So allmählich verabschieden sich die letzten Teilnehmer am Zweiten Weltkrieg für immer. Da will auch mir nicht mehr aus dem Kopf, dass ich ja ebenfalls die Jahrhundertkatastrophe noch mit abbekommen habe. Allemal, wenn abends die grauenerregenden Bilder aus dem Gazastreifen oder aus der Ukraine über den Bildschirm flimmern, selten ohne verletzte, getötete oder doch heillos verstörte Kinder. Was macht der Krieg aus einem, so hatte ich mich vor Jahren schon beim Durchackern des väterlichen Kriegstagebuchs gefragt; und was hat er aus mir gemacht? Schon der Umstand, dass ich im März 1940, am Ostersonntag, in der badischen Metropole geboren wurde, hat mit dem Fronteinsatz des Vaters zu tun gehabt: mehr freilich noch mit der Verfügbarkeit der Karlsruher Großmutter beim Hüten des Erstgeborenen (meines Bruders Fritz) während Mutter Elses Entbindung. Derweil der Vater, im Rang eines Offiziersanwärters, Dienst am einstweilen noch ruhigen Westwall tat – nicht gar so weit weg an der elsässischen Grenze. Erst im Juni dann sollte der Krieg für ihn blutiger Ernst werden: Bei der Erstürmung der Maginot-Linie in den Ausläufern der Vogesen sollte er durch einen Granatsplitter das erste Mal verwundet werden.
Daheim in Kandern im Markgräflerland, fehlte es mir im weiteren Kriegsverlauf durchaus nicht an mütterlicher Obhut und Zuwendung, immer häufiger auch nicht an großmütterlichem Einsatz, nachdem dann auch der Karlsruher Opa noch eingezogen worden war. Trotz Krieg scheint es mir in meinen ersten Lebensjahren an kaum etwas gemangelt zu haben. Traumatische Erlebnisse, wie sie so viele Vertreter der Kriegsgeneration bis zum Lebensende zu verfolgen und zu quälen pflegen, wollen in mir bis heute – gottlob! – nicht aufkommen. Was aber nicht heißen soll, dass sich im Langzeitgedächtnis nicht auch düstere Ereignisse abgespeichert finden. Doch so ganz Entsetzliches scheint mir jedenfalls erspart geblieben zu sein. Meine früheste, freilich arg nebelhafte Erinnerung rankt sich um einen Krankenhausbesuch in Lörrach, wobei ich mir nicht sicher bin, ob der Anlass der geplatzte Blinddarm von Bruder Fritz war oder Mutters Entbindung von Bruder Klaus (im März 1943). Um dorthin zu gelangen, musste man mit dem „Chanderli“, einem von Kandern nach Haltingen verkehrenden Schmalspurbähnle, bis nach Binzen (oder war es bis Rümmingen?) fahren, um von dort über die Lucke (dem Sattel zwischen Kander- und Wiesental) nach Lörrach zu gelangen. Geblieben ist mir die Erinnerung an Salzbrezeln im Krankenhaus, aber auch an einen Panzer, der oben auf der Lucke stand. Was der dort suchte, ist mir schleierhaft, denn die Front war ja noch weit weg. Oder sollte ich ihn mir später hinzuphantasiert haben?
Frühe Fotos aus den elterlichen Alben zeigen mich damals heiter und erstaunlich gut im Futter, so gut, dass ich von Bruder Fritz noch jahrelang gehänselt wurde ob meiner „Hängebacken“. „Aldi Hex vo Binze, kochsch mer guedi Linse“ – dieser Markgräfler-Reim gehörte schon früh in unser Liederrepertoire. Denn Essen hatte bei mir schon immer einen (wolfsmäßig) hohen Stellenwert, auch wenn wir dank Mutters (und/oder Omas) erfindungsreicher Küche nie wirklich hungern mussten. Apropos Wolf: Seit Vaters Tod im Jahr 1995 rätsle ich, wie ich eigentlich zu meinem Namen gekommen bin. Ich meine mich erinnern zu können, dass ich nach einem gefallenen Freund von Vater Fritz (nach welchem nur?) benannt worden sei. Oder könnte da womöglich doch „der Führer“ (der von seinem engsten Kreis Wolf genannt werden durfte) mit herumgespukt haben? Schade, dass ich zu Vaters Lebzeiten da nie nachgehakt habe.
In Kandern wohnten wir in der staubigen (offenbar noch ungeteerten) Feuerbacher Straße gleich neben dem Pfarrhaus. Unsere Mietwohnung gehörte zum Tonwerke-Komplex der Ziegeleifirma Kammüller, und gegenüber den Mitgliedern der Fabrikantenfamilie durften wir Kinder uns nur ja keine Frechheiten erlauben. Dennoch pflegten wir Brüder unterm Bürofenster der Miteigentümerin Liese Kammüller mitunter provozierend „Liese auf der grünen Wiese“ zu singen, wofür wir uns eines Tages reuig und zerknirscht bei ihr zu entschuldigen hatten. Denn Mutter Else durfte es, als kriegsbedingt Alleinerziehende, nur ja nicht verscherzen mit den Vermietern. Spielplatz war denn auch weniger das Fabrikareal mit seinen Hallen voller Backsteinbeigen und dem hohen Schlot als vielmehr der Pfarrhausgarten nebenan, wohlgelitten von dem mit der Familie befreundeten, stimmgewaltigen Stadtpfarrer, dessen Sohn unser bevorzugter Spielkamerad war.
Mit Ritterkreuzen (aus Pappe) dekoriert: die Brüder Fritz und Wolf, dazwischen Klaus
Wann immer Vater Fritz urlaubshalber in schneidiger Uniform von der wankenden Ostfront zuhause auftauchte, waren gemeinsame Wanderungen in die Umgebung zu dieser oder jener Waldhütte angesagt, wir beiden Buben (der dritte war dazu anfangs noch zu klein) zumeist bewaffnet mit Holzgewehren und ab Kriegsjahr 1944 geschmückt mit Ritterkreuzen aus Pappe, nachdem der Vater in den Rückzugsschlachten damit ausgezeichnet worden war; mich begleitete dabei stets auch mein hölzerner Gliederdackel, der mit dem Schwanz wedeln konnte. Spielten wir da „Soldätles“ oder war mir der Forstberuf etwa damals schon irgendwie vorgezeichnet? Gegen Kriegsende galten die Gänge mit dem Vater dann allerdings mehr den Flakstellungen oberhalb Kanderns als dem Wald.
Unterwegs in den Kindergarten gerieten Bruder Fritz und ich eines Morgens in einen heftigen Fliegerangriff – für mich die mit Abstand eindringlichste Kriegserinnerung: Wir hatten eben den Kirchplatz erreicht, als die Sirenen heulten und es auch schon zu jaulen und zu krachen begann. Kirchenfenster gingen neben uns zu Bruch und an der Hauswand gegenüber warf sich ein Mann Deckung suchend auf den Boden, während wir beide unter einer Kastanie Schutz suchten. Ob oder wie sehr wir schlotterten und heulten vor Angst, hat sich mir nicht eingeprägt – den Schrecken muss ich wohl doch irgendwie verdrängt haben. Als das Krachen endlich aufhörte und die Flieger sich wieder aus dem Staub gemacht hatten, kam plötzlich unser Vater gerannt, der sich gerade im Fronturlaub befand. Zu unserer Verwunderung rannte er jedoch weiter, nachdem er sich nur kurz vergewissert hatte, dass uns nichts passiert war. Offenbar wollte er nach den Bombenschäden in der Stadt sehen, um, falls erforderlich, Hilfe leisten zu können. Viel später haben wir ihn mit der Frage gelöchert, weshalb er uns eigentlich nicht zuerst nachhause gebracht hat. Lag es daran, dass er aus Russland weitaus Heftigeres gewohnt war?
Auch daheim in der Feuerbacher Straße überstanden wir noch manchen Alarm, und nach einem solchen war sogar einmal unmittelbar hinterm Haus eine Mörsergranate eingeschlagen. Das Pfeifen und Krachen von Granaten wie auch das Heulen der Sirenen ist mir seitdem im Ohr geblieben. Die Kinder am Wickel, pflegten sich Mutter und Großmutter jeweils Hals über Kopf die Treppe hinunter in den Keller zu stürzen!
Sehr viel harmloser und durchaus positiv besetzt ist dagegen ein anderer Erinnerungsfetzen: Irgendjemand hatte uns Buben eine Fahrt per Pferdefuhrwerk (im Alemannischen „Bräckle“ genannt) nach Bamlach am Rhein ermöglicht, wo wir die Mutter beim Schanzen (dem Ausheben von Schützengräben) besuchen durften. Auch nach Badenweiler, wo der Vater Ende 1944 im noblen, zu einem Lazarett umfunktionierten Sanatorium „Haus Baden“ seine Ruhrerkrankung auskurierte, ging es bisweilen wieder mit der Mutter, ob zu Fuß oder dank einer Mitfahrgelegenheit, ist mir nicht mehr erinnerlich.
Die letzten Kriegswochen waren wir samt Karlsruher Großmutter im Platzhof evakuiert, einem Bauernhof einige Kilometer ostwärts von Kandern. Dort, im hofnahen Wald, gerieten wir letztmals in einen Fliegerbeschuss – in Erinnerung ist mir vor allem die Oma geblieben, wie sie sich mit uns Buben in den Weggraben warf, weshalb wir unentdeckt und unversehrt blieben. Schlimmer war allemal, dass an der Scheideck, oben auf der Passhöhe der Straße nach Kandern hinüber, mehrere von Schmeißmucken umschwirrte, aufgeblähte und stinkende Kadaver von Armeepferden lagen, die offenbar beim Rückzug der deutschen Truppen dort zu Tode gekommen waren. Fritz und ich mussten sie mehrmals mit Schaudern und zugehaltenen Nasen passieren, wenn wir im Städtle einen Einkauf zu besorgen hatten. Viel später erst wurde mir bewusst, dass exakt hier oben anno 1848 auch Friedrich Heckers revolutionärer Zug aufgerieben worden war.
Der Einmarsch der Franzosen verlief, zumindest aus der Sicht von uns Kindern, recht undramatisch, obwohl es sich überwiegend um (wegen ihrer Übergriffe auf Frauen übel beleumundete) Marokkaner gehandelt hat, die da plötzlich in Kandern auftauchten, ohne dass es noch zu Kampfhandlungen gekommen war. Auch im Holzschuppen nebenan kampierten welche, was uns Buben natürlich mächtig faszinierte. Sie hatten von uns eine Zeltplane konfisziert, die Fritz und ich anderntags in ihrer Abwesenheit wieder durch die hölzerne Lattentüre heraus angelten – soviel Heldenmut musste sein.
Der Vater hatte sich, wie in seinem Kriegstagebuch nachzulesen ist (und wie er es uns später anlässlich eines Bodenseebesuchs an einem der Originalverstecke im Wald oberhalb Ludwigshafen sehr plastisch dargestellt hat), nach der Kapitulation am 8. Mai 1945 bewaffnet und in voller Montur nächtelang vom Bodensee-Hinterland auf Schleichwegen bis kurz vor Kandern durchgeschlagen, ehe er sich schließlich doch von einem seiner Vorkriegs-Mitarbeiter dazu bewegen ließ, sich bäuerliche Zivilkleidung auszuleihen. Was sich als rettende Idee herausstellte, denn vor unserer Haustür hatte ein französischer Posten Stellung bezogen, der die Fabrikhallen bewachte. So blieb uns der Vater vorerst unbehelligt erhaltern; erst im Herbst 1945 holten die Franzosen ihn ab zu anderthalb Jahren Kriegsgefangenschaft. War er denunziert worden, wenn ja, weswegen? In den paar Wochen, solange er noch zuhause war, hatten wir mit ihm immer wieder Hamstertouren in die umliegenden Dörfer unternommen, zumeist mit dem Leiterwägele, auf welchem wir bergab alle aufsitzen konnten. Kurz vor Obereggenen bin ich dabei als Wagenlenker einmal mit Karacho einem Radler in die Speichen geraten. Noch unauslöschlicher ist mir jedoch eine abendliche Heimfahrt im Gedächtnis geblieben. Es hatte zuvor in Obereggenen reichlich neuen Süßen gegeben, Krätzer, der offenbar schon am Vergären war. Talabwärts, von der Johannesbreite nach Sitzenkirch hinunter, war ich wieder mal Chauffeur mit der Deichsel zwischen den Beinen, mit Bruder Fritz und dem Vater hintendrauf, dieser mit dem Bremsbengel in der Hand zur Temporegulierung, mit dem „Fuullenzer“ (Faulenzer), wie er ihn nannte. Dreimal hintereinander mussten sie mich aus dem linksseitigen Straßengraben herausziehen, denn anscheinend hatte ich meinen allerersten Schwips abbekommen. Nach der dritten Entgleisung fing ich (verdienter- oder unverdientermaßen?) noch eine väterliche Ohrfeige!
Als weniger unfallträchtig, aber auch als weniger ergiebig erwiesen sich dann die Hamstertouren mit der Mutter, derweil der Vater in Mulsanne in französischer Gefangenschaft schmorte und Hunger litt; mit ihm hatte es bei den Bauern der Umgebung offenbar weitaus besser geklappt mit der Hamsterei. Mit der Mutter hingegen ist mir vor allem eine Tour in Erinnerung geblieben: über Sitzenkirch nach dem Weiler (mit dem für Hamsterer so verheißungsvoll klingenden Namen) Käsacker: Auf dem Hinweg hatten wir noch fidele Marschlieder aus Jugendbewegungszeiten gesungen à la „Hoch auf dem gelben Wa-ha-gen“ oder „Ich armes welsches Teufele“; heimwärts trotteten wir neben einer weinenden Mutter einher, nachdem wir von den Bauern offenbar unfreundlich empfangen worden waren und nichts Nahrhaftes abbekommen hatten. Richtig hungern mussten wir dennoch nicht, denn immer gab es ja noch Kartoffeln, die die Mägen füllten, salzig oder süß, in unzähligen Variationen von Mutter oder Großmutter gekocht, gebraten, gestampft oder gerieben. Viel später, womöglich erst in der Pubertät, beschlich mich der Verdacht, dass die Form meines Brustkastens auf jene Kartoffelzeit und meinen wölfischen Appetit zurückzuführen sein könnte. Zeitlebens verschmähe ich indessen die mit Zucker und Zimt bestreuten Kartoffelpuffer, von denen ich damals gar zu viele vertilgt haben muss.
Glück gehabt also – kein Wunder, dass mich die im Weltkrieg so glimpflich verlaufene Kindheit nicht mehr zu quälen scheint! Und doch: nach achtzig Friedensjahren schleicht sich das Kriegsgespenst wieder ein. Ob es sich wohl wieder vertreiben lässt?
*Hockenjos, W.: Was der Krieg aus einem macht. Einsichten aus dem Kriegstagebuch des Vaters. In: Vom Nationalsozialismus zur besetzungsherrschaft. Fallstudien und Erinnerungen aus Mittel- und Südbaden. Hg. von Heiko Haumann und Uwe Schellinger. verl. regionalkultur, 2018
