Es war einmal, vor langer, langer Zeit, eine kleine Siedlung namens Brigobanna.
Sie lag auf einem Hügel über der Bregach, dort, wo das Wasser seinen Weg aus den Wäldern heraus sucht. Von oben konnte man weit über das Land schauen. Man sah die Hügel, die Wälder und das Wasser, und wenn das Wetter klar war, konnte man bis weit über das Tal hinausblicken.
Brigobanna war keine große Stadt. Aber sie war reich. Nicht nur reich an Dingen, sondern reich an Menschen, an Geschichten und an Wissen. Händler kamen vorbei, brachten Waren aus fernen Ländern mit und erzählten von Orten, die niemand aus Brigobanna je gesehen hatte. Handwerker arbeiteten mit Holz, Metall und Ton. Kinder liefen zwischen den Häusern herum, Hunde schliefen in der Sonne und irgendwo fand sich immer jemand, der etwas zu erzählen hatte.
Mitten in Brigobanna lag ein großer Platz. Die Menschen nannten ihn Agora. Dort wurde nicht nur gehandelt, sondern auch viel geredet. Dort traf man sich, wenn etwas Wichtiges zu entscheiden war. Man diskutierte über das Wasser, über die Wege, über die Felder und darüber, was im kommenden Winter gebraucht wurde. Man stritt sich auch, manchmal sogar heftig. Denn Menschen sind Menschen, und auch in Brigobanna hatte nicht jeder dieselbe Meinung. Aber die Agora hatte ihre eigenen Regeln, wer hier sprach, sollte gehört werden; wer widersprach, durfte widersprechen und wenn zwei Menschen so wütend wurden, dass aus Worten Zorn wurde, dann schritt Briganti ein.
Briganti war die Königin von Brigobanna.
Sie war eine kluge Frau, aber ihre größte Stärke war nicht, dass sie immer wusste, was richtig war, ihre Stärke war, dass sie zuhören konnte. Sie ließ die Menschen reden, sie ließ sie widersprechen, sie ließ sie sogar wütend sein, aber sie achtete darauf, dass niemand den anderen klein machte, nur weil er anders dachte. Wenn ein Streit begann persönlich zu werden, hob sie die Hand, denn Briganti wusste, dass ein Streit keine Feindseligkeit ist, eine andere Meinung kein Angriff.
Ihre Töchter standen oft neben ihr auf der Agora. Sie sollten lernen, zuzuhören, die richtigen Fragen zu stellen und zu erkennen, wann jemand etwas sagte, obwohl er eigentlich etwas ganz anderes meinte. Sie lernten, dass Macht nicht darin bestand, immer das letzte Wort zu haben und sie lernten, dass manchmal gerade derjenige etwas Wichtiges zu sagen hatte, der am leisesten sprach.
Neben den Töchtern war noch jemand da: Ein kleiner Kobold in der alten Esche. Niemand wusste so genau, woher er gekommen war. Manche behaupteten, er habe schon unter dem ältesten Baum der Siedlung gewohnt, lange bevor Brigobanna gebaut worden war. Andere sagten, er sei eines Morgens einfach auf der Agora gesessen, als wäre er schon immer dort gewesen.
Der Kobold sagte wenig, dafür beobachtete er viel. Er achtete auf die Menschen, auf die kleinen Bewegungen, darauf, wer plötzlich schwieg, wer zu laut wurde, wer zu laut lachte, obwohl ihm gar nicht zum Lachen war. Er konnte Stimmungen hören – zumindest behauptete er das. Er sagte, Gefühle hätten Schwingungen, und Schwingungen würden niemals einfach verschwinden. Sie gingen nur manchmal unter.
Deshalb war er mit auf der Agora und fing alles auf. Die Freude, die Ungeduld, die Angst, den Ärger, die Hoffnung und manchmal auch die Traurigkeit, die jemand mitgebracht hatte, obwohl an diesem Tag überhaupt nicht über Traurigkeit gesprochen wurde.
Briganti wusste, dass der Kobold da war, sie wusste auch, dass er Dinge bemerkte, die selbst ihr entgingen. Darum ließ sie ihn im Baum sitzen, zuhören und freute sich auf seine Einschätzungen. Denn Briganti hatte verstanden, dass eine Gemeinschaft nicht nur aus dem bestand, was ausgesprochen wurde, eine Gemeinschaft bestand auch aus allem, was zwischen den Worten lag.
Und so standen sie dort auf der Agora: Briganti, ihre Töchter und der Kobold in der alten Esche – um sie herum die Menschen von Brigobanna. Sie ahnten noch nicht, dass ihre kleine Siedlung eines Tages von Fremden entdeckt werden würde. Sie ahnten noch nicht, dass Männer kommen würden, die andere Götter mitbrachten, andere Regeln und andere Vorstellungen davon, wem ein Land gehören konnte. Sie ahnten noch nicht, dass von Brigobanna eines Tages nur noch wenige Spuren übrig sein würden.
Aber die Bregach würde weiterfließen, der Hügel würde bleiben und manches, was die Menschen von Brigobanna geglaubt, gehofft und erzählt hatten, würde länger leben als ihre Häuser. Denn manche Dinge verschwinden nicht, sie warten nur.
Als die 11. Legion des Römischen Imperiums Brigobanna unterwarf, töteten sie auch die Götter. Sie stürzten ihre Bilder, sie zerbrachen ihre Zeichen, sie verbrannten, was ihnen fremd war, und nahmen mit, was ihnen wertvoll erschien. Sie plünderten die Häuser und Speicher, sie nahmen das Vieh, das Getreide, die Werkzeuge und alles, was sich tragen ließ. Wer sich widersetzte, wurde getötet – manche Menschen wurden auch einfach so erschlagen, andere wurden fortgeführt. Denn die Römer brachten nicht nur ihre Waffen nach Brigobanna – sie brachten auch ihre Ordnung mit.
Und in dieser Ordnung gab es Menschen, die frei waren und Menschen, die anderen gehören konnten. Die Töchter Brigantis gehörten von diesem Tag an nicht mehr sich selbst, die Soldaten nahmen sie mit. Sie wurden voneinander getrennt und als Sklavinnen verkauft. Briganti, die Königin, die über ihre Menschen geherrscht hatte, konnte nicht einmal mehr ihre eigenen Kinder vor den Soldaten schützen.
Auch mit den Frauen von Brigobanna machten die Soldaten, was Besatzungssoldaten immer mit Frauen machen. Es war keine Liebe mehr, es war keine Begegnung, es war Gewalt. Die Körper der Frauen wurden zu einem weiteren Teil dessen gemacht, was die Sieger glaubten, erbeuten zu dürfen. Aus einer dieser Gewalttaten wurde später ein Kind geboren, ein Junge. Seine Mutter nannte ihn Brigo. Vielleicht, weil sie ihm etwas von dem Ort mitgeben wollte, den es nicht mehr gab. Vielleicht, weil sie wollte, dass wenigstens sein Name sich erinnerte. Vielleicht auch, weil sie wusste, dass ein Kind seinen Vater nicht kennen muss, um zu wissen, woher es kommt. Brigo wuchs zwischen den Ruinen von Brigobanna auf. Er war Sohn einer Frau von hier und Sohn eines römischen Soldaten. Niemand wusste, ob das Blut seines Vaters ihm etwas bedeutete. Brigo wusste nur, dass seine Mutter manchmal lange zum Hügel hinaufsah. Dorthin, wo einmal die Häuser gestanden hatten. Dorthin, wo die Agora gewesen war. Dorthin, wo Briganti mit ihren Töchtern gestanden hatte.
Denn Briganti war fort, die Töchter waren fort, die Menschen waren fort und die Götter waren fort. Nur einer war geblieben: Der kleine Kobold. Er saß in einem anderen Baum am Ufer der Bregach und schaute hinüber zu den Soldaten. Er hatte gesehen, wie die Römer gekommen waren. Er hatte gesehen, wie sie getötet hatten. Er hatte gesehen, wie die Töchter Brigantis verschleppt wurden. Er hatte gesehen, wie Kinder ihre Väter, wie Männer ihre Frauen und Familien ihre Kinder verloren hatten. Er hatte gesehen, wie aus einer lebendigen Siedlung ein Ort wurde, an dem fremde Soldaten ihre Befehle gaben.
Eigentlich wunderte er sich über nichts mehr, dafür hatte er schon zu viel gesehen.
Die Bregach floss weiter, sie floss am Hügel vorbei, unter den Bäumen hindurch und weiter in die Landschaft und wenn der Wind durch die Zweige fuhr, bewegten sich die Blätter. Der Kobold legte den Kopf schief, er hörte hin. Denn tief unter dem Lärm der Soldaten, unter dem Hämmern und Rufen und unter den fremden Stimmen, glaubte er etwas zu hören. Eine Stimme, sehr leise, eine Stimme, die er kannte. Die Stimme von Briganti.
Fortsetzung folgt