Tod der Singschwäne

Was die wenigsten wissen, bei Hüfingen gab es mal große Bestände an Zugvögeln, darunter sogar eine Kolonie Singschwäne die jeden Herbst und Winter bei uns auf der Riedbaar anzutreffen war.

Tod der Singschwäne

Auszüge aus dem Buch von Eva Zeller 1983

Da nach Artikel 17 des Grundgesetzes in der Bundesrepubik Deutschland jedermann das Recht hat, sich einzeln oder gemeinschaftlich mit anderen schriftlich mit Bitten oder Beschwerden an Regierung, Verwaltung oder Volksvertretung zu wenden, wandte sich ein namhafter Zoologe (Prof. Dr. Günther Reichelt), nunmehr in der Eigenschaft eines Petenten, im Namen einer von ihm ins Leben gerufenen Aktionsgemeinschaft für Natur- und Umweltschutz schriftlich mit bald aktenordnerfüllenden Petitionen und, als auch das nichts fruchtete, demonstrativ mit einer Unterschriftensammlung von sage und schreibe fünftausend Namen samt Adressen an das Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Umwelt seines Bundeslandes mit der schon nicht mehr dringlich, vielmehr inständig, ja beschwörend zu nennenden Bitte, eine, wie es wörtlich hieß, planfestgestellte Trasse einer zu bauenden Straße um des Himmels willen nicht durch ein Ried zu leiten – welches auf beigefügtem Lageplan deutlich schwarz gestrichelt eingetragen war und das nicht nur neuerdings nach §16 des Landschaftsschutzgesetzes besonderem Schutz unterstehe, sondern auch nach Umfang und Artenbestand als national bedeutsames Feuchtgebiet einzustufen sei, weil nämlich hier, und zwar im direkten Bereich der geplanten Trasse, die Brutgebiete hochseltener Vögel wie des Großen Brachvogels, der Saatgans, des Zwergtauchers, der Löffel-, Reiher-und Pfeifente, vor allem aber die Traditionsplätze zur Überwinterung der weltweit vom Aussterben bedrohten und auf der Roten Liste als gefährdet geführten Singschwäne lägen, deren Erlöschen mit dem Bau der Straße als besiegelt angesehen werden könne, denn Ersatzgelände in unmittelbarer Nähe stehe nicht zur Verfügung, und selbst wenn es zur Verfügung stünde, was die Singschwäne betreffe, die seien nachweislich seit Jahrhunderten auf die rätselhafteste Weise auf diesen Platz fixiert, mit vorzüglicher Hochachtung . .

Reiherenten auf der Brigach.

beigefügt wurden der durch die genannte Unterschriftensammlung bekräftigten Petition nicht nur ein Gutachten des Max-Planck-Institutes für Verhaltensphysiologie sowie diverse Bescheide international anerkannter Ornithologen, sondern auch stattlich vergrößerte Farbfotos, auf welchen man im Hintergrund den Zwiebelkirchturm des Dorfes erkennt, in dessen Nähe das Feuchtgebiet liegt, und im Vordergrund die Schwäne sitzen sieht, sieben Schwäne im eisblauen Schnee mit ihren äugenden, gemalten Augen und gelbschwarzen Schnäbeln; andere Aufnahmen zeigen sie fliegend vor einer Wintersonne mit zwei Nebensonnen, das Flugbild jedes einzelnen Schwanes mythisch noch immer, unerwartet mythisch schon wieder, weil es, wenn es im Augenblick des Flügelabschlags festgehalten wurde, an einen Starfighter oder an einen noch waghalsiger hinzielenden ferngesteuerten Flugkörper erinnert;

Singschwäne auf dem Bodensee.

der Petition wurde ferner beigelegt ein von Verkehrsexperten minuziös ausgearbeiteter Umplanungsplan, will sagen ein Alternativvorschlag, welcher die Wunschtrasse der Singschwäneliebhaber in einer neuen, das auch auf diesem Plan schwarz schraffierte Ried umgehenden Linienführung. zeigt, und zwar so, daß weder verkehrstechnische Verschlechterungen noch Mehrkosten sich ergäben;

belehrt durch den Minister für Wirtschaft, Mittelstand und Verkehr, welcher die neugeplante Straße zwar für rechtlich unanfechtbar erklärte, andererseits aber den Verfechtern des in der Tat bedenkenswerten und wohlbegründeten Alternativvorschlags zu bedenken gab, daß ihre neue Straße sich viel zu weit der bebauten Ortsgrenze des Dorfes X näherte, so daß die Zumutbarkeitsgrenze der Lärmbelästigung bei weitem überschritten werden würde; kurz, ein Vergleich der festgestellten mit der Wunschtrasse ergebe aus der Sicht des Ministeriums für Wirtschaft, Mittelstand und Verkehr aller Voraussicht nach erhebliche Konflikte mit Grundstückseignern; eine so umfassende nachträgliche Änderung der Planung würde zu hartnäckigstem Widerstand von Neubetroffenen führen, weswegen das Ministerium beantrage, daß der Petition nicht abgeholfen werden könne, zur gefälligen Kenntnisnahme aller Mitglieder des Petitionsausschusses Aktionsgemeinschaft Natur- und Umweltschutz…

woraufhin die unbelehrbaren Petenten, penetrant wie sie waren, sich auf juristische Spitzfindigkeiten verlegten, etwa in Frage stellten, ob eine Ortsgrenze, die ein Zementwerk aufweise und ein Gelände, auf dem zu Schrottpaketen geschnittene Autos gestapelt seien, als bewohnt angesehen werden könne; ob die Gleichstellung des Planfeststellungsverfahrens Bundesstraße mit derjenigen einer Landstraße gesetzlich vertretbar sei und ob das zuständige Fachministerium für Straßenbau und das für den Natur- und Landschaftsschutz sich nicht erneut ins Benehmen setzen müßten, um alle Gesichtspunkte der Aktionsgemeinschaft prüfen zu können,

womit sich ein gutes Jahr gewinnen ließ, in dessen Herbst die Schwäne kamen, wie sie immer gekommen sind, und das, obgleich sie hier nichts zu suchen haben, denn eigentlich hätten sie, wie ihre Artgenossen es seit Schwanengedenken gehalten haben, weiter bis an den wirtlichen Bodensee fliegen sollen; es muß da aber einmal ein Schwanenpaar mit den jungen Schwänen durch einen Sturm oder ein Gewitter zur Notlandung gezwungen worden sein, und das just zu der Zeit, in der allein den Jungtieren starr und unauslöschlich eingeprägt wird, wo ihres Bleibens ist, wenn in den nordischen Brutgebieten die Seen zufrieren;

dank einer Mühle friert ein Stück der Donau nie zu; oberhalb des Wehrs staut, verbreitert und beruhigt sich der Fluß, hier dürften die Schwäne einen russischen oder finnischen See wiedererkannt haben; unterhalb des Wehrs ist das Wasser gut durchwirbelt, so daß es auch in den kältesten Wintern nicht zur Eisbildung kommen kann; so, sagen die Experten, könnte das erste Überwintern der ersten, aus der Luft geworfenen Schwäne sehr wohl geglückt sein, nachts auf dem Wasser, tagsüber im Schnee; die Erfahrung, hier überleben zu können, ließ die erwachsengewordene Schwänegeneration im nächsten Jahr auch nicht mehr weiter südlich fliegen, und in unbeirrbarer Übereinkunft auch die übernächste nicht; nichts in der Welt konnte und kann den Vögeln mehr weismachen, es gebe etliche Flugkilometer weiter ein viel wärmeres Winterquartier;

es konnte dann noch ein Jahr hingebracht werden mit Entkräftungen des Einwandes seitens des Ministeriums für den Natur- und Landschaftsschutz, die planfestgestellte Trasse habe die Belange des Naturschutzes hinlänglich berücksichtigt, mittlerweile werde sogar ernsthaft angezweifelt, ob das behauptete Feuchtgebiet überhaupt noch bestehe, die seltenen Tierarten nicht längst ausgestorben seien infolge welcher widrigen Umstände auch immer; die Farbfotos mit dem Kirchturm am Horizont könnten genausogut Montagen sein und besagten überhaupt nichts; aus diesem Grunde und weil es sich bei den Petenten um seriöse, bekannte und zum Teil durchaus sehr angesehene Einzelpersonen und Vereinigungen handele, werde man dem Petitionsausschuß als auch allen mit der Sache befaßten Regierungsvertretern einen Termin für einen Lokalaugenschein vorschlagen…

dazu mußte der Winter abgewartet werden; Treffpunkt der Mitglieder des Petitionsausschusses Aktionsgemeinschaft Natur- und Umweltschutz und der Vertreter des Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Umwelt, des Ministeriums für Wirtschaft, Mittelstand und Verkehr, insbesondere des Fachressorts für Straßenbau und des Fachressorts für den Natur- und Landschaftsschutz, als auch des Bürgermeisters und seines Stellvertreters aus dem dem Feuchtgebiet angrenzenden Dorf war eine Ausflugsterrasse vor einem Ausflugsrestaurant, an deren ummauertem Rand ein verschneites Fernrohr mit Münzeinwurf stand;

Riedbaar bei Neudingen.

wenn sich der Nebel schon gehoben hätte, hätte jeder, der dazu aufgelegt gewesen wäre, für zwei Groschen das Streitobjekt aus der Vogelperspektive in Augenschein nehmen können; den Donaubogen, der die von bereiften, nahegerückten Wäldern umstandene Hochebene im Drittelkreis anschneidet, vom Wind säuberlich aufgeräumte Felder, an jedem Widerstand zusammengefegter Schnee, weiß nachgezogene Ackerfurchen mit schönen Haarnadelkurven an den Rainen, die schrägen Dächer der Mühle zwischen einer Pappelzeile; von dem verschneiten Autofriedhof nur einen Kran, aber klar umrissen und unverrückbar das Zementwerk; neben den Rechtecken der Hochöfen und stumpfen Kegeln der Silos und hinter den noch höheren Schlacken-bergen bescheiden der von den Farbfotos her bekannte Zwiebelturm;

die einzige Dame der Besichtigungsgesellschaft, eine Abgeordnete des Fachministeriums für den Natur- und Landschaftsschutz, bestieg in weißen Pelzstiefeln die Zementstufe vor dem Fernrohr, steckte zwei Groschen in den Geldschlitz, drückte ein Auge zu, das andere an die Linse, bewegte das Fernrohr hin und her, tastete nach der Justierungsschraube, in der Hoffnung, das vergrößerte, nur scheinbar nähergerückte Bild der Landschaft trotz des Nebels erkennen zu können, trat kopfschüttelnd und über sich selber lachend zurück und sagte, sie habe aber ein Maiskolbengerippe zu Gesicht bekommen und einen Sperling, der sich daran zu schaffen gemacht habe, pfiffig wie ein Clown habe der ausgesehen mit schwarzen Flecken auf den weißen Backen;

nachdem im Restaurant Tische für das Mittagessen reserviert worden waren, näherte man sich in sechs Autos dem womöglich gar nicht mehr vorhandenen Nässegebiet; während der kurzen Talfahrt legte die Dame, die das Maiskolbengerippe und den Sperling so angelegentlich betrachtet hatte, auf ihrem Rücksitz den Kopf so weit in den Nacken, daß sie die tiefhängenden Wolken und die unter ihnen schwimmenden Baumkronen als Abziehbilder auf der schrägen Heckscheibe kleben und sich wieder ablösen und wegdrehen sah;

der Gründer der Aktionsgemeinschaft Natur- und Umweltschutz schlug vor, auf einem Waldparkplatz zu parken und die letzten paar hundert Meter zu Fuß zurückzulegen, mit diesem Ansinnen überschreite er hoffentlich nicht die Zumutbarkeitsgrenze der Herrschaften; leider sei es überaus fraglich, ob auch nur ein einziger der auf diesen Lebensraum angewiesenen Vögel sich blicken lassen würde; für das Erscheinen der Schwäne könne er seine Hand auch nicht ins Feuer legen, die säßen in ihren Schneegruben, gerne an Maulwurfshügel angelehnt, und besonders die Jungen mit ihren blaugrau gesprenkelten Federn tarnten sich bis zur Unsichtbarkeit, nur die Sonne könne sie hervorlocken; es sei voreilig gewesen, das Mittagessen um Punkt dreizehn Uhr bestellt zu haben; ob die Herren von der Regierung sich vorstellen könnten, wieviel Geduld die Belauschung der Tiere gekostet habe, bis endlich die Aufnahmen gemacht werden konnten; sollten die Schwäne nicht geruhen, sich jetzt zu präsentieren, würde wohl als bewiesen gelten, daß die Fotos nur von der Oper der Landeshauptstadt entliehene und auf künstlichen Schnee gesetzte Schwanenattrappen zeigten, die sonst Lohengrins Schiff über die Bühne zögen oder als Schicksalsjungfrauen Schwanengestalt angenommen hätten, um den Menschen wahrzusagen, wie das Los ihnen fallen werde; und das wäre dann der Beweis für die immerwährende Gültigkeit der Legende von der Verwandlungsfähigkeit der Schwäne; diese hier seien solcher fabelhaften Fähigkeiten allerdings verlustig gegangen, sie könnten sich in nichts verwandeln, falls man ihnen ihre Lebensbedingungen entzöge, und was hülfe es ihnen, wenn sie den ganzen Bodensee gewönnen, ihre mitgeborene Erfahrung hieße sie dort nicht niedergehen, sondern eben nur hier an ihrem Donauufer, wo sie schon im nächsten Jahr nicht mehr werden bleiben können wegen der Bagger und Planierraupen und Erdtransporter und Walzen; ihr letzter Flug müsse nicht ausgedacht werden,

mit solchen und ähnlichen Reden hielt der Petent sich dicht neben oder hinter dem Bürgermeister des Zwiebelturmdorfes; falls nämlich allen Petitionen und Aberpetitionen nicht abgeholfen werden würde – womit zu rechnen war -, wollte der Petent versuchen, ein Äckerchen im Übernachtungsgebiet der Schwäne käuflich zu erwerben; als Grundstückseigentümer sähe er sich dann in die Lage versetzt, gegen den Bau der planfestgestellten Straße Einspruch zu erheben, weil es sich um gar keine Bundes-, sondern um eine Landstraße handelte; als Naturschützer befand er sich in ungleich ohnmächtigerer Lage, denn Schwäne sind nun einmal keine Personen, deren Rechte man einklagen könnte,

man kam nur langsam voran in den stillen, atemgebenden Wäldern, die der frisch gefallene Schnee schier unbetretbar erscheinen ließ, das Weiße, Leichte, Bauschige drückte noch nichts nieder, ließ selbst den Grashalm in einer gefrorenen Pfütze geschmückter aussehen, als etwas so Unscheinbarem zukommt; gut so, vielleicht würde der von Schneestaub und Nebel durchrieselte Wald dem Petenten zur Seite stehen, vielleicht würde bald auch die Sonne noch mitspielen, zart besetzte Brombeerranken durchleuchten und aus den bereiften Federkronen des Schierlings wer weiß was für Kostbarkeiten machen,

eine kurze Wegstrecke hoffte der Petent, es könnte eine Unschuld des Auges sich wiederherstellen bei den Besichtigern, auf die er so sehr angewiesen sein würde, falls die Schwäne sich zeigen sollten; beim Heraustreten der Gesellschaft aus dem Wald fuhr höchst zweckdienlich und lautstark ein Schwarm Schnatterenten aus schneetrockenem Gebüsch, aber was half’s, wo keiner sich auskannte mit dem
Federvieh,

Singschwan auf dem Bodensee.

ein dem Gelände durch den Schnee noch angepaßterer Weg führte ohne Spur in die weiße Übernachtungsfläche der Schwäne und weiter in Richtung Donau, deren Verlauf eine von Pappeln gestrichelte Nebelbank ahnen ließ; der verengte Himmel und das durch den Dunst gefilterte Licht machten einen Innenraum aus dem Ried, die es in Augenschein zu nehmen hatten, stapften im Gänsemarsch – angeführt vom Bürgermeister – einer in die Fußstapfen des Vordermanns, ihr Atem kam stoßweise sichtbar aus ihren Mündern,

vereinzelte Bäume, Sträucher, Schober steckten im Schneenebel, jeder herausragende Stein hatte einen Schneedeckel oder konnte auch ein sich tarnender Singschwan sein oder seine Attrappe, welcher kommende Generationen in die gläsernen Augen sehen und sie anstelle eines lateinischen Wortes noch Singschwäne nennen können; bei der indirekten Beleuchtung waren die Spuren des Hungers auf der gefrorenen Schneedecke nur im nächsten Gesichtskreis zu erkennen; die Dame in den Pelzstiefeln scherte aus der Reihe und beugte sich alle paar Schritte über eine vergessene Schrift, die sie in ihrer Kindheit einmal hatte entziffern können: den Keil des hoppelnden Hasen, die Blüte des schnürenden Fuchses und ganz leicht eingeritzt das Geläuf vieler Vögel,

das Unternehmen Ried wäre nichts als ein winterlicher Betriebsausflug geblieben, hätte die Sonne nicht binnen weniger Minuten aufgeräumt mit dem Halblicht und allen Verschwommenheiten; diese Herabkunft des Lichtes wäre schon starstechend genug gewesen, um die Inspizienten zum Staunen zu bringen; sie sollten nun aber auch der Schwäne ansichtig werden, denn vier der Schneeverwehungen erwiesen sich als solche; bewegungslos, als hätten sie sich selber etwas angetan mit ihren schwarzen Schnabelspirzen, saßen sie wie sich’s gehört auf den gestrichelten Linien, und die Beugung ihrer Hälse war durch keine Bewegung zu überbieten; starren Auges sahen sie den in breiter Front langsam Näherrückenden entgegen, den Menschentieren, die sich durch barbarische Fertigkeiten ausweisen und immer schuldunfähig zur Tatzeit sind;

vor deren Augen machten die schweren Vögel ein paar torkelnde Schritte, streckten die Hälse, spannten die Flügel weit aus und trieben flatternd die Luft unter sich; ihre Schatten schwebten über den Schnee; den halboffenen Mündern derer nach zu schließen, die den Davonfliegenden nachsahen, muß einer der Schwäne den hohen, langhinhallenden Schrei ausgestoßen haben, der ihm den Namen gegeben hat und dessen er nur in Todesnot mächtig ist; selber Klage erhebend, flogen die Schwäne ruhigen Flügelschlags hinter dem Zwiebelturm davon, als schwane ihnen, daß der siebente Landtag des Deutschen Bundeslandes, in dessen Machtbereich ihre Überlebensflächen lagen, auf seiner vierundfünfzigsten Sitzung beschließen werde, daß besagter Petition der Aktionsgemeinschaft Natur- und Umweltschutz nicht abgeholfen werden könne,

weil die planerischen Zielvorstellungen des Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Umwelt im Benehmen mit dem Fachministerium für Straßenbau dem todsicher zu erwartenden Kraftfahrzeugbedarf besser entgegenkomme, weil die Gradiente der festgestellten Straße den Geländeformen harmonischer folgen und weniger zusammengehörige landwirtschaftliche Nutzflächen durchschneiden werde als die Wunschstraße der Petenten, und schließlich weil das Leistungsvermögen der festgestellten Trasse infolge günstigerer Steigungsverhältnisse um rund fünfzehn Prozent höher sein werde…

Soll nach den Singschwänen auch ausgerottet werden: Der Komoran.

Seit 1984 gibt es keine Singschwäne mehr auf der Riedbaar

Hier in Südbaden werden wir seit sehr langem von Holzköpfen regiert, deren einzige Tradition es ist, auf Kosten der nächste Generation sich ihre Taschen zu füllen. Die Holzköpfe des 7. Landtages sind inzwischen wohl alle tot.
Was haben sie uns hinterlassen als betonierte Erde?
Ein Haufen neuer Holzköpfe!

Aber auch die werden ihr erbeutetes Geld nicht ins Grab mitnehmen können.

Von Michel und Hieronymus, mach‘ ufs Weihnachtswetter Schluss

Der heilige Hieronymus von Stridon

Eigentlich Sophronius Eusebius Hieronymus von Stridon war Priester, Bibelübersetzer und Theologe, geboren im März 347 in Stridon, heute Štrigova in Kroatien und gestorben im September 420 in Betlehem.

Hieronymus wurde als Sohn wohlhabender christlicher Eltern geboren die ihn zum Studium nach Mailand und Rom schickten. Dort studierte er zuerst die Philosophen Cicero und Platon, bis ihm ein Engel im Traum erschien, ihm die Bücher aus der Hand nahm und ihn vor den himmlischen Richter führte. Der Richter sagte ihm:
„Du bist kein Christ, du bist Ciceronianer. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“
Daraufhin lies es sich 366 taufen.

Hieronymus setzte seine Studien in Trier fort, wo er das Klosterleben kennen lernte, dann in Aquileia, wo er sich dem asketischen Bund Chor der Seligen anschloss. Hieronymus verfügte über ein phänomenales Gedächtnis, war äußerst sprachbegabt und rhetorisch unschlagbar.

373 reiste er nach Antiochia (Antakya / Hatay), lernte dort Griechisch, wurde Schüler bei Apollinaris von Laodicea und lernte aus Werken des Origenes, die er später aber verleugnete und kritisierte. Anschließend lebte er bis 378 bei den Einsiedlern in der Wüste Chalkis bei Aleppo (Halab) in Syrien in Askese in einer Felsenhöhle.

Nach einem weiteren Traum legte Hieronymus das Gelübde ab, sich nicht länger an der heidnischen philosophischen Literatur zu orientieren.

Die Löwenlegende

Eine der bekanntesten Überlieferungen über Hieronymus ist die Löwenlegende, wegen der er oft mit diesem Tier auf Gemälden dargestellt wird: Als er Eremit war, sei ein hinkender Löwe in die Felsenhöhle gekommen und alle Mönche seien geflohen. Hieronymus aber fragte den Löwen, warum er zu ihnen gekommen sei. Das wilde Tier hob seine blutende, verletzte Pranke hoch. Hieronymus trug den Mönchen auf, Wasser zu bringen und die Wunde zu reinigen. Sie zogen einen Dorn aus der Löwenpranke und pflegten das Tier, bis die Wunde verheilt war. Der Löwe blieb bei den Mönchen und hütete die Weidetiere, während die Männer im Wald Holz sammelten. (Diese Geschichte erinnert stark an die vom Heiligen Gallus und die Geschichte von Bruder Martin mit dem Bären)
Eines Tages schlief der Löwe beim Hüten der Tiere ein und eine vorüberziehende Karawane stahl unbemerkt einen Esel. Beschuldigt, den Esel gefressen zu haben, musste nun der Löwe das Holz herbeitragen, bis er eines Tages die zurückkehrende Karawane mit dem Esel als Leittier erblickte. Der Löwe lief hin und brüllte so gewaltig, dass die Männer fast zu Tode erschraken. Voller Angst und Reue brachten sie den Esel zu Hieronymus zurück, der nahm die Karawanenleute freundlich auf und erhielt reichen Lohn für das Kloster.

Immer intensiver vertiefte Hieronymus sich nun in theologische Werke, machte Abschriften, verfasste Briefe und lernte Hebräisch. Nach wenigen Jahren ging Hieronymus zurück nach Antiochia. Dort wurde er 379 zum Priester geweiht. 382 kehrte Hieronymus über Konstantinopel (Istanbul) nach Rom zurück. Papst Damasus I. machte ihn zu seinem Sekretär und beauftragte ihn, die Bibel ins Lateinische zu übersetzen. Diese so genannte „Vulgata“ enthält Texte, die bis heute für die Katholische Kirche verbindlich sind – wenn auch inzwischen in der überarbeiteten Form der „Nova Vulgata“.

Hieronymus wurde in Rom auch als guter Seelsorger geschätzt, v. a. bei den Aristokratinnen, die sich zu einem asketischen Leben entschlossen hatten, unter ihnen Marcella sowie die adlige römische Witwe Paula und ihren Töchtern Blaesilla und Julia Eustochium, die ihm später ins Heilige Land folgten. Nach dem Tod seines Gönners, des Papstes Damasus im Jahr 384, wollten einige Anhänger ihn auf den Stuhl Petri wählen; andere, denen seine deutliche Kritik am Klerus missfiel und die ihn ob seiner Wirkung auf Frauen verleumdeten, verhinderten dies.

Davon enttäuscht und aufgrund der Vorwürfe, die man ihm nach dem Tod der Blaesilla machte, verließ Hieronymus im Jahr 385 Rom und reiste mit einer Gruppe von Frauen über Zypern, Antiochia und die Einsiedlerkolonie Nitria (Al Barnuji) nach Betlehem, wo er im Jahr 386 ankam und dann zusammen mit Paula aus deren Vermögen vier Klöster gründete: drei Nonnenklöster und eines für Mönche, dessen Leitung er übernahm.

35 Jahre lang wirkte Hieronymus zurückgezogen, aber mit intensiver schriftstellerischer Tätigkeit und wurde zu einem der bedeutendsten Theologen aller Zeiten. Er verfasste Bibelkommentare zu den Psalmen, den Propheten, zu Prediger (Kohelet), zum Evangelium des Matthäus, den Briefen an die Galater und die Epheser, an Titus und die Philipper sowie zur Offenbarung des Johannes, die wegen des reichen historisch-archäologischen Wissens geschätzt wurden, dazu exegetische Werke wie Liber interpretationis hebraicorum nominum, Buch zum Verständnis der hebräischen Namen und Liber quaestionum hebraicarum in Genesim, Buch der hebräischen Elemente in der Schöpfungsgeschichte, und vollendete die Übersetzung der Vulgata.

Er verfasste mehrere „Kampfschriften“ in denen sich Hieronymus als satirischer Polemiker betätigte, der seine Position verteidigt, ohne Argumente seiner Gegner wirklich ernst zu nehmen. Wegen dieser Auseinandersetzungen musste er sich zwei Jahre lang versteckt halten – kurz nach seiner Rückkehr nach Betlehem starb er am 30. September 420.

Hieronymus‚ Grab ist in der Krypta der Geburtskirche in Betlehem. Er blieb für das ganze Mittelalter die große Lehrautorität, besonders in Bibelfragen und für das asketische Klosterleben. Im 13. Jahrhundert wurden seine Gebeine nach Rom überführt in die Basilika Santa Maria Maggiore.

*Zusammenfassung aus katholisch.de und dem Ökumenischen Heiligenlexikon

Attribute sind Totenkopf und Löwe und als Einsiedler am Schreibpult mit Kardinalshut an der Wand hinter ihm.



Von Michel und Hieronymus, mach‘ aufs Weihnachtswetter Schluss
(Michaelstag 29. September, Hieronymus 30. September)

Der heilige Hieronymus nach Albrecht Dürer.
Diese unveröffentlichte Lithografie von Nepomuk Heinemann könnte die „Titelvignette“ von der 2. Auflage vom Buch Hieronymus sein.

Der heilige Hieronymus von Albrecht Dürer 1514.
Foto: Albrecht Dürer, Public domain, via Wikimedia Commons

aus Wikipedia zum Kupferstich von Albrecht Dürer:

„Der heilige Hieronymus sitzt ziemlich weit im Bildhintergrund an einem Schreibpult und arbeitet. Der Tisch ist ein für die Renaissance typischer Wangentisch. In einer Ecke des Tisches steht ein Kalvarienkreuz. Zieht man vom Kopf des Hieronymus über das Kreuz eine Linie, wird der Blick des Betrachters zum Totenschädel neben dem Fenster gelenkt und damit werden diese zwei Gegenstände – Tod und Auferstehung – miteinander in Verbindung gebracht. Eine abgebrannte Kerze auf dem Regal deutet auf das Lebensende hin, ebenso die Sanduhr, die an die verrinnende Zeit mahnt. Der Kirchenvater widmet sich hierbei nicht dem Werk der Heiligen Schrift (Bibel), in der vom gegen Gott ungehorsamen und damit todbringenden Adam bis zum „zweiten Adam“, nämlich Christus die Rede ist, der durch die Auferstehung den Tod besiegt hat und das Ewige Leben in Aussicht stellt. Die Frage bleibt für den Betrachter offen, ob er diese Erlösungstat annimmt. Es geht vielmehr um die Darstellung seiner Tätigkeit als Briefeschreiber, die zu den meistgelesenen Schriften im Spätmittelalter zählen.

Im Bildvordergrund befinden sich ein Löwe, traditionell ein Bestandteil der Ikonographie des Hieronymus, und ein schlummernder Hund. Beide sind Bestandteil der durch die Legenda aurea überlieferten Geschichten von Hieronymus. Dazu gehört auch die Legende vom büßenden Hieronymus, der den Schädel Adams unter dem Hügel von Golgatha im Heiligen Land vermuten lässt.

Das Bild ist voll von kleinen Gegenständen, die den Blick des Betrachters einfangen und auf Episoden aus dem Leben des Heiligen anspielen, etwa der von der Decke herabhängende Kürbis, der für einen theologischen Disput mit dem Kirchenvater Augustinus steht, wo sie sich in der Übersetzung von Jona 4,6-10 EU nicht einig sind, welche Pflanze, Kürbis oder Efeu, gemeint ist. Deshalb verfasst er hier einen Brief an jenen, um seine Sicht der Dinge klarzulegen.“

Den Idioten haben wir rausgeholt

„Jo so wars, anne 1974″

„Die Schottischen Highlands“ mitten in Italien am Campo Imperatore , Gran Sasso

„Man sollte keine Geschichten erzählen, wenn man keine Bilder in sich trägt“. Unbekannter Erzähler

gelesen von Hubert Mauz am 22. Mai 2023

Jede Dekade hat seine Helden. Nach 1954, als Deutschland mit Fritz Walter, Toni Turek, Helmut Rahn und Horst Eckel Fussballweltmeister wurde, wurden Pausenhofbildler dieser Heroen gehandelt. Nach 1960 wollte jeder so schnell wetzen wie Armin Harry. Zumindest Im Schwarzwald und Bayern war nach unserem Jörgle Thoma Skispringen und Langlauf angesagt. Dass Fussball unkaputtbar ist, bewiesen dann Uns Uwe, Beckenbauer, Katsche Schwarzenbeck, Stan Libuda und Sepp Maier.

Genauso war es in den unsäglichen 40-er Jahren. Der Schulunterricht begann oft mit den neusten Fronthelden- und Schlachtberichten der Nazipropaganda. Ohne Helden lässt sich die Jugend nur schwer gehirnwaschen. Und so war es nach dem September 1943. Bilder von jungen, kruppstahlharten, windhundschnellen und lederzähen Jungmännern wurden in Alben neben Karten des Grossdeutschen Reiches mit Schlachtplänen mit Mehlpapp sorgfältig einegklebt und mit Sütterlinschrift ausgemalt.

90 Wehrmachts- Fallschirmjäger und 17 SS Leibstandarte Soldaten befreiten den von den eigenen Faschisten gefangen Duce, Benito Musselini.
Im Gebirgshotel „Duca di Abruzzi“ mit Seilbahnstation auf dem Campo Imperatore unterhalb des Gran Sasso fand die folgende Geschichte statt.
Zufällig war ein unbefangener Nachgeborener verblüfft Zeuge der sehr seltenen und hier ungewöhnlichen Nachkriegsbewältigungen oder Verstummungen von zwei echten Beteiligten. Protagonist und Zuschauer.

„ Ja, den Idioten haben wir herausgeholt “

Wie ein Jungmann mit der Gnade der späten Geburt mitten in ein Heldenepos gerät.

Bauunternehmer- Büro 1974 in einem grossen Verwaltungsgebäude auf der Baar:

Fast jeden Morgen steht er in unserem Büro und fragt ob er wegen unseren abgeschickten Abschlagszahlungen oder Rechnungen bei den Auftraggebern schon anrufen könne. Es ist der sorgenbeladene Geldeintreiber, der Finanzkaufmann einer großen Baufirma in der Region. Nachdem er uns wieder mal gebetsmühlenartig sein Leid über anstehende Lohnzahlungen, Gehälter, Rechnungen, Finanzamtsforderungen, Krankenkassen und Bankzinszahlungen vorjammert gibt’s dann immer noch ein kleines Schwätzle mit dem leutseeligen, freundlichen Schwaben. Dem Jungingenieur sitzt ein alter Hase der Branche gegenüber und ein Jungvolk Protagonist. Noch nie hat er von seiner Prägung während der Schulzeit und seinen Jungvolkerfahrungen gesprochen. Aber heute platzt es geradezu aus ihm heraus: „ Herr …„B“, sind sie eigentlich der Sohn von General ….„B“ ? Der, der als Fallschirmjäger am Grand Sasso dabei war ?“ So direkt und unverblümt fragt er den sonst sehr jovialen, freundlichen Geldeintreiber der Firma. Der antwortet ungewohnt schroff und abrupt: „Ja, den Idioten haben wir herausgeholt“, und er verlässt zum ersten mal grußlos und schnell das Zimmer. Einige Sekunden herrscht eine beklemmende, knisternde Stille. Der alte Hase aus dem Wald atmet tief durch und seufzt: „ Ich haans doch beigott gwisst, siter paar Monet triebt mich selt um. Siner Vadder sieht ihm wie us em Gsiecht gschnitte gliich. G.D. , der alte Hase hat wieder mal in den Büchern und seinen Alben rumgeblättert und auf seine Träume und Albträume aufgepasst. Wie so oft in letzter Zeit. Der Jungspund aber versteht natürlich kein Wort, spürt nur eine prickelnde Anspannung. Allmählich hat G.D. , der lebenserfahrene Mentor, sein Nervenkostüm und die Fassung wieder im Griff und spürt die fragenden Blicke des Jungkollegen.
Und nun beginnt er bedächtig zu erzählen:

Hochalmwiesen

am Campo Imperatore

„Jeden Tag wurden wir von dem strengen, stramm linientreuen kriegsverletzten Lehrer über den heroischen Kriegsverlauf unterrichtet. Über die Heldentaten für Führer, Volk und Vaterland. Die neuesten Heldentaten für das Tausendjährige Reich erklärte er uns anhand von Generalstabskarten. Wir kannten Europas Zonen, von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt. Dienstgrade, Ritterkreuzträger, Schlachten, Waffen waren uns geläufig. Wir mussten nach der Schule nicht erst an die Gemeindeanschlagtafeln um den Kriegsverlauf einzusehen. Wir waren aus erster Hand systemkonform informiert. Noch heute bekomme ich Gänsehaut als am 13.September 1943 die Tür mit Hitlergruss aufgerissen wurde und unserer Einpeitscher und Chefpropagandist zackig brüllend verkündete: „ Unsere rumreichen Fallschirmjäger unter Mithilfe der Waffen SS Leibstandarte haben unter Kurt Student und Otto Skorzeny den Duce auf dem Campo Imperatore am Grand Sasso befreit“. Allgemeines Gebrüll und tosendes „Heil Hitler“ erschütterten die ganze Schule. Der Nazi Scharfmacher entrollte eine Italienkarte mit dem alpinen Abruzzen Gebirge. Erd- und Völkerkunde direkt und hautnah. Tage später, als die Propaganda Maschinerie auf Hochtouren lief und alle Einzelheiten mehr oder weniger wahrheitsgetreu unters ruhmreiche Deutsche Volk gebracht wurde, wurden auch wir gründlichst gehirngewaschen. Natürlich verlief die Befreiung des von den eigenen Faschisten im Hotel „Duca di Abruzzi“ auf dem „Campo Imperatore“ nicht nur minutiös wie von General Kurt Student geplant und ausgeführt sondern teutonisch generalstabsmässig. Da die SS bei dieser Aktion nicht fehlen durfte, half ein kleiner SS – Trupp unter Otto Skorzeni mit. Von einem Flugplatz bei Rom wurden 90 Fallschirmjäger in Lastensegler gepackt und zum Campo Imperatore von Motorflugzeugen geschleppt. Die 17 Waffen SS- Männer unter Skorzeni in einem weiteren Schlepp- Lastensegler. Darunter der windhundschnelle, Kruppstahl harte und lederzähe Sohn des schwäbischen Generals „B“.

(Übrigens wurden viele Flügel dieser Lastensegler , die aus Holz und Leinenstof waren, in den Donau- Flugzeugwerken Donaueschingen gefertigt. In den von den Nazis requirierten Produktionsstätten der Bürstenfabrik Erich Locherer, Josefstr. Siehe auch Buch „ Bruuchener kaini Bierschte“ von Hubert Mauz über die Bürstengeschichte von Donaueschingen)

In Assergi an der Seilbahn- Talstation bei Aquila wurden die Wachen von Bodentruppen ausgeschaltet, die Telefonleitung zum Berghotel gekappt und die Wachmannschaft am Hotel kampflos gekapert. Nach dem Ausklinken der Lastensegler landeten die Segler auf der von Steinen befreiten Almwiese vor dem Alpinhotel „Duca di Abruzzi“. Ein Leichtflugzeug ein „Fieseler Storch“ landete ebenfalls dort. Nach 10 Minuten wurde der Duce aus dem Gebäude geführt und in den wartenden, bereitstehenden „Fieseler Storch“ gepackt. Obwohl mit dem beleibten Duce das Startgewicht schon am Limit war, schlug die ganz große Stunde des grosspurigen Aufschneiders Skorzeni. Auch er zwängte sich entgegen jeder Absprache noch in den fliegenden Besenstiel „Fieseler Storch“ und drängte sich dadurch nachhaltig in die Geschichtsbücher und in die zweifelhaften Heldenanalen des 3. Reiches. Durch das Überladen hob der fliegende Besenstiel erst in aller letzter Sekunde und auf den allerletzten Metern noch geradeso hangabwärts ab. Fast wäre durch die Aufdringlichkeit vom Angeber Skorzeni der Heldentraum und das Heldenepos auf dem felsigen Almweiden noch unrühmlich zerschellt. Dann wäre der Aufschneider Skorzeni everybodis Depp gewesen und nicht everybodys daarling und der ruhmreiche, verehrte Vorzeigenazi geworden. Der Ex- Duce Mussolini wurde via München und Wien ins Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ zu Hitler geflogen und von ihm wieder reaktiviert.“

Im Auftrag des Fieseler Flugzeugbau Kassel, Archiv der Gerhard-Fieseler-Stiftung
CC BY-SA 3.0 DE https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en, via Wikimedia Commons

Fi 156 (Fiesler Storch) während der Befreiung Benito Mussolinis vom Gran Sasso.

Foto: Toni Schneiders: Gran Sasso, Befreiung von Mussolini.- Benito Mussolini im startbereiten Flugzeug Fieseler Fi 156 „Storch“ (Kennung SJ+LL); Fs AOK, Bundesarchiv_Bild_101I-567-1503C-04,Gran_Sasso,_Fieseler_Fi_156»Storch«

Zwar hatte ich in Alpinzeitschriften von Skihochtouren im Mai im Hochgebirge der Abruzzen gelesen. Dort soll man , einmalig in ganz Europa, am Morgen noch Skifahren, und am Mittag in der kühlen Adria plantschen können. Dabei wurde auch die Mussolini Geschichte knapp gestreift. Aber nun bekam ich so vom Mentor G.D. die wahre und die ganze Geschichte erzählt.

Beim nächsten Besuch des Geldeintreibers „B“ kam es zu einem sehr streng vertraulichen Gespräch. Auch dem Eleven wurde strengstes Stillschweigen abverlangt, was der bis heute, nachdem beide Hauptpersonen nicht mehr leben, 45 Jahre lang absolut eingehalten hat. Da diese Episode jedoch auch ein Zeitzeugnis der 1975 Jahre, aber auch der 1940 Jahre ist, genaugenommen vor 80 Jahren, glaube ich, dass es nun erlaubt , wenn nicht sogar eine Verpflichtung ist, darüber zu berichten.

Die erste bohrende Frage von „B“ an G.D. war, wie er auf die Vermutung gekommen sei, dass er dabei gewesen sei. Das hat G.D. so erklärt:

„Von unserem Propagandisten Lehrer wurden wir detailliert unterrichtet. Kern war die Heldenverehrung der beteiligten Soldaten, insbesondere der 17 SS Leibstandarte Elite Soldaten. Von jedem wurden die Vita und die Wehrausweis – Fotos gezeigt und zur verpflichtenden Album- Aufbewahrung übergeben. In den kommenden Wochen wurden immer wieder die Daten und die Heldentaten dieser „schnellen, harten, zähen“ Elitesoldaten abgefragt. Wir kannten Herkunft, Mutter, Vater, Ausbildung, Auszeichnungen genau. Wehe , wenn die Heldendaten aus dem Zettelkasten nicht wie aus der Pistole geschossen kam. Dagegen war die Fussballheldenverehrung der WM – Bern 1954 mit den Fussballgöttern Rahn, Toni Turek, Fritz Walter und Horst Eckel ein Kinderspiel. So wurde auch ihr Vater mit dem glorreichen Sohn auch bildlich mit einbezogen. Und genau dieses Bild des General „B“ mit der frappierenden Ähnlichkeit mit ihnen ist mir wieder mal in die Hände gefallen, zusammen mit der Liste der 17 Gran Sasso Soldaten. Lange hab ich mit mir und der für sie vielleicht unangenehmen Fragestellung an Sie gerungen.“

Finanzkaufmann „B“ hat dann noch ganz persönlich und mit verhohlenem Stolz ziemlich ausführlich diese Mussolini Befreiung aus seiner ganz persönlichen, aktiven Sicht geschildert. Zum ersten mal, sagte er, würde er das an Fremde preisgeben. Nachdem noch mal absolutes Stillschweigen vereinbart wurde, rumorte es noch lange, genaugenommen bis heute, bei dem Eleven. Auch war der Informationshunger des alten Hasen gestillt. Nicht ganz ohne Genugtuung wurde der ehemalige Hitlerjunge so ein naher, intimer Zeitzeuge dieses geschichtsträchtigen Ereignisses.

Nie mehr wurde später darüber gesprochen, was ein merkwürdiges, aber gängiges, übliches Merkmal dieser Nachkriegsjahre war.

Jo, so wars,

Corne Grande / Gand Sasso in den Abruzzen

Liebesbrief im Glas

Glasfritte mit Schlieren

Unglaublich was so ein Jubiläumsjahr so alles ans Licht fördert. Auf einmal sind Bürger hellwach und werden auf unbeachtete, längst vergessene Dinge aufmerksam. Kurz vor dem Glasvortrag kommt ein Anruf von Gisela Ruth: Komm mal vorbei, ich hab einen grossen Glasstein und ein Trinkglas mit einem eingravierten Liebesbrief. Sie zeigt mir einen wunderbaren, grossen, schweren Glasmassestein mit anhaftender, markanter Glasgalle. Das Schwergewicht  hat Sohn Ralph vor 40 Jahren an der Reiner Halde ausgegraben. Der grösste, schönste, marmoriert und bisher entdeckte Glasfritte-Brocken von der Glasi Wolterdingen. Verblüffung wandelt sich in Begeisterung.


Aber das zweite Objekt mit seiner wundersamen Geschichte macht geradezu fassungslos. Und es liefert auch die perfekte Vorlage für ein Vortragsthema, wofür noch ein ausdrucksstarkes Bild oder Objekt fehlt. Nämlich das unvergängliche Glas darzustellen  als Datenträger für die Archivierung der Weltformeln  und es somit zu erklären. Dieses Teilthema des Glaswunders kann man nun durch die Steilvorlage  durch dieses Becherglases lebensnah, poesievoll und anschaulich erklären.

Aber nun von vorne. Glas ist das beständigste, fast korrosionsfreie, unvergänglichste von Menschenhand geschaffene Material. Und das prädestiniert es dazu, diese sogenannten Weltformeln zu archivieren. Bisher wurden die wichtigsten Daten, Fakten, Erkenntnisse und Formeln auf Papier, Stein, Horn, Bein, Ton, Leder und Metall geschrieben. In der Neuzeit auf Digitale Datenträger. Ausgerechnet die sind am Kurzlebigsten, am Vergänglichsten und haben die geringste Halbwertzeit. Weil hochwertiges Glas eine Verfallzeit von mindestens 20 000 Jahren und mehr hat, schreibt man eben diese Weltformeln auf Glas. Und das binär und rein optisch. Also bekommen unsere Nachfahren zu diesem Glasdatenträger eine intelligente Gebrauchsanweisung dazu, eine Erklärung wie man binär und rein optisch liest. Und schon können die Menschen, falls es diese Spezies in 20 000 Jahren noch geben sollte, unsere Gedchichte, unsere Zivilisation so auf Glas erklärt bekommen. Und das auf einem 1 Quadrat Zentimeter grossen, sehr korrosionsarmen Glasscheible. Optisch lesbar und ohne dann ohnehin  schon lang verrottete digitale Hard- und Software zu benutzen. Mindestens 2000 dicke, wissenschaftliche Bücher sollen auf so ein Scheible passen.
Und jetzt kommt unser Liebesbrief von 1907 ins Spiel. Von Claire Krämer auf ein mundgeblasenes Glas, evtl. aus der Glasfabrik Wolterdingen, von Hand graviert. Dieser Brief  wäre noch lesbar in 20 000 Jahren, wenn die dortigen Wesen  noch Deutsche Buchsprache könnten. Und so geht diese Geschichte, eine der vielen Geschichten hinter den vielen Glasgeschichten.  Kaum eine andere ist so poesievoll wie diese:

Eine ältere Dame im Senjohrenheim St. Michael übergibt das Glas der Betreuerin Gisela Ruth zur Verwahrung und zum Andenken an die Wolterdinger Glasfabrik. Das mundgeblasene Becherglas habe eine Frau auf einer Bahnfahrt von Rügen nach Berlin von Hand freihändig graviert. Es sei ein Liebesbrief in oder auf Glas. Bei Gisela ist es jetzt durch diesen Glasvortrag wieder aufgetaucht. Betrachtet man die Inschrift mit der Lupe und bei günstigem Lichteinfall liest man, dass eine Claire Krämer diesen in ein Glas  gravierten Brief 1902  geritzt hat. 1907 muss sie ihn ergänzt haben, wie auf dem Boden des Glases erkennbar ist. Erst dann hat sie diesen Glasbrief ihrem Verehrer vielleicht übergeben. Dass sie eine fast unvergängliche Form dieser Mitteilung gewählt hat, dürfte sie nicht gewusst haben. Sie hat die fast zeitlose, hochmoderne Art der Datenübermittlung und der Datenarchivierung in unbewusst weiser Voraussicht  vorweggenommen. Wenn das mal kein Anlass ist das Hohelied auf das Glaswunder zu singen.

Und so heisst der unvergängliche Text auf dem fast unvergänglichen Glas:

Der Brief auf dem Glas vom 4. August 1907, gesprochen von Maria Simon.

Kriegskindheit

Mit Ritterkreuzen (aus Pappe) dekoriert: die Brüder Fritz und Wolf, dazwischen Klaus

So allmählich verabschieden sich die letzten Teilnehmer am Zweiten Weltkrieg für immer. Da will auch mir nicht mehr aus dem Kopf, dass ich ja ebenfalls die Jahrhundertkatastrophe noch mit abbekommen habe. Allemal, wenn abends die grauenerregenden Bilder aus dem Gazastreifen oder aus der Ukraine über den Bildschirm flimmern, selten ohne verletzte, getötete oder doch heillos verstörte Kinder. Was macht der Krieg aus einem, so hatte ich mich vor Jahren schon beim Durchackern des väterlichen Kriegstagebuchs gefragt; und was hat er aus mir gemacht? Schon der Umstand, dass ich im März 1940, am Ostersonntag, in der badischen Metropole geboren wurde, hat mit dem Fronteinsatz des Vaters zu tun gehabt: mehr freilich noch mit der Verfügbarkeit der Karlsruher Großmutter beim Hüten des Erstgeborenen (meines Bruders Fritz) während Mutter Elses Entbindung. Derweil der Vater, im Rang eines Offiziersanwärters, Dienst am einstweilen noch ruhigen Westwall tat – nicht  gar so weit weg an der elsässischen Grenze. Erst im Juni dann sollte der Krieg für ihn blutiger Ernst werden: Bei der Erstürmung der Maginot-Linie in den Ausläufern der Vogesen sollte er durch einen Granatsplitter das erste Mal verwundet werden.

Daheim in Kandern im Markgräflerland, fehlte es mir im weiteren Kriegsverlauf durchaus nicht an mütterlicher Obhut und Zuwendung, immer häufiger auch nicht an großmütterlichem Einsatz, nachdem dann auch der Karlsruher Opa noch eingezogen worden war. Trotz Krieg scheint es mir in meinen ersten Lebensjahren an kaum etwas gemangelt zu haben. Traumatische Erlebnisse, wie sie so viele Vertreter der Kriegsgeneration bis zum Lebensende zu verfolgen und zu quälen pflegen, wollen in mir bis heute – gottlob! – nicht aufkommen. Was aber nicht heißen soll, dass sich im Langzeitgedächtnis nicht auch düstere Ereignisse abgespeichert finden. Doch so ganz Entsetzliches scheint mir jedenfalls erspart geblieben zu sein. Meine früheste, freilich arg nebelhafte Erinnerung rankt sich um einen Krankenhausbesuch in Lörrach, wobei ich mir nicht sicher bin, ob der Anlass der geplatzte Blinddarm von Bruder Fritz war oder Mutters Entbindung von Bruder Klaus (im März 1943). Um dorthin zu gelangen, musste man mit dem „Chanderli“, einem von Kandern nach Haltingen verkehrenden Schmalspurbähnle, bis nach Binzen (oder war es bis Rümmingen?) fahren, um von dort über die Lucke (dem Sattel zwischen Kander- und Wiesental) nach Lörrach zu gelangen. Geblieben ist mir die Erinnerung an Salzbrezeln im Krankenhaus, aber auch an einen Panzer, der oben auf der Lucke stand. Was der dort suchte, ist mir schleierhaft, denn die Front war ja noch weit weg. Oder sollte ich ihn mir später hinzuphantasiert haben? 

Frühe Fotos aus den elterlichen Alben zeigen mich damals heiter und erstaunlich gut im Futter, so gut, dass ich von Bruder Fritz noch jahrelang gehänselt wurde ob meiner „Hängebacken“. „Aldi Hex vo Binze, kochsch mer guedi Linse“ – dieser Markgräfler-Reim gehörte schon früh in unser Liederrepertoire. Denn Essen hatte bei mir schon immer einen (wolfsmäßig) hohen Stellenwert, auch wenn wir dank Mutters (und/oder Omas) erfindungsreicher Küche nie wirklich hungern mussten. Apropos Wolf: Seit Vaters Tod im Jahr 1995 rätsle ich, wie ich eigentlich zu meinem Namen gekommen bin. Ich meine mich erinnern zu können, dass ich nach einem gefallenen Freund von Vater Fritz (nach welchem nur?) benannt worden sei. Oder könnte da womöglich doch „der Führer“ (der von seinem engsten Kreis Wolf genannt werden durfte) mit herumgespukt haben? Schade, dass ich zu Vaters Lebzeiten da nie nachgehakt habe.

In Kandern wohnten wir in der staubigen (offenbar noch ungeteerten) Feuerbacher Straße gleich neben dem Pfarrhaus. Unsere Mietwohnung gehörte zum Tonwerke-Komplex der Ziegeleifirma Kammüller, und gegenüber den Mitgliedern der Fabrikantenfamilie durften wir Kinder uns nur ja keine Frechheiten erlauben. Dennoch pflegten wir Brüder unterm Bürofenster der Miteigentümerin Liese Kammüller mitunter provozierend „Liese auf der grünen Wiese“ zu singen, wofür wir uns eines Tages reuig und zerknirscht bei ihr zu entschuldigen hatten. Denn Mutter Else durfte es, als kriegsbedingt Alleinerziehende, nur ja nicht verscherzen mit den Vermietern. Spielplatz war denn auch weniger das Fabrikareal mit seinen Hallen voller Backsteinbeigen und dem hohen Schlot als vielmehr der Pfarrhausgarten nebenan, wohlgelitten von dem mit der Familie befreundeten, stimmgewaltigen Stadtpfarrer, dessen Sohn unser bevorzugter Spielkamerad war.

Mit Ritterkreuzen (aus Pappe) dekoriert: die Brüder Fritz und Wolf, dazwischen Klaus


Wann immer Vater Fritz urlaubshalber in schneidiger Uniform von der wankenden Ostfront zuhause auftauchte, waren gemeinsame Wanderungen in die Umgebung zu dieser oder jener Waldhütte angesagt, wir beiden Buben (der dritte war dazu anfangs noch zu klein) zumeist bewaffnet mit Holzgewehren und ab Kriegsjahr 1944 geschmückt mit Ritterkreuzen aus Pappe, nachdem der Vater in den Rückzugsschlachten damit ausgezeichnet worden war; mich begleitete dabei stets auch mein hölzerner Gliederdackel, der mit dem Schwanz wedeln konnte. Spielten wir da „Soldätles“ oder war mir der Forstberuf etwa damals schon irgendwie vorgezeichnet? Gegen Kriegsende galten die Gänge mit dem Vater dann allerdings mehr den Flakstellungen oberhalb Kanderns als dem Wald.

Unterwegs in den Kindergarten gerieten Bruder Fritz und ich eines Morgens in einen heftigen Fliegerangriff – für mich die mit Abstand eindringlichste Kriegserinnerung: Wir hatten eben den Kirchplatz erreicht, als die Sirenen heulten und es auch schon zu jaulen und zu krachen begann. Kirchenfenster gingen neben uns zu Bruch und an der Hauswand gegenüber warf sich ein Mann Deckung suchend auf den Boden, während wir beide unter einer Kastanie Schutz suchten. Ob oder wie sehr wir schlotterten und heulten vor Angst, hat sich mir nicht eingeprägt – den Schrecken muss ich wohl doch irgendwie verdrängt haben. Als das Krachen endlich aufhörte und die Flieger sich wieder aus dem Staub gemacht hatten, kam plötzlich unser Vater gerannt, der sich gerade im Fronturlaub befand. Zu unserer Verwunderung rannte er jedoch weiter, nachdem er sich nur kurz vergewissert hatte, dass uns nichts passiert war. Offenbar wollte er nach den Bombenschäden in der Stadt sehen, um, falls erforderlich, Hilfe leisten zu können. Viel später haben wir ihn mit der Frage gelöchert, weshalb er uns eigentlich nicht zuerst nachhause gebracht hat. Lag es daran, dass er aus Russland weitaus Heftigeres gewohnt war? 

Auch daheim in der Feuerbacher Straße überstanden wir noch manchen Alarm, und nach einem solchen war sogar einmal unmittelbar hinterm Haus eine Mörsergranate eingeschlagen. Das Pfeifen und Krachen von Granaten wie auch das Heulen der Sirenen ist mir seitdem im Ohr geblieben. Die Kinder am Wickel, pflegten sich Mutter und Großmutter jeweils Hals über Kopf die Treppe hinunter in den Keller zu stürzen!

Sehr viel harmloser und durchaus positiv besetzt ist dagegen ein anderer Erinnerungsfetzen: Irgendjemand hatte uns Buben eine Fahrt per Pferdefuhrwerk (im Alemannischen „Bräckle“ genannt) nach Bamlach am Rhein ermöglicht, wo wir die Mutter beim Schanzen (dem Ausheben von Schützengräben) besuchen durften. Auch nach Badenweiler, wo der Vater Ende 1944 im noblen, zu einem Lazarett umfunktionierten Sanatorium „Haus Baden“ seine Ruhrerkrankung auskurierte, ging es bisweilen wieder mit der Mutter, ob zu Fuß oder dank einer Mitfahrgelegenheit, ist mir nicht mehr erinnerlich.

Die letzten Kriegswochen waren wir samt Karlsruher Großmutter im Platzhof evakuiert, einem Bauernhof einige Kilometer ostwärts von Kandern. Dort, im hofnahen Wald, gerieten wir letztmals in einen Fliegerbeschuss – in Erinnerung ist mir vor allem die Oma geblieben, wie sie sich mit uns Buben in den Weggraben warf, weshalb wir unentdeckt und unversehrt blieben. Schlimmer war allemal, dass an der Scheideck, oben auf der Passhöhe der Straße nach Kandern hinüber, mehrere von Schmeißmucken umschwirrte, aufgeblähte und stinkende Kadaver von Armeepferden lagen, die offenbar beim Rückzug der deutschen Truppen dort zu Tode gekommen waren. Fritz und ich mussten sie mehrmals mit Schaudern und zugehaltenen Nasen  passieren, wenn wir im Städtle einen Einkauf zu besorgen hatten. Viel später erst wurde mir bewusst, dass exakt hier oben anno 1848 auch Friedrich Heckers revolutionärer Zug aufgerieben worden war.

Der Einmarsch der Franzosen verlief, zumindest aus der Sicht von uns Kindern, recht undramatisch, obwohl es sich überwiegend um (wegen ihrer Übergriffe auf Frauen übel beleumundete) Marokkaner gehandelt hat, die da plötzlich in Kandern auftauchten, ohne dass es noch zu Kampfhandlungen gekommen war. Auch im Holzschuppen nebenan kampierten welche, was uns Buben natürlich mächtig faszinierte. Sie hatten von uns eine Zeltplane konfisziert, die Fritz und ich anderntags in ihrer Abwesenheit wieder durch die hölzerne Lattentüre heraus angelten – soviel Heldenmut musste sein.

Der Vater hatte sich, wie in seinem Kriegstagebuch nachzulesen ist (und wie er es uns  später anlässlich eines Bodenseebesuchs an einem der Originalverstecke im Wald oberhalb Ludwigshafen sehr plastisch dargestellt hat), nach der Kapitulation am 8. Mai 1945 bewaffnet und in voller Montur nächtelang vom Bodensee-Hinterland auf Schleichwegen bis kurz vor Kandern durchgeschlagen, ehe er sich schließlich doch von einem seiner Vorkriegs-Mitarbeiter dazu bewegen ließ, sich bäuerliche Zivilkleidung auszuleihen. Was sich als rettende Idee herausstellte, denn vor unserer Haustür hatte ein französischer Posten Stellung bezogen, der die Fabrikhallen bewachte. So blieb uns der Vater vorerst unbehelligt erhaltern; erst im Herbst 1945 holten die Franzosen ihn ab zu anderthalb Jahren Kriegsgefangenschaft. War er denunziert worden, wenn ja, weswegen? In den paar Wochen, solange er noch zuhause war, hatten wir mit ihm immer wieder Hamstertouren in die umliegenden Dörfer unternommen, zumeist mit dem Leiterwägele, auf welchem wir bergab alle aufsitzen konnten. Kurz vor Obereggenen bin ich dabei als Wagenlenker einmal mit Karacho einem Radler in die Speichen geraten. Noch unauslöschlicher ist mir jedoch eine abendliche Heimfahrt im Gedächtnis geblieben. Es hatte zuvor in Obereggenen reichlich neuen Süßen gegeben, Krätzer, der offenbar schon am Vergären war. Talabwärts, von der Johannesbreite nach Sitzenkirch hinunter, war ich wieder mal Chauffeur mit der Deichsel zwischen den Beinen, mit Bruder Fritz und dem Vater hintendrauf, dieser mit dem Bremsbengel in der Hand zur Temporegulierung, mit dem „Fuullenzer“ (Faulenzer), wie er ihn nannte. Dreimal hintereinander mussten sie mich aus dem linksseitigen Straßengraben herausziehen, denn anscheinend hatte ich meinen allerersten Schwips abbekommen. Nach der dritten Entgleisung fing ich (verdienter- oder unverdientermaßen?) noch eine väterliche Ohrfeige!

Als weniger unfallträchtig, aber auch als weniger ergiebig erwiesen sich dann die Hamstertouren mit der Mutter, derweil der Vater in Mulsanne in französischer Gefangenschaft schmorte und Hunger litt; mit ihm hatte es bei den Bauern der Umgebung offenbar weitaus besser geklappt mit der Hamsterei. Mit der Mutter hingegen ist mir vor allem eine Tour in Erinnerung geblieben: über Sitzenkirch nach dem Weiler (mit dem für Hamsterer so verheißungsvoll klingenden Namen) Käsacker: Auf dem Hinweg hatten wir noch fidele Marschlieder aus Jugendbewegungszeiten gesungen à la „Hoch auf dem gelben Wa-ha-gen“ oder „Ich armes welsches Teufele“; heimwärts trotteten wir neben einer weinenden Mutter einher, nachdem wir von den Bauern offenbar unfreundlich empfangen worden waren und nichts Nahrhaftes abbekommen hatten. Richtig hungern mussten wir dennoch nicht, denn immer gab es ja noch Kartoffeln, die die Mägen füllten, salzig oder süß, in unzähligen Variationen von Mutter oder Großmutter gekocht, gebraten, gestampft oder gerieben. Viel später, womöglich erst in der Pubertät, beschlich mich der Verdacht, dass die Form meines Brustkastens auf jene Kartoffelzeit und meinen wölfischen Appetit zurückzuführen sein könnte. Zeitlebens verschmähe ich indessen die mit Zucker und Zimt bestreuten Kartoffelpuffer, von denen ich damals gar zu viele vertilgt haben muss. 

Glück gehabt also – kein Wunder, dass mich die im Weltkrieg so glimpflich verlaufene Kindheit nicht mehr zu quälen scheint! Und doch: nach achtzig Friedensjahren schleicht sich das Kriegsgespenst wieder ein. Ob es sich wohl wieder vertreiben lässt? 


*Hockenjos, W.: Was der Krieg aus einem macht. Einsichten aus dem Kriegstagebuch des Vaters. In: Vom Nationalsozialismus  zur besetzungsherrschaft. Fallstudien und Erinnerungen aus Mittel- und Südbaden. Hg. von Heiko Haumann und Uwe Schellinger. verl. regionalkultur, 2018

Weltuntergangsstimmung

Beitrag vom 18. August 2023 und 1900

Beim Aufräumen fiel mir neulich ein wilhelminisches Zeitdokument in die Hände: in Buchform der komplette Jahrgang 1900 einer Gratisbeilage der Nixdorfer Zeitung und des Britzer Tageblattes, das Sonntags-Blatt. Während Britz, ein ehemaliges Rittergut mit Schloss und Gartenareal, noch leicht identifiziert werden kann, obwohl es mittlerweile von der Hauptstadt Berlin aufgesogen und dem Stadtteil Neukölln zugeordnet wurde, sucht man Nixdorf  vergebens; mit Google-Hilfe werden allenfalls Nixdorf-Computer und andere Namensträger aus der IT- und Kfz-Branche ausgespuckt. Ein Erscheinungsort ist nicht mehr ausfindig zu machen. Dennoch wird schon beim ersten Durchblättern klar, was die (offenbar vorwiegend preußische) Leserschaft damals als Wochenendlektüre bevorzugt und aufgetischt bekommen hat: Reich bebilderte Berichte von den Kriegsschauplätzen in Südafrika und China, vom industriellen Aufschwung, von Neuerungen bei der deutschen Kriegsflotte, bisweilen auch Reportagen über aktuelle Brand- wie Eisenbahnkatastrophen, vor allem aber reichlich Adelsgeschichten. 


Natürlich darf auch die allwöchentliche Herz- und Schmerz-Fortsetzungsgeschichte nicht fehlen. Über Monate hinweg ist es der Roman „Maria da Caza“ eines Georg Freiherrn von Ompteda (verbunden jeweils mit dem Hinweis „Nachdruck verboten“). Auch „Das Dampfboot“, die „Erzählung vom Bodensee von Arthur Achleitner“ hält sich recht lange. Und in der zweiten Jahreshälfte ist es dann der Roman „Daniela“ eines Hans Wachenhusen, der die Leserschaft bis zum Jahresende gefesselt hat. Zudem wird jeweils ein buntes Allerlei mit Spielecke, Rätseln und Vexierbildern verabreicht sowie die Sparte Humoristisches mit Kurzgeschichten und Karikaturen.

In den Letzteren taucht erstaunlich oft die Gestalt des Försters auf, in der Regel zusammen mit der des Sonntagsjägers. Das Strickmuster ist dabei zumeist von entwaffnender Schlichtheit und verleitet heutzutage kaum mehr zum Schmunzeln: Beispielhaft etwa auf S. 88 unter der Überschrift Treffend ausgedrückt: Förster (zum Sonntagsjäger): „Donnerwetter…. Sie haben ja den jungen Studenten angeschossen – heute ist doch keine… Fuchsjagd!“  Oder auf S. 362 unter der Überschrift Ein Praktikus:  Sonntagsjäger: „Warum verbieten Sie den alten Weibern nicht, dass sie sich während der Jagd hier herumtreiben?“ Förster: „Fällt mir gar nicht ein, da hätten ja die Herren gar keine Ausrede mehr, wenn sie nichts treffen.“

Unter Humoristisches findet sich auf S. 80 indessen auch ein verblüffendes Dokument, das nahelegt, dass zum Jahrhundertwechsel wohl doch nicht nur Adelsverehrung, technischer Fortschrittsglaube und imperiales Getöse den Ton angegeben haben. Die Karikatur lässt vielmehr vermuten, dass es in der wilhelminischen Gesellschaft auch pessimistische Unterströmungen gegeben hat. Wie anders lässt sich der Dialog der beiden Waffenträger deuten? Könnte es sein, dass der Aufbruch ins 20. Jahrhundert angesichts der martialischen Aufrüstung der Flotte wie der militärischen Strafaktionen in Südafrika und China doch auch von Skepsis, ja von apokalyptischen Ängsten begleitet wurde – womöglich sogar in düsterer Vorahnung der beiden Jahrhundertkatastrophen, den späteren Folgen deutscher Großmannssucht? Hatten deshalb auch bereits Weltuntergangsszenarien Konjunktur? „Haben Sie gelesen, Herr Oberförster, die Welt soll untergehen?“ so fragt der bebrillte Mitjäger. „Mir egal … ich lüg mich schon durch!“, meint dazu sein bärtiger Gegenüber in der Karikatur, wie es ausschaut sehr gelassen, kaum dass er dazu die Pfeife aus dem Mund nehmen muss. Auf was sonst, als auf eine verbreitete, zumindest unterschwellige Stimmung im Volk spielt das Sonntags-Blatt hier an? Oder war es schlicht der Jahrhundertwechsel, der immer auch die Kassandras und Weltuntergangspropheten aus der Deckung hervorzulocken pflegt, nicht anders als es uns Heutigen aus Anlass des Jahrtausendwechsels  in Erinnerung geblieben ist – auch wenn es dann vor allem die Computer-Nerds waren, die den ganz großen Crash befürchtet haben. 


Nixdorf ist mittlerweile überall, und auch „wir lügen uns schon durch!“, wie der Oberförster meinte in der Karikatur. Ob der damit womöglich auch die gegenwärtig herrschende Grundstimmung noch zielgenau treffen würde?

Großer Pazifischer Müllteppich

Great Pacific Garbage Patch

Da ich immer wieder über kuriose wissenschaftliche Untersuchungen stolpere, wollte ich hier einen kleinen Blogbeitrag über „Fun Facts“ eröffnen. Dies hat nichts mit Hüfingen zu tun, sondern soll eine kleine Sammlung von unnötigem, aber interessantem Wissen sein.

Den Beginn mache ich mit dem Müllteppich im Meer, dem

Great Pacific Garbage Patch

Der „Müllteppich“ ist eine Bezeichnung für die Ansammlung von Meeresmüll wie unten im Nordpazifik.

Great Pacific Garbage Patch

 Großer Pazifischer Müllteppich.
Foto:  National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA)

Der Name „Pazifischer Müllteppich“ läßt vermuten, dass es sich bei diesem Gebiet um einen großen, zusammenhängenden Teppich aus Meeresmüll wie Flaschen und anderen Abfällen handelt – sozusagen eine Müllinsel, die auf Satelliten- oder Luftaufnahmen zu erkennen sein müsste. Dies ist jedoch nicht der Fall. Zwar finden sich in diesem Gebiet höhere Konzentrationen von Abfällen, doch besteht ein Großteil des Mülls aus kleinen, schwimmenden Plastikteilen, die mit bloßem Auge nicht sofort erkennbar sind.

Diese Müllteppiche galten lange Zeit als unbewohnt, da das Plastik und die treibenden Fischereigeräte zu schädlich für das Meeresleben waren. Doch Forscher haben in dieser Müllansammlung ein ganzes Ökosystem entdeckt. Es befindet sich in der Mitte des Teppichs und die Meeresbiologin Fiona Chong hat es erforscht.

Zu den häufigsten Bewohnern gehören: Porpita – auch „blauer Knopf“ genannt. Es ist ein kleines scheibenförmiges Tier mit Tentakeln und es ist eng mit Quallen verwandt.

Porpita
Foto: Bruce Moravchik (NOAA), Public domain, via Wikimedia Commons

Dann gibt es noch Segelquallen – auch „Windsegler“ genannt und Veilchenschnecken, diese Schnecken fangen Luftblasen ein, um sich über Wasser zu halten.

Segelqualle
Foto: Public domain, via Wikimedia Commons

Veilchenschnecke
Foto: Rebecca R. Helm. Image by Denis Riek., CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Diese und andere Organismen, die frei auf dem Wasser schwimmen, werden als Neuston, bezeichnet. Dies kommt vom Griechischen η πλωτή – das Schwimmende.

Neuston bildet untereinander ein Ökosystem und ein Nahrungsnetz. So fressen Veilchenschnecken Segelquallen und Porpita. Ein weiterer Räuber ist die Blaue Ozeanschnecke, auch Blauer Drachen oder Seeschwalbe genannt.

Blauer Drachen
Foto: Glaucus_atlanticus_1.jpg: Taro Taylor from Sydney, Australiaderivative work: dapete, CC BY 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by/2.0, via Wikimedia Commonsmmons

Chong merkt an, dass Porpita manchmal Partnerschaften mit kleinen Jungfischen eingehen, die dann gestresst sind, wenn sie von ihrem Porpita getrennt werden. Sie erkennen also ihren „eigenen“ Porpita. Außerdem sind Tiere wie der Sonnenbarsch, Seevögel und Meeresschildkröten dafür bekannt, dass sie Neuston fressen.

Trotz des Ökosystems sollte man nicht vergessen, dass der Müll im Meer vor allem tötet. Er tötet Schildkröten, Fische, Vögel und am Ende auch den Menschen.

Quelle: NPR, Shortwave vom 14.07.2025: Do you clean up ocean trash if it’s part of a vibrant ecosystem?

Die heilige Verena

Verena von Kaltenbacher in der Hüfinger Stadtkirche

aktualisierter Beitrag, 1. Version war am 7. Dezember 2023

In Bachzimmern, steht ein ehemaliges Fürstlich-Fürstenbergischen Jagdschloss und daneben eine der heiligen Verena geweihte Kapelle. In der Kapelle ist ein Bild einer sehr blonden Verena die aus Ägypten stamme.

Ehemaliges Fürstlich-Fürstenbergischen Jagdschloss in Bachzimmern.

Verenakapelle in Bachzimmern

Die heilige Verena von Bachzimmern mit Krug und Doppelkamm, ganz links Petrus, rechts das Fürstenbergische Grafenwappen. Foto: Dr. Hans Keusen in den Schriften der Baar Bd. 53/2010*1

Heute will ich mal eine Geschichte erzählen, die mich schon lange fasziniert hat. Es ist die Geschichte der heiligen Verena.

Theben

Die heilige Verena wurde um 260 n. Chr. in Theben geboren.

Die Geschichte Thebens ist reich an Legenden, welche sich um Herakles, Dionysos und Laios ranken. Die Stadt ist Geburtsstadt des Herakles, des Ödipus, der Sieben gegen Theben und Antigones. Eine weitere thebanische Sage ist die der Niobe (Ehefrau des Königs Amphion), welche als eingeheiratete Herrscherin und Mutter von 14 Kindern mit ihrem Hochmut den Zorn der Leto auf sich zog.*2

Verena

altägyptisch mit der Bedeutung „Frucht oder Same der Stadt Theben“
Ⲉⲃⲣⲁⲛⲉ Ebrane; koptisch
Ϥⲣⲉⲛⲉ Frene; koptisch
Βερενίκη Berenike; altgriechisch*7

An der Stelle Thebens war zu Ende des 19. Jahrhunderts nur noch ein ausgedehntes Ruinenfeld zu beiden Seiten des Nils vorhanden. Heute befindet sich in einem Teil von Theben-Ost eines der touristischen Zentren Ägyptens, die Stadt Luxor. Seit 1979 ist Theben in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes eingetragen.
Foto: Chrissie talk – Christian Rosenbaum Author on German Wikipedia: Chrissie talk, CC BY-SA 3.0 http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/, via Wikimedia Commons

Jedenfalls ließen sich bei Theben der Sage nach möglicherweise phönizische Einwanderer nieder, welchen dann griechische aus Kleinasien folgten, wie die Sage von Amphion erzählt, der durch seine Leier die Steine herbeilockte. Amphion und Zethos erweiterten die Mauern und fügten sieben Tore hinzu, die das geflügelte Wort vom „siebentorigen Theben“ auslösten – im Gegensatz zum „hunderttorigen Theben“ in Ägypten, das Homer in der Ilias erwähnt.

Zu dem Geschlecht der Kadmeionen gehörte auch der Sohn des Laios, Ödipus. In die Zeit des Ödipus fällt auch die Sage der Sphinx, die vor Theben hauste und jeden Fremden tötete, der ihre Rätsel nicht lösen konnte. Dies wurde von Ödipus durch das Lösen des Rätsels der Sphinx beendet.

Im Ersten Mithridatischen Krieg (89–85 v. Chr.) ging Theben endgültig an die Römer. In der Folge verfiel Theben zu einem bedeutungslosen Dorf, behielt aber trotz sinkender Einwohnerzahl das Stadtrecht.*2

Das Römische Reich zu Lebzeiten Verenas

Der bedeutende Sassanidenkönig Schapur I. fiel mehrmals plündernd in Syrien ein und konnte dabei mehrere römische Heere besiegen. Im Jahre 260, dem Geburtsjahr von Verena, wurde Kaiser Valerian gefangen und ermordet.

Während Rom im Osten bemüht war, die Provinzen Syriens und Kleinasiens zu sichern, erodierte auch im Westen die kaiserliche Autorität. Dabei kam es immer wieder zu Bürgerkriegen zwischen den Usurpatoren und sogar zur Abspaltung einzelner Provinzen, die aber unter Kaiser Aurelian wieder rückgängig gemacht werden konnten. Palmyra musste im Jahr 272 gewaltsam unterworfen werden. Die Krise führte zu zahlreichen Veränderungen, betraf allerdings nicht alle Gebiete des Reiches im selben Ausmaß. Und es sollte schließlich noch einmal gelingen, den drohenden Verfall des Reiches abzuwenden.

Mit Diokletian vollzog sich im Jahr 284 der Übergang in die Spätantike. Diese Zeit wird heute als eine Zeit des Umbruchs und der Transformation der antiken Mittelmeerwelt beschrieben.*4

Diokletian reformierte die Verwaltung und führte Diözesen und Präfekturen ein. Die religiöse Festigung kaiserlicher Herrschaft (so nahm Diokletian nach dem Gott Jupiter den Beinamen „Iovius“ an) sollte eine neuerliche Ausrichtung der Reichsbewohner auf Staat und Kaiser bewirken. Besonders die Christen empfand Diokletian daher als illoyal dem Reich gegenüber. Die letzten (und heftigsten) Christenverfolgungen im Römischen Reich fanden in seiner Regierungszeit statt.*3

Diokletian

Diokletian (eigentlich Diocles, altgriechisch Διοκλῆς; vollständiger Name Gaius Aurelius Valerius Diocletianus) wurde zwischen 236 und 245 in Dalmatia geboren; gestorben um 312 in Spalatum) war von 284 bis 305 römischer Kaiser.

Mit seiner Thronbesteigung begann die Diokletianische Ära oder auch Ära der Märtyrer (aera martyrum) genannt. 4

Verena kommt nach Europa

Verena wurde also in Theben am oberen Nil in Ägypten als Kind angesehener Eltern etwa im Jahr 260 geboren. Der Überlieferung zufolge übergaben die Eltern sie einem Bischof zur Taufe und Unterweisung im christlichen Glauben.

Nach dem Tode des Bischofs ging Verena mit anderen Christen und ihrem Vetter nach Unterägypten wo Kaiser Diokletian Soldaten aushob, um die thebäische Legion zu gründen.

Verena reiste im Tross der Legion nach Mailand. In Mailand habe sie einige Jahre beim heiligen Maximus gelernt und gearbeitet. Hier lernte sie wohl die Heilkunst und half bei der Bestattung der toten Christen. Als sie in Mailand von der Enthauptung des Mauritius und der Tötung der Legionären hörte, sei sie nach Saint-Maurice (Agaunum) gereist und bestattete die Märtyrer der thebäischen Legion.

Die Thebaische Schaar, Lithografie, zwischen 1830 und 1850. Zentralbibliothek Solothurn, Public domain, via Wikimedia Commons

El Greco: Das Martyrium des Heiligen Mauritius. El Greco, Public domain, via Wikimedia Commons

Die Legende von Ursus und Victor. Kupferstich, 18. Jahrhundert. Herkunft: Kanton Solothurn. Historisches Museum Blumenstein, Solothurn. See page for author, Public domain, via Wikimedia Common

Thebäische Legion

Alle 6.660 Mitglieder der Legion waren Christen. Ein Soldat der thebäischen Legion, Victor, soll Verenas Verlobter gewesen sein. Die Legion wurde von Mauritius geführt, der auch im Besitz der Heiligen Lanze gewesen sein soll. Mauritius war ein Vetter von Verena und wird in den Abbildungen oft als Afrikaner dargestellt – im Gegensatz zur ewig blonden Verena.

Der heilige Mauritius und seine Begleiter der Thebäischen Legion. Von etwa 1520
Bonnefanten Museum, Public domain, via Wikimedia Commons

St. Mauritius, Madachhof: Kapelle St. Mauritius
ANKAWÜ, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

In der Krypta des Verenamünsters. Der heilige Mauritius oder Victor von der Thebäischen Legion.

Der Kaiser schickte die Legion in den Krieg gegen die Bagauden nach Gallien. Nachdem Maximian sein Lager in Octodurum (heute: Martigny) aufgeschlagen hatte, forderte er seine Untergebenen vor Kampfbeginn zu einem Opfer für die römischen Götter auf. Mauritius und seine Legion weigerten sich und gingen nach Agaunum (heute: St. Maurice d’Agaune), wo sie lagerten. Nach einer Aufforderung zur Rückkehr und Opferung wurde die Legion zur Strafe zweimal „dezimiert“. Der Grund der „Dezimierung“ war die Weigerung gegen christliche Glaubensbrüder zu kämpfen. So ließ Maximian schließlich den Befehl zur Ermordung der gesamten Legion geben.
66 Legionäre entkamen nach Solothurn und wurden dort erst umgebracht. Zwei dieserLegionäre waren Victor und Ursus. *5

Der Heilige Victor.
Altarflügel. Öl auf Holz mit Goldgrund, 15. Jahrhundert.
Wikimedia

Solothurn

Nachdem Verena ihren Vetter Mauritius und die ermordeten Legionäre in Agaunum bestattet hatte, reiste sie Victor nach Salodurum (heute Solothurn) nach und ließ sich wieder bei einem Eremiten nieder. Hier soll sie mit Fasten, Gebet und Psalmengesang ihre Tage verbracht haben.

Sie wohnte in einer Höhle in der nach ihr benannten Verenaschlucht und soll sich durch den Verkauf ihrer Handarbeiten ernährt haben.

Oft suchte Verena die Aussätzigen vor den Toren der Stadt Solothurn auf, um sie zu waschen. Aufgrund ihrer heilenden Kräfte wurde Verena vom Volk als Heilige betrachtet; Kranke suchten sie in ihrer Einsiedelei auf, um durch ihre Wundertaten zu genesen. Bald schon gesellten sich andere junge Frauen zu ihr und bildeten mit ihr eine Gemeinschaft.

Schließlich wurde sie vom christenfeindlichen Stadtkommandanten Hirtacus gefangen gesetzt. Im Gefängnis erschien ihr Mauritius, im himmlischen Licht strahlend, und stärkte ihren Glauben. Als der römische Statthalter von einem Fieber befallen worden sei, ließ er Verena rufen, damit sie ihn heilen könne. Anschließend wurde sie freigelassen und wurde aus der Stadt verwiesen. *7

Aquatinta von Bruno Moll zwischen 1860 und 1880. Verenaschlucht, Solothurn (Schweiz): Blick von Süden auf die Einsiedelei Sankt Verena. Im Hintergrund der Weissenstein.
Zentralbibliothek Solothurn, Public domain, via Wikimedia Commons

Verena soll dann auf einem flachen Stein den Fluss Aare hinunter gefahren sein. In Koblenz, damals eine kleine römische Siedlung, machte sie einen langen Zwischenhalt auf einer Insel im Rhein, befreite diese von Schlangen und widmete sich erneut der Krankenpflege.

Insel an der Mündung der Aare (rechts) in den Rhein (links)
Foto: Joachim Schäfer – Ökumenisches Heiligenlexikon.

Verena in Zurzach

Verena folgte wohl eher der alten Römerstraße von Vindonissa (Windisch) nach Tenedone (Zurzach), auf der Peutingerkarte oben von links nach rechts.

Tabula Peutingeriana.
Vindonissa, Tenedone, Julio mago und Brigobanne auf 2A5 der Karte die rote Linie ist die Römerstraße.
Die ganze Peutingerkarte gibts es hier: https://tp-online.ku.de

Der dicke grüne Fleck ist der Bodensee und darüber sieht man Vindonissa (Windisch), Tenedone (Zurzach) und Julio mago (Schleitheim), dann Brigobanne.

Verena kam dann ins nahe römische Kastell Tenedone wo sie Hausgehilfin des Priesters wurde. Mit Krug und Kamm ging sie jeden Tag vor die Stadtmauer und wusch damit die Aussätzigen.

Wunder der Verena

Als sie beschuldigt wurde, Wein und Brot unrechtmäßig zu den Armen zu tragen, verwandelte sich der Wein in Wasser.

Das Mehlwunder: „Als Brot fehlte und Verena zu Gott um Hilfe betete, wurden auf einmal 40 Säcke Mehl am Eingang der Zelle vorgefunden. Nachdem Verena und die Jungfrauen von dem Mehl gegessen hatten, wuchs ihnen immer wieder neues Mehl aus den Zähnen.“

Nachdem sich das Mehlwunder ereignete soll der hl. Verena der Teufel erschienen sein. Da er sich über Verena ärgerte, wollte er einen schweren Stein nach ihr werfen. Der Stein sei aber dem Teufel auf den Fuß gefallen, so dass er seit dieser Zeit hinke.

Der Ring des Priesters, den dieser zur Fastenzeit nicht tragen wollte, wurde ihr zur Aufbewahrung gegeben; ein Diener stahl ihn, fürchtete entdeckt zu werden und warf ihn in den Rhein; ein Fischer brachte einen großen Fisch zum Geschenk, Verena zerlegte ihn und fand den Ring.

Der Priester ließ ihr nun eine Zelle in Zurzach bauen, wo sie bis zu ihrem Tod mit dem heilenden Wasser einer Quelle Kranken das Haupt wusch, sie kämmte, heilte und salbte. In ihrer Todesstunde erschien Verena Maria mit vielen heiligen Frauen, die sie in den Himmel leiteten.

Verena mit Kamm und Krug auf der Rheinbrücke Zurzach–Rheinheim von Ernst Suter 1978

Ein Vasall des Herzogs von Burkhard soll Kirchengüter des Verenastifts geschenkt erhalten haben. Da dies Unrecht gewesen sei, soll der Herzog eine Prozession gesehen haben, die aus den Fenstern des Verenamünster schwebte. Anschließend erstattete der Herzog die Güter an das Stift zurück.

Als ein Bauer am Verenatag (1. September), anstatt zur Messe in den Wald ging, um Bäume zu fällen, seien seine Hände beim ersten Schlag erstarrt. Am Grab bereute dieser und damit gesundete er wieder.

1795 brach in Koblenz Feuer aus, viele Häuser und die Kapelle verbrannten. Nur die Statue der hl. Verena mit ihren Kränzchen und Votivkerzen blieb unversehrt. Bis heute kommen weitere Geschichten und Wunder hinzu, die Gläubigen zählen die (allerdings erst in neuer Zeit) entdeckte Thermalquelle dazu, die für kranke Menschen Heilerfolge bringt.

Die heilige Verena

Im 5. Jahrhundert wurde über Verenas Grab, das in einem Gräberfeld bei einem alten römischen Kastell an der Römerstraße lag eine Kirche gebaut. Um 745 eröffnet dort ein Benediktinerkloster, das im 13. Jahrhundert zum Chorherrenstift umgewandelt und 1876 aufgehoben wurde. An der Stelle steht heute das nach ihr benannte Münster in Bad Zurzach. Die Grabplatte ihres Sarkophags wurde 1613 gefertigt.

Verenamünster

Krypta

Grabplatte von 1613 der hl. Verena in der Krypta des Verenamünsters
Paul Bissegger, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Common

ST. VERENA MÜNSTER Rom.- kath. Pfarrkirche Kirche des 1876 aufgehobenen Chorherrenstiftes am Grabe der hl. Verena ( Krypta). Die älteste Kirche an dieser Stelle ist in einem Friedhof (1.-4. Jh. n. Chr.) neben der röm. Strasse errichtet worden. Bestehendes Langhaus 11. Jh., Chorturm 1347 geweiht. Barockisierung 1733 durch Giov. Gaspare Bagnato. 1962 Aussen-, 1975/76 Innenrestaurierung.

Verenamünster in Tenedone (Bad Zurzach)

Die heilige Verena in der Krypta

.
Verena im Verenamünster in Tenedone (Bad Zurzach)

Eine erste Lebensgeschichte von Verena wurde 888 im Kloster Reichenau durch Benediktinerabt Hatto, den späteren Erzbischof von Mainz, verfasst; eine weitere Vita mit Ergänzungen über ihr Wirken in Koblenz und Zurzach entstand im Kloster in Zurzach wohl im 10. Jahrhundert. Eine Sammlung ihrer Wunder folgte um 1000. *7

Brugkapelle der Heiligen Verena

Das römische Kastell in Tenedone wo die Verenakapelle steht.

Taufbecken neben der Verenakapelle unbekannten Datums.

„Burgkapelle“ St. Verena und Mauritius. Nach Schilderung im Mirakelbuch der hl. Verena (Anf. 11.Jh.) zum Gedächtnis an die Auffindung des „Verenakrügleins“ errichtet. 1203 erste urkundliche Erwähnung.
Westteil (Schiff)-romanisch, Ende 1. Jahrtausend Saat mit eingezogener Apsis (1949 ergraben).
Erweiterungen 1425 (Altarhaus): 1488 (Dach-Aufhöhung über dem Schiff): 1571 Vorzeichen mit Aussenkanzel (1949 abgebrochen)
Altar gestiftet von Seb. Borner (Stiftsdekan 1704).
Bilderzyklus über das Leben der heiligen Verena. 1610 – 1617 geschaffen vom Zurzacher Maler Joh. Melchior Waldkirch.
Renovationen 1772 1851 1949 1994/1995




Die heilige Verena in St. Verena und St. Gallus in Hüfingen.

Unter Pfarrer Rudolf Rauber haben 1909 die Gebrüder Marmon, Bildhauer-Atelier in Sigmaringen, den jetzigen Altaraufbau mit Tabernakel und Verena-und Gallusfigur angefertigt. 1960 wurden die Figuren der hl. Verena und Gallus in der Schächerkapelle untergebracht, 1993 jedoch im Auftrag von Herrn Dekan Andreas Huber wieder zurückgeholt und neben dem Altar aufgestellt, wo früher die Beichtstühle waren.

Nach der Kirchenrechnung des Jahres 1743 erhielt der Villinger Bildhauer Johann Ignatz Schupp für das Bildnis der hl. Verena am 15. Januar 1743 insgesamt 9 fl. *9 In der Kirche ist sie nicht zu sehen. Sie wird nur bei besonderen Anlässen verwendet und wird in der Sakristei aufbewahrt. Sie wurde früher bei den Prozessionen mitgetragen.
Siehe auch Lorettokapelle.*8





Deckengemälde aus 1909 von Ferdinand Kaltenbacher.


Fahnenbilder von Luzian Reich senior mit Verena und Gallus. *9

1Die Verenakapelle in Bachzimmern – unter besonderer Berücksichtigung ihrer Wandmalereien. Werner Fischer, Peter Kempter, Renate Keusen, Antonia Reichmann. Schriften der Baar, Bd. 53/2010 S. 59–80
2 Wikipedia: Theben
3 Wikipedia: Römisches Reich
4 Wikipedia: Thebäische Legion
5 Wikipedia: Diokletian
6 Wikipedia: Einsiedelei Stankt Verena
7 Heiligenlexikon.de
8 Geschichts- und Heimatverein Villingen
9 Chronik der Stadt Hüfingen von August Vetter 1984

Magie lebender Museen

Beitrag vom 15. April 2021

De Zauber vu lebige Musee`e

Der Ort isch tot für immer. Aber die doale saget nei ! Mir bruuchet lebige Musee`e, wo Liit mit ihrene Wurzle bekannt gmacht wered oder andere die Wurzle kennelehre könnet.

Mir bruuchet die ursprünglich, die oache Natur.


D Gschicht sott uns glehrt haa, en so wesentliche Teil vu unsere Kultur wie e derartigs Dorf i iiseri Obhuet z nehme. De Puls muess schlaa. Denno kennet mir iis gegesiitig mit Kreativität und Phantasie beflügle. D` Bäckerei dezue bringe, dass sie wieder duftet, de Lade und s` Wirtshuus, dass die Türeglocke und d` Gläser wieder klinglet.

Die Obere hond aagfange Verantwortung defüer allmählich zuezgäe.


Du triffscht villi guete Geischter im Ort. E paar sind besunders uff die Obere uus und uff sonige, die nit sehnet, dass iiseri Kultur en Schatz isch, wo bewahrt were muess. Nit nuu fer iis und dieselle, die noch iis kummet. Nei, au dass s` Urteil vu de Gschicht über iis e klei weng milder uusfallt.

Die Gspenschter zwicket dich wenn du an ere vermauchete Wand vorbeigohsch.


Die Gespenschter ruefet jungi Liit, die meh erlebe wend wie stickige Stubbe, locket Reisende mit Erlebniss, wo sie i me Kurhuus oder uff e me Traumschiff nit überkummet. Die Gespenschter versuchet, die aazrege, die Gschichte und Määrli wohrnehmet, dass sie und mir alli, vu dene ihrem Riichtum ebbis abzwacke kinnet.

Die Gspenschter zwicket dich wenn du an ere vermauchete Wand vorbeigohsch.


Do isch e Perle, die noch johrhunderte langem Waarte zu dere Perle wore ischt. Sie word en uuwürdige Tod sterbe, wenn ihr sie mit falsche Glunker und Nippes uusstaffieret.

Die Gspenschter zwicket dich wenn du an ere vermauchete Wand vorbeigohsch.


Frei in Baaremer Mundart nach Herbjörg Wasmo,
Norwegische Schriftstellerin, Bestseller „Dina“ u. „Der lange Weg“
von Hubert Mauz / Donaueschingen Nov. 2018

Artefakt sind Botschafterinne us e re Ziit, die nie meh zruckkumme word, wenn mir uuachtsam und nochlässig ihre Zeitreis „ abbreche „ wered.

Die Magie lebender Museen

Dieser Ort ist tot für immer. Aber einige sagen nein ! Wir brauchen lebende Museen, wo Menschen mit ihren Wurzeln bekannt gemacht werden oder die Wurzeln anderer kennenlernen können.

Wir brauchen die ursprüngliche Natur.


Die Geschichte sollte uns gelehrt haben, einen so wesentlichen Teil unserer Kultur wie ein solches Dorf in unsere Obhut zu nehmen. Der Puls muss schlagen. Dann kann man sich gegenseitig mit Kreativität und Phantasie beflügeln. Die Bäckerei dazu bringen, dass sie wieder duftet, den Laden und das Wirtshaus, dass die Türglocke und die Gläser wieder klingeln.


Die Politiker haben angefangen die Verantwortung dafür zuzugeben


Du triffst viele guten Geister im Dorf. Einige sind besonders auf Politik aus und auf solche, die nicht sehen, dass unsere Kultur ein Schatz ist, den wir bewahren müssen. Nicht nur für uns und die, die nach uns kommen, sondern auch, um das Urteil der Geschichte über uns etwas zu mildern.

Die Gespenster zwicken dich wenn du an einer morschen Wand vorbeigehst.


Die Gespenster rufen junge Menschen, die etwas mehr erleben wollen als stickige Klassenzimmer, locken Reisende mit Erlebnissen, die sie in einem Hotel oder Traumschiff nicht bekommen. Die Gespenster versuchen, die zu gewinnen, die Geschichten und Mythen wahrnehmen, um von ihrem Reichtum zu profitieren.

Die Gespenster zwicken dich wenn du an einer morschen Wand vorbeigehst.


Da ist eine Perle, die in jahrhunderte langem Warten zu dieser Perle geworden ist. Sie wird einen unwürdigen Tod sterben, wenn ihr sie mit falschem Beiwerk und Tand schmückt.

Die Gespenster zwicken dich wenn du an einer morschen Wand vorbeigehst.


Herbjörg Wasmo, Norwegische Schriftstellerin
Weltbestseller „Dina“ und „Der lange Weg“

Artefakte sind Botschafterinnen aus einer Zeit, die nie zurückkehren wird, falls wir unachtsam ihre Zeitreise „abbrechen“ werden.

Der Gott im Baum

21. Mai 2023

Der Balzer Herrgott – auch Winkelherrgott genannt – ist eine in eine Weidbuche eingewachsene steinerne Christusfigur im mittleren Schwarzwald zwischen Wildgutach und Neukirch-Fallengrund (Baden-Württemberg). Er ist Ziel vieler Wanderer und Spaziergänger und gilt einigen als Wallfahrtsort. Entstehung und Herkunft sind bis heute nicht vollständig geklärt. (Wikipedia)

Über etliche Jahre hinweg hatte ich ihn nicht mehr besucht. Doch dann rief mich eine Journalistin des SWR an, ob ich nicht für Dreharbeiten zur Verfügung stünde, wo ich doch verschiedentlich schon über den Balzer Herrgott geschrieben hätte. An Allerheiligen wolle der Sender einen Bericht über ihn bringen. Mit meiner Zusage habe ich kurz gezögert, schließlich überwog jedoch die Neugier, wie sich die Buche mit dem eingewachsenen sandsteinernen Corpus mittlerweile präsentieren würde. Seit mit baumchirurgischen Maßnahmen versucht worden war, den natürlichen Prozess der Überwallung aufzuhalten, um das beliebte Wanderziel nicht vollends einwachsen zu lassen, war ich zu ihm auf Distanz gegangen.

Balzer Herrgott um 1980…
…und um 2005

Früher hatte auch ich ihn, zwar nicht als Wallfahrer, immer wieder einmal aufgesucht. Erstmals war es in den frühen 1950er Jahren, als der Vater, seinerzeit Forstamtschef in St. Märgen, mit seinen Söhnen durch das Steinbach- und das Wildgutachtal hinüber wanderte, um das Naturwunder zu bestaunen. Dessen Vorgeschichte hatte er da bereits nachgespürt, wobei er auf die unterschiedlichsten Erzählungen der Einheimischen, der „Wälder“, gestoßen war. Was daran war „dichtende Volksüberlieferung“, was würde historisch belegbar sein? Vom Hofkreuz war da die Rede, das einst am Gütlein des Winkel-Balzers (Balthasars) gestanden habe, welches ausgangs des 19. Jahrhunderts vom Staat aufgekauft, abgerissen und aufgeforstet worden sei. Oder stand das Kreuz zuvor am Königenhof drüben im Wagnerstal, der in jener schaurigen Februarnacht des Jahres 1844 unter die „Schneeschalte“ geraten war, ein Lawinenunglück, das 17 Todesopfer gefordert hatte? Doch wie sollte es dorthin gelangt sein, in dieses abgelegene, jetzt gottverlassene Loch? Etwa durch französisches Militär in den Erbfolgekriegen oder durch Hugenotten, wie gerätselt wurde? Und wer sollte aus welchem Grund das schwere Kreuz mit dem spätgotischen Corpus ins Hexenloch hinab und dann das Brenners- oder das Mörderloch hinauf zum Winkel geschleppt haben? Egal, irgendwann müsse das Kruzifix umgestoßen, der Gekreuzigte dabei stark beschädigt worden sein, ehe Hirtenbuben es reumütig wieder aufgerichtet und an den Stamm einer Weidbuche gelehnt hätten. Die begann jedenfalls alsbald, wie es für die Wundreaktion von Buchen typisch ist, den scheuernden Torso zu überwallen und zu umschließen. In den 1930er Jahren habe der Furtwanger Forstkollege die gusseisernen Arme des Kreuzes, die noch aus dem Stamm herausragten, abgesägt. Was mochte ihn dazu veranlasst haben?

Balzer Herrgott um 1930
um 1960
1959
1978

Derlei Geschichten hatten es dem Vater angetan; er sammelte und veröffentlichte sie 1960 in seinem Büchlein Wäldergeschichten2, das zunächst im Selbstverlag des Schwarzwaldvereins, sodann in zahlreichen weiteren Auflagen erschienen ist. Sein beigefügtes Schwarzweißfoto zeigt noch Teile des Torsos bis zu den abgeschlagenen Beinen. Schon im Jahr 1955 hatte ihn der Vorgang der Umschließung des Gekreuzigten in protestantischer Ergriffenheit zu einem dreistrophigen Gedicht angeregt: Wo sich Darstellungen des Heilands am lebenden Stamm eines Baumes an Stelle des hölzernen Kreuzes doch in der Sakralkunst immer wieder finden lassen, von Augustinus bis in die Barockzeit, ja, Christus selbst bisweilen zum „Baum des Lebens“ erklärt wurde.

Der Gott im Baum

Wir Menschen haben unsern Stolz
und wollen diesen Herrgott nicht.
Wir schlagen ihn ins Angesicht
und hängen ihn ans Marterholz.

Dort hängt er gut und stört uns kaum
bei den Geschäften dieser Welt.
Er ist im Winkel abgestellt
bei Fuchs und Has und Busch und Baum.

Doch sieh: Der Baum umfangen hält
das vielverachtet Bild aus Stein
und nimmt ihn ganz in sich hinein,
den Schmerzensmann und Herrn der Welt.
FH (1955)

Die dritte Strophe fand sich alsbald auf einem Holztäfelchen wieder, das jemand am Stammfuß der Buche angebracht hatte.

Bäume hatten es dann auch mir angetan, weshalb ich beruflich in die Fußstapfen des Vaters trat. Als junger Forstassessor hatte ich von meinem obersten Dienstherrn, dem Stuttgarter Forstminister, den reichlich privilegierten Auftrag erhalten, die bemerkenswertesten Baumgestalten des Landes aufzusuchen und zu dokumentieren; dies auf den Spuren der Baumbücher der vorigen Jahrhundertwende (Ludwig Klein: Bemerkenswerte Bäume im Großherzogtum Baden, 1908 und Otto Feucht: Schwäbisches Baumbuch, 1911). Im Jahr 1978 erschien die Auftragsarbeit als Bildtextband Begegnung mit Bäumen3, in welchem die Buche mit dem eingeschlossenen Herrgott natürlich nicht fehlen durfte – wie auch nicht das väterliche Gedicht dazu. „Die Buche wächst weiter“, so schloss ich meinen Begleittext, „schon überwallt sie den Brustkorb des Gekreuzigten; Druck und Spannungskräfte des Holzes, Frost und Wetter vervollständigen das Zerstörungswerk.“

Die 1980er Jahre standen ganz im Zeichen des sauren Regens, des von Schwefeldioxid- Immissionen ausgelösten „Waldsterbens“. Um den Gemütszustand auch der Forstleute stand es nicht zum Besten in jenem Jahrzehnt, und so schien mir der Balzer Herrgott mit einem Mal als bildhaftes Gleichnis zu taugen für die gefährdete Waldwelt. In meinem ganz dem neuartigen Phänomen gewidmeten 1984 erschienenen Buch Tännlefriedhof4 schrieb ich neben einem aktuellen ganzseitigen Porträt des seitlich geneigten Christushauptes den wenig optimistischen Text: Der Balzer Herrgott droht indessen vollends einzuwachsen. Der ihn umklammernde Baum ist im Begriff, ihn unseren Blicken zu entziehen. Verbirgt der Gekreuzigte sein Antlitz im Schmerz über das ihm und seiner Schöpfung Angetane? Keine Bildhaftigkeit, keine Symbolkraft?
Doch wozu brauchen wir Symbole? Der Schwarzwälder Herrgottswinkel, die Schwarzwälder Freizeitlandschaft braucht ihre Anziehungspunkte. Es tobt daher ein munterer Ideenwettbewerb: Der Balzer Herrgott muss als Ausflugsziel erhalten bleiben! Her mit dem Baumchirurgen, her mit dem Herrgottsschnitzer, der den Gott im Baum sauber wieder herauspräpariert!

Die Buche samt Corpus war inzwischen geschütztes Naturdenkmal geworden, über dessen Weiterbehandlung nun Behörden mit zu entscheiden haben. Auch die Eigentümerin, die Staatsforstverwaltung, meldete sich 1986 zu Wort, nachdem der Freiburger Forstpräsident samt Justitiar sich vor Ort einen Eindruck vom Geschehen verschafft und das Anliegen der Gemeinde Gütenbach für berechtigt erkannt hatte. Beauftragt mit der Freilegung von Haupt und Brust wurde der einheimische Holzschnitzer Rombach, sodann trugen zwei eigens von der Insel Mainau herbei beorderte Baumspezialisten auf das nunmehr herzförmig freigelegte Buchenholz eine grünliche Paste gegen Pilze und Feuchtigkeit auf, um so eine künstliche Rinde zu schaffen. 1995 musste der Vorgang wiederholt werden. Weitere Sanierungsmaßnahmen, abgestimmt zwischen Gemeinde, Denkmalschutzbehörde und Forstamt, kamen 2014 zum einstweiligen Abschluss; dies nach abermaligen Einsätzen von Baumsachverständigen, die aus der Baumkrone scheuernde und morsche Äste entfernten, um den Allgemeinzustand der Buche zu verbessern und auch der Verkehrssicherungspflicht zu genügen. Um zu verhindern, dass hinter dem Christushaupt Regenwasser in das Holz eindringt, wurde am Stamm ein Dächlein aus Blech angebracht und schließlich auch noch die Konsole eines Zunderschwammes angeklebt, eines ansonsten vorwiegend Totholz besiedelnden Pilzes.

Balzer Herrgott 2019

Der an der Buche vorbeiführende Holzabfuhr- und Wanderweg wurde vom Forstamt ein Stück weit zurückverlegt und im Halbkreis um Stamm und Wurzelbereich wurden ein paar Steinbrocken abgelegt, sowohl als Schutz gegen schwergewichtige Holztransporter wie auch gegen die Bodenverdichtung durch etwaige motorisierte Besucher. Allzu Zudringliche sollen neuerdings durch einen hölzernen Staketenzaun vom Betasten oder gar Verunstalten und Verkritzeln von Baum und Heiland abgehalten werden; an ihm baumeln inzwischen „Zeugnisse schlichter Volksfrömmigkeit“, allerlei Devotionalien (vom Rosenkranz bis zum Stofftierchen). Auf den Felsbrocken rundum erinnern Steinmännchen an den touristischen Stellenwert des Orts. Und natürlich dürfen zur Rast und stillen Einkehr auch die Sitzbänke nicht fehlen.

Nebenan erläutert eine hölzerne Schautafel die mutmaßliche Entstehungsgeschichte des Balzer Herrgotts, wobei Auerhähne bemüht werden für die Herleitung des Namens. Ob das scheue Auerwild jemals auf Weidbuchen und auf freiem Feld gebalzt hat und nicht auf den seit Jahrhunderten den Hahnenjägern wohlbekannten Balzplätzen im Wald. Vier Abbildungen des Gekreuzigten, beginnend im Jahr 1930, zeigen die jeweilige Überwallungs- und Freilegungsphase bis in die Gegenwart. Noch Wünsche offen?

Was tut der zum Interview geladene Mensch des Digitalzeitalters, ehe er vor die Kamera tritt? Rasch wirft er noch einen Blick ins weltweite Netz und googelt „Balzer Herrgott“. Da schau her – nicht zu glauben, was WIKIPEDIA alles weiß! Sogar die Herkunft des hellen Sandsteins scheint geklärt zu sein: Er stamme nämlich aus einem Steinbruch bei Pfaffenweiler am westlichen Schwarzwaldrand. Und welche Fülle von Fotos und von Wandervorschlägen (gar von GPX-Wegpunkten und Koordinaten für die GPS-Radtour per E-Mountainbike), welche Anhäufung von Zeitungsberichten und Expertenwissen! Der Gott im Baum als touristischer Hotspot – jetzt scheint er endgültig in der Gegenwart angekommen zu sein. Ob ich meinen Auftritt vor der Kamera nicht doch besser hätte absagen sollen?

Zustand 2019

1 Der Text ist in Badische Heimat 4/2019 erschienen.
2 Hockenjos, F.: Wäldergeschichten. Hrsg. U. Verl. Schwarzwaldverein e. V. Freiburg, 1960.
3 Hockenjos, W.: Begegnung mit Bäumen. DRW-Verl. Stuttgart, 1978.
4 Hockenjos, W.: Tännlefriedhof. Bilder einer Verwandlung. Gerhard Schillinger Verl. Hinterzarten, 1984.

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