Um 369 n. Chr. schrieb der römische Dichter Decimus Magnus Ausonius Gedichte über eine junge Frau namens Bissula. Sie stammte aus dem Gebiet jenseits des Rheins und war mit dem Ursprung der Donau vertraut. Im Zusammenhang mit einem römischen Feldzug geriet sie in Gefangenschaft und wurde Ausonius als Kriegsbeute überlassen. Später wurde sie von ihm freigelassen.
Bissula in einer Handschrift des 15. Jahrhunderts
Die Gedichte des Ausonius über Bissula finden sich in einer mittelalterlichen Handschrift, die heute in der Universitätsbibliothek Leiden aufbewahrt wird.
Die Handschrift stammt aus dem 15. Jahrhundert. Auf den Blättern 56 verso bis 58 recto sind Ausonius’ Verse über Bissula zu lesen. Die Überschrift Ubi nata sit Bissula et quomodo in manus domini venerit bedeutet: „Wo Bissula geboren wurde und wie sie in die Hände ihres Herrn kam.“
Der Dichter nennt sie eine junge Frau, die jenseits des Rheins geboren wurde und mit dem Ursprung der Donau vertraut war. Damit verweist er auf eine Landschaft, die wir heute mit dem südwestdeutschen Raum und dem Donauquellgebiet verbinden.
Die Handschrift ist viele Jahrhunderte jünger als Bissula selbst. Sie zeigt, wie ihre Geschichte durch die Überlieferung antiker Texte weitergetragen wurde.
Ausonius: Bissula – Übersetzung:
Ausonius grüßt seinen Paulus
Du setzt dich also doch durch, liebster Paulus, und dringst in die verborgenen Heiligtümer meiner Musen ein, deren Geheimnis die Dunkelheit des Anfangs verhüllt hatte – obwohl du keineswegs ein Unwürdiger bist.
Denn auch wenn ich dich nicht zu jenem Volk zähle, dem Horaz den Zutritt verwehrt, so hat doch jeder seine eigenen heiligen Gebräuche. Nicht dasselbe gehört Ceres wie Liber, dem Gott des Weines, selbst wenn dieselben Menschen beide verehren.
Die kleinen Gedichte, die ich zum Vergnügen meines Pflegekindes verfasst hatte, waren roh und unvollendet und sollten mir Trost in meinem häuslichen Singen sein. Solange sie unbehelligt und in geschützter Verborgenheit ruhen konnten, zwangst du sie, noch im Dunkeln liegend, ans Licht zu treten.
Offenbar hast du es auf die Preisgabe meiner Schamhaftigkeit abgesehen – oder darauf, mich gegen meinen Willen erkennen zu lassen, wie viel Macht du über mich hast.
Du übertriffst ja sogar die Hartnäckigkeit Alexanders des Großen. Als dieser die Riemen des schicksalhaften Knotens nicht lösen konnte, schnitt er sie entzwei. Und er drang in die Höhle der Pythia ein, obwohl sie an jenem Tag nicht geöffnet werden durfte.
So gebrauche die Gedichte also wie deine eigenen, mit demselben Recht, aber nicht mit derselben Unbefangenheit. Denn deine müssen das Publikum nicht fürchten; bei meinen erröte ich sogar, wenn ich sie für mich behalte.
Leb wohl!
Vorwort
Wie du es gewünscht hast, Paulus, hast du nun alle Verse über Bissula, die ich zum Vergnügen des kleinen Suebinnen-Mädchens spielerisch verfasst habe. Dabei pflegten wir eher die Muße, als dass wir nach Ruhm strebten.
Du lästiger Dränger, lies nun die lästigen Gedichte! Was du selbst angerührt hast, musst du auch aufessen – so will es ein altes Sprichwort: Der Schmied soll die Fesseln tragen, die er selbst geschmiedet hat.
An den Leser dieses Büchleins
Wenn du dieses schmale Büchlein mit den ungefeilten Gedichten liest, lass deine hochmütige Miene fahren. Lies ernsthafte Dichtung mit gerunzelter Stirn und zusammengezogenen Brauen; wir aber folgen Thymelen.
Bissula wird in diesem kleinen Werk besungen. Und wie Kratinos mahne ich dich: Trink vorher!
Ich schreibe nichts für Nüchterne. Wer meine Verse nach einigen Bechern liest, wird sie verstehen. Noch klüger aber wird er sein, wenn er einschläft und glaubt, diese Verse seien ihm im Traum erschienen.
Wo Bissula geboren wurde und wie sie in die Hände ihres Herrn gelangte
Bissula, jenseits des kalten Rheins geboren, aus einem Volk und einem Landstrich stammend, war mit dem Ursprung der Donau vertraut.
Sie wurde mit Waffengewalt gefangen genommen, doch später durch die Hand desselben Mannes freigelassen. Nun herrscht sie in den Herzen und im Leben dessen, dessen Kriegsbeute sie einst gewesen war.
Ohne Mutter, ohne eine Amme, die sich um sie kümmert, kennt sie die Herrschaft ihrer Herrin nicht …
Sie hatte weder das Unglück ihres Schicksals noch das ihrer Heimat als Schande erfahren. So wurde sie, die Freiheit nicht anders kannte, unvermittelt in eine neue Lage versetzt: Sie war frei und diente doch.
Durch die Gaben Latiums hatte sie sich verändert, und dennoch war sie ihrem Aussehen nach eine Germanin geblieben: mit blauen Augen und blondem Haar.
Einmal lässt ihre Sprache sie als Germanin erscheinen, ein anderes Mal ihr Aussehen: Das eine spricht dafür, dass sie am Rhein geboren wurde, das andere dafür, dass sie aus Latium stammt.
Über dieselbe Bissula
Mein Liebling, meine Zärtlichkeit, mein Spiel, meine Liebe, meine Freude!
Du bist eine Barbarin, und doch übertriffst du als Pflegekind die römischen Puppen.
Bissula – ein etwas bäuerlicher Name für ein zartes Mädchen, fremdartig und ungewohnt für andere, aber lieblich für ihren Herrn.
An den Maler über das Bildnis der Bissula
Bissula lässt sich weder mit Wachsfarben noch mit irgendeinem anderen Farbstoff nachahmen. Ihre natürliche Schönheit ist künstlicher Darstellung nicht zugänglich; sie leiht sich der Kunst nicht.
Zinnober und Bleiweiß mögen andere Mädchen vortäuschen: Diese besondere Mischung ihrer Gesichtszüge kennt die Hand des Malers nicht.
Also, Maler, geh ans Werk: Vermische purpurrote Rosen mit Lilien. Welche Hautfarbe daraus entsteht, genau diese soll die Farbe ihres Gesichts sein.
An den Maler, der Bissula malen soll
Wenn du, Maler, mein Pflegekind malen möchtest, dann soll deine Kunst die attischen Bienen nachahmen, die miteinander wetteifern.
*Übersetzung aus dem Lateinischen: nach dem Text der Bibliotheca Augustana, unter Verwendung der Edition von Samuel Prete, Ausonii opuscula, Leipzig 1978. Die deutsche Übersetzung wurde mit Unterstützung von ChatGPT erstellt.
„Vermische purpurrote Rosen mit Lilien. Welche Hautfarbe daraus entsteht, genau diese soll die Farbe ihres Gesichts sein.“
— Ausonius, Bissula, „An den Maler über das Bildnis der Bissula“
Ausonius Paulo suo salutem dicit.
Pervincis tamen et operta musarum mearum, quae initiorum velabat obscuritas, quamquam non profanus, irrumpis, Paule carissime. quamvis enim te non eius vulgi existimem, quod Horatius (carm. III,1,1) arcet ingressu, tamen sua cuique sacra, neque idem Cereri, quod Libero, etiam sub isdem cultoribus. poematia, quae in alumnam meam luseram rudia et incohata ad domesticae solacium cantilenae, cum [sine metu et] arcana securitate fruerentur, proferre ad lucem caligantia coegisti. verecundiae meae scilicet spolium concupisti, aut, quantum tibi in me iuris esset, ab invito indicari. ne tu Alexandri Macedonis pervicaciam supergressus, qui, fatalis iugi lora cum solvere non posset, abscidit et Pythiae specum, quo die fas non erat patere, penetravit. utere igitur ut tuis, pari iure, sed fiducia dispari: quippe tua possunt populum non timere; meis etiam intra me erubesco.
Vale.
Praefatio.
Ut voluisti, Paule, cunctos Bisullae versus habes, lusimus quos in Suebae gratiam virgunculae, otium magis foventes quam studentes gloriae. tu molestus flagitator lege molesta carmina. tibi, quod intristi, exedendum est; sic vetus verbum iubet, compedes, quae ipse fecit, ipsus ut gestet faber.
Ad lectorem huius libelli.
Carminis incompti tenuem lectura libellum, pone supercilium. seria contractis expende poemata rugis: nos Thymelen sequimur.
Bissula in hoc scedio cantabitur, utque Cratinus, admoneo, ante bibas. ieiunis nil scribo; meum post pocula si quis legerit, hic sapiet. sed magis hic sapiet, si dormiet et putet ista somnia missa sibi. Ubi nata sit Bissula et quomodo in manus domini venerit.
Bissula, trans gelidum stirpe et lare prosata Rhenum, conscia nascentis Bissula Danuvii, capta manu, sed missa manu dominatur in eius deliciis, cuius bellica praeda fuit. matre carens, nutricis egens nescit erae imperium… fortunae ac patriae quae nulla obprobria sensit, illico inexperto libera servitio, sic Latiis mutata bonis, Germana maneret ut facies, oculos caerula, flava comas. ambiguam modo lingua facit, modo forma puellam: haec Rheno genitam praedicat, haec Latio.
De eadem Bissula.
Delicium, blanditiae, ludus, amor, voluptas, barbara, sed quae Latias vincis alumna pupas,
Bissula, nomen tenerae rusticulum puellae, horridulum non solitis, sed domino venustum.
Ad pictorem de Bissulae imagine. Bissula nec ceris nec fuco imitabilis ullo naturale decus fictae. non commodat arti. sandyx et cerusa, alias simulate puellas: temperiem hanc vultus nescit manus. ergo age, pictor,
Puniceas confunde rosas et lilia misce, quique erit ex illis color aeris, ipse sit oris.
Ad pictorem de Bissula pingenda.
Pingere si nostram, pictor, meditaris alumnam, aemula Cecropias ars imitetur apes.
*Textgrundlage: Decimus Magnus Ausonius, Bissula. Lateinischer Text nach der Bibliotheca Augustana, unter Verwendung der Edition von Samuel Prete, Ausonii opuscula, Leipzig 1978.
Bibliotheca Augustana – Ausonius, Bissula (abgerufen am 11. Oktober 2026).
Weitere Seiten der Bissula-Gedichte in der Handschrift der Universitätsbibliothek Leiden: https://iiifviewer.universiteitleiden.nl/?manifest=https://catalogue.leidenuniv.nl/view/iiif/presentation/31UKB_LEU/12524849470002711/manifest?iiifVersion=3
Quellen:
Universitätsbibliothek Leiden, Handschrift VLQ 107, Digitalisat, Viewer-Bilder 63 und 64 von 96; Folioangaben 056v–057r und 057v–058r.
Decimus Magnus Ausonius, Bissula. Lateinischer Text nach der Ausgabe der Bibliotheca Augustana, herausgegeben von Ulrich Harsch, unter Verwendung der Edition von Samuel Prete, Ausonii opuscula, Leipzig 1978. Online: Bibliotheca Augustana – Ausonius, Bissula (abgerufen am 11. Oktober 2026).
Übersetzung aus dem Lateinischen: nach dem Text der Bibliotheca Augustana, unter Verwendung der Edition von Samuel Prete, Ausonii opuscula, Leipzig 1978. Die deutsche Übersetzung wurde mit Unterstützung von ChatGPT erstellt.
Henri Fantin-Latour (1836–1904): Roses and Lilies, 1888. Öl auf Leinwand. The Metropolitan Museum of Art, New York, Inv.-Nr. 2001.202.4. Bild: Public Domain. The Metropolitan Museum of Art – Sammlungseintrag.


