Wanderblühten – Johann Nepomuk Schelble – Prolog


Es bildet ein Talent sich in der Stille,
Sich ein Charakter in dem Strom der Welt.

Johann Wolfgang von Goethe in Torquato Tasso

Gleichzeitige Menschen haben, wie eine aufmerksame Vergleichung zeigt, nicht selten auffallende Ähnlichkeit in der Art und Weise ihres Bildungsganges. Und es ist dies sehr natürlich; bilden ja doch Zeit und Umstände, so zu sagen das Klima, in welchem die Pflanzen aufwachsen und sich entfalten.

Unter die Landsleute, welche sich ehrenvoll und tüchtig hervorgetan, dürfen wir mit Recht die Musiker Conradin Kreutzer, Krebs und Schelble zählen. In ungefähr äußerlich gleich beschränkten Verhältnissen geboren, führte sie allein ihr Talent und Streben auf die Bahn, auf welcher sie (jeder in seiner eigenen Weise) für ihre Zeit Bedeutendes leisteten. – Wie bei ihrem Landsmann Seele, sind es die Orte Donaueschingen, Stuttgart und Wien, die bei Schilderung jenes Lebens und Wirkens vorzugsweise genannt werden müssen. Krebs, 1774 in Überauchen bei Villingen geboren, besuchte fast gleichzeitig mit Seele die Schule zu Donaueschingen, wo er nebenbei Gesangsunterricht nahm, und später am Hofe zu Stuttgart als tüchtig gebildeter Sänger und Theoretiker einen passenden Wirkungskreis fand. –

Kreutzer, ein (1782) geborener Mößkircher, kam, wie Schelble nach Marchthal, schon frühe in das Kloster Zwiefalten, wo er gründlichen musikalischen Unterricht genoss, und nachdem er einige Zeit in Wien sich aufgehalten, in Stuttgart und Donaueschingen die Stelle eines Kapellmeisters begleitete, sowie später in Wien die Direktorsstelle bei der Oper an der Josephstädter Bühne und am Burgtheater.

Was die Lebensgeschichte Schelble’s anbetrifft, so glaube ich dieselbe etwas ausführlicher geben zu müssen, zumal verschiedene hinterlassene Briefschaften, sowie Mündliches und Schriftliches von Freunden* die (eigene nahe Verwandtschaft mit eingerechnet) mich in den Stand setzen, einen biographischen Versuch mit einigem Glück bewerkstelligen zu können.
* Schätzenswerthe Beiträge verdanke ich dem Musiker und Schüler Schelble’s, Franz Xaver Gleichauf in Frankfurt; so wie ich auch dem Urtheile dieses gründlich gebildeten Musikers in Betreff Schelble’s musikalischer Leistungen treuchlich gefolgt bin.

Lebensgeschichten im allgemeinen sind jedoch immerhin Bruchstücke; denn wie Vieles verschlingt nicht unmittelbar die Woge der Zeit, und wie bald ist die Stelle, wo wir gelebt und gewirkt haben, überwachsen von dem üppigen Grün nachkommender Geschlechter, die oft kaum mehr wissen, wer von den Vorfahren das Bäumlein gepflanzt und gepflegt hat, dessen Schatten oder Frucht sie genießen. Bleibt ja doch gewöhnlich gerade das prunk- und anspruchlosere, darum aber vielleicht um so gesegnetere Wirken ungenannt, weil es verschmäht hat, in den Vordergrund sich zu stellen und von der Welt Beifall und Lohn zu heischen.

Schelble’s künstlerische Leistungen aber verdient unsere volle Beachtung, nicht nur deshalb, weil sie als schöne Erinnerung festgehalten zu werden verdienen, sondern, was noch mehr ist, weil sie als Vorbild für unsere und künftige Zeiten gelten dürfen. Sein ganzes Wirken und Streben erinnert recht eigentlich daran, dass die Kunst ein Göttliches im Menschen ist, welches zu erhalten und zu pflegen des wahren Künstlers hoher Beruf sein müßte!“

Nach dieser kurzen Vorbetrachtung wollen wir nun den Lebensgang des Meisters in möglichster Treue zu schildern versuchen.

Es ist eine, durch viele Beispiele bestätigte Wahrnehmung, dass ein Talent, gleichwie das Samenkorn, zum Keimen einer Anregung bedarf, einer Umgebung, wo es seine erste, wenn auch zuweilen spärliche Nahrung zieht. Dieser Satz auf die vorliegende Lebensgeschichte angewendet, möchte es fast scheinen, als werde auf dem Lande, oder was das Nämliche ist, in kleinen Landstädten, zumal in jenen unruhigen Kriegszeiten, wenig künstlerisch Anregendes vorhanden gewesen sein. Bei näherer Betrachtung jedoch dürfte sich ergeben, dass jener Boden in dieser Beziehung so ungünstig nicht gewesen, als wir auf den ersten Blick glauben möchten.

Um von der Musik allein zu reden, war es diese Kunst ganz besonders, dies bis herab in’s Kleine überall ihre Liebhaber und Pfleger fand. Der Umstand, dass in den damaligen Klöstern und ihren Unterrichtsanstalten vorzugsweise Musik getrieben wurde, mag wohl das Meiste hierzu beigetragen haben; denn selten kam ein Studierter von dort zurück, ohne wenigstens einige musikalische Bildung ins praktische Leben mitzubringen; daher nicht leicht ein kleines Städtlein gefunden wurde, wo nicht geistliche und weltliche Beamte in mancherlei Weise bei Kirchenmusiken, oder bei Unterrichte der Jugend sich thätig gezeigt hätten. Auch bei den Schullehrern wurde hauptsächlich nur auf musikalische Befähigung gesehen; eine gute Singstimme bei einiger Fertigkeit im Lesen und Schreiben genügte oft allein schon bei Bewerbungen um eine Stelle, den Ausschlag zu geben. „Vorsersamst“, hieß es gewöhnlich in der Dienstausschreibung, „solle er (der Schulmeister) eines gesitteten Lebenswandels sein, gut schreiben, lesen und rechnen, die Orgel schlagen, geigen und Baßsingen, auch wo möglich die blasenden Instrumente behandeln können.“

Zu allem diesen hatte das bürgerliche Leben noch mehr konservative Zähigkeit. Ein Gewerbe, eine Fertigkeit oder Kunst erbten sich nicht selten von dem Vater auf den Sohn durch mehrere Generationen fort. War zum Beispiel der Großvater Zeug- oder Schuhmacher ein fertiger Geiger, so war es gewiss nicht minder auch der Sohn und der Enkel. Und so konnte es kommen, dass in einem lange heimischen Fache zuweilen ein Talent hervortrat, welches über das Gewöhnliche hinausging.

Ein weitere Anregung und Förderung für strebende Jüngere war, um von unserer Gegend allein zu sprechen, stets auch der fürstlich fürstenbergische Hof. – In der Zeit, von der hier die Rede ist, war es insbesondere die Fürstin Maria Antonie, welche durch Pflege der schönen Künste ein heiteres, genussreiches Leben um sich schuf. Unter ihrem Mäcenate war in Donaueschingen ein Hoftheater erbaut worden, wo durch eigene, so wie aus der Ferne herberufene Kräfte viele jener Zeit entsproßte Meisterwerke dramatischer Kunst zur Aufführung kamen. Vor allem war die ewig schönen Produkte des heiteren, lebensfrischen Mozart, welche mit Sorgfalt und Liebe einstudiert, auf der neuen Bühne gegeben wurden; und der Eindruck, den diese Leistungen auf die größten Teil des Publikums hervorbrachten, mußte umso größer sein, je weniger man gewohnt war, je etwas derartiges hören und zu sehen. Vergünstigt durch die damaligen tiefen Friedenszeiten hatte die Kunst in ihrem gemeinsamen Aufschwung noch etwas Jugendliches, Frisches, was selbst durch die nachfolgenden Kriegswetter nicht ganz verkümmert werden konnte.

Man wird nun gerne zugeben, dass all dieses ein Element gebildet habe, worin eine junge Pflanze einige Nahrung und einigen Halt finden mochte. – Von diesen allgemeinen Umrissen zum Einzelnen übergehend, finden wir die Vorälteren Schelble’s* seit frühesten Zeiten als Bürger des fürstenbergischen Städtlein Hüfingen. Der Großvater, sowie der Urgroßvater trieben das kunstverwandte Handwerk der Faßmalerei, ein Gewerbe, welches heutzutage teilweise unsere Vergolder ausüben. Nebenbei versahren diese Männer noch den Kanzleidienst beim dortigen fürstlichen Justizamte, und als Lieblingsbeschäftigung trieben sie Musik. Stets fanden sie sich unter denen, welche in der Pfarrkirche des Ortes als leidliche Dilettanten mitwirkten und zwar als Violinspieler.
*Die ältere Schreibweise des Namens Schelblin.

Dieser letztere Fertigkeit war auch ein Erbschaft des Vaters unseres Schelble. Das Kunstgewerbe, die Faßmalerei, wiewohl er von Jugend auf darin unterrichtet war, behagte eben nicht sonderlich. Sein Sinn ging mehr auf Musik, Mechanik und Rechenkünste. Weil aber alles dieses, ohne bestimmten Zweck getrieben, wenig geeignet schien, eine sichere Existenz zu gewähren, so hatte der junge Mann sich entschlossen, Schullehrer zu werden. Er nahm deshalb Unterricht bei dem Normallehrer und Musikpräzeptor Käfer in Donaueschingen, wo er sich nebst Schulwissenschaftlichen Anweisung im Orgel- und Klavierspiel erhielt. Der gänzliche Mangel einer Singstimme jedoch, ohne welche er nie auf bessere Plätze Anspruch gehabt hätte, war es, was den Kandidaten bewog, dem Lehrfache zu entsagen, und sich wieder dem angestammten Haus- und Familiengeschäfte zuzuwenden.

Zur selben Zeit war in dem Städtlein ein Kaplan, Namens Reeser, welcher als Gesanglehrer und Direktor der Kirchenmusik sehr in Ansehen stand. Eine seiner Schülerinnen, die Chorsängerin Katharina Götz, die Tochter eines bemittelten Bauern, zeichnete sich durch eine hübsche Stimme so vorteilhaft aus, dass man ihr von verschiedenen Seiten rieth, in’s Kloster zu gehen, wo damals diese Eigenschaft als Empfehlung gelten konnte. Durch die Erzählung und das Zureden Verwandter und Freunde für das klösterliche Leben im Voraus eingenommen, hatte das 15-jährige Mädchen endlich den Entschluss gefasst, der Welt zu entsagen und in einem nahen Kloster Amtenhausen sich aufnehmen zu lassen. Ein Gleiches wollte eine ihrer Freundinnen thun.

Unter Glück- und Segenswünschen der Ältern hatten die beiden Jungfrauen voll Zuversicht ihre Wanderung dorthin angetreten, um sich vorläufig einer Probezeit und Prüfung im Gesang zu unterziehen, von derem Erfolge ihre Aufnahme in das geistliche Stift abhängig gemacht worden war.

Alles ging nach Wunsch, und die beiden Mädchen wurden mit den besten Versprechungen aus dem Kloster entlassen, nachdem man ihnen den Tag bestimmt hatte, an welchen sie sich wieder anmelden sollten. – Sei es, dass die Abgeschiedenheit, der Zwang und der Ernst des klösterlichen Aufenthaltes auf die jugendlichen, noch von keiner bitteren Erfahrung getäuschten Gemüter ungünstigen Eindruck gemacht, oder dass ihr Entschluss sein ursprünglicher gewesen – genug, die Beiden wandelten schweigend heimwärts; und als sie aus dem engen Tale herausgekommen, in die sommerhelle Landschaft, wo überall im Felde fleißige Hände sich regten und die glänzender Welle die junge Donau floss, während hundertfältige Jubelstimmen aus den grünen Buchenwälder riefen – da wurde es den Himmelsbräuten sonderbar zu Mut. „Katharina““ unterbrach die Eine das bisherige Schweigen, „nicht wahr, wir gehen nicht in’s Kloster!“ Und die Andere, als wäre eine schwere Last von ihrem Herzen, stimmte lebhaft und entschieden bei.

Ohne sich umzusehen, wie sie später noch oft erzählten, hatten die Mädchen den Weg zurückgelegt und als sie heim gekommen, wußten sie den Ihrigen viel von der Abenteuer und dem baaren Gelde zu erzählen, was man als notwendiges Erfordernis zum Eintritt in das Kloster ihnen zur Bedingung gemacht habe.

Unterdessen hatten die Umstände den ehemaligen Schulamtskandidaten Franz Joseph Schelble auf eine Bahn geführt, die mehr seiner angeborenen Neigung zu entsprechen schien. Der junge Mann war nämlich öfters als geübter Klavierstimmer in’s Schloss nach Donaueschingen gerufen worden, wo er manches Neue im Fache des verbesserten Instrumentenbaus sah und hörte, was bei ihm Nachahmung erweckte. Durch natürliches Geschick und eigenes Nachdenken gelang es ihm in kurzer Zeit, Klaviere nach der damals einfachen Bauart herzustellen. Eines dieser Instrumente kam der Fürstin Antonie zu Gesicht, und die hohe Frau schenkte der vaterländischen Arbeit so viel Beifall, dass sie das Werk ankaufte und den Verfertiger ermunterte, auf dem betretenen Weg weiter zu schreiten. Diese und ähnliche Erfolge bewogen den strebsamer Mann seine Versuche zum förmlichen Geschäfte auszudehnen, welches ihm dereinst die Mittel zur Gründung eines eigenen Hausstandes darbieten solle. Dieser Gedanke mochte wohl vor Allem eine Neigung eingegeben haben, welche der Jüngling der hübschen Chorsängerin Katharina Götz zugewendet hatte – ein Verhältniß, welches im Jahr 1787 glücklich zur Heirat gedieh. Die jungen Eheleute bezogen ein eigenes, aus ihren wenigen zusammengebrachten Vermögen erbautes Haus, wo am 16. Mai des Jahres 1789 unser Johann Nepomuk, das zweite Kind ihre Ehe, das Licht der Welt erblickte.

Um dieselbe Zeit war der Dienst eines Verwalters oder Vorstehers des fürstenbergischen Zuchthauses zu Hüfingen in Erledigung gekommen. – Unter dieser Zahl der Bewerber gehörte auch der Instrumentenmacher Franz Josef Schelble. Die Herren Regierungsräte hatten bereits in einer Sitzung einem ihrer Vergünstigten die Stimme gegeben, als der regierende Fürst Joseph Wenzel mit den Worten: „Der Klaviermacher muss die Stelle haben!“ dareinfuhr und der Debatte ein Ende machte.

Auf diese Weise hatte der junge Ehemann einen neuen Wirkungskreis erhalten, der ihn jedoch nicht hinderte, seiner angeborenen Neigung zum mechanischen Arbeiten volles Genüge zu tun. Neben der Verwaltungskanzlei (es wurde damals noch nicht so viel geschrieben und gesandelt wie heut zu Tage) ward bald eine Werkstätte eingerichtet, wo in freien Stunden der Verwalter mit einigen Gesellen dem Klavier und Orgelbau oblag, und dazwischen hinein wohl auch einmal in astronomischen und anderen Uhrwerken sich versuchte. – Das Interesse an diesen Arbeiten war groß, jedenfalls größer als der pekuniäre Vorteil, den sie brachten. Konnte ja doch bei dem erfinderischen Geiste des lebhaften Mannes nicht methodisch durchgeführt werden, nebstdem dass das Amt eines Vorstehers der Strafanstalt bei äußerst kleinem Hilfspersonal seine meiste Zeit in Anspruch nehmen mußte.

Der kleine Sohn zeigte schon im zarten Alter eine unverkennbare Liebe zur Musik. – Das elterliche Haus war zur selben Zeit der Sammelplatz verschiedener Beamten und befreundeten Bürger der kleinen Amtsstadt, wovon die meisten als Lieblingsbeschäftigung etwas Musik trieben und in dem Hause öfters ihre Proben und Übungen abhielten. Es konnte wohl nicht fehlen, dass auch der kleine Johann Nepomuk einige Unterweisung in dieser Kunst erhielt, und zwar durch seinen Vater im Klavierspielen, während andererseits die Mutter und ehemalige Chorsängerin dem Kinde gern ihre Lieder vorsang.

Unter solchen Beschäftigungen waren die Kriegszeiten hereingebrochen, und das geräumige Zuchthaus zu Hüfingen war zu einem österreichischen Spital eingerichtet. Unter den längere Zeit dort Einquartierten befand sich auch ein kaiserlicher Feldpater, welcher auf dem Klaviere nicht geringe Fertigkeit besaß, und mit Vorliebe mozartlische Melodien vortrug. Das Spiel dieses Mannes machte solchen Eindruck auf den 7-jährigen Knaben, dass er oft sagte: Wenn es einmal so weit gebracht haben werde, wie der Herr Feldpater, so wolle er zufrieden sein.

Gleichzeitig mit den Anfangsgründen auf dem Klavier erhielt der Kleine auch Unterricht im Singen, in welcher Kunst Kaplan Eiselin, ein Nachfolger Reeser’s, sein erster Lehrer war. Bei diesem Manne von etwas reizbarem Temperamente hatte jedoch der Schüler wenig gute Stunden. Abgesehen davon, dass der Unterricht nach sehr pedantischer Methode gegeben wurde, hatten die Zöglinge von dem ungeduldigen Wesen ihres Instruktors gar manche Unannehmlichkeiten zu erdulden. So wie es zum Beispiel für den aufmerksamen Beobachter gewisse Zeichen in der Luft gibt, woraus die bevorstehenden Erscheinungen der Atmosphäre zu erraten sind, ähnlich so kommen die Kinder schon aus dem Äußeren des geistlichen Herrn den Humor und die Stimmung ihres Lehrers prophezeien. War nämlich in der Morgenstunde seine Garderobe wohlgeordnet, die Hasrtour glatt und das Zopflein sorgfältig gewickelt, so durfte man mit Gewissheit einen wolkenfreien Tag verhoffen; zeigte sich aber das Gegenteil, so wußten die Untergebenen, dass es heute nicht ohne Sturm und Unwetter abgehen werde.

Der sanftmütige Knabe Schelble stand aber noch im besonderen Ungunst des Lehrers, denn je mehr Fortschritte der talentvolle Kleine machte, desto mehr glaubte jener eine Entmutigung seiner übrigen, meist älteren Schüler daraus erwachsen zu sehen. Die Ungnade des Instruktors ging zuletzt in offene Vernachlässigung über, die bald damit endete, dass der Schüler unter dem Vorwande, es gebreche ihm am Talent, ganz von dem Unterricht ausgeschlossen wurde. Ein Freund des Schelble’schen Hauses und nicht ungeschickter Organist und Klavierspieler, der Amtskanzlist Schlosser, nahm sich jedoch des Ausgewiesenen an, und setzte den musikalischen Unterricht mit ihm fort. Der Zögling machte seinem Lehrer alle Ehre, und nicht lange so wurde der Kleine ausersehen, bei einer Festvorstellung, welche der Rückkehr des, wegen Kriegsunruhen geflüchteten fürstlichen Hofes galt, im Hoftheater zu Donaueschingen die Begrüßungsarie zu singen. Der kindliche Versuch fand beifällige Beachtung, und der Fürst Karl Joachim belohnte den kleinen Sänger mit einem Goldstücke.

Schmeichelhaft und gerechtfertigt durch diese Erfolge, machte jetzt Freund Schlosser den Ältern den Antrag: dem Sohne zu seinem Freiplatz im Kloster Obermarchtal, wo er einen Freund hatte, verhelfen zu wollen. Das Anerbieten wurde dankbar angenommen, und die nötigen Schritte wurden getan und der Knabe erhielt die Zulassung.

Jenes geistliche Reichsstift war seinerzeit eines der bedeutendsten Klöster des schwäbischen Oberlandes; seine weitläufigen, nahe der Donau gelegenen Gebäulichkeiten beherbergten ausgedehnte Unterrichtsanstalten. Vater Ulrich Braig, Direktor der Chormusik, war der Freund, an welchen Schlosser seinen Schützling empfohlen hatte. Und wahrlich es bedurfte eines väterlichen Freundes und Führers, sollte der 11-jährige Chorknabe in dieser ungewohnten, großen Umgebung nicht mutlos und kleinmütig werden. – In musikalischer Beziehung jedoch fand der Schüler nicht, was er erhofft hatte. Der Unterricht, in einer geistlos pedantischen Methode gegeben, konnte ihn nur wenig frommen. Doch sollte das jugendlich empfängliche Gemüt auch hier nicht ganz leer ausgehen; wenn nämlich die Mönche nachts im Chore der hehren Klosterkirche sich versammelten, um begleitet von dem herrlichen Orgelspiel des damals berühmten Contrapunktisten Sirt Bachmann, die Psalmen anzustimmen, da sei es, nach Schelble’s eigenem Zeugnisse, diese Musik gewesen, welche einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck auf ihn gemacht habe.

Ein freudiges Ereignis war dem Chorknaben der Besuch seiner älteren Schwester, die mit einem alten Diener der Hüfinger Strafanstalt und dessen Weibe, welche in der Nähe zu Hause war, die Reise nach Marchthal gemacht hatte. Der Alte brachte seinem kleinen Liebling zum Willkomm einen buntfarbigen Spielball, den eine in Zuchthause sitzende Vaganten eigens zu diesem Zwecke hatte fertigen müssen. – Da konnte wohl das Sprichwort Anwendung finden: Es ist ein kleines worüber sich Kinder freuen!

Der Aufenthalt in dem Stifte war nur von kurzer Dauer; denn schon nach zwei Jahren zog die allgemein ausgesprochene Sävularition der Reichsklöster auch diesem Institute seine Auflösung zu, und Schelble war genötigt, wiederum ins Vaterhaus zurückzukehren.

Es war zur Winterszeit und außerordentlich kalt; der mit Winterkleidern nicht hinlänglich versorgte Sängerknabe erkältete sich auf dem offenen Fuhrwerke, welches ihn mit einem jüngeren Landsmann in die Heimat bringen sollte, dermaßen, dass er bei seiner Ankunft, eher noch das entfernt liegende elterliche Haus erreichen konnte, bei einem Onkel unter- und zu Bette gebracht werden mußte.

Sein Verweilen im Heimathause fiel in die Epoche, wo seine Stimme zu wechseln begann, weshalb alle Muße allein nur auf das Klavierspielen verwendet wurde. – Eines Tages spielte Schelble für sich allein mehrere Klavierstücke durch, als er plötzlich durch den Zuruf: „Bravo – aber im Bass geht es zu stark“, unterbrochen und überrascht wurde. Es war ein alter fürstenbergischer Soldat, welcher zum offenen Fenster herein (das Zimmer lag zu ebener Erde) den Spieler belauschte und also kritisiert hatte.

Schelble, über die sonderbare Bemerkung betroffen, fand nach einigem Nachdenken, dass der alte Kriegsmann mit seinem Tadel ganz Unrecht nicht habe, und verwendete, wie er später erzählte, seitdem mehr Aufmerksamkeit auf das Spiel der linken Hand.

Um diese Zeit las der junge, sich selbst überlassene Musiker zufällig einen Auszug einer damals erscheinenden Zeitschrift von Forckel: „Über Sebastian Bach’s Leben und Kunstwerke“, worin unter Anderem auseinander gesetzt ward, nach welchen Grundsätzen Bach die Mechanik des Klavierspiels angewendet und geübt habe. Schelble bekannte, dass ihm diese Andeutungen von nun an als goldene Regel gegolten, die er bei seinem ferneren Studium zur Richtschnur genommen habe.

Als humoristische Beigabe zu dieser ernsteren Beschäftigung mochte wohl der Jüngling seine Tätigkeit bei der städtischen Musikbande betrachten, welches Korps den Zweck hatte, bei kirchlichen Festen und Aufzüge verschönert mitzuwirken. Als Mitglied dieser geziemend uniformierten Truppe hatte Schelble die Ehre, das Picolo zu spielen, auf welchem Instrumente der junge Mann bedeutend Virtuosität besessen haben soll.

Bei all diesem Treiben jedoch war nicht wohl abzusehen, wie Musik allein ihrem Jünger eine solide haltbare Existenz für die Zukunft schaffen werde. Den Ältern wenigstens erschien die Kunst ein allzu unsicherer Boden, weshalb sie den Entschluss faßten, den Sohn das Gymnasium in Donaueschingen besuchen zu lassen, wo er die in Marchtal angefangenen Sprach- und auch anderen Studien fortsetzen und nebenher bei dem fürstlichen Kammersänger und Expeditor Weiß, der ein Schüler des berühmten Raff in München war, Unterricht in Gesang nehmen sollte.

Seine Stimme hatte sich unterdessen wieder gehoben und er suchte sie nach der strengen, wenn auch etwas einseitigen Methode dieses Lehrers eifrig auszubilden. Es war dies der erste gründliche Unterricht der ihm zuteil wurde, und hatte nicht wenig Einfluss auf die erste Richtung, welche Schelble fortan hielt. – Der Aufenthalt in Donaueschingen gab dem talentvollen Schüler öfters Gelegenheit, bei Hofmusiken und Konzerten, so wie auch im Hoftheater sich hören zu lassen. Und hier war er es, wo dem 16-jährigen Sänger einst bei der Aufführung der Oper: „die beiden Savoiarden“, eine anmutige, zarte Huldigung zuteil wurde, und zwar von Seiten einer durch Vorzüge des Geistes und Herzens gleich ausgezeichneten jugendlichen Fürstentochter, die, einen passenden Augenblick wahrnehmend, dem Sänger nach geendigtem Spiele das seidene Tuch zuwarf, welches ihr in der Rolle eines Savojardenknaben zur Augenbinde gedient.

Je mehr aber der Jüngling in seiner Kunst sich hervortat und Beifall gewann, desto eifriger ließ sich der Vater angelegen sein, dem Musenfache einen praktischen soliden Boden unterzubereiten. Er hatte deshalb Schritte gethan, seinem Sohne eine Stelle im fürstlichen Hauptarchive zu Donaueschingen zu verschaffen, und schon war eine provisorische Anstellung mit einem kleinen jährlichen Gehalte verwilligt, als Schelble erklärte, unter jeder Bedingung seinem ursprünglichen Berufe getreu bleiben zu wollen, und durch nichts sich binden zu lassen, was ihn von der einmal beschrittenen Bahn ablenken könne. Ja er stellte sogar den Eltern ein heimliches Entweichen aus der Heimat in Aussicht, wenn es ihm nicht gelingen solle, auf gütlichem Wege abzukommen. Denn längst schon hatte er seinen Blick weiter gerichtet, nach einem Orte, wo ihm eine höhere Stufe musikalischer Bildung werden konnte.

Er hatte den Plan gefasst, nach Darmstadt zu gehen, wo damals der berühmte Abbé Vogler lebte. Teilnehmende Freunde unter diesen besonders der fürstliche Hofrat und Leibarzt Rehman und seine Gattin, hatten ihm dazu geraten. Er wollte den Weg über Hechingen nehmen, wo einer seiner früheren Gönner, der ehemals fürstenbergische Musik- und Rittermeister von Hampeln, an der Hofkapelle angestellt war. Von dort gedachte er Stuttgart zu besuchen, wo ihm die Landsleute Krebs der Kammersänger und der Galeriedirektor Seele nützlich sein konnten. –

An Ersteren wies ihn ein Empfehlungsbrief von seinem Lehrer Weiß, obwohl dieser den talentvollen jungen Mann lieber bei sich behalten hätte, und ihm deshalb bereits ein kleines Gehalt als Sänger in Donaueschingen ausgemittelt hatte. Bei Seele konnte die Bekanntschaft der beiderseitigen Eltern als Anlass des Besuches gelten.

Also ausgerüstet verließ Scheble im Jahre 1807 Donaueschingen und die Vaterstadt. Über die Reise und seine Ankunft in Stuttgart berichtet ein vorhandener Brief, den wir hier einschalten wollen.


Conradin Kreutzer

22. November 1780 in der Thalmühle bei Meßkirch im Fürstentum Fürstenberg – 14. Dezember 1849 in Riga.

Johann Baptist Krebs

Über Johann Baptist Krebs (12. April 1774 – 15. September 1851) gibt es von Josef Vogt in den Schriften der Baar Band 63 (2020) den Artikel: Vom Taglöhnersohn aus Überauchen zum Opernstar und Logenmeister in Stuttgart:

Begegnung mit Johann Nepomuk Schelble aus Hüfingen
Als Johann Nepomuk Schelble am 16. Mai 1789 in Hüfingen geboren wurde, war Johann Baptist Krebs bereits 15 Jahre alt und hatte schon regen Kontakt nach Donaueschingen. Möglicherweise waren es zwei Umstände, die den Hüfinger Schelble und den aus Überauchen stammenden Krebs zusammenführten. Wie Krebs wurde auch Schelble durch den Donaueschinger Hofmusiker Franz Xaver Weiß geformt und hatte seine ersten Auftritte am dortigen Hoftheater. Als er im Alter von 18 Jahren durch die Vermittlung des in Hüfingen aufgewachsenen, beim Herzog und späteren König Friedrich I. als Hofmaler tätigen Johann Baptist Seele (1774–1814) 1807 nach Stuttgart kam, begegnete er dem zu dieser Zeit schon über 10 Jahre an der dortigen königlichen Oper tätigen Krebs. Offensichtlich verstanden sich die beiden von der Baar stammenden Musiker auf Anhieb. Krebs arrangierte ein Vorsingen vor dem König, der Schelble daraufhin sogleich als Hofsänger einstellte. Obwohl Schelble nur sieben Jahre in Stuttgart weilte, bevor er 1814 nach Wien weiterzog, entwickelte sich zwischen Krebs und Schelble eine fruchtbare Zusammenarbeit. So wissen wir, dass Schelble eine wichtige Aufgabe in dem von Krebs 1811 gegründete Musikinstitut am Waisenhaus übernahm, in dem er nach den Grundsätzen des Reformpädagogen Pestalozzi Jungen und Mädchen für den Einsatz an der Hofoper im Musizieren, Tanz und Schau- spiel unterrichtete. Erhalten aus der künstlerischen Zusammenarbeit von Krebs und Schelble ist uns die am 2. Februar 1813 in Stuttgart uraufgeführte Oper in drei Akten „Graf Adelbert“, zu der Krebs das Libretto und Schelble die Musik geschrieben hat.

Katharina Götz

Katharina Schelble geb. Götz (01.11.1760-04.04.1847), war die Mutter von Johann Nepomuk Schelble (16. Mai 1789 – 7. August 1837) und Maria Josefa Reich (18. März 1788 -12. November 1866).

Die jungen Eheleute bezogen ein eigenes aus ihrem wenigen zusammengebrachten Vermögen erbautes Haus, wo am 16. Mai des Jahres 1789 unser Johann Nepomuk, das zweite Kind ihrer Ehe, das Licht der Welt erblickte.

Franz Joseph Schelble

Franz Joseph Donat Schelble (17.02.1762-13.02.1835) wird hier von Lucian Reich als Instrumentenbauer bezeichnet. Er hatte zusammen mit Katharina Götz 14 Kinder.

Maria Antonia Anna von Hohenzollern-Hechingen 

10. November 1760 – 25. Juli 1797.

Der Fürst Joseph Wenzel Johann Nepomuk starb am 2. Juni 1783 in Donaueschingen. Sein Sohn war Joseph Maria Benedikt Karl Fürst zu Fürstenberg (9. Januar 1758 – 24. Juni 1796), verheiratet mit Maria Antonia Anna von Hohenzollern-Hechingen. Von daher muss der damals „regierende Fürst“ Joseph Maria gewesen sein.

Wie sein Vater, Joseph Wenzel, war auch Joseph Maria ein Musikliebhaber – er selbst wird als „talentvoller Klavierspieler“ und seine Ehefrau, Maria Antonie, als „ausgezeichnete Sopranistin“ geschildert. Das Fürstenpaar pflegte die vom Vater angeknüpfte Beziehung zu Vater und Sohn Mozart. 1784 wurde die bisherige Hofreitschule in Donaueschingen zu einem Hoftheater mit über 500 Plätzen umgebaut, wo auch Mozart-Opern aufgeführt wurden. (nach Wikipedia)

Zucht- und Arbeitshaus Hüfingen

Nach dem Kreistagsbericht vom 25.Juli 1715 sollte das Donaueschinger Zucht- und Arbeitshaus zur Aufnahme von mindestens 300 Personen dienen; auch “arme Kinder und Waisen, alte unkräftige Leute, Tolle und Irrsinnige sollten Aufnahme finden, dagegen nicht eigentlich Zigeuner, die den Venetianern ad triremes zu überlassen waren”. (*)

Nach 9-jährige Bauzeit wurde am 7. Oktober 1758 der Bau und die Einrichtung fertig und am 16. Mai 1759 ergeht ein Erlaß an sämtliche Oberämter mit der Anfrage, ob Züchtlinge oder Kinder einzuweisen seien. Am 23. Januar 1790 wurde Franz Joseph Schelble Zuchtmeister. Er war der letzte fürstenbergische Zuchthausverwalter und wurde 1808 in badischen Dienst übernommen. (*)

Am 27. Juli 1809 wurde das Zuchthaus in ein Korrektionshaus umgewandelt und zum Korrektionshausverwalter wurde Zuchtmeister Schelble ernannt.

Alle nach badischen Kriminalgesetzten Verurteilten wurden nach Freiburg abtransportiert. Das Korrektionshaus wurde 1828 aufgehoben. Schelble starb mit 78 Jahren am 13. Februar 1835 und seine Ehefrau Katharina geb. Götz am 4. April 1847 mit 87 Jahren. (*)

1850 diente das Gebäude eine Zeitlang als Kaserne, 1853 als Fürsorgeerziehungsanstalt, die nach dem in der Nacht vom 22./23. März 1853 abgebrannten Kloster in Neudingen den Namen Mariahof führt und seither katholische schulpflichtige Knaben beherbergte.

Das Bauwerk wurde 1972 abgerissen.

*Aus den Schriften der Baar 17 (1928), Dr. F. Wangener: Aus der Geschichte des Zucht- und Arbeitshauses in Hüfingen

Johann Nepomuk Schelble

Johann Nepomuk Schelble (16.05.1789-06.08.1837) hatte also 12 jünger Geschwister und eine ältere Schwester, Maria Josefa (19.03.1788-12.11.1866). Maria Josefa heiratete Luzian Reich (senior) und war die Mutter von Lucian Reich (der Jüngere). Lucian Reich und Johann Nepomuk Schelbe waren also Neffe und Onkel.

Im Jahre 1800 trat Johann Schelble als Chorknabe in das Kloster Marchtal ein wo er wissenschaftlichen und musikalischen Unterricht erhielt. Als das Kloster 1803 aufgehoben wurde, kehrte er zu seiner Familie nach Hüfingen zurück. In der Stadtmusik Hüfingen spiele er Piccoloflöte und besuchte die Schule in Donaueschingen, wo er an dem kunstliebenden Fürsten von Fürstenberg einen Beschützer fand. 

Fahnenmarsch mit Piccoloflöte von 1819. Datei erstellt durch Loris Gerber, Public domain, via Wikimedia Commons

Also ausgerüstet verließ Schelble im Jahr 1807 Donaueschingen und die Vaterstadt. Über die Reise und seine Ankunft in Stuttgart berichtet ein vorhandener Brief, den wir hier einschalten wollen.

Hüfingen bleibt selbständig

Erfahrungsbericht von Peter Albert vom 7. November 2021. Fotos: Herbert Jaag

Sofort wurden bei mir Erinnerungen geweckt, als ich kürzlich zwei alte Fotos aus der Zeit der Gemeindereform vor fast 50 Jahren in die Hände bekam.

Von 1971 bis 1973 fand in Baden-Württemberg die Gemeinde- und Kreisreform statt. Unter dem bis heute umstrittenen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Hans Filbinger, sollten die Kommunen und Kreise des Landes fit für die zukünftigen Aufgaben gemacht werden. Gleichzeitig war der Plan, die ehemaligen Länder Baden, Hohenzollern und Württemberg besser miteinander zu verschmelzen. Inwieweit diese großen Ziele überall im Ländle gelangen, bleibt fraglich.

Beispielsweise kann man über die Neugestaltung des Landkreises Schwarzwald- Baar geteilter Meinung sein. Der Teufel sitzt leider wie so oft im Detail. So haben beispielsweise die beiden Stadtteile Villingen und Schwenningen bis heute unterschiedliche Telefon-Vorwahlnummern.

Für mich wäre es sinnhafter gewesen, wenn die Baar nicht mit großen Teilen des Schwarzwaldes verschmolzen worden wäre, und als eigenständige Raumschaft mit historischem Hintergrund sowohl im ehemals badischen und württembergischen Landesteil neu entstanden wäre. So hätte beispielsweise die alte Baarstadt Löffingen viel besser in einen Baarkreis gepasst. Sicherlich war auch der alte Landkreis Donaueschingen mit seiner über 50 km Ost-West Ausdehnung ein unnatürliches Gebilde, aber bei der Neugestaltung des Landkreises Schwarzwald-Baar wurde seinerzeit eine historische Chance verpasst.

In den frühen 70er Jahren war von der Landesregierung auch angedacht worden, dass viele Gemeinden und Städte ihre Selbständigkeit verlieren sollten – darunter auch die Stadt Hüfingen. Die hohe Politik in Stuttgart hatte sich in Gutsherrenmanier in den Kopf gesetzt, Donaueschingen für den Verlust des Kreissitzes dadurch zu entschädigen, dass Hüfingen kurzerhand einverleibt werden könne. Doch leider hatten die großkopfenden Landeshauptstädtler die Rechnung ohne den Wirt – die Hüfinger-Bürger*innen – gemacht.

Auch an der Hüfinger Fasnet wurde das Thema „Hüfingen bleibt selbständig“ behandelt.

Lukas Riedlinger im Gasthaus Löwen.

Doch von Anfang an:

Das Vorhaben. Hüfingen der ehemaligen Kreisstadt Donaueschingen zuzuschlagen, stieß in der alten Baarstadt, die 500 Jahre Residenz und Amtsstadt war, auf breiteste Ablehnung. Umgehend wurden Gegenmaßnahmen seitens der Hüfinger Bürgerschaft ergriffen. Man erinnerte sich auch gleich wieder an den verunglückten Versuch der Donaueschinger Nazis in der Zeit des Dritten Reichs Hüfingen wie kurz zuvor Allmendshofen zwangseinzugemeinden. Im Nazi-deutschland war der handstreichlerische Versuch seitens Donaueschingen kläglich gescheitert!

Die Gerüchteküche brodelt!

Auch die Gerüchteküche in Hüfingen brodelte anfangs der 70er-Jahre heftig, da in Donaueschingen Bürgermeisterwahlen anstanden und Robert Schrempp altershalber nicht mehr antreten wollte. Hüfingens Bürgermeister Max Gilly, so dass Gerücht, spielte mit dem Gedanken, sich um die Stelle der neu entstehenden großen Kreisstadt Donaueschingen zu bewerben und deshalb die geplante Eingemeindung nicht genügend zu bekämpfen.

Auch die Bürger*innen von Hüfingen wurden zum drohenden Verlust der Selbständigkeit des Städtles befragt. Das Votum viel mehr als eindeutig aus!

Bei einer Wahlbeteiligung von 92,4% stimmten 97% der Wahlberechtigten für die Selbständigkeit.

Auch eine Kundgebung vor dem Rathaus am 24. März 1973 bildete die Bürgermeinung klar ab.

Auf nach Bad Dürrheim!

Die wohl interessanteste und ausschlaggebendste Aktion war aber die selbstbewusste Demonstration Hüfinger-Bürger*innen in Bad Dürrheim kurz vor der erwähnten Kundgebung in Hüfingen selbst. Was sich da am 17. März 1973 in der kleinen Kurstadt und vorher auf der alten B 27 abspielte war schon bühnenreif. An diesem Tag fand in „der guten Stube“ der Kurstadt, dem Kurhaus, eine Mitgliederversammlung der CDU statt. Das alles beherrschende Thema war die anstehende umstrittene Kreis- und Gemeindereform. Hauptredner war der damalige Staatssekretär im Innenministerium und spätere Ministerpräsident Erwin Teufel, der von seinem Ressortchef Innenminister Karl Schiess beauftragt wurde, den CDU Mitglieder*innen das Projekt schmackhaft zu machen.

Schiess, auch durch seinen Erlass (Schiess-Erlass) bekannt, hatte die Überprüfung aller Beschäftigten im öffentlichen Dienst auf ihre Verfassungstreue angeordnet.

Eigentlich hätte er es besser wissen müssen, da er den alten Kreis Donaueschingen sehr gut kannte.

Mit „Beckmesserischer Verbissenheit“ versuchte sein Staatssekretär Teufel die CDU Mitglieder*innen von der Sinnhaftigkeit der einschneidenden Reform zu überzeugen. Die Anwesenden wurden von der spontanen Hüfinger-Demonstration völlig überrascht, die sich spontan Einlass in den Kursaal verschaffte.

Der abgebildete Traktor mit Frontlader neben dem Polizeiauto gehörte meinem Vater Adolf Albert.

Im jugendlichen Alter zum ersten Mal an einer Demonstration.

Für mich als 14-jährigen Jugendlichen war das ein einprägsames Erlebnis, das mir bis heute in bester Erinnerung geblieben ist. Leider konnte ich damals die Zusammenhänge und den politischen Hintergrund noch nicht richtig einschätzen.

In einem kürzlich geführten Gespräch mit dem ehemaligen Kreisvorsitzenden der CDU – Klaus Panther -, an welchen mich der bestens bekannte Bad Dürrheimer Hansjörg Häfele verwiesen hatte, wurde mir die Tragweite bewusster.

Mein späterer Lehrherr, Zimmermeister Lukas Riedlinger, bildete die Speerspitze der Aktion im und um das Kurhaus herum. Als Gemeinderat und Kreisrat des alten Landkreises Donaueschingen prallte er am Rednerpult mit Erwin Teufel sprichwörtlich zusammen. Die beiden lieferten sich einen rhetorischen Schlagabtausch, in dessen Verlauf Erwin Teufel immer wütender wurde. Klaus Panther musste Teufel mit dem Satz „Menschenskinder, so geht das doch nicht“ – zur Ordnung rufen.

„Lukas Riedlinger hat Hüfingen gerettet“ und „der Riedlinger hat sich nichts gefallen lassen und hat das mit der Demonstration geschickt ausgenutzt“ – so die Aussage von Panther. Damit hatte niemand mehr so richtig gerechnet.

Von meinem späteren Lehrmeister Lukas Riedlinger habe ich in Sachen Demokratieverständnis noch so einiges gelernt.

Er bleibt nicht nur mir in guter Erinnerung.

Ich würde mich sehr freuen, wenn sich auf diesen Artikel hin noch weitere Zeitzeugen melden.

Lukas Riedlinger am 1. November 1974

Baaremer Zeitenwende

Der Gedenkstein für Günther Reichelt wurde eingeweiht

Ein Gedenkstein, wie er passender nicht sein könnte:
 Mit Ecken und Kanten, in seiner Aussage und Klarheit aber eindeutig!
Der Gedenkstein für Prof. Dr. Günther Reichelt wurde am Freitag, 25. Oktober 2024, bei einer feierlichen Gedenkstunde im Reichelt-Biotop offiziell eingeweiht. Im Wuhrholz, beim Pfohrener Riedsee gelegen, begrüßte Dr. Hannah Miriam Jaag, Vorsitzende der Freunde der Natur Hüfingen, die über 30 Anwesenden. Darunter auch die beiden Töchter von Prof. Dr. Reichelt.

Einführung und Danksagung
Dr. Hannah Miriam Jaag

Im Namen des Vereins übergab der Bürgermeister von Hüfingen, Patrick Haas, symbolisch den Stein an die Stadt Donaueschingen. Bürgermeister Severin Graf nahm das Geschenk gerne entgegen und fügte, an den Hüfinger Bürgermeister gerichtet, an:

Du bist noch nicht einmal ganz die berühmten 100 Tage im Amt und kommst gleich mit solch bedeutenden Geschenken aus der Nachbarschaft zu uns. Das wissen wir besonders zu würdigen; das läßt auf eine gute Zusammenarbeit hoffen! Herzlichen Dank Dir ganz persönlich und vor allem auch den Freunden der Natur Hüfingen!

Reden Bürgermeister Patrick Haas
und
Bürgermeister Severin Graf

Der ehemalige Oberbürgermeister von Donaueschingen, Thorsten Frei MdB, hat seine Erinnerung mit uns geteilt:

Rede von Thorsten Frei, MdB

Prof. Dr. Helmut Gehring, langjähriger Weggefährten von Prof. Dr. Günther Reichelt hat seine Erinnerungen mit uns geteilt:

Rede von Prof. Dr. Helmut Gehring

Katharina Baudis, Geschäftsführerin BUND Schwarzwald Baar Heuberg

Prof. Dr. Günther Reichelt war die treibende Kraft hinter der Entstehung der Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz Schwarzwald-Baar-Heuberg e.V., des Vorgängervereins des heutigen BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V.) Regionalverbands.

Durch seine Forschung und Publikationen hat er entscheidende Impulse für den Naturschutz in unserer Region gegeben und das Bewusstsein für ökologische Fragestellungen bei politischen Entscheidungsträger geschärft.
Durch seinen großen Wissensschatz und seine umfassenden Kenntnisse über die Natur der Region war er stets eine anerkannte Autorität und sein Wort hatte Gewicht. Wir möchten an dieser Stelle an seinen Einsatz gegen die „Schwarzwald-Autobahn“, für die Etablierung einer geregelt Müllentsorgung und Wertstofftrennung, sowie für die Ausweisung und Entstehung zahlreicher Biotope und Naturschutzgebiete erinnern.

Sein Engagement für den Schutz bedrohter Arten und Lebensräume war beispielhaft und hat viele dazu motiviert, sich ebenfalls für die Natur einzusetzen. Er gab denen eine Stimme, die nicht selbst für sich sprechen konnten – den Tieren, den Pflanzen, unserer Natur, unserer Umwelt, unserer Heimat.

Sein selbstloser und unermüdlicher Einsatz für eine lebenswerte Zukunft imponieren noch heute und erfüllt uns mit großer Dankbarkeit. Wir freuen uns sehr über die Ehrung, die unserem Gründer durch die heutige Gedenksteineinweihung zu Teil wird und bedanken uns bei den Freunden der Natur Hüfingen, die seinen großen Leistungen und seinem bedeutenden Wirken in unserer Region Nachhall verleihen.

Ganz im Sinne von Günther Reichelt ließen die Freunde der Natur neben dem Gedenkstein ein Überwinterungshabitat für Reptilien und Amphibien errichten. Finanzielle Unterstützung für das gesamte Vorhaben erhielten sie dafür von der Sparkasse Schwarzwald-Baar, der Stiftung Naturschutzfonds Baden-Württemberg, dem Steinmetz Udo Weisser, dem Bagger- und Forstbetrieb Heinrich Jägle und der Umweltgruppe Südbaar.

Dr. Hans Joachim Blech, Weggefährte und Gründungsmitglied der Freunde der Natur Hüfingen

In Memoriam Professor Günther Reichelt

Im Herbst 1975 zogen meine Frau und ich nach Donaueschingen Aasen und engagierten uns schnell in der evangelischen Kirchengemeinde Donaueschingen wie auch im Themenbereich Umweltschutz.

Die Kirchengemeinde Donaueschingen feierte 1976 Fastnacht im ehemaligen Pfarrhaus. Dort trafen wir unter anderem auf Günther Reichelt, ich im Kostüm der Waldschrats, Günther Reichelt als Mephisto im Sinne von Gustav Gründgens. Wir tanzten Freistiel bis in den Morgen.

Wir trafen uns wieder im Kirchengemeinderat, im Baarverein, bei Diskussionen mit dem Fürstenhaus um die Bibliothek des Baarvereins, bei Exkursionen z.B. mit Otti Willmanns, Freiburg, bei Pflegeeinsätzen, Pflanzungen, dem ersten Lehrpfad Hüfinger Orchideenwald im Deggenreuschen,  bei Vorträgen Z.B. Höhlenmalereien   ….usw. Man lernte sich natürlich auch privat etwas näher kennen. So stellte sich heraus: In seinem Geburtsort Schladen südlich von Braunschweig lebte eine Cousine meiner Frau, Ich selbst lebte nach dem Krieg seit  1950 bis 1967 in Göttingen, Die Universität war die Alma Mater sowohl für Günther Reichelt wie auch 15 Jahre später für mich.

Nun nochmal zu zwei Aktivtäten:

Waldsterben und saurer Regen war Anfang der 80iger Thema, Saurer Regen, radioaktiver Fallout von Tritium durch Fessenheim.  Angeblich zu erkennen u.a. an abnormalen Stengeln vom Löwenzahn.

Gemeinsam haben Günther Reichelt und ich 1982 beim Land Baden Württemberg Widerspruch eingelegt gegen den „sogenannten Sicherheitsausbau“ des Donaueschinger Flughafens. Als alle Personen bei uns im Garten versammelt waren fing es an zu schneien und vom Vollgas des Flugzeuges auf der Startbahn war nichts mehr zu hören. 

 In dem Biotop, wo der Stein jetzt steht  jahrelange Pflegemassnahmen und als Abfall Christbäume für Weihnachten.

Was bleibt ist die Erinnerung an einen Mentor und Vorbild mit immens viel Wissen. Wenn ich thematisch etwas wissen wollte hiess es z.B. Schriften der Baar Jahrgang 19xx, Seite von bis….

Von einer Idee zur Umsetzung

Hannah Miriam Jaag am 15.10.2024

Vor drei Jahren habe ich eine Idee entwickelt und seit dem sehr viele Anträge und E-Mails geschrieben. Die Idee war im Reichelt-Biotop Überwinterungshabitate und einen Gedenkstein an Prof. Dr. Günther Reichelt zu entwickeln.

Die Ersten die meine Idee gut fanden, war die Sparkasse Schwarzwald-Baar. Deswegen unten mein Beitrag vom November 2022 über den Vereinswettbewerb.

Inzwischen konnte die Idee umgesetzt werden. Finanziert und unterstützt von der Sparkasse-Schwarzwald Baar, der Stiftung Naturschutzfonds, der Umweltgruppe Südbaar, dem Bagger- und Forstbetrieb Heinrich Jägle, dem Steinmetz Udo Weisser und dem Naturschutzgroßprojekt Baar.

Am 25. Oktober werden wir Prof. Dr. Günther Reichelt im Reichelt-Biotop feiern:

Begrüßung: Dr. Hannah Miriam Jaag, Vorsitzende Freunde der Natur Hüfingen
Übergabe Gedenkstein
Patrick Haas, Bürgermeister Stadt Hüfingen
Severin Graf, Bürgermeister Stadt Donaueschingen
Erinnerungen
Thorsten Frei, MdB und Oberbürgermeister a.D. Stadt Donaueschingen
Prof. Dr. Helmut Gehring, Weggefährte
Dr. Hans Joachim Blech, Weggefährte und Gründungsmitglied der Freunde der Natur Hüfingen
Schlusswort
Thomas Kring, Projektleiter Naturschutzgroßprojekt Baar

Alle Infos auf der Webseite der Freunde der Natur Hüfingen e.V.: https://www.freunde-der-natur-huefingen.de/ueberwinterungshabitat/

Vereinswettbewerb der Sparkasse Schwarzwald-Baar

Beitrag vom 15.11.2022

Am 14. November fand die Preisverleihung des Vereinswettbewerbes der Sparkasse Schwarzwald-Baar statt. Die Stadt Donaueschingen war die große Gewinnerin! Herzlichen Glückwunsch an unsere Nachbarstadt für die tollen Vereine und auch ihren super Oberbürgermeister!

Nach Hüfingen gingen auch zwei Preise.

So ging Platz 4 des Votingpreises mit 6.000 Euro an die Musikkapelle Fürstenberg e.V.

Herzlichen Glückwunsch nach Fürstenberg!

Ein Jurypreis ging an die Freunde der Natur Hüfingen e.V. mit 2.500 Euro für das Überwinterungshabitat für Reptilien im Gedenken an Prof. Dr. Günther Reichelt .

Vielen Dank an die Sparkasse Schwarzwald-Baar für das wirklich gelungene Event!

Kompetente Visionen des Patriarchats Teil 7

Ein sehr wichtiges Privileg ist das eines von den Bürgern bezahlten Dienstwagens exklusiv nur für den Bürgermeister vom lokalen CDU Autohaus.

Nicht nur der OB von Tübingen hat keinen Dienstwagen, auch der Oberbürgermeister von Donaueschingen zieht es vor mit dem Fahrrad zu fahren – es ständen ja genug Fahrzeuge der Stadt zur Verfügung, falls er eines brauche. Die Stadt Hüfingen hat drei Dienstfahrzeuge und der Gemeindevollzugsbedienstete sogar einen Ford Focus Kombi.

Allerdings ist ein Hüfinger Bürgermeister ist auch deutlich wichtiger als alle anderen Männer und muss allzeit bereit sein, mit einem exklusiven Wagen auf den Ortschaften bei der nächsten fröhlichen Zusammenkunft standesgemäß präsent zu sein. Wobei sich wieder viele Fragen auftun.

Ein Bm einer Gemeinde unter 10.000 Einwohner hat Grundgehaltsstufe A 16 ‐ was einem monatlichen Bruttoverdienst von 8110,70 Euro entspricht. Hinzu kommt eine steuerfreie Dienstaufwandsentschädigung von 13,5 Prozent. So steigt das monatliche Einkommen auf 9205,65 Euro. Dann Sitze in Aufsichtsräten, Zweckverbänden, Familienzuschläge, so liegt das Monatseinkommen bei über 10.000 Euro. (Bei der zweiten Amtsperiode steigt das nochmal ordentlich). Dann gibt es ab 2024 eine Gehaltserhöhung um 11,5.

Zurück zum Quellenstreit

„Endlich offiziell Donauquellstadt“, so werden die Donaueschinger am 10. Dezember 2021 auf der Lokalseite der Tageszeitung beglückt. OB Pauly habe von Innenminister Strobl die Auszeichnung im Rahmen einer virtuellen Feierstunde erhalten. Damit werde in besonderer Weise gewürdigt, welchen Stellenwert die Donauquelle seit jeher innehatte. Die Zusatzbezeichnung auf den Ortsschildern der Kernstadt soll nun also dem Highlight im fürstlichen Park weitere Strahlkraft, dem Tourismus der Stadt weiteren Schub verleihen. Vor lauter Stolz ist im Zeitungsbericht fast untergegangen, dass sich nun auch Furtwangen so nennen darf – welch salomonische Entscheidung in Stuttgart! Oder war sie womöglich doch nicht ganz so weise?

Als ob da nicht auch noch eine dritte Stadt ein Anrecht auf die Auszeichnung hätte! Wo doch spätestens seit 1719 klargestellt ist, wo sich die wahre Donauquelle befindet. Friedrich Wilhelm Breuninger hat darüber nicht nur ein umfangreiches Buch geschrieben, sondern auch vor Ort Beweise gesammelt. Sein fraglos etwas sperriger Buchtitel lautet:

Fons Danubii primus et naturalis: Oder die Ur-Quelle Des Welt-berühmten Donau-Stroms Welche In dem Herzogthum Würtemberg und nicht zu Don-Eschingen wie bißhero davor gehalten worden zu sein gründlich behauptet wird, und von wannen der Fluß als von seinem wahren und eigentlich Ursprung an biß zu seinen Ostiis und Aueflüssen unter mancherley Anmerkungen neben zerschiedenen Preliminarien.1

Breuningers Werk war ganz offensichtlich eine Auftragsarbeit: Der junge Geistliche des (seit 1556 evangelischen) Klosters St. Georgen hatte seinem Landesherrn, Herzog Leopold Eberhard von Württemberg-Mömpelgard, den prestigeträchtigen Nachweis zu erbringen, dass die Donau nicht etwa im fürstenbergischen Donaueschingen oder an der Martinskapelle im Vorderösterreichischen entspringt, sondern im Herzogtum Württemberg, genauer: am Hirzbauernhof, wenige Kilometer westlich der Bergstadt St. Georgen. Pech nur für Autor und Auftraggeber, dass per Staatsvertrag von 1810 das württembergische Oberamt Hornberg mitsamt St. Georgen und Ur-Quelle badisch werden sollte.

Friedrich Wilhelm Breuningers Kartenblatt (1719)

Breuningers wichtigstes Beweisstück war – ja was denn nun? – eine Wettertanne, die Gedächtnuß-Danne nämlich. Sie findet sich eingezeichnet auch auf einem von ihm sorgfältigst ausgearbeiteten Kartenblatt, knapp daneben Fons Danubii primus et naturalis, die so postulierte wahre Donauquelle. Diß ist der Baum, so schreibt er in seinem Buch, dessen wir schon oben mehrmal gedacht und das erste übergelassene Wahrzeichen von der Donau- und ihres Nahmens-Ursprung; es stehet selbiger auff der südlichen Seite der (Brigach-)Quelle etwas Ostwärts an dem aufsteigenden Hirtzberg bey 300 Schritt von dem Ursprungsort entfernt.

Der mit der mehrstämmigen Gedächtnis-Tanne offenbar bestens vertraute Verfasser scheint sich zwar durchaus darüber im Klaren gewesen zu sein, dass am Hirzbauernhof in Wahrheit die Brigach entspringt (weshalb sonst hätte er deren Namen in seinem Text in Klammern gesetzt?), doch allein dieses Brigachbächleins wegen, so argumentiert er messerscharf, hätten die Altvorderen doch nie und nimmer eine solche Wettertanne auf ihrem Feld stehen lassen! Sollte nämlich jemand danach fragen, warum der Baum mitten auf dem Acker stehen bleiben durfte und nicht auch, damit er das Land nicht hindere, ausgereutet worden, so bekommt man von den ältesten Leuten die Antwort, dass sie von den Alten gehöret und diese wiederum von ihren Vorfahren. Man habe diesen Baum an diesem Ort als eine vor allen andern schöne und besonders gewachsene Danne zum Gedächtnis stehen lassen, dass nicht weit davon die Donau entspringe und ihren Nahmen in dieser wilden Dannen-Revier bekommen habe.

Ausschnitt: Gedächtnus Danne an der „Donauquelle“ Fons Danuby primus et naturalis (Ausschnitt)

Was, bitteschön, ist – gegen ein solches Wahrzeichen! – die Aufstoßquelle in Donaueschingens fürstlichem Park oder gar das Brünnlein hinterm Kolmenhof auf der Martinskapelle!

Hätten sich die Mitarbeiter von Innenminister Strobl nicht doch etwas gründlicher informieren müssen? Und das, nachdem Breuninger es bei seiner Beweisführung nicht bei dieser einen Tanne belässt, sondern auch noch eine weitere Kronzeugin bemüht, eine zweite Gedächtnis-Tanne:

Die Au-Danne nämlich. Eine gute Viertelstunde oberhalb von St. Georgen beginne das Tal sich zu einer Aue zu weiten, durch welche das Donau-Bächlein herunter fället. Fast am unteren Ende stehe die sogenannte Au-Danne, welche die Alten zu einem Merckmahl als einen gleichfalls extraordinäre schönen Baum von besonderer Höhe und Dicke stehen lassen: welches daraus erhellet, weilen 2 biß 3 Personen in dem Baum stehen können, nachdem er von ohngefehr 20 Jahren durch einen Donnerstreich in seinem Stamm ganz hohl gemacht worden. Welcher Streich aber den Baum noch ferner zu grünen nicht verhindert, sondern nachdem allerhand Gesind durch die Kriegs-Zeiten unterdessen schattichten Schirm sich Tag und Nacht auffgehalten und Feuer darunter angezündet, geriehte er vor wenigen Jahren in eine Flamme, und brannte also der schöne und andere Donau-Gedächtnuß-Baum biß auf den Storren ab und gienge zu grund. Dahero man billich dieses Wahrzeichens hier gedenket und selbiges, weil es an sich selbsten nach und nach zu verschwinden beginnet, von der gäntzlichen Vergessenheit noch einigermaßen zu verwahren.

Das Missgeschick dieses zweiten Donau-Gedächtnuß-Baumes, an dessen hohlem Stammfuß Kriegsgesindel ein Feuer entzündet hatte, sodass leider nur noch der Stumpen übrig geblieben war, hindert den Autor nicht, auch ihn als Beweis für den württembergischen Ursprung der Donau anzuführen. Zumal doch zwei bis drei Personen im hohlen Stamm Platz gefunden hätten. Was zweifelsfrei daraus schließen lässt, dass der Stamm dieser Au-Danne noch erheblich mächtiger gewesen sein muss als jener der Wettertanne des Hirzbauern oberhalb der Quelle. Doch damit nicht genug: Vikar Breuninger versteigt sich in seinem Werk (auf S. 348) sogar zu der gewiss etwas abenteuerlichen Hypothese, der Flussname Donau sei womöglich auf eben diese Aue mit ihrer Tanne, der Dann-Au nämlich, zurückzuführen: Hiervon kann man geben keine gezwungene, sondern die allernatürlichste und deutlichste Derivation des Wortes Donau welches Dannau heißen sollte.

Keltisch-römischer Dreigötterstein

Doch um wie viel überzeugender für seinen Herzog wie für die Nachwelt wäre Breuningers Hypothese von der „Ur-Quelle des „Welt-berühmten Donau-Stromes“ ausgefallen, hätte er nicht nur mit Gedächtnistannen argumentiert, sondern auch noch mit dem über 2000 Jahre alten keltisch-römischen Dreigötterstein? Leider wurde der halt erst 170 Jahre nach seiner Buchveröffentlichung entdeckt – bei der Erneuerung des Küchengewölbes im Hirzbauernhof. Ob die Expedition des römischen Kaisers Tiberius um 15 vor Christus (von der Strabo berichtet: „Tiberius aber sah die Quellen der Donau“) also nicht doch zuvorderst dem Quellheiligtum an Breuningers eigentlicher Donauquelle gegolten hat? Ach, hätten sich dieMitarbeiter im Stuttgarter Innenministerium doch etwas gründlicher vorbereitet

Donauquellstadt St. Georgen? Lassen wir den Stuttgarter Ministerialen doch noch etwas Zeit bis zur Feierstunde mit der dritten Auszeichnung.

In freudiger Erwartung der neuen Auszeichnung: Donauquellstadt St. Georgen

1 Hockenjos, W.: Baumdenkmäler – Vereinnahmung und Gefährdung. Nicht nur im Dienst des Donau-Quellenstreits (Schwäbische Heimat 2019/1, S. 36 ff.)

Donauquelle Folge 352

Die Donauquelle gluckst vor Freude, 
weil sie jetzt weiß wo es beginnt, 
ein langer Weg, ein langes Leiden, 
das jetzt nicht nur im Sand verrinnt.
Der Ruf tönt nun wie Donnerhall,
auch in den fernen Ländern.
Furtwanger beruhigt euch nun,
jetzt könnt ihr nichts mehr ändern

F.Hucke ( Haimaddischder )

https://www.blackforest-fritz-art.com/

Und sie dreht sich doch

„Tamensi movetur!“ oder „Eppur si muove!

Dieser eigensinnige Satz wird Galileo Galilei in den Mund gelegt, nachdem er sich in einem Inquisitionsverfahren herausreden konnte. Zwar hat nicht er oder andere Naturwissenschaftler und Entdecker des ausgehenden Mittelalters das Gravitations- Pendel kreiert, sondern Leon Foucault anno 1851.

Er hat dieses Gravitationspendel in der Pariser Sternwarte aufgehängt nach dem Sinnspruch: „Was es zu beweisen gilt“. Die berühmtesten, populärsten Foucaultschen Pendel hängen im Pariser Pantheon und im deutschen Museum in München.

Einige Universitäten und naturwissenschaftliche Einrichtungen schmücken sich ebenfalls mit diesem fast selbsterklärenden Objekt. Es stellt anschaulich und sehr einfach die Erdrotation dar. Ein möglichst schweres Pendel, ein Art Senkel, und ein möglichst langer Draht genügt eigentlich. Einen Physiksaal mit mindestens 20 m Höhe haben aber die wenigsten Gymnasien. 


Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass beim Entwurf, bei der Planung und der Ausführung 1954 des neuen, nun 3. Gymnasium im beschaulichen Donaueschingen, des gallischen Physikers Leon Foucault gedacht wurde. War es auch ein Hofknicks gegenüber der benachbart einquartierten Besatzungsmacht? 


Kluge Köpfe, ob es wohl der Architekt, der Direktor, der Bürgermeister oder sonst ein einflussreicher Ideengeber war? Das sollte man noch herausfinden, um ihm einen Kranz zu winden. Sie alle setzten das Projekt um einschliesslich einer Messing- Intarsie auf dem Treppenhausboden mit den lokal Koordinaten.

Auf jeden Fall bot sich der anmutige, ovale Treppenaufgang im neuen, humanistischen Gymnasium in der Lehenstrasse als „oval office“ für ein derartiges Pendel an. War vielleicht dieses naturwissenschaftliche Signal bereits Hinweis für eine Neuausrichtung dieser Bildungseinrichtung ? 


18 m Höhe gab dieser elegante, oval gewendelte Treppenaufgang für eine Pendelaufhängung her. Eine solide, schwere Messingkugel wurde beschafft und ab Einweihung Ende 1954 konnten die Physik- und Geographie Studienräte den verblüfften, bedingt verständnisvollen Mittelstufenschülern, zeigen und beweisen:


Sie dreht sich halt doch! 

Foto: Ramona Vogelbacher


Obwohl sie sich immer noch dreht, pendelte sich die Kugel aus und kam ganz zum Stillstand. 
Als nämlich der 4. Gymnasiumsumzug 1970 in die Humbolstrasse anstand , verschwand leider physisch sowohl die Messingkugel als auch mental das historische, episodische und kulturelle Gedächnis an dieses Unikat in der eigentlich sehr bildungsbeflissenen Baar.

Wie man aber sieht, verflüchtigte es sich nicht aus dem narrativen, episodischen Gedächtnis der allermeisten F. -G- ler der 50-er bis 60-er Jahre. Auf einmal betrachtet man das Pendel fast als Markenzeichen der damaligen Penne. Und deshalb soll ein neues, aussagestarkes, symbolträchtiges Pendel an der Humboldstrasse wieder neuen Schwung aufnehmen und über der, in die Humbolstrasse zu translocierenden Messing- Intarsie, dort dann anschaulich und neu gestylt wieder schweben. 

Film von Paul Hättich

Die Geschichte der Flugplätze im Schwarzwald-Baar-Kreis

Buchvorstellung von Rolf Ebnet am 15. Juli 2021

Entstehung – Basis der Luftwaffe im Dritten Reich – Nachkriegszeit

Viele Jahre habe ich die Geschichte der Flugplätze im Schwarzwald-Baar-Kreis recherchiert. 

Herausgekommen ist ein Buch mit teilweise dramatischen Ereignissen, die den meisten Bürgen fast unbekannt sind. 

Es geht um die (fast) vergessene Geschichte der Flugplätze Villingen, Donaueschingen und Hüfingen.

Nur noch wenige wissen von dem Hüfinger und Villinger Flugfeld, die 1938 geplant und gebaut wurden.

Auf dem Gelände der heutigen Riedseen wurde ein Feldflugplatz angelegt und während des Zweiten Weltkrieges von einer Luftwaffeneinheit als Basis genutzt.

Neben der Entstehung des Flugfeldes dokumentiere ich in meinem neuen Buch die dramatischen Ereignisse und Luftkämpfe der jungen Piloten, die von Hüfingen starteten und oft nicht zurückkamen.

Hierfür habe ich über Jahre in vielen Archiven recherchiert. Auch konnte ich zahllose Zeitzeugen und ehemalige Piloten der Luftwaffe befragen und konnte somit auf viele unveröffentlichte Fotos und Dokumente zurückgreifen, die die Ereignisse lückenlos beschreiben und verständlich nachvollziehen lassen. 

Briefe, die von den Piloten an ihre Lieben zuhause geschrieben wurden, aber auch Zeitzeugenberichte Hüfinger Bürger geben dem Leser einen tiefen Einblick in die damalige Zeit und lassen diese ganz nahekommen.

Neben sachlicher Information sind die Ereignisse während des Krieges spannend geschrieben und dokumentiert.

Das Buch kostet € 29.- und ist über den Buchhandel, Foto Donau in Donaueschingen oder direkt bei mir (luftakrobat@icloud.com) zu beziehen.

Zusammen planen!

Genau vor einem Jahr, im Mai 2020, hat Donaueschingen angeboten in Kooperation ein gemeinsames Besucherlenkunsgkonzept für den Riedsee zu erstellen.
Eine Teilnahme wurde vom Hüfinger Bürgermeister im Alleingang abgelehnt.

Da der Bürgermeister hier aber keine Ideen oder auch nur Ahnung hätte, soll es nun der Gemeinderat in einer nichtöffentlichen (NÖ) Sitzung richten.

Die Stadträte sind angehalten in einer mehrstündigen Sitzung samt Exkursion ein Nutzungskonzept auszuarbeiten. Dies bei einer Inzidenz von 262 – Stand heute.

Warum ist für eine sinnvolle und professionelle Planung kein Geld und kein Wille da? 
Donaueschingen bezahlt etwa 11.000 Euro und für Hüfingen wäre das dann sicher weniger.

Zur Unterstützung für eine Bürgerfragestunde hatte Herr K. auch Geld, um einen Consulting Mann extra aus Potsdam zu seiner Hilfe einzukaufen, der uns was von seiner „Mutti“ erzählt hat.

Es ist mir unverständlich warum nicht zumindest hier die CDU Hüfingen mit der CDU Donaueschingen zusammen arbeiten kann. Ist das Bedürfnis nach Alleinherrschaft auch hier so ausgeprägt?

Es fragt sich wirklich, wo werden in Hüfingen die Prioritäten gesetzt?

Wir sind für ein gemeinsames Konzept mit Donaueschingen von und mit hierfür bezahlen Fachleuten!

Nachtrag zur Erweiterung des StOÜbPl Donaueschingen

Gegenüberstellung der Ausbildungseinrichtungen

Ich habe mir, aufgrund von vermehrten Nachfragen, die Mühe gemacht und die geplanten Ausbildungseinrichtungen für die Erweiterung des StOÜbPl Donaueschingen( Abb. links), den bereits vorhandenen auf dem TrÜbPl Heuberg gegenübergestellt (Abb. rechts).
Laut offiziellem Datenblatt für den TrÜbPl Heuberg gibt es dort, mit Ausnahme des „ÜbRm Unmanned Aircraft System“ (Übungsraum Drohne), alle Ausbildungsstätten, die für Donaueschingen gefordert werden.

Desweiteren fragt man sich natürlich, wenn der TrÜbPl Heuberg durch Polizei, Bundespolizei und Technisches Hilfswerk in Mitnutzung ist, wie hoch ist dann dessen tatsächliche Auslastung durch die Bundeswehr selbst?
Ich denke, dass da noch genügend Kapazität vorhanden ist, um den geforderten Übungstagen für das Jägerbataillon 292 gerecht zu werden. Wäre der TrÜbPl Heuberg durch die Bundeswehr genügend ausgelastet, würde man doch sicherlich keiner Fremdnutzung zustimmen?

Fragen über Fragen, die sich, umso länger man sich damit beschäftigt, aufkommen.
Wir bleiben dran!

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner