Stockausschläge

Der Wartenberg lockt zu jeder Jahreszeit, ob zu Fuß oder per Rad; bequemere Baaremer dürfen seinen Gipfel sogar motorisiert ansteuern – doch bleibt ihnen die riskante Steilstrecke nach Dreilärchen hinunter mit ihrem 22prozentigen Gefälle verwehrt, die allenfalls Anliegern vorbehalten bleibt.  Mich hat beim Anmarsch auf der östlichen, der Geisinger Seite im obersten Drittel des Sträßchens hart an seiner bergseitigen Böschungsoberkante seit eh und je ein Baum besonders fasziniert: eine (sage und schreibe!) 8-stämmige Esche, entstanden vor geschätzt einem halben Jahrhundert aus Stockausschlägen nach Fällung des dickleibigen Mutterbaums. Der muss ein stattliches und vitales Exemplar gewesen sein, nicht anders als die Starkeschen zuoberst im verbliebenen Rest des einstigen englischen Gartens rund um das Lassolay‘sche Lustschlösschen mit seiner Ermitage, heute als flächenhaftes Naturdenkmal ausgewiesen.

Stockschlägige Esche am Wartenberg
2022
Die gekappte Esche am Wartberg
2026

Leider hat mir mein vorerst letzter Besuch ausgangs des Hitzerekordsommers 2026 eine herbe Enttäuschung beschert: Alle acht Stämme meines Prachtexemplars waren in Brusthöhe säuberlich gekappt worden! Was für einen Grund mag es bloß für die Fällung gegeben haben? War es das Eschentriebsterben, die aus Ostasien eingeschleppte Pilzerkrankung, dem weltweit bereits so viele Eschen zum Opfer gefallen sind? Hatte ich bei meinem vorletzten Besuch seinen Gesundheitszustand noch allzu optimistisch eingeschätzt? Oder sollten ihm Hitze und Trockenheit neuerdings doch zu sehr zugesetzt haben, obwohl doch die Esche von allen mitteleuropäischen Laubbaumarten noch am besten mit Trockenstress-Phasen zu Rande zu kommen scheint? Oder war hier, an diesem vergleichsweise wenig befahrenen Sträßchen, womöglich eine allzu eifrige Verkehrssicherungsmaßnahme durchgeführt worden? Vieleicht stand mein Baum ja auch irgendwie im Weg im Zuge der maschinellen Durchforstung des angrenzenden Fichtenbestands, wo es sich doch um eine normale Nutzung noch weit vor der Erntereife kaum gehandelt haben dürfte? Die glatte, exakt gleichhohe Schnittführung  bei sämtlichen acht Stämmen weist unmissverständlich auf den Einsatz einer Holzerntemaschine hin, eines Harvesters mit Hydraulikarm.

Ausschnitt von drei abgesägten Stämmen mit neuen Trieben.

Stockausschläge

Was aber nun? Die Kappung scheint im vorigen Winter erfolgt zu sein, wofür die gefiederten einjährigen Triebe sprechen, die sich trotz des Hitzesommers in frischem Grün zeigen und vermuten lassen, dass die Wasserpumpe im Wurzelstock tief unten durchaus noch intakt sein muss. Was für eine verwegene Vorstellung, dass demnächst erneut, wie einst aus dem Mutterbaum, aus jedem der gekappten Stämme acht junge Stämmchen hervorwachsen könnten – ein ganzer Jungwald von zusammen 8 x 8 = 64 stockschlägigen Eschen! Einst lebte ja die gesamte „Niederwaldwirtschaft“, zu Teilen auch die „Mittelwaldwirtschaft“, zur Brennholzversorgung der Bevölkerung vom famosen Ausschlagvermögen einiger Laubbaumarten (sofern diese nur zum richtigen Zeitpunkt, vorzugsweise wohl im Spätwinter, gekappt worden waren). Ihr verlässliches Ausschlagvermögen aus Wurzelstöcken und Aststummeln hatten erst recht die Hof- und Schneiteleschen bewiesen, die nicht nur im hohen Schwarzwald für den Überlebenskampf der Kleinbauern und Häusler unverzichtbar waren, als Viehfutter ebenso wie als Heizmaterial.

Die Baumart Esche, der Weltenbaum Yggdrasil der nordischen Mythologie, Sinnbild für das Leben schlechthin mit all seinen Höhen und Tiefen, Schutzbaum des Alls wie auch als von den Schatten des Todes umnebelter Schicksalsbaum, in dessen Krone der Adler horstet, während an den Wurzeln der Drache nagt und an den Knospen Ziege und Hirsch knabbern, derweil das Zwietracht stiftende Eichhorn zwischen Adler und Drachen hin- und her huscht, Fraxinus excelsior rangiert derzeit zuoberst in der Kandidatenliste für den Baum des Jahres 2027. Verdient hätten die Eschen die Ehre allemal angesichts all der dramatischen Verluste.

Ist die Esche „dem Untergang geweiht“?

Beitrag vom 21. Dezember 2022

Die Pressemeldung des Forstministers zum Gesundheitszustand der baden-württembergischen Wälder, wie sie der Schwarzwälder Bote am 20. 12. 2022 unter der Schlagzeile „Esche ist bereits dem Untergang geweiht“ verbreitet hat, ist wahrlich nicht dazu geeignet, Festtagsstimmung zu erzeugen. Selbst der als trockenheitstolerant geltenden Douglasie drohe Gefahr, nachdem sich ein aggressiver Pilz ausbreite, der in anderen Bundesländern schon viele Bestände vernichtet habe. Bereits todgeweiht sei die Esche, auf die man im Klimakampf doch so gerne gesetzt hätte. Seit dem Auftreten des aus Fernost importierten Pilzes mit der so niedlich klingenden Bezeichnung Falsches weißes Stengelbecherchen grassiert das Eschentriebsterben. „Die Esche“, so klagt Forstminister Peter Hauk, „gibt es bald bei uns nicht mehr.“ Genauso war es vor Jahren auch schon der Ulme ergangen, auch sie wurde nahezu komplett ausgerottet durch den aus Fernost eingeschleppten Ulmensplintkäfer in Verbindung mit einem Schadpilz.

Eschenfällung bei Bad Dürrheim
Einsetzendes Eschentriebsterben am Donaueschinger Buchberg

Ulmensterben, Eschensterben, Waldsterben: wo mag es da noch Hoffnung geben? Lässt sich nicht wenigstens die Esche noch irgendwie retten, der „Weltenbaum“ der germanischen Mythologie? Zumeist sind sie bereits gefällt worden, wo immer sich Krankheitssymptome gezeigt haben, ob im Wald oder längs von Wegen und Straßen, wo durch abbrechende Dürräste Gefahr für Passanten droht. Ein solcher Sanierungshieb fand im Spätwinter 2021 auch im Buchberg statt, einem vielbegangenen Walddistrikt angrenzend an die Stadt Donaueschingen. Manch ein Waldspaziergänger dürfte sich damals gewundert oder gar beschwert haben angesichts des durch den Holzhieb angerichteten Verhaus.

Eschen-Stockausschlag (Ende November 2022)

Umso verblüffter registriert man inzwischen, dass aus den unterhalb des Fällschnitts verbliebenen Eschenstöcken, ob in Knöchel-, Knie- oder Brusthöhe, eine Vielzahl dichtbelaubter junger Triebe (sog. „Stockausschläge“) hervor wachsen. Fast erinnern sie bereits an die Kopfweiden in den Rheinauen, deren Triebe in kurzen Intervallen für Flechtwerk und Faschinen  genutzt worden sind. Oder an die Schneiteleschen der Schwarzwaldhöfe, deren Äste regelmäßig „geschneitelt“ (gekappt) wurden. Das Eschenlaub diente als Viehfutter  (was die Butter schön gelb färbte), die Äste wurden verheizt. 

Während im Wald schon das Herbstlaub abgefallen war, schienen die jungen Eschentriebe gar nicht ausgiebig genug assimilieren zu können – so sattgrün war ihr Laub sogar noch anfangs Dezember, und erst mit dem Schnee fiel es dann vollends ab. Nun wird es spannend zu beobachten sein, wie und ob sie im nächsten Frühjahr in ähnlicher Vitalität wieder austreiben werden. Sollten sie sich tatsächlich wieder zu ausgewachsenen Stämmen entwickeln und damit dem Eschensterben ein Schnippchen schlagen können? Die Aussicht auf Nutzholz, auf künftige Besenstiele und sonstiges Holzgerät, dürfte sich dann zwar kaum erfüllen. Doch um zu fruktifizieren sind stockschlägische Eschen allemal zu gebrauchen, sofern die Triebe nicht zuvor wieder vom Pilz befallen werden und absterben. Die Hoffnung auf Rettung des „Weltenbaums“, so die Weihnachtsbotschaft 2022, stirbt zuletzt. Verfolgen wir also aufmerksam das weitere Geschehen im Wald! 

Schneitelesche an Schwarzwaldhof
Stockschlägige Esche am Wartenberg

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