vor kurzem habe ich das Bild oben näher angeschaut und war von den gelben Kunstwerken auf den roten Blättern des Essigbaumes begeistert. Die Frage war, was das wohl sein könnte. Dann erinnerte ich mich das Bild unten, das mir Annegreth Schulze aus Donaueschingen vor drei Jahren geschickt hatte. Zudem war ich motiviert, mir verstärkt bei Spaziergängen Blätter anzusehen. Ich war von den Ergebnissen überrascht, weil recht viele Blattveränderungen zu sehen waren.
Haben Sie eine Ahnung, was das sein könnte? Ich hatte eine Ahnung, aber keine konkrete. Jetzt, da es akut wurde, habe ich recherchiert, und weiß jetzt, dass es sich um Minierfraß handelt. Das Wort Mine stammt aus dem Französichen und bedeutet Bergwerk. Aha, da wird also etwas in Bergbaumanier abgebaut. Nämlich das Grundgewebe der Blätter zwischen Ober-und Unterseite in flächiger Art wie auf dem Essigbaum oder in gangartiger Weise wie an einem Buchenblatt.
Essigbaum
Ahornblatt
Buchenblatt
Haselnussblatt
Nun, wer macht so etwas? Die Larven von Miniermotten und -fliegen, die das Pflanzengewebe als Nahrung nutzen. Das sind in der Regel sehr kleine Schmetterlingsarten und, welch ein Wunder, die Larven sind nicht rund, sondern platt mit nach vorne gerichteten Mundwerkzeugen, damit sie den „Bergbau“ gut betreiben können. Die Tierchen sind spezialisiert auf eine Blattart. Auf dem Buchenblatt sieht man, dass der Gang der Buchenminiermotte zwischen zwei Blattrippen von dünn nach dick verläuft, das heißt, als Ei beginnend und als immer größere Larve endend. Fantastisch. Zu sehen ist auch, dass es sich vom Gang- zum Flächenfraß ausweitet. Der Gang wird befüllt vom Kot der Larven. Das ist auch schön auf dem Haselnussblatt zu sehen.
In alle Munde kam die Kastanienminiermotte, die erst Mitte der 1980 er Jahre in Mazedonien auftauchte und in der Zwischenzeit ganz Mitteleuropa und angrenzende Gebiete erobert hat. Der Hammer ist, dass nur die weißblütigen befallen werden, bei den roten sterben die Larven beim Wachsen ab. Sachen gibt’s, man kann nur staunen.
Auf Bild unten ist ein Lochfresser an einem Haselnussblatt tätig gewesen, das sieht auch sehr eindrücklich aus.
Womit die Tannen Wasser und Nährstoffe in ihre Kronen pumpen
Kohlenmunkpeter hatte jetzt den höchsten Punkt des Tannenbühls erreicht und stand vor einer Tanne von ungeheurem Umfang, um die ein holländischer Schiffsherr viele hundert Gulden gegeben hätte. Hier, dachte er, wird wohl der Schatzhauser wohnen. (Wilhelm Hauff: Das kalte Herz. 1827)
Wie es im Waldboden unter der Laub- und Nadelstreu ausschaut, wissen nur die Wurzelzwerge im Märchen, wogegen normalen Waldgängern der Tiefblick verwehrt bleibt. Es sei denn, der Sturm hat wieder mal zugeschlagen und Bäume entwurzelt. Doch wer macht sich dann schon die Mühe, die Wurzelsysteme der einzelnen Waldbaumarten eingehender zu untersuchen und miteinander zu vergleichen, etwa um daraus Rückschlüsse zu ziehen auf deren Widerstandsfähigkeit (Resilienz) im Trockenstress des Klimawandels und deren Sturmfestigkeit, damit auf die Zukunftstauglichkeit des jeweiligen Waldes? Dass es unter den Bäumen Flach- und Tiefwurzler, auch Teller-, Pfahl- und Herzwurzler gibt, dürfte noch aus der Schule bekannt sein, doch wie sich die Wurzeln der verschiedenen Baumarten, auf unterschiedlichen Böden, in unterschiedlichem Baumalter und in unterschiedlicher oberirdischer Waldgesellschaft zu entwickeln pflegen, auch wie es sich mit dem Zusammenspiel von Feinwurzeln und Mykorrhizapilzen verhält, das alles bleibt – selbst unter Wissenschaftlern – vielfach im Dunkeln. Mit der Folge, dass es nach Sturmkatastrophen oft zu recht breit gestreuten Ergebnissen kommt bei der Beurteilung der Sturmanfälligkeit der jeweiligen Baumart. War´s Wurf oder war´s Bruch, war´s Fichte oder Tanne? – im Nachhinein lässt sich oft nicht mehr klären, wie sich die Sturmholzmassen in den Statistiken zusammengesetzt haben.
Flachwurzlerin Fichte auf Braunjura-Tonlehm
Allgemein gilt die Flachwurzlerin Fichte als sturmgefährdeter als die tiefer wurzelnde Weißtanne. Umso verblüffter waren die Fachleute, als eine Auswertung der Sturmkatastrophe von 1967, durchgeführt in den Folgejahren im Rahmen einer Dissertation1, hinsichtlich der Sturmanfälligkeit von Tannen und Fichten für Süddeutschland keinerlei Unterschiede aufgezeigt hatte. Wie war es zu diesem Patt zwischen den beiden wichtigsten Nadelbaumarten gekommen, das sich so gar nicht in Einklang bringen lässt mit dem waldbaulichen Erfahrungswissen?
Auch nach den Winterorkanen Vivian und Wiebke von 1990 untersuchte man wieder die Sturmgefährdung der wichtigsten Baumarten Baden-Württembergs2; diesmal kam heraus, dass nicht zuletzt – welche Überraschung! – die Größe des Wurzelballens den Unterschied ausmacht. In Mischwäldern erwies sich freilich die Fichte eindeutig als die gefährdetste Baumart, gefolgt von der Tanne, während Kiefern und die (noch winterlich laublosen) Buchen und Eichen deutlich besser abgeschnitten hatten. Dass den Spitzenböen des Jahrhundertorkans Lothar am 26. 12. 1999 schließlich überhaupt keine Baumart mehr standgehalten hat, war die bittere Erkenntnis zum Ende des Jahrtausends.
Das Thema Sturmwurfrisiko hat die Förster nicht erst seit gestern umgetrieben. Einen erstaunlich detaillierten Einblick in Beschaffenheit und Entwicklung der Tannenwurzel hatte bereits 1950 eine (nur selten zitierte) Studie des Freiburger Waldbauprofessors von 1939 – 1952, Eduard Zentgraf, vermittelt, basierend auf Vorarbeiten (Ausgrabungen, Vermessung und Abbildungen) von zumeist im Weltkrieg gefallenen Forstleuten und erschienen unter dem Titel „Die Wurzeltracht der Edeltanne“3. Zentgraf konnte dabei auf eine stattliche Sammlung von (gezeichneten und fotografierten) Wurzelbildern zurückgreifen – vom einjährigen Tannensämling bis zum 215jährigen Stamm.
Tannenwurzel mit Tiefgang und Breitenwirkung
Die Wurzelentwicklung der Weiß- (oder Edel-)Tanne, das zeigten die Abbildungen, beginnt mit der Ausbildung einer Pfahlwurzel, die schon bei Sämlingen die Länge des oberirdischen Sprosses erreicht oder gar übertrifft und die lotrechte Fortsetzung des Stämmchens nach unten bis in 1,30 m Tiefe bildet, ehe sie womöglich auf ein unüberwindliches Hindernis im Boden stößt, wo es dann durchaus auch zu einem Wurzelknick kommen kann. Derweil setzt aber auch eine vehemente Horizontal- und Herzwurzelbildung ein, vielfach mit lotrechten Senkerwurzeln. In naturnahen Bergmischwäldern pflegen Weißtannen sich noch bis zum Alter 70 und darüber hinaus als sog. „Vorwüchse“ im „Schattenschlaf“ zu befinden bei stark gedrosseltem Höhen- und Dickenwachstum.
Tannenvorwüchse im Schattenschlaf
Stammscheibe eines 70jährigen Tannenvorwuchses
Während das oberirdische Wachstum mangels Lichtgenuss nahezu stagniert, setzt sich das Wurzelwachstum unterdessen weiter fort, sodass dann, wenn sich im Bestandesdach endlich ein Lichtschacht öffnet, die Vorwüchse los wachsen als seien sie biologisch junge Bäume. Bis ins hohe Tannenalter verbessert sich das Wurzelvermögen weiter, nicht anders als das Volumenwachstum des Stammes. Im Allgemeinen könne gesagt werden, schreibt Zentgraf, „dass das Wurzelausbreitungsvermögen der Tanne größer ist, als bei irgend einer anderen Holzart.“
So erklärt sich denn auch die überraschende Entdeckung schweizerischer Forstwissenschaftler bei der Stammanalyse einer 250jährigen Tanne aus dem Neuenburger Jura: der kapitale Baum hatte nämlich in der zweiten Hälfte seines Lebens zehnmal (!) soviel Holzwachstum erbracht wie in seinen ersten 125 Jahren. Glücklicherweise war im welschschweizerischen Jura ausgangs des 19. Jahrhunderts eine brauchbare Methode erfunden worden, wie man die Holzvorräte auch ungleichaltriger Bergmischwälder verlässlich messen und kontrollieren kann, die sog. „Kontrollmethode“ – für die Weißtanne ein wahrer Glücksfall. Denn das bis dahin übliche Verfahren, das die Forstgesetze des 19. Jahrhunderts auch in der Schweiz vorgeschrieben haben, konnte nur bei Anwendung der in Deutschlands Buchenwäldern entwickelten „Altersklassenwirtschaft“ befriedigen, bei mess- und kontrollierbaren, möglichst gleichaltrigen Reinbeständen. Was der Weißtanne gar nicht gut bekommen sollte. Riesige Arealverluste waren die Folge, denn der verordnete Waldbau nahm keinerlei Rücksicht auf die besonderen Anforderungen und Eigenheiten von ungleichaltrigen Tannenmischwäldern, vor allem nicht auf deren stufige Vertikalstruktur; denn die wird maßgeblich bestimmt durch die Schattenerträgnis von Tannen wie Buchen und durch einen säkularen „Fruchtwechsel“ zwischen laub- und nadelbaumreichen Phasen. Und noch etwas zeichnet Tannen und Buchen gleichermaßen aus: Beider Wurzeln besitzen die geheimnisvolle Fähigkeit, durch Verwachsungen Bypässe von Baum zu Baum zu legen.
Bypass von Tanne zu Tanne
Tannen, die in gleichwüchsigen Reinbeständen erwachsen sind, scheinen sich hinsichtlich ihrer Verwurzelung und ihrer Sturmstabilität immer weniger von Fichtenbeständen abzuheben. Was möglicherweise der Grund dafür ist, dass die Auswertungen nach Sturmschäden oft so widersprüchliche Ergebnisse zu Tage fördern. Zumal die überlangen walzenförmigen Tannenschäfte mit ihren kurzen Reinbestandskronen immer bruchanfälliger werden. Durch das forstgesetzliche Verbot der so weitaus tannengemäßeren, einzelstammweisen „Plenternutzung“ – oft verspottet als „Wirtschaft des Herrn Schlendrian“ – und als Folge der Altersklassenwirtschaft ist der Anteil naturnaher ungleichaltriger Mischwälder auf klägliche Reste zusammengeschmolzen. Und auch der Tannenanteil fiel selbst in Baden-Württemberg, ihrem Hauptverbreitungsgebiet in Deutschland, auf nur mehr 8 Prozent. Erst nach den 1990er Orkanen kam es zum Umdenken, ja zu einer Waldbauwende – hin zur „naturnahen Waldwirtschaft“. Im öffentlichen Wald von Staat und Kommunen war nun also auch die Plenternutzung wieder gestattet, wurde in Bergmischwäldern unter Verzicht auf Räumungsflächen und -figuren der Dauerwaldbetrieb vorgeschrieben.
Dank ihrer einzigartigen Verwurzelung ist es kaum verwunderlich, dass die Weiß- oder Edeltanne die höchsten und mächtigsten Baumgewächse Europas stellt, mit bis 60 m Höhe, mit Stammumfängen in Brusthöhe von bis zu 6 Metern und mit bis über 50 Festmetern Holzvolumen je Baum.4 „Deutschlands größte Tanne“ der Hölzlekönig maß einst alles in allem sagenhafte 64 Festmeter!
Die Wurzelpumpen nicht nur solch kapitaler Tannen erweisen sich als phänomenal leistungsstark – was ihnen auch im Stress des Klimawandels zugute kommen sollte. In den zurückliegenden Jahren mit ihren Wärmerekorden und ihrer Trockenheit haben zwar auch die Tannen Schwächen gezeigt, wurden sie plötzlich von Borkenkäferarten befallen, die zuvor kaum jemals als nennenswerte Schädlinge aufgefallen waren. Dennoch wird die Weißtanne noch immer als die heimische Ersatzbaumart für den bisherigen „Brotbaum“ der Waldwirte, die Fichte, gehandelt. Als „Schwarzwälder Charakterbaum“ und Markenzeichen auch im Bewusstsein der Bevölkerung noch tief verwurzelt, bleibt zu hoffen, dass die Tanne überleben wird – und das bitteschön nicht nur auf dem Tannenbühl in Wilhelm Hauffs Märchen Das kalte Herz.
Enkel unter der Großvatertanne, der stärksten Tanne des Schwarzwalds
1 Wangler, F. (1974): Die Sturmgefährdung der Wälder in Süddeutschland. Eine waldbauliche Auswertung der Sturmkatastrophe von 1967
2 Aldinger, E., Seemann, D., Konnet, V. (1996): Wurzeluntersuchungen auf Sturmwurfflächen 1990 in Baden-Württemberg. Mitt. Ver. Forstl. Standortskunde u. Forstpflanzenzüchtung 38
3 Zentgraf, E. (1950): Die Wurzeltracht der Edeltanne. AFJZ 121,2 S. 70 – 73
4 Hockenjos, W.: Tannenbäume. Eine Zukunft für Abies alba. DRW-Verl. Stuttgart 2008
mir ist vor Jahren aufgefallen, wie bei einem waagrechten Kiefernast die Jahresringe sehr unzentriert verliefen. Dann entdeckte ich diesen Herbst das Phänomen an einer gefällten dürren Kiefer. Vom Ring 0 sind es nach außen an der dünnsten Stelle nur 9,5 cm und nach gegenüber 16 cm. Also ganz beachtlich unterschiedlich.
Ist Ihnen so etwas auch schon aufgefallen und haben Sie sich gefragt, womit das zusammenhängt?
Ich stellte dieses Foto in den Whatsapp-Status und viele meinten, dass es mit der Sonnenseite zu tun habe und dass dort die größeren Ringabstände seien. Das stimmt nicht, Sonnen- und Schattenseite haben keinen Einfluß auf den Abstand. Das bestätigte Reinhold Mayer, mein Ex-Dezernent, dessen Hilfe in Anspruch nehmen durfte. Es ist etwas, was den Baum zwingt, gerade zu bleiben. Was könnte das sein? Zum einen, wenn ein Baum konstant stark einer Windrichtung ausgesetzt ist. Bei uns sind das im Regelfall Westwinde. Zum anderen bei Traufbäumen, bei denen die Äste auf der Taufseite viel zahlreicher und stärker entwickelt sind als die zum Wald hin. Und zum dritten, wenn ein Baum an einem Hang wächst und er schauen muss, dass er gerade nach oben kommt. Das war bei meiner Kiefer der Fall. Jetzt noch die Frage, auf welcher Seite sind die Ringe weiter auseinander? Was denken Sie? Auf der Seite, wo der Baum sich „wehren“ muß, also auf der Wind abgewandten Seite, gegenüber der Traufseite und auf der Hangabwärtsseite. Nur so kann er ein gerades Wachstum erreichen. Das ist doch interessant. Reinhold Mayer schrieb, dass man das Holz mit den breiteren Ringen Reduktionsholz nennt und das mit den schmaleren Ringen Zugholz. Interessant war für mich, dass diese unzentrierten Bäume als „Holzfehler“ gelten, die höherwertigen Verwendungen entgegenstehen. „Als Schwarzwaldförster bekam ich das hin und wieder bei Preisverhandlungen zu spüren. Vor allem beim Export nach Österreich reagierten die Abnehmer stark auf diesen Holzfehler“. Martin Tritschler aus T.-N.- Schwärzenbach, ein großer Waldbesitzer und Sägewerker berichtete, dass sich dieses Holz beim Sägen in alle Richtungen krümmen und drehen kann. „Balken zu sägen ist normaler Weise kein Problem, aber Latten sind eher schwierig zu sägen“. Hätten Sie das gedacht? Zwei Aspekte noch, der Baum hat an der Stelle 75 Jahresringe, die letzten 25 waren sehr dürftig. Kiefern besitzen ein stabiles Kernkolz und ein instabiles, Pilz- und Insektenbefall anfälliges Splintholz. Der Übergang ist nicht ganz klar, weil Bläuepilze das Äußere befallen hat. Im Kernholz finden sie aber keine Nahrung.
Das Bild oben ist beim Veredeln unseres Apfelbaumes entstanden, Ende April 2023 im Garten durch den Spezialisten Hans Hasenfratz aus Mundelfingen. Sie sehen die vier Anschnitte für die Veredlungszweige, die erfreulicher Weise alle angewachsen sind. Sehen Sie, wie unzentriert die Jahresringe an diesem ziemlich waagrechten Ast sind? Hammerhart würde ich sagen, nach unten doppelt so breit wie nach oben. Sogar die Rindendicke ist beeinflußt, wobei eine dickere Rinde vermutlich auch einen dickeren Jahresring ergibt.
Nur so kann sich der Ast gegen die Gravitationskraft senkrecht halten. Was es nicht alles gibt.
damit fing diese Geschichte an. Ich erhielt von Eva-Maria Mayer von Fotomayer diese Whatsappnachricht: „Wenn mol z’Hifinge bisch, kunsch bei mir im Lade vorbei….ich soll, (kann) Dir was zeigen😅“
Natürlich ließ ich sie nicht lange warten und Eva-Maria gab mir eine Schachtel mit diesem Inhalt:
Der arme Kerle muß in eine Erdregentonne gefallen sein und so wie oben zu sehen, wurde er herausgefischt. Eva-Maria hat das mitbekommen und gedacht, daraus kann ich vielleicht eine Geschichte machen. Dass es sich um einen Igel handelt, sieht man deutlich anhand der Stacheln. Also jetzt war klar, dass ein Igel durch Ertrinken zu Tode gekommen ist. Aber wieso sieht er so weiß aus? Mein erster Gedanke war, dass er verkalkt ist. Deswegen setzte ich einen kleinen Teil Substanz in Säure an, es passierte nichts. Außerdem hat Regenwasser keinen Kalk, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht. Der hintere Teil war in größere Brocken zerfallen, ich konnte mit der Hand alles ohne große Anstrengung weiter bis zum Staub zerbröseln.
Die Knochen waren total in Takt, auf Bild rechts sieht man einen Oberschenkelknochen und Teile des Beckens. Ich kam nicht weiter und mußte die Bilder zweimal in den Whatsapp Status stellen, ehe jemand einen Tipp gab. Es war ein langjähriger Mitarbeiter eines Friedhofamtes einer größeren Stadt, ahnen Sie schon etwas? Er schieb: „Das sieht aus wie eine Wachsleiche“. Oha. Wikipedia gibt dazu die Auskunft, dass in einer nassen und kühlen Umgebung mit wenig Sauerstoff eine Leiche nicht wie üblich verwest. Stattdessen führt die Bildung von Adipocire (auf deutsch Leichenwachs) zu einer Verhärtung des Leichnames, die keine weiteren Verwesungsprozesse erlaubt. Durch die Zersetzung von körpereigenen Fettsäuren in nicht abbaubare gesättigte Hydroxy- oder Oxifettsäuren werden die Weichteile der Leiche zu einer grauweißen, pastösen Masse umgewandelt. Nach frühestens drei bis sechs Monaten beginnt die Verhärtung zu einer kalkartigen, organischen Substanz. Das trete auch bei Wasserleichen auf, und damit sind wir wieder bei unserem Igel angelangt. Das Rätsel ist gelöst, es ist ein Wasserwachsleichenigel. Aufgrung der kalkartigen Struktur ist er mindestens schon ein halbes Jahr tot, es könnte aber auch schon Jahre her sein. Denn diese Verwesungsart ist sehr stabil.
Welche Gedanken beschäftigen Sie nun? Denken Sie vielleicht, das hätte er nicht schreiben brauchen. Für mich war es eine tolle Herausforderung, wieder etwas dazu lernen zu dürfen. Deswegen nochmals herzlichen Dank an Eva-Maria Mayer, dass sie mich in den Laden gelockt hat. Vielleicht passt ein Gedicht von Goethe dazu:
Solang Du dies nicht hast, dieses Stirb und Werde, bist Du ein trüber Gast auf dieser dunklen Erde.
heute sind ein paar Pilze an der Reihe. Die auf dem Bild oben durfte ich im Hochbeet von Lotte Seilerin aus unserer Nachbarschaft aufnehmen, ein „Erdbeerpilz“, haben Sie so etwas schon gesehen? Sicher ist, dass die Erdbeeren süßer geschmeckt haben, das denken Sie doch auch.
Den Pilz unten sah ich auf der Länge an einer absterbenden Buche. Er sieht aus, wie wenn es auf ihn geschneit hätte. Was mir sehr imponiert hat, ist die Aussage in Wikipedia, dass „der gemeine Spaltblättling die einzige Art seiner Gattung in Europa ist und eine Verwechslung mit anderen Pilzarten aufgrund der markanten Erscheinungsform recht unwahrscheinlich ist“. Er sei weltweit die am häufigsten vorkommende Pilzart.
Die beiden Pilze dem Bild unten machen ebenfalls einen guten Eindruck, finden Sie nicht auch? So richtig schöne runde Gesellen. Ob allerdings meine Recherche hundert Prozent richtig ist, dafür kann ich die Hand nicht ins Feuer legen. „Bräunlicher Stäubling“ ist meine Ergebnis, vielleicht ist es aber auch eine andere Stäublingsart. Beindruckend ist die Musterung auf der Oberfläche.
„Manchmal kommen die Geschichten einfach so zu einem, oft aber auch einfach wieder zurueck„. Ilija Trojanovich.
gesprochen von Maria Simon
Dass mer Träum lebe muess und sie nit nu träume soll, des isch e aalti Muck. On vu dene Träum hommer vor so 10 Johr au mol glebt. Mit em Aahänger wo iisern Waidling druff war, simmer dorchs Gotthardloch an grosse Lago gfahre. A de Feriewohnung hommer de selberbaut Waidling is mollig warm Ticino Wasser, in Lago Magiore glau. Tagelang simmer uff dem Wundermärli See ummegondlet. Isola Pescatore, Isola Bella, Isola Madre, Isola Brisago,…… wa ver e barocks Bella Italia.
Und zmols kunnt doch no e moderns Märli ums Eck. Noch eme Staatsakt vor paar Woche ebe au wieder zruck. Natierli giehts bei dere Gundelerei jede Mittag au e stilvolle Capuccino Paus im idyllische Ristorante „Grotto Santa Maria“. Sell trohnt hoffärtig und erhaabe uff eme Felshogge überm Lago mit eme herzige, gmuetliche Gartecaffe. Am felsige Aaleger räcklet sich im milde warme Wasser e schöni, kultigi Mahagoni Diva, e „Riva“ Motorjacht. Frech und selbsbewusst vertäuet mir iisern sibirische Lärche Waidling mit em schneewiiesse Boge Sunnesegel nebet der Nobel Gundel. Iiseri ganz im stil vum Giovanni Segantini Stimmungsbild „Abenstille überm Brianza See“. E steili, schmali Stoetreppe, kunstvoll in Kalkfels innighaue, goht uffi is Gartecaffe mit Bella Vista über de Lago. Vor de letschte Stapfle will en galante, untersetzte Signore mit breitem und bis id Kopfmitte reichendem Gsiecht und mit trollige Auegli, wo en rappeschwarze, gfärbe Hoorkranz aasetzt, au s steil Stegli aabi. Hinter ihm 3-4 sportliche, saloppe, maritim uusstaffierte, uustrainierte Prachts- Papagalli. Die rechte Hosesaeck dietlich uusbeulet vu me kantige, spitzige Gegestand.
Generös loot de Capo, de Senjore, dere uffitrepplende Senjora mit em chicke Florentiner Strauhietli de Vortritt. Natierli nit uhni dere vu obe aabi tief in summerliche Uusschnitt z spickle. Au mich loot er no ganz uffi krattle. Noch em brave „Grazie“ und „Buon Giorno, Senjore“, frogt er, wo mir herkumme dajet und wo die „Bella Barca“ dehoem wär und wie die do uff sin Lago kumme wär? Mit paar Brocke tschinkisch und eweng Englisch, wa er und ich nit guet kinnet, erkläret mir ihm, dass iiser Hoemetgwässer de „Lago di Constanza, e de Fiume lungo Rhenus“ sei. „Oh la la, benissimo, pico bello“, auf dem Lago wolle er schon lange mal rumschippern, aber,…. scusa, molto lavorare in roma e milano e tuto euro „, radebrecht er über seinen Traum vom Lago Constanza. Sin Troom war aber Schaum, iisern isch glebt wore. „Arrevederchi, chiao bella, buon vacance con belissima barca“. So trepplet er aabi zu de stolze Mahagoni Gondola „Riva“. Die galante Bimbos mit de uusbeulte Hosesäck lichtet d Leine und die ville Pferdestärke unterm Mahagonideck ziehnet e riese Forri dorch de friedlich See.
Dobbe aber im Grotto Caffe isch grosse Uffregung und wilds Palaver. Ganz grosses Italo Kino. ´De Patron goht stolz wie en Pfau vu Tisch zu Tisch und verzehlt aageberisch de Gäscht, ganz uffbloose, dass des sin Stammgascht wär und der villmol käm zum Uusspanne vu dene herte, Politische- und Mediegschäfter, und…., natürli: vu dene erschöpfende bunga-bunga Fiestas. Wenn er e Problem heb, speziell mit de Guarda Finanza, sait de Cavallieri immer zu ihm, soll ers ihm, im Grande Patrone, im Cavalliere Silvio sage…., er dais denno regle. Des Parliamento höre mer us denne affige, grossspurige Pfaue Gspräch guet ussi. Die Geschtik erklärt de Rescht.
Silvio Berlusconi als Mitglied des Europäischen Parlaments in Brüssel (2019) (Foto: Wikipedia)
Und jetzt kunnts iis : Des war doch der mit de gliftete Larve und dem mit Botox inni operierte Dauergrinse. Ha jooo bigott, des war de trollig Schemme- Silvio. „Sic transit Gloria Mundi“, kennt mer jetzt noch de Abdankung z Milano sage. E kurzi, jähe Begegnung mit de reale Weltgschicht.
Lago Maggiore Settembre 2013
A de Beerdigung ware mer aber trotzdem nit. De Grossvatter Felix hät all gsait, a dem sii Beerdigung gang i nit, der goht au nit a mini. Ob er, wie die Wikingerkoenig, au i sim Mahagoni Schiff bestattet wore isch ? De Patrone vum Grotto aber, sin ganz guete Amico, vum Grotto „Santa Maria“ , der war bestimmt erschütterte Ehregascht am grandiose Staatsbegräbnis vu sim fürsorgliche Patrone, vum Grande Cavalliere e Capitano di Barca Mahagoni „Riva“, beim sim Caro Amico Silvio.
Sic transit gloria mundi caro amico
Milano – Il Presidente della Repubblica Sergio Mattarella ai funerali di Stato di Silvio Berlusconi, oggi 14 giugno 2023.
(Foto di Paolo Giandotti – Ufficio Stampa per la Stampa e la Comunicazione della Presidenza della Repubblica)
… fällt es uns schwer, Fassung zu bewahren: Der fortdauernde Krieg in der Ukraine mit seinen Bestialitäten und den Zynismen der russischen Propaganda, nun auch noch die grauenerregenden Bilder aus Nahost: Von Hamas-Schlächtern ermordete Israelis, Geiselnahmen, Raketeneinschläge diesseits wie jenseits, im Gazastreifen wie in Tel Aviv. Der Bundeskanzler, weil es die deutsche Staatsraison so will, auf Unterstützungs- und Verhandlungstour sowohl bei Israels so umstrittenem Staatschef Netanjahu wie in Kairo bei Al Sisi, Explosion im Krankenhaus von Gaza Stadt mit aberhunderten Toten und Verletzten bei unklarer Verursacherfrage… und montagabends vor dem Café Hengstler im Zentrum Donaueschingens ein Häuflein Demonstranten unterm Plakat mit der Aufschrift Schluss mit der Kriegshetze! Eigentlich hätte man sich ja doch erkundigen müssen, für oder gegen wen oder was hier demonstriert wird! Derweil fliegen in deutschen Großstädten Molotowcocktails gegen von Polizisten bewachte Synagogen und am Brandenburger Tor randalieren Palästinenser zusammen mit deutschen Links- wie Rechtsextremisten. Judensterne an die Wohnungstüren jüdischer Mitbürger geschmiert…
Jüdischer Friedhof in Sulzburg
Da bleibt nur Trauer – vielleicht wäre jetzt ein Besuch des alten jüdischen Friedhofs anzuraten, ein Stückweit hinter Sulzburg talaufwärts im Wald – was für eine Stille über den Gräbern. Namen und Daten der Verstorbenen weisen in ferne Jahrzehnte zurück, als das Wort Holocaust noch längst nicht erfunden war: Hier ruhen Max Rieser, gest. 2. April 1919 im Alter von 80 Jahren und Hermine Rieser, geb. Münzesheimer, gest. 16. August 1900 im Alter von 50 Jahren. Darüber dann ein Bibelspruch auf Hebräisch. Wer immer ihr Grab besuchte, hatte als Nachweis seines Gedenkens auf dem Grabstein einen Stein hinterlassen, inzwischen eine stattliche Steinsammlung. Nicht anders auf dem Grab nebenan, dem von Julius Dukas 1850 – 1902 wie auf den allermeisten anderen bemoosten Steinen, bis auf die wohl ältesten Gräber, die inzwischen von einer weit ausladenden Hainbuche überschirmt werden.
Oder taugt zur Beruhigung des aufgewühlten Gemüts vielleicht eher eine stramme Fußwanderung? Egal, ob von Urach oder von Schollach aus, steige man auf den dicht bewaldeten Höhenrücken hinauf oder nehme gar den mit der Jakobsmuschel ausgeschilderten, oben längs verlaufenden Pilgerweg mit Fernziel Santiago de Compostella und mache Halt vor einem hölzernen Sühnekreuz, errichtet 2014 zur Erinnerung an eine Schreckenstat vor 70 Jahren. Auch auf dem Kruzifix haben Wanderer, ganz entgegen dem Schwarzwälder Brauchtum, Steine abgelegt. Denn unter den vier US-amerikanischen Fliegern, die auf Befehl des Neustädter NSDAP-Kreisleiters Benedikt Kuner am 21. Juli 1944 hier ermordet worden sind, nachdem sie aus ihrer von Flakgeschossen getroffenen Maschine abgesprungen und gefangen genommenen worden waren, befand sich auch ein Jude: Leonhard Kornblau. Sein Name auf dem Kruzifix führt uns spätestens hier oben an die eigentlichen Ursprünge des so barbarischen Schlamassels in Nahost zurück – es gibt anscheinend kein Entrinnen.
Sühnekreuz vom Holzbildhauer Wolfgang Kleiser für die am 21. Juli 1944 zwischen Schollach und Urach verübten Morde an fünf amerikanischen Soldaten.
Leonhard A. Kornblau Bernhard A. Radomski Charles E. Woolf Meredith M. Mills Jr. Frank L. Misiak
aktualisierte Version, 1. Version vom 21. Oktober 2022
Wildnis erfreut sich in der deutschen Bevölkerung wachsender Zustimmung und Nachfrage, so hatte 2013 eine repräsentative Studie des Bundesumweltministeriums festgestellt. Zwei Drittel der Befragten fänden an der Natur umso mehr Gefallen, je wilder sie sich zeigt und 42 % würden ein Mehr an Wildnis begrüßen. Im Vorfeld der Nationalparkgründung hatte im nämlichen Jahr auch ein zweites Gutachten (von PricewaterhouseCoopers und ökonzept GmbH) festgestellt, „dass Natur und Wildnis aktuelle Themen sind, die den Nerv der Zeit treffen“.
Natur und Wildnis haben schon immer auch meinen Nerv getroffen, so sehr ich andererseits ein Berufsleben lang um die ordnungsgemäße Bewirtschaftung des Waldes bemüht war. An diesem spätsommerlich milden Oktobermontag zog es mich wieder mal in die Wutachschlucht. Denn der Fluss müsste ja doch auch wieder Wasser führen trotz der wenigen Regentage im zurückliegenden fünften Hitzesommer. Montags würde überdies der Wanderbetrieb in der Schlucht erträglich sein, so hatte ich spekuliert, und wie gewohnt den Waldparkplatz ob der Burgmühle angesteuert. Und tatsächlich: noch war ich der Einzige, der hier parkte und die Bergschuhe schnürte, um sodann auf steilem Fußpfad durch die bunte Bergmischwaldgesellschaft zur Gauchach abzusteigen. Zwar hatten mich hier – offengestanden – immer auch schon die hölzernen Tafeln eines Waldlehrpfads irritiert. Weniger wegen ihrer schlichten Botschaften über Baum und Wald, die mit den Jahren ohnehin fast unleserlich geworden waren, sondern weil ich den Lehrpfad hier im siedlungsfernen Naturschutzgebiet als reichlich deplaziert empfand – so sinnvoll und hilfreich derlei Einrichtungen andernorts, in ortsnahen Wäldern etwa, sein mögen. Wo doch der „Bildungsauftrag Waldpädagogik“ (gem. § 65 des Landeswaldgesetzes) seit 1996 zum Aufgabenspektrum der Forstleute gehört.
Wem und wozu dient der Wald?
Diesmal hatten sich die Tafeln zu meiner Verblüffung sogar vermehrt und verjüngt; die alten Hölzernen hingen zwar noch immer an den Bäumen, doch die Neuen zeigten sich frisch gestylt und luden zu interaktivem Aufklappen ein (Hey, ihr da! Kommt doch mal her), angefüllt mit Infos über je eine Baumart, deren Rindenbild die Klappe ziert. Offenbar waren hier professionelle Waldpädagogen am Werk gewesen: „Willkommen im Schluchtwald“, so wird der Besucher im Steilhang vom Naturpark Südschwarzwald und von der Staatlichen Naturschutzverwaltung Baden-Württemberg begrüßt auf einer großformatigen Tafel an blitzblankem Alugestänge. „Wem und wozu nützt der Wald?“, wird darauf gefragt, und die so klugen, von Disney inspirierten Tiere des Waldes, vom Hirsch über den Biber, vom Fuchs bis zum Kauz, wissen bestens Bescheid: In ihren Denkblasen stehen die Antworten, egal ob in der Sparte Nutzung, Umweltschutz oder Erholung. Lesekundigen beantwortet auch ein Text nebenan noch die Frage.
Puh… soviel Wissensstoff auf einmal, und das mitten im Wald! Oder braucht es heutzutage diese Art von kindgerechter Aufklärung, wenn sich die junge Familie schon mal dazu aufrafft, den lieben Kleinen ein vertieftes Walderlebnis zu gönnen – und das gar beim Eintauchen in die abenteuerliche Wildnis der Gauchachschlucht mit ihrem Chaos stehender und dick bemooster zusammengebrochener Stämme? Unten angelangt an der gottlob wieder rauschenden Gauchach (wo immer sie nicht von umgestürzten Eschen aufgestaut wird, den Opfern des aus Fernost eingeschleppten Eschtriebsterbens, beschließe ich, der Schlucht weiter bachabwärts zu folgen. Kurz vor Einmündung der Gauchach in die Wutach unterquert der Fußpfad ein darüber aufgespanntes Transparent, das sich unter der Überschrift „Liebe Menschen“ an die schluchtaufwärts Wandernden wendet mit der Bitte, der Tierwelt zuliebe auf den Wegen zu bleiben. Denn, ob Haselmaus, Biber oder Eisvogel, „auch wir wollen uns hier tierisch wohlfühlen“. Ja, um Himmelswillen, wo überhaupt mag in der Enge der Gauchachschlucht bloß die Versuchung lauern, den Fußpfad zu verlassen?
Gut gemeinte Bitte, aber reichlich überflüssig
Kopfschüttelnd über die ebenso anbiedernde wie aufdringliche Art von Besucherlenkung seitens der Stuttgarter Naturschutzbehörde erreiche ich die Wutach, die ich auf dem Kanadiersteg überquere, um sodann ein Stückweit auf dem Schluchtensteig flussaufwärts zu wandern – wann sonst, wenn nicht an einem herbstlichen Montagvormittag und außerhalb der Feriensaison sollte man sich das Schluchterlebnis doch noch leidlich ungestört antun können?
Die Spurenlage auf dem Pfad lässt indes keine Zweifel aufkommen: Es müssen übers Wochenende wieder ganze Herden unterwegs gewesen sein, so wie die Stiefel immer wieder im Matsch versinken. Wildnissucher zuhauf hat der letzte ungebändigte Wildfluss des Schwarzwalds ja schon seit seiner Erschließung um die vorletzte Jahrhundertwende angelockt. Auch auf die Gefahr hin, dass der Pfad, wo immer er drahtseilgesichert durch die Muschelkalk-Prallhänge verläuft, die Wanderlust zumal bei Gegenverkehr seit eh und je spürbar einzutrüben pflegt. Jährlich bis zu 75.000 Wutachwanderer wurden schon vor der Jahrtausendwende gezählt, und wie es ausschaut, sind die 100.000 mittlerweile längst überschritten. War es die Corona-Pandemie oder die Erfindung der kostenlosen Regiokarte für Schwarzwälder Übernachtungsgäste, waren es die verbesserten Wanderbusverbindungen oder die vielen Wandertipps im Netz: der Andrang in der Schlucht scheint nochmals einen gehörigen Schub verpasst bekommen zu haben – ablesbar neuerdings auch an einer stattlichen Kompanie von Steinpyramiden; die meisten sind wohl in den jüngsten Trockensommern errichtet worden und müssen nun gottlob wieder der Strömung trotzen. Seit wann eigentlich sind „Steinmanderl“ auch hierzulande Mode geworden, wo man sie doch einst nur aus dem Hochgebirge kannte oder als Wegmarkierung im skandinavischem Fjäll? Nun also beginnen sie plötzlich auch den Schwarzwald zu erobern – nicht anders als all die Hängeschlösser der Jungverliebten an den metallenen Brückengeländern. Ein Jammer nur, dass die kanadischen Pioniere ihren „Kanadiersteg“ anno 1976 noch aus dicken Holzbalken gezimmert haben.
Invasion der Steinmänner
Doch wer hätte gedacht, dass die Frequentierung der Schlucht auch montags schon mitunter Formen anzunehmen pflegt, die einem das Grüßen vergällt: Denn ab einer gewissen Verdichtung des Gegenverkehrs pflegen Wanderer bemerkenswert einsilbig, ja mürrisch zu reagieren, als wollten sie die Anderen mit Verachtung strafen. Kein Wunder, dass sich da auch Bergwacht, Naturpark und Naturschutzverwaltung mehr und mehr gefordert sehen: Wurde die Schlucht, ablesbar auf Hinweisschildern, schon vor Jahren zur Erleichterung der Helikopterbergung in Rettungssektoren eingeteilt, so rufen neuerdings mehr und mehr Verbotstafeln zur Ordnung. Wie es ausschaut ist die Schlucht frisch möbliert worden – auch mit einer Vielzahl von Stoppschildern und Absperrungen der Uferzonen (den Wasseramseln zuliebe?) mittels Schiffstauen. Auch die analogen Erläuterungstafeln haben sich vermehrt, als ob die nicht schon längst auch über die Wander-App verabreicht werden könnten. So etwa auch am Wiederaustritt des versickerten Wutachwassers aus der Muschelkalkwand. Muss das jetzt alles so sein? Mein Wandertrieb ist spürbar abgeflaut, nichts wie zurück also – nicht, dass sich oben an der Schattenmühle, der beliebtesten Einstiegsstelle, gerade wieder ein Wanderbus entleert. Oder wartet schon ein anderer unten an der Wutachmühle? Ob sie wohl eines Tages noch den Einbahnverkehr für die Schlucht verordnen?
Kein Durchgang zum Flussufer
Zurück auf dem Kanadiersteg beschleicht mich dann zu allem hin auch noch ein schlimmer Verdacht beim Blick auf die Gauchachmündung hinunter: Im Treibholzstau haben sich dicke weiße Schaumpolster verfangen, als sei jüngst beim einsetzenden Regen irgendwo ein Schieber hochgezogen worden nach den Monaten der Trockenheit. Von toten Fischen ist freilich nichts zu bemerken, also könnte der Schaum doch auch auf natürlichen Eintrag zurückzuführen sein – anders als einst in den Wirtschaftswunderjahren, als die Neustädter Papierfabrik ihr Abwasser noch weithin ungeklärt in die Wutach (die dort noch Gutach heißt) einleiten durfte, sodass sie der ihr mit dem Schaum auch eine unverwechselbare Duftnote verpasst hatte.
Verdächtige Schaumbildung?
Bachaufwärts in der Gauchachschlucht unter dem so seltsam deplazierten Transparent hindurch verlieren sich gottlob wieder die Montagswanderer. Dafür grüßen am Wegrand bald die neu gestalteten Stationen des Waldlehrpfads. Die Einkehr in der Burgmühle fällt diesmal leider aus, auch wenn sie, vor Kurzem erst runderneuert, geöffnet hat. An der frisch geweißelten Stirnwand der 1475 erstmals bezeugten, mehrfach von Flutkatastrophen heimgesuchten Mühle prangt jetzt unübersehbar ein Sinnspruch – nein, nicht etwa aus dem Fundus eines Joseph Victor von Scheffel oder von Lucian Reich, vielmehr wird eine der Lebensregeln von Baltimore des US-amerikanischen Rechtsanwalts Max Ehrmann präsentiert aus dem Jahr 1927: Geh deinen Weg gelassen und ruhig inmitten des Lärms und der Hast dieser Zeit und erinnere dich, welcher Frieden in der Stille liegt. Mit der Stille war es hier schon vorbei, nachdem die Schlucht von der Donaueschinger Ortsgruppe des badischen Schwarzwaldvereins erschlossen worden war, an dessen Vorsitzenden Wilhelm Baur eine in den Fels gemeißelte Gedenktafel aus dem Jahr 1927 erinnert. Und seit 1928 war die Mühle im Besitz des Villinger Touristenvereins Die Naturfreunde, die damit unlängst freilich Insolvenz anmelden mussten. Der neue Eigentümer scheint nicht eben auf Bodenständigkeit zu bestehen, und so findet sich neben dem Eingang zur Gastwirtschaft auch noch ein Spruch aus dem Zitatenschatz des Ralph Waldo Emerson, eines US-amerikanischen Geistlichen, Philosophen und Schriftstellers aus dem 19. Jahrhundert: Und wenn wir die ganze Welt durchreisten, um das Schöne zu finden: Wir müssen es in uns tragen, sonst finden wir es nie. Von den Weisheiten der Beiden, ob von Emerson oder von Ehrmann, quillt das weltweite Netz derzeit förmlich über, wie die Nachlese bei Google offenbart. Sollte inzwischen womöglich auch an der Gauchach PricewaterhouseCoupers Entwicklungshilfe geleistet haben?
Genug der Wildnissuche: „Gelassen und ruhig“, ganz wie an der Hauswand empfohlen, kehre ich zum Waldparkplatz zurück, erst in steilem Zickzack, dann auf bequemerem Forstweg – nicht ohne auch noch die Tierweitsprung-Anlage (Wie weit springst Du?) bestaunt zu haben: Viel weiter als der Dachs hätte ich es an diesem Montag gewiss nicht geschafft – schon gar nicht so weit wie der Luchs. Die Wildnissuche in der Schlucht, so dämmert es mir beim Verstauen der verschmutzten Bergschuhe im Kofferraum, ist mir diesmal wohl doch ein bisschen gar zu banal ausgefallen.
In der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift Der Schwarzwald, dem Organ des Schwarzwaldvereins, wird ausgiebig das 50jährige Jubiläum des Jugendzeltlagers an der Bockhornhütte auf der Platte gefeiert, dem Höhengebiet zwischen Kandel und St. Märgen. Vor einem halben Jahrhundert hat der Verein hier erstmals die am Rande des Staatswalds gelegene Hütte für seine Jugend in Beschlag genommen, denn daneben sprudelte der legendäre Bockhornbrunnen und auch die angrenzende Waldwiese bot sich zum Zelten an – wie sich über ein halbes Jahrhundert hinweg zeigen sollte ein beliebtes Sommerangebot des sonst eher von älteren Mitgliedern repräsentierten Schwarzwaldvereins. Doch auch schon zuvor waren Hütte und Wiese für diverse Jugendlager genutzt worden, denn der Leiter des St. Märgener Forstamtes war seinerzeit Fritz Hockenjos, mein Vater, vormals selbst jugendbewegt und von 1970 bis 1979 Präsident des Schwarzwaldvereins. Von den Besuchen an der Bockhornhütte ist mir, seinem Zweitältesten, neben den Kandelsagen, die er an abendlichen Lagerfeuern mitunter zum Besten gab, vor allem das selbst im Hochsommer eiskalte Wasser des Brunnens in Erinnerung geblieben: Wer es mit den Armen am längsten im Brunnentrog aushielt, der hatte gesiegt.
Der Sage nach hatte beim Bockhornbrunnen natürlich der bockgehörnte und bockfüßige Teufel die Finger mit im Spiel: das so üppig sprudelnde Wasser konnte eigentlich nur aus dem sagenumwobenen unterirdischen Kandelsee stammen. Der hatte bekanntlich einst schon die Bergleute im Suggental ins Unglück gestürzt. Vom Bockhornbrunnen aus war der dortige Silberbergbau durch ein – den steilen Südhang des Kandels querendes – Wuhr mit Wasser versorgt worden. Weil es den Bergleuten aber zu wohl geworden war (sodass sie in Schuhen aus Brotlaiben tanzten), ertranken sie zur Strafe allesamt in der Flut – bis auf einen Säugling, auf dessen hölzerner Wiege eine hin und her springende Katze für Gleichgewicht gesorgt hatte.
„Ein anderer Stein, höher und mächtiger wie der eben genannte, galt durch Jahrhunderte als Scheidemarke zwischen den beiden Klöstern. Er erscheint schon Anfang des 12. Jahrhunderts im Rotulus San Petrinus mit dem Namen Buggenhorn. In einer von Abt Placitus im Jahre 1662 gefertigten Grenzbeschreibung des Klosters St. Peter wird über das Buggenhorn ausgeführt: „Ist gar wohl bekannt und ein hoher aufrechter Stein in einer Ebene, mitten im Wald, da sich des Stifts Waldkirch, item des Bauern auf der Platte Wald und St. Petrische Herrschaft scheiden. Dieser Stein ist vor wenigen Jahren von einem großen Baum, den der Wind umgeworfen, getroffen und tief in den Boden hinein geschlagen worden, dass gar wenig mehr davon heraussen blieb, und soll dies Jahr im Beisein der Interessenten wieder aufgerichtet werden.“ Der letzte Teil dieser Nachricht soll aus dem Jahre 1723 stammen. Der Plan, den zertrümmerten Stein wieder aufzurichten, wurde jedoch nicht weiter verfolgt und so blieb er bis vor wenigen Jahren verschollen. Auf seltsame Weise kam wenigstens ein groller Teil eines Steines, der diesem entsprechen dürfte, als Treppenstufe am Plattenwirtshaus zum Vorschein. Wie schon immer vermutet war der Buggenhorn ursprünglich ein Menhir. Der gefundene Oberteil deutet jedenfalls nach Form und Ausschen auf ein solches frühgeschichtliches Kulturdenkmal. Das Buggenhorn hat im Laufe der Zeit den Namen Bockhorn erhalten. Vielleicht waren damals noch Erinnerungen wach an einen vorchristlichen Kult, der hier wie auch anderwärts gern mit dem Teufel in Verbindung gebracht wurde. Die aufgefundene Spitze des Bockhorns befindet sich im Elztäler Heimatmuseum in Waldkirch.„
Kein Wunder also, dass mich an den Berichten über das Jubiläum des Jugendzeltlagers im Heft am allermeisten die Erwähnung irritiert hat, das Wasser fürs Kochen und Waschen müsse inzwischen herbeitransportiert werden. Haben womöglich die jüngsten Dürresommer auch den Bockhornbrunnen versiegen lassen? Die Feierlichkeiten zum Fünfzigjährigen scheint dieser Umstand dennoch nicht allzu sehr getrübt zu haben: Nicht nur der für den Wahlkreis zuständige Landtagsabgeordnete der Grünen besuchte das Zeltlager, auch nicht nur der amtierende Schwarzwaldvereinspräsident; sogar Ministerpräsident Winfried Kretschmann war da, wie SWR Aktuell am Abend des 23. August 2023 berichten konnte. „Da fällt man wieder in die Zeit und nimmt die wirklichen Dinge des Lebens wahr, die Natur, in der man lebt, und nicht nur das Virtuelle, wann immer man aufs Handy glotzt“, sprach der Landesvater beim Spätzleessen in die Kamera, er fühle sich hier an seine eigene Jugend erinnert.
Der Windpark auf der Platte (vom Kandelgipfel aus gesehen)
Was ihm aber noch mehr behagt haben dürfte: Unweit des Lagers drehen sich, sofern nicht altweibersommerliche Flaute (gar Dunkelflaute) herrscht, die Rotoren von drei Windenergieanlagen älteren Typs; drei von insgesamt neun, die seit dem Jahrtausendwechsel sukzessive auf der Platte errichtet worden sind; die beiden modernsten und höchsten stehen im Staatswald ein ganzes Stück weit westlich oberhalb von Hütte und Brunnen. Offenbar haben die Windräder, die nächstens per Repowering noch kräftig aufgestockt werden sollen, den Naturgenuss der zeltenden Jugendlichen bislang nicht geschmälert. Im Augustheft Der Schwarzwald, das bereits kurz vor dem hohen Besuch erschienen ist, findet das Frustthema Windenergie jedenfalls keinerlei Erwähnung mehr, so sehr sich der Verein seit den 1990er Jahren immer wieder besorgt gezeigt hat: Die Schwarzwälder Landschaft, ihre Vielfalt, Eigenart und Schönheit (Bundesnaturschutzgesesetz § 1) könnten durch Windräder ja doch allzu sehr entstellt werden. Erstmals 1994 hatte der Schwarzwaldverein das Thema in seiner Verbandszeitschrift aufgegriffen und auf drohende Konflikte hingewiesen. Drei Jahre später folgte ein Positionspapier, in dem er Windenergieanlagen zwar nicht rundweg ablehnte, doch sollten sie, bitteschön, bevorzugt auf vorbelasteten Standorten konzentriert werden. Womit man sich durchaus noch auf politisch sicherem Boden bewegte, denn 1995 hatten das CDU-geführte Umwelt- und das Wirtschaftsministerium in einer „gemeinsamen Richtlinie für die gesamtökologische und baurechtliche Behandlung der Windenergieanlagen“ noch exakt ins nämliche Horn gestoßen.
Am 9. November 2002 verfasste die Delegiertenversammlung des Schwarzwaldvereins eine Resolution Schwarzwald und Energie, in welcher die verschiedenen regenerativen Energieformen beleuchtet und bewertet wurden. Fazit: „Windkraftanlagen dürfen im Schwarzwald nur nachrangig und nach sorgfältiger Abwägung in der Regionalplanung gebaut werden. Wertvolle Landschaften sind großräumig von Windkraftanlagen freizuhalten. Die Landschaft erheblich beeinträchtigende, das Landschaftsbild verändernde, den Naturhaushalt und die Erholungsfunktion störende Energieanlagen werden abgelehnt.“
Am 22. Oktober 2011, neun Jahre nach jener Delegiertenversammlung, tagte der Schwarzwaldverein erneut zum Thema Erneuerbare Energie, und wieder ging es vorwiegend um das Landschaftsbild. Beim weiteren Ausbau der Windkraft, so die Forderung im Ergebnispapier, solle „die ästhetische Dimension des Naturschutzes und das Gebot der Erhaltung landschaftlicher Schönheit gleichrangig neben den Zielen des Biotop- und Artenschutzes“ stehen. Eine Forderung, der sich der anwesende Vorsitzende des Schwäbischen Albvereins vorbehaltlos anschloss, nicht ohne anzufügen, dass auch der Schwäbische Heimatbund sich damit identifizieren werde.
Von jener Besorgnis über die drohende Industrialisierung der Landschaft durch Windenergieanlagen ist unterdessen nicht mehr viel zu spüren. Empörte Reaktionen waren sogar ausgeblieben, als die Landesregierung ihre Absicht verkündete, allein im Staatswald eintausend Windräder zu errichten. Wo Wind- und Solarparks inzwischen doch (gem. § 2 EEG, dem Gesetz für den Ausbau der erneuerbaren Energien) „im überragenden öffentlichen Interesse“ liegen und „der öffentlichen Sicherheit dienen.“
Im Februar 2023 nun beschloss der Vorstand des Schwarzwaldvereins ein deutlich geschmeidigeres Positionspapier, in welchem er zwar weiterhin fordert, dass neben dem Biotop- und Artenschutz auch das Schutzgut landschaftlicher Vielfalt, Eigenart und Schönheit in den Abwägungsprozess einzubeziehen sei. Wo eine ausgeprägte Biodiversität mit einem hoch bewerteten Landschaftsbild zusammentreffe, sollten keine Windkraftanlagen geplant oder vorhandene Planungen zurückgestellt werden. Doch nachdrücklich wird „im Interesse der Akzeptanz“ dafür geworben, dass Pachteinnahmen für WKA-Standorte auch „den Anwohnern in einem zu definierenden Nahbereich und nicht nur den jeweiligen Grundeigentümern zugute kommen“. Anstelle anonymer Investoren seien „Bürgerwindräder“ mit örtlichen Beteiligungsmöglichkeiten zu bevorzugen, damit möglichst hohe Anteile der Wertschöpfung in der Region verbleiben.
Sollte der Besuch des grünen Abgeordneten bei der Schwarzwaldvereinsjugend, erst recht derjenige des Ministerpräsidenten, etwa ein Dankeschön der Politik andeuten für ein neues energiepolitisches Wohlverhalten dieses anerkannten Naturschutzverbands, der sich in der Vergangenheit doch so oft quergelegt hatte? Ob sich da der einstige Hauptnaturschutzwart und Präsident des Vereins, Fritz Hockenjos, nicht im Grab umdreht, der Vorsitzende jener ersten Bürgerinitiative der Bundesrepublik, der Arbeitsgemeinschaft Heimatschutz Schwarzwald, die in den 1950er Jahren die energiepolitischen Pläne der Landesregierung zur Ableitung der Wutach erfolgreich durchkreuzt hatte? Und ob angesichts fehlender Speichermöglichkeiten des Windstroms jene Pläne nun nicht plötzlich wieder aus den Schubladen hervorgeholt werden dürfen?
Was einstweilen bleibt, ist der Blick auf den versiegten Bockhornbrunnen: Könnte es sein, dass auch diesmal der Teufel wieder seine Finger mit im Spiel hatte? Dass er die für die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) zuständigen Experten genarrt, sie ins Bockshorn gejagt hat, als sie die Unbedenklichkeit der Windradstandorte im Staatswald-Distrikt HintererHochwald (im Westen oberhalb von Bockhornhütte und -brunnen) bescheinigten? Könnte nicht durch die gewaltigen Betonsockel unter den Türmen die unterirdische Wasserzufuhr aus dem Kandelsee abgeklemmt worden sein?
Beim Werkeln im Hinteren Hochwald ins Bockshorn gejagt?
Ob zur Beobachtung von Wild oder Eindringlingen: Eine moderne Wildkamera hat vielseitige Einsatzmöglichkeiten. Die Foto- und Videoqualität der Geräte wird ständig verbessert. Geräte für Full-HD-Aufnahmen gehören heute zum guten Standard und sind günstig zu haben. Besonders clevere Geräte verfügen über eine SIM-Karte. Löst der Bewegungsmelder das Gerät aus, wird das Foto nicht nur gespeichert, sondern direkt an Ihr E-Mail-Postfach geschickt. (Internet Werbetext)
Wer sich als Weidmann oder Weidfrau auf der Höhe der Zeit wähnt, kommt längst nicht mehr ohne Wildkamera aus. Denn deren Einsatz erspart Zeit, erhöht die jagdliche Effizienz und verspricht vielerlei neue Einblicke ins eigene Revier. Die waldgrün camouflierte Kamera, gut getarnt angebracht an der Kirrung in Schussweite zur Kanzel, überwacht rund um die Uhr nicht nur das Wild. Sie verzeichnet auch „Beifänge“, ob vier- oder zweibeinige „Eindringlinge“. Was bisweilen auch schon zu Datenschutz-Komplikationen und zu juristischen Auseinandersetzungen geführt hat – nicht nur im Falle des in flagranti eingefangenen Schäferstündchens eines österreichischen Kommunalpolitikers. Pech gehabt, doch mit elektronischer Überwachung ist nun einmal nicht mehr nur auf Bahnsteigen oder vor dem Banktresen zu rechnen, sondern auch im Wald. Die Verlockung, sich beim edlen Waidwerk der Kameraunterstützung zu bedienen, scheint schier unwiderstehlich zu sein; ihr Einsatz muss ja nicht immer gleich in voyeuristische Peepshows ausarten. „Behalten Sie mit der SnapShot Ihr Revier im Auge“, so wird im Netz dafür geworben, „Beste Qualität und Top Service. Hochwertiges Jagd- und Outdoorzubehör jetzt günstig online bestellen. Versand in 3 Tagen.“ Wer als Kulturflüchter oder harmloser Pilzsammler, gar als jagdfeindlicher Aktivist in die Fotofalle tappt, wird es zumeist gar nicht registrieren: Der Schwarzbildblitz ist fürs menschliche wie für das tierische Auge unsichtbar.
Lässt auch im Wald George Orwell grüßen?
Aug in Auge mit dem Beutekonkurrenten
Mag sein, der Kamera-Boom ist nicht zuletzt durch die gefürchtete Afrikanische Schweinepest ausgelöst worden, vom verzweifelten Bemühen der Jägerschaft, den expandierenden Schwarzwildbestand samt dessen Flurschäden zu reduzieren und das Vordringen der Seuche doch noch zu stoppen. Oder liegt es eher an der ungebremsten Ausbreitungsdynamik des Beutekonkurrenten der Jäger und des Erzfeinds aller Nutztierhalter, des Wolfs? Klar, was technisch machbar und (bei einem Stückpreis ab nicht einmal 100 Euro) allemal bezahlbar ist, wird auch verwendet: Allein in Rheinland-Pfalz wird die Zahl der in Wald und Flur im Einsatz befindlichen Wildkameras derzeit auf ca. 30.000 geschätzt, Dunkelziffer exklusive! Bis zum Jagdjahr 2018 mussten sie nach Bundesdatenschutzgesetz noch dem jeweiligen Datenschutzzentrum gemeldet werden, weil der deutsche Wald nach Waldgesetz ja „zum Zwecke der Erholung“ betreten werden darf, mithin ein „öffentlich zugänglicher Raum“ ist. Inzwischen ist die Meldepflicht jedoch entfallen, klärt der Landesjagdverband seine Mitglieder auf, vorausgesetzt jedenfalls „die Kamera ist zur Wahrnehmung berechtigter Interessen für konkrete Zwecke erforderlich und es bestehen keine Anhaltspunkte, dass schutzwürdige Interessen oder Grundrechte und Grundfreiheit der abgelichteten Personen überwiegen.“
Abgeleitet wird „das berechtigte Interesse“ der Jagdausübungsberechtigten nicht nur aus ihrer Hegeverpflichtung (nach § 3 Abs. 1 des Jagd- und Wildtiermanagementgesetzes), sondern auch aus ihrer Mitwirkung an Wildtiermonitorings im Rahmen von wissenschaftlichen Projekten. Weil gekennzeichnete jagdbetriebliche Einrichtungen wie Kirrungen und Hochsitze nicht betreten werden dürfen, empfiehlt der Verband die Anbringung von Hinweisschildern: tunlichst so, dass die Kamera unentdeckt bleibt und nicht gestohlen wird. Und wer sie einsetzt wird überdies ermahnt, Personenaufnahmen unverzüglich zu löschen, da es sich dabei um personenbezogene Daten handle, „die unter dem besonderen Schutz der Datenschutzgrundverordnung stehen“, außerdem könnten Persönlichkeitsrechte betroffen sein. Schließlich sei auch zu beachten, dass in manchen Revieren, „insbesondere in staatlichen Forsten, der Einsatz den Wildkameras per jagdbetrieblicher Anweisung grundsätzlich untersagt“ und zu klären sei. Der Staatsforst als Spielverderber: Was mag es heute noch für Gründe geben, die Kameraverwendung zu untersagen?
Dass auch die Wissenschaft sich dieses Hilfsmittels bedient bei ihren wildbiologischen Forschungs- und Monitoring-Aufgaben, versteht sich von selbst. So zum Nachweis von Wildtierkorridoren, zur Erfolgskontrolle bei Straßendurchlässen oder Grünbrücken. Nach Auskunft der für das Wildtiermonitoring zuständigen Freiburger Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) werden derzeit beinahe wöchentlich fotografische Nachweise der hochschwarzwälder Wolfsfamilie samt Nachwuchs geliefert. Wo das FVA-Team selbst Wildkameras benutzt, ist es gehalten, Warnschilder anzubringen mit Hinweisen auf Kontakte, Rechtsgrundlage und den Umgang mit den Daten.
Bereits seit dem Jahr 2004 wird mit erheblichem personellen und finanziellen Aufwand auch ein Luchs-Monitoring betrieben, seitdem in Baden-Württemberg immer wieder einzelne männliche Luchse aus der benachbarten Schweiz gesichtet wurden; nächstens startet im Schwarzwald sogar ein Bestandesstützungsprojekt mit Auswilderung junger weiblicher Tiere. Das Team, erweitert um ein Netz von Wildtierbeauftragten, müht sich schon bisher um engsten Kontakt zu den pinselohrigen Einwanderern, und immer wieder gelingt es ihm, sie mit Halsbandsendern auszustatten und danach auf ihren Wanderungen kreuz und quer durchs Land zu begleiten. Solange jedenfalls, bis die Batterie des Senders erschöpft ist oder das Halsband sich an der Sollbruchstelle gelöst hat. Dann ist es an der Zeit, die große Katze wieder einzufangen und erneut zu besendern. Auch hierbei ist die Wildkamera wieder unverzichtbar: In der Regel wird die mit digitalem Fallenmelder verbundene Lebendfalle an einem frisch entdeckten Luchsriss aufgestellt. Schnappt sie zu und ist der Luchs gefangen, meldet sich vollautomatisch das Smartphone samt Bildsequenz, sodass eilends die Telefonkette des Fangteams in Gang gesetzt werden kann. Der Gefangene wird schnellstmöglich mit dem Blasrohr betäubt, mit Senderhalsband versehen (bzw. dieses mit neuer Batterie ausgestattet) und sodann, nach einem Gesundheits-Check, wieder in die freie Wildbahn entlassen. Dann nimmt das Team erneut die Verfolgung auf, per Kreuzpeilung und VHF-Technik sowie per GPS im Halsband, wie auch in analoger Form vor Ort durch das Aufsuchen von Rissen und das Analysieren des Beutespektrums, des Bewegungsmusters und des bezogenen Lebensraums.
Mit dem Einsatz der Wildkameras lassen sich, wie es ausschaut, dem Wald und seinen Bewohnern die letzten Geheimnisse entlocken, zumal Einblicke in das Treiben nachtaktiver Wildtierarten. Womit sich der jägerische Informationsgewinn fraglos enorm steigern lässt. Doch wie wirkt sich die rasch zunehmende Kameradichte auf den Waldbesucher aus? Sieht auch er sich mehr und mehr beobachtet, gar überwacht – wo ihm der Wald doch bislang auch als vergleichsweise heilsamer und diskreter Fluchtort diente, als tröstende Gegenwelt angesichts der hektischen Turbulenz des urbanen Alltags mitsamt all seiner digitalen Überflutung? Sinkt der (gefühlte?) Erlebniswert, wenn der mit Kameras bestückte Seelentröster seine Geheimnisse preiszugeben genötigt wird? Gibt es ihn überhaupt noch, den geheimnisvollen Wald, den Märchenwald unserer Kindheit?
Und unter Jäger*innen nachgefragt: Ist beim Einsatz all der elektronischen Hilfsmittel, von der automatischen Wildkamera mit Nachtsicht bis zur Handyübertragung, von der GPS-Ortung bis zur Tierfundkataster-App und zum Drohneneinsatz nicht irgendwann ein Sättigungspunkt erreicht, ab dem das Jagen an Reiz verliert? Ab dem die Überreste des archaischen Jagdtriebs mitsamt dem jägerischen Naturerlebnis vollends erdrückt werden vom immer exzessiveren Gebrauch digitaler Technik auf der Pirsch wie auf der Kanzel?