Kriegstüchtiges Erscheinungsbild


Aber das Heer war mehr als das Heer: Es war der marschierende Wald.
(Elias Canetti: Masse und Macht, Hamburg 1960)

Ein Baumstumpf über Weinbergen


Es war nicht erst die Militärparade zum 80. Jahrestag des Weltkriegsendes auf dem Pekinger Tiananmen-Platz, dem so berüchtigten „Platz des Himmlischen Friedens“, die mich das obige Foto erneut hervorholen und staunend betrachten ließ. Schon beim ersten Durchblättern der AFZ-DerWald vom 02. 08. 2025 bin ich darüber ins Stolpern geraten. Stammt es doch aus einem Beitrag über erfolgreichen naturnahen Waldbau, verfasst von Martin Beck unter dem Titel Zukunft aus Tradition – Freiherr von Fürstenberg´sche Forstverwaltung. Die bewirtschaftet, so verrät schon der Untertitel, seit einem Jahrhundert zwei ausgedehnte Waldreviere im Sauerland: „Inmitten klimatischer Herausforderungen und ökologischer Ansprüche verfolgt Lucas Freiherr von Fürstenberg einen klaren Kurs: naturnah, unternehmerisch, innovativ – mit Blick auf Generationen.“ Die Bildunterschrift des Fotos lautet: „Nach Kyrill wurden unter anderem Douglasien im Weitverband 3×10 m gepflanzt. Außerdem wird auf Naturverjüngung gesetzt.“

Doch wie soll das bloß zusammenpassen: die grob gerasterte Großfläche einer Douglasien-Monokultur, in meiner von Putins und Netanyahus Kriegen verdorbenen Vorstellungswelt einer auf Kommando Stillgestanden! gestoppten Militärparade nicht unähnlich, dazu im Bildvordergrund der wie von Granaten zerfetzte Fichtenstrunk und beides konnotiert mit dem Begriff „Naturverjüngung“? Wie hat man sich die im Sauerland bloß vorzustellen? Und wie reagieren die Sauerländer wohl auf derlei Wald- und Landschaftsbilder?

„Zwischen Altbeständen, Kalamitätsflächen und klimaresilienten Mischwäldern“, so fährt Martin Beck lobend fort, liege der Weg, den Lucas Freiherr von Fürstenberg konsequent gehe: „Der studierte Kaufmann, heute engagierter Forstmann und ANW-Mitglied, führt den traditionsreichen Familienbetrieb in dritter Generation – mit unternehmerischem Gespür und forstlichem Sachverstand.“ Für den Quereinsteiger, der sich mit Leidenschaft nicht nur im Betrieb und in der regionalen Forstwirtschaft, sondern auch in der ANW engagiere, sei die naturnahe Waldwirtschaft nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll, wobei er einen sehr nüchternen Ansatz und in der ANW vor allem auch die Eigentümerinteressen verfolge. Der Betrieb sei häufig Gastgeber von Exkursionen aus der ANW und von Hochschulen. Sogar mit der Weißtanne, dem ANW-Lieblingsbaum, mit heimischen wie mit rumänischen Herkünften, werde experimentiert, wovon im Beitrag das Foto eines 10jährigen Tannenhorstes unter einem Fichten-Altholz Zeugnis ablegt.

Damit die Ökonomie stimmt, müssen freilich doch auch noch ein paar weitere Geschäftsmodelle erprobt werden: „Windkraft im Anlauf – mühsam, aber notwenig“, so überschreibt der Autor (der sich im Nachspann dem Leser vorstellt als selbstständiger Unternehmensberater und -sanierer, als Aufsichtsrat und Vorsitzender von gemeinnützigen Organisationen, als Hochschullehrer mit eigenem Waldbesitz in Baden-Württemberg und Thüringen) eine der verheißungsvollsten Bemühungen des Betriebs: Gemeinsam mit Projektierern werde seit Jahren der Einstieg in die Nutzung von Windkraft vorbereitet, was allerdings ein mühsamer Prozess mit vielen Hindernissen sei, die nicht alle nachvollziehbar seien. Jetzt aber scheine das Projekt zum Laufen zu kommen. Windgeneigte Standorte gäbe es in den beiden Revieren jedenfalls genügend, soweit dem der Regionalplan nicht entgegensteht.

Oder soll damit womöglich auch noch Gegenwind aus einer ganz anderen Ecke gemeint sein: ausgerechnet vom prominentesten Sauerländer, dem mit Sitz in Berlin, der vor lauter Staatsschulden die Windenergie nur halbherzig zu fördern bereit zu sein scheint?

Kurz: Naturnähe, gar den von der ANW seit einem halben Jahrhundert so vehement propagierten naturgemäßen Dauerwaldbetrieb habe ich mir irgendwie anders vorgestellt. Auch wenn ich diesbezüglich im Donaueschinger Ruhestand – im Dunstkreis des fichtenlastigen (mit seinen Maschinengassen im 20 Meter-Abstand im Drohnenbild gleichfalls grob gerastert erscheinenden) Fürstlich fürstenbergischen Großprivatwalds – nicht übermäßig verwöhnt werde. Ob Freiherr oder Fürst: Könnte es sein, dass ich da seit der „Zeitenwende“ etwas verpasst habe – dass jetzt auch der nach ANW-Kriterien bewirtschaftete Wald „kriegstüchtig“ erscheinen darf? Dass auch noch so großflächig strammstehende Monokulturen anstandslos als naturnah deklariert werden dürfen? Elias Canetti hat es anno 1960 mit seinem „marschierenden Wald“ wohl doch schon auf den Punkt gebracht.

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