(Draht-)Eseleien

Ach, das gute alte Fahrrad. Es war die letzte große technische Erneuerung, bei der die Ursache-Wirkung-Relation noch in Ketten lag, statt sich in einer Kettenreaktion zu entfesseln. (Probst, M.: Der Drahtesel – die letzte humane Technik. In: Die Philosophie des Radfahrens. mairisch verl. 2010) 

Radfahren kann bekanntlich zur Leidenschaft ausarten. Mich hat sie schon seit den ersten Fahrversuchen im Griff, damals in einer Karlsruher Schrebergartensiedlung, angeschoben vom noch rüstigen Großvater mütterlicherseits. Weil meine Beine noch nicht bis auf die Pedale herunter reichten, hatte er mir, an Stelle des Sattels, oben um die Rahmenstange herum zur Polsterung eine Decke gewickelt. Wie und wo er das schwarz lackierte Vorkriegsmodell mit Gesundheitslenker und Rücktrittsbremse aufgetrieben hatte, war sein Geheimnis; ein Fahrrad zu organisieren, war in der noch arg ramponierten badischen Nachkriegsmetropole gewiss kein leichtes Unterfangen gewesen. Unauslöschlich ist mir in Erinnerung geblieben, wie er anfangs, nach einem fast unmerklichen Schubs, neben dem um Balance ringenden Enkel noch ein Stück weit her rannte. Auch die ersten Radausflüge finden sich im Langzeitgedächtnis abgespeichert: aus der Stadt hinaus gondelnd bis an die Altrheinarme und wieder zurück in die Gottesauerstraße, wo wir in den großen Ferien Stadtluft schnuppern durften. Der Picknickkorb auf dem Gepäckträger des Großvaters enthielt, so meine ich mich zu erinnern, immer auch die köstlichen selbst nachgezogenen, von der Oma eingelegten Essiggurken aus dem Schrebergärtchen – die Tomaten hingegen verschmähe ich bis zum heutigen Tag.

Ob einem die Lust am Radeln sogar mit den Genen vererbt wird? Im Frankreichfeldzug hatte der Vater einen Radfahrerzug befehligt, und noch im russischen Winter schoben sie ihre Fahrräder durch knietiefen Schnee. Als ob da eine Skiausrüstung nicht sehr viel hilfreicher gewesen wäre, doch die Oberste Heeresleitung hatte ja rechtzeitig vor Wintereinbruch noch Moskau einnehmen wollen. Ein braves Durlacher Gritzner-Modell hatte Krieg und Gefangenschaft überlebt und wurde vom Vater selbst in der Wirtschaftswunderzeit noch über die Maßen gelobt und gepriesen, auch noch, als es längst mit platten Reifen im St. Märgener Forstamtskeller verstaubte.

Per Rad durch den russischen Winter

Auch für die Söhne sollten sich die früh erlernten Fahrkünste als überaus nützlich, ja, als unverzichtbar erweisen, spätestens ab dem Besuch des Freiburger Keplergymnasiums und mit dem Wechsel in unser „Zwing-Uri“, ins verhasste Schülerheim auf dem Lorettoberg: Nicht nur bei den täglichen Schulfahrten quer durch die zu Teilen noch in Trümmern liegende Stadt nach Herdern hinaus, sondern vor allem übers Wochenende. Denn die Familie wohnte oben in St. Märgen, und der Kraftpostbus nachhause, montags dann wieder runter in die Niederungen der Stadt kam allenfalls bei Schneelage in Betracht. Samstags, kaum war die letzte Unterrichtsstunde überstanden, schwangen sich die drei Brüder auf ihre Räder, um nachhause zu strampeln: Knapp 30 Kilometer und 700 Höhenmeter galt es zu bewältigen, und dies anfangs noch gänzlich ohne, später immerhin mit Unterstützung einer Dreigang-Nabenschaltung. Nein, wir sattelten damals beileibe noch keine Sporträder, sondern schwergewichtige „Böcke“, „Tourenschüttler“, „Göppel“, „Drahtesel“, wie wir sie eher abschätzig nannten. Heimwärts fuhren wir nur ausnahmsweise im Team, denn jeder der Drei bevorzugte eine andere (vermeintlich vorteilhaftere) Routenvariante, sei es über Eschbach und St. Peter, sei es über Himmelreich und Wagensteig mit Schlussanstieg den Ohmenberg hinauf. Wobei auch die Abkürzung der Serpentinen, das Rad schiebend auf dem steilen Kirchweg, durchaus nicht zwingend darüber entschied, wer als Erster, Zweiter oder Letzter das St. Märgener Forsthaus erreichte, wo das Mittagessen wartete. „Wer sein Rad liebt, der schiebt“, so pflegte man seinerzeit zu scherzen, wenn einem beim Strampeln „per Knochengas und Kniezündung“ doch einmal die Leistungsgrenzen aufgezeigt wurden.

Ganz anders montags in aller Herrgottsfrühe: Da pflegten sich die Brüder nach Kamikaze-Art, einer den Windschatten des andern suchend, ins Dreisamtal hinab zu stürzen. Sieger war, wer mit den wenigsten Bremsvorgängen in Wagensteig oder Eschbach unten ankam. Risiko hin oder her: wir fühlten uns da bisweilen wie zu allem entschlossene Desperados, wo doch schon in der zweiten Schulstunde der Lateinunterricht drohte mit der latenten Gefahr, beim Vokabelabhören drangenommen zu werden. Noch gefürchteter die Mathestunde, in der man womöglich wieder mal wie der Ochs vorm Berg vorne an der Tafel stand! Derart demotiviert, konnten auch (rettende?) Stürze nicht ausbleiben – und das in jener grauen Vorzeit, als noch nicht einmal Profis brauchbare Helme trugen. Zum Glück ging es meist mit Schrammen ab, doch einmal kostete es mich den Schneidezahn, als ich, in windschlüpfriger Sitzposition flach über den Lenker gebeugt, unweit St. Peter ein Schlagloch übersah. 

Unsere Räder ließen sich erst ab der Oberstufe peu à peu nachrüsten, mal mit einem leichterem Rahmen und schmaleren Felgen, mal mit Lenkstangen, die mehr und mehr „Rennlenkern“ glichen, schließlich sogar mit einer veritablen Dreigangschaltung; das dafür benötigte Taschengeld verdienten wir uns in den Ferien mit leichteren Waldarbeiten, mit Pflanzensetzen oder Kulturreinigen, später auch im Akkord mit dem Bau von Pirschpfaden quer durch steile Staatswaldhänge. 

Nach geglücktem Abi und absolviertem Wehrdienst beschloss ich, in Freiburg Forstwissenschaft zu studieren – ein Entschluss, den ich bestimmt nicht aus übertriebener Sympathie für den Karlsruher Forstmann und Erfinder, den Freiherrn Karl von Drais, gefasst hatte. Immerhin versprach ich mir vom Forstberuf die Chance, den Skilanglauf weiter betreiben zu können, nachdem sich in der Schulzeit erste Wettkampferfolge eingestellt hatten – nicht zuletzt dank Radlerlunge, eines Ausdauer-trainierten Herz-Kreislaufsystems und gestählter Oberschenkelmuskulatur nach all den samstäglichen Familienheimfahrten steil bergan.

Die Vorliebe fürs Radfahren sollte dann auch das Berufsleben überdauern; nicht etwa nur nach Dienstschluss und am Wochenende, sondern gelegentlich sogar in Ausübung von Amt und Ehrenämtern. Im Urlaub war es dann der Mont Ventoux, der einen herausforderte, der mythische Berg aller echten Rennrad-Fans. Doch die schneearmen 1990erJahre hatten, aus den USA herüberschwappend, zu einem Boom der stollenbereiften Mountainbikes geführt, auf die nun vorzugsweise auch die frustrierten Wintersportler umstiegen, um damit durch Wald und Flur zu brettern. Mit bis zu 24 Gängen (drei Kettenblätter vorne, acht Ritzel hinten) waren jetzt ja selbst giftigste Steigungen zu bewältigen. Weil auch Fußpfade lockten und die Konflikte mit fußläufigen Erholungssuchenden sich häuften, wurde im novellierten Landeswaldgesetz eigens eine 2-Meter-Regel festgeschrieben: Danach war Radfahren im Wald nur mehr auf über 2 Meter breiten Waldwegen erlaubt, es sei denn auf speziell ausgewiesenen und markierten, vom Waldeigentümer zu genehmigenden „Singletrails“. Die Regelung sollte sich freilich, da kaum kontrollierbar, als ziemlich unwirksam erweisen, zumal die Radfahr- und Tourismusverbände in Stuttgart mit Petitionen dagegen Sturm liefen. Selbst die Lobby der Wanderer, der Schwarzwaldverein, begann sich mit den Bergradlern zu arrangieren. Lediglich für motorisierte Zweiradfahrer blieb der Wald einstweilen noch tabu.

Auf Waldwegen nach der 2-Meter-Regel und mit 24 Gängen

Nach anfänglichem Zaudern hatte sich auch der Villinger Forstamtsleiter ein Mountainbike zugelegt, mit dem sich praktischerweise sogar manches Dienstgeschäft erledigen ließ, so etwa der Holzverkauf an einen nicht minder radenthusiastischen Kunden – dies, wohlgemerkt, stets unter Einhaltung der forstgesetzlichen 2-Meter-Regelung! Was eigentlich ja auch keine Einschränkung bedeuten sollte, wo das Forstwegenetz Baden-Württembergs doch – sage und schreibe – 87.000 Kilometer umfasst, soviel wie zweimal um den Äquator herum. Anlässlich der Pensionierung im Jahr 2005 wurde mir vom Personalratsvorsitzenden als Abschiedsgeschenk das opulente holzgeschnitzte Halbrelief eines künstlerisch begabten Mitarbeiters überreicht: physiognomisch unverkennbar, in Forstuniform mit Fernglas vor der Brust und lässig auf dem Sattel eines Mountainbikes hockend – der Chef. 

Im Dienst per MTB

Den Ruhestand verbringe ich seitdem auf der Baar, radtouristisch betrachtet ein kaum zu überbietendes Eldorado: versehen mit dem topographischen Vorzug flacher, seniorengerechter Einrollstrecken und sodann, je nach Wetter, Lust und Laune, mit schier unerschöpflichen Möglichkeiten zu anspruchsvolleren Touren, wahlweise in den angrenzenden Schwarzwald, auf die Alb oder in den Hegau, selbst der Bodensee lockt in erreichbarer Entfernung, ob auf Asphalt per Rennrad oder per MTB. Klar, dass dabei im Lauf der Jahre auch der eine oder andere Sturz noch zu verkraften war, der „Abstieg über die Lenkstange“, wie es im Radlerjargon verharmlosend heißt. Doch auch ein solches Missgeschick konnte das Radvergnügen nicht nachhaltig trüben.

Als erholsames Kontrastprogramm bietet sich dem Baarbewohner der weithin verkehrsfreie und flach verlaufende Donauradweg an, auf dem sich in der Radsaison erfreulicherweise mehr und mehr Radtouristen drängeln – und wo man inzwischen Zeuge einer erstaunlichen Entwicklung wird: Immer häufiger begegnen einem hier, zumeist dick eingemummt gegen den Fahrtwind, vorwiegend Seniorenradler, die dank Elektroantrieb in bemerkenswert flottem Tempo donauabwärts rollen, als hätten sie es brandeilig, nach Sigmaringen, Wien, Budapest oder ans Schwarze Meer zu gelangen. An manchen Sommertagen scheinen derzeit schon bis zu 70 Prozent der Donau-Radler mit E-Motor im klobigen und surrenden Tretlager unterwegs zu sein – ein wahrhaft verblüffender Trend, der längst auch beim alljährlichen Check im örtlichen Radgeschäft nicht mehr zu übersehen ist: Wo einst Touren- und Rennräder, Mountain-, City- und Trekkingbikes in der Auslage standen, überwiegen längst die um soviel profitableren Pedelecs (generalisierend E-Bikes genannt). Versprechen sich deren Käufer einen ganz neuen Lustgewinn, oder worin sonst besteht der Anreiz zur Motorisierung?

Die motorisierten Donauradler

Man hätte es vorausahnen können: „Entschleunigung“, „die Entdeckung der Langsamkeit“, Genussradeln im Bummeltempo, bergaufwärts gar mit Absteigen und Schieben: vorbei, vorbei! Die Branche setzt auf lustvolles Beschleunigen mit Hilfe der neuen Batterie-getriebenen Deluxe-Klasse, auf die neue Bequemlichkeit, auf unangestrengtes Fahrvergnügen! Und die Wohlstandsgesellschaft fährt voll darauf ab. Es lebe der Öko-Trend der E-Motorisierung, und wo sich schon bei den vierrädrigen Verkehrsmitteln nicht genug tut, so nun doch wenigstens beim Zweirad! Das Bekenntnis zur Energiewende will zur Schau getragen werden – weshalb nicht auch mit der Batterie am Rahmen? Wo doch all die Solardächer, die agrarindustriellen Biogasbetriebe und Windkraftanlagen, wie sie neuerdings auch auf der Baar den Horizont verstellen, genutzt sein wollen. Egal, was über Nacht tatsächlich aus der Steckdose in die Millionen Akkus fließt, mag der Strom-Mix (nicht nur bei „Dunkelflaute“) aus noch so diffusen Quellen stammen: Hauptsache, das Fahrrad gewinnt neue Freunde, und der Berufstätige holt morgens nicht mehr den SUV aus der Garage, sondern sein E-Bike!

Der verkehrs-, umwelt- und energiepolitische Zweck der Treibhausgasverminderung heilige jedes Mittel, hören wir von allen Seiten. Laufe ich nächstens also Gefahr, zum heillosen Nostalgiker und elitären Nörgler zu werden, wenn ich Verzicht übe und mich weiterhin auf mein „gutes altes Fahrrad“ schwinge? Und sind es womöglich Neidattacken, die in mir hoch kochen wollen, ist es der pure Verdruss, wenn ich, schnaufend und schwitzend in den Steigungen, von der motorisierten Konkurrenz scheinbar mühelos abgehängt werde, nicht selten mitleidig belächelt von hoch betagten E-Bike-Paaren? 

Wo mittlerweile doch selbst die Mountainbike-Szene nachzurüsten pflegt. Rudelweise strampeln sie –  beneidenswert locker und unangestrengt – über die Schwarzwaldhöhen, mitunter sogar geführte Touristengruppen mit Kameras auf den Helmen. „Doping aus der Steckdose“, so hat DER SPIEGEL schon vor Jahren (20/2015) seinen Bericht über die forcierten Bemühungen der E-Bike-Produzenten überschrieben, den Markt endlich „raus aus der Geriatrieecke“ zu steuern. Derweil preist der Tourismusverband des Hochschwarzwalds seinen neu geschaffenen „Gipfeltrail“ an; für allfällige Rettungseinsätze sind auf den Markierungen jeweils Standortskoordinaten und Rufnummer der Bergwacht vermerkt.

Regelwidrig durch den Wald

Im Wald sei das Fahren mit Elektromotor wie mit allen sonstigen Motorfahrzeugen unzulässig, es sei denn, der Waldbesitzer erteile dazu die Genehmigung. So hatte noch anno 2009 der Stuttgarter Forstminister den besorgten Präsidenten des Schwarzwaldvereins beschwichtigt. Damals hatte sich die Besorgnis der Wanderfreunde ob der neuen Konkurrenz freilich als verfrüht herausgestellt, hatte sie doch einem Vehikel gegolten, das, zumindest als Outdoor-Vergnügen, alsbald zum Flop geraten sollte: dem von einem E-Motor angetriebenen Einachsroller namens Segway. Dem (technisch genialen, computergesteuerten) Gefährt hatte man manchenorts sogar schon eine Revolutionierung des Straßenverkehrs zugetraut, erst recht einen neuen Schub für den Tourismus: „Kirschtorte meets Segway. Wir starten die Tour am Klettergarten Action Forest & schweben um den Titisee herum“, so las es sich seinerzeit im Angebot des Online-Reisebüros Schwarzwald-Reisen. Doch es blieb beim Nischenprodukt, zu besichtigen allenfalls bei der Flughafenpolizei und anderen Spezialanwendern, die per Segway durch Gänge und über Plätze  zu schweben pflegen. Inzwischen aber boomt der Elektromotor anderswo – und keiner wird mehr in Stuttgart die Frage nach seiner Zulässigkeit beim Befahren von Waldwegen stellen wollen.

Wie eigentlich erkläre ich mir selbst meine langjährigen Irritationen ob all der Neuentwicklungen, meine in Gesellschaftskritik verpackten miesepetrigen Einwürfe gegen die elektrifizierte neue Fahrlust? Dass auch ich dereinst umsteigen würde, hatte mir lang genug schon meine ob meiner gesundheitlichen Verfassung zunehmend besorgte Frau prophezeit: Spätestens, wenn ich noch ein paar Jahre älter und noch ein bisschen hinfälliger geworden sein würde. Und nun also ist es  tatsächlich passiert: Jetzt brause auch ich auf einem akkubetriebenen Gerät, schwer wie ein Leichtmotorrad, durch die Baar. Oder hätte ich am Ende nicht doch besser noch ein Weilchen zuwarten sollen: bis zur ultimativen Lösung auf dem Fahrradmarkt – dem vollautonomen, selbstfahrenden Drahtesel?

Kondenswasser

Liebe Bürgerpostleser, 

immer mal wieder nach längeren und stärkeren Frostperioden erleben wir diese Situation: Eine starke Tropfenbildung an der Decke unseres Durchgangs zwischen Hauseingang und Garage.

Diese zwei Aufnahmen stammen vom 22.12. morgens um 7 Uhr.

Haben Sie auch schon so eine Situation erlebt? Man wird schier an eine Tropfsteinhöhle erinnert.

Dieses Foto wurde am 23.12. um 10 Uhr aufgenommen, man sieht, dass es bis auf einen Rest in Richtung Garage schon gut abgetrocknet hat.

Erahnen Sie den Grund? An der kalten Decke wurde die Luftfeuchtigkeit in flüssige Form umgewandelt und erst mit zunehmender Erwärmung wurde der Vorgang gestoppt. Der Fachbegriff für diesen Vorgang ist die Kondensation. Die Taubildung im Freien ist genau der gleiche Situation. Es passiert dann, wenn die wasserdampfhaltige Luft unter den Taupunkt abgekühlt wird. Das so entstehende Wasser wird Kondens-, Schwitz- oder Tauwasser genannt. 

Jetzt kommt noch etwas. Ehrlich gesagt, dachte ich, dass der dunkle Ring auf dem linken Bild daher rührt, dass in dem Bereich das Wasser noch gefroren sei. Aber, das war nicht der Fall, nur noch ein Eis Rest war zu sehen. Die Aufnahme stammt vom 24. Dezember. Man sieht, dass Wasser in Streifen nach unten geflossen ist. Bild rechts wurde am 25.12. aufgenommen, der Behälter war ohne dunklen Ring. Wow. Was steckt dahinter? 

Zunächst eine Verständnisfrage, wo im Behälter ist das Wasser am kältesten, oben, unten oder in der Mitte? Das Ergebnis nennt man in der Physik die „Anomalie von Wasser“: Wasser ist am dichtesten bei vier Grad und Wasseranlagen gefrieren deswegen nicht von unten zu, sondern von oben. Unvorstellbar, wenn es nicht so wäre. Also und nun die Erklärung zu den Bildern oben, das Wasser im oberen Bereich war am 24. Dezember noch so kalt, dass sich Kondenswasser gebildet hat. Am 25. Dezember dagegen war es so warm, dass sich kein Kondenswasser mehr bilden konnte, weil der Taupunkt nicht mehr erreicht wurde. 

Was sagen Sie dazu? Ich jedenfalls finde es eine spannende Sache.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Ist die Esche „dem Untergang geweiht“?

Die Pressemeldung des Forstministers zum Gesundheitszustand der baden-württembergischen Wälder, wie sie der Schwarzwälder Bote am 20. 12. 2022 unter der Schlagzeile „Esche ist bereits dem Untergang geweiht“ verbreitet hat, ist wahrlich nicht dazu geeignet, Festtagsstimmung zu erzeugen. Selbst der als trockenheitstolerant geltenden Douglasie drohe Gefahr, nachdem sich ein aggressiver Pilz ausbreite, der in anderen Bundesländern schon viele Bestände vernichtet habe. Bereits todgeweiht sei die Esche, auf die man im Klimakampf doch so gerne gesetzt hätte. Seit dem Auftreten des aus Fernost importierten Pilzes mit der so niedlich klingenden Bezeichnung Falsches weißes Stengelbecherchen grassiert das Eschentriebsterben. „Die Esche“, so klagt Forstminister Peter Hauk, „gibt es bald bei uns nicht mehr.“ Genauso war es vor Jahren auch schon der Ulme ergangen, auch sie wurde nahezu komplett ausgerottet durch den aus Fernost eingeschleppten Ulmensplintkäfer in Verbindung mit einem Schadpilz.

Eschenfällung bei Bad Dürrheim
Einsetzendes Eschentriebsterben am Donaueschinger Buchberg

Ulmensterben, Eschensterben, Waldsterben: wo mag es da noch Hoffnung geben? Lässt sich nicht wenigstens die Esche noch irgendwie retten, der „Weltenbaum“ der germanischen Mythologie? Zumeist sind sie bereits gefällt worden, wo immer sich Krankheitssymptome gezeigt haben, ob im Wald oder längs von Wegen und Straßen, wo durch abbrechende Dürräste Gefahr für Passanten droht. Ein solcher Sanierungshieb fand im Spätwinter 2021 auch im Buchberg statt, einem vielbegangenen Walddistrikt angrenzend an die Stadt Donaueschingen. Manch ein Waldspaziergänger dürfte sich damals gewundert oder gar beschwert haben angesichts des durch den Holzhieb angerichteten Verhaus.

Eschen-Stockausschlag (Ende November 2022)

Umso verblüffter registriert man inzwischen, dass aus den unterhalb des Fällschnitts verbliebenen Eschenstöcken, ob in Knöchel-, Knie- oder Brusthöhe, eine Vielzahl dichtbelaubter junger Triebe (sog. „Stockausschläge“) hervor wachsen. Fast erinnern sie bereits an die Kopfweiden in den Rheinauen, deren Triebe in kurzen Intervallen für Flechtwerk und Faschinen  genutzt worden sind. Oder an die Schneiteleschen der Schwarzwaldhöfe, deren Äste regelmäßig „geschneitelt“ (gekappt) wurden. Das Eschenlaub diente als Viehfutter  (was die Butter schön gelb färbte), die Äste wurden verheizt. 

Während im Wald schon das Herbstlaub abgefallen war, schienen die jungen Eschentriebe gar nicht ausgiebig genug assimilieren zu können – so sattgrün war ihr Laub sogar noch anfangs Dezember, und erst mit dem Schnee fiel es dann vollends ab. Nun wird es spannend zu beobachten sein, wie und ob sie im nächsten Frühjahr in ähnlicher Vitalität wieder austreiben werden. Sollten sie sich tatsächlich wieder zu ausgewachsenen Stämmen entwickeln und damit dem Eschensterben ein Schnippchen schlagen können? Die Aussicht auf Nutzholz, auf künftige Besenstiele und sonstiges Holzgerät, dürfte sich dann zwar kaum erfüllen. Doch um zu fruktifizieren sind stockschlägische Eschen allemal zu gebrauchen, sofern die Triebe nicht zuvor wieder vom Pilz befallen werden und absterben. Die Hoffnung auf Rettung des „Weltenbaums“, so die Weihnachtsbotschaft 2022, stirbt zuletzt. Verfolgen wir also aufmerksam das weitere Geschehen im Wald! 

Schneitelesche an Schwarzwaldhof
Stockschlägige Esche am Wartenberg

Vegetationszeit

Liebe Bürgerpostleser, 

was ist heute Thema? Ich bin gespannt, ob Sie es erahnen. Wahrscheinlich schon. Die jährlichen Unterschiede in der Vegetationsdauer. Denn das Bild links stammt vom 16. November 2021 und Bild rechts und 3 gut ein Jahr später vom 21. November 2022. Welch eine Unterschied von wüst braun anno 2021 zu saftig grün anno 2022. Grün sieht einfach gut aus auf dem Grünland, da gibt’s kein Wenn und Aber. Beim Vergleich der beiden Tierjahrgänge ist mir der gravierende Unterschied aufgefallen und ich dachte dann, das könnte Sie vielleicht auch beeindrucken. 

16. November 2021
21. November 2022

Wie kommts zu diesen Bildern? Wir begutachten jeden Herbst die Absetzer aus der Mutterkuhhaltung der Rasse Hinterwälder, um zu sehen, wie der eingesetzte Deckbulle vererbt hat. Natürlich spielt die Milchleistung der Mütter auch eine wichtige Rolle für das Wachstum. Die Fleischigkeit ist hoch erblich, deswegen ist es wichtig, einen entsprechenden Bullen einzusetzen. Das haben Adeline Stadtmüller und ihr Vater Paul Franck, siehe Bild unten, aus Kraichtal-Neuenbürg gemacht, denn einen so tollen Jahrgang gab es noch nie. Ich bin stolz auf diesen Betrieb, denn Paul Franck hat ihn vom Nebenerwerb in den Haupterwerb geführt über die Landschaftspflege durch Beweidung und über den Verkauf vom Gourmetfleisch Hinterwälder an Direktkunden. Geschlachtet wird im EU-zertifizierten hofeigenen Schlachthaus. Und Tochter Adeline Stadtmüller macht mit ihrer Familie weiter, das ist einfach klasse.


Soweit an der Stelle. Jetzt noch ein Hammer bezüglich Vegetationsdauer: Haben Sie schon einmal den Begriff „Nikolaussilage“ gehört? Das Bild unten liefert den Beweis. Ackerfutterschwaden im Elsaß, Thomas Buchholz aus Steinach-Niederbach hat es im Status gehabt. Unsere Vorfahren würden sich im Grabe umdrehen, „Nikolaussilage, das kann nicht sein“. Es bleibt spannend, was die weiteren Jahre mit sich bringen.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Spritzkern

Liebe Bürgerpostleser, 

Hubert Buchholz aus Mühlenbach hatte dieses Bild im Status eingestellt. Dass das meine Neugier sofort geweckt hat, können Sie sich sicher vorstellen. Nur, wer kann mir erklären, was das zu bedeuten hat und was dahintersteckt? Natürlich die von Ihnen, die so etwas schon einmal gesehen und „erforscht“ haben. Ich schätze aber, dass das nicht sehr viele sind. 

Ich erinnerte mich mit der Zeit, wer mir helfen könnte: Unser ehemaliger Dezernent und profunder Förster Reinhold Mayer aus Tennenbronn. Und wie nicht anders zu erwarten war, zauberte er den fachlichen Hintergrund sofort aus dem Zylinder: „Bei dem Bild handelt es sich um den Spritzkern einer Rotbuche, der nach Verletzungen an Wurzeln oder am Stamm, zum Beispiel durch Astabbrüche oder Streifschäden entsteht, wenn Luftsauerstoff in das Gewebe eintritt. Durch den eindringenden Sauerstoff werden vom Baum einerseits die Wasserleitbahnen als Abwehrreaktion verschlossen und andererseits werden Reservestoffe in den Holzzellen durch enzymatische Reaktionen in diese farbgebenden roten bis schwarzen Holzelemente umgewandelt.“
Ist das nicht eine erstaunliche Eigenschaft der Buche? Ich muss ehrlich sagen, ich dachte zeitweise, da ist etwas mit Farbe gewerkelt worden. Aber, mitnichten. 

Reinhold Mayer führt weiter aus: „Die technische Holzqualität wird dadurch meist nicht beeinträchtigt. Früher galt die optische Veränderung als Holzfehler mit starken Preisabschlägen, doch lassen sich daraus sehr lebhafte Furniere oder auch individuelle schöne Massivmöbel herstellen. In unserer Wohnung haben wir alle Türen mit rotkerniger Rotbuche belegen lassen. Die gefallen mir auch heute noch. Andere Leute, die unsere Türen beim Schreiner in Tennenbronn stehen sahen, haben sich dann auch für rotkernige Türen entschieden“. 

Interessanterweise waren auch sie überzeugt, dass es kein Holzfehler ist, sondern etwas Besonderes. In dem Zusammenhang habe ich auch erfahren, dass die gesunde Buche über den gesamten Stammquerschnitt Wasser leiten kann. Das sei bei anderen Gehölzen nicht so, bei der Eiche sind es nur die äußeren ein bis drei Jahresringe. 

Hubert Buchholz erwähnte, dass die Färbung aussehe wie ein sitzender Schmetterling. Das war auch der Grund, dass er das Bild aufgenommen hat. Ich finde, dass man das leicht nachvollziehen kann und bin sehr dankbar, dass wir es sehen dürfen. 


Herzlichen Dank auch Reinhold Mayer für die wie aus dem Rohr geschossene Erklärung des Sachverhaltes. Man hat gespürt, dass dieses Thema ihm sehr am Herzen liegt. Und der Begriff Spritzkern wird sich bei uns eingeprägt haben.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Wassereis

Liebe Bürgerpostleser,

das mit den Fledermäusen war schon eine traurige Geschichte. Es gab einige Rückmeldungen von ähnlichen Fällen. Auch von Vögeln, die sich im Kamin verirrt hatten. Heute gibt’s etwas fürs Auge. Kürzlich dachte ich, was ist denn im Garten los, wieso schimmern manche Pflanzen so weißlich? Beim näheren Betrachten stellte ich fest, dass es Blätter mit kurzer oder langer Behaarung waren und dass sie voller Wassertropfen – entweder flüssig oder fest, das habe ich gar nicht mehr näher untersucht – waren, die das weiß verstärkten. Auf den zwei Fotos unten sieht man, dass in der Umgebung der Blätter nichts Derartiges zu sehen war. Wahrscheinlich hat sich das Wasser durch die Behaarung sammeln können und ist nicht abgelaufen. 

Königskerze
Wollziest
Salbei

Ich finde das sehr interessant. Das nächste Foto hat meine Frau heute Mittag im trockenen Zustand aufgenommen, man sieht, dass der Salbei mit der kurzen Behaarung von Mehltau befallen ist.

Salbei mit Mehltau

Zum Schluss noch die Auflösung der Frage beim vorletzten Beitrag. Die Frage war, woher der Wind geweht hat, als das Eis an den Blüten und am Stengel des Hartriegels entstanden ist.

Es gab Leser, die schrieben, natürlich von rechts, es gab welche, die schrieben von links. Und links ist richtig. Ich habe noch ein Beispiel mitgebracht, Raureif an einem Stacheldrahtzaun. Aus welcher Richtung kam dabei der Wind?

Wenn ich sage, aus Richtung Mundelfingen oder aus Süden, dann können Sie nichts damit anfangen, obwohl es stimmt. Wenn ich aber sage, dass der Wind aus Richtung des Fotografen kommt, dann ist es klar beschrieben. Das ist auf dem Auenberg entstanden und nicht umsonst ist in der Nachbarschaft das erste Windrad Baden-Württembergs gebaut worden. Hammerhart finde ich die Kuhle, die der Wind in der Mitte des Pfahls entstehen ließ, finden Sie nicht auch? Das Hartriegelbild ist auch auf dem Auenberg weiter Richtung Döggingen aufgenommen worden.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Spätblüher

Liebe Bürgerpostleser, 

der Spätherbst 2022 hat es in sich, ich denke, das erleben Sie auch so. Viele Blumen blühen nach wie vor, aber auch einige Sträucher. Dies habe ich in der Vergangenheit auf jeden Fall nicht wahrgenommen, vielleicht gab es das auch nicht. Bild unten zeigt einen Weißdornast mit Blüten in verschiedenen Stadien und mit einer roten Beere von der „Erstblüte“. Die Aufnahme bekam ich von Adeline Stadtmüller aus Kraichtal-Neuenbürg und fotografiert wurde am 20. Oktober 2022. 

Weißdorn am 20. Oktober 2022 in Kraichtal-Neuenbürg

Nachdem ich in unserer Straßenecke im Oktober Blütenknospen vom Hartriegel beobachten konnte, dachte ich, zur Blüte wird es wohl nicht mehr reichen. Dann sind wir am 6. November 2022 um den Kofenweiher spaziert und was sahen wir dort? Viele Blütenstände vom Hartriegel mit 50 Prozent geöffneten Blüten. Einfach sehr erstaunlich. Die Blätter sind auch so herrlich grün, wie wenn nicht der 6. November wäre. 

Hartriegel am 6. November 2022 beim Kofenweiher

Das nächste Bild zeigt offene Blüten und Blütenkospen vom Wolligen Schneeball auch an der Breg bei Kofenweiher. Das hat mich wirklich überrascht. Man sieht auch schön die Staubbeutel, eben grad so, wie wenn es dem Frühjahr entgegengeht. 

Wolliger Schneeball am 6. November 2022 beim Kofenweiher

Dass alles ein jähes Ende nehmen kann, sieht man auf dem letzten Bild. Eine vereiste Hartriegelblüte, fotografiert auf dem Auenberg morgens am 19. November.

Hartriegelblüte auf dem Auenberg am 19. November 2022

Frostberegnung als Schutz der Obstblüten vor dem Erfrieren sieht auch so aus. 

Ich frage Sie nun etwas zu diesem Frostbild, aus welcher Richtung wird sich das Eis gebildet haben? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort.

Zu dem ganzen Thema passt die wissenschaftliche Erkenntnis, dass es in den letzten Jahrzehnten eine Verschiebung der Jahreszeiten weg vom Winter von sage und schreibe drei Wochen gegeben hat. Diesen Herbst kommt das sehr deutlich zu Tage. 

Herzliche Grüße
Franz Maus

Graswachstum

Liebe Bürgerpostleser, 

dieser Sommer und der Herbst waren etwas Eigenartiges. Der Sommer weniger, das sind wir ja fast gewöhnt. Aber der Spätsommer und der bisherige Herbst schon. Das Bild oben zeigt die Steppensituation, die in vielen Schwarzwaldteilen vorhanden war, hier im oberen Münstertal auf Gemarkung Breitnau in über 1.000 Höhenmeter am 4. August fotografiert. Man fragte sich wirklich, wovon sich die Hinterwälder ernähren, denn sie sahen richtig gut aus. Aber das sind echte Spezialisten, die mit wenig zustreich kommen. 

Am 18. und 19. August gab es auf der Baar gewaltige Niederschlagsmengen. Mir kam leider erst am 22 August die Idee, eine Zeitreihe zu erstellen, wie das Grünland sich entwickelt. Denn das erste Graslandbild von Hausen vor Wald Richtung Döggingen aufgenommen, stammt von dem Tag. Man sieht bereits, dass so langsam wieder Leben kommt. Vor dem Regen sah es deutlich brauner aus. Das nächste Bild ist drei Tage später aufgenommen  worden, sehen Sie die deutliche Wachstumsentwicklung? Am 5. September, nächstes Bild, sah es intensiv grün gefärbt aus. Das letzte Bild in der Reihe entstand am 13. September und der Landwirt konnte nicht nur einen, sondern noch zwei Schnitte abernten. Exakt 22 Tage liegen zwischen dem ersten und letzten Bild, sagenhaft diese Entwicklung. Spätsommer und Herbst sind ein zweiter Frühling, viele haben eine solche Entwicklung nicht mehr erwartet und manche spechen von einem Wunder. Denn die Futtersituation der Rinderhalter ist dadurch um Welten besser geworden, es stand zu befürchten, dass die Vorräte nicht über den Winter reichen. 

22. August 2022
25. August 2022
13. September
5. September 2022

Erkennen Sie den Heiligenschein des Fotografen? Das ist ein optisches Phänomen, das auch schon einmal Gegenstand eines Berichtes war. Es kommt zustande, weil das durch die Tautropfen reflektierte Sonnenlicht zu einer Lichtkonzentration im Gegenpunkt der Sonne führt. Sie erinnern sich sicher noch.

Herzliche Grüße
Franz Maus

Denkanstoß am Waldeingang

Neuerdings zeichnen sich Fürstlich Fürstenbergische Wälder durch ein besonderes Erkennungsmerkmal aus: eine über mannshohe, an Holzpflöcken befestigte, orange gefärbte Acht. Aufgestellt wurde die Ziffer jeweils an beliebten Ausgangspunkten für Waldspaziergänge und Wanderungen, so etwa am Torhaus des Unterhölzers (s. Foto), des einstigen Wildparks. Ob der Waldbesucher allerdings auf Anhieb zu entschlüsseln vermag, was es auf sich hat mit der ominösen Zahl? Handelt es sich womöglich um das Projekt eines Land-Art-Künstlers oder gar um die leicht verfremdete Aufforderung des Waldeigentümers, Acht zu geben auf Wald und Wild, nicht zu lärmen oder sich sonst wie ungebührlich zu benehmen? Oder stehen wir vor der Station eines neuen Walderlebnisparcours?

Alles falsch: Das geschulte Auge erkennt natürlich sogleich den an der Gürtellinie der Acht angebrachten QR-Code, der Auskunft geben könnte, so wie unlängst ja auch schon der elektronische Corona-Impfnachweis. Doch leider soll es noch immer digital unterbelichtete Menschen geben, die App-frei durch den Wald flanieren, zumeist Besucher der älteren Generation, die noch immer kein Smartphone mit sich führen, sich dessen Anschaffung und Gebrauch sogar absichtlich versagen und sich stattdessen selbst im finstersten Terrain mit einem Handy älteren Baujahrs samt Notrufnummer begnügen. Jetzt freilich heißt es für sie zuwarten, bis sich endlich jemand ihrer erbarmt und darüber aufklärt, was es mit der Acht auf sich hat.

Doch prompt lässt sich diesmal Keiner blicken, weshalb die Auflösung des Rätsels verschoben werden muss bis zur Erörterung im Freundes- und Kollegenkreis, gar bei Google: Der Forstbetrieb Fürst Zu Fürstenberg GmbH & Co. KG, erfährt man, der im Südbadischen 18.000 Hektar (den zweitgrößten Privatwald unseres Bundeslandes) bewirtschaftet, weist mit der Acht auf nichts Geringeres hin als auf die Leistung des Waldes zur Eindämmung der Klimakrise. Mithin auf den Umstand, dass im Fürstlich Fürstenbergischen Wald pro Jahr und Hektar – unentgeltlich – 8 Tonnen klimaschädliches CO2 in Holzwachstum und Waldboden eingelagert werden – zumindest bis zur Holzernte und danach weiter in Dachstühlen und Möbeln! In alten, vorratsreichen und noch halbwegs intakten Naturwäldern mögen es jährlich sogar 10 Tonnen pro Hektar sein, doch der Waldeigentümer übt sich mit der 8 in Bescheidenheit: Wohl wissend, dass seinem von der Fichte, dem Brot- und Katastrophenbaum, dominierten Wald nicht das allerökologischste Image anhaftet, speziell auch der Holzerntepraxis mit tonnenschweren Harvester- und Forwardermaschinen auf überbreiten Maschinengassen in allzu engen 20-Meter-Abständen. Womit leicht einmal ein Fünftel bis ein Viertel der Holzbodenfläche fürs Baumwachstum, für Bodenorganismen und damit auch für den Klimaschutz verloren geht. Wie denn auch durch Kahlschläge (im Fachjargon eher „Räumungen“ genannt) ebenso wie durch Sturm- wie Käferflächen das gespeicherte Treibhausgas vorzeitig wieder in großen Mengen freigesetzt wird.

Wie viele Tonnen CO2 vermag der F.F. Fichtenwald zu speichern?

Umso eifriger setzt der F.F. Forst daher auf ein zweites wirtschaftliches Standbein: auf Windenergieanlagen. Derzeit sind es im fürstlichen Wald zwar erst deren sechs, doch weitere 50 (!) sollen folgen, wie Forstchef Dr. Jens Borchers kürzlich dem Schwarzwälder Boten (v. 6. August 2022) anvertraute. Denn nichts gilt heutzutage als profitabler in der deutschen Forstwirtschaft als die Verpachtung von Waldstandorten an Windenergieunternehmen. Vorreiter dieser Entwicklung ist der baden-württembergische Staatswald, der laut grün-schwarzem Koalitionsvertrag Standorte für 1000 Windräder einzubringen hat. Wie sich herumgesprochen hat, belaufen sich die hierbei zu erzielenden Pachteinnahmen (je nach Windhöffigkeit und Erschließung) pro Windrad und Jahr leicht auf Beträge zwischen 15.000 bis maximal 80.000 Euro; dies auf einer Fläche, wo der waldwirtschaftliche Ertrag bestenfalls ca. 300 Euro pro Jahr und Hektar beschert – was für eine Spanne, was für ein Reibach, und das auch noch als heiß ersehnter Beitrag zum Gelingen der Energiewende! Wo Baden-Württemberg bei der Windenergie doch nach wie vor Schlusslicht ist unter den Bundesländern. Gerade mal drei Windräder konnten 2022 aufgestellt werden. Da ist es denn auch kaum verwunderlich, dass im nämlichen Pressebericht auch vehement geklagt wird über den Artenschutz als dem „größten Windkraftverhinderer“: Im Schwarzwald seien es die letzten Auerhühner, deretwegen weite Teile nicht verplant werden dürfen, wiewohl diese Art, bei globaler Betrachtung, doch gar nicht bedroht sei. Und auf der Baar sei es der Rotmilan, mit dem Windräder ausgebremst werden, obwohl sein Bestand doch zunehme.

Außer Betracht bleibt freilich, dass für den Bau einer einzigen Windenergieanlage heutiger Größenordnung inklusive der erforderlichen „Zuwegung“ ca. ein Hektar Wald gerodet werden muss. Das macht, so sich die Absicht des F.F. Forstbetriebs realisieren lässt, pro Jahr (56 Windräder mal 1 Hektar mal 8 Tonnen) 446 Tonnen, die in der „CO2-Senke Wald“ ungespeichert bleiben. Womit der ökologische Rucksack freilich noch längst nicht vollgepackt ist: Natürlich sind in der Aufrechnung auch die immensen CO2-Mengen hinzuzufügen, die bei der Fertigung von Beton und Stahl emittiert werden, desgleichen jene bei der Fertigung der Rotorflügel aus kohlenstofffaserverstärkten Verbundwerkstoffen und tropischem Balsaholz, beim Schwerlastverkehr für Bau und Wartung, letztendlich auch noch bei Entsorgung und Renaturierung. Und dass zur Ökobilanz schließlich auch Rand- und Folgeschäden am aufgerissenen Waldbestand zählen sowie die Schlagopfer an Vögeln, Fledermäusen und Fluginsekten, erst recht nicht zu vergessen der Verlust an Naturlebensraum, an Naturerlebnisraum und an unbelasteter Landschaft. „Windräder im Wald“, so ließ sich unlängst Deutschlands bekanntester Förster und Bestsellerautor, Peter Wohlleben, vernehmen, „sind Schwachsinn im Quadrat!“ Denn in der Tat stellt sich hier die Sinnfrage: Ist Windenergiegewinnung in Wäldern denn überhaupt relevanter Klimaschutz, wo es doch die Bäume sind, die, nebst den Mooren, das CO2 am verlässlichsten speichern und unschädlich machen? Dass Sachsen und Thüringen Windräder im Wald noch immer kategorisch ausschließen, mag bezeichnend sein für dieses Dilemma – von der anhaltenden Diskussion um die Windkraftnutzung in den Wäldern touristischer und ökologischer Vorranggebiete einmal ganz abgesehen. Man könne den Menschen zumuten „in den Schwarzwald zu schauen und Windräder zu sehen“, so zitiert der Schwarzwälder Bote den F.F. Forstchef.  Unausgesprochen bleibt: Man wird in seinem Wald doch auch noch Geld verdienen dürfen mit der Energiewende.

Seltsam, was einem nicht alles durch den Kopf geht angesichts einer Acht in der Warnfarbe Orange am Waldeingang!

Profitable Waldwirtschaft auf dem Amtenhauser Berg: Blick vom Fürstenberg über den Wartenberg auf den F.F. Windpark

Baumpilz

Liebe Bürgerpostleser, 

am 14. Mai 2022, einem Samstag, erblickte ich am dicken Holzblock, der unsere Vogeltränke trägt, dieses farblich schöne Gebilde und zwar um 9:41 Uhr. Die Uhrzeit ist deswegen interessant, weil das nächste Foto nur knapp drei Stunden später geschossen wurde, um 12:38 Uhr. Und das dritte Bild ist um 15:07 Uhr aufgenommen worden, also nur 2 ½ Stunden später. Da bleibt einem doch die Spucke weg, finden Sie nicht auch? Dass Naturabläufe derart schnell verlaufen, hat mich völlig verduzt.

Das letzte Bild stammt von drei Tage später um 7:43 Uhr. Dem Schleim nach haben sich Schnecken über das Gebilde hergemacht. 

Pilz drei Tage später um 7:43 Uhr

Ich habe bis heute gezögert, darüber zu schreiben, weil ich nicht mit der Bestimmung klar kam. Ich machte mich auf die Suche bei den Schleimpilzen, Sie erinnern sich sicher noch an Artikel über sie. Und dabei bin ich vermutlich fündig geworden. An was erinnert Sie das erste Bild? An Fischeier, keine Frage, oder? Jetzt wird es sehr einfach, das Gebilde ist ein Fischeierschleimpilz, ganz logisch. Man könnte meinen, die „Eier“ hat jemand dort abgelegt, so sieht es doch aus. Nein, das muss aus dem Holz heraus entstanden sein. 

Was noch nicht ganz geklärt ist, dass vom lachsfarbenen Fischeierschleimpilz gesprochen wird. Diese Farbe sieht man in Ansätzen nur auf dem zweiten Bild. Vielleicht kann mir jemand von Ihnen noch Genaueres dazu sagen, ich würde mich freuen.

Herzliche Grüße
Franz Maus

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