Tabu Tempolimit

Beim Stichwort Ölkrise tauchen in mir – kurios, kurios! – vergnüglichste Bilder auf, Erinnerungen an den Winter 1973: Wir haben soeben den Marcialonga hinter uns, den Volksskilauf im Trentino über 70 Kilometer, und sitzen nun alle fest: zwar geschafft, aber keineswegs verstimmt am Zielort Cavalese. Denn es herrscht Sonntagfahrverbot und der Bus nachhause darf erst punkt 24.00 Uhr starten. Ein einheimischer Musikus hat seine Quetschkommode hervorgeholt, und so wird am Dorfbrunnen aufs Heiterste getanzt und gesungen bis kurz vorm Zwölfuhrglockenschlag.

Umso bedrückter ist diesmal die Stimmungslage, seit als Folge des Irankriegs und der Sperrung der Straße von Hormus die Energiepreise zu explodieren scheinen. Angesichts der Preissprünge an den Zapfsäulen möchte man als Verkehrsteilnehmer ja irgendwie reagieren, doch nichts davon merkt man einstweilen auf den Straßen. Wer auf Bundes-, Land- und Kreisstraßen unterwegs ist und sein Tempo auf unter die 100 km/h drosselt, riskiert einen mehr oder minder langen Rückstau hinter sich, womöglich gar ein Hupkonzert. Und auf den dreispurigen Überholstrecken brettern sie dann (dir vielleicht sogar den Vogel zeigend) mit teils über 120 km/h an dir vorüber. Als ob man nicht auch den Spritverbrauch drosseln sollte in diesen Wochen, in denen niemand sicher weiß, ob und wann sie enden werden. Doch kein Wort dazu von Seiten der Wahlkämpfer von Links über Grün bis Rechts vor oder nach den Landtagswahlen – das Wort „Tempolimit“ scheint aus dem Wortschatz der Politiker ultimativ gestrichen worden zu sein!

Bild von Autobahn mit LKws und mit Solarpanels im Hintergrund
Energiekrise – wann reagiert der Straßenverkehr?

Da ist es umso erstaunlicher, dass das Unwort plötzlich in den Medien wieder etwas häufiger auftaucht, nicht nur in versprengten Leserbriefen, sondern sogar im Wirtschaftsteil überregionaler Zeitungen; so am 25. März 2026 in der SZ unter der Überschrift Drohende Energiekrise – Zeit für ein Tempolimit. Wie ernst die Lage ist, so der Bericht, zeigten die Äußerungen der gewiss nicht zu Alarmismus neigenden Internationalen Energieagentur (IEA) mit Sitz in Paris, die von der „größten Bedrohung der Energiesicherheit in der Geschichte der Menschheit“ spreche. Sparpotenzial gebe es laut IEA vor allem beim Verkehr. „Es ist an der Zeit, dass im autoverliebten Deutschland Tabus fallen. Die Bundesregierung sollte ein Tempolimit auf Autobahnen einführen.“ Man könne das ja, zur Beruhigung der Gemüter, auf die Dauer des Irankriegs befristen. Denn eine solche Regelung gab es ja schon mal: „1973 durfte man sechs Monate lang nur 100 km/h fahren auf der Autobahn.“ Vom Sonntagfahrverbot ganz zu schweigen.

Von einer Dauerlösung, wie sie seit Langem nahezu weltweit eingeführt ist, von einem Tempolimit auch auf deutschen Autobahnen bei 120 km/h, ist noch immer nirgendwo die Rede, schon gar nicht im krisengeschüttelten Autoland Baden-Württemberg. Mag der Verkehrssektor noch so sehr im Rückstand liegen bei der gesetzlich geforderten Annäherung an die Klimaziele im Jahr 2030 mittels CO2-Reduzierung. Hat doch der Bundesumweltminister soeben wieder einen neuen Schub angekündigt – vorzugsweise beim Verkehr.

Schreibe einen Kommentar

The maximum upload file size: 32 MB. You can upload: image, audio, video, document, spreadsheet, interactive, text, archive, code, other. Links to YouTube, Facebook, Twitter and other services inserted in the comment text will be automatically embedded. Drop file here