Es liegt unter Normalbedingungen in Form des zweiatomigen Moleküls F2 gasförmig vor und ist das reaktivste aller Elemente. (Fluor – Wikipedia)
Wann immer ich vom Element Fluor und seinen brisanten Verbindungen lese, werde ich an meinen Start als Villinger Forstamtsleiter erinnert. Damals, im Sommer 1980 und noch in den Tagen der Amtsübernahme, besuchte ich gemeinsam mit meinem in den Ruhestand verabschiedeten Vorgänger das Tuninger Blähtonwerk, genauer: den unmittelbar daran angrenzenden Haldenwald. Denn dort waren ihm in den zurückliegenden Wochen kupferrot benadelte Tannen aufgefallen. Die Aufklärung dieses Phänomens wollte er mir doch ganz besonders noch ans Herz gelegt haben. Weshalb ich in der Folge zwei forstpathologische Gutachten einholte, die beide zum nämlichen Ergebnis kamen: Es handele sich eindeutig um Nahimmissionsschäden, verursacht durch Fluor, wie es beim extremen Erhitzen von Opalinuston zur Herstellung der als Dämmstoff verwendeten Blähtonkügelchen entweicht.
Die Liapor-Werksleitung reagierte erstaunlich rasch, wo doch in jenen Jahren das Thema Waldsterben zu rumoren begann; und „der Druck der Straße“ sollte alsbald dafür sorgen, dass der Automobilindustrie der Katalysator aufgenötigt und bundesweit eine neue Großfeuerungsanlagenverordnung durchgesetzt wurde. Im Blähtonwerk wurde nun eine Entschwefelungsanlage installiert, und die Beheizung des Drehrohrofens erfolgte fortan mit Abgas aus der Tuninger Kreismülldeponie. Womit es offenbar auch gelang, die Fluor-Emissionen zu verringern und die Schädigung der Tannen rundum zu stoppen – eine umweltpolitische Erfolgsgeschichte.
Das Element Fluor geriet dennoch nicht aus den Schlagzeilen. Denn nun rückte, in weit größerem Ausmaß, eine andere Bedrohung in den Blickpunkt der Öffentlichkeit: das Schwinden der Ozonschicht in der Stratosphäre durch langlebige chlor- und bromhaltige Verbindungen wie Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW). Um diesem dramatischen Vorgang entgegenzuwirken, wurde im Jahr 1987 das Montrealer Protokoll unterzeichnet, das danach in Europa durch verschiedene Verordnungen auch umgesetzt wurde. FCKW in den Kühlschränken war fortan jedenfalls tabu. Und o Wunder! – am 16. September 2025 konnte per Tagesschau endlich wieder einmal eine Erfolgsmeldung in den globalen Umweltschutzbemühungen verkündet werden: Das Ozonloch, durch welches mehr hautschädliche UV-Strahlung auf die Erde gelangt, war geschrumpft; es sei inzwischen „so klein wie lange nicht mehr“!
Das Liapor-Unternehmen im Tuninger Wald hatte bereits im Frühjahr 2012 sein Blähtonwerk schließen müssen, begründet schon damals mit rasant gestiegenen Energiepreisen. Auch habe in der Bau-Branche die Mehrschichtbauweise dem Blähton als Dämmstoff den Rang abgelaufen, sodass der Absatz der Kügelchen eingebrochen war. Seither rostet das Werk nun still vor sich hin – als hätten Bau- und die Betriebsgenehmigung in den 1960er Jahren nicht auch schon den Abriss des Werks und die Rekultivierung nach Stilllegung und Beendigung des Tonabbaus vorgesehen haben müssen.
Eine Zeitlang hoffte die Gemeinde, dass das riesige Areal einschließlich der Tonabbaufläche Standort einer Justizvollzugsanstalt werden könnte, doch die Gefängnisidee zerschlug sich bald wieder. Inzwischen ist eine Recyclinganlage im Gespräch – doch ob die dann die rostige Ruine wohl vollends abräumen wird?
Die Probleme mit dem chemischen Element Fluor scheinen unterdessen mächtig eskaliert zu sein: Neuerdings bereitet insbesondere das extrem klimaschädlichen Gas Schwefelhexafluorid (SF6) die größten Sorgen: Ein einziges Kilogramm davon, so stellt es DER SPIEGEL in seiner jüngsten Ausgabe (vom 5.12.2025 unter der Überschrift Wolke von Bad Wimpfen) dar, heize die Atmosphäre im Verlauf von 100 Jahren ungefähr so stark auf wie 24 Tonnen Kohlenstoffdioxid (CO2). Seit Jahren schon war die Bad Wimpfener Chemiefabrik Solvay in der Kritik, weil sie allzu viel der so gefährlichen „Ewigkeitschemikalie“ Trifluoressigsäure in den Neckar einleitete. Zugleich entströmten Unmengen eines Gases, das zu den klimaschädlichsten Stoffen gehört, die die Menschheit jemals hergestellt hat. Das grüngeführte Umweltministerium wisse davon, unternehme aber offenbar wenig. SF6 werde seit Jahrzehnten weltweit in technischen Schaltanlagen verwendet, etwa in Windkraftanlagen oder bei der Produktion von Mikrochips für Computer. Früher sei das Gas sogar bei der Herstellung von Schallschutzfenstern und von Polstern für Sportschuhe eingesetzt worden.
Kein Wunder, dass das Umweltministerium nun plötzlich doch, wie die Tagespresse vom 10.12.2025 berichtet, eine drastische Reduzierung des Gasausstoßes verlangt und sofortigen Vollzug angeordnet hat – wogegen das Werk freilich bereits Klage einreichte.
Wehe dem also, was bei der Produktion von Pflanzenschutzmitteln, aber etwa auch beim Recyceln alter Joggingschuhe, von Schallschutzfenstern wie von abbruchreifen Windrädern alles in die Atmosphäre gelangen kann! Ob sich das im Tuninger Haldenwald von der Gemeinde so herbeigesehnte Recyclingunternehmen wohl auch schon mit der SPIEGEL-Botschaft vertraut gemacht hat? Die Waldstandorte auf Opalinuston gelten als besonders wüchsig und ertragreich; überdies speichert der Wald hier reichlicher CO2 (geschätzte 10 Tonnen pro Jahr und Hektar) als anderwärts. Doch was taugt das noch als Argument in Nachbarschaft eines Recyclingunternehmens, in dessen Betrieb womöglich ein Treibhausgas entweicht, das 24.000 mal klimaschädlicher ist als CO2? Fluor – was für ein Teufelszeug bei all seinem industriellen Nutzen!

