Wie Männer lernen, sich selbst zu verlieren

oder

Warum manche Männer lieber Macht suchen als Nähe

Es gibt diesen seltsamen Widerspruch, der Männer stark wirken lässt und gleichzeitig vollkommen verloren, sobald es um Gefühle geht. Nicht um große Gefühle und nicht um Pathos, sondern um einfache Dinge wie Traurigkeit, Scham, Unsicherheit, Nähe und auch Einsamkeit.

Der Feminismus habe Männern vieles genommen, heißt es manchmal. Vielleicht stimmt das sogar. Er hat ihnen zum Beispiel die Selbstverständlichkeit genommen, nie über sich selbst nachdenken zu müssen.

Hierzu möchte ich heute auf ein Buch aus dem Jahr 2004 von Bell Hooks eingehen: „The Will to Change: Men, Masculinity, and Love“ oder auch auf deutsch „Männer, Männlichkeit und Liebe: Der Wille zur Veränderung“.
bell hooks formuliert es brutal klar:

Der erste Akt der Gewalt, den das Patriarchat von Männern verlangt, ist nicht die Gewalt gegen Frauen. Stattdessen verlangt das Patriarchat von allen Männern, dass sie sich auf Akte der psychischen Selbstverstümmelung einlassen.“

Das ist vielleicht einer der wichtigsten Sätze überhaupt, wenn man moderne Männlichkeit verstehen will, denn Jungen lernen früh, welche Teile ihrer selbst unerwünscht sind. Das sind nicht weinen, nicht jammern, nicht schwach wirken, nicht abhängig sein und vor allem: Nicht verletzlich sein!

Dann wächst wieder eine neue Generation von Männern heran, der man jedes Gefühl abtrainiert hat außer Wut. Die Wut bleibt erlaubt und ist manchmal die einzige sozial akzeptierte Emotion. Das Problem dabei ist, dass abgetötete Gefühle nicht verschwinden sondern zurück kommen und zwar als als Härte, als Zynismus, als Kontrollbedürfnis, als Machtgehabe und als permanente Kränkbarkeit.

Dabei liegt darunter etwas vollkommen anderes, etwas über das so gut wie nie gesprochen wird. Es ist die Frage nach Sinn!
Denn Menschen brauchen das Gefühl, dass sie wichtig sind, dass sie gesehen werden, dass sie gebraucht werden und dass ihr Handeln irgendeine Bedeutung hat. Dies gilt für Männer ebenso wie für Frauen. Aber viele Männer lernen früh, dass dieser Wert vor allem an Stärke hängt und diese Stärke wird über Status, Leistung, Sichtbarkeit und Einfluss definiert. Nicht daran, wer sie sind, sondern daran, was sie darstellen.

Und vielleicht erklärt das auch, warum manche Männer mit dem Älterwerden so kämpfen, sobald der Status bröckelt. Wenn Bewunderung nachlässt und man nicht mehr der Lauteste, Stärkste oder Wichtigste im Raum ist, dann verschwindet oft nicht nur Anerkennung, sondern der Sinn. Wer nie gelernt hat, Nähe, Freundschaft oder Fürsorge als Teil des eigenen Selbst zu verstehen, steht irgendwann vor einer Leere, die sich durch Macht kaum noch füllen lässt. Vielleicht wirken manche Männer deshalb im Alter nicht härter, sondern verzweifelter. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem das Patriarchat auch seine eigenen Anhänger verschlingt.

Männer die ihr ganzes Leben gelernt haben, dass Sinn und Anerkennung über Leistung und Dominanz läuft, aber nie über emotionale Offenheit, werden im System zuerst belohnt. Zumindest eine Zeit lang, bis zu bis einem gewissen Punkt und solange niemand zu genau hinsieht. Sie funktionieren, organisieren, entscheiden, treten auf und wollen lenken aber bei Kritik reagieren sie sofort, als würde man ihr gesamtes Selbst angreifen.

Das Patriarchat macht Männer nicht stark!

Es macht Männer emotional abhängig von Anerkennung, weil Anerkennung die einzige Form emotionaler Bestätigung ist,
die sie gelernt haben.

Vielleicht erklärt das, warum manche Männer Macht so lieben und so panisch auf Bedeutungsverlust reagieren. Macht ist oft das Einzige, was ihnen jemals das Gefühl gegeben hat, jemand zu sein, weil sie nie gelernt haben, dass ein Mensch auch dann wertvoll bleibt, wenn niemand mehr klatscht.


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