An Tagen wie diesen…

… fällt es uns schwer, Fassung zu bewahren: Der fortdauernde Krieg in der Ukraine mit seinen Bestialitäten und den Zynismen der russischen Propaganda, nun auch noch die grauenerregenden Bilder aus Nahost: Von Hamas-Schlächtern ermordete Israelis, Geiselnahmen, Raketeneinschläge diesseits wie jenseits, im Gazastreifen wie in Tel Aviv. Der Bundeskanzler, weil es die deutsche Staatsraison so will, auf Unterstützungs- und Verhandlungstour sowohl bei Israels so umstrittenem Staatschef Netanjahu wie in Kairo bei Al Sisi, Explosion im Krankenhaus von Gaza Stadt mit aberhunderten Toten und Verletzten bei unklarer Verursacherfrage… und montagabends vor dem Café Hengstler im Zentrum Donaueschingens ein Häuflein Demonstranten unterm Plakat mit der Aufschrift Schluss mit der Kriegshetze! Eigentlich hätte man sich ja doch erkundigen müssen, für oder gegen wen oder was hier demonstriert wird! Derweil fliegen in deutschen Großstädten Molotowcocktails gegen von Polizisten bewachte Synagogen und am Brandenburger Tor randalieren Palästinenser zusammen mit deutschen Links- wie Rechtsextremisten. Judensterne an die Wohnungstüren jüdischer Mitbürger geschmiert…

Jüdischer Friedhof in Sulzburg


Da bleibt nur Trauer – vielleicht wäre jetzt ein Besuch des alten jüdischen Friedhofs anzuraten, ein Stückweit hinter Sulzburg talaufwärts im Wald – was für eine Stille über den Gräbern. Namen und Daten der Verstorbenen weisen in ferne Jahrzehnte zurück, als das Wort Holocaust noch längst nicht erfunden war: Hier ruhen Max Rieser, gest. 2. April 1919 im Alter von 80 Jahren und Hermine Rieser, geb. Münzesheimer, gest. 16. August 1900 im Alter von 50 Jahren. Darüber dann ein Bibelspruch auf Hebräisch. Wer immer ihr Grab besuchte, hatte als Nachweis seines Gedenkens auf dem Grabstein einen Stein hinterlassen, inzwischen eine stattliche Steinsammlung. Nicht anders auf dem Grab nebenan, dem von Julius Dukas 1850 – 1902 wie auf den allermeisten anderen bemoosten Steinen, bis auf die wohl ältesten Gräber, die inzwischen von einer weit ausladenden Hainbuche überschirmt werden. 


Oder taugt zur Beruhigung des aufgewühlten Gemüts vielleicht eher eine stramme Fußwanderung? Egal, ob von Urach oder von Schollach aus, steige man auf den dicht bewaldeten Höhenrücken hinauf oder nehme gar den mit der Jakobsmuschel ausgeschilderten, oben längs verlaufenden Pilgerweg mit Fernziel Santiago de Compostella und mache Halt vor einem hölzernen Sühnekreuz, errichtet 2014 zur Erinnerung an eine Schreckenstat vor 70 Jahren. Auch auf dem Kruzifix haben Wanderer, ganz entgegen dem Schwarzwälder Brauchtum, Steine abgelegt. Denn unter den vier US-amerikanischen Fliegern, die auf Befehl des Neustädter NSDAP-Kreisleiters Benedikt Kuner am 21. Juli 1944 hier ermordet worden sind, nachdem sie aus ihrer von Flakgeschossen getroffenen Maschine abgesprungen und gefangen genommenen worden waren, befand sich auch ein Jude: Leonhard Kornblau. Sein Name auf dem Kruzifix führt uns spätestens hier oben an die eigentlichen Ursprünge des so barbarischen Schlamassels in Nahost zurück – es gibt anscheinend kein Entrinnen.

Sühnekreuz vom Holzbildhauer Wolfgang Kleiser für die am 21. Juli 1944 zwischen Schollach und Urach verübten Morde an fünf amerikanischen Soldaten.


Leonhard A. Kornblau
Bernhard A. Radomski
Charles E. Woolf
Meredith M. Mills Jr.
Frank L. Misiak

Möblierte Wildnis

aktualisierte Version, 1. Version vom 21. Oktober 2022

Wildnis erfreut sich in der deutschen Bevölkerung wachsender Zustimmung und Nachfrage, so hatte 2013 eine repräsentative Studie des Bundesumweltministeriums festgestellt. Zwei Drittel der Befragten fänden an der Natur umso mehr Gefallen, je wilder sie sich zeigt und 42 % würden ein Mehr an Wildnis begrüßen. Im Vorfeld der Nationalparkgründung hatte im nämlichen Jahr auch ein zweites Gutachten (von PricewaterhouseCoopers und ökonzept GmbH) festgestellt, „dass Natur und Wildnis aktuelle Themen sind, die den Nerv der Zeit treffen“.

Natur und Wildnis haben schon immer auch meinen Nerv getroffen, so sehr ich andererseits ein Berufsleben lang um die ordnungsgemäße Bewirtschaftung des Waldes bemüht war. An diesem spätsommerlich milden Oktobermontag zog es mich wieder mal in die Wutachschlucht. Denn der Fluss müsste ja doch auch wieder Wasser führen trotz der wenigen Regentage im zurückliegenden fünften Hitzesommer. Montags würde überdies der Wanderbetrieb in der Schlucht erträglich sein, so hatte ich spekuliert, und wie gewohnt den Waldparkplatz ob der Burgmühle angesteuert. Und tatsächlich: noch war ich der Einzige, der hier parkte und die Bergschuhe schnürte, um sodann auf steilem Fußpfad durch die bunte Bergmischwaldgesellschaft zur Gauchach abzusteigen. Zwar hatten mich hier – offengestanden – immer auch schon die hölzernen Tafeln eines Waldlehrpfads irritiert. Weniger wegen ihrer schlichten Botschaften über Baum und Wald, die mit den Jahren ohnehin fast unleserlich geworden waren, sondern weil ich den Lehrpfad hier im siedlungsfernen Naturschutzgebiet als reichlich deplaziert empfand – so sinnvoll und hilfreich derlei Einrichtungen andernorts, in ortsnahen Wäldern etwa, sein mögen. Wo  doch der „Bildungsauftrag Waldpädagogik“ (gem. § 65 des Landeswaldgesetzes) seit 1996 zum Aufgabenspektrum der Forstleute gehört.

Wem und wozu dient der Wald?

Diesmal hatten sich die Tafeln zu meiner Verblüffung sogar vermehrt und verjüngt; die alten Hölzernen hingen zwar noch immer an den Bäumen, doch die Neuen zeigten sich frisch gestylt und luden zu interaktivem Aufklappen ein (Hey, ihr da! Kommt doch mal her), angefüllt mit Infos über je eine Baumart, deren Rindenbild die Klappe ziert. Offenbar waren hier professionelle Waldpädagogen am Werk gewesen: „Willkommen im Schluchtwald“, so wird der Besucher im Steilhang vom Naturpark Südschwarzwald und von der Staatlichen Naturschutzverwaltung Baden-Württemberg begrüßt auf einer großformatigen Tafel an blitzblankem Alugestänge. „Wem und wozu nützt der Wald?“, wird darauf  gefragt, und die so klugen, von Disney inspirierten Tiere des Waldes, vom Hirsch über den Biber, vom Fuchs bis zum Kauz, wissen bestens Bescheid: In ihren Denkblasen stehen die Antworten, egal ob in der Sparte Nutzung, Umweltschutz oder Erholung. Lesekundigen beantwortet auch ein Text nebenan noch die Frage. 

Puh… soviel Wissensstoff auf einmal, und das mitten im Wald! Oder braucht es heutzutage diese Art von kindgerechter Aufklärung, wenn sich die junge Familie schon mal dazu aufrafft, den lieben Kleinen ein vertieftes Walderlebnis zu gönnen –  und das gar beim Eintauchen in die abenteuerliche Wildnis der Gauchachschlucht mit ihrem Chaos stehender und dick bemooster zusammengebrochener Stämme? Unten angelangt an der gottlob wieder rauschenden Gauchach (wo immer sie nicht von umgestürzten Eschen aufgestaut wird, den Opfern des aus Fernost eingeschleppten Eschtriebsterbens, beschließe ich, der Schlucht weiter bachabwärts zu folgen. Kurz vor Einmündung der Gauchach in die Wutach unterquert der Fußpfad ein darüber aufgespanntes Transparent, das sich unter der Überschrift „Liebe Menschen“ an die schluchtaufwärts Wandernden wendet mit der Bitte, der Tierwelt zuliebe auf den Wegen zu bleiben. Denn, ob Haselmaus, Biber oder Eisvogel, „auch wir wollen uns hier tierisch wohlfühlen“. Ja, um Himmelswillen, wo überhaupt mag in der Enge der Gauchachschlucht bloß die Versuchung lauern, den Fußpfad zu verlassen?

Gut gemeinte Bitte, aber reichlich überflüssig

Kopfschüttelnd über die ebenso anbiedernde wie aufdringliche Art von Besucherlenkung seitens der Stuttgarter Naturschutzbehörde erreiche ich die Wutach, die ich auf dem Kanadiersteg überquere, um sodann ein Stückweit  auf dem Schluchtensteig flussaufwärts zu wandern  – wann sonst, wenn nicht an einem herbstlichen Montagvormittag und außerhalb der Feriensaison sollte man sich das Schluchterlebnis doch noch leidlich ungestört antun können? 

Die Spurenlage auf dem Pfad lässt indes keine Zweifel aufkommen: Es müssen übers Wochenende wieder ganze Herden unterwegs gewesen sein, so wie die Stiefel immer wieder im Matsch versinken. Wildnissucher zuhauf hat der letzte ungebändigte Wildfluss des Schwarzwalds ja schon seit seiner Erschließung um die vorletzte Jahrhundertwende angelockt. Auch auf die Gefahr hin, dass der Pfad, wo immer er drahtseilgesichert durch die Muschelkalk-Prallhänge verläuft, die Wanderlust zumal bei Gegenverkehr seit eh und je spürbar einzutrüben pflegt. Jährlich bis zu 75.000 Wutachwanderer wurden schon vor der Jahrtausendwende gezählt, und wie es ausschaut, sind die 100.000 mittlerweile längst überschritten. War es die Corona-Pandemie oder die Erfindung der kostenlosen Regiokarte für Schwarzwälder Übernachtungsgäste, waren es die verbesserten Wanderbusverbindungen oder die vielen Wandertipps im Netz: der Andrang in der Schlucht scheint nochmals einen gehörigen Schub verpasst bekommen zu haben – ablesbar neuerdings auch an einer stattlichen Kompanie von Steinpyramiden; die meisten sind wohl in den jüngsten Trockensommern errichtet worden und müssen nun gottlob wieder der Strömung trotzen. Seit wann eigentlich sind „Steinmanderl“ auch hierzulande Mode geworden, wo man sie doch einst nur aus dem Hochgebirge kannte oder als Wegmarkierung im skandinavischem Fjäll?  Nun also beginnen sie plötzlich auch den Schwarzwald zu erobern – nicht anders als all die Hängeschlösser der Jungverliebten an den metallenen Brückengeländern. Ein Jammer nur, dass die kanadischen Pioniere ihren „Kanadiersteg“ anno 1976 noch aus dicken Holzbalken gezimmert haben.

Invasion der Steinmänner

Doch wer hätte gedacht, dass die Frequentierung der Schlucht auch montags schon mitunter Formen anzunehmen pflegt, die einem das Grüßen vergällt: Denn ab einer gewissen Verdichtung des Gegenverkehrs pflegen Wanderer bemerkenswert einsilbig, ja mürrisch zu reagieren, als wollten sie die Anderen mit Verachtung strafen. Kein Wunder, dass sich da auch Bergwacht, Naturpark und Naturschutzverwaltung mehr und mehr gefordert sehen: Wurde die Schlucht, ablesbar auf Hinweisschildern, schon vor Jahren zur Erleichterung der Helikopterbergung in Rettungssektoren eingeteilt, so rufen neuerdings mehr und mehr Verbotstafeln zur Ordnung. Wie es ausschaut ist die Schlucht frisch möbliert worden – auch mit einer Vielzahl von Stoppschildern und Absperrungen der Uferzonen (den Wasseramseln zuliebe?) mittels Schiffstauen. Auch die analogen Erläuterungstafeln haben sich vermehrt, als ob die nicht schon längst auch über die Wander-App verabreicht werden könnten. So etwa auch am Wiederaustritt des versickerten Wutachwassers aus der Muschelkalkwand. Muss das jetzt alles so sein? Mein Wandertrieb ist spürbar abgeflaut, nichts wie zurück also – nicht, dass sich oben an der Schattenmühle, der beliebtesten Einstiegsstelle, gerade wieder ein Wanderbus entleert. Oder wartet schon ein anderer unten an der Wutachmühle? Ob sie wohl eines Tages noch den Einbahnverkehr für die Schlucht verordnen? 

Kein Durchgang zum Flussufer

Zurück auf dem Kanadiersteg beschleicht mich dann zu allem hin auch noch ein schlimmer Verdacht beim Blick auf die Gauchachmündung hinunter: Im Treibholzstau haben sich dicke weiße Schaumpolster verfangen, als sei jüngst beim einsetzenden Regen irgendwo ein Schieber hochgezogen worden nach den Monaten der Trockenheit. Von toten Fischen ist freilich nichts zu bemerken, also könnte der Schaum doch auch auf natürlichen Eintrag zurückzuführen sein – anders als einst in den Wirtschaftswunderjahren, als die Neustädter Papierfabrik ihr Abwasser noch weithin ungeklärt in die Wutach (die dort noch Gutach heißt) einleiten durfte, sodass sie der ihr mit dem Schaum auch eine unverwechselbare Duftnote verpasst hatte.  

Verdächtige Schaumbildung?

Bachaufwärts in der Gauchachschlucht unter dem so seltsam deplazierten Transparent hindurch verlieren sich gottlob wieder die Montagswanderer. Dafür grüßen am Wegrand bald  die neu gestalteten Stationen des Waldlehrpfads. Die Einkehr in der Burgmühle fällt diesmal leider aus, auch wenn sie, vor Kurzem erst runderneuert, geöffnet hat. An der frisch geweißelten Stirnwand der 1475 erstmals bezeugten, mehrfach von Flutkatastrophen heimgesuchten Mühle prangt jetzt unübersehbar ein Sinnspruch – nein, nicht etwa aus dem Fundus eines Joseph Victor von Scheffel oder von Lucian Reich, vielmehr wird eine der Lebensregeln von Baltimore des US-amerikanischen Rechtsanwalts Max Ehrmann präsentiert aus dem Jahr 1927: Geh deinen Weg gelassen und ruhig inmitten des Lärms und der Hast dieser Zeit und erinnere dich, welcher Frieden in der Stille liegt. Mit der Stille war es hier schon vorbei, nachdem die Schlucht von der Donaueschinger Ortsgruppe des badischen Schwarzwaldvereins erschlossen worden war, an dessen Vorsitzenden Wilhelm Baur eine in den Fels gemeißelte Gedenktafel aus dem Jahr 1927 erinnert. Und seit 1928 war die Mühle im Besitz des Villinger Touristenvereins Die Naturfreunde, die damit unlängst freilich Insolvenz anmelden mussten. Der neue Eigentümer scheint nicht eben auf Bodenständigkeit zu bestehen, und so findet sich neben dem Eingang zur Gastwirtschaft auch noch ein Spruch aus dem Zitatenschatz des Ralph Waldo Emerson, eines US-amerikanischen Geistlichen, Philosophen und Schriftstellers aus dem 19. Jahrhundert: Und wenn wir die ganze Welt durchreisten, um das Schöne zu finden: Wir müssen es in uns tragen, sonst finden wir es nie. Von den Weisheiten der Beiden, ob von Emerson oder von Ehrmann, quillt das weltweite Netz derzeit förmlich über, wie die Nachlese bei Google offenbart. Sollte inzwischen womöglich auch an der Gauchach PricewaterhouseCoupers Entwicklungshilfe geleistet haben?

Genug der Wildnissuche: „Gelassen und ruhig“, ganz wie an der Hauswand empfohlen, kehre ich zum Waldparkplatz zurück, erst in steilem Zickzack, dann auf bequemerem Forstweg – nicht ohne auch noch die Tierweitsprung-Anlage (Wie weit springst Du?) bestaunt zu haben: Viel weiter als der Dachs hätte ich es an diesem Montag gewiss nicht geschafft – schon gar nicht so weit wie der Luchs. Die Wildnissuche in der Schlucht, so dämmert es mir beim Verstauen der verschmutzten Bergschuhe im Kofferraum, ist mir diesmal wohl doch ein bisschen gar zu banal ausgefallen. 

Genug der Möblierung?

Mehr zur Gauchachschlucht auf dem Hieronymus:

Ins Bockshorn gejagt?

Bockhornbrunnen

In der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift Der Schwarzwald, dem Organ des Schwarzwaldvereins, wird ausgiebig das 50jährige Jubiläum des Jugendzeltlagers an der Bockhornhütte auf der Platte gefeiert, dem Höhengebiet zwischen Kandel und St. Märgen. Vor einem halben Jahrhundert hat der Verein hier erstmals die am Rande des Staatswalds gelegene Hütte für seine Jugend in Beschlag genommen, denn daneben sprudelte der legendäre Bockhornbrunnen und auch die angrenzende Waldwiese bot sich zum Zelten an – wie sich über ein halbes Jahrhundert hinweg zeigen sollte ein beliebtes Sommerangebot des sonst eher von älteren Mitgliedern repräsentierten Schwarzwaldvereins. Doch auch schon zuvor waren Hütte und Wiese für diverse Jugendlager genutzt worden, denn der Leiter des St. Märgener Forstamtes war seinerzeit Fritz Hockenjos, mein Vater, vormals selbst jugendbewegt und von 1970 bis 1979  Präsident des Schwarzwaldvereins. Von den Besuchen an der Bockhornhütte ist mir, seinem Zweitältesten, neben den Kandelsagen, die er an abendlichen Lagerfeuern mitunter zum Besten gab, vor allem das selbst im Hochsommer eiskalte Wasser des Brunnens in Erinnerung geblieben: Wer es mit den Armen am längsten im Brunnentrog aushielt, der hatte gesiegt. 

Der Sage nach hatte beim Bockhornbrunnen natürlich der bockgehörnte und bockfüßige Teufel die Finger mit im Spiel: das so üppig sprudelnde Wasser konnte eigentlich nur aus dem sagenumwobenen unterirdischen Kandelsee stammen. Der hatte bekanntlich einst schon die Bergleute im Suggental ins Unglück gestürzt. Vom Bockhornbrunnen aus war der dortige Silberbergbau durch ein – den steilen Südhang des Kandels querendes – Wuhr mit Wasser versorgt worden. Weil es den Bergleuten aber zu wohl geworden war (sodass sie in Schuhen aus Brotlaiben tanzten), ertranken sie zur Strafe allesamt in der Flut – bis auf einen Säugling, auf dessen hölzerner Wiege eine hin und her springende Katze für Gleichgewicht gesorgt hatte.


Ein anderer Stein, höher und mächtiger wie der eben genannte, galt durch Jahrhunderte als Scheidemarke zwischen den beiden Klöstern. Er erscheint schon Anfang des 12. Jahrhunderts im Rotulus San Petrinus mit dem Namen Buggenhorn. In einer von Abt Placitus im Jahre 1662 gefertigten Grenzbeschreibung des Klosters St. Peter wird über das Buggenhorn ausgeführt: „Ist gar wohl bekannt und ein hoher aufrechter Stein in einer Ebene, mitten im Wald, da sich des Stifts Waldkirch, item des Bauern auf der Platte Wald und St. Petrische Herrschaft scheiden. Dieser Stein ist vor wenigen Jahren von einem großen Baum, den der Wind umgeworfen, getroffen und tief in den Boden hinein geschlagen worden, dass gar wenig mehr davon heraussen blieb, und soll dies Jahr im Beisein der Interessenten wieder aufgerichtet werden.“
Der letzte Teil dieser Nachricht soll aus dem Jahre 1723 stammen. Der Plan, den zertrümmerten Stein wieder aufzurichten, wurde jedoch nicht weiter verfolgt und so blieb er bis vor wenigen Jahren verschollen. Auf seltsame Weise kam wenigstens ein groller Teil eines Steines, der diesem entsprechen dürfte, als Treppenstufe am Plattenwirtshaus zum Vorschein. Wie schon immer vermutet war der Buggenhorn ursprünglich ein Menhir. Der gefundene Oberteil deutet jedenfalls nach Form und Ausschen auf ein solches frühgeschichtliches Kulturdenkmal. Das Buggenhorn hat im Laufe der Zeit den Namen Bockhorn erhalten.
Vielleicht waren damals noch Erinnerungen wach an einen vorchristlichen Kult, der hier wie auch anderwärts gern mit dem Teufel in Verbindung gebracht wurde. Die aufgefundene Spitze des Bockhorns befindet sich im Elztäler Heimatmuseum in Waldkirch.

Kein Wunder also, dass mich an den Berichten über das Jubiläum des Jugendzeltlagers im Heft am allermeisten die Erwähnung irritiert hat, das Wasser fürs Kochen und Waschen müsse inzwischen herbeitransportiert werden. Haben womöglich die jüngsten Dürresommer auch den Bockhornbrunnen versiegen lassen? Die Feierlichkeiten zum Fünfzigjährigen scheint dieser Umstand dennoch nicht allzu sehr getrübt zu haben: Nicht nur der für den Wahlkreis zuständige Landtagsabgeordnete der Grünen besuchte das Zeltlager, auch nicht nur der amtierende Schwarzwaldvereinspräsident; sogar Ministerpräsident Winfried Kretschmann war da, wie SWR Aktuell am Abend des 23. August 2023 berichten konnte. „Da fällt man wieder in die Zeit und nimmt die wirklichen Dinge des Lebens wahr, die Natur, in der man lebt, und nicht nur das Virtuelle, wann immer man aufs Handy glotzt“, sprach der Landesvater beim Spätzleessen in die Kamera, er fühle sich hier an seine eigene Jugend erinnert.

Der Windpark auf der Platte
(vom Kandelgipfel aus gesehen)

Was ihm aber noch mehr behagt haben dürfte: Unweit des Lagers drehen sich, sofern nicht altweibersommerliche Flaute (gar Dunkelflaute) herrscht, die Rotoren von drei Windenergieanlagen älteren Typs; drei von insgesamt neun, die seit dem Jahrtausendwechsel sukzessive auf der Platte errichtet worden sind; die beiden modernsten und höchsten stehen im Staatswald ein ganzes Stück weit westlich oberhalb von Hütte und Brunnen. Offenbar haben die Windräder, die nächstens per Repowering noch kräftig aufgestockt werden sollen, den Naturgenuss der zeltenden Jugendlichen bislang nicht geschmälert. Im Augustheft Der Schwarzwald, das bereits kurz vor dem hohen Besuch erschienen ist, findet das Frustthema Windenergie jedenfalls keinerlei Erwähnung mehr, so sehr sich der Verein seit den 1990er Jahren immer wieder besorgt gezeigt hat: Die Schwarzwälder Landschaft, ihre Vielfalt, Eigenart und Schönheit (Bundesnaturschutzgesesetz § 1) könnten durch Windräder ja doch allzu sehr entstellt werden. Erstmals 1994 hatte der Schwarzwaldverein das Thema in seiner Verbandszeitschrift aufgegriffen und auf drohende Konflikte hingewiesen. Drei Jahre später folgte ein Positionspapier, in dem er Windenergieanlagen zwar nicht rundweg ablehnte, doch sollten sie, bitteschön, bevorzugt auf vorbelasteten Standorten konzentriert werden. Womit man sich durchaus noch auf politisch sicherem Boden bewegte, denn 1995 hatten das CDU-geführte Umwelt- und das Wirtschaftsministerium in einer „gemeinsamen Richtlinie für die gesamtökologische und baurechtliche Behandlung der Windenergieanlagen“ noch exakt ins nämliche Horn gestoßen. 

Am 9. November 2002 verfasste die Delegiertenversammlung des Schwarzwaldvereins eine Resolution Schwarzwald und Energie, in welcher die verschiedenen regenerativen Energieformen beleuchtet und bewertet wurden. Fazit: „Windkraftanlagen dürfen im Schwarzwald nur nachrangig und nach sorgfältiger Abwägung in der Regionalplanung gebaut werden. Wertvolle Landschaften sind großräumig von Windkraftanlagen freizuhalten. Die Landschaft erheblich beeinträchtigende, das Landschaftsbild verändernde, den Naturhaushalt und die Erholungsfunktion störende Energieanlagen werden abgelehnt.“

Am 22. Oktober 2011, neun Jahre nach jener Delegiertenversammlung, tagte der Schwarzwaldverein erneut zum Thema Erneuerbare Energie,  und wieder ging es vorwiegend um das Landschaftsbild. Beim weiteren Ausbau der Windkraft, so die Forderung im Ergebnispapier, solle „die ästhetische Dimension des Naturschutzes und das Gebot der Erhaltung landschaftlicher Schönheit gleichrangig neben den Zielen des Biotop- und Artenschutzes“ stehen. Eine Forderung, der sich der anwesende Vorsitzende des Schwäbischen Albvereins vorbehaltlos anschloss, nicht ohne anzufügen, dass  auch der Schwäbische Heimatbund sich damit identifizieren werde. 

Von jener Besorgnis über die drohende Industrialisierung der Landschaft durch Windenergieanlagen ist unterdessen nicht mehr viel zu spüren. Empörte Reaktionen waren sogar ausgeblieben, als die Landesregierung ihre Absicht verkündete, allein im Staatswald eintausend Windräder zu errichten. Wo Wind- und Solarparks inzwischen doch (gem. § 2 EEG, dem Gesetz für den Ausbau der erneuerbaren Energien) „im überragenden öffentlichen Interesse“ liegen und „der öffentlichen Sicherheit dienen.“

Im Februar 2023 nun beschloss der Vorstand des Schwarzwaldvereins ein deutlich geschmeidigeres Positionspapier, in welchem er zwar weiterhin fordert, dass neben dem Biotop- und Artenschutz auch das Schutzgut landschaftlicher Vielfalt, Eigenart und Schönheit in den Abwägungsprozess einzubeziehen sei. Wo eine ausgeprägte Biodiversität mit einem hoch bewerteten Landschaftsbild zusammentreffe, sollten keine Windkraftanlagen geplant oder vorhandene Planungen zurückgestellt werden. Doch nachdrücklich wird „im Interesse der Akzeptanz“ dafür geworben, dass Pachteinnahmen für WKA-Standorte auch „den Anwohnern in einem zu definierenden Nahbereich und nicht nur den jeweiligen Grundeigentümern zugute kommen“. Anstelle anonymer Investoren seien „Bürgerwindräder“ mit örtlichen Beteiligungsmöglichkeiten zu bevorzugen, damit möglichst hohe Anteile der Wertschöpfung in der Region verbleiben.

Sollte der Besuch des grünen Abgeordneten bei der Schwarzwaldvereinsjugend, erst recht derjenige des Ministerpräsidenten, etwa ein Dankeschön der Politik andeuten für ein neues energiepolitisches Wohlverhalten dieses anerkannten Naturschutzverbands, der sich in der Vergangenheit doch so oft quergelegt hatte? Ob sich da der einstige Hauptnaturschutzwart und Präsident des Vereins, Fritz Hockenjos, nicht im Grab umdreht, der Vorsitzende jener ersten Bürgerinitiative der Bundesrepublik, der Arbeitsgemeinschaft Heimatschutz Schwarzwald, die in den 1950er Jahren die energiepolitischen Pläne der Landesregierung zur Ableitung der Wutach erfolgreich durchkreuzt hatte? Und ob angesichts fehlender Speichermöglichkeiten des Windstroms jene Pläne nun nicht plötzlich wieder aus den Schubladen hervorgeholt werden dürfen?

Was einstweilen bleibt, ist der Blick auf den versiegten Bockhornbrunnen: Könnte es sein, dass auch diesmal der Teufel wieder seine Finger mit im Spiel hatte? Dass er die für die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) zuständigen Experten genarrt, sie ins Bockshorn gejagt hat, als sie die Unbedenklichkeit der Windradstandorte im Staatswald-Distrikt Hinterer Hochwald (im Westen oberhalb von Bockhornhütte und -brunnen) bescheinigten? Könnte nicht durch die gewaltigen Betonsockel unter den Türmen die unterirdische Wasserzufuhr aus dem Kandelsee abgeklemmt worden sein?

Beim Werkeln im Hinteren Hochwald ins Bockshorn gejagt?

Der überwachte Wald

Ob zur Beobachtung von Wild oder Eindringlingen: Eine moderne Wildkamera hat vielseitige Einsatzmöglichkeiten. Die Foto- und Videoqualität der Geräte wird ständig verbessert. Geräte für Full-HD-Aufnahmen gehören heute zum guten Standard und sind günstig zu haben. Besonders clevere Geräte verfügen über eine SIM-Karte. Löst der Bewegungsmelder das Gerät aus, wird das Foto nicht nur gespeichert, sondern direkt an Ihr E-Mail-Postfach geschickt. (Internet Werbetext)

Wer sich als Weidmann oder Weidfrau auf der Höhe der Zeit wähnt, kommt längst nicht mehr ohne Wildkamera aus. Denn deren Einsatz erspart Zeit, erhöht die jagdliche Effizienz und verspricht vielerlei neue Einblicke ins eigene Revier. Die  waldgrün camouflierte Kamera, gut getarnt angebracht an der Kirrung in Schussweite zur Kanzel, überwacht rund um die Uhr nicht nur das Wild. Sie verzeichnet auch „Beifänge“, ob vier- oder zweibeinige „Eindringlinge“. Was bisweilen auch schon zu Datenschutz-Komplikationen und zu juristischen Auseinandersetzungen geführt hat – nicht nur im Falle des in flagranti eingefangenen Schäferstündchens eines österreichischen Kommunalpolitikers. Pech gehabt, doch mit elektronischer Überwachung ist nun einmal nicht mehr nur auf Bahnsteigen oder vor dem Banktresen zu rechnen, sondern auch im Wald. Die Verlockung, sich beim edlen Waidwerk der Kameraunterstützung zu bedienen, scheint schier unwiderstehlich zu sein; ihr Einsatz muss ja nicht immer gleich in voyeuristische Peepshows ausarten. „Behalten Sie mit der SnapShot Ihr Revier im Auge“, so wird im Netz dafür geworben, „Beste Qualität und Top Service. Hochwertiges Jagd- und Outdoorzubehör jetzt günstig online bestellen. Versand in 3 Tagen.“ Wer als Kulturflüchter oder harmloser Pilzsammler, gar als jagdfeindlicher Aktivist in die Fotofalle tappt, wird es zumeist gar nicht registrieren: Der Schwarzbildblitz ist fürs menschliche wie für das tierische Auge unsichtbar. 

Lässt auch im Wald George Orwell grüßen?
Aug in Auge mit dem Beutekonkurrenten

Mag sein, der Kamera-Boom  ist nicht zuletzt durch die gefürchtete Afrikanische Schweinepest ausgelöst worden, vom verzweifelten Bemühen der Jägerschaft, den expandierenden Schwarzwildbestand samt dessen Flurschäden zu reduzieren und das Vordringen der Seuche doch noch zu stoppen. Oder liegt es eher an der ungebremsten Ausbreitungsdynamik des Beutekonkurrenten der Jäger und des Erzfeinds aller Nutztierhalter, des Wolfs? Klar, was technisch machbar und (bei einem Stückpreis ab nicht einmal 100 Euro) allemal bezahlbar ist, wird auch verwendet: Allein in Rheinland-Pfalz wird die Zahl der in Wald und Flur im Einsatz befindlichen Wildkameras derzeit auf ca. 30.000 geschätzt, Dunkelziffer exklusive! Bis zum Jagdjahr 2018 mussten sie nach Bundesdatenschutzgesetz noch dem jeweiligen Datenschutzzentrum gemeldet werden, weil der deutsche Wald nach Waldgesetz ja „zum Zwecke der Erholung“ betreten werden darf, mithin ein „öffentlich zugänglicher Raum“ ist. Inzwischen ist die Meldepflicht jedoch entfallen, klärt der Landesjagdverband seine Mitglieder auf, vorausgesetzt jedenfalls „die Kamera ist zur Wahrnehmung berechtigter Interessen für konkrete Zwecke erforderlich und es bestehen keine Anhaltspunkte, dass schutzwürdige Interessen oder Grundrechte und Grundfreiheit der abgelichteten Personen überwiegen.“ 

Abgeleitet wird „das berechtigte Interesse“ der Jagdausübungsberechtigten nicht nur aus ihrer Hegeverpflichtung (nach § 3 Abs. 1 des Jagd- und Wildtiermanagementgesetzes), sondern auch aus ihrer Mitwirkung an Wildtiermonitorings im Rahmen von wissenschaftlichen Projekten. Weil gekennzeichnete jagdbetriebliche Einrichtungen wie Kirrungen und Hochsitze nicht betreten werden dürfen, empfiehlt der Verband die Anbringung von Hinweisschildern: tunlichst so, dass die Kamera unentdeckt bleibt und nicht gestohlen wird. Und wer sie einsetzt wird überdies ermahnt, Personenaufnahmen unverzüglich zu löschen, da es sich dabei um personenbezogene Daten handle, „die unter dem besonderen Schutz der Datenschutzgrundverordnung stehen“, außerdem könnten Persönlichkeitsrechte betroffen sein. Schließlich sei auch zu beachten, dass in manchen Revieren, „insbesondere in staatlichen Forsten, der Einsatz den Wildkameras per jagdbetrieblicher Anweisung grundsätzlich untersagt“ und zu klären sei. Der Staatsforst als Spielverderber: Was mag es heute noch für Gründe geben, die Kameraverwendung zu untersagen?

Dass auch die Wissenschaft sich dieses Hilfsmittels bedient bei ihren wildbiologischen Forschungs- und Monitoring-Aufgaben, versteht sich von selbst. So zum Nachweis von Wildtierkorridoren, zur Erfolgskontrolle bei  Straßendurchlässen oder  Grünbrücken. Nach Auskunft der für das Wildtiermonitoring zuständigen Freiburger Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) werden derzeit beinahe wöchentlich fotografische Nachweise der hochschwarzwälder Wolfsfamilie samt Nachwuchs geliefert. Wo das FVA-Team selbst Wildkameras benutzt, ist es gehalten, Warnschilder anzubringen mit Hinweisen auf Kontakte, Rechtsgrundlage und den Umgang mit den Daten.

Bereits seit dem Jahr 2004 wird mit erheblichem personellen und finanziellen Aufwand auch ein Luchs-Monitoring betrieben, seitdem in Baden-Württemberg immer wieder einzelne männliche Luchse aus der benachbarten Schweiz gesichtet wurden; nächstens startet im Schwarzwald sogar ein Bestandesstützungsprojekt mit Auswilderung junger weiblicher Tiere. Das Team, erweitert um ein Netz von Wildtierbeauftragten, müht sich schon bisher um engsten Kontakt zu den pinselohrigen Einwanderern, und immer wieder gelingt es ihm, sie mit Halsbandsendern auszustatten und danach auf ihren Wanderungen kreuz und quer durchs Land zu begleiten. Solange jedenfalls, bis die Batterie des Senders erschöpft ist oder das Halsband sich an der Sollbruchstelle gelöst hat. Dann ist es an der Zeit, die große Katze wieder einzufangen und erneut zu besendern. Auch hierbei ist die Wildkamera wieder unverzichtbar: In der Regel wird die mit digitalem Fallenmelder verbundene Lebendfalle an einem frisch entdeckten Luchsriss aufgestellt. Schnappt sie zu und ist der Luchs gefangen, meldet sich vollautomatisch das Smartphone samt Bildsequenz, sodass eilends die Telefonkette des Fangteams in Gang gesetzt werden kann. Der Gefangene wird schnellstmöglich mit dem Blasrohr betäubt, mit Senderhalsband versehen (bzw. dieses mit neuer Batterie ausgestattet) und sodann, nach einem Gesundheits-Check, wieder in die freie Wildbahn entlassen. Dann nimmt das Team erneut die Verfolgung auf, per Kreuzpeilung und VHF-Technik sowie per GPS im Halsband, wie auch in analoger Form vor Ort durch das Aufsuchen von Rissen und das Analysieren des Beutespektrums, des Bewegungsmusters und des bezogenen Lebensraums.

Mit dem Einsatz der Wildkameras lassen sich, wie es ausschaut, dem Wald und seinen Bewohnern die letzten Geheimnisse entlocken, zumal Einblicke in das Treiben nachtaktiver Wildtierarten. Womit sich der jägerische Informationsgewinn fraglos enorm steigern lässt. Doch wie wirkt sich die rasch zunehmende Kameradichte auf den Waldbesucher aus? Sieht auch er sich mehr und mehr beobachtet, gar überwacht – wo ihm der Wald doch bislang auch als vergleichsweise heilsamer und diskreter Fluchtort diente, als tröstende Gegenwelt angesichts der hektischen Turbulenz des urbanen Alltags mitsamt all seiner digitalen Überflutung? Sinkt der (gefühlte?) Erlebniswert, wenn der mit Kameras bestückte Seelentröster seine Geheimnisse preiszugeben genötigt wird? Gibt es ihn überhaupt noch, den geheimnisvollen Wald, den Märchenwald unserer Kindheit?

Und unter Jäger*innen nachgefragt: Ist beim Einsatz all der elektronischen Hilfsmittel, von der automatischen Wildkamera mit Nachtsicht bis zur Handyübertragung, von der GPS-Ortung bis zur Tierfundkataster-App und zum Drohneneinsatz nicht irgendwann ein Sättigungspunkt erreicht, ab dem das Jagen an Reiz verliert? Ab dem die Überreste des archaischen Jagdtriebs mitsamt dem jägerischen Naturerlebnis vollends erdrückt werden vom immer exzessiveren Gebrauch digitaler Technik auf der Pirsch wie auf der Kanzel? 

Grabwespen

Liebe Bürgerpostleser, 

wir waren zwei Wochen in Südschweden. Es war wunderschön, wir haben einen Elch, See- und Fischadler, Kraniche und Stern- oder Prachttaucher gesehen. Am spannendsten war aber diese Geschichte, die wir um unser Ferienhaus beobachten konnten. Anfangs dachte ich, Mensch, was sind denn das für Erdhäufchen mit einem Loch in der Mitte. Und es gab eine ganze Menge davon.


Dann entdeckte ich gelbschwarze Wesen, die da ein und ausgingen und mit der Zeit stellte ich fest, dass sie andere Insekten erbeuteten und sie ratz fatz in die Öffnung hineinzogen. Ahnen Sie schon, was da abging? Es ist so, dass die erwachsenen Tiere sich ganz normal sozusagen von Blütennektar und Pollen ernähren. Im Gegensatz dazu werden die Larven von den Weibchen je nach Art mit Insekten, Insektenlarven oder Spinnen versorgt.


Dabei lähmen die Weibchen ihre Beutetiere mit einem Stich, sie werden als Wirt oder Futtervorrat für die Larven in selbst gegrabene Hohlräume getragen und mit je einem Ei belegt. Kann man nachvollziehen, dass diese Insekten „Grabwespen“ genannt werden? Ich glaube ja. 

Wundern Sie sich auch, dass diese Grabwespen solche Gräber erstellen können? Die Grabwespen haben kräftige Kiefer, die durch stark entwickelte Oberkiefer zum Graben geeignet sind. Übrigens leben sie als Einzelwesen.

Spannend ist die Frage, ob und was das Insekt unten mit der Geschichte zu tun hat. Ich habe es aufgenommen in der Nähe der Grabwespenanlagen. Vielleicht erahnen Sie es, was jetzt kommt, ist ein Oberhammer. Diese Tiere leben parasitisch von verschiedensten Stechimmen, unter anderem auch von den Grabwespen. Die Weibchen legen ihre Eier einzeln in die Nester der Grabwespen. Die Larve frisst als erstes das Ei oder die schon geschlüpfte Larve der Grabwespe und danach deren Nahrungsvorräte. Anschließend verpuppt sie sich im fremden Nest. Da muss man doch tief durchatmen. 

Der Name dieser Brutschmarotzerart heißt sehr harmlos „Gemeine Goldwespe“, gut, „gemein“ passt ja doch zu dem ganzen Geschehen.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Spinnennetze und Mücken

Liebe Bürgerpostleser, 

der Sonntag, der 10. September 2023 hatte es in sich, meine ich zumindest. Denn es tummelten sich unzählige kleine Mücken in der Luft ständig in einer auf und ab Bewegung. Ich sah, dass sich zwei Spinnennetze im Vorgarten mit ihnen füllten. Die Fäden sind klebrig, so dass es für die kleinen Mücken kein Entrinnen gab. Leider klappte das Scharfstellen mit der Händikamera nicht. Na ja, so etwas gibt es eben. 

Aber am Tag darauf entdeckte ich an der Hecke zu unseren Nachbarn die grandiosen Bilder oben: Ein Spinnennetz, das unter der Last der Riesenmenge an den kleinen Mücken zusamengekracht ist. Wie ein Rosenkranz hängt das Restnetz mit den Mücken an der Hecke. Sind Sie auch so verblüfft wie ich? Haben Sie so etwas schon gesehen? Dass ein Spinnennetz wegen Überlastung an Beutetieren zusammenkracht? 

Ich jedenfalls habe das bisher noch nicht gesehen. Abends dann zeigte sich die Spinne, ein herrliches Weibchen der Kreuzspinne, und machte sich über das reichhaltiges Angebot her.


Heute Abend, den 12. September 2023 schaute ich wieder nach, weil ich dachte, sie wird sich über die zahlreichen weiteren Mückenleiber hermachen. Aber zu meiner Verblüffung sah ich, dass sie ein neues Netz gebaut hatte und demnach auf „Frischfleisch“ aus ist. 


Sachen gibt’s, man kann nur immer weder staunen.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Eichhörnchenbacken

Liebe Bürgerpostleser, 

ich will heute mit einer leichten, aber recht amüsanten Kost nach der langen Pause beginnen. Das Foto unten stammt von 28. Dezember 2022. Ich konnte mir damals keinen Reim darauf machen, was das Weiße im Maul des Eichhörnchens sein könnte.

Ein Schneeball oder eine Tennisball vielleicht? Schneeball ist gut, vor allen, weil kein Schnee lag. Naja, acht Monate und ein Tag später, am 29. August 2023 konnte der Fall geklärt werden. Denn unser Sohn Michael machte die beiden anderen Bilder und herrliche Videos. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen, Eichhörnchen nutzen die weiße Füllung des ausrangierten Sessels, um damit ihren Kobel komfortabel zu gestalten. 

„Nicht schlecht Herr Specht“, beziehungsweise passender „Eichhörnchen total clever“. Ich hätte ihnen das nicht zugetraut. Bei Vögeln, Meisen vor allem, habe ich es schon beobachtet. 

Haben Sie schön Ähnliches erlebt? Ich würde mich sehr über eine Rückmeldung freuen.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Kerstin Ekman: Wolfslichter

Eine Buchbesprechung

Wie schafft das bloß jemand: mit knapp 90 Jahren noch einen Roman über Jagd und Wald zu schreiben und das ebenso sachkundig wie einfühlsam, aktuell wie spannend bis zur letzten Seite? Kerstin Ekman, der „Grande Dame der schwedischen Literatur“, ist das mit Wolfslichter glänzend gelungen. Der Umgang mit dem Wald, die Jagd und dabei speziell das Verhältnis zu den großen Beutegreifern waren spätestens seit ihrem 2008 erschienenen Roman Der Wald – eine literarische Wanderung zu ihrem Lebensthema geworden. „Ich habe die Wolfskralle im Herzen“, verriet sie dort schon im Vorwort –  und rechnete mit der schwedischen Kahlschlagswirtschaft und den Monokulturen ab. Anfangs bekannt geworden durch ihre Kriminalromane, hatte sie sich immer häufiger mit Wald- und Wildthemen befasst, wobei ihr zugute kam, dass sie selbst sowohl Waldbesitzerin ist als auch Elchjägerin und Schafhalterin war. Trotz (oder wegen?) ihrer scharfen Klinge wurde ihr 2007 von der Universität für Agrarwissenschaften in Uppsala die forstwissenschaftliche Ehrendoktorwürde verliehen. 



Diesmal ist Protagonist und Icherzähler der langjährige Jagdleiter und pensionierte „Forstfunktionär“ Ulf (deutsch: Wolf) Norrstig, der frühmorgens am Neujahrstag, dem Tag vor seinem 70. Geburtstag, sein Schlüsselerlebnis hat: die Begegnung mit einem stolzen, hochbeinigen Wolfsrüden; dieser Anblick wird ihn verfolgen und seine Einstellung zum Töten grundlegend verändern. Er beschließt, das Ehrenamt des Jagdleiters aufzugeben, zumal er dabei doch auch die Schafrisse des Wolfs zu untersuchen und Schadensersatzfragen zu begutachten hat – womit er sich Feinde schafft. Nachdem er bei der Elchjagd eine  Herzattacke erleidet, wird er von seiner Frau Inga bewusstlos auf dem Speicher aufgefunden; dort liegt er inmitten verstaubter Trophäen und Präparate seines Vaters, in denen er fortan seinen „Wald des Todes“ sieht. Die schlechte körperliche Verfassung nach einer Herzoperation bringt ihn nun erst recht zum kritischen Überdenken seiner beruflichen und jagdlichen Vergangenheit. Noch immer geschwächt, wird er an die verkohlten Überreste seines alten grünen Wohnwagens geführt, der ihm als jagdlicher Unterstand gedient und von wo aus er seinerzeit den Wolf erblickt hatte. Die Polizei hat in der Brandstätte Wolfsknochen gefunden, und so müssen Ulf und Inga schließlich auch noch dabei helfen, den Brandstifter zu ermitteln und den Jagdfrevel aufzuklären.

Hass und Ablehnung der großen Beutegreifer, hierzulande derzeit sogar ein Wahlkampfthema, beherrschen auch in Schweden die Stimmungslage in der ländlichen Bevölkerung, lernt der Leser. Und das bei immer heißeren Sommern und brennenden Wäldern. Vor diesem Hintergrund hat Kerstin Ekman eine brandaktuelle Lanze für den Wolf gebrochen.

Kerstin Ekman: Wolfslichter. Roman
Piper-Verlag München 2023
22,– Euro             

Riesenholzwespen

Liebe Bürgerpostleser, 

am Samstag, den 5. August erhielt ich von Christiane Willmann vom Lohrenhof in T.-N.-Schwärzenbach ein Bild mit der Anfrage, was das ist. Ich war hellbegeistert, denn so etwas sieht man nicht alle Tage. Sie hatte es aus einem Status kopiert und nachdem der Fotograf Stefan Fehrenbach, Grosshof ebenfalls in T.-N.-Schwärzenbach einverstanden war, es zu verwenden, stellte ich es in meinen Status mit der Frage, was das sein könnte. Ein sich als „Holzwurm“ bezeichnender Waldbesitzer wusste zielsicher die Antwort. Interessant war, dass einige das Insekt als asiatische Hornisse bezeichneten, was aber eine Fehlaussage ist. Schauen Sie auf der Abbildung und es ist sofort klar, dass unser Exemplar etwas anderes ist.


Die Abbildung zeigt die Unterschiede zu unserer heimischen Hornisse. Wenn Sie eine asiatische Hornisse sehen, melden Sie es über die Internetplattform der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW). Weil die asiatische Hornisse ein ausgesprochener Bienenschädling ist, werden deren Nester vernichtet.  

Nun aber zurück zum Bild oben. Es ist die Riesenholzwespe, die mit bis zu 4 cm Länge die größte der vier bei uns vorkommenden Holzwespenarten ist. Alle vier stechen nicht, weil es keine Wespenarten sind, sondern weil sie zu den Hautflüglern gehören. Was man auch sagen kann, dass es eindeutig ein Weibchen ist. Woran sieht man das? Am dunklen Legebohrer unterhalb des gelben Schwanzfortsatzes. Damit bohren sie Löcher in absterbende Nadelbäume oder auf gelagertes Holz und legen ihre befruchteten Eier ab. Es dauert zwei bis vier Jahre und noch länger, bis die erwachsenen Holzwespen den Stamm verlassen. Da die Larven sehr groß werden, sind die Bohrlöcher entsprechend und das Holz ist wertlos. Wenn es dumm läuft, kann es sogar sein, dass sie sich im verbauten Holz Jahre nach dem Einbau durch die Decke fressen.

Fichtenholzwespe
Foto von Tobias Dold, Schonach.


Wieso zeige ich die Riesenschlupfwespe unten?


Weil sie häufig die Larven der Holzwespen parasitiert. Ich finde das einen gigantischen Vorgang. Denn anhand der Fraßgeräusche der Holzwespenlarven stellt die Riesenschlupfwespe fest, wo sie sich im Holz befinden. Diese bohrt sie an, betäubt sie, damit sie nicht verschwinden können und legt ein Ei ab. Das entwickelt sich mit Hilfe der Larvennährstoffe zur nächsten Riesenschlupfwespengeneration. 

Was die Natur alles zu bieten hat, ist immer wieder sehr beeindruckend.

Franz Maus 

„Deutschlandtempo“

Mitten in die einzigartige Kulturlandschaft auf Rügen soll jetzt ein LNG-Terminal gebaut werden. Es wäre vielleicht ganz sinnvoll gewesen, sich mit dem Erbgut dieser Insel zu befassen, bevor man sie der Industrialisierung opfert. (Renate Meinhof: „Ein Rohr durchs Paradies“, Süddeutsche Zeitung v. 21. Juli 2023)

Nein, die Autorin ist nicht etwa verwandt mit der Terroristin Ulrike M., und sie gilt wohl auch nicht als sonderlich subversiv; doch um heutzutage über die Folgen der Energiewende eine so bittere Bilanz in einer ganzseitigen Reportage auf Seite Drei einer Tageszeitung zu verbreiten, muss sie als Journalistin wohl viel Renommee haben in der Redaktion – und sich als gebürtige Insulanerin auch besonders betroffen fühlen. Was sie über den bereits beschlossenen LNG-Terminal auf Rügen recherchiert hat, ist wahrhaft erschütternd:  

Caspar David Friedrichs bekanntestes Motiv


Der energiepolitische „Sachzwang“ schmerzt heftig, mit dem die Opferung einer einzigartigen Vorzeigelandschaft für Kultur, Natur und Tourismus begründet wird. Befinden wir uns hier doch in Caspar David Friedrichs „Wohnzimmer“, am Rande des Jasmund Nationalparks mit seiner Stubbenkammer (deren Buchenwald  UNESCO-Weltnaturerbe ist!) sowie auf der Strandpromenade des noblen Kur- und Badeorts Binz. Kurzum: es handelt sich um ein gegen alle Widerstände der Einheimischen bis hin zur Ministerpräsidentin kurz vor der Sommerpause vom Bundestag noch durchgewunkenes Großprojekt, das vom Bundeskanzler zur Chefsache erklärt worden ist. Ein neues „Deutschlandtempo“ gelte es dabei einzuhalten, ein Bautempo, wie es von den Machern der vom Lieferstopp russischen Erdgases und vom Klimawandel erzwungenen Transformation bislang sonst allenthalben vergebens angestrebt wird – trotz aller Beschleunigungsvorsätze der Behörden.

Der SZ-Bericht schließt mit den Worten eines ganz und gar desillusionierten Hans Dieter Knapp, seines Zeichens langjähriger Leiter der Außenstelle des Bundesamts für Naturschutz mit Sitz auf der kleinen Nachbarinsel Rügens, der „Malerinsel“ Vilm, wo sich seit Deutschlands Wiedervereinigung jahraus jahrein professionelle und ehrenamtliche Naturschützer ihr Stelldichein geben, um kluge Ideen auszutauschen: „Der Irrsinn nimmt scheinbar seinen Lauf.“

Carl Gustav Carus: Eichen auf der Malerinsel Vilm


Dabei ist das Rügener LNG-Projekt zwar sicherlich ein besonders krasses Beispiel. Und doch droht es, symptomatisch zu werden auch für andere „beschleunigte“ Ausbauvorhaben in unserer an noch halbwegs intakten Wohlfühllandschaften schon so armen Republik – man denke an die Überstellung von Wald und Flur mit monströsesten Windenergieanlagen, mit Solarfeldern und Leitungstrassen. Der Landschaftsschutz, für den schon vor 150 Jahren Verschönerungsvereine, sodann die Naturschutzverbände auf die Barrikaden gestiegen sind (und der mittlerweile sogar im Grundgesetzartikel 21 a verankert ist) scheint endgültig auf die Verliererstraße zu geraten. Und wer sich noch immer gegen die Inanspruchnahme der letzten leidlich ungestörten, reizvollen Landschaften zu wehren wagt, wird prompt als AfD-Sympathisant verdächtigt.

Von Carl Gustav Carus (1789 – 1869), dem Arzt und Malerfreund von Caspar David Friedrich, ist über seine künstlerisch so produktiven Rügen-Aufenthalte das zeitlose Bekenntnis überliefert „…ich habe kaum jemals wieder dies Gefühl so reinen, schönen und einsamen Naturerlebnisses gehabt…“. Soll hier nicht auch Johannes Brahms vom Natur- und Landschaftserlebnis mächtig inspiriert worden sein? Doch egal, auch wenn sich auf dem Königsstuhl heute Touristenherden drängeln, angesichts des Terminals und der mit Flüssiggas beladenen Tankschiffe vor den Kreidefelsen und vor dem Binzer Strand wird man die Landschaft künftig anders, jedenfalls weit weniger einzigartig akzeptieren müssen. 

Es sei denn, die Klage vor dem Bundesverwaltungsgericht, die vom Ostseebad aus Sorge um die Zukunft von Tourismus und Umwelt angestrengt wird, hätte schließlich doch noch Erfolg. Oder sollte gar die Strafanzeige gegen die Betreiberfirma „wegen des Verdachts der gewerbsmäßigen Geldwäsche“ womöglich noch die Wende bringen? Tempo ist allemal angesagt. 

Königsstuhl mit Stubbenkammer
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