abgehalten, unter Zelten gewirtschaftet und von der Kieferzunft ein Fass gefertigt wurde.
Den höchsten Stand des See’s brachten die Monate Juni und Juli im Jahre 1817. Dazumal machten manche seiner kaltblütigen Bewohner Exkursionen in ganz fremde, vorher nie von Fischaugen erschaute Gegenden. In den Straßen und Häusern von Konstanz zum Beispiel wurden häufig Fische gefangen; in Unteruhldingen stand ein Bäcker, der nach seinem unter Wasser gesetzten Backofen sah, eine mächtige Forelle in demselben, und der Kiefermeister zu Mainau hatte sogar das Glück, in der Schublade des schweren eisernen Tisches, der „Binhausstube“ (am Hafen) allerlei Fische zu fangen.
Unter solchen Diskursen gelangten wir, ermüdet von dem Gang auf Sand und Kies, nach Wallhausen. Wir haben bereits vernommen, dass hier seit 1488 die Commende Mainau den Kelnhof besaß, zugleich mit der Gerichtsbarkeit über das Dorf. Der Ort liegt malerisch hübsch mit den zierlichen landschaftlichen Einzelheiten am Tobelbache, der silberhell durch üppige Wiesen, eingefaßt von Obstbäumen, dem See zueilt.- Westlich, in kaum viertelstündiger Entfernung, steht einsam, hoch über dem See, das Schlösslein Burg, jetzt ein herrschaftlich badischer Parthof. Es ist in der Geschichte vom Mainau gesagt worden, wie die „alte Burg“ zu Dettingen 1405 vom Konstanzer Patriziergeschlechte Blarer mit reichenauischer Bewilligung an den Deutschorden gekommen. Hier ist ohne Zweifel die Heimat des Minnesänger Heinrich von Dettingen zu suchen. – Wenig ist vom Sange dieses Meisters der Nachwelt geblieben; aber das Wenige ist Zeugnis eines tiefen, liebreichen Gemüts. Er singt:
„Lieb, liebes Lieb, liebe Fraue! Lieb, Trost des Herzens und der Sinne! Lieb, liebes Lieb, liebe Schaue! Lieb, daß mich raubet deine Minne! Hei, lieber Leib, Selig Weib! Lieb, liebes Lieb, sehnendes Leid mir vertreib!“
Von der alten Burg sehen wir nur wenige Mauertrümmer; aber nebenan erhebt sich wohlerhalten mit Zinnen und Giebeln, das spätere Herrenhaus von einem Graben umgeben. Das ganze Anwesen macht den Eindruck einladender Heimeligkeit, weitentlegen von prosaischem Weltkram. – Von der einen Seite drängt sich ein finsterer Tannenforst dicht heran, während gegen den See ein urwüchsiges Gehölz von Buchen und Fichten den steilen Abhang beschattet. – Im oberen Stockwerk des Pächterhauses finden wir einen kleinen Saal, der mit Ziegelsteinen gepflastert ist und einen Hausaltar hat und einen Erker, dessen Fenster die anmutigsten Fernsichten geben – von der jenseitigen Sängerburg Hohenfels und den schwarzwaldiegen Höhen hinter Aufkirch bis zum weitsichtbaren Heiligenberg und dem fernen Meersburg, wo die Tiroleralpen noch hervortreten – und tief unter uns liegt der See und der abschüssige, wildverschlungene Wald, deren gemeinsames Brausen feierlich im Winde verhallt.
In der Nähe auf einsamer Wiesenau ruht das Dörflein Dettingen, wohin die Höfe Burg, Rohnhausen und das Dorf Wallhausen pfarrhörig sind. – Von hier kehren wir zurück nach Wallhausen, um von da nach Dingelsdorf zu wandern. – Dieses ehemals mainausche Pfarrdorf hat eine eben so malerische Lage wie Wallhausen. Noch tragen viele Häuser die Farben und das heraldische Kreuz des Ordens. Einige vorhandene Wohngebäude in Renaissance rühren von einem komptur’schen Amann des 17. Jahrhunderts her; sie wären werth, von einem Architekten gezeichnet zu werden, ehe die Zeit ihr eigentümliches Gepräge vollends verwischt.
Von Konstanz über Lüzlstetten bis hierher und zur nahen Schiffslände Sankt Nikolaus (Überlingen gegenüber) führt eine ehemals stark begangene Straße, die jetzt durch die Dampfschifffahrt etwas verödet ist.
Über Lüzelstetten, berichtet Freund Bader, besitzt man noch eine wohl erhaltene Urkunde von 1285, worin ein Ulrich von Alga „vom Heiligen Geiste geleitet“ dem Stift Reichenau, zu seinem und seiner Vorälteren ewigem Seelenheil, all‘ seine eigenthümlichen Güter „in Liuzelenstetten“ unter der Bedingniß vermacht, dass ihm dieselben wieder zu einem „rechten Lehen“ verliehen werden. Diese Güter gelangten später an das Ritterhaus zu Mainau und waren vielleicht der Anfang von dessen Besitzungen zu Lüzelstätten. Aber auch das Domstift von Konstanz hatte Güter daselbst, deren Lehnsbesitzer öfters genötigt waren, gegen die strenge ritterliche Oberherrschaft, welche in dem tonsierten Lehnsherrn einen „Sackaufheber“ sah, Klage zu erheben. Komtur und Bischof stunden wohl nicht immer auf dem brüderlichen Fuße miteinander.
Indem wir Lüzelstetten noch besuchen, nähern wir uns wieder unserem Ausgangspunkte, der Insel Mainau. – Dem holden Eilande mit seinem See letzte Grüße zusendend, schlagen wir den Waldweg ein, nach dem einsamen Klosterbau St. Katharina, und weiter zum Dorfe Wollmatingen, an die Ufer des jenseitigen Untersee’s.
Burgruine Altbodman aus der Luft in Richtung Bodman-Ludwigshafen (Foto: Wikipedia)
Ruine Altbodman (Wikipedia)
St. Peter und Paul in Bodman. Bleiglasfenster von 1889, Darstellung: Hl. Otmar, Wappen des Stifters Othmar Freiherr von Bodman-Bodman. Foto: GFreihalter.
Pfarrkirche St. Othmar in Kirchberg. Hochaltar: Statue des heiligen Othmar (1710). Foto: Wolfgang Sauber
Pfarrkirche St. Otmar, Ludwigshafen. Photo: Veit Feger
Wappenscheibe der Fürstabtei St. Gallen im Kreuzgang des Klosters Muri. Wappen der Abtei (Schwarzer Bär auf goldenem Grund), der Grafschaft Toggenburg (Schwarze Dogge auf goldenem Grund) und von Fürstabt Diethelm Blarer von Wartensee; neben den Schilden die Heiligen Gallus und Otmar von St. Gallen; im Oberbild Gallus im Gebet und mit dem Bären. Foto: Marco Zanoli
Die Burg brennt
Schloss Frauenberg
Schloss Frauenberg ist eine ehemalige Burg der Grafen von Bodman bei Bodman-Ludwigshafen und wird heute durch die Communitas Agnus Dei als Kloster Frauenberg genutzt.
Die Burg Frauenberg war ursprünglich der Sitz der gräflichen Familie, bis am 16. September 1307 während eines Familienfestes ein Blitzschlag einen Brand verursachte. Der Legende nach verbrannte die gesamte gräfliche Familie und einige Angehörige des Hegauer Adels. Unter den Opfern waren Conrad, Katharina, Adelheid und Anna von Bodman, Gottfried von Kreyen (Krähen), Heinrich von Blumegg und die Ritter Hans von Bodman und Hans von Schellenberg. Nur der jüngste männliche Namensträger des Geschlechts, der einjährige Johannes von Bodman, überlebte die Katastrophe, indem die Amme das Kind in einen großen Kessel steckte und diesen samt Kind aus dem Fenster warf. Der Kessel stürzte die Felsen hinab, wurde von den Büschen gebremst und blieb schließlich hängen. Der Fundort ist heute durch einen kleinen Obelisken gekennzeichnet.
Nach dem Brand errichtete der Großvater des Geretteten am Ort der vollständig zerstörten Burg Frauenberg eine Kapelle mit Priesterhaus und schenkte diese um das Jahr 1308/09 dem Zisterzienserkloster Salem für die Errettung des Stammhalters. Das Kloster baute die abgebrannte Burg zum Kloster Frauenberg aus. Im Jahre 1515 fanden Baumaßnahmen und eine Neukonsekrierung statt; in den Jahren 1610/11 wurde das Gebäude schließlich erneut umgebaut. Im Zuge der Säkularisation gelangte das Kloster 1806 in den Besitz der gräflichen Familie zurück.
Der Teufelstisch ist eine Felsformation im Überlinger See. Es handelt sich hierbei um eine Felsnadel, die am Bodanrück im Uferbereich zwischen Wallhausen und dem Beginn der Marienschlucht dem Steilabfall des Flachwasserbereichs (dem „Felsen“) vorgelagert ist. Die Felsnadel endet in einer flachen Platte dicht unter der Wasseroberfläche.
Das häufig sogar von der Seeoberfläche aus sichtbare Plateau des Teufelstisches hat eine Größe von rund 22 m × 10 m (Fläche: 160 m²) und liegt normalerweise bis zu 1,5 m, bei Hochwasser bis zu 3 m unter der Wasseroberfläche. Seeseitig fällt die Wand des Teufelstisches fast senkrecht bis in rund 90 m Tiefe ab. Der Teufelstisch befindet sich 50 m vom Ufer und 14 m vom uferseitigen Niedrigwasserbereich entfernt. Ein schmaler Felssteg an der südsüdwestlichen Seite des Tischs, der sogenannte Sattel, verbindet den Gesteinszacken in rund 32 m Tiefe mit dem Gestein des landseitigen Bodanrück-Sockels, so dass tatsächlich nur etwas mehr als 30 m der Zinne wirklich frei stehen.
Das Plateau liegt nur bei sehr starkem Niedrigwasser über der Wasseroberfläche. Bei einem Pegelstand von unter 2,40 Meter wird es teilweise begehbar, ab einem Wasserstand von unter 2,30 Metern ragt die gesamte Oberfläche aus dem Bodensee. Diese Ereignisse werden von den Jahren 1672, 1823, 1829, 1854, 1858, 1909, 1949, 1963 und 1972 berichtet. Alle Angaben aus Wikipedia. Wobei 1829 mit der Tanzgesellschaft bei Wikipedia nicht verzeichnet ist. Auch über 1672 und dem „großen Horn“, dem Freischießen und dem Faß lässt sich nichts finden.
Seezeichen 22, Teufelstisch. Foto: Holger666
Teufelstisch. Foto: Marco Hertwig
Sagen und Legenden um die Burg Tettingen
Wie bei allen Burgen ranken sich auch um die Burg Tettingen Sagen und Legenden. Aber leider sind uns heute nur noch wenige bekannt. Zu ihnen gehören die „Legende von der Christnacht 1790“ und „Das verschollene goldene Kegelspiel.„
Die Christnacht im Jahre 1790
Wie es alle Jahre Brauch war, gingen die Leute vom Burghof auch in der Christnacht 1790 zur Christmette. Um die Mitternachtsstunde wurde diese in der Pfarrkirche zu Tettingen abgehalten.
Tief verschneit lagen Wald und Flur. Silbern glitzerte der Schnee in der klaren Mondnacht. Nur ein schwaches Licht brannte oben in der Burgstube. Hier hütete eine junge Magd, die zurückgeblieben war, das jüngste Töchterlein des Burgherren. Fürchten brauchte sich die junge Maid nicht, denn wachsame Hunde lagen am Eingang der Burg. Wehe dem Fremden, der es gewagt hätte, in die Burg einzudringen. Dumpf und schwer schlug die „Osianna“-Glocke auf dem Überlinger Münster die Mitternacht. Ringsum läuteten die Glocken ihr Jubilate in die Heilige Nacht und kündeten die Geburtsstunde des Herrn. In Kirchen und Kapellen knieten die Menschen und feierten das Wunder der Heiligen Nacht. Friedlich schlief das Kleine in der alten Wiege, in der schon sein Urahn gelegen hatte. Die Magd betete vor dem Herrgottswinkel. Über allem lag ein heiliger Zauber: Christus ist geboren!
Plötzlich horchte die Magd auf. Leise Schritte auf dem Gang, ein Rauschen, wie von einem schweren Kleid. Leise öffnete sich die Türe. In ihr steht ganz in weiß gekleidet ein blühend junges Weib. Als wäre ihr eine Heilige erschienen, sinkt die Magd in die Knie und starrt die geheimnisvolle Dame an. „Fürchte die nicht!“, sprach die Erscheinung. „Es soll dir kein Leid geschehen, aber laß mich kurze Zeit bei dir ruhen und meine Not dir klagen. Endlose Jahre schon muß ich friedlos wandern, von einer Christnacht zur andren. Böses tat einstmals einer meiner Ahnen, er verging sich an der Unschuld eines Mädchens. Nun muß eines unserer Sippe dafür büßen. Mich traf dieser furchtbare Fluch. Kinderlos blieb mein Schoß, und früh mußte ich von dieser Erde scheiden. Doch ruhen darf ich nicht, Denn noch ist der Baum nicht gepflanzt, aus dessen Holz man einst die Wiege schnitzt für den, der mich erlösen soll, einmal in der Christnacht durch sein Beten.“
Sprach’s und leise, wie sie gekommen war, verschwand die Erscheinung wieder. Und wieder umgab tiefe Stille die Magd und ihrern Schützling in dieser geheimnissvollen Nacht.
Das verschollene goldene Kegelspiel
In vielen Burgen haben sich die edlen Herren mit Kegelspielen vergnügt. Kunstvolle Figuren aus Holz und sogar aus reinem Gold wurden verwendet. Eines Tages nun war das goldene Kegelspiel verschwunden. Irgendwo auf dem Burghof hatte es ein Ritter vergraben. Lange hatte man danach gesucht, es aber nie mehr gefunden. In dunklen, unheimlichen Nächten allerdings, soll dieser Ritter, der danach keine Ruhe mehr gefunden hat, dieses goldene Spiel hervorholen und die Kugel rollen lassen. Oft haben früher die Leute dieses unheimliche Rollen der schweren goldenen Kugel vernommen und zwar immer dann, wenn wieder einmal Schatzsucher nach dem verschwundenen Kegelspiel gegraben haben.
Lieb liebes lieb liebú vꝛowe· lieb h̾zen troſt vn̄ der ſinne· lieb liebes lieb liebú ſchowe· lieb dc mih rǒbet din mīne· hei lieb̾ lib ſelig wib· lieb liebes lieb ſendú leit mir v̾trib·
Lieb dv biſt mir nv vil lange· lieb vn̄ han dir vil geſvngē· nach din hulde iſt mir ange· des hat mich mīne betwūgen· ach frowe min· ſich d̾ pin· nimet froͤide mir ſol ich lange alſe ſin·
IR ſchoͤne ir gvͤte ir gebare· hant mich ze tode v̾wundet· des ſtirbe ich nv ī einē iare· ob mich ir troſt niht geſvndet· ach wafena· ſi iſt mir da· lieb vn̄ lit minē herzen vil na·
Das dú zit iſt alſo ſchoͤne· da vō ſiht mā nv die heide· wol gebluͤmet[WS 2] vn̄ dē walt· dar zv̊ ſingēt ſvͤze doͤne· kleine vogel dē vil leide· tet húr ê d̾ wint̾ kalt· ſi vꝛoͤwēt ſich deſ meijen blvͤte· dv́ mih twinget doch mit guͤte· dc dú troſte mī gemvͤte· ich wurd ǒch ze froͤden balt·
Mir wirt alſe wol zemv̊te· ſwāne ich die vil liebē ſvͤzen· ſihe ſo mīneklich getan· da kvmt es mir ǒch zegv̊te· wil ſi mīnekliche bvͤzē· dc ich ſendē kvmb̾ han· vō ir liebeſ wibes mīne· lieb minſ herzen kv́nigīnne· vuͤge dc ich noh gewīne· vō dir troſt vn̄ liebē wā·
Das mī vꝛowe mir gevellet· dc kvmt vō vil maniger gvͤte· vn̄ dē tvgēdē die ſi hat· nah ir bꝛīnet vn̄ wellet· h̾ze lib vn̄ mī gemvͤte· deſ mir ſchiere wurde rat· wils an frúndeſ trúwe denkē· alleſ trurē alleſ krenkē· mvͤſte ſnelle mir entwenkē· ob ſi mich zeliebe en pfat·
Niemā iehe dc ich ſi tvmber· ob ich h̾zecliche mīnē· ein ſo mīnekliches wib· ein lant ſolte g̾ne in kvmb̾· komē moͤht es wol gwīnen· alſe reineſ wibeſ lib· dú ſo manige vv̊ge hete· zizelwehe ſi wol nete· ah dc ichs ir mīne erbete· wol litte ich darvmbe kib·
Codex Manesse, UB Heidelberg, Cod. Pal. germ. 848, fol. 361r: Heinrich von Tettingen Zwischen 1305 and 1315 Quelle: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg848/
Lüzelstetten
Der Name „Litzelstetten“ wurde erstmals 839 als „Luzzilonsteti“ in einer Schenkungsurkunde an das Kloster Reichenau erwähnt. 1272 wurde die Herrschaft in Litzelstetten durch die Kommende Mainau des Deutschen Ordens übernommen, die sie bis zur Säkularisation 1802 behielt.
Als Großherzog Friedrich I. von Baden 1853 die Insel Mainau übernahm, wurde Litzelstetten zu einem seiner Lieblingsorte, was sich auf die Entwicklung des Dorfes positiv auswirkte. Bis 1918 war die Insel Mainau, das Gebiet des heutigen Stadtteils Egg und das frühere Kloster St. Katharina ein Teil der Gemeinde Allmannsdorf. Im Jahre 1915 wurde Allmannsdorf in die Stadt Konstanz eingemeindet. Nach 1918 entschieden die Grundeigentümer der Mainau, dass die Insel und das in ihrem Eigentum befindliche ehemalige Kloster St. Katharina zur Gemeinde Litzelstetten gehören sollte. Erst mit der Eingemeindung von Litzelstetten in die Stadt Konstanz am 1. Dezember 1971 wurden die Mainau und St. Katharina wieder Teil der Stadt Konstanz, verblieben jedoch beim Stadtteil Litzelstetten. (nach Wikipedia)
Wie Lucian Reich auf „Lüzelstetten“ kommt, konnte ich nicht heraus finden.
Für die dunkle Jahreszeit empfehle ich die Insel Mainau und der Badische Bodensee von Lucian Reich aus 1856. Das Buch hatte ich im Winter 2022/2023 hier vorgestellt und möchte es jetzt aktualisieren.
Ich möchte hier erwähnen, dass ich das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift vorgelesen habe, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren. Man möge mir verzeihen: Mir ist das Deutsche vor 200 Jahren sehr fremd und das oft Zitierte aus dem 18., 17. und sogar 16. Jahrhundert ist aus heutiger Sicht fast unverständlich. Dazu kommt die eigenwillige Rechtschreibung und eine fremde Denkweise. Da viele Worte der alten Sprache von mir gesprochen und vom Programm transkribiert wurde, sind viele Worte in moderner Schreibweise im Text. Ich habe dies meistens aus Bequemlichkeit und für den Leser so stehen lassen. Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches hier gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz. In blau einige Fotos und Erklärungen.
Hier der das Kapitel Goldbach, Sipplingen und Ludwigshafen
Von Aufkirch schlug ich den Fußweg nach Goldbach ein. Dieses Dörflein liegt am Ausflusse des Baches gleichen Namens mit einer malerischen Schlucht. Die Einwohner sind der Gemeinde Überlingen zugeteilt. Das Kirchlein soll eines der ältesten der Gegend sein; es hat den Papst Silvester zum Heiligen. Die Strasse hierher und weiter ist in Felsen gehauen, die überall schroff emporsteigen und an deren Absätzen kaum der genügsamen Föhre einiges Wachstum gönnen.
Das längst den hohen Felswänden tiefliegende Terrain eignet sich vorzüglich zum Weinbau; die Hitze erreicht hier im Sommer und Herbst einen außergewöhnlichen Grad, während die stets aus dem Gestein sickernde Feuchtigkeit eine allzu große Trockenheit des Bodens verhindert. – Die Vegetation um Goldbach ist die früheste am ganzen See. Einige 1000 Schritte vom Dorfe tritt der Fels hart am Seegestade heran. Aus der Felsmasse blicken wunderliche Fensteröffnungen und Eingänge; es sind die rätselhaften Heidenlöcher. Nur wenige Reste sind noch davon zu sehen, weil der neuen Straße nothwendig ein Teil des Felsvorsprungs weichen mußte. Doch ist genug übrig geblieben, um den Charakter des Ganzen darin zu erkennen. Eine Stiege, in den weichen Molaß gehauen, führt zu den verlassenen Gemachen, deren es ursprünglich viele waren – Stuben, Kammern, Küche und Keller, alles in Felsen gehauen. Die Sage eignet den Bau den Heiden, auch verfolgten Christen zu, während Neuere römischer Arbeit daran erkennen wollen. Bis jedoch die Gelehrten einig sind, mag es jedem Einzelnen anheim gestellt bleiben, das einsame Felsenfest auf die eine oder andere Weise entstehen zu lassen. Seine unzugängliche Lage scheint jedenfalls für einen Zufluchtsort zu sprechen; die Weichheit des Gesteins mochte zunächst auf einen solchen Gedanken geleitet haben, wie denn in der Nachbarschaft noch häufig ähnlich beschaffene Keller, Felshütten usw. anzutreffen sind.
In späterer Zeit dienten die Kammern, allerlei Gesindel und Landfahrern zum Aufenthalt. – Die letzte historisch erwiesene Person, die darin hauste, ist ein Spitzbube, vulgo „der kleine Fidele“.
Dieser Mensch war in den vorigen 80er Jahren durch seine Einbrüche und frechen Diebstähle lange Zeit der Schrecken der Umgebung, ohne dass man seiner habhaft werden oder seinen Aufenthalt ausfindig machen konnte. Da sahen eines Morgens Fischer, welche den wellenbespülten Felsvorsprung umruderten, Rauch aus einer der Löcher dringen und zugleich den Kopf eines Menschen eilig sich zurückziehen. – Es war der kleine Fidele, welcher in der Morgendämmerung, während sein Frühstück am Feuer schmorte, zur Felsburg herauslugte über das Bereich der Gewässer und Dörfer, die ihm tributpflichtig waren. – Es wurde Lärm gemacht und Mannschaft herbeigeholt, die, an Stricken von oben herab gelassen, in die Höhlen eindrang und den Burgherrn nach verzweifelter Gegenwehr gefangen nahm. An welchem luftigen Rabenstein er sein tatenreiches Leben beschloß, meldet die Geschichte nicht.
Der Abend war bereits herangekommen, als ich diese Gegend durchzog. Geisterhaft finster schauten die halb zerfallenen Taglöcher aus der gelblichgrünen Masse, und bildete dieser Vorgrund einen auffallenden Contrast zu dem glühenden Abendhimmel, in welchem wie auf Goldgrund das alte Bodmerschloss ragte und die Kirchturmspitze von Sipplingen.
Weiterhin gegen Brünnensbach war ehedem eine Einsiedelei mit Küche und Schlafstelle, ebenfalls ein Felsenwerk. – Die Phantasie mag sich’s poetisch ausmalen, hoch über dem Wellengebrause, unangefochten vom Weltenlärm, in einsamen Felskämmerlein der Beschaulichkeit zu leben. Aber ein gewisser Heroismus oder, wenn man will, ein wunderlicher Heiliger gehörte ebenfalls dazu. – Man denke sich wochenlange, tödlich einförmige Regentage, die Schauer der Nacht, wenn kalte Winterstürme dem verschwundenen Frühling und Sommer das Requiem singen, wenn der Schlaf das Lager flieht, in Stunden, wo die trübsinnige Seele nach menschlicher Teilnahme sich sehnt. Ein solches Einsiedelgemüt – gleicht es nicht der Pholade, die in Felsen eingebohrt, mitten im Gebrause des Weltenmeers, einsam, sich selbst leuchtend, ein wunderliches Stillleben führt?
In der Nähe dieser Felsklause stand die uralte Sankt Katharinakapelle, die ebenfalls dem Straßenbau geopfert werden mußte. Sie enthielt unter Anderem eine Votivtafel, die folgendem Vorfall ihr Dasein verdankte. Ein Bauer pflügte mit einem Ochsengespann auf den Feldern unmittelbar über der Kapelle. Sein 15 jähriges Töchterlein leitete das Zugvieh. Durch einen Zufall werden die Tiere scheu, das Kind wird in eine Stränge verwickelt und mitgerissen über die Felswand hinunter in den See. Erstarrt und händeringend steht der Vater -aber siehe, welch ein Wunder! – Unversehrt schwimmen die beiden kräftigen Tiere dem jenseitigen Ufer zu, und die Jungfrau hält sich krampfhaft fest am Riemenzeug – und so teilt der wunderbare Zug, beschützt von himmlischen Mächten, die Wogen und landet glücklich am jenseitigen Ufer des tiefen, wohl eine halbe Stunde breiten Sees. – Aus Dankbarkeit gegen die heilige Katharina, deren Schutz der bedrängte Vater in dem qualvollen Momente angerufen, ließ dieser nachher das Gemälde verfertigen und in der Kapelle aufhängen. Als diese vor einigen Jahren weggeräumt wurde, nahm der Pächter vom gegenüber liegenden Kargeckerhof die Tafel an sich, wo sie bis auf den heutigen Tag noch zu sehen ist.
Wem aber dieses Ereignis in Bezug auf die Ausdauer der Tiere unglaublich scheinen möchte, der kann sich hin und wieder am See Ähnliches aus neuerer Zeit berichten lassen. So zum Beispiel verwilderte vor einigen Jahren dem Pächter auf der Mainau ein Stier, der sich in der See warf und an das jenseitige, wohl drei Viertelstunden entfernte Ufer schwamm, wo er noch einige Zeit verwüstend in den Feldern hauste. Ebenso erzählte ein Metzger, der zufällig mit mir von Allensbach nach der Reichenau überfuhr, wie er kürzlich auf der Insel eine Kalbin gekauft und zu Schiff nach Allensbach habe verbringen wollen. Scheu geworden durch die Ruderschläge, sprang das Tier zum großen Schrecken des Eigentümers ins Wasser, schwamm aber, gezähmt durch das ungewohnte Element, folgsam dicht neben dem Kahne bis zum gegenüberliegenden Landungsplatze.
Jenseits der Heidenlöcher, gegen Sipplingen zu, heißt das Gelände an den Felsengründen der Rosenberg und ist einer der vorzüglichsten Weinlagen am ganzen Seeufer.
In Sipplingen nahm ich mein Nachtquartier. Das Wirtshaus zum Adler, in dem ich logierte, war ehemals ein Nonnenkloster. Die Schwestern hatten vor Zeiten ihren Sitz oberhalb des Pfarrdorfes auf der sogenannten Nonnenebene; als die Gebäulichkeiten zu Ende des 17. Jahrhunderts durch Brand zerstört wurden, siedelten sich die Nonnen im Dorfe an. – Nach der Tradition wurde Sipplingen durch die Schweden abgebrannt; nur ein einziges Haus blieb verschont und zwar durch folgenden freundlichen Zwischenfall.
Als die Schweden und ihre Verbündeten das Dorf in Flammen aufgehen ließen und an diesem Häuslein auch die Brandfackel anlegen wollten, sprang ein Soldat hervor und bat um Schonung. Vor mehreren Jahren sagte er seinen Kameraden, sei als armer wandernder Handwerksbursche, den man nirgends beherbergen wollen, hier in diesem Hause gastlich aufgenommen und unentgeltlich mit einem Trunk Rotwein bewirtet worden. – Die wilden Kriegsknechte fanden die Einsprache beachtenswert, und die Hütte blieb stehen. Noch heute sieht man an seiner Außenwand eine Weinkanne und einen Becherangemalt. Das Haustürgestell trägt die Jahreszahl 1599.
Die Einwohner Sipplingen’s gehören zu den Tätigen am See, weshalb sie von ihren Nachbarn vorzugsweise zu Arbeitern begehrt werden. Ihr Feldumtrieb ist ein eigentümlicher; noch vor wenigen Jahren ging hier ein Pflug, kein Pferde- oder Ochsengespann ins Feld, Alles wurde und wird größten Theils noch durch Menschenhand verrichtet. – Es hat etwas Schönes, die Leute mit ihren silberglänzenden Spaten in’s Feld gehen zu sehen. Diesen, allerdings mühevollen Feldbauverhältnissen ist es zuzuschreiben, dass kein Auswärtiger sich so leicht nach Sipplingen verheiratet oder eingekauft, weshalb der Ortsstamm noch ein ganz unvermischter und eigentümlicher ist.
Der Weinbau hat sich in neuerer Zeit sehr gehoben und das Sprichwort vom sauren Sipplinger durchaus zur Unwahrheit gemacht. Der üble Ruf, in dem dieser Wein früher stand, hat es sein Entstehen vorhandenen Grundverhältnissen zu verdanken. Das meiste Geländ war fremdes Eigentum, und wurde gegen die Ertragshälfte gebaut; die Bauern aber behielten die bessere zurück und gaben das Schlechtere, taten auch überhaupt wenig zur Veredelung der Sorten. Wenn nun der Zinswein in den fremden Kellern zum Verkauf kam, verzog es den Kauflustigen schon unwillkürlich den Mund beim bloßen Ausrufen des Namens „Sipplinger“, der höchstens als Trunk für die Dienstboten gekauft werden mochte. In neuerer Zeit ist aber, wie gesagt, der Sieblinger bedeutend besser als sein Ruf, ja er ist den besten Weinen der ganzen Gegend beizuzählen. Ein Grund der Verbesserung ist die Ablösung der Grundzinse und das Eigenmachen der Grundstücke. Zu dem kam noch ein anderer wohlthätige Einfluss: „Der Herr Markgraf Wilhelm“, sagen die Bauern, „hat uns die ersten Setzlinge edler Rebsorten geschickt. Ihm verdanken wir sehr viel.“
Nicht wenig zur Hebung der Culturverhältnisse hat auch die neue Straße von Überlingen über hier nach Ludwigshafen beigetragen. Bevor sie gebaut war, lag Sipplingen, zu Lande wenigstens, abgeschlossen in seiner berg- und felsumgebenden Kluft. Die Einwohner sehen deshalb den Straßenbau mit Recht als eine große Wohltat an, und vielfach hörte ich die Äußerung: der Weg solle zu dankbarster Erinnerung an ihren durchlauchtigsten Begründer die Leopoldstraße heißen.
Nahe beim Dorf liegt am Absatz der mächtigen Felswand die Ruine Hohenfels, ein kolossaler, zerrissener Burgturm, umgeben von zertrümmerten Wohngebäuden und einer Ringmauer. Es ist die Heimat Burckharts von Hohenfels, des lieberfüllten Sängers und kühnen Weidmanns, dem zu Mute ist „wie dem wilden Fisch im Bären (Bähren, Garn); dessen Freiheit sich neigt, der vielen Liebe zu; – die so gewaltig sitzet auf seines Herzens Thurm, der veste ist von allen Sitten.“ –
Noch hat sich im Volke das Andenken einer „guten Frau Hildegard vom alten Schloss“ erhalten, welche, die letzte ihres Stammes, bedeutende Vergabungen an die Kirchen der Umgebung und an das Spital zu Überlingen gemacht haben soll. Ein Platz bei Hohenfels heißt noch heute das Hildegardens Gärtle. Die Sage berichtet der Guten einen Schweinskopf an und läßt sie ihre Nahrung aus einer silbernen Schüssel zu sich nehmen.
Unterhalb der Burg steht der Hohenfelserhof, und in der Nachbarschaft finden sich die Trümmer der Bergschlösser Clausberg und Heldenburg, die mit mehreren Dörfern im Überlinger Amte die Herrschaft Althohenfels ausmachten, im Gegensatz zu den Neuhohenfels, das von dem deutschen Orden an die Fürsten vonZollern kam.
Eine der herrlichsten Aussichten am ganzen See gewährt ein aus dem Walde hervortretenden Felszacken beim Haldenhof, oberhalb der Burg Althohenfels. – In glänzender Pracht entsteigen die herrlichen Alpen und die Hegauer Berge majestätisch dem Gesichtskreis, während die dunklen Forste des Rück, der Untersee mit Reichenau, der Ober- und Bodmersee von Ludwigshafen bis Bregenz, ausgebreitet zu unseren Füßen liegen.
Nach etwa einstündiger Pilgerfahrt kommen wir nach dem alten Gernantingen, welches seit seiner Erhebung zum Hafenplatze den Namen Ludwigshafen führt.
Gernartingen gehörte früher mit Sipplingen zur Grafschaft Neuenburg, deren Hauptort Stockach war. Beide Orte verbindet eine alte Straße. – Der verewigte Großherzog Ludewig faßte den Plan, dem trefflich gelegenen Verkehrsplatze einen Hafen zu geben. Die neue Schöpfung erhielt rasch große Handelsbedeutung, verlor aber durch die württembergische Eisenbahn und ihre Endstation Friedrichshafen einen großen Teil ihrer Frequenz; doch ist der Transithandel mit Salz, Holz usw. noch immer sehr lebhaft. Nach dem Volksglauben wäre Gernatingen eine der ersten Stätten des Christentums und die Kirche auf den Grundmauern eines Heidentempels errichtet. Der vorhandene Bau ist jedoch einfach mittelalterlich. An einer Außenwand sind noch Überreste eines Fresko Bildes sichtbar, ein heiliger Christoph und zwei Wappenschilde, deren Embleme nicht mehr zu erkennen sind. Vielleicht beziehen sie sich auf das ehemals hier ansässige Adelsgeschlecht.
Einige 100 Schritte vom Dorfe steht eine Gottesackerkapelle, die aus Dank für das Verschwinden einer großen Viehseuche im 17. Jahrhundert errichtet wurde. Es kam bei diesem Bau die besondere Bestimmung vor, dass eine Kuh von der Gemeinde Herde geopfert, das heißt der Erlös von ihr zur Ausschmückung der Kapelle verwendet werden sollte. Der Zufall mußte entscheiden, von welchem Eigentümer der Beitrag erhoben werden durfte. Man legte nächst dem Neubau eine Stange quer über den Weg und bestimmte, dass die Kuh, welche beim Eingang der Herde das Ziel zuerst überschreiten werde, das verlangte Opfer sein solle. Und siehe, das schönste Stück der ganzen Herde schritt zuerst über die Stange.
Wie die Nachbarorte Sipplingen wird auch hier die gute Hildegard als Wohltäterin verehrt. Nach der Tradition wäre sie die Besitzerin eines noch vorhandenen Schlössleins gewesen, welches jetzt Privateigentum, früher mit Mauern und Graben umgeben, eine Freistatt für verfolgte Verbrecher war.
Im Wirtshaus zum Adler nahe dem Hafen nahm ich Quartier. Nach einer Weile trat ein alter wandernder Musikant herein und bestellte für sich und sein Töchterlein einen Teller voll Suppe. Er erzählte den Anwesenden, dass er in einem nahen württembergischen Grenzorte zu Hause sei und vom Stockacher Jahrmarkt komme, wo er und sein Kind musiziert hätten; das Ergebnis sei aber ein schlechtes gewesen und habe nur wenig über die Erlaubnißtare betragen. Während dem Reden hatte er sein Instrument hervorgezogen und gab, begleitet von der Tochter, ein Stück seiner Kunst zum Besten. Er spielte die (altgriechische) Doppel- oder, wie er sie nannte, Duceflöte; sein Töchterlein, ein ärmlich aber rein gekleidetes Mädchen von 13 Jahren, blies das Waldhorn dazu.
Die Musik bei offenen Fenstern mochte weit in den stillen blauen Frühlingstag hinausströmen, denn alsbald erschien der Ortspolizeidiener, um mit strenger Miene zu fragen, ob das Paar Erlaubnis habe öffentlich zu spielen. – Der Alte nahm seine beiden Pfeifen vom Munde und sagte, mit ironischem Humor auf das Süpplein deutend, das unterdessen aufgetragen worden: „Ich mache für mich Tafelmusik“. Der Dienstmann stand verblüfft, und entfernte sich ohne weitere Einsprache. Die Zuhörer aber freuten sich des guten Einfalls und ließen für den launigen Alten und seine Mignon den Teller herumgehen.
Der jetzt erloschenen Namen Gernatingen spielt übrigens in der Geschichte des bodenseeischen Bauernkriegs eine kleine Rolle. Es lag in dem Dorfe einmal die Mannschaften des schwäbischen Bundes und der Städte, während der kritischen Momentes einer Unterhandlung mit dem sogenannten Seehaufen. Da ergaben sich 600 Bauern, welche Gernantingen hatten erobern sollen, an die Bündischen und dieses entschied den Vorteil der letzteren. – Noch findet sich ein Schreiben vor, worin für einen gefangenen Gernatinger, welcher sich „im verschinen Baurenkrieg unabgefallen und erlich bei der Oberkeit gehalten“ Fürsprache eingelegt wird.
Die Heidenhöhlen sind westlich des Dorfes Goldbach in den Molassesandstein des fast senkrecht abfallenden Heidenlöcherfelsens eingehauen, der früher bis in den See hineinragte. Dadurch sperrte der Fels das Ufer, so dass dort nur ein Fußweg bei niedrigem Wasserstand von Goldbach Richtung Sipplingen führte.
Nordwestlich des ebenfalls zu Überlingen gehörenden Weilers Brünnensbach gab es eine weiter Stelle, an der der Molassefels bis zum Seeufer reichte. Dort befand sich dieFelskapelle St. Katharina, die aus Hohlräumen im Fels bestand und früher Wohnstätte eines Einsiedlers war. Der Uferweg führte direkt durch die Kapellengrotte, die mit Kruzifixen und Heiligenbildern ausgestattet war.
Die Heidenhöhlen wurden 1846 zum Teil zerstört, als für die Bodensee-Uferstraße (die spätere Bundesstraße 31) eine Schneise durch die Felsen gesprengt wurde. Durch ein Unwetter stürzte 1960 der östliche Teil der Höhlen ein. Daraufhin wurden weitere Teile wegen Einsturzgefahr zur Sicherung der nahe gelegenen Bundesstraße gesprengt.
Auch der Felsen bei der Katharinenkapelle und die Kapelle selbst wurden im Jahre 1847 für den Straßenbau zerstört. Danach wurde im verbliebenen Felsenrest ein schmuckloser „Ersatzraum“ angelegt, der an die alte Kapelle erinnern soll. Der Raum ist heute vergittert und unzugänglich; zudem ist es gefährlich, zu der Stelle zu gelangen, denn an der vielbefahrenen Bundesstraße gibt es dort keine Haltemöglichkeit. Der Rest des Katharinenfelsens gehört heute zu einem gleichnamigen kleinen Naturschutzgebiet. Aus Wikipedia
Historische Ansicht der Heidenhöhlen bei Goldbach vor 1846. Stahlstich, publiziert in: Eugen Huhn: Das Grossherzogthum Baden in malerischen Original-Ansichten. Darmstadt: Lange, 1850 (Wikipedia)
Gletschertopf im Naturschutzgebiet Katharinenfelsen. (Wikipedia)
So unglaublich es ist, was unsere Großväter mit der Sprengung im Jahr 1960 angerichtet haben, so ist es noch blöder, dass keiner die Höhlen vorher fotografiert, beschrieben oder kartiert hätte. Eigentlich fehlen einem die Worte über so viel Banausentum und ich stelle die Männer in die geistige Reihe der Taliban die genau dies 2001 mit den Buddha-Statuen von Bamiyan getan haben.
Zum Glück war die Generation vor den Nazis geistig rege und es wurde ein kleines Bisschen von ihnen über die dunkle Zeit gerettet. Hier einige Bilder aus den Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung aus dem Jahr 2011, Band 129, S. 77-132 „Heidenhöhlen“ von Ralf Keller.
Der dankbare Schwede oder das Weinglas am Bodensee
Im Frühjahr 1634 belagerten schwedische Truppen unter General Horn drei Wochen lang die feste Stadt Überlingen, aber sie konnten sie nicht einnehmen. Aus Ärger über den Misserfolg ließ General Horn beim Abrücken seiner Truppen mehrere Dörfer im Linzgau und Hegau, Sipplingen, Nesselwangen, Weildorf, Frickingen und Altheim ausplündern und in Flammen aufgehen.
Das Dorf Sipplingen wurde bis auf ein einziges Haus niedergebrannt. Als auch an dieses letzte Haus die Brandfackel gelegt werden sollte, trat einer der schwedischen Soldaten vor seinen Offizier und bat um Schonung des Hauses. Gerührten Herzens erzählte er seinem Vorgesetzten, er sei vor Jahren als armer Handwerksbursche müde und hungrig in dieses Dorf gekommen und habe um bescheidene Gabe gebeten. Überall aber sei er unbarmherzig abgewiesen worden, nur in diesem Haus sei er gastfreundlich aufgenommen und mit Speisen und einem Becher Rotwein bewirtet worden. Der schwedische Offizier freute sich über die dankbare Gesinnung des Soldaten und befahl, das Haus und seine Bewohner zu schonen. So blieb das Haus stehen, bis es im Jahre 1858 wegen Baufälligkeit abgebrochen werden musste. Über der Haustüre war damals noch die Jahreszahl 1599 zu leben, und an der Hauswand war ein Weinkrug und ein Weinglas gemalt, und darunter stand der Spruch: „Seid barmherzig, dann wird auch euch Barmherzigkeit erwiesen werden!“
Gegenüber von Altbodmann, am jenseitigen Ufer des Ueberlinger See’s, ragt ein hoher Fels, abgesondert von der übrigen Bergkette, und auf ihm stehen die Ruinen der alten Burg Hohenfels. Ihr Name hat sich im Volke nur noch in dem sogenannten Hohenfelser Hof, der am Fuße des Berges liegt, erhalten. Dort erzählen die Leute von einer besonders wohlthätigen Frau von Hohenfels, die einst auf der Burg wohnte. Sie soll sich durch reiche Stiftungen an die Kirchen der Umgegend und durch unzählige Almosengaben verewigt haben. Das Volk nennt sie daher nur die gute Frau Hildegard. Ein Platz nahe der Burg Hohenfels heißt jetzt noch das „Hildegardens-Gärtle.“ (Wikipedia)
Doppelflöte
Eine Doppelflöte ist eine Flöte mit zwei separaten oder miteinander verbundenen Spielröhren, die zugleich angeblasen werden. In Europa bestehen Doppelflöten üblicherweise aus einem Holzstück, das zwei über Kernspalte angeblasene Spielröhren enthält, seltener kommen gedoppelte Längsflöten ohne Kernspalt vor und eine Besonderheit stellen in Indien ungefähr mittig angeblasene Querflöten dar. Je nach Anordnung der beiden Grifflochreihen sind Doppelflöten für ein zweistimmiges Melodiespiel, ein Zweiklangspiel mit einem festen Intervall (Akkordflöte), einen Zusammenklang zweier annähernd gleicher Töne, der eine Schwebung bewirkt, oder – wie in den meisten Fällen – für das Spiel einer Melodie- und einer zweiten liegenden Stimme (Bordun) geeignet.
Links zwei Doppelflöten aus der Schweiz (um 1800) und Deutschland (Ende 18. Jahrhundert), rechts zwei dvojnice aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien (19. Jahrhundert). Metropolitan Museum of Art, New York. Wikipedia
Für die dunkle Jahreszeit empfehle ich die Insel Mainau und der Badische Bodensee von Lucian Reich aus 1856. Das Buch hatte ich im Winter 2022/2023 hier vorgestellt und möchte es jetzt aktualisieren.
Ich möchte hier erwähnen, dass ich das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift vorgelesen habe, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren. Man möge mir verzeihen: Mir ist das Deutsche vor 200 Jahren sehr fremd und das oft Zitierte aus dem 18., 17. und sogar 16. Jahrhundert ist aus heutiger Sicht fast unverständlich. Dazu kommt die eigenwillige Rechtschreibung und eine fremde Denkweise. Da viele Worte der alten Sprache von mir gesprochen und vom Programm transkribiert wurde, sind viele Worte in moderner Schreibweise im Text. Ich habe dies meistens aus Bequemlichkeit und für den Leser so stehen lassen. Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches hier gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz. In blau einige Fotos und Erklärungen.
Hier der das Kapitel Salem und Ueberlingen
Salem
Salem und Uerberlingen
Von Meersburg führt ein Uferweg nach dem Dorfe Unteruhldingen. Dieser Ort, ehemals fürstenbergisch, liegt unmittelbar am See, der Mainau gegenüber, und erinnert mit seinem flachen Ufern und verpfählten Landungsplätzen an Bilder der Niederländischen Schule. – Als wohlgelegene Marktstätte hatte Uhldingen ein großes Kornhaus, welches jetzt, da der Fruchtmark sehr nachgelassen, einer Gesellschaft von acht bevorrechteten Schiffern zum Magazine dient. Noch zeigt man an einer nahen waldbewachsenen Anhöhe die „Knabenlöcher“ verlassene, in den Fels getriebene Gänge, in welchen nach einer Sage einst Gold gegraben und auf dem Heiligenberg, in den „Goldhäuslein“ bei der Heinrichsquelle, geschmolzen wurde.
Der Mittag war heiß, und ich suchte nächst einem Bauernhaus Schatten, wo ein Alter auf grünem Wiesenplatze beschäftigt war, junge nachgesetzte Stämme von Raupennestern zu säubern. Der Mann hatte bereits nahe an die 80 Frühlinge gesehen und trug, eine Seltenheit am See, noch die alte Tracht. – Er schaute den Fremden lächelnd an, als dieser unter Anderem nach den unterirdischen Gängen fragte, wo früher Gold gegraben worden. Es mochte ihm scheinen, als habe er einen Schatzgräber, oder einen goldhungernden modernen Abenteurer vor sich, der in Uhldingen ein zweites Kalifornien suche.
Er wies gleichgiltig mit der Hand nach der Berghöhe, und als ich der Sage weiter nachfragte, meinte er: „von gegrabenem Gold spüre man in der Gemeinde nimmer viel – werde auch wohl Alles nur Erdichtung und Fabelwerk sein.“ Sein großes, ehrliches Gesicht verriet einen Anflug von Beleidigung, dass man ihn für so einfältig halte, an dergleichen zu glauben.
Ich gab ihm Recht, und er erzählte mir, dass vor einigen Jahren ein paar Hirtenbuben, die im Innern der Höhle aus Wunderwitz ein Feuer angezündet hätten, vom Qualm beinahe erstickt, hervor gezogen worden seien. Er berichtete mir mancherlei aus der Zeit, da Uhldingen noch zur Grafschaft Heiligenberg gehörte. Der Fruchtmark sei dazumal ein bedeutender gewesen, und von Sulgau, Altshausen und der Umgegend befahren worden. Alle Mittwoch seien bei 400 Malter Korn von hier über’s Wasser nach Konstanz und in die Schweiz verführt worden. Der Verkehr habe seitdem aber durch die württembergische Eisenbahn sehr gelitten.
Ihre Gemarkung von geringerem Umfang sei erträglich, auch werde etwas Wein gebaut; die Gemeinde habe früher eigene Reben gehabt, und von einem Teil des Weines hätten die Bürger mit ihren Weibern alle Jahr an Fastnacht einen fröhlichen Trunk auf der Gemeindestube gehalten u.s.w.. Die gemütliche Berichterstattung wurde unterbrochen durch ein Kind, welches kam, den Großvater zum Mittagessen zu rufen.
Mein Weg aber ging nach Salem, ein Ausflug landeinwärts von ein paar Stunden. Der Reisende, begünstigt von einer Reihe schöner Tage mit immer gleicher Aussicht auf die weite Wasserfläche und ihren fernen Grenzen, kann leicht von einem Gefühle, wo nicht des Überdrusses, doch gleichgültiger Gewöhnung beschlichen werden, wodurch eine landschaftliche Abwechslung zum Bedürfnis wird.
Die Straße von Unteruhldingen nach Salem führte über Oberuhldingen und Mühlfeld, beides Dörfer an dem Flüsschen Aach. Oberhalb von Oberuhldingen bei Gerhardsberg liegt auf dem weit sichtbaren „Schlossberg„, ganz von dichten Wald umwachsen, eine gebrochene Burg mit einem Walle. Vor vielen Jahrhunderten soll hier ein Ritter von Ober-Riedern gehaust haben, dessen Besitzungen später an Salem kamen. Unter den älteren Fischern und Schiffern herrschte noch jetzt der Glaube, dieser Ritter gehe um, und bei jeder Schiffmannsnoth auf stürmischer See wird der Geist um Hilfe gebeten, und, wie versichert wird, niemals umsonst.
Weiterhin nach dem Kloster begegnen wir dem eigenthümlichen gelegenen Killiberg, einem ehemals salemischen Gute mit Jägerhaus und Kapelle, auf einem Bühel mitten in dem großen waldumgebenden Killi- oder Edelburger Weiher.
Kurz vor meiner Ankunft ward die Leiche eines jungen lang vermissten Burschen in dem Wasser gefunden; bei welcher Gelegenheit mehrere ähnliche Fälle wiederum in Erinnerung gebracht wurden, mit der herrschenden Sage, dass dem tiefen Weiher eine verderbliche, opferheischende Macht inne wohne, – So, hörte ich unter anderem, geschah es einem geachteten Bürger und Metzger von Überlingen, der bei dunkler Nacht an dem Killiweier vorüber wollte, dass eine Gestalt ihn gegen das Gewässer stießt und zuletzt erfaßte, um ihn hinein zu schleudern. Als der Morgen graute, erwachte der Mann aus tiefer Betäubung am jenseitigen Rande des Weihers.
Zwischen Waldung und fruchtbarem Ackergeländ führt der Weg durch Mimmenhausen in den grünen Linzgau, wo in herrlicher wohlbebauter Ebene das ehemalige Reichsstift Salem liegt und von luftiger Höhe die weißen Giebel des fürstenbergischen Schlosses Heiligenberg zu Tal schauen.
Der Bodensee und die Alpen sind dem Blicke verschwunden, und alle Umgebung deutet auf Verhältnisse wohl betriebener Landwirtschaft, die ihren gegenwärtigen Flor hauptsächlich dem Herrn Markgrafen Wilhelm Großherzoglicher Hoheit verdankt. Die Bewirtschaftung der markgräflichen Domaine wird nämlich höchst uneigennützig im Sinne einer Musterwirtschaft für die Umgebung behandelt; Reben-, Acker- und Wiesenbau des ganzen Gaues haben sich unter diesem Einfluss wesentlich gehoben, und die wohlthätigen Folgen werden bis ins späteste Zeiten das schönste Denkmal so ächten hochherzigen Fürstensinnes bilden.
Zu den umfangreichen Gebäulichkeiten des ehemaligen Reichsstifters führen drei Tore. Der Baustil des Ganzen ist der des 17. Jahrhunderts, mit Ausnahme des Münsters und der Vorratshäuser, welche älteren Ursprungs sind. Ein Teil der Räumlichkeiten dient zum Sitz des großherzoglichen Bezirksamtes des markgräflichen Rentenamtes und zur Elementarschule. usw.. Der Klosterbau unter Abt Stephan, 1700 ausgeführt, nunmehr ein markgräflich badische Schloss, ist zum Sommeraufenthalte JJ. HH. der Herren Markgrafen wohnlich und geschmackvoll eingerichtet. Den großen Kaisersaal in imposantem Roccocogeschmacke, zieren lebensgroße Statuen in Stuckarbeit von sämtlichen deutschen Kaisern.
Die Klosterkirche, (das Münster) stammt aus dem 14. Jahrhundert und repräsentiert würdig den reinen gotischen Stil. Ihr Inneres wurde jedoch unter Abt Robert, zu Ende der vorigen 70er Jahre, durch Zutaten (Altäre, Statuen, Reliefs x.) im Sinne dieser geschmacksverirrten Zeit dem ursprünglichen Charakter teilweise entfremdet. Wenn dies dem Eindrucke, den der herrlichen Tempel macht, natürlich nicht wenig Eintrag tut, so versöhnt einigermaßen die Solidität und Kostbarkeit des Materials der neueren Ausstattung. Der Hauptaltar, die zahlreichen Seitenaltäre, mit Reliefs, Statuen und Kandelabern, sind von weißem Alabaster, wie solche an den abschüssigen Ufern der Wutach bei Aselfingen und Achdorf vorkömmt. Nachdem die salemischen Besitzungen an das Haus Baden gefallen, überließ Großherzog Ludwig den schönen Tempel der Gemeinde Salem unentgeltlich zur Pfarrkirche.
Es war gerade Morgengottesdienst, als ich die Kirche betrat; der ehrwürdige 86-jährige Pfarrer Honoratus Hapt, der letzte der ehemaligen salemischen Klostergeistlichen, las eine stille Messe; nur wenige Andächtige waren zugegen. – Der Priester schien ein abgeschiedener Geist aus früheren Tagen, von dessen Pracht und Reichtum die hohen Säulen und Marmorbilder noch stumme Zeugenschaft gaben. Als der Greis mit zitternder Hand die Gemeinde gesegnet hatte und vom Altar zurückgetreten war, sah ich ihn nach einer Weile, umgeben von einer Gruppe Schulkinder, die ihn wie zum Schutze begleiteten, über den Platz seiner nahen Wohnung zuschreiten.
Bei einem Besuche, den ich ihm machte, erzählte er viel von den Zeiten des Klosters; ich erfuhr, dass die alabasterernen Altäre der Kirche in der Werkstätte der salemischen Laienbrüder verfertigt wurden. Bei Aufhebung des Stiftes habe die Zahl der Konventualen achtundsiebzig betragen, eine verhältnismäßig geringe Zahl, da wegen Kriegs- und anderen Umständen längere Zeit keine Novizen mehr aufgenommen werden konnten.
Unter anderem zeigte mir der alte Herr auch ein kleines Bildlein, welches, von einem Freund entworfen, ihn selbst darstellt, wie er betend und sich geißelnd in der Zelle kniet, eine dampfende Tabakspfeife im Mund. Er hatte sich, erläuterte er mit liebenswürdigem Humor, in früherer Morgenstunde einst verleiten lassen, ein Pfeifchen zum Fenster hinaus zu rauchen, als es an der Türe klopfte und der Erschrockene rasch in die Knie sank und sich, wie im Gebet begriffen stellte. Die Schauöffnung an der Türe hatte ihn aber verraten, und er mußte Buße tun.
Als ein natürliches Dokument der alten Zeit betrachtete ich die riesenhafte Linde in dem Klosterhofe. Es ist anzunehmen, dass der Baum irgend einem historischen Moment sein Dasein verdankt. – Zur Zeit aber, wo das Stift noch eigene Gerichtsbarkeit hatte, gab es ein Sprüchwort unter dem Volke: „er ist schon unter der Linde gelegen.“ -was jedoch dem, auf welchem es angewendet wurde, nicht zu sonderlichen Ruhm gereiche. Denn unter dem kühlen Schatten der altwürdigen Linde wurden der Göttin Themis von Amtswegen jene Opfer gebracht, bei welchen der Stock eine Hauptrolle spielte.
Dem Baume hatte aber der Zufall oder das Geschick noch eine Bedeutung höheren Sinnes zugedacht. – Als ich schon seit Wochen von meiner Bodensee Reise wieder zurückgekehrt war, erhielt ich ein Schreiben von achtbarer Hand* des Inhalts: „Die große Linde gehörte zu den allerältesten Bäumen in der Umgegend und erscheint in den frühesten gezeichneten Planen und Ansichten des Klosters Salem. Sie ist älter als das vorhandene Klostergebäu; eine sonderbare Fügung des Zufalls, oder wie man es nennen will, wollte, dass der Baum am 25. April des Jahres plötzlich und unerwartet, ohne dass ein Sturm oder anderes äußeres Ereignis beigetragen hätte, bei ruhiger Witterung in sich zusammenbrach. – Wenige Tage nachher, am 1. Mai, starb altersschwach der 86-jährige Pfarrer von Salem, Honoratus Hapt, der letzte Geistliche des ehemaligen Stiftes – Als er auf seinem Lager, wo ihn seine Schwäche gefesselt hielt, von dem so unerwarteten Zusammenbrechen der Linde hörte, ergriff ihn ein wehmütiges Gefühl, und er sprach gegen die Anwesende seine Ahnung aus, dass er nun bald sterben und zusammensinken werde- wie die Linde.“ *Von A. Ellensohn, Gastwirth auf der Mainau.
Das Kloster Salem oder Salmannsweiler wurde gestiftet im Jahre 1134. Es war früher ein Weiler im Besitze eines Ritters Guntram von Adelsreuthe, der ohne männliche Nachkommen war und das Gut mit verschiedenen anderen Besitzungen dem Zisterzienser-Orden vermachte. Die Schenkung geschah mit Bewilligung des Königs Conrad, des Herzogs Friderich von Schwaben und des Markgrafen Hermann von Baden. Das Stift war ein reichsunmittelbares und genoss alle Vorrechte, die einem Reichsstande zukamen. In kirchlicher und staatlicher Beziehung war das Stift lange Zeit in Streitigkeiten verwickelt, welches teils mit dem bischöflichen Ordinariat Konstanz, andererseits mit Fürstenberg wegen der Grafschaft Heiligenberg. So ging zum Beispiel die Grenzlinie der Jagdgerechtigkeit mitten durch die Münsterkirche zu Salem,und es soll ein Graf von Heiligenberg, um die Rechte zu wahren, einst mit dem ganzen Jagdgefolge durch die Kirche gezogen sein.
Vierzig Äbte bilden die Reihenfolge der Klostervorsteher, von dem ersten, Frowin, der ein Gefährte und Dolmetscher des heiligen Bernhards war, als dieser Deutschland durchzog, bis zu Caspar Öchslevon Schönberg. Von diesem Letzteren sagt Kolb viel Rühmliches. Gastfreundschaft, Liebe für Kunst und Wissenschaft, Eifer für Erziehung der Jugend usw. haben unter seiner Regierung und Fürsorge einen hohen Grad erreicht.
Wenn der Pilgrim von Salem aus seiner Fahrt weiter landeinwärts fortsetzt und dem kaum eine Stunde entfernten Heiligenberg einen Besuch machen will, so wird er den sichersten Führer durch die Hallen jenes prächtigen Fürstenschlosses finden in dem vor einiger Zeit erschienenen Schriftchen von dem vaterländischen Forscher und Geschichtenschreiber C. B. A. Fickler: „Heiligenberg in Schwaben. Mit einer Geschichte seiner alten Grafen und des von ihnen beherrschten Lintzgaues. Bei Macklot, 1853.“
Meine Zwecke führten mich wiederum dem Bodensee entgegen, auf dem Wege über Tüfingen nach Überlingen – Zwischen Salem und Tüfingen, im Walde, durch den die Straße führt, hängt an einem Tannenstamme eine von Wind und Wetter gebleichte Malerei mit einer Inschrift des Inhalts: Als zur Schwedenzeit (1643) der Feind die Kirche Altbirnau’s ruiniert habe, sei das dortige Gnadenbild, eine Mutter Gottes, allein unversehrt geblieben; der Knecht eines benachbarten Hofes habe das Bild nach Salem flüchten wollen, sei aber unterwegs von französischen Soldaten der überlingischen Besatzung (unter Corval), welche mit Kornsäcken beladen von Heiligenberg hergekommen, angehalten und gezwungen worden, seinen Schatz abzulegen und mit einem Fruchtsack beladen nach Überlingen umzukehren. Als er später wieder an die Stelle kam, fand er das Bildnis unversehrt unter der Tanne, wo er es niedergelegt hatte, und brachte es nach Salem. Zum Gedächtnis ließ er eine Votivtafel an der Tanne befestigen, die im vorigen Jahrhundert restauriert, und weil die Tanne altershalber umgefallen, in der Nähe an einem jüngeren Stamme angebracht wurde.
Ungefähr eine Viertelstunde von Überlingen liegt das Schlösslein Burgberg, von einem schilffigen Wassergraben umgeben. Dieser ehemalige Adelssitz ist gegenwärtig ein Wirtshaus, zu dem eines schönen Tages die Herren und Damen aus der Amtsstadt wallfahrten. Über die Höhe wandernd, erblicken wir bald die Stadt und den See, der nach ihr den Namen trägt.
Überlingen selbst hat, zumal in seinem Türmen, öffentlichen Gebäuden und stattlichen Patrizierhäusern noch viel mittelalterliches Gepräge; doch würde es, käme der Schwed‘ zum zweitenmal, dem Feinde nicht mehr die trotzige Stirne von ehemals zu bieten vermögen. – Die alten Stadtmauern und Wälle, da und dort durchbrochen und geebnet, erleiden mit jedem Jahrzehnt neue Einbußen. Hoffentlich werden aber nicht alle Erinnerungen einer rühmlichen Vorzeit dem kahlmachenden Neugeiste zum Opfer fallen.
Vom Ursprung der Stadt berichtet uns die Ahnfrau der Geschichte, die Sage, nichts. In frühen Jahrhunderten sollen mehrere alemannische Herzoge im Iburinga ihren Sitz gehabt haben. Von des einen Tochter, Friedeberge wird erzählt, dass sie in üblen Gemütszuständen von dem heiligen Gallus geheilt, ihrem bestimmten Bräutigam entsagend, sich der Kirche vermählt und auf dem Gallerberge ein Kloster gestiftet habe. Im Jahr 1241, nach Abgang der schwäbischen Herzoge, finden wir Überlingen als Glied des damaligen Städtebundes; unter Conradin wurde die Stadt reichsunmittelbar. Die Ortsgeschichte hat manche rühmliche Momente aufzuweisen und zeugt von kräftiger bürgerlicher Gesinnung. –
Als die aufständischen Bauern weithin im Schwäbischen und am See mit Feuer und Schwert hausten, standen die Überlingen unter dem Patrizier Reichlin-Meldegg auf Seite der Bündischen, welche den übel beratenden Bauern bei Ravensburg einen tödlichen Schlag beibrachten. Als der Aufruhr in der Seegegend von neuem begann, rückten die Überlinger, geführt von ihrem Bürgermeister Keßering, abermals ins Feld, umringten die Rebellen und stellten ihre Anführer vor ein Kriegsgericht. Hundertundfünfzig der Unglücklichen wurden auf dem Credplatzeöffentlich enthauptet. Noch sieht man an der Türe auf dem Vorplatz des städtischen Rathauses ein Gemälde, welches diesen blutigen Akt zum Gegenstande hat.
– Karl V. stiftete der Entschiedenheit der Reichsstadt dadurch ein Andenken, das er dem aufrecht stehenden Löwen, welcher die Helmzierde ihres Wappens bildet, ein bloßes Schwert zuerkannte.
Der 30-jährige Krieg brachte Überlingen gleiche Bedrängnis wie den Nachbarstädten Konstanz, Radolfzell und Villingen. Die Bürgerschaft hatte das Glück, einen ausgezeichneten, ächt patriotischen Mann an ihrer Spitze zu haben, in der Person des Bürgermeisters Freiherrn Heinrichs von Pflummern. –
Zweimal wurde die Stadt angegriffen, doch jedesmal ohne Erfolg. Der letztere Angriff geschah unter Gustav Horn im Jahre 1634. 24 Tage dauerte die Belagerung, aber die Bürger mit dem ringsum aufgebotenen Bauern in der Stadt wehrten sich als Männer, die um ihr Theuerstes fechten. Der Feind mußte nach großen Verlusten unverrichteter Dinge abziehen. Die Stadt mochte für die damalige Zeit als sehr wohlbefestigt gelten. Ein tiefer, in den Molaßfelsen gehauen Graben trennte sie völlig von dem übrigen Land, während die Mauern auf allen Punkten durch das Geschütz der Türme bestrichen wurden.
Fast noch Schlimmeres als die heißen Kampftage selbst brachten die nachfolgenden Zeiten. Aber auch da war es der wackere Bürgermeister von Pflummern, der mit Bewusstsein und Kraft das städtische Regiment zu führen wusste. Der lange Krieg hatte die Soldaten so sehr verwildert, dass zwischen Freund und Feind wenig Unterschied mehr war. Die Überlinger mußten den befreundeten, in der Stadt lagernden spanisch-österreichischen Kriegstruppen ungeheure Summen bezahlen, während Widerhold von Hohentwiel aus die Umgegend verheerte und endlich (den 30. Juli 1643) die Stadt überfiel und besetzte. „Viele der Bürger verloren das Leben, der Feind raubte, plünderte, was er fand. Viele Bürger verließen aus Elend die Stadt, alles, auch Hunde, waren aufgezehrt.“ –
Als nach Abzug des Feindes bayerische Truppen hereinkamen, fanden die guten Überlinger, dass die Arznei bitterer sei, als die Krankheit gewesen; denn der Freund hauste noch übler als der Feind gethan. – Auch das 7-jährige Kriegswetter verhängte großes Ungemach über den Ort, so wie die nachfolgenden größeren Stürme der französischen Invasion.
Im Äußeren der alten Stadt zeigt sich die Wohlhabenheit des mittelalterlichen, zugleich aber der Stillstand, wo nicht Zerfall der späteren Reichsszeiten. Von ersteren zeugen viele stattlichen Baudenkmale, unter denen das bedeutendste die Münsterpfarrkirche ist. Sie wurde zu bauen angefangen im Jahre 1360, nach dem Plane des Eberhard Raben. Das. Innere des Langhauses hat fünf hohe Gewölbe, getragen von 28 Säulen und 81 Pfeilern, zwischen denen zu beiden Seiten zwölf Kapellen angebracht sind. Die Altäre finden sämtlich aus dem 17. und 18. Jahrhundert, sie enthalten außer einem Gemälde in einer Kapelle der rechten Abseite, Frauen und Engel um den Leichnam Jesu beschäftigt, nichts Gutes.
Der reich verzierte Hauptaltar ward aus Anlass der Pest, im Jahre 1618, vom Magistrate errichtet. Ein Seitenaltar, der von Schultheiß’sche, enthält Bilderhauarbeiten von Hans Morink, die mit Talent und großem Fleiße ausgeführt, aber, wie alle Arbeiten dieses Meisters nicht mehr der guten Zeit angehören. Der riesige Geist Michelangelo’s, der kühn bis zu den äußersten Grenzen der Plastik vorschreiten durfte, übte bereits auf die Werke des nachahmenden Deutschen beirrenden Einfluss.
Von den beiden Türmen ist nur der eine vollendet; er ist über 200 Schuh hoch und hat eine herrliche Aussicht. Im anderen hängt die große, 177 Centner schwere Osannaglocke, gegossen im Jahre 1664. Vor der Kirche steht ein Ölberg, mit architektonischem Gehäuse. Dieses Werk befand sich vor der Reformation im Münsterkreuzgange zu Konstanz.
Bemerkenswert erscheinen die Reste von Freskobildern an den Außenwänden der Kirche, in dem unter den Fenstern hinlaufenden Feldern. Sie sind biblischen Inhalts und scheinen aus der ersten Zeit des Baues herzurühren. Die Umgebung der Kirche war früher ohne Zweifel Begräbnisort, und die Bilder mochten darauf Bezug haben. Jetzt gewährt der Platz mit seinem Lindengrün und der mittelalterlichen Fassade des altstädtischen Kanzleigebäudes einen überaus malerischen Anblick. Auf dem Brunnen, welcher den Platz ziert, steht aus der Renaissancezeit die Statue eines Knaben mit einem Fisch und Fischergeräth; ob die anmutige Figur auf irgendetwas Örtliches hinweist, konnte ich nicht erfahren.
Ein herrlich Denkmal mittelalterlicher Kunst bewahrt der „zierliche Rathaussaal“ in seiner holzgeschnitzten Dekoration. Die Decke ist flach gewölbt, von braunem Holz und reich verzerrt mit Vergoldung. Die Wandverkleidungen enthalten 40 Felder, über welchen auf Consolen mit Wappen vortrefflich geschnitzte Kostümfiguren zu sehen sind. Der dem Ganzen zu Grunde liegende Gedanke ist: die organische Gliederung der Reichsverfassung deutscher Nation bildlich zu versinnlichen. Über dem Eingange prangert das Wappen des Reichs und der Stadt Überlingen; auf der einen Seite die Figur der Gerechtigkeit, auf der anderen der heilige Nikolaus als Stadtpatron; dann folgen ringsumlaufend die verschiedenen Reichsstände in beiläufig zwölf Zoll hohen Statuetten mit etwas kleineren Wappen.
Diese Gliederung, wie sie in alten Chroniken herkömmlich dargestellt ist, bildet eine Kette von zwölf Standesgruppen, deren jegliche vier Glieder zählt, nämlich
1) der Kaiser (durch das Reichswappen dargestellt) und die drei geistlichen Kurfürsten des Reichs: von Mainz, Trier und Köln;
2) die vier weltlichen Kurfürsten: von der Pfalz, von Böhmen, Sachsen und Brandenburg;
3) die vier Herzoge des Reichs: von Braunschweig, Bayern, Lothringen und Schwaben;
4) die vier Markgrafen des Reichs: von Meisen, Brandenburg, Mähren und Baden;
5) die vier Landgrafen des Reichs: von Thüringen, Hessen, Elsaß und Leuchtenberg;
6) die vier Burggrafen des Reichs: von Nürnberg, Magdeburg, Reineck und Stromberg;
7) die vier Grafen des Reichs: von Kleve, Schwarzburg, Zilli und Savoyen;
9) die vier Freiherren des Reichs: von Limburg, Thufiß, Westerburg und Altenwalden;
9) die vier Ritter des Reichs: von Andlau, von Strondeck, Meldingen und Frauenberg;
10)die vier Städte des Reichs: Augsburg, Aachen, Metz und Lübeck;
11) die vier Dörfer des Reichs: Bamberg, Schlettstadt, Ulm und Hagenau; endlich
12) die vier Bauern des Reichs: Köln, Regensburg, Konstanz und Salzburg.
An der einen Wand erscheint Christus, an der anderen Maria und Johannes, letztere betend um Erleuchtung und Gedeihen des Reichstages. – Der Name des Meisters dieser schönen Arbeiten findet sich nirgends angegeben. Manche wollen in ihm den Ulmer Holzschnitzer Hans Syrlin sehen.
Als spätere Zugabe sehen wir in Feldern der rechten Seite eine Reihenfolge von gemalten Kaiserporträts, von Rudolf II. bis zu Maria Theresia. Auffallend ist der Umstand, dass wir im Römer zu Frankfurt, noch drei leere Felder übrig sind, die für die nachfolgenden deutschen Kaiser.
Die plastischen Figuren, die Repräsentanten des Reichstags, sind mit altdeutscher Treue und Wahrheit gegeben. – charakteristische Bilder ihrer Zeit bis in’s einzelne der Tracht. – Wenn es nicht so großen Schwierigkeiten unterläge, über Holz zu formen, so müßte man wünschen, einen Teil dieser Statuetten zu Nutz und Frommen der Kunst durch Abgüsse vervielfältigt zu sehen. Der architektonische Kunstteil wird von jüngeren Baukünstlern an Ort und Stelle häufig zu Studien benützt. So belehrend solche phantasie- und gedankenreiche Vorbilder auch sein mögen, so werden nicht selten in größeren und kleineren Städten sehr kostspielige öffentliche Gebäude, Brunnen x. errichtet, ohne den mindesten Schmuck, ohne bildliche Beziehung und Bezeichnung, kahl und unerquicklich wie ein Haideland.
Was mich nicht weniger anzog, als die ebenbeschriebene Dekorierung, waren einige Möbel im Ratszimmer. Das eine ein Waschbecken, dessen hohes Gestell von dunklem Holz, herrlich verziert ist mit Wappen und einer Arabeske, Simson mit dem Löwen. Das andere ein ebenso schön verzierterAktenkasten. Beides Arbeiten aus der Renaissance und darum in ihren freien Formen unserem Gefühle näher, als die in sich mehr abgeschlossene Gotik, die übrigens bei Möbeln, Gittern, Schmucksachen x. auch freierer Motive sich bediente und nie (wie im Neueren geschieht) den streng architektonischen, monumentalen Charakter derartigen Gegenstände geben wollte.
Bei Betrachtung der Rathstube zu Überlingen, können wir nicht umhin, einen Gemeinwesen, dem so Schönes und Würdiges entsproßte, unsere Bewunderung und Achtung zu zollen. Dieser löbliche Sinn, alles Öffentliche, dem Gemeinwesen Dienende, durch künstlerischen Schmuck und Charakter auszuzeichnen, scheint hier einigermaßen bis auf spätere Zeit sich fortgeerbt zu haben; das zeigen wenigstens die Dekorationen der Türen auf den Gängen und der Vorplätzen. Sie sind von einem Überlinger Maler, Christoph Lienhardt, im Jahre 1712 gefertigt und bestehen in grau gemalten allegorischen Figuren und Emblemen, die auf das bürgerliche Regiment Bezug haben. Derselbe Meister verzierte auch die Gänge und Türen des Klosters Salem.
Auf den Vorplätzen des Rathauses finden sich noch einige naturhistorische Merkwürdigkeiten. Auf einer Tafel das gemalte Conterfy eines riesenhaften Seeräubers, der wohl über ein Jahrhundert hindurch die Gewässer des Bodensees beunruhigt haben mag. Es ist ein Hecht, der laut beigegebenen Maßes, nicht weniger als zwölf Fuß in der Länge gemessen und anno 1570, Donnerstag, den 26. November von den Fischern und Bürgern Franz und Christen Ueberlin „in dem See, hinter der Stadt, bei der alten Badstuben an der Halde, gefangen wurde.“ Das andere ist ein Trappe, im Hornung des Jahres 1730 von einem 15-jährigen Knaben bei St. Leonhardskapelle geschossen.
Interessante öffentliche Gebäude, außer den genannten, sind: der massiv erbaute Pfennigturm neben dem Rathaus, wo das städtische Archiv aufbewahrt wird. – Die alte Stadtkanzlei mit ihrer steinernen Wappengeschmückten Fassade. – Das Credhaus (Kaufhaus) an der Schiffslande. – Das große Spital zum Heiligen Geiste, mit einer gut erhaltenen hübschen, gotischen Kapelle, die aber leider, weil das baufällige Haus niedergerissen werden soll, dem Abbruch geweiht ist. Sollte sie aber nicht geschont und erhalten werden können*. Das Spital ist sehr reich, und seine Stiftungen gehen bis in früheste Jahrhunderte zurück; es besaß in der Umgegend Dörfer und Höfe im Wert von 1,5 Millionen. *Auch einem Teil der in den See gehenden Stadtmauer mit einem alten Turme ist, wie ich hörte, gleiches Schicksal zugedacht. Warum?
Das s.g. Steinhaus mit einer Hauskapelle, früher die Herberge der hier durchreisenden Kaiser. Sigismund stieg daselbst ab auf seiner Reise zum Konstanzer Konzil, und später im Jahre 1430; ebenso Ferdinandi I Anno 1563 x. Das Haus gehörte dem Kloster Salem und hieß deshalb Salmansweilerhof, erbaut von Abt Konrad Schäfer 1530. Jetzt dient es Privatzwecken.
Das ehemalige Franziskanerkloster mit einer Schülerkirche und dem städtischen Theater. Die Leopold- und Sophien-Bibliothek im alten Zeughaus, sie wurde gestiftet vom Dekan und Stadtpfarrer Mocheler, der einer der letzten Benediktiner von Villingen, ein tätiger Freund der Wissenschaften und Wohltäter der Armen war.
Das Reichlin-Meldegg’sche Haus, ein stattlicher Patrizierbau mit Zinnengiebeln und weiter Aussicht; er rührt aus dem Jahre 1462. Die ehemalige Rittercommende St. Johann, auf einem hochgelegenen Punkte über der Stadt und ihrem tiefen Graben mit dem mächtigen Rondellturm, jetzt Eigentum des Freiherrn von Ulm.
Der Gallerturm ein altehrwürdiger Veteran, dessen Namen an die früheste Ortsgeschichte erinnert; seine prächtige Aussicht belohnt reichlich die Mühe des Besteigens. – Das Pflummer’sche Haus, von stattlichem Äußeren mit dem Wappen der ursprünglichen Besitzer. Eingemauerte Kugeln an der Wand gegen die Heldgasse sind Denkzeichen der schwedischen Belagerung, deren Hauptsturm auf die Gasse gerichtet war. Der letzte Sprössling der um die Stadt hochverdienten Freiherrn von Pflummern starb im Jahre 1829 zu Überlingen; eine Seitenlinie hat noch ihren Sitz in Überlingen. – Die ehemalige adlige Zunft, jetzt ein Wirtschaftslokal, dem Freiherrn von Bodman gehörig. Die Gaststube wurde neuerlich im Sinne der früheren Zeit mit dem Wappen der in Überlingen existierenden adligen Geschlechter dekoriert.
Das Bad Überlingen ist seit Anfang des 16. Jahrhunderts urkundlich bekannt. Es war städtisches Eigentum bis zum Jahre 1802, wo es käuflich in den Besitz verschiedener Privaten kam, um neuerer Zeit wieder von der Stadt erworben zu werden. Gegenwärtig ist es im Pacht gegeben, und bildet die Anstalt eine Hauptzierde, nicht nur der Stadt, sondern des ganzen See’s. Sie liegt in der Vorstadt zu den Fischerhäusern, mit einem großen Garten am Seegestade. Alles was Gesunden und Kranken zur Erholung und Erheiterung dienen kann, findet sich hier in wünschenswerten Maße: solide Wirtschaftseinrichtungen, gute Bedienung, geschlossene Seebäder, Gelegenheit zu Luftpartien zu Land und zu Wasser, Musik und Bälle; auch ist den Gästen die städtische Bibliothek zugänglich. Und da das Bad zugleich allgemeines Gasthaus und ein beliebter Ausflugsort der Nachbarschaft ist, so sehen wir an schönen Sonntagen seine Räume heiter belebt von Besuchern aus der Nähe und Ferne.
Die Mineralquelle befindet sich etwa 70 Schritte vom Badhaus nahe der Stadtmauer, in einem 17 Fuß tiefen Sammler, sie enthält hauptsächlich Eisen, wovon die Oberfläche des Wassers und seine steinerne Fassung gelbrötlich gefärbt erscheint, außerdem Alkali, gebundene Schwefelsäure Kalkerde und Schwefelsäure. Die Heilkräfte des Wassers sind erprobt bei allen Krankheiten, denen Schwäche, Stockungen in den feinen Geweben, Störungen normaler Funktionen x. zu Grunde liegen. Es ist frisch von der Quelle getrunken etwas herben, aber nicht unangenehmen Geschmackes. Der Gast findet die ganze Saison über stets zahlreiche Gesellschaft; doch verdienen die Vorzüge des Ortes einen viel stärkeren Besuch, denn nicht leicht wird ein Aufenthalt geeigneter sein, wohltätig-beruhigend auf Körper und Gemüt zu wirken, als der hiesige, an der sommerlich gelegenen Buch des schönen Überlingersee’s, umkränzt von Gärten und Weinbergen – mit einem Klima, welches die Nachbarschaft Italiens ahnen läßt.
Unter den wenigen neugeschaffenen Bauwerken der Stadt bemerken wir einen Brunnen in der Vorstadt; er ist von Architekt Schwab entworfen und hat als Säulenzierde einen auf das städtische Wappen bezüglichen Adler von Eisenguss aus der fürstenbergischen Gießerei Zizenhausen, nach einem Modelle von Xaver Reich*. *Das ursprüngliche Modell diente zum Grabmale, des im Jahre 1849 zu Donaueschingen beerdigten, königlich preußischen Generals von Hannecken.
Ein alter Brunnen auf der Marktstätte wurde in einen modern-gothischen umgewandelt; ein zweiter mit dem Bildnisse Karls V., vor dem Rathause, leider ganz beseitigt, um einem neuen artesischen Quell Raum zu machen.
Wenn der Fremde nach Besichtigung aller dieser Merkwürdigkeiten noch Zeit genug übrig behält, eine Flasche feurigen Meersburger oder Hagenauer zu sich zu nehmen, so wird er gut’thun, dieses löbliche Geschäft auf der Altane des Gasthauses zum Löwen vorzunehmen. – Es gibt wohl nichts angenehmeres, als hier unmittelbar über dem plätschernden Gewoge, von schmeichlerischen Lüften umwoben ein Sommerstündlein zuzubringen; sei es, dass wir gerade unter uns dem wohligen Spiele der Fischbrut zuschauen, die in dem durchsichtigen Kristallgrün zu Tausenden die alten Hafenpfähle umschwärmt; oder dass uns das Brausen des Dampfschiffes in die Ferne zieht, wenn es von dem fernenblauen Eilande der Mainau her direkt auf uns zusteuert, um in der Nähe, am Hafenplatze, das bunte Gewimmel von Passagieren an’s Land zu setzen.
Der Hafen ist neuerer Zeit sehr belebt, namentlich durch den wöchentlichen Fruchtmarkt, dem alljährlich im Durchschnitt gegen 70,000 badische Malter Getreide zugeführt werden, die meist über den See nach der Schweiz kommen; ebenso bedeutend ist der Handel mit Obst, welches meist aus den Orten Nussbach und Sipplingen kommt und von den Bauern vom Heuberg und aus dem Hohenzollernschen als Rückfracht mitgenommen wird.
Es war abends, als ich einen Spaziergang um die Stadt machte. – Der Weg führte mich zufällig zum Gottesacker in die Kapelle, wo noch einige Denkmale aus früherer Zeit vorhanden sind. Das eine berichtet von einer grausamen Pest in den Jahren 1610 und 1611, wo so Viele starben, dass man nicht genug begraben konnte. Anno 1612 aber seien dagegen zahlreiche Ehebündnisse gefeiert worden; und unter Anderem am 5. Februar sei es geschehen:
„Dass im Pfarrmünster von jung und alten Leuten Gehalten wurde einundzwanzig Hochzeiten. Das Jahr nachher wurden geboren so viel Kind, War nichts dann lauf, tauf geschwind.“
Während ich einige andere Inschriften las, kam der Meßner vorbei, ein alter Mann, den ich dem abendlichen Halbdunkel jetzt erst bemerkte. Er sagte, er habe die Obliegenheit, für das ewige Licht in dem Kirchlein zu sorgen, und jeden Abend den Kirchhof zu schließen. Mit großem Eifer erläuterte er die Bedeutung der Gedenktafeln und kam dabei auf das Ehemals und seine eigene Jugend zu sprechen. Am meisten interessierte mich sein Erzählen vom alten Maifest, wie er zu seiner Zeit noch in Überlingen, aber nur in den meist von Rebleuten bewohnten Vorstadt, die das „Dorf“ heißt, gehalten wurde. Am Vorabend war der Maien gehauen und gesteckt. In früher Morgenstunde versammelte sich dann die ledige Welt, Bursche und Mädchen, zum Tanze und um den geschmückten Baum, wobei ein Lied gesungen wurde. Sia, Sia, voll der Freuden, wollte ich, dass der Maien wär usw.. Gesang und Tanz wiederholten sich am Abend, und so ging es fort, 14 Tage lang.
Der 1. Mai war überhaupt beim Landvolk ehedem ein Festtag, an welchem Tanz und Spiele gehalten wurden. – Ein allgemeiner Brauch fand auch statt am 1. März, die sogenannte Märzen- oder Fasnachtsfunken. An diesem Tage flackerten auf Berghöhen beim Beginn der Nacht größere Feuer von Reishaufen. Am See war diese Sitte allgemein. Im südöstlichen Schwarzwald, auf den Waldhöhen um Bonndorf und die Wutach, kann man in der ersten Märznacht noch jetzt weithin die Feuer leuchten sehen. – Auch die Fastnacht wurde in Überlingen in ähnlicher Weise wie in Meersburg gefeiert. Die acht bestehenden Zünfte hatten jede ihr eigenes Gelaghaus mit Schenkrecht*, durch welche Abgrenzung in närrischen wie in ernsten Dingen ein löblicher Wetteifer entstand. – Zu den herkömmlich, en Bräuchen um diese Zeit gehörte unter anderem auch, dass die Überlinger Ratsherren im freundnachbarlichen Ritterhause zu Mainau persönlich das „Fastnachtsküchlein“ abholten, wozu begreiflicherweise der große Landeskomtur-Keller sein Edelstes zu spenden pflegte. *Noch jetzt sagt der Überlinger statt >von Wirtshaus zu Wirtshaus<, >von einer Zunft in die andere ziehen<.
Als einheimische Fasnachtsmaske findet sich der „Hänsele“; er ist eine Abart von seinem Namensbruder in der Baar, ein Stück mittelalterlichen Pickelhäring mit buntfarbigem „Hääß“, einer Kapuze, die statt der Larve ausgeschnittene Augenlöcher, einen herabhängenden Rüssel und hinten einen Fuchsschwanz hat. – Wie sorgsam das Feld der edlen Narrheit mit unseren Altvorderen gebaut worden, mag eine ehemals bestehende Stiftung dartun. Es war früher zu Fastnacht ein eulenspiegelartiger Brauch, der den „Narren“ erlaubte, in Bäckers- und Metzgersläden, zuweilen auch in Privathäusern, Brot, Schinken, Würste x. listigerweise wegzukapern und ein Mahl daraus zu bereiten, zu dem auch der unfreiwillige Spender eingeladen wurde. Da nun der etwas plumpe Scherz, der oft einen förmlichen Unfug ausartete, zu keiner Zeit verboten werden mochte, fand sich ein möglicher „Narr“ bewogen, ein Gestift zu machen, aus dessen Zinsen den Geplünderten der Schaden jedes Mal zu vergüten sei.
Die alte Reichsstadt ist überhaupt sehr wohl bedacht mit Stiftungen aller Art. Wohl nirgends sind zum Beispiel die Armen reicher als hier; das Spital, welches, wie oben erwähnt, Millionär ist, besitzt sogar ein eigenes, gestiftet es Reben, von deren Blute alltäglich das Krüglein des sorgenfreien Spitäler sich füllt. – Nebst dieser Anstalt besteht noch die sogenannte Spendenpflege, die reichliches, wöchentliches Almosen an Hausarme spendet. – Ebenso gut ist für arme Studierende gesorgt, denen zahlreiche Stipendien zur Unterstützung gedeihen.
Eine hübsche altväterliche Einrichtung besteht noch heut zu Tag in den sogenannten Nachbarschaften. Jede Gasse oder kleinere Stadtgegend bildet nämlich eine für sich bestehende Nachbarschaft, die ihr eigenes Gemeindevermögen besitzt, aus dessen Zinsen jährlich an Johanni in einem Wirts- oder Privathause innerhalb der eigenen Nachbarschaft ein Mahl bestritten wird, dem alle Zugehörigen anwohnen. Der Zweck dieser Stiftung ist (ähnlich dem der 101. Gesellschaft zu Meersburg) Eintracht und gute Nachbarschaft zu hegen und zu pflegen, und entstandene Feindseligkeiten bei einem fröhlichen Becher Wein gütlich beizulegen. Neu hereinkommende Bürger, oder solche, die von einem Stadtteil in den anderen ziehen, kaufen sich mit einer kleinen Summe in die neue Nachbarschaft ein.
An Wein fehlt es überhaupt, den Stadtbürger nicht. Seine Gemarkung hat vorzügliche Weinlagen, die jedoch durchschnittlich mehr der Quantität als der Qualität nach ausgebeutet werden. Auch wird sehr viel Most erzeugt; die Obstbaumzucht dient beinahe ausschließlich diesem Zwecke. Bei dem Überflusse, den eine gütige Natur hier spendet, ist es ein patriarchalischer Brauch, dass zurzeit des Herbstens der ärmere Besitzlose in jedem Torkel sich ein Müsterlein holt. Gleiches tun zu Neujahr die Thurm- und Nachtwächter, Stadtdiener und dergleichen; mit einer Bütte auf dem Rücken statten sie ihren Mitbürgern die Neujahrsgratulation ab, wofür ihnen ein Krüglein oder zwei in das mitgebrachte Gefäß fließen.
Zum Schlusse sei noch eines alten Brauchs erwähnt, der geübt wird, so oft der durchlauchtigste Fürst von Fürstenberg auf Besuch nach Überlingen kömmt. Also Willkommen wird dem hohen Gaste von den Gemeindevorstehern feierlich ein Becher mit Wein kredenzt. Der Ursprung dieser Sitte ist folgender. – Im Jahr 1657 kam die Herrschaft Waldsberg durch Kauf an die Grafen Franz Christoph und Froben Maria von Fürstenberg-Meßkirch. In dieser Herrschaft hat die hiesige Spendenpflege dem zweiten Teil des Groß- und Kleinzehnten zu Salbach (im Amte Pfullendorf) zu Lehen. Es ließen sich die neueren Lehensherren, wie ihre Vorgänger in frühester Zeit, von den Lehnträger den herkömmlichen Revers ausstellen: „dass zu dem allem, so Sye oder Ihre nachkhommen in die Stadt zu Ueberlingen kommen, als dann gedachte Burgermeister und Rath daselbst als Obherrn und Pfleger gemelts Almosens (Spendenpflege) Ihnen Jedesmahls, so oft das geschieht, einen Kopff (Gefäß) mit Wein, wie von Altershero, verehren sollen.“
Am 27. Juli 1853 beerte der nunmehr in Gott ruhende, durchlautigste Fürst Carl Egon von Fürstenberg, in Begleitung Ihrer Großherzoglichen Hoheit der Fürstin Amalie und Höchstdero hoher Familie, von der Sommerresidenz Heiligenberg kommend, das hiesige Bad mit seinem Besuche. Von Seiten der Stadt wurde diese Gelegenheit benützt, die alt her gekommene Sitte auszuüben. Es wurde dem durchlauchtigsten Herrn ein Becher Wein aus hiesiger Spitalkellerei auf geziemende Weise kredenzt, welcher huldreich angenommen und auf das Wohl der Stadt Überlingen geleert wurde.
Gegenwärtig beläuft sich die Einwohnerzahl auf 3400 meistenteils Katholiken. Die Stadt ist der Sitz eines großherzoglichen Bezirksamtes, einer Obereinnehmerei, Postverwaltung und eines Oberzollamtes.
Ehe wir weiter pilgern ist zu bemerken, dass durch den Ausflug nach Salem die Uferort Seefelden, Maurach und Rußdorf umgangen worden sind. Ersteres, eine Ansiedlung von wenigen Häusern, gehört in’s Amt Salem .Maurach, unmittelbar am Seeufer ist ein markgräflich badisches Schloss mit einem Meierdorf und war früher ein Nonnenkloster. Das wohlhabende, auf fruchtreicher Gemarkung gelegene Dörflein Rußdorf mit seiner alten Pfarrkirche gehört zur Gemeinde Unteruhldingen.
Von interessantesten Punkten der Umgebung Überlingens führen wir noch an: Altbirnau, die ehemalige, sehr alte Wallfahrt ,zu Salem gehörig; sie liegt seit langer Zeit in Trümmern; Sankt Leonhard, eine halbe Stunde von Überlingen, eine mittelalterliche Kapelle mit einer daneben stehenden, gut eingerichteten Wirtschaft und herrliche Aussicht; sodann Spechtshard mit einer großartiger Fernsicht; Luegen und Aufkirch.
Dieser letztere Ort liegt eine Viertelstunde nordwestlich von Überlingen. Bis zum Jahr 1357 war die Stadt hierher eingepfarrt; jetzt bildet Aufkirch eine Filiale von ihr. Das Dörflein ist klein und seine Bürger gehören zur Stadtgemeinde. Die Kirche hat sehr alte Überreste. Einige Gemälde auf Goldgrund und ein Seitenaltar stammen jedenfalls noch aus den Zeiten, da die Überlinger hierher pfarrhörig waren. Sehr schön ist der vergoldete Tabernakel auf dem Hauptaltar; es ist eine zierliche Arbeit aus der Renaissance. Aber alles Vorhandene mit der Kirche ist in äußerlicher Verwahrlosung; die Fenster sind zerbrochen und die Decke verfault und am Einstürzen. – Es scheint, als wäre seit mehreren Menschenalter nicht ein Heller von der Gemeinde, oder wem sonst die Baupflicht obliegt, zur Erhaltung des Kirchleins und seiner Einrichtung verwendet worden.
Beim Anblicke solcher Halbruinen drängt sich unwillkürlich das Gefühl auf, wie notwendig die Wiedererweckung und Befestigung conservativen Sinnes im Volksleben sei, wozu die Erhaltung und Restauration unserer Altertümer nicht wenig beitragen dürfte. – Freilich sollte Letztere, nämlich die Restauration, stets auch im conservativen Sinne, das heißt mit möglichster Pietät gegen das Alte, Vorhandene geschehen, und mit Hinweglassung moderner Schminke und Schönheitspflästerchen.
Die Auszüge unten sind aus dem Buch „Überlinger Sagen, Bräuche und Sitten mit geschichtlichen Erläuterungen“ von Medizinalrat Theodor Lachmann in Überlingen aus dem Jahr 1909. Der Autor hat teilweise bei Lucian Reich abgeschrieben und auch zitiert. Interessant, dass im Jahr 1909 die schreibweise doch etwas verständlicher war als 1856. (Meersburg, Not)
Die Kanabenlöcher bei Unteruhldingen:
Der geistende Ritter von Oberriedern.
Oberhalb von OberuhIdingen, in der Nähe von Gebhardsweiler, befindet sich der weithin sichtbare Schloßberg, ganz vom Wald umgeben. Hier stand dereinft eine Burg, welche der Sitz der Herren von Oberriedern war. Ein Burcardus von Oberriedern wird unkundlich schon 1134 genannt. Gebhardus von Oberriedern gründete 1200 Den Ort Gebhardsweiler; die Vetter Ulrich und Rudolf von Oberriedern ermordeten 1267 Den Frh. Walter von Sastell, weil er in einem Streit ihren Vetter, einen Edlen von Grieß, erschlagen hatte. Die Besitzungen des Rittergeschlechts von Oberriedern, welches Ende des 14. Jahrhunderts ausstarb, kamen an Salem; die Burg wurde im Schwabenkrieg gebrochen und im Bauernkrieg ganz abgetragen. Jetzt ist alles überwachsen, nur einzelne Gräben sind noch vorhanden. Das Wappen der Ritter von Oberriedern war ein schwarzes Schiff mit zwei braunen Rudern auf bewegter See.
Nach altem Schifferglauben geht der letze Ritter von Oberriedern hier um. Bei Schiffersnot auf stürmischem See rufen die Schiffsleute gern hinauf zum Berg und bitten um Hilfe, und nicht selten soll ihnen der Geist des umgehenden Ritters geholfen haben. (Nach Staigers „Salem“ und Reichs „Mainau“.)
Die Linde konnte ich auf den Bildern von Wikipedia nicht erkennen. Die alte Linde ist am 25.April 1855 umgefallen.
Älteste bekannte Darstellung des Salemer Münsters aus dem Jahr 1536, gezeichnet von Augustin Hirschvogel
Salem mit dem Turm des Abtes Anselm II. Schwab. Ölgemälde von Andreas Brugger um 1765
Das Kloster Salem im Entwurf des Architekten Franz Beer um 1700
Das Fenster der Nordfassade: Die repräsentative Nordseite des Münsters im Zustand vor der Restaurierung von 1890, bei der das Fenster verkleinert wurde
Das Maßwerk der Westfassade wurde erst in der letzten Bauphase vollendet. Diese Lithographie von 1823 zeigt die Fassade im Originalzustand vor den entstellenden Veränderungen durch die Restaurierung von 1890
Die Nordfassade vor der Restauration, fotografiert um 1885 von German Wolf
C. B. A. Fickler, (* 8. Mai 1809 in Konstanz; † 18. Dezember 1871 in Mannheim) war ein deutscher Gymnasiallehrer und Historiker. Er war 1849 Verteidiger der Angeklagten der Badischen Revolution in Rastatt. (Wikipedia)
Karl Alois Fickler (1809-1871) nach einer Fotografie Ende der 1860er Jahre. Wikipedia
Einen sehr interessanten Artikel über die Wallfahrtskirche Birnau gibt es von David Ganz:
Klösterlicher Besitzanspruch und kulinarische Seherfahrung in der Wallfahrtskirche Neu-Birnau.
Originalveröffentlichung in: Ganz, David u.a. (Hrsg.): Rahmen-Diskurse : Kultbilder im konfessionellen Zeitalter (KultBild / Thomas Lentes (Hrsg.) ; 2), [Berlin] 2004, S. 173-218
Christoph Lienhardt, Wahrhaffte Abbildung der Wunderthätigen Mutter Gottes zu Birnaw (unterhalb des Gnadenbildes die Wallfahrtskirche Alt-Birnau und das Wirtshaus), aus: Apiarium Saemitanum, Prag 1706
Maria von Birnau, um 1420/30, Birnau, Wallfahrtskirche, Hochaltar
Gottfried Bernhard Göz, Kleines Andachtsbild der Maria von Birnau, 1750, Augsburg Städtische Kunstsammlungen
Das Reichlin-von-Meldegg-Haus in Überlingen gilt als eines der ältesten Renaissancegebäude Deutschlands und zählt zu den wichtigsten Kulturdenkmalen und Sehenswürdigkeiten der Stadt. (Wikipedia)
An der Südseite des Münsters steht der Ölberg, ein achteckiger Zentralbau mit Stützen aus Stein und einem Sterngewölbe, der eine betende Christus-Statue beherbergt. Der Ölberg wurde im 15. Jahrhundert von Elbeth Küfferin aus Überlingen gestiftet. (Wikipedia)
Überlinger Rathaus
Das Rathaus wurde im Jahr 1332 erstmals erwähnt, als die Stadt ein Grundstück zur Erweiterung desselben erwarb. 1394 wurde es erstmals ausdrücklich genannt, als man dort einem Priester das Mesneramt übertrug. Die noch ältesten im Westbau an der Münsterstraße erhaltenen Holzdecken werden auf das Jahr 1400 datiert. Alle Abbildungen unten sind von Wikimedia.
Vertragsentwurf zwischen Jacob Russ und der Stadt Überlingen zur Lieferung der Rathaussaal-Ausstattung, 1490/1491; in Ich-Form aus der Sicht des Künstlers geschrieben; die genannte Zeichnung ist nicht erhalten; Stadtarchiv Überlingen, fotografiert in der Ausstellung „Jacob Russ“ im Museum Humpis-Quartier, Ravensburg Transkription siehe https://archive.org/stream/zeitschriftfrdi16langoog#page/n505/mode/2up
Überlingen, Rathaussaal mit den Schnitzereien von Jacob Russ Abbildung aus: Franz Xaver Kraus: Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden. Band 1: Die Kunstdenkmäler des Kreises Konstanz. Freiburg i. Br. 1887
Der von Lucian Reich beschriebene Aktenschrank Photographie 1887
Jacob Russ: „Salzburger Bauer“; Teil der Darstellung des Quaternionen des Hl. Römischen Reichs im Rathaussaal in Überlingen (fotografiert in der Ausstellung „Jacob Russ“ im Museum Humpis-Quartier Ravensburg)
Überlingen, Rathaussaal, Stadtwappen und kaiserliches Wappen (Reichsadler mit Herzschild: Österreich und Burgund), links: Stadtpatron St. Nikolaus, rechts: Erzengel Michael
Jacob Russ: Pfalzgraf bei Rhein; Teil der Darstellung des Quaternionen des Hl. Römischen Reichs im Rathaussaal in Überlingen (fotografiert in der Ausstellung „Jacob Russ“ im Museum Humpis-Quartier Ravensburg)
Pfennigturm in Überlingen
Überlingen Rathaus mit Pfennigturm. Bleistiftzeichung von 1877 von Karl Weysser (1833-1904). (Quelle: Generallandesarchiv Karlsruhe)
Pfennigturm als Sitz der „reichsstädtischen Münze“. Im Hintergrund zu sehen der Turm des Münsters St. Nikolaus.
Kaiserbrunnen vor dem Pfennigturm (Wikimedia)
Unter den wenigen neugeschaffenen Bauwerken der Stadt bemerken wir einen Brunnen in der Vorstadt; er ist von Architekt Schwab entworfen und hat als Säulenzierde einen auf das städtische Wappen bezüglichen Adler von Eisenguss aus der fürstenbergischen Gießerei Zizenhausen, nach einem Modelle von Xaver Reich*. *Das ursprüngliche Modell diente zum Grabmale, des im Jahre 1849 zu Donaueschingen beerdigten, königlich preußischen Generals von Hannecken.
Spaziergang durch Überlingen im März 2023 auf den Spuren von Lucian Reich:
Für die dunkle Jahreszeit empfehle ich die Insel Mainau und der Badische Bodensee von Lucian Reich aus 1856. Das Buch hatte ich im Winter 2022/2023 hier vorgestellt und möchte es jetzt aktualisieren.
Ich möchte hier erwähnen, dass ich das alte Buch mit der sehr eigenwilligen Schreibweise in Frakturschrift vorgelesen habe, um den gesprochenen Text von einem Programm namens f4transkript in Buchstaben umzuwandeln. Den umgewandelten Text habe ich danach bearbeitet, da viele der Wörter dem Programm nicht bekannt waren. Man möge mir verzeihen: Mir ist das Deutsche vor 200 Jahren sehr fremd und das oft Zitierte aus dem 18., 17. und sogar 16. Jahrhundert ist aus heutiger Sicht fast unverständlich. Dazu kommt die eigenwillige Rechtschreibung und eine fremde Denkweise. Da viele Worte der alten Sprache von mir gesprochen und vom Programm transkribiert wurde, sind viele Worte in moderner Schreibweise im Text. Ich habe dies meistens aus Bequemlichkeit und für den Leser so stehen lassen. Was es in den verschiedenen Kapiteln des Buches hier gibt, ist diese vorgelesene Tonspur mit dem Transkript in schwarz. In blau einige Fotos und Erklärungen.
Hier der das Kapitel Kirchberg und Hagnau.
Kirchberg und Hagnau
Es war ein warmer Sonntagvormittag, den ich zu einem Ausfluge nach dem benachbarten großherzoglichen Schloss und Pachtgut Kirchberg benützte.
Der Frühling, jung und hold, hatte bereits die Wiesengelände und ihre Einhegungen mit zartem Grün geschmückt; aber die Obstbäume und Reben warteten noch auf ihren Ostertag. – Der Weg, die Straße nach Ludwigshafen und Lindau führt durch Hagnau, welches Dorf nach wechselndem weltlichem und geistlichem Besitze durch den Preßburger Frieden an das Haus Baden gekommen. Eine kleine halbe Stunde von diesem Orte, unmittelbar an der Straße auf mäßig erhöhtem Terrain liegt Kirchberg – einer der zierlichsten Edelsitze am See. Alte Obstbaum-Alleen führen rechts von der Straße ab, zum Tor und Hofraum, in dessen Mitte ein plätschernder, von Kastanien beschatteter Brunnen erfrischende Labe spendet. Südlich, gegen den See, erhebt sich der Hauptbau des Schlosses mit einem östlich gewendeten, später erbauten Seitenflügel und Tor, während dem Commenden zur Linken die mittelalterliche Pächterswohnung und das Wirtshaus den Hof gegen die Straße hin abschließen.
Die Aussicht aus den Fenstern des Schlosses, oder von dessen Altane, gibt uns jedoch erst den wahren Begriff von der herrlichen Lage dieses behaglichen Sitzes. – In unmittelbarer Nähe ein lieblicher Park und Blumengarten; an der Abdachung gegen die grünen Seeufer sonnige Weingelände, und links ein schattiges Lustrevier junger Büsche und schlanker Buchen mit einem in der See hinaus gebauten Sommerhause. Bei Betrachtung dieses reizenden Landschaftsbildes will es uns bedünken, als sei dieser Ort von Mutter Natur eigens zu einem jener Mußeplätze geschaffen, wo der Geist, von ermüdender Beschäftigung und vom Weltgetriebe ausruhend, neue Luft und Kräfte gewinnen soll.
So trugen Tag und Stunde meines Dortseins ganz den Charakter, solch ein Gefühl zu erwecken. Ein heißer Mittag lag in brütender, allein vom Geschrei schweifender Möwen und dem fernen Rauschen eines nicht sichtbaren Dampfbootes unterbrochene Stille über Land und See, in welch‘ letztem sich strahlenden Glanzes die hochgetürmten Alpen bespiegelten. – Dieser Ruhe rings umher entsprachen die stillen Hausräume der nächsten Umgebung. Die älteren Bewohner Kirchbergs waren mit Ausnahme einiger Dienstboten nach Immenstad in die Kirche gegangen, während die Kinder in den nahen Wiesen nach Primeln und Veilchen suchten, welche die warmen Apriltage hin und wieder den blaßgrünen Teppich eingewoben hatten.
Eine Dienerin erschloss mir die Zimmer, in welchen Seine Königliche Hoheit der Prinz und Regent im Herbst des Jahres 1853 einen längeren Aufenthalt zu nehmen geruhten. Es war mir bekannt, dass das eine dieser fürstlichen Gemächer, der Speisesaal, vorzügliche altdeutsche Gemälde bewahre noch aus den Zeiten, wo Kirchberg ein Besitztum des Reichsstifters Salem war.
Diese vortrefflichen Kunstwerke, vier an der Zahl, sind von der Hand Martin Schaffner’s, und haben die Versuchungen des heiligen Antonius zum Gegenstande. *Bereits im Jahrgang 1822 des Kunstblattes (8. August) von Brouillot erwähnt. Sie sind auf Holz und Kreidegrund gemalt, in gleicher Größe, etwa zwei Fuß breit und viereinhalb hoch.
Auf der ersten Tafel erblicken wir in einsiedlerischer Landschaft den heiligen Altvater, vertieft im Lesen eines Buches. Neben ihm die halbfertige Arbeit eines Korbes von Binsengeflecht, und im Mittelgrunde seine Klause, die er, nach der Legende, über einem verlassenen Grabe errichtet hatte. Die frommen Betrachtungen des Klausners abzulenken, hat sich ihm eine reizende Jungfrau in reichem Schmuck und prächtigem Gewande genähert, welche dem Heiligen ein Gefäße von kostbarer Arbeit, wahrscheinlich eine zweite Pandorabüchse darbietet, die der angefochtene Mann jedoch misstrauisch verwundert anzublicken scheint.
Eine zweite Versuchung versinnlicht die Scene im Mittelgrunde, wo der Böse, in Gestalt eines rotgekleideten Jägers mit Hunden und einem geflügelten Schweine dem Klausner ein netzartiges Jagdgeräte vorweiset, während aus dem nahen Walde mitleidflehende trügerische Gestalten Presshafter und Bedürftiger auf die beiden zukommen. Im oberen Raum Christus in Wolken, vor dessen Erscheinung die Dämonen die Flucht ergreifen.
Die Hauptgruppe des zweiten Gemäldes zeigt den Heiligen betend, bedrängt jedoch und verwirrt von den üppigen Gestalten dreier Mädchen, deren lange rote Gewänder und zierliche Haargeflechte nur unvollkommen Bocksfuß und sprossende Hörnlein verdecken. Die eine der Schönen faßt zudringlich des frommen Vaters Kapuze, während ihre Schwestern, neben einem reich verzierten Ruhebett stehend, mit arglistigem Lächeln die Verwirrung der Heiligen betrachten. Ein Teil des Mittelgrundes rechts füllt ein prächtiges Gebäude, an dessen Treppe Antonius, umgeben von Preßhaften und den drei rot gekleideten verführerischen Weibern. Links mehr in der Ferne gerückt, schließt das Bild mit einer Szene von anmutiger Erfindung und Ausführung. An sommerlichen Tagen sehen wir den Alten in sinnender Beschaulichkeit längs eines Waldrandes dahin wandeln. – Siehe, da tritt ihm der rot gekleidete Versucher wieder in den Weg, und zeigt gegen ein klares, ruhig fließendes Waldwasser, wo drei nixenartig gestaltete Jungfrauen den schönen Leib im Bade kühlen.
Das dritte Bild stellt, im Gegensatze zu den Anfechtungen sinnlicher Begier, den Heiligen dar unter den Händen wilder Dämonen, die im Begriffe stehen, ihrem Opfer äußerliche Körperbeschädigungen beizubringen. Die eine dieser diabolischen Gestalten packt das Gewand des Alten, der in abwendender Gegenwehr nach oben blickt, wo die Lichtgestalt des Heilandes im Wolkenschimmer schwebt.
Den Schluss macht der Tod des viel Gepriesenen. – Auf einer Binsenmatte ausgestreckt findet ihn sein Mitbruder, ein benachbarter Einsiedel, während zwei Löwen, bisherige Gefährten seiner Einsamkeit, emsig bemüht sind, mit ihren Klauen ein Grab in die Erde zu scharren. Im Mittelgrunde deutet der Künstler sinnreich noch den letzten Lebensmoment des Dahingeschiedenen an. – Antonius kniet im Gebete, vor einem in tiefer Waldeinsamkeit stehenden Kruzifixe. In der Ferne wandelt sein Freund, der Waldbruder, auf steinigen Felspfade, um dem Heiligen seinen Besuch abzustatten, der ihn jedoch, wie wir gesehen haben, nicht mehr unter den Lebenden trifft. – Sämtliche Gemälde tragen das Monogramm des Künstlers und die Jahreszahl 1517.
Martin Schaffner’s Werke wurden vielfach irrtümlicher Weise mit denen des Martin Schön, aber, wie er zuverweilen auch genannt wird, Martin Schongauer, verwechselt, obwohl Letzterer früher als Schaffer lebte und bereits in den 80 er Jahren des 15. Jahrhunderts sein rühmliches Dasein in Colmar beschloß. Die Wirksamkeit Schaffner’s dagegen fällt in den Anfang des 16. Jahrhunderts, zu welcher Zeit der Meister in Ulm als Bürger und Mitglied der dortigen Malergilde lebte. Dieser Künstler hatte das sonderbare Schicksal, bis auf die neuere Zeit fast gänzlich im Dunkel geblieben zu sein, wo ihn dann erst sorgfältige Forschungen in das verdiente Licht gestellt haben. Obwohl Martin Schaffner, wie erwiesen, nie Italien gesehen, so tragen seine Werke doch noch den Stempel jener kurzen Blütezeit deutscher Kunst, in welcher die Bekanntschaft mit der italienischen Muse der strengen Charakteristik und der zwar innerlichen, aber in ihrem Äußeren allzu dürftigen Gemütlichkeit der Deutschen mehr künstlerische Freiheit und Schönheit einhauchte – ein Einfluss, der in seinem Verlaufe mißverstanden, später allerdings dem reinen Kunstelemente verderblich wurde, nicht desto weniger aber in seiner anfänglichen Reinheit das Vortrefflichste deutsch mittelalterlicher Kunst hervorbringen half.
Über die Geschichte des Schlosses Kirchberg (oder wie die frühere Schreibart „Killiberg“) berichtet Kolb, dass im Jahr 1288 das Besitztum von dem ehemals fürstlichen Stifte Kempten durch Kauf an das Gotteshaus Salem gekommen; wie denn auch der letzte Vorsteher dieses Klosters, der Reichsprälat Kaspar Öchsle, hier sein Leben beschloß. Das vorhandene Schloss ist teilweise aus späterer Zeit, zweistöckig und ganz im Sinne eines behaglichen Wohnsitzes angelegt und ausgeführt. Die Wirtschaftsgebäude dagegen tragen noch mittelalterlichen Charakter.
Nachdem dieser herrliche Sitz längere Zeit unbewohnt gestanden, würdigte ihn der höchstselige Großherzog Leopold, zu Anfang der 40er Jahre auf kurze Zeit seines Besuches. Einen zweiten Lichtpunkt in der Geschichte des Schlosses bildet das schon erwähnte Aufenthalt Seiner königlichen Hoheit des allverehrten Regenten im Herbst des Jahres 1853. Der Aufenthalt dauert über fünf Wochen und die meisten angehörigen Bodenseeorte hatten das Glück, von ihrem durchlautigsten Herrn und Regenten besucht zu werden.
An schöne Sonntagen ist die Wirtschaft zu Kirchberg ein besuchter Ausflugsort der Umgebung. Und wahrlich, es gibt wohl kaum ein einladenderes Plätzlein, die Muße, eines schönes Sommernachmittag so angenehm zu verbringen, als Kirchberg mit seinem Weinlauben, blumigen Wiesen und schattigen Gehölzen, angespült von den stillen Gewässern des mächtigen Bodan.
Der Volksglaube lässt in dieser Gegend zuweilen Wanderer nächtlicher Weile irre gehen; auch sollen nicht selten Pferde, welche an Fuhrwerken die Straße passieren, scheu werden. Im nämlichen Sinne fährt auch mit sechsspännigem Zuge der Geist des Prälaten Anselm von Salem (gestorben 1778) von seinem Kloster nach Kirchberg. Dieser Abt lebte mit Kardinal Bischof Roth in beständigen Territorial- und Rangstreitigkeiten, infolgedessen der Kardinal dem Abte, als er einstens sechsspännig von Salem über Meersburg nach Kirchberg fahren wollte, zwei Pferde an dem Wagen ausspannen ließ.
In geringer Entfernung östlich von Kirchberg schaut das Schloss Herschberg stattlich von einem rebenbepflanzten Hügel über den See. Es ist der Sitz der fürstlichen Familie von Salem-Krautheim und liegt auf württembergischem, vom badischen Gebiete umschlossenen Grund und Boden. Ein letzter badischer Uferort in genannter Richtung bildet das große Pfarrdorf Immenstad, erstmals unter fürstenbergischer Landeshoheit, ist ein Bestandteil des großherzoglichen Bezirksamtes Meersburg.
Während ich auf dem Wiesenpfade längs des Seeufern von Kirchberg zurückkehrte, zog von Westen her ein Gewitter, welches bald heftige Regengüsse über Land und See schickte, und den Wanderer am Bodensee kaum noch ungenäßt den Ort Hagnau und das Wirtshaus zum Adler erreichen ließ.
In der Nähe des Gasthauses befindet sich ein mächtiger Steinblock, ein Denkmal des gefrorenen Bodensee’s im Februar des Jahres 1830. – Als die Eisdecke Nachts unter furchtbarem Krachen sich hob und bohrst, wurde dieser Stein (wahrscheinlich eingefroren) mit vielen mannshohen tafelförmigen Eisschichten, aus dem See an das Ufer bei Hagnau geschleudert und später von den Einwohnern mittels vier Pferden in’s Dorf geschleift, um vor dem Adler zum ewigen Gedächtnis aufgestellt zu werden. Ähnliche Erinnerungszeichen warf der wunderliche Alte im Jahr 1573 zwischen Lindau und Wasserburg an’s Land, sowie 1659 bei Arbon unweit der Stadtmauern einen Stein, der nicht weniger als hundert und fünfzig Zentner wog.
Das gänzliche Gefrieren des Sees ist übrigens etwas so Seltenes, dass der gemeine Mann am See, vor dem Jahr dreißig, durchaus die Möglichkeit desselben bezweifelte und alle Berichte aus früheren Jahrhunderten in diesem Betreffe für eitel Lug und Fabel hielt. *)
*Auch von außerordentlich gelinden Wintern, berichten die Chronisten. „Anno 1287 war ein sehr warmer Winter, in welchem zu Konstanz die Bäume und Rosenstöcke geblühet, auch Veielin und andere Frühlings- und Sommerblumen gepflückt worden; da denn am Weihnachtsfest die jungen Mägdlin mit Blumenkränzen geschmückt zur Kirche gingen, und die Knaben im Bodensee badeten.
Von jeher wurde das Phänomen, wenn es eintraf, mit allerlei Festlichkeiten und Unternehmungen von den Umwohnern gefeiert. – Als im Jahr 1573, am 22. Januarder See hart gefror und es mehrere Wochen lang blieb, transportierte man schwere Lasten über das Eis, und sogar ein sechsspänniger Güterzug fuhr von Fußach nach Lindau. Bei Rorschach wurden Fastnachtsspiele und andere Lustbarkeiten auf dem Eis gehalten, und zwischen Lindau und Meheran hielten 200 Bürger zu Fuß und zu Pferde die übliche Aschermittwochschlacht. (Die Sage von dem Reiter, der die beschneite Eisdecke für eine Wiese gehalten und darüber geritten, ist bekannt.)
Ebenso lustig ging es auf der Eisdecke im Februar 1830 zu. Güter wurden hin und hergeschafft, und zahllose Spaziergänge von einem Uferorte zum anderen gemacht. Die Küsterzunft von Konstanz verfertigte ein großes Weinfass auf dem Eis, und die Immenstader benutzten die Bahn, um den f.g. Hennenzins auf einem Schlitten von ihrem Dorfe nach Meersburg zu verbringen.
Meister Sepp von Eppishusen aber hatte Laune genug, eine Schlittenpartie von seinem Schlosse (er wohnte damals in Eppishausen) über den See nach Immenstad zu machen. – Manche Wanderer, die sich zu weit in das nebelige Schneegebilde wagten, irrten lange umher und durften froh sein, mit heiler Haut das Land wieder zu erreichen. Doch sind keine eigentlichen Unglücksfälle bekannt geworden, mit Ausnahme eines badischen Soldaten, der von der Garnison zu Konstanz, welcher in eine Eisspalte fiel und nicht mehr zum Vorschein kam.
Ein ganz besonderer Brauch jedoch findet bei dem jedesmaligen Gefrieren des Sees zwischen den Bewohnern von Hagnau und dem schweizerischen Orte Münsterlingen statt. In feierlicher Prozession wird nämlich ein Heiligenbild von einer Pfarrei in die andere gebracht, wo es so lange verbleibt, bis der See wiederum Gelegenheit zu ähnlicher Transferierung darbietet. Dieses Bildnis befindet sich gegenwärtig in Hagnau, wohin es im Winter 1830 mit Kreuz und Fahnen in Begleitung der Schuljugend von Münsterlingen verbracht worden ist.
Mein kurzer Aufenthalt in Hagnau gab mir Gelegenheit, aus dem Munde eines alten Mannes noch von einem anderen ehemaligen Brauche des Dorfes Kenntnis zu erhalten. Es bestand nämlich hier die Gesellschaft der „Käseträger“ –eine Verbrüderung von 24 ledigen Burschen, mit eigenen Sittengesetzen. Von Alters her war es üblich, dass diese Gesellschaft nach verflossenen sieben Jahre jedes Mal am Neujahrstag ein besonderes Fest beging. Mit Unter- und Obergewehr bewaffnet, unter der Führung eines Oberen, den eine Hellebarde auszeichnete, rückte man früh morgens vor den Pfarrhof und die Wohnungen des Amann und der Gemeinderäte, um hier die übliche Gratulation abzustatten. Nach dem Gottesdienste begab sich die Mannschaft nochmals zum Herrn Pfarrer, um einen Käselaib dort in Empfang zu nehmen, welcher auf einer Stange, die oben ein rundes Brett hatte, im Dorf herum vor jedes Haus getragen wurde, wo man, nach Glückwunsch und Gesang, um eine Gabe bat. Wurde die Spende gereicht, so drückte der Geber oder die Geberin die hierzu bestimmte Münze in einen Apfel, steckte diesen an eine Spindel und diese wiederum in den am Fenster empor gehaltenen Käselaib. – Später ließ man wohl noch Gaben an Fleisch, Mehl, Brot und Butter folgen, was alles zusammen bei einem großen Gastmahl, woran alle Ledigen des Ortes teilnahmen, unter Gesang und Tanz verzehrt wurde. Die Beiträge fielen meist so reichlich aus, dass auch der Armen und sämmtlicher Schuljugend auf’s Freigebigste gedacht werden konnte. 3 bis 4 Zentner Fleisch und ein Dutzend saftige Schinken war keine Seltenheit gespendet zu sehen. –
Ein zweiter „Zechttag“ mit Tanz und allerlei Spielen fand an Fasnacht, ein dritter am 1. Mai u.s.w. statt. Jedes Mal durften sämtliche ledige Welt teilnehmen, mußte sich jedoch den bestehenden Gesetzen der Vierundzwanzig unterwerfen. Es war zum Beispiel Sitte, dass beim Ende der Tanzbelustigung der Obere seine Sackuhr auf den Tisch legte und die Minute bestimmte, wo die Burschen, welche Tänzerinnen nach Hause zu begleiten hatten, wieder im Saale erscheinen mußten. Versäumte einer die gegebene Zeit, so wurde er zur Buße von den nächsten Zechtagen ausgeschlossen.
Traf es sich, dass der Genosse heiratete, so „stand die ganze Mannschaft in’s Gewehr“, um unter Trommel- und Pfeifenschall dem Ausscheidenden gebührende Ehre zu erweisen. Wie das Brautpaar aus der Kirche kam, traten zwei Kameraden vor mit einem farbigen Bande, dessen Enden die Beiden, an ihre gezogenen Degen geknüpft, aus einander hielten, während der übliche Glückwunsch gesprochen, und von der Mannschaft eine feierliche Gewehrsalve gegeben wurde.
„Im Jahr 1798„, schloss mein Berichterstatter, das letzte lebende Mitglied der ehemaligen Käseträgergesellschaft, „wurde das Neujahrsfest zum letzten Male von uns gehalten. – Es waren vergnügte Zeiten, lieber Herr; unter dem jetzigen Geschlecht ist nicht halb so viel Harmonie und Lustbarkeit.“
So erzählte der Alte, und es wollte mir scheinen, als liege in seiner Schlussbemerkung etwas Wahres. – Lebt die jetzige Generation, fragte ich bei mir selbst, lebt sie mit all‘ ihrem Raffinements und weltbeglückenden Ideen glücklicher als die Vorältern? – Wir sollen uns in einer Übergangs- und Entwicklungsperiode befinden, hört man vielfach behaupten. – Ist aber nicht jede Zeit eine solche? Gewiß. Keine bringt jedoch, halte ich dafür, so Wunders viel Neues, dass es sich der Mühe lohnte, entbehrend lange darauf zu warten. –
„Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah. Lerne nur das Glück ergreifen, Denn das Glück ist immer da.“
Allerdings ist viel Poesie, oder was dasselbe ist, Gemüth, aus dem Volksleben geschwunden, vorzugsweise seit der Zeit, wo alles cosmopolitische Zwecke, sociale Ideen und Zukunft gepflegt werden wollte; worüber nothwendig die Freude am Herkömmlichen, das Behagen an der Gegenwart, verloren gehen mußte.
Mit solchen Raisonnements beschäftigt, wanderte ich Meersburg zu. – Das Gewitter war vorüber und die Luft herrlich erfrischt und klar. – In erneuter Pracht lag die noch eben von Regenschauer verhüllte Gegend vor mir, und die uralten Häupter der Alpen schauten in unwandelbarer Ruhe, verklärt durch Apollos scheidendes das Flammengespann, in’s glühende Abendroth.
In Meersburgs Hallen aber herrschte Freude. – Ein Teil der in Konstanz gastierenden Schauspielerbande war mit dem Dampfschiffe herüber gekommen, um auf dem Theater, welches noch aus Bischofszeiten im oberen Saale des Rathauses vorhanden ist, Vorstellungen zu geben. Auch ich ließ mich verlocken. Das Stück war ein wenig erbauliches modernes Lustspiel, dessen Name ich vergessen habe; doch ist mir noch so viel erinnerlich, dass es mich von Neuem in dem Verdacht bestärkte, als schwinde alle ächte Poesie aus dem Leben und der Kunst.
Joseph Maria Christoph Freiherr von Laßberg, (geboren 10. April 1770 in Donaueschingen; gestorben 15. März 1855 in Meersburg) nannte sich selber der Meister Sepp von Eppishusen.
Badhaus von Schloss Kirchberg
Schloss Kirchberg
1829 wurde die barocke Schlosskapelle abgetragen. Kurz nach 1850 und ab 1880 wurden die Schlossgebäude jeweils einer tief greifenden Umgestaltung unterzogen. Durch Prinz Wilhelm von Baden wurde ab 1880 der Südflügel in seiner äußeren Gestalt soweit verändert, dass die im Bau vorhandene ältere Bausubstanz nicht mehr zu erkennen war. Das Gebäude wurde um ein Geschoß erhöht und erhielt eine neue Dachkonstruktion.
Martin Schaffner (* um 1478; † nach 1546 in Ulm). Seine Unterschrift findet sich auf dem von Stocker geschaffenen Ennetacher Altar. Schaffner wechselt später zu einer anderen Ulmer Werkstatt, um schließlich in Augsburg mit Hans Holbein dem Älteren zusammenzuarbeiten. Vom Stil des letzteren ist seine eigene Arbeit ebenso beeinflusst wie durch Albrecht Dürer und Hans Burgkmair. Wikipedia
Die von Lucian Reich erwähnten Tafeln aus dem Schloss Kirchberg befinden sich heute als „Salemer Altar Tafeln“ in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Vermutlich waren sie 1829 aus der Schlosskapelle in das Schloss Kirchberg, und dann 1880 nach Salem gewandert. Die heutig Beschreibung ist eine ziemlich andere als die unten eingefügte von Lucian Reich aus dem Jahr 1855.
Auf der ersten Tafel erblicken wir in einsiedlerischer Landschaft den heiligen Altvater, vertieft im Lesen eines Buches. Neben ihm die halbfertige Arbeit eines Korbes von Binsengeflecht, und im Mittelgrunde seine Klause, die er, nach der Legende, über einem verlassenen Grabe errichtet hatte. Die frommen Betrachtungen des Klausners abzulenken, hat sich ihm eine reizende Jungfrau in reichem Schmuck und prächtigem Gewande genähert, welche dem Heiligen ein Gefäße von kostbarer Arbeit, wahrscheinlich eine zweite Pandorabüchse darbietet, die der angefochtene Mann jedoch misstrauisch verwundert anzublicken scheint.Eine zweite Versuchung versinnlicht die Scene im Mittelgrunde, wo der Böse, in Gestalt eines rotgekleideten Jägers mit Hunden und einem geflügelten Schweine dem Klausner ein netzartiges Jagdgeräte vorweiset, während aus dem nahen Walde mitleidflehende trügerische Gestalten Presshafter und Bedürftiger auf die beiden zukommen. Im oberen Raum Christus in Wolken, vor dessen Erscheinung die Dämonen die Flucht ergreifen.
Die Hauptgruppe des zweiten Gemäldes zeigt den Heiligen betend, bedrängt jedoch und verwirrt von den üppigen Gestalten dreier Mädchen, deren lange rote Gewänder und zierliche Haargeflechte nur unvollkommen Bocksfuß und sprossende Hörnlein verdecken. Die eine der Schönen faßt zudringlich des frommen Vaters Kapuze, während ihre Schwestern, neben einem reich verzierten Ruhebett stehend, mit arglistigem Lächeln die Verwirrung der Heiligen betrachten. Ein Teil des Mittelgrundes rechts füllt ein prächtiges Gebäude, an dessen Treppe Antonius, umgeben von Preßhaften und den drei rot gekleideten verführerischen Weibern. Links mehr in der Ferne gerückt, schließt das Bild mit einer Szene von anmutiger Erfindung und Ausführung. An sommerlichen Tagen sehen wir den Alten in sinnender Beschaulichkeit längs eines Waldrandes dahin wandeln. – Siehe, da tritt ihm der rot gekleidete Versucher wieder in den Weg, und zeigt gegen ein klares, ruhig fließendes Waldwasser, wo drei nixenartig gestaltete Jungfrauen den schönen Leib im Bade kühlen.
Das dritte Bild stellt, im Gegensatze zu den Anfechtungen sinnlicher Begier, den Heiligen dar unter den Händen wilder Dämonen, die im Begriffe stehen, ihrem Opfer äußerliche Körperbeschädigungen beizubringen. Die eine dieser diabolischen Gestalten packt das Gewand des Alten, der in abwendender Gegenwehr nach oben blickt, wo die Lichtgestalt des Heilandes im Wolkenschimmer schwebt.
Den Schluss macht der Tod des viel Gepriesenen. – Auf einer Binsenmatte ausgestreckt findet ihn sein Mitbruder, ein benachbarter Einsiedel, während zwei Löwen, bisherige Gefährten seiner Einsamkeit, emsig bemüht sind, mit ihren Klauen ein Grab in die Erde zu scharren. Im Mittelgrunde deutet der Künstler sinnreich noch den letzten Lebensmoment des Dahingeschiedenen an. – Antonius kniet im Gebete, vor einem in tiefer Waldeinsamkeit stehenden Kruzifixe. In der Ferne wandelt sein Freund, der Waldbruder, auf steinigen Felspfade, um dem Heiligen seinen Besuch abzustatten, der ihn jedoch, wie wir gesehen haben, nicht mehr unter den Lebenden trifft. – Sämtliche Gemälde tragen das Monogramm des Künstlers und die Jahreszahl 1517.
Die Fotos sind von Wikimedia der Text von Lucian Reich.
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