Schafschur in den 1930ern

Hubert Mauz hat in seiner Kolumne schon über die Hintergründe der Filme vom Zahnarzt Kramer aus Hüfingen berichtet. So vor allem bei Amalgam, Gottfrieds Lade, Uhremacher Riehle und Getti Beppi Kramer.

Hier der Film von Ernst Kramer bei der Schafschur in Hüfingen aus den 1930ern:

Quelle: Historisches Filmmaterial aus dem Nachlass von Ernst Kramer. Die Veröffentlichung dient ausschließlich der Dokumentation der Hüfinger Ortsgeschichte. Sollten Rechteinhaber Einwände haben, bitten wir um eine kurze Mitteilung.

Briefe von Lucian Reich an seine Eltern und seinen Schwager 1853-1880

Bearbeitet, Original vom Sommer 2021

Die hier zusammengestellten Briefe von Lucian Reich stammen aus den Jahren 1853 bis 1880. Die frühen Briefe richten sich an seine Eltern Luzian Reich senior und Maria Josefa Schelble die späteren an seinen Schwager Johann Nepomuk Heinemann, den Ehemann seiner verstorbenen Schwester „Lisette“ Reich.

Die Briefe geben einen unmittelbaren Einblick in Lucian Reichs familiäres und berufliches Leben. Neben persönlichen Nachrichten berichten sie von seinen literarischen und künstlerischen Arbeiten, vom Erscheinen des Hieronymus, von seiner Beschäftigung mit der Mainau und dem badischen Bodensee sowie von den Arbeiten seines Bruders Franz Xaver Reich. Besonders deutlich wird dabei auch Lucians Rolle als Vermittler und Ratgeber in den künstlerischen Angelegenheiten seines Bruders. Die Briefe enthalten zudem Hinweise auf Kontakte zum badischen Hof und auf Personen aus Lucians beruflichem und künstlerischem Umfeld, die in anderen Quellen nur am Rande erscheinen.

Die Briefe aus den Jahren 1853 bis 1866 stammen aus der Zeit, in der Lucians Eltern noch lebten. Mit dem Tod seiner Mutter Maria Josefa im November 1866 und seines Vaters Luzian Reich senior im Dezember desselben Jahres endet dieser Teil der Korrespondenz.

Die beiden erhaltenen Briefe von 1880 richten sich an Lucians Schwager Johann Nepomuk Heinemann. Sie entstanden kurz nach dem Tod von Lucians Ehefrau Margarete und nehmen zugleich Bezug auf den Tod von Elisabeth („Lisette“) Heinemann. Besonders eindringlich ist Lucians Schilderung der beiden Familien und ihrer einzigen Töchter Anna Reich und Marie Heinemann.

Die Briefe ergänzen Lucian Reichs späteres Denkbuch um unmittelbare Zeugnisse aus seinem Leben und lassen zugleich erkennen, wie eng literarische Arbeit, Kunst, Familie und die Beziehungen innerhalb des Hüfinger Künstlerkreises miteinander verbunden waren.

Lucian Reich aus Karlsruhe, 25. März 1853

Liebe Eltern!
Vor lauter Geschäften bin ich nicht dazu gekommen der lieben Mutter zum Namensfeste zu gratulieren, es soll deshalb noch nachträglich geschehen. Der lieben
12egi ebenfalls, ich habe ihr als Namenstagsgruß ein Exemplar Hieronymus hübsch einbinden lassen und werde es nächstens an sie abgehen lassen.
Unsere hiesigen Subscribenten sind mit dem Werke alle sehr zufrieden, man hört nur Günstiges darüber. Die Besprechung von Dr. J. Bader darüber in der Carlsruher Zeitung lege ich hier bei, sie ist besser als die Fiklerische in den Landblättern. Beim Fürsten bin ich sehr gut aufgenommen worden. – Es wird gut sein wenn Heinemann vielleicht nur von hundert zu hundert druckt daß wir recht bald wieder in Bezug vom Exemplar kommen. Der Zettel mit den Druckfehlern ist allerdings eine von Vogel unnötigen Sparsamkeiten,

übrigens unbedeutend, der Buchbinder muß eben das Blatt auf ein Papier aufziehen. Bei den nächsten Versendungen muß es auf ein ganzes Blatt gedruckt werden. Stotz hat in Neustadt Abonnenten: Marie
Hoffmayer, lieferungsweise.
Hübsch wartet sehnlichst auf den Giebel. Xaver wird einige Zeit hier verweilen müssen. Es wäre mir lieb wenn Heinemann vorerst keine der Bilder frisch zeichnen würde, um den Druck nicht aufzuhalten. Auch muß ich gestehen daß mir der Büchsenmacher welcher Kugel gießt, nicht unwerth ist.

Die Bilder finden überhaupt bei jedermann den entschiedensten Anklang. Die Art der Ausführung zieht jedermann unwillkürlich an. In Frankfurt hat sich eine Buchhandlung zur Sammlung der Sache erboten. Überhaupt scheint mir daß die ganze Sache recht gut im Gang ist.
Indem ich Euch Alle tausend mal grüße
Euer Lucian
Carlsruhe, den 25. Mrz. 53
Xaver möge nicht vergessen die Büsten vom Fürsten und der Fürstin mit hierher zu bringen.


12egi ist wohl ein Spitzname einer anderen Josefa – vielleicht seiner Schwägerin der Frau von Xaver

Lucian Reich hat später auch viel für Johann Bader geschrieben – so in der Badenia Die Geschichte der Stadt Hüfingen im Jahr 1862. Unten die Rezension Baders in der Karlsruher Zeitung vom 23. März 1853 (No. 70) aus der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe:

Karlsruher Zeitung vom 23. März 1853 mit der Rezension von Bader rechts
Karlsruher Zeitung vom 23. März 1853 mit der 2. Seite der Rezension von Bader

Mit dem Giebel auf den Hübsch wartet ist der Giebel der Trinkhalle in Baden-Baden gemeint. Diesen hat Xaver Reich gemacht:

Trinkhalle in Baden-Baden mit Giebelrelief von Xaver Reich

Trinkhalle in Baden-Baden mit Giebelrelief von Xaver Reich


Lucian Reich aus Rastatt, 1. August 1856

Liebe Eltern!
Das Schuljahr neigt sich dem Ende zu, und ich freue mich wieder einige Wochen bei Euch sein zu können. Bevor ich nach Hüfingen komme, werde ich jedoch, des früher besprochenen Projekts wegen, an den See, in die in die Umgegend der Arenberger
reisen. Läßt sich etwas damit machen, so kann der Aufenthalt wohl 14 Tag bis 3 Wochen dauern. Ist der Stoff nicht ergiebig, so werde ich einen Ausflug nach Zürich machen und dann direkt nach Hüfingen kommen. Unsere Prüfungen am Lyceum beginnen dieses Jahr schon mit dem 13. und ich hoffe davon

dispensiert zu werden, weil ich doch nichts dabei zu thun habe.

Ich hoffe Euch Alle gesund und wohl anzutreffen; daß dir lieber Vater die Brüder in Dürrheim so gute Dienste geleistet, hat mir Heinemann geschrieben.
Von Kreidel habe ich dieser Tage Nachricht bekommen, daß das Mainau-Werklein dem Regent vorgelegt worden sei. Kreidel ertheilt der Arbeit sehr große Lobsprüche und glaubt daß sie der Regent gewiß gebührend würdigen werde. Die vorige Woche traf auch ein Schreiben von Paris ein, worin gesagt wird, daß der Uhrenmarkt angekommen sei. So wie man hört, will das

neuvermählte Paar etwa am 28. Sept. die Rundreise durchs Land antreten und auf der Mainau eine kleine Rast einlegen.

Indem ich Euch und Alle herzlich grüße
Euer dankbarer Sohn Lucian
Rastatt 1. Aug. 56
Die Ernte fällt hier sehr gut aus. Die Früchte sind von außerordentlicher Qualität und auch die Kartoffeln versprechen das Beste.


Arenenberg ist der Name eines Schlosses am Untersee. Das Projekt von Lucian Reich war die Geschichte des Schlosses Arenenberg und insbesondere der damit verbundenen Napoleon-Erinnerungen (Schriften der Baar 1972). Das Projekt entstand wohl im Nachgang vom Buch Die Insel Mainau und der Badische Bodensee im Auftrag seiner Königlichen Hoheit des Regenten Friedrich von Baden. Es kam allerdings nicht zustande. Vermutlich ließ sich „nichts daraus machen“ und Lucian Reich hat einen Ausflug nach Zürich gemacht.

Luzian Reich senior stammt vom Hänslihof in Bad Dürrheim: Denkbuch.

Adolph Kreidel (1817–1885), badischer Hofbeamter, war seit 1849 Privatsekretär des Prinzen Friedrich von Baden und ab 1854 Hofsekretär mit dem Charakter eines Geheimen Sekretärs. Im Zusammenhang mit der Entstehung des Mainau-Werkleins vermittelte er Lucian Reich historisches Material aus dem Generallandesarchiv und stand mit ihm in mündlichem und schriftlichem Austausch.

Das neuvermählte Paar war Großherzog Friedrich I. von Baden (1826–1907) und seine Gemahlin Luise, geborene Prinzessin von Preußen (1838–1923). Die beiden hatten am 20. September 1856 in Berlin geheiratet.


Lucian Reich aus Rastatt, 22. Mai 1857

Liebe Eltern!

Die Nachricht, welche mir Heinemann von dem dir lieber Vater zugestoßenen Unfall mitgetheilt, hat mich nicht wenig erschreckt, aber auch wiederum getröstet, da ich die Versicherung erhielt, die Verlezungen seien Gott sei Dank nicht gefährlich und im Verlauf weniger Tage so geheilt worden, daß du lieber Vater wieder deine täglichen Ausgänge machen kannst. Wir können alle dem Himmel nicht genug danken, daß der gefahrvolle Tag nicht zum wirklichen Unglückstag für uns geworden ist, was bei der

Größe der Gefahr, so leicht hätte der Fall sein können. Gott wolle uns vor ähnlichen Ereignissen gnädig bewahren. Ich kann mir denken, wie es die liebe Mutter und alle Familien-Angehörigen erschreckt haben wird.

Dem Heinemann werde ich nächstens schreiben. Wegen Xavers Angelegenheit in Baden konnte ich bis jezt noch nichts thun, da ich bei meinem kürzlichen Besuche dort den Fohr zufällig nicht angetroffen habe. Ich werde nächstens wieder einmal hinüber gehen.

Hier in Rastatt geht alles seinen gewohnten ruhigen Gang fort; vom Ministerium erhielt ich die Versicherung, daß mein Gehalt demnächst auf die normalen 600 fl gestellt werden solle.

Indem ich baldigen weiteren Nachrichten entgegen sehe, wie es dir lieber Vater ferner geht, grüße ich alle herzlich
Euer dankbarer Sohn Lucian
Rastatt, d. 21. Mai 1857


Daniel Fohr (1801–1862), Landschaftsmaler, seit 1839 badischer Hofmaler und lebte seit den 1840er Jahren in Baden-Baden.

Xavers Angelegenheit in Baden“ dürfte sehr wahrscheinlich mit den 1856 genehmigten und 1857 auszuführenden Giebelstatuen der Trinkhalle zusammenhängen. Warum Lucian dafür ausgerechnet Daniel Fohr aufsuchen wollte, ist bislang nicht belegt.

Giebel der Trinkhalle

Am Giebel Oos und Murg als sitzende Quellnymphen


Lucian Reich aus Rastatt, 3. Mai 1858

Liebe Eltern!

Ich wollte bisher warten Euch Nachricht zu geben bis ich dem Heinemann zugleich hätte die Holzstöcklein für den Xaver mitschicken können. Dies kann aber erst im Laufe der nächsten Woche geschehen. Ich bin sehr begierig, wie es dir liebe Mutter geht, hoffentlich von Tag zu Tag besser. Den gleichen Tag, wie ich hierher kam hatte eine Nachbarsfrau, die viel zu meinen Hausleuten kommt das nämliche Unglück

nur war der Fall gefährlicher, weil der Knochen durch die Haut herausdrang. Sie mußte bis jetzt liegen, den Arm auf einem Kissen befestigt. Ich bin hier wieder in meine gewöhnliche Tätigkeit eingetretten. Von Freiburg höre ich daß die Zeichnungen zu den Glasfenstern sehr viel Beifall finden. Auf Xavers Großherzog ist man allenthalben sehr gespannt; er wird aber gut thun, wenn er selbst damit nach Carlsruhe geht. In Baden herrschen noch immer die Blattern und es geht niemand hin, der nicht

muß. Wenn ich nach Carlsruhe komme so werde ich den Schmuck für den Sepperle für seine getreue Pflege dort einkaufen. Bis dahin lebt alle wohl und benachrichtigt mich bald wie es der lieben Mutter geht. An Xavers Familie und Heinemann, Nober viele herzliche Grüße

von euerm dankbaren Sohn
Lucian
Rastatt, 3. Mai 1858


Lucian Reich um 1860 – 18. März
Dieser Brief ist nicht datiert, aus dem Inhalt geht aber hervor, daß er um 1860 geschrieben sein muß. Um 1860 war Franz Xaver mit der Ausführung des Großherzog-Leopold-Denkmals beschäftigt. Josefa Namenstag ist am 19. März.


Liebe Eltern!

Zum morgigen Namensfeste gratuliere ich dir liebe Mutter herzlich, der Himmel möge uns dieses Fest noch vielmal ungetrübt feiern lassen. Wie ich heute von Heinemann höre wird die Base Martha, die leider keinen guten Winter gehabt hat, nun zu Euch hinauf kommen, sollte sie gerade bei Euch anwesend sein, so bitte ich sie herzlich von mir zu grüßen.

In Herrn Xavers Angelegenheit bin ich immer noch derselben Ansicht, wie ich sie ihm ungesäumt mitgetheilt habe. Er soll sich auf ein auswärtiges Gutachten, wobei auch Männer vom eigenen Fach mitzusprechen haben, berufen, gegen eine willkürliche Verwerfung der Auffassung und der Motive, wodurch ja alle künstlerische Freiheit geradezu beseitigt wäre. Im Übrigen sich bei nochmaliger Bearbeitung streng an die Natur halten, was allerdings von andern Künstlern und ihren

Arbeiten der einzig richtige Weg ist, wobei auch nicht gesagt ist, daß man sich in Kleinlichkeiten verlieren soll. Sollte er Lust haben nach München zu gehen, so würde ich dort nur kleine Skizzen machen oder vielmehr in kleinen Skizzen von den jezigen Figuren beibehalten was man dort für gut findet.

Sollten in Betreff der Leopoldfigur Steine in den Weg zu werfen versucht werden, so würde ich mich entschieden auf das gegeben gutheißend Wort des Großherzogs und seines Bruders des Prinzen Wilhelm berufen,

und dem Großherzog zu bedenken geben, daß mit Zurücknahme dieses gegebenen Wortes ja dein Ruf als Künstler gefährdet werde. Die Figur ist entschieden gut und wird später, wenn sich die Staubwolken verzogen haben, ihre Anerkennung finden.

Indem ich bitte der lieben Josephine im Garten zu gratulieren ebenso bei Nober auch bei Heinemanns meine Grüße auszurichten.
Euer dankbarer Sohn Lucian
Unsere diesjährigen Remunerationen sind für diejenigen, welche keine Dienstwohnung haben, um 50 reichlicher ausgefallen.


Josefa Elsäßer Frau von Xaver Reich

Die 1861 auf dem Leopoldsplatz in Baden-Baden aufgestellte Porträtstatue Großherzog Leopolds wurde nach einem Modell von Franz Xaver Reich im Erzguß ausgeführt. Sie wurde später im Rahmen der Metallspende eingeschmolzen.

Josephine im Garten ist vermutlich wieder die Schwägerin Josefa Reich die im Landgütchen von Johann Nepomuk Schelble zu der Zeit wohnte.


Lucian Reich aus Rastatt, 3. Januar 1861

Liebe Eltern!

Zum neuen Jahr meine herzlichsten Glückwünsche; der Himmel wolle uns noch lange gesund und wohl beisammen erhalten. Ebenso wünsche ich dir lieber Vater zum Namensfeste Glück und Segen. Eine dritte Gratulation bitte ich in Xavers Familie gelangen zu lassen, wegen der glücklichen Ankunft des Christkindleins.
Über die Brunnenangelegenheit ist noch keine Bestimmung getroffen;

nur soviel wurde mir gesagt, daß die Kosten zur Figur durch freiwillige Beiträge gedeckt werden sollen. Vor einigen Tagen erhielt ich aus Württemberg eine Anfrage wegen 2 Cartons zu Kirchenfenstern.

Dieser Tage werdet Ihr ein Kistchen mit einigen Flaschen Markgräfler erhalten.

Indem ich alle Familienangehörige herzlich grüße und ihnen Glück zum Neujahr wünsche

Euer dankbarer Sohn Lucian
Rastatt, 3. Jr. 61


Die 5. Tochter von Xaver Reich, Amalie, wurde am 25.12.1860 geboren und starb erst am 31.08.1955 in Hüfingen.

Mit der „Brunnenangelegenheit“ ist vermutlich ein damals geplantes, möglicherweise nicht ausgeführtes Projekt für eine Brunnenfigur gemeint. Eine eindeutige Zuordnung konnte bislang nicht festgestellt werden.


Lucian Reich aus Rastatt, 18. März 1866

Liebe Eltern!

Zum hl. Josephsfest meine herzlichsten Glückwünsche dir, liebe Mutter, so wie auch unsere Josepha’s im Garten und neugegründetem Eschborn’schen Hause.
Die frühe Ostern macht mir die Ferienreise zu Euch hinauf unthunlich. Mein Bild erfordert zur Vollendung noch recht gut den ganzen Monat, und da ich die Goldrahm dazu hierher bekomme, so werde ich es noch einige Tage im Schloß zur Ansicht aufstellen. Ich glaube, daß es sehr gut geworden ist. Nach diesem werde ich noch zwei kleinere Altarbilder für eine

Kirche in der Nähe von Ettlingen malen. Unterdessen wird der August herankommen, den ich dann wie gewöhnlich zur Hinaufreise benützen werde.
Xaver wird am besten thun, das Relief mit Oel- oder Schellack zu colorieren, denn auch in der großen Tonwaarenfabrik bei Koblenz geschieht mit Figuren, Vasen etc., die ins Freie kommen, das gleiche.

Indem ich Euch alle, ins besonders das junge Ehepaar, von dem ich gestern einen Brief erhalten, bestens grüße Euer dankbarer Sohn Lucian
Rastatt 18. Mrz. 66


Eine Tochter von Xaver und Josefa Reich war Marie Josefa Amalie Reich. Sie hat am 08.03.1866 den Karl Eschborn, FF Forstverwalter, geheiratet. Sowohl die Mutter von Lucian Reich, die Schwägerin und seine Nichte hießen also Josepha. (Vielen Dank an Markus Greif, der das Rätsel mit dem Eschborn’schen Haus entziffert hat)

Foto von Luzian und Josepha mit kunstvoll geschnitzem Holzrahmen

Luzian Reich senior und seine Ehefrau Maria Josefa Schelble.
Fotografiert von Johann Nepomuk Heinemann um 1865. 
Die Fotografien sind in einen geschnitzten Rahmen mit den Lebensdaten des Ehepaares gefasst: Maria Josefa Schelble († 12. November 1866) und Luzian Reich senior († 18. Dezember 1866).


Lucian Reich aus Rastatt an Johann Nepomuk Heinemann, 19. September 1880.

Lieber Schwager!

Das an Xaver und Dich gerichtete Schreiben wird Dir mitgeteilt worden sein.
Euch beiden, als den nächsten Angehörigen, wollte ich keine gedruckten Todesanzeigen zuschicken. Dir das tiefe Gefühl der Trauer über diese Trennung zu schildern, kann ich unterlassen, da du von dem gleichen Geschick betroffen worden und alles schmerzliche an dir selbst erfahren hast. Dieses Geschick hat ohnehin viel Gemeinsames, unsere gute unvergeßliche Margarete viel Ähnlichkeit mit der guten Lisette selig. Beide gleich anspruchslos u. verzichtend auf äußerlichen Lebensgenuß opferten sich ganz

den Ihrigen. Beiden war nur eine Tochter beschieden, auf die sich ihr ganzes Lebensglück vereinigt hat. Und was uns selbst betrifft, so sind wir beide im Alter, wo man nur noch im Wohlergehen u. Glück der Kinder sein eigenes Finden kann.
Was nun meine gute Anna betrifft, so war sie an dem 10 monatlangen Krankenlager der Mutter fast über ihre Kräfte angestrengt, so daß sie jezt der Ruhe und Erholung dringend von nöthen hat. Wir haben eine Schwester der Verewigten bei uns, die einige Wochen bleiben. Anna hofft, Du werdest gestatten, daß deine Marie im Laufe des Winters auf Besuch zu uns kommt. Obwohl uns die Trauerzeit nunmehr Zurückgezogenheit auferlegt, so würden wir ihr den

Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen versuchen.
Mit herzlichen Grüßen auch von Anna Dein trauernder Schwager Lucian R.
Rastatt, 19. Sept. 80


Elisabeth (Lisette) Reich (1819 – 1871) am Spinnrad; Katharina Heinemann (1828 – 1900) mit Kind; J. Nepomuk Heinemann, genannt “Muckle” (1817 – 1902) mit Fes; Lucian Reich (1817-1900) mit Pfeife; Rudolf (Vetter) Gleichauf (1826 – 1896) rechts unter der Uhr; Josef Heinemann (1825 – 1901) mit Buch. Zeichnung aus den Wanderblühten.

Johann Nepomuk Heinemann war mit der Schwester von Lucian Reich, Lisette (Elisabeth 1819-1871), verheiratet.

Margareta Stoffler aus Geisingen war die Frau von Lucian Reich und Mutter der einzigen Tochter Anna. Marie Heinemann war die einzige Tochter von „Lisette“ Reich (seine Schwester Elisabeth 15.12.1819-22.06.1871) und dem „lieben Schwager“ . https://hieronymus-online.de/hufinger-kunstlerkreis/

Anna Reich 1885
Marie Heinemann gezeichnet von ihrem Onkel Josef

Lucian Reich aus Rastatt an Johann Nepomuk Heinemann, 24. Sept. 1880

Lieber Schwager!

Dein Schreiben mit der Versicherung, Deine Marie werde uns besuchen, war ein freundlicher Lichtstrahl im Dämmer unserer Traurigkeit. Anna meint wenn sie nur schon da wäre, damit sie ihr Herz gegen sie ausschütten könnte. Wie man aber den Kindern nicht alles zur gleichen Zeit gibt, sondern die Süßigkeiten vertheilt, damit sie lange daran haben, so bin ich der Meinung, solle man es auch mit Liebeswerken umgehen, u. glaube, daß Marie ihren Besuch auf eine Weile verschieben solle, bis die Schwägerin, die wir hier haben uns verlaßen hat. Es würde sonst der Fall eintreten, daß beide, sie und Marie, uns zur gleichen Zeit wieder allein lassen würden; und würden wir dann

die schmerzliche Lücke, zumal Abends, doppelt fühlen. Bis dorthin werden wir, so hoffe ich, dann auch wieder in der Faßung u. Stimmung sein, Marie den Aufenthalt mehr angenehm zu machen. Anna, die in der Sorge u. Wiederinstandsetzung unseres Hauswesens, einen Ableiter gegen trübes Sinnen und Denken sucht, wird dann sich wohl auch wieder mehr ihren Freundinnen zu wenden, von welchen einige bei unserem Unglück sich treu bewährt haben. Auch ich werde mich mehr in’s Unvermeidliche fügen gelernt und wieder mehr Theilnehmend gegen Alles was mir Gutes und Liebes noch geblieben ist, erzeigen können. Abends gehe ich nicht mehr aus, u. werde nicht mehr ausgehen. Meist bin ich um 9 Uhr schon zu Bett, ebenso Anna und unsere Base. Es sind nun schon 8 Tage seit dem Hinscheiden unserer guten Mutter Margareth, so schnell

auch im Trübsinn die Zeit hingeht, so habe ich doch das Gefühl, als wäre sie uns schon seit Jahren entrißen.
Hätte ich nicht für Anna zu leben u. zu sorgen, so würde ich im Hinblick, daß auch meine Laufbahn naturgemäß keine allzulange mehr sein kann, mit Shakespeare im Hamlet ausrufen, „s’ist ein Ziel, auf’s innigste zu wünschen!“ – Doch genug hiervon. – Anna erwartet täglich ein Brieflein von Marie, die wir beide herzlich grüßen wie Euch alle
Euer trauender anhänglicher Schwager und Onkel
Lucian
Rastatt 24. Sept. 1880


*Transkription unter den Briefen ist das meiste von einer großen Unbekannten – mit einer Schreibmaschine getippte Seiten waren bei den Briefen dabei. Ist also nicht alles von mir.

Maria Josepha Heinemann Brunnen an der Hauptstrasse 52 mit Elisabeth Heinemann (Grießhaber) und ihrer Cousine Maria Heinemann (Nober). Maria Heinemann war die Tochter von J. Nepomuk Heinemann und Elisabeth Reich.
Brunnen an der Hauptstrasse 52 mit Elisabeth Heinemann (Grießhaber) und ihrer Cousine Maria Heinemann (Nober). Maria Heinemann war die Tochter von J. Nepomuk Heinemann und Elisabeth Reich.

Briefe der Anna Reich an ihre Cousine Marie Heinemann 1875-1881

überarbeitet, 1. Version von 2022

Die Briefe der Anna Reich an ihre Cousine Marie Heinemann gehören zu den persönlichen Dokumenten aus dem Umfeld der Familie Reich, die heute noch überliefert sind. Die Originalbriefe sind leider verschollen; überliefert ist lediglich eine vermutlich in den 1950er Jahren angefertigte Transkription.

Anna Reich lebte zu dieser Zeit mit ihren Eltern in Rastatt, Marie Heinemann in Hüfingen. Die beiden jungen Frauen waren eng miteinander verbunden: Marie war die Tochter von Elisabeth (Lisette) Reich, einer Schwester von Annas Vater Lucian Reich. Damit waren Anna und Marie Cousinen.

Die Briefe aus den Jahren 1875 bis 1881 erzählen von Freundschaft, Verliebtheit und Enttäuschungen, von Besuchen und Reisen, Tanzstunden, Bällen und Kränzchen – aber auch von Familie, Krankheit und Tod. Neben den sehr persönlichen Mitteilungen blitzt darin immer wieder die Lebenswelt des 19. Jahrhunderts auf: Rastatt und Hüfingen, das „Oberland“, Geisingen, Verwandte und Bekannte, Kleidung und Alltagsgegenstände, aber auch die weitreichenden Verbindungen der Familie. So berichtet Anna etwa Ende 1875 beiläufig vom Tod eines Onkels in Amerika.

Foto von Anna Reich
Anna Reich
Foto von Marie Heinemann
Maria Josepha Heinemann
23.12.1857 – 19.03.1948
Zeichnung von Lucian Reich
Lucian Reich
26.02.1817 – 2.07.1900
Zeichnung von Xaver Reich
Xaver Reich
1.08.1815 – 8.10.1881
Zeichnung von Elisabeth Reich.
Elisabeth (Lisette) Reich
15.12.1819 – 24.06.1871
Marie und Kätherli (Katharina Heinemann 30.04.1828-27.01.1900. Kätherli war die Schwester von Nepomuk und Josef Heinemann) Fotos von Nepomuk Heinemann etwa 1868
Marie und Katharina Heinemann
Selbstportrait von Johann Nepomuk Heinemann
Nepomuk Heinemann
30.05.1817 – 22.02.1902
Zeichnung von Luzian Reich senior
Luzian Reich senior
Foto von Luzian und Josepha mit kunstvoll geschnitzem Holzrahmen
Luzian Reich senior und seine Ehefrau Maria Josefa Schelble.Die Fotografien sind in einen geschnitzten Rahmen mit den Lebensdaten des Ehepaares gefasst: Maria Josefa Schelble († 12. November 1866) und Luzian Reich († 18. Dezember 1866).
Josefa Schelble ein Gemälde von Luzian Reich senior im Stadtmuseum Hüfingen

Josefa Schelble

Katharina Schelble
01.11.1760-04.04.1847 mit Goldhaube, gemalt von Luzian Reich, ihrem Schwiegersohn im Jahre 1829 .
Katharina Schelble
01.11.1760-04.04.1847 mit Goldhaube, gemalt von Luzian Reich, ihrem Schwiegersohn im Jahre 1829 .
Foto vom alten Luzian Reich mit Stock und Mütze auf einem geschnitzten Stuhl
Luzian Reich etwa 1866. Foto von seinem Schwiegersohn Johann Nepomuk Heinemann

Luzian Reich senior (07.01.1787 – 18.12.1866) und seine Ehefrau Maria Josefa Schelble (19.03.1788-12.11.1866).
Die Großeltern von Marie Heinemann und Anna Reich. Sie starben kurz nacheinander vor Weihnachten 1866.
Fotos und Zeichnungen von Johann Nepomuk Heinemann.

Lucian Reich (1817-1900) hat Margareta Stoffler (1825- 16.09.1880) erst am 8. August 1874 in Geisingen geheiratet; deshalb sind die Daten von Anna Reich nicht bekannt. Anna Reich war also ein uneheliches Kind und bei der Hochzeit ihrer Eltern schon fast erwachsen. Anna Reich kam mit ihrem Vater später wieder nach Hüfingen und pflegte ihn bis zu seinem Tod am 2. Juli 1900. Danach heiratete sie einen verwitweten Landwirt in Neudingen und zog seine (8 ?) Kinder groß. Sie selber hatte nie eigene Kinder und starb hoch betagt in der Neudinger Mühle.

Marie Heinemann (Maria Josepha 23.12.1857-19.05.1948) war die einzige Tochter von Lisette Reich (Elisabeth 15.12.1819-24.06.1871) und Muckle Heinemann (Johann Nepomuk 30.05.1817-22.02.1902). Lisette Reich starb schon früh, deshalb kümmerte sich seine Schwester, Kätherli Heinemann (Katharina 30.04.1828-27.01.1900) um den Haushalt.


Rastatt, den 7. 7. 1875

Theuerste Marie!

Weil du Sonntag Morgen’s auf einen Brief von mir wartest, will ich nicht säumen, dir einen solchen zu übersenden. Gute Marie: ich glaube, daß dies endlich der letzte Brief ist, der nicht in jede Hände gelangen sollte, deßhalb, will ich dir jetzt noch einmal ausführlich, was ich selbst weiß, von dem, schon so oft erwähnten Unahnnehmlichkeiten schreiben, mit dem festen Vorsatz, nie mehr etwas darüber zu schreiben, – Ich habe dir’s geschildert, bis Sonntag, nun will ich fortfahren. – Also an dem im letzten Schreiben erwähnten Sonntag, haben wir einander Abends verfehlt, ich, Fanny und Maria, waren in Kuppenheim, u. da kommen wir ziemlich spät heim, weshalb ich St. nicht mehr traf. Ich sah ihn nie mehr, – bis gestern Abend, hatt ich ich das Vergnügen ihn zu sprechen. Ich forderte ihn auf, er soll mir deinen Brief weisen, ja sagte er, den habe ich jetzt zerrißen, ich kann ihnen nichts mehr davon zeigen, so sagte ich also mit einer zweiten Lüge, wollen sie die erste verdecken, aber es hilft ihnen nichts, vor meinen Augen sind sie ein Lügner, er sagte nein das bin ich nicht, ich habe einen Brief von Marie gehabt. Dann sagte er jetzt geben sie mir meinen Brief von der Marie, aber das will ich ihnen sagen, ist darin geschimpft, oder nur ein Wort, daß mir nicht gefällt, dann schicke ich ihn wieder retour u. schreibe noch etwas unten hin, da sagte ich um der Marie diese Unannehmlichkeit zu ersparen, bekommen sie ihn gar nicht in ihre Hände, denn daß keine Schmeichelworte für sie darin stehen, werden sie sich, wie ich ungelesen, denken können, da sagte er, dann geben sie ihn mir lieber nicht, aber was darin steht möchte ich doch wißen, das sollen sie sagte ich, öffnete denselben, gab ihm die Querte und las ihm den Inhalt des Briefes vor, den Satz wegen Sch. ließ ich aus mehreren Gründen draus, sonst las ich ihn Wort für Wort vor, (könnte ich zeichnen, ich würde dir sein Bild entwerfen, daß Komisch genug aussah) als ich geendet, zerriß ich denselben vor seinen Augen, er sagte so genug ich werde ihr auch schreiben, grüßte ganz kurz, drehte mir den Rücken u. rannte wie besessen von mir weg, ich glaube ich werde ihn jetzt nie mehr sehen.

Wegen der Neuigkeit, die ihm Herr Bausch sagte, fragte ich ihn auch, es war die, die du dir dachtest, nämlich wegen Herrn Ri. wegen einem Porträt sagte er auch etwas,

B. habe sich, glaube ich, bei deinem Vater photographieren lassen, dann habest du mit ihm gesprochen, oder was weiß ich. Doch jetzt genug davon, für ein u. allemal, du liebe Marie mußt mir noch einmal schreiben darüber, besonders wenn St. dir schreibt, was ich aber nicht glaube, auch schreibe mir, ob ich recht oder unrecht gehandelt habe mit dem Brief.

Ach theuerste Marie es thut mir sehr weh, daß ich mir immer den Vorwurf machen muß, daß ich Schuld bin, dir diese Kränkungen verursacht zu haben, ich bitte dich herzlich um Verzeihung, Vergeße alles so gut du kannst, nur mich, und die schöne Zeit die du hier erlebtest, nicht. Glaube mir, St. kann dir nichts Gefährliches anthun, wenn er auch hinkommt, sei deßhalb außer Sorgen, wegen deßen.

Sch. ist noch immer für mich von der Welt verschwunden, ich weiß gar nichts von ihm.

Theuerste Freundin, ich bitte dich habe Nachsicht mit meiner schlechten Schrift, das nächste Mal werde ich dir besser schreiben. – Ich sitze den ganzen lieben langen Tag in meinem Zimmerchen u. denke u. studiere wie es sein könnte, ich bin immer so zerstreut, u. das wirst du meinen Briefen wohl anmerken, glaube nicht, daß ich das vergessen, was mir so wehe that, wegen Aug. Ka. wenn ich seiner schon nicht mehr erwähne, geschieht es nicht aus Vergeßlichkeit, sondern nur um eine noch stark blutende Wunde, nicht zu erneuern.

Durch diese Auftritte in denen du leider auch verwickelt bist, habe ich als Momente, den Schmerz ein wenig vergeßen, aber nun hören jetzt auch diese auf, diese hinterließen mir mehr Zorn und Verachtung als Schmerz.

Ich geh nie aus, sonst hätte ich auch ordentliches Papier gekauft.

Nepomuk Heinemann.
Der Vater von Marie.
Lisette Reich
Die Mutter von Marie und Tante von Anna.
Lucian Reich.
Der Vater von Anna und Onkel von Marie.
Zeichnung von Xaver Reich
Xaver Reich
Der Onkel von Anna und Marie

Rastatt, den 20.7.1875

Theuerste Marie!

Dein liebes Briefchen erhielt ich gestern Morgen, ich lag noch im Bett, als ich in’s Wohnzimmer kam, erblickte ich auf dem Tische dasselbe, mit welcher Hast ich dasselbe erbrach, wirst du dir denken können. Gute Marie, herzlichen Dank für dessen Inhalt, der mir bewiesen, das du Antheil an meinem, dir anvertrauten Schmerze nahmst, ach wie wohl thaten mir deine von Herzen ausgesprochenen Worte. – Diesen Morgen früh erhielt ich wieder zwei Briefe, der eine zeigte mir den – Hochzeitstag an – der gestern war, hätte ich das gewußt, daß gestern also seine Vermählung stattfinden würde, ich glaube ich währe nicht so ruhig neben Fräulein Werner im Garten geseßen. Ich kann’s gar nicht begreifen, daß die Geisinger, woher ich die Zeit doch so viele Briefe bekam, seiner nie erwähnten, es lief so schön ab, du hattest mich darauf vorbereitet, u. gestern erhielt ich die Anzeige schon, von seiner Vermählung, ich weis nicht wußten’s die Geisinger nicht, oder waren sie so nachsichtig mit mir, – Gott sei Dank, daß es so abgelaufen ist, jetzt schreibt mir gewiß niemand mehr Etwas von ihm. Ich kann mich jetzt schon eher faßen, ich glaube es ist wie du schreibst, die Zeit heilt alle Wunden, aber das glaube ich auch u. fühle es eine Narbe läßt sie zeitlebens mir zurück. – Doch genug denn ich fühle, ich bin noch nicht so stark, als ich mir es gerne vormachen wollte. Möge es ihm in seinem neuen Stande wohl ergehen!

Theure Marie! was mich nicht nur beleidigt, sondern noch weit mehr wehe that, war dass du mein Vertrauen das ich dir schenkte so schlecht mit Gegenvertrauen belohntest. Ich habe dir doch Alles nur Alles, meine Gedanken, anvertraut u. du magst mir nicht einmal anvertrauen, daß du eine zweite Korrespondenz nach Rastatt führtst!

Dies hätte ich nie gedacht daß du so wenig Zutrauen zu mir hättest! Um dies eine bitte ich dich, sei so gut u. nenne weder mich noch Herrn Schneider in deinem Schreiben, denn nur zum Belächeln von deinem Herrn Korrespondent, fühlen wir und doch noch zu gut! Ich merkte wohl, daß er ordentlich bei Herrn Schneider gedatscht hat, aus Allerlei konnt ich’s entnehmen. Ich werde dir nicht mehr so viel schreiben, denn es könnte deinem Vater doch auffallen, wenn du gar zu viele Briefe von hier erhieltest. u. jedenfalls weiß der Herr St. amüsantere Neuigkeiten zu schreiben als ich, er ist ja ein sehr abenteuerlicher Mann.

Karl von Schneider (2.11.1847 – 26.09.1923) Litograph in Hüfingen 
Bleistiftzeichnung von J. Nepomuk Heinemann, etwa 1895

vermutlich Karl von Schneider (2.11.1847 – 26.09.1923) Litograph in Hüfingen
Bleistiftzeichnung von J. Nepomuk Heinemann, etwa 1895

Was die Reise anbelangt im Herbst ist sie vollständig von mir aufgegeben worden, als ich diese Neuigkeit erfuhr; Vater u. Mutter gaben ihre Einwilligung dazu, ich währe Ende September gekommen, aber jetzt werde ich ihnen diesen Grund angeben warum ich nicht gehe, ich sage ich finde es nicht für nöthig, da wir dieses Jahr so viel Besuch vom Oberland gehabt hätten, ich wollte warten bis das nächste Jahr.

Auch dies habe ich mir vorgenommen, nie mehr Jemand zu meinem Freunde oder meiner Freundin zu erheben mag das Schicksals Tücken über mich verhängen was es sei, ich wills versuchen allein zu tragen, der Gedanke dabei soll mich bestärken, daß man Alles dem lieben Gott klagen soll.

Viele Grüße von meinen Ib. Eltern u. deiner dich nie vergeßenden Cousine

Anna Reich.

Viele Grüße an Reichen.

Viele Grüße von Späth Marie. Im Theater war ich noch nie. Die Poststraße am Sonntag gelaufen mit Fanny und Marie.


Im 19. Jahrhundert wurde „Oberland“ als regionale Bezeichnung für den südlichen Teil des Großherzogtums Baden verwendet. Also ungefähr die Gegend zwischen Schwarzwald, Bodensee und Hochrhein. Das Unterland ist die Gegend um das untere Main-Gebiet, also nördlicher und rheinischer Raum. Da Anna zu der Zeit mit ihren Eltern in Rastatt wohnte, rechnet sie wohl Rastatt zum Unterland. Zwischen dem badischen Ober- und Unterland bestand im 19. Jahrhundert ein ausgeprägtes regionales Spannungsverhältnis. Das Oberland fühlte sich gegenüber dem politisch und wirtschaftlich stärker von Karlsruhe und dem Unterland geprägten Baden häufig benachteiligt und bewahrte zugleich ein starkes eigenes alemannisches Regionalbewusstsein.

Mit „Reichen“ ist die Familie von Xaver Reich gemeint (siehe auch weiter unten) also dem Onkel von Marie und Anna. Josefa und Xaver Reich hatten 6 Kinder: Berthold Lucian Joseph Reich (01.06.1844-?), Maria Josefa Amalia (21.1.1848-?), Amalia Maria Anastasia (23.9.1850-22.10.1939), Klara Mathilde (27.11.1852-?), Karl Guido (14.11.1858 – ?), Amalia (25.12.1860-31.8.1955).

Portrait von Xaver Reich 1838 gezeichnet von J. Nepomuk Heinemann.
Portrait von Xaver Reich 1838
Zeichnung von Josefa Reich, geb. Elsässer (1823-1900)
Josefa Reich, geb. Elsässer (1823-1900)
Foto von Xaver Reich
Foto von Xaver Reich

Rastatt, den 23.8.1875

Gute Marie!

Durch die Erlaubnis, von meinen Eltern, dich in Bälde zu besuchen, bin ich so frei und zeige dir meine Ankunft, die wahrscheinlich die nächste Woche eintreten wird, an. Ich erwarte aber jedenfalls noch einen Brief vorher von dir, worin ich hoffe, daß du mir rückhaltslos anzeigst, ob es dir angenehm, oder vielleicht auch dich unangenehm berühren könnte, wenn ich komme. –

Den Tag kann ich noch nicht bestimmen, Fräulein Gerstner geht mit mir bis Offenburg, sie geht auf einige Wochen nach Freiburg, um unangenehmen Erinnerungen auf Monate auszuweichen, wie ich auch. –

Liebe Marie, Neuigkeiten, die mich wie dich interessieren, will ich aufsparen bis ich’s dir mündlich erzählen kann. Nur soviel will ich dir einstweilen mitteilen, Fräulein Sch. ist jetzt fort, am Sonntag sei sie fortgekommen, Fräulein St. scharwänzelt noch immer in der Stadt herum, Fräulein Mathilde fühlt sich wirklich sehr vereinsamt u. verlaßen, denn Beker ist verreist u. zwar in Donaueschingen soll er sich befinden, oder wo weiß ich.

Wirklich gehe ich meist zu Gerstner Mathild, ihr kann ich Alles anvertrauen, da sie sich ja in dem gleichen Verhältnisse befindet wie ich.

Ich will nun enden für heute und dich nochmals bitten mir bald zu schreiben, hinsichtlich was meine Reise betrifft, oder aber wenn du mir nicht schreibst, ist es auch eine Antwort, die ich zu deuten weiß, die dann lautet, du brauchst nicht kommen.

Meine Sinnlosigkeit bessert sich so nach und nach wieder, ich hoffe daß es bei deinem Einflusse, den du auf mich übst, gelingen wird, so ziemlich mich davon zu befreien.

Leb nun wohl und sei herzlich gegrüßt u. geküßt von deiner dich innigliebenden

Anna Reich

Viele Grüße von Marie und Mathild

Nicht wahr die Rosenzeit ist vorbei?


Rastatt, den 6. Dez. 1875

Meine Ib. gute Mary

Dein Brief, welchen ich so sehnlichst erwartete, erhielt ich Donnerstag Abends, u. zwar in einer solchen schwermütigen Stimmung, es war schon dunkel, ich saß draußen im traulichen Zimmerchen u. weinte so stille vor mich hin, indem ich überdachte, wie ich so ganz verlaßen auf der Welt sei, ich dachte an vorigen Winter zurück, an die Tanzstunde, wies da so ganz anders war. Auch schweiften meine Gedanken zu dir hinauf Ib. Mary, ich dachte auch an jene Zeit als du hier warst, ich sagte Mary hat mich gewiß auch vergeßen, sie ist glücklicher als ich. – Ja sie ist glücklicher als ich – dachte ich, bis ich deinen Ib. Brief gelesen, Ib. Mary, ich weinte, als ich deine Worte las, ich nahm herzlichen Antheil an euch Beiden. Ach Ib. Mary, es thut mir sehr weh, daß auch du schon solch bittere Erfahrung machen mußtest, ach wo hätte ich so Etwas von Joseph gedacht, als ich bei dir war, du schreibst Ib. Mary, du könntest ihm nicht zürnen, auch ich könnte es nicht, aber bemitleiden, bedauern würde ich ihn, an deiner Stelle. Er dauert mich sehr, wenn ich so bedenke, wie es ihm jetzt sein wird, und wie man’s ihm jetzt macht. Ich hätte müssen weinen, wenn ich ihn gesehen hätte, wie er dir den Album gab und dich um Verzeihung bat, ach Gott wie wird ihm das so schwer gefallen sein. Ewig Lebewohl sagte er dir, ja das glaube ich im Moment hält er jetzt Alles für verloren, aber mit der Zeit ändert sich’s doch wieder, wieviele sind in ähnlicher Lage, für die sich später wieder alles günstiger und freundlicher gestaltet, wegen dem lb. Mary könntet ihr doch zusammenkommen, denn ich zweifle gar nicht, daß du ihm von Herzen verzeihst.

Um dies bitte ich dich meine lb. Mary, vergrößere seinen Kummer nicht noch durch dein Verhältnis zu Strobel, denke dir wenn er es erfährt, daß du so bald wieder einem anderen deine Liebe schenkst, ach wie würde ihn das schmerzen, denn es müßt ihm ja wie Spott von dir vorkommen, ich werde doch glauben dürfen, daß du lb. Mary für die Liebeserklärungen, von dem mir so unheimlichen Menschen, taub bist.

Wer weiß, vielleicht hofiert er dir nur, um sich zu rächen an dir, o wenn ich an jene unheimlichen Augen und Mundverziehungen denke, fürchte ich mich wahrhaft. – Wird J. R. das Mädchen heiraten? Den Schlag für seine aristokratische Frau Mutter.

Du wünscht theure Mary, daß ich nie so getäuscht werde wie du, bin ich’s nicht vor dir geworden? Das war ja noch härter für mich, denn du liebtest, wie du ja immer gesagt, J. R. nicht recht, aber ich, nun ich will schweigen, denn bald würden mir die Thränen wieder in die Augen steigen. Ach, u. zudem muß ich als wieder denken, er ist durch mich getäuscht worden, der arme Teufel, er meinte ja nur ich liebe ihn nicht, der dumme Sch. ist schuld, hätt mir der Aff nich hofiert, währs ganz anderst, nun was vorbei ist, ist nicht zu ändern, wer weiß für was es gut ist. – Liebe Mary, gestern war Onkel Reich bei uns, er brachte mir einen prachtvollen Ring, der mich sehr freute, nun hätte ich jetzt Ringe genug an mir, aber wie ich zum vierten kam, darüber tadelst du mich mich ganz sicher liebe Mary, ich vertauschte A.K. Ring, gegen einen anderen – denke dir letzten Donnerstag nahm ich ihn mit als ich auf den Markt ging u. ging damit in einen Goldwarenladen, zeigte ihn und fragte, ob ich nicht einen andern dagegen haben könnte, die Frau betrachtete und preiste ihn indem sie sagte – dieser Ring ist streng getragen worden, es klang mir wie ein Vorwurf, als ich diese Worte hörte, ja dachte ich, er ist ja streng getragen worden, denn immer glänzte er an seiner lb. Hand, es ist doch nicht recht von mir, daß ich ihn vertauschte, denn er hatte ihn auch immer getragenm u. gab mir ihn den letzten Abend als ich bei ihm war, er zog ihn von seinem Finger und steckte ihn mir an, mit den Worten, nimm einmal diesen Ring, bis ich einen Andern für dich habe, Mutter schimpfte mich auch als ich ihr’s sagte, nicht wahr Ib. Mary ich hab ihn doch nicht sollen hergeben.

Von Sch. weiß ich nichts, will auch nichts mehr von ihm wissen, ebenso von Emil, er war ein einziges mal bei mir, so lange er hier ist und schrieb zweimal von hier aus, ich gab ihm den Abschied, es führt ja doch zu nichts, es ist nichts, als das man unangenehme Auftritte dabei hat, auch Fridmann habe ich wieder beleidigt, er geht an mir vorbei und grüßt mich nicht mal mehr, ich gab Allen den Abschied, es führt ja doch zu nichts, ich fange nie mehr so was an, mach es du auch so lb. Mary.

Schrieb dir Herr Fridel noch nicht? Herr Riemk? war hier, wie mir Mathild schrieb, besucht mich aber nicht, was mir sehr lieb ist.

Vorgestern erhielten wir die Todesnachricht von Onkel aus Amerika, von dem ich meine schöne Goldgarnitur habe, wirklich folgt Schlag auf Schlag, wirklich ist’s fast zum rasend werden für mich.

Ach, Ib. Mary, könnten wir doch auch hie und da zusammenkommen, ach, wir hätten jetzt auch so viel zu erzählen und zu schwätzen, ich meine als es könne nicht sein, daß wir ? zusammen kömmen, wenn man nur auch mal die Sonnenschirme wieder mal brauchen könnte, denn ich habe Hoffnung, daß du mir ihn dann auch bringst, ach wie glücklich wäre ich dann!

Heute kam zum größten Leidwesen Elises Herr Sihiel nach Mannheim, er mußte sehr schnell fort, denke dir den ? für’s Elisle, sie hat ihn jetzt so arg gerne, denkst auch noch an die zwei, bei der Maientour u. an uns zwei auch u. an selbige Soldatenknöpf am Arm? Selige Erinnerung.

Gestern feierte Sternenwirths Wilhelm die Verlobung mit einem schönen Frauenzimmer von Kuppenheim, weist von dort wo wir damals so lustig waren, wo wir so tanzten miteinander.

Wie ich aus deinem Schreiben entnommen, hast du das Weihnachtsgeschenk auch schon wie ich auch, ich bekomme einen grauen Habolakregenmantel, er gefällt mir sehr gut, er kostete 12 fl. Deine Jacke lb. Mary kommt wirklich theuer, sie wird aber auch schön sein. Reichen Mary hat ja auch eine, Klara eine Pelzgarnitur u. Amelie einen Mantel, so schrieb es mir, Mittwoch schickte ich ihm seine Höschen, die es hier gelassen u. sein Armband, es wirds auch gesagt haben, denn ich habe ja Grüße u. Allerlei an dich ihnen aufgetragen.

Mein gefärbtes braunes Kleid ist ordentlich geworden, ich hab’s mit braun kariertem Stoff verziert auf der Taille eine Weste davon auf den Ärmel u. auf den Rock ebenfalls vom gleichen Stoff.

Ach du liebe Zeit am Mittwoch sollte ich beichten, was soll ich auch zuerst sagen, die Rastatter Sünden oder die Oberländer, oder am Ende das Stelldichein auf dem Schloßplatze, wo man den bei jener so schönen Maientour versprochenen Kuß erhielt? Ich muß auch wie jedes Jahr auf das Schlittenfahren verzichten, obwohl es dieses Jahr ?? viel Schnee hat bei uns und so grandig kalt, daß in meinem Zimmerchen die Fenster nie aufgefrieren, ich schlafe jetzt immer im Zimmer vorne, auf dem Kanape. Man sieht fast nicht mehr den Sprung an meinem Fenster, vor lauter Eis, aber deswegen denke ich doch noch oft an die Fortuna, denn wir verirrten uns auch einmal dort hinten aus der Tanzstunde!!

Strickst immer noch Socken, ich häkle wirklich kleine Tüchle zwei, das Muster das du mir gehäkelt Ib. Mary von Frau Heitz, viele Grüße von ihr, sie war heute bei uns, wenn die Rosen wieder blühen, werdest du auch hoffentlich wieder kommen.

Und nun zum Schluße Ib. Mary. Sei doch so gut u. schreibe mir Ausgangs dieser Woche, denn ich sehne mich als nach einem Brief von dir, nicht wahr schreibst mir bald, u. auch viel.

Herzlich grüßt und küßt dich deine dich liebende

Cousine Anna.


Der Onkel aus Amerika scheint ein Onkel von Anna zu sein, weil sie die Goldgarnitur erwähnt. Vermutlich war das ein Bruder von ihrer Mutter Margareta Stoffler (1825-1880). Eine Maria Stoffler aus Geisingen, ist in der baden-württembergischen Auswandererdatenbank des Landesarchivs erfasst. Sie wanderte 1851 aus.

Der erstgeborene Sohn von Xaver und Josepha: Berthold Lucian Joseph Reich geboren am 01.06.1844 in Karlsruhe ist später auch ausgewandert, sowie Guido Karl, geboren 14.11.1858. Joseph Reich ist vielleicht J.R. da die Mutter und Frau von Xaver – Josefa Reich – den Ruf der „aristokratischen Mutter“ hatte. Mehr bei Xaver Reich.


Rastatt, den 12. 2. 1876

Liebe Mary!
Auf deinen letzen Brief, der von so gedankenloser u. kalter Erzeugung mir hinlänglichen Beweis liefert, weis ich Nichts zu antworten. Deshalb soll mein Brief im höchsten Stadium des Schmerzes u. der Trostlosigkeit u. zugleich der höchsten Unruhe geschrieben, nur diese eine Gewissensfrage an dich stellen, was willst du lb. Mary dadurch bezwecken, daß du leugnest was ich dir geschickt, das du mich aufforderst dir dasjenige zu schicken, wovon ich leider nur zu gut die Gewißheit habe, daß solches schon geschehen, warum, warum, frag ich mich immer selbst, stellt diese, der ich so völliges Vertrauen bis daher geschenkt, mich als Lügnerin, oder doch zum mindesten eine gedankenlose, oder eine solche, die nicht weis was sie thut, dar.

Du kannst mich auffordern, ich soll dir das Gedicht schicken, indem du im Herzen denken musst, oi oi oi ich habe es ja schon sogar gelesen, ja schon zerrissen. Ich weiß keinen anderen Grund für dein mir so rätselhaftes Betragen, als diesen: daß ich dich Ib. Mary in meinem ahnungslosen Gedicht beleidigte, wenn du meinst, daß mein Gemisch Gemarsch, diesen ehrenvollen Titel tragen darf, ich würde mich nicht getrauen, es Gedicht zu nennen, ich dichtete es ja aber auch mit der Gewißheit, daß es nicht kritisirt werden soll, aber auch nicht, wie schon erwähnt nicht in dieser Meinung, dich Ib. Mary dadurch zu kränken, daß du’s einfach leugnest, du habest es gar nicht erhalten.
Ich bitte dich tausendmal um Verzeihung deswegen.

Eine Bitte habe ich an dich Ib. Mary, im nächsten Schreiben, dem ich sehnsuchtsvoll entgegensehe, schreibe mir nur diese Worte: „Ich habe es erhalten.“ über diese Sache, sonst nichts. Meine Ruhe stellst du mir dadurch wieder her, denn du darfst mir glauben daß es mir Gedanken macht, daß du schreibst, du habest es das Gedicht nicht erhalten, es ist mir nicht einerlei, in wessen Hände es ist. Inwiefern habe ich mich unwissentlich bei Frl. Elise vergangen? Daß sie meinen letzten Brief, den ich ihr geschrieben, nicht der Mühe werth hält, ihn zu beantworten?
Wie ich mir denke, interessiert dich Nichts was ich dir von unserem nächsten Kränzchen mitteilen könnte, obwohl es sehr interessantes währe, dir Vorkehrungen die darauf getroffen werden, zu berichten, besonders das wunderschöne Quartett, zu dessen Ausführung wir schon zwei mal Tanzstunden hatten, 8 Paare wurden dazu gewählt.
Baldiger Antwort entgegensehent verbleibe ich deine dich innigstliebende Cousine
Anna
So kann man in Unannehmlichkeiten kommen wenn man an ? Böses denkt.


Elise (Elisabetha Heinemann 17.10.1858-27.06.1932)
1. Heirat 25.08.1881 mit Rudolf Franz Restaurator in Donaueschingen; hatte ein Sohn mit ihm der 1911 ledig starb.
2. Heirat 21.04.1884 nach Bad Dürrheim mit August Grieshaber; hatte 7 weitere Kinder.

 Elise mit ihrer Cousine Marie .

Ohne Datum (verm. Feb. / März 1876)

Meine liebe theure Cousine!

Ach wie lange lange schon ist es, daß ich deine letzten Zeilen erhielt. Es dünkt mich eine Ewigkeit, ich kann mich kaum noch erinnern, u. warum. Ja warum Ib. Mary vernachlässigten wir uns gegenseitig diese Zeit her, so unverzeihlich? Ich weiß Ib. Mary ich versprach dir schon die vorige Woche zu schreiben, ich wollte dir auch gleich nach der Faschingszeit schreiben, aber es war mir rein unmöglich, obwohl ich so vieles mit dir über diese vergangene Zeit zu plaudern hätte, ach so vieles, was für die Feder viel zu langweilig währe, wollte ich dir Alles niederschreiben wie es war – frage mein Bild, daß ich dir hier schicke, o wenn sich auch dieses große Maul öffnen könnte u. dir von der schönen Zeit erzählen könnte, ich glaube, daß dann der ganze Zug im Gesichte ein freundlicherer u. vergnügterer wäre, nicht wahr in meinem Gesicht findest du lb. Mary keinen Zug, der mit einem Fastnachts-Kostüm harmonierte, findest nicht jenen mich verklärenten Zug, den du einst fandest, als ich an jenem Abend von Geisingen wieder zu dir zurück kam. –

Theure Mary, bei dem kostümierten Kränzchen, wo wir acht Italiener Paare die Hauptrolle spielten, gefiel es mir zu gut, seit ich hier auf Bälle und Kränzchen gehe, ist dieses das einzige, an das ich fast täglich mit innigstem Vergnügen zurück denke, obwohl es mich auch oft so wehmütig stimmt, daß ich weinen möchte, wenn zwei zusammen kommen, die dabei waren, darf man sicher glauben, daß ihr gewähltes Thema vom Kränzchen ist, ohne Ausnahme gefiel es Allen sehr gut dabei.

Weniger gut gefiel es uns beim Tanzstund-Kränzchen, letzten Freitag v. W. ich glaube daß es uns auch gefallen hätte, wenn nicht Alle das andere Kränzchen im Kopf gehabt hätten, ich hatte mein Sommerkleid wieder an, ich ließ mich dieses mal auch frisieren, oben hatte ich gesteckte Locken, unten 3 Häng-Locken u. 2 Rosen an der Seite, die Frisur war sehr hübsch, wie man mir sagte, ich war eigenliebig gefallsüchtig genug, sogar noch zu glauben, wenn man mir sagte, sie gehe mir so gut.

Montag und Dienstag von 7 Uhr bis 10 Uhr gingen wir zu 7 Frauenzimmern, wie man sich hier beliebt auszudrücken, wir fanden als auch Herrn, die uns kannten unter-wegs, 5 waren in Domino, Frl. Wettin als Alte u. Frl. Habich als Köchin, den ersten Abend war es sehr schön, an den zweiten kann ich nur mit Wehmuth denken, o es hätte schöner sein können am Dienstag als am Montag, wenn mich nicht des Schicksals-Tücke, oder vielmehr ein unseliger Zufall so verfolgt hätten.

Auf Dienstag Abend hatten wir mit unseren Ib. schönen Italiener Buben verabredet gehabt, wenigstens ich und Notars Mathild, da währen also diese zwei noch mit uns, auch in Domino natürlich, im Löwen sollten wie aufeinander warten, so war es abgemacht, wir waren zuerst da, jetzt merke auf lb. Mary – Sch. hatte ich vor einer Stunde etwa auch gesehen, er sagte mir er gehe auch hier schnurren wie und wo wir uns treffen, ich sagte ich wisse es nicht, da sagte er wir wollen ein Losungswort gebrauchen, ich stimmte bei, indem ich dachte, ja heute Abend gilt bei dir weder Losungswort noch Suchen meinerseits, endlich trennten wir uns, er in der Hoffnung mich heute Abend noch einmal sprechen zu können, ich aber – ihn nicht mehr zu treffen. Wie schon erwähnt, waren wir zuerst im Löwen. Ich lief mit einem Student herum, der vorigen Abend schon bei uns war, ich unterhielt mich sehr gut mit ihm, obschon ich ihn nicht weiter kannte, auf einmal steht ein großer, schwarzer Domino vor uns, ich berücksichtigte denselben nicht weiter, er wechselte einige Worte mit dem Student, auf einmal trat er dicht vor mich u. sagte das mir bekannte Losungswort, ich schrak unter meinem Domino ordentlich zusammen, ich antwortete ihm nicht darauf denn schon sah ich den kommen, auf den ich wartete, noch einmal wiederholte Sch. das Losungswort worauf mir unbewußt die Antwort darauf meinen Lippen entfuhr, natürlich kannte er mich u. ich ihn, ich sagte nun dem Student ade, obwohl ich lieber bei ihm geblieben wäre, ich lief nun ich weis selbst nicht wie mit Sch. im Saal herum, so lange bis mich mein Herr erkannte, er kam auf mich zu, engagierte mich auf den soeben beginnenden Polka, ich tanzte nun mit ihm indem er mir so allerlei sagte, wie es schön werden könne usw. als der Tanz beendet sagte er die Gesellschaft wolle fort, ich müsse auch mit ihm, da Sch. nahm mich von seinem Arm weg, der andere aber sagte ja wir gehen jetzt, kommen sie Frl. Reich, Sch. sagte, nein sie geht nicht, sie bleibt bei mir, da sagte der andere wer ist denn dieses, ich antwortete ich kenne ihn nicht, mittlerweil kommen die anderen Frauenzimmer her u. sagten laß doch den fremden Domino fahren, wenn du ihn nicht kennst,

Sch. sagte, sie laßt ihn aber nicht fahren, gleich munkelten einige es ist Sch. es ist Sch. darum laßt sie ihn nicht gehen, der andere fixierte ihn nun überall u. wollte ihn durchaus kennen, das einmal sagte er, ja es ist Sch. das eine mal, nein es ist nicht Sch. Dann sagte er zu mir, indem er mich am Arm nahm, jetzt gehen sie mit mir, sei es wer es wolle, Sch. raunte mir nun in’s Ohr ja Anna gehe nur, gehe nur, ich zwinge dich nicht zum dableiben, ach ich war so unschlüssig, so wankent, der andere sagte immer, ach ich bitte ihnen kommen sie doch mit mir, es ist ja Sch nicht, inzwischen kommt Kunz auf uns zu u. sagte so da ist Sch. das ist Sch. u. das ist d’Reich, du kannst dir denken wie mir’s war, der Andere ging nun von mir weg, indem er sagte, da kann man sehen, wenn sie Sch. am Arm haben, lassen sie mich fahren, jetzt sind sie im Himmel nicht wahr, ich wollte ihn zurückhalten, vielleicht mit ihm gehen, ich wußte es nicht, kurz ich wollte ihn zurückhalten, aber Sch. sagte laß ihn doch endlich einmal laufen, du bleibst bei mir, nun blieb ich bis 10 Uhr im Löwen bei Sch. die anderen gingen ins Kreuz, da dort auch ein Kränzchen war, der Andere habe dann zu Notars Math. noch allerlei gesagt wegen mir und Sch. seitdem grüßt er mich nicht mehr, ach wie viel mußt ich doch schon wegen Sch. aushalten, er schrieb mir schon wieder, seit Fastnacht Dienstag, schon am Freitag, ach der Sch. ich weiß nicht, so viel Unangenehmes hatte ich schon wegen ihm, schon so oft sind wir böse gewesen u. immer wieder kommen wir zusammen, ich weiß selbst nicht wie, ich stelle oft an mich die Frage, bist du nicht das dümmste einfältigste Mädchen Wo es gibt, nur an einen solchen zu denken, bei dem auch gar keine Hoffnung ist, bei dem ist es ja doch nie Etwas. Das der Andere jetzt wieder böse ist mit mir wegen Sch. ist mir auch nicht einerlei, bei den Andern lauft alles so stille ab, bei mir wissen es gleich alle wenn Sch. dagewesen, es geschieht mir aber ganz recht, wenn der Andere (seinen Namen will ich dir nicht nennen, ich weis selbst nicht warum, ich habe jetzt auch kein Recht mehr dazu) nur nicht böse wäre mit mir, auf Versöhnung rechne ich nicht, denn jetzt da kein Ball u. nichts mehr ist, kommen wir nicht mehr zusammen, nun ich muß mich eben darin fügen.

Und nun meine lb. Mary, wie gefielst du im Samtkleid, ach ich sehe ein siegreiches Lächeln an deinen Lippen schweben, ach du wirst zärtlich geliebt von St. meine Ahnung sagt mir, daß auch die Zeit über sehr vergnügt u. glücklich an der Seite eines hoffnungsvollen Jünglings umherschwebtest. Ach bitte schreibe mir Alles wie es gewesen, was er gesagt u. halt so Alles.

Ich will enden indem ich dich bitte mir ja recht bald zu schreiben, ach schreibe mir Morgen gleich, denke wie lange her es schon ist seitdem du geschrieben Tausend Küße und Grüße von deiner

Anna.


ohne Datum

Meine liebe Marie!

Hier sende ich dir das Ding, möge es gute Folgen haben! Ich kann dir nicht beschreiben Ib. Marie, wie mich dies Gedicht in Alteration versetzte, wenigstens 7 Bogen Papier versudelte ich, bis ich endlich zufrieden war mit meinem Werke, ich sage dir wenn ich mein eigenes Todesurtheil hätte unterzeichnen müßen, hätte mich’s nicht in größere Aufregung versetzen können wie dies Gedicht, gezittert habe ich, meine Schrift war so verändert, findest du dies nicht auch, ich hatte so viele Gedichte die für U. paßen, somit konnte ich fast zu keinem Resultate kommen, zuerst schrieb ich ihm diese beiliegenden, doch verwarf ich sie wieder, jetzt habe ich ihm dies geschrieben, ich weis nicht ist es dir bekannt: Einsam, bin ich nicht allein, denn es schwebt ja süß und mild usw. wenn nicht will ich dir’s schreiben. Meinst du auch er bekomme es durch diese Adreße?

O, liebe Marie, wenn ich nur bei dir sein könnte! Gelt dir gefällt es noch nicht so recht, ist dir noch Alles fremd, du bist eben auch ein Wesen, das sich nirgends gleich heimisch fühlt, ohne daß man dir zuerst zuvorkommend entgegentritt.

Ich kann dir nicht sagen wie ich mich freue aufs Frühjahr, denn du mußt zu mir kommen, o Marie, komme doch in mein Zimmerchen, o da plaudert sich’s so heimlich, so traulich, komme, komme.

Was hast du für zwei Wesen neben dir? Poetisch o. Prosaisch, fühlst du keine Simpathie für sie, ich bitte dich um Alles liebe Marie, schließ mir keine Freundschaft mit ihnen, denn dann würde ich sicherlich verlieren dadurch, du mußt wissen, in der Liebe wie in der Freundschaft bin ich sehr egoistisch. Könnte ich dir doch ein wenig Wärme von m. Zimmer abtreten, du armes Kind, du dauerst mich, wenn und ein so herzblutstockendmachend kaltes Zimmer hast, schlafst du allein? Sage mir liebe Marie, warum konntest du nicht kochen hier? O denk dir wie schön es gewesen wäre!

In der freudigen Hoffnung über Alles mündlich mit dir bald sprechen zu können, will ich nun weiteres nicht erörthern, aber dann wird’s geplaudert o u. wie!

Also sei so freundlich und besorge mir das Ding da recht, ich werde dir Dank dafür wissen, vielleicht kann ich dir’s durch ähnlichen Gegendienst wett machen.

Im Geiste umarme ich dich und verbleibe deine dich von Herzen liebende Cousine

Anna.

Baldige Antwort!

Schlaf wohl, möge deine Liebe dich erwärmen in deinem kalten Logis!

O gelt schreibst mir wegen dem dings, es ist mir, wie wenn ich ein Staatsverbrechen begangen hätte, ich möcht nur die Wirkung sehen u. hören, glaubst du er zieh mich?

Zürnt er mir?


Katharina Heinemann, Schwester von Nepomuk und Josef
Marie und Kätherli (Katharina Heinemann, Schwester von Nepomuk und Josef)
Fotos von Johann Nepomuk Heinemann etwa 1867
Marie Heinemann gezeichnet von ihrem Onkel Josef

Rastatt, den 8. 4. 1876

Meine theure Mary!

Endlich, endlich nach langem peinlichem Wartens, erhielt ich deine so sehnlichst erwünschten Zeilen, wie sehr mich dein Bild erfreute, werde ich dir nicht erst zu schreiben brauchen, ach ich war ganz entzückt, du forderst mich auf, theure Mary, dir unverholen meine Kritik über dein Bild mitzutheilen, nun dazu bin ich gern bereit, du bist im Allgemeinen, glaube ja nicht daß ich dir schmeicheln wolle, sehr sehr gut getroffen, so gut das wenn ich dich betrachte, meine ich immer, du müßest den Blick auf mich wenden u. deinen Mund öffnen u. mir erzählen u. antworten auf das was ich dich so gerne fragen würde, wenn du nur den Blick auf mich richten würdest, aber was, es wäre ja doch nicht anderst. Auch muß dein Samtkleid so schön sein, ich beneide dich darum, die Kette liebes Kind macht nicht viel Effekt, man meint, wenn man deine Taille nur so flüchtig betrachtet es sei ein weißer Besatz an der Taille, nun das ist ja aber auch Nebensache, dein Ib. Gesichtchen ist doch sehr naturell.

Nicht wahr das bewußte erste Veilchen-Sträußchen revaschierst (revangierst) du mit deinem Bilde? Ja, ja, ach St. wird ganz entzückt dich täglich hundert mal betrachten u. küßen. Wie glücklich bist du, jeden Abend kannst du, während dem der Ib. Vollmond, die schönen milden Abende, noch durch sein Erscheinen romantischer u. schwärmerischer macht, Arm in Arm ein unblauschtes Plätzchen aussuchen, ach Gott, ach Gott, zu sagen hat man sich in solchen Momenten Nichts, ich kann mich gut in deine wirkliche Lage versetzen obwohl ich nicht in derselben bin.

Wirklich sind doch die Abende sinnberauschend schön, denke dir meine Ib. Eltern wandern auch schon wieder jeden Abend in Gottes freie Natur hinaus, ich gehe als zu Buderina Abends, oder sie kommt zu mir, dann gehen wir als auch auf dem Rheinauer Wege mutterseelen allein spazieren, gestern Abend kamen Buderina und Frl. Seitz zu mir, wir blieben da bis nach neun Uhr, hernach begleitete ich sie heim, morgen gehen wir drei nach Rothenfels, Maientouren wollen wir als auch wieder machen, ach was für ein Unterschied wird es dieses Jahr sein, gegen voriges Jahr, könnte ich dir nur ausführlich den nirentödtenten Durcheinander unter uns erzählen, wir drei sind mit den anderen alle böse, Alssermann u. ich, denke dir dieses Unglaubliche, laufen aneinander vorbei wie wenn wir uns fremd währen, ebenso Gerstner und Kurz, die zwei letzten sind jetzt immer beieinander, sie kommen als auch zu Späth, da erfahre ich alles wieder, was sie von mir sagen, denke dir Späth weiß auch alles wegen Sch. dieses ist mir eigentlich das ärgste, daß es Mary erfahren hat, denke dir Sch. erzählte den Studenten Alles, wie ich hörte aus Eifersucht, wenn er Verstand und bisschen überlegt hätte, hätte er zu Allen geschwiegen, dieses kann ich ihm nie niemals verzeihen, nach Ostern, wenn seine Ferienzeit vorüber, kommt er wieder hierher, natürlich nicht ahnent, was unter dieser Zeit geschehen ist, ich gehe nicht zu dem Rendezvous, ich will unter keiner Bedingung mehr mündlich mit ihm sprechen, wenn er in Karlsruhe wieder ist schicke ich ihm seine Briefe u. fordere meine zurück u. damit fertig, ich will und darf ihn, der mir so unsäglich viel Unannehmlichkeiten bereitete, nicht mehr sehen.

Auch meine geringe Persönlichkeit erhielt schon vorigen Monat 4 Veilchensträußchen die ich trotz des Verwelkens aufbewahre, als Erinnerung, Ach Ib. Mary, ich bräuchte so notwendig einen Sonnenschirm, ich kann ja nirgends hin, ach bitte sei so barmherzig u. schicke mir auch einen neuen, weist einer mit einer Kette, du darfst den schwarzen behalten, auch schicke ich dir herzlich gern mein weißes Überkleid dafür, ersuche Amelia, es gibt dir auch etwas dazu, ich schreibe ihm deswegen, denn wie du weist sollte ich auch ein Sommerkleid haben, kann ja sonst den ganzen Sommer nicht fort, u. eben ein Kleid, ein Schirm, Schuhe, Handschuhe u. Hut, erlauben meine Mittel nicht anzuschaffen, ach bitte sei mir doch nicht böse, weil ich geradezu mich erfrecht (dich) direkt mit einer Unverschämtheit zu belästigen, verzeihst du mir dieses nicht?

Was ich für ein Samtkleid bekomme, weis ich noch nicht, ebensowenig wann, wenn ich mal den Stoff habe will ich dir Müsterchen beilegen, O, wie gut hast du’s, jetzt bekommst du ein Samtkleid, zwei Samtkleider u. hast doch schon zwei so schöne Sommerkleider gehabt, wenn ich nur dein gelbes hätte, wie gerne wollte ich mich den Sommer über mit demselben behelfen, aber ich armer Teufel besitze zwei einzige Kleider u. zwar beide für den Winter.

Liebe Mary, den Schmuck, den du mir auf Fastnacht geschickt, vergaß ich dir beizulegen, wenn ich dir das Überkleid schicke, lege ich denselben bei auch bisschen wohlriechendes Gewässer. Vorige Woche schickte ich Emil seine Photographie durch Eduard zurück, er ist seither schon wieder 3 mal an unserem Haus vorbei, ich weiß nicht, will er mich dadurch ärgern oder was, aber jedenfall lauft er mir nicht zu lieb vorbei, denn er schaut als nicht einmal an’s Fenster, die Tropfen wissen nicht, wie sie einem ärgern wollen.

Den Zopf von Kätherlein bekomme ich erst nach Ostern, sie hätten wirklich so viel zu thun, aber ich glaube die Hauptursache ist, weil die Friseure Madame bald in’s Wochenbett kommt.

? gibt Alssermann’s Buben keine Stunde mehr, sie hat jetzt einen Zahlaspirant, er schickte ihr ein schönes Poesiebuch zu ihrem Namenstage. Viele Grüße von Mary, u. jetzt brauchst du nicht mehr so lange auf ihre Photographie warten, sie lasse sich bald photographieren.

Gestern war kurz ihr Fischer da, denke dir sie liefen per Arm die Stadt hinunter. O du liebes Kind lebe wohl u. vergnügt u. denke auch bischen hir und da meiner in deinem Glück, o lieb so lange du lieben kannst, es kommt die Zeit u.s.w.

Schönen Gruß an ? Strobel, viele an’s Kätherlein. Viele Grüße von meiner Mutter an dich u. Kätherlein. Jetzt ist’s bald ein Jahr, seitdem du hier warst.

Ach bitte schreib mir doch recht bald wieder u. auch viel, es interessiert mich alles. Wenn in der Sch. Geschichte Fortsetzung folgt, will ich dir dieselbe mittheilen. Mit deiner Busenfreundin bin ich böse. Schreibe mir ja recht bald, bedenke daß deine Briefe wirklich mein einziger Trost sind.

Hat Strobel Anna schon geheiratet? Ist Schrenk Peggi schon wieder da von Stuttgart? Ist Hug Friedel gesund?


Rastatt, den 7. 9. 1876

Liebe Mary!

Die innigsten herzlichsten Glückwünsche zu deinem Namens-Tage, ruft dir deine dich innigstliebende Cousine aus der Ferne zu.

Ich will dir gewöhnliche Phrasen, die immer und immer bei solcher Veranlassung in Anwendung gebracht werden, unterlaßen, du bist mir gewiß nicht böse darob, denn du weißt ja, das ich dir nur Liebes und Gutes wünsche, wenn ich die Gaben des ? auch nicht so einzeln dir wünsche u. beschreibe.

Ach, wie glücklich war ich voriges Jahr an deinem Namens-Feste; jetzt ist es mir von dem Schicksale vergönnt, dir wie damals meine Wünsche mündlich darzubringen, nun in das Unveränderliche, von den Göttern bestimmte Schicksal muß man sich eben geduldig fügen.

Unwillkürlich drängt sich ein Gedanke mir auf, u. zwar, wann werde ich dir wieder mündlich gratulieren können? Doch genug, ich will auf ein anderes Thema übergehen

Wie stehts in Bezug auf die noch zweifelhafte Verlobung? Ist’s als noch ein Geheimnis, oder ist dieselbe schon ein Futter für Kritisirendes u. Verhechelnte?

Es wundert mich ob es zu etwas wird, ich meine eine schlechte Parthie wäre es nicht, er hat ja ein süßes Geschäft auch ist er ein schöner, gefälliger Bursche. Will ihn Klara nicht mehr? So, so dein Amerikaner Vetter, war ein solcher Herzeroberer, nun ich bin froh, daß ich ihn nicht kennen lernte, denn weist mein Herz ist auch nicht gewappnet genug, gegen Amors Pfeile. Du zweifelst, ob er Frl. Rank heirathen wird, nun ein Risiko ist es doch jedenfalls von ihr.

Liebes Kind was faselst du von schöner Gelegenheit zu kommen, ich meine du hast auch nicht weiter zu mir als ich zu dir, u. zudem ist des Jahreskehr an dir, o wie oft, wie oft dachte ich daran, diesen meinem Lieblings-Wunsch dir mitzutheilen, aber wenn ich mir als jene nierentötenden, hoffnungsvernichtenden Worte ins Gedächtnis zurückrief, die da lauteten: „Es ist vorbei mit Rastatt“ da trieb ich meine Wünsche mit einem Stoßseufzer verbunden, in die unergründlichsten Tiefe meines Herzens. Mein Papa kommt nicht mit den Bildern, denn die Schule beginnt nächsten Dienstag wieder. Papa und Mama werden Euch das nächste Jahr das Vergnügen schenken, Mamale muß zuerst noch ein neues Röckchen u. neues Peterlie han, no kummt sie.

Ach bitte liebe Mary, komme im November oder noch bisle später, dann gehst du als mit mir auf die eroberungsreichen Kränzchen, denke dir köstlichen Spaß (?), bitte schreibe mir das nächste Mal ob du Lust hättest zu kommen, dann schreibe ich an Onkel, damit du um so eher Erlaubniß von ihm erhält, ich versichere dir ich bin nicht mehr so wunderlich wie voriges Jahr, ich bin wie ein umgekehrter Sack.

Aber blutete dir dein Herz nicht, als du die niederschmetternde Nachricht erhieltest, Herr Strobel herze und küße eine Andere? Denke dir Emil kommt wieder oft zu uns. Komme morgen Abend zum Zapfenstreich, diese Woche waren schon zwei, nämlich bei der Sedan-Feier u. Dienstag Abend General Moltke, der hier war zu Ehren, ’s ist als recht ordeli darbei. Am Sonntag gehe ich nach Ettlingen um meine Freundin, die schon längere Zeit dorten ist, abzuholen, dann werden wir noch nach Karlsruhe ge-hen.

Und nun liebes Kind muß ich enden. Denke beim Anblick des kaum erwähnenswerthen Geschenkchens: „Wenig aber von Herzen.“

Herzliche Grüße von meiner Mutter u. sie läßter ou gratulire u. du sollist ou kumme.
Auch viele Grüße an Kältherlein.
Bitte Ib. Mary schreibe mir so bald wie möglich. Das wurmse surmse, hast du nicht recht entziffert, auch die beiden Buchstaben hatten nicht dieselbe Bedeutung, die du ihnen zuschreibst, sie waren bedeutungsllooooss.

Was bekommst du allerhand zum Namensfeste, von wem?
Also noch einmal die herzlichsten Glückwünsche auf morgen und viel Vergnügen.

Lebe nun recht wohl und schreibe recht bald deine dich liebende Anna.

Ist die Ernte auch schon vorbei droben?
Gott Straß es ist sinnverwirrend kalt.


Mit amerikanische Vetter handelt es sich wohl um den erstgeborenen Sohn von Xaver und Josepha: Berthold Lucian Joseph Reich geboren am 01.06.1844 in Karlsruhe. Ein anderer Sohn, Guido Karl, geboren 14.11.1858, ist wohl erst später ausgewandert. Der „Amerikaner Vetter“ kann aber auch der älteste Sohn des Fridolin Heinemann – Josef Heinemann (*21.11.1857) sein der nach Amerika ausgewandert ist, wobei auch dieser 1876 vielleicht noch zu jung war.


Rastatt, den 24. 10. 1876

Meine theure Mary!

Schon sind etliche Tage verfloßen, seitdem ich dein Ib. Brieflein erhalten. Ich wollte dasselbe wie gewöhnlich, gleich beantworten, wurde aber durch verschiedene Ereignisse, zum Theil sehr unangenehme, davon abgehalten. Gerne würde ich dieselbe nennen, befürchte jedoch deine Geduld auf eine zu harte Probe dadurch zu setzen, will’s also, auf obiges bezug nehmend, nicht nennen und alles bei mir behalten.

Ach wären wir doch beisammen, dann ja dann.

Theure Mary, wie geht es sonst, seit ihr wieder alle wohl? Hoffentlich. Vater ist G.s. D. ganz wohl. Mütterchen so so, la la, meine geringe Persönlichkeit befindet sich auch wohl. o je. Bei Durchlesung der so schlimm u. sehr unangenehm ausgefallenen Verlobung von M. wurde ich ganz starr u. Entsetzen ergriff mich davor. Nur so Etwas nicht. Weniger erstaunt war ich bei Durchlesung wo du mir schreibst Amelie habe sich beleidigt gefühlt, der verspäteten Gratulation wegen, ich dachte mirs, thut mir leid aber ändern konnte ich’s nicht, ich sah zu spät im Kalender nach, wo sein Tag verzeichnet ist.

Herr Gott Salon, werdet Ihr aber nobel in Hüfingen, schon wieder neue Hüte mit ächten Federn darauf! Ich behalte meiner von voriges Jahr wieder.

Ich wollte zuerst meinem Cousin einen Brief für dich mitgeben, aber ich fürchtete der Teufel mache uff. Vater hat ihm einen für Onkel R. und Herr Pfarrer mitgegeben. Du mußt nämlich wissen er war in Heidelberg in einem Geschäft u. nun ist er bei’s Fritscherichs in Hüfingen comis, gestern Morgen kam er bei uns an, und ging heute Mittag ins Oberland. Ich erzählte und schwatzte ihm immer von dir, zeigte ihm deine Photographie. Ich sagte zu ihm er solle als auch mit dir tanzen, er ist nämlich ein guter Tänzer, er ging auch in die Tanzschule. Er ist so groß wie du, hat gerade solch schwarze Haare wie du und akurat solche rothe Wänglein wie du. Er mußte mir versprechen, dir hie und da Fensterparade zu machen, wenn es dich auch ärgert, macht nichts. Ich lege dir an’s Herz, gehe auch zu ihm in Laden u. schreibe mir, wenn er Unfuge u. d. gl. treibt droben, was ich zwar nicht hoffe, ich sprach ihm sehr zu, er soll auch brav sein, ich erfahre es wenn er es nicht sei u. s. w. einen heillosen Mist schwatzte ich an ihn hin.

Liebe Mary, ach könntest du nur auch hie und da Abends bei uns sein, o wie vergnügt wollten wir sein, so aber ist’s halt langweilig, besonders heute Abend, Mutter spinnt, Vater ist noch in Karlsruhe, er kommt erst um neun Uhr heim, u. ich sitze da u. schreibe für mein liebes Kind einen Brief jetzt da.

Weder Tag’s noch Abend’s werden wir in unserem Alltäglichen gestört o je.

Du schreibst mir immer was Andere für Kavaliere haben, deiner vergißt aber immer mir zu nennen, hoffentlich wird’s bald, od. ich erfahre es irgendwo andersher, wart‘ mir Mädele, mußt ja nicht denken, es komme mir einmal in den Sinn du habest keinen Gschboutsi, o je.

Ist’s bei Euch droben auch schon so nerventödtent kalt? Herr Gott Salon, Mutter friert schon wieder von Morgens früh bis Abends spät, o je. Gott-Straß, wirklich ist’s ehrlos langweilig o je. Fort komme ich wenn ich Kommissionen machen muß, sonst nicht, ich bin am liebsten daheim. Wirklich mache ich stramm an Vaters Hemden. Was schaffst denn du?

Bitte liebe Mary, komme doch diesen Winter zu mir, dann gehst mit auf die Kränzchen. Soll ich deinem Vater schreiben deswegen? Nicht wahr Ib. Mary, du schreibst mir recht bald wieder, o ich bitte dich um alles in der Welt darum. Und nun schlaf wohl. träume süß, am Morgen nicht zu früh.

Ade Kind, grüße mir die Leute, die mich kennen.

Ein Satz im Dialekt dann:

je es ist so warm do hin, jo jo.

Schreibe recht bald wieder deiner dich innigstliebenden Anna.
Viele Grüße von Mutter. Grüße auch’s Kätherlie u. Elise.


hat gerade solch schwarze Haare wie du — ist ein Witz, da Marie Heinemann blond war.


Rastatt, den 26. 11. 1876

Meine theure Mary!

„Selige Erinnerung der Vergangenheit!“ durchlebe ich im Geiste noch einmal den gestrigen, vergnügungsreichen Abend, muß ich unwillkürlich an oben angeführte Worte denken.

Liebe Mary, nach langer langer Zeit endlich kam ich einmal wieder zum Tanzen u. was drum und dran hängt, u. zwar gestern Abend, um 8 Uhr begann das Konzert, woselbst ein Hofopernsänger von Karlsruhe mitwirkte, Herr Gott Salon, nein der hatte eine Stimme, so hörte ich noch nie singen, das Konzert dauerte bis 10 Uhr, nach einer 1/2 stündigen Pause, wurde der Tanz durch Polonaise eröffnet, u. nachher verstrich die Zeit unglaublich, nierentödtent, sinnverwirrent schnell, durch herz-blutstockenmachende Tänze u. was drum u. dran hängt. Um 1/2 4 Uhr gingen wir schon heim, ach ich hätte so gern noch den nächstfolgenten Lacie mitgetanzt aber – Nun was habe ich jetzt davon, nichts als das Nachdenken u. was drum u. dran hängt. Liebes Kind dies ist Alles, was ich dir aus meinem einförmigen Alltagsleben mittheilen kann.

Nun nun du schreibst ja mir einen gräßlich scharf verfaßten Brief, dein zweitletzter Brief gelang ja in meine ?, ich schrieb ja Elise nicht, daß ich keinen Brief erhalten habe von dir, sondern blos warum du mir so lange nicht mehr geschrieben, es kommt mir fast vor, als währe es ein Verbrechen, wenn du mir schreibst ohne daß ich dir vorher antworte geld so ist’s. Herr Gott Salon wehrt die sich wenn man sagt Fridolin Fridolin od. wenn man singt: Holdes Grün, wie lieb ich dich, weil mein Schatz ein Jäger ist. u. doch – Wer dir begegnet auf der bekannten Straße weis ich nicht, da jene Erwähnung, nur eine von meiner im Hirn erzeugten Einbildung wahr, bei uns nennt mans ?, Witz, Spaß u. d. gl. was du so gleich alterirt bist!

Soso du sprachst mit meinem Herr Vetter Bodenhopser, Schubladenzieher, wenn du zu ihm kommst wieder, dann bitte ich dich um alles in der Welt, sage zu ihm er sei ein Erdslügner ein fauler Fisch, ein ein ein Spinnenbobelenhirn u. noch vieles Andere hast gehört dieses sagst zum hast’s gehört, er wird dann schon wissen warum u. was drum und dran hängt.

Was ich auf Weihnachten mache fragst du mich, ha ich sticke Vater ein paar Pantoffeln u. du?

Elise schrieb mir heute auch. Denke dir gestern Abend sagte ein Herr zu mir, ich war in Hausach, da traf ich Herrn Bernauer, er sei auf der ? dort, dann haben sie so halt so von der Tanzstunde geschwätzt, dann habe Herr B. gesagt, er solle mich herzlich grüßen u. so. u. so. er hni halt ou n Freud g’ha, Herr Gott Salon, denkst auch noch an seine Knöpfe u. was drum u. dran hängt?

Liebe Mary ich bitte dich um Alles in der Welt u. um noch vieles Andere komme doch nach Rastatt, aber nicht erst an Fastnacht, komme Gott-Straß auf Weihnachten, es sind ja drei Feiertage, bis dorthin ist jedenfalls wieder ein Kränzchen, o Mary komme, komme doch, soll ich an Onkel schreiben deswegen, od. erhältst du ohne dies Erlaubniß, ach nicht wahr du schreibst mir das nächste Mal davon, o mein ich hätte dir auch vieles Erlebte nie wieder Kehrendes zu erzählen, wenn es von dir abhängt zu kommen od. nicht – so erfülle meine inständige Bitte u. wähle Ersteres.

Kätherlein laße ich noch nachträglich herzlich Glück wünschen zu seinem gestrigen Namenstage d. h. wenn es sie noch annimmt. Meine Mutter kommt nächste Woche hinauf, aber nicht im Hemd. Ich gehe nächsten Monat oder im Januar nach Paris, als Musiklehrerin eine Stelle habe ich schon bei Graf Murat. Meine Adresse ist dann:

A. R.
per Gram a Loth e le va Murat???
Lo schemo???
a Paris N. 386

Bin ich erst einmal in Paris, weis ich dir mehr zu schreiben. Elise schreibe ich noch einmal bevor ich gehe. Also bis dahin Gott befohlen liebes Kind. Auf Ib. baldige Antwort hoffend grüßt und herzt dich innigst deine dich treu und ewig, innigst u. aufrichtig liebende Anna Die Liebe klebt wie Bärendreck

Man bringt sie nicht vom Herz hinweg
Gute Nacht, ins Guschi gehe ich jetzt u. denke an dich u. noch an vieles Andere u. was drum u. dran hängt.

Schreibe ja recht bald wieder od. ich erschieße mich mit Gansdreck, wir stopfen ja eine, da hab ich ja schon Gelegenheit.


Rastatt, den 29. 12. 1876

Meine theure Mary!

Schon ist wieder ein Jahr in dem Strom des Lebens dahingeflossen, wieviele freundliche, mitunter auch freudige Erinnerungen steigen vor unserem geistigen Auge empor, wenn wir uns das erlebte alte Jahr zurückrufen, nicht wahr liebe Mary, trübe Stunden zählt das verflossene Jahr keine oder doch nur sehr wenige, der liebe Gott wolle uns auch im neuen Jahr nicht mehr senden. Doch ich komme von meinem eigentlichen Thema ganz ab. Ich wollte dir ja Alles Liebe u. Gute von Herzen zum neuen Jahre senden. Du lieber Gott, füge es doch, daß die liebe Mary bald wieder einmal zu mir kommt, weist wir hätten ja miteinander so viel zu erzählen, was weist du ja schon.

Liebe Mary, ich will gar nicht viele Worte gebrauchen, meinen Neujahrs-Wunsch dir darzubringen, begnüge dich also mit den oben wenig erwähnten Worten.

Daß du diese Feiertage nicht kommst, habe ich zu meinem größten Leidwesen bemerkt, nun wie verliefen dieselben? Bei mir verliefen sie sehr ruhig. Was bekamst du zu Weihnachten? Ich bekam eine augenblendent, sinnverwirrent, herzerobernten Jacken. Mein ich bin schön d’rin, obwohl dieses noch Niemand zu mir gesagt, glaube ich’s doch.

Kränzchen besuchte ich diesen Winter erst ein einziges, nächsten Sonntag das zweite, o wärst du doch da, denke dir wie schön es währe, Tänzer gibt es genug, Beweis hirvon ist, das ich noch nicht ein mal sitzen bleiben mußte, ist doch gewiß viel gesagt, am Samstag ziehe ich mein schwarzes Kleid an, es ist sehr schön gemacht. Donnerwetter, wenn du nur bei mir wärst, mein ich wollte dir deine Grillen austreiben, durch Allerlei Schnurren u. Schnaggen u. Possen und Rosen u. s. W.

Neues Ib. Kind weis ich dir nicht viel. Kunz Fanny ist in Freiburg, als Ladenmädchen, warum sie von daheim fortging od. mußte, laßt sich leichter mündlich erzählen, als schriftlich.

Reichen habe ich (eigentlich: mich) nie eingeladen dieses Jahr, aber Vater haben sie schon eingeladen, so viel ich gehört, will ja Klara kommen, horche auch droben, sage du gehest auf Fastnacht herunter, ob sie nichts sagen zu dir, bitte aber nenne meinen Namen nicht. Ich weis jetzt also nicht kommt eine od. nicht, od. wann, od. wo, od. wie, hast gehört sage einmal so etwas droben, schreibe mir dann, was sie gesagt haben. Schreibe mir auch die nächsten Tage. Elise hätte ich auch geschrieben, aber da sie fort ist, finde ich es für unnöthig. Sage ihr ich laße sie grüßen u. s. w. Ob keine Aussichten hier sind fragst du mich, ha für dich gibts vielleicht schon, für mich ist’s wirklich nichts.

Liebe Mary schreibe mir auch recht bald u. auch viel geld! Ich freue mich auf die Fastnacht, sonst sage ich jetzt Nichts mehr. Grüße uns herzlich Onkel u. Kätherlein u. auch glückseliges Neujahr, hast’s gehört? Schreibe mir auch bald. Denke am Samstag um 8 Uhr jetzt geht sie auf’s Kränzlein.

Herzliche Grüße u. Küße nehme im Geiste entgegen von deiner A. R.

Wie viele Neujahrs-Karten werde ich noch bekommen 1 od. O thut nichts.

Wie viele erwartest du? 5 od. 11!


Xaver Reich
Josefa Reich, geb. Elsässer (1823-1900)

Mit „Reichen“ ist die Familie von Xaver Reich gemeint. (siehe oben)

Xaver Reich (Franz Xaver 01.08.1815-08.10.1881) und Josefa (1823-19.11.1900) Elsässer hatten 5 Kinder:

Berthold Lucian Joseph Reich geboren am 01.06.1844 in Karlsruhe
Maria Josefa Amalia (21.1.1848 verheiratet 08.03.1866 mit Karl Eschborn),
Mary (Amalia Maria Anastasia 23.09.1850-22.10.1939),
Klara (Klara Mathilde 27.11.1852-?),
Karl Guido (14.11.1858-?), ausgewandert in die USA
Amelie ( Amalia 25.12.1860-31.8.1955)

„Die Reichen“ war sicher auch so gemeint, da Xaver Reich es zu deutlichem Wohlstand geschafft hatte und seine Töchter von den Cousinen wohl etwas „abgehoben“ waren. Deswegen auch oben: „Wird J. R. das Mädchen heiraten? Ein Schlag für seine aristokratische Frau Mutter.

Über Karl Guido Reich geboren am 14.11.1858 in Hüfingen, heiratet Josephine (Sophia) Kirchler geboren am 15.12.1864, gestorben in New Jersey am 24.10.1926. Auswanderung nach Amerika.
5 Kinder



Rastatt, den 4. 1. 1877

Erwählte, einzige Freundin meines Herzens!

Habe dir zu vermelden, daß den 21. d. M., also nächsten Samstag über 14 Tage, ein Maskenball ist u. gleich hernach einige Kränzchen, vielleicht ist vorher auch noch Etwas. Ich bin nun der Ansicht, daß du bis 21. kommen sollst, denn speziell nur der Fastnachtsvergnügungen wegen hierher zu kommen währe Thorheit, denn über Fastnacht ist rein gar nichts hier.

Richte es also so ein, daß du im Verlauf von 8 Tagen kommen kannst, dies liegt doch gewiß im Bereiche der Möglichkeit, aber nicht ausser den Grenzen deines Willens. – Von Reichen wird keines kommen, wenn Mary krank ist. Wie geht es ihr? Warum thun sie so geheimnisvoll mit ihrer Krankheit?

Schreibe mir sobald du kannst, ob du jetzt kommst, oder erst später, ich rathe dir komme jetzt.

Deinen weißen Schleier kannst du hier schon brauchen, sogar sehr gut. Meine geringe Persönlichkeit hat noch nie einen weißen Schleier getragen, wird auch keinen tragen, da dies zu nobel für mich wäre, schwarze Schleier habe ich auf dem Sonntags u. Werktagshute. Was ich zu Weihnachten bekam will ich dir zeigen wenn du in meinem Zimmer stehst. Ach Gott, wenn du auch in meinem Zimmer bist, welch köstlicher Spautz!

Schreibe mir doch auch gleich, zugleich wann du kommst, damit ich wischen kann u. Spinnbobeln weg thun kann u. was drum u. dran hängt. Herr Gott Salon!

Nehme auch viele und 1 helles Kleid mit. Boa u. Muff, Hut u. Schleier u. deine Uhr u. was drum und dran hängt. Schreibe mir also recht bald. On, wie, wann u. u. u. du kommst.

Tausend Grüße u. Güse empfangen im Geiste von deiner dich sehnlichsterwartenten A. R.

Jaso, meine Ib. Eltern danken ? für deine lieben u. gutgemeinten Glückwünsche u. ich danke a recht schön dafür. Gruß von Mammale u. sollischt au bald kumme.

Auf baldiges Wiedersehen.

Grüße an Onkel und Käthchen.


Rastatt, im Mai 1877.

Meine liebe Marie!
Wie ergeht es dir liebe Mary? Bist du immer gesund und munter? Was ist deine Hauptbeschätigung? Im Garten wirst du die goldene Zeit des Wonnemonats meist zubringen und die Kinder Floras hegen und pflegen, In dieser Arbeit beneide meist dich wirklich. Welche Wonn, welche beseligende Empfindung, in Gottes prachtvoller Natur beschäftigt zu sein, in diesem Monate, da ja alles grünt und blüht! O, Wonn!
O, seliger Genuß!

Nacht ihr keine Maientouren? Dieses Jahr macht ich noch nicht ein einzige, kam
ganz gewiß auch nicht dazu. Ist ?..

Mit wem macht Ihr diese diese gottvollen, seelen- und herzerquikenden Vergnügungen? Elise mit R. F. und mein Marichen mit J. St. den daß Ihr zwei Euch wieder gefunden, spüre ich in allen Gliedern, od. ists das nicht, ists sonst ebes intressantes mit dir. Nicht nur am Tage, sondern in der Träume Stille umkaugelt mich dein Ib. Bild. Schon oft wenn ich selig, allem menschlichen Treiben entrückt, in Morpheus Zauberarmen ruhte, riß mich ein Traumbild wieder in die Wirklichkeit zurück, was war es für ein Traumbild? Mir träumte: „Meine Mary sei soeben in Rastatts kugelfesten Mauern angekommen, ich bin ganz überselig, ich führe sie in unserer schönen Wohnung herum, ich gehe Arm in Arm mit ihr auf den Murgdamm bummeln u.s. w. auch kommt es oft vor daß ich dir eine Schüssel unterheben muß, warum, ha aus einem gewißen Grunde. Doch liebe Mary allen Scherz bei Seite, kein Tag vergeht an dem ich nicht fortwährend an dich denken muß. Doch soweit ich dich kenne, glaubst du mir dieses offene Bekenntniße nicht, u. es ist denoch so. Ach liebe Mary, warum kamst du nicht an Fastnacht? Warum nicht jetzt erst, o ich könnte rasend werden wenn ich daran denke, wie schön wie gottvoll hätten wir es auch da, in jeder Beziehung, warum mustest du auch noch einmal in jene mölankolische Wohnung kommen! Mir gruselt es eiskalt den Rücken herauf wenn ich an unsere erste Logis denke.

Meine einzige Freude und Ermunterung ist das Wohlbefinden meiner Ib. Eltern u. unsere schön unterhaltende Wohnung.
Zu erzählen hätte dir schon einiges, aber schreiben? nun dadurch würde ich deine Geduld einer zu harten Probe unterwerfen. Von Elise hätte ich dir auch einiges mitzutheilen, gewiß würdest du mir bei Ihrem Roman gerne zuhören.
Frl. Fanny Kunz ist auch wieder hier, hat einen Zahlaspiranten.

UI. kommt jede Woche einmal zu unseren Herren-Buben hinauf, ich gehe ihm jedesmal aus dem Wege, so gut ich kann, was ihm jedenfall sehr angenehm ist, er kam in eine unangenehme Geschichte hinein mit einem Offizier und zwar auf offener Straße, ich bin sehr begierig, wie das Ende abläuft, er zeigte es beim Direktor an.
Habt Ihr auch immer so unbeständige Witterung? Wirklich ist der Himmel wieder ganz mit Regenwolken angefüllt.
Morgen ist Fronleichnams-Fest.
Ach Gott! Selige Erinnerung aus meiner Kinderzeit! Wenn ich morgen nur einer Prozeßion beiwohnen könnte, wie du weist, haben die Rastatter diesen schonen ehrwürdigen Brauch abgehen laßen.
Denkst du auch an jenen Fronleichnams-Tag als du hier warst, weist wir machten morgens eine Maientour, von der wir im höchsten Grade Herzerweiterung bekamen.

liebe Mary ich habe eine junge, wilklich fabelhaft gescheidte, unglaublich schöne Katze, of wenn wir so allein beisammen sie ermüdent ihr Köpfchen auf meinen Schoß legt, erzähle ich ihr als von dir, und herzerweichend ?rührend anzusehen, laufen ihr als die hellen Thränen über ihre behaarten Wangen, besonders wenn ich als an die Stelle komme, wo wir an einem Sonntagnachmittage so sehnsuchtsvoll im Engel in Niederbühl im oberen Stocke umherschoßen.

Liebes Kind sind die erinnerungsreichen Momente bei dir bald herum? Bei mir gehen sie Gott-Straß erst recht an, Herr Gott Salon. Donnerwetter der Kerl.

Nicht wahr liebe Mary, du vergißest mich nicht, auch wenn du dich in deinem gewünschten Elisium befindest!

Wenn du nur halb soviel an mich denkst, wie ich an dich, dann bin ich befriedigd, dann bin ich’s zufrieden. Was macht auch Fritschi’s Schubladenzieher? Er komme nach Karlsruhe als Grenadier.

? ja schon wieder ein neues Kleid? Ich bekomme keines, ich veränderte mein vorigjähriges, ich macht selbst Bolenfransen daran, die kolossal schön sind, wenn ichs anziehe springt mir als immer unsere Katze nach, vor lauter Blesier, die sie an den Bollen hat, wenn dus nur sehen köntest, du wirdest gewiß heulen.

Bitte gute Mary, schreibe mir auch recht bald.

Viele Grüße von meiner Mutter

Herzliche Grüße und Küsse (im Geiste) von deiner dich liebenden Anna.


Rastatt, im August 1877

Meine liebe Mary!

Je länger ich zög’re einen Brief zu beantworten, desto schwerer finde ich einen Anfang dazu, wenn ich ihn endlich einmal beantworten will. Schon volle 10 M. sitze ich hier über Papier und Feder gebückt und suche und hasche nach einem, wenn nicht zischen, so doch ordentlich geschriebenen Anfangs-Satze. Und nun ich mit meinem, zwar nicht schmeichelhaften Bekenntniße den Anfang machte, ist mir geholfen. Ich will nun versuchen, was ich weiß nach einander dir Ib. Mary herzudiktiren.

Gesund und wohl verlaufen mir die Tage sehr ruhig und einsam. Ich bin immer zu Hause die ganze Woche, gehe regelmäßig, Montag, Donnerstag und Samstag auf den Wochenmarkt, kaufe da ein was notwendig ist u. gehe wieder nach Hause, da ich nie od. höchst selten eine von meinen Freundinnen dorten treffe, da dieselbe die Einkäufe durch ihre Leute besorgen laßen. Sonntag’s ist mein erster Ausgang in die Kirche, woselbst sich mein Gemüth u. meine Seele erhaben fühlt.

Trotz zwischen Elise und mir noch die alte Freundschaft besteht u. wir einander noch von Herzen gut sind, komme ich höchst selten zu ihr, voriges Jahr um diese Zeit verstrich kein Tag, das wir nicht beieinander waren, warum Ib. Mary, diese Frage ist sehr inhaltsschwer für Elisen auf ihr künftiges Glück od. Unglück wirkent. Wenn ich dir’s mündlich erzählen könnte –

Doch genug von diesem. Ludovica kommt auch selten, eben auch darum. Zu Späthen komme ich sehr wenig. Mary erzählte mir letzthin Sch. sei als Leutnant hier gewesen, also seit Fastnacht schon drei mal und ich habe ihn noch nie gesehen, sehne mich auch nicht mehr nach seiner holden Gestalt. ? ist nach dem er das Examen sehr gut bestanden am Freitag dem 9ten von hier fort. Er kam zu uns um mir adie zusagen, Mutter und ich waren allein zu Hause, Ib.

Mary, wie du weist ist es ja schon lange Zeit mit uns aus gewesen, aber als er kam, um mir Lebewohl zu sagen, fühlte ich, daß er mir noch nicht fremd ist. Stillschweigend und mit abgewandtem Gesicht streckte ich ihm meine Hand hin, ich hörte wie er mit ziternter Stimme sagte: Lebewohl: mehr sah und hörte ich nicht denn ich ging in mein Zimmer und ließ ihn stehn. Mutter sagte mir nachher er währe furchtbar aufgeregt gewesen, er habe ganz gebebt, weist lb. Mary, mir fällt nichts schwerer als ein Abschied u. nicht wahr ein Abschied ist hart, wenn man aber Abschied nimmt für’s Leben, das ist mehr als hart, dafür weis ich keinen Ausdruck. Er kommt nach Würzburg, woselbst er lustig studieren will bis er Amtmann ist, das dies ein Abschied für’s Leben war ist gewiß, denn er sagte zu Fr. Frank, mein Weg führt mich nicht mehr nach Rastatt, er sagte noch vieles zu Fr. Frank. könnte ich dir alles mündlich erzählen, gewiß du bliebst nicht unberührt davon – doch ab davon –

Die vorige Woche hatten wir Besuch von meiner Cousine von Geisingen, ich erfuhr viel Neues von dorten, mitunter sagte sie mir auch, du seist erst mit Fridolin und mit einem kleinen Mädchen (vielleicht Heinemanns Elise) in Geisingen gewesen, Fridolin und du seien ja Brautleute, o ja sagte ich, dieses ist mir nichts Neues, Mary nimmt keinen andern als Fridle.

Donnerwetter!

Wie sieht es auch in euerem Garten aus? Hat Onkel wieder viel Arbeit? Was macht Elise? Wie steht ihre Herzensangelegenheit? Verspührst du keine Herzerweiterungsanfälle mehr? Stein

Ich habe dieses Übel in kolosal starkem Quantum wirklich.

Liebe Mary ich komme wahrscheinlich die nächste Woche ins Oberland, werde aber in Donaueschingen nicht aussteigen, sondern direkt nach Hattingen fahren, woselbst ich einen kranken Schatz besuchen werde. Wenn ich nicht in’s Oberland komme, gehe ich nach Kutzbrunn. – Denke dir Gott-Straß Kunz Fanny ihr Schatz hat sich eine Ader geöffnet, warum er dieses gethan weis ich nicht. Wie geht es Herrn St.?

Was ich zu meinem Namenstage bekam ist folgendes: 2 ? , 2 paar schöne Glacehandschuhe, von Elise ein prachtvolles seidenes Hemd, wie beiliegendes Müsterchen zeigt, weiter 1 ? u. noch viel Gratulationskarten. Doch würde ich meinen vorigjährigen Namenstag dem diesjährigen vorziehen – Grüße mir alle deine Freundinnen Mary, Elise und Stanni u. Babete u. s. W. s‘Kätherli grüß mir ganz besonders und morgen komme ich ? Dialekt – Scherz

Bitte sei do gut und schreibe mir so bald dir’s möglich ist u. recht viel.

Sei herzlich gegrüßt von deiner dich aufrichtig und treu liebenden

Cousine Anna

Herrn Förderer sehe ich jeden Tag, schade das du mich nicht bist.
Emil ist in Hagenau auf 6 Wochen


Rastatt, im Dez. 1877

Meine theure Cousine!

Du hattest ganz recht als du schriebst, ich wäre dir schon lange Antwort schuldig, obwohl ich mich dieser Nachlässigkeit selbst anklagte, finde ich doch ein Wort der Entschuldigung, indem ich immer dachte, mein Mariechen hat jetzt wieder andere Sachen zu denken und zu sinnieren als an seine Rastatter Cousine zu schreiben, und ihre interssantlosen Briefe zu lesen.

Um so mehr freute es mich deswegen daß du trotzdem doch noch Briefe von mir verlangst, die Folgerung hiervon muß sein, das du doch noch ein klein wenig an mich denkst.

Aber Ib. Kind was habe ich Elise geschrieben? Über welchen Punkt soll ich dir Aufschluß gegeben? Was Ihr für zwei Tropfen seid ist mir unerklärlich, du schreibst nicht von Ihr, und Sie nicht von dir u. trotzdem weiß ich doch Alles von Euch beiden.

Warum hast du mir nicht einmal schreiben mögen, daß Elise in Karlsruhe war u. warum hat sie nicht aussteigen mögen hier, du bist schuld, du wirdt zu ihr gesagt haben, a was du brauchst nicht zu dieser, kannst zu Elise sagen ich habe vor Zorn geweint, als ich erfuhr, daß sie noch nicht einmal so viel Takt habe, wenn sie hier durchfährt u. mich noch nicht einmal besucht, eine Schande ist es. O wer weiß ob du nicht auch schon hier durchgefahren bist, ohne mich zu besuchen, wer weiß wer Natürlich seitdem man wieder in Besitz ist von Herrn St. Photographie denkt man nicht darüber hinaus, ja jener Ball, war halt doch günstig, halt so, für Elise soll er auch sehr günstig gewesen sein, habe ich gehört. War Frl. Kleinler Mary nicht dort?

Bitte richte einen Gruß aus, von meiner Cousine Auguste an oben genanntes Frl. sie lernten sich in Freiburg kennen. Am Sonntag war ich auf einem Kränzchen woselbst es mir so ordentlich gefiel…

(schwer leserlich)

An Weihnachten komme ich sehr wahrscheinlich ins Oberland, da ich mit meiner Cousine Auguste muß, vielleicht komme ich auch auf einen Tag nach Hüfingen. Ich freue mich ? bis ich dich wiedersehe und mit dem Glauben komme, du hast mir gewiß vieles zu erzählen, trag es immer zu Herrn St. er dürfe mich nicht mehr ?

?

Auch bin ich nicht im Stande heute einen ordentlichen Brief zu schreiben.

Grüße von uns allen besonders von deiner dich von Herzen liebenden Cousine

Anna.

Baldige Antwort.
Ich bin geistig und körperlich phlegmatisch


ohne Datum

Meine liebe Marie, du must mir glauben, das ich oft nicht mehr weiß, was ich thue, ach du bist glücklich zu schätzen gegen mir, allerdings haben dich die Ereigniße letzerer Zeit auch arg angegriffen, aber dir nur Zorn bereitet, den man eher vergesßen kann, als ein verlorenes nie mehr ersetzendes Lebensglück, wie das Meine, doch ich will enden davon u. nie mehr seiner erwähnen, aber glaube mir, wenn ich mir den Zwang auch anthue heiter zu scheinen, es ist nur eine Maske, hinter der ein Herz schlägt, das nichts mehr von Fröhlichkeit u. Vergnügen wißen kann.

Ich will dir nur einiges von meiner Geistesabwesenheit mitteilen. Vorgestern habe ich anstatt das Kaffemehl Eimerweiß in den Kaffe geschüttet, was es für eine Brühe war, kannst dir denken, gestern morgen hat Mutter Bohnen abgethan u. zu mir gesagt wenn sie weich sind thust’s raus, hast’s gehört, ja sagte ich als sie fort war wußte ich Nichts mehr davon, ich nahm in Gedanken den Kessel samt den Bohnen u. schüttete sie den Schüttstein ab, in der Meinung es sei nur Wasser, was Mutter dazu sagte will ich verschweigen, sie fragt alts mich nimmts nur Wunder an was du auch denkst, ja denke ich als ich weiß an was.

Bitte schreibe bald wieder, sei unterdeßen herzlich geküßt u. gegrüßt von deiner auf dich trauenden Anna.


Maria Heinemann (23.12.1857-19.05.1948)
Marie 1878
Marie gemalt von ihrem Taufpaten Josef Heinemann.

Maria Josepha Nober, geborene Heinemann in der Hauptstr. 5


Margareta Stoffler aus Geisingen war die Frau von Lucian Reich und Mutter der einzigen Tochter Anna. Sie starb am 16.September 1880. – siehe auch die Briefe von Lucian Reich an seinen Schwager J.N. Heinemann.

Marie Heinemann war die einzige Tochter von “Lisette” Reich. Die Schwester von Lucian Reich Elisabeth Heinemann (15.12.1819 – 22.06.1871) .


Rastatt, den 18ten Okt. 1880

Meine liebe Marie!

Verzeihe wenn ich dich so lange auf einen Brief warten ließe, jeden Tag nahm ich mir vor, dir zu schreiben, kam aber nie dazu, warum? ich weis es selbst nicht. Ich bin noch nie ruhig und gefaßt zur Überlegung, ich weis nicht gut Marie was ich dir über meinen frühern Plan und Wunsch weiter schreiben soll, oft hab ich Stunden in denen ich dich liebe Marie so sehnsüchtig herbei wünsche, ? sehnlicher als wenn ich allein am Grabe, auf dem Flecken Erde stehe, daß mein Alles, Alles birgt, o Mutter, o Mutter; glaubst du ich störe ihre Ruhe wenn ich sie oft besuche mit ihr spreche u. um sie weine?

Dann habe ich aber auch wieder Stunden in denen ich Niemand um mich haben möchte, einsam dem Schmerze nachhängen ist zu Zeiten lindernd. Sei mir nicht böse, ich kann ja nicht dafür.

Daß es sehr einsam, traurig bei uns ist wirst du begreiflich finden, ich möchte zu Niemand gehen, am Grabe meiner Mutter fühle ich mich am wohlsten. O, ich komme oft nicht über den Gedanken hinaus, keine Mutter mehr; fort ohne Abschied u. wir sehen uns doch so lange nicht mehr, todt, todt ist sie, sie gibt mir keine Antwort mehr wenn ich am Grabe bei ihr stehe, u. mit ihr spreche, sie plauderte als doch so viel und so gerne mit mir, besonders das letzte Jahr; den Sommer 1880 vergeße ich nie, o Gott was ist das Leben, ein eitler Traum, alles vergänglich, nichts bleibt, als die Verdienste um den Himmel, u. wie saumselig, nachlässig ist man um dies.

Gott hilf mir, stehe du mir bei, führe mich bald zu meiner Mutter, hole mich dahin zu ihr, wo es keine Trennung mehr gibt.

Könntest du liebe Marie nicht über Allerseelen kommen, o bitte wenn möglich, laße mich die erste Allerseelen nicht allein an ihrem Grabe stehen, ich weiß das Grab deiner eigenen Mutter hält dich zurück, aber bei dir ist’s nicht der erste Allerseelentag, komme also wenn möglich über Allerseelen, wenn du nicht kommen kannst oder willst, wenn ich diese Tage allein sein muß, will ich’s die anderen auch sein, Gott unser gerechter Gott wird mir beistehen, mich nicht verlaßen.

Mit größtem Bedauern erhielten wir die traurige Nachricht von Onkel und Berthold’s Erkrankung, wie geht es ihnen? Ist auch eine schwere Heimsuchung Gottes, doch es kommt von Gott, der Mensch muß sich fügen. Herzliche Besserung wünschen wir für beide. Onkel hat einen Schachteldeckel zurückgelassen, er schrieb kürzlich darum, wenn du kommst, kannst du ihn mit nehmen, andern Fall schicken wir ihn per Post, nicht wahr, nächstens erhalte ich Bericht von dir, und zwar ganz bestimmt ob und wann du kommst. Herzliche Grüße an die Familie Reich, nochmals von Herzen gute Besserung für die Kranken,

Amelie habe ich auch geschrieben, was weiß ich nicht mehr, ich bin so vergeßlich.

Auf baldiges Wiedersehen, sage ich zuversichtlich liebe Marie!
Gruß an Onkel u. Kätherli von Vater und deiner trauernden Anna

Heute erhielten wir von Karlsruhe die Nachricht, daß Alssermanns Mathild ein Mädchen hat.
Schreibst du mir bald?

Gruß und Kuß von deiner Anna.


Rastatt, im Dez. 1880

Meine liebe Marie!

Ganz einsam sitze ich am Tische, um bei dem trüben Lichte der Lampe an Dich zu schreiben. Ich weiß nicht liebe Marie ist das Licht trüber wie sonst, od. sind’s meine Augen, es ist alles so trübe, so ganz anderst, meine Mutter hat so vieles mit genommen, gute Mutter hörst du mich nicht mehr? Niemand hab ich mehr, mit dem ich von Herzen reden kann, o ich hätte meiner Mutter so vieles zu sagen, aber ich finde sie nicht mehr, sie ist fort, liebe Marie zwei schwarze Männer trugen sie hinab, das sah ich u. mehr nicht. Nach einigen Tagen führten sie mich auf den Gottesacker, an einen frisch aufgeworfenen Grabeshügel, sie sagten nicht hier unten ruht sie, mein Herz sagte es mir, hier unten in Gottes Erde liegt sie kalt und unbeweglich, o theurer Flecken Erde, es ist so ruhig dort oben, wenn ich am Grabe meiner Mutter stehe ist mir immer als hörte ich sie sagen, weine nicht, blick aufwärts suche Trost bei dem der Vater aller Waisen ist, u. gewiß liebe Marie Menschen mit ihren leeren Worten haben mir noch ein Trost, noch ein Beruhigung gegeben, nur der, auf den ich meine ganze Hoffnung setzte, Gott der Barmherzige erbarmt sich meiner, er gibt mir Trost, o wie wäre jetzt mein Leben, ich müßte ja verzweifeln, wenn nicht ein guter Gott sich meiner annehmen.

Wie thöricht ist der Mensch der nur nach Zeitlichem, nach Unbeständigem jagt u. ringt, was ist eigentlich das Leben? Wie schnell ist’s dahin, wie bald wird die Zeit da sein wo auch mich schwarze Männer hinab tragen um mich der kühlen Erde zu übergeben, wenn ich nur neben meine Mutter käme, wirst du auch meinem Sarge folgen? Wird auch jemand um mich weinen?

O, Gott sei mir gnädig!

Wäre das Unmögliche möglich, könnte ich meine vergangenen Jahre nochmals durchleben, wie vieles würde ich anderst machen, wie vieles mit anderen Gedanken beginnen, Gott nur du verstehst mich, nur zu dir kann ich reden.
Es ist mir Alles wie ein Traum, meine Mutter ist mir wie eine Traumgestalt, du Ib.

Marie u. Alle die mir einst so lieb und theuer waren, Alle mit denen ich so gerne verkehrte, es ist mir als träumte ich immer fort, seit dem Tode meiner lieben Mutter, Mutter o Mutter!

Weihnachten ist vorbei, stille doch mit Gottes Hilfe nicht so traurig wie ich fürchtete sind die Feiertage bei mir herumgegangen. Bei dir liebe Marie? Wann werde ich dich wohl wieder sehen? O ein trauriges Wiedersehen wird es sein, nicht wie früher.

Vielleicht kommen wir im Sommer hinauf, Vater meint es wäre besser für mich, ich glaube nicht, ich kann doch nicht so weit vom Grabe meiner Mutter, gestern Abend spät war ich auch bei ihr, ich fürchte mich Nachts nicht mehr auf dem Friedhofe, ich bin ja bei meiner Mutter, was soll ich fürchten, schaudrig sei es Abends droben sagen die Leute zu mir, was mir einfalle, o ich find nicht.

Liebe, gute Marie so gerne würde ich dich wieder sehen, ach so gerne, und doch fürchte ich mich vor unserem ersten Wiedersehen, ich weiß nicht wie es noch kommt, o Mutter, liebe gute Mutter.

Vater ist gesund, Gott sei Dank, er ist recht zu bedauern, er hatt’s recht langweilig, langweilig find ich’s nur, wenn ich mit jemand reden soll, ich bin am liebsten allein.
Bitte recht bald zu schreiben gute Marie. Grüße uns recht herzlich d. Ib. Vater u. Kätherlie, das mir auch wie eine Nebelgestalt vorkommt, du auch, alle Bekannten.

Baldiger Antwort entgegensehend küßt und grüßt dich herzlich deine

Anna.

Reich’s schreiben uns nicht


Am 19.September 1881 heiratete Maria Josepha Heinemann den Kaufmann Joh. Karl Nober (11.04.1850-11.12.1920)

Marie Heinemann und Joh. Karl Nober. (Aufnahme nach der Hochzeit)

Im August 1881

(„laut Poststempel, der Brief selbst ist nicht datiert„)

Liebe gute Marie!

Hälst du deinen Vorwurf gegen mich noch aufrecht, wenn ich dir sage daß ich für die damalige Zeit unzurechnungsfähig war? Sieh‘ Ib. Marie ich weiß damals habe ich oft Briefe geschrieben, daß was sie enthielten jedoch weis ich nicht. Der Todt m. guten Mutter hatte mir doch so sehr zugesetzt dass ich lange Zeit für nichts mehr verantwortlich gemacht werden konnte. Wenn man der Sache nachspüren wollte liegt vielleicht in deinem Vorwurfe blos eine Beschönigung od. Deckmäntelchen für deine eigene Sünde, gelt du hast eingesehen dass du mich trotz Brautstandes zu sehr vernachlässigt hast, gelt es grübelt dir? Natürlich war meine Ib. Marie zu stolz um dies‘ zu gestehn gelt so ist’s?

Das ich dir nie zürnen kann, davon hättest du dich nach geringer Mühe schon längst überzeugen können.

Bei deiner Einladung magst du vielleicht richtig vorausgesetzt haben, daß ich derselben nicht nachkommen kann, denn wie du weist ist ja im Sept. u. zwar Mitte Sept. der Todtes-Tag v. m. seligen Mutter, ich bin mit Gottes Gnade ruhiger geworden, aber September ist u. bleibt für mich ein traurig stimmender Monat. Wie könnte ich in dieser Zeit an einer Hochzeit Theil nehmen, meine gute Marie, dies ginge über meine Kräfte.

Vater meinte auch ich habe schon früher sollen nach Geisingen u. einige Tage nach Hüfingen, aber ich kann nicht ich bin an Rastatt gefesselt, es hält mich mächtig zurück

Ach Ib. Marie es kam so ganz anders als wir’s uns zusammen ausgemalt haben, wenn man uns damals gesagt hätte, ich wäre an deinem Hochzeitstage nicht zugegen was hätten wir auch geantwortet? Im Geiste Ib. gute Marie bin ich bei dir, an diesem so ernsten, wichtigen Tage, ich will beten für dich.

Das du mir den Tag bestimmtst ist selbstverständlich. Am Ende führt Euch Eure Hochzeitsreise nach Rastatt? Wie wäre das? Bitte lege dies dem Herrn Bräutigam vor, o Ib. Marie komme ja ja! Erfülle mir doch eine Bitte in d. Leben kommet.

Elise kann ich nur von Herzen bedauern.
Gottes Segen gute Marie zu deinem Vorhaben, vergeße nicht zu beten.
Wie gerne ich mit dir plaudern möchte kann ich dir nicht beschreiben. Kommt ihr?

Herzliche Grüße an Alle von Vater und deiner dich treu liebenden

Anna

an den Rändern:
Wann schreibst du mir wieder? Nächstes Jahr um diese Zeit? Na gibt’s eine Fehde?
Kommt ihr? Ich sehe Euch schon im Geiste.
Eine Empfehlung an den Herrn Bräutigam

Schari oder Scherri ?

Als wir 2011 aus den USA nach Hüfingen kamen, sagten uns die Einheimischen, dass der Bolzplatz hinter der Kirche Schari heißt.

Das ergab für mich als Villingerin durchaus Sinn. In Villingen gibt es schließlich den Latschariplatz – und Latschari ist ein alemannisches Wort. Im alemannischen Wörterbuch von Rudolf Post und Friedel Scheer-Nahor wird mit Latschariplatz  ein Ort bezeichnet an dem sich die Eckensteher treffen.

Das Gelände an der Hohenstraße gehörte ursprünglich zu Mariahof. Es bestand aus Garten und Sportplatz und wurde 1969 von der Stadt Hüfingen erworben.

In der Chronik heißt es: 

Foto aus der Chronik mit dem Text gelb angestrichen: ...etwa 1 ha große Gelände, den Garten und den Sportplatz, die wie das Gebäude in der Stadt lagen, käuflich erwerben können. Ganz unten: Die Stadt konnte den Sportplatz samt dem Garten 1969 mit einer Fläche von 9492 m² à 11 DM und somit für 104412 DM erwerben.

Die Stadt konnte den Sportplatz samt dem Garten 1969 mit einer Fläche von 9492 m² à 11 DM und somit für 104412 DM erwerben.

Von einem Herrn, der damals für Mariahof gearbeitet hatte, weiß ich, dass der Platz schon zu dieser Zeit Schari genannt wurde. Und damit sind wir bei der entscheidenden Frage: Der Sportplatz, der später zum Bolz- und Spielplatz wurde, hieß damas Schari und irgendwann tauchte Scherri auf.

Heute gibt es darüber einen kleinen Hüfinger Namenskrieg – und natürlich weiß jeder ganz genau, welche Variante die einzig richtige ist.

In Google Maps steht heute ‚Spielplatz Scherri‘. Scherri lässt sich seit 2009 in OpenStreetMap nachweisen. Dort wurde der Spielplatz als ‚Scherri‘ eingetragen und zwar von von einem Nutzer namens “Sprühwurst”. Der Eintrag ist also keineswegs eine Erfindung von Google Maps.

Screenshot aus dem Verlauf von OpenStreetMap. Oben sieht man den Namen Sprühwurst und dass das vor 17 Jahren geschlossen wurde. Unten steht zwei mal Scherri und Bolzplatz "Scherri"

Screenshot aus dem Verlauf von OpenStreetMap

Die Bürgerinfobroschüre der Stadt Hüfingen von 2015 nennt den Platz ausdrücklich:
„Schari“ in der Hohenstraße in Hüfingen.

Diese Broschüre ist übrigens ohnehin bemerkenswert. Sie stammt aus einer Zeit, in der die Stadt auf ihren eigenen Seiten noch sichtbar Wert darauf legte, Geschichte und Stadtentwicklung zu vermitteln. Für mich war das eine der letzten wirklich gelungenen Hüfinger Informationsbroschüren vor dem kommunalpolitischen Bruch von 2016.

Screenshot der Bürgerinfobroschüre aus 2015 mit Bild vom Mühlibach
Screenshot von der Broschüre mit dem Text Schari in der Hohenstraße in Hüfingen
letzte Seite der Bürgerinfobroschüre mit Kofenweiher, Kirchturm und dem alten Logo

Bis heute ist Schari keineswegs verschwunden. Die touristische Seite der Region führt den Platz als „Spielplatz ‚Schari‘ in der Hohenstraße in Hüfingen“ und verweist für weitere Informationen auf die Stadt Hüfingen.

Screenshot von der Webseite mit Schaukelpferd und unten link zur Karte

Des Weiteren steht im Hüfinger Haushalt  unter der Nummer 42110000:
„Unterhaltung der Grundstücke und der Gebäude, Hütte Spielplatz, Schari und Schrebergarten (baulichen Anlagen)”. 

Seit wann das so im Haushalt steht, weiß ich nicht, da mir die historischen Haushalte nicht vorliegen. Offenbar ist die Bezeichnung dort aber schon ziemlich lange verankert.

Also: Scherri ist eine tatsächlich gebrauchte Bezeichnung. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Gerade Zugezogene orientieren sich heute an Google Maps und nicht unbedingt an der Website der Stadt. Aber daraus folgt noch lange nicht, dass Schari falsch ist.

***Nachtrag am 26. August 2026:
Durch Zufall habe ich heute gesehen, dass bei Google Maps inzwischen Schari steht.
Ob das ein Resultat dieses Beitrags ist? Keine Ahnung. Auffällig ist jedenfalls, dass der Artikel aus mir unerfindlichen Gründen unglaublich viele Zugriffe hat – und das innerhalb von gerade einmal sechs Tagen. Vielleicht ist gerade Sommerloch.
Geschimpft habe ich auf Hieronymus schon sehr oft, ohne dass es eine solche Resonanz gegeben hätte.
Eines kann ich jedenfalls versichern: Ich war es nicht. Ich habe Google Maps nicht geändert.

Und dann kommt die Kommunalpolitik ins Spiel

Besonders bemerkenswert finde ich deshalb, dass ausgerechnet aus dem Umfeld des „Freies Forum Hüfingen“* nun so selbstverständlich von „Scherri“ gesprochen wird. 
Vier Bürger wurden 2025 vom Gemeinderat für die Entwicklung des neuen Stadtlogos ausgewählt. Zwei davon kamen von der Liste des „Freies Forum Hüfingen“* aus dem Jahr 2024. Das wäre an sich noch kein Problem.

Problematisch wird es dort, wo Menschen, die sich bislang nicht gerade durch besondere Kenntnis der Geschichte dieser Stadt hervorgetan haben, plötzlich über sie mitentscheiden dürfen – und diese Gelegenheit nutzen, ihre eigene Vorstellung von Geschichte zur Wahrheit zu erklären.

Denn der Name Schari steht nicht irgendwo in einem alten privaten Notizzettel. Er steht in einer städtischen Broschüre, in touristischen Angeboten und – offenbar schon mindestens seit Knapps Zeiten – im Haushaltsplan der Stadt mit der Bezeichnung „Hütte Spielplatz, Schari und Schrebergarten“.

Man könnte also durchaus erwarten, dass ein Gemeinderat, der sich mit dem Ort beschäftigt, diese Bezeichnung kennt. Zumal derjenige, der das Wort „Scherri“ nun besonders eifrig verwendet, inzwischen selbst ganz in der Nähe des Platzes wohnt und sich über die vermeintlich „hässlichen Flächen“ von Natur nah dran aufregt.

Da bekommt die Namensfrage plötzlich eine ganz andere Dimension.

Denn es geht mir längst nicht mehr nur darum, ob am Ende ein a oder ein e steht. Es geht darum, wer eigentlich das Recht haben soll, die Geschichte eines Ortes zu erzählen.

Genau wie beim neuen Stadtlogo scheint mir auch hier ein Muster auf: Erst wird etwas, das historisch gewachsen und den Menschen vertraut ist, durch eine neue Interpretation ersetzt – und anschließend so getan, als sei diese neue Version schon immer die eigentliche gewesen.

Das werde ich beim Schari jedenfalls nicht einfach mitmachen.

Denn ein „Freies Forum Hüfingen“ hat nicht automatisch mit den Bürgern einer Stadt zu tun – genauso wenig, wie vier vom Gemeinderat ausgewählte Bürger automatisch die Deutungshoheit über die Geschichte dieser Stadt besitzen. Und nachdem uns beim neuen Stadtlogo bereits eine antike Besatzungsmacht als vermeintliches Symbol unserer Geschichte verkauft wurde, muss man sich offenbar langsam auch um die kleineren Dinge kümmern:

Vielleicht sollten am Ende auch gar nicht die Erwachsenen entscheiden, wie dieser Ort heißt.

Seit mindestens einem halben Jahrhundert geben Erwachsene diesem Platz Namen, schreiben sie in Karten, Broschüren und Haushaltspläne und streiten darüber, welcher davon der richtige ist.

* Bürgerforum wurde nach einem Kommentar durch „Freies Forum Hüfingen“ ersetzt.

Vielleicht ist es an der Zeit, die Kids zu fragen.

Wenn dort ihre Hütten neu entstehen, könnten sie ihrem neuen, alten Ort selbst einen Namen geben.

Die Hütten auf dem Schari gehören schließlich ihnen.

Und noch ein kleiner Nachschlag für die alten Hüfinger

Weil wir schon bei Mariahof sind, darf dieses Stück Hüfinger Geschichte hier eigentlich nicht fehlen: Der Hof gehörte ebenfalls zu Mariahof und wurde im Juli und August 2016 abgerissen.

Für die Schari-Frage ist das jetzt nicht mehr wichtig. Aber für alle, die sich noch an das alte Hüfingen erinnern, sind die Bilder vielleicht doch interessant.

Mein Vater hat die Fotos damals beim Abriss gemacht:

  • vor den alten Silos steht der Bagger. Im Hintergrund sieht man den Schari
    25. Juli 2016

ZukunftsWerte: Ab September legt Jackson los

Jackson Agbonkhese war in der letzten Gemeinderatssitzung zu Gast und hat dort sein Konzept für „ZukunftsWerte“ vorgestellt. Ab September übernimmt er damit einen Teil der neuen Hüfinger Kinder- und Jugendarbeit. Im Oktober soll das Projekt dann richtig starten.

Sein Ansatz verbindet Bewegung, Wertevermittlung, Resilienz und soziale Kompetenzen und soll die klassische offene Jugendarbeit ergänzen. Wer mehr über die Vorstellung im Gemeinderat wissen möchte, findet hier meinen Bericht über die Gemeinderatssitzung.

Natürlich sind wir alle neugierig, was daraus entstehen wird. Ich habe mich deshalb heute mit Jackson getroffen, um mehr über ihn und seine Ideen zu erfahren.

Jackon mit mir vor der alten Hütte vom Jugendhaus

Die schlechten Tage dieser alten Hütten auf dem Schari sind gezählt!

Wo heute noch kaputte Scheiben und keine Farben zu sehen sind, soll wieder Leben einziehen. Ein eigener Ort für die Hüfinger Kinder und Jugendlichen – zum Treffen, Gestalten und gemeinsamen Machen.

Ich freue mich so sehr, dass es wieder losgeht! ❤️

Was ich dabei übrigens selbst noch gar nicht wusste: Jackson lebt schon seit längerer Zeit in Hüfingen. Wie er überhaupt hierhergekommen ist, erzählt er in einem kurzen Podcast:

Wie Jackson nach Hüfingen kam

Und natürlich wollte ich auch genauer wissen, was hinter „ZukunftsWerte“ steckt und was er ab September mit den Kindern und Jugendlichen in Hüfingen vorhat:

Das Konzept „ZukunftsWerte“

Jetzt darf es also losgehen. Ab September startet Jackson mit einem Teil seiner Arbeit, im Oktober soll „ZukunftsWerte“ dann richtig Fahrt aufnehmen.

Ihr werdet hier sicher noch einiges davon hören.

Jackson auf dem Schari

Das keltische Brigobanna und der Mythos vom guten Römer

Wer heute über Hüfingen spricht, spricht gern von den Römern und neuerdings schmückt sogar der Kopf eines römischen Soldaten das Stadtbild.

Nur: Brigobanne, Brigobannis und Brigobanna war kein römischer Name.

Der antike Name des Kastells und der dazugehörigen Niederlassung lautete Brigobanna – wie Paul Revellio schon 1937 schreibt: „ein Name keltischen Ursprunges“. Auch die sprachwissenschaftliche Forschung führt den Namen auf das keltische brig-/briga für Höhe, Berg oder Anhöhe zurück.

Unmittelbar neben dem römischen Kastell liegt das Ziegeleschle. Die dortige Rettungsgrabung hat 2025 eine Siedlungsgeschichte sichtbar gemacht, die mindestens 4500 Jahre zurückreicht. Schon am Ende der Jungsteinzeit, fast 3000 Jahre vor Christus, wurde dort gesiedelt; weitere Nutzungen reichen über die Bronzezeit bis in die römische Zeit und weit darüber hinaus. 

Die Geschichte dieses Ortes beginnt also nicht mit den Römern.

Und auch der Name Brigobanna erzählt eine ältere Geschichte. Die Römer haben ihn nicht erfunden. Sie haben offenbar einen bereits vorhandenen keltischen Namen übernommen und in ihrer eigenen schriftlichen Überlieferung hinterlassen. Auf der Tabula Peutingeriana erscheint Brigobanne als Ort an der Römerstraße.

Ausschnitt aus der Peuting Karte mit Hüfingen oben in der Mitte

Tabula Peutingeriana: Brigobanne. (https://tp-online.ku.de)

Lucian Reich, der 1860/62 die „Geschichte der Stadt Hüfingen“ schrieb, hatte jedenfalls keinen Bedarf an einem romantischen Römerbild. Im Gegenteil. Er spricht von den Römern als „romanischen Verdrängern“, deren Verwaltungsbeamte sich „auf Kosten der Bevölkerung … blutsaugerisch zu bereichern strebten“. Und über die späteren germanischen Bewohner schreibt er:

Wie sehr auch unsere germanischen Stammväter die Römer und ihre Zwingburgen haßten …

Das ist bemerkenswert. Denn Lucian Reich war kein moderner Kritiker des Kolonialismus, sondern ein Historiker des 19. Jahrhunderts. Trotzdem beschreibt er die römische Herrschaft nicht als idyllische Zeit, sondern als Eroberung und Fremdherrschaft.

Und auch Revellio schreibt wesentlich nüchterner, auch bei ihm sind die Römer zunächst einmal die Macht, die eine bereits vorhandene Landschaft übernimmt. Seine Überlegungen zur möglichen vorrömisch-keltischen Anlage und zum spätlatènezeitlichen Fundmaterial lassen sich nicht einfach unter „römische Geschichte“ abheften.

Natürlich sollen wir uns für die Römer interessieren.

Nur ein römischer Soldatenkopf soll für die Geschichte Hüfingens stehen?

Die Römer haben in Hüfingen Spuren hinterlassen, die archäologisch außerordentlich interessant sind. Das Kastell, das Bad, Straßen, Münzen, Keramik und die vielen anderen Funde gehören zur Geschichte von Hüfingen. Das Problem beginnt dort, wo aus einem Teil der Geschichte die ganze Geschichte wird.

Man nennt das in der Wissenschaft Cherry Picking: Man sucht sich aus einer komplexen Geschichte genau das heraus, was zum eigenen Bild passt, und lässt den Rest liegen.

Hüfingen hat allerdings nicht nur eine einzige süße Kirsche. Es hat eine 5000-jährige Siedlungsgeschichte.
Warum also ausgerechnet immer die Römer?

Wer Geschichte wirklich liebt, sollte vielleicht nicht nur die Römer anschauen. Denn Brigobanna war keltisch und Hüfingen hat eine Geschichte, die weit über die römische Besatzungszeit hinausreicht.

Was versteht man unter „Geschichte“?

Im neuen Stadtlogo trägt er jedenfalls einen römischen Helm. Daneben steht: „Wir lieben Geschichte.“

Ja.
Aber offenbar nur die, die gut ins Logo passt.

Und ja:
Darüber bin ich böse. Nicht nur über das Ergebnis, das ich für eine Katastrophe halte, sondern auch darüber, wie es dazu gekommen ist – und darüber, dass Stadtverwaltung und Gemeinderat diesen Weg gemeinsam gegangen sind und das Ergebnis offenbar für vertretbar halten.

Ich ärgere mich über die Männer, die sich einen feuchten Dreck für Geschichte interessieren und trotzdem bestimmen, wie Hüfinger Geschichte dargestellt wird.

Ich ärgere mich aber genauso über diejenigen, die es ihnen ermöglicht haben. Auch über die Frauen im Gemeinderat, die dieses Ergebnis mitgetragen oder zugelassen haben. Denn ich sehe die Verantwortung für dieses Logo nicht bei einem einzelnen Mann.

Wer in einem Gemeinderat Verantwortung für eine Stadt und ihre Geschichte übernimmt, trägt auch Verantwortung dafür, welche Geschichte diese Stadt von sich selbst erzählt.

Und genau deshalb bin ich so pissig.

Ich habe mich darüber oft und laut geärgert und damit vermutlich auch schon den einen oder anderen Menschen genervt. Aber nach dem, was ich beim Blick in unsere eigene Geschichte inzwischen wieder gefunden habe, ist mein Ärger nicht kleiner geworden.

Eher im Gegenteil.

Denn wenn wir wirklich sagen: „Wir lieben Geschichte“, dann sollten wir sie auch als Ganze erzählen wollen – und nicht ausgerechnet die Hälfte der Bevölkerung mit einem Männerkopf vor den Kopf stoßen.

Geschichte der Stadt Hüfingen

Geschichte der Stadt Hüfingen

Foto der Büste im Schlosspark Donaueschingen

Die Geschichte der Stadt Hüfingen muß schon mit den Römerzeiten begonnen werden, insofern nämlich, als ihre Gemarkung bis auf den heutigen Tag nicht unbedeutende Ueberreste römischer Ansiedelungen und Kultur aufzuweisen hat. Davon nennen wir zuerst die Hochstraße, welche von Dürrheim über Donaueschingen bei der Schächerkapelle, rechts ab von der Landstraße, gerade auf den spätern Fundort hinführt. Sodann ziehen wir die Flurbenennung Stetten in Betracht, welche beinahe überall, wo sie vorkommt, eine römische Niederlassung bedeutet. Weitere Spuren wurden schon im vorigen Jahrhundert entdeckt 1*), aber nicht näher untersucht, und erst im Jahre 1821 nahm man, auf Kosten des Fürsten Karl Egon von Fürstenberg, planmäßige Ausgrabungen vor. Die Anregung hiezu gab Professor Buchner von Regensburg, welcher damals unsere Gegend bereiste, um die aus der peutingerischen Tafel verzeichneten Römerstraßen, und namentlich die Station „Brigobannis“, zu untersuchen. Nach den ersten unzweifelhaften Fundstücken wurde eine eigene Commission ernannt mit Hofrath Rechmann an der Spitze. Diese Commission betraute meinen mütterlichen Großvater, den pensionierten

1) Eine kurze (handschr.) Oberamtsbeschreibnug von Hüfingen aus dem Jahre 1768 sagt: „Vor einigen Jahren fand man in dem Thal unter dem Galgenberg bei der Umpflügung deren dortigen Ackerfelder silberne und metallene römische Münzen von Titus, Vespasian x.; dann saubere Besezblättchen und Spuren von einem weitläufigen Gebäude.“

https://tp-online.ku.de

496

Correktionshaus-Verwalter Schelble, mit der speziellen Beaufsichtigung der Ausgrabungs-Arbeiten. Zunächst bei der oberen Mühle, im s. g. an „Stetten“ gränzenden Mühlöschlein, wo das Ackerfeld dem Pfaffenloche, einer tiefen Stelle in der Breg, sich nähert, wurde mit den Ausgrabungen begonnen. Sie legten mehrere Grundmauern zu Tage, welche von sehr losem Zusammenhänge und so zertrümmert waren, daß sie kein zusammenhängendes Ganzes ergaben, aber nebst andern Fundstücken zur Annahme führten, es haben hier mehrere römische Wohnhäuser gestanden. Noch im nämlichen Jahre fanden Nachforschungen auf dem rechten Ufer der Breg statt, wo am Fuße des Hölensteins ein flaches von der Degginger Straße herziehendes Thälchen ausmündet. Hier wurden die Trümmer eines Gebäudes ausgedeckt, das unter dem Namen Römerbad 2) bekannt ist. Das Gemäuer desselben, ein längliches Viereck, auf fürstliche Kosten mit einem schützenden hölzernen Ueberbau versehen, mißt in der Länge 101, in der Breite 14 badische Fuß, und hat eine Art Erker auf der westlichen, einen viereckigen Anbau auf der östlichen und einen ganz gleichen auf der nördlichen Seite. Oestlich und südlich von dem Hause fanden sich aus Kalkstein-Quadern gebildete Brunnen, d. h. Theilstöcke, welche mit je zwei Oeffnungen versehen, das Wasser nach verschiedenen Seiten leiteten. Der ganze Bau war durch eine Scheidewand in eine südliche und eine nördliche Hälfte getrennt; die südliche enthielt heizbare Zimmer und scheint der eigentliche Wohnraum gewesen zu sein. Die Bödender Gemächer sind von sehr ungleichem Niveau,

2) Beschrieben in latein. Sprache zuerst von I. Frick im I. 1824; ferner (zugleich mit den übrigen Ausgrabungen von Prof. Dr. Fickler in den Schriften des bad. Altertumsvereins, III Jahrg. 1848. — Anch Hofrath Dr. Rehmann, der die Aufstellung der Fundstücke im fürstl. Schlosse zn Hüfingen besorgte, beschäftigte sich mit einer Beschreibung sämtlicher im Fürstenbergischen gefundener Altertümer. Der Verfasser gegenwärtiger Abhandlung hatte bereits mehrere Blätter von Abbildungen hierzu gezeichnet, als der Tod den hochverdienten Mann, leider viel zu frühe für Kunst, Wissenschaft und die leidende Menschheit, dahinraffte

Tafel 5 mit Römerbad und Votivstein

https://hieronymus-online.de/das-kastell-huefingen/

497

so‘ daß der nördliche Theil tiefer, als der südliche liegt, was vielleicht im Gebrauche des Wassers seinen Grund hatte. Eingang bemerkte man nur einen, auf der dem Hölenstein zugewandten Seite, weshalb das südöstliche Zimmer für die Vorhalle gehalten werden muß. Zwei starke Mauervorsprünge darin lassen den Herd oder die Heizvorrichtung vermuthen. Die beiden folgenden Gemächer hatten Heizböden, d. h. Doppelböden; der obere aus Platten gebildete des ersten Zimmers ruhte auf Säulchen von runden Backsteinen. In dem erwähnten halbrunden Erker dieses Gemaches lag auf einem aufgemauerten Cylinder eine flache, aus einem Dolomitsteine gehauene Schale von 5′ Durchmesser, aLer kaum 4″ Tiefe. Wie es scheint, hat der runde Anbau sein Dasein lediglich dieser Schale zu verdanken, so daß beim Plane der Häuser schon auf ihre Aufstellung Rücksicht genommen war. Der obere Boden des anstoßenden Gemaches Bestand aus Gußmörtel mit eingestreuter grober Mosaik. Aus dem ersten heizbaren Zimmer leiteten vier, in der Zwischenmauer angebrachte Bogen die Wärme in das zweite. Der folgende Raum von gleicher Größe liegt etwa 3′ höher, als die übrigen Gemächer; aus ihm gelangte man in den über 2′ tiefer liegenden viereckigen Anbau, welcher einen von aufrechtstehenden kleinen Backsteinen gebildeten Boden und eine Wandverkleidung von röthlichem Gußmörtel hatte. Eine durch die östliche Wand gehende Thonröhre, welche nach innen mit einem ganz roh aus Kalkstein gehauenen Thierkopf endigte, führte das Wasser aus dem östlichen Brunnenstock in einen steinernen Wassertrog, woraus es auf den Boden des Gemaches, und von diesem durch eine runde durch die Mauer gehende Oeffnung in einen Kanal abfloß. In der nördlichen Hälfte des Gebäudes bemerken wir Folgendes. Einen 3′ tiefen Kanal, dessen Seitenwände aufgemauert sind und welcher sich, den Kanal aus dem vorhin beschriebenen Brunnengemach aufnehmend, durch diesen ganzen Theil hinzieht; ferner einen vertieften viereckigen, mit aufrechtstehenden Backsteinen besetzten Raum, von einer doppelten

Tafel VI mit Fotos aus dem Römerbad

https://hieronymus-online.de/das-kastell-huefingen/

498

Mauer umgeben. Die Lußere, etwa 5′ höher liegende, war mit dritthalb Fuß breiten Kalkplatten belegt, welche eine kaum 1/2 Zoll tiefe und 5 Zoll breite Rinne rings umzog. Die zweite Einfassung bestand aus aufrechtstehenden Steinplatten; beide bildeten um den inneren tiefern Raum einen mit (jetzt nicht mehr vorhandenen) Ziegelplatten belegten Gang. An diesen stößt ein östlich liegender viereckiger Raum ohne gepflasterten Boden, während gegenüber an der Ecke noch Spuren einer schräg hinziehenden Mauer sich zeigte. Die Beschaffenheit des Gemäuers läßt aus keine große Sorgfalt bei Ausführung des Gebäudes schließen. Die Mauern bestehen aus gewöhnlichen Kalkbruchsteinen, durch einen magern hydraulischen Kalk verbunden, in welchem gestoßene Ziegelstücklein äußerst sparsam verwendet sind. Auch größere Stücke von Leistenziegeln, Gefäßscherben und dergleichen finden sich in dem dasigen Mörtel vor. Von dcr Bedachung haben sich noch große Bruchstücke von Leistenziegeln gefunden, deren einige in erhabener Schrift den Legionsstempel L.XI.C.P.F. tragen (d. i. Legio XI. Claudia. Pia. Fidelis.). Eine Quelle, von welcher die vorhandenen Brunnen ihr Wasser hatten erhalten können, findet sich in der Nähe keine mehr vor; doch ist anzunehmen, die Leitung habe vermittelst des noch jetzt sichtbaren, von der Degginger Straße herziehenden Grabens stattgefunden. Ueber die Bestimmung des ganzen Gebäudes sind die Ansichten getheilt. Die mit den Ausgrabungen betraute Commission glaubte, für ein Badhaus entscheiden zu müssen. Das Eingangszimmer wurde für das Ankleidezimmer, das erste beheizbare Gemach für das Salbenzimmer und das folgende für das Schwizbad angenommen, während der eingemauerte Raum im nördlichen Theile recht gut ein Behälter zum kalten Bade gewesen sein könnte. Eine andere Ansicht, von Schreiber und Frick, erklärte den Bau für ein Wohnhaus, welches im südlichen Theile die Menschenräume, im nördlichen den Geflügelhof, die Stallung

499

und den Holzbehälter gehabt habe. Zell und Fickler dagegen nehmen an, das Gebäude sei ein Posthaus, eine Station zum Wechsel der Bespannung, wie auch zur militärischen Sicherung der Heerstraße gewesen. Der Mangel der Wärmeröhren und die Schmucklosigkeit des ganzen Bauwesens, verbunden mit dem Umstande, daß unter den aufgefundenen Geräthschaften weder die nothwendigen Oelfläschlein, noch die Badstrigel und Aehnliches sich besinden, zählt Fickler zu den Gründen seiner, ein Badhaus ausschließenden Annahme. Sicher anzunehmen ist übrigens nur, das Gebäude sei ein öffentliches, der XI Legion angehöriges oder von ihr erbautes gewesen. Jedenfalls aber hat bei diesem Hause das Wasser eine große Rolle gespielt. Zwei Brunnen, die ihr Wasser nach verschiedenen Seiten in das Gebäude führten, und zwar so reichlich, daß zwei Kanäle zum Abfluß nothwendig waren, möchten für ein Haus, welches nicht zum Badeu eingerichtet war, wohl als zu Viel erscheinen. Die Fundstücke des Platzes bestehen in mehreren Thonlampen, Broncen, Fibeln und Techensteinen, in einer Handmühle, in Handglocken und Münzen. Unter den beßeren tragen die meisten das Bildniß des Kaisers Vespasian 3). Seit der Entdeckung diescs Römerbaues hat sich Vieles im Innern desselben verändert. Von den Heizböden, deren der eine etwa zur Hälfte wohl erhalten war, erblickt man nur noch übereinanderliegende Trümmer; die Deckplatten sind gar nicht mehr vorhanden. Ebenso ist von der übrigen Bodenpflasterung wenig mehr zu sehen. Das Gebäude diente in den vierziger Jahren zu forstökonomischen Zwecken, und die sorgfältig ausgegrabene Ruine ist sozusagen abermals zur Ruine geworden.

3) Gelegenlich einer Besichtigung des Gebändes (im Herbst 1861) fand ich in der Eingangshalle noch eine Lampe von gewöhnlichem Ton, eine Bronceschnalle, eine Kupfermünze von Vespasian, nebst dem Rand eines gläserneu Gefäßes. Diese Fundstücke sind nunmehr sämtlich der fürstlich fürstenbergischen Sammlung von Altertümern im Schlosse zu Donaueschingen einverleibt.

500

Im Herbste 1823 wurden nämlich auf den „Galgenäckern“, auf der Höhe des Hölensteins, die Grundmauern des s. g. Tempels bloßgelegt. Die Mauern, sehr verwittert und schlecht, hatten kaum anderthalb Fuß Dicke, auf der längeren Seite jedoch Ausladungen. Von ihnen mehrere Fuße entsernt standen kunstlos und schlecht gearbeitete Säulenpostamente. Im innern fand man zwei oder drei Gruben, wovon die eine mit Letten, eine andere mit Dolomitsteinen angefüllt war. Anfangs glaubte man, wirklich die Reste eines Tempels vor sich zu haben, was jedoch die schlechte Struktur des Ganzen nicht sehr wahrscheinlich machte. Einleuchtender erscheint die Ansicht, die mein Vater früher schon ausgesprochen, das Gebäude möchte eine Häfnerei oder Ziegelhütte gewesen sein. Denn der Grundplan desselben gleicht vollkommen einer jetzigen Ziegelhütte; und bedenkt man, daß vor einigen Jahren das tönerne Model einer großen Medaille, welche den Kaiser Vespasian vorstellt, auf dieser Stelle gefunden wurde, so erhebt sich die Wahrscheinlichkeit beinahe zur Gewißheit. Die übrigen dortigen Fundstücke sind Töpfergeschirr, Thonkorallen, Fingerringe und dergleichen. Auch wurden am nördlichen Abhange der genannten Höhe hiemit in Verbindung stehende Kalköfen entdeckt, oder vielmehr man fand Stellen, wo das Gestein vom Feuer an- und zu Kalk gebrannt war, während in den Berg hineingetriebene Hölen von etwa 4′ Breite mehrere Fuder gebrannten Kalkes enthielten, welcher noch gut zu Mörtel verwendet werden konnte. Gleichzeitig mit der Entdeckung der römischen Baureste kam auch ein Begräbnißplatz zu Tage. Mein Vater, welcher damals ein kleines Landgut, den Hölenstein, cultivieren und mit Wegen versehen ließ, fand bei dieser Arbeit die terassensörmig vorspringenden Kalkfelsen, auf der nordwestlichen frei in’s Thal hinaus schauenden Seite, mit etwa 2′ tiefer Asche überlagert. In dieser aber entdeckte man halb und ganz verbrannte Menschen- und Tierknochen, gerippte Korallen von blauem Kalk, blauem Glase und Gagat, eine Menge Scherben von samischer und ge-

501

wöhnlicher am offenen Feuer gebrannter Erde, römische Münzen, Bronceverzierungen und Anderes dergleichen. Es ist daher wohl anzunehmen, dieser Platz habe den Einwohnern des kaum 90 Schritte entfernten Gebäudes der XI Legion zum Begräbnißplatze (kustum) gedient. Noch heutzutage finden sich bei der Untersuchung durch das Grabscheit auf dem Grundstücke überall Scherben, meistentheils von grauem und schwarzem Tone. Ein zweiter Begräbnißort wurde 1834 bei der Scharfrichterswohnung und Abdeckerei entdeckt. Diese Gebäude liegen etwa 200 Schritte vom erstbeschriebenen Platze, am Fuße derselben Halde. Um bei einem nächtlichen Hochwasser das Haus zu retten, wurde damals vom Erdreich der Halde ein Damm hergestellt, bei welcher Arbeit eine starke Aschenlage zum Vorschein kam. In ihr fand man eine Menge Scherben, Korallen und Menschenknochen, nebst mehreren wohlerhaltenen, am offenen Feuer gebrannten Gefäßen von grauem Ton mit Asche gefüllt und nach Art der alten Columbarien übereinandergestellt.

Was nun die alte Hochstraße betrifft, so bemühten sich mehrere Forscher, ihre Fortsetzung aufzufinden. Leichtlin und später Ocken suchten sie vergebens in der Nähe des s. g. Badhauses. Wie aber schon von Fickler erwähnt, fand man ihre Spur westlich vom Gebäude, von wo sie durch den Deggrischerwald gegen Deggingen und wahrscheinlich gegen Unadingen und Bachheim hinzieht. Bei jenem Walde lenkt ein Arm unter dem Namen „Harweg“ oder „Herweg“ nach Hausen ab, wo er sich mit der alten Schweizer Heerstraße vereinigte. Andeutungen einer andern Straße, die über das jetzige Hüfingen durch die Gemarkung Sumpfohren gegen Pfohren führte, gibt die wiederholte Flurbenennung „Heerweg“ im S. Katharinen-Zinsbuch von 1328; auch finden sich unzweifelhafte Anzeichcn einer Verbindungsstraße über Bräunlingen in dem Zinsrotel der dortigen Pfarrei von 1384, wo die Feldbezeichnung: „Lit an dem Arweg“ öfters vorkommt. Dieselbe zog sich, wie ich in besagtem Rotel gefunden, über die Gemarkung von Waldhausen („ein wislin, lit ze Waldhusen uf dem

502

Herweg und zuhet an den Espan“). Wahrscheinlich war es der Heerwcg, welcher aus Schwaben über den hohlen Graben und Thurner nach Breisach führte. Fassen wir diese Spuren alle zusammen, so ergibt sich, daß die römischen Bauwerke zu Hüfingen an einer Kreuzstraße gelegen waren, was der Annahme einer Poststation oder einer Straßen-Schutzwache (mit Badeinrichtung) allerdings viel Wahrscheinlichkeit verleiht. Weitere Nachforschungen über das römische Straßennetz unserer Gegend anzustellen, um es völlig zu erheben, muß ich Anderen überlassen, da mir leider die Zeit und die Gelegenheit dazu abgehen. Als Urbewohner auch der Baargegenden erschienen die Kelten, welche schon 600 Jahre vor Christus dahin gekommen, aber hernach durch die Römer und Germanen allmählig um ihre nationale Selbstständigkeit gebracht wurden. Das erste Erscheinen aber der Römer in Hochdeutschland fand in dem Kriege statt, welchen Kaiser Augustus gegen die Rhätier und Vindelicier (südlich und östlich vom Bodensee) führte.

Nachdem Tiberius, der Adoptivsohn des Kaisers, die Vindelicier in einer blutigen Schlacht am Bodensee überwunden, gieng er, wie römische Schriftsteller berichten, eine Tagreise weit landeinwärts und besichtigte die „Quellen der Donau.“ Mag man nun den Ursprung dieses Stromes bei Donaueschingen oder bei den Anfängen der Waldbäche Brig und Breg suchen, immerhin mußte der römische Feldherr aus seinem Marsche in die Baar gelangen. Da jedoch nur von einer Tagreise die Rede ist, so scheint der Zusammenfluß jener Wasser im Herzen dieser Gegend gemeint zu sein, welche in den Römerzeiten schon für ein vorzügliches Getraideland galt.

Der entscheidende große Sieg, welchen die germanischen Stämme in Niederdeutschland unter Hermann dem Cherusker 4 Jahre vor Christus über die römischen Legionen davon getragen, hatte den Römern gleichwohl den Besitz der Länder am Rhein, Neckar und an der Donau nicht entreißen können. Dieselben verblieben römische Provinzen, was hinsichtlich der Culturbeförderung kein großes Unglück war.

503

In mannigfachen Mischungen und Verhaltnissen, wie unter vielfachem Wechsel von Kriegs- und Friedenszeiten, bauten sich Kelten, Römer, Gallier und Alemannen darin an. So wurden denn auch in der Baargegend überall Heer- und Handelsstraßen, Bauwerke aller Art, Bäder, Tempel, Wasserleitungen, Ziegelhütten und Töpfereien angelegt, Flüsse und Bäche überbrückt, Flößereien und Handelsgesellschaften errichtet, die Landwirtschaft mit neuen Sämereien und Früchten bereichert und die Obstbaumzucht eingeführet.

Erwiesenermaßen lag beim jetzigen Hüfingen ein Theil der Xl Legion, deren Stab zu Windisch in der Schweiz postirt war. Die Ansiddelung hatte sich jedoch nicht allein auf unsere Gemarkung erstreckt; denn schon im vorigen Jahrhundcrt (1726) wurden auch bei Bräunlingen die Reste eines römischen Gebäudes entdeckt, und der Stiftungsbrief der dortigen Pfarrei soll ausdrücklich besagen, „sicheren Nachrichten und alten Urkunden zufolge habe Kaiser Karl der Große die Stelle, wo ehemals ein Römercastell gestanden, als Kirchenbauplatz an die Reichenauer Mönche vergabt.“

Wenn nun das Acker-Gewann zwischen Hüfingen und Bräunlingen „in Stetten“ heißt, so darf man wohl füglich annehmen, es haben auch mehrere römische Gebäude daselbst gestanden, deren Spur durch den vielhundertjährigen Feldbau verwischt worden; findet sich ja von den Fundamenten im Mühlöschle und des s. g. Tempels, nach so wenigen Jahren ihrer Entdeckung, schon nicht die geringste Spur mehr! Der unbeugsame Nationalsinn der germanischen Stämme ließ die romanischen Verdränger, deren Verwaltungsbeamte auf Kosten der Bevölkerung sich blutsaugerisch zu bereichern strebten, endlich nicht mehr länger in Ruhe. Der erste Einfall der Alemannen geschah im Jahre 274 nach Christus und nach Verfluß eines Jahrhunderts waren sie Herren des ganzen Landes zwischen dem Bodensee, Rheine, Maine und Neckar. Da sanken die Römerbauten auch unserer Baar in Schutt und Asche. Mit ihnen verlieren wir für lange Zeit alle Anhaltspunkte für unsere Ortsgeschichte; es bleibt mir daher nichts übrig, als

Ein Gräberfeld im Mühlöschle aus der Bronzezeit
Ausgrabung 1958

504

in allgemeinen Umrissen darzustellen, wie der Baar-Gau zum alemannischen Herzogtume gedieh, und nach der Aufhebung desselben unter der Verwaltung der Ahnen des erlauchten Hauses Zäringen deren Namen erhielt, und endlich an die zäringischen Erben von Fürstenberg überging.

Bald nach Eroberung der römischen Rheinlande geriethen die beiden germanischen Stämme der Franken und Alemannen auf’s Feindlichste mit sich selber in Kampf. Es schien, als könnten sie neben einander nicht bestehen, als müsse der eine verdrängt oder vertilgt sein, damit der andere unbeschränkt herrsche. Dieser tief gewurzelte Haß und der daraus entspringende tragische Kampf erschien bis in die hohenstaufen’schen Zeiten als ein Grundzug der alemannischen Geschichte. Die Alemannen und Schwaben hatten sich der fränkischen Monarchie anschließen müssen, wie andere deutsche Stämme. Sie bildeten ein großes Herzogtum und es erhoben sich darin drei mächtige Geschlechter, welche meistens im Besitze der herzoglichen Würde und der bedeutendsten Grafensprengel waren — am Bodensee die Welfen, an den Neckar- und Donauquellen die Berchtoldinger und im Elsaße die Etikone. Es war daher ein Hauptsächliches Bestreben des fränkischen Königshauses, diese mächtigen Stammeshäupter zu stürzen und dadurch die Alemannen völlig zu unterjochen.

Das gelang ihm auch theilweise; denn im Jahre 748 wurde das Herzogtum abgeschafft, das Land sofort durch königliche Kammerboten überwacht und die Verwaltung der meisten Grafschaften in die Hände fränkischer und rhätischer Geschlechter gespielt. Bei diesem Unterdrückungssysteme wurden aber namentlich die Berchtoldinger von der Grafenwürde der großen Berchtoldsbaar verdrängt und mußten lange Zeit froh sein, sich den Besitz ihrer dortigen Erbgüter zu retten. Der alemannische Stammesstolz ertrug jedoch eine solche Lage nicht ruhig; immer und immer erhoben die drei Geschlechter mit ihrem Anhange das Haupt, bis es gelang, die herzogliche Würde von Schwaben wieder herzustellen. Sie gedieh an die Zäringer, die Nachkommen der alten Berchtoldinger.

505

Zwar drängten sich bald hernach die Hohenstaufen, die Erben des salischen Kaiserhauses, in das Herzogtum; den Zäringern verblieb jedoch die herzogliche Macht über die Lande, wo ihre breisgauischen, baarischen, schwarzwäldischen und helvetischen Erbgüter lagen, und für die Hingabe des Uebrigen wurden sie mit der Statthalterei über Burgund entschädigt. Nachdem ihr Geschlecht sich in einen herzoglichen und markgräflichen Ast getheilt, erlosch der erstere 1218 mit Berchtold V, während der letztere in unserem erlauchten badischen Fürstenhause noch immer frische Blüthen treibt. Nach dem Erlöschen der Herzoge gelangte die Grafschaft über die Baar, wo das Meiste zäringisches Erbgut war, an das altfränkische Haus von Sulz, welches dieselbe jedoch später dem Grafen von Urach-Fürstenberg überließ, in dessen Hand die baarischen und schwarzwäldischen Erbgüter gekommen. Von diesen allgemeinen Umrissen wenden wir uns nunmehr zu dem mittelalterlichen Hüfingen, zur dortigen alten Burg und Dorfgemeine.

Wie bei den meisten Dörfern und Städten, so besitzt man auch über die Gründung von Hüfingen weder Brief noch Sigel. Nach der Ortssage hätte es anfänglich aus drei Höfen bestanden 4) was nicht unwahrscheinlich klingt, da inmitten dieses fruchtbaren Geländes etliche unter dem Schutze einer Burg liegende Höfe (Pacht- oder Hubengüter) recht wohl den Anfang des Dorfes gebildet haben konnten. Die meisten Städte unseres Landes sind ja auf ähnliche Weise entstanden. Denn siedelten sich bei solchen Hofgütern noch die gewöhnlichen Handwerksleute und Tagwerker an, so waren bald gemeinsame Anstalten nöthig, eine Mühle, ein Wirtshaus und eine Kapelle, welche mit Gütern begabt wurde und meistens zur Pfarrkirche erwuchs. Die mittelalterlichen Burgen aber entstanden bekanntlich vielfältig auf den Grundmauern zerstörter römischer Wacht-

4) Der Zusatz, diese Höfe hätten dem Orte seinen Namen „Höfingen“ gegeben, ist kaum der Widerlegung werth. Der alte Name hieß Hiuvinga und kann das Wort Hof nicht zum Stamme gehabt haben,

506

thürme oder Kastelle. Wie sehr auch unsere germanischen Stammvater die Römer und ihre Zwingburgen haßten, so scheinen sie doch Manches von denselben gelernt und das von ihnen Hinterlassene zum eigenen Vortheile ausgebeutet zu haben. Und in der That mußten die gutgewählten Bauplätze auf dominirenden Höhen, in wohlgelegenen Niederungen, an Quellen und Flüssen, wie mancherlei vorhandenes Baumaterial, alte Wasserleitungen, alte feste Straßen (in deren Herstellung unsere Altvorderen ohnehin keine Hexenmeister waren), sehr viel Einladendes zur Ansiedelung haben; daher es verwunderlich sein würde, wenn alles dieses nicht benutzt worden wäre. Haben wir nun auch bei Hüfingen erwiesener Maßen eine ziemlich ausgedehnte Römerstätte vor uns, so ist die Vermuthung nicht aus der Luft gegriffen, diese Reste möchten zur Gründung der dasigen Burg die Veranlassung gegeben haben.

Das Terrain zu einer sogenannten Tief- oder Wasserburg war hier ganz besonders günstig. Die von Westen her laufende Bregach bildet, durch einen stark abschüssigen Rain zum „Waag“ gestaut und nordöstlich gelenkt, einen Erdwinkel, der in ältesten Zeiten eine Art Insel oder Werd gewesen sein mag. Denn ehe die Dämme oberhalb der Stadt hergestellt waren, nahm das Hochwasser, bei unserem Gedenken noch, regelmäßig seinen Lauf auf der entgegengesetzten Seite, an den Stadtmauern vorbei, und vereinigte sich erst unterhalb derselben wieder mit dem Hauptfluße. Daher heißt dieses Gelände noch heutzutag „Wasserlanden“, und hat in geringer Tiefe ein mächtig angeschwemmtes Kieslager, während in der Hinterstadt, wo die alte Burg gestanden, ein fetter 8 bis 10 Fuß tiefer Humusboden durchgängig angetroffen wird. Die älteste urkundliche Erwähnung der Burg Hüfingen, beziehungsweise ihres Adels, fällt in die Jahre 1083 und 1100. Damals bezeugte Ritter Hugo de Hiuvingen mit anderem alemannischen Adel zwei Beurkundungen, welche Graf Burghart von Nellenburg zu Schafhausen und Eschingen für das Kloster Allerheiligen vornahm. Bei der letzteren erschien, dem Hugo

507

voranstehend, auch ein Adelbero von Hüfingen, welches also sein älterer Bruder gewesen sein konnte. Eine zweite Erinnerung an dieses Adelsgeschlecht bewahrt das im fürstlichen Archive zu Donaueschingen befindliche Todtenbuch des Klosters Amtenhausen, worin unter den Gutthätern eingetragen steht: „Der edle Johannes de Hüffingen, hat geben an den Baw ein Roß und Harnisch.“ Da nun der Klosterbau und die Besetzung des Gotteshauses durch Abt Theoger von S. Georgcn um’s Jahr 1100 geschah, so lebte Herr Johannes wohl in jenen Tagen 5).

In welchem Verhältnisse diese Edlen zum Orte Hüfingen gestanden, ob als Grundherren, Vögte oder Lehensmänner, kann aus der spärlichen Erwähnung derselben nicht entnommen werden. Jhr frühes urkundliches Erscheinen dürfte dafür sprechen, daß sie dem Stande der Freien, und nicht etwa demjenigen der unfreien Dienstmänner angehörten. Jedenfalls aber war ihr Geschlecht kein mächtiges und reiches; denn Macht und Reichtum verschafften dazumal, wie heute noch, Einfluß und bedeutende Stellung unter den Zeitgenossen, was unsern Rittern von Hüfingen sehr gemangelt zu haben scheint. Wir finden sie kein einziges Mal bei politischen Ereignissen, und bei urkundlichen Verhandlungen nur höchst selten genannt. Auch müssen dieselben frühe schon um den Besitz dcs Ortes gekommen sein, da wir bereits im 12ten Jahrhunderte die Abtei S. Märgen auf dem Schwarzwald nicht nur im Rechte des Kirchensatzes zu Hüfingen, sondern selbst im Besitze des Dorfes daselbst finden. Wie dieselbe zu diesem Bcsitze gekommen, ist nicht bekannt, und ebenso wenig, ob sie die hiesige Pfarrkirche aus anderer Hand erworben oder selber erst gestiftet habe.

5) Das Todtenbuch ist zwar erst aus dem 14ten Jahrh., daher die spätere Schreibart „Hüffingen“, aber es sind die Einträge eines alten, nicht mehr vorhandenen, darin aufgenommen. Es könnte sich der Ausdruck „zum Bau“ aber auch nicht auf die erste Erbauung, sondern auf den Fond zur baulichen Unterhaltung des Klosters beziehen, und der Vergaber somit auch einer spätern Zeit angehören.

508

Jm Jahre 1182 verlieh Bischof Hermann von Constanz dem Gotteshause S. Märgen die Befugniß, durch seine Klostergeistlichen die Seelsorge der Kirche zu Hüfingen versehen zu lassen. Denn „bekanntlich (heißt es in der Urkunde) stehe die investitura ecclessiae Huvingen rechtlich diesem Stifte zu.

Es handelte sich nämlich darum, das Kloster der sanctmärgischen Chorherren in seinem Fortkommen dadurch zu unterstüzen, daß man ihm erlaubte, das Hüfinger Pfarreinkommen, welches bisher von einem Weltpriester bezogen worden, für sich zu verwenden, indem sie die Pfarrei durch einen ihrer Mönche wohlfeil besorgen ließen. Denn obwohl S. Märgen, eine Stiftung der Grafen von Hohenberg, damals schon über sechzig Jahre bestund, so wollte cs noch immer nicht recht gedeihen und hatte Unterstützungen, wie die obige, pro necessitatum suarum elevatione et pro temporalibus subsidiis, besonders nöthig.

Zm Jahre 1215 bestätigte Papst Innocenz III dem Kloster die Kirche zu Huvingen mit all ihren Zugehörungen und andere Güter daselbst, wie es dieselben bisher rechtlich und ruhig besessen habe. Und cin Vierteljahrhundert später wurde ihm durch Papst Gregor IX die hüfiigische Pfarrei völlig einverleibt, mit dem entschuldigenden Beifügen, daß der Orden der Chorherren vom Weltpriesterstande nur wenig verschieden sei.

Diese Bestätigung und Einverleibung ist aber durch den urkundlichen Wortlaut darüber für die Geschichte von Hüfingcn von desto größerer Bedeutung. Die vier betreffenden Urkunden besagen nämlich, der Papst habe das Kloster mit all‘ seinen Besitzungen, namentlich mit der Kirche und dem Dorfe de Huvingen, in den unmittelbaren Schutz des heiligen Stules aufgenommen, und demselben zur Abhilfe seiner Noth besagte Kirche mit ihren Zubehörten (also mit Zehenten, Widemgütern und Jahresgilten) so gänzlich überlassen, daß sie von aller Visitation des Landdecans, wie von aller anderen Belastung ihrer Güter und Pfründen befreit sein solle 6).

6) Die im großh. Landesarchive hierüber vorhandenen Urkunden finden sich auch abgedruckt in Petri Suevia S. 233.

509

Demnach hatte S. Märgen nicht allein die Pfarrkirche zu Hüfingen, sondern auch den Ort selber besessen, villam cum pertinentiiis ejusdem — das Dorf mit seinen Zubehörten und Almendrechten. Wie das Kloster in der Folge diesen wichtigen Besitz wieder verloren, kann nicht mehr ermittelt werdern. Wahrscheinlich sah es sich während der Wirren des großen Zwischenreiches (von 1250 bis 1273) dazu genöthigt, entfernt ligende Besitzungen, wie unser Hüfingen, an die Landesherrschaft zu veräußern, oder sie wurden ihm gewaltsam entrissen.

Die ältesten Verhältnisse der Hüfinger Pfarrei ligen überhaupt sehr im Dunkeln. Nach der Ueberlieferung soll Bräunlingen die Mutterkirche für die ganze Umgegend und auch unser Ort dahin gehörig gewesen sein. Auffallend ist jedenfalls der Umstand, daß von früher Zeit her immer eine Anzal von Haushaltungen (man gibt 27 an) zu Hüfingen in die Bräunlinger Pfarrei gehörten, welche erst 1729 der hüfingischen Kirchhöre einverleibt wurden. Auch besaß die bräunlingische Pfarrei und Kaplanei nach einem Zinsrodel von 1384 damals mehrere Zinspflichtige zu Hüfingen. Darunter befanden sich „der alte Reich auf dem Bühel“, welcher derselben von 3 Aeckern „im Hargarten bei der Stadt und an Stetten beim Weier“ jährlich 5 Viertel Kornes entrichtete. Ebenso bezog sie von dem „Herrnzehenten, der etwan gehörte in den Kelnhof zu Bräunlingen“, den dritten Theil 7).

Die fried- und gesetzlose Zeit des Zwischenreiches mag es auch veranlaßt haben, daß das Dorf (villa) Hüfingen zum Städtlein (oppidum) ward, indem sich damals viele offenen Orte mit Mauern und Gräben umgaben, um vor Ueberfällen und Plünderungen geschüzt zu sein. Diese Verwandlung wäre daher unter den Grafen von Sulz geschehen, welche die Landgrafschaft Baar bis zum Jahre 1283 besaßen, wo dieselbe durch

7) All‘ diese Fingerzeige weisen auf eine Beziehung des Ortes Hüfingen zur Pfarrei Bräunlingen zurück, wodurch die erwähnte alte Ueberlieferung nur bekräftiget werden kainn.

510

König Rudolf I an den Grafen Heinrich von Fürstenberg, als Belohnung ersprießlicher Dienste verliehen wurde. Dieser ritterliche Herr und Freund des Königs war der Enkel des urachischen Grafen Egeno im Bart, welchem seine Gemahlin, eine Schwester des letzten Herzogs von Zäringen, die zäringische Erbschaft im Breisgau und auf dem Schwarzwald zugebracht hatte. Graf Heinrich theilte dieselbe mit seinem ältcrn Bruder Konrad dergestalt, daß ihm die baarischen und schwarzwäldischen Gebiete mit der Veste Fürstenberg zufielen, deren Namen er sofort annahm.

Eine der ersten Handlungen, welche Heinrich als „Landgraf in der Baar“ verrichtete, war die Verleihung der Kirchen-Pfründen zu Hüfingen an die beiden Priester Konrad und Heinrich, gegen ein geringes Entgeld. Wir sehen also unser Schloß und Städtlein mit feinem Psarrplatze in den Besitz des Hauses Fürstenberg übergegangen.

Dieses aber verlieh das Schloß und Städtlein feinen Dienstmännern von Blumenberg, einem edlen Rittergeschlechte, welches sich bald durch rühmliches Wirken die Achtung von Hoch und Nieder erwarb. So stiftete dasfelbe (der Vater Heinrich, fein gleichnamiger Sohn, seine Enkel Johann, Heinrich und Konrad, und seine Vettern Johann zu Staleck, Johann und Berchtold zu Donauefchingen, Heinrich zu Blumeneck, Konrad zu Tanneck, Albrecht und Iohann zu Blumenberg) schon 1299 die Altarpfründe ad sanctum Blasium in der Kirche zu Hüfingen, woselbst der letztgenannte Blumenberger in medio choro begraben ligt.

Die nächste Erwähnung dieses Geschlechtes findet sich im Jahrzeitbuche der Hüfinger Kaplanei. Dort lesen wir beim Jahre 1339: „Herr Rudolf von Blumberg fällt vor der Stadt Bern (bei Laupen) im ersten Jahre des Krieges.“ Seine Frau war eine Geborene von Klingenberg, und das Grab dieses Ehepaares befindet sich in der Pfarrkirche zu Hüfingen „unter der alten Kanzel.“

Dieser ritterliche Mann hatte sich unter den hundert Helmen befunden, welche Graf Heinrich IV von Fürstenberg dem

511

Fürsten von Oesterreich zugeführt, als es gegolten, den Uebermuth des Berner zu züchtigen. Der Tag von Laupen fiel aber anders ans, und als Rudolf die Schlacht verloren sah und sein Knappe ihn aufforderte, sich zu retten, rief er heldenmüthig: „Jch will nit leben, wo so viel‘ edle Ritter umgekommen“, warf sich in’s dichteste Kampfgewühl und fand seinen Tod.

Um diese Zeit erschienen zuweilen auch noch Edle von Hüfingen, deren Zusammenhang mit jenen alten des 12ten Jahrhunderts aber sehr zweifelhaft ist. Sie waren, wie die Blumberger und Blumenecker, Dienstmänner des Hauses Fürstenberg und lassen sich bis zu Ritter Konrad hinauf verfolgen, welcher 1281 urkundlich genannt wird.

Da nun Rüeger in seiner Chronik unter den schafhausischen Patrizier-Familien auch die von Hüfingen aufführt, so scheint ein Zweig derselben schon frühe nach Schafhausen übergesidelt zu haben, während ein anderer in der alten Heimat verblieb. Diese letzteren trugen wohl das Hüfinger Schuldheißenamt von der Landesherrschaft zu Lehen und erhielten daher den bleibenden Namen „die Schuldheißen von Hüfingen“, welcher sich also aus einer Amtsbenennung in einen Geschlechtsnamen verwandelte. Berchtold von Hüfingen hinterließ 1314 eine Tochter Agnes als Gemahlin des Edlen von Prasberg, und einen gleichnamigen Sohn, welcher die Marktswiese im Bräunlinger Bann erwarb, um dieselbe zu einer Jahrzeit für feinen Vater „Berchtold den Schuldheißen selig“, seine Mutter „von Hödorf“, und seine Brüder Künzlin, Heinrich und Eberlin, in die Bräunlinger Pfarrkirche zu verstiften. Im Jahre 1370 wurde „Herr Berchtold, genannt Schuldheiß von Hüfingen“, Propst zu Allerheiligen, zum Abte von S. Märgen erwählt. Unter ihm legte man die neue Straße von Villingen nach Freiburg durch das Klostergebiet an; der gestrenge Herr aber mußte 1385 den Mordstreichen einer Partei seiner eigenen Mönche erliegen! Im Jahre 1444 belehnte Graf Egeno V von Fürstenberg den „Berchtold von Hüfingen, genannt Schuldheiß“ mit dem

512

Drittel des Zehenten zu Pforen und Deggingen. Ebendenselben nennt noch eine Urkunde von 1465 und eine andere von 1476 führt den „Junker Heinrich, Schuldheiß zu Hüfingen“ mit seinem Siegel auf. Als Nachkomme eines dieser beiden aber erscheint der „edel und streng Herr Hanns von Hüfingen, genannt Schuldheiß, Ritter“, welcher 1494 an die „Elendstiftung“ zu Bräunlingen ein sammtenes Meßgewand vermachte, und 1505 den Degginger Zehenten für ein Leibgeding von jährlichen 30 Maltern Vesens und 30 Maltern Habers an Wolfgang von Hausen überließ. Mit ihm verlieren sich die Spuren seiner Familie, welche längst nicht mehr zu Hüfingen, sondern in der Nachbarstadt Bräunlingen gehaust, wo sie ein eigenes Hofgebäude (cunria) besaß. Zu Hüfingen hatten indessen noch lange die Blumenberger gewaltet. Ritter Diethelm der jüngere, welcher den Ort von Fürstenberg zu Lehen trug, verschrieb 1352 nicht allein seiner Gemahlin Anna, einer Geborenen von Wessenberg, die Zinse und Gefälle daselbst, sondern veräußerte 1356 seinen sechs Vettern für 10,000 Gulden das ganze Städtlein mit Leuten und Gütern, Zwingen und Bännen, Gerichten und allen Zubehörten. Hierauf wurden die Käufer durch Graf Hcinrich IV damit belehnt; 1380 aber war Burghart von Blumenberg noch alleiniger Herr zu Hüfingen und verbriefte dasselbe an die Edlen von Schellenberg. Dieses Geschlecht gehörte zum alten Adel der oberen Gegend und hatte seine Stammburg auf dem Schellenberge bei Feldkirch im Rheinthal. Es machte sich schon unter Rudolf I in gutem Sinne bemerklich; denn der König betraute die Gebrüder Markwart und Ulrich, milites de Schellenbere, mit dem Richteramte des Landfriedens im Linzgau, welches sie gegen die dortigen Friedensstörer unnachsichtlich zu üben pflegten 8). In der Baar erschienen aus dem schellenbergischen Geschlechte

8) Strenui viri domini Marquardus et Vlricus fratres de Schellenerg, vicem gerentes serenissimi domini Rudolfi d.g. Romanorum regis etc. Urkunde von 1284 im Salem. Coveib. III. 108.

513

zuerst die Gebrüder Benz und Tollenzer, von denen Ersterer mit Frau Guta, der blumenbergischen Erbtochter zu Hüfingen, vermählt war. Es hatte nämlich Herr Burghart von Blumenberg diesem einzigen Kinde, mit Verwilligung des Lehensherrn von Fürstenberg, das Städtlein zur Mitgift verschrieben. Herr Benz vererbte den schönen Besitz um’s Jahr 1386 an seine minderjährigen Söhne Konrad und Burghart, welche von den Vettern des Verstorbenen wegen des Laienzehenten zu Hüfingen gerichtlich angefochten, von ihrem Oheime Tollenzer jedoch siegreich verteidigt wurden.

Diese Vettern waren Rudolf der Kenzinger und Konrad von Blumenberg, die Söhne Herrn Diethelm’s des ältern, welcher Frau Anna, die Tochter Konrads und Schwester Burgharts, zur Gemahlin gehabt. Ihr Bruder Diethelm der jüngere war 1379 schon verstorben, und von ihnen selber wird Konrad im Jahre 1406, wo er dem Junker von Schellenberg seine Rechte zu Almishofen verkaufte, zum leztenmal genannt. Es scheint also die Hüfinger Linie des blumenbergischen Hauses mit ihm erloschen zu sein. Die Schellenberger hielten sich, nach dem Vorbilde ihrer blumenbergischen Ahnen, eifrig an das Haus Oesterreich, welchem dieselben schon 1395 das Oeffnungsrecht zu Hüfingen „für all‘ die Seinen in allen Nöthen“ eingeräumt hatten. Mit dem Hause Fürstenberg dagegen geriethen sie in solche Mißverhältnisse, daß Konrad von Schellenberg 1444 sogar die fürstenbergische Lehensherrlichkeit über Hüfingen bestritt und solche vom Kaiser neu bestätiget werden mußte 9).

Auch mit ihren Hüfingern scheinen diese Herren anfänglich über verschiedene städtische Rechte und Befugnisse in Streitigkeiten gerathen zu sein; denn durch die gütliche Uebereinkunft von 1452, den f. g. Stadtbrief, haben „Herr Berchtold von Schellenberg, Ritter, und die Bürger seiner Stadt Hüfingen

9) Verschiedene Urkunden im großh. Landesarchive zu Karlsruhe, und im fürstl. Archive zu Donaueschingen, von Münch und Andern benützt. Vergl. auch Iselius Lericon, unter Schellenberg.

514

die Almendmarken und die gegenseitigen Rechte geöffnet, geläutert und gebessert, damit beide Theile wissen möchten, wie sie einander halten sollen, um fortan in gutem Willen und Wesen unter sich zu verbleiben.“

Die Hüfinger Almend zog sich demnach „von der Mutzerstaude in die Gießau, sodann unter dem Belaher Wege bis zur Mönchwiese und an’s Deggenrisch. Zum Almendgute gehörten ferner das Bränd und die Bulz am Wetzelsberg, der Spitz neben der Schleewiese bis hinauf an den Pfad, welcher die Almend von dem Herren-Holze schied; endlich auch die Wieden ob der Seemüle, die Schleife, der Hölenstein und der Gießen, die Länder, die Wiesen an der Walke, und die offenen Gassen und Plätze der Stadt.

Die Hölzer im Almendbezirke waren verbannt und kein Theil ohne des andern Zustimmung durfte Jemanden über dieselben etwas erlauben; die Bürger aber besaßen ein Eigenholz ob dem Mistelbrunnen. Bei der Almend-Vertheilung sollte kein Unterschied zwischen Reich und Arm, zwischen Insäßen und Ausbürgern stattfinden. Von altersher bestand zwischen Hüfingen und Almendshofen gemeinschaftlicher Waidgang und die Hirten beider Gemeinden hatten das Recht, in die Neidinger Furt „zum Läger und zur Stelle zu fahren.“ Auch mußte das Vieh vom Mönchhofe und von der Seemüle dem städtischen Hirten folgen bei der Buße eines Pfundes. Ferner war’s ein alter Gebrauch zu Hüfingen, daß niemals mehr als drei Ackerknechte zusammen ausfahren durften; daß jedem Zuge ein Schlagochs (Wucherstier) folgen mußte, welchen die Hirten für 5 Schillinge jährlich zu halten hatten, und daß Derjenige, so mit Rossen zu Acker fuhr, dieselben im Ächtbann mochte waiden lassen. Nach der Wirtsordnung mußte Jeglicher, der wirten wollte, ein volles Jahr hindurch ausschenken, und war derselbe drei Tage ohne Wein, so hatte er’s dem Herrn mit einem Pfund, der Gemeinde mit 5 und dem Schuldheißen mit 3 Schillingen zu büßen.

515

Kein Wirt durfte ungeschätzten Wein verzapfen oder solchen, welcher schlecht und nicht Kaufmannsgut war; auch sollte keiner anders „zu zwei Zapfen ausschenken“, als Weißen und Rothen oder Breisgauer und Elsaßer zu Landwein — alles ebenso bei Strafe je eines Pfundes für den Herrn und die Gemeine. Ferner durfte kein Wirt seinen Gästen ungeschätztes Brot vorlegen oder Roggenbrot, wenn dieselben solches nicht besonders verlangten oder wenn die Bäcker kein Weißbrot mehr hatten; denn keinem Wirte war es erlaubt, selber Weißbrot zu backen. Während des Jahrmarktes mochte jeglicher Bürger „läßigen Wein“ ausschenken. Die Bäcker und Mezger sollten ebenfalls nichts Ungeschätztes verkaufen, die Stadt keinen Tag ohne Brot, und keinen Samstag ohne Fleisch, wie an Jahrmärkten und Kirchweihen nicht ohne beides lassen, da es den Wirten verboten war, auf solche Zeiten zu schlachten oder zu backen. Wer dieses überführ, verfiel der Gemeine mit 5 Gulden. In Beziehung auf die städtische Sicherheit und Reinlichkeit war es Jedermann untersagt, seinen Mist länger als von einem Samstage zum andern auf der Gasse ligen zu lassen, in seinem Hause zu bauchen oder in der Stube das Werk zu därren, bei einer Buße von 1 Pfund für den Herrn und 10 Schillingen für die Gemeine. Die Feuerschauer aber sollten allwöchentlich herumgehen und dafür sorgen, daß das Schadhafte ausgebessert werde, und in jeglichem Hause eine gute Gelte mit Wasser stehe, bei einer Strafe von 5 Schillingen. Wenn’s in einem Hause brannte und der Besitzer machte nicht zuallererst Feuerlärm, so wurde derselbe um 10 Pfunde für die Herrschaft, um 1 Pfund für die Gemeinde und um 5 Schillinge für den Schuldheißen gebüßt. Von altersher waren die Keller und die Häuser von Kindbetterinen so gefreit, daß man darin nichts verbieten und nichts nehmen durfte. Auch erbte die Herrschaft weder ein Haus, noch Harnisch oder Armbrust oder Bettgewand. Wer aber seine Rüstung verkaufte oder versetzte, hatte es mit

516

10 Pfunden an den Herrn, mit 1 Pfund an die Gemeinde und 5 Schillingen an den Schuldhcißen zu büßen. Wer am Gutentag (Mittwochs), wo der Wochenmarkt war, einen Andern schlug oder ihm mit einer Herausforderung vor’s Haus gelaufen kam; wer ein Messer gegen den Andern zuckte, oder ihn einen Lügner nannte, oder ihm fluchte; wer einen Hirten oder Stadtknecht mißhandelte, oder nicht zu den rechten Thoren der Stadt aus- und eingieng, verfiel, je nach seiner Schuld, in eine der obgenannten Strafen.

Das Nämliche war der Fall, wenn Einer dem Stadtknecht das Pfand versagte, oder auf dessen Fürgebot ohne „ehafte Noth“ nicht Folge leistete; wer den Andern friedbrüchig verwundete, oder dessen Feldmarken überfuhr, oder ihm sein Feldgeschirr unerlaubt wegnahm, seinen Zaun aufhaute, seinen Garten bestahl oder seine Bäume beschädigte; ferner, der dem Weibe oder Dienstboten des Andern ohne dessen Wissen und Willen etwas abkaufte, oder ihm seine Dienstleute abdingte; wer den Andern überackerte, überschnitt oder übermähte.

Wenn Zwei vor Gericht mit einander rechteten und das Urtheil für beide gleichstimmig ausfiel, so hatte der Schuldheiß den Ausschlag zu geben; ergab sich aber ein Mehr und ein Minder und letzteres zählte wenigstens drei Stimmen, so wurde zwar nach dem ersteren abgeurtheilt, dem Verurtheilten (wo die Sache über 10 Pfunde betrug) blieb es jedoch gestattet, an das Stadtgericht von Rotweil zu appellieren.

Erschien ein Richter, welchem zu Gerichte geboten worden, innerhalb einer Stunde bis zum Glockenschlage nicht daselbst, so büßte er’s der Herrschaft mit 6 Pfenningen, und blieb derselbe ohne Urlaub des Herrn oder Schuldheißen ganz aus, mit 5 Schillingen. Wenn der Stadtknecht einen Einwohner wegen Geldschuld pfändete, so hatte der Kläger das Pfand vor Gericht zu verrechtigen, den Richtern eine Maß Weines dafür zu geben und die Verrechtigung mit zwei ehrbaren Männern dem Gepfändeten zu verkünden. Das Pfandstück aber mußte acht Tage

517

lang im Gerichte liegen bleiben und durfte erst nach dem Verflusse dieser Zeit öffentlich vergantet werden.

Wenn ein Gast, welcher eine Schuldklage gegen einen Bürger vor dem Hüfinger Gericht erhoben, auf alles fremde Gericht verzichtete, so war der Schuldner verbunden, ihm die Schuld, soweit sie anerkannt worden, innerhalb des gleichen Tages zu bezalen oder dafür ein hinreichendes Pfand zu stellen und alle Kosten zu tragen. Verschuldete ein ehrbarer, redlicher Mann einen einfachen Frevel, so durfte derselbe nicht in den Thurm gelegt werden, wenn er im Stande war, das Recht zu vertrösten, d. h. eine rechtliche Bürgschaft zu leisten. Wer zu Hüfingen mit Roß und Karren versehen war, hatte dem Herren alle Jahre auf Weihnachten, Ostern und Pfingsten zwei Fuhren Holz vor die Burg zu liefern, wovon alsdann der Stadtknecht für seine Bemühung dabei jährlich zwei Fuhren erhielt. Unterließ Einer diesen Frondienst, so wurde er um 1 Pfund gebüßt und gleichwohl noch zu dessen nachträglicher Verrichtung gezwungen.

Der Schuldheiß hatte die Bußgelder, welche der Gemeinde verfallen waren, einzuziehen oder dieselben zu erfetzen, wenn der Einzng vernachläßigt worden. Auch mußte er alljährlich sein Vermögen berechnen und dasjenige versteuern, was davon 500 Pfund überstieg. Dieses war die hüfingische Verfassung nach dem Inhalte des Stadtbriefes von 1452. Herr Berchtold von Schellenberg hatte denselben für sich und seine Nachkommen und Junker Heinrich von Almendshofen für die Bürgerschaft besigelt, indem die letztere noch kein eigenes Stadtsigel besaß 10). Es geht aus der merkwürdigen Urkunde deutlich hervor, daß die

11) Oder hatte die Stadt damals etwa nur vorübergehend keinen Sigelstempel? Später, wie eine Urkunde von 1493 beweißt, führte sie ein Sigel, worin ein Thurm mit Thor und Eckthürmlein erscheint. Was den merkwürdigen Stadtbrief von 1459 betrifft, so wird er in Mone’s Zeitschr. sür Geschichte des Oberrheins nächstens abgedruckt und erläutert erscheinen.

Siegel 1460-1577

518

Hüfinger völlig leibeigene Leute waren, und größtentheils von der Landwirtschaft lebten, welche sie auf ihren eigentümlichen und Almendgütern betrieben. Bald nach den Tageu dieser friedlichen Vereinbarung begannen die Schweizerkriege, den Oberrhein und Schwarzwald zu beunruhigen, und die Kriegsläufe des Jahres 1499 brachten auch für die Baar und unsere Stadt Hüfingen mancherlei Gefahr und Verderben.

Kaiser Max l hatte die angränzenden Kantone, welche sich immer noch „seine und des Reiches Getreue“ nannten, vergeblich aufgefordert, dem schwäbischen Kreise beizutreten. Da wollte er Ernst zeigen und von Drohungen kam es zum Kriege, wobei Frankreich, der alte Erbfeind Deutschlands, die Schweizer mit Geld und Rathschlägen unterstützte. Der hegauische Adel, hoch erfreut, sich einmal an dem verhaßten Bauernvolke rächen zu können, ließ es an junkerlich übermüthigen Herausforderungen nicht fehlen, leitete aber die Landes-Vertheidigung dermaßen schlecht, daß Jedermann sagte: „Wenn der Käiser selber im Land wär‘, so gieng es nit also schändlich.“ Am Donnerstage nach Aschermittwoch 1499 zogen die Villinger mit „zwei guten Rothschlangen“ in Hüfingen ein, und setzten des andern Tages ihren Marsch nach Engen fort, wohin die Mannschaft der Grafen von Fürstenberg bereits ausgezogen war, und wo die Hauptleute, darunter die Ritter von Schellenberg und von Blumberg, Kriegsrath hielten. Es wurde indeß nichts Entscheidendes gewagt. Hinter den Mauern von Engen und Ach schauten die adeligen Krieger unthätig zu, wie ganze Dörfer und Ortschaften von den Schweizerschaaren in Brand gesteckt wurden.

Die Städter kehrten heim, zogen aber über Ostern zum zweiten Male aus, und beim Kirchhofe von Hallau kam es diesmal zu einem Zusammenftoß, von dem der Villinger Chronist sagt: „Wenn alle Knechte im vorderen Haufen sich so gehalten Hätten, wie die von Villingen, so hätten wir den Kirchhof genommen.“ Blumberg, welcher 1500 Kriegsknechte befehligte,

519

war zu spät auf dem Kampfplatze erschienen. Schon am Donnerstage nach Ostern hatten die Villinger und ihre Verbündeten sich wiederum nach Hüfingen zurückgezogen, „gar müd, mit sieben verwundeten Knechten, von denen aber keiner starb.“

Die Schweizer, in mehreren Treffen siegreich, plünderten und verheerten die ganze herrliche Gegend vom Bodensee bis gegen Basel hinab, und führten den Raub nach Schafhausen. Nur im Schlosse zu Blumberg hatten sie ernstlichern Widerstand gefunden.

Als die dortige Besatzung die verhaßten „Kuhmäuler“ daher kommen sah, verbrannten sie das Dorf selbst und setzten sich im Schlosse so tapfer zur Wehr, daß die Feinde unverrichteter Sache abziehen mußten. „Dies war das erst‘ Erwehren auf unsrer Seiten“, sagt der Chronist. Von da drangen die Schweizer nicht weiter in die Baar vor, und im Herbst wurde der Frieden geschlossen.

In Anbetracht des großen Schadens, welchen die schellenbergische Familie in diesem Kriege erlitten, bewilligte der Kaiser (1500) dem Konrad von Schellenberg und seinen Nachkommen in der Stadt Hüfingen, „so des Hauses Oesterreich Oeffnung sei“, fortan einen Pflasterzoll zu erheben, wobei der geladene Wagen zu 2 Kreuzern taxiert wurde. Von größerer Bedeutung, als der schweizerische, war für unser Städtlein der Bauernkrieg, welcher in dieser oberen Gegend zuerst seinen Ausbruch nahm, nachdem anderwärts schon seit Langem die s. g. Bundschuhe sich als Vorspiel der blutigen Tragödie angekündigt. Auch in Hüfingen zeigte das Verhalten der Bürgerschaft, daß die Städte der bäurischen Sache nicht geneigt waren; denn der Bauer erhob stch nicht allein gegen die Vorrechte und den Uebermuth des Adels und der Geistlichkeit, sondern erklärte auch den Privilegien des Stadtbürgertums den Krieg. Die Lage des „armen Mannes“ aber war eine um so schlimmere, als er nirgends Abhilfe, ja nicht einmal einiges Gehör für seine gegründeten Klagen und Beschwerden fand. Jeder Versuch zu gemeinsamen Schritten in dieser Richtung wurde von den Obrigkeiten für einen Versuch zum Aufruhr ausgelegt und

520

demgemäß bestraft. Auch waren bei der gränzenlosen, durch das Lehenwesen herbeigeführten Zerstückelung der Verwaltungs- und Regierungsgewalten die politischen Zustände des Reiches derartig, daß durchgreifende Reformen im Allgemeinen nicht Platz finden konnten, während ewige, gewöhnlich mit Raubsucht geführte Fehden und Kriege, und eine gegen den untern Stand höchst ungerechte Gesetzgebung ein zahlreiches Proletariat erzeugten, welches meistens dem Landmanne auf dem Nacken lag.

Im Herbste des Jahres 1524 brach das Gewitter unter den Bauern des Grafen von Lupfen los, und auf den Donnerstag nach Michaeli zog ein Bauernhaufen aus dem Stülingischen über Bachheim nach Hüfingen, um den Ort zu besetzen. Der Hauptmann dieser Schaaren war Hanns Müller von Bulgenbach, eine der hervorragendsten Gestalten jener Zeit. Er hatte früher die Feldzüge wider den König Franz von Frankreich mitgemacht und besaß bei viel natürlichem Verstande eine große Schlauheit und Beredsamkeit. Wenn der stattliche Mann, im rothen Mantel und rothen Barette mit wallenden Federn, an der Spitze seiner mehrere tausend Mann starken Haufen erschien, so fuhr hinter ihm her der Zierwagen, welcher mit Laubgewinden, Bändern und der schwarz-gold-rothen Sturmfahne geschmückt war. Vor demselben aber ritt ein Zierhold mit dem gedruckten Artikelbriefe, um durch sein Geschrei die Gemeinden aufzurufen und die Artikel zu verlesen.

Als der Haufe vor Hüfingen ankam, fand er die Thore geschlossen. Hanns und Burghart von Schellenberg hatten beim Herannahen des Unwetters ihre Schriften und Kleinodien schleunigst nach dem festen Villingen geschafft und zugleich sich selber in die Flucht begeben. Die Bauern zogen an den Mauern der Stadt vorbei, nach Löffingen, Lenzkirch, Neustatt, Furtwangen, Förenbach und Bränd, wo sie Zuzug aus der Baar und vom Schwarzwalde erhielten. Es wurde gezecht, gepredigt und Jedermann zu seinem Rechte zu helfen versprochen. Als sie hierauf, etwa 500 Mann stark, gen Donaueschingen kamen, sagte man ihnen, der Ort sei von den mitt-

521

lerweile aufgebotenen Truppen des schwäbischen Kreises besetzt; das gleiche war der Fall in Hüfingen und Neidingen, an welchen Plätzen, unter dem Befehl der Bundeshauptleute Jakob von Landau und Dieterich von Hornberg, mehrere Fähnlein Reiter und Fußvolkes lagen. Die Bauern, die keine Lust hatten, mit den Kriegsknechten anzubinden, zogen auf Umwegen an die Wutach, wo Abgeordnete der einheimischen Ritterschaft und des Bischofs von Constanz bei ihnen erschienen, um eine gütliche Beilegung des gefährlichen Handels zu versuchen. Es kam aber Nichts zu Stande, denn „die Bauern waren zu halsstarrig.“ Hanns Müller mit seinem Anhang hatte indessen den Rath zu Villingen und die Dürrheimer vergeblich für die Sache des „göttlichen und menschlichen Rechts“ zu gewinnen gesucht. Ebenso wenig Erfolg hatte er in Hochemmingen, wo ihm die Bürger den Bescheid ertheilten, „sie wollten bei ihrem frommen Herrn (dem Grafen von Fürstenberg) verbleiben, welcher es mit seinen armen Leuten gut meine.“ Auch von Thuningen und Trossingen ließ sich Niemand zur Theilnahme und zum Mitziehen bewegen.

Aber kurz vor St. Nikolaustag zog der aus 200 Mann bestehende Haufen von Bräunlingen her abermals vor die Thore der Stadt Hüfingen, allwo er sich lagerte. Die Bürgerschaft ließ den Bauern hinaus sagen, ihre Junker seien nicht daheim; man möge sich gedulden bis Montag, dann werde eine bestimmte Antwort erfolgen. Eilig schickte der Stadtrath nach Villingen, um Hilfe zu begehren. Der dortige Magistrat bestärkte die Hüfinger im Entschlusse, die Bauern nicht aufzunehmen, und rieth ihnen, denselben sagen zu lassen, „sie hätten ihren Junkern einen Eid der Treue geschworen, Niemand ohne deren Vorwissen in die Stadt einzulassen; weil aber die Herren nicht zu Hause wären, wollten sie ihnen über die Sache schreiben, und was dieselben verlangten, das wollten sie thun.“ Zugleich wurde den Hüfingern bereitwillige Hilfe zugegesagt und ungesäumt ein Reitender an die vorderösterreichische

522

Regierung nach Ensisheim abgefertigt mit dem Begehren, „man möge Mannschaft heraufschicken, um vereint mit den Villingern der bedrängten Stadt Hüfingen beizustehen.“ Auch nach Tuttlingen wurden Boten abgeschickt, und als von dorther etwa 60 Reiter unter dem Befehle der Ritter von Ehingen und von Hornberg anrückten, nahmen die Bauern, welche sich unterdessen auf Bräunlingen zurückgezogen, eilends Reißaus, um an den unwegsamen Ufern der Wutach eine gesicherte Stellung zu gewinnen. Um Hüfingen nun vor weiterer Bedrängniß zu schützen, wurden von Villingen aus, wohin die vorderösterreichische Regierung Truppen geschickt, 600 Mann mit 60 Pferden in die Stadt gelegt. Und als die Bauern unter Oswald Meder wirklich einen Handstreich wagen wollten, genügte schon die Kunde von der Anwesenheit der Reichstruppen, dieselben von dem Unternehmen abzuhalten. Sie zogen ins Brigachthal, wo ihnen die Villinger, vereint mit einem Zug Reiter, entgegeneilten und sie in die Flucht jagten. Vergeblich hatte das Bauernheer die Straße nach Wolterdingen mit Karren und Wagen verrammelt; die Villinger sezten ihnen nach bis Bräunlingen und zogen des andern Tages im Triumphe nach Hüfingen, wo man sie mit Essen und Trinken bundesfreundlich bewirtete und beherbergte. Es wurden nun Schritte zu gütlicher Beilegung der Wirren versucht, und der Graf von Fürstenberg erschien mit „drei Tagherren vom Reich“ und den Junkern von Schellenberg zu diesem Zwecke in unserer Stadt. Die Verhandlungen scheiterten jedoch, und ungeachtet der bäurischen Niederlage bei Günzburg, spielte Hans Müller mit seinen 4000 Mann im Hegau und in der Baargegend immer noch den Meister, hielt Neidingen und Pfohren besetzt und zog am grünen Donnerstage ungehindert in die Thore von Hüfingen ein. Um den Schwarzwald zu decken, hatte er den dritten Mann zur Landwehr einberufen. Just um dieselbe Zeit stand der vertriebene Herzog Ulrich von Wirtenberg mit seinen Anhängern bei Rotweil, um mit Hilfe der Aufständischen wieder in

523

sein (dem Hause Oesterreich übergebenes) Land zu kommen. Er sendete deßhalb seine Unterhändler in das Bauernlager vor Hüfingen mit dem Ansinnen, Müller solle ihm die Hauptmannschaft abtreten oder Zuzug schicken. Der Schwarzwälder Oberist aber verweigerte Beides, indem die Seinigen schrieen, „sie wären nit auf, Herren ein-, sondern ab zusetzen.“ Von Hüfingen aus rückten die Bauernhaufen nach Donaueschingen, Fürstenberg und Wartenberg, welche Vesten sie mit den Dörfern Geisingen und Möringen unschwer in ihre Gewalt bekamen.

Es war also Villingen noch der einzige geschlossene Platz in der Baar, welcher ihnen nicht gehorchte. Gleichwohl gerieth ihre Sache jetzt in’s Gedränge; denn „der Bauernjörg“, der Truchseß von Waldburg, nahte mit seiner Macht heran, und der „Bulgenbacher“ mußte sich über Hüfingen, Wolterdingen und Triberg in’s Breisgau hinabziehen. Da fiel in Wirtenberg der Schlag von Böblingen an’s Haupt der Bauern, in dessen Folge Müller genöthigt war, die Höhen des Schwarzwaldes und der Baar wieder zu suchen 12). Mit dem Reste seiner Schaaren besezte er Bräunlingen, Schwenningen und Hüfingen; es kam aber zu keinem ernstlichen Kampfe mehr; denn die Kunde von den weiteren Niederlagen der Bauern entmuthigte die Müllerisch en, und was noch am Leben war, „kehrte heim und flehte um Gnade.“ Am 14ten Juli 1525 ritten die Junker von Schellenberg mit 3 Verordneten des Villinger Rathes nach Hüfingen, und am Freitag nach St. Ulrich schworen ihre Unterthanen den Eid der Treue, nachdem sich 37 derselben, welche dem Frieden nicht trauten, davon gemacht. Von grausamen, unmenschlichen Strafen (wozu bekanntlich selbst Luther den Fürsten gerathen), wie sie an den meisten Orten über die besiegten Bauern verhängt wurden, erfuhr man

12) Die Quellen dieser Schilderung sind hauptsächlich die alte Villinger Chronik, die Chroniken des A. Letsch uud des Abtes Caspar von S. Blasien, und die Salemer Aufzeichnung, welche in der bad. Quellensamml. von Mone (II, 42 bis 133) abgedruckt erschienen.

524

im Fürftenbergischen nichts. Der Landesherr, Graf Friderich, suchte die Gemüther durch Milde und Großmuth zu versöhnen, wie es im Badischen Markgraf Philipp that. Betrachten wir nunmehr die Verhältnisse der Familie von Schellenberg, welche sich vor ihrem traurigen Zerfalle noch kurze Zeit eines scheinbaren Glanzes durch schöne Besitzvermehrungen und Stiftungen erfreute. Dieselbe hatte sich in zwei Linien getheilt und wahrscheinlich zu Anfang des 16ten oder zu Ende des vorhergehenden Jahrhunderts das obere Schloß erbaut; denn der Stadtbries von 1452 spricht nur von einem Schlosse, der „Burg.“ Auch hatte dazumal die Stadt nur einen Herrn; bald hernach aber erscheint der Besitz von Hüfingen als ein getheilter, und da die städtischen Schriften eines Theilungsvergleichs vom Dounerstag nach Martini 1523 erwähnen, so könnte diese Theilung etwa die Erbauung des zweiten Schlosses veranlaßt haben. Die Söhne des Konrad von Schellenberg und der Adelheid von Blumeneck waren Burghart und Johann, und durch letzteren verzweigte sich die Familie auch außerhalb der Baar, indem er die randeckische Erbtochter ehelichte und eine Nachkommenschaft hinterließ, deren zahlreiche Glieder sich fortan von Randeck schrieben. Zu Hüfingen verewigte sich Herr Johann durch die Stiftung eines Altars in der Pfarrkirche 13) „zum Andenken seiner Schwiegerältern, des gestrengen Herrn Eucharius von Reischach und der edlen Euphrosine von Honburg, so die Letzte ihres Stammes und Namens gewesen.“ Herr Burghart aber, welcher mit Barbara Auer vermählt war, erwarb die Veste Landstrost im Burgauischen und das Dorf und Schlößlein Oefingen in der Baar. Sein Sohn Arbogast verheiratete sich mit einer Freiin von Rechberg und

13) Nach dem Stiftungsbrief von 1608 bestund die Priesterschaft zu Hüfingen damals aus dem Pfarrherrn Hanns Gaß, und aus den Caplänen Jodok Glunk ad s. Blasium, Hanns Heim ad s. Barbaruam, Georg Stockmann ad s.. Jacobum und Jacob Forster ad s Corpus.

Wappen den Herren von Schellenberg

525

hinterließ die Leibeserben Wolfgang und Heinrich, wovon ersterer den landstrost-öfingischen, und lezterer als Besitzer der Herrschaft Hausen vor Wald mit der Veste Neuenburg den hausen-neuenburgischen Zweig der Familie gründete 14). Der ansehliche schellenbergische Besizstand begann jedoch bald, sich zu verringern. Schon 15 Jahre nach dem Hingange Herrn Arbogasts befand sich das obere Schloß zu Hüfingen mit allem, was die landstrostische Linie daselbst besaß (namentlich mit der Ochsenscheuer und Seemüle), in der Hand der Lehensherrschaft von Fürstenberg. Und auch für die Hauptlinie des Geschlechtes waren die Tage finanzieller Bedrängniß gekommen. In der „Tafelstube“ des hinteren Schlosses faßen sie am 11ten Jänner 1620 beisammen — der verschuldete Freiherr Burghart von Schellenberg und die Vormünder seiner noch minderjährigen Geschwister, und verhandelten über den Verkauf ihres Besiztums. Dasselbe umfaßte das hintere Schloß mit den Buß-, Ein- und Abzugsgeldern, dem Ungelde und einem Drittel von den Wirtshäusern; den Grabengarten, die Müle in der Stadt, eine Ziegelhütte, eine Wiese, drei Weier, die Gerechtigkeit des Waidgangs für 100 Stücke Viehes, das Bau- und Brennholz für’s Schloß, etliche Fruchtzinse, das Fischerei- und Jagdrecht, das Stand-, Weg- und Brückengeld, den Metzigzius mit dem Unschlicht, den Judenzoll und die jährliche Steuer von 50 Gulden, die Frondienste, den Roßhaber und die verschiedenen Leibeigenschaftsgefälle. Dies alles verkaufte die Familie sosort an Fürstenberg um die Summe von 60,000 Gulden. Vorbehalten hatte sich dieselbe allein den Zehnten, welcher ein reichenauisches Lehen war, und den Kirchensatz für je ihren Aeltesten. Hierauf verließ sie Hüfingen, welches ihr über 300 Jahre lang gehorcht hatte, und bezog das Schlößlein zu Hausen 15).

14) Diese Nachrichten sind aus Gerberts Silva nigar (II, 220) und aus den Lehenacten des großh. Landesarchives geschöpft.
15) Nach verschiedenen Actenstücken über diese Kaufhandlung, von 1620.

526

Der damalige Landesherr, Graf Vratislaus, welcher sich 1622 selber zu Hüfingen aufhielt, suchte die neue Erwerbung durch verschiedene Kauf- und Tauschhandlungen zu vervollständigen. So erwarb derselbe von der Wittwe Häfelin das „Wirtshaus zur Krone“, von der Stadt aber ein „Almendstück im Wildholz“, wogegen er ihr um 500 Gulden ein ehemals schellenbergisches Haus in der Vorstadt überließ, welches die Gemeinde sofort zu ihrem Rathhaus bestimmte. Der Graf wurde hierauf auch der Wohlthäter von Hüfingen, indem er durch den Vergleich von 1628 die herrschaftlichen Schupslehen sämmtlich in Erblehen verwandelte. Das Ende des Prozesses, welchen die schellenbergischen Kinder, nachdem sie volljährig geworden, gegen ihn erhoben, um den Kauf von 1620 rückgängig zu machen, erlebte er nicht mehr. Mittlerweile war der dreißigjährige Krieg in’s Land hereingebrochen.

Als Vorspiel desselben erschien die Hungersnoth von 1622 mit ihrer Nachfolgerin von 1628. In ersterem Jahre stieg der Vesen aus 30 und der Kernen auf 100 Gulden; in letzterem aber erreichte die Noth einen solchen Grad, daß zu Hüfingen viele Armen beim Wasenmeister um Fleisch bettelten 16), um ihren Hunger zu stillen! Aber ein noch furchtbareres Uebel waren damals die Hexenverfolgungen, welche eine Menge der traurigsten Justizmorde zur Folge hatten. Diese moralische Seuche, deren Wuth die gesellschaftliche Verkommenheit jener Zeit vollendete, forderte auch von den Hüfingern ihre Beute. So wurden daselbst noch 1613, bevor der Kriegssturm den gräulichen Hexenwahn verscheuchte, mehrere Bürgersfrauen zum Scheiterhaufen verurtheilt, einigen davon jedoch, auf Bitte des Pfarrers, aus Gnade „zuvor das Haupt abgenommen.“ Die Oertlichkeit, wo diese Opfer fielen, heißt noch heutzutage der Hexenberg, und noch immer wird das „Schosemer Thal“

16) Wie eine Notiz des Jahrzeitbuches der Hüfinger Caplanei ad S. Blasium besagt.

Der Hexenprozeß

527

im Volksmunde als der Sammelplatz bezeichnet, wo die Hexen der Umgegend ihre nächtlichen Orgien gehalten! Was den Krieg betrifft, so blieb unsere Gegend vom ganzen ersten Acte des blutigen Dramas noch verschont. Erst nach der Schlacht bei Lützen wendeten sich der Feldmarschall Horn und Herzog Bernhard von Weimar gegen Oberdeutschland, und erst mit der Belagerung der befestigten Stadte Constanz und Ueberlingen durch die schwedischen Völker, wurde der Anfang zu den „schweren Läufen und Kriegsempörungen“ in unserer Gegend gemacht.

Denn vergeblich erfüllte der Prager Frieden (1635) alle Gemüther mit Freude und Hoffnung. — die Krone Frankreich, unverwandt ihr altes Ziel im Auge, die Macht des Hauses Oesterreich zu schwächen und das linke Rheinufer an sich zu reißen, schürte den Krieg auf’s Neue an. Es schienen ihr die Tage gekommen, um mit deutscher Hilfe blutige Aernte in Deutschland zu halten; sie schickte ihre mit dem Weimarer verbündeten Truppen an den Oberrhein und bis in den Hegau, wo die Kaiserlichen viele festen Plätze besetzt hielten. Radolfszell aber und Hohentwiel waren von protestantischen Truppen besetzt. Der Erbmarschall von Pappenheim (ein Vetter des berühmten Reitergenerals der katholischen Liga), welcher die Herrschaft Engen vom Kaiser zu Lehen trug, erklärte sich zu Gunsten der Union, und in Folge dieses Schrittes wurde sein Sohn zum Kommandanten von Zell ernannt. Im October 1632 marschierte der junge Herr mit einem Haufen wirtenbergischen Volkes aus dem Hegau in die Baar, um, namentlich das Städtlein Hüfingen, zu brandschatzen. Beim Herrannahen des Feindes hatten sich viele Bauern umligender Dörfer dahin geflüchtet, und die Einwohner, auf Tod und Leben sich zu verteidigen entschlossen, verrammelten die Thore und feuerten mit großem und kleinem Geschütze von den Mauern und Thürmen, mußten aber, von der Uebermacht gedrängt, sich zu einem Accorde bequemen. Kaum sah sich der Feind im Besitze der Stadt, als er über Bürger, Weiber und Kinder herfiel und die Wehrlosen (darunter

528

Viele, die sich in eine Scheuer der Vorderstadt geflüchtet) niedermezelte. Diese abscheuliche Unthat rief im Lande allgemeine Entrüstung hervor, und mehr als eine damalige Feder hat sie der Nachwelt überliefert. So der Stadtpfarrer Wiehl zu Hüfingen im dortigen Jahrzeitbuche, und so der Abt Gaiser zu Villingen in seinen Jahrbüchern. Ersterer erzält die blutige Tragödie in folgenden Versen:

Im Jahr eintausend sechshundert zwey und drehßig,
Mein lieber Christ, lies Nachgeschriebenes fleißig,
Den sechzehnten Weinmonat, an Sanct Gallen Tag,
Geschah zu Hüfingen ein‘ blutige Niederlag.
Von gottlosen wirtenbergischen Nachbarlauren
Seind ermordet worden zweyhundert Bauren.
Denn als ein Ketzer, Relinger genannt,
Zu Altenhöwen im Hegau, wohl bekannt,
Mit dreihundert Franzosen thät sich legen,
Vermeinend, es werd‘ sich
Niemands wider ihn regen,
Beschickt‘ er der Nachbarschast Vogt‘ und Ambtleut‘,
Wenn s‘ nit kämten, ‚müßten s‘ werden sein‘ Beut‘.
Die Bürger wollten Solches nit eingehen,
Sondern mit gewehrter Hand ihm widerstehen.
Sie wollten auch kein‘ Contribution nit geben,
Und eher sich wehren mit Leib und Leben.

Als Solches den Franzosen ward kund gethan,
Thäten sie alsbald Altenhöwen verlan.
Da rufte der Jung‘ von Pappenheim
Die Wirtenberger, unier dem Rhein,
Als wäre er mit Leut‘ und Land
Ueberfallen von Hüfingen, wohlbekannt.
Er rufte die Wirtenberger um Gotteswillen,
Sie sollten kommen, die Hüftnger zu stillen.

Und siehe, er bringt in vierzehn
Tägen Zusannnen mancherlei Diebeskrägen.
Wohl bei fünftansend Mann, für wohr,
Zugen heran für’s Hüfinger Thor.
Aus dem nächsten Wirtenberg kamen die Bauren
Und bedrängten des Städtleinö Manren.
Hüfingen aber schoß mit Hacken und Stucken,
Daß mancher Wirtenberger sich mußte ducken.

529

Sie wären auch damals nit eingedrungen,
Wen s‘ nit versprochen mit ketz’rischen Zungen,
Sie wollten Quartier und Sicherheit geben
Und schonen der Bürger ihr Gut und Leben.

Die verlaß’ne Bürgerschaar ihnen glaubt‘,
Weil ihr fehlte ein oberstes Haupt,
Das ihnen muthig zu thät sprechen:
„Nur d’rauf, diese Hoffahrt wollen wir brechen.“
Da haben die Pforten sie aufgesperrt,
Weil sie von Sicherheit Leibes und Gut’s gehört.
Ach die Ketzer, sie waren da kein‘ Stund‘,
So thäten sie brechen ihr’e verlogn’en Bund.
Trieben wie d‘ Schwein in ein‘ Scheuer die Bauren
Und mord’ten s‘ mit Äxten, ohn alles Bedauren.

Aus Hüfingen und darum, so darf ich sagen,
Haben die Ketzer zweyhundert Leut‘ erschlagen,
Und, dieweil’s dabei nit verblieben,
Wohl tausend Stück Vieh hinweg getrieben;
Haben gestohlen viel Hab‘ uud Gut
Und vergoßen viel unschuldig’s Blut,
Vier Kelch‘ und ein‘ Ampel der Kirch‘ entwendet,
Und daneben zwei schöne Kapellen geschändet.
Die Kirchenzier und die Meßgewand‘
Trug ein jeder Ketzer in seiner Hand;
Die Pfeifen der Orgel schleppten s‘ herum
Und machten damit auf, statt einer Trumm‘;
Die Heiltum‘ der Altär‘ rissen s‘ heraus —
Ach Golt, wie war mir das ein Graus!
Als ich in der Kirch‘ thät meine Augen auf,
Sah ich ein manchen unzüchtigen Haus‘.
Gott woll‘ den Gemord’ten die Seligkeit geben,
Die begehrten, den Ketzern zu widerstreben.

Abt Gaiser von Villingen aber in seinem merkwürdigen Tagebuche 17) erzält den unglückseligen Hergang mit Angabe verschiedener Umstände, deren obige Reime nicht erwähnen. Er schreibt beim 15ten October des Jahres 1632: „Um die zehente Stunde des Vormittags hörte man zu Villingen aus der Gegend von Hüfingen her gewaltigen

17) Mone, bad. Quellensamml. II, 159 bis 528.

530

Geschützesdonner. Das Städtlem hatte eine ziemliche Besatzung von Bauern und Bürgern, welche viel Muth zeigten, und verschloß den Wirtenbergern seine Thore. Diese hatten aber eine besondere Watz auf die Hüfinger und wollten den Ort durchaus in ihre Gewalt bekommen.“ „Das wußte man zu Villingen und noch weiter wußte man, daß eine starke Anzal Bauern das Thal bei Hüfingen besezt hielt, um den Feind daselbst, wenn er nahe, zu überfallen. Der Geschützesdonner machte die Villinger nun glauben, daß dies geschehen seie, und es erhob sich eine Partei, welche darauf drang, den Bauern zu Hilfe zu kommen. Also verließen 200 Mann bewaffnet die Stadt. Ueberall auf ihrem Wege fanden dieselben Merkmale der Verwüstung. Als sie nach Almannshofen kamen, sahen sie den Gräuel von Hüfingen (excidium Hüfingense), verzweifelten an einer Hilfe und kehrten heim.“ „Nur Einer, Namens Leli, ein Schmidt, drang bis an die Stadtmauern vor, sezte dort die Bickelhaube eines todten Feindes auf und gelangte so glücklich zu seinen Mitbürgern zurück, welche Abends um 8 Uhr in Villingen wieder anlangten, von ihrem Muthe sehr abgekühlt.“ „Der Zug der Wirtenberger nach Hüfingen war eine wahre Schlächterei. Sie sind abscheulich mit den armen Leuten umgegangen, haben unbarmherzig gehaust und nach ihrer gewohnten Weise beinahe Alles bis auf den Stumpen ausgeplündert, verheert und verwüstet. Der Vorgesezte von Biesiugen verübte bei dieser bestialischen Geschichte (in ferali laniena) ein besonderes Menschengemetzel und tanzte dabei in einem Meßgewande wie betrunken in der Stadt herum.“ Das Zeitbuch der Schwester Veronica zu Engen aber berichtet: „Zu Hüfingen in dem Städtlein hat der von Pappenheim mit den wirtenbergischen Bauern die dortigen Bürger und Landleute in großer Zahl niedermachen lassen, um deswillen es viel‘ Wittwen und Waisen gegeben. Und nimmt man au, dies erbärmliche Wesen sei vom Himmel dadurch gerächt und gestraft worden, daß der pappenheimische Grafenstamm bald darauf verdorrt und abgestorben.“

531

Großes Ungemach brachten der Stadt auch dte nächstfolgenden Jahre durch die dreimalige Belagerung von Villingen. Denn während dieser Operationen war Hüfingen beständig mit „wirtenbergischen und schwedischen Kriegsvölkern“ überschwemmt, und hatte abermals eine „harte Plünderung“ auszustehen 18). Um das Nöthigste bestreiten zu können, mußte die „ausgesogene, verarmte Gemeinde“, im Verein mit dem Städtlein Fürstenberg, bei einem Schweizer, welcher ihr bereits ein großes Quantum Weines geliefert, ein Kapital von 6000 Gulden ausnehmen. „Viele Leute“, sagt das Anniversarienbuch der Kaplanei, „sind dazumal in Hüfingen vor Hunger gestorben. Man aß Beeren, und Brod von Spreu, von welch‘ elender Nahrung Viele aufschwollen und starben. Viele auch wurden ganz von Haus und Hof vertrieben.“ Im März 1634, als die französischen Truppen bei Rotweil lagen, begab sich ein Theil von ihnen nach Hüfingen in’s Quartier. Einige Wochen später, nachdem der Feind wiederum abgezogen, erschienen die Villinger mit 40 Wagen, um das daselbst vom Gültlinger aufgehäuste und hinterlassene Getreide abzufassen, was ihnen auch glücklich gelang. Am 15ten Juli kamen sodann Morgens früh die französischen Söldlinge unter ihrem Führer Gassion aus dem Hegau wieder nach Hüfingen und Bräunlingen zurück. Die Villinger Reiter griffen dieselben an und erschlugen sechse davon. Im Jahre 1638, am 26ten Oktober, wurde unsere Stadt von weimarischen Reiterschwadronen völlig ausgeplündert, und im November darauf schwer gebrandschatzt, wobei ein Bürger am Oberthor durch den Kopf geschossen, der Kaplan Gestle mit dem angesehenen Bürger Wiehl gefangen und nach Blumberg geführt, Abends jedoch, als die geforderte Summe erlegt war, wieder entlassen wurden 19)

18) Schuldverschreibung von 1635 im städtischen Archiv.
19) Anniversarienbuch der Kaplanei S. Blasi. Ebendaselbst findet sich bei’m Jahr 1639 die Bemerkung: „Am 12. Juli verbrannte kaiserliches Volk das Schloß Höwen.“

Bild von Martin Menrad von Hüfingen
Hiffingen 1682 Martin Menrad

532

Im Jahre 1642 waren Baiern zu Hüfingen und Bräunlingen einquartiert; aber im darauf folgenden flüchtete Alles, geschreckt durch Feindesgefahr, mit Vieh und anderer Habe, was man in Eile mitschleppen konnte, in die Wälder. Am 4ten Juni geschah es auch wirklich, daß die Baiern in Hüfingen und Donaueschingen von den weimarisch-französischen Truppen überfallen und zum Rückzug in’s Hegau gezwungen wurden. Und also gieng es fort bis zum Friedensschlusse von 1648. Wie schr das hüfingische Gemeinwesen unter diesen Stürmen gelitten und in Unorduung gerathen, läßt sich denken, und geht schon allein aus dem Umstande hervor, daß vou 1632 bis lang nach dem Frieden die Gemeindeprotokolle gäuzlich fehlen. Und wenn wir lesen, Bräunlingen habe vier Jahre nach dem Kriege nur uoch 12o männliche Einwohner gezält, so läßt sich daraus ein Schluß auf unfer Hüfingen ziehen. Viele Grundstücke waren lange Zeit gar nicht mehr angebaut worden, woraus hernach viele Streitigkeiten und Prozesse über Eigentumsrechte entstanden. Waldhausen, ganz ausgeftorben und ruiniert, wurde erst 1670 wieder angebaut, und ebenso standen in Hubertshofen die Häuser mehrere Jahre lang leer und zerfalleu. Die Zeit vom dreißigjährigen Kriege bis zur französischen Revolution verlief für unser Hüfingen ebenfalls nicht ohne mancherlei schwere Heimsuchungen. Der nächste kurze Friedcn wurde dazu benützt, die Schäden nach Möglichkeit auszubessern und das zerrüttete Hauswesen vor gänzlichem Zerfalle zu bewahren. Graf Franz Christoph von Fürstenberg hatte der Stadt den Maßpfennig bewilligt auf so lange, bis die während des Krieges gemachten Schulden getilgt wäreu 20). Die

20) Diese Abgabe dauerte bis in die neuere Zeit. Im Jahr 1780 wurden dahier in 9 Wirtshäusern 365 Saum Weins verzapft; 1782 aber 569 und 1809 nur 200 Saum. Vom Saum bezop die Stadt 30 Kreuzer, vom Saum Biers dagegen nur halbsoviel. In früherer Zeit wurden meist Schweizer-, Elsäßer- und Landwein gehalten; heutzutage hält man Schweizer und Markgräfler, mit welch letzterem Namen alle weißen Weine beehrt werden, selbst der ärgste, in der Baar nur zu häufig verzapfte Sauerampfer!

Hüfingen 1664 von Martin Menrad
Hüfingen 1664 von Martin Menrad

533

Gemeinde, im Vereine mit Bela, Sumpfohren und andern Dörfern, mußte abermals ihre Zuflucht zu einem leidigen Geldanleheri nehmen und zur Sicherheit dafür ihre sämmtlichen Liegenschaften verpfänden. Unter den Nachfolgern des Grafen Franz wurde die Bewillignng des Ungeldes der Stadt erneuert; die Einnahme desselben sollte zur Erhaltung der städtischen Bauten, namentlich zur „Reparierung der Stadtmaner“, verwendet werden. Kaum jedoch hatte die dezimierte Einwohnerschaft sich wieder ein wenig erholt, als neue Kriegsstürme auch wieder neue Lasten und Leiden brachten. Der Franzosenkönig Ludwig XlV schickte seine Heere von 1673 bis 1678, von 1688 bis 1697 und von 1702 bis 1714, unter trefflichen Führern alljährlich an den Rhein, und die kaiserlichen Feldherren hatten Alles aufzubieten, um den Westen von Deutschland vor seiner Eroberungssucht zu retten. Während dieser Zeiteu fehlte es auch in Hüfingen wieder nicht an Durchmärschen, Einlagerungen, Einquartierungen, Brandschazungen und anderen schweren Kriegskosten. Die städtischen Schriften berichten von einer außerordentlichen „Rekrutierung der Kreisvölker“, vom Durchzug „kommandirter Truppen“, von drückenden „Einquartierungen, Requisitionen und Contributionen“, von den Kosten der Stadt „durch längeren Aufenthalt allda stationierter Werber und Schanzarbeiter.“ Im Jahre 1689 lagen kurbaierische und lothringische Regimenter in Hüfingen, und die Gemeinde fühlte sich wieder dergestalt „ausgesogen und entkräftigt“, daß sie unvermögend war, die jährlichen Steuern zu bezalen, und abermals zur bittern Arznei des Schuldenmachens greifen und ein tüchtiges „Stück Geld“ aufnehmen mußte. Wie muthwillig „dazumal, als der Franzos durch’s Land gegangen“ , hin- und herziehende Rotten das arme Landvolk behandelten, davon geben jetzt noch einzelne Votivtafeln in Kirchen und Kapellen bildlich sprechendes Zeugniß. Im Jahre 1705, „beim Ausmarsch an die Gränzen der Herrschaft“, hatte Hüfingen 8 Mann zu stellen; 1708 waren

534

Hüfinger, an der Schiffbrücke bei Neuenburg und am hohlen Graben thätig, und zum Schlusse der langen Kriegsmisere wurde das Land von einer heftigen Viehseuche heimgesucht, welche die Bewohner unserer Stadt zu einem großen Bittgange nach Gnadenthal veranlaßte. Während der Belagerung von Freiburg 21), im Herbste 1713, wurde der Schwarzwald wieder plötzlich vom Feinde heimgesucht. „Die französischen Räuber plünderten Alles aus und trieben das Vieh heerdenweise mit sich fort, wobei etliche derselben von den Hirten erlegt wurden.“ Im Verlaufe der gewaltigen Kriegszüge, welche die französische Revolution zur Folge hatte, wiederholte sich das frühere Schauspiel. Oesterreich, die natürliche Schutzmacht des südwestlichen Deutschlands, schickte seine Heere zur Verteidiguug an die Rheingränze; da sich aber Preußen durch den Basler Separatfrieden von der deutschen Sache getrennt und auch andere Fürsten zur Neutralität verleitet hatte, so sah man den Gallier bald wieder seine Rosse in der Donau tränken. Als Moreau 1796, von Erzherzog Karl verfolgt, seinen Rückzug durch den Schwarzwald nahm, erlitt Hüfingen eine kleine Plünderung, die sich besonders auf Schuhwerk und Kleidungsstücke erstreckte. Nach der Schlacht bei Stockach (1799) wurde das hiesige Zuchthaus, nachdem die Sträflinge in das feste Schloß Wildenstein verbracht waren, zu einem Lazarete eingerichtet; es reichte aber nicht hin, die herbeigeführten Verwundeten gehörig aufzunehmen, man mußte viele derselben im Vorplatze und Stiegenhause unterbringen. Der Platz im „kleinen Stückle“, wohin die vielen Todten beerdigt wurden, heißt noch jetzt der Franzosenkirchhof. Als Moreau 1800 über den Rhein gedrungen, hob der kaiserliche Feldzeugmeister Kray das Lager bei Hüfingen auf und lieferte dem Feinde die Treffen bei Stockach und Engen, bei Meßkirch und Tuttlingen. Beim Vorrücken der Alliierten gegen den Rhein, im

21) Man sehe die „kurze Geschichte der Wallfahrt Triberg“ von 1834.

535

„Russenwinter“ (1813 auf 14) raffte das Nervenfieber in Hüfingen viele Opfer dahin, während ungeheure Durchmärsche stattfanden. Auch war die Stadt dazumal der Sammelplatz zur Bildung des 2ten Landwehrbataillons. Während der Flucht der revolutionären badischen Truppen im Sommer 1849 sahen wir sämmtliche Artillerie derselben im Schloßthore zu Hüfingen aufgestellt. Um Mitternacht, bei magischem Vollmondschein, machte die ganze Retirade noch einen kurzen Halt in den Gassen, um Erfrischungen zu sich zu nehmen. Am folgenden Morgen rückten die Reichstruppen (Kurhessen) ein. Das Jahr darauf wurde das Bezirksamt zu Hüfingen mit sämmtlichen anderen großherzoglichen Stellen, längst ein Gegenstand freundnachbarlicher Sehnsucht, endlich nach Donaueschingen verlegt. Da diese Verlegung so unmittelbar auf die Ereignisse von 1849 folgte, so gewann es den Anschein, als wolle man die Stadt dafür büßen lassen, daß sich ein größerer Theil ihrer Bewohner ebenso (aber gewiß nicht mehr) in den Strudel der Bewegung hatte hineinreißen lassen, wie fast alle übrigen Gemeinden des Ober- und Unterlandes.

‚ Nach dieser geschichtlichen Skizze dürfte eine kurze Ortsbeschreibung unseres Städtleins für manche Leser von Interesse sein. Ich beginne mit der Pfarrkirche. Dieselbe ist den Heiligen Jakobus und Verena geweiht, und wie wir gesehen, muß die Stiftung der Pfarrei in sehr früher Zeit geschehen sein. Das älteste vorhandene Datum findet sich im Kirchenthurme, oben am Schlusse der steinernen Wendeltreppe; ein dort angeketteter Stein trägt die Jahreszahl 1222 — wohl das Erbauungsjahr des Thurmes, wofür noch ein weiteres Merkmal spricht. Die Rippen am Gewölbe des Glockenhauses sind nämlich Rundstäbe, die aus romanischer Zeit stammen, während sie im Style der spätern Gothik eine scharf eingezogene, nach Außen zugespitzte Form haben müßten.

Ansicht von St Verena und Gallus mit Statue von Xaver Reich

536

Damals hatte der Thurm entweder ein s. g. Satteldach, wie wir’s an den ältesten Kirchthürmen der Umgegend sehen, oder ein solches, wie der Thurm der alten Gottesackerkirche zu Bräunlingen. Ein Beweis hiefür sind die (Thierleiber vorstellenden) steinernen Wasserabgüsse auf allen vier Seiten, welche durch die spätere bauliche Veränderung zwecklos geworden. Diese Veränderung, ein achteckiger Aufsatz mit einem hohen gerundeten Ziegeldache, wurde 1613 vorgenommen, wozu Junker Hanns von Schellenberg, laut leztwilliger Verfügung, 50 Gulden beigesteuert hat. Die große Glocke, welche 1789 leider zersprang, wurde in Villingen umgegossen; das übrige Geläute aber dürfte aus sehr alter Zeit herrühren, was schon die Mönchsbuchstaben der Glockeninschriften verrathen. Die Kirche selber trägt vom ursprünglichen Baue nichts mehr an sich. Das Langhaus, für die zunehmende Bevölkerung ohne Zweifel zu klein, wurde 1563 abgerissen und von einem Baumeister Alberti neu hergestellt. Die im Renässanyestyle geschnizten Thürflügel sind schön und deßhalb erhaltenswerth. Der alte Chor machte erst 1699 einem neuen Platz 22). Der späteste Theil des Baues aber ist die Sakristei, denn bis zum Schlusse des vorigen Jahrhunderts diente hierzu das Glockenhaus. Die alten Altäre waren meist schellenbergische Stiftungen. Der jezige Hochaltar wurde nach einem Entwurfe von Seele in den zwanziger Jahren durch meinen Vater ausgeführt. Das schöne Altarblatt ist ein Werk jenes Meisters und von ihm der Stadt, worin er seine Jugendjahre verlebt, zum Geschenk gemacht worden. Die beiden erhaltenswerthen Nebenaltäre fertigte mein Urgroßvater Schelble; die Altarblätter sind eine Arbeit des fürstenbergischen Hofmalers Weiß, dessen Portrait auf dem einen Bilde zu sehen.

Hochaltar von Verena und Gallus

22) Der Altarstiftungsbrief des Hanns von Schellenberg enthält von späterer Hand die Notiz, „das Docmnent, sei bei Erbauug eines neuen Chors und Hinwegräumung des Fronleichnams-Altars gefunden worden.

537

Aus den Zeiten, wo die Hüfinger Kirche die Grablege der schellenbergischen Familie war, finden sich noch mehrere Grabsteine in den Wänden eingemauert. Die beiden ältesten stammen aus den Jahren 1523 und 1541. Ein dritter von 1572 ist dem Andenken Burghards von Schellenberg gesezt, der als fürstlicher Rath „dem Hause Bayern 72 Jahre gedient“, und der vierte, sehr wahrscheinlich von dem Konstanzer Bildhauer Morink verfertige Grabstein, darf als beachtenswerthes Muster der Bildhauerkunst des 16ten Jahrhunderts gelten. Derselbe ist von Junker Hanns, dem lezten Sprossen des schellenberg-randeckischen Astes, seinen Ältern Gebhard und Barbara (einer Gebornen von Fulach) Anno 1583 gestiftet. Den unteren Raum des Grabmals nehmen sechs etwas unter Lebensgroße gehaltene knieende Potraitsfiguren ein, welche ein getreues Familienbild aus ihrer Zeit darstellen. Links sehen wir den geharnischten Gebhard, welcher den schmalkaldischen Krieg „als Avanturio“ auf eigene Kosten mitgemacht. Hinter ihm knieen zwei Gestalten in spanischem Wamms und Mantel, wahrscheinlich der Sohn (der Stister) und dessen Schwager Vintler von Pläts, und ihnen gegenüber betend ihre Frauen. Der Stifter Johann war ein großer Altertums und Kunstfreund, der eine hübsche Bibliothek besaß und mit vielen Gelehrten in Briefwechsel stand. Ein vierter Grabstein ist 1605 für Junker Arbogast zu Hüfingen, Landstrost und Öffingen, den österreich-baierischen Rath gesezt, und ein weiterer besagt: „Hier liegt ein braver Ofizier der suggerischen Cnrassier vom schellenbergischen Haus, hieß Karl Jgnatz, Gott gebe ihm die ewige Ruh.“ Das Andenken des lezten Sprossen aus diesem Geschlechte bewahrte eine von meinem Vater gefertigte Steintafel mit einem alabasternen Wappen im Chore. Der Pfarrhof wurde 1753 unter Pfarrer Riesterer gebaut. Demselben schräg gegenüber sehen wir das fürstliche Rentamt, in früheren Zeiten „Sennhof“ geheißen, ein geräumiges Haus mit einem Zinnengiebel und angebanten Oekonomiegebäuden. Es steht auf der Stelle der alten Burg; im

538

dortigen „Grabengarten“, wie in anderen anstoßenden Grundstücken, stößt man immer noch auf starke Grundmauern. Dieses Schloß, die Wohnung der schellenbergischen Hauptlinie, war in früherer Zeit durch einen Wassergraben von der „Vorder-Stadt“ getrennt, weßhalb heute noch die dortige Häuserreihe „auf dem Graben“ heißt. Hinter dem jetzigen Meßnerhaus stand ein massiver Rundthurm, der wahrscheinlich früher den Eingang verteidigte, später zum Gefängnisse (Stock im Graben) diente, und vor etlichen zwanzig Jahren erst abgetragen wurde. Anno 1606 beschwerte sich die Gemeinde über dieses strenge Gefängniß, in welches „auch Bürger neben Malestzische gelegt würden“, und beantragte, daß an einem andern Ort „ein‘ mildere Custodie“ erbaut werde. Graf Karl Egon von Fürstenberg ließ das Schloß 1702 für sich und seine Gemahlin wohnlich herrichten; aber schon sein Nachfolger Froben gab 1712 den Befehl, es niederzureißen, und im jetzigen Gebäude errichtete die Herrschaft hernach eine Sennerei, während ein Theil davon zu Wohnungen der fürstlichen Beamteten diente. Das gegenüber ligende ehmalige fürstenbergische Zuchthaus war 1775 erbaut; in den Kriegszeiten wurden, wie gemeldet, seine Räume unter der Verwaltung meines Großvaters Schelble zu Lazareten eingerichtet, nach dem Uebergange der Stadt aber an Baden richtete man das Gebäude zu einem Correktionshause ein, und gegenwärtig beherbergt dasselbe die von Mariahof nach Hüfingen verlegte Besserungsanstalt für sittlich verwahrloste Knaben. In der Nähe befindet sich das alte mit dem Bildniße des städtischen Schutzheiligen Gallus gezierte Stadthaus, welches ehedem das Rathhaus war und später zur Unterbringung von wohnungslosen Ortsarmen diente. Zur „Vorderstadt“ uns wendedd, beginnen wir mit dem oberen Schlosse. Im Jahre 1712, unter Graf Froben, wurde das alte weiland schellenbergische Herrenhaus, dessen Gestalt uns eine Abbildung der Stadt Hüfingen im fürstlichen

539

Archive 22) überliefert hat, ebenfalls abgebrochen. Dem „Thorbauer“, der Eigentümer des mit dem Schlosse verbundenen Thorgebäudes war, wurde dafür ein Bauplatz „aus dem Graben“ überlassen, und das neue Schloß nach dem Plane eines Franziskaners von Mersburg gebaut. Es diente oft Gliedern des fürstenbergischen Hauses zum Aufenthalt, und wurde durch den Fürsten Wenzel in den 70er Jahren ziemlich verschönert. Die lezte fürstliche Bewohnerin desselben war die verwittwete Fürstin Karoline; sie residierte hier seit 1804 einige Jahre bis zu ihrem Abzuge nach Wien. Aeltere Bürger erinnern sich noch mit Vergnügen jener Zeit. Gegenwärtig befinden sich die reichhaltigen fürstlichen Mineralien- und Altertümersammlungen daselbst. Wie das Rathhaus, ein ehemaliges schellenbergisches Gebäude, durch Tausch an die Stadt gekommen, habe ich schon oben bei’m Jahre 1622 erwähnt. Mit Beibehaltung vielleicht der Giebel scheint es 1741 neu „wieder auferbaut“ worden zu sein. Zur Deckung der Kosten verpachtete man dazumal dem herrschaftlichen Vogt Gritzer die Schafwaide für jährlich 196 Gulden, und überließ zugleich einen Theil des Almendfeldes den meistbietenden Bürgern zu Eigentum. Eine zweite Bauveränderung geschah im Jahre 1827, wobei leider die stattliche bis in den zweiten Stock führende massiv eiserne Freitreppe verschwinden mußte. Das danebenstehende Amthaus wurde nach Wegzug der Amtsstelle von der Stadt angekauft und zu Schulstuben und Lehrerswohnungen eingerichtet. Das zweite ältere Schulhaus ist das frühere St. Barbara-Kaplaneihaus. Bis zum Jahr 1816 besaß Hüfingen kein besonderes Schulhaus, obwohl die Sladt schon seit langer Zeit angestellte Lehrer hatte. Beim Jahre 1400 kommt in den Anniversarienbüchern bereits der Schulmeister vor, welcher nebst den „singenden Schulknaben“ in mehreren spätern Vermächtnissen mit Gaben an

22) Eine von N. Heinemann und mir gefertigte Copie derselben befindet sich auf dem Rathhause

540

Geld und Naturalien bedacht wurde. Er bezog einen kleinen Gehalt und hatte einen „Schulgarten“ und Holz anzusprechen, während die Gemeinde bald da, bald dort eine Schulstube miethete; zuweilen wurde auch das Rathhaus hierzu benützt oder das eigene Haus des „Präceptors.“ Eine Verordnung von l746 verpflichtete zum Schulbesuche von Martini bis Ostern, 1795 aber wurde die Normalschule eingeführt. Das benachbarte Kaplaneihaus (St. Bläsi), dessen Außenwand früher mit dem Bilde seines Heiligen bemalt war, gehört zu den ältesten Gebäuden des Orts, und ist diese Kaplanei zur Zeit die einzige noch vorhandene; die übrigen fünf Kaplaneipfründen hatten ein sehr verschiedenes Schicksal. Die St. Barbara-Kaplanei, von einem Schellenberg im 15ten Jahrhundert gestiftet, sah ihren Fond vor etwa 50 Jahren an die Pfarrei Hausen vor Wald übergehen.

Die Kaplanei S Jacobum ebenfalls eine schellenbergische Stiftung, kam von der landstrostischen an die Hausener Linie und gieng später auf die Herren von Neuenstein über. Die Pfründe ad S. Georgium 1383 von den Edeln von Blumenberg gegründet, vereinigte man 1614 mit der Stadtpfarrei. Die Stiftung ad S Nicolaum, ebenfalls von den Schellenbergern stammend, wurde mit ihren Gewitterglöcklein von der Bürgerschaft nothdürftig unterhaltet, zuweilen auch von Gutthätern bedacht, und gieng 1788 „wegen mangelnden Mitteln“ ein. Die Pfründe Corporus Christi endlich, abermals von Schellenbergern herrührend, wurde theils der Kaplanei ad S Blasium, theils der Pfarrei einverleibt. Der westliche Stadttheil, der „süße Winkel“, welche Benennnng in mehreren größern Städtcn auch vorkommt, bestand früher mit Ausnahme etlicher Bauernhäuser nur aus Oekonomie – Gebände n. In der nördlichen Ecke desselben befand sich jener Gefängnißthurm, „das Stöckle“, worüber sich die Hüfinger so bitter beschwert hatten, indem „ohne Unterschied neben die Malefizischen auch Bürger darein gelegt würden.“ Die außerhalb der Stadt, am rechten Bregufer ligende St. Leonhardskapelle ist eine Stiftung Conrad’s und

541

Burghart’s von Schellenberg, aus dem Jahre 1479. Diese Herren widmeten dem Baue die Zehenten „in Breitenlachen“, während die Stadt zwei Almendwiesen dahin vergabte. Als Merkwürdigkeit, gleichsam als das Wahrzeichen von Hüfingen, erblickt man an der Außenwand dieser Kapelle eine rings unter dem Dache hinlaufende schwere eiserne Kette mit drei Hufeisen. Nach einer Sage soll dieselbe von einem Fuhrmann herrühren, unter dessen Lastwagen die nahe hölzerne Bregbrücke eingebrochen, er aber wunderbar gerettet worden sei. Wahrscheinlicher jedoch steht die sonderbare Zierde in Beziehung zu dem Heiligen des Kirchleins; denn Sankt Leonhard ist der Patron der Kettengefangenen, weßhalb er stets mit einer eisernen Fessel in der Hand abgebildet wird. Ein glücklich Erlößter mochte sich gedrungen fühlen, auf die angedeutete Weise seinen Dank abzutragen. Der Gottesacker von S. Leonhard scheint zu verschiedener Zeit, wahrscheinlich bei großer Sterblichkeit, als Begräbnißstatte gedient zu haben, wie 1630 und später. Erst am Schlusse des vorigen Jahrhunderts, als man den Kirchhof vor der Pfarrkirche eingehen ließ, wurde derselbe erweitert und ausschließlich benützt. An der Wand des Kirchleins aber finden wir außergewöhnlich hohe Wasserstände verzeichnet, worunter der höchste die Jahrzal 1778 trägt. Die anmuthig gelegene, von mächtigen Linden beschattete Lorettokapelle verdankt ihr Dasein dem Stadtpfarrer Reichlin. Bei der Grundsteinleguug 1710 begab sich die ganze Bürgerschaft in feierlicher Prozession auf das Berglein. Das Steingehäuse, mit dem schellenbergischen Wappen und der erhaltenswerthen Figur der heiligen Barbara, wurde gestiftet von Hektor v. Schellenberg, fürstenbergischem Oberjägermeister zu Hüfingen, während das steinerne Cruzifix, welches die Stelle ziert, wo die Straßen nach Freiburg und Schafhausen sich kreuzen, eine bankische Stiftung und von dem ehemaligen geschickten Steinhauer Fritschi verfertigt ist. In der Nähe, auf dem „oberen Anger“, sehen wir das alte von Fürst Froben der Stadt geschenkte Schützenhaus

542

welches uns an die Zeiten mahnt, wo die Schießübungen noch als Gemeindesache behandelt wurden. Die alte Schützenordnung verpflichtete jeden angehenden Bürger, die Uebungen drei Jahre lang mitzumachen. Mit Trommel und Pfeife und fliegender Fahne zogen die Schützen alljährlich beim Beginne des Schießens (das s. g. Herrenschießen) auf den Platz, nachdem jeder jüngere Bürger vorher auf dem Rathhause vorschriftsgemäß sein „Unter- und Obergewehr, benebst dem Feuerkübel“ vorgezeigt hatte. Die Hüfinger Schützengilde ist eine ziemlich alte; denn schon die Statuten von 1558 erwähnen des dasigen Schießhauses, indem sie unter Anderem vorschreiben: „Unterhalb der Bruck bis zum Furt bei der Schießhütte soll kein Hanf (zum Rötzen) in die Breg eingelegt werden.“

Seit mehreren Jahren besteht wieder eine Schützengesellschaft in Hüfingen. Sie hat ihren Freihandstand auf dem „hinteren Anger“, einer hübschen kleinen Insel, und verdankt ihr geräumiges, sehr zweckmäßig eingerichtetes Schützenhaus (ein Holzbau und vor dem Kegelhaus im Schloßgarten) der Munificenz des Fürsten Karl Egon. Als Angedenken aus altbürgerlichen Zeiten finden wir darin die unter dem Fürsten Karl Friderich Maria zu Meßkirch gegebene Schützenordnung von 1744 sorgfältig aufbewahrt, Ein anderes städtisches Gebäude war das (bereits 1427 erwähnte) Leprosen- oder Siechenhaus, früher nebst dem „Bettelhäusle“ das einzige Haus vor dem untern Thor an der Straße nach Donaueschingen. Auch den „Sondersiechen“ bezeigten sich die Schellenberger zu verschiedenen Zeiten wohlthätig. Noch am Schlusse des vorigen Jahrhunderts beherbergte das Haus einen Siechen, welcher in vorgeschriebener Tracht mit seiner Klapper sich bettelnd umhertrieb. Als Wohnung armer Leute brannte das Gebäude in den zwanziger Jahren ab, und der Bauplatz gieng in Privatbesitz über. Ein mit eigenem Fond versehenes Armenhaus besitzt Hüfingen erst seit 1846. Durch die Stiftung des (in der Stadt gebürtigen) Hofraths Dierhammer von 16,000 Gulden wurde

543

man in den Stand gesezt, das fürstliche Oekonomiegebaude an der Straße nach Bräunlingen um den mäßigen Preis von 6000 Gulden zu erwerben und Wohnungen darin einzurichten. Die steinerne Brücke und der Stadtbrunnen mit der Figur der Muttergottes stammen aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, wo unter der Regieruug des Fürsten Froben gar Manches für die Verschönerung der Stadt geschah. Aber bis in unser Jahrhundert herein hatte Hüfingen sein mittelalterliches Aeußere insofern erhalten, als die Stadtmauer, und theilweise auch die Wassergräben, und ein paar Thürme noch bestunden. War das Städtlein auch kein eigentlich fester Platz, so konnte es doch geschlossen und eine kurze Zeit verteidigt werden, wie wir im Bauern- und im dreißigsährigen Kriege gesehen. Ein starker Rundthurm stand am westlichen Ende des oberen Schlosses, ein zweiter (die jetzige Gärtnerswohnung) ist noch vorhanden, wie der Rest eines südlich gelegenen; einen hohen Geviertthurm aber, den „Hohentwiel“, welcher den „Wagrain“ beherrschte, hat man abgetragen. Das gleiche Schicksal traf 1824 das untere Thor, ein nicht sonderlich festes Werk mit einer Wohnuug, denn beide Stadtthore, wie das „Petersthörle“, hatten in früheren Zeiten ihre Wächter. Ein ganz neuer, jedoch nicht besonders glücklich angelegter Stadttheil ist der „hinter dem Herrengarten.“ In den alten und neuen Gassen aber dürfte, zumal bei der stark betriebenen Viehzucht, mehr auf Reinlichkeit gesehen werden; ebenso wäre zu wünschen, daß bei dem Ueberflusse an Quellwasser laufende Brunnen in allen Stadttheilen errichtet würden. Sparsamkeit ist gut, aber nicht überall am Platze. Wie sich die Gemeinde einer sehr ausgedehnten Gemarkung erfreut, ist auch ihr Almendbesitz ein verhältnißmäßig großer. Unter Beibehaltung der gemeinen Viehwaiden, wurden von Zeit zu Zeit Almendtheilungen vorgenommen; die allgemeine Theilung von 1836 aber hatte die Aufhebung der gemeinen Waidgänge und die Einführung der Stallfütterung, wie die Festsetzung der Bürgergenüsse aus 205 Theile, zur Folge.

544

Noch im vorigen Jahrhunderte bestand der Almendgenuß in einem „Rübtheil“ im entlegensten Gewanne der Gemarkung. Das Recht, sein Vieh auf die Waide zu treiben, hieng für den Bürger von einem gewissen Maße des Feldumtriebcs ab; 4 bis 8 Jaucherte berechtigten zu einem Stücke Waidviehes 23). Es gab gemäß dieser Berechtigungen im Jahre 1786 zu Hüfingen 67 „ganze Bauern“ und 8 halbe. Wollte der Minderbesitzende ebenfalls Antheil am gemeinen Waidgange haben, so mußte er noch Felder pachten. Bann – oder Gemarkungsverträge schlossen die Hüfinger verschiedene ab, so mit Bräunlingen 1446 und 1493, mit Almendshofen (den Waidgang betreffend) 1535, mit Behla (in Betreff der Roßwaide) 1602 und 1784. Der früher gemeinschaftliche Wald von Mistelbrunn wurde 1620, unter Burghart von Schellenberg abgetheilt, wie später nochmals unter dem Oberforstmeister Hektor von Schellenberg. Bannstreitigkeiten entschied man gewöhnlich nach Maßgabe der Aussagen alter Leute, und der Beaugenscheinigung durch die geistlichen und weltlichen Ortsvorgesetzten. Die jetzige Gemarkung umfaßt (zu 25,000 Quadratfußen die Jauchcrt) an Aeckern 2983, an Wiesen 1417, an Gärten 50, an Waldung 1358, und an vertheiltem Almendfelde (Gräben und Wege eingerechnet) 1662 Jancherte. Das Hüfinger Steuerkapital, einschließlich der Ausmärker, der Standesherrschaft und Staatsdomänen, beläuft sich auf 1,135,685 Gulden. An kirchlichen und mildthätigen Fonds sind vorhanden: der Kirchenfond mit 67,450, der Armenfonds mit 37,413, der Lorettofond mit 2,634, und die straub – hanenbergische Stiftung 25) für einheimische Studirende mit 6,875 Gulden. Das Zehentablösungskapital endlich bcträgt 44,286 Gulden.

23) Siehe meine „Baar in der Badenia, I, 431.
24) Laut der großen Hüfinger Bannkarte von 1786.
25) Allgemeine Armenkasse, Aufstetlung von „Armenvätern“ rc. in der fürstenb. Verordnung von 1778.
26) Von Pfarrer Straub -Hanenberg zu Mundelfingen, 1586.

545

Der Bürgernutzen besteht in 4 Jaucherten und 2 Vierteln Garten-, Wiesen- und Ackerlandes, 2 Klaftern Holzes, 100 Reiswellen und 2000 Stücken Torfes. An Hand elsgewachsen werden gebaut Hanf, Flachs, Rehs und Kleesamen; Wasserwerke sind im Betrieb, nebst den beiden herrschaftlichen Mühlen, eine Walke und Sägmühle, erstere 1777 von Georg Steiner, letztere von seinem Nachfolger errichtet; eine Oelmühle, aus alter Zeit im Besitze der Familie Götz; eine Gipsmühle, Wasserkalkfabrik und Thonbrennerei, errichtet von meinem Vater; die Nobersche Wollenspinnerei, 1829 als Gipsmühle gebant, nachdem von meinem Vater ein Gipslager auf der Hüfinger Gemarkung entdeckt worden war. Aus altväterlichen Zeiten ist nachträglich zu erwähnen, daß der Stadtrath mit einem Schuldheißen, einem Bürgermeister (später Stabhalter), elf Rathsverwandten, drei zugegebenen Richtern und dem Stadtschreiber besezt war; den Schuldheißen bestellte der Landesherr, Bürgermeister und Rath bildeten den administrativen Theil des Ortsvorstandes. Die Competenz dieser Vorgesetzten erstreckte sich natürlich nur auf die niedere Gerichtsbarkeit. Die Bürgerschaft war leibeigen, d. h. die Bürger mußten gewisse Frondienste leisten und durften ohne Erlaubniß ihres angestammten Herrn keinem anderen unterthan werden oder sich anderswo niederlassen. Gemeindedienste gab es polizeiliche und ökonomische. Zu den polizeilichen gehörten der Pfennigpfleger, die Thor und Nachtwächter, der Stadtknecht, die Feuerschauer, der Stubenmeister, die Bannwarte, die Gewicht- und Maßschätzer, die Brod und Weinschätzer, die Fleisch- und Kornschätzer, die Häring-, Salz und Roßschätzer; zu den ökonomischen die Hirten für Pferde, Hornvieh, Schweine und Schafe. Geht man die Verordnungen der hüfingischen Vorfahren durch, so verrathen sie einen, namentlich das Wohl der ärmeren Klasse bezweckenden Geist der Güte, Fürsorglichkeit und Billigkeit, welcher alle Anerkennung verdient. Sie sind aus langer Erfahrnng hervorgegangen und immer praktisch eingerichtet.

546

Nach den Zeiten des dreißigjährigen Krieges war freilich schon Alles verschlimmert; der Bürger hatte in seinen eigenen Angelegenheiten beinahe nichts mehr zu sagen, alle Weisheit floß aus der Kanzlei- und Polizeistube. Der gemeine Mann wurde vornehm oder geringschätzig bevormundet und verlernte dadurch das bürgerliche Selbstgefühl beinahe völlig. Was die Gewerblichkeit der alten Hüfinger betrift, so herrschten die Zeugmacher, Wollenweber und Gerber unter den Zünften vor. Die ersten versorgten die Stadt und das Landvolk mit Kleiderstoffen; das Fabrikat der Weber war rother und grüner Oerlinger, welcher meistens in die Schweiz und nach Italien gieng, und viele Ortsbewohner mit Wollenspinnen beschäftigte. Auch das Hüfinger Leder erfreute sich eines guten Rufes in der ganzen Nachbarschaft. Von jeher aber war Landwirtschaft die Hauptnahrungsquelle der Hüfinger. Die Ausfuhr gieng ebensalls nach der Schweiz, wie überhaupt die Straße nach Schafhausen und Zürich ein uralter Handels- und Verkehrsweg ist; daher eine Eisenbahn von Villingen direkt nach diesen Städten für die Zunkunft nicht ausbleiben wird 27). Besondere kirchliche Feste zu Hüfingen sind das Herzjesu und das Jakobifest (die Herzjesubruderschaft wurde 1701 errichtet). Beide in die schönste Jahreszeit fallenden Feste (wie der Fronleichnamstag) erhielten früher besondern Glanz durch das Bürgermilitär mit seiner Musik und durch eine große Menge schaulustigen Landvolkes. Ein lustiges Schul- und Kinderfest war der Gregoristag, gleichsam die lockende Fernsicht aus der staubigen Schulstube, der mit Sehnsucht erwartete Ehren- und Freudentag am Ende des langen Schuljahrs. Nach dem Gottesdienste und dem

27) Von der traditionellen Behauptung, vor dern Eingehen des Handelsweges nach der Levante, hätten von der Constanzer Messe zurückkehrende Kaufleute Waarenlager in Hüfingcn gehabt, konnte ich schriftliche Spuren keine auffinden; wohl aber die Nachricht, daß man einzelnen hausirenden Italienern das Handeln mit Artikeln, die im Orte nicht selbst verfertigt und gehalten wurden, durch Rathsbeschluß erlaubte.

547

mit „Küchlein“ reichlich versehenen Mittagstische gieng der festlich bebänderte Zug in’s Wirtshaus, wo den jugendlichen Paaren unschuldige Gelegenheit gegeben war, unter Aufsicht ihrer Lehrer die ersten Tanzversuche zu machen. Die moralisierende Neuzeit hat dieses Fest als ein unangemessenes abgeschafft, läßt der heranwachsenden Jugend aber dafür Dinge zu, welche gefährlicher sind, als alle Gregoriussreuden je gewesen.

Löblich war auch das alte Herkommen des Armenseelenbrodes. Von schellenbergischen und bürgerlichen Vermächtnissen herrührende milde Gaben an Brod und Mülfrüchten zu Gunsten der Ortsarmen wurden insgesammt aus den Allerseelentag verlegt, woraus der schöne Brauch erwuchs, daß alle Bauern und vermöglichen Einwohner von ihrem Ärnte- und Herbstüberslusse dazu beisteuerten 28). Wie gegenwärtig beinahe nur noch im Oberammergau, so waren im vorigen Jahrhunderte auch zu Hüfingen die Passionsspiele gebräuchlich, und selbst die Fastnachtsauszüge hatten eine Zeitlang verwandten Charakter. An der Fastnacht 1781 z. B. fand ein Umzug statt, bestehend aus mehreren hundert Personen „der katholischen hochfürstlich fürstenbergischen Stadt Hüfingen“, die sieben Todsünden mit Beishielen aus der Bibel und griechischen Mythologie vorstellend, „erklärt im Vorüberziehen vom Theater, zwischen Instrumental- und Vocalmusik.“ Wenn man mit Recht sagen darf, es geschehe in der Baar für Herstellung von angenehmen Sommerwirtschaften, Spaziergängen und dergleichen beinahe gar nichts (für behagliche Wirtschaftslokale äußerst wenig), so müßen Ausnahmen hievon mit desto größerer Genugthuung hervorgehoben werden. Die Namen „Anlage“ und „rother Rain“ bezeichnen für unser Städtlein eine Zeit, welche noch im freundlichsten Angedenken vieler Einwohner (troz dem Lobe der Gegenwart) fortlebt.

28) Ein außergewöhnliches Fest in diesem Sinne fand im gesegneten Jahrgange 1840 zu Hüfingen statt, wo die ersten Garbenwägen mit Kränzen und Sprüchen schön verziert, unter’m Schalle der Musik in die Stadt gebracht und den Armen überlassen wurden. Die Seekreisler haben für solche Dinge eine glückliche Gabe.

548

Eingang der Anlage von der Nordost Seite. Gewidmet Seiner Wohlgebohren Herrn Hofrath Baur, Director des Vereins gezeichnet von Luzian Reich senior 1820

Anlage auf dem Rotrain

Von einem Vereine gleichgesinnter Bürger und Beamten, an der Spitze den Bürgerlich gesinnten Oberamtmann Baur, wurde jener längs der Breg hinziehende waldige Rain in sehr hübsche Anlagen mit Ruhebänken, Hütten und Wegen verwandelt. Dem Interesse des Schaffens entsprachen noch viele Jahre nachher die mancherlei geselligen Veranstaltungen, welche den grünen mit Sinn und Geschmack hergerichteten Naturtempel zu beleben pflegten.

Litographie von Josef Burkhard dem Hüfinger Bürgermeister im frühen 19. Jahrhundert.

Zugleich war von Privaten sehr Namhaftes für Obstbaumzucht, wie für Cultivierung und Verschönerung vernachläßigter Plätze gethan worden. So am „Holenstein“ durch meinen Vater und Bürgermeister Burkhart, an der Straße nach Bräunlingen durch meinen Oheim, Musikdirektor Schelble, auf Schoßen durch Herrn Curta und so weiter.

Eine freundliche, an jene Zeit sich anschließende Erscheinung dürfen auch die Cäcilienfeste genannt werden, wie sie damals unter Gleichauf’s musikalischer, von Schelble vielfach angeregter Leitung durch Aufführung klassischer Gesangstücke (gemischte Chöre) gefeiert wurden. Und noch manches Andere in gleichem Sinne, wie jener große Maskenzug zu Anfang der 20er Jahre, könnte hier angereiht werden, wenn es der bemessene Raum unserer Darstellung gestatten würde.

Dürres Gras ist kein Aschenbecher!

Nachdem ich drei Tage nicht mehr dort war, habe ich heute exakt 22 Zigarettenkippen auf den Wegen rund um die Siere gefunden. Alle lagen im dürren Gras.

Das ist nicht einfach nur gedankenlos. Das ist grob fahrlässig, rücksichtslos, asozial und gewissenlos!

Wir haben gerade eine massive Waldbrandgefahr. Überall brennt es – und manche Leute werfen ihre glimmenden Zigarettenstummel trotzdem einfach ins trockene Gras. Und bevor jetzt wieder jemand sagt: „Die Raucher sind halt so“ – nein! Die allermeisten Raucher sind anständig und entsorgen ihre Kippen vernünftig. Ich möchte genau diese Menschen bitten, bei solchen Idioten nicht wegzusehen. Sprecht sie an.

Ein Taschenaschenbecher kostet fast nichts, passt in jede Tasche und verhindert genau diesen Wahnsinn.

Nur gemeinsam können wir verhindern, dass aus einer Kippe ein Feuer wird.

Und unsere Feuerwehr? Die rückt im Ernstfall aus und löscht den Mist – ehrenamtlich.

Vielleicht einfach mal darüber nachdenken, bevor die nächste Kippe ins trockene Gras fliegt.

Kippen im dörren Gras
Liebe Kippenwerfer: Seid ihr eigentlich noch ganz dicht?

Das 1. Fröhliche Hüfinger Kippenpulen

Beitrag vom 26. Oktober 2025

Beim 1. Fröhlichen Hüfinger Kippenpulen hatten die Freunde der Natur Hüfingen schlagkräftige Hilfe von den City Cleaners Germany – Schwarzwald-Baar-Kreis mit Miriam Steup und Georg Bentele aus Bad Dürrheim. Dank ihrer Hilfe ist die Hauptstrasse jetzt kurzfristig hübscher anzuschauen und das Kippenpulen wurde richtig fröhlich. Wir werden es im Frühjahr wiederholen und bis dahin haltet bitte unsere Umwelt sauber!

alle fünf vor dem Kirchturm
Miriam Steup, Thomas Kring, Hannah M Jaag, Norbert Deininger, Georg Bentele
gesammelte Kippen in Hüfingen
Kippenhaufen vor Gully

Jede einzelne achtlos weggeworfene Kippe verseucht unser Wasser, schädigt Bodenorganismen, tötet Amphibien und Insekten. Die Nanopartikel mit den Toxinen und das Plastik belasten unsere Umwelt dauerhaft.

Poster Umweltproblem Zigarettenkippe
600 Kippen in Messbecher
Cellulose-Acetat Fasern auf Straßen und Wegen
Kippen vor Gully
stopp! Kippen

Hüfingen Kippenfrei!

Hüfingen im Mai 2025

Liebe Hüfingerinnen,
liebe Hüfinger,

es ist mir ein großes Anliegen, dass Zigarettenkippen nicht mehr in der Natur und auch nicht auf der Straße entsorgt werden!

Deswegen haben wir ein kleines Projekt mit Taschenaschenbecher gestartet.


Im Rahmen dieses Projektes haben wir Taschenaschenbecher auf einschlägigen Bänken verteilt. Diese dürfen gerne gefüllt oder auch mitgenommen werden.

Des weiteren gibt es unser Taschenaschenbecher zu verschenken:

  • Im Krokodil
  • In Rosis Blumenstudio
  • In der Tourist-Info

Genaueres kann man auch auf der Webpage der Freunde der Natur Hüfingen nachlesen:
Hüfingen kippenfrei

Vorher, währenddessen und auch nach dem Rauchen: Menschen, Amphibien, Fische, Insekten, Pflanzen – alles Leben wird beeinträchtigt.
Bitte haltet unsere Umwelt gesund!

Inhalsstoffe von Tabak

Infos von: proRauchfrei

Teer

Teer verklebt die Flimmerhärchen in den Atemwegen und der Lunge. Dadurch bedingt kann beispielsweise Staub nicht mehr abgehustet werden. Als Folge davon lagern sich Staubpartikel und daran haftende Schadstoffe und Krankheitserreger in den Atemwegen und der Lunge ab.

Teer wird u. a. im Straßenbau verwendet und wurde im Jahr 2002 im Zusammenhang mit dieser Anwendung als überwachungsbedürftiger, gefährlicher Abfall eingestuft (Abfallschlüssel 17 03 01 – kohlenteerhaltige Bitumengemische).

Bei einem täglichen Konsum von einer Schachtel Zigaretten nimmt die Lunge im Laufe eines Jahres etwa die Menge Teer auf, die eine handelsübliche Teetasse fassen kann.

Quecksilber

Quecksilber wirkt u.a. als Zellgift auf Proteine, daher sind lösliche Verbindungen des Quecksilbers giftig. Quecksilber-Dämpfe gelangen z. B. durch die Schleimhäute und über die Lunge in den Körper und werden im zentralen Nervensystem sowie in der Niere eingelagert, wo sie ihre toxische Wirkung entfalten. Bei einer chronischen Quecksilber-Exposition kommt es zu Mattigkeit, Schwindel, Schlaflosigkeit, Gedächtnisschwund, Abfall der Konzentrationsfähigkeit, Übererregbarkeit, Kopfschmerzen, Nervenschmerzen, Zittern, Haarausfall und Depressionen.

Quecksibler wird industriell u. a. im Bereich der Schädlingsbekämpfung und bei Spezialleuchtmitteln eingesetzt. Früher wurde Quecksilber auch bei der Herstellung von Amalgamplomben verwendet. Bei der Zigarettenherstellung wird Quecksilber zur Reinigung der Tabakblätter eingesetzt.

Auf normalem Wege tritt bei regelmäßigen Fischessern eine erhöhte Queck-silberkonzentration auf. Besonders belastet sind hier Hai, Schwertfisch, Markrele, Marlin und Thunfisch (Stand 5. 2. 2003). Auch in Gemüse ist in den letzten Jahren ein Ansteig der Quecksilberbelastung nachzuweisen (bedingt durch Schädlingsbekämpfungsmittel) – besonders belastet sind Blattgemüse.

Arsen

Arsen ist ein Element der Stickstoffgruppe, zusammen mit den ebenfalls giftigen Elementen Phosphor, Antimon und Bismut. Arsen hat halbmetallischen Charakter, wobei es in seinen metallischen Eigenschaften zwischen Phosphor und Antimon steht. Wie Phosphor ist es als Stickstoffgruppenelement sehr reaktionsfreudig und kommt in vielerlei organischen und anorganischen Verbindungen vor.

In der Natur vorkommend findet man das goldgelbe Arsentrisulfid, das unter dem Namen Auripigment oder Rauschgelb von Malern als Goldersatz verwendet wurde. Da die so gemalten Bilder eine gewisse Giftigkeit verbreiteten, wird es heute in geschlossenen Räumen nicht mehr benutzt.

Organische Arsen-Verbindungen wurden vor der Penicillin-Ära zur Chemotherapie der Syphilis und verschiedener Protozoen-Erkrankungen benutzt. Damit war Arsen eines der ersten Antibiotika (anti: gegen, bios: leben, z. B. Salvarsan). Es bringt Kleinstlebewesen, besonders Parasiten, schnell den Tod. Leider zu leicht auch dem Wirt. Diese Eigenschaft von Arsen, sich gerne an Parasiten und anderen Mikroben zu vergreifen, war lange Zeit Grund für eine der hauptsächlichen gewerblichen Verwendungen von Arsen: Es wurde und wird noch in Pflanzenschutzmitteln eingesetzt. Dabei können Rückstände zu schädlichen Anhäufungen auf Obst, Früchten und sogar im Tabak führen. Im Tabak war es (zumindest bis 1951) in zunehmendem Maße vorhanden (1932: 12,6 Mikrogramm, 1951: 42 Mikrogramm). Dort erhöht es die anderen kanzerogenen Eigenschaften der Zigaretten.

In folgenden Industriezweigen ist Arsen zu finden: Arzneimittelherstellung, Bergbau/Hüttenwesen, Druckereitechnik, Lederwarenherstellung, Sprengstoffindustrie; außerdem ist Arsen Bestandteil von Klärschlämmen und Schädlingsbekämpfungsmitteln. Die Toxizität von Arsen und seinen Verbindungen ist unterschiedlich. Metallisches Arsen und schwer lösliche Sulfide sind fast ungiftig, während 3-wertiges Arsen hoch giftig ist. Beim Einatmen von Arsendämpfen werden Schleimhautreizungen, Lungenödeme, Störungen der Nieren- und Leberfunktionen verursacht. Eine Vergiftung äußert sich in Hautreizungen, Kopfschmerzen oder sogar in Tumorbildung.

Cyanide

Cyanide sind Salze der Blausäure (Cyanwasserstoffsäure), die das giftige Cyanid-Anion enthalten. CN sind industriell im Bergbau/Hüttenwesen, in der Metallverarbeitung und Galvanik, in Schädlingsbekämpfungsmitteln, in Farben und Lacken sowie in Erdöl und Kohle zu finden. In diesen Betrieben sind die CN besonders in den Abwässern eine Problemsubstanz. Cyanide wirken toxisch, wenn Blausäure durch Hydrolyse freigesetzt wird, der entstandene Cyanwasserstoff wirkt durch Lähmung des Atemzentrums sofort tödlich.

Cyanide sind für Menschen und Tiere, insbesondere Fische. aber auch Algen hochgiftig. Nach Auskunft des Umweltbundesamtes kann freies Cyanid schon bei einer Konzentration von 40 Millionstel Gramm (Mikrogramm) pro Liter Forellen töten.

Blausäure

Blausäure, also Cyanwasserstoff, ist eine farblose, nach Bittermandeln riechende, sehr giftige und schnellwirkende Substanz, die über die Blockade von Atmungsenzymen die Verbrennung des Sauerstoffs in den Zellen verhindert. Die Wirkung der Blausäure führt damit zu einer Art innerem Ersticken.

Es sei erwähnt, dass bei der Verbrennung von Polyurethanen, also von zahlreich verwendeten Kunststoffen, Blausäure freigesetzt wird. Daher können u. U. sogar Wohnungsbrände zu tödlichen Blausäurevergiftungen führen. Dabei gilt als Faustformel, dass von den dabei entstehenden giftigen Gasen rund 1/3 Kohlendioxid/Kohlenmonoxid, 1/3 Rauchgase und 1/3 Blausäure sind. Ansonsten kommen Vergiftungen mit Blausäure in der metallverarbeitenden und chemischen Industrie, bei der Schädlingsbekämpfung sowie bei der Verschwefelung organischen Materials vor. Weiterhin enthält Tabakrauch teilweise erhebliche Blausäurekonzentrationen.

Nitrosamine

Nitrosamine kommen in der Umwelt des Menschen in vielen Bereichen, u.a. auch in Nahrungsmitteln, Tabak, Kosmetika, Bedarfsgegenständen aus Latex u.a.m. vor (exogene Belastung).

Auch im menschlichen Organismus selbst ist eine Nitrosaminbildung möglich (endogene Belastung), da sowohl die Umwelt als auch die Nahrung nitrosierbare Amine und nitrosierende Stoffe enthält (z. B. Nitrit oder Stickoxide). Bei diesen Substanzen handelt es sich um „Vorläufer“ der Nitrosamine, die erst nach dem Übergang aus dem Produkt in den Speichel oder Magensaft des Menschen durch chemische Reaktion mit Nitrit zu den krebserzeugenden Nitrosaminen umgewandelt werden können.

Die krebserzeugende Wirkung beruht auf reaktiven Metaboliten der Nitrosamine im Stoffwechsel, die mit der Erbsubstanz DNA reagieren, sie dadurch schädigen und Tumore auslösen können. Beim Menschen ist aufgrund der niedrigen Dosierung die Latenzzeit sehr lang, sodass ein kausaler Zusammenhang schwierig zu beweisen ist.

Eine grundsätzlich unschädliche Konzentration kann für Nitrosamine ebenso wenig wie für andere krebserzeugende Stoffe ermittelt werden. Jedoch nimmt die mutmaßliche kanzerogene Wirkung ab, wenn die aufgenommene Menge abnimmt. Heute stellen neben Tabakrauch vor allem Gewürze, gepökelte Fleischwaren und geräucherter Bacon (Frühstücksspeck), denen zwecks Umrötung und Konservierung Nitritpökelsalz zugesetzt wurde, die Hauptnitrosaminquelle dar.

Eine detaillierte Auflistung gibt es auf den Seiten vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat: https://service.bmel.de/tabakerzeugnisse/

Tabakanbau

Kinderarbeit im Tabakanbau ist sehr gefährlich und weltweit verboten. Trotzdem arbeiten in allen bedeutenden Tabakanbauländern Kinder auf den Feldern.

Kinder auf den Feldern

Allein in Malawi arbeiten etwa 78.000 Kinder auf den Tabakplantagen. Aber auch in Brasilien, Indonesien, den USA und anderen Ländern ist Kinderarbeit im Tabakanbau weit verbreitet.

Kinder ab 5 Jahren bereiten Saatbeete vor, indem sie Felder umgraben und Bäume fällen. Sie jäten Unkraut auf den Feldern, sie düngen den Tabak und sie sprühen Pestizide, ohne Schutzkleidung zu tragen.

Bei der Ernte der grünen Tabakblätter setzen sie sich der Gefahr einer Nikotinvergiftung aus. Denn sie nehmen das Nikotin aus den Blättern durch die Haut in den Körper auf. Schon eine kleine Menge des Nervengifts führt bei ihnen zur Nikotinvergiftung: Die Grüne Tabakkrankheit verursacht Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Schwindel und Schwächeanfälle.

Kinder in Malawi nehmen bis zu 54 Milligramm Nikotin pro Tag über die Haut auf, zeigt eine Studie von Plan International. Das ist soviel Nikotin wie in 50 Zigaretten enthalten ist.

Mehr Infos bei Unfairtobacco: https://unfairtobacco.org


Das Kastell Hüfingen

Cover vom Buch aus 1937.

von Professor Paul Revellio, 1937

Unweit der Stelle, wo die aus dem Schwarzwald kommende Breg dicht unterhalb von Donaueschingen in die Donau mündet, lag auf der Höhe südlich von ihrem breiten Tal ein Kastell, das in die Frühzeit des römischen Vordringens zum oberen Neckargebiet gehört. Von seinen Wehrbauten und Innenanlagen haben sich im Ackerland keine äußerlich sichtbaren Reste erhalten. Nur die Ruine des Badehauses in der Mulde, die sich westlich vom Kastell gegen das Tal zu öffnet, bildet, vor Jahren ausgegraben und durch Überdachung geschützt, eines der ansehnlichsten römischen Denkmäler in Baden. Der antike Name des Kastells und der dazugehörigen Niederlassung Brigobanne oder wohl richtiger Brigobanna, (ein Name keltischen Ursprunges), ist durch die Peutingersche Karte als letzte Station auf der Straße von Vindonissa nach Arae Flaviae überliefert, und die Lage des Ortes ist durch Reste der Straße und die Entfernungsangaben der Karte gesichert.

Segment der sogenannten Peutingerkarte, einer mittelalterlichen Kopie einer römischen Straßenkarte des IV. Jahrhunderts. Oben ein Teil der Peutingerstraße von Vindonissa (Schweiz) über Brigobanne (Hüfingen) nach Samulocenis (Rottenburg). Silva marciana ist der Schwarzwald und der Kleckes in der Mitte ist der Bodensee. (https://tp-online.ku.de)
https://tp-online.ku.de
Alte Karte von Hüfingen aus dem Buch mit dem Ausschnitt der Kirchhalde und dem Kastell

Inschriftliche Zeugnisse für diesen Ortsnamen sind in Hüfingen bis jetzt nicht gefunden worden. Der pflügende Bauer des Mittelalters sah in den von Ackerboden überdeckten starken Fundamenten des römischen Kastellbades die Reste einer zerstörten Kirche. Kirchen waren ja lange Zeit die einzigen Steinbauten in den Dörfern. So ist der Flurname Kirchhalde, den der Hang westlich von dem Bade trägt, für Jahrhunderte wohl die einzige Erinnerung geblieben an das römische Brigobanna.

sein Portrait abfotografiert aus der Chronik

Erst das Zeitalter der Renaissance schuf die Vorbedingungen für das Verständnis dieser Reste und erweckte das Interesse für die Zeugen der römischen Kultur im heimatlichen Boden.

In Vindonissa und Augst nahm man sich während des 16. Jahrhunderts zum erstenmal wieder der dortigen Römerbauten an. In Augst fanden bald nach 1580 die ersten Grabungen statt.
In Württemberg gewann Simon Stüdion 1597 den Herzog für eine Grabung im Kastellgelände von Benningen. Da traf es sich günstig, daß das Städtchen Hüfingen in Hans von Schellenberg einen Herrn bekam, der humanistisch gebildet war und regen Sinn für das Altertum hatte. Er spricht nicht nur in seinem Briefwechsel mit dem Schaffhauser Chronisten und Pfarrer Johann Jakob Rüeger von römischen in Hüfingen gefundenen Münzen, sondern läßt auch 1605 drei Gewölbe unter dem Galgen, der an der Stelle des heutigen Wasserbehälters auf der Kastellhöhe stand, untersuchen. Es handelte sich wohl um natürliche Höhlen, die sich auf der zur Verkarstung neigenden Höhe immer wieder bilden.

Foto vom alten Wasserhochbehälter

Bei Anlage des Wasserbehälters im Jahre 1903 wurde dort der ganze Ackerboden bis auf den gewachsenen Fels abgehoben, ohne daß eine Spur von Mauerwerk gefunden werden konnte. Außerdem ließ Hans von Schellenberg im Tale einen römischen Fußboden abdecken, dessen Plättchen nach Art des Opus spicatum angeordnet waren. Er ist damals wohl auf einen der höher gelegenen Fußböden des Bades, etwa des Frigidariums oder Apodyteriums gestoßen. Freilich für eine richtige Deutung dieser Trümmer war die Zeit noch nicht gekommen. Hans hält die Reste für den Fußboden eines heidnischen Tempels oder einer jüdischen Synagoge.

Mit Hans erlosch dann zunächst das Interesse an den Resten. Die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges und der Franzosenkriege waren für solche Studien wenig geeignet. Immerhin verzeichnet schon eine handschriftliche Oberamtsbeschreibung des Oberamts Hüfingen aus den Jahren 1767 und 1768 eine alte Sage, daß in dem Tal unter dem Galgenberg einst Tempelherrn wohnten, und sie bringt damit fälschlicherweise den Flurnamen „Münchshof und Münchswiese“ in Verbindung.

Sie berichtet ferner, daß man vor einigen Jahren in dem Tal beim Pflügen silberne und bronzene Münzen von Titus und Vespasian und kleine saubere Besetzplättchen und Spuren von einem weitläufigen und starken Gemäuer gefunden habe. Auch das Historisch-statistisch-topographische Lexicon von Baden von J. B. Kolb II. Band 1814 berichtet S. 98 von Münzfunden im „Mühlöschle“, der Flur, auf der die zivile Siedlung war, und unterirdischem Gemäuer gegen Bräunlingen hin und bringt diese Reste zum erstenmal mit der Station Brigobanne der Peutingerstraße in Verbindung, freilich, ohne bei der damaligen archäologischen Forschung damit Beachtung zu finden.

Andreas Buchner (1776-1856), seit 1811 Professor der Geschichte am Lyzeum in Regensburg, brachte die Untersuchung von neuem in Gang, als er den Verlauf des Limes zu verfolgen suchte und dabei auch die Peutingerstraße in seine Forschungen einbezog. Von Rottweil kommend, hatte er schon an Brigach und Breg alle Winkel durchsucht und war im Begriffe wieder abzureisen, als er auf Münzfunde bei Hüfingen aufmerksam gemacht wurde.

Foto der Büste im Schlosspark Donaueschingen

Auf seine Veranlassung befahl Fürst Karl Egon II. zu Fürstenberg 1821 die erste Grabung im Mühlöschle und die Aufdeckung der Gebäudetrümmer des Kastellbades. Sie wurde ausgeführt durch eine Kommission unter Leitung des fürstlichen Leibarztes Wilhelm August Rehmann, eine der ersten systematischen Grabungen in Baden, die mit ihren sorgfältigen Plänen und Ansichtsskizzen und dem Verzeichnis der gefundenen Münzen für ihre Zeit eine tüchtige Leistung war.

Ansichtsskizze des Kastells von August Rehmann

Ansichtsskizze des Kastells von August Rehmann 1821

Auch der Freiburger Historiker Heinrich Schreiber erwarb sich große Verdienste um die Sache; auf seine Veranlassung lieferte 1824 sein Schüler Josef Frick die erste Beschreibung des Bades. Im Herbst 1823 wurde im Kastellgebiet der sogenannte Tempel, ein Horreum, freigelegt und ein Plan davon aufgenommen. Bei einer Überschwemmung im Mai 1834 mußte man zum Schutze des am Nordhang des Galgenbergs gelegenen sogenannten Henkerhauses einen Damm aufführen, wofür die Erde vom Nordhang der Kastellhöhe genommen wurde. Bei dieser Gelegenheit wurde eine 60 cm starke Brandschuttschicht freigelegt, in der zahlreiche Kleinfunde lagen. Es handelte sich um den Schutt von einem Lagerbrand, der über den Nordhang der Kastellhöhe hinabgeworfen worden war, wie das in Vindonissa mit dem Schutt des Kalberhügels in ähnlicher Weise geschehen ist.

Neue Anregung erhielt die Erforschung des römischen Brigobanna durch den Gymnasiumsdirektor C. B. A. Fickler, der 1818 die erste zusammenfassende Darstellung der Grabungsergebnisse lieferte, eine dankenswerte Arbeit, die freilich im einzelnen sorgfältiger Nachprüfung bedarf, da Fickler sich zu sehr auf mündliche Überlieferung stützte und die ihm durch genaue Beobachtung des damals noch besser erhaltenen Bades gegebenen Erkenntnisquellen nicht genügend benutzte.

Von einer Grabung im Jahre 1871 sind nur einige Funde, keine Aufzeichnungen vorhanden. Zu bedeutenderen Ergebnissen konnte die Untersuchung erst kommen, als die Limesforschung die nötigen sicheren Grundlagen lieferte. Bei einer Straßenuntersuchung entdeckte Schumacher im August 1897 den südlichen Spitzgraben des kleinen Dauerkastells und verfolgte ihn von der Südwestecke 30 m weit nach Osten.

Aus den dabei gemachten Funden schloß Schumacher auf die Gründung der Niederlassung in claudischer und auf ein Erdkastell vespasianischer Zeit und gab dem Bad seine immer wieder umstrittene Deutung als Kastellbad. Der Bau der verlängerten Höllentalbahn 1899/1900 führte an der Ostseite der Kastellanlagen entlang und schnitt die Nordostecke des Kastellgrabens ab, ohne daß dieser erkannt wurde. Er brachte aber mit den Funden in den Klüften des Bahneinschnitts zum erstenmal einwandfrei claudische Sigillata und bei der Eisenbahnbrücke über die Breg eine Menge Gegenstände aus der Brandschicht von 1834, die hier wieder angeschnitten wurde.

Leider wurden die meisten dieser Funde verschleudert. Die von Schumacher gefundene Südfront des kleinen Dauerkastells wurde in den Jahren 1904—1906 von Gustav Rieger bis zur Südostecke weiter verfolgt und auch die Ostfront auf 20 m festgelegt. Leider hat Rieger keine Planaufnahmen gemacht; auch fehlt eine genaue Beschreibung der Sigillaten, so daß es heute nicht mehr mit Sicherheit möglich ist, diese von den Sigillaten der von ihm teilweise ausgegrabenen Villa im Deggenreuschen Wald zu trennen. Auf Grund des von Rieger veröffentlichten Materials und der in das Mainzer Zentralmuseum gelangten Proben erklärte Barthel in dem Bericht über die Erforschung des obergermanisch-rätischen Limes 1908—1912 dem Urteil Schumachers über die claudische Gründung der Hüfinger Anlagen nicht ganz beipflichten zu können. Diese Streitfrage zu klären, war der unmittelbare Anlaß zu weiteren Grabungen, die nunmehr die Reichs-Limeskommission in die Hand nahm.

Die Arbeiten begannen im Herbst 1913 unter der Leitung von Friedrich Leonhard und des aus Hüfingen selbst stammenden Bearbeiters. Da der Fonds der Limeskommission für Ausgrabungen erschöpft war, wurden die erforderlichen Mittel von der Römisch-Germanischen Kommission des Archäologischen Institutes und vom Badischen Ministerium des Kultus und Unterrichts zu gleichen Teilen zur Verfügung gestellt. Schon diese erste Grabung führte zur Feststellung des kleineren Kastells, das unten als „die behelfsmäßige Kastellanlage“ bezeichnet wird, mit seinem Südtore und zahlreichen Anhaltspunkten für weitere erfolgversprechende Untersuchungen. Aber durch den Krieg unterbrochen, konnten die Ausgrabungen erst 1924 wieder aufgenommen werden. Sie wurden dann von dem Bearbeiter bis zur Erschöpfung des Gegenstandes im Jahre 1932 fortgesetzt.

Die in Betracht kommenden Ackerstücke gehörten bei Beginn der Grabung zwar zum Besitz des Fürstlichen Hauses zu Fürstenberg in Donaueschingen, waren aber an verschiedene Nutznießer verpachtet, so daß immer nur einzelne Stücke zur Verfügung standen und die Grabungen oft unterbrochen werden mußten. Dank der sehr genauen von Leonhard begonnenen Aufnahmen ließ sich jedoch der Zusammenhang der ausgegrabenen Teile vollständig wahren.

Die Römisch-Germanische Kommission und der dem badischen Unterrichtsministerium unterstehende Ausschuß für Ur- und Frühgeschichte Badens gewährten nach wie vor bereitwillig die nötigen Mittel, während die Reichs-Limeskommission die geschäftliche Leitung des Unternehmens wahrnahm und dem Bearbeiter beratend zur Seite stand. Über den Fortgang der
Arbeiten wurde regelmäßig in der Germania, dem Korrespondenzblatt der Römisch-Germanischen Kommission, ausführlich berichtet. Die Funde gelangten in die Fürstlichen Sammlungen zu Donaueschingen, deren Leitung ihre Bearbeitung in jeder nur denkbaren Weise unterstützte.

Die Lage des Kastells und seine Verbindungen.

Alte Karte von Hüfingen aus dem Buch mit dem Ausschnitt der Kirchhalde und dem Kastell

Die Befestigungsanlagen liegen auf ebener Fläche 4 km südlich der Donauquelle und 800 m südwestlich des Städtchens Hüfingen am Südrande des Tales der Breg, kurz bevor diese in die Ebene des Rieds hinaustritt. Die Kastellebene überragt die Sohle der Breg um 22 m.

Dadurch entstanden an ihrer Nord- und Westseite steile Hänge, die natürlichen Schutz boten, ohne daß die Wasserversorgung des Kastells besondere Schwierigkeiten bot, wie das bei den weiter westlich gelegenen Höhen der Fall ist, wo die Höhenunterschiede viel größer sind. Auch an der Ostseite der Kastellebene zieht eine flachere Mulde entlang, die aber heute durch den Eisenbahneinschnitt teilweise beseitigt ist. Dazu genießt man von der Kastellebene einen weiten Ausblick in das Vorgelände. Der Blick schweift über das Ried hinweg auf die Stufenlandschaft der Ostbaar und findet eine Begrenzung erst an den steilen Höhen des weißen Jura wie dem Hohenlupfen und dem Himmelberg bei Oefingen.

Die Kastellhöhe von Westen, vorn der Schutzbau des Rämerbades 1937

Nach Westen zu sind es bis zur Buntsandsteingrenze, wo im Altertum schon die geschlossene Walddecke des Schwarzwaldes und damit das unbesiedelte Gebiet begann, immerhin noch 6 Kilometer. Die trockene Muschelkalkhöhe, die dazwischen liegt, war nur licht bestockt und daher leicht zu kontrollieren. Nach Norden zu aber schützte die unten vorbeiziehende Breg und weiter ostwärts das sumpfige und damals noch schwer zugängliche Ried. Es gibt in der weiten Umgebung von Hüfingen keinen Platz, der so die Vorzüge des natürlichen Schutzes mit der Möglichkeit eines weiten Ausblickes verbindet.

Dazu kommt, daß sich in der Nähe des Kastells alte Wege kreuzten. Unmittelbar westlich von ihm zieht ein solcher Weg als Hohlgasse auf die Muschelkalkhöhe, durchkreuzt als Burgerweg die Gemarkungen Hüfingen und Bräunlingen, überschreitet bei der Papiermühle das Gauchachtal (Sigillatafund) und zieht an Dittishausen vorbei nach Löffingen. Er verläuft auf der kürzesten Verbindung nach dem Breisgau. Südlich Dittishausen ist sein quer durch die Wiesen verlaufender Damm mit Steineinlage noch sichtbar. Vielleicht war dieser Weg streckenweise von den Römern ausgebaut.

Ein zweiter vorgeschichtlicher Weg, der ebenfalls von den Römern benutzt wurde, kam vom Schweizer Rhein und zog von Schleitheim über die Wutach nach Stühlingen, und über Weizener Häusle nach Ewattingen. Dort durchquerte er das Wutachtal ein zweites Mal, um an Mundelfingen vorbei gerade auf Kastell Hüfingen zuzustreben. Auf ihm sind wohl die Römer von Schleitheim aus an die Donau vorgerückt. Er wurde aber nicht als Kunststraße ausgebaut, wohl weil er zweimal das Wutachtal kreuzte.

Bauarbeiten von der Höllentalbahn an der Luttlinger Bruck 1899
Luttlinger Bruck 1899

Die von den Römern ausgebaute Strecke verlief von Schleitheim über Zollhaus und unter der jetzigen Landstraße Schaffhausen—Donaueschingen bis nördlich Behla, verließ sie beim Behlaer Weiher, um durch den Wolfbühl das Kastellgelände zu erreichen. Sie überquerte auf der Luttlinger Brücke, die wohl ihretwegen gebaut wurde, das Bächlein in den Schleewiesen und wurde durch den Bau der Höllentalbahn abgelenkt.

Aber westlich des Bahndamms ist sie von dem Höhenpunkt 692,5 ab auf eine Strecke von 200 m erhalten, weil dieses Stück bis zum Jahre 1870 von der Straße Hausenvorwald—Hüfingen benutzt wurde. Obwohl es zum Gesamtverlauf der Straße nicht paßte, wurde es doch in sie einbezogen, weil es ausgebaut und bei der Entstehung dieser Verbindung schon vorhanden war. Das spricht für sein Alter.

Westlich des Kastellbades und östlich der Seemühle wurde der Straßenkörper angeschnitten. Von dem Kreuz an der Bräunlinger Straße ist dann bis zum Schächer an der Donaueschinger Straße ein 1200 m langes Stück mit dem Namen Hochstraße erhalten. Aber auch die Donaueschinger Straße südlich des Schächers hat einen römischen
Straßenkörper. Es wird sich hier um die Durchgangsstraße handeln, während die Hochstraße der Verbindung von Kastell und Canabae mit dieser diente.

Die Donautalstraße, die Hüfingen mit den claudischen Kastellen an der Donaugrenze verbunden haben muß, ist noch wenig gesichert. Die erste Schwierigkeit liegt östlich von Hüfingen in der Überquerung des Rieds. Die von Hertlein in die Karte Die Römer in Württemberg Blatt II eingetragene Linie stützte sich vor allem auf die angebliche Feststellung eines Straßenkörpers in der kleinen Baugrube eines Hauses südlich des Bahnhofs Hausenvorwald.

Zur Geschichte des Kastells.

Uebersichtskarte des obergermanischen und raetischen Limes

Durch die Grabungen in Aislingen, Rißtissen und Unterkirchberg war die Besetzung der Donaulinie in claudischer Zeit erwiesen worden. Auch in Hüfingen weisen die ältesten Funde in diese Zeit. Die frühesten Sigillaten sind gleichzeitig mit denen von Rißtissen und Unterkirchberg, während die von Aislingen einen noch etwas ältere Eindruck machen. Die Reihe der stempelfrischen Münzen beginnt ähnlich wie in Hofheim und Aislingen mit einer unter Tiberius geprägten Divus Augustus-Münze, dann folgt ein unter Caligula geprägter Germanicus, darauf die Claudiusmünzen. Halbierte Münzen wie barbarische Nachprägungen, für die Zeit bis Claudius bezeichnend, sind ebenso vertreten.

Grabenprofil - alte Zeichnung

Die frühen Rosettenfibeln hat Hüfingen mit Aislingen und Vindonissa, ebenso die Eisenfibeln vom Spätlatènetyp und die Bronzedrahtfibeln vom sogenannten Mittellatènetyp mit Aislingen und Hofheim gemeinsam.

Was Hüfingen von den genannten claudischen Fundplätzen trennt, ist das reiche Spätlatène-Inventar, Keramik wie Münzen, das aus dem Kastellgebiet gewonnen wurde. Es ist das naheliegendste anzunehmen, daß dieses Inventar auf eine vorrömisch-keltische Anlage zurückgeht, die an der Stelle des Kastells bestanden hat. Das müßten dann eben die von uns ausgegrabenen ältesten Befestigungsanlagen sein, in deren Gräben und Baracken wir dieses Material so zahlreich gefunden haben; denn anderes wurde nicht gefunden. Demgegenüber ergab der Graben B aus seiner Tiefe in mehreren Schnitten (s. o. S.6) eine Reihe claudischer Funde. Er war also in claudischer Zeit bis in seine Spitze offen; ebenso wurden in der Tiefe der Gräben M, Y und F einwandfreie frührömische Funde gemacht. Unzweifelhaft ist auch die vom Graben J umschlossene Daueranlage im engsten Anschluß an die ältesten Befestigungsanlagen errichtet; das wäre bei einer vor längerer Zeit hier bestehenden keltischen Anlage ebenfalls undenkbar.

Der Befund ließe nur die eine, freilich wenig wahrscheinliche Deutung zu, daß die Römer eine bis in die vierziger Jahre des ersten Jahrhunderts bestehende keltische Anlage erobert und sich dann selbst in ihr festgesetzt hätten. Demgegenüber bleibt die frühere Annahme immer noch die wahrscheinlichere, daß das Spätlatène-Material in die römische Okkupationszeit hineinreicht, wie dies ja auch Ulrich Karstedt, Die Kelten in den decumates agri, Nachrichten der Gesellsch. der Wissenschaften zu Göttingen 1933 S. 300 und Bittel, Die Kelten in Württemberg

Bei der Bedeutung dieses Anhaltspunktes hielt ich es (1935) für notwendig, neben dem Haus den Straßenkörper weiter zu verfolgen. Dabei stellte sich heraus, daß in der Baugrube nicht ein Straßenkörper angeschnitten worden war, sondern die Trümmer der dort in der Nähe anstehenden Quarzitbank.

Mir scheint der wahrscheinlichste Verlauf immer noch die Straße Hüfingen-Behla (Landstr. 27 der Karte) bis zu ihrer Abbiegung nach Süden und von dort in gerader Fortsetzung der Feldweg nach dem Berchenwald (am Ostrand des Waldes einige tiefe Hohlen). Vom Berchenwald ab wird die Straße unter der jetzigen Straße nach Pfohren bis zum Schloßbuck verlaufen sein. Hier mußte das Ried auf 500 m durchquert werden bis zum Michelberg und von da nach Neidingen.

Die behelfsmäßigen Kastellanlagen.

Plan der Anlage des Kastells

*laut Berichtignung muss es hier 1:2,8 heißen

Die ältesten Wehranlagen sind die inneren. Alles deutet darauf hin, daß es sich bei ihnen um feldmäßige Stellungen handelt, die unter dem Drange des Bewegungskrieges entstanden und dann immer wieder behelfsmäßig verstärkt und erweitert wurden. Das tritt uns besonders deutlich vor Augen, wenn wir die Gräben dieser frühen Anlagen vergleichen mit den sorgfältig ausgebauten Gräben der letzten für die Dauer bestimmten Anlage. Die Gräben sind an den verschiedenen Stellen ungleich breit und tief, mit holprigen und unebenen Böschungen; bald ist die innere Böschung steil, bald die äußere. Derselbe Graben endet bald in eine Spitze, bald in eine Sohle. Primitiv muß auch der hinter den Grüben aufgeführte Wall befestigt gewesen sein. Nirgends hat sich eine Spur von Pfostenlöchern für eine Wallversteifung gefunden. Aus denselben Gründen haben sich die Römer den natürlichen Schutz zunutze gemacht und die Anlage im Norden und Westen an die Steilhänge des Galgenberges vorgeschoben.

Erhalten ist von dieser ältesten Anlage nur die Süd- und Ostfront, wohl gerade die beiden interessantesten Flanken des Kastells, weil sie, von Natur am wenigsten geschützt, der Befestigung am dringendsten bedurften, beide aus vier hintereinander liegenden Gräben bestehend, wobei freilich sehr fraglich ist, ob alle vier Gräben gleichzeitig offen waren.

Die Gräben der Süd- und Ostfront.

Grabenprofil - alte Zeichnung

Graben A. Die durchschnittliche Breite des Grabens beträgt hier 3—3,30 m, seine Tiefe nimmt nach Osten, wohin der Graben sein Gefälle hat, bedeutend zu, von 1,10 (Schnitt 1) bis 1,60 m (Schnitt 2). Er ist Sohlgraben; nur das Profil von 2 nähert sich einer Spitze. Schnitt 4 geschnitten zunächst in eine 30 cm starke Kulturschicht und dann in Kalkfels. Die Füllung des Grabens besteht in der Tiefe aus großen Kalksteinbrocken, die nach oben mit dem Gewachsenen aufhören. In die noch offen gebliebene Mulde zeigte sich in allen Profilen des Grabens eine 30-10 cm dicke Lehmschicht eingelagert, offenbar um den Graben ganz einzuebnen.

Wann dies geschehen sein kann, dafür gibt der in der Lehmeinfüllung von Schnitt 3 gefundene Tellerbodenstempel CRESTI einen Anhalt. Möglicherweise hängt die Einebnung mit der Anlage des ersten Dauerkastells zusammen, und der Lehm stammt aus dem Aushub des Ostgrabens dieses Lagers.

Grabenprofil - alte Zeichnung

Graben B. Seine durchschnittliche Breite im Gewachsenen beträgt 3,30 m, seine Tiefe 1,50 m. Geschnitten wurde er in vier Schnitten 5—8. Das Kopfende des Grabens am Südtor wurde ganz freigelegt, ebenso das Ende des nach Norden gewendeten Teils des Grabens (Schnitt 8).

alte Fotos mich Gräben. Auf dem rechten Foto steht ein Mann mit Hut.

Dieses ist bedeutend schmäler: 2,30 m, seine Tiefe im Gewachsenen nur 1,10 m (1d). Die Profile von 6 und 7 zeigen eine sehr unregelmäßige Füllung (1b und c).

Grabenprofil - alte Zeichnung
Schnitt 6 durch Graben B
Grabenprofil - alte Zeichnung

Steinfüllung wechselt mit schwarzer Kulturerde. Bänder aus Brandschutt und Barackenlehm durchziehen die Profile. Im Grabenkopf und in den Schnitten 5 und 7 wurden für die Datierung der Gesamtanlage wichtige Funde gemacht.
Im Grabenkopf fand sich neben einheimischem Geschirr eine Stierpferdchenmünze und ein römischer Ringschlüssel. In einer Tiefe von 10 cm lagen über die ganze Breite des Grabenkopfs zerstreut Bruchstücke der Schüssel Dragd. 29 (Taf. XIV Fig. 3).

Gezeichnete Scherben

Ferner lag in dem Grabenkopf das Bodenstück eines Schälchens Dragd. 24/25 mit Strichelrand, ferner ein Sigillatabruchstück einer halbkugeligen Schale mit den Resten eines Graffitos.

In Schnitt 5 in der Sohle wurde gefunden neben primitiven schwarzen Scherben das Bruchstück eines halbkugeligen
Schälchens mit Grießbewurf, weiter oben ein Bruchstück eines kleinen Täßchens mit Strichelrand, ferner wieder zahlreiche Scherben der Schüssel Dragd. 29 (Taf. XIV Fig. 6), die wohl spätclaudischer Zeit angehört.

In der Sohle von Schnitt 7 fanden sich zahlreiche Bruchstücke einer außen rot bemalten und geglätteten Schüssel mit Wandknick und nach außen gelegtem Rand wie sie aus dem Gräberfeld von Bregenz bekannt geworden sind (wie Taf. XVIII Fig. 78), ferner ein spiegelnd glänzendes Bruchstück eines kleinen Schälchens aus Sigillata mit geknickter, im oberen Teil senkrechter Wand. Außerdem wurde das Mittelerz des Claudius Nr. 2 aus dem Aushub dieses Schnittes aufgelesen.

Grabenprofil - alte Zeichnung

Graben C ist ein Sohlgraben. Seine Breite beträgt durchschnittlich 3 m, seine Tiefe im Gewachsenen 1—1,20 m, in der Biegung in die Ostfront ist er schmäler. Auch dieser Graben hat Gefälle nach Osten. Er hat eine ziemlich gleichmäßige Füllung aus hellem Kalkschotter.

Die Profile zeigen im Gegensatz zu A keine Einschwemmungen von dunkler Kulturerde, auch wenige Scherben. Er scheint danach nur kürzere Zeit offen gewesen und dann künstlich eingedeckt worden zu sein. Der Osttrakt des Grabens ist durch den späteren großen Kastellgraben beseitigt.

Graben D gehörte, wie sich im Verlaufe der Grabungen herausstellte, ebenfalls zu den inneren, frühen Kastellanlagen. Er endete am Südtor in einem Grabenkopf mit ziemlich breiter Sohle (obere Breite 3,80 m, Tiefe 1,40 m) und wurde auf eine große Strecke an der Südfront von dem Kastellgraben der Daueranlage weggeschnitten.

Fotos von Bodenprofilen

Erst 1929 wurde seine Ostfront noch östlich des Ostgrabens der Daueranlage gefunden. Hier war er in den Schnitten 20 und 21 Spitzgraben bei einer Breite von 3,4 und 3,8 m und einer Tiefe von 1,8 m.

Der Graben wurde im Norden vom Eisenbahneinschnitt abgeschnitten. Westlich des Südtors hat er keine Fortsetzung, wohl deshalb, weil hier die Annexgräben an seine Stelle getreten waren.

Über den Zweck von Graben H vermag ich auch nach Abschluß der Grabung nichts zu sagen. Er beginnt an der Südwestecke des Pfeilerbaues und läuft kurz vor dem Südtor allmählich aus. Er hatte eine waagrechte Sohle von 1,20 m Breite und nahezu senkrechte Ränder. Er war in seinem östlichen Teil durchschnittlich 50 cm in den Fels eingetieft. Gefälle hat er nach Osten. Er muß lange offen gelegen haben, sein Profil zeigt an den Rändern eine sehr starke, eingeschwemmte Kulturschicht. In die nach dieser Einschwemmung noch vorhandene Mulde wurde heller Kalkschotter so fest eingestampft, daß die Füllung von oben fast wie gewachsener Fels aussah. Sein Profil erinnert an das einer Fundamentgrube. Es fand sich aber in keinem der Schnitte auch nur eine Spur von Mörtel.

Westlich des Südtors wurden die drei Gräben K, L und M durch mehrere Schnitte über den Grasweg hinaus bis in die Wiese hinein nach Westen verfolgt. Sie waren hier nur noch 50-60 cm tief. Trotzdem die Gräben bis an den Steilrand hinaus verfolgt wurden, konnte nicht einmal bei den beiden nördlichen (K und L) der Beginn einer Umbiegung in die Westfront festgestellt werden; sie muß also noch weiter westwärts gelegen haben. Während auf der Ostseite des Tordurchgangs alle drei Grabenköpfe durch einen Graben miteinander verbunden sind, sind es an der Westseite nur K und I. In diesem Graben war eine starke Kohlenschicht eingelagert. Der südliche Grabenkopf war bei dem Bau der kleinen Daueranlage als Pfostenloch für einen Zwischenturm benutzt und dafür mit senkrechten Böschungen versehen und mit schweren Steinen bepackt.

Die ganze Tafel II mit Zeichnungen über die Gräben und Schnitte in denen die Erdschichten beschrieben werden.

Die Toranlage.

Von besonderer Eigenart ist die Toranlage (Taf. III Fig. 3). Wie ein Keil ist die ganze Südfront gegen das am leichtesten zugängliche Gelände vorgeschoben; dadurch daß der Toreingang an der Spitze des Keils liegt, entsteht zwischen den beiderseitigen Grabenköpfen ein weiter, nach dem Tor zu sich verengender Raum, der von drei Seiten erreichbar ist. Am eigenartigsten aber ist der parallel zu den westlichen Grabenköpfen von Norden nach Süden verlaufende Graben P. Er hatte an seinem Nordende bei einer Breite von 2 m eine Tiefe von 1,40 mim Gewachsenen und eine 50 em breite Sohle, an seinem Ostende war er 2,25 m breit und 1,20 m tief. Er biegt auf der Höhe von M nach Osten um und reicht weit in den Torraum hinein, vor diesen eine zweite Sperre legend. Die übereinander greifenden Grabenköpfe von P nach C erinnern an das Lager von Hofheim und vorrömische Gewohnheiten.

Über den Zweck des Grabens P ist schwer etwas zu sagen. Vielleicht ist er erst angelegt als die beiden Annexcräben E und F an das Lager angeschlossen wurden, und hatte die Aufgabe, den Eingang in den von den Annexgräben umschlossenen Raum zu flankieren.

Nördlich von Grabenkopf B wurde die Erde in einer Breite von 8 und einer Länge von 14 m abgehoben. Es fanden sich aber keine Pfostenlöcher, die nach ihrer Tiefe und ihrer Lage für einen Torturm oder für die Wallversteifung in Frage kommen konnten. Wenn solche vorhanden gewesen wären, so hätten sie in dem harten Kalkfels unbedingt gefunden werden müssen.

Grabenprofil - alte Zeichnung

In Schnitt 4 war die Kulturschicht hinter Graben C in einer Länge von 3 m unterbrochen, und am nördlichen Ende dieser Unterbrechung war eine Vertiefung. Man könnte vermuten, daß diese Unterbrechung durch einen hinter dem Graben errichteten Wall verursacht war und die Vertiefung am Ende einen Pfosten oder ein Widerlager zur Wallversteifung aufgenommen habe. Aber diese Unterbrechung der Kulturschicht konnte in den benachbarten Schnitten nicht mehr beobachtet werden. Da in der Nähe des Horreums früher schon gegraben wurde, lassen sich auf diesen einmaligen Befund sichere Schlüsse für das Vorhandensein des Walles nicht bauen.

Auch im Torweg selbst fanden sich nur zwei Pfostenlöcher, die nach ihrer Tiefe und ihrem Durchmesser für einen Torverschluß in Frage kommen konnten. Ebenso zeigte sich auch hinter dem westlichen Grabenkopf, wo die Erde ebenfalls in einer Länge von 6 m 4 m breit abgehoben war, keine Spur von Pfostenlöchern. Es waren also hinter den Grabenköpfen von B und K keine den Tordurchgang flankierenden Türme vorhanden.

Die Erweiterungen auf der Südseite.

Eine Erweiterung der frühen Kastelle stellt die von den drei Annexgräben E, F und G (Taf. II, die Profile Taf. IV Fig. 1f-h) umschlossene Fläche dar.

Grabenprofil - alte Zeichnung
Grabenprofil - alte Zeichnung
Schnitt im Graben G

Die Gräben ziehen sich vom Südtor in flachem Bogen nach Südwesten bis an den westlichen Steilrand der Höhe, wo sie in scharfer Ecke nach Norden umbiegen, um dort in den nicht mehr vorhandenen Westtrakt des Grabens M oder L einzumünden. E und G haben nur einen Westgraben. Sie sind also gleichzeitig und unterscheiden sich von F‘ auch dadurch, daß sie keine Grabenunterbrechung haben.

So muß F zuerst der einzige Graben gewesen sein. E und G sind später angelegt worden. Sie sind dem Graben F nicht der Verstärkung wegen vorgelegt worden, sondern, um mehr Platz zu gewinnen, wobei dann F eingeebnet wurde. In der Spitze der Südwestecke von F fand sich das Bruchstück einer Sigillatatasse, wohl Dragd. 27 mit Stempelrest IN oder …NI. Die Breite der Gräben betrug 3,50 m, ihre Tiefe schwankte zwischen 1,20 und 1,60 m. Über den wieder zugefüllten Graben E hinweg zieht sich kurz vor seiner Einmündung in den gemeinsamen Westgraben eine Brandschicht mit zahlreichen Dachziegelbruchstücken, darunter eines mit Stempelrest und das Bruchstück einer Sigillataschüssel Dragd. 29 vespasianischer Zeit (Taf. XIV Fig. 26).

Grabenprofil - alte Zeichnung

Die Annexgräben sind wenig sorgfältig angelegt und können nur kurze Zeit offen gewesen sein, da die Einfüllung sehr arm an Kulturspuren ist. Das gilt vor allem auch von dem Graben Y, durch den diese frühen Anlagen vielleicht noch einmal um zwei Drittel ihres bisherigen Umfangs erweitert wurden. Die Art, wie diese Lagererweiterung an die Annexgräben angeschlossen ist, zeigt so recht den behelfsmäßigen Charakter dieser Erweiterung.

Die Breite von Y schwankte zwischen 3,50 und 4,10 m. Seine Tiefe hinter dem Südtor des großen Lagers betrug etwa 2,30 m. Die Füllung des Grabens zeigt fast gar keine Kulturspuren. Ein Schnitt (9) hinter dem Südtor des großen Lagers brachte zwei rot bemalte Tellerbruchstücke mit Viertelrundstab, Nachahmungen eines Sigillatatellers der älteren Form, die den unteren Teil der Wandung als ausgesprochene Kehlung zeigt (Taf. XVIII Fig. 70). Ein benachbarter Schnitt (10) zeigte in seiner Füllung das Profil eines Pfostens des großen Südtors.

Nach Osten nahm Graben Y an Breite und Tiefe ab. Er strebte hier offenbar auf den Steilhang jener Mulde zu, die vor dem Eisenbahnbau von Norden her vom Bregtal heraufzog, aber größtenteils durch den Eisenbahneinschnitt zerstört wurde. Nur der nördlichste Teil dieser Mulde ist noch vorhanden. Dort wurde durch drei Schnitte vergebens versucht, den Osttrakt von Y oder seine Umbiegung in die Nordfront zu fassen.

Die Gräben der übrigen Seiten.

Von den frühen Gräben der Ostfront wurde der äußerste durch den Eisenbahneinschnitt abgeschnitten, lange ehe er den Nordhang erreichte. Er endete in eine Spitze und hatte im letzten Schnitt eine Tiefe von 1,8 m bei einer Breite von 3,8 m. Die beiden inneren Gräben der frühen Ostfront konnten bis fast an den Nordrand der Lagerebene verfolgt werden. Sie nahmen beide nach Norden zu an Breite wie an Tiefe ab. Der nördlichste Schnitt von Graben O, etwa 15 m vom Nordhang entfernt, war nur noch 60 cm tief, der von A fast an der Nordgrenze des Ackers hatte bei einer Breite von 1,80 m eine Tiefe von einem Meter.

Graben A wurde durch zahlreiche Schnitte untersucht. Eine Grabenunterbrechung, die auf ein Osttor schließen ließe, wurde nicht gefunden. Die nördlichsten Schnitte zeigten auch keine Anfänge einer Umbiegung der Gräben von der Ostfront in die Nordfront. Freilich ganz am Nordrand der Lagerebene sind die Gräben überhaupt nicht mehr festzustellen, ebensowenig wie die Nordfront der späteren Anlage (s. u.). Hier zeigten sich nach Abhebung des Ackerbodens tiefe Klüfte.

Der Fels war in große Blöcke zerspalten und diese verschoben. Die Breg, die hier einmal ganz nahe an den Hang herangetreten sein muß, hat die Unterlage unterspült, so daß die oberen Bänke nachrutschten und nach der Breg zu absanken. Diese Bewegung ist auch heute noch nicht abgeschlossen, wie die Klüfte, die sich in den Äckern dort immer wieder öffnen, beweisen.

Ebensowenig wie von der Nordfront ist von der Westfront der frühen Anlage etwas vorhanden. Hier muß in nachrömischer Zeit ein Teil des Hanges wohl durch Steinbruch beseitigt worden sein. Obwohl die Gräben K, L, M soweit als möglich bis an den Hang hinaus verfolgt wurden, war auch hier von einer Umbiegung in die Westfront nichts zu erkennen. Doch muß der Westtrakt von L wohl in der Flucht des späteren großen Kastellgrabens verlaufen sein, der ihm vermutlich gefolgt ist. Freilich ist auch der große Kastellgraben durch den Hang beseitigt, aber sein Verlauf ist wenigstens festgelegt durch den 8 m weiter östlich parallel zu ihm verlaufenden Graben N 1. Denkbar wäre auch hier, daß man wie beim Westtrakt der Annexgräben sich infolge der natürlichen Sicherung durch den Steilhang mit einem Westgraben begnügte und die beiden anderen (K und M) in ihn einmünden ließ. Für K kann man das fast sicher sagen; denn sonst müßte seine Wendung in die Westfront durch Schnitt 11 noch erfaßt worden sein.

Die ganze Tafel II mit Zeichnungen über die Gräben und Schnitte in denen die Erdschichten beschrieben werden.

Die Innengräben.

Von der Raumdisposition im Innern der frühen Kastellanlagen steht nur eines fest: die Richtung der Hauptlagerstraße, die durch die Unterbrechung der Gräbchen nördlich von S festgelegt ist. Das Gelände nördlich von dem Gräbchensystem bei S enthält keine römischen Kulturspuren mehr. Dort ist die alte Oberfläche verschwunden, und eine kaum 10 cm starke Humusschicht bedeckt den hier anstehenden Trigonodusdolomit. Um dieses Gelände zu untersuchen, wurde an dem Ostrand des Grasweges entlang ein langer Suchgraben bis zum Wasserbehälter geführt, ein zweiter wurde von den Grabenköpfen des Systems S aus auf dasselbe Ziel hin angelegt. Aber beide Schnitte ergaben unter einer geringen Humusdecke den gewachsenen Fels. Um auch das Gelände weiter östlich nach Spuren abzutasten, wurden von dem Nordrand her gegen Süden die drei Schnitte Q, R und T in einem Abstand von etwa 10 m geführt. Der westliche stieß schon in geringer Tiefe auf das Gewachsene und zeigte keinerlei Kulturspuren. Der mittlere, der auf eine Länge von 60 m ausgehoben wurde, war bis in eine Tiefe von 2 m geführt, ohne daß man auf das Gewachsene oder auf eine Kulturschicht stieß.

Er legte an seinem Südende eine von Ost nach West ziehende Verwerfungsspalte frei. Hier waren die oberen Kalkbänke infolge der Verkarstung der Unterlage in die Tiefe gesunken. Der Schnitt verlief in der Längsachse des eingebrochenen Stückes. Da sich selbst in 2 m Tiefe noch keine römische Kulturschicht zeigte, so möchte man annehmen, daß der Einbruch erst in nachrömischer Zeit erfolgte oder sich wenigstens fortsetzte. Der östliche der drei Schnitte hatte in einer Tiefe von 1 m auf seiner Sohle stellenweise Brandstellen ohne nennenswerte Funde.

Unmittelbar neben diesem Schnitt war man schon 1913 21 m nördlich von der damaligen Grenzsteinlinie in eine schmale kanalartige Kluft (U) geraten, die in nordsüdlicher Richtung zog. Sie war aufgefüllt, und schon bald stieß man auf die Sockelplatte eines Votivsteins (bei Punkt 12), zu der sich dann auch noch einige Bruchstücke des Leibes mit Karniesrahmung und die untere rechte Ecke der Inschrift fanden (letzte Reste von 4 Zeilen, Taf. V Fig. 4a und b).

Foto eines Votisteins
Bruchstück mit RS und dann R eingemeißelt

Vergeblich wurde nach weiteren Fragmenten des Votivsteins gesucht. Die Kluft biegt etwas nach Westen aus, um dann die alte nordsüdliche Richtung wieder aufzunehmen. Sie ist voll von Schutt, Ziegeln, Barackenlehm, Scherben und vielen Knochen. Auch zwei römische Münzen, Claudius Nr. 7 und Vespasian Nr. 17, fanden sich darin.

Tafel IX


Keltische Münzen

1 Leuker, gut erhalten, Vorderseite Kopf n. I., Rückseite Eber, Gewicht 2,79 g
2 Dieselbe, etwas aufgequollen, Gewicht 3,96 g
3 Dieselbe, leicht beschädigt, Gewicht 3,15 g
4 Dieselbe, leicht beschädigt, Gewicht 3,75 g
5 Sequaner, fast vllständig erhalten, Voerderseite Kpf n.l., Rückseite Stier, Gewicht 4,65 g
6 Dieselbe, vollständig erhalten, Gewicht 5,1 g;
7 Dieselbe, aber aus hellem Potin, schlecht erhalten, Gewicht 4,8 g
8-12 Dieselbe, teilweise beschädigt

13 Ein ganz ähnliches Stück, von mir 1913 in der Villa rustica im Deggenreuschenwald bei Hüfingen gefunden

14-23 Dieselbe
24 Helvetier, ziemlich beschädigt, Rückseite gehörntes Tier,

Verzeichnis sämtlicher auf Gemarkung Hüfingen gefundenen Münze

So ist in den nordwestlichen Lagerpartien das Gräbchensystem nördlich von S das letzte, was erhalten geblieben ist, und auch hier ist die alte Oberfläche nicht mehr da, sondern nur noch die Vertiefungen, die Gräbchen und Mulden. Nördlich von dem Graben S und parallel zu ihm laufen in leichtem Bogen vier Gräbchen. Sie sind alle unterbrochen und markieren dadurch den Verlauf der Hauptlagerstraße. Diese Gräbchen zeigen sich im Frühjahr als nasse Streifen auf dem sonst trockenen Ackergelände, weil dieses nur eine geringere Humusschicht deckt und rascher abtrocknet als die in den Gräbchen befindliche Erde. Die Gräbchen wurden vom Grasweg aus durch mehrere Schnitte verfolgt und ihre Köpfe beiderseits des Lagerwegs freigelegt. Dann wurde im Anschluß an den schon 1913 abgeputzten Streifen ein weiterer abgedeckt (Taf. VIII Fig. 5).

Tafel mit Fotos verschiedener Bodenprofile. auf Foto 1 ist wieder der Mann mit Hut. Man sieht hier gut die alten Grabungsstätten

Tafel VIII

Wie schon die großen Kastellgräben, nahmen auch diese Gräbchen nach Westen zu bedeutend an Breite und Tiefe ab, ein Zeichen, daß hier im Verlaufe der Zeit ziemlich viel Boden abgetragen sein muß. Deshalb waren auch die Funde in dem abgedeckten Teil verhältnismäßig spärlich: Bruchstücke einer Bregenzer Schüssel, kleiner Bronzering mit Inschrift, Bodenstück eines Schälchens Dragd. 27, das Bronzebeschlägstück Taf. XI Fig. 18.

Tafel mit verschiedenen Fundstücken von Nummer 1 bis 103

Tafel XI

Beschreibung Tafel XI

Grabenprofil - alte Zeichnung

Auch westlich der Lagerstraße wurden die Gräben weiter verfolgt. Die Humusdecke nimmt hier an Dicke zu, und damit mehren sich auch die Kulturspuren und Funde. Hier geriet man bald in die Gräbchen der überlagernden Baracke Ib. Die Profile der Gräbchen nördlich von S zeigen meistens flache Böschungen und eine kleine Sohle. Zwei größere Gräben S und S3 flankieren zwei schmälere und flachere. Der breiteste ist S, dessen Profil Fig. 1i wiedergibt. Die Sohle hat in den Schnitten 17, 18 und 19 eine rinnenartige Vertiefung, wie sie für Wasserabzugsgräben charakteristisch ist. Für diesen Zweck spricht auch die Füllung der Sohle mit dunkler, eingeschlämmter Kulturerde. Schon 1913 waren diese Gräbchen durch ihre dunkle Füllung aufgefallen. Es können keine Barackengräbchen sein. Das zeigen die Profile.

Der Unterschied wurde besonders deutlich, als wir die schmalen und senkrecht in den Fels eingetieften Gräbchen der Baracke I kennen lernten.

Graben S kann aber auch nicht als Umfassungsgraben einer ältesten, womöglich noch vorrömischen Anlage gedeutet werden. Das Kartenbild des Grabens entspricht nicht seiner Bedeutung; seine Tiefe ist gering; sie schwankt zwischen 80 cm an der Westfront und 1,20 m in Schnitt 17. Das Ostende des Grabens ist etwas nach Norden abgebogen und sorgfältig ausgearbeitet. Das ließ zunächst an eine Torlücke denken. Aber die nördlich und östlich von dem Ende in mehreren Abständen gezogenen Suchschnitte zeigten, daß S hier wirklich zu Ende war und sich nicht nach einer Unterbrechung nach Norden oder Nordosten oder Osten fortsetzte. Um auch über die Zeitstellung restlose Klarheit zu schaffen, wurde der Graben in Schnitt 17 auf eine Strecke von 2,50 m ganz ausgehoben. Dabei wurde in seiner Tiefe außer der einheimischen Gebrauchsware eine weite halbkugelige Sigillataschale mit horizontal abstehendem Rand (Ritterling, Hofheim Typus XII und Knorr, Aislingen S. 76 zu Fig. 22) und die barbarische Prägung einer Lyoner Altarmünze gefunden. Die Füllung von Schnitt 19 enthielt mehrere Bruchstücke eines kleinen Sigillatatäßchens mit geknickter, im oberen Teil senkrechter Wand mit Stempelbruchstück. Die Gräbchen gehören zu den ältesten Innenbauten der frühen Anlage. Es gibt wohl kaum eine bessere Erklärung für dieses Gräbchensystem, als daß es den Zweck hatte, die dazwischen gelegenen Streifen zu entwässern und dadurch eine trockene Wohnebene für Zelte oder sonstige leichte Bauten zu schaffen. Die bei den Abdeckungen gefundenen Mulden und sehr flachen Quergräbchen mögen damit zusammenhängen.

Demselben Zweck wie die Gräben nördlich von S dienten auch die drei unter dem Pfeilerbau (dem Horreum) durchgehenden frühen Gräbchen (Taf. III Fig. 4).

Die ganze Tafel III mit Zeichnungen über die Gräben und Schnitte in denen die Erdschichten beschrieben werden.

Daß es keine Barackengräbchen waren, sieht man an den Profilen wie an der Art, wie das nördliche Q an der Ostecke
des Pfeilerbaues in leichtem Bogen in den Nordsüdgraben V einmündet (Taf. III Fig. 4). Auch die Füllung, schwarzer Schlamm, durchsetzt mit zahlreichen Funden, spricht dagegen. Das nördliche dieser Gräbchen (im Gewachsenen Breite 1,35 m, Tiefe 35 cm) begann in der Nähe des Ofens, Ost- und Westmauer des Pfeilerbaues waren über das Gräbchen hinweggeführt, ohne daß das Fundament der Mauer in dieses hinunter reichte. In diesem nördlichen Gräbchen fanden sich westlich des Pfeilerbaues zahlreiche frühe Funde:
Die Militärfibel Taf. X Fig. 9, die beiden Rosettenfibeln Taf. X Fig. 8 und 10, der Pionierpickel Taf. XIII Fig. 16, die Bruchstücke eines Henkels von Millefioriglas Taf. XIII Fig. 23, ein halbkugeliges Schälchen mit Grießbewurf und Bruchstücke eines Sigillatatellers mit Viertelrundstab.

Tafel X mit Fundstücken wie Haarnadeln Nummer 1 bis 66

Tafel X

Beschreibungen Tafel X

Tafel XII mit Speerspitzen

Tafel XII

Beschreibung Tafel XII

Das mittlere Gräbchen (im Gewachsenen 60 cm breit, 30 cm tief) mündete ebenfalls in den Nordsüdgraben V, der hier unter der Ostmauer des Pfeilerbaues liegt. Am Westende dieses Gräbchens lag ein römischer Spitzamphorenfuß mit Henkelbruchstück, das Bruchstück eines violetten Glasarmrings Taf. XIII Fig. 36, ein Sigillatatellerbruchstück mit Viertelrundstab und dom Stempel Felicis Taf. XVI Fig. 9, der bronzene Stiel eines Weinsiebs Taf. XII Fig. 6a und die Fibeln Taf. X Fig. 13, 26, 28 und 29. Das südlichste und mächtigste der Gräbchen (im Gewachsenen 1,56 m breit, 50 cm tief) endete nicht in dem Graben V, sondern in A. Sein Anfang konnte nicht mehr festgestellt werden. Aus seiner Tiefe stammt die rote Schüssel Taf. XVIII Fig. 78. Der Graben V hatte gegenüber der Nordostecke des Pfeilerbaues eine Breite von 1,5 m bei einer Tiefe von 1,65 m; er wurde nach Norden immer breiter und flacher und lief allmählich ganz aus.

Der Graben ergab gegenüber dem Pfeilerbau an Funden einen großen Schiebeschlüssel Taf. XII Fig. 18 und einen Breitmeißel aus Eisen Taf. XIII Fig. 3 sowie das Bodenstück eines Schälchens Dragd. 27 mit Stempelbruchstück Taf. XVI Fig. 31, wohl Acuti.

Im Innern des Pfeilerbaues wurde ein Wasserbehälter S von 6,5 × 8 m Grundfläche freigelegt. Er war 65 cm tief und mit einer 50 cm starken Lehmschicht ausgekleidet. Die Wände waren nach innen geböscht. Die Ostwand ist wahrscheinlich bei der Ausgrabung im Jahre 1823 zerstört worden; seine Westwand sitzt teilweise unter der Pfeilerbaumauer. Daß der Behälter älter ist als der Pfeilerbau, zeigt überdies das Postament I, das einfach auf die Lehmverkleidung aufgesetzt war (Taf. VIII Fig. 3).

Spuren von einer sonst bei solchen Anlagen vorhandenen Holzverkleidung waren nicht mehr zu erkennen. Vielleicht waren sie durch die erste Ausgrabung zerstört. Ähnliche Anlagen fanden sich in dem Erdkastell der Saalburg, Saalb. Jhrb. VI 1914-24 S. 25. Das Gräbchen R (im Gewachsenen 75 cm breit, 30 cm tief) mit waagrechter Sohle, diente wohl als Abflußrinne des Beckens. Es muß angelegt gewesen sein, ehe Graben V vorhanden war. Möglicherweise gehört der Behälter zu einer „Holzbadeanlage“, wie sie in Vindonissa gefunden wurde. Weitere Reste können durch die erste Ausgrabung des Pfeilerbaues zerstört sein. Reste eines „Lehmstreifs“, der aus der Südostecke des Baues bis zum Gräbchen R (Taf. III Fig. 4) nach Norden zog, wo er von der späteren Ostmauer abgeschnitten wurde, konnte Leonhard 1913 noch beobachten. Eine solche Anlage würde es erklären, weshalb der Graben B nicht hinter der ganzen Südfront durchgeführt war.

Tafel XIII mit Fundstücken

Tafel XIII

Beschreibung Tafel XIII

Die Tafel 14 mit den ganzen durchnummerierten Scherben

Tafel XIV

Tafel 15 mit den Bruchstücken von Vasen

Tafel XV

Tafel XVI sechzehn mit Bruchstücken

Tafel XVI

Beschreibung Tafel XIV, XV, XVI

Artefakte auf Tafel 17

Tafel XVII

Die Tafel 18 mit den ganzen durchnummerierten Scherben

Tafel XVIII

Beschreibung Tafel XVII+XVIII

Ziegel, Lampe und Steine

Die Baracken.

Die ganze Tafel III mit Zeichnungen über die Gräben und Schnitte in denen die Erdschichten beschrieben werden.

Wie bei den Wehrbauten handelt es sich auch bei den Baracken der frühen Kastelle um sehr leichte Anlagen, die im Boden oft nur dürftige Spuren hinterlassen haben. Es sind durchaus lange Bauten von geringer Tiefenausdehnung, durch zahlreiche Querwände in einzelne Contubernien eingeteilt, deren Breite durchschnittlich 3 m betrug. Eine Unterteilung nach der Tiefe war bei diesen frühen Baracken nicht vorhanden. Da die Bauten sehr leicht waren, wurden sie auch sehr oft verändert. Daher die zahlreichen Querwändchen, die sich oft nebeneinander wie die Geleise eines vielbefahrenen alten Weges im Boden einzeichneten. Oft sind die Spuren so schwach, daß wir sie nur bei umfangreichen Abdeckungen in ihrem System zu erkennen vermochten, so bei den frühen Barackengräbchen unmittelbar hinter dem Graben B.

So waren die Spuren von solchen Barackengräbchen auch nur östlich von dem Hauptlagerweg zu erkennen, weil westlich davon mit einem Teil der alten Oberfläche auch die wenig tiefen Gräbchen verschwunden sind. Aber auch östlich ist nicht mehr so viel erhalten, daß ein System in der Verteilung der Baracken mit Sicherheit zu gewinnen ist. Immerhin läßt sich doch einiges erkennen (vg). Taf. III Fig. 1, wo die älteren Barackengräbchen unschraffiert sind.

Die ältesten Baracken waren wohl nach dem Graben A orientiert. Dazu gehörto die Baracke 1a, die mit ihrem Gegenbau, der ersten Anlage von 1b, eine Doppelkaserne bildete. Vielleicht stellte das Gräbchen 18b die Rückwand einer zweiten solchen Doppelkaserne dar, die sich dann bis zur Nordwand von Baracke II erstreckt hatte. Dieses System wurdo, wie Baracke II zeigt, geändert, als Graben B angelegt und die Baracke II nach ihm ausgerichtet wurde (Taf. III Fig. 2). Innerhalb der Baracken wurde viel Barackenlehm gefunden, aus dem die Wände ausgeführt waren. Seine Stärke (etwa 1 cm) zeigt, daß es sich um sehr leichte Bauten handelte. Ziegelplatten wurden kaum gefunden, der leichte Oberbau hätte eine Ziegelbedachung nicht getragen.

Die Baracke Ia war die erste Baracke, die untersucht wurde (Taf. III Fig. 1). Der langgestreckte Bau konnte auf eine Länge von 33 m verfolgt werden. Die durchschnittlich 40 cm breiten Gräbchen sind mit senkrechten Rändern 20—30 cm tief sorgfältig in den Kalkfels eingeschnitten. Nach Süden zu verschwinden die Spuren allmählich, weil hier die Fundamentgräbchen nur in den Humus eingesetzt waren. Die im ersten Bericht genannten Pfostenlöcher dürften mit der Baracke nichts zu tun haben. Damit entfällt auch die dort genannte Tiefe von 11 m. Die Tiefe der Baracke dürfte vielmehr 4,5 m betragen haben. Die Rückwand ist in den Ostteilen noch zu erkennen, und am Westende dürfte sie durch das Grübchen 18a bezeichnet sein. Die einzelnen Contubernien hatten eine Breite von 3 m. Eine Unterteilung nach der Tiefe war nicht vorhBruchstücken einer claudischen Schüssel Dragd. 29 Taf. XIV Fig. 1anden. Funde aus dieser Baracke bestanden in zahlreichem Latènegeschirr, einem Sigillatatäßchen mit Strichelrand, reich profiliertem Sigillatateller, Bruchstücken einer claudischen Schüssel Dragd. 29 Taf. XIV Fig. 1, Potinmünze Nr. 9, Mittelerz des Tiberius (Divus Augustus) Nr. 3.

Nördlich von Baracke la war ursprünglich ein gleich leicht gebautes Gegenstück, dessen Spuren in der später wiederholt umgebauten Baracke Ib (auf Taf. III Fig. 1 schraffiert) stecken.

Die Baracke II gehört ebenfalls in die frühe Zeit (Taf. III Fig. 2). Sie verläuft parallel zu Graben B. Ihr voraus ging eine nach dem Graben A orientierte Anlage, die etwas nach Norden verschoben wurde, als Graben B gebaut wurde. Der Bau muß ebenfalls ungefähr 33 m lang gewesen sein, wenigstens bietet der Graben B soviel Raum für ihn. Im Ostteil waren Spuren der Baracke nicht mehr zu finden, obwohl durch mehrere Schnitte nach ihnen gesucht wurde. Dagegen waren die Barackengräbchen im Westteil sehr gut erhalten (Gesamttiefe 80 cm, Breite der senkrecht eingetieften Gräbchen 40—50 cm). Freigelegt und genau festgestellt konnten noch fünf Contubernien werden. Sie hatten eine durchschnittliche Breite von 3 m und zuletzt eine Tiefe von 7,5 m. Eine Unterteilung war nicht vorhanden, denn die Längsschwelle, die die Baracke im Innern durchzieht, gehört zu einer früheren, nach Graben A orientierten Anlage. Auch in dieser jüngeren Anlage wurden die Scheidewändchen zwischen den einzelnen Contubernien noch wiederholt versetzt. Die Funde in dieser Baracke waren:
gewöhnliches Geschirr fast nur einheimischer Technik, keltische Potinmünzen: eine vom Ebertyp Nr. 3, drei vom Pferdchentyp Nr. 15, 18, 19, Victoriat, Stempel des frühen südgallischen Töpfers Secundus (Taf. XVI Fig. 25), Sigillatabecher Dragd. 30 (Taf. XV Fig. 5), Fragment einer Schüssel Dragd. 29 (Taf. XIV Fig. 2).

Baracken III und IV (Taf. II, schraffiert). Die beiden Baracken laufen parallel zum Ostarm des Grabens Y, gehören also zur letzten Erweiterung des frühen Kastells. Bei Baracke III hob sich das Fundamentgräbchen der Nordwand in dem hier anstehenden Lehm durch seine senkrechten Ränder und die steinige Füllung vorzüglich ab, während die Gräbchen der Südwand weniger tief und teilweise unterbrochen waren. Das Ostende der Baracke war durch den späteren großen Kastellgraben abgeschnitten, östlich von diesem fand sich keine Spur mehr davon.

In einem Abstand von 9 m wurde weiter nördlich eine zweite, gleichgerichtete Baracke IV angeschnitten. Ihre in den blauen Lehm senkrecht eingetieften Gräbchen (Breite 40 cm, Tiefe im Gewachsenen 30 cm) waren in den östlichen Partien sehr deutlich zu erkennen. Nach Westen, wo Kalkstein ansteht, nahm die Tiefe der Gräbchen rasch ab, so daß westlich von dem Gräbchen N 2 keine Spur der Baracke mehr zu erkennen war. In der Nähe der Baracken fanden sich meistens Kochstellen und Abfallgruben. Die Kochstellen waren in der Regel an der großen Menge von Scherben, die mit Asche und Ruß zusammenlagen, zu erkennen. In dem gowachsenen Boden hoben sie sich als flache, rundliche Mulden ab, während die Abfallgruben bis zu 1 m tief in diesen eingeschnitten waren. Mehrere solche Kochetellen lagen in der Nähe von Barake III mit zahlreichen Scherben nur einheimischer Art. In der nördlichen dieser Kochstellen (15) fand sich auch die ausgezeichnet erhaltene Potinmünze Nr: 22 und ein Feuersteinschaber. Da diese Kochstellen bis an den Grabenrand von Y heranreichen, müssen sie früher sein als Y, also auch als die Baracke. Die Grube 46a ist eine Abfallgrube.

Auch südlich von Baracke Ia war ein soches Kochloch, und wenige Meter weiter südlich wurden die Reste eines Herdes oder Ofens freigelegt. Er hatte Achterform. Der größere, südliche Teil war von einer Steinsetzung umgeben, der kleinere war nur in Lehm eingetieft. Beide waren durch eine kleine Öffnung, die beiderseits von Steinen begrenzt war, verbunden. Im innern, größeren Teil sind Steine und Lehm rot verbrannt, im vorderen ist alles schwarz und voll Ruß und Brandschutt. Die Steine um den inneren Herd stehen an der Nordwestseite hochkant, hinten liegen sie. Im Innern des hinteren Herdes ist eine 13 cm tiefe, trapezförmige Grube in den Lehmboden eingelassen. Der Herd war etwa 60 cm in den umgebenden Lehm eingetieft, darüber lagen noch 75 cm Humus. Die Nordwestseite des Herdes ist später einmal abgerissen worden. Die Umgebung des Herdes lieferte zahlreiche Scherben von Flaschen, Krügen und Schalen in guter Latènetechnik. Es ist technisch die beste Ware, die hier gefunden wurde.

In der Nähe von Baracke II wurden zwei große Abfallgruben freigelegt; die eine an der Nordwand ohne bemerkenswerten Inhalt. Aus der großen, ovalen Grube (1,80 m lang, 80 cm tief) vor der Westseite der Baracke wurde zahlreiches Scherbenmaterial gehoben:
Fußstückeines Täßchens Dragd. 27 mit Stempel COSIVS VRAP (Taf. XVI Fig. 4),
Bruchstück einer Sigillataschale mit Kragenrand, eines großen Nigratellers mit hohem rechteckigem Fuß, ein fast vollständiger Teller in Nigra ohne Standring, dazu viele Bruchstücke schwarzer, geglätteter Ware und auch weiß und rot bemalter Ware, das frische Mittelerz des Tiberius (Divus Augustus) Nr. 4.

Die Dauerkastelle.

Zeigten die bisher behandelten Wehranlagen in der geringen Tiefe ihrer Gräben, der mangelnden Sorgfalt, mit der sie ausgehoben wurden, mehr die Merkmale feldmäßiger Befestigungsweise, so dürfen wir in den Wehranlagen des kleinen und des großen Lagers mehr das Bestreben sehen, diese behelfsmäßigen Anlagen durch eine für die Dauer berechnete Anlage, die mehr Widerstandskraft hatte, zu ersetzen. Der 6 m breite Graben J mit einer Tiefe von 3,20—3,90 m war ein gefährliches Annäherungshindernis, was uns besonders dann zum Bewußtsein kam, wenn die Arbeiter, die ihn ausgehoben hatten, die größte Mühe hatten, aus seiner Tiefe an den glatten Böschungen wieder emporzukommen. Er stellte auch an die Mannschaft, die ihn ausheben mußte, die größten Anforderungen, da er größtenteils in den harten Trigonodusdolomit eingeschnitten werden mußte. Von den frühen Kastellgräben in Rißtissen, Unterkirchberg, Waldmössingen erreicht ihn keiner an Breite und Tiefe. Nur der Graben des großen Lagers von Rottweil, der ihm auch zeitlich am nächsten steht, kommt ihm stellenweise gleich.

Die Umfassungsgräben des kleinen Lagers.

Die Südfront ist am besten erhalten. Da an ihr allein dessen Zeitstellung festgestellt werden konnte, so wurde sie durch neun die Spitze des Grabens J freilegende Schnitte untersucht. Wichtig für die relative Chronologie ist Schnitt 25 östlich des Südtors (Taf. III Fig. 3, Profil Taf. IV Fig. 1k und Ansicht Taf. VII Fig. 4).

Er zeigt deutlich, wie die helle Füllung des Grabens C durch die dunkle Füllung von J abgeschnitten wurde. Graben J ist also jünger als C. Besonders untersucht sind die Grabenköpfe des Südtors (Taf. III Fig. 3), des einzigen, das festgestellt werden konnte. Steil waren vor allem die Kopfböschungen. Der westliche Grabenkopf war in einer Breite von 3 m ausgehoben und erreichte eine Tiefe von 3,90 m (Profil Taf. IV Fig. 1m). Die Füllung zeigte oben eine 1 m starke Humusschicht, darin lagen zuoberst Bodenplättchen und Dachziegelbruchstücke, darunter einer mit Stempel der 11. Legion (Taf. XVI Fig. 41), darunter folgte eine 1,70 m dicke Schicht von lehmiger Ackererde mit wenig Steinen, dann über der Spitze eine 30 cm starke Lage von Rollkieseln, die offenbar zu Lebzeiten des Grabens in seine Spitze hinuntergerollt oder absichtlich hineingeworfen waren (vgl. Abt. A Strecke 1 S. 51 Anm. 2). An datierbaren Stücken fanden sich in 1,50 m Tiefe das Bruckstück der Sigillataschüssel Dragd. 29 claudisch-neronischer Zeit (Taf. XIV Fig. 8) und in 2 m Tiefe ein schwarzes Schüsselfragment mit eingebogenem Rand. Auch der östliche Grabenkopf wurde in einer Länge von 3,40 m ausgehoben und ergab dieselbe steinlose Erdfüllung und dieselben sorgfältig bearbeiteten Böschungen, aber auch dieselben dürftigen Einschlüsse: an Sigillaten zwei Bruchstücke einer Schüssel mit horizontal abstehendem Rand und die Sequanermünze Nr. 20. Bei diesem Schnitte wurde auch gleichzeitig der frühe Graben C (Taf. VII Fig. 5) und die Einmündung des die Grabenköpfe B, A und C verbindenden Gräbchens freigelegt (Taf.VII Fig. 6). Ebenso dürftig waren die Einschlüsse in den Schnitten in der Nähe der Südwestecke (Taf. II Punkt 2223): kleine Bruchstücke der schwarzen geglätteten und der mit roten und weißen Streifen bemalten Ware. Die Füllung bestand hier aus kleingeschlagenem Kalkschotter. Fundarm war auch der Schnitt 24, der die Nordböschung und die Spitze freilegte, und Schnitt 26, der die südliche Hälfte des Grabens und die Spitze aushob. Aus 24 stammt als einziges Fundstück das kleine Bruchstück aus Sigillata Taf. XIV Fig. 15. Die auffallende Fundarmut dieses Grabens, durch so viele Schnitte bewiesen, kann kein Zufall sein. Sie kommt daher, daß der Graben J nur kurze Zeit offen war.

Die Westfront des kleinen Kastells ist größtenteils nicht mehr vorhanden. Schnitt 33 zeigte noch einmal den ganzen Graben. Die Westböschung berührte aber schon an ihrem oberen Ende den Steilabfall des Galgenbergs nach dem Römerbad zu. In Schnitt 43 konnte die östliche Böschung eben noch festgestellt werden. Von hier ab ist der ganze nördliche Teil des Westgrabens nicht mehr vorhanden. Er ist wohl in früheren Jahrhunderten durch Steinbruchbetrieb beseitigt worden. Auch ganz in der Nordwestecke, wo heute die Lagerebene etwas weiter gegen Westen vorspringt und in die Flucht des Westgrabens eben noch hineinreichen müßte, zeigt sich keine Spur dieses Grabens, noch auch von der hier zu erwartenden Umbiegung in die Nordfront. Aber die Richtung des Grabens ist trotzdem festgelegt durch das 8 m weiter ostwärts parallel zu ihm verlaufende Gräbchen N, das soweit nach Norden verfolgt wurde, bis es ebenfalls den Hang erreichte. Das Gräbchen hatte eine Breite von 1,20—1,60 m, senkrechte Ränder und waagrechte Sohle, die etwa 50 cm in das Gewachsene eingetieft war. Von diesem Gräbchen zweigt nördlich von K ein kleiner Kanal nach Westen ab (11), der wohl der Ableitung des Wassers in den Kastellgraben diente. Da der Westgraben nicht mehr vorhanden ist, so eröffnete sich vielleicht hier die Möglichkeit, an einer Untersuchung dieses Gräbchens die Lage eines Westtors festzulegen, das ja durch die Notwendigkeit einer Verbindung mit dem Bad gefordert wird. Aber die Schnitte nördlich und südlich von 11 zeigten, daß das Gräbchen N nicht unterbrochen war. Leider ist die Umgebung der Stelle wegen der Wiese und der Nähe des Hanges, wo die Spuren verwischt sind, für eine umfassendere Untersuchung nicht geeignet.

Die Nordfront ist heute ganz verschwunden. Fast möchte ich bezweifeln, ob hier je ein Graben vorhanden war.
In Vindonissa, dessen Nordfront ebenfalls an einen Steilhang vorgeschoben ist, hält Laur-Belart (Vindonissa S. 16) einen Graben für überflüssig. Der ganze Nordhang ist durch die Verkarstung der Unterlage und durch die Unterspülung der Breg in
zahlreiche Klüfte zerspalten, die meistens ostwestlich, oft aber auch nordsüdlich verlaufen.

Heute ist der Hang künstlich mit einer Terrasse und mit einem Aufstieg versehen. Auf dieser Terrasse suchte Leonhard durch zwei Schnitte (39 und 40) den Nordgraben zu fassen. Bei den Profilen, die er dabei anschnitt, war es sehr zweifelhaft, ob sie nicht durch natürliche Klüfte entstanden waren. Ich suchte deshalb durch die Schnitte 37 und 38 in dem Wäldchen beim Wasserbehälter den Nordgraben zu finden. Der Schnitt 38 legte am Rande der Lagerebene einen stufenartigen Abfall frei, der in 1,50 m Tiefe in eine waagrechte Ebene aus festem Kalkstein überging. Auf der Höhe der letzten Stufe war eine Steinsetzung, auf der Scherben der späten Bronzezeit lagen, wie sie Schumacher vor der Ostfront des Kastells im Bahneinschnitt 1899 schon festgestellt hatte. Im Wege stehende Bäume verhinderten es, daß der Schnitt 37 bis an den Steilabhang des Berges hinausgeführt wurde; der zu diesem Zweck angelegte Schnitt 38 stieß alsbald auf den gewachsenen Fels. Von einem Kastellgraben fand sich keine Spur. In römischer Zeit sind hier überhaupt keine Veränderungen vorgenommen worden, wie die geschlossene bronzezeitliche Schicht zeigt. Ebensowenig erbrachten eine Spur von dem Graben die beiden Schnitte 35 und 36, die in der äußersten Nordwestecke der Kastellhöhe angelegt wurden, wo die Umbiegung in die Westfront hätte erreicht werden müssen.

Die Ostfront wurde schon von Leonhard mit sehr eng aneinander liegenden Schnitten nach einer Grabenunterbrechung vergebens abgesucht. Als ich die Suche hinter dem Graben wieder aufnahm, ausgehend von der Vermutung, daß nördlich der Vorhalle des Pfeilerbaues die Principalstraße die Umwehrung durchquert haben könnte, stieß ich statt des erwarteten Tores auf die Pfostenlöcher der Walltürme. Die Ostfront wurde in zwei ganzen Schnitten geschnitten. In der Füllung lagen teilweise große Kalkblöcke, wohl vom Wall stammend, die in den Schnitten auf der Südfront vollständig fehlten. Die Nordostecke ist durch den Eisenbahneinschnitt beseitigt.

Hinter der Ostfront fand sich auch wieder das Gräbchen N. Es war, wie die Untersuchungen Jacobis im Erdkastell der Saalburg gezeigt haben, ein Entwässerungsgraben für die Aufnahme des Regenwassers des Walles und begrenzte das Intervallum. Da dieses Gräbchen hinter der Südfront des kleinen Lagers nicht gefunden werden konnte, wohl aber hinter der Ostfront des großen, so gehört es nur der letzten Lagerperiode an, und dem entsprechen auch die in ihm gemachten Funde.

Die Walltürme des kleinen Lagers.

Nachdem die Pfostenlöcher hinter der Ostfront als zu Walltürmen gehörend erkannt waren, wurden in einem Abstand von 1 m hinter dem Graben 1—1,50 m breite lange Streifen abgedeckt, um die vordere Flucht dieser Türme zu fassen. Der durchschnittliche Abstand der einzelnenTürme betrug 12-13 m. Die vier Pfostenlöcher eines Turmes umschlossen eine Fläche von 3,5 x 3,5 oder von 3,5 x 4 m. Die Pfostenlöcher hatten einen Durchmesser von 1 m und waren ebenso tief in den Fels eingehauen. Auch hier war meistens an der dunkleren Färbung der eigentliche Pfosten mit einem Durchmesser von etwa 25 cm zu erkennen (Taf. VIII Fig. 6). Nördlich der Einmündung von Gräbchen N 2 in den Kastellgraben konnten trotz breiter Abdeckung keine Pfostenlöcher mehr gefunden werden. Dagogen fanden sie sich hinter der westlichen Hälfte der Südfront des kleinen Lagers. Östlich des Tores wurde systematisch nur bis auf die Höhe des Grasweges gesucht. An der Westfront konnten die drei Pfostenlöcher des südlichen Wallturmes (bei 42) noch festgestellt werden.

Das vierte sitzt in der Füllung von Graben M. Auch von dem in der Eckabrundung der Südwestecke des kleinen Lagers stehenden Turm konnten die vier Pfostenlöcher freigelegt werden, und gleichzeitig wurde festgestellt, daß dieser Turm der Lagererweiterung dadurch angepaßt wurde, daß parallel zur neuen Grabenrichtung zwei vordere Pfostenlöcher neu ausgehoben und für die hinteren die zwei übereck stehenden Pfostenlöcher des früheren Turmes verwendet wurden. Bei all diesen Abdeckungen wurden keine weiteren Pfostenlöcher für die Wallversteifung gefunden. Nur in der Mitte zwischen zwei Türmen an der Ostfront war ein Paar wenig tiefer Pfostenlöcher, die diesem Zweck gedient haben können. Dieselbe Beobachtung machten wir an Ost- und Südfront des großen Lagers. Wir haben also für den Aufbau des Walles keine anderen Anhaltspunkte gewinnen können als die Walltürme; die Entfernung ihrer vorderen und hinteren Pfostenlöcher (3-3,5 m) würde der bei anderen frühen Lagern wie Vindonissa und Novaesium beobachteten Breite des Walles von 10—12′ = rund 3 m entsprechen. In Erdlagern waren die Zwischentürme bis jetzt nicht festgestellt. Sie finden sich aber bezeichnenderweise in den beiden benachbarten frühen Steinkastellen Waldmössingen und Sulz.

Das Südtor des kleinen Lagers.

Die Erdbrücke zwischen den beiderseitigen Grabenköpfen J beträgt 8 m, genau soviel wie in Rißtissen (Taf. III Fig. 3). Die Stirnseiten der Grabenköpfe stehen nicht senkrecht auf der Längsrichtung des Grabens, sondern passen sich in ihrem Verlauf der Lagerstraße an, die von der früheren Anlage übernommen wurde. Hinter den Grabenköpfen liegen beiderseits die Pfostenlöcher der flankierenden Türme, je sechs. Der westliche Turm konnte eingehend untersucht werden. Die Pfostenreihe springt um eine Pfostenbreite über den Grabenkopf vor, so daß dadurch der Torweg etwas verengert wird. Der Turm bedeckt mit den sechs Pfostenlöchern eine Fläche von 4 × 6 m. Er erhebt sich 2 m hinter der inneren Böschung des Grabens. Die vordere Pfostenlochreihe geriet in den früheren Graben P. Die durch die Eintiefung des westlichen vorderen Pfostenlochs entstandene Aussparung in der Böschung war noch deutlich zu erkennen. Die Pfostenlöcher entsprachen in ihrer Tiefe und Größe denen der Walltürme. Von dem östlichen Torturm konnten wegen der Bebauung einige Pfostenlöcher nicht mehr freigelegt werden.

Die Umfassungsgräben des großen Lagers.

Wichtig für das Verhältnis von dem großen und dem kleinen Lager war Schnitt 28 durch die Südostecke des kleinen Lagers. In ihm war die Westböschung des großen Kastellgrabens künstlich aus großen Kalksteinen aufgesetzt, und erst in einem Abstand von 1,5 m hinter dieser Böschung lag die natürliche Böschung des Grabens J, der hier bereits in der Umbiegung in die Südfront begriffen war (Taf. II, Profil Taf. IV Fig. 1n, Ansicht Taf. VIII Fig. 8). Diese künstliche Böschung wurde im Schnitt 28 2 m weit nach Norden verfolgt. Schnitt 27 wurde dann so angelegt, daß er auf die Stelle treffen mußte, wo die in Schnitt 28 angeschnittene künstliche Böschung auf der natürlichen aufsaß (Taf. VIII Fig. 7). Dieselbe Feststellung wurde auch durch einen Schnitt durch die Südwestecke gemacht (Taf. II).

Alle diese Schnitte zeigten, daß die Südfront des Grabens J beiderseits durch künstliche Böschungen gegen Osten und Westen abgedämmt war. Das kann nur geschehen sein, als die Südfront um 58 m nach Süden vorgeschoben und damit das kleine Lager zum großen erweitert wurde. Das kleine ist also das frühere, das große das spätere. Die Grabenprofile des erweiterten Kastells sind etwas anders als die des kleinen. Während das Profil des Grabens J (Taf. IV Fig.1 m) das normale römische Grabenprofil darstellt, das einem gleichseitigen Dreieck nahekommt, zeigen die Schnitte am Südtor des erweiterten Lagers einen Knick in der inneren Grabenbüschung (Taf. IV Fig. 1o). Die Böschung verlief zunächst flach, um dann nach einem Knick in der halben Tiefe steil in eine scharfe Spitze auszulaufen. Über dem Knick durchzog den Graben eine etwa 40 cm starke Schicht besonders dunkler Kulturerde.

Hier lagen die meisten Funde. Der Graben ist offenbar nicht lange ganz offen geblieben und hat nach der Zufüllung der Spitze als breitsohlige Mulde offen gelegen zu einer Zeit, als das Lager eine besonders starke Belegung erfuhr, deren Niederschlag die Schicht dunkler Kulturerde ist.

In Schnitt 29 lagen in dieser Schicht viele Bruchstücke des Bechers Dragd. 30 Taf. XV Fig. 9. Unter dem aus den Schnitten am Südtor des großen Lagers gewonnenen Scherbenmaterial herrscht die Gebrauchsware römischer Technik vor. An Sigillaten
fand sich tief im westlichen Grabenkopf (Schnitt 30) das Bodenstück einer Schüssel mit dem Stempel C. AN PATR (Taf. XVI Fig. 1). In Schnitt 31 lag an der Oberfläche der dunklen Schicht das Bruchstück einer Schüssel Dragd. 29 (Taf. XIV Fig. 14) und das Fußstück eines Schälchens Dragd. 27. In der Tiefe des Grabenkopfs lagen außerdem viele Bruchstücke von Dachziegeln und Bodenplättehen. Der östliche Grabenkopf konnte nicht ausgehoben werden, da er unter dem Zufahrtsweg liegt. In den Schnitten durch den Westzug des Grabens J bestand dessen ganze Füllung aus dunkler Erde. In Schnitt 32 lagen in der Grabenspitze das Bruchstück eines kleinen Täßchens mit Strichelrand und das Stempelbruchstück Taf. XVI Fig. 18 des Töpfers Patricius.

Das Südtor des großen Lagers.

Betrug die Erdbrücke zwischen den beiderseitigen Grabenköpfen im kleinen Lager 8 m (Tat. III Fig. 3), so hatte sie hier die ungewöhnliche Breite von 12,50 m (Fig. 5). Ebenso groß war auch der lichte Abstand der beiden Flankierungstürme, da die Innenseite der Türme mit den Stirnseiten der Gräben auf gleicher Höhe liegt. Die Gesamtbreite der Toranlage beträgt 22,8 m, die Tiefe 7 m, die Gräben nicht mitgerechnet. Die Tortürme sind nach dem Weg orientiert, der den Südgraben in spitzem Winkel schneidet, nicht nach dem Südgraben selbst.

Die Fläche, die jeder der beiden Flankierungstürme bedeckte, betrug 7,5 x 4,5 m. Das mittlere Pfostenlochpaar war von dem vorderen rund 3 m, von dem hinteren 3,5 m entfernt. Die Pfostenlöcher des Westturms waren in den Kalkfels eingehauen, die des Ostturms in Lehm. Sie hatten die übliche Größe und Tiefe. Meistens war auch hier an der dunkleren Färbung der Füllung der Pfosten selbst deutlich zu erkennen, und zwar sofort nach Abhebung der Ackererde und besonders scharf bei den in Lehm eingeschnittenen Pfostenlöchern des Ostturms. Der westliche hintere Pfosten des Tordurchgangs zeigte sich im Profil des Schnittes 13 durch den Graben Y. Er hatte in der Grabenfüllung eine Länge von 1,40 m bei einem Durchmesser von 25 cm.

Dieser Pfosten und die Breite der Torlücke veranlaßte mich, nach weiteren Pfosten des Tordurchgangs zu suchen. Das Ergebnis war die vierschiffige Toranlage, deren einzelne Pfostenlöcher sich sehr deutlich abhoben. Die außerordentliche Größe der Toranlage erklärt sich wohl daraus, daß es das einzige Tor war, das für den größeren Verkehr in Frage kam. Nördlich des Tores wurde der Lagerweg auf seiner Westseite von einem flachen Gräbchen begleitet. Um so merkwürdiger war, daß außerhalb des Lagers keine Spur von dem so wichtigen Zugangsweg gefunden werden konnte, weder von einer Kiesschüttung oder Stickung, noch von begleitenden Straßengräbchen, obwohl danach gesucht wurde, sowohl durch den Schnitt unmittelbar quer vor dem Tor wie durch die langen, den Grasweg begleitenden Schnitte, von denen der westliche bis an die Dögginger Straße geführt wurde. Auch ein langer Querschnitt, der die verlängerte Flucht des Weges an der Dögginger Straße schneiden sollte, brachte wie die anderen nicht die geringsten Spuren.

Innenbauten der Dauerkastelle.

Zu den Innenbauten der Dauerkastello gehört die Baracke Ib (auf Taf. II und Taf. III Fig. 1 schraffiert). Sie war wohl einstens ebenso leicht errichtet wie das Gegenstück Ia. Das war nach den in la gemachten Funden in claudischer Zeit gewesen. Aber später wurde an ihrer Stelle ein soliderer Bau errichtet. Die sorgfältig in den gewachsenen Fels bis zu 60 cm eingetieften Fundamentgräbchen zeigen den Unterschied der beiden Barackenbauten mit aller Deutlichkeit. Liegt am Westende der Baracke nur wenig Ackerboden auf dem Gewachsenen, so daß dieses vom Pflug aufgerissen ist und die Feststellungen erschwert sind, so sind die Barackengräbchen vom zweiten Contubernium von Westen her ausgezeichnet erhalten. Im Ostteil der Baracke aber ist durch den nahen Einbruch der Kalktafel der Fels zerbröckelt, und dadurch sind die Gräbchen schwerer zu erkennen.

Der Grundriß (Taf. III Fig. 1, wo die ältere Anlage unschraffiert, die jüngere schraffiert ist) zeigt in der doppelten Vorder- und Rückwand wie in den doppelten Scheidewänden zwischen den einzelnen Zeltgenossenschaften, daß hier zwei Perioden übereinander liegen. Der älteren Periode gehören die nördliche der beiden Längsschwellen und die östlichen der Querwändchen an. In beiden Bauten bestanden die einzelnen Contubernien aus zwei hintereinander liegenden Räumen von 7,5 m Tiefe. In dem älteren Bau schied das Gräbchen III die beiden hintereinander liegenden Räume derselben Zeltgenossenschaft. Dieser Bau wurde durch Brand zerstört, denn in der Tiefe des Fundamentgräbchens der Nordwand fanden sich die verkohlten Reste der Längsschwelle. Darüber war helle Kalkerde eingefüllt. Ebenso wurde auch das Gräbchen der Scheidewand III, die die beiden hintereinanderliegenden Räume trennte, wieder eingefüllt. Dann wurde der Bau einen halben Meter weiter nach Süden von neuem erstellt und dabei für Nord- und Südwand neue Fundamentgräbchen gezogen und im Westteil neue Querwändchen. Aber auch im Innern wurde die Raumverteilung geändert. Waren früher die beiden hintereinander gelegenen Räume ungefähr gleich groß gewesen, so stand jetzt dem vorderen Gemach nur noch ein Drittel des Raumes zur Verfügung. Auch dieser zweite Bau ist durch Brand zerstört worden. Die Brandschicht lagert über dem nördlichen Teil der Baracke und füllt ihre Fundamentgräben aus. In die Fundamentgräben des zugedeckten ersten Baues konnte sie nicht eindringen und kennzeichnet diese damit als zur ersten Periode gehörig. Für die Längsschwelle im Innern der Baracke war das besonders deutlich im Gräbchen O. Dieses Gräbchen war ebenfalls mit Brandschutt aufgefüllt. Da, wo Gräbchen O den Graben III schnitt, war diese Brandschicht auf beiden Seiten scharf begrenzt und breitete sich nicht seitwärts in den Graben III aus, weil dieser zur Zeit des zweiten Brandes schon eingedeckt war.

Der Brand ließ sich zeitlich durch zahlreiche Funde aus der Brandschicht und der Baracke festlegen. Aus dieser oberen Brandschicht wurden von mir selbst an Münzen gehoben das frische ME. des Nero Nr. 11 und das des Vespasian Nr. 8 . Außerdem wurden gefunden die beiden vollständig abgeschliffenen republikanischen Silberdenare (GEns Nonia und Rubia Nr. 6 und 7). An Sigillaten lagen in der Brandschicht die verbrannten Bruchstücke des Bechers Dragd, 30 Taf. XV Fig. 17, Ferner wurde gefunden der jetzt graue Teller mit Viertelrundstab und Stempel …lo fec, (Taf. XVI Fig. 36).

Die Brandkatastrophe muß demnach in den ersten Jahren Vespasians eingetreten sein. Dem entsprechen auch die sonst in der Baracke gemachten Funde: die beiden stempelfrischen Mittelerze Neros und ein drittes durch Brand zerstört, zwei ebenso frische Mittelerze Vespasians. Dazu kommen die Sigillaten:
Teller Dragd. 18/31 mit Stempel Primul Taf. XVI Fig. 22,
das Bruchstück mit Stempel Of. Bassi Taf. XVI Fig. 2.

Die gewöhnliche Ware zeigte römische Technik, darunter eine Reibschale mit Stempel C. Atisius Gratus Taf. XVI Fig. 43. Besonders reich waren die Bronzegegenstände von der Soldatenausrüstung (Taf. XI-XIII): Gürtelhaken, Ösenlaschen, Riemenkappen, Gürtelschnallen, Schnallen vom Panzer, Backenschutzplatte; von der Pferdeausrüstung: Riemenlaschen mit Ring, Schnalle vom Sattelgurt, Phalerae, Anhänger, Sporn; dazu Teile von Gebrauchsgegenständen: Kasserollengriffe, halbkugelige Bronzeschale, gerippte Glasschalen, Spielknöpfe aus Glasflußs, Würfel, gerippte Tonperlen, Lampen und Speerspitzen, Bogenschuhe.

Der Pfeilerbau.

Der einzige Bau mit gemauertem Fundament gehört schon seiner Orientierung nach der letzten Lagerperiode an. Er wurde bereits 1823 von Rehmann ausgegraben. Wir besitzen von dieser Grabung einen Plan (1 : 20) aus dem Nachlasse Heinrich Schreibers im Freiburger Stadtarchiv. Leider fehlt ein gleichzeitiger Ausgrabungsbericht. Die erste Beschreibung lieferte Fickler, Die Altertümer der badischen Baar S. 168 erst 24 Jahre später; er stützte sich dabei auf die Erinnerungen

eines Augenzeugen der Grabung, des Oberlehrers Reich, des Vaters des bekannten Malers und Schriftstellers Luzian Reich. Dieser Bericht ist nicht ohne Irrtümer.

So sind die Substruktionen der drei Mittelpfeiler im Innern als Gruben bezeichnet. Der Bau (16,50 bzw. 16 × 27 m) ist ein sogenannter Pfeilerbau (Abt. B Bd. VII Nr. 66a Kastell Urspring S. 20). Er hat an den beiden Langseiten je acht um 90 cm über die Mauerflucht vorspringende Pfeiler, während über die beiden Giebelseiten nur zwei Pfeiler in der Verlängerung der Langseiten vorspringen. Von uns wurden die vier Ecken des Gebäudes (Taf. VI Fig. 2), die drei nördlichen Pfeiler der Ostseite und der dritte der Westseite freigelegt. Die Mauerstärke betrug 90 cm. Das Mauerwerk besteht aus unbehauenen Bruchsteinen, die durch möglichst viel Mörtel zusammengehalten sind; es ist ohne Fundamentgrube auf das Gewachsene aufgesetzt, teilweise auch auf die Auffüllung der unter dem Bau durchziehenden früheren Gräbchen. Es hat heute nur noch eine Höhe von 15-20 em und ist teilweise bis auf die letzte Schicht ausgebrochen.

Nach dem Grundriß handelt es sich um ein Horreum, einen Bau, wie er sich in zahlreichen Kastellen am Limes bei uns und in England findet, wenn auch in Hüfingen über Funde von Getreideresten wie bei anderen Horrea nichts berichtet wird. Mit diesem Zweck des Baues hängen auch die drei Reihen von aufgemauerten Postierungen im Innern zusammen (Taf. VIII Fig. 3), denen an den beiden Giebelseiten Verstärkungen der Mauer entsprechen, die nicht im Verband mit der Umfassungsmauer, also wohl nachträglich aufgeführt sind. Sie waren die Widerlager für die drei Unterzüge, auf denen der Schwebeboden, wie er für solche Räume verlangt wurde, auflag. Die dreischiffige Anlage im Innern erinnert sehr stark an den ähnlichen
Bau von Haltern, der dort als armamentarium gedeutet wird (Röm.-German. Korrespondenz- bl. VI 1913 S. 20). Es ist sehr wohl möglich, daß die drei Mittelpostamente als Unterlage für Balken dienten, die den First trugen, während die seitlichen das Dach tragen helfen mussten und zugleich die Lagerböden gegen den mittleren Durchgang abtrennten. Ich halte es kaum für möglich, daß das primitive Mauerwerk der Umfassungswände bis auf die Höhe des Daches emporgeführt war, sondern daß es nur als Sockel diente für einen darüber errichteten Holzbau.

Das Römerbad.

Das Bad wurde von dem fürstenbergischen Leibarzt Rehmann mit den Mitteln des Fürsten Karl Egon II. 1821 ausgegraben und mit einem Schutzdach versehen, dem seine Erhaltung zu verdanken ist. Ein sorgfältiger Plan mit Querschnitten und Ansichtsskizze berichtet über den Zustand bei der Ausgrabung (Taf. V Fig. 2).

Tafel 5 mit Römerbad und Votivstein

Auch ein eingehendes Verzeichnis der damals gemachten Münzfunde wurde angelegt. Leider erstattete Rehmann keinen Ausgrabungsbericht, obwohl der Freiburger Historiker Heinrich Schreiber immer wieder darauf drängte.

Als Ersatz dafür mögen einigermaßen dienen der Bericht eines Schülers von Schreiber, Josef Frick, in dem Herbstprogramm des Freiburger Lyceums vom Jahre 1824 und vor allem der bisher viel zu wenig herangezogene Brief Schreibers vom 5. November 1822, der eine vollständige Beschreibung des Bades enthält (Fürstl. Fürstenberg. Archiv). Dann hat Fickler das Bad beschrieben in seinem oben zitierten Aufsatz. Seine Darstellung diente fast allen späteren als Grundlage.

Die auflagernde Humusdecke war in den südlichen Teilen der Ruine bedeutend stärker als in den nördlichen. Daher waren die nördlichen Partien, wo schon vor der Grabung Steine weggeführt worden waren, stärker zerstört als die südlichen. Raum A nimmt fast die ganze nördliche Hälfte des Baues ein. Die Umfassungsmauer dieses Raumes ist heute an der Nordseite nur noch in dürftigen Spuren vorhanden. Ob eine Lücke in der Westmauer, wie sie die Ansicht des ausgegrabenen Bades zeigt, einstens als Eingang diente, darüber ist in den Berichten nichts gesagt. Der nahezu quadratische Anbau C an der Nordostecke (4,80 × 5,05 m) war schon bei der Ausgrabung nur sehr dürftig erhalten.

Der Rundbau B an der Nordwestecke, dessen Vorhandensein schon Leichtlen in einem Brief vom 22. Februar 1822 bezweifelte, und der deshalb später in den Plänen oft weggelassen wurde, war tatsächlich vorhanden. Die Umfassungsmauer des Rundbaus ist da, wo sie an der nördlichen Umfassungsmauer ansitzt, noch in einer Höhe von 80 cm erhalten. Auch außerhalb des Schutzbaues habe ich sie durch Grabung festgestellt. Bei dieser Grabung fand sich im Innern der Rundung ein Heizkachelbruchstück. Der Raum ist nachträglich angebaut, dafür spricht auch die Heizkachel, da Heizkacheln bei der ursprünglichen Anlage noch nicht zur Verwendung kamen. Man wird in dem Raum ein heizbares Winterapodyterium zu sehen haben, dessen Bau wegen des kalten Klimas der Baar notwendig wurde. Ein Raum in ähnlicher Lage im Bad von Marienfels.

alte Zeichnung zum Badebäude mit Caldarium, Tepidarium und Abdeckplatte der Brüstung des Wasserbeckens im Apodyterium und Wanne im Frigidarium

Inmitten des großen Raumes A (17,60 × 13,90 m) ist ein gemauertes Wasserbecken von einer lichten Weite von 4,60 × 6,60 m, dessen Aufbau von Fickler und seinen Nachfolgern durchaus unrichtig dargestellt ist. Heute ist von seinem aufgehenden Mauerwerk nur noch die Südwestecke und die Südwand einigermaßen erhalten (Taf. VI Fig. 7). Wir bewundern noch heute die sorgfältige Abdichtung des Beckens (Taf. III Fig. 7). Der Boden hatte zunächst unmittelbar über dem gewachsenen Boden eine etwa 20 cm starke Stickung aus auf die Kante gestellten Kalksteinen; darüber lag zur Abdichtung eine Lehmschicht, darüber folgte wieder eine Lage von Kalksteinen als Grundlage für den darauflagernden Estrich, der nach oben mit immer feinerem Ziegelschlag durchmischt war. Darauf folgten erst die auf die Kante gestellten, nach Art des Opus spicatum angeordneten Ziegelplättchen, die an den Rändern des Beckens von 55 cm breiten Dolomitplatten umgeben waren. Die ganze Dicke der Isolierschicht betrug 80 cm. Ebenso sorgfältig wie der Boden waren auch die Umfassungswände abgedichtet. Sie bestanden zunächst aus einer 60 cm starken Bruchsteinmauer. Ihr folgten nach innen in einem Abstand von 15 cm aufrechtstehende Dolomit- und Sandsteinplatten, die in Falze der den Rand des Beckens umgebenden Dolomitplatten aufsaßen. Der Zwischenraum zwischen den Dolomitplatten und der Bruchsteinmauer war zur Abdichtung mit Ziegelestrich ausgegossen. Um die Isolierung zu vervollständigen, war außerdem noch um die Umfassungsmauer des Beckens eine 1 m dicke Lehmschicht herumgelegt. Diese Lehmschicht war oben mit Dolomitplatten abgedeckt, die eine flache Rinne hatten (Taf. IV Fig. 2b). Sie lagen mit leichter Neigung nach außen auf gleicher Höhe wie der Fußboden des umgebenden Gemachs‘). Wie die übrigen Teile der das Becken umgebenden Brüstung abgedeckt waren, war anscheinend schon bei der Ausgrabung nicht mehr ganz sicher. Nach den Querschnitten auf dem Plan (Taf. V Fig. 2) war auch die Mauer mit einer Dolomitplatte abgedeckt, die auf derselben Höhe lag wie die äußere Platte mit der Rinne, und die inneren aufrecht stehenden Dolomitplatten reichten auf dieselbe Höhe hinauf.

In der Mitte des Beckens nimmt Schreiber eine Trennungswand an, was nicht unwahrscheinlich ist. Solche Doppelbecken zeigen z. B. die Kastellbäder von Köngen und Stockstadt. In der Nordwestecke des Beckens waren Stufen, auf denen man hinunterstieg. Die unterste Stufenplatte ist noch in situ, hintergossen von Ziegelestrich. Nach dem Abstand dieser Platte von der Ecke ist noch Raum für zwei überlagernde Stufen vorhanden. Nach den Untersuchungen von Krenker wird man den Raum als überdecktes Apodyterium deuten müssen.

Das südlich anschließende Gemach D (5,37 × 8,45 m) hatte denselben Boden wie das Becken des vorhergehenden Raumes A. In der Nord- und Südostecke sind noch Reste vorhanden, überdeckt von dem die Wände bekleidenden Wasserestrich, so daß man auch hier Badewannen vermuten muß. Nicht ohne Grund endet der Wasserabzugskanal gerade an der Nordwand dieses Raumes. Er geht nicht, wie manche Pläne es andeuten, unter diesem Raum hindurch, was ich durch Grabung festgestellt habe. Da der Fußboden dieses Gemachs sehr hoch liegt, sind seine Umfassungswände weitgehend zerstört. Nach dem Tepidarium zu ist noch eine Schwelle sichtbar mit merkwürdig gerundeter Oberfläche. Die Ostwand öffnet sich in ein Badebecken (2,87 × 4,10 m), dessen Boden etwa 1,20 m tiefer liegt als der Boden von Raum D. Einige Stufen, deren Spuren bei der Ausgrabung noch sichtbar waren, führten in das Becken hinunter aus dem Bad nur in der obersten Einfüllung von Graben J. Es sind Bodenplättchen und Dachziegel zum Teil mit Stempel der 11. Legion, und zwar demselben Stempeltyp, wie er auch im Bad gefunden wurde. Als das Bad gebaut wurde, war also der Graben J schon eingefüllt. Ziegel der 11. Legion können erst im Jahre 70 nach Hüfingen gekommen sein. Nach dem Jahre 74 ist die Besatzung alsbald abgezogen. Das Bad muß also zwischen 70 und 74 gebaut worden sein. Damit stimmt auch die Münzreihe des Bades überein: mit Vespasian schnellt sie auf 16 Stück empor, während die Kaiser vor und nach Vespasian nur mit wenigen Stücken vertreten sind. Es ist wohl das älteste sicher datierbare Bad der Dekumatlande und nimmt unter diesen deshalb auch eine gewisse Sonderstellung ein. In den späteren Bädern fehlt das große, die Hälfte des ganzen Bades einnehmende Apodyterium mit dem großen Becken in der Mitte.

Auch hat bei den späteren Bädern die Erfahrung zu einer vorteilhafteren Anordnung der unterheizten Räume geführt. Bei den späteren Büdern sind Caldarium und Tepidarium in einer Achse hintereinander gereiht, wodurch die Luftzirkulation unter dem Hohlboden erleichtert ward. Auf das Labrum und die Wandheizung durch Nischen und Warzenziegel ist als Einrichtungen einer älteren Epoche schon hingewiesen worden.

Tafel VI mit Fotos aus dem Römerbad

Der Hüfinger Storch während der Sonnenfinsternis

Storch auf St. Verena vor Vollmond

Unten Fotos während der Sonnenfinsternis am 12. August 2026 um 20:20 Uhr.

Fotos von Thomas Kring

26. Mai 2026

Dieses Jahr gibt es zwei Jungstörche.

Fotos von Thomas Kring

  • Storchennest auf St. Verena und Gallus am 15. Mai 2026. Storch mit zwei Babies
    Nest auf St. Verena und Gallus am 25. Mai 2026

16. Februar 2026

Dieses Jahr war der 1. Storch schon am 27. Januar auf dem Kirchturm und inzwischen ist auch seine Frau hier. Exakt am selben Tag, dem 16. Februar, wie letztes Jahr.

Störche auf Verena und Gallus
Störche auf Verena und Gallus
Störche auf Verena und Gallus
Störche auf Verena und Gallus
Störche auf Verena und Gallus

16. Februar 2026

Die drei Storchenkinder am 18. Juni 2025

Die Dohlen auf St. Verena wären auch mal einen Artikel wert.

Am 25. Mai 2025 während Hüfingen spielt.

Storchenkinder

am 30.Mai 2025

Seit 16. Februar 2025 sind sie wieder zu zweit.

28. Januar 2025

22.07.2024 von Thomas Kring

Dieses Jahr gibt es drei Jungtiere die alle gut durch das nasse Frühjahr gekommen sind.


Fertig zum Abflug in den Süden

Thomas Kring am 14. September 2022

  • viele Störche auf Dach


Thomas Kring am 29. Mai 2021

Gleich vier hungrige Schnäbel haben die Altvögel zu stopfen.

  • Storch mit drei Jungtieren auf Verena

Weißstorch mit dem später getöteten Kücken am 21. Mai 2020

Störche auf St. Verena und Gallus

Thomas Kring am 7. Juni 2020

Seit 2018 brüten auf einem Wasserspeier der Kirche St. Verena und Gallus in Hüfingen Weißstörche (Ciconia ciconia). Der männliche Storch ist beringt (AU333) und kam 2019 und 2020 nach Hüfingen zurück. 2020 war auch das weibliche Tier zu identifizieren: A1Y92. Zusammen haben sie dieses Jahr drei Eier bebrütet. Allerdings ist daraus nur ein Küken geschlüpft.

Dem ein oder anderen ist es in den letzten Tagen wohl aufgefallen: Seit Ende Mai sind die Weißstörche nicht mehr da! Nur gelegentlich schaut mal ein Alttier vorbei. Was ist also geschehen?

Anwohner beobachteten am Mittwoch, 27. Mai 2020, einen Hubwagen und jemanden, der sich am Horst „zu schaffen machte“. Der Mesner, darauf angesprochen, schaute aus dem Kirchturm ins Nest und stellte fest, dass dieses leer ist. Die nicht ausgebrüteten zwei Eier und das Jungtier sind weg!

Ein Telefonat mit dem Weißstorch-Beauftragten des Regierungspräsidium Freiburg brachte Klarheit: Bei seiner Kontrolle des Horstes lag dort ein totes Küken, aber keine Eier. Seiner Aussage nach kommt es bei den Störche immer wieder zu Konflikten. Im Zuge einer solchen Auseinandersetzung wurde das Jungtier wohl von einem rivalisierenden Storch getötet. Die beiden beringten Weißstörche sind aber wohl auf und noch auf der Baar unterwegs.

Nun hoffen wir, dass im nächsten Jahr AU333 wieder nach Hüfingen zurück kommt und mit A1Y92 oder einem anderen Partner das Brutgeschäft wieder aufnimmt.

Hier die Aufnahmen aus den Jahren 2018-2020

  • Storch
    30. Mai 2018

2018 gab es das erste Nest. Hier ein Foto vom 6. April 2018. Damals konnten wir uns nicht vorstellen, dass dies funktionieren kann. Weitere Fotos von 2018 bis heute unten.

6. April 2018

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner