Hummelwachsmotte

Liebe Bürgerpostleser, 

nun, wie angekündigt, die Auflösung des Bilderrätsels unten. Es gingen erfreulicher Weise einige Lösungsvorschläge ein, die ich erwähnen möchte: „Ein Jungspinnennest, es könnte von Hornissen stammen, es sehe aus wie Gewölle, es sei Schafwolle, in die sich irgendwelche Käfer reingebohrt haben, und es sei ein Eichenprozessionsspinnernest“.
Zwei Antworten waren fast richtig, aber nicht ganz: „Dieses Gebilde kommt uns sehr bekannt vor. Hatten wir auch schon mal in einem Nistkasten. Wurde uns von einer befreundeten Zoologin als Wachsmotte bestimmt“. Dies schrieben Gabi und Hartmut Ebenhöh aus Unterkirnach. Frau Dr. Ulrike Guttenberger schrieb ähnlich, „das erinnert mich an ein Gespinst von Wachsmotten in einem vernachlässigten Bienenkasten. Auf jeden Fall sind es Kokons von irgendwelchen Maden oder Raupen, die zum Teil verlassen sind“.

Prima, fast zwei Volltreffer, weil das Rätselbild mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zu einer bestimmten Mottenart gehört, nämlich zur Hummelwachsmotte auch Hummelnestmotte genannt. Wie erwähnt, wurde das Gebilde vor kurzem beim Reinigen eines Höhlenbrüter-Vogelkastens entdeckt und befand sich am Inneren des Daches. Nun, Folgendes dürfte sich zugetragen haben: Entweder sind Hummeln oder Wespen Erstbesiedler des Kastens gewesen oder Nachmieter nach einer Meisenbrut. Die erwachsenen Hummelwachsmotten sind Kleinschmetterlinge, nachtaktiv und spüren Hummel- und Wespennester durch ihren Geruchssinn auf. Ist das nicht hammerhart? Die Eiablage erfolgt dann im unmittelbaren Nestbereich. Die jungen Raupen schlüpfen bereits nach wenigen Tagen. Sie ernähren sich in den Nestern sowohl von Abfällen aber auch zu einem großen Teil räuberisch von der Brut. Die Raupen leben dabei gesellig und überziehen ihre Fressbereiche mit einem dichten Gespinst, das Schutz vor den Hummeln bzw. Wespen gewährt. Auch wieder ein Hammer. Dieses Gespinst wird kontinuierlich weiter ausgebaut, so dass immer größere Bereiche des Nestes abgetrennt und von den Raupen der Hummelnestmotte übernommen werden. Also ein klassische feindliche Übernahme. Die isolierte Brut wird gefressen. Die erwachsenen Raupen verpuppen sich gesellig innerhalb oder in der Nähe des Wirtsnestes. Die einzelnen Kokons liegen dicht aneinander und sind miteinander versponnen. Die Art zählt zwar zur Unterfamilie Wachsmotten, sie benötigt aber im Gegensatz zu den beiden verwandten Arten Große Wachsmotte und Kleine Wachsmotte kein Wachs für die Entwicklung.
Also ich muß sagen, das ist wieder eine Meisterleistung aus der Natur und ich bedanke mich ganz herzlich beim anonymen Spender für die Überlassung dieses Gebildes.

Vielen Dank auch fürs Mitmachen, es hat mich sehr gefreut.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Angelo, de Feroldi vu Riedeburg

Beitrag vom 24. Juni 2021

Z` Riedeburg a de Altmühl im Bayrische häts au so wie bei iis en Feroldi gäe. Er hät zwar „Da Angelo„ khoasse aber, er hät im wörtlichste Sinn, wie vu Angeli, de Engel gschickt, die Kinderherzer gfange und verzückt. Au er isch mit eme Gaschtarbeiter- Zug und dem uverzichtbare Pappedeckelkoffer z` Riedeburg a de liebliche Altmühl aakumme. Zum Schaffe i de Sohlnhofer – Platte Steibrüch und nebedher i de uffkummendi Fremdeverkehrs- Gastronomie. I de Ecke vu de Pappedeckelschachtel aber hät er au, wie villi Siziliener, en uustillbare, en nit verzollpflichtige, en heimliche Troom verschoppet ghaa. Nämlich de Vorsatz e herzige, möglichscht heissblüetige Italienere z` hierote und e Eisdiele bei de Tedesci ufzmache. De erscht Troom, der mit Bella Ragazza, den hät er umbäschtle messe. Do war halt hormonell gsenne, nit zum dra z` Schruube. Statt dem feurige Italienerle hät ihm halt e schwarze, rassige und freche Riedeburgere, d` Erika , de Kopf verdrillet. A jedem Starkbierfescht un jedem Dorffescht hät er demit rechne messe, dass er wege dere heisse Busasch de Ranze voll griegt: „ Sait wonn gibt’s denn a sowos, dass an Itaker oise Madeln vom Donzboden obbi hoilt “. Daß sie ihm nie ganz an Kragge sind, war dem Grücht zum verdanke, dass jeder Siziliener wie halt die Mafiosi, e Klappmesser im Hosesack het. Des herzig und uverschrocke Riedeburger Madl hät Dehoam, in de Lehrzeit, bei de Nochbere un im ganze Städtle vill uushalte messe, well sie stolz, verliebt, bocksboanig und oagesinnig dem kleine Angelo nochgrennt isch. Sie war de erschte Gaschtarbeiter – Socke im Städtle. Un zähknirschend hond d` Eltere, d` Familie und des ganz Städle zuegucke messe wie d` Amore halt doch d`Oberhand gwunne hät. A me Samschtig im Mai isch de ganz Italienerclan vum Angelo us Sizilie mit de Fiat- Topolino und mit em Nachtzug Bari — Nürnberg im beschauliche Riedeburg iigfalle. Die halb Barockkerch war voll mit olivhäutige Süditaliener- und Sizilienerinne. Und d` Mammas, d` Papas und Nonnos und Nonnas, d` Schwestere und d` Brüeder hond während dere bayrisch- barocke Trauung ganzi Liitiecher nass gschraue und innbrünschtig betet dass die beide ewig zemethebet.

Im „ Brauhaus Schwan „ i de Schwemme wared die bieruugwähnte Tschinkeli noch „ zwoa Hoibi „ und „ oanem Hoxn mit Knödeln „ so bsoffe wie no nie und die kleine Siziliener sind bald dene oachene bayrische Neu- Verwandte Madln seelig i de stramme, schneewiesse Ärm und unter de woache Dirndl- Vorbaute glegge. Die glutäugige, rassige Italiener Maidli hond i de Pranke vu dene derbe, lederhose – Bayrelakel fascht koa Luft meh griegt und selli gern hetet sie gwisst, wie des mit dene Hirschleder Hoseträger und dene Lederhoseklappe goht.

Foto: Monika Sigwart

De Mythos dass jeder von dene Tschinkele e Stilett unterm Gürtel trait, hät sich schnell i Dunschtwolke vu Burger- Stumppe, Pfiifeduback, Zigärli, Bierdunscht, Humpatäterä un Gstanzl- Sprüch total i Schall und Rauch ufglöst. De Sepp isch dem Giuseppe um de Hals gheit, de Schorsch hät gmerkt dass er genauso hoasst wie de Giorgo und d` Nonna Margeritha genauso wie d` Grossmueta Magreth. D` Welt war hoal und de Angelo isch bi dene hagebiechene Riedeburger un i sinere neie Hoamet immer meh aakumme. Über vierzg Johr hat des Iiwanderer- Märle aghebt. Bis us dem Himmel voller Giige und Mandoline, us dere Verdi – Musik, dem Schlager vum Adriano Celentano „ Azzurro „ und us dem Ohrworm, dem Eisdielelied „ Gelato a Limon „ vum Paolo Conte doch en ganz tragische Misston kumme isch.

De Angelo hät des hert verdient Stoabrochgeld und sie Kellnergeld nach e paar Jährle i sie Vision, i sin Troom, den er im Pappedeckelkoffer verschoppet kha hät, inveschtiert und iigwäeslet. Vu Regensburg unne uffi und vu Beilngries und Berching obe abi, sind im nei baute Main Donau- Kanal, au en Troom vu me knallherte bayrische Elleboge- Maa, em Franz-Josef Strauss, Uusflugsschiff is aalt, beschaulich Riedeburg kumme. Und de erschte Gang a heisse Sommertäg war zum „ Da Angelo „. De Angelo und sie schwarzhoorigi, fliessigi und schaffigi Erika hon a de Schiffsländi e moderne Eisdiele, e Gelateria, baut und uufgmacht. Die frisch gmolke bayrische Milch und die Eier us de Nochberschaft, de fette Rohm und dezue die guete Zutate vu de Verwandschaft us Sizilie, hon des Gelato vum Angelo im ganze Altmühltal zu me Kult gmacht und ihn und sie Bella Mama Erika zu wohlhabende, aagsehnene Liit im Ort ufstiege lau. Die uusichtbare, die spirituelle Engelsflügel vum Angelo hon jetzt no besser trait. Zemmet mit em Stammhalter, dem picolo Angelo- Secondo, war des Iinwandererglick „ perfetto „.

Eiscafe „ Da Angelo „ am Schiffsanleger Riedenburg/ Altmühl


Gegenüber vu sinere Terrasa uf de andere Siite vum Altmühlkanal war e freii Baulucke. Mit dere hät d` Stadtverwaltung nint reachts aafange kinne. Jede Morge und jede Obed hät de Angelo und sie Cara Erika händlehebend dort dori guckt bis sie sich endlich entschlosse hond: „ Si, Si , pico bello, jo mei , dös greif mer oo.“ Sie hond so vill vu dene glickliche Kinderauge provitiert, dass sie dene allene ebbis zruck gäe hond welle. En grosse, schöne, modische, eweng au en mediterane Spielplatz sot dert entstau. Paar Pinie Bämm, Olivebäm und Zitronebäm i Pllanzkübel und e Spalier us Rebe. Z` erscht waret die Rootsherre zruckhaltend. „Olles ummsonst ? , a no von am Zuegroassten, am Italiener ?, Wos nix kost, kon a nix san“. Aber 2005 isch es losgange mit Plane, Baue, Uffstelle und Iirichte. Einweihung sot am 4. August 2007, am 65. Geburtstag vum Angelo sii. Natierli mit Blossmusik, mit eme Bergsteigerchor us Südtirol wo italienisch „La Montanara“ singt, mit Bier, Weisswürstl mit Brezen, und fasswiis rote- und wiisse Wii us Sizilie und eme Opernsänger aus Minge wo „O Sole MIo“ schmetteret. Und natierli mit ganze Eisberg, mit riese Eisgebirge vu Frei- Eis vu de beschte, und kindgerechteschte Sorte vum Angelo. Vom Pfarr mit dem Wiihwasser- Tee- Ei und graue Wolke vu Weihrauchschwade gsegnet. Mit Aasprooche vom Burgermoaster, vum Landrat der die vorbildlich Integration lobt und au vom putzig bayrisch schwätzende Patron, Gönner und Stifter, em Angelo di Lorenzo. Jetzt war de Angelo nit nu on vu dene aagsehnene Riedeburger Bayre, jetzt war er der Riedeburger „Kinder- Engel „ und sii Madel, die Erika, endgültig nimme des Papagalli – Mensch, sondern „ Die Donna Erica da` Angelo di Lorenzo „. So hets no lang bliibe kenne.

Aneme Morge woner mit siinere Donna Erica im Arm stolz und z` friede zum fascht fertige Spielplatz dori guckt hät, sait er i sim trollige Bayrisch- Sizilienisch zu sinere Erika: „ Porco Dio, ioo, eehh, muss su unsere Leib- Dottore, habe bissele Schmerze in die Ranze“ De Dottore, dem er immer de Wiikäer mit gutem Sizilianischem Wii vu sine Verwandte usem Süde prall und benissimo gfillt hät, guckt ihn s` erschtmol noch ere lange halbe Stund Untersuechung streng aa und sait, noch ere bedenklich lange Paus, abghackt, verdatteret, noch dere uusfierliche Nochschau: „ Anschelo, ……….. red mer net drumrum, geh zerscht in d` Kirchen auffi und donn, donn gehst hoam zu deiere Erika und regelst dei Soch. Und heit auf d` Nocht kimmst mit deim Madel zu mir und mir dringe poor Flaschel vom Besten, von deim Wein, essen von deine Olivi, em Schoofskaas und dere guedden Solomi, göll, kimmst gonz gwiess ! , versprichst mers !“

Nit nu e gottesfürchtig Italienerli wär do mit verschrauene Auge, uugwehnlich abwesend, dorchs Städtle, über de Friedhof und in die hocherhabe Barockkerch gschliche. Noch lange, inbrünschtige, fundamental- katholische, sizilianische Gebet und Litaneie isch er gfasst us em Portal trette und über de Friedhof däppelet. A de Kirchewand war no e Grablucke. Vu dert sieht mer genau über sii Gelateria, über d` Altmühl und , – diretto, – uf sin fascht fertige „ Bambini- Spielplatz“. De onzig Platz ufem Kirchhof mit Bella Vista uf den, nei, uf siin Spielplatz: „ Stella di Angelo „ sott er mol hoasse. Mit dem Grab- Platz hät er scho lang gliebäuglet. Dass es aber so bald scho de Fall sii kennt, des hät er natierli nie im Lebe denkt. Ufs mol war er dusse us siim, us sim lebensfrohe, quirlige, irdische Paradies. Dass er dene „ Stelli „ , dene Stearn, so schnell, so noh kummt, des war nit Toal vu siim Troom den er im Pappedeckel- Kefferli us Sizilie mitbroocht hät. Und doch isch au i om Eck vum Köfferli vu de Vorsehung e Plätzli für den uuvermeidliche Fall vorbelegt gsi.

No bevor er zu sienere Riedeburger „ Bella Donna, zu siinere „Cara Mamma Erika „ und zum Filio Angelo gange isch, goht er, mit gsenktem, starre Blick uf des Aaltstadtpflaster, zum „ Birgermeister“ zu siim Spezie , zum „Sindaco“ Giorgio uffs Rothuus. D` Kinder, d` Fraue und die gmütliche Rentner, die ihm wie immer freundlich und fidel „An Guedden, Anschelo !„ zuerufet, die denket alli: „ Jo mei, wos wert wui de kloane Angelo heit hom?“

D` Resi, des prall Vorzimmer – Wiib vom Sindaco, losst en, den edle Spender, ohne lang klopfe glii zum Padrone, zum Sindaco Giorgo vor.
„ Giorgi………, du Schoorsche, i will habbe eine Grab. An die Mauer von Chiesa, du wisse, freie Platz nebe Seiteporta. Ich kaufe Platz für diecicinque Jahre, subito “. „ Jo mei, do kimmst obba scho friehe, dös muess i mit meine Rotskollegen beredn, schau mer moi. ….. …Anschelo, Anschelo Ansche……. host wos, geht’s der vei net gued, Anschelo ?“ „No, No, va bene , ich wolle nur habe diese Grab. Reservato, du wisse“

Noch dem todtruurige, todtluschtige und trotzdem korzwielige bayrisch- sizilienische Obed bim Dottore und dere lange Naacht nebe de Bella Mama isch es steil bergab gange mit dem Angelo. Des bayrisch Sizilienerle ist gschrumpflet wie e Barolo- Truub, wenn se zure Rosin word. Wehliidig jommere, morre und dräese hät mern kum ghört. Seelig und au weng entruckt hät er stundelang vu sienere Terrasa, iipackt in feine sizilianische Schoofwollteppig, uf sin gschpendete Spielplatz gucket. Für d` Sizilianer sei de Tod ebbis Greifbares, sait de Süditalienisch Dichter Cuevas. Drum hät de Angelo au vu sim Sarg träumt. Es gäb Siszilianer die dätet den sogar unterm Bett verschoppe. De Angelo hät all no mit sich grunge ob er us Mahagoni, Olivebaumfurnier oder doch eher us Pini- Vollholz sie sot. Vum Oliveholz isch er denno doch abkumme. Us dem Holz wo sit Jahrtausende sine Landsliet lebet und die au ihn mit Frücht, mit Schatte und fascht ewige Erinnerunge, mit Wehmut und mit Heimetsehnsucht versorgt hät, uff die Maserung wet er doch us tiefem Respekt vor dem Natur- und em Kulturwunder Olivebaum verzichte, Nit dass no so en profitliche, mafiöse Immobiliehai ganze Pinihain umselblet, dass er nit nuu a des wertvoll Sargholz kunnt, sondern au no de Hain und den Hang mit Buldozzer umgrabt und mit doppeltem Profit mit Bungalo für die Neuriiche verbaut. „No, No, diese Olivenbaumfrevler, diese Kulturbarbari, no Olivi- Masakera in Mediterano, diese ich nicht unterstüze mit mein Tod, basta. Ich nehme picobello Lengna a Pinie, Santa Maria e tutti Santi“.

Angelo senj. Angelo junj. und Erika di Lorenzo

Siini zahlriiche Spezl, sini Amici, hon ihm bei „ oans, zwoa Deci Roten „ gsteckt, dass demnäscht sii Aanliege inre Gmoandssitzung verkartet word. Paar Täg später isch vum Riedeburger Officio Communale e Schriebe kumme:

„Sehr geehrter Herr Angelo di Lorenzo ……..
Wir müssen ihnen leider mitteilen dass der freie Grabplatz an der Kirchenwand nur politischen- und/ oder klerikalen Persönlichkeiten vergeben wird“

Vu dem Moment aa isch de Blick vu dem warmherzige „ Schleckeis- Engel „ uf den Spielplatz, sim Platz, sim Parco no hohler, no leerer worre bis er ganz schnell und, für immer, verlescht isch. Nämli am Morge vum 16.Juli 2007. Drei Woche vor sim 65- er und de plante Iiweihung vu sim „ Stella di Angelo „ vum „Stearn vum Angelo „..

Nit nuu sii hochgachtete Familie, nei ganz Riedeburg, die ganz Region, fascht ganz Franken und Niederbayern hät des dene so weise „ Rootsherre “ ghehrig verüblet. Die herzlos, seelelos, politisch Absag wird a de Altmühl wohl nie vergesse were.
Gnad Gott dem, wo irgend wenn emol huldvoll diesell denkwürdig Grablücke uusfülle darf, nei : muess.

D` Iiweihung hät d` Donna Erika und de jung Angelo verschobe und e Johr später gmacht. Im August 2008. Im Volksmund hoasst de Platz jetzt „ Angelos Spielplatz „ und officiell : „ Stella di Angelo „ so wies de Schleckeis- Engel hät welle. De Angelo Senjor isch hit immer no im Team uf de Eiskart vu de „ Gelateria Angelo „ uffgfiehrt. Wenn des konn Bewies vu Respekt, Wertschätzung und Zueneigung isch !.

So Gschechte verzellt s `Lebe und wenn sie ganz aarührend sind, weret sie au immer wieder mol, imme fremden, au imme „ Schwob“, wie en Schwarzwälder im bayrische Frankeland hoasst, bluemig, rührselig und wehmutsvoll am Wirtstisch wiiterverzellt, uf Mundart, so kunnts halt am Beschte.

Schleckeis beim „ Feroldi „ 1955 in Donaueschingen

Hieronymus und der Wald-6

zwischen Dichtung und Wahrheit

Originalbeitrag vom 26. Februar 2017

Wie sich Lucian Reich im und „auf dem Walde“ auskannte

Vortrag aus Anlass des 200. Geburtstags von Lucian Reich am 26. Februar 2017 Teil 6.

XXV. Das Ende: Zu guter Letzt sitzt das liebende Ehepaar, sitzen Hieronymus und Helena  abends, nach den Mühen des Tages, an der Schwelle des eigenen Heimwesens und betrachten die Sterne, diese Kinder einer abgeschlossenen Zeit, deren Enkel kaum mehr wissen, wie es zu den Tagen der Großältern im Lande ausgesehen. Das Bedauern über das geschichtliche Desinteresse der Enkel, ja, über deren Ignoranz, kommt uns Heutigen doch sehr bekannt vor! Die Flucht des jungen Paars ins Idyll, in die private Gemütlichkeit, gilt indessen als Charakteristikum der Biedermeierzeit, der Stilepoche zwischen 1815 und 1848, der Zeit der Restauration. Insoweit ist Lucian Reich beim Abfassen seines Hieronymus (1853) noch ganz Biedermeier und keineswegs systemkritisch, angekränkelt von revolutionärem Gedankengut der neuen Zeit; dem Fürsten zu Fürstenberg Carl Egon, seiner Hochfürstlichen Durchlaucht, dem hochherzigen Beförderer und Beschützer vaterländischer Kunst und Wissenschaft, ist sein Werk gewidmet – in tiefster Ehrfurcht. 

Lucian Reich gezeichnet von seinem Schwager J. Nepomuk Heinemann

Umso heftiger sei (wie wir von Reichs einstigem Schüler Hansjakob erfahren) der inzwischen verarmte und verbitterte Hüfinger Volksschriftsteller vom Wunsch getrieben gewesen, die alten Trachten und Gebräuche festzuhalten, welche das moderne Leben zu vernichten drohte. So jedenfalls hat ihn in den Schriften der Baar Leonhard Nann in seinem Vortrag „Der Schwarzwald in der neueren Literatur“ anlässlich der Vereinssitzung am 15. Januar 1900 gewürdigt. Festhalten wollte Lucian Reich gewiss auch sein Bild vom Wald und vom Schwarzwald von einst, wie er ihn sich ausgemalt hat. Die Industrialisierung und das moderne Leben bedrohten ja nicht nur die alten Trachten und Gebräuche, sondern auch die Landschaft, die „vaterländischen Naturdenkmäler“. Insofern darf man in Lucian Reichs Bestreben, am Überkommenen festzuhalten, durchaus auch einen Anflug früher Heimat- und Naturschutzbemühung erkennen, wie sie sich ausgangs des 19. Jahrhunderts dann als breite Bewegung in der Industriegesellschaft etabliert hat.

In seinem Nachruf im nämlichen Heft der Schriften schreibt derselbe Leonhard Nann: Dieselben Eigenschaften, denen wir seine besten künstlerischen Leistungen verdanken, innige Heimatliebe und ein ausgeprägter lokaler Sinn, machten Reich zum Historiker. Es schmälert dessen Lebensleistung keineswegs, wenn wir ihm seine Waldbeschreibungen nicht durchweg als stimmig und historisch verbürgt durchgehen lassen. 

Hier geht es zum Hieronymus Podcast

Hieronymus und der Wald-5

Originalbeitrag vom 26. Februar 2017

zwischen Dichtung und Wahrheit

Wie sich Lucian Reich im und „auf dem Walde“ auskannte

Vortrag aus Anlass des 200. Geburtstags von Lucian Reich am 26. Februar 2017 Teil 5.

In Kapitel XI. Die Tölpeljahre treibt es Hieronymus, sehr zum Missvergnügen seiner Mutter, hinaus in die Wälder und Berge, und sein liebster Gesellschafter war jetzt Stoffel, der alte Waidgeselle. Das unstäte, wenn gleich stets wechselvoll beschäftigte Leben des Jägers und Fischers passte vollkommen zu seiner Gemütsverfassung. Dass die beiden dann freilich sogar im Gefolge des fürstlichen Hofes an der Hohen Jagd auf den balzenden Auerhahn teilnehmen durften, ist Lucian Reichs Jägerlatein. Denn nur die allerexklusivsten, zumeist blaublütigen Jagdgäste waren beim frühmorgendlichen Anspringen des balzenden Hahns wohlgelitten. Bis zur Revolution von 1848 besaßen Landes- wie Standesherrschaften das Jagdregal und durften somit im gesamten Herrschaftsbereich jagen. Weil das neue (revolutionäre) Jagdgesetz auch die Hahnenjagd nur noch im eigenen Wald zuließ, pachtete der Fürst nahezu sämtliche Balzplätze auch aus fremden Jagdbezirken heraus – jagdrechtlich eine gewagte, so eigentlich gar nicht zulässige Konstruktion, die jedoch zeigt, wie hoch die Hahnenjagd im Kurs stand. Nichts da also für Stoffel und seinen jungen Gesellen, so wie Lucian Reich sich deren jagdliche Abenteuer ausgemalt hat – allenfalls „verhören“ (d. h. den Balzplatz auskundschaften) durften sie den Hahn am Vorabend der Jagd!

Die Beute eines FF- Balzjagdmorgens:
14 Auerhähne, drapiert um den Eingang
des Gasthauses Krone in Peterzell (1914)

In Kapitel XII Die Ankunft muss der junge Hieronymus den Wald hinter sich lassen und zur Lehre in die an der Heerstraße liegende Stadt Hüfingen ziehen. Hier zieht auch Lucian Reich nochmals alle Register seiner orts- und heimatkundlichen Kenntnisse – klar, dass nun auch die römischen Baureste und Straßen Erwähnung finden. Noch einmal geht es vorüber an der gebrochenen Veste Neu-Fürstenberg und bis zum alten Zindelstein, wo der Bach den fast ununterbrochenen Tannenwäldern des mittleren Schwarzwaldes den langen Abschied zumurmelt. 

Zindelstein
Foto von Hubert Mauz

Da sind sie wieder, die fast ununterbrochenen Tannenwälder, die, wiewohl Lucian Reich den Unterschied zwischen Tannen und Fichten sehr wohl kannte, in Wahrheit Fichtenwälder sind. Beim Zindelstein verlässt der Bub also das heimatliche Tal, nachdem er sich zuvor im Wirtshaus zum Schwarze Bue bei einem Schoppen von seinen Begleitern (dem Vater und seinen Kameraden Dionys und Romulus) verabschiedet hat.

Schwarzer Bube
Foto von Hubert Mauz

Doch kurz nach Bräunlingen taucht er noch einmal so richtig in ein (allerdings sehr klischeehaftes) Waldidyll ein: Im Walde war es stille, man hörte nur das Fallen der Tannzapfen und das Nagen der Eichhörnchen in den hohen Baumwipfeln; die schlanken jungen Fohrenstämmchen bewegten wiegend und neigend ihre zarten Aeste in der leise wehenden Luft. Hier wischt sich der Wanderer nochmals den Schweiß von der Stirne, ehe er nach längerem Sinnen weiter zieht vorbei am felsigen Höllenstein, wo die Raben um das düstere Hochgericht flatterten – seiner Lehrstelle und dem Stadtleben entgegen.


Richtig wildromantisch, ja, dramatisch geht es erst wieder in Kapitel XV. Die Landfahrer zu, als Hieronymus, der Hüfinger Lehrbub, einen Heimaturlaub antritt, allerdings bei höchst unfreundlichem Wetter. Der Wandersmann schlug, um abzukürzen, den Weg durch das Oberholz ein, also über Hubertshofen und Mistelbrunn: Er war schon tief in den Wald eingedrungen. Der Wind sauste mächtig in den hohen Tannenwipfeln, um welche krächzende Raben über ihren Nestern kreisten. Der Pfad ward immer unwegsamer, nach kurzer Strecke jede Spur davon verloren, und der Wanderer sah sich in einer Wildniß, wohin noch nicht einmal die Axt des Holzhauers gedrungen, und kaum bisweilen ein Strahl der Sonne durch das Dickicht bricht. Auf dem mitternächtlich gelegenen, steil abfallenden Boden lagerten neben himmelhohen graubärtigen Weißtannen umgeworfene Stämme, Windfälle, von Jahrhunderten her über und unter einander, zum Theil völlig vermodert. Starrende Äste und ausgerissenes Wurzelgeflecht, hie und da sickernde Quellen und verborgene tiefe Lachen machten dem Schritte des Jünglings das Vorwärtskommen streitig.

Kein Zweifel, Hieronymus hat es in den steilen Wilddobel (oder war es doch der Roßdobel?) verschlagen; im benachbarten Krumpendobel hatten die Fürstenberger anno 1565 übrigens einen der letzten Bären erlegt. Der Abstieg erfolgt über Stock und Stein, wo der jähe Abhang quer durchrissen war durch eine Schlucht mit wildem Waldwasser. Inzwischen ist die Wildnis dort arg domestiziert, der Wald besteht aus gleichwüchsigen Fichten, der Hang ist mit Forstwegen erschlossen, der Bach eher ein Rinnsal. Dennoch muss Lucian Reich auf seinen Schwarzwaldwanderungen wohl doch auch noch urwaldartige Waldpartien kennengelernt haben, so plastisch wie er hier die Wildnis beschreibt. Bei der Beschreibung des Wilddobels indes übertreibt er maßlos!

Wildnis im Bannwald Zweribach

Schließlich trifft der strauchelnde und durchnässte Verirrte an einem kleinen, moosigen Weiher (heute ein Biotop!) auf ein schwarzbraunes Weib: auf Trautel, die Circe und schwäbelnde Vagantin, die ihn in ihre hinter Haselgesträuch versteckte Bettelküche führt, wo er sich trocknen darf – und wo ihm plötzlich schön Rösel, die Jugendgespielin, um den Hals fällt: Ein Überfall unerwarteter Zärtlichkeit, heißt es da, und der Leser darf einen gar seltenen Hauch von Erotik in Lucian Reichs Oeuvre verspüren: Leider war es eine Begegnung, die durch die resolute Trautel rasch unterbunden wird, wo doch Rösel in Wahrheit die von den Vaganten entführte Tochter von Johanna und Tolberg ist. Wer waren die Vaganten, die Lucian Reich erstaunlich lieblos beschreibt? Es dürfte sich um Angehörige des fahrenden Volks der Jenischen gehandelt haben, jener spätestens im Dreißigjährigen Krieg durch Verarmung entstandenen Gegengesellschaft der Kesselflicker und Scherenschleifer; allerdings  pflegten die nicht zu schwäbeln, sondern hatten ihre eigene Sprache.

Domestizierte Wildnis im Jahr 2016: Wilddobel, wo Hieronymus sich einst verlaufen hat

Der Wald spielt in den restlichen Kapiteln allenfalls noch als ferner Sehnsuchtsort eine Rolle – oder als Metapher: Wie eine alte, breit gewurzelte Tanne Generationen absterben und jüngere um sich heranwachsen sieht, und in scheinbar unverwüstlicher Zähigkeit Wind und Wetter trotzend immer dieselbe bleibt – also lebte stets noch der Köhler Klaus…, heißt es kurz vor dem Happyend, als plötzlich der Herr Tolberg nach langer, durch die politischen Wirren verursachter Irrfahrt wieder seinen Auftritt hat und seine Tochter Helena, Klausens Enkelin und nachmals Ehefrau des Hieronymus, wiederfindet. Bei Lucian Reichs breit gewurzelter Tanne dürfte es sich zwar wiederum um eine Fichte mit breiter Tellerwurzel (und nicht um eine tief wurzelnde Weißtanne) gehandelt haben, dennoch wollen wir das Bild so stehen lassen. Im Schwarzwald, auf dem Wald also, blühen derweil die Uhrenindustrie und der Uhrenhandel auf, von Lucian Reich sehr detailliert und kenntnisreich beschrieben.

Zum 6. und letzten Teil geht es hier.

Hier geht es zum Podcast der von Lucian Reich überarbeiteten Auflage ab Kapitel 11:

Im Kapitel 15 vom Podcast geht es etwas genauer um die Jenischen und auch das Holderküchlein.

Lochlone wittischer Massik!

Hieronymus und der Wald-4

Originalbeitrag vom 26. Februar 2017

zwischen Dichtung und Wahrheit

Wie sich Lucian Reich im und „auf dem Walde“ auskannte

Vortrag aus Anlass des 200. Geburtstags von Lucian Reich am 26. Februar 2017 Teil 4.

Im Kapitel VI. Hirten- und Jugendleben taucht der Forbachklaus wieder auf, in dessen Köhlerhütte sich die Hirtenbuben an regnerischen nebelig-kalten Tagen aufwärmten an den Gluten, woran der Alte sein spärliches Mahl bereitete. Klaus unterrichtete die Kinder, wie man sich vor den Wölfen zu schützen habe, oder theilte ihnen anderes über diese Raubthiere mit.

Bestie Wolf, bereits im frühen 18. Jh. so gut wie ausgerottet dank der Wartenberger Wolfsordnung

Es sei letzthin erst durch die Nachlässigkeit des Hirten wieder eine Kuh von den Wölf´ zerrissen worden. Weshalb auch der fürstlich´ Oberjäger erst wieder die Wolfsgruben, oben am Thierstein und durch den ganzen Hellberg (den Hallenberg?), frisch habe auslegen (sprich: beködern) lassen.

Dann heißt es weiter: Den Schwarzwaldkindern waren übrigens Wölfe damals nichts Fremdes, und Hieronymus kannte ihr Geheul ganz wohl, denn des Winters trieb der Hunger die Bestien oft bis an die Einfriedung der Gehöfte, welche sie umstrichen, oder wo sie sich, den Hunden gleich, niederkauerten, die Gelegenheit zu einem Raube, oder zu einem Einbruch in den Stall zu erspähen. Auch hier hat Lucian Reich zweifellos etwas allzu dick aufgetragen, denn die Wölfe waren bereits im frühen 18. Jahrhundert – nicht zuletzt dank der Wartenbergischen Wolfsordnung – so gut wie ausgerottet. Der seinerzeit letzte Wolf, ein einzelner Zuwanderer (wie der vorerst allerletzte, am Ochsenberg bei Tannheim nachgewiesene vom März 2020), wurde bekanntlich anno 1805 bei Immendingen erlegt, nachdem schon Jahrzehnte lang keiner mehr aufgetaucht war. 

Auf der A 5 überfahren: Wolf im Juli 2015

Ein andermal erzählt der Fohrbachklaus von den gewaltigen Steinhaufen im Wald des Laubhauser Bergs, wo eine Stadt gestanden habe. Der gut erhaltene Thorbogen war ebenso frei erfunden wie das prächtige Kloster, das einst auf dem Tierstein gestanden habe.

Siedlungsreste oder alte Sandsteinbrüche?
Es fehlen die Funde aus der Keltenzeit

Immerhin soll dort oben nach Kwasnitschka eine Fliehburg mittelalterlichen, wenn nicht gar keltischen Ursprungs existiert haben. Unter den überhängenden Felsen des Tiersteins, wo bisweilen auch die Vaganten zu kampieren pflegten, flüchteten die Kinder bei Sturm und Gewitter, oder sie verschanzten sich im verfallenen Gemäuer des einsamen Zindelsteins. Erstaunlicherweise hat sich Reich einen Hinweis auf Altfürstenberg, das (erstmals 1619 erwähnte) Krumpenschloss, versagt, dem ebenfalls keltische Ursprünge nachgesagt werden. 

Foto: K. Kwasnitschka: Laubenhausen eine befestigte keltische Siedlung (Schriften der Baar 1991)

Die Hütte des alten Köhlers stand auf der Kohlstatt beim Bruderkirchlein, heißt es in Kap. VII. Das Bruderkirchlein und die Köhlerhütte.

Kohlplätze und im Boden erhaltene Kohlereste liefern der Wissenschaft Nachweise über den Wald und die jeweils vorherrschenden Baumarten in den zurückliegenden Jahrhunderten

Klaus hatte sie von seinem Vater geerbt, der auch seine ganze Lebzeit im Dienste des Laubhausers kohlte. So ganz realitätsnah will mir das nicht erscheinen, denn die Kohlplatten wechselten rasch, sobald ringsum der Kohlholzvorrat erschöpft war. Der Stich zum Kapitel zeigt auch am Tierstein eine Hütte, doch die scheint nur als Unterschlupf gedient zu haben. Das Motiv der Köhlerhütte hat Lucian Reich auch auf Uhrenschildern verwendet, wie im Hüfinger Museum gezeigt wird.

Bruderkirchle bei Vöhrenbach

Hier also, in Kapitel VIII. Johanna, sitzt der alte Forbachklaus ruhig bei seinem Feuerherd unter dem Thierstein, in dessen Nähe er seine Kohlstatt aufgeschlagen hatte.

Derweil war seiner Tochter, der kleinen Johanna, kein Baum zu hoch und kein Fels zu schroff, als dass sie ihn nicht erklettert hätte: Auf die höchsten Mauerzacken der verwitterten Burg Neufürstenberg wagte sie sich, wo auch der verwegenste Bube ihr nicht nachgekommen wäre.

Derweil sich seine Tochter Johanna auf die 
höchsten Mauerzacken der verwitterten Burg
Neufürstenberg wagte

In der Köhlerhütte jedenfalls empfangen Klaus und Tochter Johanna den jungen Herrn Tolberg, der einige Zeit verweilen möchte, um die Angehörigen seines Freundes, des Köhlersohns Dieter, kennen zu lernen, so wie die traulichen Hütten und romantischen Gegenden des schönen Schwarzwaldes. Köhlerhütten wird man sich nicht gar zu traulich, eher rußig-schmutzig und primitiv vorzustellen haben; erst recht die von Schweiß und Ruß gezeichneten, oft lungenkranken Köhler, deren Beruf am unteren Ende des Sozialprestiges rangierte. Insofern scheint mir hier die Idylle doch ein bisschen allzu weit getrieben worden zu sein.  Aber es sollte hier ja auch eine zarte, folgenreiche Liebesgeschichte ihren Anfang nehmen. Wilhelm Hauffs 1830 geschriebenes Märchen Das Kalten Herz mit Kohlenmunk-Peter und Holländer Michel, jenes frühkapitalistische Lehrstück über die menschliche Gier, hat die Köhlerei jedenfalls sehr viel sozialkritischer beschrieben.

Tierstein

Fortsetzung gibt es hier

Hier gehts zum Podcast der Kapitel 6-8 der von Lucian Reich überarbeiteten Auflage:

Hieronymus und der Wald-3

zwischen Dichtung und Wahrheit

Originalbeitrag vom 26. Februar 2017

Wie sich Lucian Reich im und „auf dem Walde“ auskannte

Vortrag aus Anlass des 200. Geburtstags von Lucian Reich am 26. Februar 2017 Teil 3.

In Kap. II. Häusliches Stillleben wundert sich der kleine Hieronymus über den großen Stierschädel, welcher seit mehr als Menschengedenken am First des Laubhauser Hofs angebracht war. Lucian Reich erinnert hier an die auch heute mitunter noch an der Hohsuhle (Firsthochsäule) der ältesten Schwarzwaldhöfe angebrachten Schädel der Zugtiere, die einst das Bauholz herbei befördert haben.

Foto von Hermann Schilli

Hermann Schilli, der Verfasser von Das Schwarzwaldhaus (1953), zeigt einen solchermaßen mumifizierten Schädel aus dem Schwarzbauernhof im Katzensteigtal, der Blitzschläge und Unglücksfälle vom Hof fernhalten soll, wie er schreibt.

Heidnischer Brauch an der Hohsuhle
Foto von Hubert Mauz

Erwähnt wird auch noch der Kolmenfrieder (vom Kolmenhof auf der Martinskapelle?), der am Kohlwasen vom Hollahoh, dem erschrecklichen G´spenst, erwürgt worden sei.

Auch den an die Köhlerei erinnernden Kohlwasen gibt es tatsächlich: Es ist ein bewaldeter Rücken zwischen Linach- und Bregtal; unlängst geriet er in die Schlagzeilen als potenzieller Standort von Windkraftanlagen. Schließlich noch ein Schlegelwald, wo es in den hohe Tanne zu wehen und zu rauschen beginnt – als wie wenn der Pfaffe-Diesle geistweis ging. Ein Schlegelwald mit hohen Tannen (aber ohne Gespenst) ist mir ebenfalls geläufig, doch der befindet sich im Villinger Stadtwald an der Vöhrenbacher Grenze.

Flößerei auf Murg, Enz und Nagold seit der Römerzeit.

In Kap III. Frühlingsanfang erfahren wir etwas über die Flößerei: Der Hofwald liefere, so schreibt Lucian Reich, erst seit neuerer Zeit den gewünschten Ertrag, seit nämlich mehrere Flüsse flößbar gemacht und überall Wald- und andere Wege angelegt wurden, welche die Abfuhr des Großholzes möglich machen. Eine etwas verwirrende Aussage, denn auf der Breg wurde zwar seit langem fürstliches Brennholz getriftet, doch höchstens versuchsweise einmal auch Langholz geflößt. Hierzu reichten weder die Wasserführung noch das Gefälle aus, und auch über Schwallungen (Klusen) ist nichts bekannt.

Klusen (Schwallungen) an der Breg nicht bekannt, Wasserführung meist zu gering, Probleme mit den Mühlenbesitzern und Widerstand der Bräunlinger.

1715 wollte das Fürstenhaus die Breg bis Donaueschingen flößbar machen, scheiterte jedoch am Bräunlinger Widerstand, weshalb Fürst Anton Egon sogar erwog, einen Durchstich von Wolterdingen nach Aufen zur Brigach hinüber graben zu lassen. Ganz anders die Flößerei etwa auf der Murg, die der Rastatter Lucian Reich wohl vor Augen hatte. Doch auf den hierzu geeigneten Schwarzwaldflüssen wurde bekanntlich nicht erst seit neuerer Zeit geflößt, sondern bereits seit dem frühen Mittelalter, wenn nicht gar schon seit Römerzeiten. Die systematische Walderschließung mit einem Wegenetz ist dagegen erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts so richtig in Gang gekommen.

Walderschließung mit Fahrwegen beendet die Kurzholz-Trift auf der Breg im 19. Jahrhundert

Die Köhlerei, das Kohlenbrennen, das auf dem Schwarzwald schon von Urzeiten her üblich war, stehe jedoch in keinem Verhältnis zu dem unermesslichen Holzvorrath, weil außer diesem und den wenigen Brettern, die jeder Bauer auf seiner einfachen Klopfsägemühle schneiden ließ, gar geringer Verbrauch war. Das scheint mir nun wirklich eine gar zu idyllische, alles in allem unzutreffende Beschreibung der Waldsituation im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert zu sein! Landesweit ging damals „das Gespenst der Holznot“ um, das die Landes- und Standesherren schließlich zu großen Anstrengungen in Richtung Nachhaltigkeit zwang, so auch durch das neue Badische Forstgesetz von 1833 (Verbot der Waldweide, des Kahlhiebs und des regellosen Plenterns im öffentlichen Wald). Die fürstliche wie auch die großherzogliche Forstverwaltung erwarben damals viele „vergantete“ Höfe (so auch den einst stattlichen Grumpenhof), den Hofwald – oft genug „in abgeforstetem“, d. h.  in kahlem Zustand. Von Heinrich Hansjakob, dem Rastatter Schüler von Lucian Reich, stammt der Ausspruch – bezogen auf die FF-Wälder um Wolfach – wenn´s so weitergehe, müsse man den Schwarzwald bald in Kahlwald umbenennen.

Heinrich Hansjakob: Der Schwarzwald als Kahlwald? Großkahlschläge im 18. Jahrhundert.
Hier Kahllächen nach dem Orkan Lothar (1999)

Sodann zeichnet Lucian Reich ein Bild jener hochgelegenen Schwarzwälder Landschaften, wozu man sich noch weite Strecken einsamer Wildnisse und Moose, rauschende Waldbäche und zwischen all den unabsehbaren Tannenwäldern starre, spärlich bewachsene Granitmassen denken muß, um ihren eigenthümlich ernsten, bei vieler Lieblichkeit fast schwermüthigen Charakter zu fühlen.

Möser (Moore) des Buntsandsteinschwarzwalds und deren Entwässerung durch die Forstwirtschaft

Offenbar hat Lucian Reich hier weniger den Hoch-, als vielmehr den Baarschwarzwald vor Augen mit seinen Mösern (Mooren) und Missen oben auf der Buntsandsteindecke, die freilich schon im 19. Jahrhundert im großen Stil mit Hilfe von Grabensystemen entwässert wurden.

Weder mit Wildnissen noch mit unabsehbaren Tannenwäldern konnte dieser Teil des Schwarzwalds in Wahrheit noch aufwarten ausgangs des 18. Jahrhunderts: Dafür hatten im und um das Bregtal längst die Glashütten oder das Hammereisenbacher Eisenwerk gesorgt mit ihren dem Holzhunger geschuldeten Kahlschlägen. Reichs Tannenwälder waren damals schon weit überwiegend Fichtenwälder. So heißt es etwa im Forsteinrichtungswerk von 1833 für den Wolterdinger Wald, die Weißtanne nehme eine ganz untergeordnete Stellung ein, „obgleich sie in einzelnen riesenhaften Exemplaren und fast allenthalben als Überständer vorkommt.“

Lucian Reichs unabsehbare Tannenwälder waren bereits überwiegend Fichtenwälder

Im Bräunlinger Stadtwald war die Weißtanne bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts fast völlig verschwunden. Letzte „prachtvolle Überreste“ von Tannenurwald glaubten die Forstleute – fälschlicherweise – noch im 19. Jahrhundert im Weißwald bei Tannheim und an der Bruggener Halde vorweisen zu können: im einen Fall handelte es sich um einen überaus extensiv bewirtschafteten ehemaligen Klosterwald, im andern um die Liquiditätsreserve für die Privatschatulle des Fürsten. Beim rauschenden Waldbach und den spärlich bewachsenen Granitmassen hatte der Dichter gewiss den Grumpendobel und den Tierstein vor Augen.

In einzelnen riesenhaften Exemplaren:
Weißtanne im Grumpendobel

Über Mathias, den Vater von Hieronymus, den ältesten Sohn und weichenden Erben eines Bauern, erfahren wir nebenbei auch etwas über die Reutfeldwirtschaft, das Rüttibrennen, das vor allem im zentralen Gneis-Schwarzwald bis ins 20. Jahrhundert hinein weit verbreitet war: Auf einem entlegenen öden Feldstücke … schürfte er die Oberfläche, „brandelte“ den Rasen, ließ die Erd- und Aschehaufen den Winter über gären und verwesen, und erzielte durch diese Behandlungsart, damals noch wenig bekannt, einen solchen Ertrag an Gerste, dass es die allgemeine Aufmerksamkeit erregte. Dass dieses althergebrachte Verfahren der Waldfeldwirtschaft damals noch wenig bekannt gewesen sein soll, muss erstaunen. Wieso waren die rauchgeschwärzten Hänge der Reutberge dem Hüfinger nie aufgefallen – bei all seinen Schwarzwaldwanderungen (vgl. Wanderblühten von 1855)?

Reutfeldwirtschaft (Rüttibrennen): auf der Baar damals noch wenig bekannt?

Auf einem entlegenen, öden Feldstücke…schürfte er die Oberfläche, „brandelte“ den Rasen, ließ Erd- und Asche-Haufen den Winter über gären und verwesen, und erzielte einen solchen Ertrag an Gerste, dass es die allgemeine Aufmerksamkeit erregte.

Zum 4. Teil geht es hier:

Das Kapitel 2 von der von Lucian Reich überarbeiteten Auflage ist deutlich ausführlicher was die Geistergeschichten, den Hollohoh und auch die Jennischen betrifft.

Den Podcast zum Kapitel 2 gibt es hier:

Den Podcast zum Kapitel 3 gibt es hier:

Hieronymus und der Wald-2

zwischen Dichtung und Wahrheit

Originalbeitrag vom 26. Februar 2017

Wie sich Lucian Reich im und „auf dem Walde“ auskannte

Vortrag aus Anlass des 200. Geburtstags von Lucian Reich am 26. Februar 2017 Teil 2.

Im Kapitel I. Die heilige Taufe stellt er uns Ort und Zeit der Handlung des Buchs sowie die handelnden Personen genauer vor: Wir befinden uns also in einem einsam gelegenen Schwarzwälderthale, und die Geschichte beginnt ausgangs des 18. Jahrhunderts, genauer: zwischen 1745 und dem Beginn der französischen Koalitionskriege im Jahr 1792, also in einer Zeit, wo tiefe Ruhe und ungestörter Friede im deutschen Reiche herrschten.

Ort der Handlung: …in einem einsam gelegenen Schwarzwälderthale
(im Bregtal zwischen Bregenbach und Zindelstein)            

Die Handlung spielt zunächst einmal in einem großen einzeln stehenden Wälderhause, dem Laubhauser Hof. Hieronymus, erfahren wir, ist der Sohn eines Dienstmannes vom Laubhauser Hofgut. Der Name dieses Hofs scheint mir eher atypisch zu sein für Schwarzwaldhöfe, zumal im Bregtal die Laubbäume bekanntlich äußerst rar sind. Und dass dort Dienstmänner angestellt waren an Stelle von Knechten und Mägden will mir auch nicht allzu schwarzwälderisch erscheinen.

Bregenbach:
bis 1896 selbständige Gemeinde mit 5 großen Hofgütern (daher das Wappen mit 5 Fingern)

Mit dem – fiktiven –  Hofnamen soll die Aufmerksamkeit des Lesers zweifellos auf die geheimnisvolle Siedlung Laubenhausen gelenkt werden, wie wir in Kapitel VI erfahren werden. Die Kelten werden übrigens, anders als die (schon 1768 nachgewiesenen)  Römer in Reichs Heimatstadt Hüfingen, nicht erwähnt; sie scheinen erst später (wohl 1880 in Band 3 der Schriften der Baar) als mutmaßliche Gründer von Laubenhausen ins Spiel gekommen zu sein. 

Den Laubhauser Hof haben wir uns im Bregtal unweit des Felsenwirts vorzustellen, der damals Stabhalter seiner kleinen Thalgemeinde war. Die Bewohner werden im Buch übrigens verschiedentlich als Wäldner bezeichnet, worin ich fast geneigt bin, einen Fehler des Lektors oder des Verlags zu vermuten, denn die Schwarzwälder hießen nun mal zu allen Zeiten „Wälder“ (und nicht Wäldner). Allerdings kommen die „Wäldner“ auch in seinen Wanderblühten vor.

Weißkopfenhof
Erbaut um 1850 „in Gant“ und zwangsversteigert an ein Konsortium, 1899 vom Großh. Domänenärar übernommen.

Ein Wirtshaus Zum Felsen steht bekanntlich noch heute am unteren Ortsausgang von Hammereisenbach; ein Ortsname, der von Lucian Reich freilich verschmäht wird; mag sein, dass ihm der Erzbergbau mit Schmelze, Hammerwerk und vielerlei „Gastarbeitern“ nicht ins ländlich-sittliche Milieu gepasst hat. Stattdessen bevorzugt er Bregenbach, die bis 1896 selbständige Gemeinde längs der Breg vom Bernreutehof bis zur Fischersäge, heute ein Ortsteil von Hammereisenbach, seit 1971 Stadtteil von Vöhrenbach. 

Der 1906 abgerissene Fischerhof mit dem 1774 neu erbauten Gasthaus Zum Fischer könnte Lucian Reich als Vorbild für den Laubhauser Hof gedient haben (heute Behindertenheim)

Also haben wir uns die Lage des Laubhauser Hofs irgendwo zwischen Fischerhof (dem heutigen Behindertenheim) und dem Weißkopfenhof vorzustellen. Oder war der Fischerhof selbst das Vorbild mit seinem Gasthof Zum Fischer an der Straße und mit ca. 400 ha einer der größten Höfe des Schwarzwalds? Außerdem gibt es da auch noch einen Bregenbacher Hof, den ebenfalls wohlhabenden Nachbarn, aus dem die Laubhauser Bäuerin stammt (vielleicht der Krumpenhof?). Dann ist da noch  das Bruderkirchle, eine Anleihe des Autors bei der Stadt Vöhrenbach: die St. Michaelskapelle, genannt Bruderkirchle, an der alten Villinger Straße mit integriertem Einsiedlerwohnraum. An handelnden Personen vorgestellt werden uns hier u. a.: Fohrbachklaus, der Köhler, auch der Fohrlenbacher Bauer und die alte Fahlenbacherin. Hinter Fohrlenbach steckt zweifellos das Forbental (mit dem 1968 abgebrannten und aufgegebenen Forbenhof), das beim Fischerhof vom Bregtal abzweigt, wohingegen der Fahlenbach oberhalb Hammereisenbach ins Urachtal einmündet.

Das Laubenhauser Hofgut

Teil 3 gibt es hier:

Den Podcast zum Kapitel 1 gibt es hier:

Hieronymus und der Wald-1

Originalbeitrag vom 26. Februar 2017

zwischen Dichtung und Wahrheit

Wie sich Lucian Reich im und „auf dem Walde“ auskannte

Vortrag aus Anlass des 200. Geburtstags von Lucian Reich am 26. Februar 2017 Teil 1.

Nur Raben und Schneegeier* überflattern das öde Gefilde, während scharfe Windswehen hohe, weiße Schanzen und Wälle vor die Hütten werfen, so daß der Hausvater des Morgens weder Läden noch Hausthüre zu öffnen vermag, weil der Schnee draußen bis an die Dachtraufe reicht…

Vorbemerkung: Das X. Kapitel in Lucian Reichs Hauptwerk, der Erzählung Hieronymus, ist überschrieben mit Ein Winter auf dem Walde. Die darin enthaltene Episode vom einsamen, eingeschneiten Bauernhof am Feldberg hatte es mir vor über vierzig Jahren schon so sehr angetan, dass ich sie ins Zentrum eines dem Schwarzwaldwinter (am roten Faden des 100 km langen Fernskiwanderwegs von Schonach zum Belchen) gewidmeten Bildtextbandes gestellt habe. Auch den Buchtitel „Winter auf dem Wald“ habe ich von Lucian Reich übernommen.

Winter auf dem Walde

Diese Episode liest sich so herzerfrischend, dass sie hier im Original eingefügt werden soll: …oft erblickt man weit umher in der beschneiten Landschaft auch nicht ein menschliches Wesen. Nur Raben und Schneegeier* überflattern das öde Gefilde, während scharfe Windswehen hohe, weiße Schanzen und Wälle vor die Hütten werfen, so dass der Hausvater des Morgens weder Läden noch Hausthüre zu öffnen vermag, weil der Schnee draußen bis an die Dachtraufe reicht. Glücklich, wenn´s den Bewohnern gelingt, bis zum Nachbarn einen Tunnel zu schaufeln, zu erkundigen, ob dieser noch am Leben sei. Manch Bezeichnendes ereignet sich bei solchen Gelegenheiten. So geschah es, dass einige Jahre nach dem gegenwärtigen Momente unserer Erzählung, ein einsamer Bauernhof am Feldberg mit den Bewohnern Wochen lang unter dem Schnee begraben lag, bis endlich, es war gerade Charfreitag, Umwohnende den Dachfirst aus der Bahrdecke hervorragen sahen, und nun zu Hilfe zogen. Man brach ein Loch in das Dach und rief hinunter: ob noch alle am Leben seien: Ja! Antwortete es aus der Tiefe. „Wißt ihr auch, dass heut Charfreitag ist?“ war die zweite Frage der Obenstehenden. „Daß Gott erbarm!“ tönte es von unten zurück, „Charfreitag, und wir verzehren so eben das letzte Stück vom letzten Stier.“ So fiel es den Leuten schwerer auf´s Herz, das Fastengebot, wenn auch unwissend, übertreten zu haben, als die Befreiung aus langer Haft und Nacht sie zu erfreuen vermochte.

Alpen, die jüngeren Nachbarn des Schwarzwalds…

Typisch Lucian Reich: ein zum Schmunzeln anregendes Gemisch aus Chronik und dichterischer Freiheit, aus Übertreibungen (Schneegeier*, Tunnel graben, aus der Bahrdecke ragender Dachfirst) und Belehrungen: 1853 ist sein Hieronymus erschienen, keine 10 Jahre zuvor, im Winter 1844, war das schlimmste Lawinenunglück des Schwarzwalds geschehen, mit 17 Toten und mitsamt viel verendetem Vieh. Und so fährt er im X. Kapitel brandaktuell fort: Oft auch geht es ganz schlimm ab; ist doch erst in neuester Zeit der Königenhof, unweit Waldau, durch eine Schneemasse, welche von dem jähen, von keinem Waldmantel mehr bedeckten Berge in das Thal rutschte, zerquetscht, und Haus wie Bewohner in das kalte Grab gerissen.

Lawinentragödie im Wagnerstal anno 1844

Lawinenunglücke geschahen (und geschehen) im Schwarzwald zwar immer wieder einmal, doch keineswegs „oft“, wie er schreibt. Auch wurden nicht alle Bewohner ins kalte Grab gerissen, sondern es haben immerhin sieben überlebt. Überliefert ist wiederum, dass noch anfangs des 19. Jahrhunderts während einiger rauer Sommer (oder vielleicht auch nur im Sommer 1815, im sog. „Jahr ohne Sommer“ nach Ausbruch des Vulkans Tambora?) der Schnee auf dem Feldberg nicht vollends abgeschmolzen ist, sodass man in Sorge war, es könne sich daraus ein Gletscher bilden. Tatsächlich ließ der Abt von St. Blasien daher die Bauern aus den umliegenden Dörfern anrücken und den Schnee „bis auf den Grund durchhacken“, sofern er bis zum 25. Juli nicht verschwunden war. Was macht Lucian Reich daraus? Hat es ja nicht selten um Johanni, im hohen Sommer noch den Anschein, als ob der alte Feldberg Lust habe, es seinen jüngeren Nachbarn, den Schweizeralpen gleich zu thun, und eine Haube aus ewigem Schnee aufzubehalten. Dann freilich müssen alle Umwohner aufgeboten werden, und dem Riesen seine Tarnkappe wider Willen vom Kopf zu ziehen; denn, sagen sie: hätt er´s einmal wieder verschmeckt und die Haube nur ein Jahr lang aufbehalten, so wäre ein Schwarzwald-Gletscher fertig, wie bereits vor Jahrtausenden.

Hier belehrt Reich seine Leser beiläufig ein bisschen in den Fächern Geologie (Alter des Schwarzwalds und der Alpen) und Glaziologie; die letztere erfuhr im Schwarzwald im frühen 19. Jahrhundert vor allem durch den Mannheimer Naturforscher Karl Schimper erste wichtige Impulse. Keine Frage: Lucian Reich hatte eine Schwäche fürs Topaktuelle wie fürs Kuriose. Heute würden die Feldberger die Vergletscherung wohl eher begrüßen und auf Sommerski-Möglichkeiten hoffen. Klimawandel hin oder her: Erinnert sei an die wunderlichen Pläne eines Furtwanger Hochschulprofessors, der zu Beginn unseres neuen Jahrtausends, auf dem Feldberg – zur Vorfreude des vormaligen Bürgermeisters (und Präsidenten des Schwarzwälder Skiverbands) – wieder einen (künstlichen) Gletscher entstehen lassen wollte.

Von diesen Ausflügen in den hohen Schwarzwald abgesehen, beschränkt sich Lucian Reich im Hieronymus, wie er schon im Vorwort schreibt, mit der Handlung überwiegend auf ihm wohlvertrautes, heimatliches Gefilde, also auf jene entlegene Landschaft des Großherzogtums Baden, welche das Sprichwort: 

„die Brig und die Breg bringen die Donau z´weg“ so sprechend andeutet, die östlichen Thäler nämlich des mittleren Schwarzwaldes und die angrenzende Hochebene, ein Theil der alten fürstenbergischen Grafschaft…  Als ganz so „entlegen“ würden wir seine Handlungsorte heute gewiss nicht mehr beschreiben. Doch die Bregtalbahn war ja erst 1892 in Betrieb genommen worden (im Gegensatz zur 1840 eröffneten Rheintalbahn, die er von Rastatt aus nach Freiburg gerne benutzt hat). Und noch mehr zusammengeschnurrt sind die Entfernungen bekanntlich im Zeitalter des Automobils.

Hockenjos, W.: Winter auf dem Wald. Schillinger-Verl., Freiburg 1979

*Schneegeier sind in den Gebirgen Zentralasiens zuhause, Gänsegeier in Deutschland wohl bereits im Mittelalter ausgestorben; neuerdings werden in den Alpen Bartgeier wieder angesiedelt (Hölzinger, J.: Die Vögel Baden-Württembergs. 1987). Die (Kolk-)Raben waren ab 1830 im Fürstenbergischen ausgerottet. (Stephani, K.: Geschichte der Jagd in den schwäbischen Gebieten der fürstenbergischen Standesherrschaft. 1938)

Zum Teil 2 geht es hier:

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