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Lebensbilder aus der Baar und dem Schwarzwalde

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In einen Hundehaufen zu treten, ist mehr als ärgerlich. Spätestens seit der drohenden Vereinsamung der Bürger im Zuge der Corona-Krise hat die Hundehaltung hierzulande spürbar zugelegt. Zugleich wuchs mit ihr, nebst dem Hundesteueraufkommen der Kommunen, die Zahl der Gassi-GängerInnen. Weshalb in Siedlungsnähe allenthalben die blauen Hundekotbeutel angeboten werden – neuerdings sogar eingangs der stadtnahen Wälder.
Doch hat man Fifi oder Waldi jemals, ob angeleint oder frei laufend, auf einem Waldweg sein Geschäft verrichten sehen? In all den Jahrzehnten, in denen Unsereiner durch den Wald joggt oder spaziert, war doch nie ein Missgeschick mit Hundekot zu beklagen. Umso mehr fallen einem im Wald jetzt regelwidrig hinterlassene, gefüllte oder ungefüllte blaue Beutel ins Auge. Als ob der Kot, gleich welcher Herkunft, nicht auch als Dünger taugen, nicht Schmeißfliegen und Gewürm ernähren würde. Und als ob nicht beide, Menschen wie Hunde, die Angewohnheit auszeichnen würde, möglichst kurz „auszutreten“, sprich: das kleine oder gar große Geschäft möglichst nicht mitten auf dem Weg zu verrichten.

Beutelnachweis im Wald

Ausgabe und Einsammlung am Waldeingang
Die Leinenpflicht mag im vielbegangenen stadtnahen Wald ja ihre Berechtigung haben. Was aber soll hier eine Beutelpflicht? Ist sie nicht – anders als auf Bolz- und Kinderspielplätzen – höchst überflüssig? Als müssten Waldwege im Herbst auch noch mit dem Laubbläser behandelt werden. Umweltbewusstsein und Hygiene in Ehren, doch hier scheint des Guten denn doch gar zuviel verlangt zu werden. Wo der im Korb am Waldeingang gesammelte Inhalt ja auch wieder geleert, entsorgt und recycelt sein will.
Hinzugefügt von Hannah Miriam Jaag am 09.11.2024
In diesem Zusammenhang möchte ich auf mein Müllstillleben aus der „Coronazeit“ hinweisen:
Noch nie hat auf meinem Nachttisch ein ähnlich gewichtiger Wälzer gelegen, und noch selten hat mir ein Buch mit seiner verblüffenden Aktualität so das Einschlafen verschleppt wie Putins Netz1, verfasst von der Londoner Journalistin Catherine Belton, die von 2007 bis 2012 für die Financial Times aus Moskau berichtet hatte, und heute für die Nachrichtenagentur Reuters arbeitet. Ihre über 600 Seiten starke Recherche, versehen mit einer überwältigenden Fülle von Anmerkungen und Quellen, ist von britischen Zeitungen zum Buch des Jahres gekürt worden. „Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste“, lautet der Untertitel, und nachgezeichnet werden die Karriere und das politische Umfeld Wladimir Putins, vom Dresdener Offizier des Auslandgeheimdienstes, der in den Tagen der Wende mit gezückter Pistole die Herausgabe der Akten verhindert hatte, über seinen politischen Start als stellvertretender Bürgermeister von St. Petersburg bis hin zum korrupten, Kriege entfesselnden und Gegner kaltblütig umbringenden Autokraten mit Oligarchenvilla am Schwarzen Meer. Wie hatte man ihn jemals unterschätzen können mit seiner KGB-Vergangenheit und seinen frühen Verbindungen zur russischen Mafia? Wie konnte es 2003 nach seiner Rede im Berliner Reichstagsgebäude noch Standing Ovations der Abgeordneten geben, obwohl er doch damals bereits Blut an den Händen hatte, spätestens seit den Tschetschenien-Kriegen? Und wie konnte man den Aufmarsch russischer Truppen an der ukrainischen Grenze noch bis zum Abend des 23. Februar 2022 als bloßes Manöver einschätzen?

Frieden schaffen ohne Waffen, Schwerter zu Pflugscharen, Wandel durch Handel: Wie sehr hatte man doch auch selbst seit dem Kniefall Willy Brandts mit der Entspannungspolitik sympathisiert! Aufgewühlt von der nächtlichen Lektüre, tauchen mit einem Mal auch die vergleichsweise spärlichen eigenen Erlebnisse und Verbindungen mit Russland aus dem Nebel des Langzeitgedächtnisses hervor, beginnend in den frühen Nachkriegsjahren beim oft fassungslosen Lauschen, wenn die Kriegsheimkehrer oder Vertriebenen ihre Fluchtgeschichten vor der Roten Armee auspackten. Oder bei den eher spärlichen Erzählungen des Vaters über den barbarischen russischen Winter, über Vormarsch und Rückzug, wie ich sie später auch in seinem Kriegstagebuch nachlesen konnte. Über seinem Schreibtisch hatte noch lange das von einem russischen Granatsplitter zerfetzte lederne Futteral seiner Leica gehangen, mit deren Fotos er seine Eintragungen illustriert hatte.
Noch unter Verteidigungsminister Franz Joseph Strauß leistete ich – bei aller mir selbst attestierten Friedfertigkeit – brav meinen Militärdienst ab, wofür ich mich in Diskussionen mit linken Altersgenossen nicht selten heftig zu rechtfertigen hatte: Als ob der Dienst in der Gebirgsdivision mitsamt der Ausbildung als ROA an der Münchener Heeresoffiziersschule und in Hammelburg nicht ausschließlich dem militärischen Patt, der Kriegsverhinderung zwischen den Atommachtblöcken gedient hätte. Hatten russische Panzer nicht 1956 Ungarn überrollt und 1968 dann auch dem Prager Frühling ein jähes Ende bereitet?
Ausgangs der 1970er Jahre, noch immer mitten im Kalten Krieg, hatte das Münchener Sporthaus Köpf erstmals für Skilangläufer eine Reise nach Murmansk ausgeschrieben. Weil dabei auch Zwischenstopps in Moskau und Leningrad angeboten wurden, hatte ich mich spontan angemeldet. Der verschneite Rote Platz, die Kremlmauern mit den dort Aufgebahrten, die Basiliuskathedrale und das Kaufhaus Gum hatten in mir dank Väterchen Frost einen besonders nachhaltigen Eindruck hinterlassen; mehr aber noch waren es die zarten blaugrünen Pastellfarben der verschneiten Paläste rund um die Leningrader Eremitage, deren Besuch zum Pflichtprogramm auch der Skilangläufer gehörte; weiter die Fahrt in der transsibirischen Eisenbahn in den hohen Norden, nicht ohne Teeausschank aus dampfendem Samowar – alles findet sich unauslöschlich gespeichert! Erst recht das in Murmansk mit seinem Eismeerhafen und der dort vor Anker liegenden Kriegsflotte fröhlich zu feiernde „Fest des Nordens“ mit dem Einzug der Nationen auf dem fahnengeschmückten Leninprospekt. Pech, dass mich beim Marathonrennen dann das Missgeschick ereilte mit dem angebrochenen (da noch aus finnischer Birke gefertigten) Langlaufski, weswegen ich im Heißhunger eine Zuschauerin am Rand der Strecke um ein Stück russischen Schwarzbrots anbetteln musste – vertauschte Rollen eingedenk all der Fotos von um Brot bettelnden russischen Kriegsgefangenen. Schließlich die Rentier-Schlittenrennen mit den auf die keuchenden und dampfenden Tiere einprügelnden Samen skandinavischer wie russischer Herkunft, die danach wodkabetäubt wie tot im Hotel herumlagen. In bleibende Erinnerung eingegraben sind aber auch die spontanen Hausbesuche unseres ebenso weltläufigen wie wunderfitzigen Schwarzwälder Gastwirts, der sich nicht scheute, die überraschten Murmansker unter der Türe nach ihrem Befinden im Sowjetreich zu befragen. Umso lästiger fiel schließlich die penible Befragung durch DDR-Zoll- bzw. Stasibeamte aus nach der Landung in Berlin-Schönefeld; deretwegen hatte ich mich als Beamter vor der Reise bei meiner obersten Dienststelle ordnungsgemäß abzumelden gehabt, um dabei auch zu versichern, keinerlei Dienstgeheimnisse auszuplaudern.
Doch damit schien nach Glasnost, Perestroika und dem Fall der Mauer endgültig Schluss zu sein. Allenfalls der Kernkraftunfall von Tschernobyl im Frühjahr 1986 hatte nochmals Zweifel an der Zuverlässigkeit der Russen aufkommen lassen. Weshalb mir nun dennoch wieder der Besuch in einer demokratischen und noch ganz und gar friedlichen Ukraine in den Sinn kommt: eine Exkursion anno 2007 (jenem Jahr, als Putin anlässlich der Münchener Sicherheitskonferenz erstmals heftige Drohungen gegen den Westen ausstieß) in die ukrainischen Karpatenurwälder, geführt und gedolmetscht von einem Lemberger Kollegen. Wie angenehm rollte es sich doch seit der Wende im Bus über die osteuropäischen Ländergrenzen hinweg, bis unlängst noch eiserner Vorhang. Nicht einmal mehr Bakschisch schienen sich die Zöllner diesmal beim Grenzübertritt noch zu erhoffen. Dafür wiesen uns die Einheimischen stolz auf ein Denkmal hin: auf den exakt hier im hintersten Transkarpatien, wo fünf Länder (Ukraine, Polen, Slowakei, Ungarn und Rumänien) aneinander stoßen, befindlichen geographischen Mittelpunkt Europas, wie ihn 1887 k. u. k. Landvermesser errechnet und eingemessen hatten. Die fast 15.000 ha noch nahezu jungfräulichen Waldes, die sich hier trotz des allein im 20. Jahrhundert sechsfachen Nationenwechsels (von Österreich-Ungarn zur Tschechoslowakei, zu Ungarn, zur Karpato-Ukraine, zur UdSSR und seit 1992 zur Ukraine) erhalten ließen, waren im neuen Gründungsjahr des Landes zum UNESCO-Biosphärenreservat erklärt und 1997 obendrein mit dem Europa-Diplom des Europarats ausgezeichnet worden – nur zur Aufnahme in die EU hat es halt leider bis heute noch immer nicht gereicht.
Die Muße des Ruhestands brachte es mit sich, dass ich mich endlich auch intensiver mit den Kriegserlebnissen des Vaters befassen konnte. „Was der Krieg aus einem macht. Einsichten aus dem Kriegstagebuch des Vaters“, so überschrieb ich einen 2018 veröffentlichten Text2, den ich mit einem überschwänglichen Ausruf beginnen ließ: Seit siebzig Jahren kein Krieg mehr hierzulande – was für ein Privileg! Wie ein Fremdköper steht oben auf meinem Bücherschrank der Karton mit dem fünfbändigen Kriegstage buch des Vaters, ausgekleidet in den Tarnfarben einer Wehrmachtzeltplane, jeder Band außen mit Ausschnitten aus der Generalstabskarte des jeweiligen Frontgeschehens bedruckt…
Wie verwandelt sich der Mensch im Verlauf von fünf Kriegsjahren? Die Antwort auf diese Frage suchte ich im Kriegstagebuch des Vaters. Am aufwühlendsten erwiesen sich zweifellos seine Aufschriebe und Fotos vom November 1942 bis August 1943, als sich seine Einheit an der Einschließungsfront von Leningrad befand. Die insgesamt vierjährige Blockade der Stadt hatte zur Folge gehabt, dass mehr als 700.000 Menschen verhungern mussten. Die Perspektive des Oberleutnants Fritz Hockenjos wird im Text ergänzt durch die Berichte im Buch des dem Vater exakt gegenüber eingesetzten russischen Leutnants, des späteren Autors Daniil Granin Mein Leutnant3. Am 27. Januar 2014 hatte er im Bundestag eine vielbeachtete Rede zum Gedenken an die Opfer der Blockade gehalten und das Vorwort des Buchs hatte noch Helmut Schmidt geschrieben. Bereits 1985 war er nach Berlin zu einer Lesung aus seinem „Blockade-Buch“4 eingeladen worden, in dem er auch nicht an Kritik an der sowjetischen Kriegsführung gespart hatte. Weil bei diesem Anlass meine in Berlin lebende Schwester Ruthild aus dem väterlichen Kriegstagebuch vorgelesen hat, entspann sich ein Briefwechsel zwischen den beiden gegnerischen Kriegsteilnehmern, dem eigentlich auch noch ein Besuch in der so leidgeprüften (seit 1991 wieder St. Petersburg heißenden) Stadt hatte folgen sollen, wozu es jedoch leider nicht mehr gekommen ist.
Umso mehr reizte es mich nach all den schaurigen Augenzeugenberichten aus dem „Vernichtungskrieg“ bzw. aus dem „Großen Vaterländischen Krieg“ nochmals in das „Venedig des Nordens“ zu reisen, das längst auch wieder zu einem touristischen Hotspot geworden war. Im Sommer 2019 war es soweit: per Bus und Fähre ging es über Helsinki in die Fünfeinhalbmillionenstadt, in welcher die (vornehmlich chinesischen) Touristenschlangen vor der Eremitage und vor den glanzvoll renovierten Zarenschlössern nicht mehr abreißen wollten – vom zerbombten Lenindenkmal keine Spur mehr. Ob sich eines Tages auch das neue, 450 Meter in den Himmel ragende und einer Rakete nachempfundene Gazprom-Geschäftszentrum dem Touristenansturm öffnen würde, war nicht auszumachen. Der Öl- und Erdgasexport, der nach Putins Beendigung der chaotischen Jelzin-Jahre nicht nur die Stadt wieder hat erblühen lassen, sondern auch eine Truppe skrupelloser KGB-Leute und Oligarchen einschließlich des russischen Präsidenten gemästet hat, wird kriegsbedingt inzwischen wohl doch einen Dämpfer erhalten – je nach Wirksamkeit der verhängten Embargos. Und auch von Busreisen in die „weißen Nächte von St. Petersburg“ ist vorerst abzusehen. In Putins Netz haben sich alle miteinander verfangen.
1 Belton, C .: Putins Netz. HarperCollins 2020; deutsche Erstausgabe 2022
2 Hockenjos, W.: Was der Krieg aus einem macht. In: Vom Nationalsozialismus zur Besatzungsherrschaft. Hrsg. H. Haumann und U. Schellinger. verlag regionalkultur, 2018.
3 Daniil Granin: Mein Leutnant. Berlin 2015.
4 Ales Adamowitsch. Daniil Granin: Das Blockadebuch. 2 Bde. Berlin 1984
Wilhelm Bode
WALDENDZEIT
Mit einem Vorwort von Hans Joachim Schellnhuber
Hardcover, 160 Seiten
24,50 €
KJM Verlag
ISBN978-3-96194-247-3
Der Titel des in der Reihe EUROPEAN ESSAYS ON NATURE AND LANDSCAPE erschienenen neuen Buchs von Wilhelm Bode dürfte empfindsame Waldfreunde auf Anhieb eher erschrecken als anlocken: „Endzeit“ lässt wenig Tröstliches erwarten, vielmehr Apokalyptisches. Dabei hat Wilhelm Bode, streitbarer Autor, Forstwissenschaftler und Jurist, etwas ganz anderes im Sinn: Mit forst- wie kunstgeschichtlichem Spürsinn interpretiert er Walddarstellungen von Albrecht Dürer über Caspar David Friedrich bis zu Max Ernst und blickt zugleich auf Deutschlands waldwirtschaftliche Entwicklung zurück. Während die Romantiker den Wald zu idyllisieren begannen, hatten die deutschen Forstklassiker um Heinrich Cotta und Georg Ludwig Hartig die Altersklassenwirtschaft erfunden, einen der erfolgreichsten Exportschlager Deutschlands. Leider mit der Folge, dass der Wald im Zuge der „rationellen Forstwirtschaft“ fortan in monotone Fichten- und Kiefern-Monokulturen umgebaut wurde – unterm Vorzeichen des Klimawandels fraglos eine fatale Erblast, wie sie in seinem Vorwort auch der Potsdamer Klimaforscher Schellnhuber beklagt.
Einzig Caspar David Friedrich, „Ikone der Romantik“, hat die grundlegenden waldwirtschaftlichen Veränderungen im frühen 19. Jahrhundert wahrgenommen und in seinen Gemälden und Skizzen dokumentiert. Sein „Wanderer über dem Nebelmeer“, stellt nach Bodes Recherche höchstwahrscheinlich einen hochrangigen Forstbeamten dar. Wie dieser blicke auch die heutige Forstwirtschaft in den Nebel einer ungewissen Zukunft angesichts all der katastrophalen Waldschäden wie auch der Verluste an Artenvielfalt, ausgelöst durch das über 200 Jahre lang praktizierte Pflanzen und Ernten im Wald nach Ackerbauart, neuerdings noch verstärkt durch die hoch mechanisierte Holzernte und deren Bodenschäden.
Doch der Autor belässt es nicht beim Wehklagen. Er wie auch Klimaforscher Schellnhuber setzen auf ein ganz anderes Modell, auf den Dauerwald, wie er bereits in den 1920er Jahren vom Forstwissenschaftler Alfred Möller propagiert worden ist und wie er da und dort auch schon sehr viel länger als bäuerlicher Plenterwald existiert: kahlschlagsfrei und ohne Pflanzung, ertragreich und widerstandsfähig, dabei konkurrenzlos günstig im Hinblick auf die CO2-Bindung. In der Holzerzeugung, aber auch in der Waldbauwissenschaft brauche es eine „kopernikanische Wende“, einen Paradigmenwechsel weg vom Holzanbauprinzip, hin zur Dauerwaldwirtschaft. Bodes bebildertes Plädoyer sollte auch im gegenwärtig so heftig entbrannten Streit um die Novellierung des Bundeswaldgesetzes als Argumentationshilfe dienen.
Unsere Produktion basiert auf den Erträgen nachhaltiger Waldwirtschaft und ist konsequent umweltverträglich ausgerichtet. Über unsere zukunftsweisende Interpretation der 0%-Reststoff-Regel leisten wir einen aktiven Beitrag zum dringend benötigten Klimaschutz: Sie werden erkennen: Wir handeln mit Herz und Verstand.
Werbetext der Ante-Holz GmbH & Co. KG
Wer von der waldarmen Baar herkommend auf der B31 in Richtung Schwarzwald rollt und dabei auf touristisch ansprechende Eindrücke hofft, wird schon gleich hinterm Waldeingang ernüchtert: Zur Linken weitet sich der Blick zu einer dicht an dicht belegten Lkw-Rastanlage mit Tankstelle. Dahinter schließt sich, seitlich leicht versetzt, das Werksgelände des Großsägewerks ante rötenbach GmbH & Co. KG an, seit 2021 Nachfolger der zuvor hier angesiedelten Holzwerke Rötenbach. Schon sie waren eines der größten Schwachholzsägewerke Baden-Württembergs; der Betrieb ist jedoch 2012 eingestellt worden – dem Vernehmen nach wegen unzureichenden Rundholzangebots. Ante Holz ist mit insgesamt 1.200 Beschäftigten an 7 Standorten (einem davon in Polen) und einem jährlichen Einschnitt von 1,2 Mio. Kubikmetern einer der allergrößten inhabergeführten Familienbetriebe dieser Sparte in Deutschland, ja sogar in Europa.
Wo die Holzwerke Rötenbach zuvor ein 15 ha umfassendes Werksgelände beansprucht hatten, will Ante Holz sein Areal nun auf 43 ha erweitern. Sein Personal soll hier von bisher 70 auf ca. 300 Mitarbeitende aufgestockt werden bei einen Jahreseinschnitt von – sage und schreibe! – 750.000 Festmetern – rosige Aussichten also für die Gemeinde Friedenweiler samt Teilort Rötenbach und deren Gewerbesteueraufkommen! Das Unternehmen ist zuversichtlich, das Baugenehmigungsverfahren inklusive der Anpassung von Regional- und Flächennutzungsplan so zügig bearbeitet zu bekommen, dass bereits 2025 der Baustart erfolgen kann. Artenschutzrechtliche Probleme scheint man nicht zu erwarten, obwohl in der Nachbarschaft noch ein Auerhuhnvorkommen existiert und ein Wildtierkorridor angrenzt. Kritischer sieht es um die Ergiebigkeit einer Quelle im südwärts gelegenen Matzenmoos aus: durch Rodung und Versiegelung könnte sich ihre Schüttung verringern – zum Nachteil des sie nutzenden Nachbarorts Göschweiler. Womöglich wird man statt ihrer eine Quelle im weiter entfernten Gatterwald „ertüchtigen“ oder zu neuen Lösungen greifen müssen. Und natürlich müssen auch erst noch die Aufforstungsflächen zum Ausgleich des Waldverlustes gefunden werden. Auch ein Kreisverkehr wird auf der B31 noch erwogen, damit die Holztransporte auch aus Osten ins Werk abbiegen können.
Alles in allem lösbare Probleme, so sieht es der Planer. Doch wie wird sich der Gigant auf die bestehende, vorwiegend mittelständische Schwarzwälder Sägewerksstruktur auswirken, von den kleinen bäuerlichen Sägewerken einmal ganz abgesehen? Die Ante-Betriebsleitung geht davon aus, das Rundholz in einem Umkreis von ca. 100 Kilometern einkaufen zu können. Was den Holzmarkt zweifellos durcheinanderwirbeln wird, denn das Werk wird sich seine Kontingente über Vorverträge mit den größeren Waldbesitzern (mit dem Staatswald, den Kommunen und insbesondere mit dem Großprivatwald) sichern. Wie sich die neue Konkurrenz wohl auf die Ertragslage im bäuerlichen Kleinprivatwald auswirken wird sowie auf die Existenz der noch verbliebenen Schwarzwälder Sägewerke?
Während bislang in den sich häufenden Kalamitäten das Käfer- oder das Sturmholz schleunigst vom nächstgelegenen Kunden übernommen und abgefahren wird, sieht sich bei längerer Transportkette des Großbetriebs der Borkenkäfer in den desto länger unentrindet im Wald verbleibenden Fichtenstämmen zu weiteren Bruten ermuntert, was zu dramatischer Verschärfung der Forstschutzlage führen kann – zu Schreckensbildern à la Sauerland oder Harz, von denen der Schwarzwald einstweilen noch verschont geblieben ist. Oder könnte ein solches Horrorszenario bei einer so gewaltigen Betriebsexpansion bereits einkalkuliert worden sein?
Holz aus nachhaltiger Waldwirtschaft ist ein konkurrenzlos umweltfreundlicher Baustoff und die Nachfrage nach Bauholz ist (speziell im Land der Häuslebauer) trotz weithin lahmender Baukonjunktur weiter ansteigend. Umso attraktiver mag die Ante-Holz-Produktpalette erscheinen, die neben Schnittholz Hobelware, Brettschichtholz, Konstruktionsvollholz, Brettsperrholz, Biobrennstoff auch Holz-Pellets, Haus- und Gartenprodukte verspricht.
Wird der Einstieg des Ante-Holzriesen also zum Glücksfall für Wald- und Holzwirtschaft der Region, gar für die Umwelt? Oder begibt man sich eher auf den Holzweg mit solcherlei Kapazitäten? Die „mit Herz und Verstand“ agierende ante-Rötenbach GmbH&Co. KG lässt etliche Fragen offen.
Ist der Wald etwa nur zehntausend Klafter Holz?
(Bert Brecht: Herr Puntila und sein Knecht Matti. Zürich 1948)
„Oder ist er nicht eine grüne Menschenfreude?“, so fährt Herr Puntila in rhetorischer Frageform fort. Grüne Menschenfreude, soviel zeichnet sich bereits ab, wird die im Koalitionsvertrag vereinbarte Novellierung des seit 1975 geltenden Bundeswaldgesetzes wohl kaum auslösen: Für die Berliner Ampel wird sie zu einer weiteren schweren Geburt werden, zumal für die Grünen samt Landwirtschafts- und Forstminister Cem Özdemir. Denn schon scheinen sich wieder die Bauern warmzulaufen, diesmal die Waldbauern, ein durchaus wehrhafter Teil jener Klientel, die sich im vergangenen Winter auf Straßen und Plätzen ausgetobt hatte. Der vorliegende Entwurf sei, so schäumt es im Netz, viel zu bürokratisch mit seinen vielen neuen Vorgaben und Verboten, die massiv in die Bewirtschaftung der Wälder eingreifen werden. Statt auf die Expertise und Erfahrung von Forstleuten und Waldeigentümern zu vertrauen und Freiraum für praxisnahe Lösungen zu schaffen, seien Gängelung und Regulierung zu befürchten, so argumentieren auch die großen Waldverbände und starten die Kampagne #fingerwegvomwaldgesetz – nicht nur im Netz, sondern auch auf Transparenten in Wald und Flur.

„Wenn der Wald könnte, würde er auf die Straße gehen“, lautet einer der Slogans in zarter Anspielung auf die winterlichen Demos, wo sich doch Forstmaschinen, Vollernter und Forwarder hinter den landwirtschaftlichen Treckern wahrlich nicht zu verstecken brauchten. „Freier und vielfältiger Wald statt Paragraphendschungel!“, so die Forderung der (48 % der deutschen Waldfläche bewirtschaftenden) Waldbauern und ihrer Interessenvertretungen. Das neue Bundeswaldgesetz sei sogar verfassungswidrig, meint ein von den Verbänden bestelltes Gutachten, zumal die „völlig überzogenen“ Strafvorschriften (von bis zu einem Jahr Haft). Gegen die Verfassung verstoßen würde auch „die in diversen Neuregelungen zum Ausdruck kommende Nachrangigkeit der Holzproduktion gegenüber Klimaschutz und Biodiversität“, ob im Falle der vorgesehenen Kahlhiebsverbote, der Baumartenwahl oder beim gesetzlich vorgeschriebenen Mindestabstand von 40 m von Maschinengasse zu Maschinengasse.
Doch eben diese Neuregelungen des Gesetzentwurfs gehen den Naturschutzverbänden noch nicht weit genug. Waren sie es doch, die auf eine Novellierung gedrängt hatten, weil unterm Vorzeichen des Klimawandels an Wald und Waldwirtschaft inzwischen doch ganz neue Anforderungen zu stellen sind. Eingefordert wird der Vorrang der Ökologie (des Waldökosystems) vor der Ökonomie (der Holzerzeugung). Derweil erregen sich im Netz die Mountainbiker, die sich ihre Singeltrails und Parcours nach dem Willen des Gesetzentwurfs jeweils vom Waldeigentümer genehmigen lassen müssen – eine Regelung, die bereits seit Jahren so im Landeswaldgesetz von Baden-Württemberg enthalten ist.
Klar, dass es da etlicher zusätzlicher Paragraphen bedarf. Und deren Umsetzung sollte dann ja auch zu kontrollieren und zu gewährleisten sein – durch das seit dem Jahrtausendwechsel gnadenlos ausgedünnte Forstpersonal und, analog dazu, massiv vergrößerter Forstbezirke und -reviere.

Am Beispiel der auf Kulturflächen inzwischen fast obligatorischen Wuchshüllen, die dem Schutz vor Wildverbiss und der Wuchsbeschleunigung dienen (und mitunter an die Kriegerfriedhöfe um Verdun erinnern!), sei angedeutet, wie sich die neuen waldgesetzlichen Forderungen für den Waldwirt auswirken können. Ziel des Gesetzes ist zweifellos ein möglichst resilienter Wald, am ehesten erreichbar mit Hilfe eines naturnahen Waldbaus und unter weitestgehendem Verzicht auf Kahlflächen. Denn auf ihnen pflegt sich die erhoffte (naturgebundene) CO2-Speicherung des Waldbodens in eine CO2-Emissionsquelle umzukehren. Weshalb eine dauerwaldartige Bewirtschaftung unbedingt vorzuziehen ist. Wo aber dennoch Kahlflächen zu bepflanzen sind, sei es nach Sturm- und Borkenkäferschäden oder zwecks Baumartenwechsels, dürfen nach dem Gesetzentwurf künftig nur noch „biologisch abbaubare“ Wuchshüllen Verwendung finden. Wer dieser Forderung nachkommen will, muss sich zunächst zurechtfinden angesichts der überwältigenden Fülle unterschiedlichster Modelle, Materialien und Angebote, die mittlerweile allesamt biologische Abbaubarkeit für sich in Anspruch nehmen. Dies bei weit auseinanderklaffenden Beschaffungs- und Aufstellungskosten. Inwieweit und bis wann die Materialien dann tatsächlich rückstandsfrei verrotten, überlässt man dem Zahn der Zeit. Skepsis scheint angebracht zu sein, will man sicher gehen und keinen Beitrag leisten zum globalen Mikroplastik-Desaster.

Sollten die Transparente etwa nur aus Anlass der Stippvisite von Bundeslandwirtschafts- und -forstminister Cem Özdemirs auf der Baar (am 18. Juli 2024 unterwegs zur Aasener Agri-Fotovoltaikanlage) aufgespannt worden sein – auf Einladung des Bad. Landwirtschaftlichen Hauptverbands BLHV und des Landesnaturschutzverbands LNV? Grüne Menschenfreude wird hier nicht versprochen.
Was war das für ein freudiges Ereignis – nicht nur für die Vereinsmitglieder der Luchs-Initiative Baden-Württemberg e. V., die sich seit über drei Jahrzehnten für die Wiederansiedlung des Luchses eingesetzt hatten – als am 1. Dezember 2023 im dick verschneiten Nordschwarzwald Finja, die erste Luchskatze des baden-württembergischen Bestandesstützungsprojekts im Beisein des Forstministers freigelassen wurde. Das Foto, wie sie putzmunter aus der Transportkiste springt, ging bundesweit durch die Medien. Zu ihrer Sicherheit und Überwachung trug sie einen Halsbandsender. Doch nun musste das Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz MLR (per Pressemitteilung Nr. 162/2024) am 10. Juli 2024 einräumen, dass sie gestorben sei, die Todesursache werde derzeit ermittelt. Überschrift:
Minister Peter Hauk MdL: „Wir sind sehr traurig über den Tod unserer Luchskatze Finja“
Bei der routinemäßigen Kontrolle an einem Rehriss sei Finja in stark geschwächtem Zustand aufgefunden worden. Es seien umgehend die Tierärzte aus dem Zoo Karlsruhe hinzugezogen und Rettungsmaßnahmen eingeleitet worden, doch alle veterinärmedizinischen Maßnahmen hätten ihren Zustand nicht mehr stabilisieren können. „Da keine Behandlung anschlug und zur Vermeidung weiteren Leidens musste das Tier leider eingeschläfert werden“, teilt das MLR mit: „Das ist traurig aber kann leider auch Teil der Realität bei Auswilderungsprojekten sein.“
Die aus einem Thüringer Gehege stammende und in einem Auswilderungsgehege auf die Freilassung vorbereitete Finja hatte genetisch, medizinisch und verhaltensökologisch alle Voraussetzungen erfüllt. Und in Freiheit hatte sie regelmäßig Rehe, gelegentlich auch Hasen und Füchse erbeutet. Nur die erhoffte Paarung mit Luchskuder Toni, der seit 2019 durch den Nordschwarzwald streift, hatte anscheinend noch nicht geklappt.
Auf den Fotos der Wildtierkameras hatte Finja jedoch stets gesund gewirkt, umso unerwarteter ihr erbärmlicher Zustand an ihrem letzten Riss. Welche Ursachen dafür ausschlaggebend waren, werde aktuell untersucht, verspricht die Pressemitteilung, was freilich einige Wochen in Anspruch nehmen könne. „Wir werden trotz des Verlustes an unserem Vorhaben festhalten und weitere Luchse ansiedeln“, so der Forstminister. Insgesamt 10 vorwiegend weibliche Tiere sollen bis 2027 ausgewildert werden, so will es schon das im Koalitionsvertrag vereinbarte Projekt.
Einstweilen wirft Finjas plötzliches Ende freilich Fragen auf: Wie soll es ihr in „stark geschwächtem Zustand“ eigentlich noch gelungen sein, ein Reh zu erbeuten? Wurde vor Ort auch der Riss untersucht? Könnte Finja nicht mit Hilfe des Rehkadavers vorsätzlich vergiftet worden sein? Falls ja, wer käme als Täter dafür in Betracht? Womöglich einer, der Luchse als Beutekonkurrenten fürchtet oder als Gefahr für seine Nutztiere hasst?
In Fernsehkrimis pflegt noch vor der Obduktion der Leiche, die kriminaltechnische Untersuchung des Tatorts zu erfolgen. Bleibt zu hoffen, dass um Finjas Tod keine unbegründeten Verschwörungstheorien aufkommen werden – für das baden-württembergische Luchs-Auswilderungsprojekt wären sie Gift!
Rezension:
Waldliebe als Geschäftsmodell
Gelüftet: Das Geheimnis von Wohllebens Baum-Geheimnis
Von Wilhelm Bode
J. D. Sauerländer´s Verlag, Bad Orb
9,80 €
Den phänomenalen Bucherfolg von „Deutschlands bekanntestem Förster“ hat auch aus der Forstbranche schon manch einer kritisch zu hinterfragen versucht. Nun hat Wilhelm Bode, streitbarer Jurist und Forstakademiker, vormals Leiter der saarländischen Forstverwaltung und der Obersten Naturschutzbehörde, eine ganze Broschüre (36 Seiten, 11 Abbildungen) dazu verfasst. Versehen mit einem Vorwort von Dr. Christoph Bartsch, Bürgermeister der Stadt Brilon und Präsident des Europäischen Kommunalen Waldbesitzerverbands FECO, hat Bode mit schwerem Geschütz eine ganze Breitseite abgefeuert, die den Bestsellerautor mitsamt seiner Waldakademie in ein denkbar ungünstiges Licht rückt.
Weil sich die Waldökologie für Klimasünder hervorragend zum Greenwashing eigne, habe der „nationale Forstexperte Peter Wohlleben“ nach dem Hype um sein (5 Millionen mal verkauftes) Buch Das geheime Leben der Bäume. Was sie fühlen, wie sie kommunizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt mit seiner Waldakademie ein Geschäftsmodell ersonnen, um seine sprudelnden Autorenhonorare in Dienstleistungsangebote für waldliebende Bürger, kommunale Waldbesitzer umzumünzen, „gerne auch für die produzierende Wirtschaft“. Womit er „zu saftigen Preisen eine völlig neue Marktnische „für eine vermeintlich gute Sache, nämlich gegen die den Waldraubbau betreibende Holzerzeugung im Wald“ eröffnet habe. Der einstige Kampfruf „Baum ab, nein danke“ werde hier mit neuer ideologischer Begründung gegen die Wald-Erzeugung von Holz mobilisiert. Ziel sei der Urwald oder mindestens ein weitgehend dem natürlichen Urwald ähnlicher Naturwald.
Unter staatlichem Schutz in größeren Reservaten und Nationalparks ist dies durchaus auch ein Anliegen Wilhelm Bodes, der einräumt, selbst einer derjenigen gewesen zu sein, die den Autor Wohlleben zunächst in Schutz genommen haben; zumal bei dessen Kritik an naturferner Altersklassenwirtschaft wie auch „gegen die unwissenschaftliche Reaktion der deutschen Waldbauwissenschaft“ auf Wohllebens Rezept der Vermenschlichung und Verniedlichung der Bäume („stillende Mutterbäume“, ihr „Kuscheln“ und Schmerzempfinden, ihre Kommunikation untereinander).
Mittlerweile hat freilich eine internationale Literatur-Vergleichsstudie von 35 führenden europäischen und nordamerikanischen Ökologie- und Waldbauwissenschaftlern Wohllebens „Anthropomorphismen“ gründlich widerlegt und als „Fake“ überführt. Wilhelm Bodes Fazit: „Forstpolitisch schadet Peter Wohlleben den gesellschaftlich notwendigen Bemühungen um den Wald und die Holzerzeugung. Er macht die begründete Kritik an der realexistierenden Forstwirtschaft, die natürlich primär der Holzerzeugung dient und auch künftig dienen muss, in Deutschland unglaubwürdig, ja unmoralisch.“
Man darf gespannt darauf sein, wie der Mainstream der Medien auf die Streitschrift reagieren wird.
Sag mir wo die Blumen sind
wo sind sie geblieben?
Sag mir wo die Blumen sind
Was ist geschehen?
Der Ohrwurm aus den 1960er Jahren, im Original noch gesungen von Marlene Dietrich, will mir nicht mehr aus dem Kopf seit meinem jüngsten Besuch der Trollblumenwiese. Hatte ich auf ihr doch 2019 eines meiner schönsten Frühlingsmotive gefunden, das nachfolgend dank CEWE als Grußkarte diente.
Diesmal war ich misstrauisch geworden, nachdem ich schon bei meinem Frühlingsbesuch des Weißwalds am Rande des vergrasten Erdwegs statt der alljährlich begrüßten Exemplare von Trollius europaeus nur eine einzige Blüte vorfand. Also steuerte ich den Überauchener Stellwald an, in dem sich, unmittelbar angrenzend an das Naturschutzgebiet Plattenmoos, als Insel eine blumenreiche Feuchtwiese befindet. Und siehe da: nicht ein einziger gelber „Butterballen“ leuchtete mir entgegen, nur Margariten, Glockenblumen und das Gelb der Wiesenbocksbärte – alles wie ausgewechselt. Und dies trotz üppigen, örtlich sogar chaotischen Niederschlags in diesem Frühjahr!
Was mochte der Grund sein für diesen Totalausfall? War es die Serie abnormer Trockensommern oder war gedüngt worden? War es die Stickstoffdusche aus der Landwirtschaft und dem Verkehr, die ohnehin seit Jahrzehnten über der Landschaft niedergeht? Und war das Verschwinden endgültig, oder würde sich der Trollblumenbestand wieder erholen? Verbleiben Hahnenfußgewachse per Samenbank im Boden, um dann irgendwann, wenn es ihnen passt, wieder zu erscheinen? Botaniker müsste man sein – oder Optimist!
Buchrezension:
Schweikle, Johannes und Keyerleber, Daniel:
Über den Schwarzwald. Entdeckungsreise auf dem Westweg.
8 grad verlag, Freiburg 2024, 254 S. 35 €
Über den 285 Kilometer langen, bereits im Jahr 1900 vom Schwarzwaldverein mit der roten Raute ausgeschilderten Westweg von Pforzheim nach Basel ist schon viel geschrieben worden. Auch Johannes Schweikle, in Freudenstadt geborener Journalist, Autor und Dozent, hatte 2014 bereits ein Buch über ihn unterm Titel Westwegs (Klöpfer u. Meyer Verl.) verfasst, und unlängst ist mit Wildwestwegs sogar noch ein Film über diesen wohl bekanntesten und bestfrequentierten Fernwanderweg Deutschlands in die Kinos gekommen. Nun haben Johannes Schweikle und Fotograf Daniel Keyerleber mit einem Westwegbuch nachgelegt, das zweifellos neue Maßstäbe setzt: Den Schwarzwald erlebt und beschreibt der Autor auf seiner Wanderung mitreißend amüsant und zugleich nachdenklich, jedenfalls auf ganz und gar unsentimentale Weise und fernab aller üblichen touristischen Klischees. In seinen unterwegs eingeblendeten Exkursen beweist der Freudenstädter ein enormes Hintergrundwissen über Land und Leute wie über die Geschichte, sodass selbst der Schwarzwälder Leser aus dem Staunen und Schmunzeln nicht herauskommt.
Für Daniel Keyerlebers eingestreute Fotos gilt Ähnliches: Auch sie zeigen den Schwarzwald nicht in den gewohnten Bildband- und Kalendermotiven, sondern zumeist recht unprätentiös, wobei er nicht einmal vor wetterbedingter Düsternis oder vor Windkraftanlagen zurückschreckt. Schade nur, dass Bildunterschriften fehlen und dass zur Lokalisierung der Aufnahmen zuhinterst im Bildverzeichnis nachgeschaut werden muss.
Die Windräder blendet auch der Autor nicht gänzlich aus, wenn er etwa das „Blindrad“ hart am Rande des Naturschutzgebiets Blinder See kritisch kommentiert oder den Straubenhardter Windpark eher gelten lässt, um welchen der Westweg ein Stück nach Osten verlegt werden musste, um nicht die Zertifizierung als Premiumwanderweg zu gefährden. Auch massentouristische Exzesse à la Mummel- oder Titisee werden weder geschönt noch ausgelassen. Und dennoch beschreibt er die Wanderung als beglückendes und bereicherndes Erlebnis – ausgenommen die allerletzten schnurgeraden Kilometer bis ins Ziel: „Seit Lörrach fürchte ich das Ende des Wegs. So sieht die Welt aus, in die ich nach dem Ende dieser Wanderung zurückmuss.“
Ob freilich der Schwarzwaldverein sich nächstens nicht noch zu vielen Verlegungen des Westwegs (auf seine neue Gesamtlänge von dann geschätzt 350 Kilometern) genötigt sehen wird, wenn all die von den Regionalverbänden derzeit ausgewiesenen Vorranggebiete mit Windparks zugestellt sein werden? Und ob sich der Autor dann nochmals zu einer Westwegtour aufraffen könnte, erscheint zweifelhaft. „Hier oben“, schreibt er auf S. 165, „bin ich empfindlicher. Ich suche eine Insel im Meer der Funktionalität, brauche Abstand von den kalten Lösungen der Technokraten. Im Wald will ich mich erholen von den Anstrengungen permanenter Veränderungen. Deshalb verträgt der Blindensee kein Windrad.“