Frauen fehlen nicht!

Wir sind da. Wir sehen alles.
Und wenn wir sprechen, wird sichtbar, was sonst so gern überhört wird.

Es gibt noch einen Satz, der in politischen Zusammenhängen erstaunlich zuverlässig fällt:

„Wir würden ja Frauen nehmen. Aber es will einfach keine.“

Er klingt fast bedauernd.
Wie ein organisatorisches Problem.
Wie ein Mangel an Angebot.

Und genau darin liegt seine Bequemlichkeit.

Denn wenn „keine will“, muss niemand fragen, warum so viele nichts sagen.

Dann ist das Problem plötzlich nicht mehr das Klima,
nicht mehr die Struktur,
nicht mehr die soziale Sanktion.

Dann sind einfach die Frauen schuld.

Zu wenig Interesse.
Zu wenig Mut.
Zu wenig Ehrgeiz.

Und alle anderen können sich entspannt zurücklehnen.

Wer die vorherigen Muster kennt, erkennt auch hier die Logik.

Zuerst wird die Art zu sprechen kontrolliert:

Der Ton ist das Problem.
Zu emotional.
Zu direkt.

Dann wird der Inhalt entwertet:

Zu pauschal.
So kann man das nicht sagen.

Und irgendwann passiert etwas sehr Konsequentes:

Viele Frauen sagen einfach nichts mehr.

Nicht, weil sie nichts zu sagen hätten.

Sondern weil sie gelernt haben, welchen Preis es hat.

Viele Frauen lernen diese Rechnung früh.

Nicht anecken.
Nicht unangenehm werden.
Nicht „zickig“ wirken.
Nicht „hysterisch“ rüberkommen.

Immer freundlich.
Immer vernünftig.
Immer so, dass sich bloß niemand gestört fühlt.

Das sind keine offiziellen Regeln.

Aber sie werden zuverlässig durchgesetzt.

Und sie wirken.

Nicht abstrakt.
Nicht theoretisch.
Sondern ganz praktisch.

Man hält sich zurück.
Man formuliert vorsichtiger.
Man sagt lieber nichts.
Oder man zieht sich irgendwann ganz zurück.

Nicht, weil man nichts könnte.

Sondern weil man gelernt hat, dass Können allein nicht reicht.

Gerade in kleineren Städten und dörflich geprägten Strukturen wird das besonders sichtbar.

Dort, wo Tradition nicht nur gefeiert, sondern auch sozial verwaltet wird.

Dort, wo es sehr genaue Vorstellungen davon gibt,
wer dazugehört,
wer wie auftritt,
wer als „angenehm“ gilt
und wer besser nicht auffällt.

In solchen Milieus wird oft für Frauen „mitgedacht“ –
aber nur für die braven.

Für die freundlichen.
Für die unauffälligen.
Für die, die mitlaufen, mithelfen, mitlächeln.

Für alle anderen wird erstaunlich wenig mitgedacht.

Und ja, natürlich gibt es dann eine große Wertschätzung für bestimmte traditionelle Räume.

Blasmusik.
Stadtmusik.
Vereinskultur.
Das Ehrwürdige.
Das Alteingesessene.

Alles schön und gut.

Aber nicht jede Frau ist eine Blockflöte.

Und nicht jede möchte in genau die Rollen passen,
die man in solchen Strukturen seit Jahrzehnten für sie vorgesehen hat.

Das Problem ist nicht, dass Traditionen existieren.

Das Problem ist, wenn aus Tradition ein sozialer Maßstab wird, an dem alle gemessen werden, die anders auftreten, anders sprechen oder andere Prioritäten haben.

Dann wird nicht mehr Vielfalt verwaltet.

Dann wird Konformität belohnt.

In kommunalen Gremien zeigt sich das besonders deutlich.

Da sitzen Männer, die sich durch ihre Wortmeldungen stolpern,
die stottern, abschweifen, sich verheddern,
halbfertige Gedanken in den Raum werfen und sich dabei nicht eine Sekunde fragen müssen, ob ihr Beitrag jetzt „zu emotional“ war.

Niemand erklärt ihnen anschließend, dass sie „vielleicht noch etwas an ihrer Form arbeiten sollten“.

Es ist eben ein Redebeitrag.

Nicht mehr. Nicht weniger.

Wenn Frauen sprechen, verschiebt sich der Maßstab.

Dann wird plötzlich nicht nur gehört, sondern bewertet.

War das jetzt angemessen?
War das nicht etwas scharf?
Hätte man das nicht netter formulieren können?

Mit anderen Worten:

Frauen reden in solchen Räumen oft nicht einfach.
Sie treten auf Bewährung auf.

Und wer ständig signalisiert bekommt, dass der eigene Beitrag nicht nur inhaltlich, sondern auch sozial geprüft wird, überlegt irgendwann, ob man ihn überhaupt noch bringt.

Das ist kein persönliches Versagen.

Das ist eine rationale Reaktion auf ein irrationales System.

Ich habe das in meiner Zeit als Stadträtin oft genug gesehen.

Frauen, die sehr wohl etwas zu sagen gehabt hätten – und es nicht getan haben.

Nicht, weil sie nichts gesehen hätten.
Nicht, weil sie zu wenig verstanden hätten.
Sondern weil sie genau wussten, wie schnell man in solchen Strukturen abgestempelt ist.

Und dann passiert etwas fast schon Zynisches:

Erst werden Frauen sozial klein gehalten.
Dann wird ihr Schweigen als Beweis benutzt, dass sie „halt nicht wollen“.

„Es gibt keine Frauen.“

Doch.

Es gibt sie.

Sie sitzen im Raum.
Sie beobachten.
Sie arbeiten.
Sie tragen mit.

Sie haben nur gelernt, dass Sichtbarkeit Folgen hat.

Das ist vielleicht die wirksamste Form der Disziplinierung.

Nicht, dass jemand ständig offen zum Schweigen gebracht wird.

Sondern dass viele Frauen irgendwann gar nicht mehr anfangen, frei zu sprechen.

Weil sie längst verstanden haben, wie der Preis aussieht.

Der Begriff dafür ist sperrig, aber treffend:

linguistic self-mitigation.

Menschen beginnen, sich sprachlich selbst abzurüsten.

Sie relativieren sich.
Sie entschärfen.
Sie nehmen vorweg, dass sie „das vielleicht falsch sehen“.
Sie verpacken Kritik in Höflichkeit, bis fast nichts mehr davon übrig bleibt.

Oder sie sagen gar nichts mehr.

Und genau dieses Schweigen wird später dann als Argument verkauft.

Vielleicht ist das der bequemste Trick des ganzen Systems:

Erst sorgt man dafür, dass Frauen sich zurücknehmen.
Und danach erklärt man ihre Zurückhaltung zu ihrer Natur.

Und trotzdem gibt es Momente, in denen sichtbar wird, dass es auch anders gehen könnte.

Ich hatte kürzlich so einen Moment.

In der Gemeinderatssitzung waren viele junge Frauen da.

Und plötzlich war da etwas, das in diesen Räumen sonst so oft fehlt:

Lebendigkeit.
Interesse.
Präsenz.
Eine andere Energie.

Nicht dieses ewige Verwalten von Hierarchien, nicht dieses schwerfällige Bewachen alter Ordnung.

Sondern etwas Offeneres.
Etwas Wacheres.

Etwas, das gezeigt hat, es geht auch anders als bei diesen unerträglichen alten Strukturen.

Und genau deshalb ist der Satz „Es will ja keine“ so so bequem.

Er verschleiert, dass Frauen oft gar nicht fehlen.

Sondern verdrängt, entmutigt oder klein gehalten werden.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht:

Warum melden sich so wenige Frauen?

Sondern:

Warum wird es ihnen in so vielen Räumen immer noch so schwer gemacht?

Denn vielleicht fehlt es nicht an Frauen.

Vielleicht fehlt es an Strukturen,
in denen Frauen sprechen können,
ohne sofort eingeordnet,
begrenzt oder
sozial zurechtgestutzt zu werden.

Und „Es will ja keine“ beschreibt keine Realität.

Sondern die bequemste Ausrede derjenigen,
die nie ernsthaft wollten,
dass es anders wird.

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