Liebesbrief im Glas

Unglaublich was so ein Jubiläumsjahr so alles ans Licht fördert. Auf einmal sind Bürger hellwach und werden auf unbeachtete, längst vergessene Dinge aufmerksam. Kurz vor dem Glasvortrag kommt ein Anruf von Gisela Ruth: Komm mal vorbei, ich hab einen grossen Glasstein und ein Trinkglas mit einem eingravierten Liebesbrief. Sie zeigt mir einen wunderbaren, grossen, schweren Glasmassestein mit anhaftender, markanter Glasgalle. Das Schwergewicht  hat Sohn Ralph vor 40 Jahren an der Reiner Halde ausgegraben. Der grösste, schönste, marmoriert und bisher entdeckte Glasfritte-Brocken von der Glasi Wolterdingen. Verblüffung wandelt sich in Begeisterung.


Aber das zweite Objekt mit seiner wundersamen Geschichte macht geradezu fassungslos. Und es liefert auch die perfekte Vorlage für ein Vortragsthema, wofür noch ein ausdrucksstarkes Bild oder Objekt fehlt. Nämlich das unvergängliche Glas darzustellen  als Datenträger für die Archivierung der Weltformeln  und es somit zu erklären. Dieses Teilthema des Glaswunders kann man nun durch die Steilvorlage  durch dieses Becherglases lebensnah, poesievoll und anschaulich erklären.

Aber nun von vorne. Glas ist das beständigste, fast korrosionsfreie, unvergänglichste von Menschenhand geschaffene Material. Und das prädestiniert es dazu, diese sogenannten Weltformeln zu archivieren. Bisher wurden die wichtigsten Daten, Fakten, Erkenntnisse und Formeln auf Papier, Stein, Horn, Bein, Ton, Leder und Metall geschrieben. In der Neuzeit auf Digitale Datenträger. Ausgerechnet die sind am Kurzlebigsten, am Vergänglichsten und haben die geringste Halbwertzeit. Weil hochwertiges Glas eine Verfallzeit von mindestens 20 000 Jahren und mehr hat, schreibt man eben diese Weltformeln auf Glas. Und das binär und rein optisch. Also bekommen unsere Nachfahren zu diesem Glasdatenträger eine intelligente Gebrauchsanweisung dazu, eine Erklärung wie man binär und rein optisch liest. Und schon können die Menschen, falls es diese Spezies in 20 000 Jahren noch geben sollte, unsere Gedchichte, unsere Zivilisation so auf Glas erklärt bekommen. Und das auf einem 1 Quadrat Zentimeter grossen, sehr korrosionsarmen Glasscheible. Optisch lesbar und ohne dann ohnehin  schon lang verrottete digitale Hard- und Software zu benutzen. Mindestens 2000 dicke, wissenschaftliche Bücher sollen auf so ein Scheible passen.
Und jetzt kommt unser Liebesbrief von 1907 ins Spiel. Von Claire Krämer auf ein mundgeblasenes Glas, evtl. aus der Glasfabrik Wolterdingen, von Hand graviert. Dieser Brief  wäre noch lesbar in 20 000 Jahren, wenn die dortigen Wesen  noch Deutsche Buchsprache könnten. Und so geht diese Geschichte, eine der vielen Geschichten hinter den vielen Glasgeschichten.  Kaum eine andere ist so poesievoll wie diese:

Eine ältere Dame im Senjohrenheim St. Michael übergibt das Glas der Betreuerin Gisela Ruth zur Verwahrung und zum Andenken an die Wolterdinger Glasfabrik. Das mundgeblasene Becherglas habe eine Frau auf einer Bahnfahrt von Rügen nach Berlin von Hand freihändig graviert. Es sei ein Liebesbrief in oder auf Glas. Bei Gisela ist es jetzt durch diesen Glasvortrag wieder aufgetaucht. Betrachtet man die Inschrift mit der Lupe und bei günstigem Lichteinfall liest man, dass eine Claire Krämer diesen in ein Glas  gravierten Brief 1902  geritzt hat. 1907 muss sie ihn ergänzt haben, wie auf dem Boden des Glases erkennbar ist. Erst dann hat sie diesen Glasbrief ihrem Verehrer vielleicht übergeben. Dass sie eine fast unvergängliche Form dieser Mitteilung gewählt hat, dürfte sie nicht gewusst haben. Sie hat die fast zeitlose, hochmoderne Art der Datenübermittlung und der Datenarchivierung in unbewusst weiser Voraussicht  vorweggenommen. Wenn das mal kein Anlass ist das Hohelied auf das Glaswunder zu singen.

Und so heisst der unvergängliche Text auf dem fast unvergänglichen Glas:

Der Brief auf dem Glas vom 4. August 1907, gesprochen von Maria Simon.

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