Ausblick mit Windrädern

Zur Linken sah ich schon das erste Windkraftmonster, bald sollten 90 weitere in einer Höhe von zweihundert Metern folgen. Das war das Ende, dachte ich. (Arnold Stadler: Auf dem Weg nach Winterreute. Verl. Jung und Jung, Salzburg u. Wien, 2012)

Was war das damals noch für ein Ausblick aus meinem Fenster, zumal frühmorgens, wenn sich über Nacht frühherbstlicher Bodennebel gebildet hatte! Bis zum Jahr 2016 ging die Sonne über einem gänzlich ungestörten Horizont auf, über der Schwäbischen Alb, jeden Morgen ein Stückchen weiter südwärts, genauer: über den Amtenhauser Bergen und der Blatthalde bis hinüber zum Wartenberg.

Sonnenaufgang über der Schwäbischen Alb (2016)

Doch dann, anno 2017, wuchsen plötzlich fünf weiße Spargel aus dem dicht bewaldeten Rücken hervor –  für den Landschaftsfreund ein durch und durch gewöhnungsbedürftiger, ja verstörender Anblick, erst recht bei abendlichem Schräglicht, angestrahlt kurz vor Sonnenuntergang. Ob ich mich wohl je an diese Bildstörung gewöhnen werde? Dabei ragten die Windräder ja nur dem Anschein nach zuvorderst aus der Blatthalde hervor, in Wahrheit waren sie einen ganzen Höhenzug weiter ostwärts errichtet worden, im Fürstlich Fürstenbergischen Wald, jenseits des Amtenhauser Tals.

Die neue Skyline (2017)

Gelegenheit, sich vor Ort umzusehen, ergab sich unlängst (im Vorfrühling 2023) im Rahmen einer Exkursion des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar e. V.: Erst aus der Nahperspektive erschloss sich den Teilnehmern das wahre Kaliber dieser monströsen Türme wie auch der nicht minder gigantische Platzbedarf für Baustellen und Zufahrten. Wobei man sich das Ausmaß der unterirdischen Betonsockel und deren ökologischen Fußabdruck natürlich noch hinzudenken musste.

Auf Waldexkursion (2023)

Ein mit den Eingriffen in den Wald durchaus einverstandener und von den hier geleisteten Investitionen sichtlich erbauter Chef des Forstbetriebs Fürstenberg Forst GmbH & Co. KG gab dazu forst- und energie- wirtschaftliche Erläuterungen. So deutete er auch eher beiläufig an, welchen Nutzen sich der Forstbetrieb von der Windenergie verspricht: Mit dem jährlichen Pachterlös für ein einziges Windrad könne jeweils eine zusätzliche Arbeitskraft eingestellt und finanziert werden – allemal vom Vielfachen des zuvor erwirtschafteten Ertrags auf der benötigten Waldfläche. Der erzeugte Strom komme allerdings nicht der Region, sondern der Stadt Tübingen zugute. Im Schwarzwälder Boten (v. 6. 8. 2022) hatte Forstchef schon im Jahr zuvor,  warnend vor den Auswirkungen des Klimawandels auf das Waldökosystem wie vor den Behinderungen des Windkraftausbaus durch überzogenen Artenschutz, angekündigt, das Fürstenhaus plane, nicht weniger als fünfzig (!)  Standorte in seinem 18.000 ha großen Wald an Windenergiebetreiber zu verpachten.

Da waren es plötzlich doppelt so viele Windräder am Horizont

 Weshalb es denn ein Jahr später auch kaum mehr überraschen konnte, dass der Horizont der Alb plötzlich mit weiteren fünf Windrädern überstellt war. Wo doch die Energiekrise inzwischen in aller Munde, der Klimawandel anscheinend außer Rand und Band geraten war mit immer neuen Temperaturrekorden. Und wo mittlerweile dank Habecks Beschleunigungsgesetz  „Deutschlandtempo“ angesagt war. Hatte nicht auch, zunehmend genervt ob der mageren Bilanz des Windkraftausbaus im eigenen Land, Ministerpräsident Kretschmann geschimpft und gedrängt: „Wir brauchen Windräder ohne Ende. Denn wo gibt es denn Windräder im Schwarzwald? Die muss man mit der Lupe suchen“ (so jedenfalls zitiert ihn der Schwarzwälder Bote vom 9. 9. 2022). Und seine Umweltministerin hatte gleich noch eins obendrauf gesetzt: „Wenn wir klimaneutral werden wollen, werden es dann mehr als 1000 Windräder sein. Sogar doppelt so viele.“ Wie lässt es sich da noch gegen die Überprägung und Störung des Landschaftsbilds argumentieren, während zugleich die Industrialisierung ganzer Waldgebiete droht?

In Erwartung weiterer Verspargelung: die Länge (2023)

Beim Blick aus meinem Fenster bleibt jetzt für die Bestückung mit Windenergieanlagen nur noch die Länge übrig, sofern nicht auch Warten- oder Fürstenberg aus Platzgründen noch dafür in Betracht gezogen werden sollten. Oder vielleicht doch auch noch die Schwelle des Auenbergrückens, wo anno 1988 von einigen Enthusiasten das erste neuzeitliche Windrad Baden-Württembergs errichtet worden ist – mit seiner Nabenhöhe von knapp 30 m freilich eher ein Rädchen als ein Rad heutiger Dimensionierung. Damals, noch ganz unterm Eindruck des Supergaus von Tschernobyl stehend, war damit  unübersehbar ein grünes Signal gegen die Nutzung der Kernenergie gesetzt worden. 

Der Auenberg mit dem ersten Windrad des Landes

Im Jahr 2012 hatten die vier Städte rund um die Länge (Donaueschingen, Hüfingen, Blumberg und Geisingen) das bislang gänzlich unzerschnittene und unbesiedelte Waldgebiet per Flächennutzungsplanänderung zum Vorranggebiet für Windenergienutzung erklärt. Nur an seinem äußerstem Nordrand existierte  ja bereits seit 2001 nebst einem TV-Umsetzer ein Windrad; sein Rotor pflegt allerdings (mit nicht einmal 1.200 Volllaststunden im Schnitt der 20 Jahre) auffallend oft stillzustehen, wie der Blick aus meinem Fenster verrät.

Windatlaswerte hin oder her: eine namhafte Betreiberfirma hatte auf der Länge schon früh das Handtuch geworfen. Doch ums Jahr 2015 sind neue Planungen an die Öffentlichkeit durchgesickert, die umgehend auch den Widerstand einer Bürgerinitiative hervorgerufen haben. Für die Widerständler drehte sich fortan alles – weil Beeinträchtigungen des Landschaftsbilds im Abwägungsprozess ohnehin kaum zählen würden – um die Schlagopfer der Rotoren, ob bei Rotmilanen, bei Wespenbussard, Hohltaube oder Raufußkauz, bei fünferlei

Specht- und acht nachgewiesenen, streng geschützten Fledermausarten; wie  natürlich auch gewarnt werden musste vor der Bedrohung der (international bedeutsamen) Trittstein- und Korridorfunktion der Länge für wandernde Wildtierarten. Windräder in einem ökologisch hochwertigen Wald – was für ein Widersinn! 

Doch der Widerstand und die Petitionen im Landtag verpufften wirkungslos, das Genehmigungsverfahren für 11 Schwachwindanlagen zweier Betreiberfirmen war nicht mehr zu stoppen. Nachdem  Ende Dezember 2016 (kurz vor Ablauf  der bis dahin geltenden, besonders windkraftfreundlichen Förderbestimmungen) die Baugenehmigungen erteilt worden waren, begannen im März unverzüglich die Rodungsarbeiten für den bislang größten Windpark Baden-Württembergs. 

Die 11 Windräder, jeweils mit 245,5 m Gesamthöhe und damit doppelt so hoch wie der Freiburger Münsterturm, stehen indessen noch immer nicht. Aufgrund einer Verbandsklage der Naturschutz-Initiative e.V. urteilten erst die Freiburger, dann auch die Mannheimer Verwaltungsrichter, dass die Genehmigungen fehlerhaft waren. Das aufwändige Verfahren mitsamt  Umweltverträglichkeitsprüfung musste daher wiederholt werden: Diesmal freilich nur noch für sechs Windräder, denn eine der beiden Betreiberfirmen war inzwischen insolvent geworden. Ob sich die betroffene Stadt Blumberg davon abhalten lassen wird, auf ihrem Teil der Länge weiterhin auf Windkraft zu setzen und ob nicht auch die Stadt Geisingen noch auf ihrem Vorranggebiet nachziehen wird, bleibt vorerst ungeklärt.

Visualisierter Ausblick auf die Länge (Foto U. Bielefeld)

Doch trotz des zunehmenden Gegenwinds aus Politik und Gesellschaft ließ sich die Naturschutz-Initiative e. V. auch diesmal nicht daran hindern, erneut zu klagen. Das Urteil der Verwaltungsrichter zu den  verbliebenen 6 Windrädern liegt derzeit noch immer nicht vor, sodass der Betreiberfirma Solarcomplex nach wie vor in den Startlöchern sitzt. Lediglich an den Rändern der Zufahrten zu den einzelnen Rodungsflächen wagte man schon einmal, etliche weitere Bäume zu fällen und Kabel zu verlegen. Was hatten Landes- und Ampelregierung nicht alles unternommen, um die Genehmigungsverfahren zu entbürokratisieren und zu beschleunigen – und nun dennoch eine solche Verzögerung!

Aber wie, wenn nun nächstens auch die Länge mit fast 250 m hohen Windrädern bespickt sein wird? Was wird das aus dem Landschaftsbild machen, wie wird sich der Ausblick aus meinem Wohnzimmerfenster verändern? Schlimmstenfalls wird ja wohl eines nicht allzu fernen Tages auch das Windrädchen auf dem Auenberg noch – per Repowering – auf siebenfache Gesamthöhe aufgestockt werden und mir zuguterletzt auch noch den Ausblick aufs Berneroberland vergällen. Der Schutz der Landschaft, wie damit auch die Erhaltung von „Vielfalt, Eigenart und Schönheit“ des Landschaftsbilds, steht zwar nach wie vor im § 1 Abs. 1 Pkt. 3 des Bundesnaturschutzgesetzes, und im Artikel 20a des Grundgesetztes findet sich der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen (also auch derjenige von Landschaft und Tieren) sogar als Staatsziel wieder. Doch mehr denn je fühlt es sich mittlerweile so an, als lebten wir im übergesetzlichen Notstand, wo nicht einmal mehr der Staatshaushalt und seine Fördertöpfe verfassungskonform sind. Klimaschutz statt Arten und Landschaftsschutz, so lautet die Devise! 

Aber wer weiß schon, ob nicht die Wohnungsinhaber kommender Generationen den Blick auf all die Windturbinen ringsum als Zeichen der Hoffnung interpretieren, ja, vorbehaltlos begrüßen werden: als Indiz für eine gelungene „ökologische Transformation“ im Kampf gegen die Klimakrise. Was also soll da noch das Gejammer über den Ausblick auf ein „transformiertes“ Landschaftsbild? Einstweilen darf allenfalls getrauert werden.

Gefrorene Grannen

Liebe Bürgerpostleser, 

das ist wieder eine besondere Geschichte: Ich fahre am 18. November 2023 mit dem Auto über Mundelfingen nach Döggingen zum Weckle holen und denke, was ist denn das neben und südlich der Fahrbahn zwischen Hausen vor Wald und Döggingen. Auf der Rückfahrt war mir klar, da musst Du anhalten. Schauen Sie die Bilder an, sehen sie nicht toll aus? Mit Eis überzogene Ähren und Grannen, ja wo gibt’s denn so etwas?


Auf dem Bild links sieht man sogar noch gelbe Staubbeutel. Und das alles am 18. November. Man fragt sich, ob es da noch eine Ernte im Winter gibt. Kommen Ihnen diese Bilder nicht auch irgendwie komisch vor? Ich vermute ja, weil Sie und ich noch nie mit Eis überzogene Ähren gesehen haben, oder? Das wirkt völlig wirklichkeitsfremd. Ähren stehen für Sommer und Frühherbst, aber nicht für November und Eis. Das ist ein Hammer. Ich holte mir Hilfe bei Felix Käfer vom Landwirtschaftsamt. Er sagte, er könne sich nur vorstellen, dass am Ackerrand im Frühjahr oder Frühsommer Getreidesamen zum Keimen kam und durch den milden Herbst zu diesem Reifegrad heranwuchsen. So, wie es aussieht, handelt es sich um Triticale, eine Kreuzung zwischen Weizen und Roggen.

Triticale

Jetzt noch zum Zoombild eine Frage:


Aus welcher Richtung hat sich das Eis gebildet?




Richtig, von links aus der Windrichtung der feuchten Luft, die an den Ähren zu Eis erstarrte. Dass die Eispracht schwer ist, ist auch deutlich zu sehen. Na, was sagen Sie dazu?

Herzliche Grüße
Franz Maus

Hausrunde

Um in ein siebenstöckiges Hochhaus überzusiedeln, in einen Klotz in Stadtrandlage, dazu brauchte es mehr als nur die Überzeugungskraft einer willensstarken Ehefrau – zumal bei einem eingefleischten Waldmenschen, der kurz vor seiner Pensionierung steht. Um ihn dafür zu gewinnen, mussten fraglos noch ein paar weitere Lockmittel eingesetzt werden. Dabei hätte eigentlich bereits ein erster Blick aus der  südseitigen Fensterfront im 6. Stock genügt haben müssen, liegt einem da doch – wow! – die halbe Baar zu Füßen: Gegen Osten begrenzt durch die Schwäbische Alb, gegen Südosten durch Warten- und Fürstenberg sowie durch die von einem TV-Umsetzer und einem Windrad gekrönten Länge (die Badische Alb), weiter südwärts dann über dem Stadtzentrum durch den Eichbergrücken, schließlich durch die Schwelle des Auenbergs mit seiner unverwechselbaren Baumreihe und mit Baden-Württembergs ältestem Windrad – und darüber bei klarer Sicht: die gezackten Eisriesen des Berner Oberlands! Wie hässlich darf da ein siebenstöckiger weißgrauer Plattenbau sein (Donaueschingens „städtebaulicher Akzent“ aus den späten 1970er Jahre), um den Charme einer Wohnung mit Alpensicht aufzuwiegen? Und das auch noch bei all den Vorzügen der gebüschreichen Stadtrandlage, wo man im Frühling vom Vogelkonzert geweckt wird und  wo vor dem Fenster, fast zum Greifen nah, noch Rot- und Schwarzmilane herumgaukeln, die Charaktervögel der Baar. 

Wohnlage mit Alpensicht überm Auenberg

Als ob damals im Untergeschoss nicht auch noch eine öffentliche Sauna und ein Schwimmbecken den Ruheständler gelockt hätten. Und knapp nebenan erstreckt sich der Buchbergwald, der zum Joggen einlädt. Derweil für den Radler hier ein nichtöffentliches Teersträßchen einmündet, ein ideales Ausfalltor ins Radwegenetz abseits des Verkehrstrubels. Was also sprach da letztlich noch gegen das Wagnis, das bisherige Försterbiotop gegen ein Hochhaus-Soziotop einzutauschen; selbst wenn auf Klingelleiste und Briefkästen die Namen fremdländischen Ursprungs zu überwiegen schienen?

Inzwischen genießen sie ihren „Adlerhorst“ da oben schon gut und gern zwei Jahrzehnte lang. Der Ruhestand als lauschige Blockhaus-Idylle am Waldesrand mit Dackel und geschulterter Büchse, wovon er vielleicht irgendwann mal geträumt haben mag, ist längst kein Thema mehr – man hat sich eingelebt, genießt die Vorzüge, auch wenn der Saunabetrieb längst eingestellt und das Schwimmbecken aus Sparsamkeits- und Umweltgründen seit Jahren trockengelegt ist. Das Miteinander der Hausbewohner, Mieter wie Eigentümer, hat sich als denkbar unkompliziert erwiesen: Man grüßt sich im Treppenhaus, auch wenn einem die Namen längst nicht alle präsent sind, und zuweilen ergibt sich sogar ein zwangloser gutnachbarschaftlicher Smalltalk. Oder man beklagt sich gemeinsam, wenn der Fahrstuhl oder die Heizung mal wieder streikt. Ansonsten genießt man die Lärmdämmung der Wände oder schimpft allenfalls auf Laubbläser und Rasenmäher im Viertel oder auf den Straßenlärm bei geöffneter Balkontür. Die alljährlichen Eigentümerversammlungen, einberufen von der Hausverwaltung, verlaufen alles in allem vergleichsweise friedlich, zumal die Ehefrau ja auch so gewinnend wie resolut das Ehrenamt einer Beirätin versieht. 


Bestens vernetzt sieht sich indes auch der radelnde Ruheständler angesichts all der Varianten für seine Runden über die Baar hinweg; in den Sommermonaten lockt allemal der Abstecher an den Riedsee, wo er seit Jahren ein und dieselbe Einstiegsnische bevorzugt, begrüßt von seinen gefiederten Freunden, den Haubentauchern und Schwänen, sowie von einer von Jahr zu Jahr üppigeren  Seerosenpracht. Sein Drahtesel ist unterdessen vom schlichten Rennrad zu einem höchst feudalen Mountainbike mit E-Motor mutiert – dessen Anschaffung  freilich nicht ohne den fürsorglichen Nachdruck seiner besseren Hälfte erfolgt war, denn gegen eine Unterstützung aus der Steckdose hatte er sich stets entschieden verwahrt. Doch mittlerweile muss auch er Alter und Gesundheit Tribut zollen und an Anstiegen seine Pulsfrequenz zügeln. Zumal wenn der Ausritt etwa durchs Gnadental hinauf auf die Länge führt oder gar in den Schwarzwald – ganz zu schweigen von den altgewohnten winterlichen Skilanglauf-Eskapaden.

Auf der Hausrunde durch den Buchberg

Was natürlich ebenso für seine Jogging-Hausrunde durch den stadtnahen Buchbergwald gilt, bei welcher er sich inzwischen zu moderaterer Gangart genötigt sieht. Doch noch immer durcheilt er jetzt flotten Schrittes den ihm so vertrauten Wald, wann immer gerade kein Radwetter herrscht. Dankbar benutzt er dabei, nicht anders als vor ihm schon so viele Generationen von Waldbesuchern, die schmalen Fußpfade, die von seinen forstlichen Berufskollegen bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Wohle der Stadtmenschen angelegt worden sind, während man breitere Waldwege da und dort sogar der Ästhetik wegen mit Linden bepflanzt hatte. Anders als noch beim Joggen pflegt ihm nun keine Veränderung mehr zu entgehen, sei es beim jahreszeitlichen Wandel der Bodenflora, seien es die jüngsten waldwirtschaftlichen Eingriffe. Mit geradezu kindlicher Freude und Genugtuung verfolgt er unterwegs die alljährlichen Wachstumsschübe in der Tännchen-Kita, wo er sich doch ein Berufsleben lang für das Wohl der Weißtanne eingesetzt hatte.

Tännchen-Kita unter einer Buchberg-Buche

Die Erinnerung an denkwürdige Fuchsjagden wird im Fürstenbergischen hochgehalten: Ein Gedenkstein erinnert im Donaueschinger Stadtwalddistrikt Buchberg an des Fürsten Karl Egon letzte Fuchsjagd (am 29. Februar 1892). Seinen – sage und schreibe –  eintausendsten (!) Fuchs hat Wilhelm II. 1908 am Schellenberg westlich der Residenz erlegt, wie einer in einen Granitblock eingelassenen (inzwischen entwendeten) Bronzetafel zu entnehmen war. Die „Kaiserjagden“ auf Füchse gehörten zu den Höhepunkten des Donaueschinger Jagdjahrs. An ihnen nahm nicht selten als prominentester Jagdgast und enger Freund der Fürstlichen Familie auch Kaiser Wilhelm II. teil; insgesamt vierzehnmal war der kaiserliche Jagdgast zu Besuch. Die Höchststrecken je Jagdtag betrugen bis zu vierzig Füchse!

Kürzlich hat ihm seine besorgte Frau – sicherheitshalber – ein Smartphone aufgedrängt; das nutzt er seitdem fleißig auch auf seiner Hausrunde, freilich nur, um allfällige Waldmotive im jahreszeitlichen Wandel festzuhalten. Noch nie ist einem im Sportdress das Fotografieren ja so leicht gemacht worden, und das bei Tiefenschärfe und Brillanz von vorne bis hinten raus, unverwackelt selbst noch im Dämmerlicht des Waldes. Nicht zu glauben, dass er sich damals als Forstamtschef sogar noch strikt geweigert hatte, ein Diensthandy in der Tasche mitzuführen! Wer im Wald was von ihm wollte, solle sich doch bitteschön bei der Sekretärin erkundigen, wann er am Schreibtisch wieder anzutreffen ist.

Der Schlussspurt nach absolvierter Joggingrunde hatte vormals noch das Treppenhaus hinauf bis in den 6. Stock zu erfolgen. Doch auch dabei geht es unterdessen ruhiger zu, auch wenn er sich noch immer dazu zwingt, freiwillig auf den Fahrstuhl zu verzichten, ob nach absolvierter Buchbergrunde oder beim allmorgendlichen Gang zum Briefkasten, um die Zeitung zu holen. Spätestens ab dem 4. Stock beginnt er, heftiger durchzuatmen und Sauerstoffschuld zu verspüren – für ihn jedoch ein unverzichtbarer Trainingsimpuls. Der Umzug damals ins Hochhaus: was für ein Glücksfall!

Sumpfzypresse

Liebe Bürgerpostleser,

die Lärche mit „ä“ geschrieben, ist bekanntermaßen ein Nadelbaum in unseren Breiten, der seine Nadeln über den Winter verliert. Kurz vor dem Nadelfall besticht sie mit schönen gelben Farben. Sie wächst sehr schnell, diese haben wir beim Waldfest 2006 in Döggingen mitnehmen dürfen und seither ist sie ein stolzes Bäumchen geworden. Sie ist auch als ein möglicher Fichtenersatzbaum gegen Dürre und Hitze in der Diskussion.

Aufsteigende Sumpfzypresse

Haben Sie schon einmal einen herbstfarbenen roten Nadelbaum gesehen? Bitteschön, schauen Sie auf das Bild oben, nicht wahr? Es ist die Aufsteigende Sumpfzypresse aus dem Südöstlichen Nordamerika unter anderem Florida. Nun, den sah ich aber leider nicht dort, sondern im Botanischen Garten von Hohenheim. Der Hammer war, ich habe mich über die auf dem Boden liegende Zweige gewundert.


Mein Schnellschluß war, dass das wohl Sturmböen verursacht haben. Pustekuchen, dieser Baum wirft nicht nur seinen Nadeln ab, sondern ganze Zweige. Ist das nicht seltsam? Was es halt nicht alles gibt in der Natur.

Kaukasische Flügelnuss

Von vielen tollen Bäumen im botanischen Garten hat mich der oben am meisten beeindruckt. Die kaukasische Flügelnuss. Sie ist bekannt für ihre mehr- bis vielstämmige Wuchsform. Sieht das nicht sehr beeindruckend aus? Bezüglich des Alters war ich überrascht, sie sei 1934 hier gepflanzt worden, also erst vor 89 Jahren. Der Mann mit dem Rücken zur Kamera ist mindestens 1,90 Meter groß. Daran kann man die Ausmaße dieses Baumriesen erkennen.
Nach Hohenheim hat es uns verschlagen, weil wir dort ein Treffen organisiert haben. Wir studierten dort Anfang der 1980er Jahren Landwirtschaft und sind eine tolle Gemeinschaft geworden.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Minierfraß

Liebe Bürgerpostleser, 

vor kurzem habe ich das Bild oben näher angeschaut und war von den gelben Kunstwerken auf den roten Blättern des Essigbaumes begeistert. Die Frage war, was das wohl sein könnte. Dann erinnerte ich mich das Bild unten, das mir Annegreth Schulze aus Donaueschingen vor drei Jahren geschickt hatte. Zudem war ich motiviert, mir verstärkt bei Spaziergängen Blätter anzusehen. Ich war von den Ergebnissen überrascht, weil recht viele Blattveränderungen zu sehen waren.

Haben Sie eine Ahnung, was das sein könnte? Ich hatte eine Ahnung, aber keine konkrete. Jetzt, da es akut wurde, habe ich recherchiert, und weiß jetzt, dass es sich um Minierfraß handelt. Das Wort Mine stammt aus dem Französichen und bedeutet Bergwerk. Aha, da wird also etwas in Bergbaumanier abgebaut. Nämlich das Grundgewebe der Blätter zwischen Ober-und Unterseite in flächiger Art wie auf dem Essigbaum oder in gangartiger Weise wie an einem Buchenblatt.

Essigbaum
Ahornblatt

Buchenblatt
Haselnussblatt

Nun, wer macht so etwas? Die Larven von Miniermotten und -fliegen, die das Pflanzengewebe als Nahrung nutzen. Das sind in der Regel sehr kleine Schmetterlingsarten und, welch ein Wunder, die Larven sind nicht rund, sondern platt mit nach vorne gerichteten Mundwerkzeugen, damit sie den „Bergbau“ gut betreiben können. Die Tierchen sind spezialisiert auf eine Blattart. Auf dem Buchenblatt sieht man, dass der Gang der Buchenminiermotte zwischen zwei Blattrippen von dünn nach dick verläuft, das heißt, als Ei beginnend und als immer größere Larve endend. Fantastisch. Zu sehen ist auch, dass es sich vom Gang- zum Flächenfraß ausweitet. Der Gang wird befüllt vom Kot der Larven. Das ist auch schön auf dem Haselnussblatt zu sehen. 

In alle Munde kam die Kastanienminiermotte, die erst Mitte der 1980 er Jahre in Mazedonien auftauchte und in der Zwischenzeit ganz Mitteleuropa und angrenzende Gebiete erobert hat. Der Hammer ist, dass nur die weißblütigen befallen werden, bei den roten sterben die Larven beim Wachsen ab. Sachen gibt’s, man kann nur staunen. 

Auf Bild unten ist ein Lochfresser an einem Haselnussblatt tätig gewesen, das sieht auch sehr eindrücklich aus.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Verwurzelung 

Womit die Tannen Wasser und Nährstoffe in ihre Kronen pumpen

Kohlenmunkpeter hatte jetzt den höchsten Punkt des Tannenbühls erreicht und stand vor einer Tanne von ungeheurem Umfang, um die ein holländischer Schiffsherr viele hundert Gulden gegeben hätte. Hier, dachte er, wird wohl der Schatzhauser wohnen. (Wilhelm Hauff: Das kalte Herz. 1827)

Wie es im Waldboden unter der Laub- und Nadelstreu ausschaut, wissen nur die Wurzelzwerge im Märchen, wogegen normalen Waldgängern der Tiefblick verwehrt bleibt. Es sei denn, der Sturm hat wieder mal zugeschlagen und Bäume entwurzelt. Doch wer macht sich dann schon die Mühe, die Wurzelsysteme der einzelnen Waldbaumarten eingehender zu untersuchen und miteinander zu vergleichen, etwa um daraus Rückschlüsse zu ziehen auf deren Widerstandsfähigkeit (Resilienz) im Trockenstress des Klimawandels und  deren Sturmfestigkeit, damit auf die Zukunftstauglichkeit des jeweiligen Waldes? Dass es unter den Bäumen Flach- und Tiefwurzler, auch Teller-, Pfahl- und Herzwurzler gibt, dürfte noch aus der Schule bekannt sein, doch wie sich die Wurzeln der verschiedenen Baumarten, auf unterschiedlichen Böden, in unterschiedlichem Baumalter und in unterschiedlicher oberirdischer Waldgesellschaft zu entwickeln pflegen, auch wie es sich mit dem Zusammenspiel von Feinwurzeln und Mykorrhizapilzen verhält, das alles bleibt – selbst unter Wissenschaftlern –  vielfach im Dunkeln. Mit der Folge, dass es nach Sturmkatastrophen oft zu recht breit gestreuten Ergebnissen kommt bei der Beurteilung der Sturmanfälligkeit der jeweiligen Baumart. War´s Wurf oder war´s Bruch, war´s Fichte oder Tanne? – im Nachhinein lässt sich oft nicht mehr klären, wie sich die Sturmholzmassen in den Statistiken zusammengesetzt haben.

Flachwurzlerin Fichte auf Braunjura-Tonlehm

Allgemein gilt die Flachwurzlerin Fichte als sturmgefährdeter als die tiefer wurzelnde Weißtanne. Umso verblüffter waren die Fachleute, als eine Auswertung der Sturmkatastrophe von 1967, durchgeführt in den Folgejahren im Rahmen einer Dissertation1, hinsichtlich der Sturmanfälligkeit von Tannen und Fichten für Süddeutschland keinerlei Unterschiede aufgezeigt hatte. Wie war es zu diesem Patt zwischen den beiden wichtigsten Nadelbaumarten gekommen, das sich so gar nicht in Einklang bringen lässt mit dem waldbaulichen Erfahrungswissen?

Auch nach den Winterorkanen Vivian und Wiebke von 1990 untersuchte man wieder die Sturmgefährdung der wichtigsten Baumarten Baden-Württembergs2; diesmal kam heraus, dass nicht zuletzt – welche Überraschung! – die Größe des Wurzelballens den Unterschied ausmacht. In Mischwäldern erwies sich freilich die Fichte eindeutig als die gefährdetste Baumart, gefolgt von der Tanne, während Kiefern und die (noch winterlich laublosen) Buchen und Eichen deutlich besser abgeschnitten hatten. Dass den Spitzenböen des Jahrhundertorkans Lothar am 26. 12. 1999 schließlich überhaupt keine Baumart mehr standgehalten hat, war die bittere Erkenntnis zum Ende des Jahrtausends.

Das Thema Sturmwurfrisiko hat die Förster nicht erst seit gestern umgetrieben. Einen erstaunlich detaillierten Einblick in Beschaffenheit und Entwicklung der Tannenwurzel hatte bereits 1950 eine (nur selten zitierte) Studie des Freiburger Waldbauprofessors von 1939 – 1952, Eduard Zentgraf, vermittelt, basierend auf Vorarbeiten (Ausgrabungen, Vermessung und Abbildungen) von zumeist im Weltkrieg gefallenen Forstleuten und erschienen unter dem Titel „Die Wurzeltracht der Edeltanne“3. Zentgraf konnte dabei auf eine stattliche Sammlung von (gezeichneten und fotografierten) Wurzelbildern zurückgreifen – vom einjährigen Tannensämling bis zum 215jährigen Stamm.

Tannenwurzel mit Tiefgang und Breitenwirkung

Die Wurzelentwicklung der Weiß- (oder Edel-)Tanne, das zeigten die Abbildungen, beginnt mit der Ausbildung einer Pfahlwurzel, die schon bei Sämlingen die Länge des oberirdischen Sprosses erreicht oder gar übertrifft und die lotrechte Fortsetzung des Stämmchens nach unten bis in 1,30 m Tiefe bildet, ehe sie womöglich auf ein unüberwindliches Hindernis im Boden stößt, wo es dann durchaus auch zu einem Wurzelknick kommen kann. Derweil setzt aber auch eine vehemente Horizontal- und Herzwurzelbildung ein, vielfach mit lotrechten Senkerwurzeln. In naturnahen Bergmischwäldern pflegen Weißtannen sich noch bis zum Alter 70 und darüber hinaus als sog. „Vorwüchse“ im „Schattenschlaf“ zu befinden bei stark gedrosseltem Höhen- und Dickenwachstum. 

Tannenvorwüchse im Schattenschlaf
Stammscheibe eines 70jährigen Tannenvorwuchses

Während das oberirdische Wachstum mangels Lichtgenuss nahezu stagniert, setzt sich das Wurzelwachstum unterdessen weiter fort, sodass dann, wenn sich im Bestandesdach endlich ein Lichtschacht öffnet, die Vorwüchse los wachsen als seien sie biologisch junge Bäume. Bis ins hohe Tannenalter verbessert sich das Wurzelvermögen weiter, nicht anders als das Volumenwachstum des Stammes. Im Allgemeinen könne gesagt werden, schreibt Zentgraf, „dass das Wurzelausbreitungsvermögen der Tanne größer ist, als bei irgend einer anderen Holzart.“

So erklärt sich denn auch die überraschende Entdeckung schweizerischer Forstwissenschaftler bei der Stammanalyse einer 250jährigen Tanne aus dem Neuenburger Jura: der kapitale Baum hatte nämlich in der zweiten Hälfte seines Lebens zehnmal (!) soviel Holzwachstum erbracht wie in seinen ersten 125 Jahren. Glücklicherweise war im welschschweizerischen Jura ausgangs des 19. Jahrhunderts eine brauchbare Methode erfunden worden, wie man die Holzvorräte auch ungleichaltriger Bergmischwälder verlässlich messen und kontrollieren kann, die sog. „Kontrollmethode“ – für die Weißtanne ein wahrer Glücksfall. Denn das bis dahin übliche Verfahren, das die Forstgesetze des 19. Jahrhunderts auch in der Schweiz vorgeschrieben haben, konnte nur bei Anwendung der in Deutschlands Buchenwäldern entwickelten „Altersklassenwirtschaft“ befriedigen, bei mess- und kontrollierbaren, möglichst gleichaltrigen Reinbeständen. Was der Weißtanne gar nicht gut bekommen sollte. Riesige Arealverluste waren die Folge, denn der verordnete Waldbau nahm keinerlei Rücksicht auf die besonderen Anforderungen und Eigenheiten von ungleichaltrigen Tannenmischwäldern, vor allem nicht auf deren stufige Vertikalstruktur; denn die wird maßgeblich bestimmt durch die Schattenerträgnis von Tannen wie Buchen und durch einen säkularen „Fruchtwechsel“ zwischen laub- und nadelbaumreichen Phasen. Und noch etwas zeichnet Tannen und Buchen gleichermaßen aus: Beider Wurzeln besitzen die geheimnisvolle Fähigkeit, durch Verwachsungen Bypässe von Baum zu Baum zu legen. 

Bypass von Tanne zu Tanne

Tannen, die in gleichwüchsigen Reinbeständen erwachsen sind, scheinen sich hinsichtlich ihrer Verwurzelung und ihrer Sturmstabilität immer weniger von Fichtenbeständen abzuheben. Was möglicherweise der Grund dafür ist, dass die Auswertungen nach Sturmschäden oft so widersprüchliche Ergebnisse zu Tage fördern. Zumal die überlangen walzenförmigen Tannenschäfte mit ihren kurzen Reinbestandskronen immer bruchanfälliger werden. Durch das forstgesetzliche Verbot der so weitaus tannengemäßeren, einzelstammweisen „Plenternutzung“ – oft verspottet als „Wirtschaft des Herrn Schlendrian“ – und als Folge der Altersklassenwirtschaft ist der Anteil naturnaher ungleichaltriger Mischwälder auf klägliche Reste zusammengeschmolzen. Und auch der Tannenanteil fiel selbst in Baden-Württemberg, ihrem Hauptverbreitungsgebiet in Deutschland, auf nur mehr 8 Prozent. Erst nach den 1990er Orkanen kam es zum Umdenken, ja zu einer Waldbauwende – hin zur „naturnahen Waldwirtschaft“. Im öffentlichen Wald von Staat und Kommunen war nun also auch die Plenternutzung wieder gestattet, wurde in Bergmischwäldern unter Verzicht auf Räumungsflächen und -figuren der Dauerwaldbetrieb vorgeschrieben.

Dank ihrer einzigartigen Verwurzelung ist es kaum verwunderlich, dass die Weiß- oder Edeltanne die höchsten und mächtigsten Baumgewächse Europas stellt, mit bis 60 m Höhe, mit Stammumfängen in Brusthöhe von bis zu 6 Metern und mit bis über 50 Festmetern Holzvolumen je Baum.4 „Deutschlands größte Tanne“ der Hölzlekönig maß einst alles in allem sagenhafte 64 Festmeter!

Die Wurzelpumpen nicht nur solch kapitaler Tannen erweisen sich als phänomenal leistungsstark – was ihnen auch im Stress des Klimawandels zugute kommen sollte. In den zurückliegenden Jahren mit ihren Wärmerekorden und ihrer Trockenheit haben zwar auch die Tannen Schwächen gezeigt, wurden sie plötzlich von Borkenkäferarten befallen, die zuvor kaum jemals als nennenswerte Schädlinge aufgefallen waren. Dennoch wird die Weißtanne noch immer als die heimische Ersatzbaumart für den bisherigen „Brotbaum“ der Waldwirte, die Fichte, gehandelt. Als „Schwarzwälder Charakterbaum“ und Markenzeichen auch im Bewusstsein der Bevölkerung noch tief verwurzelt, bleibt zu hoffen, dass die Tanne überleben wird –  und das bitteschön nicht nur auf dem Tannenbühl in Wilhelm Hauffs Märchen Das kalte Herz.

Enkel unter der Großvatertanne, der stärksten Tanne des Schwarzwalds

1 Wangler, F. (1974): Die Sturmgefährdung der Wälder in Süddeutschland. Eine waldbauliche Auswertung der Sturmkatastrophe von 1967

2 Aldinger, E., Seemann, D., Konnet, V. (1996): Wurzeluntersuchungen auf Sturmwurfflächen 1990 in Baden-Württemberg. Mitt. Ver. Forstl. Standortskunde u. Forstpflanzenzüchtung 38

3 Zentgraf, E. (1950): Die Wurzeltracht der Edeltanne. AFJZ 121,2 S. 70 – 73

4 Hockenjos, W.: Tannenbäume. Eine Zukunft für Abies alba. DRW-Verl. Stuttgart 2008

Unzentrierte Jahresringe

Liebe Bürgerpostleser, 

mir ist vor Jahren aufgefallen, wie bei einem waagrechten Kiefernast die Jahresringe sehr unzentriert verliefen. Dann entdeckte ich diesen Herbst das Phänomen an einer gefällten dürren Kiefer. Vom Ring 0 sind es nach außen an der dünnsten Stelle nur 9,5 cm und nach gegenüber 16 cm. Also ganz beachtlich unterschiedlich. 

Ist Ihnen so etwas auch schon aufgefallen und haben Sie sich gefragt, womit das zusammenhängt? 


Ich stellte dieses Foto in den Whatsapp-Status und viele meinten, dass es mit der Sonnenseite zu tun habe und dass dort die größeren Ringabstände seien. Das stimmt nicht, Sonnen- und Schattenseite haben keinen Einfluß auf den Abstand. Das bestätigte Reinhold Mayer, mein Ex-Dezernent, dessen Hilfe in Anspruch nehmen durfte. Es ist etwas, was den Baum zwingt, gerade zu bleiben. Was könnte das sein? Zum einen, wenn ein Baum konstant stark einer Windrichtung ausgesetzt ist. Bei uns sind das im Regelfall Westwinde. Zum anderen bei Traufbäumen, bei denen die Äste auf der Taufseite viel zahlreicher und stärker entwickelt sind als die zum Wald hin. Und zum dritten, wenn ein Baum an einem Hang wächst und er schauen muss, dass er gerade nach oben kommt. Das war bei meiner Kiefer der Fall. Jetzt noch die Frage, auf welcher Seite sind die Ringe weiter auseinander? Was denken Sie? Auf der Seite, wo der Baum sich „wehren“ muß, also auf der Wind abgewandten Seite, gegenüber der Traufseite und auf der Hangabwärtsseite. Nur so kann er ein gerades Wachstum erreichen. Das ist doch interessant. Reinhold Mayer schrieb, dass man das Holz mit den breiteren Ringen Reduktionsholz nennt und das mit den schmaleren Ringen Zugholz. Interessant war für mich, dass diese unzentrierten Bäume als „Holzfehler“ gelten, die höherwertigen Verwendungen entgegenstehen. „Als Schwarzwaldförster bekam ich das hin und wieder bei Preisverhandlungen zu spüren. Vor allem beim Export nach Österreich reagierten die Abnehmer stark auf diesen Holzfehler“. Martin Tritschler aus T.-N.- Schwärzenbach, ein großer Waldbesitzer und Sägewerker berichtete, dass sich dieses Holz beim Sägen in alle Richtungen krümmen und drehen kann. „Balken zu sägen ist normaler Weise kein Problem, aber Latten sind eher schwierig zu sägen“. Hätten Sie das gedacht? Zwei Aspekte noch, der Baum hat an der Stelle 75 Jahresringe, die letzten 25 waren sehr dürftig. Kiefern besitzen ein stabiles Kernkolz und ein instabiles, Pilz- und Insektenbefall anfälliges Splintholz. Der Übergang ist nicht ganz klar, weil Bläuepilze das Äußere befallen hat. Im Kernholz finden sie aber keine Nahrung.  


Das Bild oben ist beim Veredeln unseres Apfelbaumes entstanden, Ende April 2023 im Garten durch den Spezialisten Hans Hasenfratz aus Mundelfingen. Sie sehen die vier Anschnitte für die Veredlungszweige, die erfreulicher Weise alle angewachsen sind. Sehen Sie, wie unzentriert die Jahresringe an diesem ziemlich waagrechten Ast sind? Hammerhart würde ich sagen, nach unten doppelt so breit wie nach oben. Sogar die Rindendicke ist beeinflußt, wobei eine dickere Rinde vermutlich auch einen dickeren Jahresring ergibt. 

Nur so kann sich der Ast gegen die Gravitationskraft senkrecht halten. Was es nicht alles gibt.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Wasserleiche

Liebe Bürgerpostleser, 

damit fing diese Geschichte an. Ich erhielt von Eva-Maria Mayer von Fotomayer diese Whatsappnachricht: „Wenn mol z’Hifinge bisch, kunsch bei mir im Lade vorbei….ich soll, (kann) Dir was zeigen😅“ 

Natürlich ließ ich sie nicht lange warten und Eva-Maria gab mir eine Schachtel mit diesem Inhalt:

Der arme Kerle muß in eine Erdregentonne gefallen sein und so wie oben zu sehen, wurde er herausgefischt. Eva-Maria hat das mitbekommen und gedacht, daraus kann ich vielleicht eine Geschichte machen. Dass es sich um einen Igel handelt, sieht man deutlich anhand der Stacheln. Also jetzt war klar, dass ein Igel durch Ertrinken zu Tode gekommen ist. Aber wieso sieht er so weiß aus? Mein erster Gedanke war, dass er verkalkt ist. Deswegen setzte ich einen kleinen Teil Substanz in Säure an, es passierte nichts. Außerdem hat Regenwasser keinen Kalk, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht. Der hintere Teil war in größere Brocken zerfallen, ich konnte mit der Hand alles ohne große Anstrengung weiter bis zum Staub zerbröseln.


Die Knochen waren total in Takt, auf Bild rechts sieht man einen Oberschenkelknochen und Teile des Beckens. Ich kam nicht weiter und mußte die Bilder zweimal in den Whatsapp Status stellen, ehe jemand einen Tipp gab. Es war ein langjähriger Mitarbeiter eines Friedhofamtes einer größeren Stadt, ahnen Sie schon etwas? Er schieb: „Das sieht aus wie eine Wachsleiche“. Oha. Wikipedia gibt dazu die Auskunft, dass in einer nassen und kühlen Umgebung mit wenig Sauerstoff eine Leiche nicht wie üblich verwest. Stattdessen führt die Bildung von Adipocire (auf deutsch Leichenwachs) zu einer Verhärtung des Leichnames, die keine weiteren Verwesungsprozesse erlaubt. Durch die Zersetzung von körpereigenen Fettsäuren in nicht abbaubare gesättigte Hydroxy- oder Oxifettsäuren werden die Weichteile der Leiche zu einer grauweißen, pastösen Masse umgewandelt. Nach frühestens drei bis sechs Monaten beginnt die Verhärtung zu einer kalkartigen, organischen Substanz. Das trete auch bei Wasserleichen auf, und damit sind wir wieder bei unserem Igel angelangt. Das Rätsel ist gelöst, es ist ein Wasserwachsleichenigel. Aufgrung der kalkartigen Struktur ist er mindestens schon ein halbes Jahr tot, es könnte aber auch schon Jahre her sein. Denn diese Verwesungsart ist sehr stabil. 

Welche Gedanken beschäftigen Sie nun? Denken Sie vielleicht, das hätte er nicht schreiben brauchen. Für mich war es eine tolle Herausforderung, wieder etwas dazu lernen zu dürfen. Deswegen nochmals herzlichen Dank an Eva-Maria Mayer, dass sie mich in den Laden gelockt hat. Vielleicht passt ein Gedicht von Goethe dazu:

Solang Du dies nicht hast, dieses Stirb und Werde, bist Du ein trüber Gast auf dieser dunklen Erde.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Pilze

Liebe Bürgerpostleser, 

heute sind ein paar Pilze an der Reihe. Die auf dem Bild oben durfte ich im Hochbeet von Lotte Seilerin aus unserer Nachbarschaft aufnehmen, ein „Erdbeerpilz“, haben Sie so etwas schon gesehen? Sicher ist, dass die Erdbeeren süßer geschmeckt haben, das denken Sie doch auch.

Den Pilz unten sah ich auf der Länge an einer absterbenden Buche. Er sieht aus, wie wenn es auf ihn geschneit hätte. Was mir sehr imponiert hat, ist die Aussage in Wikipedia, dass „der gemeine Spaltblättling die einzige Art seiner Gattung in Europa ist und eine Verwechslung mit anderen Pilzarten aufgrund der markanten Erscheinungsform recht unwahrscheinlich ist“. Er sei weltweit die am häufigsten vorkommende Pilzart.


Die beiden Pilze dem Bild unten machen ebenfalls einen guten Eindruck, finden Sie nicht auch? So richtig schöne runde Gesellen. Ob allerdings meine Recherche hundert Prozent richtig ist, dafür kann ich die Hand nicht ins Feuer legen. „Bräunlicher Stäubling“ ist meine Ergebnis, vielleicht ist es aber auch eine andere Stäublingsart. Beindruckend ist die Musterung auf der Oberfläche.


Herzliche Grüße
Franz Maus

De Cavalliere, e kurze Begegnung mit de Halb- und Unterwelt

Manchmal kommen die Geschichten einfach so zu einem, oft aber auch einfach wieder zurueck„.      Ilija Trojanovich. 

gesprochen von Maria Simon

Dass mer Träum lebe muess und sie nit nu träume soll, des isch e aalti Muck. On vu dene Träum hommer vor so 10 Johr au mol glebt. Mit em Aahänger wo iisern Waidling druff war, simmer dorchs Gotthardloch an grosse Lago gfahre. A de Feriewohnung hommer de selberbaut Waidling is mollig warm Ticino Wasser, in Lago Magiore glau. Tagelang simmer uff dem Wundermärli See ummegondlet. Isola Pescatore, Isola Bella, Isola Madre, Isola Brisago,…… wa ver e barocks Bella Italia.

Und zmols kunnt doch no e moderns Märli ums Eck. Noch eme Staatsakt vor paar Woche ebe au wieder zruck. Natierli giehts bei dere Gundelerei jede Mittag au e stilvolle Capuccino Paus im idyllische Ristorante „Grotto Santa Maria“. Sell trohnt hoffärtig und erhaabe uff eme Felshogge überm Lago mit eme herzige, gmuetliche Gartecaffe. Am felsige Aaleger räcklet sich im milde warme Wasser e schöni, kultigi Mahagoni Diva, e „Riva“ Motorjacht. Frech und selbsbewusst vertäuet  mir iisern sibirische Lärche Waidling mit em schneewiiesse Boge Sunnesegel nebet der Nobel Gundel. Iiseri ganz im stil vum Giovanni Segantini Stimmungsbild „Abenstille überm Brianza See“. E steili, schmali Stoetreppe, kunstvoll in Kalkfels innighaue, goht uffi is Gartecaffe mit Bella Vista über de Lago. Vor de letschte Stapfle will en galante, untersetzte Signore mit breitem und bis id Kopfmitte reichendem Gsiecht und mit trollige Auegli, wo en rappeschwarze, gfärbe Hoorkranz aasetzt, au s steil Stegli aabi. Hinter ihm 3-4 sportliche, saloppe, maritim uusstaffierte, uustrainierte Prachts- Papagalli. Die rechte Hosesaeck dietlich uusbeulet vu me kantige, spitzige Gegestand.


Generös loot de Capo, de Senjore, dere uffitrepplende Senjora mit em chicke Florentiner Strauhietli de Vortritt. Natierli nit uhni dere vu obe aabi tief in summerliche Uusschnitt z spickle. Au mich loot er no ganz uffi krattle. Noch em brave „Grazie“ und „Buon Giorno, Senjore“, frogt er, wo mir herkumme dajet und wo die „Bella Barca“ dehoem wär und wie die  do uff sin Lago kumme wär? Mit paar Brocke tschinkisch und eweng Englisch, wa er und ich nit guet kinnet, erkläret mir ihm, dass iiser Hoemetgwässer de „Lago di Constanza, e de Fiume lungo Rhenus“ sei. „Oh la la, benissimo, pico bello“, auf dem Lago wolle er schon lange mal rumschippern, aber,…. scusa, molto lavorare in roma e milano e tuto euro „, radebrecht er über seinen Traum vom Lago Constanza. Sin Troom war aber Schaum, iisern isch glebt wore. „Arrevederchi, chiao bella, buon vacance con belissima barca“. So trepplet er aabi zu de stolze Mahagoni Gondola „Riva“. Die galante Bimbos mit de uusbeulte Hosesäck lichtet d Leine und die ville Pferdestärke unterm Mahagonideck ziehnet e riese Forri dorch de friedlich See. 

Dobbe aber im Grotto Caffe isch grosse Uffregung und wilds Palaver. Ganz grosses Italo Kino. ´De Patron goht stolz wie en Pfau vu Tisch zu Tisch und verzehlt aageberisch de Gäscht, ganz uffbloose, dass des sin Stammgascht wär und der villmol käm zum Uusspanne vu dene herte, Politische- und Mediegschäfter, und…., natürli: vu dene erschöpfende bunga-bunga Fiestas. Wenn er e Problem heb, speziell mit de Guarda Finanza, sait de Cavallieri immer zu ihm, soll ers ihm, im Grande Patrone, im Cavalliere Silvio sage…., er dais denno regle. Des Parliamento höre mer us denne affige, grossspurige Pfaue Gspräch guet ussi. Die Geschtik erklärt de Rescht.  

Silvio Berlusconi als Mitglied des Europäischen Parlaments in Brüssel (2019) (Foto: Wikipedia)

Und jetzt kunnts iis : Des war doch der mit de gliftete Larve und dem mit Botox inni operierte Dauergrinse. Ha jooo bigott, des war de trollig Schemme- Silvio. 
„Sic transit Gloria Mundi“, kennt mer jetzt noch de Abdankung z Milano sage. E kurzi, jähe Begegnung mit de reale Weltgschicht. 

Lago Maggiore Settembre 2013 

A de Beerdigung ware mer aber trotzdem nit. De Grossvatter Felix hät all gsait, a dem sii Beerdigung gang i nit, der goht au nit a mini. Ob er, wie die Wikingerkoenig, au i sim Mahagoni Schiff  bestattet wore isch ? 
De Patrone vum Grotto aber, sin ganz guete Amico, vum Grotto „Santa Maria“ , der war bestimmt erschütterte Ehregascht am grandiose Staatsbegräbnis vu sim fürsorgliche Patrone, vum Grande Cavalliere e Capitano di Barca Mahagoni „Riva“, beim sim Caro Amico Silvio.

Sic transit gloria mundi
caro amico

Milano – Il Presidente della Repubblica Sergio Mattarella ai funerali di Stato di Silvio Berlusconi, oggi 14 giugno 2023. (Foto di Paolo Giandotti – Ufficio Stampa per la Stampa e la Comunicazione della Presidenza della Repubblica)
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