Oder: Warum Menschen an der Spitze oft genau das verlieren, was sie nach oben gebracht hat.
Es gibt diese alte Vorstellung: Macht verdirbt den Charakter. Sie ist eingängig und sehr bequem, denn es klingt, als würde etwas von außen passieren. Als würde die Macht einen Menschen verändern. Aber so einfach ist es nicht, interessanter ist eine andere Frage: Was, wenn Macht nichts hinzufügt, sondern etwas wegnimmt?
Am Anfang steht oft etwas anderes, denn Menschen, die aufsteigen, bringen Fähigkeiten mit. Sie können zuhören, sie sind aufmerksam, sie merken, was andere brauchen und sie reagieren auf Kritik. Genau das bringt sie nach oben.
Aber dann passiert etwas Merkwürdiges. Je länger Macht anhält, desto mehr verschwinden genau diese Fähigkeiten. Der Sozialpsychologe Dacher Keltner beschreibt das so:
„Mächtige verhalten sich oft, als hätten sie ein Gehirntrauma erlitten.“
Das ist kein polemischer Satz, das ist Forschung und auch Wissenschaft. Die Empathie nimmt ab, weil Zuhören wird anstrengend und andere Perspektiven werden ausgeblendet. Einfach gesagt, die Welt wird kleiner.
Das ist kein Einzelfall und nicht nur meine subjektive Beobachtung, denn viele Studien zeigen immer wieder ähnliche Effekte.
Menschen, die sich mächtig fühlen, reagieren empfindlicher auf Ungerechtigkeit aber vor allem dann, wenn sie selbst betroffen sind. Gleichzeitig werden sie deutlich unempfindlicher, wenn andere betroffen sind. Eine Studie von Sawaoka et al. 1 zeigt genau das:
Macht schärft den Blick aber nur in eine Richtung und zwar nach innen.
Das erklärt auch, warum Kritik plötzlich nicht mehr funktioniert. Nicht, weil sie falsch ist, sondern weil sie nicht mehr ankommt. Denn Kritik stellt etwas infrage, das für mächtige Menschen zentral wird: Das eigene Bild!
Dieses eigene Bild ist nie stabil, denn es entsteht, es wird daran gebaut, es entwickelt sich. Es entwickelt sich aus Lob, aus Aufmerksamkeit, aus kleinen und großen Bestätigungen. Aus plötzlichem großem Applaus für Dinge, die vorher selbstverständlich waren.
Hier komme ich dann wieder auf das Kleine, die Mikromacht. Denn hier kann man diesen Mechanismus besonders gut beobachten. Nicht bei Diktatoren, sondern bei ganz normalen lokalen Figuren. Menschen, die für Engagement, für ihren Einsatz, für „sich kümmern“, sichtbar werden, bei denen verändert sich etwas. Sichtbarkeit verändert Menschen.
Dies lässt sich als Beispiel bei Charisma zeigen, denn es ist kein fester Charakterzug. Der US-amerikanische Psychologe und Professor Bernard Bass formulierte es so: „Charisma liegt im Auge des Betrachters.“ Anders gesagt: Es entsteht nicht allein durch die Person, sondern durch die Reaktion der anderen. Durch Aufmerksamkeit, durch Projektion, durch das Bedürfnis, jemanden zu bewundern. Und genau hier passiert es. Denn wenn aus Anerkennung langsam Bewunderung wird und aus Bewunderung etwas, das nicht mehr hinterfragt wird, dann verändert sich Verhalten.
Dies passiert nicht schlagartig, sondern schleichend. Kritik wird dann nicht mehr als Korrektur gesehen, sondern als Störung, als Angriff, als Unverschämtheit oder einfach als etwas, das man wegschieben muss. Das ist kein persönlicher Ausrutscher, das ist ein struktureller Effekt. Je höher jemand steht, desto mehr hat er zu verlieren und je größer der Fall wäre, desto größer wird die Bereitschaft, alles zu verteidigen, was diesen Status stabil hält.
Professor Bernard Bass brachte es auf den Punkt: Je größer die Unterschiede, desto stärker der Wille der Privilegierten den Status quo zu sichern, notfalls auch gegen Widerstand. Dann passiert etwas, das man nur von außen sehr klar sehen kann: Der mächtige Mensch hört auf zu lernen! Nicht, weil er es nicht mehr könnte, sondern weil er es nicht mehr muss. Neue Perspektiven stören, andere Meinungen sind anstrengend, unbequeme Realitäten werden ignoriert.
Was nicht ins eigene Raster passt, verschwindet. Wie Kunst, Kritik und auch Geschichte. Alles wird gefiltert durch eine einzige Frage: Passt es zu mir? Wenn etwas nicht mehr ignoriert werden kann, weil jemand zu laut war, dann wird die Reaktion heftig. Immer überzogen, sehr emotional und auch unkontrolliert. Nicht, weil das Thema so groß ist, sondern weil das System es nicht mehr aushält.
Vielleicht ist das der eigentliche Punkt: Macht macht nicht nur blind, sie macht abhängig.
Von Bestätigung, von Kontrolle, von dem Gefühl, recht zu haben. Und genau deshalb ist sie im Kleinen so gefährlich, weil sie dort oft nicht erkannt wird. Also nicht als Macht, sondern als Engagement, als Einsatz, als „der macht halt viel“. Dabei ist Macht im Kern sehr schlicht. Der Soziologe Max Weber hatte Macht schon im 19. Jahrhundert nüchtern definiert:
Die Chance, den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen.
Die Frage ist also nicht, ob jemand Macht hat, sondern: Was passiert mit ihm, wenn er sie behält?
Denn das Entscheidende ist nicht der Aufstieg, sondern die Dauer. Kurzzeitige Macht verändert wenig, lang andauernde Macht dagegen verändert viel. Sie verschiebt Wahrnehmung, Maßstäbe und Realitäten.
Und manchmal reicht dann ein einziger Moment, um das sichtbar zu machen. Ein Widerspruch, eine Kleinigkeit, eine Situation ohne Applaus und plötzlich zeigt sich: Nicht der Ton ist das Problem, nicht der Anlass, sondern das, was darunter liegt. Vielleicht ist dies die unangenehmste Erkenntnis: Macht verdirbt nicht einfach den Charakter, sonder sie legt frei, wie stabil der Charakter wirklich ist.
Oder, etwas nüchterner gesagt: Macht ist kein Test für Können, sondern ein Test für Integrität.
Und nicht jeder besteht ihn.
Quellen:
Bernard Bass
Max Weber
Spektrum der Wissenschaft: Die dunkle Seite der Macht 2018
1 Sawaoka, T.; Hughes, B.; and Ambady, N. Power: Heightens Sensitivity to Unfairness Against the Self. Personality and Social Psychology Bulletin, 41 (7) (2015).