Es ging spazieren vor dem Tor
Ein kohlpechrabenschwarzer Mohr…
Wilhelm Busch: Die Geschichte von den schwarzen Buben. In: Der Struwwelpeter. 1844. Verl. Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt am Main 1917.
Keine deutsche Nachrichtensendung, keine Tageszeitung durfte gegen Ende des Sommerlochs 2025 auf diese Meldung verzichten: Die Berliner Straße und U-Bahnstation Mohrenstraße wurde nach langjährigen Auseinandersetzungen in Anton-Wilhelm-Amo-Straße umbenannt; zuletzt war damit sogar das Berliner Oberverwaltungsgericht noch auf Trab gehalten worden. Es wirke dies wie eine krampfhafte historische Verrenkung, meinte dazu etwa die Süddeutsche Zeitung (v. 25. August 2025), wo doch der Namensgeber, erster afrodeutscher Akademiker (1756 – 1784), der in Halle und Jena Philosophie gelehrt hatte, so gut wie nichts mit Berlin zu tun habe. Zuvor schon hatten Aktivisten mit Pinsel, Farbe oder Aufklebern aus der Mohren- eine Möhrenstraße gemacht.

Foto: Internet rbb24
Ob jetzt auch die deutschlandweit über einhundert im Netz aufgeführten Mohrenapotheken umbenannt werden müssen – soweit man sich dort nicht schon längst um einen neuen Namen bemüht hat? Zumal, wenn überm Eingang womöglich noch halbnackte dunkelhäutige Figuren getanzt haben, im Blätterrock oder in Pluderhosen und mit Speeren bewaffnet. Die abendländische Medizin habe halt einst viel vom Wissen der arabischen Besatzer Spaniens profitiert, so lautet ein akademischer Erklärungsversuch.
Nahegelegt wird neuerdings ja auch Melchior, dem Schwarzafrikaner unter den drei Königen, sich fortan das Gesicht nicht mehr zu schwärzen? K+M+B sind sich mittlerweile zum Verwechseln ähnlich, wenn sie um Dreikönig herum ihre Runde machen. Was soll´s, wo doch auch Winnetou zwar noch Apache, doch kein Indianer mehr sein darf. Muss nächstens auch der Name Moritz getilgt werden, der doch wohl von Mauritius abstammt, dem dunkelhäutigen Schutzheiligen der Infanterie, der Messer- und Waffenschmiede? Muss demnach auch Wilhelm Buschs Max und Moritz – Eine Bubengeschichte in sieben Streichen von 1865 überarbeitet werden? People of Color, mögen ihre Bezeichnungen auch seit Jahrhunderten eingedeutscht sein und jedweder rassistischen Untertöne unverdächtig erscheinen, sollen es künftig besser haben bei uns – so die Devise.
Und was passiert mit den (in Süddeutschland gar nicht so seltenen) Gasthäusern zum Mohren? Wie waren sie denn überhaupt zu diesem inzwischen als spätkolonialistisch und rassistisch gedeuteten Namen gekommen? Nehmen wir uns dazu den Mohren in Fischbach vor, in der Teilgemeinde von Niedereschach, einen der bekanntesten Gasthöfe im Hintervillinger Raum, nebst dem Sinkinger Taubenmarkt bis unlängst noch der wichtigste Anziehungspunkt. Noch gibt es ihn, leider jedoch mit stark reduzierter Küche, und nach Schließungen aufgrund einer Insolvenz bekommt man immerhin noch sein Bier am Stammtisch, sofern nicht gerade Betriebsferien herrschen. Sollte der gastronomische Niedergang womöglich nicht nur mit den branchenüblichen Personalproblemen, sondern auch mit der neuempfundenen Anstößigkeit des Wirtshausnamens zu tun haben?
Der Fischbacher Mohren
Ein solcher Verdacht hat bereits vor Jahren (am 4. 10. 2022) einen Journalisten der Schwäbischen Zeitung inspiriert, geäußert in seinem Beitrag aus Anlass der Wiedereröffnung des Hauses:
„Die Herkunft des Namens „Zum Mohren“, der aktuell bekanntlich nicht unumstritten ist, den manche als rassistisch ansehen und deshalb ablehnen, kann nicht eindeutig belegt werden. Eine andere, gleichnamige Gaststätte in Hechingen etwa, änderte im August ihren Namen.
Forschungen sollen jedoch ergeben haben, dass es Unterkünfte mit diesem Namen fast nur entlang der alten Römerstraße Via Claudia Augusta gab und gibt. Fürsten und ihre dunkelhäutigen Bediensteten sowie allerlei Pilger reisten häufig über diese wichtige Handelsstraße, die Süddeutschland und Italien verband, und kehrten in sogenannten Hospizen ein. Man vermutet, dass der Name „Zum Mohren“ von diesen Gästen stammt.“
Eine recht abenteuerliche These, wo Fischbach doch wohl nie an einer „wichtigen Handelsstraße“ aus Römerzeiten lag, auch wenn unweit des Dorfs immerhin die Grundmauern einer villa rustica und die Ruine eines Römerbads ausgegraben wurden. Sollten etwa auch hier „dunkelhäutige Bedienstete“ mitgemischt haben?
Freilich bietet sich auch eine sehr viel näher liegende Erklärung an: Man denke an die im Süddeutschen weit verbreiteten Wirtshausnamen zum Ochsen oder zum Hirschen. Denn im bäuerlichen Schwarzwald hieß das weibliche Hausschwein, die Muttersau, seltsamerweise Mohr – wer oder was wollte einen Schwarzwälder also daran hindern, seinen Gasthof zum Mohren zu nennen, wo sich da dem Gast doch sogleich die Assoziationen Schweinebraten oder -schnitzel aufdrängten, so wie bei der Konkurrenz Ochsenmaulsalat oder Hirschragout?
Doch was helfen derlei Erklärungsversuche, wenn die Menschheit immer vehementer dazu neigt, historisch Gewachsenes umzudeuten und umzudeklarieren. Hoffen wir zugunsten der Fischbacher wie der gesamten Region, dass der vormals so berühmte Landgasthof zum Mohren auch unter seinem alteingeführten Namen nicht vollends schließen muss.
In Wilhelm Buschs Struwwelpeter werden die drei vorlauten Buben, die den Schwarzen zu verspotten wagten, vom Nikolaus zur Strafe ins Tintenfass getaucht. Rassismus jedenfalls scheint dem Dichter damals fern gelegen zu haben. Übertreiben wir´s da heute nicht doch ein bisschen – vor lauter political correctness?
Du siehst sie hier, wie schwarz sie sind,
Viel schwärzer als das Mohrenkind!
Der Mohr voraus im Sonnenschein,
Die Tintenbuben hinterdrein;
Und hätten sie nicht so gelacht,
Hätt‘ Niklas sie nicht schwarz gemacht.



Ich hab ja das Alemannische Wörterbuch hier von Friedel Scheer-Nahor und Rudolf Post. Da steht drin unter Mohr, bzw. Mor:
1) Mutterschwein‹ verbr., außer am Bodensee, wo »Los« gilt; im Dim. Moorli, Meerli, Möörli auch ›weibliches Ferkel‹; Ferlet näume ne Mohr › ferkelt irgendwo ein Mutterschwein‹ [Hebel]; e erschts Meerli ›ein Schwein, das zum ersten Mal ferkelt; [Freiamt].
2) ›unreinliche Person‹ verbr.
3) ›Assel, Keller-, Mauerassel‹ meist Dim., mancherorts.
4) ›Pressbalken an der Kelter‹ mancherorts Kaiserst. – Mhd. môr, môre.