Sturzfluten – möglich auch bei uns?

Obwohl einzelne Hochwasserereignisse in der Gauchachschlucht immer wieder sehr zerstörerische Wirkung zeigten, hat die Gauchach doch nur einen relativ geringen Einfluss auf die Hochwasserspitzen in der Wutach. (Loritz J. und Haferkorn J. in Die Wutach. Wilde Wasser – steile Schluchten. Thorbecke, 2014) 

Den seit Beginn der Messungen niedrigsten Pegelständen an Seen und Flüssen Europas, den Hitzerekorden und den Waldbränden bislang unbekannter Häufung und Größenordnung dürfte es fast gelungen sein, die Erinnerungen an die dramatischen Bilder von der Flutkatastrophe im Lahntal vom Juli 2021 zu überlagern. Hätte sich am 26. August d. J. nicht auch noch die Sturzflut in Nepal mit tausenden Toten und Vermissten ereignet, ausgelöst durch einen Gletscherabbruch im benachbarten Tibet, so wäre der Klimawandel in den Medien bei aller Brutalität wohl allzu einseitig präsentiert worden in diesem Jahr – in welchem allenfalls AfD-Spitzenfunktionäre noch von einem „ganz normalen Sommer“ redeten. 

Katastrophale Fluten auf Brigach und Breg waren offenbar eher seltene Ereignisse. Zuletzt am 15. Februar 1990 stand die Bräunlinger Innenstadt unter Wasser, wobei es auch einen Toten zu beklagen gab. Umso gigantischer erscheint der 2006 bis 2012 errichtete Damm mit Hochwasserrückhaltebecken bei Wolterdingen. Ganz anders sieht es an der Gauchach aus:

alte Mauerreste mit Moos bewachsen

Die Überreste der Lochmühle

Wer die Gauchachschlucht durchwandert bekommt einen plastischen Eindruck davon, was Jahrhundertereignisse anzurichten in der Lage waren. Am eindrücklichsten gelingt dies angesichts der Überreste der Lochmühle, die 1664 im „Teufelsloch“ errichtet worden war. An deren Schicksal erinnern nicht nur die bemoosten Mauerreste etliche Meter oberhalb des Bachbettniveaus am Fußpfad, sondern auch die Lochmüller-Kapelle auf einem Hangabsatz auf halber Höhe des Hanges knapp unterhalb der Grünburg-Ruine. Erstmals zerstört wurde die Mühle samt Scheuer und Stall durch ein Hochwasser am 20. Juli 1804, ausgelöst durch wolkenbruchartige Regenfälle und begleitet von schweren Gewittern; dabei ertranken der Müllersohn sowie ein Lehrbub und ein Kuhhirt, derweil das Müllerehepaar nur überlebte, weil es sich auf einer Wallfahrt befunden haben soll. Zum Gedenken an das tragische Geschehen errichtete der Müller die Kapelle, und auch die Mühle wurde wieder instandgesetzt. Ihr endgültiges Aus besiegelte ein weiteres heftiges Gewitter mit Wolkenbruch in der Nacht vom 4. auf den 5. Juni 1895, vor dessen Hochwasser sich die Müller-Familie nur mit größter Mühe noch in die Kapelle retten konnte.

  • Die Kapelle von aussen

Die beiden Jahrhundertereignisse hatten auch drei Kilometer flussabwärts die 1475 erstmals erwähnte Burgmühle so stark beschädigt, dass der Betrieb zum Ende des Jahrhunderts vollends aufgegeben werden musste. Immerhin blieb das Gebäude erhalten und wurde zu einer bei Schluchtbesuchern beliebten Gaststätte.

Die Burgmühle vom Steg aus fotografiert

Burgmühle

Stark beschädigt wurde 1895 auch die Wutachmühle unterhalb der Einmündung der Gauchach in die Wutach.

zwei alte steinerne Mühlräder

Was von der Moggerenmühle übrig geblieben ist

Dass jedoch auch noch ganz andere Hochwässer große Schäden angerichtet haben, zeigen dem Wanderer in den Wutachflühen die beiden Mühlsteine der 1415 erstmals erwähnten ehem. Moggerenmühle, die erstaunlich hoch überm Flussbett neben dem Wanderweg lagern: Nach ihrer Zerstörung durch ein Hochwasser im Jahr 1891 ist sie, im Gegensatz zur Wutachmühle, nicht wieder aufgebaut worden.

Stark beschädigt wurde 1895 auch die am oberen Verlauf der Gauchach gelegene, bereits 1540 erwähnte Eulenmühle, deren Wasserräder zudem eine Beimühle, eine Säge, Schleife, Hanfreibe sowie eine Papiermühle angetrieben haben. Auch der Eulenmüller sah sich einst dazu gedrängt, oberhalb seiner Mühle eine Kapelle zu erbauen, dies allerdings bereits im Jahr 1527: aus Dankbarkeit, dass sein Kind in der Gauchach nicht ertrunken, sondern nach zwei Tagen lebend wieder aufgefunden worden war. Was vielleicht ja auch damit zu erklären ist, dass die Gauchach wenige hundert Meter unterhalb der Eulenmühle in Normaljahren zu versinken pflegt und nicht nur in Extremsommern ein ziemlich ausgetrocknetes Bett aufweist. 

Die Eulenmühle vom Tal aus

Eulenmühle

trockenes Flußbett im Wald

Die Gauchach nach ihrer Versinkung

Was wiederum zu Problemen bei der 1488 erstmals genannten Guggenmühle weiter talabwärts zu führen pflegte: Obwohl auch sie 1895 durch die Hochwasserkatastrophe so stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, dass der Mahlbetrieb längere Zeit eingestellt werden musste, litt sie selbst in Normaljahren unter chronischem Wassermangel.

Guggenmühle von oben der anderen Seite der Gauchach

Guggenmühle

Die Gauchach hat das größte Teileinziehungsgebiet der Wutach mit einer Fläche von 77 Quadratkilometern, erläutern uns die eingangs zitierten  Autoren, und sie erklären damit, dass einzelne schlimme Hochwasserereignisse an der Gauchach sich nicht immer zugleich auch in der Wutachschlucht ausgetobt haben. Dass bei einem so großflächigen und überwiegend bewaldeten Einzugsgebiet allein im 19. Jahrhundert gleich zwei so verheerende „Jahrhunderthochwässer“ stattfinden konnten, lässt uns heute erstaunen, wo doch vom Klimawandel noch lange nicht die Rede war. Was wird sich da künftig erst anbahnen – bei 24 h Extremniederschlagssummen von bis über 100 mm, wie sie 2021 überm (eher waldarmen) Einzugsgebiet der Lahn verzeichnet wurden? Oder wenn binnen weniger Stunden, so die jüngsten Schreckensmeldungen in den Medien, sogar um die 500 Liter auf den Quadratmeter über Valencia an der spanischen Ostküste niedergingen und die Stadt überfluteten? Wir werden uns selbst auf der Baar – auch ohne Gletscherabbrüche (der letzte könnte immerhin vor ca. 10.000 Jahren ausgangs der letzten Eiszeit stattgefunden haben, sodass die von ihm ausgelöste Sturzflut die Feldbergdonau abrupt nach Süden zum Hochrhein hin ablenkte) – auf einiges gefasst machen müssen – auf Dürren wie auf Jahrhundertfluten.

Spaziergang an der Gauchach mit Marisa Schwenninger


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