Wahl zum Vogel des Jahres 2027 geöffnet

Die Wahllokale sind geöffnet: Die Wahl zum Vogel des Jahres 2027 vom NABU und LBV ist gestartet.

Fünf tollen Kandidaten hoffen auf Unterstützung:

Kolkrabe
Kranich
Mehlschwalbe
Trauerschnäpper und
Wasseramsel.

Jeder Vogel bringt ein wichtiges Naturschutzthema mit, sie hätten alle den Sieg verdient.

Hier abstimmen:

https://www.vogeldesjahres.de

Das Rebhuhn ist Vogel des Jahres 2026

Das Rebhuhn übernahm Januar 2026 das Amt des aktuellen Jahresvogels vom Hausrotschwanz. Mit 81.855 Stimmen (44,5 Prozent) ergatterte der Hühnervogel den Pokal, dahinter, mit deutlichem Abstand auf Platz zwei: die Amsel mit 49.011 Stimmen (26,6 Prozent). Die beiden nachtaktiven Jägerinnen landeten auf Platz drei und vier: die Waldohreule mit 23.352 Stimmen (12,7 Prozent) und die Schleiereule mit 21.556 Stimmen (11,7 Prozent). Für den Zwergtaucher stimmten lediglich 8.270 Teilnehmende (4,5 Prozent).

Unten noch ein paar Fotos aus 2022 vom Riedsee, damit jeder sehen kann, welchen Vogel ich 2026 gewählt habe. Rebhühner gibt es hier wohl leider keine mehr.

Waldohreule an den Riedseen

Waldohreulen mit drei Ästlingen an unseren Riedseen am 8. Juni 2022 von Thomas Kring

  • Waldohreulen am Ridsee
Waldohreulen am Riedsee
Waldohreulen am Ridsee

„Lashon hara“ oder schlechte Rede

Lashon hara (Hebräisch: לשוש הרע; „böse Zunge“) ist die halachische Bezeichnung für eine abfällige Rede über eine Person.

Definiert wird Laschon hara als negative und herabsetzende Bemerkung, egal ob zutreffend oder falsch. Es ist einfach verboten von irgendeinem Menschen abfällig oder gar verunglimpfend zu sprechen und jeder der üble Nachrede und Gerüchte verbreitet verletzt das Verbot in Lev. 19:16: „Lo telekh Rahil b’Amekha“. Geh nicht um als Zuträger unter deinen Nächsten. 
Verboten werden ausdrücklich Lashon hara (schlechte Rede) und Rechilut (das Zutragen von Gerüchten und Tratsch, welches zu Hass, Zorn und Groll verleiten kann).

Es gibt eine kleine Geschichte dazu:


… Ein Mann hatte schlecht über einen anderen gesprochen. Er ging zum Rabbi und fragte ihn, wie er das wieder gut machen könne. 
Der Rabbi trug ihm auf, ein Federkissen zu besorgen und herzubringen. Das tat der Mann und der Rabbi gab ihm den Auftrag, das Kissen aufzuschneiden und die Federn aus dem Fenster zu schütteln.
Als der Mann damit fertig war, stellte sich der Rabbi neben ihn und sah eine Weile zu, wie die Federn vom Wind über die ganze Stadt verteilt wurden. Dann sagte er zu dem Mann: „So, und nun fange damit an alle Federn wieder einzusammeln.“ …

Alle, die wir eine schlechte Rede anhören müssen, haben nun eine dieser Federn im Kopf. Selbst Menschen, die wir zuvor unvoreingenommen gesehen haben, betrachten wir fortan im Licht dieser schlechten Rede. Hierbei ist völlig unwichtig, ob das Gerücht stimmt oder nicht: Der Mensch, über den gesprochen wurde, ist beschmutzt. Genau so, wie unser Geist beschmutzt wurde.

Fama, malum qua non aliud velocius ullum: mobilitate viget viresque acquirit eundo

Das Gerücht, kein anderes Übel kommt ihm an Schnelligkeit gleich, regt sich in seiner Beweglichkeit und erwirbt Kräfte im Gehen
Von Virgil (70–19 v. d. Z.) in Aeneis

Zeichnung von Hüfingen aus dem Hieronymus mit Federn zum Thema Lashon Hara und Gerüchte über Patrick Haas in Hüfingen
Lashon hara

Erste Version war am 20. Dezember 2019

Zirkumzenitalbogen

Liebe Bürgerpostleser,

heute möchte ich Euch etwas „Himmlisches“ zeigen. Auf Bild 1 ist es nur schwach zu sehen, aber ich bin mir sicher, Ihr seht es mit etwas Mühe, wie es mir auch ergangen ist. Einen Farbbogen als Kreisausschnitt im unteren Teil des Bildes. Ich sah das am 22. August 2026 abends um 19.17 Uhr. Jetzt kommt der Hammer, ich erinnerte mir, dass ich so etwas schon einmal gesehen und fotografiert habe, und der Oberhammer ist, dass ich es relativ flott gefunden habe. Und zwar am 11. Juni 2017. Bild 2 und 3 zeigen das Phänomen noch um einiges deutlicher. 

Wolken mit Schlieren und ganz schwach der bunte Bogen
22. August 2026 abends um 19.17 Uhr
Bild vom Himmel der überwiegend blau ist farbigem Bogen und Wolken
11. Juni 2017
Bild vom Himmel mit Farben und Wolken und einer sichtbaren Kurve

Habt Ihr eine Ahnung, was es sei könnte? Ich bin fündig geworden beim Arbeitskreis Meteore e.V. https://www.meteoros.de/themen/halos/haloarten. Es handelt sich um einen Zirkumzenitalbogen (Abkürzung ZZB). Er ist eine Haloerscheinung, wie die Nebensonne, die ich kürzlich am 2. September von Pfohren-Mittelmeß aus aufgenommen durfte. Der ZZB sei eine der schönsten und farbenprächtigsten Haloerscheinungen. Seine Farbigkeit und Helligkeit kann dem Regenbogen gleichkommen. Daher wurde er auch schon häufiger mit einem Regenbogen verwechselt. Im Gegensatz zum Regenbogen, der einen Kreis um den Sonnengegenpunkt bildet, ist der Zirkumzenitalbogen ein Bogen um den Zenit, wobei nur der zur Sonne gerichtete Teil zu sehen ist. Normalerweise ist etwa ein Viertel eines Kreisbogens sichtbar, in Ausnahmefällen auch ein Halbkreis. Bei einer Sonnenhöhe von 32° über dem Horizont verschwindet der Zirkumzenitalbogen im Zenit. Seine größte Helligkeit erreicht der Zirkumzenitalbogen bei einem Sonnenstand von 22,1°. Zwischen 15° und 25° Sonnenhöhe wird er am häufigsten gesehen.

Bild vom Himmel mit Farben und Wolken
Pfohren-Mittelmeß am 2. September 2026

Der Zirkumzenitalbogen entsteht genauso wie die Nebensonnen an horizontal schwebenden Eisplättchen. Hier tritt das Licht allerdings an der Basisfläche des Plättchens ein und an einer Seitenfläche wieder aus. Da die Seitenflächen senkrecht zur Basisfläche sind, beträgt der Brechungswinkel 90°. Falls Nebensonnen sichtbar sind, besteht, insbesondere bei einer Sonnenhöhe zwischen 15° und 25°, eine große Wahrscheinlichkeit, dass auch der Zirkumzenitalbogen gesehen werden kann. Leider ist der Zirkumzenitalbogen kaum jemandem bekannt, obwohl er fast ebenso häufig wie der Regenbogen auftritt. Der Hauptgrund dafür liegt wohl darin, dass man fast senkrecht nach oben schauen muss, um ihn zu sehen. Das sollte nach diesem Beitrag nicht mehr passieren. Einfach bei den beschriebenen Konstellationen mit den Blicken hinauf in den Zenit, liebe Beitragsleser. Ich werde mich auch daran halten, weil es mir auch jetzt erst klargeworden ist. 

Herzliche Grüße
Franz Maus

Drei neue Tümpel im Wolfsbühl

In den Schleenwiesen bei der Luttlinger Bruck wurde vor einigen Jahren ein Kammmolch gesichtet. Das war ein guter Grund, nach neuen Lebensräumen für unsere Amphibien zu suchen.

Gemeinsam mit Forstrevierleiter Andreas Wolf haben wir drei geeignete Stellen im Wolfsbühl gefunden. Dort sind nun drei neue Tümpel entstanden.

Und die ersten Bewohner lassen nicht lange auf sich warten: Schon nach nicht einmal einem Monat tummeln sich Frösche und Libellen in und an den neuen Gewässern. 

Vielen Dank an Andreas Wolf für die Umsetzung und dafür, dass hier neuer Lebensraum geschaffen wurde!

  • Der erste Tümpel vorne am Weg hoch im Wolfsbühl
    Tümpel 1 am 6. September 2026

Das Chaos um die B31, Dögginger und Schaffhauser Straße bleibt aus.

Rathaus Hüfingen

Seit Montag, 14.09.2026 wird die B 31 zwischen Hüfingen-West und Wasserturm einseitig gesperrt.
Die Arbeiten dauern angeblich bis Freitag, 06.11.2026.

Der Verkehr in Richtung Tuttlingen wird durch Hüfingen umgeleitet!

Genaueres steht irgendwo auf der Seite der Stadt, finde ich aber momentan nicht.

Stadtnachrichten

Gemeinderatssitzungen

Videos über die Gemeinderatssitzungen gibt es hier: https://www.huefingen.de/gemeinderat
und auf der Eingangsseite ganz unten bei der Social Wall: https://www.huefingen.de

Schadensmelder

Dann möchte ich an dieser Stelle auch noch auf den Schadensmelder hinweisen:

Die Mitteilungen der Stadt Hüfingen gibt es hier: https://www.huefingen.de/mitteilungen

Vor dem Rathaus mit Mariabrunnen und St. Verena und Gallus.
Stadtputz 21. März 2026

Stadtputzete 2026

Am 21. März war pünktlich zum Frühlingsanfang wieder Stadtputz in Hüfingen.
Vielen Dank an die tollen und engagierten Kippenpicker und Müllwegräumer!
Vielen Dank an die Stadt für die gute Organisation!
Schade, dass sich, wie immer, die Herren Stadträte zu fein für so etwas sind. Aber man kann sich ja nicht wichtig machen und Geld oder Bier gibt es auch nicht.
Um so größeres Lob an unsere tolle Jugend!

2025

Im neu gestrichenen Tor
Vielen Dank an die Stadt für das schöne frisch gestichene Tor!
25.09.2025
Unser Biopbeauftragter Johannes Geißler mit dem gelben Band am 22. September 2025
Bürgermeister vor dem Willkommensbild der Nachbarschaftshilfe
Kick-off der Nachbarschaftshilfe am 30. Oktober 2025


Stadtputzete 2025

13. April 2025

Vielen Dank an die tollen und engagierten Kippenpicker und Müllwegräumer!
Vielen Dank an die Stadt und fb food für die gute Organisation!
Schade, dass unser GR sich für so etwas zu fein ist.
Um so größeres Lob an unsere tolle Jugend!

Neuer Biotopbeauftragter

9. April 2025

Diese Seite hier werde ich ab- und an aktualisieren, wenn es etwas besonders wichtiges gibt. Heute wollte ich euch auf unseren neuen „Biotopmann“ hinweisen. Das Foto hierzu habe ich hier aus den Stadtnachrichten unten rein:

Heinrich Hansjakob besucht Lucian Reich in Hüfingen

von Dr. Ursula Speckamp am 21.10.2021

Den am 1. Dezember 1899 gefassten Entschluss, das Schriftstellern aufzugeben, hielt Hansjakob nur zwei Monate durch, dann griff er wieder zur Feder. Und, so schrieb er weiter fast bis zu seinem Tod am 23. Juni 1916. Sein letztes Werk war eine Antikriegsschrift, die im Frühjahr 1916 erschien. 1)

Das Tagebuch, das er während seiner Sommerreise im Jahr 1900 führte, gibt über rund 100 Seiten Aufschluss über die Baar, wie Hansjakob sie erlebte.2) Bei dem großen Interesse, das der Schriftsteller Menschen, vor allem solchen aus dem „einfachen Volk“ entgegenbrachte, erstaunt es nicht, dass der Leser dieses Reisetagebuchs, das 1902 unter dem Titel „Verlassene Wege“ herauskam, viel über die Begegnungen Hansjakobs mit anderen Menschen erfährt. Da der Priester und Philologe – er war Absolvent zweier Fakultäten – schon bald nach Beendigung seines Studiums als Lehramtspraktikant in Donaueschingen weilte (Januar 1864 bis April 1865), gehen manche seiner Ausführungen auch in jene Zeit zurück.

Als Lehramtspraktikant selbstverständlich damals zu Fuß unterwegs, reist Hansjakob in späteren Jahren, so auch jetzt, meist in der eigenen Kutsche. Das erlaubte ihm, die Route selbst zu bestimmen, ungestört zu schauen, nachzudenken und zu schreiben. Hansjakob war ein unermüdlicher Arbeiter. Von Freiburg her kommend verlässt Hansjakob mit Wolterdingen den Schwarzwald und gelangt in „die alte Bertholds-Baar“. „Die Baar“, urteilt Hansjakob, „unterscheidet sich wesentlich vom Schwarzwald. Sie entbehrt seiner Romantik, seiner düstern Wälder, seiner Felsen und seiner Wasserfälle; aber dafür ist sie auch nicht so rauh und so kalt, und während ihre Höhen lichte herrliche Wälder krönen, gedeihen in den Tälern und auf den Ebenen noch reichlich alle Halmfrüchte. Drum hat die Baar auch einen viel wohlhäbigern, aber auch stolzern Bauernstand als der Schwarzwald. Heute, im hellen Sonnenschein….machten mir ihre langgezogenen Bergrücken und ihre grünen, satten Triften den Eindruck süßer Elegie.“ (67 f.) Er muss sich gestehen, dass die Baar auch schön sei, sie habe eben ihren eigenen Charakter, und den Charakter müsse man nicht nur bei Menschen in Ehren halten.

Blick über das Römerbad auf Hüfingen.
Foto: Aquatinta von W. Scheuchzer und G.L. von Kreß sc. Verlag J. Velten in Karlsruhe etwa 1825. Privatbesitz.

Nach dem Besuch von Bräunlingen, Mundelfingen, Donaueschingen erwacht Hansjakob am Morgen des 21. Juni 1900 im Hüfinger Pfarrhaus. Solche Pfarrhausunterkünfte hatte Hansjakob auf seinen Reisen oft, besonders in der Diözese Freiburg, in der er etliche Pfarrer kannte, boten Pfarrhäuser doch eher als es Gasthöfe vermochten, eine ruhige Übernachtungsmöglichkeit. Ein passender Titel für das vorliegende Reisetagebuch „Verlassene Wege“ wäre auch, wie Hansjakob bemerkt, „Von Pfarrhaus zu Pfarrhaus“. (S.VII)

Lucian Reich von Johann Nepomuk Heinemann

Schon zu früher Stunde begibt er sich zu dem „Volksschriftsteller Lucian Reich“. (109) Der war einst am Rastatter Gymnasium Hansjakobs Zeichenlehrer gewesen. „Im dritten Stocke eines kleinen Häuschens, über dessen schmale Treppe ich mich förmlich hinaufzwängen mußte, traf ich ihn. Er war hocherfreut über meinem Besuch, der dreiundachtzigjährige Greis, in dessen Züge sich Bitterkeit und Biederkeit die Waage halten. Er kommt seit Jahren nicht mehr aus seiner Stube und unter die Menschen, und sein einziges Kind, eine Tochter, pflegt ihn. Unermüdlich ist er aber noch geistig thätig, liest und zeichnet und schriftstellert.“ (109)

Luzian Reich senior ein Selbstbildnis im Stadtmuseum Hüfingen

Luzian Reich senior
(7. Januar 1787 in Bad Dürrheim – 18. Dezember 1866 in Hüfingen)

Hansjakob holt nun aus, um das Leben von Lucian Reich nachzuzeichnen: Lucian Reich, gebürtiger Hüfinger – sein Vater war hier Lehrer und Bildhauer – erbte ebenso wie sein Bruder die künstlerische Begabung des Vaters. Der Bruder Xaver wurde ein bedeutender Bildhauer, Lucian Maler und Schriftsteller.
„Er half dem berühmten Maler Schwind die Kunsthalle in Karlsruhe mit Bildern schmücken und malte später auch im neuerbauten Hoftheater.“ (109 f.)

Xaver Reich
gezeichnet von Johann Nepomuk Heinemann 1838

Während dieser Arbeit veröffentlichte Reich sein bestes Buch, wie Hansjakob urteilt: “Hieronymus, Lebensbilder aus der Baar und dem Schwarzwald“. (110) Hansjakob hält es für eines der besten Volksbücher überhaupt. Die Illustrationen, alle von Reich selbst, zeichnete sein Hüfinger Jugendfreund Heinemann in Stein. Heinemann lebt auch heute noch in Hüfingen. Die Herausgabe des Werkes war ein finanzielles Desaster: Um die Veröffentlichung zu ermöglichen, gab der Fürst von Fürstenberg einen Vorschuß. Ein Verleger fand sich nicht; es mußte „in Komissionsverlag genommen werden“. (110) Der Verkauf lief gut, dennoch blieb ein Defizit, nachdem der Fürst den Vorschuß zurückerhalten „und – nicht sehr fürstlich – auch genommen hatte“. (110) Mit den späteren Werken von Lucian Reich ging es ähnlich. 

Johann Nepomuk Heinemann 
(30.05.1817 – 22.02.1902)

In den 1850er Jahren, so Hansjakob, ging es der „malenden Kunst“ in Baden schlecht. Um sich einigermaßen durchzubringen, nahm Reich 1855 die Stelle eines Zeichenlehrers am Rastatter Lyzeum an. Im Rastatter Schloß erhielt er ein Atelier. Am Lyzeum wirkte er bis 1889. Während dieser langen Jahre gelang es ihm nicht, auch nur Reallehrer zu werden. „Er blieb Hilfslehrer mit einem Höchstgehalt von 116 Mark monatlich und ohne Anspruch auf Witwen – und Waisenversorgung und Pension.“ (111) Hansjakob erinnert sich gut an seinen Zeichenlehrer: Er war ein stiller, ernster, sinniger Mann. Er ging im Zeichensaal von Schüler zu Schüler und stand „jedem mit Rat und That“ bei. (111) Und jetzt? „Gutthatsweise“ erhielt er ein Ruhegeld von 71,50 Mark monatlich. Davon lebte er 11 Jahre bis zu seinem Tod, der wenige Wochen später eintrat. „Bitter hat er´s empfunden und bitter mir heute darüber geklagt, daß er kaum zum Leben habe und seine Tochter mittellos zurücklassen müsse.“ (112)

Beim Abschied übergibt Reich dem Schriftsteller den letzten Brief eines zum Tode verurteilten Revolutionärs, den er von dessen sterbender, in Hüfingen ihre Tage beschließender Braut – sie war ledig geblieben – vor einige Jahren erhalten hatte. Reich meinte, Hansjakob könne diesen Brief „am besten verwerten“, was Hansjakob tut, indem er über den zum Tode Verurteilten – es handelt sich um Joseph Kilmarx aus Rastatt – berichtet und diesen Brief in „Verlassene Wege“ aufnimmt.

Kilmarx war Soldat, Feldwebel, Magdalene Peter, als Waise von einer Verwandten in Rastatt erzogen, seine Braut. Als die Revolution ausbrach, schloss sich Kilmarx ihr an. Beliebt bei seinen Kameraden wurde er bald tüchtiger Offizier. Nachdem die Festung Rastatt kapituliert hatte, nahmen ihn die Preußen gefangen und verurteilten ihn zum Tode. Hier Kilmarx´ Abschiedsbrief:

Rastatt den 8. Oktober (1849) Morgens 6 Uhr 1849

Liebes Bäßle und Magdalene!

Die Todesstunde naht. Schauerlich pfeift der Wind in meinem Kerker, als wäre er der Verkünder meines Dahinscheidens. Ich schrecke nicht davor, ich bin versöhnt mit Gott, dem Allmächtigen und sterbe als Christ, der keine böse That begangen hat. Längst einer halben Stunde gehe ich zu meinem und zu eurem Vater, zu meinen Geschwistern und zu euren, wo ich´s besser finden werde als allhier. Ich vertraue auf Gott, habe mich zu ihm gewendet, und er wird mir alles verzeihen und mich zu sich in sein Reich aufnehmen. Denkt auch später an mich, schließt mich in euer Gebet ein, ich werde es auch thun. Den Allmächtigen werde ich bitten, daß er euch Segen willfahren läßt. Der Magdalene wünsche ich Glück in allem, was sie je unternehmen wird, wenn sie einstmals Frau sein wird. Die Thüre wird geöffnet, zum Todesplatz geht´s: Lebet wohl, im Himmel sehen wir uns wieder. 

J. Kilmarx

Hansjakob fügt hinzu, daß der Brief mit fester, sicherer Hand geschrieben sei. Kilmarx ging furchtlos in den Tod. Der Schriftsteller erinnert sich: „Sein greiser, invalider Vater, den ich noch wohl kannte, begleitete ihn auf dem Todesgange und rief ihm zu: ` Joseph, bleib ‘standhaft! ´“ (116)

Kapitulation in Rastatt.
Foto: Bundesarchiv, Landesbildungsserver.

Als Hansjakob von seiner Reise zurückkehrt, findet er in Freiburg einen Brief von Lucian Reich vor, in dem dieser noch einige Notizen über sein Leben nachsendet und mitteilt, er fühle, daß er in Kürze sterben werde. Als Hansjakob den Brief in Händen hält, ist Reich bereits verstorben. In jenem Brief bittet Reich Hansjakob darum, sich etwas um seine mittellose Tochter anzunehmen. „Ich that es“, berichtet Hansjakob, „und durch die mächtige Vermittlung des Finanzministers Buchenberger erhielt sie eine namhafte Unterstützung von Karlsruhe. So wird einigermaßen gesühnt, was an dem Vater versäumt wurde.“ (118 f.) (Anmerkung von Hieronymus-online: Die Tochter von Lucian Reich, Anna Reich, heiratete einen verwitweten Müller und reichen Landwirt aus Neudingen und zog dessen Kinder groß. Sie selbst verstarb kinderlos in hohem Alter.)

Anna Reich

Um halb neun Uhr morgens beendet der Reisende seinen Besuch bei Lucian Reich. Schon bald, bei munteren Pferden und ausgeruhtem Kutscher erreichen sie Behla, und Hansjakob nimmt Abschied von der Baar: „Sie lag, wenn auch nicht sonnenbeglänzt, doch so stattlich und so bescheiden vornehm  vor meinem Auge, daß ich mir sagte: `Fürwahr, wenn ich kein Schwarzwälder wäre, möchte ich aus der Baar sein. ` Die Residenz Donaueschingen glänzte von unten zu mir herauf wie eine reizende Hirtenkönigin.“ (119) 

1) Heinrich Hansjakob, Zwiegespräche über den Weltkrieg, gehalten mit Fischen auf dem Meeresgrund, Stuttgart 1916
2) Ders., Verlassene Wege, Waldkirch 1986 (Nachdruck von 1902). Alle Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe.

Der Hüfinger Künstlerkreis

Xaver Reich

Denkbuch 1896 von Lucian Reich

Hieronymus – Das Buch 

Briefe der Anna Reich an ihre Cousine Marie Heinemann 1875-1881

Briefe von Lucian Reich an seine Eltern und seinen Schwager 1853-1880

Die heilige Verena

Verena von Kaltenbacher in der Hüfinger Stadtkirche

aktualisierter Beitrag, 1. Version war am 7. Dezember 2023

Am Dienstag, 1. September, wurde der Gedenktag der Heiligen Verena begangen. Anlass, sich einmal wieder ihrer Geschichte zu erinnern.

Hier ihr Leben:

In Bachzimmern, steht ein ehemaliges Fürstlich-Fürstenbergischen Jagdschloss und daneben eine der heiligen Verena geweihte Kapelle. In der Kapelle ist ein Bild einer sehr blonden Verena die aus Ägypten stamme.

Ehemaliges Fürstlich-Fürstenbergischen Jagdschloss in Bachzimmern.

Verenakapelle in Bachzimmern

Die heilige Verena von Bachzimmern mit Krug und Doppelkamm, ganz links Petrus, rechts das Fürstenbergische Grafenwappen. Foto: Dr. Hans Keusen in den Schriften der Baar Bd. 53/2010*1

Heute will ich mal eine Geschichte erzählen, die mich schon lange fasziniert hat. Es ist die Geschichte der heiligen Verena.

Theben

Die heilige Verena wurde um 260 n. Chr. in Theben geboren.

Die Geschichte Thebens ist reich an Legenden, welche sich um Herakles, Dionysos und Laios ranken. Die Stadt ist Geburtsstadt des Herakles, des Ödipus, der Sieben gegen Theben und Antigones. Eine weitere thebanische Sage ist die der Niobe (Ehefrau des Königs Amphion), welche als eingeheiratete Herrscherin und Mutter von 14 Kindern mit ihrem Hochmut den Zorn der Leto auf sich zog.*2

Verena

altägyptisch mit der Bedeutung „Frucht oder Same der Stadt Theben“
Ⲉⲃⲣⲁⲛⲉ Ebrane; koptisch
Ϥⲣⲉⲛⲉ Frene; koptisch
Βερενίκη Berenike; altgriechisch*7

An der Stelle Thebens war zu Ende des 19. Jahrhunderts nur noch ein ausgedehntes Ruinenfeld zu beiden Seiten des Nils vorhanden. Heute befindet sich in einem Teil von Theben-Ost eines der touristischen Zentren Ägyptens, die Stadt Luxor. Seit 1979 ist Theben in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes eingetragen.
Foto: Chrissie talk – Christian Rosenbaum Author on German Wikipedia: Chrissie talk, CC BY-SA 3.0 http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/, via Wikimedia Commons

Jedenfalls ließen sich bei Theben der Sage nach möglicherweise phönizische Einwanderer nieder, welchen dann griechische aus Kleinasien folgten, wie die Sage von Amphion erzählt, der durch seine Leier die Steine herbeilockte. Amphion und Zethos erweiterten die Mauern und fügten sieben Tore hinzu, die das geflügelte Wort vom „siebentorigen Theben“ auslösten – im Gegensatz zum „hunderttorigen Theben“ in Ägypten, das Homer in der Ilias erwähnt.

Zu dem Geschlecht der Kadmeionen gehörte auch der Sohn des Laios, Ödipus. In die Zeit des Ödipus fällt auch die Sage der Sphinx, die vor Theben hauste und jeden Fremden tötete, der ihre Rätsel nicht lösen konnte. Dies wurde von Ödipus durch das Lösen des Rätsels der Sphinx beendet.

Im Ersten Mithridatischen Krieg (89–85 v. Chr.) ging Theben endgültig an die Römer. In der Folge verfiel Theben zu einem bedeutungslosen Dorf, behielt aber trotz sinkender Einwohnerzahl das Stadtrecht.*2

Das Römische Reich zu Lebzeiten Verenas

Der bedeutende Sassanidenkönig Schapur I. fiel mehrmals plündernd in Syrien ein und konnte dabei mehrere römische Heere besiegen. Im Jahre 260, dem Geburtsjahr von Verena, wurde Kaiser Valerian gefangen und ermordet.

Während Rom im Osten bemüht war, die Provinzen Syriens und Kleinasiens zu sichern, erodierte auch im Westen die kaiserliche Autorität. Dabei kam es immer wieder zu Bürgerkriegen zwischen den Usurpatoren und sogar zur Abspaltung einzelner Provinzen, die aber unter Kaiser Aurelian wieder rückgängig gemacht werden konnten. Palmyra musste im Jahr 272 gewaltsam unterworfen werden. Die Krise führte zu zahlreichen Veränderungen, betraf allerdings nicht alle Gebiete des Reiches im selben Ausmaß. Und es sollte schließlich noch einmal gelingen, den drohenden Verfall des Reiches abzuwenden.

Mit Diokletian vollzog sich im Jahr 284 der Übergang in die Spätantike. Diese Zeit wird heute als eine Zeit des Umbruchs und der Transformation der antiken Mittelmeerwelt beschrieben.*4

Diokletian reformierte die Verwaltung und führte Diözesen und Präfekturen ein. Die religiöse Festigung kaiserlicher Herrschaft (so nahm Diokletian nach dem Gott Jupiter den Beinamen „Iovius“ an) sollte eine neuerliche Ausrichtung der Reichsbewohner auf Staat und Kaiser bewirken. Besonders die Christen empfand Diokletian daher als illoyal dem Reich gegenüber. Die letzten (und heftigsten) Christenverfolgungen im Römischen Reich fanden in seiner Regierungszeit statt.*3

Diokletian

Diokletian (eigentlich Diocles, altgriechisch Διοκλῆς; vollständiger Name Gaius Aurelius Valerius Diocletianus) wurde zwischen 236 und 245 in Dalmatia geboren; gestorben um 312 in Spalatum) war von 284 bis 305 römischer Kaiser.

Mit seiner Thronbesteigung begann die Diokletianische Ära oder auch Ära der Märtyrer (aera martyrum) genannt. 4

Verena kommt nach Europa

Verena wurde also in Theben am oberen Nil in Ägypten als Kind angesehener Eltern etwa im Jahr 260 geboren. Der Überlieferung zufolge übergaben die Eltern sie einem Bischof zur Taufe und Unterweisung im christlichen Glauben.

Nach dem Tode des Bischofs ging Verena mit anderen Christen und ihrem Vetter nach Unterägypten wo Kaiser Diokletian Soldaten aushob, um die thebäische Legion zu gründen.

Verena reiste im Tross der Legion nach Mailand. In Mailand habe sie einige Jahre beim heiligen Maximus gelernt und gearbeitet. Hier lernte sie wohl die Heilkunst und half bei der Bestattung der toten Christen. Als sie in Mailand von der Enthauptung des Mauritius und der Tötung der Legionären hörte, sei sie nach Saint-Maurice (Agaunum) gereist und bestattete die Märtyrer der thebäischen Legion.

Die Thebaische Schaar, Lithografie, zwischen 1830 und 1850. Zentralbibliothek Solothurn, Public domain, via Wikimedia Commons

El Greco: Das Martyrium des Heiligen Mauritius. El Greco, Public domain, via Wikimedia Commons

Die Legende von Ursus und Victor. Kupferstich, 18. Jahrhundert. Herkunft: Kanton Solothurn. Historisches Museum Blumenstein, Solothurn. See page for author, Public domain, via Wikimedia Common

Thebäische Legion

Alle 6.660 Mitglieder der Legion waren Christen. Ein Soldat der thebäischen Legion, Victor, soll Verenas Verlobter gewesen sein. Die Legion wurde von Mauritius geführt, der auch im Besitz der Heiligen Lanze gewesen sein soll. Mauritius war ein Vetter von Verena und wird in den Abbildungen oft als Afrikaner dargestellt – im Gegensatz zur ewig blonden Verena.

Der heilige Mauritius und seine Begleiter der Thebäischen Legion. Von etwa 1520
Bonnefanten Museum, Public domain, via Wikimedia Commons

St. Mauritius, Madachhof: Kapelle St. Mauritius
ANKAWÜ, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

In der Krypta des Verenamünsters. Der heilige Mauritius oder Victor von der Thebäischen Legion.

Der Kaiser schickte die Legion in den Krieg gegen die Bagauden nach Gallien. Nachdem Maximian sein Lager in Octodurum (heute: Martigny) aufgeschlagen hatte, forderte er seine Untergebenen vor Kampfbeginn zu einem Opfer für die römischen Götter auf. Mauritius und seine Legion weigerten sich und gingen nach Agaunum (heute: St. Maurice d’Agaune), wo sie lagerten. Nach einer Aufforderung zur Rückkehr und Opferung wurde die Legion zur Strafe zweimal „dezimiert“. Der Grund der „Dezimierung“ war die Weigerung gegen christliche Glaubensbrüder zu kämpfen. So ließ Maximian schließlich den Befehl zur Ermordung der gesamten Legion geben.
66 Legionäre entkamen nach Solothurn und wurden dort erst umgebracht. Zwei dieserLegionäre waren Victor und Ursus. *5

Der Heilige Victor.
Altarflügel. Öl auf Holz mit Goldgrund, 15. Jahrhundert.
Wikimedia

Solothurn

Nachdem Verena ihren Vetter Mauritius und die ermordeten Legionäre in Agaunum bestattet hatte, reiste sie Victor nach Salodurum (heute Solothurn) nach und ließ sich wieder bei einem Eremiten nieder. Hier soll sie mit Fasten, Gebet und Psalmengesang ihre Tage verbracht haben.

Sie wohnte in einer Höhle in der nach ihr benannten Verenaschlucht und soll sich durch den Verkauf ihrer Handarbeiten ernährt haben.

Oft suchte Verena die Aussätzigen vor den Toren der Stadt Solothurn auf, um sie zu waschen. Aufgrund ihrer heilenden Kräfte wurde Verena vom Volk als Heilige betrachtet; Kranke suchten sie in ihrer Einsiedelei auf, um durch ihre Wundertaten zu genesen. Bald schon gesellten sich andere junge Frauen zu ihr und bildeten mit ihr eine Gemeinschaft.

Schließlich wurde sie vom christenfeindlichen Stadtkommandanten Hirtacus gefangen gesetzt. Im Gefängnis erschien ihr Mauritius, im himmlischen Licht strahlend, und stärkte ihren Glauben. Als der römische Statthalter von einem Fieber befallen worden sei, ließ er Verena rufen, damit sie ihn heilen könne. Anschließend wurde sie freigelassen und wurde aus der Stadt verwiesen. *7

Aquatinta von Bruno Moll zwischen 1860 und 1880. Verenaschlucht, Solothurn (Schweiz): Blick von Süden auf die Einsiedelei Sankt Verena. Im Hintergrund der Weissenstein.
Zentralbibliothek Solothurn, Public domain, via Wikimedia Commons

Verena soll dann auf einem flachen Stein den Fluss Aare hinunter gefahren sein. In Koblenz, damals eine kleine römische Siedlung, machte sie einen langen Zwischenhalt auf einer Insel im Rhein, befreite diese von Schlangen und widmete sich erneut der Krankenpflege.

Insel an der Mündung der Aare (rechts) in den Rhein (links)
Foto: Joachim Schäfer – Ökumenisches Heiligenlexikon.

Verena in Zurzach

Verena folgte wohl eher der alten Römerstraße von Vindonissa (Windisch) nach Tenedone (Zurzach), auf der Peutingerkarte oben von links nach rechts.

Tabula Peutingeriana.
Vindonissa, Tenedone, Julio mago und Brigobanne auf 2A5 der Karte die rote Linie ist die Römerstraße.
Die ganze Peutingerkarte gibts es hier: https://tp-online.ku.de

Der dicke grüne Fleck ist der Bodensee und darüber sieht man Vindonissa (Windisch), Tenedone (Zurzach) und Julio mago (Schleitheim), dann Brigobanne.

Verena kam dann ins nahe römische Kastell Tenedone wo sie Hausgehilfin des Priesters wurde. Mit Krug und Kamm ging sie jeden Tag vor die Stadtmauer und wusch damit die Aussätzigen.

Wunder der Verena

Als sie beschuldigt wurde, Wein und Brot unrechtmäßig zu den Armen zu tragen, verwandelte sich der Wein in Wasser.

Das Mehlwunder: „Als Brot fehlte und Verena zu Gott um Hilfe betete, wurden auf einmal 40 Säcke Mehl am Eingang der Zelle vorgefunden. Nachdem Verena und die Jungfrauen von dem Mehl gegessen hatten, wuchs ihnen immer wieder neues Mehl aus den Zähnen.“

Nachdem sich das Mehlwunder ereignete soll der hl. Verena der Teufel erschienen sein. Da er sich über Verena ärgerte, wollte er einen schweren Stein nach ihr werfen. Der Stein sei aber dem Teufel auf den Fuß gefallen, so dass er seit dieser Zeit hinke.

Der Ring des Priesters, den dieser zur Fastenzeit nicht tragen wollte, wurde ihr zur Aufbewahrung gegeben; ein Diener stahl ihn, fürchtete entdeckt zu werden und warf ihn in den Rhein; ein Fischer brachte einen großen Fisch zum Geschenk, Verena zerlegte ihn und fand den Ring.

Der Priester ließ ihr nun eine Zelle in Zurzach bauen, wo sie bis zu ihrem Tod mit dem heilenden Wasser einer Quelle Kranken das Haupt wusch, sie kämmte, heilte und salbte. In ihrer Todesstunde erschien Verena Maria mit vielen heiligen Frauen, die sie in den Himmel leiteten.

Verena mit Kamm und Krug auf der Rheinbrücke Zurzach–Rheinheim von Ernst Suter 1978

Ein Vasall des Herzogs von Burkhard soll Kirchengüter des Verenastifts geschenkt erhalten haben. Da dies Unrecht gewesen sei, soll der Herzog eine Prozession gesehen haben, die aus den Fenstern des Verenamünster schwebte. Anschließend erstattete der Herzog die Güter an das Stift zurück.

Als ein Bauer am Verenatag (1. September), anstatt zur Messe in den Wald ging, um Bäume zu fällen, seien seine Hände beim ersten Schlag erstarrt. Am Grab bereute dieser und damit gesundete er wieder.

1795 brach in Koblenz Feuer aus, viele Häuser und die Kapelle verbrannten. Nur die Statue der hl. Verena mit ihren Kränzchen und Votivkerzen blieb unversehrt. Bis heute kommen weitere Geschichten und Wunder hinzu, die Gläubigen zählen die (allerdings erst in neuer Zeit) entdeckte Thermalquelle dazu, die für kranke Menschen Heilerfolge bringt.

Die heilige Verena

Im 5. Jahrhundert wurde über Verenas Grab, das in einem Gräberfeld bei einem alten römischen Kastell an der Römerstraße lag eine Kirche gebaut. Um 745 eröffnet dort ein Benediktinerkloster, das im 13. Jahrhundert zum Chorherrenstift umgewandelt und 1876 aufgehoben wurde. An der Stelle steht heute das nach ihr benannte Münster in Bad Zurzach. Die Grabplatte ihres Sarkophags wurde 1613 gefertigt.

Verenamünster

Krypta

Grabplatte von 1613 der hl. Verena in der Krypta des Verenamünsters
Paul Bissegger, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Common

ST. VERENA MÜNSTER Rom.- kath. Pfarrkirche Kirche des 1876 aufgehobenen Chorherrenstiftes am Grabe der hl. Verena ( Krypta). Die älteste Kirche an dieser Stelle ist in einem Friedhof (1.-4. Jh. n. Chr.) neben der röm. Strasse errichtet worden. Bestehendes Langhaus 11. Jh., Chorturm 1347 geweiht. Barockisierung 1733 durch Giov. Gaspare Bagnato. 1962 Aussen-, 1975/76 Innenrestaurierung.

Verenamünster in Tenedone (Bad Zurzach)

Die heilige Verena in der Krypta

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Verena im Verenamünster in Tenedone (Bad Zurzach)

Eine erste Lebensgeschichte von Verena wurde 888 im Kloster Reichenau durch Benediktinerabt Hatto, den späteren Erzbischof von Mainz, verfasst; eine weitere Vita mit Ergänzungen über ihr Wirken in Koblenz und Zurzach entstand im Kloster in Zurzach wohl im 10. Jahrhundert. Eine Sammlung ihrer Wunder folgte um 1000. *7

Brugkapelle der Heiligen Verena

Das römische Kastell in Tenedone wo die Verenakapelle steht.

Taufbecken neben der Verenakapelle unbekannten Datums.

„Burgkapelle“ St. Verena und Mauritius. Nach Schilderung im Mirakelbuch der hl. Verena (Anf. 11.Jh.) zum Gedächtnis an die Auffindung des „Verenakrügleins“ errichtet. 1203 erste urkundliche Erwähnung.
Westteil (Schiff)-romanisch, Ende 1. Jahrtausend Saat mit eingezogener Apsis (1949 ergraben).
Erweiterungen 1425 (Altarhaus): 1488 (Dach-Aufhöhung über dem Schiff): 1571 Vorzeichen mit Aussenkanzel (1949 abgebrochen)
Altar gestiftet von Seb. Borner (Stiftsdekan 1704).
Bilderzyklus über das Leben der heiligen Verena. 1610 – 1617 geschaffen vom Zurzacher Maler Joh. Melchior Waldkirch.
Renovationen 1772 1851 1949 1994/1995




Die heilige Verena in St. Verena und St. Gallus in Hüfingen.

Unter Pfarrer Rudolf Rauber haben 1909 die Gebrüder Marmon, Bildhauer-Atelier in Sigmaringen, den jetzigen Altaraufbau mit Tabernakel und Verena-und Gallusfigur angefertigt. 1960 wurden die Figuren der hl. Verena und Gallus in der Schächerkapelle untergebracht, 1993 jedoch im Auftrag von Herrn Dekan Andreas Huber wieder zurückgeholt und neben dem Altar aufgestellt, wo früher die Beichtstühle waren.

Nach der Kirchenrechnung des Jahres 1743 erhielt der Villinger Bildhauer Johann Ignatz Schupp für das Bildnis der hl. Verena am 15. Januar 1743 insgesamt 9 fl. *9 In der Kirche ist sie nicht zu sehen. Sie wird nur bei besonderen Anlässen verwendet und wird in der Sakristei aufbewahrt. Sie wurde früher bei den Prozessionen mitgetragen.
Siehe auch Lorettokapelle.*8





Deckengemälde aus 1909 von Ferdinand Kaltenbacher.


Fahnenbilder von Luzian Reich senior mit Verena und Gallus. *9

1Die Verenakapelle in Bachzimmern – unter besonderer Berücksichtigung ihrer Wandmalereien. Werner Fischer, Peter Kempter, Renate Keusen, Antonia Reichmann. Schriften der Baar, Bd. 53/2010 S. 59–80
2 Wikipedia: Theben
3 Wikipedia: Römisches Reich
4 Wikipedia: Thebäische Legion
5 Wikipedia: Diokletian
6 Wikipedia: Einsiedelei Stankt Verena
7 Heiligenlexikon.de
8 Geschichts- und Heimatverein Villingen
9 Chronik der Stadt Hüfingen von August Vetter 1984

Das Denkbuch von Lucian Reich 1860 bis 1868

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896 ist ein Herzensprojekt von mir das ich seit April 2022 voran treibe und immer wieder neue Erkenntnisse beifüge. Momentan befinde ich mich im Jahr 1860 und habe das Buch in mehrere Teile unterteilt.

Der 1. Teil : Der Hänslihof und das Denkbuch von Lucian Reich 1750 bis 1813
Der 2. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1813 bis 1830
Der 3. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1830 bis 1833
Der 4. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1833 bis 1836
Der 5. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1837 bis etwa 1860
Der 6. Teil: Denkbuch von Lucian Reich

Eine Übersicht der einzelnen Teile gibt es hier:

Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896

Unten der 6. Teil. Der Text von Lucian Reich ist in kursiv, die Zahlen sind die Seitenzahlen aus dem Original

129 War es auch nicht gerade ein „lustiges”, so war es doch ein reges produktives Leben, das sich hinter der Bretterverschalung des neuerstehenden Kunsttempels — von Pflastertretern „Steinhaufen” genannt — aufgetan. Wie in den obern Räumen gezeichnet und gemalt, so wurde in den untern modelliert und gemeißelt, denn auch Xaver hatte sich nach einjährigem Verweilen in der ewigen Stadt eingefunden, um zunächst seine Statuen, Bildhauerei und Malerei für die Altane des Portals in Marmor auszuführen. Einen Punkteur hatte er von München kommen lassen, auch einen Steinmeß fürs Ornamentale. Es war eine kleine Kolonie, zu welcher Beck und, wie bereits erwähnt, auch Lukas Engesser, des Meisters Hübsch bevorzugter Bauführer, gehörten. 

130 Nach Auerbachs Weggang hatte Herm. Kurz die Redaktion des von der Müller’schen Hofbuchhandlung verlegten Familienbuches übernommen. Zu seinen Aufsätzen in demselben zeichnete ich Illustrationen, die Heinemann mit der Feder auf Stein übertrug. Mit Gemüt und poetischer Gestaltungsgabe verband kurz echten Humor, das so seltene Gewürz im deutschen Dichtergarten; wir waren oft mit ihm zusammen. „Ich bin fest überzeugt”, sagte eines Abends Xaver, als wir politisierend bei einem Glase Bier sassen, „daß Elsaß-Lothringen dereinst wieder zu Deutschland kommen wird.”— „Ja”, stimmte Kurz bei, „der Zeiger an der Uhr geht zwar langsam, aber sicher wird’s einmal auch zum Schlagen kommen”.

Unsere mehrjährige Tätigkeit in der Kunsthalle war beendet. Wiederholt hatte der Großherzog sie in Betracht genommen und seine Befriedigung ausgesprochen. Da weitere Beschäftigung nicht in Aussicht, hatten die Kolonisten ihre Zelte abgebrochen und sich nach allen Richtungen hin entfernt. 

Schwind hatte vor seinem Weggange noch ein Oelbild zu malen begonnen — seinen „Rhein“ wobei er, wie er mir sagte, zeigen wollte, daß er imstande sei, ein großes Oelbild zu malen aber nicht wie so viele neuester Schule, die den menschlichen Körper behandelten , wie einen Baumstamm, lediglich nur zum Auffangen von Schatten, Lichtern und Reflexen. 

Meinen Bruder allein hielten kurze Zeit noch Aufträge von Münzrat Kachel und Baurat Fischer zurück. Ich aber nahm den Kurs wieder dem Quellengebiete der Donau zu, ebenso auch Heinemann. In München, wo er bei Hohe Blätter für Hanfstängls Dresdener Galerie in Kreidemanier auf Stein zeichnete, hatte er von diesem den Antrag erhalten, unter vorteilhaften Bedingungen bei ihm in Dresden einzutreten, was Heinemann, der baldmöglichst selbständig werden wollte, ablehnte. Nun halte er sich in Hüfingen haushäblich niedergelassen und ein Geschäft eröffnet. 131


Heinemann heiratete am 31.01.1854 Lisette Reich, die Schwester von Lucian

131 Schon einmal hatte ich, von Kurz veranlaßt, zu einem Genrebild aus der Baar den Text geschrieben und dieses Verfahren wollte ich jetzt wieder einschlagen. Die Skizzen und Notizen, die ich früher bei meinen Streifzügen durch die Baar und den Schwarzwald gesammelt, wollte ich, vervollständigt durch schriftliche Beiträge von der Hand des Vaters, zu einem Gesamtbilde vereinigen und mit Hilfe Heinemanns in Buchform herausgeben. 

Aber ein Verleger, der mit einem Vorschuß die Herausgabe ermöglicht hätte? —Ich wendete mich an den fürstlichen Hofmarschall Baron von Pfaffenhofen, durch den ich kurz vorher veranlaßt worden war, von Karlsruhe aus eine Reise nach Heiligenberg zu machen und Skizzen zu einer dort geplanten Restaurierung zu entwerfen, die indes nicht zur Ausführung kam, und nun meinte Pfaffenhofen, der Fürst werde mir „als Aequivalent für Heiligenberg” gerne mit einem Vorschuß zu dem vaterländischen Unternehmen unter die Arme greifen. Ich hatte Skizzen zu den Bildern vorgelegt und auch über den beabsichtigten Text mich ausgesprochen, und der allen Bestrebungen in Kunst und Wissenschaft förderlichst entgegen kommende Herr sprach sich anerkennend darüber aus. In unsrer nivellierenden, alles zersetzenden Zeit, sagte er, wäre es doppelt verdienstlich, dem Volke das „Gute und Schöne”, was es noch besitze und eigen nenne, wirksam vor Augen zu stellen, wozu auch die alten Landestrachten zu rechnen seien. In meiner Gegenwart gab mir der erlauchte Herr sodann, als „Landgraf in der Baar“ seine Zusage schriftlich. 

Postkarte von Hüfingen mit den Schützenhaus und der Breg

Meinem Bruder war indessen das Schloßatelier wie früher zur Verfügung gestellt worden, in welchem sich wieder eine vielseitige Tätigkeit entfaltete; denn es war nicht nur eine Bildhauer-, auch eine Büchsenmacherwerkstatt war es, in welcher geschäfftet, pistoniert und einmal auch ein neuer Gußstahllauf mit Zügen versehen wurde. mit Zügen versehen wurde. Wie in Karlsruhe, wo wir der Schützengesellschaft beigetreten waren, beteiligten wir uns als aktive Mitglieder auch bei den hiesigen Gesellschaftsschießen. Viele Jahre hindurch versah Xaver dabei das Amt des Schützenmeisters, und es verdient registriert zu werden, daß er und Heinemann vor etlich und zwanzig Jahren zur Ueberzeugung gelangten, ein kleineres als das bisherige Kaliber habe nicht nur größere Rasanz, sondern auch größere Trefffähigkeit; und demgemäß beschafften sie sich Standrohre mit einem dem jetzigen beim Militär eingeführten Kaliber nahezu gleich kommenden. — Die äußerst zweckmäßige Schießhalle verdankt die stets noch bestehende Gesellschaft der Munifizenz des letztverstorbenen Fürsten Karl Egon; früher Kegelhaus im hiesigen Schloßgarten überließ sie der erlauchte Herr auf Verwenden meines Bruders der Gesellschaft und wohnte dann als hochgefeierter Gastschütze der Einweihung selbst bei.

132 Wir, Heinemann und ich, waren noch mit Vorbereitungen, Tondruckproben rc. zu unserm Bildwerke beschäftigt, als das politische Dunst- und Wettergewölk des Jahres achtundvierzig bebröhlich am Horizont aufstieg. Und als es dann losging, die Sturmglocken und die Feuertrommeln ertönten und die Aufgebote mit Schießeisen, Spießen und Sensen in gleichem Schritt und Tritt durchs Städtlein marschierten hinüber zum Volksrate der bekannten Zehntausend auf dem Donaueschinger Marsfeld, vulgo Rübäcker, da hätte es ganz andere Bilder zu zeichnen gegeben, als die, welche wir unserm Werklein beigeben wollten, da hätte ich die schönsten Studien machen können zu dem Fries aus dem Bauernkrieg, den ich gezeichnet, und wozu Freund Kurz ein markiges Gedicht geschrieben hatte.

Nachdem der Sturm sich gelegt, und man in Ruhe sich wieder den Künsten des Friedens zuwenden konnte, hatten wir, ehe wir unser angefangenes Werk fortsetzten, Musterblätter für Schwarzwälder Uhrenschildmaler herauszugeben begonnen, wozu auch Joseph Heinemann und Heinrich Frank Beiträge gaben. Als ich das erste Heft dem fürstlichen Protektor unterbreitete, sagte er, im Glauben, als wären wir mit unserm heimatlichen Hieronymuswerk auf unwegsamen Boden geraten: „Nun, ich lasse Ihnen das Geld auch zur Forderung dieses Unternehmens.“ Ich gab ihm jedoch das Wort, beide würden zu erwünschtem Ende geführt werden. 133

Josef Heinemann (1825 – 1901)
Bleistiftzeichnung von seinem Bruder Johann Nepomuk Heinemann.

 
Josef Heinemann (1825 – 1901)
Bleistiftzeichnung von seinem Bruder Johann Nepomuk Heinemann.

133 Im Jahr 52 hatte mich der Bau eines andern Kunsttempels wieder in die Residenz geführt, das Hoftheater, an und in welchem es Verschiedenes zu malen gab, wozu auch Joseph Heinemann und Gleichauf berufen wurden und auch mein Bruder mit seinen Terrakotten sich beteiligen sollte. — Neben diesen Arbeiten her besorgte ich die Korrekturen des Textes zu unserm Werklein. Obgleich das Buch, von Geßner in Kommissionsverlag genommen, binnen kurzem vergriffen, war das finanzielle Ergebnis weder für den Autor noch den Lithographen ein besonders ermutigendes.

Rudolf Gleichauf mit  etwas 30 Jahren

Rudolf Gleichauf
Litographie um 1850 von J.N. Heinemann

133 Obgleich das Buch, von Geßner in Kommissionsverlag genommen, binnen kurzem vergriffen, war das finanzielle Ergebnis weder für den Autor noch den Lithographen ein besonders ermutigendes. Nachdem ich mehrere Jahre später den mir vom verewigten Fürsten gewährten Vorschuß in, von der fürstlichen Domänenkanzlei festgesetzten Fristen zurückerstattet hatte, wollte sich in der Rechnung beinahe ein merkliches Defizit herausstellen.

Zu den bedeutendsten Aufträgen, die mein Bruder von Fürst Karl Egon III. erhalten hat, gehörte die Aufgabe, bei der Neueinfassung der Donauquelle im Schloßhofe auch diese mit einer Figur oder Gruppe zu charakterisieren. Statt wieder eine Nymphe, sagte mir Xaver, wolle er die junge Donau als Kind im Schooße der Baar in Vorschlag bringen. Dem Fürsten gefiel dieser die Heimat des Stromes so klar bezeichnende Gedanke; und der Beauftragte modellierte das Modell zu der Gruppe dann in München im Verkehr mit den Freunden Schwind und Schaller und auch mit Professor Widenmann.

Mutter Baar am Zusammenfluss

 Die junge Donau als Kind im Schooße der Baar

133

Daß dem so mannigfach Beschäftigten, von dem Cornelius seiner Zeit gesagt, er zeige entschieden Begabung für monumentale Aufgaben, stets auch noch Hand und Sinn fürs Bildnisfach zu Gebote stehe, bewies er an der Porträtstatue des verewigten Fürsten am Portal des Schlosses Heiligenberg und an der Büste des Fürsten von Hohenzollern Sigmaringen, sowie an der seines Schwagers Ludwig Kirsner an dessen Denkmal in Donaueschingen.

Fuerstenbrunnen

Fürstenbrunnen in Heiligenberg

Ich hatte gezögert, die mir (1855) vom Großh. Oberstudienrat angetragene Zeichenlehrerstelle am Lyceum zu Rastatt (um die ich mich in der sterilen Zeit unmittelbar nach 49 beworben) anzunehmen. Die Bundesfestung, in welcher ich (1850) einer standgerichtlichen Verhandlung als Entlastungszeuge angewohnt, wußte ich, stehe nichts weniger als im Rufe größer gesellschaftlicher Annehmlichkeiten und geistiger Regsamkeit. Zudem waren die Aussichten lichtere, vom Prinzregent Friedrich war mir eben erst der ehrende Auftrag geworden, die Mainau und den Badischen Bodensee zu beschreiben und zu illustrieren. Doch etwas Gewisses, mußte ich mir sagen, wäre auch in Anschlag zu bringen, also nahm ich an. 

Gegen ein mäßiges Entgelt war mir ein Zimmer im Mittelbau des Schlosses eingeräumt worden, in welchem ich größere, meist kirchliche Bilder malte. Doch vertrieben mich die Kriegsstürme immer wieder aus dem ruhigen, an so manche Sieges und Ruhmestat — aber auch an die Vergänglichkeit aller irdischen Macht und Herrlichkeit mahnenden Asyl. Auf beschränktere Räumlichkeiten angewiesen, malte ich Landschaftliches, Genre und erlegtes Wild, dieses zum Teil für die Badener Rennklubverlosung, und auch für den human gesinnten Kunst- und Altertumsfreund Grafen Zeppelin-Aschhausen, der mich in antiquarisch-artistischen Angelegenheiten von Baden aus öfter besuchte.

Länger als ein Jahrzehnt stand ich mit Dr. Krönlein in Verbindung, der mich eingeladen hatte, für den „untern Stock“ der Karlsruher Zeitung feuilletonistische Beiträge zu liefern. Nicht selten war ich bei gesellschaftlichen Anlässen als Arrangeur und Regisseur in Anspruch genommen, auch schrieb ich ein und anderes dafür. Für mich selbst verfaßte ich etwelche Stücke, über welche mir ein Fachmann und Autor, den ich um sein Urteil gebeten hatte, schrieb, sie hätten etwas Apartes, wären nicht nach der Schablone, sondern nach der Natur gearbeitet, und es möchte jeder, dessen Urteil kein korrumpiertes, fühlen und wünschen, sie auf die Bretter gebracht zu sehen. Um dieses erreichen zu können, müßten die Stücke jedoch gedruckt an mehrere Bühnen zugleich versendet werden können — eine Ausgabe, welche mein Finanzministerium mir nicht gestatten wollte.

Aus der beschränkten von der Murg bespülten Sphäre heraus hatten mich in früheren Jahren stets auch wieder auf verschiedene Veranlassungen unternommene, größere Ausflüge geführt nach Nürnberg, Köln-Düsseldorf und wiederholt nach Frankfurt. Im Jahr 68 feierte der Cäcilienverein sein 50 jähriges Jubiläum, wozu ich vom Festkomitee eine Einladung erhalten hatte. Der wahrhaft würdigen Feier wohnten, nebst einer großen Anzahl musikalischer Persönlichkeiten ersten Ranges von nah und ferne, noch drei Mitglieder an, die vor 50 Jahren beim ersten Vereinskonzert in der Wohnung des Gründers mitgewirkt hatten. Das großartige Jubiläumstonzert mit den weihevollen Klängen und Chören der hohen A-moll Messe von Sebastian Bach (der Geigerkönig Joachim an der Spitze), das der vormittägigen akademischen Feier im Saalbau folgte, rief mir Erinnerungen wach an die Konzerte im „Weidenbuschsaal“ und was mit ihnen an Mühen, Sorgen und Opfern zusammenhing. —

Der zweite Teil der Feier des folgenden Tages war der geselligen Seite gewidmet — Bankett und Tanz. „Der große Saal“ heißt es in einem Festberichte, erstrahlte von Lichterfülle. Das Podium hatte sich in einen Garten von Grün und Blumen verwandelt, in dessen Mitte die plastische Kolossalfigur der heiligen Cäcilie thronte, die Hände segnend über die Büsten Schelble’s und Messer’s seines Schülers und Nachfolgers breitend“. Die Gesellschaft bot eine Fülle von Jugend und Schönheit, Würde und Verdienst, Wissen und Kunst und zugleich ein Konglomerat aller Kreise dieser Stadt. Den Reigen der offiziellen Toaste eröffnete Dr. Eckhard, der die Versammlung mit beredten Worten begrüßte und — als Dankopfer für die Toten — unter rauschendem Beifall der Versammlung sein Glas auf das Andenken Schelble’s leerte. 

Von den nachfolgenden Trinksprüchen war einer der bedeutendsten der von Vincenz Lachner, welcher im Namen seiner Brüder einen Toast erwidernd, sein Hoch der Stadt Frankfurt brachte, deren ächter Bürgergeist in anhaltender und treuer Arbeit mehr für das wahre Gedeihen und Blühen einer ernsten und sittlichen Kunst getan habe, als anderswo Spenden der Kronenträger und Höfe. Auf diesen Geistessieg des freien Bürgertums leerte der gefeierte Redner sein Glas. 

Von alldem war ich jedoch nicht mehr Augen- und Ohrenzeuge. Für mich war die Feier mit dem Konzerte beendet. Nachdem ich mich schriftlich vom Vorstand des Vereins verabschiedet, dämpfte ich im frühesten Morgengrauen wieder dem Festungsgürtel zu — doch nicht ohne noch ein zweites schönes Erinnerungsblatt dem andern angereiht zu haben.

Einem innerlichen Triebe folgend hatte ich den Tag vor der Festlichkeit zu einem Ausfluge nach Mainz benützt, dem Altmeister Weit und der Familie seines Schwiegersohnes Settegast einen Besuch abzustatten. Ich fand den verehrten Meister körperlich und geistig rüstig, all sein Tun und Denken immer noch einer ernsten und sittlichen Kunst zugewandt. Wäre er jünger, versicherte er, würde ihn nichts abgehalten haben, dem Vereinsjubiläum ebenfalls anzuwohnen. Ich freute mich, einen alten Bekannten bei ihm anzutreffen, namens Hieronymus, den er auf seinem Tische liegen hatte und dem er viel Gutes nachsagte. Im Laufe des Gesprächs meinte er, er gehöre nun auch schon zu den hinterm Zeitfortschritt zurück gebliebenen. Ich aber war der Ansicht, es werde ihm dies dereinst sicherlich zum Verdienst angerechnet werden. 

Settegast begleitete mich in den Dom, wo er mit Ausführung der Wandbilder nach Weits Entwürfen beschäftigt war. Ich konnte mir nicht versagen, dieselben in photographischer Nachbildung von der Verlagshandlung nachkommen zu lassen. Ein liebes Blatt erhielt ich später noch von Settegast, eine eigenhändige Zeichnung aus dem Nachlasse Weits, die, über meinem Arbeitstisch hängend, mir immer wieder längst entschwundene Tage ins Gedächtnis ruft. 

Die Festfeier des Cäcilien-Vereins zu Frankfurt am Main bei Gelegenheit seines 50jährigen Jubiläums war am 28. und 29. Oktober 1868.

Ende

Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896

Gigantismus pur

Die für ihre Handelsketten Lidl und Kaufland bekannte Schwarz-Gruppe will 5,6 Milliarden Euro in den Bau eines Rechenzentrums in Dummerstorf bei Rostock investieren. Geplant sei der Aufbau eines Datacenters mit einer Kapazität von 240 Megawatt bis 2033, teilte das Unternehmen mit. (Bad. Zeitung v 28. August 2026)

Wo sie neuerdings doch überall diese riesigen Zentren errichten – was steckt da bloß dahinter? Die in Heilbronn beheimatete Schwarz-Gruppe baue bereits ein weiteres Rechenzentrum in Brandenburg für elf Milliarden Euro, berichtet die Badische Zeitung und zitiert den Chef des Unternehmens, Gerd Chrzanowski: „Digitale Souveränität entsteht nicht durch Appelle oder Reden. Sie entsteht durch Handeln, durch verlässliche Infrastruktur und durch praxistaugliche Anwendungen.“ Standortsvorteile würden Mecklenburg-Vorpommern wie auch Brandenburg bieten durch die hier produzierte Windenergie, wo solche Rechenzentren doch Unmengen von Energie benötigen – spätestens dann, wenn sich der Einsatz künstlicher Intelligenz vollends durchgesetzt haben wird.

Vor unbeherrschbaren Risiken der KI-Revolution glaubt inzwischen allerdings sogar ein Bill Gates warnen zu müssen, der sich bei Microsoft aus dem operativen Geschäft längst zurückgezogen hat. Sein Unternehmen plant unterdessen im Elsass drüben dennoch gerade ebenfalls ein Rechenzentrum gigantischen Ausmaßes. Ob auch dort die dafür verfügbare Energie den Standortsvorteil bringt, scheint eher zweifelhaft zu sein, nachdem das AKW in Fessenheim doch schon seit Jahren stillgelegt ist und nun endlich rückgebaut werden soll. Dass auch auf Kühlung und Wasserkraft des Rheins spätestens seit diesem Hitzesommer kein Verlass mehr ist, sollte sich eigentlich doch auch bis in die Vereinigten Staaten herumgesprochen haben, so sehr man dort weiterhin den Klimawandel meint ignorieren zu können. Oder setzt man bei Microsoft (wie auch beim französischen Energieversorger EDF) bereits auf die Kernfusion als Schlüsseltechnologie der Zukunft?

Ob man sich da nicht auch auf der Baar auf derlei Rechenzentren gefasst machen sollte, seien sie von Lidl oder von ALDI? Ob man sich für die kommunalen Haushalte nicht sogar schon darauf verlassen darf – wo doch bereits die Zentrallager bzw. Logistikzentren dieser Firmen hier angesiedelt sind? Und schaut man auf die Horizonte ringsum: Haben wir in Sachen Wind- und Sonnenenergie nicht mächtig aufgeholt und in den zurückliegenden Jahren schon beinahe mecklen- bis brandenburgische Verhältnisse erreicht. Schade nur, dass wir, was die hiesige Windhöffigkeit anbetrifft, noch immer nicht so ganz konkurrenzfähig sind. Aber was soll´s: wenn rundum alle Windräder 250 Meter hoch wären, so wie unsere neuen auf der Länge, so müsste es doch klappen – allenfalls Repowering der Altanlagen ist also angesagt, wo auf „digitale Souveränität“ (G. Chrzanowski) Wert gelegt wird!

Oder sollte ich da womöglich ein bisschen geträumt haben nach der Lektüre der Tageszeitung bei schwüler Mittagshitze? War es gar ein Albtraum? Vor neun Jahren hatte ich in der Zeitschrift Schwäbische Heimat (2/2017 unter der Überschrift Albtraum badische Alb. Wie ein Waldgebiet der Windkraft geopfert wird) einen recht kritischen Beitrag über die Vorgänge auf der Länge veröffentlicht. Denn kurz vor Jahresschluss 2016 war hier die immissionsschutzrechtliche Genehmigung für zwei Windparks mit zusammen 13 Anlagen erteilt worden. Was war das damals doch für eine Aufregung unter den Wald-, Landschafts-, Vogel- und Fledermausfreunden – und an was alles werden die sich künftig erst noch zu gewöhnen haben … trotz oder wegen der sich verschärfenden Klima- und Biodiversitätskrisen!

Windenergie auf der Länge – schwer im Kommen!

Denkbuch von Lucian Reich 1837 bis etwa 1860

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896 ist ein Herzensprojekt von mir das ich seit April 2022 voran treibe und immer wieder neue Erkenntnisse beifüge. Momentan befinde ich mich im Jahr 1836 und habe das Buch in mehrere Teile unterteilt.

Der 1. Teil : Der Hänslihof und das Denkbuch von Lucian Reich 1750 bis 1813
Der 2. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1813 bis 1830
Der 3. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1830 bis 1833
Der 4. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1833 bis 1836
Der 5. Teil: Denkbuch von Lucian Reich 1837 bis etwa 1860

Eine Übersicht der einzelnen Teile gibt es hier:

Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896

Unten der 5. Teil. Der Text von Lucian Reich ist in kursiv, die Zahlen sind die Seitenzahlen aus dem Original


Nach einem mit den Freunden auf der Sachsenhäuser Warte gehaltenen Abschiedstrunk bestieg ich den Omnibus nach Darmstadt, um von dort — wie sich’s damals bei jungen Leuten von selbst verstand — zu Fuß weiter zu pilgern, den Heimatbergen zu. Heinemann war mir bis Vöhrenbach entgegen gekommen. Von Zeit zu Zeit hatte er uns von seinem Kunststreben Nachricht gegeben, als Probe einmal auch das Bildnis unsrer Schwester in der Schappeltracht der Baar gesendet. Anfänglich wollte er Schildmaler werden bei Dilger in Neustadt, einer der Werkstätten, in welchen sich im Laufe der Zeit eine fire Technik ausgebildet hatte, die vollständig genügt hätte, den ebenso praktischen wie charakteristischen, hell lackierten und bemalten, „Schild“ der Schwarzwälderuhr artistisch weiter auszubilden. — Nach des Meisters baldigem Tode hatte sich Heinemann bei Keller in Donaueschingen dem lithographischen Fache zugewandt. Bei seinen Eltern in Hüfingen wohnend und jeden Tag den Weg hin und her machend und ausschließlich mit schriftlichen Arbeiten, Tabellen und Impressen beschäftigt, war es ihm nur in freien Stunden vergönnt, Porträts nach der Natur zu zeichnen – und wie viele und treffliche hat er auf Stein gezeichnet, unter andern eins von W. Rehmann und ein frühestes von Scheffel als Lyceist. 114

Karl von Schneider (2.11.1847 – 26.09.1923) Litograph in Hüfingen Bleistiftzeichnung von J. Nepomuk Heinemann, etwa 1895
Karl von Schneider, Bleistiftzeichnung von J. Nepomuk Heinemann, etwa 1895

114 Im elterlichen Hause war unterdessen manche Wandlung eingetreten. Das rege Leben im obern Stock war zum Stillleben, der gute Großvater von seinem Tagewerk abberufen worden. Nur der Großmutter (Katharina Schelble geb. Götz (01.11.1760-04.04.1847) hatten die Jahre scheinbar nichts anzuhaben vermocht. Stets saß sie von Morgen bis Abend noch an der Kunkel. Am Sonntag vor dem Gottesdienst kam regelmäßig der „Vetter Galli”(Gallus Götz 21.10.1757-29.11.1840)  ihr Bruder, groß und hager, mit einem Gesicht, charakteristisch wie der beste Holzschnitt Dürers, um den Kaffee bei ihr einzunehmen. Und da sie selbst nicht mehr zur Kirche gehen und auch nicht mehr lesen konnte, mußte ihr immer Eins von uns das sonntägliche Evangelium vorlesen; denn aufrecht wie ihre Gestalt war ihr religiöses Bekenntnis, von dem sie kein Jota abging; aber keine Betschwester, die meint, mit dem fleißigen Kirchenbesuch seis abgetan. Kam je eine solche, ihr Nachteiliges von andern zu hinterbringen, so sagte sie: Ich will nichts hören, es hat jedes g’nug vor der eignen Tür zu kehren! Eine Freude für sie war, wenn nachmittags der „Nepomuk und die Molly- (Johann Nepomuk Schelble und seine Frau) kamen. Aber auch sie waren immer viel in Anspruch genommen mit Einrichtung und Verbesserungen ihres Hauses und Gütchens. Die Großmutter stammte aus der Hofbauernfamilie Götz, deren Haus in der Vorderstadt noch ganz die mittelalterliche Bauart zeigte und auch eine allerdings trübselige geschichtliche Bedeutung hatte, insofern als die Scheuer der Hauptschauplatz war des gräuelvollen Blutbades vom Jahre 1632 beim Ueberfall der Stadt durch Württembergisches Kriegsvolk.

Katharina Schelble geb. Götz (01.11.1760-04.04.1847) 
gemalt von Reich senior ihrem Schwiegersohn im Jahre 1829.
Sie ist die Mutter von dem Musiker Johann Nepomuk Schelble und die Großmutter von Elisabeth Heinemann geb. Reich und Lucian Reich und Xaver Reich.

114

Der Vater machte jetzt wenig Gebrauch mehr von seiner Kunstbegabung. Der Schlüssel zur Werkstatt hing oft wochenmonatelang unberührt am Nagel; und wenn ich ihn je einmal zur Hand nahm und hinab ging, schauten mich Cicero, Adonis, Herkules, Bacchus et Comp. — Bildhauer Brunner’schen Angedenkens — die ich vor meinem Abgang nach Frankfurt so schön auf Tonpapier gezeichnet — von ihren bestaubten Schäften herab wehmütig und verlassen an.—

Kam der einst so kunsteifrige Besitzer aus der Schule heim, so nahmen ihn schon wieder andere Sorgen und Mühen außer dem Hause in Anspruch. Er hatte ein Gipslager auf der Gemarkung entdeckt und an der Breg eine Dunggipsmühle, und in Verbindung mit seinem tätigen Schwager  Nober am „Kännerbach“ eine Wollespinnerei errichtet, wozu später noch an der Breg Cement- und Schwarzkali-Fabritation kam. Die Standesherrschaft wie auch der damalige Gemeinderat waren den Unternehmungen im wohlverstandenen Interesse der Allgemeinheit fordernd entgegen gekommen.— des Vaters Werkbank in der Wohnstube glich jetzt einer bunt durcheinander gewürfelten Mineraliensammlung, zu welcher die ganze Umgegend Beiträge geliefert hatte. Im Umgang mit Hofrat W. Rehmann und Oberforstinspektor Gebhard, sowie als aktives Mitglied des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte in Donaueschingen (Baarverein), hatte er sich geognostische Kenntnisse erworben, um welche ihn, wie Professor Fickler sich ausdrückte, mancher Professor hätte beneiden können. 115

Alte Haustür Haus Nober –mit dem Schaf als Wappen für die Wollspinnerei.

115 Nicht gleichen Schritt mit seinem Unternehmungseifer hielten aber die pekuniären Erfolge; das fortwährende Verbessern und Aendern der Werke nahm die beschränkten Mittel allzusehr in Anspruch; dazu kam noch der Betrieb durch fremde, nicht immer ganz zuverlässige Leute. — Und somit floß jetzt das Leben im elterlichen Hause nicht mehr in ruhigem geregeltem Gang dahin wie früher.

Haus Nober etwa 1910

Aber auch die Amtsstadt zeigte die ehemalige Physiognomie nicht mehr so ganz. Der Zeitgeist hatte manchen Zug bereits verwischt oder verdrängt — wenn auch nicht in der Weise, wie der hinkende „Hafnerkaspar“ finden wollte: es habe kein Bürger mehr den richtigen bürgerlichen Gang, — ja wenn er Rock gesagt hätte, den dunkelblauen langen Tuchrock (von Spöttern Zehenklopfer genannt) mit umgelegtem Kragen und Knöpfen statt Haften, wodurch sich der Handwerksmann vom Bauer unterschied. Auch der Bauer hielt nicht mehr so zäh am Alten fest. Nur die Bäurin schritt sonntags noch im vollen Staat mit weißlackiertem Strohhut, gesticktem Goller, Fürstecker und silbernem Gürtel zur Kirche, während vielleicht das Töchterlein den Tag kaum erwarten konnte, wo es sich die leichtere Modekleidung aneignen dürfte. Den umgekehrten Fall, die Verwandlung eines ,Rockmeidli- in ein Jüppemeidli, habe ich nur einmal dahier beobachtet.

Form für einen Strohhut im Franziskanermuseum in Villingen
Das Bild rechts zeigt die weibliche Tracht, eine junge Frau in dem hohen weißen Strohhut mit den schwarzseidenen Bändern zur Seite, in dem großen seidenen Halstuch, in dem schwarzen Armelschopen, mit dem gestickten Vorstecker und den „rothsamtenen“ Nesteln, mit der silbernen Gürtelkette auf der festtäglichen Schürze, dem „Bigkorb“ an dem einen Arm ist sie als auf der Wanderung in ein nahegelegenes Dorf oder Städtchen gedacht.
Frau mit weißem Strohhut von Rudolf Gleichauf
„Weißlackierter Strohhut“ im Hieronymus
Dame mit Strohhut im Kelnhofmuseum in Bräunlingen.

116 Vor wenig Jahrzehnten hätten die alten Wallfahrtskapellen mit ihren vielen Votivtafeln Gelegenheit geboten zu Trachtenstudien, aus welchen zu ersehen gewesen, wie manche jetzige Tracht nur noch ein Rest der alten ist. Gleich wie die Landestrachten mehr und mehr verschwinden, so wird von altem Herkommen, Sitten und Bräuchen, bald nicht viel mehr übrig sein.

Hat doch selbst Frau Fastnacht ihr eigenartiges Gewand zum Teil schon abgelegt, indem sie in Stadt und Dorf in Gestalt von allen möglichen Trauer-, Schau- und Lustspielen programmgemäß über die Bretter geht. Daß trotzdem aber die humoristische Volksdichtung, die ihren Stoff dem alltäglichen Leben entnimmt, immer lustig noch die Pritsche schwingt, davon lieferte der diesjährige Karneval dahier einige recht gelungene Proben. 

Und auch der Hansel oder Heine-Narro hat stets noch sein Recht behauptet. — Ob er seit alter, d. h. mittelalterlicher Zeit, im Baargau schon heimatberechtigt, möchte schwer zu entscheiden sein. Die Chronisten melden meines Wissens nichts davon. Nur soviel ist anzunehmen, daß er, ähnlich dem „Schem- oder Schönbartlaufen” immer nur in stadtbürgerlichen Kreisen, nie aber auf dem Lande, in einem Dorf oder Landsitz, sein Wesen getrieben habe. Aus sehr alter Zeit stammt seine Tracht. Denn schon im Parsival lesen wir, daß die besorgte Mutter dem Söhnlein ein bunt bemaltes Narrenkleid habe anfertigen lassen, um damit seine Herkunft zu verbergen. Auch die Kapuze mit dem Fuchsschwanz (doch ohne den in Villingen gebräuchlichen Halstragen, der viel jünger ist) beweist sein uraltes Herkommen; denn weniger die Metallschelle, die ja auch Vornehme an ihrer Kleidung trugen, als vielmehr die Zier Meister Reinecke’s war das Attribut des Schalksnarren, weshalb sie auch an der weiland Bühler Narrenchronik prangte. 116

Fasnet im Hüfingen mit Marienbrunnen in der Mitte und trinkenden Narren drum herum.

Aus dem „Hieronymus“, Kapitel 14.
Film von Ernst Kramer aus 1950

117 Der Hansel betrug sich übrigens nicht immer so harmlos und gefällig wie jetzt. Er war gefürchtet seiner bösen Zunge wegen und der rücksichtslosesten Lust am „Strälen“. Und wenn er, umtollt von einem Schwarm Gassenbuben, vor einem Hause Posto gefaßt, und diese das eingelernte Liedlein anstimmten, wurde oben das Fenster rasch zugemacht und das Vorhänglein zugezogen.

Auf dem Speiszettel einer rechtschaffenen Fastnacht standen Leckerbissen vom hausgeschlachteten Säulein obenan. Erst am Aschermittwoch gab man dem Stockfisch, und allenfalls „gschlampeten“ Schnecken die Ehr. Abends fanden in den meisten Wirtschaften Fastenessen statt, an welchen sich in der Regel nur Eheleute beteiligten. 

Eingeleitet wurde die Fastnacht (sowie die Kirchweih) Sonntags mit einem Ball, dem nie ein Essen fehlen durfte, zu welchem eine Liste zirkulierte. Es hatte das Gute, daß, im Gegensatze zum gewöhnlichen Tanze, auch ältere und verheiratete Leute sich einfanden, wodurch der Abend mehr den Charakter des Familiären und Gemeinsamen erhielt. Aktive und Passive mit statutengemäß bedingtem Zutritt gab es damals noch nicht, beim Cäcilienball nur insofern, als von Kirchenchor-Mitgliedern gut einstudierte hübsche gemischte Chöre und Lieder zum Vortrag gebracht wurden.

117 Auch Xaver war von München zurückgekommen. Im Atelier Schallers hatte er, obgleich im Steinarbeiten nicht geübt, resolut zu Hammer und Meißel gegriffen und nach Schallers Modell die Holbeinstatue für die Pinatothek in Stein ausgeführt. Im Lehrsaal Zwergers war er bis in die letztere Zeit der einzige Schüler gewesen, der sich ausschließlich der Plastik widmete. Zu den jüngern Fachgenossen, mit denen er jetzt verkehrte, zählte vor allen Hähnel (später Professor in Dresden). Entwürfe, die er mir von seiner Tätigkeit als Mitglied eines Komponiervereins zuschickte, ließen ein frisches, freudiges Schaffen erkennen. 

Jetzt, nach kurzem Verweilen in der Vaterstadt, hatte er das Glück, an Fürst Karl Egon zu Fürstenberg einen Mäcen zu finden. Der erste bedeutende Auftrag betraf die Donaugruppe für den fürstlichen Park, wozu er das Modell in München fertigen sollte. 

Die junge Donau als Kind im Schoße der Mutter Baar. Sandsteingruppe am Zusammenfluss von Brigach und Breg.

118 Im Gesellschaftshause Frohsinn hatte er Atelier und Wohnung gemietet; und ein glücklicher Gedanke war es den Kunstheros Cornelius um einen Besuch zu bitten. Und er kam oft, der kleine große Mann mit dem Blicke des Adlers, und nicht nur mit Worten, auch mit genial hingeworfenen Bleistiftstrichen suchte er den jugendlichen Modelleur auf die Erfordernisse monumentaler Plastik ausmerksam zu machen. 

Wozu mir in Frankfurt die Anregung gefehlt, das tat ich jetzt wieder, indem ich ein Bild aus dem Leben malte. Hierauf begab auch ich mich ebenfalls nach München, wo ich im „Frohsinn”, den auch Schaller und Bildhauer Eduard Wendelstädt 1), Sohn des Inspektors am Städelschen Institut, bezogen hatten, mich einquartierte. 1)Das bedeutendste Werk dieses talentbegabten, frühe verstorbenen Künstlers ist die Statue Karls des Großen auf der Mainbrücke zu Frankfurt. Unser Schaffen und Streben war im besten Zuge, als uns, wie ein Blitz aus heiterem Himmel — denn er hatte sich ja in anscheinender Besserung befunden — die Nachricht vom Tode Schelbles traf. Es war ein neblig trüber Dezembertag, als wir, mit zwei Schweizer Fruchthändlern die einzigen Passagiere, von Lindau aus über den Bodensee hin fuhren.

Der fürstliche Protektor hatte meinem Bruder ein Atelier im Schloß zu Hüfingen herstellen lassen. Und es zeugt gewiß von seltener Zuversicht und Tatkraft, daß er die über 10 Fuß hohe Gruppe, von seinem getreuen, Seppele (Jos. Billinger), den er eigens dazu geschult, in Punkten gesetzt, eigenhändig in Stein ausführte. Während diese Arbeit mehr und mehr der Vollendung entgegen ging, zeichnete und malte ich viel nach der Natur im Freien. Und ist auch die kornreiche Hochebene für den gewöhnlichen Touristengeschmack keine eigentlich pittoreske, so ist sie doch nicht ohne idyllischen Reiz, namentlich für den, dem sie von der Heimatluft umweht entgegen tritt. Ein schöner frischer Juni- oder Julimorgen, zugebracht an den umbuschten Wiesenufern der Breg, im Tannenrauschen des Wolfbühls, oder unter den alten Föhren des Hölensteins, war an sich schon eine Studie. Und darin besteht ja der Wert einer solchen Skizze, daß sie uns immer wieder vergegenwärtigt, was wir dabei gedacht, gehofft und geliebt und manches Beengende im Verkehr mit der Natur vergessen gaben. 

119 Ungleich mehr malerische Einzelheiten boten die nahen Schwarzwaldteile mit ihren Hütten und Höfen, Milchhäuslein und Brunnen, felsigen Schluchten und weltentlegenen Einsamkeiten und billigen was doch auch zur Schönheit einer Gegend gehört – billigen Wirtszechen. Hotels gab es noch keine auf dem Wald. Schwarzwald war zu jener Zeit noch eine unbekannte, sozusagen noch nicht entdeckte Gegend. Es brauchte einer nicht gar weit her zu sein, um zu glauben, es wären da oben in den kaum ein paar Wochen des Jahres schneefreien Wäldern und Einöden häufig noch Bären und Wölfe anzutreffen. Der Strom müßigen Touristenvolkes war noch nicht hier, in die tannenumschlossenen grünen Täler und auf ihre luftfrischen Höhen gelenkt worden. Einen mobilen, skizzierenden und notierenden Kollegen getroffen zu haben, entsinne ich mich nicht, wohl aber einmal einen Gendarmen in einem Dorfe gegen Freiburg hin, der dem Skizzisten strengstens bedeutete, ohne polizeiliche Erlaubnis sei es im Lande niemanden gestattet, ein Haus oder einen Berg abzuzeichnen, und der just des Wegs daher wandelnde Ortsvorstand bestätigte es in seiner sabbatlichen Weinfeuchte.

Von Hüfingen aus hatte ich schon einmal die Badische Residenz und den Galeriedirektor Frommel besucht, der mir einen Auftrag gegeben, welcher aber nichts getragen hatte. Als ich jetzt wieder hinkam, wollte er mir nicht raten, in Karlsruhe zu bleiben. Unser Land ist klein und kein günstiges Terrain für Kunst, sagte er, und riet mir, um ein Stipendium aus dem Fonds für Künste und Wissenschaften einzukommen und nach München zu gehen; er wolle das Gesuch unterstützen. Also strebte ich wohlgemüt wieder den Ufern der Isar zu, da mir das Stipendium richtig zukam. 

Es lagerte eine herbstlich angehauchte Atmosphäre über der Kunstwelt Isar-Athens. Von Cornelius hieß es, er beabsichtige die Baierische Metropole zu verlassen. Mit ihm und seinen unvergänglichen Schöpfungen schloß die unter dem großen Mäcen König Ludwig erblühte Kunstperiode ab. Es war ein Uebergang, aber kein tatsächlich ermutigender. Die neue Aera sollte ja erst später, aber nicht von Innen, von Paris und Belgien herkommen; statt des bisherigen Idealismus — Naturalismus bis zum nüchternsten Modellismus.

Ungeachtet dessen muß zugegeben werden, daß die frühere Zeit für die jüngere Generation nicht immer förderlich gewesen ist. Die von König Ludwig ins Leben gerufene deutsche Kunst war vorzugsweise eine monumentale, oder doch wenigstens dahin gerichtete. Aber wie viele, die Beruf und Neigung hiezu nicht in sich fühlten, oder wenn es der Fall gewesen, keine Aussicht hatten, ähnliche Aufträge zu erhalten, mußten auf halbem Wege stehen, d. h. zurückbleiben. Wie in Frankfurt war auch an der Akademie in München zur Ausbildung in Genremalerei keine Gelegenheit geboten. Beim akademischen Studium wurde zu viel Gewicht aufs Komponieren und (Karton-) Zeichnen gelegt und zu wenig aufs Malen und die koloristische Wirkung Bedacht genommen — daher verhältnismäßig wenige ein Staffeleibild malen lernten. 

Im übrigen war es noch ganz das alte, gemütliche München, der schwarze Adler der erste Gasthof mit einem Comfort, wie er heute kaum einem Gasthof dritten Ranges genügen würde. Das erste Cafe war das Dillmetz’sche, ein gutes auch das Melcher’sche und ein kleineres, aber nicht minder beliebtes, das von Fink, einem gebürtigen Donaueschinger, unweit der Frauenkirche. Wollte einer wiedermal mit einem Trunke süßer Bacchusgabe sich gütlich tun, so lenkte er seine Schritte dem von Künstlern vielbesuchten -Englischen Kaffeehaus zu; und sonntags früh konnte es vorkommen, daß man in Gesellschaft eines Freundes dem Englischen Garten zusteuerte, um bei einer Tasse Mokka, oder gar schon bei einer schäumenden Halben der dienenden Menschheit, Kellnern und Kellnerinnen, Ladendienern und Dienerinnen zuzuschauen, die auf offenem Podium zu den Rhythmen eines Strauß’schen oder Lanner’schen im Tanze sich wiegten. 120

121 Abends aber saß man behaglich in der „Schießstatt“ beim Maßkrügel, ohne zu ahnen, wie bald sie vom Schienenstrang und seinem Bahnhof erfaßt und weggefegt werden sollte. Es bestand dort ein zwangloser Künstlerstammtisch, an welchem ich, an Schaller mich anschließend, die rühmlichst bekannten Kupferstecher Merz, Thaeter, Gonzenbach, Hofmann und Schütz und die Maler Albert Zimmermann und Bruckmann kennen lernte. 

Zimmermann, der mir zuweilen von seinen Landschaftsstudien zum Kopieren gab, malte damals seine Jahreszeiten auf Kreidegrund, jede in Form und Farbe ein der Natur abgelauschtes Gedicht mit Staffagen aus der altgriechischen Welt. Aehnlich Treffliches glaubte ich in Rottmanns, von ebenso echtem Naturgefühl wie virtuoser Technik zeugenden Freiken unter den Arkaden zu finden. Aergerlich war mir’s nur, eine derselben, die „Beroneserklause“ durch die an der Rückwand angebrachte Wasserleitung des Café Tombosi durchfeuchtet, und allmäligem Verderben ausgesetzt zu sehen. Da sich niemand darum kümmerte, wollte ich es tun durch einen kurzen Hinweis im Tagblatt. Freund Discher, Architett aus Pest, beförderte das lakonische Schriftstück in die Druckerei, und des andern Tages begab er sich zur Zeit, wo der kaum handgroße Residenzmoniteur ausgetragen wurde, als Gast ins betreffende Lokal, um sich am Verdrusse des Besitzers und seiner Stammphilister zu weiden. Item — es half, die Leitung mußte sogleich entfernt werden.

121 Den Mittagstisch im Stachus besuchten ebenfalls Künstler, die — meine Wenigkeit ausgenommen — sich bereits einen Namen gemacht: Schaller, Chr. Morgenstern, D. Fohr, Koch, Mitarbeiter Schraudolphs in der Pasilika, Mende, Architekt Kayser aus Frankfurt und mehrere Dänen; als Passanten der von einer Studienreise aus Tyrol zurückkehrende Landschafter Schirmer und die Dichter Klemens Brentano und Andersen, der vielgepriesene Märchenerzähler. Ersterer kam in Begleitung eines jungen Mannes, mit dem er sich, offenbar nicht im rosenfarbigsten Humor über die Münchner Kunst und ihren königlichen Protektor unterhielt. Andersen war gekommen, seine Landsleute zu besuchen. Auch Emil Rehmann lernte ich da kennen, den Neffen und Nachfolger des fürstlich Fürstenbergischen Leibarztes Wilh. Rehmann, und diesem in allem so ähnlich, in vielseitig wissenschaftlichem Streben, wie in edler Selbstlosigkeit, die ihn nicht dazu gelangen ließ, sich Schätze anzuhäufen. Er war auf einer Ausbildungs-Reise begriffen. 

122 Der bestgelaunteste der Tafelrunde war allezeit Morgenstern, der, wie er mit so vielem Humor zu erzählen wußte, einstmals in seiner Vaterstadt Hamburg beinahe keine Wohnung gefunden hätte, weil ihm kein Eigentümer habe gestatten wollen, in einem der Zimmer die großen Fenstervorhänge zu beseitigen. Es konnte aber einem Musensohne ähnliches auch an der Isar passieren, z. B. in der Lerchenstraße, wohin ich eines Tages ging, ein ausgeschriebenes Zimmer in Augenschein zu nehmen, Eigentum eines altbürgerlichen Ehepärleins. Sie schloß auf, und er kam in Schlafrock und Pantoffeln aus dem Nebenzimmer gewatschelt. Beide konnten das Zimmer mit seinen Bequemlichkeiten nicht genug anpreisen. Nun es gefiel mir, und da der Preis ein mäßiger, sagte ich zu, nächster Tage schon einziehen zu wollen. „s is recht, bester Herr, schmunzelte der behäbige Herbergsvater, käm es nu. Sie wern mit allem zfrieden sein.” — „Das Licht ist gut, da am Fenster werde ich meine Staffelei hinstellen” — „Staffel — ja, san’s denn e Moler?” stotterte er entsetzt heraus. Und „e Moler?”  wiederholte sein Ehgespons in gleicher Tonart. — „Versteht sich!”— „Na, do is es nix — das hättens uns glai sagen sollen.” —„Jesses na, do is es nix! Ka Red dervo!” fiel sie hitzig ein. Und als ich lachend ging, mit der Drohung, meine Sachen dennoch herbringen zu lassen, sie hätten mir ja’s Wort gegeben, schlossen und riegelten sie die Thüre vorsichtig hinter mir zu.

122 Mit Schütz war ich näher bekannt geworden. Er stach zur Zeit die Odyssee von Genelli, den er nebst Cornelius und Schwind vor allen hoch auf den Leuchter stellte. So wie Genelli in seiner Kunstrichtung dem veränderlichen Zeitgeschmacke nicht das geringste Zugeständnis machte, so waren auch die pekuniären Verhältnisse des genialen Mannes stets äußerst knappe, so daß es seiner Frau nicht selten am nötigsten Kleingeld gemangelt haben soll, den Wochenmarkt zu beschicken. „Was nützt das viele Schaffen,” schrieb er einmal seinem Freunde Schwind nach Karlsruhe, „es kauft’s ja doch niemand, muß ich immer nebenher denken.“ 

123 Auch Schütz würde sich bei einer minder strengen idealistischen Richtung besser gestellt, dafür aber bei seiner Bedürfnislosigkeit weniger innerliche Befriedigung gefunden haben. Er besuchte mich oft; und jedesmal freute ich mich, ihn in seinem grauen Flaus und vormärzlichen Cylinder die Straße daherkommen zu sehen. „Schwerenot!“ wunderte er sich einmal beim Eintreten — ich hatte just die Schublade meiner Kommode aufgezogen, etwas herauszunehmen — „was du einen Vorrat an Hemden hast!“. Es mochten etwa ein Dutzend gewesen sein, die mir die Mutter von ihrem selbstgesponnenen Linnen zurechtgemacht und mitgegeben hatte. Gesellschaften, wo viel disputiert und peroriert wurde, liebte Schütz nicht. „Zum Henker,” sagte er, „kann man denn nicht beisammen sitzen und nur denken? Soll man sich immer an- und beschwatzen lassen?”

123 Ein Original ähnlich „denkender” Art war der der ältern Künstlergeneration angehörige rühmlichst bekannte Miniaturmaler Thugut Heinrich, dessen Bekanntschaft ich bei seinem Landsmann Schaller gemacht hatte. Man konnte mit ihm ein ganzes Stadtviertel durchwandern, ohne mehr als „ja“ oder „nein“ und „das versteht sich!” aus ihm herauszubringen. Als er einst beauftragt war, die Königin Therese en miniature zu malen, und die hohe Frau während der Sitzung, ihrer Gewohnheit gemäß, beständig mit Bonbons sich zu schaffen machte, platzte Heinrich endlich ungeduldig heraus: „Wenn Majestät immer essen, kann ich Sie ja nicht malen!” Bei der nächsten Sitzung sagte die Königin dann zu ihrer Hofdame: „Heute dürfen wir aber nicht essen, Herr Heinrich erlaubt es nicht!”— Obgleich er der Maler der hohen und höchsten Aristokratie war, hatte er doch wenig oder nichts von einem Hofmann an sich. „Dem Adelsstolz“ pflegte er zu sagen, „setze ich den Künstlerstolz entgegen”.

124 Mit Jäger, Gießmann und Strähuber, die unter Schnorrs Leitung dessen Nibelungen in der Residenz ausführten, bekannt geworden, beteiligte ich mich regelmäßig an ihren Kegelabenden in einem Privatgarten. Der Meister selbst, auch Schaller und Marggraf, Sekretär der Akademie, kamen hin; und in ihrer Gesellschaft (Schnorr und Schaller ausgenommen) machte ich einen Ausflug mit nach Oberammergau, dem Passionsspiele beizuwohnen. Der Zulauf von Nah und Fern war damals schon so groß, daß wir unterwegs mit Nachtquartieren in Privathäusern, einmal auch mit einem gemeinsamen, in einem ländlichen Tanzsaal aufgeschichteten Nachtlager vorlieb nehmen mußten. Die Aufführung selbst, mit ihrer einfachen Bretterbühne, machte mir in ihren Hauptmomenten den Eindruck der erhabensten Tragödie.

Auf dem Heimwege halten sich Kaulbach und Halbreiter der Wandertruppe angeschlossen. Es war ein wunderbar verklärter Abend, als wir von Gesang und Zitherspiel begleitet, über den Starnbergersee hinfuhren. 

Gleich bei meiner Ankunft in München hatte ich mich Schnorr, dem interimistischen Leiter der Akademie, vorgestellt und teilte dann mit Schabet, mir von Frohsinnszeiten her schon befreundet, ein Zimmer im Seitenbau der Akademie. Früher unter Cornelius in der Ludwigskirche beschäftigt, malte Schabet jetzt Kirchenbilder für Landgemeinden, die laut königlicher Verordnung alle an der Akademie gefertigt werden sollten. Ich hatte von Haus einen Cyklus von Entwürfen mitgebracht, die eine strenge akademische Stilisierung und Ausführung nicht erfordert hätten: Beim Lorettobruder; Am Marktbrunnen; Im Klostergarten; Eine heimatliche Sage; Volkslied ec. — kam aber nicht dazu, einen derselben auf die Leinwand zu bringen. Und so nahm ich einen hl. Christophorus in Angriff, der jedoch — trotz seiner Körperstärke — dem Sturm der Zeit nicht standgehalten hat. 

Auf Zuspruch meiner Freunde war ich dem Kunstverein beigetreten. Es handelte sich just darum, bei den Vorstandswahlen dem überwiegenden Einfluß der Künstlergesellschaft „Stubenvoll“ entgegen zu treten. Heinemann, der, auf eigene Kraft angewiesen, von Karlsruhe nach München gekommen und bei Hohe sogleich Beschäftigung gefunden, sagte mir, es habe sich ein jüngerer Maler bei diesem beklagt, daß er mit seinen Arbeiten bisher so wenig Beachtung beim Kunstverein gefunden, worauf Hohe erwidert habe: „Werden Sie Mitglied des Stubenvoll, außerdem dürfen Sie nie auf Berücksichtigung rechnen.” Die Wahlen fielen aber nicht nach Wunsch der Opposition aus.

Selbstportrait von Johann Nepomuk Heinemann

Selbstportrait Johann Nepomuk Heinemann

125 Als ich eines Tages im Kunstvereinslokal vor einem raufende Hunde vorstellenden Bilde stand, hörte ich dicht hinter mir eine Stimme: „Wyttenbach” — so hieß der Maler — „der große Hundsfreund“. Ich schaute mich um — und erkannte den König. Rasch wollte ich auf die Seite treten, er aber bedeutete mir, zu bleiben. „Kunstschüler — woher“ fragte er. „Aus dem Großherzogtum Baden.” —„Da geht’s jetzt auch vorwärts mit der Kunst“ sagte er, „Hübsch ist ein tüchtiger Architekt“. 

Und in der That es ging vorwärts auf vaterländischem Boden. Schwind hatte den Auftrag erhalten, das Stiegenhaus des „Akademiebaues“ (Kunsthalle) in Karlsruhe mit Fresken zu schmücken. Gleichzeitig war auch mein Bruder nach Karlsruhe gerufen worden, um sich verschiedener, ihm vom Großherzog zugedachter monumentaler Aufgaben wegen mit Hübsch zu besprechen. Er hatte den Weg über Freiburg genommen, wo er mit Schwind, der Einsicht vom Münster genommen, zusammen treffen wollte; auch ich hatte mich ihm angeschlossen. 

Schwind beabsichtigte seinen großen Karton, die Einweihung des Freiburger Münsters, in Wien zu zeichnen. Die Strecke Freiburg Konstanz wollte er zu Fuß zurücklegen, und ich sollte ihn begleiten. Und so wanderten wir unter wolkenlosestem, aber auch heißestem Julihimmel mit leichtem Gepäck dem Schwarzwald zu. 

Doch schon in Ebnet, wo wir Mittag gemacht, hielten wir in der Scheuer des Wirtshauses Siesta — Schwind süß schlummernd im abgesetzten Kasten einer alten Landkutsche — ich nebenan auf einem Haufen grünen Klees überlegend, wie ich ihn wohlbehalten hinauf über die Steig bringen würde. Er hatte sich das Höllental — den Hirschsprung mit seinem keck auf die Straße herabschauenden, raubritterlichen Falkenstein ausgenommen — wilder, grotesker vorgestellt. Weiterhin im Tal erblickten wir dann eines jener Bilder, die in ihrer Einfachheit und elegischen Lieblichkeit Sinn und Gemüt weit mehr ansprechen und fesseln als manche noch so hoch gepriesene Sehenswürdigkeit.

Vor einer ärmlichen Hütte, am Wege stand eine alte Frau mit einem nackten in ein Stück grober Sackleinwand gewickelten wunderhübschen Kindlein auf dem Arm. Vom vollen Sonnenlicht getroffen, war’s ein Anblick von überraschendster Wirkung. Schwind trat näher, und das Kind streckte lächelnd die Aermchen nach ihm aus. Er nahm’s auf den Arm. 

„Das isch en arms Kindli,” sagte die Frau. „Ich han’s numme us Barmherzigkeit zue mer gnomme. Sini Eltere sind doben uf em Berg im Feld. Kürzli hen sie’s Unglück gha, um ihri einzigi Gaiß zkumme. Und jetz hät des arm Weseli halt kei Milch meh!”

Das arme Weselein!“ „Hätt gute Lust“, sagte Schwind, „i traget’s bis nach Wien nunter!“ — Dann trat er ein wenig auf die Seite, um mir zu sagen, er wolle der Frau so viel einhändigen, daß die Leute wieder eine Geiß kaufen könnten. Ich erbot mich, ebenfalls einen Beitrag hierzu zu leisten, meinte jedoch, es möchte die Frage sein, ob die Frau nicht versucht werden könnte, das Geld für sich zu behalten. Sicherer wäre es, wir machten uns frühmorgens von unserm beabsichtigten Nachtquartier im „Sternen” auf, wieder hieher, um das Geld den Eltern selbst zu geben. Es leuchtete ihm ein; und wir schieden. 

Als wir ausgeruhte Pilger aber des andern Tages im Sternen erwachten, strahlte die Sonne bereits hoch über alle Berge; und wir hätten den Weg hin und her nicht zurücklegen können, ohne zwischen hier und Hüfingen noch einmal zu nächtigen. Noch auf der Steig schaute Schwind mehrmals zurück, sich ärgernd, daß der Mensch doch so selten dazu komme, das Richtige und Rechte zu tun! Und auch mich wurmte es, durch meine Bedenken — falls die Frau ehrlich war — eine gute Tat verhindert zu haben.

Schwind hatte im Schwarzwald Schatten erwartet. Nun begleitete uns aber die Sonne mit einer Sorgfalt, die selbst dem ausgedörrtesten Touristen von Profession Schweiß ausgepreßt haben würde. Von der staubigen Landstraße ablenkend, schlugen wir von Neustadt aus, die Wasserscheide von Rhein und Donau überschreitend, den Weg ins grüne Tal von Eisenbach und der Breg ein — hinaus nach Hüfingen, das Schwind mit den drei laufenden Brunnen in der Hauptstraße „Kleinaugsburg” nannte. Da auch von hier aus nur wenig Schatten zu erwarten, ließ uns der Vater seine zwei Gäule einspannen und bis Engen kutschieren. Von da gemächlich den Hegau durchwandernd, gelangten wir bei guter Tageszeit noch nach Singen, wo wir den Hohentwiel bestiegen und das in purpurnem Lichte des Abends sich vor uns öffnende Landschaftsgemälde bewunderten. 

Nachdem wir des andern Tages im Steinbock zu Konstanz noch eine Flasche Seezwölfer geleert, trennten wir uns am Hafen, wo der Dampfer bereits zur Abfahrt rüstete — auf Wiedersehen, nächstes Jahr in Karlsruhe. 127

Bevor Schwind dann nach Karlsruhe zurück ging, hatte er sich einige Zeit in München aufgehalten, wohin auch mein Bruder kam, der vom Großherzog Leopold den Auftrag erhalten, die Giebelgruppe für die Trinkhalle in Baden auszuführen, wozu er das Modell in kleinerm Maßstab in München fertigen wollte. Auch Schwind hatte bei seinem vorjährigen Besuche in Karlsruhe eine flüchtige Skizze dazu entworfen. Schwanthaler, der beide Entwürfe sah, gab dem meines Bruders entschieden den Vorzug, indem er sagte, der Bildhauer dürfe sich nie nach der Skizze eines Malers richten. Nach Erledigung seines Auftrages begab sich Xaver nach Rom und Schwind nach Karlsruhe, um seine Fresken in Angriff zu nehmen. Gegen das Frühjahr hin schrieb er mir, es gebe im Akademiebau viel zu tun, ich solle mich reisefertig machen. Auch mein Bruder werde kommen, und wir könnten dann ein „lustiges Leben zusammen führen”. 

Giebel der Trinkhalle
Trinkhalle in Baden-Baden mit Giebelgruppe

127 Die Badische Künstlergenossenschaft, die Professor Koopmann im Stiegenhaus des Akademiebaues raphaelisch in Form der Schule von Athen als Fresko hatte verewigen wollen, war noch keine sehr zahlreiche. Ohne eine dienstliche Stellung inne zu haben waren es nur Helmsdorf, Aug. von Bayer und der alte Nehrlich, der in der Galerie kopierte und nebenher philosophierte. Andere, wie Kirner und Grund, hatten versucht, sich festzusetzen, aber nicht lange ausgehalten. Das Kunstinteresse war fast ausschließlich auf den Kunstverein beschränkt, dem Frommel und Münzrat Kachel vorstanden. Aufträge, wie die Fresken in der Bulacher Kirche von Dietrich, wurden als eine Seltenheit angesehen und besprochen. 

Großstadtluft wehte noch keine in der Residenz, dafür aber mehr erquickliche Hardtwaldlust. Hotels, luxuriös eingerichtete Restaurants und ähnliche Etablissements architektonisch überschwenglichen Stils suchte man vergeblich zwischen Durlach und Mühlburg. Das einzige Café war das familiäre Kappler’sche in der Lammstraße mit einem Zimmer ebner Erde, in welchem die beiden Töchter des Besitzers dem Gast und Hausfreund jederzeit ein Täßchen Mokka in Bereitschaft hielten. Später wurde das etwas komfortablere Däschner’sche eröffnet.

128 In Karlsruhe hatte ich mich bei der Familie Lorenz in der Bierbrauerei zum Pfau einquartiert, wohin dann auch Lukas Engesser, der mit der Leitung des Akademiebaues betraut war, zog. Unten im Nebenzimmer der Wirtschaft hatte sich ein Kreis gebildet, als dessen Präfes Prof. Guido Schreiber gelten konnte. Und wo Schreiber war, da herrschte Leben. Doch — mochte der Becher auch zuweilen überschäumen, die Unterhaltung gleich einem Pfauenrad in allen Farben spielen — nie kam es zum öden, handwerksmäßigen Kneipen. Schreiber, der Mann der exakten Wissenschaft, war von seltener Vielseitigkeit, wovon, nebst seinen Fachschriften, der Badische Wehrstand, die Malerische Perspektive, die Farbenlehre, sein Technisches Zeichnen, und besonders auch seine früheren Zeichnungen nach der Natur Zeugnis geben.

Zu gleicher Zeit machte ich die persönliche Bekanntschaft Joseph Baders, den ich längst schon aus seiner „Badenia“ und andern Schriften kannte, durch welche er sich das unläugbare Verdienst erworben, Sinn und Interesse für vaterländische Geschichte und Geschichten in den breitesten Kreisen angeregt und geweckt zu haben. Und dies erachtete er ja als seine eigentliche Lebensaufgabe. Ein Gelehrter ex professo wollte er nicht sein. Als ich einst sagte, unter den Griechischen und Römischen Klassikern (die ich verdeutscht in der bekannten Stuttgarter Ausgabe besaß) finde sich doch manch Unbedeutendes, lachte er und meinte: „Wenn’s nicht Griechisch oder Lateinisch wäre, würden unsre Gelehrten vieles gar nicht lesen“. 

129

Im „innern Zirkel“ des Pfauen wurde gegen das Frühjahr hin der Plan zum feierlichen Empfange des Prinzen Karneval entworfen, wobei die Zopfmiliz, deren Hauptquartier im Gasthof zum Kreuz sich befand, paradieren sollte. Das Programm, von Lorenz kalligraphisch ausgeführt und illustriert, wurde sogleich höhern Orts zur Kenntnisnahme gebracht, ein Duplikat auch ins Palais am katholischen Kirchenplatz des Fürsten zu Fürstenberg befördert. 

Die Sitzungen im großen Saal des Bürger-Vereins waren glänzend und von Angehörigen verschiedener Stände besucht. Selbst Mitglieder der gleichzeitig tagenden II. Kammer, an welche eine offizielle Einladung ergangen, besassen Humor genug, in der Kappe einer Sitzung beizuwohnen.

Als Ehrengast erschien einmal auch Kapellmeister Kalliwoda. Bald nachher traf bei der Redaktion des „vielgeprüften Narrenspiegels” ein Lied ein „Von einem närrischen Zweispänner an der Donauquelle”, das den „Schabernack“ der Censur humoristisch parodierte.

Es war bei der 25jährigen Gründungsfeier des Badischen Kunstvereins im Saale des Museums, wo Altvater Lewald, der mit seiner Europa nach der Hardtstadt übergesiedelt, mich mit einem kleinen, klug blickenden Manne im schwarzen Frack bekannt machte, dessen erste Frage lautete: „Haben Sie meine Schwarzwälder Dorfgeschichten schon gelesen?“ — Nein, aber viel rühmliches davon gehört. — „Die müssen Sie lesen.” Nachher sagte Auerbach mir, er beabsichtige das Buch illustriert herauszugeben, wozu Lewald mich bestens empfohlen habe. Es wurde dann mehrmals darüber verhandelt, ohne daß es dazu gekommen wäre. Später zeichnete ich auf seinen Wunsch die Illustration zu seinem „Hebelschoppen“ in der Gartenlaube. 129

 Beim „Hebel-Schoppen“ in Hausen. Originalzeichnung von Luc. Reich in Rastatt. Die Gartenlaube, 1860.


Eine Übersicht der einzelnen Teile gibt es hier:

Das Denkbuch von Lucian Reich aus dem Jahr 1896

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