Es ging spazieren vor dem Tor Ein kohlpechrabenschwarzer Mohr…
Wilhelm Busch: Die Geschichte von den schwarzen Buben. In: Der Struwwelpeter. 1844. Verl. Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt am Main 1917.
Keine deutsche Nachrichtensendung, keine Tageszeitung durfte gegen Ende des Sommerlochs 2025 auf diese Meldung verzichten: Die Berliner Straße und U-Bahnstation Mohrenstraße wurde nach langjährigen Auseinandersetzungen in Anton-Wilhelm-Amo-Straße umbenannt; zuletzt war damit sogar das Berliner Oberverwaltungsgericht noch auf Trab gehalten worden. Es wirke dies wie eine krampfhafte historische Verrenkung, meinte dazu etwa die Süddeutsche Zeitung (v. 25. August 2025), wo doch der Namensgeber, erster afrodeutscher Akademiker (1756 – 1784), der in Halle und Jena Philosophie gelehrt hatte, so gut wie nichts mit Berlin zu tun habe. Zuvor schon hatten Aktivisten mit Pinsel, Farbe oder Aufklebern aus der Mohren- eine Möhrenstraße gemacht.
Foto: Internet rbb24
Ob jetzt auch die deutschlandweit über einhundert im Netz aufgeführten Mohrenapotheken umbenannt werden müssen – soweit man sich dort nicht schon längst um einen neuen Namen bemüht hat? Zumal, wenn überm Eingang womöglich noch halbnackte dunkelhäutige Figuren getanzt haben, im Blätterrock oder in Pluderhosen und mit Speeren bewaffnet. Die abendländische Medizin habe halt einst viel vom Wissen der arabischen Besatzer Spaniens profitiert, so lautet ein akademischer Erklärungsversuch.
Nahegelegt wird neuerdings ja auch Melchior, dem Schwarzafrikaner unter den drei Königen, sich fortan das Gesicht nicht mehr zu schwärzen? K+M+B sind sich mittlerweile zum Verwechseln ähnlich, wenn sie um Dreikönig herum ihre Runde machen. Was soll´s, wo doch auch Winnetou zwar noch Apache, doch kein Indianer mehr sein darf. Muss nächstens auch der Name Moritz getilgt werden, der doch wohl von Mauritius abstammt, dem dunkelhäutigen Schutzheiligen der Infanterie, der Messer- und Waffenschmiede? Muss demnach auch Wilhelm Buschs Max und Moritz – EineBubengeschichte in sieben Streichen von 1865 überarbeitet werden? People of Color, mögen ihre Bezeichnungen auch seit Jahrhunderten eingedeutscht sein und jedweder rassistischen Untertöne unverdächtig erscheinen, sollen es künftig besser haben bei uns – so die Devise.
Und was passiert mit den (in Süddeutschland gar nicht so seltenen) Gasthäusern zum Mohren? Wie waren sie denn überhaupt zu diesem inzwischen als spätkolonialistisch und rassistisch gedeuteten Namen gekommen? Nehmen wir uns dazu den Mohren in Fischbach vor, in der Teilgemeinde von Niedereschach, einen der bekanntesten Gasthöfe im Hintervillinger Raum, nebst dem Sinkinger Taubenmarkt bis unlängst noch der wichtigste Anziehungspunkt. Noch gibt es ihn, leider jedoch mit stark reduzierter Küche, und nach Schließungen aufgrund einer Insolvenz bekommt man immerhin noch sein Bier am Stammtisch, sofern nicht gerade Betriebsferien herrschen. Sollte der gastronomische Niedergang womöglich nicht nur mit den branchenüblichen Personalproblemen, sondern auch mit der neuempfundenen Anstößigkeit des Wirtshausnamens zu tun haben?
Der Fischbacher Mohren
Ein solcher Verdacht hat bereits vor Jahren (am 4. 10. 2022) einen Journalisten der Schwäbischen Zeitung inspiriert, geäußert in seinem Beitrag aus Anlass der Wiedereröffnung des Hauses:
„Die Herkunft des Namens „Zum Mohren“, der aktuell bekanntlich nicht unumstritten ist, den manche als rassistisch ansehen und deshalb ablehnen, kann nicht eindeutig belegt werden. Eine andere, gleichnamige Gaststätte in Hechingen etwa, änderte im August ihren Namen. Forschungen sollen jedoch ergeben haben, dass es Unterkünfte mit diesem Namen fast nur entlang der alten Römerstraße Via Claudia Augusta gab und gibt. Fürsten und ihre dunkelhäutigen Bediensteten sowie allerlei Pilger reisten häufig über diese wichtige Handelsstraße, die Süddeutschland und Italien verband, und kehrten in sogenannten Hospizen ein. Man vermutet, dass der Name „Zum Mohren“ von diesen Gästen stammt.“
Eine recht abenteuerliche These, wo Fischbach doch wohl nie an einer „wichtigen Handelsstraße“ aus Römerzeiten lag, auch wenn unweit des Dorfs immerhin die Grundmauern einer villa rustica und die Ruine eines Römerbads ausgegraben wurden. Sollten etwa auch hier „dunkelhäutige Bedienstete“ mitgemischt haben?
Villa rustica bei Fischbach-Sinkingen
mit restauriertem Römerbad
Freilich bietet sich auch eine sehr viel näher liegende Erklärung an: Man denke an die im Süddeutschen weit verbreiteten Wirtshausnamen zum Ochsen oder zum Hirschen. Denn im bäuerlichen Schwarzwald hieß das weibliche Hausschwein, die Muttersau, seltsamerweise Mohr – wer oder was wollte einen Schwarzwälder also daran hindern, seinen Gasthof zum Mohren zu nennen, wo sich da dem Gast doch sogleich die Assoziationen Schweinebraten oder -schnitzel aufdrängten, so wie bei der Konkurrenz Ochsenmaulsalat oder Hirschragout?
Doch was helfen derlei Erklärungsversuche, wenn die Menschheit immer vehementer dazu neigt, historisch Gewachsenes umzudeuten und umzudeklarieren. Hoffen wir zugunsten der Fischbacher wie der gesamten Region, dass der vormals so berühmte Landgasthof zum Mohren auch unter seinem alteingeführten Namen nicht vollends schließen muss.
In Wilhelm Buschs Struwwelpeter werden die drei vorlauten Buben, die den Schwarzen zu verspotten wagten, vom Nikolaus zur Strafe ins Tintenfass getaucht. Rassismus jedenfalls scheint dem Dichter damals fern gelegen zu haben. Übertreiben wir´s da heute nicht doch ein bisschen – vor lauter political correctness?
Du siehst sie hier, wie schwarz sie sind, Viel schwärzer als das Mohrenkind! Der Mohr voraus im Sonnenschein, Die Tintenbuben hinterdrein; Und hätten sie nicht so gelacht, Hätt‘ Niklas sie nicht schwarz gemacht.
So allmählich verabschieden sich die letzten Teilnehmer am Zweiten Weltkrieg für immer. Da will auch mir nicht mehr aus dem Kopf, dass ich ja ebenfalls die Jahrhundertkatastrophe noch mit abbekommen habe. Allemal, wenn abends die grauenerregenden Bilder aus dem Gazastreifen oder aus der Ukraine über den Bildschirm flimmern, selten ohne verletzte, getötete oder doch heillos verstörte Kinder. Was macht der Krieg aus einem, so hatte ich mich vor Jahren schon beim Durchackern des väterlichen Kriegstagebuchs gefragt; und was hat er aus mir gemacht? Schon der Umstand, dass ich im März 1940, am Ostersonntag, in der badischen Metropole geboren wurde, hat mit dem Fronteinsatz des Vaters zu tun gehabt: mehr freilich noch mit der Verfügbarkeit der Karlsruher Großmutter beim Hüten des Erstgeborenen (meines Bruders Fritz) während Mutter Elses Entbindung. Derweil der Vater, im Rang eines Offiziersanwärters, Dienst am einstweilen noch ruhigen Westwall tat – nicht gar so weit weg an der elsässischen Grenze. Erst im Juni dann sollte der Krieg für ihn blutiger Ernst werden: Bei der Erstürmung der Maginot-Linie in den Ausläufern der Vogesen sollte er durch einen Granatsplitter das erste Mal verwundet werden.
Daheim in Kandern im Markgräflerland, fehlte es mir im weiteren Kriegsverlauf durchaus nicht an mütterlicher Obhut und Zuwendung, immer häufiger auch nicht an großmütterlichem Einsatz, nachdem dann auch der Karlsruher Opa noch eingezogen worden war. Trotz Krieg scheint es mir in meinen ersten Lebensjahren an kaum etwas gemangelt zu haben. Traumatische Erlebnisse, wie sie so viele Vertreter der Kriegsgeneration bis zum Lebensende zu verfolgen und zu quälen pflegen, wollen in mir bis heute – gottlob! – nicht aufkommen. Was aber nicht heißen soll, dass sich im Langzeitgedächtnis nicht auch düstere Ereignisse abgespeichert finden. Doch so ganz Entsetzliches scheint mir jedenfalls erspart geblieben zu sein. Meine früheste, freilich arg nebelhafte Erinnerung rankt sich um einen Krankenhausbesuch in Lörrach, wobei ich mir nicht sicher bin, ob der Anlass der geplatzte Blinddarm von Bruder Fritz war oder Mutters Entbindung von Bruder Klaus (im März 1943). Um dorthin zu gelangen, musste man mit dem „Chanderli“, einem von Kandern nach Haltingen verkehrenden Schmalspurbähnle, bis nach Binzen (oder war es bis Rümmingen?) fahren, um von dort über die Lucke (dem Sattel zwischen Kander- und Wiesental) nach Lörrach zu gelangen. Geblieben ist mir die Erinnerung an Salzbrezeln im Krankenhaus, aber auch an einen Panzer, der oben auf der Lucke stand. Was der dort suchte, ist mir schleierhaft, denn die Front war ja noch weit weg. Oder sollte ich ihn mir später hinzuphantasiert haben?
Frühe Fotos aus den elterlichen Alben zeigen mich damals heiter und erstaunlich gut im Futter, so gut, dass ich von Bruder Fritz noch jahrelang gehänselt wurde ob meiner „Hängebacken“. „Aldi Hex vo Binze, kochsch mer guedi Linse“ – dieser Markgräfler-Reim gehörte schon früh in unser Liederrepertoire. Denn Essen hatte bei mir schon immer einen (wolfsmäßig) hohen Stellenwert, auch wenn wir dank Mutters (und/oder Omas) erfindungsreicher Küche nie wirklich hungern mussten. Apropos Wolf: Seit Vaters Tod im Jahr 1995 rätsle ich, wie ich eigentlich zu meinem Namen gekommen bin. Ich meine mich erinnern zu können, dass ich nach einem gefallenen Freund von Vater Fritz (nach welchem nur?) benannt worden sei. Oder könnte da womöglich doch „der Führer“ (der von seinem engsten Kreis Wolf genannt werden durfte) mit herumgespukt haben? Schade, dass ich zu Vaters Lebzeiten da nie nachgehakt habe.
In Kandern wohnten wir in der staubigen (offenbar noch ungeteerten) Feuerbacher Straße gleich neben dem Pfarrhaus. Unsere Mietwohnung gehörte zum Tonwerke-Komplex der Ziegeleifirma Kammüller, und gegenüber den Mitgliedern der Fabrikantenfamilie durften wir Kinder uns nur ja keine Frechheiten erlauben. Dennoch pflegten wir Brüder unterm Bürofenster der Miteigentümerin Liese Kammüller mitunter provozierend „Liese auf der grünen Wiese“ zu singen, wofür wir uns eines Tages reuig und zerknirscht bei ihr zu entschuldigen hatten. Denn Mutter Else durfte es, als kriegsbedingt Alleinerziehende, nur ja nicht verscherzen mit den Vermietern. Spielplatz war denn auch weniger das Fabrikareal mit seinen Hallen voller Backsteinbeigen und dem hohen Schlot als vielmehr der Pfarrhausgarten nebenan, wohlgelitten von dem mit der Familie befreundeten, stimmgewaltigen Stadtpfarrer, dessen Sohn unser bevorzugter Spielkamerad war.
Mit Ritterkreuzen (aus Pappe) dekoriert: die Brüder Fritz und Wolf, dazwischen Klaus
Wann immer Vater Fritz urlaubshalber in schneidiger Uniform von der wankenden Ostfront zuhause auftauchte, waren gemeinsame Wanderungen in die Umgebung zu dieser oder jener Waldhütte angesagt, wir beiden Buben (der dritte war dazu anfangs noch zu klein) zumeist bewaffnet mit Holzgewehren und ab Kriegsjahr 1944 geschmückt mit Ritterkreuzen aus Pappe, nachdem der Vater in den Rückzugsschlachten damit ausgezeichnet worden war; mich begleitete dabei stets auch mein hölzerner Gliederdackel, der mit dem Schwanz wedeln konnte. Spielten wir da „Soldätles“ oder war mir der Forstberuf etwa damals schon irgendwie vorgezeichnet? Gegen Kriegsende galten die Gänge mit dem Vater dann allerdings mehr den Flakstellungen oberhalb Kanderns als dem Wald.
Unterwegs in den Kindergarten gerieten Bruder Fritz und ich eines Morgens in einen heftigen Fliegerangriff – für mich die mit Abstand eindringlichste Kriegserinnerung: Wir hatten eben den Kirchplatz erreicht, als die Sirenen heulten und es auch schon zu jaulen und zu krachen begann. Kirchenfenster gingen neben uns zu Bruch und an der Hauswand gegenüber warf sich ein Mann Deckung suchend auf den Boden, während wir beide unter einer Kastanie Schutz suchten. Ob oder wie sehr wir schlotterten und heulten vor Angst, hat sich mir nicht eingeprägt – den Schrecken muss ich wohl doch irgendwie verdrängt haben. Als das Krachen endlich aufhörte und die Flieger sich wieder aus dem Staub gemacht hatten, kam plötzlich unser Vater gerannt, der sich gerade im Fronturlaub befand. Zu unserer Verwunderung rannte er jedoch weiter, nachdem er sich nur kurz vergewissert hatte, dass uns nichts passiert war. Offenbar wollte er nach den Bombenschäden in der Stadt sehen, um, falls erforderlich, Hilfe leisten zu können. Viel später haben wir ihn mit der Frage gelöchert, weshalb er uns eigentlich nicht zuerst nachhause gebracht hat. Lag es daran, dass er aus Russland weitaus Heftigeres gewohnt war?
Auch daheim in der Feuerbacher Straße überstanden wir noch manchen Alarm, und nach einem solchen war sogar einmal unmittelbar hinterm Haus eine Mörsergranate eingeschlagen. Das Pfeifen und Krachen von Granaten wie auch das Heulen der Sirenen ist mir seitdem im Ohr geblieben. Die Kinder am Wickel, pflegten sich Mutter und Großmutter jeweils Hals über Kopf die Treppe hinunter in den Keller zu stürzen!
Sehr viel harmloser und durchaus positiv besetzt ist dagegen ein anderer Erinnerungsfetzen: Irgendjemand hatte uns Buben eine Fahrt per Pferdefuhrwerk (im Alemannischen „Bräckle“ genannt) nach Bamlach am Rhein ermöglicht, wo wir die Mutter beim Schanzen (dem Ausheben von Schützengräben) besuchen durften. Auch nach Badenweiler, wo der Vater Ende 1944 im noblen, zu einem Lazarett umfunktionierten Sanatorium „Haus Baden“ seine Ruhrerkrankung auskurierte, ging es bisweilen wieder mit der Mutter, ob zu Fuß oder dank einer Mitfahrgelegenheit, ist mir nicht mehr erinnerlich.
Die letzten Kriegswochen waren wir samt Karlsruher Großmutter im Platzhof evakuiert, einem Bauernhof einige Kilometer ostwärts von Kandern. Dort, im hofnahen Wald, gerieten wir letztmals in einen Fliegerbeschuss – in Erinnerung ist mir vor allem die Oma geblieben, wie sie sich mit uns Buben in den Weggraben warf, weshalb wir unentdeckt und unversehrt blieben. Schlimmer war allemal, dass an der Scheideck, oben auf der Passhöhe der Straße nach Kandern hinüber, mehrere von Schmeißmucken umschwirrte, aufgeblähte und stinkende Kadaver von Armeepferden lagen, die offenbar beim Rückzug der deutschen Truppen dort zu Tode gekommen waren. Fritz und ich mussten sie mehrmals mit Schaudern und zugehaltenen Nasen passieren, wenn wir im Städtle einen Einkauf zu besorgen hatten. Viel später erst wurde mir bewusst, dass exakt hier oben anno 1848 auch Friedrich Heckers revolutionärer Zug aufgerieben worden war.
Der Einmarsch der Franzosen verlief, zumindest aus der Sicht von uns Kindern, recht undramatisch, obwohl es sich überwiegend um (wegen ihrer Übergriffe auf Frauen übel beleumundete) Marokkaner gehandelt hat, die da plötzlich in Kandern auftauchten, ohne dass es noch zu Kampfhandlungen gekommen war. Auch im Holzschuppen nebenan kampierten welche, was uns Buben natürlich mächtig faszinierte. Sie hatten von uns eine Zeltplane konfisziert, die Fritz und ich anderntags in ihrer Abwesenheit wieder durch die hölzerne Lattentüre heraus angelten – soviel Heldenmut musste sein.
Der Vater hatte sich, wie in seinem Kriegstagebuch nachzulesen ist (und wie er es uns später anlässlich eines Bodenseebesuchs an einem der Originalverstecke im Wald oberhalb Ludwigshafen sehr plastisch dargestellt hat), nach der Kapitulation am 8. Mai 1945 bewaffnet und in voller Montur nächtelang vom Bodensee-Hinterland auf Schleichwegen bis kurz vor Kandern durchgeschlagen, ehe er sich schließlich doch von einem seiner Vorkriegs-Mitarbeiter dazu bewegen ließ, sich bäuerliche Zivilkleidung auszuleihen. Was sich als rettende Idee herausstellte, denn vor unserer Haustür hatte ein französischer Posten Stellung bezogen, der die Fabrikhallen bewachte. So blieb uns der Vater vorerst unbehelligt erhaltern; erst im Herbst 1945 holten die Franzosen ihn ab zu anderthalb Jahren Kriegsgefangenschaft. War er denunziert worden, wenn ja, weswegen? In den paar Wochen, solange er noch zuhause war, hatten wir mit ihm immer wieder Hamstertouren in die umliegenden Dörfer unternommen, zumeist mit dem Leiterwägele, auf welchem wir bergab alle aufsitzen konnten. Kurz vor Obereggenen bin ich dabei als Wagenlenker einmal mit Karacho einem Radler in die Speichen geraten. Noch unauslöschlicher ist mir jedoch eine abendliche Heimfahrt im Gedächtnis geblieben. Es hatte zuvor in Obereggenen reichlich neuen Süßen gegeben, Krätzer, der offenbar schon am Vergären war. Talabwärts, von der Johannesbreite nach Sitzenkirch hinunter, war ich wieder mal Chauffeur mit der Deichsel zwischen den Beinen, mit Bruder Fritz und dem Vater hintendrauf, dieser mit dem Bremsbengel in der Hand zur Temporegulierung, mit dem „Fuullenzer“ (Faulenzer), wie er ihn nannte. Dreimal hintereinander mussten sie mich aus dem linksseitigen Straßengraben herausziehen, denn anscheinend hatte ich meinen allerersten Schwips abbekommen. Nach der dritten Entgleisung fing ich (verdienter- oder unverdientermaßen?) noch eine väterliche Ohrfeige!
Als weniger unfallträchtig, aber auch als weniger ergiebig erwiesen sich dann die Hamstertouren mit der Mutter, derweil der Vater in Mulsanne in französischer Gefangenschaft schmorte und Hunger litt; mit ihm hatte es bei den Bauern der Umgebung offenbar weitaus besser geklappt mit der Hamsterei. Mit der Mutter hingegen ist mir vor allem eine Tour in Erinnerung geblieben: über Sitzenkirch nach dem Weiler (mit dem für Hamsterer so verheißungsvoll klingenden Namen) Käsacker: Auf dem Hinweg hatten wir noch fidele Marschlieder aus Jugendbewegungszeiten gesungen à la „Hoch auf dem gelben Wa-ha-gen“ oder „Ich armes welsches Teufele“; heimwärts trotteten wir neben einer weinenden Mutter einher, nachdem wir von den Bauern offenbar unfreundlich empfangen worden waren und nichts Nahrhaftes abbekommen hatten. Richtig hungern mussten wir dennoch nicht, denn immer gab es ja noch Kartoffeln, die die Mägen füllten, salzig oder süß, in unzähligen Variationen von Mutter oder Großmutter gekocht, gebraten, gestampft oder gerieben. Viel später, womöglich erst in der Pubertät, beschlich mich der Verdacht, dass die Form meines Brustkastens auf jene Kartoffelzeit und meinen wölfischen Appetit zurückzuführen sein könnte. Zeitlebens verschmähe ich indessen die mit Zucker und Zimt bestreuten Kartoffelpuffer, von denen ich damals gar zu viele vertilgt haben muss.
Glück gehabt also – kein Wunder, dass mich die im Weltkrieg so glimpflich verlaufene Kindheit nicht mehr zu quälen scheint! Und doch: nach achtzig Friedensjahren schleicht sich das Kriegsgespenst wieder ein. Ob es sich wohl wieder vertreiben lässt?
*Hockenjos, W.: Was der Krieg aus einem macht. Einsichten aus dem Kriegstagebuch des Vaters. In: Vom Nationalsozialismus zur besetzungsherrschaft. Fallstudien und Erinnerungen aus Mittel- und Südbaden. Hg. von Heiko Haumann und Uwe Schellinger. verl. regionalkultur, 2018
Beim Aufräumen fiel mir neulich ein wilhelminisches Zeitdokument in die Hände: in Buchform der komplette Jahrgang 1900 einer Gratisbeilage der Nixdorfer Zeitung und des Britzer Tageblattes, das Sonntags-Blatt. Während Britz, ein ehemaliges Rittergut mit Schloss und Gartenareal, noch leicht identifiziert werden kann, obwohl es mittlerweile von der Hauptstadt Berlin aufgesogen und dem Stadtteil Neukölln zugeordnet wurde, sucht man Nixdorf vergebens; mit Google-Hilfe werden allenfalls Nixdorf-Computer und andere Namensträger aus der IT- und Kfz-Branche ausgespuckt. Ein Erscheinungsort ist nicht mehr ausfindig zu machen. Dennoch wird schon beim ersten Durchblättern klar, was die (offenbar vorwiegend preußische) Leserschaft damals als Wochenendlektüre bevorzugt und aufgetischt bekommen hat: Reich bebilderte Berichte von den Kriegsschauplätzen in Südafrika und China, vom industriellen Aufschwung, von Neuerungen bei der deutschen Kriegsflotte, bisweilen auch Reportagen über aktuelle Brand- wie Eisenbahnkatastrophen, vor allem aber reichlich Adelsgeschichten.
Natürlich darf auch die allwöchentliche Herz- und Schmerz-Fortsetzungsgeschichte nicht fehlen. Über Monate hinweg ist es der Roman „Maria da Caza“ eines Georg Freiherrn von Ompteda (verbunden jeweils mit dem Hinweis „Nachdruck verboten“). Auch „Das Dampfboot“, die „Erzählung vom Bodensee von Arthur Achleitner“ hält sich recht lange. Und in der zweiten Jahreshälfte ist es dann der Roman „Daniela“ eines Hans Wachenhusen, der die Leserschaft bis zum Jahresende gefesselt hat. Zudem wird jeweils ein buntes Allerlei mit Spielecke, Rätseln und Vexierbildern verabreicht sowie die Sparte Humoristisches mit Kurzgeschichten und Karikaturen.
In den Letzteren taucht erstaunlich oft die Gestalt des Försters auf, in der Regel zusammen mit der des Sonntagsjägers. Das Strickmuster ist dabei zumeist von entwaffnender Schlichtheit und verleitet heutzutage kaum mehr zum Schmunzeln: Beispielhaft etwa auf S. 88 unter der Überschrift Treffend ausgedrückt: Förster (zum Sonntagsjäger): „Donnerwetter…. Sie haben ja den jungen Studenten angeschossen – heute ist doch keine… Fuchsjagd!“ Oder auf S. 362 unter der Überschrift Ein Praktikus: Sonntagsjäger: „Warum verbieten Sie den alten Weibern nicht, dass sie sich während der Jagd hier herumtreiben?“ Förster: „Fällt mir gar nicht ein, da hätten ja die Herren gar keine Ausrede mehr, wenn sie nichts treffen.“
Unter Humoristisches findet sich auf S. 80 indessen auch ein verblüffendes Dokument, das nahelegt, dass zum Jahrhundertwechsel wohl doch nicht nur Adelsverehrung, technischer Fortschrittsglaube und imperiales Getöse den Ton angegeben haben. Die Karikatur lässt vielmehr vermuten, dass es in der wilhelminischen Gesellschaft auch pessimistische Unterströmungen gegeben hat. Wie anders lässt sich der Dialog der beiden Waffenträger deuten? Könnte es sein, dass der Aufbruch ins 20. Jahrhundert angesichts der martialischen Aufrüstung der Flotte wie der militärischen Strafaktionen in Südafrika und China doch auch von Skepsis, ja von apokalyptischen Ängsten begleitet wurde – womöglich sogar in düsterer Vorahnung der beiden Jahrhundertkatastrophen, den späteren Folgen deutscher Großmannssucht? Hatten deshalb auch bereits Weltuntergangsszenarien Konjunktur? „Haben Sie gelesen, Herr Oberförster, die Welt soll untergehen?“ so fragt der bebrillte Mitjäger. „Mir egal … ich lüg mich schon durch!“, meint dazu sein bärtiger Gegenüber in der Karikatur, wie es ausschaut sehr gelassen, kaum dass er dazu die Pfeife aus dem Mund nehmen muss. Auf was sonst, als auf eine verbreitete, zumindest unterschwellige Stimmung im Volk spielt das Sonntags-Blatt hier an? Oder war es schlicht der Jahrhundertwechsel, der immer auch die Kassandras und Weltuntergangspropheten aus der Deckung hervorzulocken pflegt, nicht anders als es uns Heutigen aus Anlass des Jahrtausendwechsels in Erinnerung geblieben ist – auch wenn es dann vor allem die Computer-Nerds waren, die den ganz großen Crash befürchtet haben.
Nixdorf ist mittlerweile überall, und auch „wir lügen uns schon durch!“, wie der Oberförster meinte in der Karikatur. Ob der damit womöglich auch die gegenwärtig herrschende Grundstimmung noch zielgenau treffen würde?
Größere Waldkatastrophen gaben jeweilen die äußere Veranlassung, einige Zeit über die wünschbaren Heil- und Abwehrmittel zu reden und zu schreiben. Aber meist windet und dreht man sich dabei wie eine Katze um den heißen Brei. (Ammon, W.: Das Plenterprinzip in der Waldwirtschaft. Bern, 1937) Ich wohnete auf einem hohen Gebürg, die Moos genannt, so ein Stück vom Schwarzwald, und überall mit einem düsteren Tannenwald überwachsen ist. (Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch. 1667. Projekt Gutenberg-DE)
Der Orkan vom zweiten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1999 mit dem so harmlos klingenden Namen „Lothar“ ragt noch immer heraus aus der Vielzahl von extremen Sturmereignissen, von denen der mitteleuropäische Wald bis dato heimgesucht worden ist: 200 Millionen Festmeter Holz lagen nach diesem waldwirtschaftlichen „Super-GAU“ auf dem Boden, 30 Millionen allein in Baden-Württemberg, wobei der mittlere und der nördliche Schwarzwald am stärksten betroffen waren. Die meteorologischen Stationen verzeichneten die höchsten bei uns je registrierten Windgeschwindigkeiten: Auf dem Feldberg versagte das Messgerät bei 212 km/h, auf dem Hohentwiel wurden gar 272 km/h gemessen. Lothars Spitzenböen schien buchstäblich gar nichts mehr standgehalten zu haben, keine Baumart und keine Waldstruktur. Weshalb sich in der Waldwirtschaft vielerorts auch Resignation breit machte, anders als noch nach „Wiebke“ und „Vivian“, den vermeintlichen Jahrhundertstürmen ein knappes Jahrzehnt zuvor; von denen waren vorwiegend standortswidrige Fichtenbestände geworfen worden mit insgesamt immerhin auch bereits 70 Millionen Festmetern Sturmholz, mehr als alle bis dahin verbuchten Sturmholzmassen zusammen genommen, wie forstliche Statistiker errechnet hatten. Damals, im Jahr 1990, fand in Deutschland bekanntlich nicht nur die politische Wende statt, sondern auch ein waldbaulicher Paradigmenwechsel, der nach dem Fiasko mit der allzu labilen Fichte eine neue Hinwendung zu sturmfesteren Baumarten und Waldstrukturen brachte, hin zum Konzept des naturnahen Waldbaus – zur Waldwende.
Doch nun, nach „Lothar“, schien sich im forstlichen Schrifttum eine erneute Kehrtwende abzuzeichnen: „Short rotation“ war angesagt, die drastische Verkürzung der Umtriebszeiten, um damit die Hebel zu verkürzen, an denen die künftigen, womöglich noch verheerenderen Stürme ansetzen würden. Um die „wünschbaren Heil- und Abwehrmittel“ (so auch um das „Plenterprinzip“ des Walter Ammon s. o.) war es still geworden angesichts der brutalen Gewalt, ausgelöst womöglich durch den menschengemachten Klimawandel in der Treibhausküche des Nordatlantiks. Zwar verursachte im Februar 2007 der Orkan „Kyrill“ abermals 59 Millionen Festmeter Sturmholz, dennoch sollten alsbald wieder andere Waldschäden die Schlagzeilen liefern: die Auswirkungen von Hitze und Trockenheit, erst jene des Jahrhundertsommers 2003 (in den badischen Weinbaugebieten noch als Jahrhundertjahrgang gepriesen), schließlich jedoch die sich steigernden Hitzerekorde von 2018 bis heute, von den Medien als Ursache eines Waldsterbens 2.0 gehandelt. Ob da vom Lothar-Schock der Jahrtausendwende noch recht viel hängengeblieben ist? Als wie intakt erweist sich da das Langzeitgedächtnis der damals Betroffenen aus der Forst- und Holzbranche?? Oder wie viel wurde zwischenzeitlich verdängt und überlagert von den TV-Bildern der Waldbrände und der noch spektakuläreren Vernichtungsgewalt karibischer Tornados? Vor allem aber: Welche Lehren hat man aus der Katastrophe gezogen? Und wie sieht es auf den Lotharflächen heute aus?
Damals war das Entsetzen groß, nicht nur unter den Augenzeugen und unmittelbar Betroffenen, sondern selbst bei den Bewohnern waldfernerer Regionen, für die sich die vertraute Kulisse der Schwarzwaldberge auf einen Schlag verändert hatte. Dass unmittelbar nach dem Orkan nicht mehr als 18 Todesopfer zu beklagen waren, dürfte vornehmlich dem Umstand zu verdanken gewesen sein, dass die Spitzenböen zur besten Mittagessenszeit über uns hinweg brausten, während der dichtauf folgende Orkan „Martin“ – zum Glück für die Schwarzwälder, Pech für die Wälder des Massif Central – abrupt nach Süden abgedreht und sich im Midi vollends ausgetobt hatte.
Lothar-Schadensfläche rund um den Moosturm im mittleren Schwarzwald
Im Bereich der baden-württembergischen Landesforstverwaltung hatte man bereits nach „Wiebke“ samt deren Vorläuferinnen die Lektionen in den Pflichtfächern Sturmholzaufarbeitung und Vermarktung hinlänglich gelernt: Bereits im Juli 2000 war mit 7 Millionen Festmetern schon die doppelte Menge von anno 1990 – vornehmlich aus dem besonders leidgeprüften Privatwald stammend – vermarktet, gar die dreifache Menge zur Konservierung auf Beregnungsplätzen eingelagert worden. Beim Räumen der Sturmflächen war es bis zum Herbst zu 3633 Unfällen gekommen – zwanzig (!) Personen waren dabei, überwiegend im Privatwald, zu Tode gekommen.
Für den Waldbau im Staatswald galt nach wie vor der Stuttgarter Ministerialerlass „Walderneuerung auf Sturmwurfflächen“ vom 31. 7. 1990, wonach die Wiederaufforstung nur ja nicht überstürzt werden sollte. Stattdessen waren die Selbstheilungskräfte des Waldes zu nutzen, wobei der neue Wald vom Schutz und der Nährstoffpumpe der Pionierwaldgesellschaften profitieren sollte. Demgegenüber wurde in den großen Privatforstbetrieben die Wiederaufforstung im Hauruck-Verfahren propagiert, die integrierte vollmechanisierte Sturmholzaufarbeitung, Flächenräumung und Pflanzung „just in time“ – dies nicht zuletzt der günstigeren psychologischen Auswirkungen auf alle Beteiligten wegen.1
Andernorts schlug die Geburtsstunde der Polypropylen-Wuchshüllen: Allein im Stadtwald von Baden-Baden wurden auf 2.000 ha Lothar-Fläche 350.000 der aus England bezogenen Kunststoffköcher ausgebracht, mit denen die durch Wildverbiss besonders gefährdeten Laubbäume geschützt und zu rascherem Jugendwachstum angeregt werden sollten. Zaunschutz auf Flächen solcher Größenordnung, so die Begründung, würde sich als untaugliches Mittel erweisen. Ein Vierteljahrhundert nach Lothar steht fest: Krisengewinner sind unterdessen eindeutig die Wuchshüllen – mag die Plastik- und Mikroplastikproblematik weltweit noch so besorgniserregende Ausmaße angenommen haben.
Einer der baden-württembergischen Schadensschwerpunkte war der ehem. Forstbezirk Gengenbach mit seinen ca. 700.000 Fm Schadholz auf 2.000 ha Sturmfläche, mitten drin der 871 m hohe, vormals dicht bewaldete Mooskopf, Hausberg der Gengenbacher und Oberkircher Wanderfreunde. Auf ihm hatte anno 1890 die Oberkircher Ortsgruppe des Schwarzwaldvereins den sandsteinernen Moosturm errichtet, der mit seinen 21 Metern Höhe freilich kaum mehr aus den Fichten- und Tannenkronen herausgeragt hatte. Nun stand er plötzlich wie ein ausgestreckter Mittelfinger auf der kahlen Buntsandsteinkuppe.
Blick vom Moosturm im Frühjahr 2000
Es bot sich an, von hier oben aus das weitere Geschehen zu dokumentieren2: Ein Foto vom Frühjahr 2000 zeigt erste Aufarbeitungserfolge unterhalb des Turms. Auf der Wegspinne am Sattel wartet bereits ein Forwarder auf den Abtransport weiterer Sturmholzmassen, und auch etliche „Katastrophentouristen“ sind per Mountainbike schon unterwegs, um die so brutal veränderte Welt rund um den Berg in Augenschein zu nehmen. Gegenüber, am Siedigkopf, liegt das Holz noch dicht auf dicht, wie es umgeblasen worden war. Der Bildvordergrund zeigt sich bereits mit erster Schlagflora, vereinzelt haben auch junge Fichten und Tannen den Orkan und die Räumung überlebt. Insgesamt nur ein Drittel der Lotharflächen sei im Bereich der damaligen Freiburger Forstdirektion rekultiviert worden, der Rest sei der natürlichen Sukzession überlassen worden, so las es sich in den vielerlei Rückblicken zum Jahresabschluss 2009 aus Anlass der zehnjährigen Wiederkehr des Schreckenstags. Wie lange würde es dauern, bis am Mooskopf wieder neuer Wald herangewachsen ist, und aus welchen Baumarten würde er sich zusammensetzen, wo die Wiederaufforstung unterlassen wurde?
Blick vom Turm im Frühsommer 2010
Auf dem im Frühsommer 2010 wiederholten Foto vom Turm herab zeigt sich die Szenerie bereits im Zustand fortgeschrittener Sukzession mit Birken und blühenden Ebereschen, dazwischen aber auch noch mit viel braunem Waldboden (oder doch mit brauner Adlerfarn-Matratze) sowie auch schon mit allerlei Nadelgehölz aus natürlichem Anflug von vor der Katastrophe. Am gegenüberliegenden Siedigkopf war – nach Räumung des Sturmholzes – inzwischen (im Jahr 2003) ein Bannwald ausgewiesen worden. In ihm überwog nach zehn Jahren noch immer die Farbe Braun. Erstaunlicherweise haben sich jedoch auch schon etliche Douglasien eingefunden. Wie sähe es dort wohl aus, wenn das Sturmholz auf der Fläche belassen worden wäre? Auf der südwärtigen Stirnseite des Lothar-Glatzkopfs hatte ein einheimischer Künstler aus drei vom Forstamt gestifteten Weißtannenstämmen ein Lothardenkmal errichtet, das für Wald- und Landschaftsfreunde fortan zur beliebten Pilgerstätte wurde. Ohnehin hatten etliche Bürgermeister und Kurdirektoren von mit Wald überreich gesegneten Gemeinden nach der Katastrophe hörbar aufgeatmet, denn mit seinen Schneisen hatte der Orkan doch endlich für freien Ausblick gesorgt. Oben am Schliffkopf an der Schwarzwaldhochstraße wurde die Erinnerung an das Extremereignis mit einem Lotharpfad wach gehalten, am Plättig mit einem Wildnis-Erlebnispfad, beide erfreuen sich noch immer eines überaus regen Besucherverkehrs über die allmählich vermorschenden Stämme und Wurzelteller hinweg. Im Sattel am Fuß des Mooskopfs hatten immerhin eine Wolfsgrube sowie ein Grimmelshausen-Denkmal den Super-GAU überlebt, unweit davon erinnert ein weiterer Gedenkstein an das Geschehen: an den tödlich verunglückten Waldarbeiter Roman Kwiatkowsky, Vater von fünf Kindern, der zusammen mit einem polnischen Forstunternehmer aus der Offenburger Partnerstadt Olstzyn (Allenstein) zur Sturmholzaufarbeitung in den verwüsteten Schwarzwald geeilt war.
Blick vom Turm im Dezember 2019
Ende Dezember 2019 hat der Chronist erneut den Moosturm bestiegen, um die Fortschritte der Wiederbewaldung ein weiteres Mal zu dokumentieren. Und siehe da: nun steht der Turm tatsächlich wieder im Wald! Lediglich westwärts, gegen die Rheinebene hinab, auf stark verhagertem und blocküberlagertem Standort tut sich die Sukzession im Filz der Beerstrauchdecke einstweilen noch schwer; hier blieb es bei einzelnen Birken. Nach Süden hin überwiegen indessen die Nadelbäume, vorwiegend Fichten, vereinzelte Tannen und Douglasien. Nichts davon sei gepflanzt worden, versichert der inzwischen im Ruhestand befindliche Forstamtsleiter (oder wurde womöglich doch da und dort mit Pflanzung nachgeholfen, wie er einräumt?), sicher nicht im Bannwald um den Siedigkopf. Auch dort sind die Fichten im Vormarsch, dazwischen finden sich seltsam verstrubbelte, teils auch bereits von Schneebruch gezeichnete Douglasien, deren Höhenwachstum dem der Fichtenkonkurrenz kaum überlegen zu sein scheint.
Ein letzter Blick vom Turm im Frühsommer 2025
Letztmals am 22. Mai 2025 haben die Beiden, der einst zuständige Forstamtsleiter und der Chronist, den Turm bestiegen,. Jetzt, im voll belaubten Zustand, scheint der Jungwald gegenüber dem Zustand vor nur eben mal fünfeinhalb Jahren einen erstaunlichen Wachstumsschub erhalten zu haben, wobei sich insbesondere Birken, Ebereschen und Weiden mächtig ins Bild drängen und fast das Bild eines Laubmischwalds hinterlassen.
Gewinnerin auf den Lotharflächen, ob diese der natürlichen Sukzession überlassen oder bepflanzt worden sind, dürfte letztendlich dennoch die Fichte sein, wenn sie die Konkurrenz der Pionierbaumarten überwunden haben wird. Aber ob sie als „Brotbaum“ in der neuen Waldgeneration noch taugen wird? Wie würde die sich heute wohl darstellen, darf gefragt werden, wenn die Altbestände zum Zeitpunkt der Katastrophe reichlicher mit Naturverjüngungsvorräten aus Schatten ertragenden Tannen und Buchen unterfüttert gewesen wären? Wie viel davon hätte unterm Sturmholz überlebt? So aber ist es allenfalls bei vereinzelt eingesprengten Überlebenden der Bergmischwaldgesellschaft geblieben. Und es wird wieder eine ganze Generation dauern, bis diese erneut für überlebensfähigen Nachwuchs gesorgt haben könnte – immer vorausgesetzt, die Balance zwischen Wald und Wild wird dann gelungen sein. Oder muss am Ende auch nach „Lothar“ wieder Walter Ammon, dem schweizerischen Forstkollegen, beigepflichtet werden, wonach sich die für den Wald Verantwortlichen wohl weiterhin wie die Katze um den heißen Brei winden und drehen – wo immer die Defizite an vorausschauender naturnaher Waldwirtschaft nicht behoben sein werden? Und wird auf der Moos, wo Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen einst seinen Einsiedler über „düstere Tannenwälder“ hinweg in die Täler hinabschauen ließ, jemals wieder der Schwarzwälder Charakterbaum dominieren?
Lothar-Denkmal am Siedigkopf
1 Elbs, A. (2000): Erfahrungen zur Aufforstung von Orkanflächen. AFZ-DerWald Nr. 16: 831 f.
2 Hockenjos, W. (2009): Zehn Jahre nach dem Orkan „Lothar“: Folgerungen für die Waldwirtschaft. AFZ-DerWald Nr. 18: 978 ff.
Wolfgang Schorlau: BLACK FOREST Taschenbuch, Kiepenheuer & Witsch, 18 Euro
Landschafts- und Artenschutz vs. Klimaschutz nach Krimi-Art
Georg Dengler, der vielbeschäftigte Privatermittler des Autors, stammt aus dem Schwarzwald. Und sein elfter Fall hat es in sich, geht es doch um die Windenergie, damit um Auseinendersetzungen, wie sie in Deutschlands bekanntestem Mittelgebirge seit über zwei Jahrzehnten besonders heftig toben – hier eskalieren sie bis zum Mord. Scharlau hat dazu am Ort der Handlung, im Hochschwarzwald rund um den Feldberg, fleißig recherchiert, wie der Leser dem Anhang entnimmt.
Hauptperson ist diesmal Denglers alte Mutter, Bäuerin auf dem Denglerhof. Streitpunkt ist ihr Grundstück zuoberst auf dem Feldberg, das sie zunächst partout nicht hergeben will für den Bau einer Windkraftanlage. Die wollen freilich nicht nur Landschaftsschützer hier nicht haben, sondern auch andere, allen voran der Aufsichtsratsvorsitzende des Energiekonzerns VED, der trotz Klimakrise noch immer mehr auf Kohle, Gas und Öl setzt als auf Windstrom. Dabei bedient er sich im Naturschutzgebiet Feldberg wie auch schon anderswo im Schwarzwald eines speziellen Tricks: Der Genehmigungsbehörde wird, selbst auf dem weithin baumfreien Feldberg, Auerhuhnkot nachgewiesen. Wobei dieser allerdings aus dem Gehege eines zwielichtigen russischen Honorarkonsuls stammt, eines Jägers, der sich speziell für solcherlei Zwecke eine Auerhenne hält. Wo doch das Auerhuhn im Schwarzwald am ehesten noch vor dessen „Verspargelung“ schützt.
Der Schwindel fliegt freilich auf, und das Verhängnis nimmt seinen Lauf, vor allem für Denglers Jugendliebe, die man für die Ausbringung des Hennenkots angeworben hatte. Nachdem sie sich hiervon losgesagt hat, wird sie vom Jäger und seinen Komplizen ermordet – exakt da, wo sie einst mit dem jungen Dengler noch die Hahnenbalz verfolgt hatte.
Nachdem Großmutter Dengler unter den von ihrem Enkel und dessen Freundin eindringlichst vorgebrachten Klimaschutzargumenten ihre Ablehnung des Windrads endlich aufgegeben hat, hält sie an dessen Standort bei einer Demo von Widerständlern und Befürwortern eine vielbeklatschte Rede pro Windenergie. Nach einem (unbeabsichtigten?) Rempler wacht sie erst im Krankenhaus wieder auf, und nun ist auch das Happyend nicht mehr fern. Denn der Projektentwickler zieht einen für den Denglerhof äußerst lukrativen Vertrag aus der Tasche, von dem auch die Grundstücksnachbarn noch profitieren werden.
Schorlaus Kriminalroman umfasst (inklusive Nachwort mit Quellenangaben, Tatsachen- und Schauplatzrecherchen usf.) 443 Seiten und hinterlässt den Eindruck, als ob sein Plot mit den finsteren Machenschaften des großen Energie- und Finanzkonzerns durchaus nicht fiktiv, sondern der Realität entnommen sein könnte. Im Anhang dankt Wolfgang Scharlau u. a. Andreas Markowsky von der Ökostromgruppe Freiburg, dem Autor des auf Krawall gebürsteten Buchs „Klimaschänder – Gewinner von gestern, Loser von heute“ (2021) für ein ausführliches Gespräch. Fazit: „Wer denkt, das Auslegen von Auerhahnkot sei die Idee eines überdrehten Krimiautors, dem empfehle ich die Lektüre von Markowskys Buch.“
Spätestens hier drängt sich dem Leser der Eindruck auf, dass Arten- und Landschaftsschutz, insbesondere der Schutz des „Schwarzwälder Charaktervogels“, von kriminellen Akteuren unterwandert ist. Alles echt oder doch nur Krimi?
Der Balzer Herrgott – auch Winkelherrgott genannt – ist eine in eine Weidbuche eingewachsene steinerne Christusfigur im mittleren Schwarzwald zwischen Wildgutach und Neukirch-Fallengrund (Baden-Württemberg). Er ist Ziel vieler Wanderer und Spaziergänger und gilt einigen als Wallfahrtsort. Entstehung und Herkunft sind bis heute nicht vollständig geklärt. (Wikipedia)
Über etliche Jahre hinweg hatte ich ihn nicht mehr besucht. Doch dann rief mich eine Journalistin des SWR an, ob ich nicht für Dreharbeiten zur Verfügung stünde, wo ich doch verschiedentlich schon über den Balzer Herrgott geschrieben hätte. An Allerheiligen wolle der Sender einen Bericht über ihn bringen. Mit meiner Zusage habe ich kurz gezögert, schließlich überwog jedoch die Neugier, wie sich die Buche mit dem eingewachsenen sandsteinernen Corpus mittlerweile präsentieren würde. Seit mit baumchirurgischen Maßnahmen versucht worden war, den natürlichen Prozess der Überwallung aufzuhalten, um das beliebte Wanderziel nicht vollends einwachsen zu lassen, war ich zu ihm auf Distanz gegangen.
Balzer Herrgott um 1980…
…und um 2005
Früher hatte auch ich ihn, zwar nicht als Wallfahrer, immer wieder einmal aufgesucht. Erstmals war es in den frühen 1950er Jahren, als der Vater, seinerzeit Forstamtschef in St. Märgen, mit seinen Söhnen durch das Steinbach- und das Wildgutachtal hinüber wanderte, um das Naturwunder zu bestaunen. Dessen Vorgeschichte hatte er da bereits nachgespürt, wobei er auf die unterschiedlichsten Erzählungen der Einheimischen, der „Wälder“, gestoßen war. Was daran war „dichtende Volksüberlieferung“, was würde historisch belegbar sein? Vom Hofkreuz war da die Rede, das einst am Gütlein des Winkel-Balzers (Balthasars) gestanden habe, welches ausgangs des 19. Jahrhunderts vom Staat aufgekauft, abgerissen und aufgeforstet worden sei. Oder stand das Kreuz zuvor am Königenhof drüben im Wagnerstal, der in jener schaurigen Februarnacht des Jahres 1844 unter die „Schneeschalte“ geraten war, ein Lawinenunglück, das 17 Todesopfer gefordert hatte? Doch wie sollte es dorthin gelangt sein, in dieses abgelegene, jetzt gottverlassene Loch? Etwa durch französisches Militär in den Erbfolgekriegen oder durch Hugenotten, wie gerätselt wurde? Und wer sollte aus welchem Grund das schwere Kreuz mit dem spätgotischen Corpus ins Hexenloch hinab und dann das Brenners- oder das Mörderloch hinauf zum Winkel geschleppt haben? Egal, irgendwann müsse das Kruzifix umgestoßen, der Gekreuzigte dabei stark beschädigt worden sein, ehe Hirtenbuben es reumütig wieder aufgerichtet und an den Stamm einer Weidbuche gelehnt hätten. Die begann jedenfalls alsbald, wie es für die Wundreaktion von Buchen typisch ist, den scheuernden Torso zu überwallen und zu umschließen. In den 1930er Jahren habe der Furtwanger Forstkollege die gusseisernen Arme des Kreuzes, die noch aus dem Stamm herausragten, abgesägt. Was mochte ihn dazu veranlasst haben?
Balzer Herrgott um 1930
um 1960
1959
1978
Derlei Geschichten hatten es dem Vater angetan; er sammelte und veröffentlichte sie 1960 in seinem Büchlein Wäldergeschichten2, das zunächst im Selbstverlag des Schwarzwaldvereins, sodann in zahlreichen weiteren Auflagen erschienen ist. Sein beigefügtes Schwarzweißfoto zeigt noch Teile des Torsos bis zu den abgeschlagenen Beinen. Schon im Jahr 1955 hatte ihn der Vorgang der Umschließung des Gekreuzigten in protestantischer Ergriffenheit zu einem dreistrophigen Gedicht angeregt: Wo sich Darstellungen des Heilands am lebenden Stamm eines Baumes an Stelle des hölzernen Kreuzes doch in der Sakralkunst immer wieder finden lassen, von Augustinus bis in die Barockzeit, ja, Christus selbst bisweilen zum „Baum des Lebens“ erklärt wurde.
Der Gott im Baum
Wir Menschen haben unsern Stolz und wollen diesen Herrgott nicht. Wir schlagen ihn ins Angesicht und hängen ihn ans Marterholz.
Dort hängt er gut und stört uns kaum bei den Geschäften dieser Welt. Er ist im Winkel abgestellt bei Fuchs und Has und Busch und Baum.
Doch sieh: Der Baum umfangen hält das vielverachtet Bild aus Stein und nimmt ihn ganz in sich hinein, den Schmerzensmann und Herrn der Welt. FH (1955)
Die dritte Strophe fand sich alsbald auf einem Holztäfelchen wieder, das jemand am Stammfuß der Buche angebracht hatte.
Bäume hatten es dann auch mir angetan, weshalb ich beruflich in die Fußstapfen des Vaters trat. Als junger Forstassessor hatte ich von meinem obersten Dienstherrn, dem Stuttgarter Forstminister, den reichlich privilegierten Auftrag erhalten, die bemerkenswertesten Baumgestalten des Landes aufzusuchen und zu dokumentieren; dies auf den Spuren der Baumbücher der vorigen Jahrhundertwende (Ludwig Klein: Bemerkenswerte Bäume im Großherzogtum Baden, 1908 und Otto Feucht: Schwäbisches Baumbuch, 1911). Im Jahr 1978 erschien die Auftragsarbeit als Bildtextband Begegnung mit Bäumen3, in welchem die Buche mit dem eingeschlossenen Herrgott natürlich nicht fehlen durfte – wie auch nicht das väterliche Gedicht dazu. „Die Buche wächst weiter“, so schloss ich meinen Begleittext, „schon überwallt sie den Brustkorb des Gekreuzigten; Druck und Spannungskräfte des Holzes, Frost und Wetter vervollständigen das Zerstörungswerk.“
Die 1980er Jahre standen ganz im Zeichen des sauren Regens, des von Schwefeldioxid- Immissionen ausgelösten „Waldsterbens“. Um den Gemütszustand auch der Forstleute stand es nicht zum Besten in jenem Jahrzehnt, und so schien mir der Balzer Herrgott mit einem Mal als bildhaftes Gleichnis zu taugen für die gefährdete Waldwelt. In meinem ganz dem neuartigen Phänomen gewidmeten 1984 erschienenen Buch Tännlefriedhof4 schrieb ich neben einem aktuellen ganzseitigen Porträt des seitlich geneigten Christushauptes den wenig optimistischen Text: Der Balzer Herrgott droht indessen vollends einzuwachsen. Der ihn umklammernde Baum ist im Begriff, ihn unseren Blicken zu entziehen. Verbirgt der Gekreuzigte sein Antlitz im Schmerz über das ihm und seiner Schöpfung Angetane? Keine Bildhaftigkeit, keine Symbolkraft? Doch wozu brauchen wir Symbole? Der Schwarzwälder Herrgottswinkel, die Schwarzwälder Freizeitlandschaft braucht ihre Anziehungspunkte. Es tobt daher ein munterer Ideenwettbewerb: Der Balzer Herrgott muss als Ausflugsziel erhalten bleiben! Her mit dem Baumchirurgen, her mit dem Herrgottsschnitzer, der den Gott im Baum sauber wieder herauspräpariert!
Die Buche samt Corpus war inzwischen geschütztes Naturdenkmal geworden, über dessen Weiterbehandlung nun Behörden mit zu entscheiden haben. Auch die Eigentümerin, die Staatsforstverwaltung, meldete sich 1986 zu Wort, nachdem der Freiburger Forstpräsident samt Justitiar sich vor Ort einen Eindruck vom Geschehen verschafft und das Anliegen der Gemeinde Gütenbach für berechtigt erkannt hatte. Beauftragt mit der Freilegung von Haupt und Brust wurde der einheimische Holzschnitzer Rombach, sodann trugen zwei eigens von der Insel Mainau herbei beorderte Baumspezialisten auf das nunmehr herzförmig freigelegte Buchenholz eine grünliche Paste gegen Pilze und Feuchtigkeit auf, um so eine künstliche Rinde zu schaffen. 1995 musste der Vorgang wiederholt werden. Weitere Sanierungsmaßnahmen, abgestimmt zwischen Gemeinde, Denkmalschutzbehörde und Forstamt, kamen 2014 zum einstweiligen Abschluss; dies nach abermaligen Einsätzen von Baumsachverständigen, die aus der Baumkrone scheuernde und morsche Äste entfernten, um den Allgemeinzustand der Buche zu verbessern und auch der Verkehrssicherungspflicht zu genügen. Um zu verhindern, dass hinter dem Christushaupt Regenwasser in das Holz eindringt, wurde am Stamm ein Dächlein aus Blech angebracht und schließlich auch noch die Konsole eines Zunderschwammes angeklebt, eines ansonsten vorwiegend Totholz besiedelnden Pilzes.
Balzer Herrgott 2019
Der an der Buche vorbeiführende Holzabfuhr- und Wanderweg wurde vom Forstamt ein Stück weit zurückverlegt und im Halbkreis um Stamm und Wurzelbereich wurden ein paar Steinbrocken abgelegt, sowohl als Schutz gegen schwergewichtige Holztransporter wie auch gegen die Bodenverdichtung durch etwaige motorisierte Besucher. Allzu Zudringliche sollen neuerdings durch einen hölzernen Staketenzaun vom Betasten oder gar Verunstalten und Verkritzeln von Baum und Heiland abgehalten werden; an ihm baumeln inzwischen „Zeugnisse schlichter Volksfrömmigkeit“, allerlei Devotionalien (vom Rosenkranz bis zum Stofftierchen). Auf den Felsbrocken rundum erinnern Steinmännchen an den touristischen Stellenwert des Orts. Und natürlich dürfen zur Rast und stillen Einkehr auch die Sitzbänke nicht fehlen.
Nebenan erläutert eine hölzerne Schautafel die mutmaßliche Entstehungsgeschichte des Balzer Herrgotts, wobei Auerhähne bemüht werden für die Herleitung des Namens. Ob das scheue Auerwild jemals auf Weidbuchen und auf freiem Feld gebalzt hat und nicht auf den seit Jahrhunderten den Hahnenjägern wohlbekannten Balzplätzen im Wald. Vier Abbildungen des Gekreuzigten, beginnend im Jahr 1930, zeigen die jeweilige Überwallungs- und Freilegungsphase bis in die Gegenwart. Noch Wünsche offen?
Was tut der zum Interview geladene Mensch des Digitalzeitalters, ehe er vor die Kamera tritt? Rasch wirft er noch einen Blick ins weltweite Netz und googelt „Balzer Herrgott“. Da schau her – nicht zu glauben, was WIKIPEDIA alles weiß! Sogar die Herkunft des hellen Sandsteins scheint geklärt zu sein: Er stamme nämlich aus einem Steinbruch bei Pfaffenweiler am westlichen Schwarzwaldrand. Und welche Fülle von Fotos und von Wandervorschlägen (gar von GPX-Wegpunkten und Koordinaten für die GPS-Radtour per E-Mountainbike), welche Anhäufung von Zeitungsberichten und Expertenwissen! Der Gott im Baum als touristischer Hotspot – jetzt scheint er endgültig in der Gegenwart angekommen zu sein. Ob ich meinen Auftritt vor der Kamera nicht doch besser hätte absagen sollen?
Zustand 2019
1 Der Text ist in Badische Heimat 4/2019 erschienen. 2 Hockenjos, F.: Wäldergeschichten. Hrsg. U. Verl. Schwarzwaldverein e. V. Freiburg, 1960. 3 Hockenjos, W.: Begegnung mit Bäumen. DRW-Verl. Stuttgart, 1978. 4 Hockenjos, W.: Tännlefriedhof. Bilder einer Verwandlung. Gerhard Schillinger Verl. Hinterzarten, 1984.
Mobilität ist eine wesentliche Voraussetzung für persönliche Freiheit, gesellschaftliche Teilhabe sowie für Wohlstand und Wirtschaftswachstum. Grundlage hierfür ist eine leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur. (Deutschlands Zukunft gestalten. Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD. 18. Legislaturperiode)
In Berlin steht der Regierungswechsel bevor, was motorisierte Bürger jedoch nicht davon abhält, übers verlängerte Maiwochenende unterwegs zu sein. Am späten Samstagvormittag machen auch wir uns mit unserem altgedienten Skoda auf den Weg, denn im Allgäu sind wir zur Erstkommunion eines Enkels eingeladen. Auf der A 81 herrscht lebhafter Betrieb in beiderlei Richtungen, und die meisten Verkehrsteilnehmer scheinen es brandeilig zu haben, rechtzeitig nachhause oder noch an den See, wenn nicht sogar ins Hochgebirge zu kommen. Nie scheint ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen (gar eine freiwillige Zurücknahme des Gasfußes zugunsten des Klimas) weniger vermisst zu werden als heute. Der Wetterbericht verspricht freilich nichts Gutes: Regen, gar Gewitter mit Hagel und ein Temperatursturz sind angesagt, weshalb es nicht verwundert, dass der Verkehrsfunk jede Menge Staus meldet; vorwiegend wird es ja wohl die vor dem Regen vorzeitig aus dem verlängerten Wochenende zurückflutenden Touristen treffen.
Ab Überlingen herrscht auch auf der B 31 plötzlich Stopp and Go, auch in Richtung Lindau. Sollten sich hier schon die mit Tempo 30 überlasteten Ortsdurchfahrten bemerkbar machen? Oder sind Unfälle die Ursache? Kurz nach der Klosterkirche Birnau meldet sich erneut der Verkehrsfunk: Auf der B 31 zwischen Langenargen und Friedrichshafen werden – sage und schreibe – acht Kilometer Stau angekündigt!
Erst auf der neu erbauten Umfahrung Friedrichshafens verflüssigt sich der Verkehr wieder etwas – um dann per Blinkfeuer und Hinweisen auf Parkräume mit einem Mal wieder ausgebremst zu werden. Denn hier herrscht Messebetrieb. Angesagt wird die Tuning World Bodensee 2025, das „Szene-Highlight“ der Tuner, die Messe „für Lifestyle und Clubszene“ vom 3. bis 5. Mai. Diesmal sogar mit neuem Besucherrekord: mit 112.000 Autofans, wie abends im Hotelzimmer der SWR berichtet: Präsentiert würden rund 1.000 getunte, also optisch und technisch veränderte Autos, die sogenannten „Show-Cars“.
Mit am besten besucht, heißt es weiter in den Landesmeldungen, sei die sogenannte „Drifting-Area“ zwischen Messehallen und Flughafen Friedrichshafen. Aufheulende Motoren, der Geruch von Reifenabrieb und Benzin in der Luft – das „Driften“, das Gleiten der Fahrzeuge bei Vollgas seitwärts über den Asphalt, übten auf viele Besucherinnen und Besucher große Faszination aus. Bereits am Donnerstag seien bei einer „Drift-Show“ drei Menschen leicht verletzt worden. Ein Fahrer sei laut Polizei mit seinem Wagen bei einem Ausweichmanöver von der Strecke abgekommen und frontal in eine Absperrung geprallt. Zuschauer, die dort hinter Leitplanken standen, seien von umher fliegenden Trümmerteilen getroffen worden. Gegen den Fahrer werde nun wegen fahrlässiger Körperverletzung ermittelt. Die Shows seien dennoch weiter fortgesetzt worden.
Kein Wunder also, dass sich heute der Gegenverkehr ab Messezentrum schon bis Langenargen auf eine Länge staut, wie wir sie auf Bundesstraßen bislang noch nie erlebt haben. Mag sein, dass auch die verstärkten Polizeikontrollen rund um die „Tuning World“, von denen der SWR berichtet, mit dazu beigetragen haben. Im Umfeld der Messe seien mehr als 700 Autos kontrolliert worden. Bei rund 40 Prozent der Fahrzeuge hätten die Veränderungen an den Wagen gegen das Gesetz verstoßen. „Oft waren die getunten Wagen viel zu laut. Mehr als 60 Fahrerinnen und Fahrer durften mit ihren Autos nicht weiterfahren. Bei rund 50 Fahrzeugen waren die Verstöße so groß, dass die Polizei die Autos beschlagnahmte.“
Auf der Rückfahrt aus dem verregneten Allgäu beschließen wir, den Bodensee weiträumig zu umfahren. Wie wir hoffen, werden wir uns anderntags am Fernseher bei den Berichten aus dem Reichstag wieder ausgiebig entspannen können. Doch daraus sollte bekanntlich dann nichts werden. Ob da den 18 gegen die Wahl des neuen Bundeskanzlers stimmenden Abgeordneten wohl auch die Verkehrspolitik im Koalitionsvertrag zu kurz gekommen ist? Oder ob ihnen mit einem Mal aufgegangen ist, dass Deutschlands Zukunft doch irgendwie anders gestaltet werden müsste? Denn wie heißt es in der Präambel unter Deutschlands Zukunft gestalten: „Wir wollen, dass alle Menschen in Deutschland – Kinder, Frauen und Männer, Junge und Alte, in Ost und West – ein gutes Leben führen können und unser Land auf seinem guten Weg weiter vorankommt.“ Staus inbegriffen.
Es ist wirklich ein Wolf (Überschrift eines Berichts der Donaueschinger Redaktion von Südkurier und Schwarzwälder Bote vom 5. März 2025)
Das Foto einer Wildkamera, aufgenommen in der östlichen Baar, belegt: Er ist wieder da – Rotkäppchen und die sieben Geißlein lassen grüßen! Dass sich seit 2016 auch auf der Baar immer wieder mal ein Wolf gezeigt hat und dass jetzt auch Damwildrisse bekannt werden, hat seine Logik: Der Damwildbestand im und um den Unterhölzerwald ist für Wölfe gar zu verlockend. Weshalb es wenig verwunderlich erscheint, dass auch die Ausrottungsgeschichte mit der Ostbaar eng verbunden ist, vor allem dank der Wartenbergischen Wolfsordnung, die sich ab dem Jahr 1540, wann immer ein Wolf auftauchte, als ein ausgeklügeltes und hocheffizientes Alarmsystem erwiesen hat. Als 1805 endlich der letzte Wolf der Baar erlegt war, kannte die Freude der Wolfsjäger keine Grenzen mehr: Bei ihrer Rückkehr nach Donaueschingen wurden sie (Zitat K. Stephani) „in feierlichem Zuge von der fürstlichen Musik unter Begleitung des Bürgermeisters und des Militärs eingeholt“.
Am Wartenberg: Warten auf den Wolf
Anno 2016 verkündete der für Jagd zuständige Minister Peter Hauk noch freudig, dass der Wolf bei uns wieder heimisch wird: „Wir begrüßen den Wolf in Baden-Württemberg“ (Pressemitteilung Nr. 100/2016 des Ministeriums für Ländl. Raum und Verbraucherschutz) ließ er wissen. Und auch der Chef der FF-Forst- und Jagdverwaltung, Dr. Jens Borchers, hatte nicht gezögert, den Neuankömmling willkommen zu heißen und zu versichern, dass es hier an frischer Nahrung nicht fehlen werde. Auch die Baaremer Bevölkerung hatte die Nachricht erstaunlich gefasst aufgenommen, ohne dass Urängste aufgetreten wären oder gar die Schließung von Waldkindergärten erwogen worden wäre. Nur seitens der Schafhalter hagelte Kritik.
Inzwischen haben sich die Sympathien für den Wolf freilich stark abgekühlt. Er ist trotz Wolfsmanagementplan längst zum Politikum geworden und soll künftig dem Jagdrecht unterstellt werden. Erfreulicherweise schürt der jüngste Bericht in den Tageszeitungen keine Raubtierängste, auch wenn er in Wäldern, wo Wölfe nachgewiesen worden sind, immerhin zur Vorsicht rät. Wohingegen laut Umweltministerium Begegnungen selbst nachts keine Gefahr darstellen würden. Bleibt zu hoffen, dass uns Wolfshysterie auch weiterhin erspart bleibt.
Einer Studie des Umweltbundesamtes (UBA) zufolge können durch ein Tempolimit von 120 Kilometern pro Stunde auf Autobahnen jährlich rund 6,7 Millionen Tonnen Kohlendioxid eingespart werden.
In der Debatte um das Tempolimit ist es still geworden – sowohl in den Medien als auch im gegenwärtigen Wahlkampfgetöse. Als seien die Parteien bemüht, das Thema diesmal strickt auszuklammern, wo doch die deutsche Autobranche so tief in der Krise steckt. Wie denn auch der Klimaschutz insgesamt hinter die aktuellen Aufregerthemen Migration und Wirtschaftskrise zurückgestellt wurde. Bleibt es also auch in der nächsten Legislaturperiode beim deutschesten aller deutschen Anachronismen, getreu dem altbewährten Motto „Freie Fahrt für freie Bürger“, der weltweit nahezu einzigartigen Regelung, wonach auf den Autobahnen gerast werden darf, was immer die PS hergeben. Nicht einmal die krudesten Rechtspopulisten und Autokraten kämen derzeit auf die Idee, die Tempolimits in ihren Ländern abzuschaffen, um so bei ihrer Klientel zu punkten und der Automobilbranche Auftrieb zu verschaffen, mag ansonsten jede noch so krasse Disruption (um hier das neue Modewort zu verwenden) mittlerweile in den Bereich des politisch Denk- und Machbaren gerückt worden sein. So hinkt denn hierzulande der Verkehrssektor nach wie vor meilenweit hinter den nationalen Klimazielen her, derweil die Solar- und Windparks boomen. Selbst die Grünen scheinen „Tempolimit“ einstweilen aus ihrem Sprachschatz gestrichen zu haben – dies, obwohl selbst ADAC-Mitglieder, glaubt man den Umfragen, mehrheitlich dazu bereit wären, sich auf Autobahnen damit abzufinden, um so letztendlich ja auch den Verkehr wieder zu verflüssigen und die Unfallgefahren einzudämmen.
Oder sollten die Verkehrspolitiker bereits unsere komplette E-Motorisierung im Blick haben? Wo die doch zwangsläufig zu fahrerischer Vernunft führen muss, weil bei allzu flottem Fahrstil der Verbrauch so rasant zunimmt, dass womöglich die nächste Zapfsäule nicht mehr erreicht wird? Nein, keine Sorge: CDU/CSU, FDP und AfD versprechen dem Wahlvolk doch längst, dass das ab 2030 vorgesehene Aus für den Verbrennermotor zurückgenommen wird – Klimaziele hin oder her.
Es darf also weiter gerast werden, nicht nur auf Autobahnen und Schnellstraßen, allen Treibhausgas-Einsparmöglichkeiten zum Trotz. Dabei hatte das Umweltbundesamt 2024 errechnet, dass bei Einführung von Tempo 120 auf Autobahnen und Tempo 80 auf Außerortsstraßen bis zum Jahr 2030 sogar rund 47 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente eingespart werden könnten. Doch leider hat im Jahr zuvor das Karlsruher Bundesverfassungsgericht die Einführung eines allgemeinen Tempolimits auf Autobahnen per Verfassungsbeschwerde als unzulässig abgewiesen, denn es sah die Auswirkungen auf den Klimaschutz als nicht ausreichend belegt an. Ja wer, wenn schon nicht das Umweltbundesamt, hilft den Richtern da noch auf die Sprünge? Und wer den Politikern und den Bürgern?
Seit Alice Weidel beim AfD-Wahlkampfauftak getönt hat, alle Windräder niederreißen zu wollen, und seit gar der neugewählte amerikanische Präsident die Abkehr von der Windenergie zugunsten der heimischen Erdöl- und Gasindustrie propagiert, den menschengemachten Klimawandel leugnet und per Dekret aus dem Pariser Klimaschutzabkommen ausgestiegen ist, wird es heikel, sich hierzulande noch gegen die „Verspargelung“ ökologisch und touristisch wertvoller Kulturlandschaften zu engagieren. Denn gar zu leicht wird man jetzt in den falschen Topf geworfen und der Sympathie mit Rechtspopulisten verdächtigt.
Ob und wie sich die Zustimmung zur AfD angesichts ihrer brachialen Ankündigungen bei den Bundestagswahlen niederschlagen wird, ist noch ungewiss, mag sich Kanzlerkandidatin Weidel im Zwiegespräch mit Milliardär Elon Musk auf dessen „sozialem“ Medium X noch so blamiert haben („Hitler ein Kommunist“). Wie die Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg gezeigt haben, sind es vor allem die Jungwähler, die sich so leicht nicht abschrecken lassen, die zu Teilen rechtsextremistische Partei immer ungenierter zu wählen. Was sollen noch all die Belastungen und Verteuerungen zur Eindämmung des Klimawandels, so wurden die Jungwähler interpretiert, wo sich da doch eine Partei anbietet, die das alles für überflüssig hält? Die den Windstrom für zu flatterhaft einschätzt und dafür lieber die AKWs reaktivieren möchte – was mittlerweile ja auch CDU/CSU und FDP für sinnvoll erachten. Und macht es da nicht Sinn, sich gegen die weitere „Verspargelung“ selbst der letzten naturnahen Landschaften zu wenden – ganz wie es der AfD-Landesvorsitzende Björn Höcke für den bislang noch weithin WEA-freien Thüringer Wald propagiert? Derweil hat doch in der Restrepublik ein gnadenloser Ausverkauf der Wälder begonnen, entfesselt vor allem durch den Goldrausch von privaten, kommunalen und staatlichen Waldeigentümern, wo immer sich Windradstandorte zur Verpachtung anbieten. Man müsse die widerborstigen Anlieger nur finanziell beteiligen, dann breche ihr Widerstand sogleich in sich zusammen.
Oder richtet sich die Beeinträchtigung, ja, Zerstörung schöner heimatlicher Landschaft durch 250 m hohe industrielle Anlagen nicht etwa doch gegen das Naturschutzrecht wie auch gegen Grundgesetzartikel 20a, der die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere „auch in Verantwortung für die künftigen Generationen“ schützen soll? Man blicke bloß nach Thüringen, wo sich vor den jüngsten Wahlen noch eine Koalition von CDU, FDP und AfD monatelang vergebens zu wehren versucht hatte gegen die Novellierung des Waldgesetzes, das nach dem Willen von Rot, Rot, Grün, der damaligen Regierungskoalition, speziell auch zur Erleichterung der Waldrodung für die Windenergiegewinnung beschlossen worden ist. Wo doch das Bundesverfassungsgericht schon im Februar 2022 entschieden hatte, dass das Verbot der Errichtung von Windenergieanlagen im Wald (in § 10 Abs. 1 Satz 2 des Thüringer Waldgesetzes) mit dem Grundgesetz unvereinbar und damit nichtig ist.
Doch dann wurde in dessen Neufassung – auf listiges Drängen der FDP – doch noch eine Bremse eingebaut: Wo im Wald, wie üblich als Ausgleichsmaßnahmen für die erforderliche Rodung, Ersatzaufforstungen vorgeschrieben werden, dürfen diese nicht auf agrarisch genutzten Flächen erfolgen. Wo aber sonst als in der Feldflur könnte wohl noch aufgeforstet werden?
Ausblick aus dem Thüringer Wald (aus der Wartburg)
Dass im Freistaat Thüringen, freilich außerhalb Waldes, schon bisher die Windenergie da und dort geradezu exzessiv gefördert worden ist, war nicht zu übersehen bei all dem energiepolitischen Gezerre um das neue Waldgesetz. Und dass die allermeisten Thüringer nicht aus purer Widerborstigkeit, gar aus Rechtslastigkeit, auf die Barrikaden gehen, sondern aus echter Sorge um ihren Wald und um die schützenswerte Landschaft, ist durchaus nachvollziehbar. So scheint die Welt nirgends so mit Windrädern bestückt und verhunzt worden zu sein, wie etwa um die Thüringer Stadt Eisenach herum. Als ob da nicht längst ein Sättigungsgrad erreicht, wenn nicht gar ein Übersoll geleistet worden wäre – ganz anders als es hierzulande, im Grün-regierten Ländle, wo soeben erst durch die Regionalverbände die Ausweisung von Windkraftvorrangflächen (vorwiegend im Wald) massiv vorangetrieben wird.
Ob Björn Höcke demnächst nicht doch auch bundesweit auf dem so umstrittenen Feld der Energiepolitik leichtes Spiel haben wird? Wo doch die über eintausend deutschen Bürgerinitiativen gegen den Windkraftausbau in bislang noch wenig belasteten, daher umso wertvolleren Landschaften schon jetzt Gefahr laufen, in die AfD-Schublade gesteckt zu werden. Sie seien ja ohnehin vor allem von Veränderungsängsten getrieben, getreu dem Motto „not in my backyard“, nicht vor meiner Haustür. Während Arten- und Landschaftsschutz nur vorgeschoben würden.
Wie wird die Welt auf die klimapolitische Kehrtwende des neuen Washingtoner Präsidenten reagieren? Leitet er nun auch zusätzliches Wasser auf die Mühlen der AfD? Und wird er dazu beitragen, die Widerständler noch mehr in Misskredit zu bringen, mag ihr Anliegen noch so honorig sein?