Die treue Magd

von Maria Simon am 1. Mai 2025

Die treue Magd

Wie sorgtest du für Hof und Haus!
Du bücktest dich um jeden Span.
Du hobst mit Gott dein Tagwerk an
und löschtest spät dein Lämplein aus.

Was gab dem schwachen Herzen Mut?
Oft staunte ich, wie fröhlich du
die Nacht hingabst der kranken Kuh,
dich sorgtest um der Entlein Brut.

Kein Halm war dein. Und doch wie stolz
hielst du vorm Ruf des Hauses Wacht!
Du gabst auf jeden Pfennig acht.
Du wuschest, nähtest, sägtest Holz.

Du bukst das Brot, du fingst die Maus,
du zogst uns Kindern an die Schuh,
du fandest keine Stunde Ruh,
du gingst ins Feld trotz Sturmgebraus.

Du standest wie in geheimer Haft.
Du klagtest kaum, du murrtest nie.
Es war, als ob all seine Kraft
der Herrgott deinen Armen lieh.

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Alemannentagung
Niklas Grüninger über ein besonderes Phänomen im Alemannischen 

29. April 2025 von Niklas Grüninger

Hallo liebe Mundelfinger,

im letzten Jahr habe ich für mein Studium in Germanistik eine Masterarbeit über ein besonderes Phänomen im Alemannischen geschrieben und die dabei gewonnenen Ergebnisse auf der Alemannentagung in Bern vorgestellt. Ich freue mich nun sehr darüber, dass ich euch ebenfalls ein wenig über die Ergebnisse der Arbeit berichten kann und hoffe sehr, dass dasThema für euch interessant ist. Ich habe versucht, alle Fachbegriffe verständlich darzustellen und auch einige Beispiele aus unserem Dialekt darzustellen.
Da ich vor einer Woche eine Doktoratsstelle in Dialektologie an einem Graduiertenkolleg begonnen habe, werdet ihr im Laufe des nächsten Jahres sicher noch einmal von mir hören.
Wenn es dann so weit ist und ich nach Versuchspersonen suche, würde ich mich sehr darüber freuen, den Großteil meiner Forschung mit Mundelfingern durchzuführen zu können, um unseren Mundelfinger Dialekt in allen Altersgruppen weiter zu erforschen.

Einleitung

Einleitung

Das Thema meiner Masterarbeit war ‚Wahrnnehmungsimperative im Alemannischen – Methoden zur Beschreibung und Analyse lexikalischer Variation‘. Was erst einmal relativ kompliziert klingt, bedeutet im Grunde, dass ich mich für diejenigen Wörter interessiert habe, mit denen man andere dazu auffordert, etwas anzuschauen. Obwohl bei uns in Mundelfingen dafür vor allem ‚guck‘ verwendet wird, kennen wohl alle von uns auch die Variante ‚lueg‘, die in weiten Teilen des Raums Waldshut-Tiengen üblich ist. Auch das für uns hochdeutsch klingende ‚schau‘ kommt öfters vor allen bei den jüngeren Dialektsprechern vor. Im Prinzip und auch laut der aktuellen Forschung wird angenommen, dass diese drei Aufforderungen ein
und dasselbe bedeuten: jemand soll sich etwas Bestimmtes anschauen.
Die These, die ich für meine Masterarbeit erforscht habe, war jedoch, dass diese drei Varianten in denjenigen Räumen, in denen man alle drei gleichzeitig benutzt, unterschiedliche Funktionen und Bedeutungen aufweisen. Um dies herauszufinden, habe ich 130-Stunden langes Videomaterial aus Gesprächen zwischen Eltern und Kindern aus dem hochalemannischen Raum analysiert und verschiedene sprachliche Aspekte herausgearbeitet, mit denen es möglich ist, vorauszusagen, welche Variante wann vorkommt. Obwohl die Daten zum Großteil aus dem Raum WT stammen, können die Ergebnisse trotzdem auch auf unser Mulläfingerisch bezogen werden.

Trockene Zahlen

Da das Spektrum der sogenannten ‚Variationslinguistik‘ stark auf Statistik aufbaut, musste ich während meiner Forschung viel mit Zahlen, Prozenten und Wahrscheinlichkeiten arbeiten.
Diese trockenen Zahlen sind an sich wenig interessant und ich werde im folgenden Beitrag versuchen, die Ergebnisse so gut wie möglich ohne zähe Statistiken darzustellen. Was allerdings interessant ist, sind die sogenannten ‚Tokenzahlen‘, also die Gesamtanzahl der Vorkommen von ‚lueg‘, ‚guck‘ und ‚schau‘ im kompletten Videomaterial. ‚Lueg‘ wurde dabei mit 1475 Vorkommen am häufigsten benutzt, aber auch ‚guck‘ (336 Vorkommen) und ‚schau‘ (224 Vorkommen) waren relativ häufig anzutreffen.

Teil 2

Lautliche Einflüsse

Der erste Aspekt, den ich in meiner Arbeit untersucht habe, waren die lautlichen Einflüsse der drei Varianten ‚guck‘, ‚schau‘ und ‚lueg‘. Hier hat sich gezeigt, dass unser Dialekt zwei seh spezielle ‚Vorlieben‘ hat, die dafür sorgen, dass Sprecher des Alemannischen die Varianten so auswählen, dass deren lautliche Umgebung gewissen Regelmäßigkeiten folgt.
Die erste spezielle Eigenschaft unseres Dialekts ist, dass wir es nicht mögen, wenn ein sogenannter Hiatus zwischen Zwei Wörtern besteht: wir vermeiden es so gut wie möglich, ein Wort, das vokalisch endet (z.B. ‚schau‘) mit einem Wort zu kombinieren, das vokalisch anfängt (z.B. ‚einmal‘). Diese Regel erklärt, weshalb für uns das Wort ‚schau‘ hochdeutsch klingt: wir vermeiden es, da die Gefahr besteht, dass ein Hiatus entsteht. Und tatsächlich haben die Sprecher im Videomaterial ‚schau‘ extrem selten verwendet, wenn darauf ein Vokal folgt; stattdessen wurde häufig ‚lueg‘ verwendet, um diesen Hiatus zu vermeiden.

Interessant zu wissen ist auch, dass wir alle ganz unbewusst eine Strategie verwenden, um diese zwei aufeinandertreffenden Vokale zu ‚überbrücken‘. Bei dieser Strategie (hiatustilgendes ‚n‘) fügen wir zwischen zwei Vokalen ein ‚n‘ ein, das den Hiatus zwischen den Wörtern verhindert. Stellt euch mal vor, wie ihr folgendes im Dialekt sagen würdet: „Ich bin gestern gegangen.“ Viele haben jetzt wohl so übersetzt: „Ich bi geschtert gangä.“ Hier fällt auf, dass ‚bin‘ in unserem Dialekt eigentlich kein ‚n‘ hat und wenn jemand statt ‚ich bi‘ ‚ich bin‘ sagt, fällt sofort auf, dass diese Person wohl Hochdeutsch spricht. Stellt euch jetzt aber mal vor, ihr wollt den gleichen Satz als Frage formulieren: „Bin ich gestern gegangen?“
Die allermeisten haben für diese Frage wohl die beschriebene Strategie benutzt und ein ‚n‘ eingefügt, damit zwischen ‚bi‘ und ‚ich‘ kein Hiatus entsteht: „Bi–n–i geschtert gangä?“.
Diese Strategie verwenden wir überraschend oft und vielleicht fällt euch in Zukunft manchmal auf, dass ihr in Gesprächen oft ein zusätzliches ‚n‘ einfügt. Einige fragen sich jetzt sicher auch, weshalb wir ‚ich‘ manchmal mit ‚ch‘ aussprechen und manchmal ohne. Diese Frage kann mit der zweiten lautlichen Eigenschaft unseres Dialektes erklärt werden.

Teil 3


Wie im vorherigen Kapitel bereits angedeutet wurde, kombinieren Sprecher ‚guck‘ ebenfalls sehr selten mit Vokalen, obwohl ‚guck‘ eigentlich mit einem Konsonanten endet und somit keinen Hiatus verursachen kann. Hier kommt die zweite Eigenart unseres Dialekts ins Spiel: die sogenannte ‚Resilbifizierung‘. Der bekannteste Dialektologe Deutschlands Peter Auer hat einmal zwischen „Akzentsprachen“ und „Silbensprachen“ unterschieden. Hochdeutsch tendiert allgemein zu den Akzentsprachen: Wörter werden klar voneinander abgetrennt und mit einem besonderen Laut, dem glottalen Plosiv, voneinander abgegrenzt; so würde ‚luge einmal‘ durch diesen besonderen Laut vor dem ‚e‘ in ‚einmal‘ klar in zwei Wörter unterteilt.
In unserem Dialekt gibt es diesen Laut allerdings nicht, weshalb das Alemannische (wie z.B. das Französische) zu den Silbensprachen tendiert und verschiedene Wörter ‚resilbifiziert‘, also nicht nach Wortgrenzen, sondern nach Silben trennt. Versucht mal, im Hochdeutschen ‚luge einmal‘ nach Silben zu trennen. Hier hätten wir vier Silben: „lu-ge ein-mal“. Und jetzt versucht, das gleiche mit unserem Dialekt (‚lueg ämol‘) zu machen. Jetzt müsste euch aufgefallen sein, dass wir diese Zwei Wörter verschmelzen und nur drei Silben haben: ‚lue- gä-mol‘ – das ist diese spezielle ‚Resilbifizierung‘. Mit dieser Regel kann ebenfalls erklärt werden, weshalb ‚guck‘ seltener mit Vokalen vorkommt als ‚lueg‘. Bei ‚lue-gä-mol‘ endet die erste Silbe mit einem schön lautenden doppelten Vokal, einem sogenannten Diphthong. Wenn wir das gleiche mit ‚guck‘ machen, entstehen folgende Silben: ‚gu-ckä-mol‘. Hier endet die erste Silbe auf einem kurzen einfachen Vokal, was sich wesentlich weniger schön anhört.

Das hat seine Gründe: Silben, die mit zwei Vokalen oder einem langen Vokal enden, heißen ‚schwere offene Silben‘, während ‚leichte offene Silben‘ mit einem kurzen Vokal enden. In unserem Dialekt versuchen wir beim Verschmelzen von Wörtern, so oft wie möglich schwere offene Silben an Wortenden zu haben, weshalb sich ‚lueg ämol‘ schöner anhört als ‚guck ämol‘. Zurück zur Frage, weshalb wir manchmal ‚ich‘ und manchmal einfach nur ‚i‘ sagen.
Wenn wir Wörter verschmelzen, versuchen wir, wenn nur irgend möglich, die Struktur ‚Konsonant-Vokal‘ bzw. ‚CV‘ einzuhalten. Bei ‚Ich bi gangä‘ kommt es nicht zu Wortverschmelzungen bzw. Resilbifizierungen: ‚Ich – bi – gang – ä.‘ Wenn wir es allerdings wieder umstellen, kommt es wegen des hiatustilgenden ‚n‘ zu einer Wortverschmelzung zwischen ‚bin‘ und ‚ich‘: ‚Bi-ni gang-ä?‘ Bei der Wortverschmelzung fällt nun auf, dass die ersten zwei Silben jetzt strikt dem Muster ‚Konsonant-Vokal‘ folgen, was nicht mehr der Fall wäre, wenn wir ‚ich‘ mit ‚ch‘ aussprechen. Und genau aus diesem Grund sagen wir nur ‚i‘ in diesen speziellen Fällen, während wir ‚ich‘ sagen, wenn keine Wortverschmelzung vorliegt.
Als Schlusswort dieses Teils lässt sich also sagen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass man ‚lueg‘ verwendet, stark erhöht ist, wenn darauf ein Vokal folgt, während ‚guck‘ und ‚schau‘ wahrscheinlicher vor Konsonanten vorkommen.

Die sogenannten Modalpartikeln ‚mal‘ (‚mol‘) und ‚einmal‘ (‚ämol‘)

Teil 4

Die drei Varianten ‚lueg‘, ‚guck‘ und ‚schau‘ haben eine Gemeinsamkeit, die sie von anderen Wortarten unterscheidet: sie alle kommen häufig mit den Wörtern ‚mal‘ oder ‚einmal‘ vor.
Die Fragen, die sich hier stellen, lauten: Weshalb kommen die Varianten manchmal mit diesen Wörtern vor und manchmal nicht? Warum bestehen so große Unterschiede in den Statistiken zwischen den Varianten? Und welche Funktionen haben die Modalpartikeln ‚mal‘ und ‚einmal‘?
Bevor ich diese Fragen beantworte, erst einmal zu den grundlegenden Zahlen: Allgemein kommen ‚schau‘ und ‚lueg‘ häufiger mit ‚mal‘ oder ‚einmal‘ vor als nicht, während ‚guck‘ viel seltener mit diesen Wörtern vorkommt.


Wenn wir uns nun anschauen, wie häufig die Varianten mit ‚mal‘ und wie häufig mit ‚einmal‘ vorkommen, fällt auf, dass fast nur ‚lueg‘ mit ‚einmal‘ vorkommt.

Diese Unterschiede sind sehr groß und deuten bereits darauf hin, dass hier irgendeine bestimmte Systematik dahinterstecken muss. Um das herauszufinden, müssen wir erst einmal wissen, was man bereits über ‚mal‘ und ‚einmal‘ weiß.
Überraschenderweise sind sich viele Forscher noch nicht ganz einig darüber, was diese beiden Wörter ‚mal‘ und ‚einmal‘ eigentlich genau bedeuten. Während einige sagen, dass diese Wörter eine Aufforderung höflicher machen, sagen andere, dass man sie nur benutzt, wenn man ausdrücken will, dass die Aufforderung nur einmalig ist. Für meine Arbeit bin ich davon ausgegangen, dass man ‚mal‘ und ‚einmal‘ immer dann an ‚guck‘, ‚lueg‘ oder ‚schau‘ anhängt, wenn man auf etwas sehr Wichtiges oder Neues hinweisen will.
Um herauszufinden, ob das auch stimmt, habe ich geschaut, ob nach den Aufforderungen etwas mit einem unbestimmten Artikel (‚ein‘, ‚einer‘, ‚eine‘) oder mit einem bestimmten Artikel (‚der‘, ‚die‘, ‚das‘) eingeführt wird; wenn ein unbestimmter Artikel verwendet wird, wird etwas Neues eingeführt und es müsste entweder ‚mal‘ oder ‚einmal‘ benutzt werden, während die bestimmten Artikel etwas bereits Bekanntes beschreiben. Und tatsächlich hat meine Analyse gezeigt, dass ‚mal‘ und ‚einmal‘ fast ausschließlich verwendet werden, wenn unbestimmte Artikel folgen, also etwas Neues eingeführt wird.

Teil 5

Es hat sich aber noch eine weitere Funktion von ‚mal‘ herausgestellt, die vor allem von Kindern verwendet wird, wenn sie die Aufmerksamkeit einer anderen Person wollen. Wenn ein Kind etwas gefunden hat oder etwas zeigen will, verwendet es häufig Wiederholungen:
‚Papa, papa, schau mal, schau mal, schau mal.‘ Stellt man sich nun vor, dass ein Kind dasselbe macht, allerdings ohne ‚mal‘, hört sich das auf jeden Fall unnatürlicher an. ‚Mal‘ kann also auch verwendet werden, wenn zwar nichts Neues eingeführt wird, man allerdings die Aufmerksamkeit eines anderen auf sich ziehen will, was bei Kindern sehr häufig vorkommt.
Nun stellt sich noch die Frage, weshalb vor allem bei ‚lueg‘ zwischen ‚mal‘ und ‚einmal‘ unterschieden wird. Natürlich spielt hier auch wieder die lautliche Thematik eine Rolle: da nach ‚lueg‘ viel häufiger Vokale vorkommen als bei ‚schau‘ und ‚guck‘, macht es natürlich Sinn, dass ‚einmal‘ vor allem nach ‚lueg‘ vorkommt. Allerdings erklärt das nicht, weshalb auch ‚mal‘ nach ‚lueg‘ vorkommt. Der Grund für diese Unterscheidung hat sich als sehr vielfältig herausgestellt und soll in einem späteren Teil ausführlicher dargestellt werden.
Bezogen auf die Thematik dieses Artikels hat sich allerdings schon eine Facette herausgestellt. Stellt euch vor, ihr wollt jemandem etwas zeigen, das sich gerade bei euch im Raum befindet. Und versucht jetzt, diese Sache einmal mit ‚guck mol …‘ und einmal mit ‚guck ämol …‘ zu beschreiben. Wenn euch jetzt aufgefallen ist, dass nach ‚ämol‘ automatisch und unbewusst eine längere Sprechpause eingefügt wird als nach ‚mol‘, macht ihr das gleiche, was ich in meiner Arbeit herausgefunden habe. Wenn ich sage ‚guck mol – än Stift‘, würden ich und die Sprecher in den Videos spontan keine bzw. eine sehr kurze Pause zwischen ‚mol‘ und ‚än‘ einfügen. Wenn ich allerdings sage ‚guck ämol – än Stift‘, ist diese Pause wesentlich länger. Das liegt daran, dass ‚einmal‘ einen Suchauftrag beinhaltet, der bei ‚mal‘ nicht vorhanden ist: wenn man ‚guck ämol‘ sagt, gibt man der anderen Person Zeit, die Sache, auf die man hinweisen will, selbst zu finden. Bei ‚guck mol‘ geht es allerdings nur darum, die Aufmerksamkeit auf die Sache zu lenken, wobei die Suchanforderung wegfällt. Und wer sich gedacht hat, dass man dem Gefühl nach nach ‚ämol‘ eher längere Sätze wie ‚… do isch än Stift‘ einfügen würde als nach ‚mol‘, hat auch schon eine kleine Vorschau auf ein späteres Kapitel.

Als Schlusswort dieses Artikels kann also gesagt werden, dass ‚guck‘ dazu tendiert, Sachen wieder in den Fokus zu rücken, die bereits bekannt sind. ‚Schau‘ wird häufig von Kindern verwendet, wenn sie die Aufmerksamkeit einer anderen Person haben wollen. ‚Lueg‘ hat die Funktion, neue Sachen hervorzuheben und beinhaltet häufig Suchaufträge, die Spannung bei der anderen Person erzeugen sollen.

Deiktika: Die Wörter ‚so‘, ‚da‘, ‚dort‘, ‚der‘ …

Teil 6

Im Laufe meiner Arbeit bin ich auf etwas sehr Unerwartetes gestoßen: ‚lueg‘ wird wesentlich öfter (12%) mit dem Wort ‚so‘ kombiniert als ‚guck‘ (2,08%) und ‚schau‘ (1,34%). Das bedeutet, dass ‚so‘ in irgendeiner Weise mit ‚lueg‘ verbunden ist, die es wahrscheinlicher macht, dass beide zusammen auftreten. Um dieser Frage nachzugehen, muss zuerst klargestellt werden, was das Wort ‚so‘ in Verbindungen mit ‚lueg‘, ‚guck‘ und ‚schau‘ überhaupt für Funktionen haben kann. Einerseits kann ‚so‘ als sogenannter Operator bzw. Diskursmarker fungieren, auf was im nächsten Kapitel näher eingegangen werden soll.
Andererseits gehört ‚so‘ zur Gruppe der sogenannten Deiktika. Dieser Fachbegriff beschreibt alle Wörter, die in ihrer Bedeutung eine Zeigegestik beinhalten; wenn man zum Beispiel sagt ‚guck da‘, erwartet der Hörer automatisch, dass eine Richtung vom Sprecher vorgegeben wird. Zu diesen Deiktika gehören üblicherweise die Demonstrativa, also die Wörter ‚da‘, ‚dort‘, ‚der‘, ‚die‘, ‚das‘ etc,, aber eben auch das Wort ‚so‘. Was dieses Wort allerdings so besonders macht, ist, dass es immer automatisch auf die Position des Sprechers zeigt. Wenn man jemandem sagt ‚gucke so‘, weiß der Hörer automatisch und ohne Zeigegeste, dass er die Aufmerksamkeit auf den Sprecher richten soll. Dabei verwendet man ‚so‘ in diesem Kontext immer dann, wenn man einer anderen Person zeigen will, in welcher Art und Weise etwas
gemacht werden muss. Zum Beispiel wird der Trainer im Fußballverein beim Training häufiger etwas sagen wie: „Guckt, so müsst ihr das machen.“ Ohne dass der Trainer jetzt mit seiner Hand auf sich selbst zeigt, wird jedem Spieler aufgrund des Wortes ‚so‘ sofort klar sein, dass man den Trainer beobachten soll.

Teil 7

Was aber, wenn nun ein Spieler einen anderen Spieler darauf hinweisen will, den Trainer zu beobachten? Selbst wenn dieser Spieler sagen würde ‚guck, so macht das der Trainer‘, würde der Hörer trotzdem denken, er solle den Sprecher anschauen und nicht den Trainer. Hier kommen sogenannte ‚W-Termsätze‘ ins Spiel, die in gewisser Hinsicht ein Gegenstück zu den Deiktika sind. An sich ist ‚guck so‘ gleichbedeutend mit ‚guck, wie ich das mache‘ bzw. ‚guck, was ich mache‘. Und nur diese Konstruktion kann auch in unserem Beispiel verwendet werden: ‚guck, was der Trainer macht‘ bzw. ‚guck, wie der Trainer das macht‘. Das gleiche Prinzip gilt auch für alle anderen Zeigewörter. Warum aber ist dann das Verhältnis des Wortes ‚so‘ derart unterschiedlich?
Angenommen die beiden Arten Deiktika (‚gucke so‘) und W-Termsätze (‚guck, wie der das macht‘) sind Gegenstücke, so müsste eine gewisse Systematik zwischen deren Vorkommen bestehen. Und tatsächlich hat sich gezeigt, dass folgender Trend besteht: je öfter Deiktika verwendet werden, desto seltener kommen W-Termsätze vor. Und noch weiter: das Wort ‚so‘ steht in einer starken Konkurrenz mit den Demonstrativa ‚der‘, ‚das‘ und ‚die‘. Dieses Ergebnis wurde bisher noch nicht in der Forschung beschrieben und könnte vor allem im Hinblick auf unseren Dialekt neue Erkenntnisse bringen.

Alles zusammengenommen kann also eine Konkurrenz zwischen allen Wörtern und Sätzen gezogen werden, die die Aufmerksamkeit des Hörers auf eine Position ungleich dem Sprecher richten und denen, die die Aufmerksamkeit auf die Position des Sprechers richten. So hat sich letztlich gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ‚lueg‘ auftritt, um mehr als das 11-fache erhöht ist, wenn die Aufmerksamkeit auf die Sprecherposition gerichtet wird.

Diskursmarker: Wenn ‚guck‘, ‚schau‘ und ‚lueg‘ nichts mit sehen zu tun haben

Teil 8

Nun hat das Wort ‚so‘ allerdings noch eine zweite große Funktion, und zwar die als Diskursmarker. Dieses Konzept zu erklären, kann ganz schön lange und kompliziert werden, weshalb ich versuche, es mit einem Beispiel zu verbildlichen. Wenn jemand sagt ‚guck so‘, ist wie beschrieben klar, dass der Sprecher will, dass man ihn beobachtet. Wenn man jetzt allerdings sagt ‚so, guck ämol, jetzt messä mo überlegä, wie mos machäd‘, hat das Wort ‚so‘ klar eine andere Funktion und auch das Wort ‚guck‘ bedeutet nicht mehr unbedingt, dass man etwas beobachten soll. Im zweiten Beispiel fungiert ‚so, guck ämol‘ als sogenannter Diskursmarker. Diese Diskursmarker werden benutzt, um die Aufmerksamkeit des Hörers nicht auf eine beobachtbare Sache zu richten, sondern auf das, was man danach sagt. Und
genau diese Funktion ist bei ‚guck‘, ‚lueg‘ und ‚schau‘ relativ weit verbreitet. Wenn man sich nun wieder die unterschiedlichen Zahlen und Anteile zwischen den drei Wörtern als Diskursmarker anschaut, sticht erneut ‚lueg‘ heraus, das mit Abstand am häufigsten als Diskursmarker verwendet wird. Darüber hinaus überschreitet der Diskursmarkeranteil von ‚lueg einmal‘ die erwarteten Anteile um über das Doppelte, was eindeutig beweist, dass Sprecher zwischen ‚lueg mal‘ und ‚lueg einmal‘ unterscheiden, um anzuzeigen, dass ein Diskursmarker verwendet wird.

Dieses Ergebnis hängt mit den Ergebnissen von Teil 3 zusammen. Erinnert ihr euch, dass man nach ‚guck ämol‘ instinktiv eine längere Sprechpause macht als nach ‚guck mol‘? Typisch und charakteristisch für Diskursmarker ist, dass sie durch Sprechpausen von dem abgegrenzt werden, was danach gesagt wird. Somit kann also gesagt werden, dass ‚lueg einmal‘ bzw. in unserem Fall ‚guck ämol‘ instinktiv als Diskursmarker aufgefasst wird, der durch Sprechpausen erkenntlich wird.


Grammatik und Satzbau: Was für Sätze werden für ‚lueg‘, ‚guck‘ und ‚schau‘ benutzt?

Teil 9

Der letzte von mir untersuchte sprachliche Einfluss betrifft die Grammatik und die Länge der Sätze, in denen ‚guck‘, ‚lueg‘ und ‚schau‘ benutzt werden, denn es macht einen Unterschied, ob der Satz minimal (‚Gucke!‘) oder maximal (‚Dort vorne, guck, was der macht!‘) besetzt ist. Auch stellt sich die Frage, ob es Regelmäßigkeiten zwischen den drei Wörtern gibt und ob sie eher am Anfang, in der Mitte oder am Ende des Satzes stehen. Erneut hat sich gezeigt, dass sich die drei Wörter stark voneinander unterscheiden: ‚guck‘ kommt am häufigsten in minimalen Sätzen vor (36,9%), gefolgt von ‚schau‘ (20,54%) und ‚lueg‘ (12,88%). Diese Zahlen spiegeln die bereits gewonnenen Ergebnisse wider, da vor allem ‚lueg‘ mit dem Wort ‚einmal‘ komplexere Sachen anzeigt als ‚guck‘, das häufig auf bereits Bekanntes hinweist.
Weiter noch zeigen die Zahlen, dass in diesen Minimalsätzen das Wort ‚mal‘ wesentlich
häufiger vorkommt als in größeren Sätzen.


Aber was bedeutet das nun? Dass die minimalen Sätze häufiger das Wort ‚mal‘ aufweisen deutet darauf hin, dass es vor allem bei ‚guck‘ möglich ist, die Sache, die man zeigen will, durch die sprachliche Zeigegestik von ‚mal‘ zu ersetzen, womit dieses Wort eine Art Platzhalterfunktion erfüllt. Dementsprechend ist zu erwarten, dass das Wort ‚mal‘ weggelassen werden kann, wenn das Objekt beschrieben wird (‚guck, do isch der Stift‘), allerdings nicht, wenn nur darauf gezeigt wird (‚guck mol‘). Somit würde ‚mal‘ auch in denen Fällen Neues beschreiben, in denen die Sache nicht sprachlich beschrieben wird.


So kompliziert das obige Schaubild wirken mag, so beweist es generell erneut die Ergebnisse, die in den anderen Teilen bereits beschrieben wurden. ‚Schau‘ und ‚lueg‘ können kaum Sätze ohne ‚mal‘ bilden, ‚guck‘ aber schon, was beweist, dass ‚guck‘ stark dazu tendiert, auf
Bekanntes zu zeigen. ‚Schau‘ weist die häufigsten minimalen Sätze mit ‚mal‘ auf (‚Schau mal!‘), was ebenfalls damit zusammenhängt, dass diese Konstruktion häufig von Kindern verwendet wird, um Aufmerksamkeit zu erregen. ‚Lueg‘ bildet am häufigsten komplexe und lange Sätze, was alle bisher beschriebenen Tendenzen bestätigt, aber auch zeigt, dass dieses Wort häufig von Erwachsenen verwendet wird.

Hauptergebnisse und Schlusswort


Teil 10

So, und was sind nun die größten Hauptergebnisse meiner Arbeit? Ganz allgemein hat meine Arbeit bewiesen, dass die drei Varianten ‚guck‘, ‚schau‘ und ‚lueg‘ unterschiedliche Funktionen haben und nicht, wie bisher beschrieben, bedeutungsgleich sind. Diese Diversität an Möglichkeiten ist einzigartig in unserem Dialekt, da nirgendwo anders in Deutschland alle drei Varianten verbreitet sind und zusammen vorkommen. Ebenfalls lässt sich allgemein sagen, dass es möglich ist, die Auftretenswahrscheinlichkeit aller drei Wörter anhand verschiedener sprachlicher Eigenschaften vorherzusagen. Das bedeutet, dass wir in unserem Dialekt (auch wenn diese Sachen eher im Raum WT liegen) unbewusst zwischen mehreren Varianten eines Wortes unterscheiden und instinktiv die passende Variante im passenden
Kontext verwenden, was im Hochdeutschen so gut wie nicht vorhanden ist.
Dabei passen wir die Wahl der Variante ganz ohne viel Nachdenken an verschiedenste Faktoren an: lautlich passen wir darauf auf, dass kein Hiatus entsteht und die richtige Silbenstruktur vorliegt. Wir kombinieren sie mit den Wörtern ‚mal‘ und ‚einmal‘ je nachdem, was wir zeigen oder erreichen wollen. Wir passen die sprachliche Zeigegestik an, um zu unterscheiden, ob auf den Sprecher oder auf etwas ungleich dem Sprecher gezeigt wird. Wir verwenden die Varianten metaphorisch als Diskursmarker und passen unsere Sprache so an, dass der Hörer genau weiß, dass es sich um einen Diskursmarker handelt. Und wir variieren die Länge und Komplexität unserer Sätze je nachdem, was wir mit welcher Variante erreichen wollen – und all das ohne jemals irgendwelche Regeln gelernt zu haben, einfach aus dem
Bauch heraus, wie wir es von Kind an von unseren Eltern und Großeltern gelernt haben.

Ich bedanke mich vielmals für euer Interesse und hoffe, dass ihr meinen Beitrag trotz aller
Fachbegrifflichkeiten spannend fandet.

Au des no

1. Version vom 8. Juni 2022

Fulgurit oder Blitzröhre


Des klei Muckeseckele vu me Virus frisst sich dorch die halb Welt, e Wasserwalz walzt a de Ahre alls platt, de Boris verzockt de Queen s Tafelsilber, de Kathole vertlauft s Personal und d Kundschaft, Schanzepfuscher verkaibet de guet ruf vum Waelderwald, scho wieder morkst en Holose Menscheschinder, Fraue, Kinder und Babuschkas ab, über Hungersnöt wie beim Stalin kaa der nuu schaebig grinse und d Aesche vum Pazifismus word grad im Schwarze Meer grosszügig uusgsaiet.


Und jetz au no des:
Grad wo mer sich im Wälderwald über die Urgmütliche, unterhaltliche Mühlefestli am Pfingschtmäntig freit, hauts am Obet vorher no bittlos inni. A de Öhlermilli i de Schildwendi hond s Fürderers, die guete Seele Maria und August mit de treue Helfer, alls wie immer nett und fürsorglich für de Mühletag am Pfingschtmentig grichtet.

Am Pfingssunntig zieht z mols e sau Dunderwetter über de Fürsatz is lieblich Schildwende Tal. Nochdem mer mont, es sei alls rum, krachets nomol gwaltig. Des gihts villmol bei “ positive“ Blitz. De Bode isch immer no spannungsglade und zieht vu dem abzogene Gwitter wie en Magnet, wie en Klammhoocke, doch no en Blitz aa. Und derlei Iischlaeg sind denno bis zu viermol so ghörig wie die normale, die sogenannte „negative“ Blitz.

On vu dere holose Sorte isch am Obet vor em Fescht in freie Waidberg vu s Fürderers oberhalb vu de Öhlermilli i d Matte iigschlage.


Sechs Kühe und fünf Kälbli sind absiits unter me Bomm gstande. Die mehrere hunderttausend Volt hond dene Vierbeiner wege de Schrittspannung blitzartig s Lebensliecht verloesche lau. Naehrmert im Wald kha sich erinnere, dass uffs mol so viel gütige, segensreiche Tierli umkumme sind. Und des ohne dass de Blitz direkt in mächtige Unterstands- Bomm ghaue hät, sondern i die frei Matte. Und uff s mol taucht wieder de Mythos vum Fulgurit, diesell ganz rar Blitz- Glasröhre uff.

Fulgurit

Noch sellem Muschter soll im Altertum s Glasmache aagfange haa. Zur Erinnerung a die uuschuldige Tierli isch amend en Fulgurit am Iischlagloch vum Blitz i de matte entstande?


Und no ebbis troomt eim:
Het des granate Gwitter nit paar tausend Kilometer gege Oeste uff dem platz mit dene farbige Zwiebeltuermle aabi gau kinne?

Allmaehlich daets mol lange mit so gruusige Storiax.

„Bläsi“ Glasbläser auf dem Dorfplatz Wolterdingen von Wolfgang Kleiser


Fulgurit oder Blitzröhre

Vielleicht ist dieses ganz neue Objekt in den FF Sammlungen Wolterdingen in 50 Sachen 1000 Jahre alt, vielleicht 20 000 Jahre oder noch viel älter. Denn es ist aus dem fast unvergänglichem Glas. Es ist nämlich Naturglas. Die zweite Form von natürlichem Glas neben Obsidian. Se ipse sculpcit. Schon das von Menschenhand gefertigte Glas ist fast unvergänglich. Nur vom natürlichen Glas übertroffen.


Wie also entsteht Fulgurit täglich, jährlich immer noch , oder wie ist unsere wertvolle  Blitzröhre entstanden? Die meisten der seltenen Fulgurite findet man mit viel Glück  in den grossen Sandwüsten. Aber auch in sandigen Quarzböden. Unsere Blitzröhre stammt von den Capverden, einer berüchtigten Gewitter Ecke im Atlantik. Aber die Weltinspiration, der big bang der Glasherstellung fand im Vorderen Orient statt. Die Orientalen wunderten sich über immer wieder im Dünensand anzuteffende, astartigen, knorrigen Gebilde, Skulpturen die in der Mitte Rohrkanäle aufwiesen. Bis eines Tages neben oder vielleicht in eine Karawane ein Blitz bei einem gar nicht so seltenen Wüstengewitter einschlug.

Da Kamele auf vier Beinen zu stehen pflegen, war die Wirkung wegen der Schrittspannung üblicherweise  verheerend. Direkt an der Einschlagstelle aber entstand im Sand ein Krater aus dem ein Art Aststrunk herausspickte. Der hatte diese skurrile Röhre im Zentrum. Heureka, hätten Griechen gesagt, wenn sie dabei gewesen wären und überlebt hätten. Die Orientalen aber sagten: „Jetzt haben wirs endlich kapiert“ . Wenn wir jetzt den Quarzsand erhitzen, dann können wir Glas machen. Steinkohle für hohe Schmelztemperaturen gibt es im Orient durchaus im offenen Tagebau. Mit Holzkohle wirds schon schwieriger. Das klassische Kohlenmeiler Land ist der Wüstenorient eher nicht. Aber bald haben sie es gecheckt, dass Beigaben von Naturnatron aus Gruben bei Alexandria den Schmelzpunkt von dem Quarzsand deutlich senkte. So bekamen sie früher eine Fritte, eine Glassuppe, eine Glasschmelze, eine Glasmasse erschmolzen.  Daraus machten sie zuerst Glasperlen und Ringe in Tonformen gegossen. Bald folgten in Tonformen, in Modeln gegossene Schalen, Becher und Teller. Jetzt fehlten nur noch amphohrenartige Hohlgefässe. Entweder sie mussten noch die Bronze- und Eisenzeit abwarten um Glaspfeifen zum Glasblasen zu verwenden. Es ist den pfiffigen Orientalen aber auch zuzutrauen, dass sie feuerfeste Blaspfeiffen aus Ton benutzten.

Inspiriert wurden sie auf jeden Fall von den Hohlblitzröhren. Was der Blitz kann, das kriegen wir auch erschmolzen und geblasen.

Weltwirtschaft gab es Zoll frei und  erfolgreich lange vor Trump. Luxus hatte seinen Preis, insbesonders bei den feilschenden Basaris, die den Luxushändlern vom Mittelmeer die begehrten, exquisiten, Guccimässigen Glaswaren verkauften. Hochpreissegment lockt aber auch Nachahmer und Werksspione an. Bald hatten die Römer, Griechen, Marseiller und Venezianer den Trick auch raus. Und es war nur eine Frage von kurzer Zeit bis die Wahlen, Kobolde und Veneter die Glasmacher Kunst auch in den Silva Nera brachten. Denn dort waren die Voraussetzungen, die Rohstoffe und Märkte bestens geeignet. Lediglich das Natron aus Alexandria fehlte. Aber das ersetzte man durch Potaschegewinnung aus Farn und Laubholzasche. Auch aus unserem Laubenhausen?

Vielleicht verstehen wir jetzt die fundamentale Bedeutung für das Wunder des Glases von diesem unscheinbaren neu ausgestellten Objekt, diesem Fulgurit. Nicht nur der Name hat Poesie, erst recht das zierliche, verquarzte Ding Nr. 51. Wie sagt Neil McGregor: Anhand derartiger Artefakte kann man ihre Poesie und Seele geradezu  ablauschen.

Heinrich Hansjakob besucht Lucian Reich in Hüfingen

von Dr. Ursula Speckamp am 21.10.2021

Den am 1. Dezember 1899 gefassten Entschluss, das Schriftstellern aufzugeben, hielt Hansjakob nur zwei Monate durch, dann griff er wieder zur Feder. Und, so schrieb er weiter fast bis zu seinem Tod am 23. Juni 1916. Sein letztes Werk war eine Antikriegsschrift, die im Frühjahr 1916 erschien. 1)

Das Tagebuch, das er während seiner Sommerreise im Jahr 1900 führte, gibt über rund 100 Seiten Aufschluss über die Baar, wie Hansjakob sie erlebte.2) Bei dem großen Interesse, das der Schriftsteller Menschen, vor allem solchen aus dem „einfachen Volk“ entgegenbrachte, erstaunt es nicht, dass der Leser dieses Reisetagebuchs, das 1902 unter dem Titel „Verlassene Wege“ herauskam, viel über die Begegnungen Hansjakobs mit anderen Menschen erfährt. Da der Priester und Philologe – er war Absolvent zweier Fakultäten – schon bald nach Beendigung seines Studiums als Lehramtspraktikant in Donaueschingen weilte (Januar 1864 bis April 1865), gehen manche seiner Ausführungen auch in jene Zeit zurück.

Als Lehramtspraktikant selbstverständlich damals zu Fuß unterwegs, reist Hansjakob in späteren Jahren, so auch jetzt, meist in der eigenen Kutsche. Das erlaubte ihm, die Route selbst zu bestimmen, ungestört zu schauen, nachzudenken und zu schreiben. Hansjakob war ein unermüdlicher Arbeiter. Von Freiburg her kommend verlässt Hansjakob mit Wolterdingen den Schwarzwald und gelangt in „die alte Bertholds-Baar“. „Die Baar“, urteilt Hansjakob, „unterscheidet sich wesentlich vom Schwarzwald. Sie entbehrt seiner Romantik, seiner düstern Wälder, seiner Felsen und seiner Wasserfälle; aber dafür ist sie auch nicht so rauh und so kalt, und während ihre Höhen lichte herrliche Wälder krönen, gedeihen in den Tälern und auf den Ebenen noch reichlich alle Halmfrüchte. Drum hat die Baar auch einen viel wohlhäbigern, aber auch stolzern Bauernstand als der Schwarzwald. Heute, im hellen Sonnenschein….machten mir ihre langgezogenen Bergrücken und ihre grünen, satten Triften den Eindruck süßer Elegie.“ (67 f.) Er muss sich gestehen, dass die Baar auch schön sei, sie habe eben ihren eigenen Charakter, und den Charakter müsse man nicht nur bei Menschen in Ehren halten.

Blick über das Römerbad auf Hüfingen.
Foto: Aquatinta von W. Scheuchzer und G.L. von Kreß sc. Verlag J. Velten in Karlsruhe etwa 1825. Privatbesitz.

Nach dem Besuch von Bräunlingen, Mundelfingen, Donaueschingen erwacht Hansjakob am Morgen des 21. Juni 1900 im Hüfinger Pfarrhaus. Solche Pfarrhausunterkünfte hatte Hansjakob auf seinen Reisen oft, besonders in der Diözese Freiburg, in der er etliche Pfarrer kannte, boten Pfarrhäuser doch eher als es Gasthöfe vermochten, eine ruhige Übernachtungsmöglichkeit. Ein passender Titel für das vorliegende Reisetagebuch „Verlassene Wege“ wäre auch, wie Hansjakob bemerkt, „Von Pfarrhaus zu Pfarrhaus“. (S.VII)

Lucian Reich nach einer Photographie gezeichnet von Karl v. Schneider.

Schon zu früher Stunde begibt er sich zu dem „Volksschriftsteller Lucian Reich“. (109) Der war einst am Rastatter Gymnasium Hansjakobs Zeichenlehrer gewesen. „Im dritten Stocke eines kleinen Häuschens, über dessen schmale Treppe ich mich förmlich hinaufzwängen mußte, traf ich ihn. Er war hocherfreut über meinem Besuch, der dreiundachtzigjährige Greis, in dessen Züge sich Bitterkeit und Biederkeit die Waage halten. Er kommt seit Jahren nicht mehr aus seiner Stube und unter die Menschen, und sein einziges Kind, eine Tochter, pflegt ihn. Unermüdlich ist er aber noch geistig thätig, liest und zeichnet und schriftstellert.“ (109)

Luzian Reich senior
(7. Januar 1787 in Bad Dürrheim – 18. Dezember 1866 in Hüfingen)

Hansjakob holt nun aus, um das Leben von Lucian Reich nachzuzeichnen: Lucian Reich, gebürtiger Hüfinger – sein Vater war hier Lehrer und Bildhauer – erbte ebenso wie sein Bruder die künstlerische Begabung des Vaters. Der Bruder Xaver wurde ein bedeutender Bildhauer, Lucian Maler und Schriftsteller.
„Er half dem berühmten Maler Schwind die Kunsthalle in Karlsruhe mit Bildern schmücken und malte später auch im neuerbauten Hoftheater.“ (109 f.)

Xaver Reich
gezeichnet von Nepomuk Heinemann 1838

Während dieser Arbeit veröffentlichte Reich sein bestes Buch, wie Hansjakob urteilt: Hieronymus, Lebensbilder aus der Baar und dem Schwarzwald“. (110) Hansjakob hält es für eines der besten Volksbücher überhaupt. Die Illustrationen, alle von Reich selbst, zeichnete sein Hüfinger Jugendfreund Heinemann in Stein. Heinemann lebt auch heute noch in Hüfingen. Die Herausgabe des Werkes war ein finanzielles Desaster: Um die Veröffentlichung zu ermöglichen, gab der Fürst von Fürstenberg einen Vorschuß. Ein Verleger fand sich nicht; es mußte „in Komissionsverlag genommen werden“. (110) Der Verkauf lief gut, dennoch blieb ein Defizit, nachdem der Fürst den Vorschuß zurückerhalten „und – nicht sehr fürstlich – auch genommen hatte“. (110) Mit den späteren Werken von Lucian Reich ging es ähnlich. 

Johann Nepomuk Heinemann 
(30.05.1817 – 22.02.1902)

In den 1850er Jahren, so Hansjakob, ging es der „malenden Kunst“ in Baden schlecht. Um sich einigermaßen durchzubringen, nahm Reich 1855 die Stelle eines Zeichenlehrers am Rastatter Lyzeum an. Im Rastatter Schloß erhielt er ein Atelier. Am Lyzeum wirkte er bis 1889. Während dieser langen Jahre gelang es ihm nicht, auch nur Reallehrer zu werden. „Er blieb Hilfslehrer mit einem Höchstgehalt von 116 Mark monatlich und ohne Anspruch auf Witwen – und Waisenversorgung und Pension.“ (111) Hansjakob erinnert sich gut an seinen Zeichenlehrer: Er war ein stiller, ernster, sinniger Mann. Er ging im Zeichensaal von Schüler zu Schüler und stand „jedem mit Rat und That“ bei. (111) Und jetzt? „Gutthatsweise“ erhielt er ein Ruhegeld von 71,50 Mark monatlich. Davon lebte er 11 Jahre bis zu seinem Tod, der wenige Wochen später eintrat. „Bitter hat er´s empfunden und bitter mir heute darüber geklagt, daß er kaum zum Leben habe und seine Tochter mittellos zurücklassen müsse.“ (112)

Beim Abschied übergibt Reich dem Schriftsteller den letzten Brief eines zum Tode verurteilten Revolutionärs, den er von dessen sterbender, in Hüfingen ihre Tage beschließender Braut – sie war ledig geblieben – vor einige Jahren erhalten hatte. Reich meinte, Hansjakob könne diesen Brief „am besten verwerten“, was Hansjakob tut, indem er über den zum Tode Verurteilten – es handelt sich um Joseph Kilmarx aus Rastatt – berichtet und diesen Brief in „Verlassene Wege“ aufnimmt.

Kilmarx war Soldat, Feldwebel, Magdalene Peter, als Waise von einer Verwandten in Rastatt erzogen, seine Braut. Als die Revolution ausbrach, schloss sich Kilmarx ihr an. Beliebt bei seinen Kameraden wurde er bald tüchtiger Offizier. Nachdem die Festung Rastatt kapituliert hatte, nahmen ihn die Preußen gefangen und verurteilten ihn zum Tode. Hier Kilmarx´ Abschiedsbrief:

Rastatt den 8. Oktober (1849) Morgens 6 Uhr 1849

Liebes Bäßle und Magdalene!

Die Todesstunde naht. Schauerlich pfeift der Wind in meinem Kerker, als wäre er der Verkünder meines Dahinscheidens. Ich schrecke nicht davor, ich bin versöhnt mit Gott, dem Allmächtigen und sterbe als Christ, der keine böse That begangen hat. Längst einer halben Stunde gehe ich zu meinem und zu eurem Vater, zu meinen Geschwistern und zu euren, wo ich´s besser finden werde als allhier. Ich vertraue auf Gott, habe mich zu ihm gewendet, und er wird mir alles verzeihen und mich zu sich in sein Reich aufnehmen. Denkt auch später an mich, schließt mich in euer Gebet ein, ich werde es auch thun. Den Allmächtigen werde ich bitten, daß er euch Segen willfahren läßt. Der Magdalene wünsche ich Glück in allem, was sie je unternehmen wird, wenn sie einstmals Frau sein wird. Die Thüre wird geöffnet, zum Todesplatz geht´s: Lebet wohl, im Himmel sehen wir uns wieder. 

J. Kilmarx

Hansjakob fügt hinzu, daß der Brief mit fester, sicherer Hand geschrieben sei. Kilmarx ging furchtlos in den Tod. Der Schriftsteller erinnert sich: „Sein greiser, invalider Vater, den ich noch wohl kannte, begleitete ihn auf dem Todesgange und rief ihm zu: ` Joseph, bleib ‘standhaft! ´“ (116)

Kapitulation in Rastatt.
Foto: Bundesarchiv, Landesbildungsserver.

Als Hansjakob von seiner Reise zurückkehrt, findet er in Freiburg einen Brief von Lucian Reich vor, in dem dieser noch einige Notizen über sein Leben nachsendet und mitteilt, er fühle, daß er in Kürze sterben werde. Als Hansjakob den Brief in Händen hält, ist Reich bereits verstorben. In jenem Brief bittet Reich Hansjakob darum, sich etwas um seine mittellose Tochter anzunehmen. „Ich that es“, berichtet Hansjakob, „und durch die mächtige Vermittlung des Finanzministers Buchenberger erhielt sie eine namhafte Unterstützung von Karlsruhe. So wird einigermaßen gesühnt, was an dem Vater versäumt wurde.“ (118 f.) (Anmerkung von Hieronymus-online: Die Tochter von Lucian Reich, Anna Reich, heiratete einen verwitweten Müller und reichen Landwirt aus Neudingen und zog dessen Kinder groß. Sie selbst verstarb kinderlos in hohem Alter.)

Um halb neun Uhr morgens beendet der Reisende seinen Besuch bei Lucian Reich. Schon bald, bei munteren Pferden und ausgeruhtem Kutscher erreichen sie Behla, und Hansjakob nimmt Abschied von der Baar: „Sie lag, wenn auch nicht sonnenbeglänzt, doch so stattlich und so bescheiden vornehm  vor meinem Auge, daß ich mir sagte: `Fürwahr, wenn ich kein Schwarzwälder wäre, möchte ich aus der Baar sein. ` Die Residenz Donaueschingen glänzte von unten zu mir herauf wie eine reizende Hirtenkönigin.“ (119) 

1) Heinrich Hansjakob, Zwiegespräche über den Weltkrieg, gehalten mit Fischen auf dem Meeresgrund, Stuttgart 1916
2) Ders., Verlassene Wege, Waldkirch 1986 (Nachdruck von 1902). Alle Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe.

Aloys Hirt – Ein Bällämer Römer in Berlin

18. Juni 2022 von Markus Greif

Die meisten, die diese Zeilen lesen, dürften wohl schon einmal die Bällämer Via Appia, die Alois-Hirt-Straße, gen Sumpfohren bereist haben. Doch wer war dieser Alois Hirt, nach dem die Straße benannt ist? Nun gleich vorweg, er selbst schrieb sich Aloys Hirt. Wer ihm das i im Straßennamen verpasste, muss hier vorerst ungeklärt bleiben. Auch der zweite Vornamen Ludwig ist eine spätere Erfindung – es wäre ja auch ein Art Tautologie. Geboren wurde er am 27. Juni 1759 in Behla als Sohn der wohlhabenden Hofbesitzer Franz und Elisabeth Hirt. Sein stattliches Elternhaus (Alois-Hirt-Straße 3) steht noch heute und zeugt vom damaligen Wohlstand der Familie. 

Elternhaus von Aloys Hirt heute (2022).
Foto: Felix Bogenschütz

Dieser Wohlstand dürfte auch dafür verantwortlich gewesen sein, dass der junge Aloys ab 1768 das Gymnasium der Benediktiner in Villingen, heute Karl-Brachat-Realschule, besuchen konnte. Es folgten die Gymnasien in Freiburg i. Br. und Rottweil. 

„Altes Gymnasiums“ in Rottweil.
Bildnachweis: Waithamai, Wikimedia
Waithamai, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons

Der frühe Verlust seiner Jugendliebe trieb ihn in ein Kloster des „grauenvollsten Schwarzwaldes“, von dem er dann doch wieder loskam, um ab 1778 in Nancy Philosophie zu studieren. Dort hielt es ihn aber ebenso wenig wie in Freiburg i. B., wo er sich 1779 kurzeitig den Rechtswissenschaften widmete. Denn noch im gleichen Jahr zog er weiter nach Wien, um an der dortigen Alma Mater Rudolphina das Studium der Rechts- und Staatswissenschaften zu betreiben.

„Neue Aula“ der Universität Wien aus der Zeit Hirts, heute Sitz der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
Bildnachweis: Peter Haas, Wikipedia

Dieses Vorhaben wich seiner Begeisterung für die Kunstgeschichte, der er sich in der Folge mehr und mehr zuwandte. Deshalb ging seine Grand Tour 1782 mit dem Ziel Rom weiter, das er u. a. über Venedig, Bologna und Florenz erreichte. Dort angekommen wandte sich sein Hauptinteresse fortan der antiken Architektur und Kunst zu. Als profunder Kenner dieser verdiente er seinen Lebensunterhalt ab 1785 als Cicerone (Fremdenführer) in Rom und Süditalien. Auch die Beratung zu und die Organisation von Kunst- und Gemäldeeinkäufen gehörte zu seinem Repertoire.

Zu den zahlreichen Italienreisenden, die er so kennen lernte, zählten u. a. der Architekt Friedrich Wilhelm Freiherr von Erdmannsdorff, auf dessen Empfehlung hin Fürstin Luise Henriette von Anhalt-Dessau, des Weiteren der britisch-hannoverische Prinz August Friedrich Herzog von Sussex, Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar, der ungarische Fürst Nikolaus II. Esterházy de Galantha, die Mätresse des preußischen Königs Friedrich Wilhelms II., Wilhelmine Gräfin von Lichtenau, und nicht zu vergessen Johann Wolfang von Goethe sowie viele weitere illustre Namen. In den Sommermonaten, in denen sich keine Touristen in den Süden trauten, widmete er sich wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Seine Dienste ließ er sich gut entlohnen. Eine Zechine (Dukat) nahm er am Tag – wie Goethe zu berichten wusste – für die Touren, die in der Regel auf einen Monat, täglich 9–14 Uhr, angelegt waren. Zum Vergleich: Dafür musste ein Tagelöhner oder ein Handwerker ungefähr ein bis zwei Wochen schuften.

Venezianische Zechine (Dukat) des Dogen Paolo Renier (1779–1789)
Bildnachweis: Gorny & Mosch Giessener Münzhandlung, Auktion 246, Los 3616, 8.03.2017.

Doch Hirts Führungen schienen nicht nur auf uneingeschränkte Zustimmung gestoßen zu sein. So meinte selbst Goethe, mit dem ihn später eine lebenslange Freundschaft verband, in einem Brief an Johann Gottfried Herder „Wenn Ihr einen Antiquar braucht, wie Ihr denn einen braucht, so nehmt einen Deutschen, der Hirt heißt. Er ist ein Pedante, weiß aber viel und wird jedem Fremden nützlich sein.“ Herder zog es nach einem kurzen Kennenlernen dann offenbar auch vor, Rom eigenständig zu erkunden. Ähnlich verhielt es sich mit dem Kunsttheoretiker Carl Ludwig Fernow, der Hirts veraltete, eigenwillige Sichtweise erkannte und ihn in einem Brief spöttisch als Günstling der „Königshure“ bezeichnete.

Nichtsdestotrotz brachten ihm seine römischen Bekanntschaften auch viele Möglichkeiten ein. So konnte Hirt 1796, als ihn die Napoleonischen Kriege dazu zwangen Italien zu verlassen, nach einigen Zwischenzielen in Berlin an seine Karriere anknüpfen – besser gesagt, seine eigentliche akademische Karriere erst starten. König Friedrich Wilhelm II. war von der Gräfin Lichtenau, seiner Geliebten, schon über Aloys Hirt unterrichtet worden und stellte ihn prompt als Lehrer des Prinzen Heinrich ein. Außerdem wurde er preußischer Hofrat und Mitglied der Akademien der bildenden Künste und mechanischen Wissenschaften sowie der Akademie der Wissenschaften mit der Aufgabe die preußischen Kunstschätze in einem Museum zusammenzufassen – eine Idee, die von Hirt selbst stammte und aus der erst sehr viel später die Berliner Museumsinsel hervorgehen sollte. In Berlin wurde er aufgrund seines langen Italienaufenthalts schlicht der Römer genannt. 

König Friedrich Wilhelm II. von Preußen (1786–1797)
Gemälde von Johann Christoph Frisch 1797
Bildnachweis: Johann Christoph Frisch, Public domain, via Wikimedia Commons
Wilhelmine Gräfin von Lichtenau (1752–1820)
Bildnachweis: Anton Graff, Public domain, via Wikimedia Commons


Hirt konnte seine enge Bindung zum preußischen Königshaus auch halten, als Friedrich Wilhelm II. bereits 1797 starb und sein Sohn und Nachfolger Friedrich Wilhelm III. die ihm verhasste Gräfin von Lichtenau, Mätresse seines Vaters und Förderin Hirts, aus Berlin verbannen ließ. Er behielt seine Posten, wurde ebenso Berater des neuen Königs und verfolgte weiterhin seine kunstgeschichtlichen / archäologischen Forschungen. 1810 wurde er schließlich ordentlicher Professor für Archäologie der damals neu gegründeten Berliner Universität. Goethe blieb er zeitlebens freundschaftlich verbunden und besuchte ihn mehrmals in Weimar.

Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), Ölgemälde von Joseph Karl Stieler 1828.
Bildnachweis: Joseph Karl Stieler, Public domain, via Wikimedia Commons

Zu seinem Berliner Freundeskreis gehörte die Runde der illegitimen Söhne und Söhne aus morganatischen Ehen König Friedrich Wilhelms II. um den Grafen Ingenheim. Mit Luise Mila, der Ehefrau eines befreundeten hugenottischen Predigers und preußischen Justizrats, soll der Jungesselle Hirt – wie in der neuesten Forschung angedeutet wird – selbst einen Sohn gezeugt haben, den späteren Portraitmaler Paul Mila. Mit dem Grafen Ingelheim unternahm Hirt 1816/17 abermals eine Italienreise.

Gesellige Runde beim Grafen Ingenheim. Aloys Hirt als zweiter v. l., Gemälde von Johann Erdmann Hummel um 1819.
Bildnachweis: Joseph Karl Stieler, Public domain, via Wikimedia Commons

Der Umstand, dass Hirt immer ein bisschen zwischen den Stühlen saß, sich sowohl als Kunsthistoriker aber auch als Archäologe verstand und zudem ganz eigene bautechnische Überlegungen in seine kunsthistorischen Theorien mit einbrachte, rief auch viele Kritiker hervor. Zudem war er zu großen Teilen auch Autodidakt in seinen Fächern, was eine mangelnde Kenntnis der Fachsprache und Methodik mit sich brachte. Seine Berliner Karriere beruhte auch auf dem Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. Hirts Ansichten galten letztlich bereits zu seinen Lebzeiten als veraltet oder fehlgeleitet. Mit der ab 1815 verstärkt aufkommenden Kritik – selbst unter seinen Schülern – konnte er offenbar schlecht umgehen. Vielleicht war dies mit ein Grund, warum er sich ab den 1820er allmählich aus der aktiven wissenschaftlichen Arbeit und der Wissenschaftspolitik zurückzog. Er veröffentlichte aber weiterhin wissenschaftliche Artikel, zuletzt 1834. 

Historisch-architektonische Beobachtungen über das Pantheon in Rom von 1791. Titelblatt, eine der ersten Veröffentlichungen Hirts. Exemplar der italienischen Nationalbibliothek in Rom.

Seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen liefern auch den Schlüssel zur Verwirrung um seinen Vornamen. So wurde zu seinem Aufsatz „Ueber das Pantheon“ von 1807, den er als „A. Hirt“ veröffentlichte, von den Herausgebern ergänzt:

„Der ganze Namen ist Aloys. Wir merken dies an, weil einige den Namen Luigi, den unser Freund in italienischen Schriften führet, und der allerdings auch Ludwig heissen kann (da Aloys und Ludwig ursprünglich nur Ein Namen ist), auf letztere Art übersetzt haben.“

Den Lebensabend verbrachte Aloys Hirt – unterbrochen von einigen Kuraufenthalten im böhmischen Karlsbad – im Kreise der ihm vertrauten Familie Mila. Er verstarb am 29. Juni 1837, im Alter von 78 Jahren in Berlin – das Datum wurde in der Vergangenheit oft falsch angegeben.

Dass er mit seiner Idee zu einem zentralen Museum für die Kunstschätze des preußischen Königshauses der eigentliche Urheber der weltberühmten Museumsinsel in Berlin war, dürfte heute sowohl dort als auch in Behla weitestgehend vergessen sein. Seine Heimat sah Aloys Hirt 1793, während einer kurzen Unterbrechung seines Italienaufenthalt, wieder. Ob er Behla später noch einmal besuchte, ist nicht bekannt.

Literatur:

Alfred Hall, Egon Bäurer, Fridolin Kaiser, Behla. Stadtteil von Hüfingen. Geschichte eines Baardorfes im Rahmen der Landschaft (Hüfingen 1989), S. 82–84.

Wolfgang Freiherr von Löhneysen, „Hirt, Aloys“. In: Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (Hg.), Neue Deutsche Biographie. Bd. 9 Hess–Huttig (Berlin 1972), S. 234–235. Online-Version: https://www.deutsche-biographie.de/sfz32578.html#ndbcontent

Claudia Sedlarz, Einleitung. In: Claudia Sedlarz (Hg.), Aloys Hirt. Archäologe, Historiker, Kunstkenner. Tagung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin April 2000 (Berliner Klassik. Eine Großstadtkultur um 1800. Studien und Dokumente Bd. 1, Hannover 2004), S. 3–14, hier S. 3 und En. 2 auf S. 13. [zur Vaterschaft des Paul Mila]

Jürgen Zimmer, Nachrichten über Aloys Hirt und Bibliographie seiner gedruckten Schriften. In: Jahrbuch der Berliner Museen. Bd. 41 (1999), S. 133–194.

Quellen:

Johann Wolfgang Goethe, Italienische Reise (Frankfurt a. M. 2009), S. 470f. [zur Begegnung mit Hirt im November 1787]

o. V., Aloys Hirt. In: [Georg Friedrich August Schmidt] (Hg.), Neuer Nekrolog der Deutschen. Jg. 15 Teil 2 1837 (Weimar 1839), S. 672–682.

Aloys Hirt. Bildnis von Friedrich Georg Weitsch oder Paul Mila? nach einer Vorlage von Friedrich Georg Weitsch.
Bildnachweis: Friedrich Georg Weitsch, Public domain, via Wikimedia Commons

Alemannisch word nit untergau und wenn doch, erfahret ihr’s im Hieronymus z’erscht

Originalartikel vom 20. Juni 2021

Teil 2 und Vorspann – Teil1 gibs hier

Im vergangene Herbscht han i zmol en Aaruef und e mail vum Linguistsiche Institut vu de Uni Sidney, z Auschtralie dä dunne griegt. En Carl Bodnaruk sait, er heb Vorfahre z Konschtanz und z Friborg, wär au scho dä gsi und dät passabel Diitsch schwätze und au eweng Alemannisch. Des mit em passabel han i glii i sauguet ummodle miesse. Er wet also e Studiearbet, e Bachelorarbet, über die Alemannisch Mundart schriebe, ob ich ihm do eweng helfe kinnt. De ganz Herbscht und Winter hät sich en aagregte mail- ping-pong ergähe. Denno han i lang nint me ghert. Uffs mol kunnt Aafang Juni en lange Studierodel über fascht 60 Siite mit Graphike, Karte und wisseschaftliche Erläuterungen.

(Wunderfitzigi könnet die Arbet i Englisch hier haan).
Selli uffschlussriich und au erstuunlich sind die umfangriiche ziemli uubekannte Quelleaagabe, wo er aagieht.
De Carl Bodnaruk sait, dass s Alemannisch grad i de grössere Städt dorch Überlagerung vu de schriftsprochliche Zuwanderer, em Mangel a technischem, wirtschaftlichem, buchsproochlichem Wortschatz und de Überalterung vu de Mundartsproochler schwer am himbelle sei. Uff de Dörfer und de kleiner Gmonde seis no eweng besser durch stärker glebts Brauchtum und Gselligkeit. Des alls hät er mit Frogeboge a 100 Mundartler uusgwertet und i Tabelle und Fieberkurve uusgschafft. En kleine Mangel dürft es haa, weil er glaub hauptsächlich Alemanne und Liit über 60 Johr befrogt hät. Uffschlussriicher wärs no, wenn er au Buechsprochler i de verschiedene Altersgruppe und au die Jüngere i allene Lebensalter gforgt het. Au wär en Bezug zu de Berufliche und de Gsellschaftliche Beziehunge wichtig, also die Demographie vu de Befrogte.
Es stimmt zwar scho alles, aber ich sag, es liiht haupsächlich a iiserem mangelnde und vernochlässigte Selbsbewustsii. Scho wo die Flüchtlingswelle us Pommern, Ostpreussen, Schlesie und em Sudeteland uff ganz Westdiitschland notwendigerwies aagschwappt isch, hond d Alemanne eweng s Knick iizogge und hond sich eher dene Neubürger schriftsproochlich aapasst. Dezue kumme isch, dass s Handwerk, de Handel und d Landwirtschaft sich radikal veränderet, mechanisiert, technisiert und nationalisiert hät. Me hät nimme nu uff de Boor oder z. Bade iikauft, bstellt und gschäftet, sondern mit ganz Diitschland, bald au mit ganz Europa und hitzutags au uff de ganze Welt. Natierli bruucht mer für Werkziig, Zubehöhr, Maschine, Computer und i de Wisseschaft ganz andere Wörter und Begriff wie i de alte Mundart. Und so sterbet alte, altbachene, klassische Mundarwörter ganz „natürlich“ uus. Des war aber scho immer so mit iisere eigentlich kelto- romanische Sprooch. Sie war und isch ständig im Wandel. Wandel hoesst aber au Umbau, Verändere, aber au Uffbau uff de alte Wert und Begriff. Weil des so ransant im digitale, globale Ziitalter goht, glaube mir, dass d Mundart uusstirbt. Sie veränderet sich schnell und so stark wie no nie. Wenn mir Alemanne, und dodezue ghöret aber au die Zuegroosste, die diitsche- und internationale Seconos- und Tricondos, uff dere lokal lebendige Mundart uffbauet, bliibt die modernisiert Mundart erhalte und für uuswärtige erkennbar und für iis selber e Markezoeche, e Eigeart uff die mer stolz sii khaa. Und sie bliibt denno au e Markezeiche für e Region, e Landschaft, e kennzeichnende Gschäftswelt. Gern erinnere ich mich a den Lehrbue us de Appruzze, der die bescht Villinger Mundart gschwätzt hät, oder den anatolische Gastronom us Briilinge, der broeter Baaremrisch schwätz, wie die meischte Briilinger. Oder de Christian Streich, der es ferig bringt, i Alemannisch sogar wieder am Fernseh, im Rundfunk und de Presse wieder „Hof z halte“. Es liit also a iis. Wenn mir oegsinnig und selbsbewusst unsere Zweisproochigkeit lebet, uns nit zu Uugebildete wege dere „putzigen“ Sprooch degradieret lond, denno verhebts no lang. D Schwiezer hond des gschafft, weils sies uuverboge lebet und nint aabrenne liond. „So wie mer s halt triebt, so hät mers“, en uralte Mundartspruch.

De Kummer: D ́ Lesbarkeit

Oe Schwierigkeit hommer allerdings, die hond aber au alle Mundarte: D Lesbarkeit. Mir waret, mit ganz wenige Uusnahme bei de Mundartdichter, no nie uff lese vu Mundart „konditioniert“, also iigstellt, iiguebt. Des Mundarschriftbild isch nit i iiserm Bildspeicher. Usserdem schriebt jeder Mundartschrieber anderscht, im Satzbau, im Sproochbild und i de Uussprooch. Wichtig isch, dass mer Mundart möglichscht vum Klangbild her schriebt, vum gsprochen, vum ghörte Wort. Also rein vum Klangbild i de Ohre und im Wort- „Laut“. I schwierig uusprechbare Sprooche wie französisch und Englisch gihts e klar iigführte phonetsiche Schrift. Des wär e Möglichkeit, aber weder nötig no bruuchbar. Weil für jede Mundartgegend , wie Hegau, Breisgau, Baar, Elsass e oeges Darstellungssystem nötig wär. Drum isch die Idee nit bsunders guet. Es bliibt nint anders übrig wie Klanggerecht z` Schriebe. Im Hieronymus, oder i de Eschinger Mundartrunde vu de Bürgerstiftung, setzt mer uff Vorläse. So khaa jeder beim Lese des gsproche Gschichtle au mitlese und kunnt so besser i die Mundartleserei inni. Villi bestätiget, dass mer denno dorchuus inni kunnt. Leider sterbet au die Stammtisch, die Fasnetfestle und die Vereinsuusflieg, dä wo meischtens Mundart gschwätzt word, immer meh uus. Des waret die beschte Bewahrer vu de lokale Mundart. Usserdem erhöht de Sproochklang die sowieso netter Poesie vu de Mundarte gegenüber em Buechsprochliche. Der folgend Spruch sait dodezue alles:

I de Mundart sehnet d` Ohre besser

Martin Graff

Alemannisch word nit untergau und wenn doch, erfahret ihr`s im Hieronymus z` erscht

Jede Dunschtig Obet isch uff Bayern 1 de Kultspruch vum Ringelstetter z Höre. Nu dass er statt Alemannisch „Bayern“ sait und statt Hieronymus „Bayern1“. Die Überschrift stimmt trotzdem uff de Pfennig. Zwar hät de Carl Bodnaruk vu de Uni Sidney, des isch z Down Under, in ere Studie ussi gfunde, dass es mit dere Alemannische Mundart nit so toll uusähne dät. De Karle us dem Land, dä wo mer de Uriiwohner Aboriginies sait, so wie iiserne Uriiwohner Alemanne, däts i de grössere Städt wege de villne Schriftsproch- Iiwanderer selli mau uusähne. Uff em Land vermacht er dere Sproch no e weng meh. Und die Ü 60- er i de Dörfer hetets no eweng meh druff wie die Junge. Dieselle dätet scho lang und uuaufhaltsam die rasant aawaasend die neu digital- Mundart mit sellene Bit- Bytes, Giga- Terra, USB- BBC, WLAN, PIN und TAN, Äpps, Potkascht, Hoembanking, sörfe, clauds und päds schwätze. Wörter wie Karscht, Zabbis, Heuliecher, Betziet, Bexler und Gilleschapfe könne mer allmählich ruhig im Archiv vu de Muetersproochgsellschaft verschobbe. Die bruuchemer halt oefach nimme. Wege Motorhacke, Vollernter, Fahrsilo, Meditation bim Waldbadde, Hydraulischem Spalter, und Kläralage.

Gilleschapfe

De Kängeru Karle, seller alemannischfreundlich Aussi, hät aber vergesse, dass solang de Streiche Chrischtian iis uff Alemannisch no erklärt, wie des mit de Wochetag eigentlich goht und de Keller Franz no uff Alemannisch sakramentiert, de Joogi uff Wiesetälerisch die Taktik gege die Wikinger Schoofbuere vu de Faroer verklickeret, im Joostal no Mundart- Freilichtspiel aabote wered, de Burger Steff sie baarschwarzwälder Mundart bim Predige im Münschter nit verhebbe khaa, solang stirbt s Alemannisch no lang nit uus. Wenn die Schwarzwälder Skiadler Legende de Nation erkläret, dass es „die wo„ hoesst und nit „diejenigen, welche„, merket ihrs: 5 Buechstabe gege 16 Buechstabe, s Komma gar nit mirgrechnet, denno verhebbt s no lang. Au wenn de Streiche Chrischtian dereinst am Hockestäcke des Lehrangebot, den Lehrufftrag vu de Buechebacher Bolzer aanimmt, und dene anatolische, lybische, akkademische Secondo- Stroosekicker und dene Ibe- und Attedäeler Buurebuebe de Deckungsschatte uff Dreisam- Alemannisch verklickeret, denno gohts sowieso nuu no, wie bei me geniale Steilpass, ghörig uffwärts. Allerdings sottet die iibilte alemannische Borgermäeschter nit am Grensilli Roulet Tisch hucke, Millione Chips vor sich uffbieget, sondern halt wieder am Stammtisch nuu um Pfennig spiele beim alemannische Benokel oder Zego dresche. Schriftsprooch, Buechsproch, manche saget au „Hochdeutsch“ zu dere gstelzte Mundart, heb sich nuu zuefällig ergähe, weil de Thüringer Luther halt sie Sproochart vu dä als Bibelsprooch drucke lau hät. Sunscht miesstet nämlich die zuegreiste Bildungsbürger i de Städt wie Friborg, Konschtanz und Lörrach die domols vorherrschend fränkisch- alemannisch, poesievoll Mundart schwätze.

Mir Ducklimuuser, mir Hennefiddle sottet halt mit Stolz iisere Mundart– Fahne selbsbewusst schwenke. So wies d Schwiezer im Fernseh, im Radio, im Parlament, i de Konzern, i de Wisseschaft, i de Kunscht und i de Banke hemmungslos machet, denno hät de Alemanne- Karle us Sydney/ Down Under amend doch nit ganz reacht.

Meine Hoffnung ist eine veränderte Kultur

Vielen Dank an Peter Unfried für die freundliche Genehmigung seinen Artikel aus
der Wochentaz vom 21. Dezember 2024 hier veröffentlichen zu dürfen.


Ich saß in Santa Cruz, Kalifornien, auf einer Bierbank inmitten einer gemeinnützigen Biofarm, und der große amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen sagte mir lächelnd, dass das 2-Grad-Ziel verloren sei. So begann im Sommer 2023 die Stunde, in der ich Hoffnung bekam.

Der Mensch wird das Problem der steigenden Erderwärmung nicht lösen können – das ist Franzens Erkenntnis, nachdem er sich intensiv mit der Lage beschäftigt hat. Und dies nicht nur aus ökonomischen Gründen oder als Folge des „Kapitalismus“, sondern auch aus kognitiven Gründen:
Die Komplexität und Globalität des Problems mit all seinen Auswirkungen auf andere Bereiche und die Überwindung der Gegenwartsfixierung überfordern uns.

Das sehe ich nicht so absolut, aber gebe zu, dass es derzeit nur eine geringe Perspektive für Global Governance, also eine gemeinsame, multilaterale Klimapolitik gibt. Die Interessen sind zu verschieden und das Fressen kommt verständlicherweise vor der Moral.

Wo ist denn nun die Hoffnung, wird man berechtigterweise fragen? Sie gründet sich in einem neuen Ansatz. Ich habe verstanden, dass Franzen ein abstraktes Ziel aufgegeben hat. Aber eben nicht, um zu sagen, jetzt ist eh alles scheißegal, jetzt mache ich erst mal eine Kreuzfahrt. Sondern um handlungsfähig zu werden. Er sagt, wir sollten nicht rumheulen, sondern uns auf das konzentrieren, was wir beeinflussen können. Für ihn ist das eine Nahbereichs-Community, die aktiv wird, um „die Vision eines besseren Ortes zu leben“. Das kann eine Stadt sein, ein Stadtteil, eine Straße, eine Hausgemeinschaft, ein Unternehmen, eine Schule, eine Kita, ein Medienhaus – jedenfalls ein Ort, an dem man engagiert und respektvoll streitend daran arbeitet, dass morgen etwas besser ist als heute. So denke ich inzwischen auch.

Jetzt wird sicher gleich jemand rufen, das sei doch „alles viel zu wenig“. Richtig: Um die Erderwärmung und ihre Folgen sowie das Artensterben zu begrenzen und später zu reduzieren, um den Übergang zu einer postfossilen Wirtschaft und Gesellschaft zu schaffen, braucht es Politik. Es braucht Mehrheiten. Aber eben auch eine weiterentwickelte Kultur.

Die fossile Kultur ist aus physikalischen Gründen am Ende, aber die linke Ökokultur mit ihren großen Gesten, ihrer Apokalyptik, ihrer religiös grundierten Sünden- und Schuldrhetorik und dem logischen Unfug, dass „weniger mehr sei“ und „wir keine Zeit“ mehr hätten, eben auch. Sie hat sich als untauglich erwiesen. Wer sich radikal menschenignorant auf der Straße festklebt und rumplärrt wie ein Kleinkind, wird doch nicht ernsthaft erwarten, dass andere seine Probleme lösen. Die ganze Demo- und Anschreifolklore ist komplett untauglich für die Notwendigkeit des Konstruktiven.

Das Dagegensein- und Weltuntergangs-Business haben andere übernommen, illiberale, fossile Antidemokraten. Wer dagegen etwas erreichen will, ist dem Konstruktiven verpflichtet, dem Can-do-Spirit. Er muss seine Hoffnung mit dieser neuen Methode begründen: Handeln statt hadern.

Das beginnt mit dem Balkonkraftwerk und einem Gemeinschaftsgarten, wo früher Parkplätze waren. Und dann kommt eins zum anderen. Hoffentlich.

Peter Unfried

Nepomuk hilft immer

Pfohren von Karl Merz

Sankt Nepomuk, du guete Maa…….

Sankt Nepomuk, du guete Maa“ gelesen von Maria Simon

Altmühlbrücke Bischofsstadt Eichstätt

Immendingen

Hüfingen

Eichenbrücke über den Rhein bei Rheinau

Überlingen

Eichstätt

Sankt Nepomuk, du guete Maa…….

Z` Pfohre uf de Dunnebruck
Do stoht en Heilge Nepomuk
Und Dunne abwärts, me kahs kum zelle
Stond no en Huufe vu dene Gselle
De Pfohremer aber , säll isch de Erscht
Worum du ihn halt fescht verehrscht
Zwoa Eschinger Wiiber us de Eile
Verhebets s` Rädle ver e Weile
„ Hai , so bressant worschs doch nit haa
Mir betet weng zum Heilge Maa“


S`erscht Gsetzli:
„ Oh Nepomuk do z` Pfohre uf de Bruck
Halts Hohwasser alljohr selli zruck
Laß i de Eile d` Gärte nit versinke
Laß d` Hiener, d`Hase, nit verdrinke
Falls d` Fluet halt nit verbremset krieegsch
Verschon die Brigach, wenns Wetter kumme siesch
Schieb d` Wolke schnell is noh Bregtahl
Ich bitt dich drum, mach doch nit en Verzahl
Und fang halt aa mit Überschwemme
Dä z` Briilinge, z` Hifinge , halt dert dänne
D` Schnuufer sind s`Wasser scho langeewig gwähnt
Des word scho im Rodel iber de Dick Karl erwähnt“

S` zweit Gsetzli
„ Oh Heilige Sank Nepomuk :
Bewahr iis doch vor grossem Schadde
Bim Saie, Jäte und bim Grabbe
Gib aacht uf d` Brigach und guck jo druff
Daß nit die Eile, und nit au en Schopf versuuft
Daß d` Brigach jo nit überlauft
Die Fluet nit uff de Allee rummlauft
Dass s` Wasser nit d` Vorstadt und no Hieser nimmt
Und au kon Moscht und Bier im Käer rumschwimmt“

S` dritt Gsetzli
„ O güetige Sankt Nepomuk
Uf dere broate Dunnebruck –
Und loht sich halt die Wassergwaalt
Die machmol kunnt, vum Wälderwaald
Halt ums Verricke nit verklemme
No fang halt aa, mit Überschwemme,
Ech bitt dech drum , du guete Maa, –
Z` Brielinge dänne oder erscht z` Hifinge aa
Die Schenkelisäger und selli Greichte
Au d` Schnuufer dierftet au mol beischte
So all paar Johr e mool e Baad
Des wär ver die koe weng en Schaad „

Jo so wars, Kulturbrucke uff de Baar

01. Februar 2021 Beitrag zusammen mit Andreas Hofmann

En Bruckeheilige verzehlt

Wo mer d` Schliefibruck vu Wolterdinge im Elsespitz versetzt kha hond, han ich mit beim Pfarr Werner Arnold erwähnt, dass do fascht no en Nepomuk fehle dät. De Pfarr hät kuntenend gsait: „ Ja das ist ja eine wunderbare Idee, da red ich gleich mit Herrn Wolfgang Kleiser vom Hammer wegen einer derartigen Skulptur. Das Geld für so etwas bekomme ich zusammen „. De Pfarr hät de Kleiser aagrufe, ein Preis uusgmacht und e Nepomuksculpur mit Sockel und 80 cm Höhe bschtellt. De Pfarr hät noch guet 25 Johr i sim doch lieb gwunnene Wolterdinge zum aastehende Abschied no mol e spirituelles, langlebigs, fascht uuvergänglichs Zoache setzte will.

Wo mer den Prager, den schweygsche Schelm denno uff em Schliefiwiederlager ännigstellt hond, waret alle ganz platt. Daß kon bläret hät, war grad alls. Am seeligschte war natierli de Pfarr. De knitz Kleiser, des knorrig Wäldermaali, hät denno gsait: „ Wissener, ich haan`s mir reiflich überlait, der Nepomuk den ich eich mach , den stell ich unters Motto : „Haltet ein !“. Un so isch au sii uugwöhnlichi Mimik, sie Gestik mit dere abwehrende Handstellung entstande. De Wolfgang Kleiser hät uusdrücklich dargleit, dass die Hand nit nuu segnend, sondern au mahnend zum Verstau sei. Zerscht hät des im Pfarr nit ganz so passt, aber noch paar Augeblick hät er selli zfriede zuegstimmt. Me kaa sich koo bessers Motto oder kon bessere Name für die neumodisch Broncestatue vorstelle. Es passt halt uffs I- Düpfli. !


De Oberminschtrant Thorsten Frei

De Kleiser isch draa gange und natierli bruuchts für so e Einweihung e Feschtle. S`ganz Ort hommer aaboret, dass sie die Wolterdinger Dorfgschicht mit historische und aktuelle Figure und Tätigkeite aussagekräftig bei me Gang über die uffgmöblet Schliefibruck darstellet. De Pfarr hät de Nepomuk gweiht und dem Steg mit spirituelle Wort und eme feierliche Akt wiitere 100 Johr erfolgriiche, segensriiche Lebensweg gwünscht. De Minschtrant, on mit ere fundierte Grunduusbildung, hät übrigens de Oberborgermoeschter Thorsten Frei gmacht. Und so stoht desell „Haltet Ein – Nepomuk“ uff de Schliefibruck und wacht über s `ganz Unter Bregtal, s ́ lieblich Dorf, de uurig Halleberg, die beschauliche Bregaue und erinneret und ermahnt uns, dass mer`s nit übertriebet sottet. Er isch de Erscht Nepomuk a de Breg, de zweit isch de Hifinger Nepomuk, de Dritt stoht als erschte a de Donau z Pfohre und e Vierte z Giisinge. Bis d Dunne im Schwarze Meer versorret dürfts no mehrere Hunderti vu so Nepomuk Bildstöckli gähe.

Schliefibruck Nepomuk vum Wolfgang Kleiser

Wa aber isch des für en Maa, desell Johannes Nepomuk ?

Natierli han ich i sellem Buech, wo ich mol a Wihnächte als Minschtrantegschenkt griegt han „ Helden und Heilige“ nochglese. Au Bibliotheke han ich durchstöberet. De Kerli hät mi doch selli verwunderet und aagregt. Wenn i denno im Südweschte umenand gfahre bin, han ich zmols nit nu uffmerksam noch Brucke uuschau ghalte, sondern zmols au noch Nepomuk- Statue. Aber nit nu uff oder an Brucke bin ich fündig wore, sondern au i Gebäudenische, an Wänd, uff Feldflure und Gartemuure isch er zum finde. Sogar Hotel und alti Gasthieser hond den Name. Uffs mol han i gmerk und khaa des au belege, dass des de meischt uffgstellt Freiluft- Heilig im deutschsprochige Raum isch. Sogar z Norditalie han ihn scho entdeckt. Do kunnt konn Johannes, koe Maria oder sunscht on vu de populäre Heilige mit. Wa aber macht den Maa so uussergwöhnlich, worum isch der immer no so modern ? so zeitgemäss ?

De Johannes Welflin von Pomuk isch um 1350 uff d` Welt kumme. Er war ab 1380 Priester und war Notar und Sekretär vum Bischof vu Prag. Studiert hät er die Jurisprudenz a de Uni Prag und Padua und hät anne 1387 de Doktor griegt. Während dere Ziit isches zu me Striit zwischem König Wenzel dem IV und em Erzbischof Johannes Jenstein vu Prag kumme. De Generalvikar Johannes von Pomuk hät en Wahlrodel vum Erzbischof innerhalb vu 3 Tag gattig umgsetzt, ohne dass er die Einspruchsfrist vum König abgwaartet oder verlängeret hät. Desell war au grad no uff Reise und war stinksauer, dass die Frist abgloffe gsii isch und die gnitze Kleriker ihn vor vollendete Tatsache gstellt hond.

De König Wenzel hät denno gähwietig die ranghöchschte Kleriker verhafte und foltere lau. De Erzbischoff hät grad no schnell vertlaufe kinne. De Kleinscht, de Nepomukli, hät sich de beleidigt, jähzornig Unhold uusgsuecht und ihn mit eme aalte, verkaibete Mühlstoa am Hals vu de Karlsbruck z` Prag i d` Moldau werfe lau. Versäufe war dämols die üblich Hinrichtungsmodi für Geistliche und Kleriker. Aageblich seiet beim Versuufe fünf Flamme us de Moldau zünglet und später het mer immer wieder mol 5 Sternli usem Moldaukies unneuffi blinzle gsähne. Und drum word er als onzige Heilige nebet de Maria mit eme Sterne- Heiligeschii dargstellt. Für mich aber isch des au e spirituelles, aussagekräftigs Symbol und en Vorläufer für de Europa Sternekranz. Do drüber sottet emol de panonisch Orban, die Pole- Nationalischte und die Brexit- Zündler mol nochdenke. Bis do isch des alles historisch belegt. Aber wie mer a de Flämmle us em Wasser sieht, fanget dert scho d` Legendebildunge aa. Und beim Nepomuk sind die selli zahlriich.

Nochdem ihn de König Wenzel abgmorkst hät, isch er zum Märtyrer wore. Um christliche Märtyrer ranket sich meistens schnell Legende und überlieferte, mündliche Gschichte. Natierli villmol i Mundart und die verbreitete sich unter de gwähnliche Liit. Drum gohn d die Rachegelüschte vu sonige Despote gschichtlich überhaupt nit uff. So au i dem Fall. De Nepomuk isch wege sinere Wunderwirkung bald mol selig gsproche wore und bald au anne 1732 zum Heilige erklärt wore. Sit sinere Ertränkung war er de bedeutendste Heilige im Habsburgerreich und im deutschsprachige Süde. Er hät dä sogar als Art „Staatsheilige“ golte, saget d` Historiker. Wundere duet mich nuu, wieso selleweäeg d` Habsburger Briilinger kon Nepomuk an ere Bruck oder eme Sägi- Bach hond. D` Villinger Habsburger hond on, aber nit an ere Bruck, sondern e mächtigs, kultigs Bildstöckli am Mühligrabe, also ame Wasserkraftbach, a de Schillerstrooß.

Wie mer ghört hond isch er wege Uffmüpfigkeit versäuft wore. Anne 2009 han ich z` Jestette z` dond ghet. Und wie meischtens, wenn i dä abi kumm, fahr ich über die uuglaublich schee Rheinauschleife mit em Kloster und über die uralt Eichebruck zwische Rheinau und Jestette. Wo mi de Zöllner vor de Bruck mit e me „Grüezzi“, isch guet“ grad dorchwinkt, huckt doch tatsächli so en Gartebuzzli mit eme Strohhuet, kurze Hose und eme gelbe Hemdli uf de Bruckebalustrade. Aadächtig und versunke guckt er uff die überdacht Eichebruck und uff de modern Nepomuk, der dä uff de Bruckebalustrade stoht. De erscht Gelbweste- Vordenker lang bevor die Bewegung entsande isch, han i denke messe, wo ni wiedermol im Bildfundus noch Nepomuk Bilder gsucht han.

Legende um de Nepomuk

Bei villne Heiligegschichte gohts villmol um „Sex an Crime and Rockn- Roll“. Koe weng andersch wie hitzutag bei Promis, Politiker, Kleriker und Schereschliefer. De Nepomuk war tatsächlich au de „Beichtiger“, de Bichtvatter vu de Königin Sophie, de zweite Frau vum König Wenzel. Dere Frau hät de Maa, de König Wenzel, aadichtet, sie sei imme andere Noble a d` Wesch gange. Drum heb er vum Nepomuk verlangt, er soll ihm sage, wa d` Königin Sopie bei ihm do drüber biichtet heb. Do isch er aber beim Nepomuk an Falsche groote. Der hät koe Sterbenswörtle wegem Biichtgeheimnis verrote und au do drum hät de gruusig König Wenzel ihn ebe i de Moldau versäufe lau. Und wege dem isch de Nepomuk wege sinere Verschwiegeheit i sinere Hauptheiligefunktion de Patron vum Beichtgeheimnis und vu de ` Verschwiegeheit. Verschwiegeheit isch au en wichtige Grundsatz vu de Jesuite. Und drum hond die ihn au zum Vize- Patron neben Franz- Xaver gmacht. Die fünf Stern i sim Heiligeschii sollet au die fünf Buechstabe vu dem lateinische Wort „ t a c u i “ uusdrucke, wa so vill hoasst; “Ich habe geschwiegen“.

Wie konn zweite Heilige isch er also so en Art Universalheiliege, also e Geheimwaffe oder en Alleskönner. Wie scho gsait also fürs Biichtgeheimnis, die Verschwiegenheit und au de Patron für d` Pfärrer.
Weil sin Tod au mit Wasser, mit de Moldau- Karlsbruck und de oft uuberechenbar Wasserkraft zämethängt, isch er au de Patron für d` Müller, für d` Brucke , für d` Flösser und für die zahlriiche Flusschiffer (Waidling, Ulmer Schachtle, Segmer. Lädine usw.).
Und vor allem für allgemeine Wassergfahre wege Überschwemunge, Schneeschmelze, Dunderwetter, Wolkebrüch, Eisstau und Verklausunge.


Daß mer ihn hitzutag immer no bruuche khaa, sellewäeg han ich des Gschichtle und des Nepomuk Gedichte gschribe. Die Gschicht häts mer oefach zuegschwemmt wie Treibguet bii Hohwasser.
Und wege dem hoasst min 60- jährige Unimog scho sit de Schliefibruck i mim Kopf: „Nepomog“ und erinneret mich a de Motivname und de Skulpuregestus vum Wolfgang Kleiser: „Haltet ein“

Nepomuk nach Sebastian Blau

Sankt Nepomuk, du guete Maa…….

Z` Wolterdinge uf de Schliefibruck
Do stoht en Heilge Nepomuk
„ Kumm, so bressant häschs doch jetzt nitte
Me wend ihn, um ebbs wechtigs bitte „ :

„ Oh Heilige Sank Nepomuk :
Bewahr iis doch vor grossem Schadde
Bim ..Schwimme, und bim Badde
Gib acht uf d` Breg und guck jo druff
Daß nit e Goass oder gar e` Kueh versuuft
Und dass die Breg nit überlauft
Die Fluet jo nit i d` Au nuuslauft
Dass s` Wasser nit des Dorf und Hieser nimmt
Und au kon Moscht im Käer rumschwimmt

– „O güetige Sankt Nepomuk
Uf iisre scheene Schliefibruck „ –

Und loht sich halt, die Wassergwaalt
Die manchmol kunnt vum Wälderwaald
Halt ums Verricke nit verklemme
No fang erscht aa mit Überschwemme,
– Ech bitt dich drum , du Guete Maa,
Erscht z` Briilinge oder z Hifinge aa

Die Schenkelisäger und selli Greichte
Die kennet au mol schnuufe und kherig beischte
So all paar Johr halt mool e Baad
Des wär ver die koa gwiss Gott konn Schaad „

© Hubert Mauz / März 2015 sehr frei nach Sebastian Blau 1934

St. Nepomuk von Sebastian Blau

Vorgetragen von Andreas Hofmann

En Raoteburg stoht uf dr Bruck
e‘ Heiliger Sankt Nepomuk.
Komm, so pressant hosch-s ete‘,
mr wend gschwend zua-n-em bette‘:

»O Heiliger Sankt Nepomuk,
bewahr me ao vor Schade‘
beim Schwemme-n-ond beim Bade‘;
gib uf de‘ Necker acht ond guck,
daß dren koa‘ Ga’s ond Geit versauft,
ond daß r jo et überlauft,
et daß r mit seim Wasser
de‘ Weag en d Stadt ond d Häuser nemmt,
ond aos de‘ Wei‘ im Kear rom schwemmt.
O Heiliger Sankt Nepomuk,
do tätest aos en baöse‘ Duck!

Ond loht se halt
mit aller Gwalt
s Hochwasser et verklemme‘,
noh hao‘ en Ei’seah‘, guater Ma‘
ond fang mit überschwemme‘
e bißle weiter donne‘ a‘:
dia Goge‘ nemmets et so gnau,
en deane ihren saure‘ Wei‘
därf wohl e‘ bißle Wasser nei‘
– ond evangelisch send se ao…«

Quelle: Das große Josef Eberle Sebastian Blau Lesebuch, DVA München

Altmühlbrücke Bischofsstadt Eichstätt

Immendingen

Hüfingen

Eichenbrücke über den Rhein bei Rheinau

Überlingen

Eichstätt

Eine kulturelle Erfolgsgeschichte besteht seit 10 Jahren

Gelesen von Maria Simon

E erfolgriiche Kulturgschicht bestoht sit Zeh Johr

Vor Zeh Johr, anne 2014, hät d`Bürgerstiftung Eschingen noch em aalte Bruuch vum „Z`Liicht gau“ en Runde Tisch is Lebe gruefe, a dem mer D`Mundart schwätze, pflege und am am Lebe bhalte will. De Teschtes war de unermüdlich, hoemetverliebt Pfohremer Ernst Zimmermaa. Dass es mit de Mundart nit am Beschte bschtellt isch, des hät ein Auschtralier, de Karl Bodnaruk vu down under, vu Sidney, in ere Studie scho uussigfunde. Er sait mir Baaremer Mundartler mond jetzt selli tapfer sii, es dät s Loch ab gau.

E ganz klei weng wemers aber verhebbe mit dere Mundartrundi. Die trifft sich jede Monet am Dunschtig Obet um 19:30 im Mehrgenerationehuus i de Schuelstrooss. A dene Obet schwätzet mer über Stadtgschichte, über Oegeheite vu de Boor und mir leset iis gegesiitig ebe i Mundart selber erlebte, erfundene, erlebte Erinnerunge und Erlebnis vor. Mir hond iis vorgnomme des au manchmol doppelsproochig uff z`schriebe und vorz`läse. Scho anne 2016 hät mer e Buech selli erfolgriich uussibroch mit dem Titel: „Eschinger Gschichte“ wa in grosse Ufflag schnell vergriffe war. Au des isch zweisprochig i Buechsproch und i Baaremer Mundart. Und es liit e CD debei wo mer sich während em Lese die Gschichte aalose khaa.

E ganz grossi Kummedi isch nämli, dass im Gegsatzt z.B. vu de Schwiitzer , kaum no ebber Mundart lese kha, mit höre gohts ebbe besser. So sind über 200 Mundartgschichte entstande. Au e doppelsproochig Büechle über d Eschinger Bürschtekultur und e Bilderbüechle für Jung und Alt über d Kirnberger Wasserkraft. Oe Gschicht hät sogar en Literaturpreis vum Landkreis griegt. Sit e paar Johr wered vill Gschichte au im Hieronymus, em Hifinger Internetufftrit über Politik, Kultur, Molerei, Gschicht und ebe Kurzgschichte aabote. Die meischte wered au vu de guete Mundartvorleseri, de Maria Simon us Aamedshofe, lebendig vortrait. Z`Liicht findet also zwischeziitlich au im Netzt statt. Mit eme kleine Feschtle am Dunnschtig Obet, 12.12.2024 , um 19:00 , i de Schuelstrooss word über die Erfolgsgschicht vu de Bürgerstiftung bestimmt wieder lebhaft zogatet.

D Mundart word nit so schnell untergau, und wenn doch, erfahreters bei de Bürgerstiftung und im Hieronymus z`erscht

S´ Weggetaler Kripple

17. Dezember 2020

Die Weihnachtsgeschichte in schwäbischer Mundart, geschrieben von Sebastian Blau

Zum Autor:
Sebastian Blau – unter diesem Pseudonym hat Josef Eberle (1901–1986) ab 1928 seine schwäbischen Texte veröffentlicht.
Er wurde in Rottenburg geboren, war Buchhändler in Tübingen und Berlin, dann Journalist und Schriftsteller, von 1927 bis 1933 Leiter der Vortragsabteilung des Süddeutschen Rundfunks. 1936 wurde er mit Schreibverbot belegt. Von 1945 bis 1971 war Eberle Mitherausgeber der »Stuttgarter Zeitung«. Neben vielen anderen Ehrungen wurde ihm der Ehrendoktor, der Titel eines Professors und – von der Universität Tübingen – eines »poeta laureatus« verliehen. (Quelle: Verlag / vlb)

Prof. Josef Eberle, alias Sebastian Blau, STZ-Herausgeber und Verleger.

„s‘ Weggetaler Kripple“ ist das klassische schwäbische Weihnachtsgedicht. Alle Jahre wieder herrscht zwischen Weihnachten und Lichtmeß in der Wallfahrtskirche im Weggental bei Rottenburg Gedränge, wenn die mächtige Weihnachtskrippe ausgestellt ist, die Leopold Lazaro geschnitzt hat.
Von ihr hat sich Sebastian Blau, „der Meister aller Mundartdichter“ (so sein Dichterkollege Fritz Holder), anregen lassen zu seiner gedichteten schwäbischen Weihnachtsgeschichte.
„s‘ Weggetaler Kripple“, so Fritz Holder weiter, „hat immer zweifache Wirkung: die einen rührt es zu Tränen, den anderen macht es das Herz heiter.“

So hatte auch ich die ehrenvolle Aufgabe in den Jahren 1980 bis 1987 das Gedicht alljährlich bei unserer Weihnachtsfeier in meiner damaligen Bundeswehreinheit in Ellwangen/Jagst vortragen zu dürfen.

Ich möchte Ihnen, geneigte Leser des Hieronymus, dieses Kleinod schwäbischer Dichtung nicht vorenthalten und habe deshalb das Gedicht im unten angehängten Podcast aufgenommen.
Vielleicht finden Sie ja, zusammen mit Ihrer Familie, gerade am diesjährigen, doch etwas besonderen Weihnachten, die Zeit, sich das Gedicht anzuhören.
Da es der schwäbische Dialekt ist, wie er in der Rottenburger Gegend gesprochen wird, dürfte es auch nicht zu schwer sein, es zu verstehen.

Podcast: S´Weggetaler Kripple, vorgetragen von Andreas Hofmann

Außerdem ist die Wallfahrtskirche Weggental, gerade in der Vorweihnachtszeit mit der aufgebauten großen Krippe immer einen Ausflug wert.

S Weggetaler Kripple (Quelle: Netzfund)

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