Ravennatis Anonymi Cosmographia et Gvidonis Geographica
Irgendwann im frühen Mittelalter entstand im Umfeld von Ravenna eine Beschreibung der damals bekannten Welt. Ihr Verfasser ist unbekannt. Unter dem Namen Geographus Ravennas ist er als Geograph von Ravenna in die Forschung eingegangen.
Die Cosmographia besteht aus fünf Büchern. Sie beschreibt die Welt in geografisch geordneten Verzeichnissen und sammelt mehr als 5.000 Namen von Landschaften, Städten, Flüssen und Völkern in Asien, Afrika und Europa, einschließlich der Mittelmeerinseln und der Inseln im äußeren Ozean. Die Einträge sind nach größeren Regionen und teilweise nach römischen Provinzen gegliedert.
Der Autor griff auf unterschiedliche ältere Quellen zurück. Woher seine Angaben im Einzelnen stammen, ist jedoch häufig unklar. Manche Ortsnamen sind nur schwer zu identifizieren, andere wurden bei der Abschrift offenbar verändert oder entstellt. Auch ist nicht immer zu erkennen, aus welcher Zeit die jeweilige Information stammt. Inhaltliche Parallelen zur Tabula Peutingeriana zeigen, dass beide Werke teilweise auf verwandte geografische Überlieferungen zurückgehen könnten.
Das Original der Cosmographia ist nicht erhalten. Die ältesten erhaltenen Handschriften stammen aus dem Mittelalter. 1688 erschien in Paris die erste gedruckte Ausgabe. Seitdem haben Gelehrte und Kartografen immer wieder versucht, aus den überlieferten Ortsnamen ein Bild der damaligen Welt zu rekonstruieren.

Weltkarte nach der Cosmographia des anonymen Geographen von Ravenna. Das frühmittelalterliche Werk wurde um 700 zusammengestellt. Die Karte ist eine Rekonstruktion von Konrad Miller aus dem Jahr 1898. Die erste gedruckte Ausgabe der Cosmographia erschien 1688.
Konrad Miller, gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
Für eine gute Auflösung hier gucken: https://www.e-rara.ch/zut/content/zoom/11583680
Südwestdeutschland beim Geographen von Ravenna
1956 veröffentlichte der Rechtshistoriker Franz Beyerle einen Aufsatz Süddeutschland in der politischen Konzeption Theoderichs des Großen. Darin beschäftigte er sich auch mit dem Abschnitt über Alamannien in der Cosmographia des Geographen von Ravenna. Seine Überlegungen fasste er in einer handgezeichneten Karte zusammen, die Südwestdeutschland um 500 n. Chr. zeigt.
Beyerle las die alamannische Ortsliste nicht einfach als Überrest eines römischen Straßenverzeichnisses. Er vermutete vielmehr, dass sie auf eine ältere, gotische Bestandsaufnahme zurückging, die während der Herrschaft Theoderichs des Großen entstanden sein könnte. Sie sollte seiner Ansicht nach die strategisch wichtigen Orte Alamanniens erfassen.
Beyerle betonte ausdrücklich, dass der Abschnitt über Alamannien „alles andere als ein Auszug aus römischen Itinerarien“ sei. Der Text zeige trotz einzelner angepasster Ortsnamen einen ausgeprägt germanischen Charakter. Für Beyerle war das ein Hinweis darauf, dass hier nicht mehr das römische Straßennetz im Mittelpunkt stand, sondern eine andere, frühmittelalterliche Sicht auf das Land.
Dabei fiel ihm auf, dass zahlreiche bedeutende römische Kastelle in der überlieferten Ortsliste fehlten. Entlang der Wutach-Neckar-Route nennt er ausdrücklich Brigobanne und Arae Flaviae – die römischen Orte, die heute mit Hüfingen und Rottweil verbunden werden. Auch Vitudurum, Tasgetium und Ad Fines in der Nordschweiz sowie weitere Plätze entlang der Donau und im süddeutschen Raum seien nicht enthalten.
Wie konnte es sein, dass solche wichtigen Orte fehlten? Beyerle erklärte dies mit seiner These, dass die Liste keine vollständige Bestandsaufnahme des römischen Straßennetzes darstellte, sondern eine andere Auswahl von Orten widerspiegelte. Ob seine historische Deutung zutrifft, ist damit noch nicht entschieden. Seine Beobachtung macht jedoch deutlich, dass die Ortsliste des Ravennaten nicht einfach mit einer Karte des römischen Verkehrsnetzes gleichgesetzt werden kann.
Gerade für Hüfingen ist das bemerkenswert: Beyerle zeichnet Brigobanne auf seiner Karte ein, obwohl er den Ort zugleich zu den bedeutenden römischen Kastellen zählt, die in der überlieferten alamannischen Ortsliste fehlen. Die Karte zeigt damit mehr, als der Text des Ravennaten selbst ausdrücklich überliefert.
Der Vergleich der beiden Karten wirft eine Frage auf: Während die Tabula Peutingeriana Brigobanne in das römische Straßennetz einordnet, fehlt bei der Rekonstruktion des Ravennaten die Verbindung von der Schweiz über Hüfingen nach Rottweil. Kannte der Geograph diese alte Römerverbindung nicht? Oder fehlte sie bereits in seiner Vorlage? Die überlieferten Ortslisten geben darauf keine eindeutige Antwort. Für Hüfingen bleibt damit eine Lücke zwischen zwei geografischen Überlieferungen – und eine spannende Frage zur Geschichte der alten Verkehrswege.

