März-Errungenschaften

Die 1848er Revolution: Auswirkungen auf Wald und Jagd in der Region

13. März 2023

Wer bereitete eigentlich die Revolution vor? Die Hirsche und Rehe taten es, welche nachts in den Kornfeldern weideten; sie waren die eigentlichen Demagogen, die Aufreizer zum Missvergnügen, sie waren es, die dem armen Bauersmann die ersten liberalen Ideen einpflanzten. (Wilhelm Heinrich Riehl: Land und Leute. Stuttgart 1861)

Geschichtliche Ereignisse, zumal Revolutionen wie jene vor 175 Jahren, lassen sich nie monokausal erklären. Dennoch darf gefragt werden: Gab es Riehls vierbeinige „Demagogen“, die „Aufreizer zum Missvergügen“, etwa auch auf der Baar? War der herrschaftliche Wald auch im Fürstenbergischen so etwas wie das Zwing-Uri der großen Herren neben dem schutzlosen Äckerchen des kleinen Landmanns, wie er in „Land und Leute“ behauptet? Die Hirsche, soviel ist sicher, können es nicht mehr gewesen sein, denn die waren in freier Wildbahn nicht mehr vorhanden: Die hatte Fürst Joseph Wenzel bereits 1781 in einer generalstabsmäßig vorbereiteten viertägigen Treibjagd durch 7560 zur Jagdfron verpflichtete Untertanen in einen 2000 ha großen „Thiergarten“ im Tal von Bachzimmern treiben lassen. Schon in den Jahrzehnten zuvor war der Abschuss verstärkt und den Bauern erstmals erlaubt worden, Schutzmaßnahmen gegen den Wildverbiss durchzuführen, nachdem rund 1000 ha Ackerland wegen der enormen Wildschäden nicht mehr bewirtschaftet werden konnten. 

Spätestens in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, nach Ausrottung von Wolf und Luchs, hatten insbesondere der Rotwildbestand und damit auch der Leidensdruck der Untertanen so zugenommen, dass der Fürst reagieren musste. Die Rotwildstrecke auf der Baar und „über Wald“ hatte 1753 die Rekordhöhe von 1357 Stück plus 191 Stück Fallwild betragen. 

„Abschaffung des Hochgewildes im Freien“ 
„Großer Thiergarten“ im Tal von Bachzimmern 

Seine großmütige „Abschaffung des Hochgewildes im Freien“, das Ende der Rotwildjagd außerhalb des Geheges, ließ sich der Fürst von den betroffenen Gemeinden allerdings teuer bezahlen: die Ablösesumme betrug stolze 80.000 Gulden! Der allerletzte Hirsch fiel 1851 fernab der Baar in den F.F.-Wäldern nahe Menzenschwand. Umso ungestörter hatten sich unterdessen der Rehwildbestand und sogar die Hasen vermehren dürfen. 

Ab 1818 existierte in Karlsruhe eine Zweite Kammer (eine Vorstufe des Parlaments), die alsbald förmlich geflutet wurde von Beschwerden und Petitionen, mit welchen erboste Bürgermeister auf die Nöte ihrer Bürger aufmerksam machten. So beklagt sich 1833 die Stadt Geisingen: Auf ihrer Gemarkung liege die Hofjagd des Fürsten, der das Wild ungewöhnlich stark hege, sodass es dem Landmann über den Kopf wachse. „Nicht bloß in den Saatfeldern, sondern auch in den Wäldern machen Rehe und Hasen unermesslichen Schaden.“

1837 folgt eine Petition zahlreicher Gemeinderäte und Gutsbesitzer aus Wolterdingen, Aufen, Mistelbrunn, Hubertshofen und Grüningen wegen allzu hohen Wildstands.

Ihr folgt 1839 eine Petition der Bürgermeister von Löffingen, Seppenhofen, Bachheim, Reiselfingen, Ditishausen, Göschweiler, Unadingen und Rötenbach: Auf ihren Gemarkungen, die der Standesherrschaft als Leibjagd vorbehalten seien, werde ein übertriebener Wildstand gehalten. Der Schaden, den das Wild in Gärten, auf den Feldern und in den Wäldern anrichte, sei ungeheuer. Der Wildstand sei hier so groß, wie er im ganzen Großherzogtum nirgends anzutreffen sei. Ganze Rudel von Rehen beweideten ihre „Öschen“. Was sie auch einsäen würden, die Felder sähen aus wie abgemäht.

Durch Wildverbiss geschädigte Weißtanne

Da in der Zweiten Kammer sachverständige Landwirte so gut wie nicht vertreten waren, neigte man dazu, die Schilderungen der Gemeinden als „Phantasiegemälde“ abzutun. Die Schuld an den Missständen liege nicht beim Fürsten, sondern bei seinen Bediensteten. Die Jagd verführe nun einmal zu Nichtsnutz und Liederlichkeit, weshalb der weise Großherzog es seinem Waldhutpersonal (wie auch den Lehrern) untersagt hatte, eine Jagd zu pachten.

Wie man andererseits mit Forstbeamten umsprang, die sich in Sachen Wildschäden zu weit aus dem Fenster lehnten, lehrt das Beispiel des großherzoglichen Bezirksförsters August Cron, der 1836 die (landesherrliche) Bezirksforstei Hüfingen übertragen bekommen hatte. In einer öffentlichen Versammlung hatte er die Wildstände auf den F.F.-Jagden zu kritisieren gewagt und war deshalb beim Fürstenhaus in Ungnade gefallen. Der Fürst höchstselbst beschwerte sich beim Großherzog über das für einen landesherrlichen Bezirksförster „höchst ungeeignete Verhalten“ und verlangte dessen Versetzung. Mit der Untersuchung des Falles wurde der Donaueschinger F.F.-Kollege beauftragt, der Cron als Mitglied einer ultraliberalen Partei verleumdete. Es ehrt den Großherzog, dass er seinem strafversetzten Beamten in Anerkennung seiner treuen Dienste 1870 das Ritterkreuz 1. Klasse zum Zähringer Löwenorden verliehen hat.

Derlei Disziplinierungsversuche änderten freilich nichts daran, dass die Zweite Kammer auch 1846 noch förmlich überschwemmt wurde mit Petitionen wegen Jagd und Wild, deren Ton sich zunehmend emanzipierter, in den Ohren des Fürsten zunehmend schriller und ungehöriger ausnahm. Eine Petition aus Tannheim etwa bezeichnete das Jagdrecht als „ein mittelalterliches Institut zur Lust und zum Vergnügen des Adels und zur Plage des Landmanns“. In der Diskussion über die Ergebnisse einer zur Klärung von Wildschadensfragen eingesetzten Kommission meldete sich auch der charismatische Mannheimer Abgeordnete Friedrich Hecker zu Wort, derselbe, der zwei Jahre später, am 15. April 1848 an der Spitze eines 400 Mann starken Zugs in Donaueschingen einmarschieren sollte, nachdem er zuvor in Konstanz die Republik ausgerufen hatte: „Obwohl ich Jäger bin“, unterstützte der streitbare Advokat einen Kommissionsantrag zum Dauerthema Wildschäden und führte dazu aus: „Das Jagdrecht ist als ein Ausfluss des Eigentums betrachtet worden. Es wäre nichts Natürlicheres, als dass jeder, der Grund und Boden besitzt, sich gegen Schädigung durch das Wild Hilfe schafft, indem er es erlegt.“

Vor dem Hintergrund katastrophaler Missernten erkannte die Regierung die brennende Lunte, und so erging im Mai 1847 noch eine Generalverfügung des Ministeriums des Innern gegen den Missbrauch des Jagdrechts. Dennoch sind auch in diesem Jahr noch zahlreiche Beschwerden der Baargemeinden beim Ministerium eingegangen, gegen die sich der Fürst mit Nachdruck verwahrte: Es würden hier „alljährlich waidmännische Jagden abgehalten“, und die hohe Jagd auf Rotwild sei sogar schon seit über einem Jahrhundert ganz beseitigt. Die Verbitterung des Fürsten über die wachsende Entfremdung zwischen ihm und dem Volk nahm weiter zu: „Wenn die Behauptungen der ungestümen Verfasser der Eingaben mich als Jagdberechtigten auch sehr empfindlich treffen, so müssen Form und Ausdruck, in welchen sie verfasst sind, noch weit mehr den gerechten Unwillen erregen. Nicht an mir kann es sein, eine Sprache zu ahnden, welche dem Gesetz zum Hohn in rücksichtslosen Ausfällen durch Drohung mit Gewalt und Selbsthilfe Person und Eigentum bedroht und die Erreichung unangemessener Wünsche auf solche Weise erzwingen will.“

Weit ist es nicht mehr bis zum Ausbruch offener Feindseligkeiten, so wenig verwunderlich es noch ist, dass die Baar zu einem der Zentren der Demokratiebewegung werden sollte. Am 1. März 1848 wurde der Kammer ein von Friedrich Hecker unterzeichnetes Programm vorgelegt, das dann auch mit geringen Änderungen dem Großherzog vorgelegt wurde mit der Forderung nach Beseitigung der Reste des Feudalwesens, insbesondere auch des Jagdregals. Zwar versprach die Regierung, den Forderungen nachzugeben, doch die Zusagen kamen zu spät: im Odenwald brachen offene Gewalttätigkeiten aus bis hin zur Zerstörung standesherrschaftlicher Rentämter. Auf der Baar kam es im März und April zwar auch zu Plünderungen und zu unerlaubtem Jagen, doch zur Schadensbegrenzung trug der Umstand bei, dass der Fürst eilends noch auf zahlreiche Rechte verzichtete und die Jagdausübung in den Jagden auf die Gemeinden übertrug.

Auch Großherzog Leopold reagierte noch rasch – zwei Tage vor Heckers (von den blutigen Berliner Barrikadenkämpfen ausgelösten) Konstanzer Putsch: Er unterschrieb das „Gesetz zur Aufhebung der Feudalrechte“ als da sind „Bann- und Fronpflichen“, aber auch sämtliche Jagd- und Fischereirechte, womit das Jagdregal gefallen war. Eine „billige Entschädigung der Berechtigten“ sollte durch besondere Gesetze nachträglich bestimmt werden. Doch wenigstens dieses Ergebnis der agrarsozialen Unruhen sollte den Bauern in den nachfolgenden Zeiten der Reaktion niemand mehr streitig machen.

Mitten in den revolutionären Wirren, am 26. Juli 1848, war noch als Übergangslösung das Gesetz zur Ausübung der Jagden verabschiedet worden, das den Gemeinden  das Jagdrecht zusprach und den Staatsbehörden das Recht, Anordnungen zur Verringerung des Wildstands und der Wildschäden treffen zu können. Im Nachhinein wird man das Jagdgesetz vielleicht sogar als Taschenspielertrick, als Bauernfang einordnen dürfen. Mit ihm ist es der Regierung jedenfalls gelungen, die Bauern aus der revolutionären Front herauszubrechen. Womit es den preußischen Interventionstruppen leicht gemacht wurde, die Unruhen auch in Baden niederzuschlagen. Preußische Standgerichte verhängten und vollstreckten bis zum 27. Oktober 40 Todesurteile.

Als sich im März herumgesprochen hatte, dass den Kammern der Gesetzentwurf über die Abschaffung der Feudalrechte vorlag, begann für ein paar Monate der Volksbewaffnung das, was sich in späteren Forst- und Jagdpublikationen als „Vernichtungskrieg gegen da Wild“ niederschlug: der rechtlose Zustand der „freien Büchse“, der nach Auskunft des F.F.-Jagdchronisten Stephani dazu geführt hat, dass „der Rehstand strichweise fast völlig aufgerieben“ worden sei. Dem Wald, insbesondere der so verbissgefährdeten Weißtanne, verschaffte die erfolgte Dezimierung des Rehwilds eine kurze Verschnaufpause und vielerorts eine Welle von Waldverjüngung, von der auf der Baar und im Schwarzwald noch heute viele tannenreiche Altbestände zeugen.

Gedenkstein im Unterhölzer Wald

 Kurzfassung des Kapitels „März-Errungenschaften“ in Hockenjos, W.: Waldpassagen. Dold-Verl. Vöhrenbach, 2000

Frauen fehlen nicht!

Wir sind da. Wir sehen alles.
Und wenn wir sprechen, wird sichtbar, was sonst so gern überhört wird.

Es gibt noch einen Satz, der in politischen Zusammenhängen erstaunlich zuverlässig fällt:

„Wir würden ja Frauen nehmen. Aber es will einfach keine.“

Er klingt fast bedauernd, wie ein organisatorisches Problem, wie ein Mangel an Angebot. Und genau darin liegt seine Bequemlichkeit, denn wenn „keine will“, muss niemand fragen, warum so viele nichts sagen. Dann ist das Problem plötzlich nicht mehr das Klima, nicht mehr die Struktur, nicht mehr die soziale Sanktion, sondern es sind einfach die Frauen schuld.

Zu wenig Interesse.
Zu wenig Mut.
Zu wenig Ehrgeiz.

Und alle anderen können sich entspannt zurücklehnen. Wer die vorherigen Muster kennt, erkennt auch hier die Logik. Zuerst wird die Art zu sprechen kontrolliert und der Ton ist das Problem.

Zu emotional.
Zu direkt.

Dann wird der Inhalt entwertet:

Zu pauschal.
So kann man das nicht sagen.

Und irgendwann passiert etwas sehr Konsequentes:

Viele Frauen sagen einfach nichts mehr. Nicht, weil sie nichts zu sagen hätten, sondern weil sie gelernt haben, welchen Preis es hat. Viele Frauen lernen diese Rechnung früh.

Nicht anecken.
Nicht unangenehm werden.
Nicht „zickig“ wirken.
Nicht „hysterisch“ rüberkommen.

Immer freundlich.
Immer vernünftig.
Immer so, dass sich bloß niemand gestört fühlt.

Das sind keine offiziellen Regeln, aber sie werden zuverlässig durchgesetzt und sie wirken. Nicht abstrakt, nicht theoretisch, sondern ganz praktisch.

Man hält sich zurück.
Man formuliert vorsichtiger.
Man sagt lieber nichts.
Oder man zieht sich irgendwann ganz zurück.

Nicht, weil man nichts könnte, sondern weil man gelernt hat, dass Können allein nicht reicht. Gerade in kleineren Städten und dörflich geprägten Strukturen wird das besonders sichtbar. Dort, wo Tradition nicht nur gefeiert, sondern auch sozial verwaltet wird. Dort, wo es sehr genaue Vorstellungen davon gibt, wer dazugehört, wer wie auftritt, wer als „angenehm“ gilt und wer besser nicht auffällt. In solchen Milieus wird oft für Frauen „mitgedacht“ – aber nur für die braven.

Für die freundlichen.
Für die unauffälligen.
Für die, die mitlaufen, mithelfen, mitlächeln.

Für alle anderen wird erstaunlich wenig mitgedacht. Und ja, natürlich gibt es dann eine große Wertschätzung für bestimmte traditionelle Räume.

Blasmusik.
Stadtmusik.
Vereinskultur.
Das Ehrwürdige.
Das Alteingesessene.

Alles schön und gut, aber nicht jede Frau ist eine Blockflöte und nicht jede möchte in genau die Rollen passen, die man in solchen Strukturen seit Jahrzehnten für sie vorgesehen hat. Das Problem ist nicht, dass Traditionen existieren. Das Problem ist, wenn aus Tradition ein sozialer Maßstab wird, an dem alle gemessen werden, die anders auftreten, anders sprechen oder andere Prioritäten haben, dann wird nicht mehr Vielfalt verwaltet. Dann wird Konformität belohnt.

In kommunalen Gremien zeigt sich das besonders deutlich. Da sitzen Männer, die sich durch ihre Wortmeldungen stolpern,
die stottern, abschweifen, sich verheddern, halbfertige Gedanken in den Raum werfen und sich dabei nicht eine Sekunde fragen müssen, ob ihr Beitrag jetzt „zu emotional“ war. Niemand erklärt ihnen anschließend, dass sie „vielleicht noch etwas an ihrer Form arbeiten sollten“. Es ist eben ein Redebeitrag. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn Frauen sprechen, verschiebt sich der Maßstab, dann wird plötzlich nicht nur gehört, sondern bewertet.

War das jetzt angemessen?
War das nicht etwas scharf?
Hätte man das nicht netter formulieren können?

Mit anderen Worten: Frauen reden in solchen Räumen oft nicht einfach. Sie treten auf Bewährung auf.

Und wer ständig signalisiert bekommt, dass der eigene Beitrag nicht nur inhaltlich, sondern auch sozial geprüft wird, überlegt irgendwann, ob man ihn überhaupt noch bringt. Das ist kein persönliches Versagen. Das ist eine rationale Reaktion auf ein irrationales System.

Ich habe das in meiner Zeit als Stadträtin oft genug gesehen. Frauen, die sehr wohl etwas zu sagen gehabt hätten – und es nicht getan haben. Nicht, weil sie nichts gesehen hätten oder weil sie zu wenig verstanden hätten, sondern weil sie genau wussten, wie schnell man in solchen Strukturen abgestempelt ist. Und dann passiert etwas fast schon Zynisches: Erst werden Frauen sozial klein gehalten und dann wird ihr Schweigen als Beweis benutzt, dass sie „halt nicht wollen“.

„Es gibt keine Frauen.“

Doch.

Es gibt sie.

Sie sitzen im Raum, sie beobachten, sie arbeiten und sie tragen mit. Sie haben nur gelernt, dass Sichtbarkeit Folgen hat. Das ist vielleicht die wirksamste Form der Disziplinierung. Nicht, dass jemand ständig offen zum Schweigen gebracht wird, sondern dass viele Frauen irgendwann gar nicht mehr anfangen, frei zu sprechen, weil sie längst verstanden haben, wie der Preis aussieht. Der Begriff dafür ist sperrig, aber treffend: linguistic self-mitigation.

Menschen beginnen, sich sprachlich selbst abzurüsten.

Sie relativieren sich.
Sie entschärfen.
Sie nehmen vorweg, dass sie „das vielleicht falsch sehen“.
Sie verpacken Kritik in Höflichkeit, bis fast nichts mehr davon übrig bleibt.

Oder sie sagen gar nichts mehr. Und genau dieses Schweigen wird später dann als Argument verkauft. Vielleicht ist das der bequemste Trick des ganzen Systems, erst sorgt man dafür, dass Frauen sich zurücknehmen und danach erklärt man ihre Zurückhaltung zu ihrer Natur. Und trotzdem gibt es Momente, in denen sichtbar wird, dass es auch anders gehen könnte.

Ich hatte kürzlich so einen Moment. In der Gemeinderatssitzung waren viele junge Frauen da und plötzlich war da etwas, das in diesen Räumen sonst so oft fehlt.

Lebendigkeit.
Interesse.
Präsenz.
Eine andere Energie.

Nicht dieses ewige Verwalten von Hierarchien, nicht dieses schwerfällige Bewachen alter Ordnung, sondern etwas Offeneres, etwas Wacheres etwas, das gezeigt hat, es geht auch anders als bei diesen unerträglichen alten Strukturen. Und genau deshalb ist der Satz „Es will ja keine“ so so bequem, denn er verschleiert, dass Frauen oft gar nicht fehlen, sondern verdrängt, entmutigt oder klein gehalten werden. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht: Warum melden sich so wenige Frauen? Sondern: Warum wird es ihnen in so vielen Räumen immer noch so schwer gemacht? Denn vielleicht fehlt es nicht an Frauen.

Vielleicht fehlt es an Strukturen, in denen Frauen sprechen können, ohne sofort eingeordnet, begrenzt oder sozial zurechtgestutzt zu werden. Und „Es will ja keine“ beschreibt keine Realität, sondern die bequemste Ausrede derjenigen,
die nie ernsthaft wollten, dass es anders wird.

Tabu Tempolimit

Beim Stichwort Ölkrise tauchen in mir – kurios, kurios! – vergnüglichste Bilder auf, Erinnerungen an den Winter 1973: Wir haben soeben den Marcialonga hinter uns, den Volksskilauf im Trentino über 70 Kilometer, und sitzen nun alle fest: zwar geschafft, aber keineswegs verstimmt am Zielort Cavalese. Denn es herrscht Sonntagfahrverbot und der Bus nachhause darf erst punkt 24.00 Uhr starten. Ein einheimischer Musikus hat seine Quetschkommode hervorgeholt, und so wird am Dorfbrunnen aufs Heiterste getanzt und gesungen bis kurz vorm Zwölfuhrglockenschlag.

Umso bedrückter ist diesmal die Stimmungslage, seit als Folge des Irankriegs und der Sperrung der Straße von Hormus die Energiepreise zu explodieren scheinen. Angesichts der Preissprünge an den Zapfsäulen möchte man als Verkehrsteilnehmer ja irgendwie reagieren, doch nichts davon merkt man einstweilen auf den Straßen. Wer auf Bundes-, Land- und Kreisstraßen unterwegs ist und sein Tempo auf unter die 100 km/h drosselt, riskiert einen mehr oder minder langen Rückstau hinter sich, womöglich gar ein Hupkonzert. Und auf den dreispurigen Überholstrecken brettern sie dann (dir vielleicht sogar den Vogel zeigend) mit teils über 120 km/h an dir vorüber. Als ob man nicht auch den Spritverbrauch drosseln sollte in diesen Wochen, in denen niemand sicher weiß, ob und wann sie enden werden. Doch kein Wort dazu von Seiten der Wahlkämpfer von Links über Grün bis Rechts vor oder nach den Landtagswahlen – das Wort „Tempolimit“ scheint aus dem Wortschatz der Politiker ultimativ gestrichen worden zu sein!

Bild von Autobahn mit LKws und mit Solarpanels im Hintergrund
Energiekrise – wann reagiert der Straßenverkehr?

Da ist es umso erstaunlicher, dass das Unwort plötzlich in den Medien wieder etwas häufiger auftaucht, nicht nur in versprengten Leserbriefen, sondern sogar im Wirtschaftsteil überregionaler Zeitungen; so am 25. März 2026 in der SZ unter der Überschrift Drohende Energiekrise – Zeit für ein Tempolimit. Wie ernst die Lage ist, so der Bericht, zeigten die Äußerungen der gewiss nicht zu Alarmismus neigenden Internationalen Energieagentur (IEA) mit Sitz in Paris, die von der „größten Bedrohung der Energiesicherheit in der Geschichte der Menschheit“ spreche. Sparpotenzial gebe es laut IEA vor allem beim Verkehr. „Es ist an der Zeit, dass im autoverliebten Deutschland Tabus fallen. Die Bundesregierung sollte ein Tempolimit auf Autobahnen einführen.“ Man könne das ja, zur Beruhigung der Gemüter, auf die Dauer des Irankriegs befristen. Denn eine solche Regelung gab es ja schon mal: „1973 durfte man sechs Monate lang nur 100 km/h fahren auf der Autobahn.“ Vom Sonntagfahrverbot ganz zu schweigen.

Von einer Dauerlösung, wie sie seit Langem nahezu weltweit eingeführt ist, von einem Tempolimit auch auf deutschen Autobahnen bei 120 km/h, ist noch immer nirgendwo die Rede, schon gar nicht im krisengeschüttelten Autoland Baden-Württemberg. Mag der Verkehrssektor noch so sehr im Rückstand liegen bei der gesetzlich geforderten Annäherung an die Klimaziele im Jahr 2030 mittels CO2-Reduzierung. Hat doch der Bundesumweltminister soeben wieder einen neuen Schub angekündigt – vorzugsweise beim Verkehr.

Dreier

Liebe Bürgerpostleser, 

Paarung kommt von Paar und ein Paar groß geschrieben sind zwei Beteiligte. Die Paarung von Blindschleichen war 2025 hier ein Thema, das Beißen des Weibchens am Kopf durch das Männchen Standardprogramm des Fortpflanzungsrituals. Verena Binder aus Hausen vor Wald gelangen im letzten Jahr diese Hammerbilder. Beim 1. Foto sind die dickeren beiden Männchen und das zweite Männchen versucht durch Beißen den im Moment führenden Rivalen zu vertreiben. Vielleicht kann man von einem flotten Dreier sprechen.

  • zwei Blindschleichen. Eine davon hat die andere im Maul

Übrigens, Blindschleichen sind lebendgebärend, sie bringen im Juli/August acht bis zwölf Junge auf die Welt, die sofort selbstständig sind.

Unten noch die klassische Erdkrötenpaarung bei uns im Hof. Das kleinere Männchen wird elegant von der Erdkrötendame Huckepack genommen. Es gibt aber auch bei ihnen flotte Dreierversuche. Zwei Männchen versuchen auf die Dame zu steigen. Da geht es richtig rund, der obere versucht durch Strampeln der Hinterbeine den Rivalen mit aller Macht zu vertreiben. Sowohl bei den Blindschleichen als auch bei den Erdkröten kommt der stärkere oder der listigere zum Zug, der andere hat das Nachsehen. 

Zwei Erdkröten huckepack
drei Erdkröten zwischen Zweigen. Man sieht nicht wirklich viel
Zwei Erdkröten huckepack und eine daneben

Wieder eine höchst erstaunliche Geschichte, vielen Dank Verena Binder für die Überlassung der Bilder.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Das Palmström-Syndrom

Palmström steht an einem Teiche
und entfaltet groß ein rotes Taschentuch:
Auf dem Tuche ist eine Eiche
dargestellt sowie ein Mensch mit einem Buch.

Palmström wagt nicht, sich hineinzuschneuzen.
Er gehört zu jenen Käuzen,
die oft unvermittelt nackt
Ehrfurcht vor dem Schönen packt.

Zärtlich faltet er zusammen,
was er eben erst entbreitet.
Und kein Fühlender wird ihn verdammen,
weil er ungeschneuzt entschreitet.

>Christian Morgenstern 1906


Palmström mit seinem roten Taschentuch – das war mal. Es gibt sie kaum mehr im Handel, schon gar nicht in Rot und bedruckt mit idyllischen Motiven. Und wer dennoch welche benutzt, der läuft Gefahr, als unbelehrbarer Vorgestriger eingestuft zu werden. Denn geschnäuzt (lt. Duden neuerdings mit ä statt mit e) wird nur noch in papierene Tempotaschentücher. Für deren Herstellung werden zwar täglich 400 Tonnen Zellstoff benötigt, erfährt man bei Google. Doch wen juckt so was, wo doch das hierzu benötigte Holz vorwiegend aus skandinavischen Großkahlschlägen und kaum aus heimischen Wäldern stammt. Schnäuzen – und weg damit! Spätestens nach ein paar Wochen ist das Papier dann ja wohl verrottet und fällt nicht mehr unangenehm auf längs der Spazierwege oder wo sonst noch überall. Und wen kümmert da noch ihr ökologischer Fußabdruck, ob beim Produktionsprozess ihr Holz-, Energie- und Wasserverbrauch oder ob im Sulfit- oder Sulfat-Verfahren hergestellt mitsamt deren enormer Gewässerbelastung. Erinnert sei an die schaumige und stinkende braune Wutachbrühe, so lange es der Neustädter Papierfabrik noch an einem geeigneten Klärverfahren fehlte. 1929 meldeten die Vereinigten Papierwerke Nürnberg beim Reichspatentamt ein Warenzeichen an für das erste Papiertaschentuch aus reinem Zellstoff, das den heute allgegenwärtigen Namen Tempo erhielt. Da wundert es nicht, dass sich Nürnberg neuerdings stolz als „recyclingpapierfreundlichste Stadt Deutschlands“ präsentiert.

Ein Papiertaschentuch im Gras
Ausgeschnäuzt – und ex and hopp!

Doch wann immer die Nase tropft – was gäbe man da für ein großformatiges Herrentaschentuch aus hand- und kochfestem Stoff mit der Chance auf Mehrfachnutzung! Ob mit oder ohne Schnupfen, zumal bei älteren Semestern und in der kalten Jahreszeit ist das Schnäuzen ein Dauerzwang, Doch es schnäuzt sich halt herzhafter in ein Schnupftuch als in die filigranen Tempos – verbunden mit permanentem Aufreißen der Packung und anschließender Frage: wohin mit dem gebrauchten Papier?

Worin mag bloß der tiefere Grund liegen, der die heutigen „Käuze“ daran hindert, in Stofftaschentücher zu schnäuzen, so wie es Jahrhunderte lang üblich war? Nicht einmal mehr das Winken mit dem Taschentuch ist beim Abschiedsnehmen noch gesellschaftsfähig, allenfalls das Einstecktuch im besten Zwirn ist noch erlaubt. Ist die Hinwendung zum Tempotaschentuch allein der Macht des Marktes oder der Hygiene geschuldet, sind es die Ansteckungsängste vor chronischen Atemwegserkrankungen oder vor noch Schlimmerem? Gelten Stofftaschentücher à la Palmström mittlerweile als ganz und gar unappetitlich, weil sie ja doch nie nach nur einmaligem Gebrauch ausgewechselt und in die Kochwäsche befördert werden? Doch welcher „Fühlende“ (Christian Morgenstern) wird uns „Käuze“ heute allen Ernstes verdammen, weil wir in alter Gewohnheit zum Schnäuzen noch das Schnupftuch aus der Hosentasche ziehen und es nach Abschluss des unerquicklichen Vorgangs auch wieder darin verwahren?

Nächstens muss ich meine Frau bitten, mir noch meinen Geburtstagswunsch zu erfüllen: Endlich mal wieder ein paar neue Herrentaschentücher. Ob sie wohl irgendwo noch welche auftreiben wird? Oder ob sie streikt?

„Jetzt bleiben wir mal sachlich.“ – Wie Frauen diszipliniert werden, wenn sie ihre Rolle verlassen

Es ist einer dieser Sätze, die sofort wirken: „Jetzt bleiben wir mal sachlich.“ Er fällt ruhig, vernünftig und ausgleichend. Genau darin liegt seine Stärke.

Denn der Satz behauptet etwas, ohne es aussprechen zu müssen, also dass es gerade nicht sachlich war und dass jemand im Raum dafür verantwortlich ist. Auffällig ist, wen dieser Satz besonders häufig trifft. Nämlich Frauen. Frauen, die argumentieren, Frauen, die präzise sind, Frauen, die Widerspruch formulieren. Und dann plötzlich als das beschrieben werden, was sie angeblich gerade sind:

emotional.
unsachlich.
pauschal.

Das Interessante daran ist nicht die Behauptung selbst, sondern ihre Gleichgültigkeit gegenüber der Realität. Denn viele Frauen kennen die Situation sehr genau:

Sie formulieren bewusst klar.
Sie wählen Beispiele sorgfältig.
Sie differenzieren.
Sie prüfen ihre Argumente.

Manche lassen ihre Texte oder Beiträge sogar gegenlesen – nicht selten von Männern –, um genau diesen Vorwurf zu vermeiden. Und trotzdem kommt der Einwand:

„Zu pauschal.“
„Zu emotional.“
„So kann man das nicht sagen.“

Nicht als Einladung zur Klärung, sondern als Abschluss der Diskussion. An diesem Punkt passiert eine Verschiebung. Die Frage ist nicht mehr:

Stimmt das, was gesagt wurde?

Sondern:

War es in der richtigen Form?

Der Inhalt verliert an Bedeutung und die Form wird zum Maßstab.

Die Philosophin Kate Manne beschreibt genau diesen Mechanismus:
Misogynie funktioniert nicht in erster Linie als offener Hass, sondern als Durchsetzung sozialer Erwartungen. Sie sorgt dafür, dass Frauen sich innerhalb bestimmter Grenzen bewegen. Und eine dieser Grenzen betrifft die Art zu sprechen. Frauen dürfen sprechen.

Aber bitte ruhig.
Bitte verbindlich.
Bitte nicht zu fordernd.
Bitte nicht zu klar.

Der Vorwurf der „Emotionalität“ spielt dabei eine zentrale Rolle. Er wirkt objektiv, fast technisch. Als ließe sich messen, wie viel Emotion in einem Satz steckt. In Wirklichkeit ist er aber erstaunlich flexibel denn er meint selten die Lautstärke und noch seltener den Inhalt. Er trifft die Abweichung! Eine Frau, die deutlich widerspricht, gilt schnell als emotional. Ein Mann, der dasselbe tut, als engagiert.

Ähnlich funktioniert der Vorwurf der „Pauschalisierung“. Er wird oft dort erhoben, wo jemand ein Muster benennt. Wer Strukturen beschreibt, muss verallgemeinern – sonst lassen sich keine Zusammenhänge erkennen. Doch genau diese Verallgemeinerung wird dann als Fehler markiert. Nicht, weil sie unzutreffend wäre, sondern weil sie unangenehm ist. So entsteht eine paradoxe Situation. Je klarer eine Frau ein strukturelles Problem beschreibt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihr vorgeworfen wird, zu pauschal zu sein. Je deutlicher sie formuliert, desto eher gilt sie als emotional. Und wieder verschiebt sich die Diskussion. Nicht mehr: Gibt es dieses Muster? Sondern: Darf man das so sagen?

Der Satz „Jetzt bleiben wir mal sachlich“ wirkt in diesem Moment wie Moderation. Tatsächlich aber ist er oft eine Form der Disziplinierung. Er signalisiert, dass nicht der angesprochene Inhalt das Problem ist, sondern die Art, ihn anzusprechen.

Kate Manne würde sagen: Hier wird keine inhaltliche Grenze verteidigt, sondern eine soziale, die Grenze dessen, was als angemessenes weibliches Verhalten gilt. Der Vorwurf der „Pauschalisierung“ verdient dabei besondere Aufmerksamkeit, denn er klingt nach Präzision, nach Differenzierung und nach intellektueller Sorgfalt. In der Praxis bedeutet er oft etwas ganz anderes. Wer „pauschal“ sagt, behauptet selten konkret, was genau falsch verallgemeinert wurde. Es folgt keine Gegenanalyse, kein differenzierendes Beispiel und kein ernsthafter Versuch, das Argument inhaltlich zu prüfen. Stattdessen bleibt es bei einem Etikett:

„Zu pauschal.“

Ein Wort, das nach Kritik klingt, aber häufig keine ist. Denn echte Kritik würde Arbeit erfordern. Sie müsste zeigen, wo eine Aussage zu grob ist uns sie müsste Unterschiede benennen, sich auf den Inhalt einlassen. Der Pauschal-Vorwurf tut das nicht, er ersetzt die Auseinandersetzung. In vielen Diskussionen bedeutet „pauschal“ deshalb nicht: Das ist analytisch ungenau, sondern: Das ist unangenehm klar. Oder, weniger höflich formuliert: Sprich das bitte nicht so aus. Das ist der eigentliche Punkt.

Wer Strukturen beschreibt, muss verallgemeinern, sonst bleibt alles Einzelfall und Einzelfälle verändern nichts. Der Vorwurf der „Pauschalisierung“ trifft deshalb auffällig oft genau dort, wo jemand beginnt, Muster sichtbar zu machen. Nicht, weil sie falsch wären, sondern weil sie nicht mehr ignoriert werden können. Und so wird aus einem analytischen Begriff ein Werkzeug. Kein Werkzeug der Klärung, sondern eines der Begrenzung. Ein Wort, das Diskussionen beendet, ohne sie zu führen. Ein Wort, das den Eindruck von Differenzierung erzeugt, während es Differenzierung verhindert.

Vielleicht ist es deshalb so schwer, darauf zu reagieren, weil der Vorwurf formal nach Argument aussieht, aber inhaltlich keines ist. Man kann ihn nicht widerlegen, weil er nichts Konkretes behauptet. Und genau darin liegt seine Stärke. „Zu pauschal“ klingt wie Kritik, funktioniert aber oft wie eine Aufforderung:

Werd leiser.
Werd vorsichtiger.
Werd wieder kleiner.

Oder, auf den Punkt gebracht:

„Zu pauschal“ heißt oft nur:
Zu treffend, um es stehen zu lassen.

Küchenschelle

heute gehe ich nochmals auf die faszinierende Küchenschelle am Zisiberg ein. Sie war Teil des letzten Beitrags. Und zwar hat mich beschäftigt, dass Christiane Willmann schrieb: „Gut, dass wir am Mittag dort waren, es waren alle Blüten offen“. Das brachte mich zu der Frage, ob sie bei Dunkelheit zugehen, was sie bejahte. Ich habe dann gegoogelt, und tatsächlich war die Antwort, „Küchenschellenblüten (Gattung Pulsatilla) schließen sich tatsächlich bei Dunkelheit oder schlechtem Wetter“. 

Interessant ist die Begründung: Schutz der Fortpflanzungsorgane, Pollen und Griffel werden vor Kälte, Tau und Regen geschützt, Temperaturregulation, weil die Blüte tagsüber wie eine kleine Sonnenfalle wirkt. Wenn sie offen ist, kann sie sich in der Sonne erwärmen und damit Bestäuber anlocken, Energiesparen und Schutz vor Feuchtigkeit. Also bei Sonne offen, bei Kälte, Bewölkung und Regen halb und nachts ganz geschlossen. Jetzt hatte ich am Montag, den 16. März 2026 die Gelegenheit, in starker Dämmerung kurz vor 19 Uhr am Zisiberg zu sein und natürlich musste ich Küchenschellen fotografieren. Der Fall ist klar, die Blüten sind kurz vor dem Schließen. Das ist doch ein Hammer, wie er im Buche steht. 

Küchenschelle mit Hummel

Seht Ihr die starke Behaarung der Blütenblätter außen und im Stengelbereich? Habt Ihr eine Vorstellung, wieso das so ist? Hier sind die Gründe dafür:

Schutz vor Kälte: Die Küchenschelle blüht sehr früh im Jahr (oft schon im März). Die dichten, silbrigen Haare wirken wie eine Isolationsschicht und schützen Knospen, Blätter und Blüten vor Frost und kaltem Wind.

Verdunstungsschutz: Die Behaarung hält eine dünne Luftschicht über der Oberfläche fest. Dadurch wird Wasserverlust durch Verdunstung reduziert, was besonders auf trockenen, sonnigen Standorten wichtig ist.

Schutz vor starker Sonneneinstrahlung: Die hellen Haare reflektieren einen Teil des Sonnenlichts und verhindern, dass die Pflanze überhitzt oder austrocknet.

Schutz vor Fressfeinden: Die Haare können es für kleine Tiere oder Insekten unangenehm oder schwierig machen, an der Pflanze zu fressen.

Hättet Ihr das gedacht? Was die Natur für Anpassungsstrategien bereit hält, ist schlicht und ergreifend der Oberhammer. 

Herzliche Grüße
Franz Maus

Hinter Gittern

Dass der Wald nicht nur Wirtschaftsobjekt, Wasserspeicher und Biotop ist, sondern dass er schön sein kann, sollte wieder öffentlich gesagt werden dürfen und als Argument zählen. (W. Stölb: Waldästhetik. 2005)

Jetzt hat die Kunststoff-Mode also auch die Weißtannen erreicht. Schienen deren Jungpflanzen sich bisher doch erfolgreich gewehrt zu haben gegen den in der Waldwirtschaft seit der Jahrtausendwende grassierenden Trend zu hässlichen Polyprophylen-Wuchshüllen, das Rundum-sorglos-Paket gegen Verbiss- und Fegeschäden bei gleichzeitiger Beschleunigung des Jugendwachstums. Weshalb sich der Tannenwaldbau noch vergleichsweise naturnah und ästhetisch ansprechend präsentieren durfte, wo immer eine ausreichende Bejagung des auf Weißtannenäsung fixierten Rehwilds gewährleistet war. Wo immer ein paar Samenbäume die sich verschärfenden Kalamitäten wie die forstliche Nutzung überlebt hatten, brauchte zumeist ja auch nicht gepflanzt zu werden, da verjüngt sich der Wald von allein. 

vergittertes Bäumchen
„Baumschutz-Gitterhülle Freiwuchs“

Wo hingegen Tannen gepflanzt werden müssen, sind es nicht die so hässlichen weißen bis grünlichen Röhren, die das Waldbild mit dem Charme von Kriegerfriedhöfen verunzieren. Besser bewährt haben sich bei jungen Nadelbäumen neuerdings engmaschige Gitterhüllen an hölzernen Stäben, im Forstkatalog als „Baumschutz-Gitterhülle Freiwuchs“ angepriesen. Ihre Farbe soll in sattgrüner Bodenflora wohl der Tarnung dienen, anders jedenfalls als zuvor die knallig farbigen Kunststoffklammern, mit denen der Waldwirt bisher die Gipfelknospen seiner Tännchen zu schützen pflegte, sofern er nicht sogar Drahthosen oder den Wildschutzzaun bevorzugte. Schließlich möchte es die Forstpartie mit den Waldbesuchern ja auch nicht gänzlich verscherzen beim Anblick all der Drahtgestelle – gilt der Wald doch manch einem noch immer als Sehnsuchtsort und Gegenwelt.

viele kleine Bäumchen hinter Gitterhüllen
Vergitterter „Sehnsuchtsort Wald“

Wie es scheint, heiligt heutzutage unterm Vorzeichen des vom Klimawandel erzwungenen Umbaus auch im Wald der Zweck die Mittel: so auch den immer exzessiveren Kunststoffeinsatz auf Erdölbasis. Man tut den Wuchs- wie den Gitterhüllen-Praktikern sicher nicht Unrecht, wenn man festhält, dass es von Anfang an in aller Regel die ungelöste Wald-Wild-Problematik war, die sie zu diesen Rettungsankern greifen ließ. Alle anderen Argumente (Wuchsbeschleunigung, Ersparnis an Pflegekosten) scheinen eher nachgeschoben zu sein. Sicher ist sicher, zumal wenn der mit der Pflanzung beauftragte Unternehmer auch noch eine Anwuchsgarantie geleistet hat!

Vile kleine Bäumchen in Röhren
Besser Gitter als Röhren in den Forstkulturen?

Engel auf der Gruftkirche in Neudingen von Xaver Reich

Als nach dem Brand des Klosters Maria Hof bei Neudingen Fürst Karl Egon II. in den Jahren 1835-56 die Gruftkirche erbauen ließ, wurde Franz Xaver Reich mit der Ausschmückung beauftragt. Er modellierte die vier Engel aus Zinkguß auf den vier Nebentürmchen, die die Kuppel flankieren. Von ihm stammen ebenso die Madonna und die beiden Heiligenfiguren über der Portalwand wie die beiden Klosterfrauen über dem Portal. Ganz Raphael nachempfunden, dessen Werke Reich während seines Romaufenthaltes besonders stark beeindruckt hatten, ist das Verkündigungsrelief des Hauptaltars. Im Jahre 1870 entstanden die beiden Seitenaltäre, die wiederum eine Madonna und die acht Seligkeiten darstellen. Vielleicht spendet uns ja mal jemand Fotos von innen.

Adebar auf der Gruftkirche

Beitrag vom 5. Juni 2021von Wolf Hockenjos

Was für ein hoffnungsvolles Signal in Zeiten des weltweiten Artenschwunds: Die Störche, Symbole für Fruchtbarkeit, Wachstum und Kindersegen, nehmen auch auf der Baar wieder kräftig zu. Allein in Neudingen bezogen dieses Frühjahr wieder acht Storchenpaare ihre Brutplätze, ob auf Giebeln, Telegrafenmasten oder Bäumen und, ganz wie es sich gehört, auf dem Dach des Gasthauses Zum Storchen, ein weiteres nebenan auf der Sonne. Doch das spektakulärste Nest hatte ein Paar im Frühjahr 2019 auf den Schwingen einer der Engelsgestalten des Bildhauers Adolf Heer erbaut, welche die Außensäulen der F.F. Gruftkirche von 1853 schmücken. Leider waren im Frühjahr 2020 die Engel auf ihren Säulen mitsamt dem Storchennest verschwunden. Wurden sie womöglich entfernt, um fortan allfällige Zweckentfremdungen zu verhindern? Wollte man auf solch rigorose Weise die Verunzierung durch ätzenden Storchenkot, gar die Beschädigung der Engel unterbinden? An Stelle der Skulpturen zieren jetzt antennenartige Metallstäbe alle vier Säulen rundum, anscheinend eigens dazu ersonnen, den Störchen das Rasten, erst recht das Nisten zu vergällen.

05.08.2019
18.04.2020

Die Rückfrage im Fürstenhaus brachte ernüchternde Entwarnung: Die Engelsgestalt samt Nest habe aus Sicherheitsgründen entfernt werden müssen. Das Postament sei am Zerbröseln, die Skulptur selbst auf der Rückseite gespalten gewesen. Doch drohte das nämliche Schicksal auch den anderen drei Engeln? Waren etwa auch sie marode, oder wollte man einfach vorbeugen, dass nicht auch sie Störche anlockten? Schade drum, für kunstsinnige Parkbesucher wie für die Störche! Das Paar war inzwischen umgezogen. Es nistete jetzt, weit weniger spektakulär als auf Engels Fittichen, unmittelbar über dem Eingangsportal zur Gruft, und sie hatten auch schon für Nachwuchs gesorgt im neuerbauten Nest.

Ob sich die fürstliche Liegenschaftsverwaltung auch hier mit Fragen zur Verkehrssicherungspflicht konfrontiert sehen würde? Oder ob man den Störchen unbesehen weiterhin Gastrecht gewähren wird – auch dann noch, wenn die Storchenjugend geschlüpft sein wird, wenn der Flugbetrieb zunehmen wird und auch der kalkweiße Storchenkot zunehmend als Ärgernis empfunden werden sollte?

13.06.2020
15.08.2020


Mitte August 2020, die Jungstörche hatten sich bereits auf den Wiesen der Riedbaar versammelt, um die Thermik des nächstbesten Hochdruckgebiets zum Start nach Süden zu nutzen, als die Tageszeitung unter der Überschrift Storchennest ist plötzlich weg die nachstehende Notiz aus Donaueschingen-Neudingen brachte: „Plötzlich war es weg. Und lange scheint dieser Zustand niemandem aufgefallen zu sein. Unbekannte Personen haben laut Mitteilung der Polizei im Marienpark des Klosters Neudingen ein Weißstorchennest entfernt, das sich auf der Gruftkirche der Fürsten zu Fürstenberg befand. Die Polizei ordnet den Vorfall in einem Zeitraum zwischen 12. und 26. Juli ein. Warum drei Wochen lang keine Anzeige erfolgt ist, kann sich Jörg Kluge, Polizeisprecher beim Präsidium Konstanz, auch nicht erklären. Möglicherweise hänge es damit zusammen, dass das Gelände schwer zugänglich ist. Oder man wisse nicht, dass ein Storchennest auch nach der Aufzucht der Brut nicht abgebaut werden darf. Da Weißstörche nach dem Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt sind ist es verboten, ihre Brut- und Ruhestätten zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören.“

Doch egal: im Frühjahr 2021 war das Storchenpaar jedenfalls wieder da, um sich aus Astmaterial an gleicher Stelle über dem Eingangportal der Gruftkirche erneut sein Nest zu bauen. Und Frau Storch machte sich auch alsbald ans Brüten. Der April war der kälteste seit vierzig Jahren und auch der Mai war kühl und nass – fürs Brutgeschäft keine günstigen Voraussetzungen. Für die Neudinger Störche sah es dennoch nicht schlecht aus gegen Ende Mai: In allen Nestern war Nachwuchs zu versorgen. Einzig das Nest auf der Gruftkirche war offenbar aufgegeben worden. Was war passiert? War es ein erneuter Platzverweis? Ein Schelm, wer Zweifel hegt an der Willkommenskultur des Fürstenhauses!

08.05.2021
02.06.2021

Frühling

Liebe Bürgerpostleser,

zu diesem Beitrag haben mich zwei Menschen angeregt, Christiane Willmann aus T.-N.-Schwärzenbach und Thomas Kring aus Hüfingen. Thomas schickte mir Bilder vom Frühlingswald Wutachflühen und meinte, ob ich nicht etwas schreiben wolle. Bei Christiane Willmann war es indirekt, sie fragte am 4. März 2026, ob die Küchenschelle am Zisiberg bei Hondingen schon blühe. Ich schicke Ihr Küchenschellenbilder vom 11. März 2025, dort waren sie in Vollblüte. Dann hatte ich am Freitag, den 6. März kurz Zeit, nachzuschauen.

Daraus entstand der Gedanke, drei Dinge zusammenzuspannen. Zum Zisiberg ist zu sagen, dass er ein kleines Naturschutzgebiet an der Südseite am Waldrand von Hondingen ist, das zum einen durch den Frühblüher Küchenschelle bekannt ist, ich habe sie nicht gezählt, aber es sind einige Hunderte. Es ist eine Augenweide. Neu war mir, dass sie Ihre Blüten bei Bewölkung leicht und bei Dunkelheit voll schließen. Christiane hat es schon gewusst.

Oben ein Schnappschuss mit einer Hummel. Hier kann sie bestäuben und Pollen sammeln. Diese Frühblüher sind sehr wichtig für die frühaktiven Insekten. Später kommen am Zisiberg Orchideen dazu, speziell die kleinen Spinnenragwurze.

Als drittes möchte ich den Laubwald oben auf dem Wartenberg erwähnen, ein Eldorado für einen noch früheren Blüher, den Märzenbecher.

  • Märzenbecher

Märzenbecher von Thomas Kring im Frühlingswald Wutachflühen

Mathias Ebert aus Villingen meinte trocken, „er muss bald in Februarbecher umgetauft werden“. Wie wenn sie gesät worden wären. In Wutachschlucht und -flühen kommt der Märzenbecher ebenfalls sehr häufig vor.

Echter Seidelbast

Echter Seidelbast
Foto: Thomas Kring
in Frühlingswald Wutachflühen

Der Duft vom Seidelbast ist einmalig, man muss unbedingt daran riechen.

Der scharlachrote Kelchbecherling und der Seidelbast sind Charakterpflanzen in diesen Gebieten. Die rote Farbe des Klechbecherlings beeindruckt sehr. Er wächst auf Totholz, was normalerweise nicht zu sehen ist. Man denkt er wächst direkt aus dem Boden heraus.

  • Zinnoberrote Kelchbecherling

Kelchbecherling von Thomas Kring im Frühlingswald Wutachflühen

Das letzte Bild bekam ich wiederum von Karl Wild aus Maichingen. Vielen Dank dafür. Ein Admiral am Winterschneeball. Wer kann sich noch erinnern an den Artikel von 2024 über das Thema? Ergebnis war damals, dass der Wanderfalter Admiral in der Zwischenzeit zunehmend bei uns überwintert und damit kein reiner Wanderfalter mehr ist. Als ich das Bild Dr. Hans-Peter Straub schickte, schrieb er, dass bei im in Königsfeld genau das gleiche zu sehen war. Ein Klimawandelhammer.

Herzliche Grüße
Franz Maus

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