Green Deal in der Waldwirtschaft

Dem Wasserhaushalt kommt eine Schlüsselfunktion bei der Anpassung von Wäldern an zunehmende Trocken- und Hitzereignisse zu. Bei allen waldbaulichen Eingriffen ist daher besonderes Augenmerk auf die Bewahrung bzw. Verbesserung des Waldbinnenklimas und des Bodenwasserangebots zu legen, um Temperaturextreme abzupuffern und die Konkurrenz um Wasser abzumildern. (Wälder im Klimawandel: Steigerung von Anpassungsfähigkeit und Resilienz durch mehr Vielfalt und Heterogenität. Ein Positionspapier des BfN, Bonn 2019.)

Alle Welt stöhnt im Juli 2023 unter neuen Hitzerekorden. Kaum weniger hitzig ging es derweil im Straßburger EU-Parlament zu bei der Abstimmung über das Renaturierungsgesetz. Denn die größte Fraktion, die konservative EVP, hatte sich vor den Karren der Bauernverbände spannen lassen und gegen den Green Deal von EU-Ratspräsidentin Ursula von der Leyen gestimmt. So gab es denn nur eine hauchdünne Mehrheit für das Gesetz, dessen endgültige Fassung von den Vertretern der EU-Staaten und des Parlaments freilich erst noch vollends ausgehandelt werden muss. Um den Kollaps der Ökosysteme zu verhindern und den Artenschwund aufzuhalten, sieht es bis 2030 Renaturierungsmaßnahmen vor auf mindestens 20 Prozent der EU-Flächen und Meeresgebiete. Im Fokus stehen dabei vor allem Moore und Wälder, die als wirksame CO2-Speicher nur in möglichst intaktem Zustand taugen: die Moore wassergesättigt, Wälder bei möglichst stabiler Dauerbestockung – andernfalls gehören sie eher zu den Emittenten.

Die allermeisten Moore sind freilich längst entwässert und in landwirtschaftliche Nutzfläche umgewandelt: nicht zuletzt deshalb auch der erbitterte Widerstand der Agrarlobby. Doch nicht viel besser erging es Mooren in den Wäldern, wo sie schon seit über zwei Jahrhunderten mittels umfangreichen Grabensystemen drainiert und „melioriert“ worden sind. Speziell die abflussträgen Lagen des Buntsandstein-Schwarzwalds waren einst durchsetzt mit „Mösern“ und „Missen“, deren Entwässerung zum Pflichtprogramm ordnungsgemäßer Forstwirtschaft gehörte, ja, bisweilen noch immer dazu gehört.

Beispielhaft sei aus der Geschichte der Fürstlich Fürstenbergischen Forstwirtschaft von E. Wohlfahrt1 zitiert: Die Gräben wurden nach Tiefe und Breite unterschieden in Hauptgräben 1. und 2. Ordnung und in Seitengräben der 1. und 2. Ordnung. Allein im F. A. Friedenweiler wurden mehr als 90 km Gräben neu angelegt und ca. 80 km unterhalten. Nachdem die Grabenziehung beendet war, bemühte man sich, diese Gräben offenzuhalten und neue Gräben lediglich zur Ergänzung des Grabensystems anzulegen. Die Wirkung der Grabenziehung sei, so berichtet Wohlfahrt, noch verstärkt worden durch die einsetzende Anlage von befestigten Wegen und unbefestigten, aber ebenfalls mit Seitengräben versehenen Schneisen. Es ist kein Geheimnis, dass diese Grabensysteme aus dem 19. Jahrhundert im F.F. Großprivatwald auch nach der Jahrtausendwende noch mit Baggerhilfe weiter unterhalten wurden. Weder Naturschutzbehörden noch Wasserwirtschaftsämter wagten hiergegen einzuschreiten, wo von den Gräben wenn schon nicht die letzten Auerhühner, so doch Libellen und Amphibien profitierten.

Foto: B. Scherer

Im benachbarten Villinger Stadtwald beschreibt U. Rodenwaldt2 die im 19. Jahrhundert gängige Praxis nicht weniger plastisch: Im „Allgemeinen Kulturplan“ des Einrichtungswerkes 1837 wurde für die Zeit bis 1857 die Trockenlegung von 363 Morgen (etwa 120 ha) vorgesehen. Bis 1848 waren bereits 9000 Ruthen (27 000 m) Entwässerungsgräben angelegt worden. Für das nächste Jahrzehnt wurden weitere 3700 Ruthen vorgesehen. 1857 heißt es dann: Ungleich mehr ist für die Trockenlegung geschehen und wurden anstatt der vorgesehenen 3700 Ruthen Gräben 10 320 Ruthen (= 30 000 m) Abzugsgräben angelegt. Die Entwässerung wird daher in nächster Zeit als beendet angesehen werden können.

Doch auch noch im Zuge der Wiederaufforstungen der Franzosen-Kahlhiebsflächen in den Nachkriegsjahren habe man die Erfahrung machen müssen, dass die Kulturen erst nach Anlage neuer Gräben gelungen seien. Weshalb in der Liste der Empfehlungen Rodenwaldts für die künftige Kulturtätigkeit die „Öffnung der alten Gräben“ noch an oberster Stelle rangiert.

Im Hintervillinger Raum, dem Bereich des (2005 aufgelösten) staatlichen Forstamtes, waren die Gräben schon länger nicht mehr offengehalten worden. In den 1980er Jahren begann man im Staatswald da und dort, sie mit Baggerhilfe zu verschließen und zu Tümpeln umzugestalten, um so der Amphibienwelt zu helfen. Wo sie im Nahbereich von jagdlichen Einrichtungen entstanden waren, sorgten sie bei Morgen- und Abendansitzen zunehmend für Kurzweil, denn hier war immer etwas los – hier entstand neues Leben im Ökosystem Wald.


In den 1990er Jahren, nach Waldsterben und den ersten großen Orkanschäden, wurde nicht nur die naturnahe Forstwirtschaft propagiert und im öffentlichen Wald vorgeschrieben. Auch die Umweltverbände begannen, sich stärker für den Wald zu interessieren und zu engagieren. Der NABU erfand die Naturwaldgemeinde, in welcher der Waldökologie ein besonders hoher Stellenwert beigemessen werden soll, bis hin zur Entlassung von fünf Prozent der Waldfläche aus der Bewirtschaftung. Königsfeld, das mit seinem kurortsnahen Doniswald schon immer ein besonders enges Verhältnis zum Wald gepflegt hatte, wurde 1997 bundesweit erste Naturwaldgemeinde, Mönchweiler und Bad Dürrheim folgten alsbald nach, jeweils unterstützt durch das Forstamt und seine für die Gemeinden zuständigen Forstrevierleiter. 

Das NABU-Etikett Naturwaldgemeinde scheint sich bei den drei Gemeindegremien seither einiger Wertschätzung zu erfreuen, auch wenn es in Baden-Württemberg (bei insgesamt nur neun Naturwaldgemeinden) ansonsten bisher keine Erfolgsnummer geworden ist. In Königsfeld feierte man im Juli vergangenen Jahres mit einem Festakt und Exkursionen den 25. Geburtstag. Dank naturnahen Waldbaus und erfolgreichen Wirtschaftens konnte dabei, trotz mancher Schadereignisse, auf eine noch immer vergleichsweise erfreuliche Verfassung des Gemeindewalds verwiesen werden. Noch bemerkenswerter war für die Exkursionsteilnehmer freilich, was sich (nicht zuletzt auf Initiative des im Naturschutz besonders engagierten Revierleiters) inzwischen auf den abzugsträgen Buntsandstein-Waldstandorten getan hat: Durch Verschluss der alten Drainagegräben mit Baggerhilfe wurde eine Vielzahl von Kleingewässern geschaffen, von denen nicht nur Amphibien profitieren, sondern der Wasserhaushalt insgesamt – im Klimawandel zweifellos die entscheidende Voraussetzung für die Widerstandskraft des Waldes. Auch Torfmoos findet sich nun wieder ein und beginnt mit neuerlicher Moorbildung. Der Aufwand für die Baggereinsätze hatten sich im Königsfelder Waldhaushalt als verschmerzbar erwiesen, schließlich war vom Landratsamt an der Peripherie der Gemeinde, am Brogen oben, ein Windrad genehmigt worden mit der Auflage einer Ausgleichszahlung, die in den Wald fließen durfte. Der Aufstau in den alten Drainagegräben – eine späte Wiedergutmachung!

Egal, was das Renaturierungsgesetz noch bringen mag für die Waldwirtschaft, im Königsfelder Gemeindewald haben sie den Green Deal der EU-Ratspräsidentin vorausschauend bereits vollzogen.

1 Wohlfahrt, E.: Geschichte der Fürstlich Fürstenbergischen Forstwirtschaft. Stuttgart und Donaueschingen 1983.

2 Rodenwaldt, U.: Der Villinger Stadtwald. Villingen 1962.

Rote-gelbe Blätter

Liebe Bürgerpostleser, 

an kaum einem Beitrag habe ich so lange herum gedoktert, wie an diesem. Das Bild oben vom Feldahorn stammt schon vom 19. Juli 2020 und Bild unten vom 21. Juli 2020.

Bergahorn


Die anderen sind vor kurzem aufgenommen worden.
Was ich feststellte, dass im Hochsommer bei manchen Arten die neuen Blätter nicht wie gewöhnlich grün sind, sondern rot oder gelb verfärbt. Man hat das Gefühl, die herbstliche Laubverfärbung würde einsetzen. Ist Ihnen das auch schon aufgefallen?

Japanische Quitte


Walnuß
Storchschnabel
Haselnuß

Wieso verfärben sich da die jungen Blätter? Ich fand im Internet vom Nabu folgendes: 

Dummerweise haben Blätter keine Sonnencreme wie wir Menschen. Aber der rote Farbstoff schützt sie ganz gut vor einer hohen Sonneneinstrahlung. Deshalb stellen die jungen Blätter am Anfang sehr viel von dem Farbstoff her und wirken dadurch rot.  Für die rote Farbe der Blätter sind die Anthocyane verantwortlich, Farbstoffe, die auch Brombeeren und Rotwein ihre Farbe verleihen.“ Also ist die Hitzeeinwirkung der Auslöser.

Das ist doch der Hammer, finde ich. Für die Stoffproduktion über die Photosynthese ist aber das Blattgrün notwendig mit dem Stickstoffatom im Zentrum. Heißt das, dass die roten Blätter keine Photosynthese betreiben? Doch, die rote Farbe überdeckt nur das Grüne. So können auch Rotbuchen ebenfalls die existentielle Photosynthese betreiben, wie die normalen Buchen auch. Das ist doch toll, finden Sie nicht auch? Das Bild unten zeigt sehr schöne Rotbuchenexemplare in Donaueschingen. Passend zur roten Kappe des Denkmals. 

Ich bin froh, dass ich den Beitrag endlich gepackt habe, ein Grund war, dass es mir erst jetzt in der Pension richtig klar wurde.

Herzliche Grüße
Franz Maus 

Marienkäfer

Liebe Bürgerpostleser, 

Ausgangsbild stellt die Situation dar einen Tag nach dem kurzen, aber gewaltigen Gewittersturm am 21. Juni 2023. Lauter Marienkäferlarven, die vom stark verlausten Kirschbaum an die Hauswand geweht wurden. Das habe ich noch nie gesehen. Dann war die Frage, was wird aus denen?

Die Bilder oben liefern die Antworten. Sie verpuppen sich, kleben sich fest und verwandeln sich nach etwa sieben Tagen zu einem frischen Marienkäfer. Ein richtiger Naturhammer finden Sie nicht auch? Auf dem Bild links sieht man eine Larve, die scheinbar mit einer Puppe kommuniziert, und beim Bild rechts war ich zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Platz, ein frisch geschlüpfter Marienkäfer mit seinem Puppenkorsett konnte ich ablichten. Die schwarzen Punkte sind schon angedeutet, können Sie sie erahnen? Ich war richtig froh, denn diese Puppengeschichte war mir bisher noch nicht ganz klar. In der Puppenphase wird nur verwandelt und nix gefressen. Was Larven und Käfer fressen wissen Sie, Blattläuse und nochmals Blattläuse. Und weil es dieses Jahr viele gibt, sehen wir auch sehr viele Marienkäfer. 

Übrigens, in Deutschland gibt es laut Wikipedia etwa 70 Marienkäferarten.

Vierpunktmarienkäfer
Eier des Marienkäfers

Wenns gut läuft, werden aus den Eiern in vier Wochen Marienkäfer. Beachtlich, finde ich das. 

Es freut mich richtig, dass es mir dieses Jahr gelungen ist, die ganze Entwicklung des Marienkäfers bildlich festzuhalten.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Neuntöter

Liebe Bürgerpostleser,

am 29. Juni radelte ich zur Sperbelhalde. Waren Sie in der Zwischenzeit auch schon einmal dort? Es ist jederzeit interessant. Schachbrettfalter, Liliengras, Stendel- und Mückenhändelwurze sind gerade die Klassiker.

Ich zeige Ihnen aber etwas anderes, einen Jungvogel, der keinen Mucks von sich gab und sich nicht regte, während ich ihn von allen Seiten fotografieren konnte. Ich wäre auch fast an ihm vorbeigelaufen, aber er hat sich mir verraten. Die meisten von Ihnen wären vermutlich weitergelaufen, mein Interesse war jedoch geweckt. Ich weiß, dass diese Vögel in diesem Gebiet zu Hause sind und Wacholderheidebüsche mögen. So habe ich ihren Kotplatz am 29. Mai fotografieren können, was mich überrascht hat. Aber jetzt geht’s um die Frage, zu welcher Vogelart der Junge gehört. Diese Frage hatte ich auch im Whatsappstatus. Als Antwort kam dort Kuckuck, Zaunkönig und die Lösung, ein Neuntöterjunge.

Wären Sie darauf gekommen? Junge Vögel sehen halt doch ganz anders aus als die Altvögel. Beeindruckend ist die Strategie, keinen Laut von sich zu geben und vollkommen ruhig zu verharren. Doch bei Franz Maus hat es nicht funktioniert, aber der ist ja auch keiner, der ihm etwas Böses antun will. Die Eltern habe ich nach diesem Erlebnis auch noch sehen dürfen. Vielleicht wissen Sie es noch, ich habe schon einmal einen Beitrag über den Neuntöter geschrieben, so dass ich nur sagen will, dass er erst im dritten Maidrittel ankommt und Anfang August wieder nach Süden zieht. Also wer ihn beobachten will, hat nicht mehr viel Zeit. Er spießt seine Beute als Vorrat gerne auf Dornen auf, daher sein Name.

Herzliche Grüße
Franz Maus 

Haselblattroller

Liebe Bürgerpostleser, 

erinnern Sie sich noch an meinen Beitrag vor zwei Jahren über den Ahornblattroller? Vielleicht anhand vom Bild unten, es stammt von damals beim Orchideenpfad des Tannbuel. In den Trichtern ist der Nachwuchs eingerollt und entwickelt sich zur nächsten Generation. 

Jetzt habe ich in meiner Hecke, in der auch drei Haselnußsträucher wachsen, das Blatt unten entdeckt. Sofort kam mir die Ähnlichkeit zu damals, wobei das Rollergebnis ganz anderst aussieht.

Das ist aber kein Wunder, denn es ist der Haselblattroller, der eben so schneidet. Dass das auch klar ist, dieses Wunderwerk schneidern nicht die Männchen, sondern die Weibchen, wobei sie vorher an der Blattspitze im Regelfall ein oder zwei befruchtete Eier abgelegt haben. Die Eier entwickeln sich relativ flott und es wächst im Spätsommer eine zweite Generation heran. 

Apoderus coryli. Mating couple. Val di Rhemes, Aosta, Italy
Fotos: Wikimedia Hectonichus

Überwintern tun deren Nachkommen im Trichter, der irgendwann auf den Boden fällt. Ich bin aufs Neue erstaunt über diese galante, einfache aber funktionierende Art der Brutpflege.
Das Bild des roten Rüsselkäfers stammt aus dem Internet, leider habe ich ihn nicht live gesehen bis jetzt. Man muss wissen, dass er klein ist, 6 bis 8 Millimeter lang. Und trotzdem bringen diese Schneider das hin, sagenhaft.
Schauen Sie doch einmal Ihre Haselsträucher ab, vielleicht können Sie sich auch erstaunen lassen von den erstaunlichen Blattrollen.

Herzliche Grüße
Franz Maus 

Auf Veilchensuche

Mit der genetischen Untersuchung des Vorkommens des Alpenveilchens im Brigachtal konnte nachgewiesen werden, dass es sich um das Europäische Alpenveilchen (Cyclamen pupurescens) und nicht um eine Zuchtform handelt.

Hannah Miriam Jaag und Thomas Kring: Vorkommen des Alpenveilchens im Brigachtal – eine molekulargenetische Analyse. Schriften der Baar Bd. 60/2017


Sein Brigachtäler (genauer: Beckhofener) Vorkommen hat mich schon seit Jahren fasziniert. Befindet es sich doch in der – auch im Ruhestand ob ihrer floristischen Raritäten noch immer gern und oft besuchten – Staatswaldabteilung Haselbuck des Weißwalds. Der hatte bis zur Säkularisation dem Villinger Benediktinerkloster gehört. Ob sich das Alpenveilchen womöglich aus einem der Klostergärten hierher verirrt hatte? Mit seiner Wurzelknolle fehlte es einst in keinem Kräuterbuch, denn es hat gegen allerlei Beschwerden geholfen. Wie im Beitrag in den Schriften der Baar ausgeführt wird, gehören die Alpenveilchen zu den ältesten dokumentierten Heilpflanzen Europas. Wohingegen sie in den Beschreibungen der Flora der Baar keinerlei Erwähnung finden. War also eines der Veilchen etwa von einem Blumenfreund „angesalbt“ worden, wie die Botaniker Auswilderungen aus heimischen Blumentöpfen zu bezeichnen pflegen? Das rätselhafte Brigachtäler Exemplar schien sich jedenfalls wohl zu fühlen auf dem sonnseitigen Hang am Rand der Trasse einer längst demontierten Überlandleitung. Nicht anders als Gelber Enzian, Küchenschelle oder Rotes Waldvögelein; auch wenn es keinerlei Anzeichen für eine Ausweitung des Vorkommens gibt. 

Zum 150. Erscheinen der Schriften der Baar, dem Organ des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der  Baar e. V. befasste sich ein Beitrag erneut mit dem Alpenveilchen1, mit dessen Verwandtschaftsverhältnissen und Herkünften, soweit sie sich per molekulargenetischen Abgleich entschlüsseln lassen. Erstaunlicherweise stellte sich dabei heraus, dass das Brigachtäler Alpenveilchen nicht sehr eng mit jenen der nächstgelegenen Schweizer, eher mit österreichischen Vorkommen zusammenpasst. Wie naheliegend wäre dann der Einfluss der vorderösterreichischen Geschichte unserer Region, sprich: die Versorgung mit dortigem Pflanzgut? Oder sollte die Alpenpflanze am Ende doch heimisch gewesen sein auf der Baar, im südlichen Schwarzwald wie auch im benachbarten Kanton Schaffhausen?

Noch im Sommer 2020 hatten sich mir im Weißwald zwei zarte purpurrote Veilchenblüten gezeigt – umso enttäuschender fiel der Besuch im Frühjahr 2023 aus – bei heillos verfrühten hochsommerlichen Temperaturen. Nicht einmal mehr die Blättchen waren auffindbar. Hatte ihnen die Serie trockenheißer Vegetationsperioden inzwischen dermaßen zugesetzt? Oder hatten sie sich nur versteckt, derweil meine Sehschärfe und mein Orientierungssinn sich unterdessen verschlechtert hatten? 

Es traf sich gut, dass eben jetzt die traditionelle „Altherrentour“ der Brüder wieder anstand. Warum – den Alpenveilchen zuliebe – nicht den Walensee anlaufen, wo es im übersteilen Bergwald längs des Nordufers (der „Schweizer Riviera“) noch eines der besten Veilchenvorkommen geben soll? Die mehrstündige Wanderung, vorbei am  (mit ca. 580 m Fallhöhe!) höchsten Wasserfall der Schweiz, den Seerenbachfällen, weiter bis zum autofreien Weiler Quinten mit seiner Anlegestelle und retour dann per Schiff, hatte doch schon der Schriftsteller und Kabarettist Franz Hohler (in seinem Buch 52 Wanderungen) wärmstens empfohlen – nicht ohne die Alpenveilchen zu erwähnen. Und auch der Bruder versicherte glaubhaft, am Walensee vor Jahrzehnten schon mal fündig geworden zu sein.

Wo in Normalzeiten der Wasserfall rauscht 
Malven- statt Veilchenblüte überm Walensee

Zur Sommersonnwende also nichts wie los, wenngleich bereits wieder bei drückender Hitze und Schwüle, in den Medien allenthalben als Beweis fortschreitenden Klimawandels beklagt. Sodass selbst im kühlenden Schatten des Bergmischwalds mit seinen Linden, Buchen und Eiben der Schweiß tropfte und die Rücksäcke drückten. Während der Wasserfall nicht mehr schäumte, weil sein Zulauf mangels Schneeschmelze fast schon am Versiegen zu sein schien. Doch so beharrlich wir beidseits des Fußpfads den Waldboden ausspähten: Alpenveilchen Fehlanzeige!

Was mochte die Ursache dafür sein: Hitze und Wassermangel? Oder waren wir zu früh im Jahr unterwegs? So jedenfalls war es auch Franz Hohler schon ergangen bei seiner Frühlingstour, wie sich, wieder zuhause, bei gründlicherer Lektüre seines Wandertipps herausstellt: Seine (ihm von mir unterstellten) Alpenveilchen waren in Wahrheit Leberblümchen und andere Frühblüher. Doch der floristische Flop ließ mir keine Ruhe mehr: klar, dass deshalb der erste Gang (bei nach wie vor brütender Hitze) in den Weißwald führte! Und o Wunder, siehe da: Vier Veilchenblüten (nein, nicht etwa Hunds-, sondern Alpenveilchenblüten) leuchten mir entgegen – als wäre ihnen nie Abträgliches widerfahren, ja, als sei der Klimawandel pures Medienprodukt. Offenbar haben sie es im Brigachtal mit dem Blühen doch etwas eiliger gehabt als im mediterran getönten Klima des Walenseeufers.

Da blühen sie wieder (Weißwald am 25. 6. 2023)

1 Hannah Miriam Jaag u. Hans Joachim Blech: Das Alpenveilchen als uralte Kulturpflanze. Zum Vorkommen im südlichen Mitteleuropa. Schriften der Baar Bd. 63/2020

Minzblattkäfer

Liebe Bürgerpostleser, 

dieses Foto erhielt ich Mitte Mai 2023 von Hubert Schätzle, Hinterwälderzüchter aus Todtnau-Präg. Diese Käfer seien ihm beim Zaun aufhängen aufgefallen, er habe so etwas noch nicht gesehen. Ich auch nicht, deswegen habe ich gegoogelt und ihn zurückgefragt, ob die Käfer etwa ein Zentimeter groß seien. Ja, das sei so. Dann war ziemlich klar, dass es Minzeblattkäfer sein könnten. Was werden die wohl zum Fressen brauchen? Genau, Minze. Das war meine nächste Rückfrage an Hubert Schätzle, ob es dort Minze gäbe, worauf er antwortete, darauf habe er nicht geachtet. 

Auffallend und typisch für die Art ist die unterschiedliche Färbung der Käfer, die Oberseite kann grün, kupferfarben, blau bis violett ja sogar schwarz mit blauem Schein sein. Ist das nicht der Hammer? Normaler Weise geht man doch davon aus, dass die Farbe bei einer Art eindeutig bestimmt ist. Aber, wie wir hier sehen, muss das nicht immer so sein.

Hubert Schätzle, vielen Dank für die Überlassung dieses tollen Bildes, das diesen kleinen Beitrag ermöglicht.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Touristische Geniestreiche

Beeindruckende Naturlandschaften prägen die Region im mittleren Schwarzwald. Urwüchsige Bannwälder am Zweribach oder am Feldsee, wohlbehütete Naturschutzgebiete in der Wutachschlucht… Entdecke mit dem Hochschwarzwald ein nachhaltiges Urlaubsziel – hier und jetzt.

Aus dem Werbetext der Tourist-Information Hochschwarzwald, 2023.

                                        

O Schwarzwald, o Heimat, o…

Auf den Titelseiten des Schwarzwälder Boten ist zuunterst meist auch noch Platz für kurze Notizen aus der Region. Unter der Überschrift Zwei Himmelsliegen für die Linachtalsperre erfährt der Leser am 13. Juni 2023, der Vöhrenbacher Stausee sei nun „um eine Attraktion reicher“ geworden. „Geplant ist es“, so schließt der Bericht, „den idyllischen Stausee weiter aufzuwerten, beispielsweise durch einen virtuellen Rundgang.

Wie haben wir uns den wohl vorzustellen, wenn er denn verwirklicht werden sollte? Kaum zu glauben, was heutzutage nicht alles unternommen wird fürs Wohl des Gastes! Ob der nächstens wohl, ausgestreckt auf einer der Himmelsliegen, mit virtueller Aufklärung über die Hintergründe des Badeverbots oder über die Vorzüge der Wasserkraft rechnen darf – gemessen womöglich an den Einbußen, die der Schwarzwald-Landschaft durch monströse Windenergieanlagen drohen?

Linacher Stausee
Noch Platz auf der Himmelsliege

Anderntags, am 14. 6. 2023, überschreibt der Schwarzwälder Bote an gleicher Stelle eine Notiz aus Triberg mit Rasante Schlittenfahrt mitten im Frühsommer. Um eine Attraktion reicher sei das Instagram-Museum Triberg-Fantasy geworden. Eine VR-Brille ermögliche dem Besucher jetzt auch im Frühsommer wie schon beim Triberger Weihnachtszauber mit dem Hightech-Gefährt des Weihnachtsmanns eine abenteuerliche Fahrt und damit in andere Welten einzutauchen. Komme die Besonderheit gut an, sollen womöglich noch weitere ihrer Art folgen.

Mit Landschaft allein, lernt der Leser, scheint man keinen Urlauber mehr in den Schwarzwald locken zu können, mag sie weltweit noch immer einen erstaunlichen touristischen Ruf genießen. Es bedarf zusätzlicher Anreize, ob im Kleinen (Himmelsliegen) oder im Großen (analog wie virtuell). Am frühesten ist wohl den Tribergern aufgefallen, dass es nicht damit getan ist, einen Wasserfall (und sei es „Deutschlands größter“) anzubieten und zu vermarkten; selbst dann nicht, wenn der Zustrom von Touristen seit Eröffnung der Schwarzwaldbahn anno 1872 nicht mehr abreißen will. Und wenn der Wasserfall-Besucher schon am Kassenhäuschen Eintritt bezahlen muss, so sind ihm halt auch noch Events zu bieten – und das bereits seit der touristischen Frühzeit des 19. Jahrhunderts! Die haben damals sogar den Präsidenten des Schwarzwaldvereins, Prof. Ludwig Neumann, entzückt: In seinem 1897 erschienenen Prachtband „Der Schwarzwald in Wort und Bild“ schreibt er voller Bewunderung: Sinkt die Nacht herein, dann leuchtet der Gischt auf in elektrischem Licht oder in bengalischen Flammen, steigende Raketen übergießen die glitzernden Fälle mit magischem, farbenprächtigem Licht. Das Bild, welches der Fall bei solcher Beleuchtung im Rahmen der dunklen Tannen gewährt, ist von packender Schönheit.“

Den Triberger Rummel um den so perfekt kommerzialisierten Wasserfall hat freilich 1901 schon der Flensburger Reiseschriftsteller Wilhelm Jensen (1837 – 1911) in seinem Band „Der Schwarzwald“ mit spitzer Feder als „Spekulation auf die Narrheit der Menschen“ gegeißelt. Für ihn war der Schwarzwald ja noch „eine der schönsten, heimlichsten Bergwelten, die Deutschland besitzt“.

Triberger Weihnachtszauber am Wasserfall

Was die Triberger Eventmanager jedoch bis heute nicht daran hindert, immer noch glamourösere, noch naturfernere Ideen zu ersinnen und umzusetzen: „Triberger Weihnachtszauber – direkt an Deutschlands höchsten Wasserfällen“, illuminiert mit 500.000 Lichtern, dazu Feuershow mit Rockband, Alphornklängen und Gospel Singers. Ganzjährig lockt neuerdings auch noch der Greifvogel- und Eulenpark Triberg mit Flugvorführungen. Anschließend dann also im Instagram-Museum Triberg Fantasy noch der Griff zur VR-Brille – und auf zur virtuellen Schlittenpartie!

Kaum zu glauben, dass es im Schwarzwald auch noch Wasserfälle gänzlich ohne Klamauk und Kassenhäuschen gibt – so etwa im Naturschutz- und Bannwaldreservat Zweribach, einem Seitental der Wilden Gutach. Sein Wasserfall rangiert an vierter Stelle der bedeutendsten Fälle des Landes, wie schon die Beschreibung des Großherzogtums Baden im Jahr 1836 verrät; erschlossen wurde er mit Pfad, Treppen, Seilgeländer und Brücke im frühen 20. Jahrhundert von Ehrenamtlichen der Sektion St. Peter des Schwarzwaldvereins. Als ob da nicht mehr daraus zu machen gewesen wäre! Immerhin hatte der oberste Hof im Tal, ein paar Fußminuten nur bis zu den Fällen, bereits Getränke und Ansichtskarten angeboten, ehe die Landwirtschaft aufgegeben wurde und er 1984 einem Brand zum Opfer fiel. Später entstand auf der Hofstelle eine schlichte, mit Rinde gedeckte Schutzhütte mit Sitzgelegenheit. Und neuerdings gibt es auch hier zwei Himmelsliegen, und der letzte verbliebene Landwirt im Talausgang lässt es sich nehmen, am Rastplatz eine rustikale, aus einem Fichtenstamm heraus gesägte Getränke-Bar zur Selbstbedienung anzubieten und immer wieder nachzufüllen.

Zweribachwasserfälle
Getränkebar

Geschäftstüchtiger waren allemal die Todtnauer mit ihrem Todtnauberger Wasserfall. Ihn konnte seit eh und je nur besuchen, wer seinen Pkw in der Aftersteger Serpentine der Notschrei-Passstraße parkte und am Kassenhäuschen Eintritt bezahlte. Wie schon in Triberg, so war auch am zweitgrößten Wasserfall des Landes das freie Betretungsrecht der Landschaft beizeiten ausgehebelt worden. Doch erst recht seit dem 26. Mai 2023 schlägt das Herz hier schneller: Mit jedem Schritt. Über Dir der Himmel, unter Dir Freiheit. Denn wir haben uns auf die 450 m lange und 120 m hohe BLACKFORESTLINE Hängebrücke, der jüngsten touristischen Attraktion des Schwarzwalds hinaus gewagt, feierlich eröffnet u. a. von Fernsehmoderator Hansy Vogt und Schwarzwald-Dragqueen Betty, letztere mit Bollenhut, versteht sich. Der Wasserfall kann nun von oben wie von unten bewundert werden, Erwachsene mit per Kombiticket von 9,00 Euro, Kinder für 1,50 Euro – das ultimative Schwarzwalderlebnis für erwartete 100.000 Gäste im Jahr. Du schaust hinab in die Wipfel der stattlichen Schwarzwaldtannen, so wird der Besuch im Netz beworben, Spürst dieses Kribbeln. Zuerst im Bauch, und dann im ganzen Körper. Die Natur zum Greifen nah und doch so weit entfernt.

„Blackforestline“ Todtnau. Foto: Daniel Reust, Wikimedia

Himmelweit entfernt jetzt also – auch vom so viel gepriesenen Schwarzwälder Landschaftserlebnis alter Art! Für den Angstschweiß-gebadeten BLACKFORESTLINE-USER empfiehlt sich jetzt schleunigst ein Besuch im Badeparadies Titisee, sei es im PALAIS VITAL (ab 16 Jahre, textilfrei), in der PALMENOASE (keine Altersbeschränkung an Familientagen) oder/und in der GALAXIE SCHWARZWALD (Kleinkinder bis einschließlich 3 Jahre frei). Nein, mit weniger als einem galaktischen Erlebnis lassen wir uns jetzt nicht mehr abspeisen – es sei denn auf einer Himmelsliege!

Unter Palmen im Badeparadies Titisee

Tausendfüßler

Liebe Bürgerpostleser, 

jetzt mal wieder etwas aus der Insektenwelt. Dass das Insekt auf dem ersten Foto ein Tausendfüßler ist, wird Ihnen vollkommen klar sein. Wegen ihm hätte ich auch keinen Beitrag geschrieben, wobei es schon ein schickes Tierchen ist. Ich habe die Füßchen versucht zu zählen, es sind auf keinen Fall 1.000, ich bin auf etwa 75 Beinpaare gekommen. 

Zum Beitrag animiert hat mich die Kombination der beiden Tiere. Hand aufs Herz, haben Sie so etwas schon einmal gesehen wie auf dem Bild unten? Im ersten Moment dachte ich, oh, Frau Gabriele Schroll hat mir einen Tausendfüßler geschickt, aber nur einen kurzen Moment dachte ich das. Schnell war klar, dass die Beine anders angeordnet sind und auch viel länger, es sind 14 Beinpaare. Seit neustem nutze ich die google lens app, die anhand von Bildern ein Ergebnis liefert. Es sei ein Spinnenläufer, auch Spinnenassel genannt und jetzt kommts, ein Hundertfüßler, ist das nicht der Hammer? 


Da dachte ich mir, dass das einen Beitrag wert ist. Interessant ist, dass der Tausendfüßler eine Überklasse der Hunderfüßler ist. Sie haben vorne und hinter sehr lange Antennen und Gabriele Schroll stellte die berechtigte Frage, wo denn vorne und hinten ist bei dem Kerle. Mir wars mit der Zeit klar, dass oben der Kopf ist, weil die zwei schwarzen Punkte die großen Augen sind. Das letzte und längste Beinpaar dient nicht der Fortbewegung und fungiert wahrscheinlich als rückwärtiges Tastorgan. Na sowas kann man da nur sagen. Das bestätigt dann auch, wo vorne und hinten ist. Nun der Hundertfüßler war ursprünglich um das Mittelmeer verbreitet und kommt nun aber durch den Menschen in allen Erdteilen außer der Antarktis vor. Er ist sehr wärmeliebend und profitiert auch vom Klimawandel. 

Na, nicht schlecht, dass es neben dem Tausend- auch den Hundertfüßler gibt. Vielen Dank an Gabriele Schroll.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Zum Tag des Waldes 2023

Vortrag am 21. März 2023

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Waldfreunde,

gestern Frühlingsanfang, heute als Morgenlektüre ein wahrhaft niederschmetternder Bericht des Weltklimarats, und das also am Internationalen Tag des Waldes – was geht einem da nicht alles durch den Kopf: Klimakrise mit Waldsterben 2.0, mit Insektenschäden und Waldbränden bisher unbekannten Ausmaßes – und das alles bei zunehmend ruppiger Auseinandersetzung zwischen Forstwirtschaft und Natur- bzw. Klimaschützern um zeitgemäßere Prioritäten bei den vom Wald zu erbringenden Leistungen (ob zuerst Holzproduktion oder CO2-Speicherung, Wasserhaushalt, Erhaltung der Artenvielfalt, Kühlung, Erholungsfunktion usw. usw.). Ja, „dem Wald geht es schlecht, sehr schlecht“, wie man kürzlich erst als Schlagzeile in der FAZ lesen konnte und wie es der jüngste Waldzustandsbericht der FVA bestätigt. Seit es den gibt, seit 1985 nämlich, waren die Baumkronen nie schütterer benadelt und belaubt als nach diesen trocken-heißen Jahren. Wobei damit nicht etwa nur die Borkenkäferopfer gemeint sind. Kaum zu glauben, dass dieser Tag bereits 1971 von der Welternährungsorganisation FAO der UNO ausgerufen worden ist. Heute Abend soll er uns Anlass sein für eine knappe Stunde der Rückbesinnung: Was erwarten wir Baaremer eigentlich hier und heute alles vom Wald, was verdanken wir ihm alles? – und das am Beispiel des Unterhölzer Walds (kurz: des Unterhölzers). 

Aber klar: Bäume, Wald, Waldsterben – das Thema erscheint manch einem mittlerweile doch schon arg abgegriffen, einfach auch allzu problembelastet, als dass man sich noch einen Vortrag zum Thema Wald antun möchte – gar, dass man darüber noch ein Buch aufblättern möchte. Oder sollte man sich da eher am rheinland-pfälzischen Forstkollegen Peter Wohlleben orientieren, der mit seinem Sachbuch Das geheime Leben der Bäume Jahre lang einen Spitzenplatz auf der SPIEGEL-Bestsellerliste gepachtet hatte und damit international eine Millionenauflage erzielt hat? In aller Bescheidenheit sei es erwähnt: An Büchern über Baum und Wald (allerdings ohne Auflagenrekorde) habe ja auch ich mich wiederholt schon versucht. So schon vor fast einem halben Jahrhundert im Auftrag des Stuttgarter Forstministers mit einem Bildtextband über die Baumdenkmäler des Landes (Begegnung mit Bäumen); irgendjemand hatte da dem Minister die Idee eingeflüstert, man sollte doch mal nachschauen und dokumentieren, was von den Baumoriginalen der Jahrhundertwende nach zwei Weltkriegen noch überlebt hat. Damals war der Naturdenkmalschutz in Mode gekommen und mit ihm erschienen in den meisten deutschen Ländern Baumbücher, so auch 1908 Bemerkenswerte Bäume im Großherzogtum Baden des Forstbotanikprofessors und Grh. Bad. Geh. Hofrats Ludwig Kleinund im Auftrag der Kgl. württ. Forstdirektion 1911 ein Schwäbisches Baumbuch des Forstass. Otto Feucht, nachmals einer württembergischen Naturschutz-Ikone. Weil mir das Recherchieren, Fotografieren und Beschreiben soviel Spaß gemacht hat, folgten 1985 (ohne Ministerauftrag, aber immerhin mit einem Vorwort von MP Lothar Späth) mit Tännlefriedhof ein Band über das Waldsterben, anno 2000 dann  Waldpassagen, 2008 ein Buch über den Charakterbaum des Schwarzwalds, die Weißtanne, (Tannenbäume) und 2015 Wo Wildnis entsteht, ein Bildtextband über den ältesten Bannwald Badens und zuguterletzt 2018 dann auch noch der Bildtextband über den Unterhölzer Wald, im Untertitel „Liebeserklärung an einen alten Wald“ – allesamt Versuche, Verständnis für Baum und Wald, Freude daran zu wecken (übrigens sind die Bücher inzwischen schon fast alle vergriffen, sodass das heut also bitte auch nicht als Werbeveranstaltung missverstanden werden darf). 

Wieso aber eine Liebeserklärung, werden Sie vielleicht fragen, ausgerechnet in diesen trüben Krisenzeiten – und ausgerechnet auf der waldarmen Baar? Die Arbeit an diesem meinem letzten Buch war für mich, wie ich gestehe, weit mehr als bloßer Zeitvertreib eines unausgelasteten Ruheständlers. Eher war sie so eine Art späte Wiedergutmachung: Zum einen, weil ich den Unterhölzer mit seinen kapitalen Eichen damals in meinem Auftragswerk über die Baumoriginale des Landes sträflicherweise glatt übersehen hatte. Zum andern, weil ich als Hochschwarzwälder mit der eher spröden und unspektakulären Baarlandschaft immer schon ein bisschen gefremdelt habe, so sehr ich sie aus der Seniorenperspektive dann doch zu schätzen gelernt habe: Für den Freizeitradler erst ein flaches Einrollen, dann nichts wie rauf in den Schwarzwald, auf die Alb, auf die Länge oder in den Hegau – oder an Föhntagen auch einfach beim Blick aus dem Wohnzimmerfenster. 

Landschaft durch die rosarote Brille

Natürlich kann man auch die Baarlandschaft durch die rosarote Brille des Spätromantikers betrachten. Kulturpessimisten – oder muss man sagen: Kulturrealisten? – leiden eher an dieser Landschaft, verzweifeln womöglich an deren fortschreitender Belastung und „Verhässlichung“. So wie z. B. der Künstler Paul Schwer mit seiner Installation (Home 2013), mit der er anlässlich der Heimattage Baden-Württemberg wohl ausdrücken wollte, dass es mit der Heimat heutzutage doch irgendwie den Bach runter geht: Heimat als an der Donaueschinger Schützenbrücke gestrandetes Treibgut!

Installation Schützenbrücke

Was mir die Anfreundung mit der Baar schon immer erschwert hat: Es gibt da für meinen Geschmack 

  • viel zu viele Straßen mit viel zu wenigen Durchlässen und Übergängen (z. B. auch Grünbrücken fürs Wild), zuviel Zerschneidung und Zerstückelung also;
  • zuviel Zersiedelung, Versiegelung und Flächenfraß;
  • zuviel Monokultur, zuviel „Vermaisung“, zuviel Agrarindustrie mit zuviel Artenschwund;
  • aber auch zuviel Monokultur im bewaldeten Teil der Baar: viel zu viele Fichten und…

– …für mein Empfinden viel zu wenig Naturnähe in unserer so vielgepriesenen sog. naturnahen Waldwirtschaft;

  • und neuerdings am Horizont auftauchend: immer mehr Windräder, immer mehr großtechnische Dominanz

Alles in allem für meinen Geschmack jedenfalls: viel Bildstörung, viel Verunstaltung, viel Verarmung in dieser uralten Kulturlandschaft!

Da hat sich mir im Verlauf meiner Villinger und Donaueschinger Jahre immer häufiger die Frage aufgedrängt: Wie viel Restnatur, wie viel Naturschönheit braucht es überhaupt noch, um sich hier wirklich wohlfühlen zu können? Man mag das, gemessen an anderen noch weitaus unattraktiveren Gegenden, als ein Luxusproblem betrachten – und doch steht für mich fest: Eine an Naturerlebnissen reiche und damit vergleichsweise intakte und attraktive Kulturlandschaft ist ein kostbares und leider zusehends knapper werdendes Gut. Das Staunen über die Schönheit der Natur ist ein „Wohlfühlfaktor“ – nicht nur eine Labsal für die Psyche, sondern letztendlich vielleicht sogar ein auch wirtschaftlich ins Gewicht fallender Standortfaktor (wirksam gegen rückläufige Bevölkerungszahlen beispielsweise). Kurzum: der Unterhölzer Wald ist mir da, na ja, auch zu einer Art Einbürgerungshilfe geworden und ein bisschen wohl auch zum Seelentröster!

Was die Schönheit dieses Waldes anbetrifft, so habe ich mich hier schon immer an einen in der Forstbranche unvergessenen Klassiker erinnert gefühlt: an den schlesischen Freiherrn Heinrich von Salisch, seines Zeichens deutschkonservativer Reichstagsabgeordneter und Verfasser des 1885 erschienenen Buchs Forstästhetik, in welchem er seine „Waldschönheitslehre“ (leider vergeblich) auch als Unterrichtsfach für Forststudenten (damals gab es noch keine Forststudentinnen) einzuführen bemüht war. Ihn als Gewährsmann zitiere ich in meinem Buch mit dem womöglich schon ein bisschen verstaubt klingenden Satz:

„Je schöner der Wald, desto mehr Liebe wird er finden, desto bereitwilliger werden die gesetzgebenden Körperschaften dem Walde reiche Mittel zuwenden und die Bevölkerung wird den Wald lieben und ehren.“

Schönheit, Ästhetik eines Waldes, gar des Wirtschaftswaldes: Kann das heute, im Zeitalter der hochmechanisierten Holzernte und der knallharten Betriebswirtschaft auch in den Forstbetrieben, überhaupt noch ein Kriterium sein? Für den Unterhölzer scheint mir das Zitat des Freiherrn von Salisch derzeit jedenfalls durchaus noch aktuell zu sein. Denn apropos „reiche Mittel gesetzgebender Körperschaften“: Im Rahmen des Naturschutzgroßprojekts Baar, das gerade sein Zehnjähriges feiert, fließen insgesamt 8,6 Mio Euro (davon 75 % vom Bund, 20 % vom Land, 5 % von den Projektträgern, den Landkreisen) in unsere Region, in dieses „Drehkreuz der Wildtierkorridore von nationaler Bedeutung“nicht zuletzt also auch in dessen „Filetstück“, in den Unterhölzer Wald – natürlich nicht nur wegen seiner Schönheit, sondern mehr noch wegen seines enormen ökologischen Werts.

Hute-Eiche

Aufgrund seiner langen Geschichte als „Hutewald“ (in den die Bauern der Umgebung einst ihr Vieh getrieben haben, um überleben zu können), aber vor allem als Hofjagdgebiet, das bis 1918 dem Fürstenhaus als 500 ha großer eingezäunter „Thiergarten“ diente und seit 1939 als Naturschutzgebiet ausgewiesen ist, hat sich etwas erhalten lassen, was hierzulande Seltenheitswert hat: Ein extensiv genutzter „Märchenwald“ aus uralten Eichen und Buchen. Damit auch ein einzigartiges Refugium für eine Vielfalt von Höhlenbrütern, holzbesiedelnden Pilzen und seltensten Flechtenarten, sogar von sog. „Urwaldreliktarten“ (Arten, die seit Urwaldzeiten nur in urwaldartigem Milieu überlebt haben können). Und für uns Baaremer obendrein ein Naherholungsgebiet, das Seinesgleichen sucht.

Märchenwald

Obwohl ich in meinem Buch auch manchen Zielkonflikt aufgegriffen habe, wollte ich mit ihm doch vor allem Freude am Natur- und Walderlebnis wecken! Dank Unterhölzer samt angrenzendem Birkenried und dem NSG Mittelmeß gibt es sie hier tatsächlich noch: die einst so vielgepriesene „herbe Schönheit“ der Baar. Sie gilt es, wie ich meine, in unserer urbanisierten, technisierten und digitalisierten Welt nicht nur zu erhalten, sondern auch weiter zu vermitteln: Der Unterhölzer Wald: für mich ein liebenswertes Stück einer fast noch barocken, noch durch und durch analogen Primärwelt – ein Stück Lebensqualität!

Weshalbich meinem Buch auch ein Motto vorangestellt habe, das ich mir von John Muir ausgeliehen habe, einem der Begründer der US-amerikanischen Naturschutzbewegung und Vater der Nationalparkidee:

Wir alle brauchen nicht nur Brot, sondern auch Schönheit, Orte zum Spielen und Beten, wo die Natur uns heilen und aufmuntern kann und unserem Körper und unserer Seele gleichermaßen Kraft verleihen kann.

Dass Eichen und Buchen so alt werden durften und überlebt haben, dass der Unterhölzer Wald heute nicht überwiegend aus Fichten besteht, ist vor allem der Jagdpassion und damit natürlich auch dem Prestigebedürfnis der Fürsten zu Fürstenberg zu verdanken. In deren Ahnengalerie war Fürst Joseph Wenzel wohl der allerpassionierteste Jäger, denn er ließ nahezu gleichzeitig drei Jagdschlösser errichten: eines auf der Länge, eines im Tal von Bachzimmern und eines im Unterhölzer.

Davon ist das Längeschloss allerdings bereits 1840 wieder abgerissen worden: wie es heißt wegen Baufälligkeit und weil es zeitweilig auch als Lazarett für Cholerakranke gedient hatte, wohl auch weil die Länge als Hofjagdgebiet etwas zu abgelegen war. So kommt es, dass hier jetzt halt leider nur noch die Schlossallee daran erinnert.

Bachzimmern hat eine sehr viel bewegtere Geschichte, zumal hier ja auch das F.F. Eisenwerk stand. Weil die Klagen der Untertanen über enorme Wildschäden überhand genommen hatten, war 1781 das gesamte Rotwild der Baar und des Baarschwarzwalds mit Hilfe von 7560 zur Jagdfron verpflichteten Untertanen in den dortigen 2000 ha umfassenden „Großen Thiergarten“ getrieben worden. Doch 1810 musste das Gehege aus Kostengründen aufgegeben werden (die Pfosten fürs Gehege waren allzu rasch vermorscht und auch der Fütterungsaufwand war zu teuer geworden); 100 (!) lebend wieder eingefangene Hirsche wurden in den auf 500 ha erweiterten „Kleinen Thiergarten“ des Unterhölzers umgesiedelt. Nun erst begann hier die große Zeit, wo sich bald alljährlich der Hochadel zur Jagd einfand. Auch nach dem Ende des Geheges 1918, verursacht durch zurückflutende hungrige württembergische Truppen, trifft man sich hier noch zur Fuchsjagd und zur allsommerlichen Rufjagd auf den brunftigen Rehbock – das Streckelegen vor dem Donaueschinger Schloss war bis unlängst noch das gesellschaftliche Highlight des Jahres.

Hochadel

Natürlich stellt sich einem als Ruhestandsförster da auch die Frage: Naturschutzgebiet und Hofjagd – wie passt das eigentlich zusammen – bei einem auch heute noch enormen Bestand von Dam-, Reh- und Schwarzwild, unter dem massiv die Waldverjüngung leidet? Schon zu Tiergarten-Zeiten, also seit 1780 mit Jagdschloss (dem bescheiden sog. „Jägerhaus“), mit Torhäusern, schnurgeraden „Gestellen“ (Chausseen), mit einer prächtigen Kulisse aus parkartig erwachsenen Baumoriginalen und viel jagdlicher Prominenz, schon damals hatte sich der Wald schwergetan, hatten die Schäden durch Verbiss, damals auch noch durch das Rindenschälen und Fegen des Rotwilds dramatische Formen angenommen. Nicht nur deswegen, sondern auch wegen genetischer Verarmung, wurde das Rotwild um die vorletzte Jahrhundertwende per Abschuss aus dem Gehege verbannt und stattdessen das Damwild umso mehr gehegt. Das feudale Jagdvergnügen hatte – und hat fraglos noch immer – einen hohen waldökologischen Preis. Auch durch noch so intensives Zufüttern des Wilds lässt sich keine nennenswerte Entlastung vom Verbissdruck erreichen. 

In der ursprünglichen Schutzverordnung des NSG von 1939 war noch die Forderung enthalten, dass nach Maßgabe einer gemeinsam von der F.F. Forstverwaltung und der Naturschutzbehörde zu erstellenden Richtlinie nicht nur der „Naturwald“ zu erhalten sei (also auch für dessen Nachwuchs zu sorgen sei), sondern dass der vorwiegend aus Fichten bestehende „Wirtschaftswald“ in Mischwald umzubauen sei; diese Forderung ist 1969 in der erneuerten Schutzverordnung leider glatt unter den Tisch gefallen. Man hatte wohl beidseits (auf Seiten der Naturschutzbehörde wie des Eigentümers) kapituliert vor den Verbissschäden und den Verbissschutzkosten; womit den jagdlichen Interessen des Eigentümers eindeutig der Vorrang eingeräumt worden ist. Was seitdem der Besucher freilich als besonders reizvoll erlebt dank des lichten, parkartigen Charakters des Waldes (mit wenig Unterholz im Unterhölzer) und damit der Chance auf gelegentlichen Anblick von Wild; unterm Aspekt waldökologischer Nachhaltigkeit muss dieser Istzustand allerdings eher Besorgnis auslösen. Im Rahmen des Naturschutzgroßprojekts wurde immerhin damit begonnen, zur Verjüngung der Eichen Kleinzäune zu errichten.

Unstrittig ist, dass die Erhaltung der alten Eichen und Buchen, des sog. „Naturwalds“, und die Verhinderung des noch rascheren Vordringens des Fichten-Wirtschaftswalds immer wieder auch den persönlichen Einsatz Seiner Durchlaucht erforderte. So geht es auch schon aus einem Bericht des F.F. Forstverwalters v. 6. 7. 1881 an die Domänenkammer hervor: Der Thiergarten ist z. Zt. ungefähr mit 2/3 Laubholz und bereits mit 1/3 Nadelholz bestockt. S. D. der Fürst haben das Verhältnis in jüngster Zeit bemerkt und uns beauftragt, der fürstlichen Domänenkanzlei zu berichten, dass mit dem Verjüngen der alten Laubholzbestände innerhalb des Thiergartens mit Nadelholz eingehalten werden solle, da sonst der Tiergarten den Charakter eines Wildparks verliere. 

Es sollte in der Hofjagd eben auch weiterhin das von Alteichen und Altbuchen dominierte jagdliche Ambiente stimmen, so unverzichtbar ansonsten die um soviel profitablere Fichtenwirtschaft für die Haushaltslage des Fürstenhauses war und ist. Wobei sich freilich auch die Eichen im 19. Jahrhundert als Eisenbahnschwellen noch recht gut vermarkten ließen – und auch das sonstige Laubholz aus dem „Naturwald“ wird ja noch heute – zumindest extensiv – genutzt. Zumal Brennholz in Zeiten des Energiesparens und der explodierenden Kosten bekanntlich wieder sehr gesucht ist!

Der besondere Reiz des NSG Unterhölzer liegt nicht zuletzt auch im Nebeneinander von altem Laubmischwald und dem einst von den Pfohrenern abgetorften Niedermoor des Birkenrieds sowie dem Vogelparadies des Unterhölzer Weihers, dessen Aufstau zum Zweck der Fischerei bereits im Jahr 1499 erfolgt ist. Auch im Birkenried gedeihen extrem seltene Raritäten: so etwa das Eiszeitrelikt Strauchbirke oder die seltene Buschnelke. Hier kommt als größte Rarität der Blauschillernde Feuerfalter noch vor, aus der Vogelwelt das stark gefährdete Braunkehlchen (der Vogel des Jahres 2023) und das Schwarzkehlchen, sowie Korn- und Wiesenweihen. Ob es sich bei den Birken durchweg um die Moorbirke, den Baum des Jahres 2023, handelt, vermag ich leider nicht zu entscheiden. Denn selbst botanisch Beschlagenere tun sich schwer mit der Identifizierung je nach Behaarung der Blattunterseite, weil es überdies auch noch zur Bastardbildung zwischen Betula pendula und Betula pubscens kommt.

Hauptargument für die Kür der Moorbirke zum Baum des Jahres: Moore geraten derzeit ja auch immer mehr ins Zentrum des Klimaschutzes, weil sie in intaktem (d. h. vernässtem) Zustand mit Abstand das meiste Treibhausgas zu speichern vermögen. Weshalb 2014 ja auch eine Moorschutzkonzeption verkündet und mit reichlich Fördermitteln ausgestattet worden ist mit dem Hauptziel der Wiedervernässung trockengelegter Moore. Im Birkenried hat sich hierbei ein tüchtiger Helfershelfer eingefunden, der mithilfe seiner Dammbauten geradezu amphibische Landschaften zu schaffen in der Lage ist. So trägt der Biber nicht unwesentlich zum Kampf gegen die Klimaerwärmung „mit naturbasierten Mitteln“  bei. Er wird sich davon auch nicht durch die jüngsten Zuwanderer abhalten lassen, die hier erstmals nachgewiesenen Goldschakalfamilie. Auch der erste Wolf wurde ja 2016 am Unterhölzer gesichtet (daher „Drehkreuz“), damals noch freudig begrüßt durch Minister Hauk.

Klimaschutz

Dass auch der F.F. Wald als „CO2-Senke“ Klimaschutzleistungen erbringt, soll dem Waldbesucher mit einer orangefarbenen großen Acht gleich am Waldeingang in Erinnerung gebracht werden. Wer den QR-Code zu entschlüsseln vermag, der lernt, dass im Wald pro Jahr und Hektar mindestens 8 Tonnen des Treibhausgases gespeichert werden. Der Forstbetrieb Fürstenberg Forst GmbH ist damit erkennbar bemüht, auch die klimapolitische Leistung seines 18.000 ha großen Waldbesitzes gewinnbringend zu vermarkten, wie man erst kürzlich wieder in der Zeitung nachlesen konnte: Er scheint dabei allerdings nicht so sehr auf „naturbasierte Mittel“ zu setzen, also auf Wiedervernässung, Holzwachstum und Humusaufbau, sondern auf Technologie: Er plant neben den bereits bestehenden 6 Windrädern weitere 50(!)-WEA-Standorte in seinen Wäldern zu verpachten (bei einem Platzbedarf einer WEA von ca. 1 ha Wald sind das immerhin 56 WEA x 1 ha x 8 t = 446 t, die pro Jahr in der CO2-Senke Wald ungespeichert bleiben) – aber das wäre wieder ein anderes Vortragsthema.  

Die Beiträge zur Energiewende und zum Klimaschutz waren sicher nicht primär der Auslöser für meine „Liebesbeziehung“. Eher war es wohl doch der Wildnischarakter – auch wenn die immer wieder geäußerte Ansicht der F.F. Förster wohl nicht ganz zutrifft, dass es sich beim Unterhölzer um die „Reste eines Urwalds“ aus der steinzeitlichen Eichenmischwaldzeit handeln müsse (als das Klima noch um einiges milder war als heute). Für mich ist es wohl vor allem der ästhetische Genuss, der mich immer wieder da hin zieht, der Anblick des Krummwüchsigen und Bizarren, im Frühjahr das frische Buchengrün, im Herbst die Verfärbung. Natürlich darf auch das Vogelkonzert nicht fehlen, das Hämmern und Kichern der Spechte oder der Geruch des Bärlauchs. Es ist die Gegenwelt zu unserem oft allzu grauen Alltag – wie geschaffen für unsere krisengebeutelte Gegenwartsgesellschaft!

Buchenschleimrüblinge

Nichts kennzeichnet den echten Urwald, aber auch die sich selbst überlassene Naturwaldzelle, das Waldreservat, eindeutiger, nichts taugt als Gradmesser für Naturnähe besser als die Fülle der Pilze an Strünken und Stämmen: In nichts unterscheiden sich reife (d. h. alte, unverkürzte) Waldökosysteme augenfälliger vom kurzlebigen Wirtschaftswald als in ihrer Pilzflora. Im „Naturwald“-Teil des Unterhölzers hat die über Jahrhunderte hinweg praktizierte nur extensive Nutzung der alten Buchen und Eichen dazu geführt, dass die Vielfalt baumbesiedelnder/holzabbauender Pilze und das Vorkommen echter Raritäten in Deutschlands Südwestecke ihresgleichen sucht. Wo sonst bekommt man sie noch zu Gesicht, die Stachelbärte, Schüpplinge, Rüblinge, Porlinge, Stäublinge, Mürblinge, Schwindlinge, deren botanisch korrekte Zuordnung mykologische Spezialkenntnisse erfordert. Ihr Kommen und Verschwinden je nach Baumart, Alter und Zerfallsgrad des Holzes, gar ihr unterirdisches Mykorrhiza-Geflecht – ein wahres Mysterium! Auch wenn manches an dem angeblichen Kommunikationssystem von Baum zu Baum über die Pilzfäden, auf Neudeutsch: dem „Wood Wide Web“,  wohl allzu enthusiastisch interpretiert worden ist (s. Peter Wohlleben), wie kürzlich DER SPIEGEL unter der Überschrift „Hirngespinst unter dem Waldboden“ berichtet hat – unter Hinweis auf kanadische und US-amerikanische Forschungsergebnisse. Doch es bleibt ein Wunder: Wie konnten all die Pilzarten überhaupt überleben in unseren Kulturlandschaften mit den immer fragmentierteren (verinselteren) und auf Wirtschaftlichkeit getrimmten Wäldern?

Am häufigsten und am auffälligsten besiedeln die Zunderschwämme die Buchenstrünke, einst gesuchter Rohstoff der Zundelmacher, gelaugt und gewalkt nach streng gehüteten Verfahrensweisen, sodann schier universell verwendbar von Mützen (die sogar als Mittel gegen Kopfschmerz empfohlen wurden) über die Bekleidung, als Unterlage bei chirurgischen Bandagen bis zum Künstlerbedarf. In Todtnau gab es im 19. Jahrhundert sogar noch eine florierende Zunderindustrie (die die Schwämme allerdings bald aus den Balkanländern einführen musste). Nach Auskunft der Badischen Gewerbezeitung soll 1874 ein so gewaltiger Naturschwamm verarbeitet worden sein, dass daraus ein Talar für den Freiburger Erzbischof angefertigt werden konnte, nahtlos aus einem Stück! 

Zunderschwämme

Die Pferdehuf-ähnlichen, knochenharten, oft Jahrzehnte alten Fruchtkörper mit ihrem stets horizontalen Wachstum, ob am stehenden oder liegenden Holz, ernähren Dutzende von Schwammkäferarten. In einer einzigen Vegetationsperiode wurden im Zuge des Naturschutzgroßprojekts Baar 165 „xylobionte“ (holzbewohnende) Käferarten im Unterhölzer nachgewiesen, darunter acht, die hohen Gefährdungsstufen der Roten Liste und den echten Urwaldreliktarten zugerechnet werden. Definitionsgemäß kommen diese nur eben dort noch vor, wo seit der nacheiszeitlichen Wiederbewaldung eine ungebrochene Lebensraumtradition anzunehmen ist, mit vielfältigen Strukturen und einem reichhaltigen Inventar von alten Bäumen, von Mulmhöhlen, von starkem stehenden und liegenden Totholz –  Verhältnissen also, wie sie sonst allenfalls in Urwäldern noch anzutreffen sind.

Eine zentrale Rolle für den Nährstoffkreislauf wie für die Artenvielfalt kommt bekanntlich auch den Spechten zu: einmal beim Zerkleinern von Totholz, zum andern durch die Spechthöhlen und deren Nachmieter, ob Fledermäuse, Baummarder, Bilche, Hummeln, Wildbienen, Spinnen, Asseln, Würmer und sonstige Mulmbewohner. Zehn Fledermausarten wurden im Unterhölzer nachgewiesen, darunter die hochgradig vom Aussterben bedrohte Bechstein- und die Mopsfledermaus. Laubwälder mit hohem Alt- und Totholzanteil gelten als unersetzlicher Lebensraum für insgesamt 6.800 Tier- und 1.600 Pilzarten! Kein Wunder, dass sogar im Koalitionsvertrag der Ampel gefordert wird, alte Buchenwälder, soweit sie sich in öffentlichem Eigentum befinden, aus der Bewirtschaftung zu entlassen und zu schützen im Zuge der nationalen Biodiversitätsstrategie um den Artenschwund zu stoppen. Weltweit sollen sogar 30 % Schutzgebiete entstehen, so war ja kürzlich jedenfalls der Beschluss der Weltnaturschutzkonferenz in Montreal.

Eine weitere Besonderheit des Unterhölzers ist das Vorkommen von Wildobst, von Malus silvestris, dem Wild- oder Holzapfel, und Pirus pyraster, der Wild- oder Holzbirne. Beide Arten kommen auf der Baar noch vergleichsweise reinrassig vor, während kontinentweit sonst Hybridformen überwiegen. Das Fehlen  konkurrierender Kultursorten scheint sich hier für den Artenerhalt geradezu als Glücksfall erwiesen zu haben. Weil Wildobst keine Kreuzungsbarrieren kennt und in den heutigen Kulturlandschaften extrem selten geworden ist, wurde die Wildbirne 1998, der Wildapfel 2013 jeweils zum Baum des Jahres gekürt, um die in Ihrer Existenz stark gefährdeten Baumarten wieder einmal ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken. 

Einer, der das mit den fehlenden Kultursorten auf der Baar unbedingt ändern wollte, war der im Immendinger Schloss residierende Baron in fürstenbergischen Diensten Friedrich Roth von Schreckenstein, 1805 der Gründer des ältesten deutschen Geschichtsvereins, ein leidenschaftlicher Pomologe. In seinem ersten Vortrag vor dem Verein empfahl er eine Auswahl von 60 Obstsorten für die raue Baar – womit er freilich kläglich gescheitert ist, wie wir heute wissen – sehr zum Vorteil des Wildobstes. Dass es im Unterhölzer einst dem Wild zuliebe auch angepflanzt oder doch gefördert worden ist, liegt auf der Hand. Denn vor allem mit den kleinen Birnchen lassen sich Reh- und Damwild zielgenau herbeilocken (in der Jägersprache: „ankirren“). Die Wildapfelbäume auf der Königswiese inmitten des Unterhölzers zeugen noch heute von diesen Bemühungen, desgleichen eine Wildbirne in Schussweite vom Jagdschlösschen entfernt. 

Damwild

Zu den auf der Baar natürlich vorkommenden Baumarten zählt zweifellos auch die Fichte, die als Nordländerin einst freilich vor allem die Moorränder besiedelt und erst ab dem Mittelalter dann mächtig zugelegt hat dank menschlicher Nachhilfe. Speziell in den F.F. Wäldern war die so profitable Fichte bald allgegenwärtig, so sehr, dass das Kürzel F.F. unter spöttischen Forstkollegen bald für Fichte Fichte stand (nach der uralten Försterweisheit Willst Du deinen Wald vernichten, pflanze Fichten nichts als Fichten). Von dieser Vorliebe sollte auch der Unterhölzer nicht ganz verschont bleiben, wie aus der Vogelperspektive leicht zu erkennen ist.

Kadaververjüngung der Fichte
Fichten im Vormarsch

Eine Spezialität der Fichte fällt einem im Unterhölzer besonders oft ins Auge: Ihre Fähigkeit zur „Kadaververjüngung“ (so der Försterslang), also sich auf dem Moder- oder Totholz abgängiger Buchen und Eichen anzusiedeln. Was bei starker Vergrasung und bei hohem Verbissdruck eine durchaus erfolgreiche Strategie sein kann, mit der die Fichte auch gern ganz von allein den Laubwald unterwandert.

Ein Unterschied bei der Fichtenwirtschaft innerhalb und außerhalb des Naturschutzgebiets ist nicht auszumachen (Großmaschineneinsatz, Maschinengassen alle 20 m). Die spannende Frage ist heute, wie lange die so flachwurzelnde, borkenkäfergefährdete Fichte im Trockenstress des Klimawandels durchhalten wird, ob nicht der „Brotbaum“ bereits dabei ist, sich zum „Katastrophenbaum“ zu verwandeln. 

Weil aber mit Laubholz nun einmal nicht viel zu verdienen ist, kam F.F. auf die Idee, unter seinen Eichen und Buchen einen Friedwald anzulegen (wobei man ja bereits auf Erfahrungen mit etlichen weiteren Friedwäldern zurückgreifen konnte): Urnenbestattung im Wald als Wertschöpfung ganz ohne Notwendigkeit, im NSG Holz ernten und vermarkten zu müssen – eine wahre Win-win-Strategie! Allerdings scheiterte der Plan, wie es hieß, am Widerstand der örtlichen Geistlichkeit. Die Ersatzlösung: ein Tierfriedhof. Der fand dann sogar die Zustimmung der oberen Naturschutzbehörde.

Damit komme ich zum Schluss unseres bebilderten Ausflugs in den Unterhölzer zum Tag des Waldes: Schon im Vorwort meines 1978 im Auftrag des Stuttgarter Forstministers erschienenen Erstlings, des Bildtextbands Begegnung mit Bäumen, hatte ich als Gewährsmann für mein Anliegen den Baseler Biologen, Zoologen, Anthropologen und Naturphilosophen Adolf PORTMANN (1897 – 1982) zitiert. Dessen Botschaft will mir  heute aktueller denn je erscheinen, weshalb ich sie auch ans Ende meines Unterhölzer-Buchs gesetzt habe und jetzt auch meinen Vortrag damit beenden möchte. Nehmen Sie das Zitat als Wort zum Tag des Waldes:

Unsere Welt wird in steigendem Maß beherrscht durch das von uns Erfundene, durch den Apparat. Der Rausch des Machens, des Apparateherstellens – auch der Zwang dazu wächst ständig. So wird denn – aber zu wenig beachtet – immer bedeutungsvoller die Aufgabe der Kompensation: Es gilt, den Blick auf das nicht von uns Geschaffene zu richten, auf das Entstandene, auf das Geheimnis der Schöpfung, das mit der wissenschaftlichen Einsicht nicht geringer, sondern größer wird. Es ist von größter Bedeutung, dass die ursprünglichen Quellen reich fließen, dass das unmittelbare Leben mit Menschen und Naturgestalten, mit Natureindrücken nicht von einer Scheinwelt verdrängt werde.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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