Honigtau

Liebe Bürgerpostleser, 

nach den Schwärmern mal etwas anderes. Am 2. und 3. Juni 2022 ist mir beim Fahrradfahren ins Geschäft und nach Hause aufgefallen, dass unter wenigen Bäumen die Teerfarbe richtig schwarz beziehungsweise gräulich eingefärbt war.


Das hat natürlich meine Neugier geweckt und ich habe die Blätter angeschaut, die haben richtiggehend geglitzt.

Wer erfreut sich an der süßen Flüssigkeit?

Lindenblatt

Ich bin gespannt, ob Sie erkennen, dass das kein Käfer ist, sondern eine Larve, die zu den asiatischen Marienkäfern gehört. Fällt einem da noch etwas ein? Ich bin mir nicht ganz sicher, ob sie auf den Saft aus ist, es könnte auch etwas anderes sein. Auf der Espe sieht man, dass die Flüssigkeit auch grau sein kann und nicht nur farblos.

Espenbaum

Jetzt die spannende Frage, wo kammt das Phänomen her, wie entsteht es? Aus Wikipedia kommt als Antwort, dass „Honigtau“ die Bezeichnung für diese Flüssigkeit ist. Es wird von verschiedenen Insekten, vor allem Blatt-, Schild- und Mottenschildläusen und Zikaden als zuckerhaltiges Produkt ausgeschieden. Diese Insekten ernähren sich vom Saft aus den Siebröhren verschiedener Pflanzen und durch den hohen Druck in diesen Röhren nehmen die Tiere viel Flüssigkeit auf und geben diese in Form von Honigtau wieder ab. 

Dieser Honigtau bildet die Nahrungsquelle für viele Insekten. Ameisen halten sich Blattläuse wie Milchkühe. Die meisten anderen lecken den Honigtau von Blättern oder Nadeln ab. Er ist reich an Zuckern, vor allem an Frucht-, Trauben- und normalem Zucker, daneben kommen auch Maltose, Fructomaltose und Melezitose sowie weitere Oligosaccharide in kleineren Mengen vor. Daneben enthält der Honigtau auch Fermente, organische Säuren, Vitamine und Adenosinphosphate.

Mögen Sie auch den Waldhonig so, wie ich es tue? Jetzt kommt seine Entstehungsgeschichte. Denn Honigbienen sammeln gelegentlich Honigtau statt Nektar. Dieser stellt dann die Grundlage für verschiedene Honigsorten dar, die als Blatt-, Tannen- oder Waldhonige bezeichnet werden. Die Farbe und das Aroma dieser Honige variieren je nach Herkunft sehr stark, vor allem bei den von Tannen und Fichten stammenden Waldhonigen. Auch einige Hummelarten sammeln Honigtau. 

Für den Imker ist Waldhonig aber dann ein Problem, wenn der Dreifachzucker Melezitose einen Anteil vom 10 bis 12 Prozent übersteigt. Dann entsteht Zementhonig, der nicht aus den Waben zu bekommen ist. Das ist überhaupt nicht schön. Ich kann mich noch gut erinnern, Ende der 60er Jahre half ich meinem Opa beim Imkern. Es herrschte zunächst große Freude, als die Völker pro Tag 2 kg Honig zunahmen. Leider war es Zementhonig, es war zum Weinen. 

Eine Frage ist noch offen, was frisst die Larve auf dem Lindenbaumblatt wirklich oder noch? Ich denke, auf jeden Fall auch die Insekten, die Honigtau herstellen.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Unterm Epfelbom, nebe de Pyramide-Orchis

Pyramidenorchis

Wo kenntet Gipfeli, de Tee, de Anke, de Rabarberkueche und de Zigorikaffe besser schmecke wie dae. D Imme summet, d Amsle jodlet, d Bluemewiese riecht frisch und d Kätzli und Hundli striichet um d Stuehlbei. De Strauhuet giht Schatte, dass om de Riebel nit gar so verbreeselet. Mir sind i iiserm Arcadie mit nette Liit und beim unterhaltiche Zagate uf booremerisch. 
Z Morge, ebe nit bei Tiffanys, nei, unterm Epfelbomm. Und no viel uugwaehnlicher: ganz i de naehe vu me Blümle, wos do gar nit gaehe duerft. Ehnder z Spanie, oder i de Abruzze, amend no i de südliche Kalkalpe. Aber do uff de Boor, i 700 m Höhe und denno no uf Bundsandstoe?

En Botaniker seit, des wär fascht e Märli, e Kuriosität, e Selteheit. Er heb no nie vu dere wunderscheene Blüm bei iis ghört. Saperlott, do gugsch. Und hoesse dai die selte, die rar Orchide: Pyramideorchis. 
Gel, Do bisch baff wan es alls giht im Baarschwarzwald. 

Pyramidenorchis, Anacamptis pyramidalisa
Gefährdung:
Rote Liste Deutschland: gefährdet (3)
Rote Liste Baden-Württemberg: gefährdet (3)
Rote Liste Schweiz: potenziell gefährdet (NT)
Standort und Biotop:
Bevorzugt mäßig trockene, nährstoffarme und helle sowie basische Standorte wie Magerwiesen und -weiden.
Pyramidenorchis

Fürstenberg im Zerstörungsrausch?

Gerade eben hat das lokale CDU Patriarchat und sein Bürgermeister wieder einen riesen Rabatz gemacht, wegen bestimmter Zäune auf dem Hohen. Ihre Regeln müssten unbedingt eingehalten werden. Von wem?

Auf der Länge von Fürstenberg wurden geschützte Feldhecken unwiederbringlich zerstört!

Längewiese auf dem Flurstück 1487.
Die zertörten Hecken sind mit Pfeilen markiert.

Wohlgemerkt das Flurstück und das geschützte Biotop gehören der Stadt Hüfingen. Also uns allen!

Es ist schon merkwürdig, dass bestimmte Landwirte Frevel wie das Zerstören von Biotopen oder das Vergraben von Bauschutt nur auf gepachtetem Land oder auf Land das sie der Stadt verkaufen wollen vollführen? Sie bringen damit ihren ganzen Berufsstand in Verruf und spotten allen ehrlichen Menschen.


Ein bizarrer Funfakt am Rande: Der Landwirt hat teilweise Weizen eingesät, nach dem Entfernen der Wurzelstöcke von den Schlehen, Heckenkirschen, Holunder und wie sie alle hießen:

Auch wenn die regionalen Hofberichterstatter aus bekannten Gründen bei Frevel an der Natur, Umwelt und Kultur weg sehen, so heißt es nicht, dass auch das Landratsamt blind ist.

Wohin soll dies alles hier noch führen? Wieso macht man das, ständig und immer wieder?

Kieferschwärmer

Liebe Bürgerpostleser, 

am Samstag, den 7. Mai 2022 besuchte uns Bernd Münzer. Seltsamer Weise hatte er ein Tontöpfchen dabei und ich war gespannt, was er mitgebracht hatte. Diesen schönen Falter. Was für einer ist das? Es war relativ schnell klar, dass es ein Kiefernschwärmer ist. Aber, was meinen Sie, ein Weiblein oder ein Männlein? Die Auflösung kommt später. 

Erinnern Sie sich noch an die Raupe des Kieferschwärmers? Ich hatte Sie beim Beitrag im Oktober 2021 über Raupen aufgeführt. Kollegin Annegret Schulze hat das Bild geschossen und zur Verfügung gestellt. Bis 8 cm lang kann die Raupe werden, in dem Stadium auf dem Bild war sie kurz vor der Verpuppung. Sie verpuppt sich unter Moos in der Nähe ihrer Futterpflanze und überwintert in der Puppenform oft zwei Winter lang. Der Hammer, oder? Ja, aber nicht außergewöhnlich. 

Der Name des Falters kommt von der Raupennahrungspflanze. Bis zu 100 Eier legt das Weibchen auf Nadeln junger Triebe von Kiefern, Fichten und gelegentlich Lärchen. Die jungen Raupen fressen tagsüber sehr träge. Die Paarung erfolgt in einem Baum in der Nähe des Schlupfortes des Weibchens und dauert von Nachts bis zur Dämmerung des nächsten Tages. Gigantisch, aber auch nicht ungewöhnlich bei Faltern. Es sind Nachtfalter, die tagsüber gut getarnt an Kiefernstämmen übertagen. Nachts wird an stark duftenden Pflanzen wie zum Beispiel der Heckenkirsche Nektar gelabt. Von der Größe her beträgt die Flügelspannbreite 7 bis 9,6 cm, also nicht gerade klein. Von Mai bis Juli sind die Falter aktiv. 

Interessant ist, dass es spezialisierte Feinde gibt: Schlupfwespen und Raupenfliegen legen Ihre Eier in die Raupen, die dann in ihnen parasitieren und sie töten. Auch ein Pilz, die Puppenkernkeule wächst in den Puppen und tötet sie ebenfalls ab. Der Pilz bildet dann an der Körperoberfläche der Puppen seine keulenförmigen und gelborangen Fruchtkörper aus (Wikipedia).

Zum Schluss die Antwort auf die Frage nach dem Geschlecht des Falters, er ist ein Männlein. Zu erkennen an den gezackten Fühlern, die Weibchen haben glatte.

Vielen Dank an Frau Schulze und Bernd Münzer für die Bereitstellung von Raupe und Falter.

Herzliche Grüße

Franz Maus

Bellemer Kanallabyrinth

Beim Vortrag im Kranz kamen wir auf die Idee die Kanalpläne mal etwas genauer von einem Sachkundigen anschauen zu lassen. Die Fehleinleitung in den Regenwasserkanal zum Behlaer Weiher hätte man seit langem schon, auf dem Bestandsplan (S 20a MW – S20b RW), oder durch Augenscheinnahme , ausmachen können.

Die „Fehleinleitung“ über die Jahre lang Fäkalien in den Weiher geleitet wurde ist sogar auf dem Plan eingezeichnet.

Durchgang zwischen 20a und 20b

Die Ausleitung bzw. Überleitung (Bypass) vom Mischwassersystem 20a (MW) ins Regenwassersystem 20b (RW) ist ein gravierender, umweltschädigender, unverständlicher Mangel. Warum ein Durchgang vom Mischwasserkanal zum Regenwasserkanal existierte und warum so etwas abgenommen werden konnte wird ein ewiges Rätsel unbedarfter Herren vom Landratsamt bleiben.

Schacht 20a mit Mischwasser. Hinten sieht man wie der Durchgang zum Regenwasserkanal mit einer PE Platte verschlossen wurde.

Nach Jahren der Einleitung von Fäkalien aus dem Mischwasserkanal der Römerstraße in den Behlaer Weiher und unzähligen Beschwerden deshalb bei verschiedenen Ämtern, wurde nach meiner Meldung bei der Polizei zumindest diese Einleitung gestoppt.

Bei der aufwändigen Schadenssuche im Jahr 2020 und 2021 wurde zwar der Bypass entdeckt und mit einer Platte abgedichtet, aber eine weitere, eindeutige Abwasserbelastung im Regenwasserkanal oberstromseitig fahrlässigerweise nicht erkannt.

Von kompetenter Problemlösung kann nicht gesprochen werden. Im Zulaufkanal bei S 20b (RW) ist immer noch eine erhebliche, eindeutig sichtbare Abwasserpilzfahne zu erkennen. Dieser immer noch latente Abwasserpilz ist auch deutlich am Auslaufrohr in den Weihervorfluter zu sehen.

Regenwasserkanal 20b
von innen
mit Abwasserpilz

Im Regenwasserkanal 20b sieht man immer noch Abwasserpilz, auch kommt davon noch einiges im Zulauf von Behlaer Weiher an.

Zulauf über dem Behlaer Weiher mit Abwasserpilz

Die Gründe vom Staatsanwalt vom 22.02.2021 kein Verfahren einzuleiten waren: „es hatte lediglich ein technisches Problem im Kanalsystem gegeben, das zu einer minimalen Ausleitung von Wasser in ein Oberflächengewässer welches in den Belaer Weiher mündet führte„.

Diese Gründe beruhen vorgeblich auf ein Protokoll der Polizei und von einer „Lokalisierungsaktion“.

Die Aussagen dieser „Lokalisierungsaktion“ sind falsch und die Behauptung dass das Problem gelöst sei, ist grob fahrlässig.

Nachdem die Stadt nach Jahren endlich die Zuleitung des Mischwasserkanals zum Regenwasserkanal verschlossen hat, ist es am Behlaer Weiher deutlich besser geworden.

Aber noch nicht gut!

In Anbetracht der Tatsache, dass mehrere Gesetzte gebrochen wurden, fordere ich die sofortige Wiederherstellung des Weihers!

Fazit

In der Abwassersatzung verpflichtet sich der Entwässerungsträger (Stadt) die Abwässer sachgerecht zu entsorgen (Kläranlage). Der Bürger (Abwasserbeitragspflichtige) kann und muss davon ausgehen, dass dies ordnungs- und vertragsgerecht geschieht. Die Anlieger des Einzugsbereiches der Römerstraße in Behla haben jahrelang, wenn nicht sogar jahrzehntelang, für eine Leistung bezahlt, die sie nicht erhalten haben bzw. für die der Vertragspartner (Stadt) keine zugesicherte Dienstleistung erbracht hat.

Es wurden über Jahre in Hüfingen – Behla Abwasser aus Haushalten der Römerstraße illegal in einen Regenwasserkanal geleitet und im Behlaer Weiher entsorgt.

Diese Haushalte haben im guten Glauben eine Abwassergebühr bezahlt und wurden getäuscht.

Ich ermutige hiermit die Anwohner ihre zu Unrecht bezahlten Abwassergebühren zurück zu fordern!

20a Mischwasser
20b Regenwasser
20f Regenwasser
20a Mischwasser
21a Mischwasser
21 Mischwasser

Antrag „Gutachten Behlaer Weiher“

Antrag der BFSO/DIE GRÜNEN Fraktion

Der Behlaer Weiher befindet sich seit längerem in einem sehr schlechten Zustand. Die letzten Jahre wurden viele unterschiedliche Untersuchungen durchgeführt.

So gibt es mikrobiologische und chemische Analysen, Befahrungen und Dokumentationen u.a. vom GVV Umweltbüro, der Stadt Hüfingen, der Hochschule Furtwangen, der Fischereivereinigung, des Amtes für Umwelt Wasser und Bodenschutz und der unteren Naturschutzbehörde. Zeitgleich bestehen zum Teil wissenschaftlich unhaltbare Anschuldigungen gegen einige Landwirte in Behla.

Auch um unsere Landwirte zu schützen, beantragen wir, dass diese „wilde“ Ansammlung von Teilfakten, Gerüchten und Anschuldigungen durch einen unabhängigen Gutachter sortiert, untersucht und analysiert wird.

Beschlussvorschlag:

Der Gemeinderat von Hüfingen möge beschließen:

Der Zustand des Behlaer Weihers wird von einem unabhängigen Ingenieurbüro untersucht. Hierbei soll das Büro Zugriff auf Akten der Stadt Hüfingen bekommen und unabhängig davon den Behlaer Weiher und seine Zuflüsse untersuchen, analysieren und Verbesserungsvorschläge machen.

Feldhasen

Liebe Bürgerpostleser,

als ich am Dienstag, den 10. Mai mit dem Fahrrad ins Geschäft fuhr, hatte ich ein tolles Erlebnis zwischen Hausen vor Wald und Hüfingen gegenüber dem Fahrradweg. Drei Hasen jagten auf einem Acker hintereinander her. Ich näherte mich vorsichtig, stoppte in passendem Abstand, holte die Telekamera hervor und konnte etliche Bilder schießen. Die zwei besten will ich Ihnen präsentieren. Auf Bild 1 sieht man die drei Hasen mit rasanter Geschwindigkeit in einer Linie hintereinander herjagen. Beim ersten sieht man die deutlich längeren Hinterläufe, weshalb Hasen „hoppeln“. Beim dritten Hasen muss man genau schauen, um die nach vorne gerichteten Hinterläufe zu erkennen. Über kurze Strecken kann der Feldhase sehr schnell sein, bis zu 80 Stundenkilometer. Gefällt Ihnen diese Dynamik in der Aufnahme? 

Ehrlich gesagt, auf Bild 2 hatte ich gehofft und es ging in Erfüllung. Es war das Abschlussbild. Fantastisch, finden Sie nicht auch? Zwei Hasen, die sich aufrichten und mit den Vorderläufen boxen, der dritte scheinbar unbeteiligt dem Geschehen zu schaut. Klarer Fall, zwei Hasenmänner kämpfen um die Gunst des Hasendame. Jetzt aufgepasst, das könnte so sein. Es könnte aber auch sein, dass die Hasendame mit einem der Herren kämpft, das gäbe es bei Hasen auch. Potz Blitz, wer hätte das gedacht?  Mit diesem Verhalten soll die Berührungssperre der sonst einzeln lebenden Hasen überwunden werden. Die Wahl des Partners liegt bei der Häsin. Innerhalb kürzester Zeit paart sie sich mehrmals, so dass selbst innerhalb eines Wurfs Mehrfach-Vaterschaften vorkommen können. Sehr außergewöhnlich ist, dass die Häsin während der Tragezeit erneut trächtig werden kann und sich Embryonen unterschiedlicher Entwicklungsstadien in ihrer Gebärmutter befinden. In der Wissenschaft nennt man das Superfötation. Feldhasen brauchen nichts zu trinken, weil der Wasserbedarf durch die Nahrungsaufnahme gedeckt wird. Bei uns Menschen unvorstellbar.
Außerdem bildet sich im Blinddarm des Feldhasen ein vitaminreicher Nahrungsbrei. Nach der Ausscheidung nimmt er diesen speziellen Kot wieder auf und deckt so seinen Vitamin B und K -Bedarf (Caecotrophie). Ein weiterer Feldhasenhammer.

Feldhasen soll es in Deutschland 3 Millionen geben, es waren schon weniger. Trotzdem gehören sie in die dritte von vier Stufen der Gefährdung. 

Ich habe mich riesig gefreut, dass ich – wie so oft – Glück hatte mit dieser Hasenbegegnung.

Herzliche Grüße

Franz Maus

Alb-Runde mit Seitenblick

Da verabreden sich zwei Brüder, Mediziner der eine, Forstmann der andere, beide längst im verdienten Ruhestand, zur alljährlichen „Altherrentour“, wie sie (anfangs noch mit dem Alter kokettierend) diese Unternehmung zu bezeichnen sich angewöhnt haben. Und die Spielregel will es seit Jahrzehnten so, dass dabei im Wechsel jeweils einer den andern mit einem noch unbekannten Wanderziel zu überraschen hat. Inzwischen sind sie beide zu ergrauten „älteren Herren“ geworden, und die Touren, die einst noch vorwiegend ins Alpine geführt hatten, sind zunehmend moderater und seniorengemäßer geworden. Diesmal war der Verfasser wieder dran mit der Auswahl des Ziels: Weshalb sollte er dem Bruder nicht auch mal die Schwäbische Alb zumuten, die für den Freiburger bislang weithin terra incognita geblieben war? Als Schüler hatten die Beiden zwar gemeinsam auch mal den Albtrauf abgewandert, doch seither hatten schwäbische Ziele bei den Badenern ihre Zugkraft stark eingebüßt; dafür pflegen sie sich scherzhaft noch heute über „die typischen Albwanderer mit ihren Bundhosen und rot karierten Hemden“ auszutauschen. Als ob derlei Wanderkluft nicht auch auf der Alb längst aus der Mode gekommen wäre. 

Als Highlight der Tour war diesmal das Heidentor bei Egesheim ausgesucht worden, die frühkeltische Kultstätte zuoberst auf dem dicht bewaldeten Kamm des Bergrückens Oberburg: ein Ziel, das sich, wie sich zeigen sollte, wochentags (dem Privileg der Ruheständler) trotz Wikipedia-Eintrag und einer Fülle von Hinweisen und Abbildungen im weltweiten Netz gottlob noch immer ganz ohne Mitwandererscharen, ohne Lärm und Mountainbiker aufsuchen lässt. Raubgräber hatten, so liest es sich im Netz, im Steilhang unter dem spektakulären Felsbogen reichlich Gegenstände aus der Hallstatt- und der Latène-Zeit (ab 600 v. Chr.) gefunden, die auf einen weiblichen Fruchtbarkeitskult hindeuten, Funde wie Fibelbruchstücke, Ringe und Glasperlen, aber auch Scherben von Geschirr – für Archäologen Zeugnisse von Opfergaben. Möglicherweise seien auch phallische Nadelfelsen miteinbezogen gewesen, so raunt es im Netz.

Heidentor

Der Waldweg von Egesheim herauf erweist sich dank maßvoller Steigungsgrade als durchaus seniorengerechter Einstieg in die Tour, ja sogar als geteertes Sträßchen, erst die allerletzten Höhenmeter sind auf steilem Fußpfad zu meistern. Dass den Buchen beidseits mit zunehmender Meereshöhe vermehrt Fichten, aber auch Weißtannen beigemischt sind, erinnert den Forstmann i. R. daran, dass der Heuberg ja noch der Südwestalb zugerechnet wird und damit als natürliches Tannen-Verbreitungsgebiet zu gelten hat. Wie mag sich der Wald wohl zur Keltenzeit zusammengesetzt haben? Die lebten doch wohl schon in der Älteren Nachwärme- oder Buchenzeit, die die Späte Wärmezeit (oder Tannenzeit) abgelöst hatte, als Tannen und Buchen hierzulande die Eichenmischwaldzeit beendet hatten – soviel Vegetationsgeschichte war bei ihm hängengeblieben. Irgendwann muss der Wald dann auch mal gerodet worden sein, wie Andeutungen von Ackerrandstufen am Hang vermuten lassen. Nicht weit unterhalb des Wegs fällt eine recht üppig ausgefallene Wildfütterung auf, die ihn auf einen ebenso üppigen Rehwildbestand schließen lässt. Sollte der etwa für das Fehlen jeglicher Tannenjugend unterm Buchenschirm verantwortlich sein?

Nach ausgiebiger Bewunderung des Heidentors führt die Tour (nach der Wanderkarte des Naturparks Obere Donau) weiter über das auf dem Heubergplateau angesiedelte Dorf Bubsheim und weiter zur Burgruine Granegg, auch sie von Wikipedia wärmstens empfohlen, ehe es dann wieder hinab nach Egesheim gehen soll, dem Ausgangs- und Endpunkt der Runde. Vorerst zieht sich das Sträßchen jedoch leicht ansteigend durch den zunehmend von Fichten dominierten Wald, aus dem der Wind Schwaden von gelbem Blütenstaub davonträgt. Am Waldrand angekommen, weitet sich plötzlich der Blick auf die helle Wiesenlandschaft des Heubergs, dazu aber auch auf die Landstraße mit ihrem lebhaften Lkw-Verkehr. Ins Blickfeld gerät nun auch die Wand einer grauen Produktionshalle, die sich beim Näherkommen als Ortsrand von Bubsheim erweist. Bis zum alten Dorfkern ist längeres Asphalttreten angesagt, und bei soviel gerade stattfindender Sanierung verliert sich schließlich sogar die sonst so narrensichere Wegmarkierung des Schwäbischen Albvereins. Immerhin hält ein Pkw und sein einheimischer Fahrer erbarmt sich der Wanderer, indem er sie durch ein weiteres Gewerbegebiet schickt. Sieht also so mittlerweile das Ergebnis schwäbischen Unternehmertums aus, der sprichwörtlichen Schaffigkeit in The Länd und der daraus resultierenden Prosperität – mit ihrem rasant gewachsenen Gürtel aus Gewerbegebieten mitsamt all den Eigenheimen, auch den geschleckten Villen fürs mittlere bis gehobene Management längs der frisch instandgesetzten Dorfstraßen?

Endlich wieder im Wald (und erneut auf geteertem Waldweg), gerät auch die Weißtanne wieder ins Blickfeld der Wanderer: Diesmal im Wildschutzzaun auf zuvor vom Altholz geräumter Parzelle gepflanzte Fichten und Tannen in akkuraten Reihen. Dann sind es auch schlampig hinterlassene Drahtreste von längst ausgedienten oder missratenen Zäunungen. Den Waldparkplatz am Fuß der Burgruine nutzt an diesem Werktag immerhin ein einzelner Pkw, und das zugehörige Pärchen kommt soeben vom Burgbesuch herbeigehüpft – nach Spurenlage scheint es am Wochenende hier sehr viel lebhafter zuzugehen. Die im 11. Jahrhundert hart überm Abgrund auf einem wildzerklüfteten Felszapfen, dem Michelstein, kühn erbaute Burg ist anno 1356 („angeblich“, wie bei Wikipedia und auf analoger Hinweistafel vermerkt ist) teilweise von einem Erdbeben, 21 Jahre später samt dem Dorf Bubsheim von der freien Reichsstadt Rottweil vollends zerstört worden. Ein Vorgang, den man sich wohl nicht anders vorzustellen hat wie es einem inzwischen wieder die allabendlichen Schreckensbilder aus der Ukraine suggerieren. Für die verdienstvolle Sicherung des verbliebenen übersteilen Zahns des Gemäuerrestes ist seit 1931 ein neuer Eigentümer zuständig: der Schwäbische Albverein.

Ruine Michelstein, Burgturm mit Hinweistafel
Foto: Peter Kreuzmann, Wikimedia

Arg gelitten haben im Verlauf der jüngsten Trocken- und Hitzejahre offenbar ein paar spindelige Kiefern oben auf dem gemauerten Zahn. Beim Vespern schweift der Blick aber auch über die grün-vitalen Wipfel einiger Weißtannen; lediglich die jüngsten Höhentriebe erscheinen umständehalber stark verkürzt. Wie sie auf dem trockenen Felssporn überhaupt jemals Fuß fassen konnten und sich einstweilen auch der Krise der jüngsten Wärmezeit widersetzen konnten, bleibt schleierhaft. Der Blick aus der Vogelperspektive auf Egesheim hinunter wird dann freilich auch hier eingefangen von ausgedehnten grauen Dachflächen neuzeitlicher Produktionshallen am Rand des alten Dorfkerns.

Beim Abstieg hart der Hangkante entlang sind immerhin auch ein paar Jungtannen zu besichtigen, auch nochmals die Überreste eines Wildschutzzaunes. Dann führt der Fußpfad steil bergab, ehe er in einen nicht minder steilen, von Holzerntemaßnahmen ramponierten Maschinenweg mündet. Am Unterhang sind Baumaschinen dabei, dem Wald eine stattliche Stellfläche abzuringen, deren Zweck sich auch mit forstlich geschultem Auge nicht erschließen lässt. Und der Zugang ins Ortszentrum, zurück zum an der Kirche geparkten Fahrzeug, erfordert erneut Orientierungskünste, denn die Straßen werden soeben frisch hergerichtet.

Die Heimfahrt führt wieder über den Heuberg hinweg nach Spaichingen hinunter. Zum Abschluss ihrer Alb-Tour kehren die Beiden noch zu Kaffe und Kuchen im Gasthaus auf dem Hohenkarpfen ein, dem markanten, einst burggekrönten Weißjura-Zeugenberg. Und auch die Gemäldeausstellung der Kunststiftung im einstigen Hofgut lassen sie sich nicht entgehen. Aus der Wiese gleich nebenan grüßt die beiden Badener bereits – Land Art in The Länd – ein Trachtenmaidli mit Bollenhut in Großformat.

Land Art in The Länd am Hohen Karpfen

Finanzminister und Bauer auf dem Waldvogelhof

IN SERVIENDO PATRIAE CONSUMOR1 (Inschrift auf dem Grab von Hermann Robert Dietrich, Vizekanzler des Deutschen Reiches, auf dem Friedhof von St. Märgen)

Ministerliches Ferienhaus „Waldvogelhof“

Wer auf dem schmalen, bei Gegenverkehr recht abenteuerlichen Sträßchen von Wildgutach flussaufwärts bis Dreistegen und weiter durchs Hexenloch oder in Richtung St. Märgen-Glashütte unterwegs ist, wird knapp hinter der Einmündung des Steinbachtals, jenseits der Wilden Gutach vom Anblick eines stattlichen Walmdachhauses überrascht: vom Waldvogelhof. Der will hier, in der Enge des zu allermeist dicht bewaldeten, von Touristikern gern als wildromantisch verklärten Tals, eigentlich nicht so recht her passen, denn von Landwirtschaft kann in den Steilhängen schon längst keine Rede mehr sein. Die geschlossenen grünen Fensterläden lassen vermuten, dass das Haus nur selten noch bewohnt wird, und auch Wochenendler dürfte es nicht allzu oft hierher verschlagen. Immerhin pflegt noch jemand die Wiese ums Haus. Der Wald auf der Winterseite des Tals zeigt sich indessen mit einem Mal in gänzlich unromantischer, ja besorgniserregender Verfassung – nirgendwo sonst an den Hängen zwischen Bleibach und dem Zinken Glashütte, das langgezogene Simonswälder- und weiter das Wildgutachtal herauf, hat der Borkenkäfer so heftig gewütet wie hier; er hat einen Wald voller Fichtengerippe hinterlassen.

Was für ein Glück, dass da und dort wenigstens noch ein paar Weißtannen und Buchen überlebt haben!

Geschädigt ist offensichtlich nicht alter Hofwald, nicht ursprünglicher Bergmischwald bestehend aus Weißtannen, Buchen, Fichten und Bergahorn, betroffen sind vielmehr vor allem Fichtenaufforstungen auf ehemaligen Weidfeldern. Was Rückschlüsse erlaubt auf die einstige Besiedlungsdichte im Tal und was dazu reizt, sich wieder einmal im heimischen Bücherschrank umzusehen. Und siehe da: es lassen sich auf Anhieb ein paar Quellen finden, so die (unveröffentlichten) Erinnerungen des Vaters Fritz Hockenjos2, von 1947 bis 1976 Forstamtsleiter in St. Märgen, oder der Beitrag seines Amtsnachfolgers Dr. Elmar Klein3 im Jubiläumsband 900 Jahre St. Märgen und nicht zuletzt die Schrift von Max Braun4 Löcher und Döbel um Dreistegen – Wie es früher war im Hexenloch.

Wo der Fichtenborkenkäfer wütet

Dass die Steilhänge auch im Wildgutachtal tatsächlich noch bis nach der vorletzten Jahrhundertwende von einer erstaunlichen Anzahl von Höfen landwirtschaftlich genutzt worden sind, diese heute kaum mehr vorstellbare Vergangenheit der „Löcher und Döbel“, hat der Neukircher Max Braun – teilweise noch als Zeitzeuge – anschaulich dokumentiert. Der Waldvogelhof, erfährt man da, sei benannt nach seinen früheren Besitzern und um die vorletzte Jahrhundertwende an den Sternenwirt von Obersimonswald verkauft worden – zusammen mit etlichen weiteren Höfen. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg habe man ihn jedoch abgerissen. Rätselhaft bleibt, wie der Wirt überhaupt so vermögend und so liquid werden konnte, dass er in der Lage war, Hofgüter aufzukaufen. Sein in einer Kehre der (1855 fertig gestellten) nach Furtwangen hinauf führenden „neuen Poststraße“ erbautes Gasthaus Zum Sternen war obendrein 1913 abgebrannt und musste wieder aufgebaut werden. Sollte er beim Erwerb der oft genug „verganteten“ (verschuldeten) Höfe womöglich als Strohmann gedient haben, sollte da getrickst worden sein, um anderen potenziellen Kaufinteressenten, etwa dem großherzoglichen „Domänenärar“, zuvorzukommen? Sicher ist jedenfalls, dass der Sternenwirt seine frisch erworbenen Besitztümer kurz nach dem Ersten Weltkrieg wieder veräußert hat. Käufer war diesmal die Kehler Papier- und Zellstofffabrik Trick (nomen est omen!), die sich so ihre Rohstoffbasis, die zu Zellstoff zu verarbeitenden Holzvorräte des Wildgutachtals, zu sichern und zu erweitern trachtete.

Eine der vier Töchter des Fabrikanten Ludwig Trick, Elisabeth, hatte die neuen Wildgutacher Besitzungen übertragen bekommen. 1920 heiratete sie den Juristen und Bürgermeister von Kehl, sodann auch Konstanzer Oberbürgermeister, den Landtagsabgeordneten und badischen Außenminister Dr. Hermann Robert Dietrich (1879 – 1954), von 1920 bis 1932 u. a. Reichsfinanzminister und Vizekanzler, somit einen der bedeutendsten Politiker der Weimarer Republik.

Hermann Dietrich

1922 ließ der Minister sich auf dem Hausplatz des abgerissenen Waldvogelhofs ein Ferienhaus in landschaftstypischer Walmdach-Bauweise erstellen. Richtfest hatte man – wo sonst wohl? – im Sternen gefeiert; woran sich der Autor Max Braun noch besonders lebhaft erinnert, denn er hatte selbst beim Hausbau mitgeholfen, sodass er sich fortan rühmen durfte, mit einem Minister zu Tisch gesessen zu sein.

Bereits nach drei Jahren verstarb Dietrichs Ehefrau Elisabeth allerdings kinderlos. Sie hinterließ ihrem Mann ein Millionenvermögen, was den dazu in die Lage versetzte, weiterhin Höfe aufzukaufen (den ehem. Streiferhof, den Bruhansen- und den Hirzbühlhof sowie das Dreidöbel- und das Felsenhäusle und das Anke-Gregorigut) und so seinen Besitz zu arrondieren.

In zweiter Ehe heiratete der „Minister, Vizekanzler und Bauer in Wildgutach“, wie er sich selbst gerne zu nennen und zu inszenieren beliebte, Marta, die Witwe des Religionsphilosophen Ernst Troeltsch (1865 – 1923), die ihren (von Dietrich später adoptierten) Sohn Ernst mit in die Ehe brachte. Hermann Dietrich, in Oberprechtal geborener Pfarrerssohn, war zeitlebens Mitglied, auch Vorsitzender demokratisch-liberaler Parteien. Im „Dritten Reich“ blieb er wohl vorwiegend abgetaucht in seinem Ferienhaus unten an der Wilden Gutach, danach bevorzugte er bisweilen den Hirzbühlhof oben auf der aussichtsreicheren Mooshöhe mit Blick auf die St. Märgener Marienwallfahrtskirche (wo er sich auch sein Grab wünschte). Er galt unter den Einheimischen als umgänglich und leutselig, was sich vor allem in seinem guten Verhältnis zu den Einheimischen, zur Forstverwaltung und zu den Waldarbeitern niedergeschlagen hat. Manch einer kreidete ihm jedoch auch an, dass er in der Regierung Brüning mit seiner Deflationspolitik die Arbeitslosenzahlen explodieren ließ und so die Machtergreifung durch die Nazis befördert habe.

In den Nachkriegsjahren besuchte er nicht selten das (2005 aufgelöste) Forstamt in St. Märgen, gern „zu einer Tasse Kaffee und angeregter Unterhaltung“, wie sich der Vater erinnert. In Waldbewirtschaftungsfragen habe er sich freilich exklusiv von seinem Freund, dem Karlsruher Forstpräsidenten Zircher, beraten lassen.

Seinen Adoptivsohn Ernst Troeltsch, auch er wird als liebenswerter Mensch beschrieben, hielt es nicht lange im engen Wildgutachtal. Er verkehrte lieber in Rennfahrerkreisen, wo er auch seine Frau Rita, eine Italienerin, fand, die ihm Zwillinge schenkte, damit dem alten Dietrich, der sich inzwischen um den Wiederaufbau der Parteienlandschaft im Nachkriegsdeutschland bemühte, zwei Adoptivenkel. Diese bestimmte er in seinem Testament zu Universalerben, bis zur Volljährigkeit ihren Vater (den Adoptivsohn und Autorennfahrer) Ernst Troeltsch zum Verwalter des Erbes. Einer Hermann-Dietrich-Stiftung hatte er „ein Drittel des Reinertrags aus dem Wald“ vermacht; dessen forstliche Betreuung übertrug er „dem Forstmeister in St. Märgen“. Was dieser als besonderen Vertrauensbeweis verstand, sodass er sich mächtig ins Zeug legte, um in dem durch Wege gänzlich unerschlossenen Steilhang dennoch einen respektablen Reinertrag zu erwirtschaften. Aus der Sicht von Rita Troeltsch, die nach dem Suizid ihres Mannes allein das Sagen hatte, erbrachte der Wald aber wohl bei Weitem nicht genug. Weshalb sie sich an die Freiburger Forstdirektion wandte und dort erreichte, dass die Betreuung dem Nachbarforstamt Furtwangen übertragen wurde – aus Gründen, die dem Vater nie mitgeteilt worden sind. Wie er in seinen Aufzeichnungen gestand, fühlte er sich noch nach Jahrzehnten in seiner Berufsehre verletzt.

Auch wenn Hermann Dietrich, der Reichsfinanzminister, die Ertragsfähigkeit seines Waldes wohl krass überschätzt hatte, seine Stiftung, die laut Satzung Stipendien für Doktoranten der Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Freiburg und Heidelberg vergibt, existiert noch heute. Das Stiftungsvermögen „Wald“ wurde allerdings alsbald durch einen einmaligen Geldbetrag abgelöst, nachdem sich die Einsicht durchgesetzt hatte, dass das Waldgut wegen der zu erwartenden horrenden Kosten für den zur Holzernte erforderlichen Wegebau nie und nimmer einen nennenswerten Ertrag würde liefern können. Und so blieb der von der krisenanfälligen Fichte dominierte Wald in weiten Teilen unbehandelt. Spätestens der Hitze- und Trockenstress der Sommer 2019-21 führte zu einer massiven Ausbreitung der Käferschäden. Zwar bemühte sich das zuständige Forstamt verzweifelt, der Kalamität Herr zu werden, man baute eilends noch einen Abfuhrweg in den Steilhang, um per Seilkran Abertausende von Festmetern Käferholz noch rechtzeitig ernten und vermarkten zu können ehe es vollends wertlos war. Doch um die weitere Vermehrung und Ausbreitung der Borkenkäfer zu unterbinden, war es bereits zu spät.

Und noch etwas anderes hatte sich im Troeltsch-Wald weithin ungebremst vermehrt – und das bereits seit Jahrzehnten: Das Reh- und zudem das Gamswild. Was dem 120 ha umfassenden Eigenjagdbezirk des Waldvogelhofs gar nicht gut bekommen sollte. Jagd und Politik haben zwar schon immer zu den merkwürdigsten Verquickungen geführt, auch schon vor Reichsjägermeister Göring oder Stasi-Chef Mielke: Ob freilich Reichsfinanzminister Dietrich einst selbst gejagt hat oder jagen ließ auf seiner Jagd, darüber schweigen sich die Quellen leider aus. Im Beitrag von E. Klein, dem Amtsnachfolger des Vaters, wird lediglich erwähnt, dass nach seinem Ableben einer der mit der Stiftung eng verbundenen Professoren „jährlich einen bezahlten Rehbock-Abschuss in St. Märgen beantragte“, was zur Effizienz der Stiftung beigetragen habe. Umso mehr scheinen jagdliche Motive und Gepflogenheiten die waldwirtschaftlichen Ambitionen der Dietrich-Nachfahren überlagert zu haben. Was nicht nur dazu beigetragen haben mag, dass die Walderschließung weiterhin vernachlässigt wurde (um allfällige Störungen bei der Jagd zu minimieren?), sondern dass darüber hinaus auch der längst fällige Umbau der labilen Fichtenbestände in einen stabileren Mischwald durch zunehmenden Wildverbiss verhindert worden ist.

Auch wenn die Hermann-Dietrich-Stiftung nun schon lange nicht mehr vom Waldertrag des Waldvogelhofs profitiert: das Wildgutachtal wäre den geförderten Stipendiaten, den Freiburger und Heidelberger Doktoranten der Wirtschaftswissenschaften, als ein überaus lohnendes Ziel allemal zu empfehlen – den Absolventen der Freiburger oder Rottenburger Forstlichen Hochschulen nicht minder. Geboten wird ihnen hier ein (forst-)wirtschaftliches und zugleich zeitgeschichtliches Lehrstück.

Fichten-Debakel über der Wilden Gutach

1 Deutsch: Im Dienst fürs Vaterland erschöpft

2 Hockenjos, F.: Zur Geschichte des staatlichen Forstamts St. Märgen, 1991

3 Klein, E.: Hermann Dietrich und seine Stiftung. In: Sankt Märgen 900 Jahre Lebendige Geschichte. 2018

4 Braun, M.: Löcher und Döbel um Dreistegen – wie es früher war im Hexenloch. Geschichts- und Heimatverein Furtwangen e.V. 1979

S‘ fromm Roß

Friehlingsgfühl mit gruusigem Uusgang
En uuglaubliche Storiax usem Wälderwald

Daß es lammfrommi Rösser giht die König, Kaiser, Äbt, Bischöff und Päpst als Zelter dorch ihre grosse Reiche im Abendland geduldig und güetig trait hond , des hommer alle scho glese und in gwaltige Hischtoriefilm gsehne. Und dass beim Weingartner Bluetritt 3000 Roß s` Allerheiligscht und de Wettersege dorch die schee Basilika- Stadt und die Flure rund um des volksfromm Oberschwäbisch Ort traget, des hät mer auch scho mitgriegt. Am Eulogi- Ritt z` Lenzkirch word au im treueschte und hilfreichschte Freund vu iis Menschekinder ghuldigt. Und sogar am Roßfescht z` St. Märge wered all drei Johr a de Schwarzwälder Roß- Olympiade d` strohblonde Schwarzwälder Füchs gsegnet und globt als lammfromme, schaffigi Arbetstier in Feld, Wald und Flur, im Garte des Herrn. Mol ehrlich, hond ihr schomol ebbis vunere Hunde- Goesse oder Schoofprozession ghert ?

Pferdestatue Grosses Ross in St. Märgen.
Werk des Bildhauers Franz Gutmann
Foto: Frank C. Müller, Baden-Baden

Ufem Helewald im Schwärzebach, im riiche Helewander Buur, isch vor so 200 Johr mol so en blonde Schwarzwälder Fuchs, natierli wars s` Bescht und Schönscht Roß woner je kha hät, uffs mol vertloffe. Ame Sunntig wo d ` Liit und d` Roß Ruhe ghet hond vum Wochetagwerk und verschnuufet hond, sind die müede Gäul uf de Waid gstande und hond gmietlich graset. Und uff oemol isch de Bruu, de Hengscht, uffs mol verschwunde. Wie vum Erdbode verschluckt.

Schwarzwälder Fuchs.
Foto: Wikimedia

S’Helewand isch im Hochdaal westlich vu Iisebach wemer im Sunnerank z` Iisebach gege d Hohebbni abbiegt. Es isch en scheene, mächtige Hof uff ere frei, grosse Hofflächi. Fascht scho am Waldrand gege d` Magrutt und Schwärzebach zue und me hät en einmalig scheene Blick übers Wäldermeer vum Oberholz, d` Baarmulde und gege die Schwäbisch Alb. Sogar d` Hohezollerburg kha mer ame klare Tag sehne.

Helewander Hof / Gotthard Hofmaier

Noch eme guete Sunntig- Mittagesse mit Nudlesuppe, Siedfleisch mit Staibeer und guete Salzherdepfel , de Buur hät uf de Kuuscht no e erholsams Schläfli ghalte , hät`s de groß Bue, de Kajethan, uff s` mol gmerkt. Die ganz Familie mit Kind und Kegel isch uusgschwärmt und uusgruckt zum sell prächtig Roß sueche. Sie sind alli Weag abgloffe wo sich des Roß mit sim uusprägte Sinn guet uskennt hät. S` Tal nab gege de Sunnerank, gege de Hohebnibuur, gege Schwärzebach, gege d` Magrutt, gege die Ober – und Unter Schoole. Nähnets hät mer ebbis vu dem Roß gsähne oder au ebbis gschmeckt. Nit emol e Paar frische, dampfendi Roßbolle hät mer gfunde. Wie wenns sech`s i Luft ufglöst het.
Bei allne Nochberhöf hät mer nochgfroget und gucket. Des Roß war wie vum Erdbodde verschluckt. Jetzt het mer mol en Indianer zum Fährte sueche guet bruuche kinne. Sogar noch de rossige, hübsche Wälderfüchs- Maidli, die i de nähere Umgebung au uf de Waide graset hond, hät mer guckt, ob der stark Hengst nit uff Brautschau war und vu de Friehlingsgfühl überwältigt wore isch. Nit emol dert war der scharf glade Kaib aaztreffe. S` isch ene nint meh iigfalle.
De Buur hät gfluecht. Sakramentiert und gfuuschtet. Immerhin war des Roß so wertvoll wie hit zutag so en Fend- Bulldog- Bolle mit 240 PS.

Vierspänner mit Schwarzwälder Fuchs
Foto: Wikimedia

Der Sunntig isch nint meh gsii, der war verkaibet und verdriesslich. D` Knecht , d` Mägt und d` Kinder hond scho gschmeckt und gwisst, dass die näscht Woche nit guet Kirsche Esse sie word mit em Hellewander Buur, mit em stolze Holzkönig vum Schwärzebach. D` Kinder honds no am beschte khaa. Sie sind frieh us de Feddere und noch eme Kriezli us em Wihwasserkesseli vu de guetige Motter sind sie de ganz Tag in de Schwärzebacher Schuel am Ahorn- Wirtshiesli gsii. So hond sie Laune vum Vadder nit so mitkriegt und liede messe. Nu am Obet bim Melke, wo i dere Woche aber au gar nint reacht war, hond sie`s au eweng abgriegt. I de Schuel, i de Wirtshieser, bi de Andachte und bim z` Liicht gau rundum, am Wirtstisch im „Ahorn“, im „Schneckehof“, im „Schwarze Krietz“, im „Bäre“, im „Obere Wirtshuus“ in de Oorne isch die Kummedi natierli meh oder weniger, eher meh wie weniger, schadefroh verkartet und uffbloose wore. Natierli het mers Roß im Helewander zruckgähe wenn mers gfunde het. Am Brandzoache het mer des schee Roß kennt und genau gwisst wem` s ghert. Soviel Aastand, Hilfsbereitschaft und Gmeinsinn isch ufem Wald scho immer ummenand gsi, wenns emol druff aa kumme isch. Wemer au sunscht eweng giffizig und neidisch uf enand gucket hät.

Gasthaus Ahorn etwa 1950

Neid, Habgier und Missgunscht hond aber manchmol au Drama durch Spiele, Suufe, Wiebere und au Bschiesse beim Holz- und Viehhandel aazettlet. De Grossvätterlestriit war allgegewärtig.
S` war e uuliedigi, e verdriesslichi Woche ufem Helewand. D ́ Bierin, D` Grosseltere und de Knecht hond alli Händ voll z` dond khet, sie hond alli Zueversicht und Frohmuet uustrahle messe, dass de eigentlich immer grad hängend Huussege nit ganz so krumm und schäps im Huuswese ghanget isch.

Am Samschtigobet noch dere arbetsriiche und uuluschtige, überzwerissne Woche isch d` Grossmotter zum de gheiligt Sunntig iistimme zu de Hofkapelle an Waldroa uffigraitet. Die stoht obe im Weste am Kamm gege de Salehof im Obet- Schatte vu de mächtige Trauf- Tanne.
An dem uralte Handelsweg, wo scho d` Kelte vu Tarodunum geg Laubehuuse gwacklet sind, isch noch de Christianisierung vum Wäderwaald des Käppeli baut wore. Später denno wars au de Weag und de Saumpfad uf de Höhe vu fascht immer 1000 m Höhe ver d` Mönch, ver d` Pilger, ver d` Husierer und Handwerksbursche uf de Stöhr. Und später au ver d` Glasträger, d` Uhreträger, d` Strohschuheflechter, d` Bürschtebinder, ver Holz- und Spanschachtlemacher mit ihrne riesige Tragkrätze. Aber au ver d` Hambbis, d` Brigante und zu fascht allne Ziite au leider en Heer- Weag ver die verkummene Soldate mit ehrene liederlichne Maketenderinne. Verbunde hät der schmal Saumweag vor allem d` Talvogtei ( Kirchzarte) über St. Peter, St. Märge, s` Widiwanderegg, de Hohberg, de Brend, Mischtelbrunn mit em Vorderösterreichisch Briilinge, mit de alte Römersiedlung Hifinge und wiiter nuus „ins Schwobe“, wie d Wälder saget.

“Weißlackierter Strohhut” im Hieronymus

In dem Käppeli hond die fromme Wandersliit und Saumtierkolonne e kurze Andacht verrichtet und e Stossgebet ghalte fer e guets Glinge, wenn sie draa vorbeigwacklet sind.

S` Grossi hät en frische Feldbluemestruuß abzupft und zämetgwunde, den sie i die Tonvase und Kiebeli am kleine Altärli vu de Kapelle hät innischoppe und schee ännitrapiere hät welle. De aalt Struuß vum letschte Samschtig war bestimmt verbliet und verdooret. Im Schoopesack hät sie de Rosekranz, e Kerzli, Zündhölzli und e kleis Betbuech gschobbet ghet. Zum Heilige Antonius hät sie bete welle. Desell hilft immer wemmer ebbis verlore, verleit oder ebbis verschobbet hät und nimme findet. Die Gebetssprich und Fürbitte zum Wiederfinde vu dem starke und scheene Roß hät sie sich scho die ganz Woch bi de Arbet i de Kuchi und i ihrem liebevoll pflegte Hofgärtli z` reacht gleit und scho eweng uuswendig glehrt.

Bim Uffibaischte an d` Kapelle hät sie sich scho gwunderet dass d` Türe vum Käpelli zu war. Sunscht isch sie immer innizues uffgstande, dass die frisch und trocke Friehlings- Luft inni kunnt und sie nit so vermauchet und vermodderet schmeckt. Schad, do words baigott wieder eweng miechtle und muffle, hät sie denk. Wo sie deno die garrig Türe uffmacht und scho wie gwähnlich mit de Hand as Wihwasserkesseli lange will, waihet ihre en uufromme Guu entgege, der ihre d` Luft fascht abgstellt hät. Vu wege miechtele. S` war uf konn Fall die restlich Weihrauchwolke vu de letzte Andacht und de Nebel vu de Opferkerze, wo ihre entgege gwaihet isch. Nei, Jessesmaraie: En Guu vu Mischt, aalte Fürz und Angstschweiss stinkt ihre vergege. Die überblendete Auge vum helle Sunnelicht gwehnet sich nu langsam a die Duschterniss vu de Kapelle Wa sie denno sieht loht sie wegem Gstank und em Aablick fascht i Ohnmacht kaie. En healle , spitze, verzwieflete Schroa usem sunscht wälderisch eher verschlossen Muul lot sie uffjoddle: „ Heilige Muetter Gottes und alli ihr Heilige, Jesses Gott“ stacklet sie i oe Fiddle inni vergelschteret und verzwieflet.

Helewander Rosskapelle

S` schee Wälderfüchsli, s` bescht, s` sterkscht und s` blondescht Roß vum Helewand und de ganze Gegend liet vor em Altärli. S` Kniebänkli isch zu Kuder und Fetze verdruckt, nu no Spriesseli. De verdtloffe Bruun liet verkrimmt und leblos vor em Altarbild. Nint ischs mit de vorgsehnene fromme Andacht. So schnell die aalte, krumme und wacklige Fiess sie traget, gaitschet sie nab an Helewanderhof und verkündet abghackt, stacklick, im Bläre, mit em Sacktuech vor em Gsiecht, die uubache Uuglücks- Botschaft.

Helewander Rosskapelle Altar

Zertscht monet die Helewander „ Jetzt isch sie übergschnappt “. Schnell sind aber alli uf de Fiess, rennet a d` Kapelle uffi und sehnet mit eigene Auge des gruusig Uuglick: Des verhungeret und verdorschtet Roß liet mit broochen Glotzbeppel vor em Altärli. I sienere Not, noch dem d` Türe innizues hinter ihm für immer am letschte Sunntigmittag zuegschnapt isch, sogar des vu de Oma no vollgfillt Weihwasserkesseli war forztrocke uusgsoffe. Au de Feldstruuss isch rubis und stubis gfresse gsii. S` prächtig Roß isch im Lauf vu de Woche still und liisli, meh oder weniger friedlich, direkt usem Kapelleli in Siebte Rosshimmel uffgfahre.

Daß die Wälderhengstli amel eweng e Lotterlebe führet und nit so ganz bibelfescht sind, des hät mer gwisst und drum hät mer zerscht uf de Nochberwaide bei de Stute gucket. Aber dass des Hengschli am Sunntig sogar Heiligebildli gucket und nit noch de blonde Rössli, des war scho selli neu.
So fromm und gottergebe, so keusch, so würdig und seelig, fascht scho heiligmässig isch no nie e Roß im Hochschwarzwald verstorbe. Und sit dem hoasst die Kapelle im Volksmund:

„D ` Roßkapelle uffem Helewand“


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