Aus dem Deutschen Familienbuch zur Belehrung und Unterhaltung von 1845
Der arme Konrad und des Vogts Mariann’
In den Wanderblühten gibt es ein Kapitel über Konrad das ich in drei Beiträge unterteilt hatte:
Wanderblühten- Der arme Konrad – Prolog
Wanderblühten- Der arme Konrad – Kindheit in Hüfingen
Wanderblühten – Kindheit in Hüfingen – Liebe Mariann
Jetzt hatte ich im Deutschen Familienbuch zur Belehrung und Unterhaltung von 1845 den Artikel “Der arme Konrad und des Vogts Mariann` Geschichte aus der Baar. Mit einer Zeichnung von Lucian Reich” gefunden.
Der arme Konrad und des Vogts Mariann’
Geschichte aus der Baar.
Mit einer Zeichnung von Lucian Reich.
Was habt Ihr da gemacht, Meister Lucian? – Das ist ja ein allerliebstes Bübchen! Da habt Ihr einmal recht mit dem Griffel ausgedrückt, was in der deutschen Schriftsprache keinen Namen hat und was nur die Schwaben zu erkennen geben können, wenn sie sagen: da sieht’s heimlich aus! Ja, eine ganze Heimath, wo gut wohnen ist, habt Ihr hineingetragen, und es wird nicht weit gefehlt sein, wenn ich denke, es sei Eure eigene, die Baar, die an den Schwarzwald stößt. – Wie still
und traulich ist es in dieser Haushaltung! Geht ein Friedenszauber von dem schwarz eingebundenen Buche aus, in welchem die Seele der jungen Mutter athmet? Er schwebt hinüber auf das Kind, das den kräftigen Schlaf der Gesundheit in der mit dem heiligen Zeichen gesegneten Wiege schläft. Er verbreitet sich durch das ganze Gemach mit dem wohlgeordneten reinlichen Geräthe, und hat sich auch des behaglichen Hausthiers bemächtigt, das vielleicht vorher noch mit dem Kinde gespielt und dann sein Schüsselchen rein gemacht hatte. Nur leise wagt der Pendel an der Uhr zu gehen; durch …
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das offene Fenster haucht die frische Gottesluft herein und schmeichelt dem dort stehenden Blumenstock so viel ab, als nöthig ist, um die trauliche Stube mit Wohlgeruch zu erfüllen. — Wißt Ihr? es gibt ein Bild, das die Jungfrau mit dem Kinde, in den Propheten lesend, darstellt; es ist bekannt unter dem Namen: Mater nati fata requirens. Nun, sieht das hier nicht auch aus wie eine Mutter, die in den Geschicken des Kindes forscht? Wollen wir ein bisschen nachhelfen und dem kleinen, runden, dicken, süßträumenden Menschen ein Lebensläufchen zurechtmachen? Aber nicht aus den „swarzen Buochen“, wie Gottfried von Straßburg sagt! nein, wir wollens frischweg aus dem Leben nehmen. Kommt, Meister Lucian, Ihr müßt ein wenig dazu behilflich sein.
Mater nati fata requirens – die Mutter des Sohnes sucht das Schicksal
„‚Swarzen Buochen“ ist eine Anspielung auf Gottfried von Straßburgs Tristan, V. 4689/90.
Das kann schon werden, sagt er, indem er das Pfeifchen aus dem Munde nimmt, den Schnurrbart streicht und behaglich der blauen Wolke nachschaut, die sich so eben an seiner kleinen gypsernen Venus emporkräuselt.

Meister Lucian mit der Pfeife
Wohlan denn, frisch an’s Werk! In der Wiege haben wir ihn einmal. Jetzt handelt es ſich darum, ihn weiter zu fördern.
Nun, für die nächsten paar Jahre ist das gleich geschehen. „Wachse ’n und trüeihe“, wie Hebel singt: damit iſt alles gesagt, und gilt auch für alle gleich, ob einer mit den Insignien eines Dragonerobersten unter seidener Decke oder mit der Kugelmütze in der Wiege von Schwarzwälder Tannenholz gebettet ist. „Wachset und trüeihet!“ Es wird hernach schon Rechnung gehalten werden, ob es mit dem Gedeihen des Leibes und der Seele Ernst geweſen ist.

Richtig. Also wollen wir ihn derweil den Engeln überlasen, nach welchen ſeine Mutter so eifrig in dem Buche schaut, und wollen ihn erst wieder heimsuchen, nachdem er ſeine erste Selbstständigkeit erlangt hat.
Da hält er sich an der Mutter ihrem Rock und steigt mit ihr in der Stube herum, tummelt sich mit seinen Geschwistern, und spitzt die Ohren, wenn die Mutter am Samstag Abend erzählt, was sie morgen kochen wolle; und wenn sie gar den längst versprochenen Schinken aus dem rußigen Kaminschoß herunterlangt, dann hängen sich alle lachend und schreiend um sie her. Wenn sie „Knöpfle“ einlegt, dann muß er ihr aus dem Gärtlein hinter dem Hauſe „Peterle“ und Schnittlauch holen. Am Sonntag nach dem Essen, falls das Wetter schön ist, geht der Vater in den „Oesch“, um die Felder zu beschauen; die Mutter bleibt zu Hauſe sitzen und betet in dem Gesangbuch oder auch im alten „Himmelsschlüssel“. Da hört man dann gewöhnlich im Dorfe keinen Laut. Nur beim obern Bierhaus iſt’s lebendig; dort liegen die blanken Groschen und Sechser auf dem Boden im Sand, und der kleine Konrad sieht mit seinen Kameraden zu, wie sie von den Gewinnenden mit zufriedenem Schmunzeln aufgehoben werden.
Was wird denn gespielt?
Es wird gekegelt und gespengelt.
Nach dem Kugelſpiel brauch’ ich nicht zu fragen; aber das Spengeln, das ist mir in meiner Praxis noch nicht vorgekommen.
Das ist halt wie in England. Nur die zwei besten Spieler schieben die Kugeln, und die andern wetten auf sie. Das letztere aber heißt man Spengeln.
Warum?
Weiß nit.
Auf die Art wird der kleine Mensch schon frühzeitig in Dinge eingeweiht, wovon die Mutter wahrscheinlich nichts in dem silberbeschlagenen Buche gelesen hat.
Meinethalb strolchen sie auch im Feld herum, schneiden Pfeifen im Rohr und musiciren. Aber an Regensonntagen, da stehen sie unter dem Vordach an des Vogts Haus, und schachern um Sackmesser, Wachholdergeißelstöcke oder um Zwick
Zwick! das ist mir schon wieder eine unbekannte Gegend.
So heißt man das vordere Ende einer Geißelschnur.
Jetzt weiß ich, wo ich dran bin. Das iſt die Treibschnur; die hat bei uns auch eine große Rolle gespielt.
O, geht mir mit der Treibschnur! Das ist bei den Stadtbuben ein jämmerliches einfaches Schnürlein. Aber der Zwick wird sehr kunstgerecht in einer Maschine gedreht, und knallt, daß einem das Herz im Leibe lacht. Das iſt andre Arbeit.
Nun, was hilft’s? Die Freude wird auch nicht ewig währen. Wenn Hölty ſagt:
Bald sitzeſt du, nicht immer froh,
Im engen Kämmerlein,
Und lernst vom dicken Cicero
Verschimmeltes Latein,

Wie glücklich, wenn das Knabenkleid
Noch um die Schultern fliegt!
Nie lästert er der bösen Zeit,
Stets munter und vergnügt.
Das hölzerne Husarenschwert
Belustiget ihn jetzt,
Der Kreisel und das Steckenpferd,
Auf dem er herrisch sitzt.
O Knabe, spiel und laufe nur,
Den lieben langen Tag,
Durch Garten und durch grüne Flur
Den Schmetterlingen nach.
Bald schwitzest du, nicht immer froh,
Im engen Kämmerlein,
Und lernst vom dicken Cicero
Verschimmeltes Latein!
„Die Knabenzeit“
von Ludwig Heinrich Christoph Hölty (1748-1776)
so ist das ein gemeinsames Leid, das auch in seiner Weise jeden heimsucht, ob er in der Kugelmütze oder mit dem Kommandostab in der Wiege lag, ob er mit dem Zwick oder ob er als Stadtbube mit der Treibschnur knallt. Wenn man auf der Schulbank sitzen muß, und die Sonne scheint o lustig draußen, daß es einem wie Quecksilber durch alle Adern rinnt. —
Ja, das ist halt freilich eine harte Nuß. Wollen froh sein, daß wir sie durchgeknackt haben. Uebrigens fehlt es auch in diesem Stande nicht an Lustbarkeiten.
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Ja, im Winter thut’s das Schneeballen vor und nach der Schule, im Sommer gibt’s Marbel, Ball und andre Ergötzungen, und in der Schule selbst führten wir die Armbrust in Taschenformat mit dem feinen Bogen aus Fischbein, und beschossen uns, während die verlassene Dido ihrem Aeneas nachseufzte, mit erbarmungslosen Papierkugeln.
Gott segne Eure Studia! spricht Lucian, und läßt eine lange dünne Rauchsäule in die Höhe steigen. Zu solchem reisigen Zeug darfs mein Konrad nicht bringen; auch muß er in der Schule hübsch aufpassen, schon deshalb, weil sich’s da nicht um Eure leichtfertigen Poeten handelt, sondern um löblichere Dinge, als da sind die Geschichten vom frommen Joseph und vom König David und dergleichen mehr. Will er nebenher noch eine Ergötzlichkeit haben, so soll er auch dazu was Ordentliches lernen, zum Beispiel „Helgi“ und Agathenzettel malen. Dadurch macht er sich dann auch bei den Mädchen, seinen Schulkamerädinnen, beliebt.
Halt — kann er denn die Mädchen leiden?
Das nicht gerade. Vielmehr zöpft und ropft er sie, schenkt und jagt sie herum, und wo er ihnen einen Possen spielen kann, da ist’s ihm ein „gemähtes Mieele.“ Aber dann und wann wird er doch ein wenig gnädig und beschenkt sie, sei’s auch nur aus Eitelkeit, um seine Meisterwerke an sie abzusetzen. An Lob und Schmeichelei und Bettelei lassen sie es ihrerseits nicht fehlen.
Noch einmal Halt — Ist keine darunter, die er — wie soll ich mich ausdrücken? — so ganz besonders nicht leiden kann? Ihr wißt schon — es gibt Fälle, man hat Beispiele.
Allenmal ist so eine drunter, das versteht sich.
Und wie heißt sie? Das müssen wir gleich in’s Reine bringen, denn der Name thut sehr viel zur Sache. Bei einem Konrad, meine ich immer, müsse es eine Anna sein, die er so sehr besonders leiden oder so eigenthümlich besonders nicht leiden kann.
Wir wollen noch eine Marie hinzufügen, dann hat der Name den rechten landschaftlichen Klang.
Also Marianne?
Des reichen Vogts Marianneli. Die jagt er immer am hitzigsten, die kneipt er am ärgsten, wenn er sie erwischen kann.
Und doch hat sie ihm gewiß nie etwas zu Leide gethan.
Bewahre, sie könnte seine Fliege kränken. Er weiß auch gar nicht, warum er so einen absonderlichen Grimm auf sie hat. Ihr Vater ist freilich ein stolzer grober Melcher, aber dafür kann das feine freundliche Mädli nichts, das immer so fleißig lernt und so gutherzig gegen alle Kameraden und Kamerädinnen ist.
Doch kann das im Stillen mitwirken. Gebt Acht, der Bursche läßt sie’s entgelten, daß sie ein wenig vornehmer ist als er.
Freilich thut er das, und ich will gleich so einen Zug anbringen. Da ist einmal große Kälte, es wird ein paar Tage keine Schule gehalten, und der Konrad benützt diese Zeit, um die zwei Tafeln, die in seiner Vaterstube hängen, zehn oder zwölfmal auf’s Herrlichste abzumalen. Wie nun die Schule wieder angeht, legt er seinen Kram aus, eh’ der Lehrer kommt. Den Buben verhandelt er die Bilder, den Mädchen schenkt er sie. Jede Kamerädin bekommt eins, nur nicht die Mariann’, und doch hat der Bösewicht noch ein übriges Exemplar in der Hand. Das Marianneli, wie es solches sieht, sagt es mit seiner kleinen süßen Stimme: Aber Konrad, mir schenkst du doch auch eins? — Grad’ dir schenk’ ich keins, sagt er: warum hat mich dein Vater vorige Woche durchgeprügelt, als wir in einem Schopf Tabak rauchten? — Ich kann ja aber nichts dafür, sagt sie, und die Thränen stehen ihr in den Augen, daß sie allein leer ausgehen soll. — Kauf dir eins, sagt er, ihr seyd ja reich genug. Und dabei freut’s ihn innerlich, zu sehen, wie ihr das zu Herzen geht. Nachher aber reut es ihn wieder sehr, wie wenn er einem Schmetterling die Flügel ausgerupft hätte, und während der Schule sieht er oft von seiner Bank in die ihrige hinüber, was sie mache.
Sie sieht ihn aber nicht an?
Nicht ein einziges Mal. Deshalb wartet er auch nach der Schule unten an der Hausthür auf sie, und sagt: da, Mariann’, ich schenk dir’s doch. — Sie aber schlägt ihm das Bildchen aus der Hand: Jetzt will ich’s auch nicht mehr, sagt sie, ich kann mir ja eins kaufen. — Nachher ist sie aber gleich wieder gut.
Da muß er übrigens doch noch etwas extra thun, um sie für ein solch schweres Stück zu entschädigen.
Ja, nach seiner Art. Werden gleich sehen. Ein paar Tage darauf sind sie alle auf dem Platz vor der Zehentscheuer. Es wird hin und her gerathen, was sie spielen sollen. Wir wollen Farben austheilen, sagt endlich der Konrad.
Das ist, schätz’ ich wohl, „Engel und Teufel“?
Ja, es kommt auf eins heraus. Die Kinder sitzen im Kreis, eines theilt die Farben oder Blumen aus, ein andres stellt den Engel und ein drittes den Teufel vor. Ein Mädchen geht von einem Kind zum andern und sagt ihm in’s Ohr: du bist eine rothe Rose, du eine weiße, du bist eine weiße Lilie, du eine braune Nelke, und so weiter. Den Buben aber gibt sie keine so schöne Namen; da heißt’s: du bist ein Schlehenbusch, …
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du eine Brennnessel, du eine grüne Distel, und dergleichen Zartheiten mehr. Nun kommt der Engel mit der Kuhschelle: Klingkling. — Wer ist drauß? fragt die Austheilerin. — Der Engel mit dem Schein. — Herein. Was hätt’ Er gern? — Eine Farb’. — Was für eine? — Eine weiße Ros’. — Die bekommt er auch richtig, und führt sie in den Himmel, wo nichts als Gesang und Freude ist. Darauf erscheint der Teufel —
Den macht unser Konrad?
Natürlich. Der hat sich Hörner von Pappendeckel verfertigt, einen Schwanz von Werg angebunden und das Gesicht mit Ruß geschwärzt. In der Hand trägt er einen Stecken, der stellt den Schürhaken vor. Bum, bum. — Wer ist drauß? — Der Teufel mit der Schürgabel. — Was hätt’ Er gern? — Nun bekommt auch der Teufel seinen Antheil und führt die armen Seelen in die Hölle, wo er sie unter Heulen und Zähnklappen entsetzlich peinigt. Er läßt seinen ganzen Grimm an ihnen aus, der diesmal groß ist, weil er trotz alles Rathens nicht auf die rechte Farbe kommen kann. Die Sache ist nämlich die: er möchte gar zu gern die Mariann’ in der Hölle haben, bringt aber ihren Blumennamen nicht heraus. Endlich fällt es dem Engel ein, Rosmarin zu verlangen, und siehe da, der Teufel hat das Nachsehen, und muß es sich noch gefallen lassen, daß die Seele, nach der er vergebens schnappte, im Triumph an der Hölle vorbei in den Himmel geführt wird. Darüber wird er denn ganz erbost und wüthend, kann es auch nicht unterlassen, mit der Schürgabel nach dem vorübermarschirenden Engel zu schlagen; da aber dieser gewandt ausweicht, so trifft der an sich nicht ernstlich gemeinte Schlag die Mariann’ in’s Gesicht und verursacht ihr heftiges Nasenbluten.
Zarte Aufmerksamkeit!
Soll ihm auch wohl bekommen. Auf das Geschrei der jüngsten Kinder, die natürlich kein Blut sehen können, ohne ein Zeternmordio zu erheben, streckt der Vogt seinen Kopf zum Fenster heraus. Was gibt’s? — Der Konrad hat die Mariann’ in’s Gesicht geschlagen, daß sie blutet. — Hab’ ich dir nicht schon oft genug gesagt, du sollest nichts mit dem Roßer haben?
Welche Demüthigung für seine satanische Majestät!
Es kommt noch besser. Während er starr wie eine Säule vom Vogt noch eine Zugabe von Ehrenstiteln hinnimmt, faßt ihn eine Hand von hinten am Kragen und nimmt ihn mit dem Seilstumpen in die Arbeit.
Ah, bitte, Meister Lucian, mit dem Seilstumpen!
Da beißt die Maus keinen Faden davon; denn es ist sein eigener Vater, der auf diese Weise vor dem gestrengen Vogt seine bürgerliche Freiheit wahrt. Alsdann führt er ihn am Arm nach Hause; an der Stiege, die in die Schlafkammer der Buben führt, zählt er ihm noch etliche aus dem Ff auf und stößt ihn nach der Treppe: So, jetzt pack dich in’s Bett. — Wie ein Pfeil fährt der Teufel mit Schweif und Hörnern die Stiege hinan und läßt nichts mehr von sich hören. So, sagt der Vater zur erschrockenen Mutter, die Prügel braucht ihm hernach der Amtsdiener nicht mehr zu geben, es ist besser, er hat sie von mir. — Der Konrad aber kommt den ganzen folgenden Tag nicht herunter, was auch die Mutter sagen mag. Droben malt er die schönsten Blumen auf einen Bogen Papier, und wie er wieder in die Schule kommt, schenkt er sie dem Marianneli. Dem Vogt aber trägt er’s noch lange nach.
Wenn er das vorherwüßte, er würde die Wiege schwerlich verlassen wollen, in der er hier so harmlos träumt. Da kann man wohl sagen, wie es in der Glocke heißt:
Ihm ruhen noch im Zeitenschosse
Die schwarzen und die heitern Loose.
Freilich wohl. Wenn ich so einen kleinen runden Kinderkopf sehe, so pflege ich immer zu denken: Du wirst der Zeit auch noch ein längeres Gesicht machen.
Und doch, wie klein sind die Anfälle, über die wir zuerst die Unterlippe hängen lassen! Wie bald sind jene Thränen vergessen, wie leicht ist die Speise des Lebens selbst da noch, wo wir sie zuerst als einen harten Bissen kennen lernen!
Ja, die Kinderjahre sind schön, und erscheinen schön und schöner, je weiter uns die Jahre von ihnen entfernen.
Das Leben kommt mir vor wie eine Stickerei. Die Gegenwart, die wir in ihrer ganzen, oft so unschönen Weitläufigkeit durchleben, ist die Kehrseite, wo die Fäden aufgetragen werden. Da läuft alles wirr durcheinander, ist wenig Sinn und Bedeutung zu finden. Wenn uns aber, wie Ihr sagt, die Jahre davon entfernen, so dreht sich allmählich vor unsern Augen das Stück, und die schöne Seite kommt zum Vorschein mit ihren vollkommenen Gestalten, die wir in Unvollkommenheit gewoben haben. Da ist manches böse Fädchen verschwunden, das uns so wie ein Seilstumpen däuchte, und das uns keine Maus abbeißen zu können schien. Es ist eigentlich der Gegensatz des Lebens und der Kunst, die jenes nur wie durch fromme Erinnerung auf der Gestaltenseite schaut; denn jeder Mensch, der in die Vergangenheit und vornehmlich auf seine Kinderjahre zurückblickt, wird unwillkürlich ein Künstler. — Aber nun webt mir für unsern Schützling einige freundliche Fäden ein.
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Später, wenn’s schöner wird. Vorläufig thut mir’s leid, daß ich nicht willfahren kann. Jetzt kommen erst die rechten grauen und schwarzen; denn es nöthigt mich etwas, einen dunklen Grund zu legen.
Ihr seyd unerbittlich wie das Schicksal. So thut denn, was Ihr nicht lassen könnt.
Einmal kann ich ihm die Speise der Jugend nicht sonderlich süß und schmackhaft machen; denn seine Eltern sind sehr arm.
Wie? da sagt Euer Bübchen die Wahrheit nicht. Die hübsche Tracht der Frau weiß nichts von Armuth, und das Zimmer sieht ja so blankgescheuert und wohlhabend aus.
Bei diesem Einwurf ist Lucian etwas betroffen geworden. Er zündet sein Pfeifchen wieder an, raucht einige nachdenkliche Züge und erwidert dann: Reinlichkeit ist zwar auch Reichthum, gilt aber doch nichts im Pfandbuche, und ein Sonntagskleid hat jedes ordentliche Mädchen schon von Hause aus. Wenn sogar etwas Silber am Mieder glänzt, so kann deswegen doch Schmalhans Küchenmeister sein. Und sagt selbst, ist es nicht besser für unsern Konrad, wenn er in Armuth aufwächst?
Ja, das ist wahr, und zwar ohne alles weitere Raisonnement. Macht ihn also in Gottes Namen so arm wie eine Kirchenmaus.
Wird nicht viel fehlen. Der Vater arbeitet sich auf dem Felde krumm, und die Mutter läuft sich die Beine lahm, um Butter oder Eier in Hüfingen und Donaueschingen zu verkaufen; aber mit allem Fleiß und allen Entbehrungen kommen sie nicht aus den Schulden heraus. Das sind die grauen Fäden, und nun folgen die schwarzen. Es gibt Familien, die oft schnell und unerwartet durch eine Reihe von Todesfällen zerrissen werden. Der kleine Träumer, den wir auf seinem künftigen Lebensgange begleiten, wird nicht dreizehn Jahre alt, so verliert er Vater und Mutter hinter einander, und auch den ältesten Bruder dazu, der sein Beschützer sein sollte.
Warum denn auch den noch? Räumt doch nicht so gräßlich auf! Wie und wo kommt denn der um’s Leben?
Der? Als Soldat, im russischen Feldzuge.
Halt, halt, Meister Lucian, man muß den Teufel nicht an die Wand malen! Laßt uns vielmehr den Frieden festhalten, so lange es mit Ehren geschehen kann. Oder — ja, nun merk ich’s — Ihr seid ein rückwärts gekehrter Prophet, und während Ihr mir weiß macht, daß Ihr mit dem Sehrohr in die Nebelflecke der Zukunft dringet, habt Ihr das andere Auge weit offen und schaut Euch bequemlich in der vergangenen Wirklichkeit um, wo man leider Beispiele genug für allzu frühe Todesfälle holen kann.
Wie soll ich’s anders machen? Die Geschichte, heißt es, ist die Lehrerin der Völker. Soll ich Euch erzählen, wie es dem Kinde da gehen wird, so läßt sich das am besten aus dem abnehmen, was —
Was etwa seinem Vater geschehen ist?
Nun, ich will nur so viel sagen, daß ich die Geschichte des Vaters mit mehr Sicherheit angeben kann, als die des Sohnes, und daß ich, dabei besser zu fahren hoffe, als Ihr, wenn Ihr das Nebelrohr vor das zugedrückte Auge setzt und Träume aus dem Ärmel schüttelt; denn ich kann die Geschichte gerade so erzählen, wie sie vorgefallen ist. Und zwar will ich das so kunstgerecht machen, als Ihr nur immer verlangen mögt.
Ei, das ist ja um so viel besser. Da wollen wir also den Apfel in der Wiege liegen lassen und die Geschichte des Stammes vornehmen. Je treuer je besser, und je kunstgerechter je schöner. Wohlan denn, sagt Euer Sprüchel und theilt es mit; ich verspreche, Euch hinfüro so wenig als möglich zu unterbrechen.
Darauf legt Meister Lucian die bereits wieder ausgegangene Pfeife weg, streicht sich den Schnurrbart im Bewußtsein eines wichtigen Unternehmens, und hebt seine Geschichte an, wie folgt.
—
Jedermann kennt den Volksglauben, nach welchem es keinen Samstag im Jahre gibt, an dem nicht wenigstens ein Stückchen blauen Himmels zum Vorschein kommt. Man sagt, die himmlische Haushaltung sei zu Gunsten Mariens ausdrücklich so eingerichtet worden, damit unsre liebe Frau den frischgewaschenen Schleier jeden Sonntag trocken habe, um in die Kirche oder über das Gebirge gehen zu können.
Den Beweis hiefür mögen Wetter- und andre Propheten führen. So viel ist entschieden gewiß, daß Anno Damals am 24. Juli, dem Samstag vor dem Jakobifeste, das zufällig auf den Sonntag fiel, der klarste blaue Himmel sich über dem alten Städtchen Hüfingen wölbte. Damals war sein Aus- und Eingang noch jeglicher mit einem Thore gesegnet; auch hing noch ein gutes Stück der verwitterten Stadtmauer umher. Die Sonne stand schon tief. Auf den Gartengehegen waren da und dort weiße Kleidungsstücke von jener Gattung aufgehängt, die ein redliches Gemüth geradezu Hosen zu nennen wagt; sie sahen frisch gewaschen und appetitlich aus und hatten eine kriegerische Bedeckung von Säbelkuppeln und Fangschnüren. In der Ferne hörte …
Im Jahre 1824 fiel der Samstag auf den 24. Juli, also war das Jakobifest auf das sich Hüfingen vorbereitet am Sonntag den 25. Juli 1824:
Der Jakobstag – Hüfingens vergessenes Fest
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man trommeln. Buben von zehn, zwölf Jahren marschierten einen abgelegenen Feldweg hin und übten sich in dieser nützlichen Kunst. Auf den Lauben (Galerien) der Häuser wurden dunkelblaue Uniformen mit weißen Aufschlägen, denn dies sind die Stadtfarben, ausgestopft. Wer im Feld zu thun hatte, der machte sich früher als gewöhnlich heim, um noch so manches für morgen herzurichten. Der hatte sein Säbelgefäß und die Rockknöpfe noch mit Ziegelmehl abzureiben, dieser mußte seinen Tschako noch lasiren, jener erwartete vom Schuhmacher die neuen Stiefeln, die er morgen einweihen wollte. Alles sprach nur von morgen und freute sich des schönen Wetters.
Wenn es nur auch so hält, sagte der alte Hafnermeister, indem er seinen Gappeurdbart, den er morgen anlegen wollte, wieder ein wenig herausstaffirte.
Es bleibt gut, bemerkte sein Nachbar, der kassianene Gerbermeister. Mein Laubfrosch sitzt schon seit vorgestern früh hoch oben auf der Leiter, und das Männli am Rathhausfähnli läßt gutes Wetter supponiren.
Es wird einen merkwürdigen Zulauf von Fremden geben, erwiderte der Andere.
Und was war denn das für ein Tag, auf welchen so ausgebreitete Zurüstungen gemacht wurden? Es galt nichts weniger, als das Fest des heiligen Jakobus, Stadt- und Kirchenpatrons von Hüfingen, das seit uralten Zeiten mit großer Herrlichkeit begangen wird. Dieser Tag ist für die ganze Baar ein Volksfest, zu welchem von nah und fern Gäste herbeiströmen. Nicht wenig trägt zum Glanze des Tages das Bürgermilitär bei, das auch in der ganzen Gegend als das beste im Exerciren und Marschiren berühmt ist. Kein andres Corps feuert so präcis. Die Salven sind meist Ein Schlag; wunder selten schießt einer vor, und wenn je einer nachschießt, so trägt gewiß nicht er, sondern das schlechte Pulver oder das große Zündloch die Schuld. Die türkische Musik ist von ihrem unermüdlichen Kapellmeister aufs Trefflichste eingeübt, und wer sie spielen hört, sollte nicht glauben, daß die Hände, welche diese Instrumente so fertig behandeln, meist mit schweren Feld- oder Handarbeiten überladen sind.
Der damalige Major und Bürgermeister war ein Kriegsoberst, der treffliche Manneszucht zu halten wußte, und recht stattlich sah er aus, wenn er im goldbordirten Hute mit den grünen Hahnenfedern vor der Fronte stand.
Die Seele der Armada von Hüfingen aber, wenigstens wenn man ihn selbst hörte, war der alte Marti, der zu dieser Stunde noch auf der Stiege hinter seinem Hause stand und bedächtig das Wetter beobachtete, ob die Sonne seine Kleider ziehe oder der Wind sich nicht drehe. Wahrscheinlich wäre er noch lange so gestanden, wenn nicht ein kleiner Bube in der Eigenschaft eines Feldjägers athemlos und schweigend dahergelaufen wäre mit der Meldung, alles sei versammelt, man warte nur noch auf ihn. Gedachter Marti war der Feldwaibel beim Corpo, der die Rekruten einschulen mußte; und zu diesem Behufe hatte er auch das Exerciren gründlich studirt bei den Oesterreichern. Unter vier Augen ließ er oft Winke fallen, daß selbst der Major „das Meiste von ihm habe.“ Gleich! sagte er, gleich werd’ ich erscheinen. Er rückte noch einmal sein Gewaffen zurecht, und eilte durch das Städtlein, wo vor allen Häusern gekehrt, an allen Brunnen gefegt und gewaschen wurde, hinaus auf den Anger bei dem Schützenhause. Sobald er anlangte, stellte sich das Bürgercorps in Reih’ und Glied und begann sämmtliche Schwenkungen und Märsche, welche das morgige Fest verherrlichen sollten, zur Vorübung auszuführen. Hinterher aber zog ein Haufe Buben mit Bohnenstengeln statt der Gewehre, und machte alle Exercitien glücklich nach.
Stellt euch, sagte der Major und Bürgermeister, als diese beendet waren, stellt euch nur morgen auch alle präcis ein und nehmt euch zusammen, besonders was das Feuern anbelangt, daß wir den alten Ruhm der Hüfinger Bürgergarde nicht einbüßen.

Litographie von Josef Burkhard aus der Bürgermeistermappe im Hüfinger Archiv.
Nach dieser öffentlichen Anrede zog er den Feldwaibel Marti und den alten Corporal-Nachtwächter auf die Seite und flüsterte diesen seinen Vertrauten zu: Ihr Leut’, ich fürchte, daß uns die Zwei — hier winkte er verstohlen gegen zwei Rekruten hin — morgen bei der Salve Confusion machen. Entweder schießen sie vor, oder, was noch schlimmer ist, sie laden unrichtig. Es wird gut sein, wenn sie morgen gar keine Patronen erhalten. — Herr Major, warf der Feldwaibel mit wichtiger Miene ein: das wird’s nicht wohl thun; wir erzürnen die Leutle. Ich weiß ein besser Mittel, laßt nur mich machen. Morgen, bevor und daß wir einmarschiren, will ich thun, als visitire ich ihre Musketen, und werde dann unvermerkt jedem einen tüchtigen Seilstumpfen auf die Schwanzschraube hinunterstoßen; dann schießt keiner vor, es gibt kein Unglück, und die Leut’ haben ihr Plaisir. — Der Major gab dieser Maßregel seine oberbefehlshaberliche Genehmigung und commandirte demnächst „Auseinander“, worauf sich die Buben schon längst gefreut hatten, weil sie jetzt ihren Bohnenstengeln heimtragen durften.
Während alles dieses in der Stadt vorging, schritten zwei junge Bursche die staubige Straße von Bräunlingen her. Der eine, mit der Sense auf dem Rücken, kam aus dem Felde. Der andre schien auf der Reise …
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begriffen zu sein; er mochte etwa vier und zwanzig Jahre zählen, ein strammer Bursche mit braunem Haar und röthlichem Backenbart. Die Reise konnte aber nicht allzu weit hergehen, denn er hatte offenbar seine Sonntagskleider an: über den neuen schwarzen Lederhosen die neue grüne Sammthaube, die man in unserer Gegend „Schoopen“ heißt. In der Hand trug er eine schwanke Haselnußgerte, mit welcher er von Zeit zu Zeit durch den Schwarm Mücken Hieb, der vor ihnen hertanzte.
Aber Konrad, sagte der mit der Sense, das kann ich dir sagen, seit du in der Neustadt bist, kennt man dich fast nicht mehr; du bist ein Weltkerle geworden.
Drum schmeckt mir Essen und Trinken, erwiderte der im Sonntagsstaat, und überflüssige Sorgen mach’ ich mir auch keine.
Ja, wenn nur eine Gewisse nicht wär’!
Geh mir weg mit dem Geschwätz, Franzsepp! rief der Konrad. Was soll denn das für eine Gewisse sein? Vom Hörensagen lügt man gern. — Er brachte schnell das Gespräch auf eine andre Materie, und als sie bald hernach gegen das Städtlein kamen, so daß man die vergoldeten Zeiger der Thurmuhr sehen konnte, machte er ein paar von den blanken runden Knöpfen an der rothen Weste auf, zog eine Uhr an silberner Kette heraus, und nachdem er sie zuerst an das Ohr gehalten hatte, ob sie noch gehe, verglich er sie mit der Kirchenuhr. Sechs Uhr! sagte er. Die geht eine halbe Stunde früher, als die Neustädterin. Sechse, Siebene — bis um Achte bin ich daheim.
Ei was! kannst’s auch Neune werden lassen, rief der Franzsepp. Jetzt müssen wir noch einen Schoppen Schweizer oder Markgräfler mit einander trinken, denn so jung kommen wir doch nit mehr zusammen.
Nichts da, viel Dank, ein andermal! für jetzt b’hüti Gott!
Aha, der Mensch will heim! Das muß ja ein großmächtiges Herzgesperr sein, und das Zugpflaster darauf noch größer, weil’s dich so völlig in’s Heimwesen zieht. Aber morgen kommst doch zum Fest?
Freili, freili! rief Konrad zurück, der sich schon eilenden Fußes entfernte. Auf der steinernen Brücke, die vor dem Thore über die Breg führt, machte er Halt und sah den eben zu Ende gehenden Evolutionen auf dem Anger drüben zu. Die Brücke ist ein Hauptschauplatz im Leben der Bürger dieser guten Stadt. Besonders am Sonntag nach dem Mittagessen, wenn sie kaum den Löffel gewischt haben, wandern sie in aller Seelenruhe zum Thore hinaus und lassen sich auf der breiten steinernen Brustwehr um den heiligen Johann von Nepomuk nieder. Denn unter Gottes freiem Himmel spricht es sich ja gar so gut von allem, was die Woche über passirt, von Altem und Neuem, von Kriegs- und Friedenstagen. Diese Sonntagsfreude ist aber einem fleißigen Bürger wohl zu gönnen; sie kommt auch wohlfeiler als die im Wirthshause. — Heute, an einem so geschäftigen Abend, war natürlich niemand auf der Brücke zu sehen als ihr Patron, der seit undenklichen Zeiten in Stein ausgehauen auf der Brustwehr steht. Zur Feier des kommenden Festes hatte man ihm bereits einen großen frischen Blumenstrauß statt des alten verwelkten in den Arm gegeben; er schien sich aber wenig daraus zu machen. Mit gesenktem Haupt und verdrießlicher Miene sah er wie immer dem Lauf der Breg nach, und hatte seine gewöhnliche Laune nicht abgelegt.
Der Wanderer verließ die Brücke und ging den Bußweg hin, der durch abgemähte Wiesen führte. Er achtete wenig auf die im Wege liegenden, mit Kreuzen und Namen bezeichneten Bretter, die den Vorübergehenden zum Gebet für die Verstorbenen ermahnen, und doch hielt er mitten in seinem Geschwindigkeit oft plötzlich ein, und bald ging es wie eine hoffnungsreiche Morgensonne in seinem frischen Gesichte auf, bald zogen sich die gebräunten Züge wieder zusammen, als ob finstere Nacht und böses Unwetter im Anzug wäre. Solches Zögern verschaffte ihm noch einen Genuß, den kein echter Hüfinger diesen Abend entbehrt haben würde: denn nachdem die Betglocken, welche der Umgegend den kommenden Festtag verkündigten, ausgeklungen hatten, erfüllte die türkische Musik, nach langer gründlicher Probe auf der Rathhausstube, die Straßen mit ihrem Getöse, und in ihrer Gesellschaft rasselte der Zapfenstreich weit in die still gewordene abendliche Gegend hinaus. Er traf das Ohr des Wanderers, der aus der Zerstreuung auffuhr und plötzlich seine Schritte beflügelte.
Was trieb ihn denn so vorwärts und was hieß ihn immer wieder stille stehen? Dachte er an die Zeit, wo er noch mit seinen Eltern zu dem Hüfinger Feste gegangen war? oder an lange Sommerabende, wie dieser, wo er mit seinen Kameraden bis in die späte Nacht hinein auf der Bank vor dem Hause sang und schwatzte, und die Mädchen ihnen von oben zu den offenen Kammerfenstern heraus gute Nacht wünschten? oder ging ihm die „Gewisse“, mit der ihn der Franzsepp aufgezogen hatte, im Kopf herum? — Hier ist nun der Ort, wo Ihr mich meinetwegen unterbrechen mögt. Unser Freund hat seine zwei guten Stündchen von Hüfingen zu dem Bauernorte zu gehen, wohin er trachtet. Wir können ihn jetzt verlassen und einen andern Weg einschlagen; wenn wir unsre Schritte fördern, so kommen wir immer noch zu gleicher Zeit mit ihm an.
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Nun, da werden wir eben in die Gegend des russischen Feldzuges zurückgehen müssen.
Richtig. Der Marsch ist nicht so weit als es den Anschein hat. Also, wie Konrad’s Eltern starben und sein Vater aus Rußland, wo er im kühlen Schneebette schlief, nicht wiederkehrte, da hatte der dreizehnjährige Waisenknabe nur noch einen einzigen Bruder. Der aber konnte sich selbst noch nicht helfen; er ging in Dienst zu einem Vetter, der einen Hof oberhalb Mistelbrunn besaß, und verheirathete sich später nach Neustadt. So blieb denn Konrad allein im heimatlichen Dorfe zurück. Dort nahm ihn ein Verwandter zu sich, der seine Rinder hatte, aber sehr vermöglich war. Dieser Vatersbruder, den man den „Riedbauer“ nannte, war ein langer hagerer Mann und sah fast dem hölzernen heiligen Antonius ähnlich, der auf einem Seitenaltar der Dorfkirche stand. Er sprach „wenig um einen Groschen“, wie man zu sagen pflegt; im Uebrigen, wenn man ihn näher kannte, war er kein so übler Mann. Der Krieg hatte ihm, wie noch manchem andern, Kreuz und Herzeleid gebracht und Wagen und Rosse genommen. Seine Frau war im Dorfe nicht sehr beliebt; auch stand sie keineswegs unverdient im Rufe des Geizes, denn sie wäre in der That im Stande gewesen, „die Haut um ihren Balg zu schinden“. Dieser trockene einsilbige Vetter und dieses „genaue“ Weib waren nun alles, was Konrad noch im Leben besaß, und trübe Tage kamen für ihn; denn was half es ihm, daß ihn sein Vetter im Stillen ganz gut leiden konnte? Der ließ sich nie darüber aus, und da es der arme Konrad nicht merkte, so machte es ihm auch nicht warm. Arm aber war er wie eine Kirchenmaus; denn nach dem Verkauf seines elterlichen Gutes war über die Schulden hinaus so viel wie nichts übrig geblieben, und für ihn gab es keine Hoffnung, jemals ein freier Mann zu werden. Er wurde anfangs zum Hüten verwendet, um allmählig zu der Würde eines Oberknechts emporzurücken.
Die „Riedbauern“ lebten vermutlich Richtung Rieböhringen bei Hausen vor Wald, da er ein bis zwei Stunden von Hüfingen unterwegs war, den Fürstenberg sehen konnte und der Vogt gerne im Adler einkehrt.
Dazumal waren noch die Roß- und Nachweiden im Gange, und mit ihnen bestand noch die alte glorreiche Roßbubenverfassung, welche seitdem auch von dem zerstörenden Geiste dieser Zeit umgekehrt worden ist. Da nämlich die jungen Hüter den ganzen Sommer über mehr draußen als daheim lebten, so war es kein Wunder, daß sich nach und nach ureigene Gesetze und Einrichtungen, die von den Alten respektirt wurden, unter ihnen gebildet hatten. So oft sie das erste Mal im neuen Jahre „auffuhren“, d. h. die Rosse auf die Weide trieben, wurde ein allgemeines Turnier gehalten, worin sie einzeln mit einander kämpfen mußten. Die vier Stärksten, die in diesen Ringspielen Meister wurden, hießen die „Stilllieger“ und waren die Oberhäupter der andern. Sie lagen nämlich still, d. h. müßig und behaglich, auf dem grünen Rasen ausgestreckt, und während sie ein Spiel zusammen machten oder sich sonst belustigten, mußten ihre Unterthanen alle Arbeit für sie thun. Sie mußten ihnen die Pfeifen stopfen, anzünden, die Rosse auf- und absäumen und, wenn sie sich verlaufen hatten, aus dem „Schaden“ holen. Mit Einem Wort, die Viere waren die Herrscher und bei Streitsachen auch die Richter des kleinen Hirtenvolks. Aber es galt auch etwas, um zu solchem königlichen Ansehen zu gelangen; denn der Ringkampf war kein Kinderspiel, und es mußte nicht weniger als Arm und Bein dabei eingesetzt werden. So geschah es unserm Konrad, daß er am Wahltage im Zweikampf einen unglücklichen Fall that und den Arm brach. Das Schicksal wollte nicht, daß er ein Stilllieger werden sollte. Der Barbier des Orts, der sogenannte „Katzendoktor“, unterwarf ihn einer schmerzlichen und langwierigen Kur. Da hatte er nun, obgleich sein Vetter, der ihm gesetzte „Pfleger“, ein wirklicher Pfleger an ihm wurde, volle Muße, die Geduld zu lernen, zu der das Leben seine Insassen auf diese oder jene Weise erzieht.
Aber er hatte auch noch Muße, um andre Stimmungen und Empfindungen in sich wachsen zu lassen. Konrad ging jetzt in sein achtzehntes Jahr, und begann eben, wie es in diesem Alter zu geschehen pflegt, die Mädchen des Dorfes mit andern Augen anzusehen, als sonst. Während er nun stille lag, nur freilich nicht auf so angenehme Art wie seine Kameraden draußen auf der Weide, konnte er seine Gedanken nach Herzenslust spazieren führen, und da mußte er bald die Erfahrung machen, daß dieselben eine Richtung nahmen, die er sich kaum vermuthet hätte. Was er auch thun und wohin er sich wenden mochte, seine eigensinnigen Gedanken gingen immer denselben Weg.
Zu wem spazierten sie aber? War es des Storchenfrieders Mareili mit den schönen rothen Backen und den vielen Ringen an den Fingern? Oder des Griestony’s „zumpfere“ Agnes? Oder eine von des Egerte-Baschi’s? Keine von allen diesen, so oft er sich auch ihre Tugenden und Vorzüge ausmalen mochte. Oder war es gar am Ende die, welche er als Bub’ bei jeder Gelegenheit geneckt und ihr zu Leid gelebt hatte nach Leibeskräften, die um seinen willen in Thränen zu sehen ihm ein Genuß gewesen war? Ja die, die war’s, des alten vermöglichen Vogts sein feines Marianneli, das er einst so gern in die Hölle geholt und gepeinigt hätte. Jetzt war sie groß und schön geworden, und mancher junge Bursche des Dorfes warf ein Auge auf sie oder auch zwei. Freilich hätte er ihr lieber auch jetzt wieder, wenn ihr liebliche …
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Bildchen vor seine Augen trat, ein böses Gesicht gemacht, nur damit sie ihm auf immer aus dem Sinne schwinden sollte, denn er wußte wohl, daß Berg und Thal zwischen der Tochter des Vogts und einem armen Bauernknechte stand. Er konnte aber nicht; denn immer und immer mußte er sich wieder an die freundlichen Augen erinnern, mit denen sie ihn letzt angeschaut hatte, so daß es ihm dabei war, als sähe er in ein Paradies hinein. Ihr rother Mund und ihre blauen Augen waren jedoch gegen alle Menschen freundlich, und er durfte sich das nicht so sehr zu seinen Gunsten auslegen.
Als er aber das erste Mal wieder aufstehen und zu seinem Kammersfenster oben herausschauen durfte, da konnte er doch nicht umhin, es für eine gute Vorbedeutung zu nehmen, daß das erste Menschenkind, auf das seine Augen fielen, niemand anders war, als das Marianneli. Sie ging gerade unten vorbei, kehrte das Köpfchen ein klein wenig herum, erblickte ihn, rief ihm einen freundlichen Gruß zu und erkkundigte sich nach dem kranken Arme. Durch diesen Arm aber rann es zur Stunde wie ein Strom von Genesung, denn es war derjenige, der zunächst am Herzen liegt.
Abermals kamen Tage, die nicht Jedem gefallen. Konrad machte sich mit denen, die seines Alters waren, auf nach Hüfingen, um das „Soldatenloos“ zu ziehen. Zu Fuße zogen sie aus; das ganze Dorf wünschte ihnen Heil und Glück. Abends kamen sie auf einem Leiterwagen, den sie mit der conscriptionspflichtigen Mannschaft des nächsten Dorfes zusammen genommen hatten, wieder zurück. Schon in weiter Entfernung hörte man sie singen und johlen. Die meisten waren betrunken. Vorne auf dem Wagen saß ein Bursche, der den größten Strauß auf dem Hut und den größten Rausch darunter trug. Der lustige Zufall, daß bei der Ziehung Nummer Eins an ihn gekommen war, hatte ihn ganz ausgelassen gemacht. Deshalb ließ er sich’s auch gefallen, daß ihm die andern einen Bogen Papier, mit einer großen 1. bezeichnet, auf seinen Buckel hefteten; denn wenn er fidel war, so konnten seine Kameraden alle mit ihm treiben; fing er aber nicht von selbst an, so durfte es sich keiner herausnehmen, ihn zu spotten. Als der Wagen in’s Dorf herein und an dem Hause, an welchem die Mädchen bei einander standen, vorüber fuhr, schrie er diesen zu: Hell auf und glatt weg, ihr Jungfern! jetzt müßt ihr eure Hoffnungen auf mich fahren lassen. Viva ’s badisch Corps! Hierauf stimmte er das Lied an:
Wollt ihr wissen, wer ich bin?
Ich bin ein Soldatenkind,
Hab’ auch Lust zum Streiten.
Einer blies Klarinette dazu. Die Mädchen lachten. Als ihnen aber Konrad den Hut, worauf seine gezogene Nummer steckte, mit den Worten: Verspielt! Nummer 17! entgegenhielt, da wurde die gute Mariann’ blaß bis in den Hals hinunter, und wenn der Konrad nicht, wie jeder verliebte junge Mensch, blind gewesen wäre, so hätte ihm noch an seinem Rekrutentage ein Licht aufgehen müssen.
Ich bin eigentlich froh, sagte er zu sich, als er sich von der lärmenden Gesellschaft los gemacht hatte, ich bin froh, daß ich fort komme. Je weiter, je lieber, je eher, je besser. Auf die Mariann’ kannst du dir keine Hoffnung machen. Sie ist hübsch — dazu reicher Leute Kind. Du hast nichts, und wo nichts ist, da hat der Kaiser das Recht verloren. Und zudem, setzte er hinzu, indem er sich selbst einen Nasenstüber beibrachte, wer sagt dir denn, daß sie dich möchte, wenn du auch zehnmal heirathen könntest, einfältiger Kerl? Also nur fort — ich bin ein Unglückskind — fort, fort!
So hat schon oft einer gesagt, und ist dennoch daheim geblieben.
Hast du denn gar keinen Fehler? fragte ihn sein Vetter nach einigen Tagen, als er sich zur Visitation stellen mußte. — Zwanzig Jahre und kein Fehler! sagte die Riedbäurin dazwischen: das wär’ mir was! Jugend hat kein Tugend. — Von solchen Fehlern ist nicht die Red’, Annekäther, bemerkte der alte Riedbauer. — Keinen, daß ich weiß, erwiderte Konrad. Den linken Arm kann ich nicht mehr so stark biegen, seit ich ihn gebrochen habe. — Das kannst du auf alle Fälle bei den Herren angeben, sagte sein Pfleger. — Ja, dachte Konrad, ihr könnt lang warten; Soldat sein, das ist’s ja eben, was ich will.
Aber das Schicksal hatte ihn so wenig zum Helden als zum Stilllieger bestimmt. Was ist’s denn mit dem Arm da? fragte der Regimentsarzt bei der Visitation, jedoch in einem andern Tone, als das Marianneli einst gefragt hatte. — Ich habe ihn vor zwei Jahren gebrochen. — Untauglich! hieß es. Denn es war eben für selbiges Jahr ein besonders kräftiger Schlag gewachsen, und die Herren wußten, daß noch ganz andre Kerle vor der Thüre standen.
Nu, weit ist’s auch nicht gefehlt, dachte Konrad, als er aus dem Amtshause ging: das hab’ ich schon gemerkt, daß der Soldatenstand just kein Schlaraffen ist. — Ich weiß nicht, woher er sich diesen Werks genommen hat. Aber als er in der Abstandsbude unter das Maß gestellt wurde und nicht gleich ganz aufrecht dastand, trat ihm der Unteroffizier auf die Zehen, und, ihm einen heimlichen Rippenstoß verabreichend, murmelte…
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er in den Bart hinein: Aufrecht, dummer Bauerntölpel!
Wie aber der Konrad auf dieses mit einem ingrimmigen Blick seine ganze Länge entfaltete, ließ er ihm das Maß so derb auf den Kopf fallen, daß der arme Rekrut sich darüber verschütteln mußte.
So hatte ihm also das Vorhaben, durch die Nöthigung der Umstände aus seinem heimathlichen Dorfe zu entkommen, fehlgeschlagen, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als ein freiwilliges Losreißen. Denn aushalten konnte er es länger nicht. Mußte er nicht tagtäglich mit ansehen, wie sich die vermöglichsten Bursche um des Vogts Tochter bewarben? Da waren namentlich zwei, der Sohn des Krämermichels und der obere Bierwirthsohn: die waren nach anderthalbjähriger Abwesenheit wieder in’s Dorf zurückgekommen, trugen städtische Kleider und warfen mit französischen Brocken um sich. Diese „Modebuben“, wie sie von den Bauern genannt werden, fanden natürlich das Heimathleben gar nicht mehr nach ihrem Sinn. Anfangs thaten sie, als ob sie gleich wieder umkehren wollten; der eine wollte sich in Straßburg oder Lyon, der andre in Bern oder Lausanne ein „großartiges“ Geschäft gründen. Nur ihren Eltern zu Gefallen entschlossen sie sich endlich, zu bleiben. So sagten sie wenigstens. Für diese Aufopferung aber machten sie sich durch stehende Redensarten bezahlt. In Frankreich ist es so und so, pflegte der eine, der ein halbes Jahr im Elsaß gewesen war, bei jeder Gelegenheit zu sagen. Der andre hatte die Parole umgekehrt: So ist’s in der welschen Schweiz nicht, wo er hin, so oft ihm etwas mißfiel. Leider aber stieß der erste, der Franzos’, auf etwas, das er in Frankreich nicht so gefunden zu haben schien; denn er begann auf einmal der Mariann’ auf’s angelegentlichste den Hof zu machen. Als Konrad das gewahr wurde, so litt es ihn nicht mehr im Dorfe. Da kam ihm denn ein Antrag seines Bruders eben recht, der ihn ermahnte, die Nase doch auch einmal ein wenig in die Welt hinaus zu stecken und nicht immer hintern Ofen hocken zu bleiben. Er rieth ihm für’s erste, bei seinem Nachbar, dem Wirth zu Neustadt, in Dienst zu gehen und späterhin mit einer Compagnie Uhrenhändler in’s „Land“ zu reisen. Denn so als armer Bauernknecht kannst du doch zu nichts kommen, schloß er. — Das „Land“ aber, von welchem er sprach, ist nichts mehr und nichts weniger, als Amerika. Warum man es in jener Gegend so heißt, das kann ich nicht sagen, vielleicht weil es das Land der Verheißung ist, wo einem die gebratenen Tauben in’s Maul fliegen.
Konrad ließ sich das nicht zweimal sagen. Am „Bündlitage“ nach Weihnachten, wo das Gesinde wechselt, schnürte auch er seinen Bündel. Sein wortkarger Vetter machte ihm den Abschied nicht sonderlich sauer. Seine Kleider hatte er einem Krämer aufgeladen, und eines Morgens, von dem ich nicht weiß, ob er schön war, verließ er das Dorf mit seinem Bündelchen, das er in ein rothes Taschentuch eingewickelt trug. Es war ein eigener Zufall, daß das Marianneli just unter der Hausthüre stehen mußte, als er vorüberkam. Sie wünschte ihm Glück auf den Weg und sah ihm eifrig nach. Seines Vetters großer Hofhund aber begleitete ihn noch eine Strecke vor das Dorf hinaus; dann trollte er sich wieder heim. Auf der Höhe blieb Konrad stehen und sah sich um. Einen Schritt und noch einen, da war sein Dorf hinter dem Walde verschwunden. Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn. —
Mit dem „Bündlistag“ ist sicher Mariä Lichtmess gemeint.
Dies war einer der wichtigsten Tage im Bauernjahr, da am 2. Februar Knechten und Mägden in der Landwirtschaft erlaubt war, ihren Dienstherrn zu wechseln.
Im Wirthshause zu Neustadt merkte er bald, daß er hier in einem andern „Klima“ war. Es ging lebhaft zu an den langen Winterabenden. Uhrenhändler, die weit in der Welt herumgekommen waren, Schildmaler, Uhrmacher, Waldbauern machten die Gesellschaft aus. Da wurde französisch, englisch und deutsch durch einander parlirt, gewürfelt, gehopft und Wein genug dazu getrunken, während die dicke Wirthin schon seit nach dem Essen mit ihren Freundinnen Tarok spielte. Der Schwarzwälder ist beweglicher in seinem ganzen Thun und Lassen, was durch den Verkehr mit Fremden noch gesteigert wird. Bei den Bewohnern der Baar dagegen trifft man angeborne Ruhe und derbe Behaglichkeit; denn ihr Reichthum ist der Boden, ihre Beschäftigung der Feldbau. Deshalb konnte es unserm Konrad gar nicht schaden, wenn er zur Abwechslung auf seinem Lebensgange auch ein wenig „herumgetrieben“ wurde.
Das hielt ihn aber nicht ab, sich wachend und schlafend in die Heimath zurückzuträumen. Jetzt, dachte er manchen Abend, werden sie beim Pfleger um den runden Tisch sitzen. Die Mädle spinnen, daß der Boden zittert, und die Mannsbilder liegen auf der Ofenbank. Jetzt kommt der alte Kapfer herein, reibt die Hände, klagt über die „Grindkälte“, begibt sich in den „Hinterofen“ und hebt von da aus zu erzählen an. Von den „alten Zeiten“ kommt er auf sein Lieblingsthema, die Gespenster, namentlich wenn gerade der Wind im Kamin und um die Dächer rumort, und „die armen Seelen in den Lüften heulen.“ So hörte ihn Konrad in Gedanken alle die alten Geschichten wieder vorbringen, vom Riedgeist, der die durch’s Ried Wandernden in Sumpf und Graben führte, so daß sie umgekommen wären, wenn nicht die geweihte Schnee- und Nebelglocke, die jeden Abend um neun Uhr geläutet wurde, ihnen heraus und …
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auf den rechten Weg geholfen hätte, — vom Deckrischen Eßeli, die bald als junges Bauernmädchen, bald als altes Weib dem Wanderer auf den Rücken hockte und ihn erst am „Trank“, wo der Wald endet, wieder verließ. Dem Eseli war der Kasper mehr als einmal im Walde begegnet. Der Krieg, schloß er gewöhnlich, hat aber die meisten dieser Geister vertrieben.
Solche und andre Scenen malte sich Konrad aus, während die Würfel der Schwarzwälder um ihn her klapperten; aber der Besuch in der Stube seines Pflegers war gleichsam nur ein Vorwand, denn von da begaben sich seine Gedanken alsbald um ein Haus weiter und kehrten in des Vogts Heimwesen ein, obgleich sie daselbst eigentlich kein Hausrecht hatten. — Doch wir dürfen uns nicht zu lange aufhalten, wenn wir heute noch, da er sich leiblich der Heimath nähert, gleich Schritt mit ihm halten wollen; denn seht, er ist auf einmal bedeutend in den Marsch gerathen, und wenn ihm das Elseli nicht unterwegs aufhält, so kann er noch zeitig genug kommen, um den alten Kasper von ihr erzählen zu hören. Aber bei dem ist kein Platz mehr, daß ein Elseli aufsitzen könnte.
Hier ist das „Deggenreuschen-Elseli“ gemeint: Elseli – die Hüfinger Mutter Courage
An einem hellen klaren Geburtstage ging Konrad statt in die Sonntagskirche, auf den höchsten der umliegenden Berge, und erstieg die höchste Tanne, um nur wieder einmal den Kirchthurm seines Dorfes zu erblicken. Er hatte eine weite, weite Aussicht da oben, über alle die dunklen Tannenwälder hinaus, in die Baar, bis an den blauen Osterberg. Da saß er denn, während ringsum die vielen Morgennebeln zusammenflogen, und sah sich beinahe blind; aber er konnte den wohlbekannten Thurm nicht finden. Da, sagte er, indem er mit der Hand gegen den Fürstenberg wies, da muß er liegen. Eine ganze Stunde saß er auf dem Baume, bis sich die Ferne in bläulich weißen Duft gehüllt hatte; dann stieg er ein wenig mißmuthig herunter, doch war es ihm dabei wunderlich zu Sinne, just als ob schon der Frühling anbrechen wollte.

Melodien der Baar – Kirchenglocken Hüfingen, Behla, Hausen, Fürstenberg, Mundelfingen und Sumpfohren
Als er in die Neustadt zurückkam, grüßte ihn ein Landsmann und richtete ihm aus, daß seine Base, die Riedbäurin, gestorben sei. Der gute Vetter dauerte ihn herzlich; denn er wußte wohl, daß ihm seine Frau trotz ihres unfreiwilligen Wesens, unentbehrlich geworden war. Die Ehe hat unter manchen wunderbaren Geheimnissen auch das, daß sie selbst widersprechende Charaktere mit einem unauflöslichen Bande umschlingt, und es gibt Beispiele, daß zwei Leute selbst durch Zanken und Keifen, das einzige Produkt ihres Ehevereins, so an einander gewöhnt und gefesselt waren, daß der überlebende Theil bald seiner losgerissenen Reiserbse nachwelken mußte. — Am Donnerstag, sagte der Bote, sei das erste „Opfer“. Dann überbrachte er dem Konrad noch verschiedene Grüße; darunter war aber ein ganz besonderer vom — Marianneli.
Letzterer traf ihn wie ein Blitzstrahl. Und es schien kein kalter Streich gewesen zu sein; denn am folgenden Morgen ging Konrad mit entschlossenen Schritten im Hause umher, wie wenn ihm der schwarzwäldische Unternehmungsgeist in den Kopf gestiegen wäre. Ich wag’s! sagte er endlich und ging auf seine Kammer. Was er aber wagen wollte, sagte er nicht. Nur war er den übrigen Theil des Tages das Gegentheil von dem, was er am Morgen gewesen. Es schien ihm etwas zu gereuen, was er nicht wieder rückgängig machen konnte; er schlich betreten umher und war so zerstreut, daß er den Pferden den Wasserkübel statt des Heus in die Krippe schüttete.
Was hatte er denn gewagt? Es gab jemanden, dem dies nicht lange ein Geheimniß bleiben sollte. Denn wie das Marianneli den nächsten Abend aus der Vesper kommt, steht ein Schneidergesell, der früher im Ort gearbeitet hatte, ihr auf dem Weg, richtet ihr viel hundert Grüße aus von Konrad, — er sei nämlich bei ihm g’west in der Neustadt drin — und praktizirte ihr dabei ein Brieflein in die Hand. Sie wurde blaß und roth vor Schrecken, und hätte beinahe das schwarz mit Goldschnitt eingebundene Gebetbuch und das „Nister“ mit den blanken silbernen „Gottegeldern“ (Pathengulden) aus der Hand fallen lassen. Nichts desto weniger flog sie, nachdem sie dem Schneider mit halber Stimme gedankt hatte, auf ihr Kämmerlein, wo sie das stark verklebte Brieflein öffnete und mit begierigen Augen las. Von diesem aber liegt das Original bei den Alten und lautet folgendermaßen:
Zuvor muß ich abbitten das ich die Keckheit habe Dich mit diesem Schreiben zu belästigen. Ich kann nicht unterlassen dir mein ganzes Herz zu zu eröffnen. Ja liebste Mariann du wirst zwar…
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sagen ich sei nicht bei Verstand. Ja! es kommt mir oft selber auch so vor.
Jetzt muß ich nur diese einzige Bitte an Dich stellen, wie es wäre wenn ich jetzt mit einer Compagnie Uhrenhändler fort gienge und kam nach einiger Zeit wieder zu rück und ich konnte mir von dem ersparten Geld einen kleinen Gewerb kaufen und die liebe Mariann wär noch nicht geheurathet. Gefetzt der Fall sie hätte von denen die um Sie angehalten haben keinen mögen??
Ich möchte nur wissen ob die liebe M. auch hie und da an mich denken thut wenn ich fort bin, im fremden Frankreich oder Amerika. Wenn ich das wüßte ging ich hundert mal ringer fort. Zum Schluß muß ich die liebe M. von Herzen bitten mich dieses Schreiben wegen nicht aus zu lachen oder gar verspotten. Denn wie es mir ums Herz ist muß es heraus, und ich meine ehrlich. Mündlich war ich nicht so keck. Leb tausend mal wohl. Viel tausend Gruß an Dich und zürne nicht.
Dein Dich bis in den Tod liebender
Konrad
in der Neustadt.
NB. am Donnerstag komm ich hinaus zu Euch zum Opfer für die Baß da hoff zu erfahren wie es mit mir steht. Legst du in der Kirche unter der Wandlung dein Gebetbuch auf die rechte Seite so sehe ich es als ein günstiges Zeichen an — legst du es aber links so ersehe ich draus daß du von mir nichts wissen willst.”
Was nun am Donnerstag in der Kirche geschah, das weiß ich nicht zu sagen, denn wer wird auch so genau darauf sehen, ob die Mädchen ihre Gebetbücher links oder rechts legen? Aber so viel ist gewiß, daß der alte Kasper die Beiden am Gartenhag unter dem Obstbaum beisammen sehen sah, Hand in Hand. Da es jedoch heller Tag war und die Erscheinung nichts von Gespenstern an sich hatte, so behielt er sie vorläufig für sich. Der Vogt soll derweil im Adler und die Vöglein auf einem Krankenbesuch in der Nachbarschaft gewesen sein. — Ein nichtsnutziger Distelfink schrie nachher aus Leibeskräften in der ganzen Gegend herum, der Konrad habe das Marianneli frei frank geküßt. Er hätte sie gern in’s Geschrei gebracht; aber es achtete niemand auf ihn.
Auf dem Heimwege summte Konrad das Lied vor sich hin:
Keine Kohle, kein Feuer kann brennen also heiß,
Wie stille heimliche Liebe, die niemand nicht weiß.
Dazwischen hielt er auch, während er wieder auf jener Höhe stehen blieb, ein Selbstgespräch, und das lautete wie folgt:
Kreuz Donner — des Vogts Mariann’, ’s schönſt Mädl im ganzen Ort! Und — du! Herr Gott!
Nachdem er aber solches gesagt, hub er abermals zu singen an.
Von dieser Zeit an war er wie umgewandelt. Die ganze Welt kam ihm schöner und heller vor. Das Marianneli hatte ihn um Gottes willen gebeten, er möge doch sein Vorhaben, nach Amerika zu gehen, fahren lassen; unser Herrgott könne sie ja auch ohne dies das Ziel ihrer Wünsche erreichen lassen.
Das war nun fromm und gut gedacht; aber Konrad sah wohl ein, daß er jetzt die Hände regen müsse. Durch Fleiß und Anstrengung, sagte er zu sich, hat es schon mancher zu etwas gebracht. Muß man denn mit dem Geldsack geboren werden, wie dieser und jener, die deswegen doch Strohköpfe sind? Frisch gewagt ist halb gewonnen! — Seit ihm die Mariann’ gesagt hatte, wie gern sie ihn habe, war ihm sein Muth und Selbstvertrauen mächtig gewachsen, und er wäre um ihren Besitz bis an’s End’ der Welt gelaufen. Die Uhrenbändler-Compagnie, der er sich anzuschließen gedachte, wollte schon im Herbst aufbrechen. Sein Vetter, der Riebauer, als er ihm seinen Entschluß mittheilte, hatte in seiner gewohnten trockenen Weise darauf erwidert: Es kann nichts schaden, wenn du auf dir selber bleibst. — Der Tod seiner Frau schien nichts in seinem Wesen geändert zu haben; nur war es auffallend, wie er oft zerstreut mit suchenden Blicken durch die Stube ging. Den Konrad hatte er, was dieser auch einwenden mochte, genöthigt, noch einen Tag länger bei ihm zu bleiben. Das war ein langweiliger Tag für ihn gewesen; denn sein Vetter that den Mund nicht auf, und das Marianneli konnte er nicht mehr zu sprechen bekommen.
Die gute Mariann’ saß inzwischen zu Hause, und dachte, den Kopf auf die Hand gestützt, darüber nach, was ihr Vater zu dieser „Bekanntschaft“ hinter seinem Rücken sagen würde. Das sollte sie nur allzu bald erfahren.
Als Konrad seine Verbindung mit der Uhrenbändlergesellschaft in’s Reine gebracht hatte, schrieb er ihr einen Trostbrief, worin er ihr die Nachricht, daß die Sache abgemacht sei, auf die gelindeste Weise beizubringen suchte. Diesen Brief gab er einem Zweischgenwassermanne mit, der bei dem Vogt aus- und einging, und den er zufällig in der Neustadt traf. Derselbe wurde aber unterwegs aufgehalten, und weil ihm Konrad gesagt hatte, es pressire, so überlieferte er den Brief
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einem Bauern aus dessen Dorfe, dem er just auf dem Löffinger Fruchtmarkt begegnete. Er sagte ihm aber nicht, von wem das Document sei und was es damit für eine Bewandtniß habe, sondern schärfte ihm lediglich ein, den Brief dem Marianneli richtig einzuhändigen und den Alten nichts davon merken zu lassen. Der gute Mann, der keine Ahnung hatte, was in einem solchen Schreiben stehen könne, wovon der Alte nichts wissen dürfe, trug den Brief getreulich heim. Wie er ankommt, sieht er die Vögtin aus dem Hause gehen, und denkt: Jetzt ist das Nest sauber; den Vogt treffe ich ohnehin nicht, um die Zeit sitzt er im Adler drüben und trinkt sein Schöpple. Geht also gutenmuths hin und macht die Thüre auf. Wer aber gerade vor dem Spiegel steht und den Seifenschaum aus dem fetten Gesichte trocknet, das ist der Vogt. Es ist doch verflucht, daß mich das verteufelte Katzendokterle jedesmal schneiden muß, wenn es mich halbirt, spricht er dazu und legt ein Stücklein Zündschwamm auf den beleidigten Theil, welcher aussieht, als ob der Pflug über ihn gegangen wäre. Der arme Mann erschrak und wollte wieder rücklings zur Thüre hinaus. Der Vogt aber, der ihn in dem unseligen Spiegel gesehen hatte, sagte, ohne sich umzuwenden: Nu, Antoni, was bringt Ihr Guts? — Dies machte den Liebesboten vollends ganz bestürzt und verwirrt; er stotterte etwas von einer „Commission“ und von der „Jungfer Tochter“, legte zuletzt den Brief auf den Tisch und salvirte sich zur Thüre hinaus, indem er „Nichts für ungut!“ murmelte.
Der Vogt sieht ihm verwundert nach. Jetzt erst hat er sich umgekehrt, sein Auge fällt auf den Brief; den betrachtet er gemächlich von allen Seiten. „Cito cito“ stand auf der Adresse. An meine Tochter? sagt er: das werd’ ich doch auch wissen dürfen. Krack — ist das Siegel offen und — Himmel — Kreuz — Hagel und so weiter und so weiter — Welch ein Gewitter brach über die arme Mariann’ herein, die in diesem verhängnißschweren Augenblicke, Geschäfte halber an nichts denkend, unter der Thüre erschien. Der zweifelhaftigste Wetterprophet hätte ihr das Einschlagen prophezeit, so furchtbar tobte und „töberte“ der Vogt über diese „heimliche Garess’“, wie er sich auszudrücken beliebte. Zu guter Zeit kam jetzt auch die Mutter nach Hause und wendete das Aergste von der Armen ab. Die Vögtin hatte von jeher solchen Donner- und Hagelwettern gegenüber eine Art von Assecuranz geltend zu machen gewußt.
Marianneli war bis in den Tod betrübt, und konnte ihrem Konrad nur so viel zu wissen thun: er möge um Gottes willen nicht mehr an sie schreiben und sich ja nicht so bald wieder im Orte blicken lassen. Alles sei verrathen.
So schnell Konrad im Hoffen und Vertrauen gewesen war, so schnell ließ er sich nun durch diese Hiobspost darniederschlagen. Eigentlich hätte er sich von Anfang an vorstellen können, daß es über kurz oder lang so gehen werde. Aber diese jungen Köpfe finden ein besonderes Vergnügen darin, sich durch jeden Hasenfuß, der ihnen über den Weg läuft, lustig machen zu lassen. Es ist aus, rief er, ich seh’, es ist alles aus! Das beste für mich ist: fort, in die Welt hinaus, und nie mehr zurück!
Er machte sich die bittersten Vorwürfe, daß er dieses Leid über das arme Mädchen gebracht habe. Aber sehen mußte er sie doch noch vorher, um Verzeihung bitten und Abschied von ihr nehmen.
Er wußte, daß der Vogt jedes Jahr regelmäßig, und zwar meist in Gesellschaft seiner Töchter, zum Jakobifeste nach Hüfingen ging, und das ist der Grund, weshalb wir ihn diesmal auf dem Heimwege begriffen finden. Er hoffte die „Gewisse“, mit der ihn der Franzsepp geneckt hatte, bei dem Feste zu treffen, hoffte sie vielleicht noch vorher benachrichtigen zu können. Um eine Minute flüchtigen Gesprächs oder gar nur einen Blick aus der Ferne zu erhaschen, hat er die Wanderung angetreten und manchen guten Schritt gethan. Gott gebe ihm Gelingen! Denn wenn der Vogt morgen zu Hause bleibt, so ist die Rechnung ohne den Wirth gemacht.
Die Finsterniß brach immer tiefer herein. Um sich das Herz frisch zu erhalten, summte er ein Liedchen, das er in der Neustadt von einem Handwerksburschen gehört hatte:
’S gibt keine größere Freudigkeit
Auf dieser Erde,
Als wenn zwei junge junge Leut’
In den Ehstand treten.
Da gibt’s keine Sorg’ und Noth,
Kein Kreuz, kein Leiden.
Nichts als der bittere bittere Tod
Der kann sie scheiden.
Wenn einer eine Liebe hat,
Und weiß nicht wie,
Muß er auf die Seite Seite sehn
Und schweigen still.
Wenn einer eine Liebe hat,
Und weiß nit z’machen,
Muß er auf die Seite Seite sehn
Und freundlich lachen.
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Lachen, das ist ein schweres Ding,
Leichter ist’s Weinen.
Was ich am liebsten liebsten hab’,
Das muß ich meiden.
Unversehens stand er vor dem Dorfe, wo schon alle Lichter ausgelöscht waren. Er wollte in seines Vetters Hause niemand mehr wecken und ging still und leise die hintere Treppe, die vom Garten herführt, hinauf. Auf dem Boden war ein Gelaß mit dem Rang und Charakter einer Rumpelkammer, wo nie jemand schlief. Dort gedachte er zu übernachten. Er griff durch das Katzenloch in der Thüre, und richtig, der Schlüssel lag an der gewohnten Stelle. Nun tappte er in die finstere Kammer hinein und zwischen ausgedientem Roßgeschirr, zerbrochenen Rechen und Heugabeln herum, bis er endlich einen Haufen „Kuder“ (Abwerg) fand. Der thut’s aus dem Fundament, sagte er und legte sich darauf, nachdem er zuvor den Schoopen angezogen hatte. Er konnte aber lange nicht schlafen, denn er mußte tausend Pläne schmieden, wie er morgen in aller Frühe dem Marianneli ein Zeichen geben könnte. Endlich fiel er in einen unruhigen Schlaf, aus dem er bald wieder erwachte. Eine drückende Schwüle umgab ihn. Er stand auf und sah zum Kammerfenster hinaus. Todtenstille herrschte über dem Dorf. Kein Blatt rührte sich. Im Westen stand eine dichte Wolkenmauer, aus der es hie und da wetterleuchtete, schwarz und drohend am Himmel. Am Waldrand oben brannte in einem Hause ein einzelnes Licht; vielleicht war der Kasper, der alte Geisterseher, krank. Des Vogts Haus lag stumm und finster zwischen den Obstbäumen des Gartens. Der Wächter im Dorfe unten rief Mitternacht.
Konrad ließ das Fenster offen stehen, begab sich in sein Nest zurück und schlief bald wieder ein. Da träumte ihm, er stehe bei der Mariann’ und wolle ewigen Abschied von ihr nehmen. Wie er sie aber küssen will, wer kommt dazwischen? der Vogt! und ruft: Hab’ ich dir nicht schon oft gesagt, du sollest nichts mit dem — Abermals mußte er den unvergeßlichen Ehrentitel aus seinen Knabenjahren entgegen nehmen. Das Marianneli lief schreiend von ihm weg, er wollte ihr nach, der Vogt aber hob seine gewichtige Hand auf — da weckte ihn plötzlich ein mächtiger Knall. Die Kammertüre wurde aufgerissen, das Fenster schlug klirrend zu. Eine lange weiße Gestalt stürzt zur Thüre herein, stracks auf das Fenster los und riegelt es eiligst zu, während Konrad noch schlaftrunken den Kopf erhebt. Als aber dem Gespenst einige wohlbekannte Flüche entschlüpfen, erkennt er seinen Vetter. Nun ist es ihm wie ausgemacht, daß der Knall vorhin ein Schuß gewesen und das Haus von Dieben überfallen sei, weshalb der Riedbauer die Fenster zu verwahren trachtete. Er springt auf, seinem Vetter beizustehen; der aber an ihm vorbei zur Kammer hinaus: Zu Hülfe! Schelmen, Diebe! schreit er und rennt die Treppe hinab. Ich hab’ also doch recht, man will einbrechen, sagt Konrad, und erwischt ein altes zerbrochenes Joch: mit dem laß ich mir keinen auf den Leib, wart’, ich will euch den Text lesen, ihr Lumpengesindel!
Indem hört er seinen Vetter mit den Knechten die Treppe herauf kommen. Du stellst dich mit der Mistgabel unten an’s Fenster, commandirt er im Dunkeln, und ihr andern schlagt euch zu mir! sie müssen noch im Hause sein. — Die Thüre geht auf, und herein schreitet der alte Riedbauer voran mit dem „Heulicher“ in der Faust. Wo sind sie? ruft ihm Konrad entgegen.
Alle guten Geister — Morblement, das ist ja bigott der Konrad! schreit der Alte, wirft die Waffe weg und leuchtet mit der trüben Laterne vor. Ein Blitz, der die Kammer erhellt, hilft nach, und sie erkennen sich von Angesicht zu Angesicht. Ei so behüt’ mich Gott! ruft der Alte, etwas aufgeregter als gewöhnlich: du schlimmer Bub’, wie hast du mich erschreckt; es ist mir in alle Glieder gefahren.
Nun klärte sich das Mißverständniß auf. Der alte Riedbauer, der in der Nacht wenig schlafen konnte, hatte ein Gewitter herankommen hören, dem ein starker Sturm vorausging. Mit der verdrießlichen Sorglichkeit des Alters dachte er sogleich: Ich will nur sehen, ob die Magd nicht wieder einmal das Fenster droben offen gelassen hat! — und richtig, kaum gedacht, so hört er, wie das Fenster in der Rumpelkammer, das Konrad offen ließ, vom Winde hin und her geschlagen wird. Ingrimmig erhebt er sich aus den Federn, macht sich hinauf und wäre beinahe nicht auf die erbärmliche Weise mit dem unvermutheten Gaste zusammengerathen.
Nachdem sie sich nun hinlänglich angeschrieen und verständigt hatten, gingen sie alle in die vordere Stube hinunter, wo schon das übrige Gesinde im Gebet versammelt war. Eine der Mägde verfügte sich in die Küche, um das am Palmtag geweihte Scheit, dessen Rauch den Blitzen feuert, auf dem Herde anzuzünden.
Jetzt aber brach ein furchtbares Wetter aus, Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag, so daß das alte Haus in seinen Grundfesten erzitterte. Der Riedbauer hatte indessen einen schlechten Rock übergeworfen, seinen breitrandigen Regenhut aufgesetzt und ging mit den Knechten in den Stall, um die Stalltüre gegen das andringende Wasser mit Mist zu verwahren; denn der
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Regen fiel in Strömen und schwemmte sich draußen zu einem wahren See.
Endlich ließ die ärgste Wuth des Gewitters nach, das Donnerrollen verzog sich in die Ferne, und man wollte eben Anstalt machen, wieder in’s Bett zu gehen, als Konrad auf einmal sagte: Ich glaube, sie schießen auf dem Fürstenberg. — Jetzt ist’s los (schief), bemerkte der alte Riedbauer. Alle eilten vor das Haus und wendeten sich nach der Gegend jenes Berges, der eine weite Aussicht über die Baar gewährt und damals noch mit Wächtern und Kanonen für Brandfälle versehen war. Sie hatten sich auch nicht getäuscht. Deutlich sahen sie den Blitz des Pulvers, und bum! hallte der Schuß nach einiger Zeit in die Landschaft heraus. Jetzt wurde es im Dorf lebendig: da und dort klirrte ein Fenster auf. Wo brennt’s? rief man heraus. Niemand wollte es wissen. Am Horizont leuchtete eine starke Röthe auf.
Konrad stieg mit seinem Vetter auf den Heuboden. Sie hoben Ziegel und lugten mit scharfen Augen, konnten aber nicht über die Brandstätte einig werden. Während sie noch hin und her riethen, kam das Geschrei, es brenne im Walde, wo der Blitz eingeschlagen habe. Einige junge Bursche warfen sich auf ihre Rosse und jagten der Gegend zu, wo man das Feuer vermuthete. Die Feuerspritze wurde aus ihrem Behältniß herausgeschoben, Laternen geisterten hin und her. Der Vogt commandirte oben zum Fenster heraus; als er aber nicht gehört wurde, bemühte er sich auf die Straße hinab. Konrad, der seine Augen überall hatte, sah ihn unten erscheinen, und in diesem Augenblicke kam ihm ein guter Gedanke. Husch war er drüben, wo er das Töchterlein am Fenster sprechen hörte. Grüß Gott, Marianneli! — Um Gottes willen, flüstert sie, du bist’s! — Ja, ich — morgen — biet’ allem auf, um deinen Vater auf’s Fest nach Hüfingen — Er geht ja, er geht! — Gute Nacht! und fort war er. Denn daß der Alte nicht allein gehe, bedurfte keiner Erörterung.
Die Unruhe wogte inzwischen im Dorfe hin und her. Endlich, nach einer halben Stunde ängstlichen Harrens, kamen die Reiter zurück und meldeten, daß die ganze Sache nichts zu bedeuten habe. Der Blitz hatte bei einem einzeln stehenden Bauernhof in eine alte Tanne geschlagen, um welche etliche Klafter Holz aufgeschichtet lagen, sonst aber keinen weitern Schaden gethan. Das Feuer war erloschen, das Gewitter vorbeigegangen; bald schimmerten die Sterne wieder hell und klar durch die zerrissenen Wolken, und die aufgeschreckten Bewohner des Dorfes legten sich zu Bette, um noch ein ruhiges Morgenschläfchen zu thun.
In der Stadt aber dämmerte kaum der erste Morgenstrahl, als die guten Hüfinger durch die „Tagwacht“ aus ihren Träumen aufgerufen wurden. Mit innerlichem Behagen hörten sie von ihren Federn aus, wie die türkische Musik durch alle Straßen zog. Dazwischen knallten Schüsse freudig in den jungen Tag hinein und luden Nah und Fern zum Feste. Sie kamen vom untern Thor, wo die kurzen Böller, Katzentöpfe genannt, aufgestellt waren. Ein alter Soldat bediente sie, der in „Spaningen“ gewesen war und Wunderdinge davon zu erzählen wußte.
Vom frühen Morgen an war das Militär auf dem Exercierplatz beim Schützenhause versammelt. Der Major ließ es nicht an Ermahnungen fehlen, während seine Mannschaft fröhlich zusah, wie auf allen Wegen die Einwohner der umliegenden Dörfer in Schaaren zu den Thoren der Stadt hinein strömten. Alles freute sich über den klaren Tag und den schönen blauen Himmel.
Das Musikcorps aber hatte den goldnen Ochsen zum Sammelplatz gewählt, um sich auf die bevorstehenden Strapazen des Tages gehörig vorzubereiten. Einige ungeheure Platten voll Kaldaunen wurden aufgetragen; denn die Weisheit der Völker weiß, daß es sich mit leerem Magen mangelhaft musicirt, besonders was Blasinstrumente anbelangt. Eben kam noch eine volle Platte auf den Tisch, als eine Ordonnanz vom Major erschien und den Tagesbefehl überbrachte: schleunig aufbrechen! Es war Zeit zum Einmarsch, die Glocken konnten jeden Augenblick in die Kirche läuten. Auf! rief der Kapellmeister. Alle griffen nach ihren Instrumenten und stürzten mit pflichtschuldiger Eile zu Thür und Thor hinaus. Nur Einer blieb noch ein wenig zurück. Die volle Schüssel mit den herrlichsten, fein abgeschmälzten Kaldaunen hielt seine Seele gefesselt. Wie? die sollte unberührt, gewissermaßen unbegraben bleiben? — Ich seh’ nicht ein, warum ich dem Ochsenwirth was schenken sollte, sagte er kaltblütig, indem er das Futter seines kübelförmigen Tschakos aufknüpfte und den duftenden Inhalt der Schüssel hineinschüttete. Dies gethan, zog er den Knoten wieder zu, setzte den Tschako auf und eilte mit der Gottesbescherung seiner Truppe nach.
Ein jeder Mensch hat seinen Geschmack, seine Leidenschaft, seine Herzensschwäche. Während solche Heldenthat an der Kaldaunenschüssel verübt wurde, befleißigte sich unser Konrad der Wegelagerei. Er hatte Morgens bei guter Zeit seine Lenden gegürtet und sodann bei der Höhe des Hexenberges, über den die Straße führte, seinen Stand genommen, um die Gegend auszuspioniren. Nicht lange harrte er also, da kam in der Ferne ein Bauernwägelein daher gerasselt, das er zu erkennen meinte. Wie er näher schaute, glaubte er auch einen
Hexenberg
Der Hexenberg in Hüfingen, wo sich Konrad hinter einem Schlehenbusch versteckt hat, ist schon lange zugepflastert. Aber auch in Hüfingen wurden dort bis ins 18 Jahrhundert unzählige Menschen bei lebendigem Leibe verbrannt. Allerdings waren die meisten Hexen damals noch Frauen, im Gegensatz zu den nostalgischen „Männerhexen“ die heute auf der Fasnet Schabernack betreiben.
In der Gemeindeversammlung am 6. Juni 1634 war das Signal zur allgemeinen Hexenjagd gegeben worden. An diesem Tag wurde eine alte, als Hexe verrufene Bettlerin „Anna Beckhin“ genannt, vors Amt geführt und peinlich befragt. Ein Bündnis und Buhlschaft mit dem Teufel gab die Beschuldigte ebenso zu wie die Teilnahme an Hexentänzen und die Schädigung von Menschen und Tieren durch Zauberei. Auf die Frage nach Gespielinnen gab sie an „Anna Bennerin, Anna Scheurin, Agatha Flammin. Alle wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
*Chronik von August Vetter 1984
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dicken Mann darauf zu erkennen. Und wie er noch näher schaute, entdeckte er neben ihm einen weißen Hut, der ihm vollends gar nicht unbekannt vorkam. Schnell sprang er hinter einen am Wege stehenden Schlehenbusch, und siehe, da kamen sie! Selbstgefällig und breit saß der Vogt — doch was kümmerte ihn der! kein gleichgültigeres Ding gibt es auf der Welt, als einen Schwiegervater, von dem man gar nicht weiß, ob er es jemals werden wird. Er sah an ihm vorbei auf das Töchterlein, das im dunkelgrünen Sammtschoppen an seiner Seite saß, einen frischen Resedastrauß am Busen zwischen dem rothen Laß und Goller, unter dem weißen Hut ein paar sonntäglich geflochtene gewaltige hellbraune Zöpfe, und zwischen den Zöpfen das frische herzige Angesicht. Er hätte ihr weiß nicht was anthun können zur Strafe, daß sie so einen schlechten Werks hatte und keinen Blick nach dem Schlehenbusche warf. Der „Tralle“! konnte er denn nicht ausrechnen, wie viele Büsche sie schon vergebens drum angesehen haben mochte, ob nicht ihr Holderstock dahinter wachse? Er hatte ja die Wahl: warum stellte er sich nicht hinter einen solchen, dem ein Treffer zugedacht war? Für diesmal hatte er eine Niete gezogen. Sie sauste achtlos vorüber, und ihre schwarzseidenen Hutbänder flatterten lustig im Morgenwind. Er sah dem Wägelein nach, bis es hinter den ersten Häusern der Stadt verschwand.
Ich bin nur froh, dachte der Vogt, als er wenige Minuten nachher mit seiner Tochter, den Einmarsch der Truppen erwartend, am Fenster des goldenen Kreuzes stand: ich bin nur froh, daß sie die verteufelte Caress’ mit dem Konrad so bald vergessen hat! — Ihr Köpfchen war heute ganz absonderlich in Bewegung; alle Augenblicke streckte sie es zum Fenster hinaus. Nu, so hab’ doch nur noch ein klein wenig Geduld, sagte der Vogt zu ihr: sie müssen ja gleich zum Thor herein kommen. — Er glaubte, ihr Herz denke an nichts anderes, als an die Hüfinger Bürgergarde.
In diesem Fall hätte sie sehr ungeduldig werden müssen, denn der Einmarsch wurde wider Vermuthen verzögert. Als nämlich der Major „Angetreten!“ commandirte und die Trommler sich eben in Bereitschaft setzten, den Wirbel zu beginnen, bemerkte man erst, daß die große Trommel ihres Bearbeiters ermangle. Ohne diese Hauptperson war nichts zu machen. Noch fünf Minuten höchstens! und außer Vermuthungen und Gerüchten, wie sie täglich in den Zeitungen zu finden sind, war nichts Sicheres über den Vermißten in Erfahrung zu bringen. Jeder wollte ihn in einer andern Schenke gesehen haben. Der Tambour-Major stieß greuliche Flüche unter der großen Bärenmütze hervor. Lauf, sagte der Kapellmeister zu dem Triangelspieler, einem elfjährigen Dilettanten in einem faltigen rothen Frack, dessen Flügel bis auf den Boden hingen: lauf! und zählte ihm ein halbes Dutzend Vierhäuser an den Fingern her. Der Triangelist gab sein Instrument in die Hände des Bretenschlägers, dessen Tonwerkzeug auch Rollensieb oder zur Abwechslung Tambourin geheißen wird, nahm den großen Tschako unter den einen, den rolandsmäßigen Hirschfänger unter den andern Arm, vertheilte seine beiden Frackflügel eben so und begann nach solchen Vorbereitungen spornstreichs zum Thor hineinzurennen, als im gleichen Augenblick der sehnlichst Erwartete noch eiliger zum Thor herausrannte, so daß ihr Zusammentreffen einen musikalischen Klang, ähnlich einem Schlag auf die große Pauke, zur Folge hatte. Nachdem der Spätling von allen Seiten gehörig abgekapitelt und der verblüffte Triangelist an seinen Posten zurückgekehrt war, wirbelten die Trommeln und der Einmarsch begann.
Unter dem gewölbten Thore erscholl die Musik; zu gleicher Zeit fielen die Glocken ein. Eine unabsehbare Menschenmenge wälzte sich neben und hinter dem Zuge her. Alle Fenster waren mit geputzten Menschen, mit fröhlichen Angesichtern gefüllt; über die ganze Stadt verbreitete sich das herrlichste Festtagsgefühl. Die Bajonette der Bürgersoldaten blinkten und blitzten im goldenen Sonnenschein; die blaue Fahne mit dem Stadtwappen und dem Wahlspruch „für Gott und sein Volk“ flatterte freudig in der klaren Morgenluft.
Seht! sagten die Bauersleute, als die Musik vorüberzog: der dort spielt das anstrengendste Instrument, der schwitzt wie ein Präcepter. Damit meinten sie den, welcher die Kaldaunen im Tschako hatte; das Fett war ihm nämlich durch das Futter gedrungen und lief da und dort über sein Gesicht herunter. Gleichwohl machte er eine so zufriedene Miene, als ob er sagen wollte: „das Spiel des Lebens sieht sich heiter an.“

Nun erfolgte ein feierlicher Umgang durch die Stadt, wobei sechs Schappelmädchen das blumengeschmückte Muttergottesbild trugen. Dieses Ehrenamt bekleiden von jeher sehr stattliche Bauernmädchen mit reich verzierten Schappeln, welche schöne und geschmackvolle Kopfbekleidung aus dem grauen Alterthume stammt und bei den Dichtern des Mittelalters unter dem nämlichen Namen eine große Rolle spielt.
Als das Militär vor der Kirche angekommen war, wurden die Gewehre auf dem Platze in Pyramidenform gestellt und mit Wachen versehen. Darauf begann der Gottesdienst.
Während des Hochamts finden wir die Mariann’ in einem der überfüllten Kirchenstühle. Sie betet in
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dem bekannten schwarzen Buche so inbrünstig, als wollte sie dem Himmel all ihr Leid und ihren Kummer klagen. Als sie ein Blatt umwandte, fiel ihr Blick auf ein eingelegtes Blatt, das von der kunstreichen Hand ihres Liebsten kam, und haftete lange auf der Einfassung von Rosen und Vergißmeinnicht. In einem grünen Kranze aber standen die Worte:
Und wenn du wärest gleich da, wo die Sonn’ aufgehet,
Und ich am Ende, wo der Abendstern entstehet,
So scheidet uns doch nichts: mein Herze bleibt dir
In Unglück und Gefahr, dein Herze bleibt mir.
Unter diesen Zeilen hatte er noch einen dörflichen Rebus angebracht. Derselbe lautete folgerndermaßen:

Ueber diesen Gedanken vergaß sie alles, was um sie her vorging. Ihr Herz war ganz bei Konrad, den sie vor der Kirche unter der Menschenmenge gesehen und dessen Gruß sie mit einem Augenwink erwidert hatte. Während sie so in ihre Träume versunken war, ertheilte der Priester den Segen. Die gläubige Gemeinde kniete nieder. Bataillon, fertig! wurde vor der Kirche commandirt. Feuer! und die Gewehre krachten, so daß das arme Marianneli beinahe vor Schrecken das Buch zu Boden fallen ließ. Dumpfe Böllerschüsse schlugen vom untern Thore her an die Kirchmauer.
Nach dem Gottesdienst spielte die Musik noch eine Zeit lang vor dem Rathhause. Der Schmelz und die Blüthe des Festes war aber jetzt vorüber. Wohl wurde noch exercirt und musicirt, manche Gewehrsalve krachte noch, aber die eigentliche Feststimmung war verflogen. Um den rechten Uebergang vom Zapfenstreichen zum Alltäglichen zu treffen, gibt es eine äußerst scharfsinnige Erfindung, welche auf der Uhrtafel gewöhnlich mit der Ziffer Zwölf bezeichnet ist. Diese trat denn auch jetzt zur angemessenen Zeit in ihre Rechte ein, oder, wenn ich es unverblümt sagen soll, die Leute begaben sich zum Mittagessen.
Die Zahl der fremden Zuschauer war bedeutend angewachsen, und die vierfüßigen sowohl als die geflügelten Bewohner der Baar erlitten an diesem Tage eine Niederlage, welche die Geschichte zu den schwersten zählt. Nachher zerstreute sich die Menschenmenge wieder im Freien. Vor der Vesper aber scheuchte sie ein kurzer Regen in die Häuser und Scheunen zurück. Da ging es bunt und kraus durch einander.
Ob und wo der Konrad gegessen hat, ist ein Geheimniß geblieben. Wir begegnen ihm erst wieder auf den Straßen, wo er wie besessen auf und ab rennt, um einen Blick, ein Wort von der Mariann’ zu erhaschen. Doch der Vogt wich und wankte nicht von ihrer Seite. Mißmuthig und halb verzweifelnd warf er sich endlich in ein Bierhaus, dem goldenen Kreuz gegenüber, wo er durch den beweglichen Fensterschieber spionirte. Ein Mädchen kam und stellte ihm ungefragt ein Glas Bier hin, das er instinktmäßig bezahlte. Das Gebräu des Königs von Brabant ist Labsal für den Durstigen, der es mit unzweideutiger Absicht genießt; wenn man es aber bloß zum Vorwande trinkt, so wird ihm die Menschenseele gram, und auf diese Weise ist es zu erklären, daß Konrad in seinem Hasse mehrere Schoppen nach einander vertilgte, ohne es recht zu bemerken, da sein Hauptberuf in genauerem Zusammenhange mit dem Fensterschieber war. Auf einmal sieht er den Vogt herauskommen, allein, das heißt ohne seine Tochter, und in eifrigem Gespräche mit einigen Bekannten, mit welchen er sich allmählig die Straße hinauf und in den goldenen Kreuz hinein verfügt. Wie ein Pfeil, von der Sehne eines Starken geschleudert, fuhr Konrad in’s goldene Kreuz hinüber.
In der Wirthsstube ging es sehr lärmend und lustig her. Die halbe Baar saß da und zechte wacker. Soldaten und Musikanten von Hüfingen verzehrten ihre Löhnung; denn nach Beendigung der Parade waren jedem fünfzehn Kreuzer Gage aus der Stadtkasse verabreicht worden, und wer sich eines Schnurrbarts rühmen konnte, der hatte noch eine Zulage von einem Groschen erhalten. Auf den Tischen lagen musikalische Instrumente umher; an den Wänden hingen da und dort die abgeschnallten Säbel.
Konrad blieb einen Augenblick unter der Thüre stehen und überschaute das Getümmel. Endlich erblickte er die, welche seine Augen suchten. Sie saß bei einigen ihrer Bekannten. Diesmal war er glücklicher als hinter dem Schlehenbusche: sie sah ihn ebenfalls, so wie er nur in die Thüre getreten war. Er gab ihr einen Wink mit den Augen. Stille erhob sie sich, kam herüber und stellte sich etwas abseits mit ihm in einer Fernstervertiefung.
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Sie hatte die Augen voll Thränen, als Konrad so vor ihr stand und ihre Hände fest in den seinigen hielt. Eine Zeit lang schwiegen sie still, dann begann er allerlei verworrene Dinge durch einander zu reden. Er sehe nun ein, sagte er, daß sie niemals zusammenkommen würden, er sehe deutlich, daß er zum Unglück geboren sei, und sie solle ihn nur so schnell als möglich vergessen. Wie ernstlich es aber mit dieser Bitte gemeint war, ist daraus abzunehmen, daß er im gleichen Athemzuge hinzufügte, es werde sein einziger Trost in dem fernen Lande sein, wenn er sich vorstellen könne, daß sie hie und da noch seiner gedenke. Sie erwiderte wenig darauf; denn sie war zum Tode betrübt. In drei Wochen, hatte er ja gesagt, werde er wahrscheinlich schon auf dem Meere sein.
Konrad war beständig bange, der Vogt möchte zurückkommen. Er wollte ihr eben zu verstehen geben, sie sollte ihn an die Thüre begleiten, um allda Abschied zu nehmen, als diese aufging und eine höchst widrige Störung den Scheidekuß der beiden Liebenden auf’s Grausamste vereitelte.
Zur Thüre herein kamen der oben erwähnte Wirthesohn, der im Elsaß französisch geworden war, und sein Freund, der junge Krämer. Der Erstere hatte, wie wir wissen, früher der Mariann’ auf’s Angelegentlichste die Coeur gemacht und Konraden hiedurch aus der Heimath vertrieben. Nach dessen Abgang war er zuversichtlicher und zudringlicher geworden, und gewiß würde der Vogt seine Bewerbung mit demjenigen Nachdruck, der sich von ihm erwarten ließ, unterstützt haben, wenn nicht gerade zur nämlichen Zeit einige Liebesaffairen der zweideutigsten Art, die er auswärts hatte, vom Gerücht in Umlauf gebracht worden wären. Dies machte den Vogt doch etwas bedenklich, seine Tochter einem Menschen von so wurmischem Charakter zu geben, und da er keineswegs der Mann der vertrackten Wendungen war, so konnte er nicht umhin, dem Bewerber seine Ansicht mit unverkennbarer Deutlichkeit unter die Nase zu reiben. Der Abgewiesene trug seinen Korb mit großer Bosheit von dannen, die er namentlich gegen Konrad kehrte, weil er in diesem den Haupttreffer erkannte, der ihm, zwar nicht in den Absichten des Vaters, aber desto gewisser im Herzen der Tochter vorgeschoben war. Wie er nun die Beiden so unvermuthet Hand in Hand am Fenster stehen sah, fing es alsbald wie lauter Gift und Galle in ihm zu kochen an. Er und sein Freund ließen Wein auffahren, „eine Maß vom besten“, und hierin lag eine hochmüthige Herausforderung, über die man nicht einen Augenblick im Zweifel sein konnte. Um aber seinen Zorn auf geistliche Art auszulassen, warf er den Teller mit dem Brode an die Wand, ebenso einige Gläser. Der Mariann’ zitterte schon das Herz im Leibe; aber es sollte noch besser kommen. Denn nun trat er halb betrunken mit verglasten Augen, die ohnehin nicht die schönsten waren, vor die Beiden hin und fing an zu fischeln. Konrad würdigte ihn anfänglich keiner Antwort. Der Andere aber wurde dadurch immer tückischer und beleidigender; er sprach von den amerikanischen Urwäldern und ihrem vortrefflichen Holze, das besonders gut zu Bettelstäben für Solche tauge, die nicht gerne arbeiten und deshalb auswandern. Da stieg dem Konrad das Blut in den Kopf; doch schwieg er noch. Als aber nun der Widersacher mit noch unverschämteren Redensarten und einem n’est ce pas, Madame Conrade? sich zur Mariann’ wendete, da übermannte ihn die Wuth, die Besinnung verging ihm, und comme ça flog der Franzos über Tisch und Bänke, daß Gläser, Teller, Flaschen umherwirbelten und der Wein in Strömen auf dem Boden floß. Allgemeiner Aufruhr. Wohlmeinende Hände griffen zu, um den wüthenden Konrad zurückzuhalten. Andere halfen dem Gestürzten wieder auf die zitternden Beine und führen ihm säubernd und bürstend über den von oben bis unten zerrissenen Rock. Sein Freund hatte eine durchaus neutrale Stellung angenommen. Der Hornist der Bürgergarde schoß wie ein Blitz herbei, um sein auf dem Tische liegendes Horn in Sicherheit zu bringen. Denn, sagte er, es ist wie wenn’s das auf sich hätte! Schon einmal wurde es mir zusammengequetscht wie ein Knöpfelsteig, drauß in Behla, wo ich aufspielte und mir zwei Combattanten mitten in den besten Händeln darauf hinstießen. Ich mußte es wieder auftreiben lassen. Am Ton hat es nichts verloren — contraire! — Als die größte Gefahr vorüber und die Ordnung im Groben hergestellt war, sprang auch die gerade anwesende Polizei herzu und predigte: Friede, Friede! nur keine Händel, Kinder Gottes, sonst —!
Konrad sah in das thränende totenblasse Angesicht, das ihn so flehend anblickte; er ließ die Arme sinken, sein Zorn schwand hin und es war ihm sehr übel zu Muthe. In diesem Augenblicke ging die Thüre auf und der Vogt trat herein. Konrad warf der Mariann’ einen Abschiedsblick zu und stürzte fort, am Vogt vorüber, die Treppe hinunter, zum Thor hinaus.
Und so sehen wir ihn denn wieder den nämlichen Weg dahinwandern, den er gestern hergekommen ist. Er hieb aber nicht mehr mit der Gerte nach den tanzenden Mädchen, er summte kein Lied mehr vor sich hin, er hielt kein Selbstgespräch. Finster und gedankenlos rannte er über Stock und Stein, ohne zu bemerken, daß die Sonne in rothem Dunste unterging und der Himmel
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sich übergoß. Die Nacht brach schnell herein; es fing still und durchdringlich zu regnen an. Als er am Zündelstein vorbeikam, sah die alte Burgruine finster und schauerlich in das enge Schwarzwaldthal herab. Unter ihr brauste die Breg dahin. Er blieb einen Augenblick stehen; es war ihm so wehe, daß ihm ein böser Gedanke durch den Kopf fuhr; doch gab er bald darauf der vernünftigen Erwägung Raum, daß er nicht schwimmen könne, und schleunig eilte er von der Stätte der Versuchung fort. Bei finsterer Nacht kam er, durchnäßt bis auf die Haut, in Neustadt an. Den Hut hatte ihm der Wind vom Kopf gerissen und einen Abhang hinunter geweht. Er tappte leise zu seinem Bette; aber müde und aufgeregt zugleich, wie er war, warf er sich die ganze Nacht in qualvoller Unruhe hin und her.
Aus diesem Bette war er gestern Morgen so fröhlich, so hoffnungsreich aufgesprungen. Galt es auch einen Abschied, vielleicht für’s Leben, so galt es doch einen kommenden Schmerz, und einen warmen Kuß dazu, den ein junges Blut auch unter den traurigsten Umständen nicht verschmähen wird. Nun aber, wie hatte der so lange ersehnte Tag geendet? Statt des Kusses mit einer Prügelei. „O harte Sehnsucht, süßes Hoffen!“ — Und was wird der Vogt zu der Geschichte sagen? Wie wird er toben über den Händel, der sich vor einer ganzen Stube voll Menschen um seiner Tochter willen erhob! Arme Mariann’! Ein neues Ungewitter über dir! und dein Liebster steht nun als Unruhstifter, als Händelmacher da. Jetzt ist er endlich doch, nur leider auf eine Weise, die er sich am wenigsten wünschte, zum Helden geworden. Das ist aber noch nicht alles. Das Schönste wird nachfolgen, wenn sein Widersacher, wie nicht anders zu erwarten, die Sache vor das Amt bringt. — Die Gesetze für Schlaghändel waren damals etwas strenger als jetzt. Schon sah er sich im Geiste auf der Bank vor dem Rathhause liegen, und der Amtsdiener mit dem Haselnußstecken stand daneben. Schöne Aussicht!
Jetzt nur so schnell wie möglich fort! war sein erster Gedanke, als er aus einem kurzen Schlummer den andern Tag erwachte. Aber was half es ihm, wenn er die Vorbereitung zur nahen Abreise auch noch so sehr beschleunigte! Er mußte eben warten, bis die Gesellschaft fertig war. So lebte er in beständiger Angst. Jeden Morgen fürchtete er eine Vorladung vom Amte zu erhalten. Er hatte sich schon ganz an den Gedanken gewöhnt, daß ihm das Vaterland ein tief wurzelndes Vergißmeinnicht mit auf den Weg geben werde, und war deshalb nicht sehr verwundert, als wirklich eines Morgens der Amtsdiener mit einer Invitation erschien. Er trage auch das, mein Herz! dachte er oder wenigstens schwebte ihm ein derartiger Gedanke vor, als er dem Boten der Gerechtigkeit mit etwas zögernden Schritten folgte.
Amtmiene und Amtssprache hatten, besonders dazumal noch, etwas Fürchterliches. Der Bescheid, der ihm zugedacht war, wurde mit einem Tone verlesen, als ob es ihm um den Kopf gehen sollte. Aber wie war ihm, als die gefürchtete Untersuchung sich in eine Nachricht verwandelte, die ihm so unvermuthet kam, als ein holländisches Erbe! Der alte Riedbauer hatte das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt, vorher aber noch darüber verfügt und seinem jungen Vetter einen beträchtlichen Theil seines Vermögens hinterlassen.
Konrad hatte nie auch nur im Traume daran gedacht, daß sich sein Schicksal auf eine so einfache Weise wenden könnte. Er stand stumm und starr vor Erstaunen; der Hingang des guten alten Mannes machte ihn schmerzlich betrübt. Als er aber von Amtswegen ein wenig angefahren wurde, kam er wieder zu sich, dankte im Stillen für die gnädige Strafe und machte, daß er weiter kam.
„Jetzt nur so schnell als möglich fort!“ dies war abermals sein erster Gedanke, als er das Amtshaus verlassen hatte; nur meinte er es ganz anders als jenen Morgen nach seiner Zurückkunft von Hüfingen. Daß er es aber anders und wie er es meinte, ersehen wir am deutlichsten daraus, daß er schon nach einer Viertelstunde auf dem Wege war, den er nie wieder zu betreten gehofft hatte. Ein Beispiel, wie der Mensch sich irren kann! Warum eilte er aber so sehr? Lag ihm denn der Mammon so gewaltig am Herzen, daß er’s nicht erwarten konnte, bis er ihn gehoben hatte? Gott bewahre! seine Absicht war eine ganz andere, obgleich der Mammon allerdings dabei eine Hauptrolle spielte. Laßt alle Poeten in der Welt zusammenkommen und ihre Schmuckkästchen umstürzen, um eine Liebschaft gehörig aufzuputzen, was hilft’s? Aber werft ein paar tausend solide harte Thaler dazu, die just nicht vorher gewaschen zu werden brauchen, dann, ja dann wird das Ding gleich ein anderes Gesicht haben. Warum also rennt der Pfiffikus, der Konrad, so spornstreichs dahin? Weil er sehr wohl weiß, daß er dem Vogt jetzt dreist unter die Nase treten darf, daß es diesem sogar eine Ehre sein wird, wenn er bei ihm „einkehrt“, wie auch, daß er sich wegen jener Thathandlung kein Gewissen mehr zu machen braucht, sintemal dieselbe nichts weniger ist als eine gemeine Rauferei, sondern eine wohlverdiente Execution, dabei aber noch ein sehr lustiger Streich und ein absonderliches Heldenspiel, mit Einem Worte, um es nicht gar zu lang zu machen, er weiß, daß er
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aufgehört hat, ein „R . . . r“ zu sein, — und damit ist die Geschichte zu Ende.
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Lassen wir zwei Jahre verstreichen, und machen dann noch einen flüchtigen Besuch in dem Dorfe, wo Konrad geboren wurde.
Es ist Sonntag früh, der herrlichste Sommermorgen, wo der Bauer zum Edelmann wird und der Städter ein armer Schlucker ist. Gleich beim Eintritt in’s Dorf sticht uns das weiland finstere rauchige Haus des alten Riedbauers gar stattlich in die Augen. Es ist von Grund aus „renovirt“, die Fensterläden sind frisch grün angestrichen, der fromme Spruch über der Hausthüre ist wieder aufgefrischt und mit einem zierlich gemalten Blumenkranze umgeben. Im Gärtlein hinter dem Hause blühen die Rosen, und der Nägeleinstock auf der Laube hinten gilt für den schönsten im ganzen Ort.
Wir treten in die von der Morgensonne freundlich erhellte Stube. Da sitzt still und im Gebet versunken unsre Mariann’ bei einer Wiege. In dieser Wiege schläft ihr Konrad, aber nicht der große, ihr Herr und Oberhaupt, denn der befindet sich so eben in der Kirche, sondern der kleine Konrad, ihr liebes Kind. In ihrer Hand erblicken wir das wohlbekannte schwarz eingebundene Gebetbuch mit dem goldenen Schnitt. Ob sie dankt oder bittet, das läßt sich so genau nicht sagen; vielleicht ist beides der Fall. Denkt sie aber an ihren Sohn, so betet sie gewiß, daß der Herr ihm eine leichtere Jugend schenken möge als seinem Vater, und dazu ist auch alle Aussicht vorhanden. Doch blickt sie so zufrieden in ihr Buch, als ob ihr kein Wunsch mehr übrig geblieben wäre. Der größte wenigstens ist erfüllt; denn nachdem Konrad das Haus und ein gutes Stück Feld von seinem wackern Vetter, dem frommen Bonifacius, angetreten und Amerika, das „Land“, links liegen gelassen hatte, so fehlte ihm nichts mehr als sein Marianneli. Ob der Vogt gleich eingewilligt oder Sperenzien gemacht hat, thut sehr wenig zur Sache. Genug, daß er eingewilligt hat; und das entnehmen wir mit Sicherheit daraus, daß die beiden jetzt Mann und Frau sind. Wen noch ein Zweifel plagt, der mag den Herrn Pfarrer fragen; wozu hat man denn die Kauf- und Trauungsbücher?
So eben sind die Glocken, welche zum Gottesdienste riefen, verhallt. Durch das offene Stubenfenster sieht man noch die letzten Nachzügler in die Kirche wallen, den alten Kasper, den Geisterseher, und eine Nachbarin mit ihrem Kinde. Sonst ist’s im ganzen Dorfe still. Nur die Bienen vom nahen Immenstande summen am Fenster. Der grünende Rosmarin, von welchem vor anderthalb Jahren die Mariann’ ihr Brautkränzlein nahm, steht, heilig aufgehoben und gepflegt, auf dem Fenstergesims.
Aus der Ferne aber, von Hüfingen her, hallen dumpfe Böllerschüsse. Sie feiern heute das Jakobifest.
Und eben jetzt, wo die junge Frau durch den wohlbekannten Knall an den Tag, der ihre Hoffnungen so grausam knicken zu wollen schien, erinnert wird, trifft sie beim Umwenden auf das Blatt, das immer noch im Buche liegt, und liest mit stiller Freundlichkeit: „Und wenn du wärest gleich da, wo die Sonn’ aufgehet!“
Die Sonne ging jetzt über zwei glücklichen Menschen auf, die wohl sagen konnten: „Dein Herze bleibet mir, mein Herze bleibet dir!“ und wenn der Abendstern am milden Himmel glänzt, so sieht er abermals zwei glückliche Menschen, die nach vollbrachtem Tagewerk froh plaudernd auf der Bank vor ihrem Hause sitzen.
Jeden Sonntag vor der Kirche kommt der Vogt mit der Vögtin herüber. Seit er nichts mehr gegen den Konrad einzuwenden hat, weil derselbe sein Schwiegersohn ist, glaubt auch dieser zu finden, daß der Alte sein so übler Mann sei. Wenigstens hat er die harte Schale abgelegt, und gleicht einer alten Nuß, die zwar vielleicht etwas ranzig, aber im Ganzen doch immerhin genießbar ist. Wenn er dann wohlgefällig mit dem dickbackigen kleinen Konrad vor dem Spiegel steht, so sagt er oft: Der wird wie sein Großvater, er schlägt mir nach. — Gott gebe nur, daß er nicht gar so eigensinnig wird! pflegt die Vögtin jedesmal darauf zu bemerken.




