Johann Peter Hebel, geboren am 10. Mai 1760, gestorben am 22. September 1826 in Schwetzingen

Am 22. September 2026 jährt sich Johann Peter Hebels Todestag zum 200. Mal. Aus diesem Anlass finden in ganz Baden zahlreiche Veranstaltungen statt.
In ganz Baden? Nein. Im alten badischen Unterland scheint man sich noch an seine Künstler zu erinnern. Das Oberland dagegen hält offenbar nicht mehr so viel davon.
Im Hieronymus und auch in den Wanderblühten finden sich zahlreiche Zitate von Hebel. Aber ich möchte hier zunächst Joseph Bader zu Wort kommen lassen:
Joseph Bader in der Badenia, Band II, 1840, S. 215–218.
Etwas über Hebel
In dem schönen Schloßgarten, der eine Zierde unserer Residenz ist, wandelte ein Fremder durch die herrlichen, schattenreichen Baumgänge. Nachdem er viele Partheien gemustert und bewundert hatte, gerieth sein Fuß an eine einsame Stelle, wo ein hochgrüner Rasenplatz von malerischen Baumgruppen eingeschlossen liegt, aus dessen Mitte ein kleines Denkmal von Eisen in gothischem Geschmacke mit einem ehernen Brustbild sich erhebt.

Johann-Peter-Hebel-Denkmal vom Stadtwiki Karlsruhe
Freudig überrascht betrachtete er die malerische Scene, und trat dann neugierig näher, um aus den Inschriften des Denkmales zu vernehmen, welchem verdienten Manne die Mit- oder Nachwelt dies Zeichen dankbarer Verehrung gestiftet habe. Und siehe da — er fand den Namen Hebel. Jetzt wendete er mit sichtbarem Vergnügen seine Blicke wieder aufwärts zu dem Brustbilde, und forschte aufmerksam nach den Zügen des edlen Dichters.
Inzwischen hatte ich mich ihm genähert, und leicht geriethen wir in’s Gespräch über den Gegenstand seiner Betrachtung. Er kannte die Hebel’schen Gedichte ziemlich genau und verstand den poetischen Geist, welcher sie durchweht. Wir erinnerten uns, wie man früher zuweilen denselben verkannt, und dieser alemannischen Muse die ächte Volksthümlichkeit abgesprochen habe(¹). Der Fremde bedauerte, das Letztere nicht besser beurtheilen zu können, da ihm das Land und Volk, wo Hebel sich bewege, zu unbekannt sey. Wir, der ich dort einheimisch bin, war dies eine erwünschte Gelegenheit, mich über Etwas auszusprechen, was den Fremden und durch ihn wieder Andere belehren konnte.
„Es ist eine vornehme Absprecherei, Hebels Gedichte nur als poetische Curiosa zu betrachten. Sie seyen nicht aus dem Volke hervorgegangen, sondern demselben nur angedichtet worden, das kann man leider von hundert und hundert ähnlichen Poesien sagen, von den hebelschen aber keineswegs. War ihr Verfasser nicht ein Sohn des Landes, redete er nicht wirklich die Mundart des Landvolks, bewegte er sich nicht lange Zeit in dessen Sitten und Gebräuchen, und hatte er nicht selbst ganz den Charakter, den Geist und das Gemüth eines Wiesenthälers? Als Hebel seine Gedichte schrieb, war solches ein Erguß seiner Erinnerungen aus der Heimath und seiner wachsenden Sehnsucht nach derselben. Diese schöne, geliebte Heimath erfüllte noch ganz das Herz des jungen Mannes, als ihn sein Aufenthalt in der Residenz schon in ganz andere Umgebungen und Verhältnisse gezogen. Er durchirrte im Geist jene wohlbekannten Thäler und Berge, besuchte seine Landsleute in ihren Hütten und Dörfern, begrüßte alte Freunde, unterhielt sich mit ihnen in Ernst und Scherz, schwang sich dann empor auf die Höhen der Poesie, und sang in der Zunge seiner Väter, was er gesehen, gedacht und empfunden.“
Ich begleitete diese Worte mit einiger nähern Auseinandersetzung, und der Fremde schien darin Manches ihm ebenso Einleuchtende als Neue zu finden. „Sie werden mir es glauben, ich bin ebenfalls auf dem Lande geboren, bin oft und vielfach unter dem Volke gewesen — also von der Seite aus ein kompetenter Richter über das Volksthümliche in Hebels Werken, und gerade daß ihr Geist, wie ihr Ausdruck so ganz volksthümlich ist, das machte mir sie werth, und das machte sie auch dem Volke selbst werth. Es versteht sie in ihrem Sinn, ihren Bildern und Anspielungen vollkommen — sie sind in seiner Art und Weise. Denn wären sie es nicht, welcher Bauernjunge, welches Landmädchen würde sie lesen oder singen? Daß aber zumal die hebelschen Lieder häufig auf dem Lande gesungen werden, so häufig als andere beliebte Volkslieder, davon kann Jeder sich überzeugen, der das Oberland besucht. Sie sehen also, Hebel war nicht bloß zum Dichter, sondern eigentlich zum Volksdichter geboren und erzogen. Wie ächt, wie unnachahmlich sind die Schilderungen im „Karfunkel“, im „Statthalter von Schopfheim“, in der „Wiese“. Mit diesen Augen sieht das oberländische Volk, so denkt, so fühlt, so trauert und scherzt es. Das Alles aber, was ich über die Volksthümlichkeit der alemannischen Gedichte gesagt, ist in den wenigen Worten enthalten, welche aus Hebels eigenem Munde rühren: „Das Heimweh, sagte er, hat sie gedichtet.“
„Was die hebelsche Zunge anbetrifft, so ist sie allerdings eine aus mehreren oberländischen Besonder-Mundarten zusammengeschmolzene und veredelte(²). Dadurch geht aber für die Hauptsache nichts verlohren; die charakteristische Eigenthümlichkeit des Alemannischen lebt vollkommen in der Ausdrucksweise Hebels, wenn auch das oberländische Volksdeutsch an keinem einzelnen Orte genau so gesprochen wird, wie er es schreibt(³). Der Markgräfler, der Wiesenthäler läßt sich in den Wörtern und Sätzen nicht verkennen, dagegen ist die Betonung mehr hauensteinisch, weil der Hauensteiner die Vokale ohne Beiklang, und dem Hochdeutschen am nächsten ausspricht(⁴). Der Anknüpfungspunkt zur Veredelung lag also im alemannischen Sprachstamme selbst, und es ist somit auch hier von keiner Einmischung des Fremdartigen die Rede.“
Wir hatten uns während dieser Unterhaltung auf die nächste Ruhebank niedergelassen. Ich erwähnte dem Fremden, daß hier das Lieblingsplätzchen des verewigten Dichters gewesen seyn soll, weswegen man auch die Stelle für sein Denkmal ausgewählt habe. Der Verfolg des Gesprächs führte nunmehr auf die spätern Lebensverhältnisse Hebels, namentlich in gesellschaftlicher Beziehung, auf seinen stets jugendlichen Geist, seine muntere Laune und seinen treffenden, übrigens immer gutmüthigen Witz. Es kam alsdann auch seine politische Ansicht zur Sprache, und ich weiß nicht, ob ich recht sah, aber mir schien es, als ziehe sich ein kleines Wölklein über die Stirne des Fremden. Vielleicht dachte er an den Sandwirth Hofer.
Ich vermied jedoch geflissentlich diesen Punkt, weil er mich unangenehm berührte, und bemerkte nur flüchtig, daß in der spätern Zeit wohl gar Mancherlei den freien Flug des Dichters gehemmt und seine edlere Thätigkeit beschränkt haben möge.
Der Fremde nahm endlich Abschied von mir und verlor sich in die nächste Allee. Ich aber verweilte noch auf der Ruhebank, in ungestörter Einsamkeit dem Zuge einiger Lieblingsgedanken nachhängend. Bald jedoch wurde ich darin unterbrochen — es fielen mir Hebels Nachahmer wieder ein! Ich muß es frei heraus sagen, nichts kann man lesen, was mehr den Makel der Mislingtheit an sich trüge, als die sogenannten alemannischen Gedichte, wie sie der größten Zahl nach in die Welt geschickt werden. Schon der gute Fellner, welcher doch sein Breisgauisch nicht übel verstand, scheiterte an der Versuche der Nachahmung, und diese Neuern — nicht einmal des Idiomes sind sie mächtig, von dem Geiste, der solche Dichtungen durchwehen und beleben soll, zu geschweigen. Bis zum Ekel aber treiben sie die Wiederholung der paar hebelschen Reime, Ausdrücke und Wendungen, die ihnen zunächst in das Ohr fielen, und beschimpfen dadurch das Andenken an den Vater der alemannischen Poesie. Ich hätte sie gerne alle um das Monument versammelt, diese Pfuscher, um sie Angesichts der Büste Hebels an ihre Sünden zu erinnern. Geärgert übrigens durch die leidige Unterbrechung, erhob ich mich, eilte nach Hause und rief durch die Lesung der „Wiese“ meine gute Stimmung wieder zurück.
(1)
Bader zitiert hier Wolfgang Menzel. Der vollständige von ihm zitierte Abschnitt lautet:
„Die Volkslieder in besondern Mundarten, wie die von Hebel, sind nur als poetische Kuriosa zu betrachten. Sie unterscheiden sich von den ächten alten Volksliedern dadurch, daß sie nicht aus dem Volke hervorgegangen, sondern demselben angedichtet worden sind. Wie sehr der Dichter sich bemüht, ein Bauer zu scheinen, er bleibt doch immer nur ein Bauer aus der Theatergarderobe. Ich kann die Begeisterung für Hebels und ähnliche Gedichte nicht theilen, sie widern mich vielmehr gerade so an, wie die Schweizerinen und Tyrolerinen auf den Redouten. Es ist eine alberne Affektation sogenannter Naivetät darin, die sich in der Wirklichkeit ganz anders verhält. Merkt man nun gar, daß der Dichter seinen Bauern wieder den längstversauerten Milchbrei politischer Kindlichkeit einpappelt und sich gleich einem Dorfschulmeister bei der Ankunft hoher Herrschaften zum Vivat einexercirt, so geht die Illusion gänzlich verloren, und man sieht statt der Natur nur ein theatralisches Machwerk, wie die göthischen Festzüge und gewisse Wiener Vorspiele.“
(2)
„Hebel sagt selbst in der Vorrede zu seinen Gedichten: ‚Der Dialekt, in welchem diese Gedichte geschrieben sind, herrscht in dem Winkel des Rheines zwischen dem Frickthal und dem Sundgau, und weiterhin in mancherlei Abwandlungen bis an die Vogesen und Alpen und über den Schwarzwald bis nach Schwaben.‘“
(3)
„Wollte der Dichter genau den Dialekt schreiben, wie er in seiner Heimath, im Markgräfischen, gesprochen wird, so mußte er anstatt des Vokals a fast durchgängig ein breites und dumpfes o setzen, wie für das e meist ein sanftes a. Die verschiedene Aussprache dieser beiden Buchstaben ist charakteristisch — beinahe so weit das Gebirge reicht hört man ein helles deutliches a und e, dann in den Vorhügeln einen Mittelton von a und o, ä und a, endlich gegen den Rhein zu beinahe ein volles o und a.“
(4)
„Der Klekgauer und Hauensteiner spricht z. B. ganz deutlich: ‚Haber‘, und ‚mache‘, ‚Engel‘ und ‚sege‘, der niedere Breisgauer dagegen: Höber, möche, Angel, sage. Jener spricht: wenn, denn, au, dieser: wänn, dänn, oei.“ davon kann Jeder sich überzeugen, der das Oberland besucht.
Und damit sind wir wieder in Hüfingen.
Denn auch hier hat Hebel eine Spur hinterlassen. So schuf Xaver Reich das Medaillon auf Hebels Grabstein in Schwetzingen – sein bekanntestes Medaillon.

Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Staatsarchiv Freiburg, W 134 Nr. 061263d
Aus dem Hieronymus 1853 und den Wanderblühten 1855
„E freude Stund e guti Stund,
s’ erhaltet Lib und Lebe gsund,
doch muß es in der Ordnig goh,
sust het me Schand und Leid dervo.
Willchumm Herr Storch! bisch au scho do,
und schmecksch im Weiher d’Frösche scho?
und meinsch der Winter heig si Sach,
und’s besser Wetter chöm alsgmach?
Vetter Hans Zerg, s’dunneret, s’dunneret ehnen am Rhi-Strom,
und es git e Wetter! I wott, es zög si vorüber.
„Druf bruckt er ’s Füür mit de Fingeren abe, und macht ’s Deckli zu. „Se willi den näumis verzehle,“ seit er, und sizt nieder, „doch müender ordeli still sy, aß i nit verstunn, ebs us isch;“
Beim „Hebel-Schoppen“ in Hausen. Originalzeichnung von Luc. Reich in Rastatt. Die Gartenlaube, 1860.

























