1966 wurde in Hüfingen ein außergewöhnliches alamannisches Reitergrab entdeckt. Zwei der drei silbernen Zierscheiben des Pferdegeschirrs waren bekannt – die dritte aber verschwunden.
Der Reiter von Hüfingen oder die ältesten christlichen Bilder der Alamannia
Prof. Dr. Gerhard Fingerlin, der sich intensiv mit dem Grab beschäftigte, ließ die Frage nach der dritten Scheibe nicht los. Bei seiner Beschäftigung mit dem Fund erkannte er, dass das Pferdegeschirr ursprünglich aus drei silbernen Zierscheiben bestanden haben musste. Die Anordnung solcher Scheiben am Zaumzeug gaben den entscheidenden Hinweis.
2008 eröffnete Fingerlin mit einem Vortrag über die ältesten christlichen Bilder der Baar die Tagung „Die Baar als Königslandschaft“. Er legte dar, dass es in Hüfingen nicht nur zwei, sondern drei Silberscheiben gegeben haben musste.
Und dann geschah das Unerwartete: Noch im selben Jahr wurde die fehlende Scheibe anonym im Briefkasten des Pfarrers zurückgegeben.
Ja, damals gab es in Hüfingen tatsächlich noch einen Pfarrer, der hier wohnte und für seine Gemeinde da war – von der Taufe über Kommunion, Firmung und Hochzeit bis zur Beerdigung. Er war da, wenn ein neues Leben begann, wenn Menschen miteinander durchs Leben gingen und wenn am Ende Abschied genommen werden musste. Dass ausgerechnet sein Briefkasten zur Anlaufstelle für eine jahrzehntelang verschwundene archäologische Kostbarkeit wurde, ist eine Geschichte für sich. Man könnte fast versucht sein, von seligen Zeiten zu sprechen.
Was die wieder aufgetauchte Scheibe zeigt:
Die wieder gefundene dritte Scheibe zeigt den selben Reitertyp wie in der ersten Scheibe, nun aber nicht im Kampf, sondern als Sieger.
Die rechte Hand ist zum Zeichen des Triumphs erhoben.
Das Motiv gehört zu einer christlich geprägten Bilderreihenfolge, in dem der Reiter den Sieg über das Böse verkörpert.
Aber zurück zur Geschichte des Hüfinger Reiters und Gerhard Fingerlin. Die lasse ich am besten Susanne Huber-Wintermantel sel. A. erzählen. Sie schrieb 2017 in den Schriften der Baar einen Nachruf auf Prof. Dr. Gerhard Fingerlin. Darin schildert sie nicht nur seinen wissenschaftlichen Werdegang, sondern auch die erstaunliche Rückkehr der dritten Zierscheibe.
Susanne Huber-Wintermantel: Zum Gedenken an Professor Dr. Gerhard Fingerlin (1937–2016)
Einer der profiliertesten Referenten unseres Vereins und Autor grundlegender Aufsätze über die frühmittelalterliche Baar verstarb am 26. August 2016: DerArchäologe Gerhard Fingerlin.
Von 1963 bis zu seiner Pensionierung 2002 war Gerhard Fingerlin am Staatlichen Amt für Ur- und Frühgeschichte in Freiburg tätig. Seit 1972 leitete er das Referat Bodendenkmalpflege im Regierungsbezirk Freiburg und war seit 1996 als Honorarprofessor für provinzialrömische und frühgeschichtliche Archäologie an der Universität Freiburg beschäftigt.
Am Beginn seiner Tätigkeit im Freiburger Amt war auch die erste Begegnung mit der Archäologie der Baar: 1966 wurde bei Aushubarbeiten an der Hüfinger „Gierhalde“ ein alamannisches Adelsgrab aus dem frühen 7. Jahrhundert gefunden, dessen Inhalt Gerhard Fingerlin als sensationell einstufte. Unter den kostbaren Grabbeigaben des „Hüfinger Reiters“ befanden sich auch zwei silberne Zierscheiben eines Pferdegeschirrs, die bis heute als die ältesten christlichen Bilder der Alamannia gelten dürfen.
2008 fand dieses spannende Kapitel der heimischen Archäologie eine ungeahnte Fortsetzung, als Gerhard Fingerlin die Tagung „Die Baar als Königslandschaft“ (veranstaltet vom Alemannischen Institut Freiburg in Kooperation mit der Stadt Donaueschingen und dem Baarverein) mit einem Vortrag eröffnete, in dem er nachwies, dass es in Hüfingen drei und nicht nur zwei Silberscheiben im Reitergrab gegeben haben müsse. Seine Ausführungen führten (mit Hilfe des Hüfinger Alt-Bürgermeisters Max Gilly) tatsächlich dazu, dass die 1966 aus dem Grab entwendete dritte Silberscheibe noch im Jahr 2008 anonym zurückgegeben wurde.
Auch die Ausgrabungen im Bräunlinger Gewann „Niederwiesen“ (1996/97), die einzigartige Erkenntnisse über die früh-merowingerzeitliche Besiedelung der Bregaue zwischen Hüfingen und Bräunlingen brachten und unter anderem eine Goldgriffspatha und eine 40 Zentimeter hohe, unzerstörte Glasflasche zu Tage förderten, leitete Gerhard Fingerlin selbst. Bis wenige Monate vor seinem Tod war er mit Forschungsarbeiten beschäftigt und beabsichtigte auch, eine detaillierte Bearbeitung der Niederwiesen-Funde vorzulegen, was ihm leider nicht mehr vergönnt war.
Was den gebürtigen Lörracher neben seinen in Fachkreisen hochgeschätzten Kenntnissen auszeichnete, war seine verbindliche Art, auch Laien für die Archäologie zu begeistern, ihnen geduldig sein Wissen auf verständliche Art zu vermitteln – im schönen hochalemannischen Dialekt seiner Markgräfler Heimat.
In den Schriften der Baar sind folgende Aufsätze von Gerhard Fingerlin erschienen: Reiter von Hüfingen (Band 31 –1976) – Das frühgeschichtliche Hüfingen (Band 32 – 1978) – Ein alamannischer Adelshof im Tal der Breg (Band 44 – 2001) – Vom Oberrhein zur jungen Donau (Band 51 – 2008) – Die ältesten christlichen Bilder der Alamannia (Band 55 – 2012). Viele von Gerhard Fingerlin verfasste, die Baar betreffende Artikel sind in den „Archäologischen Nachrichten von Baden“ erschienen, der Publikationsreihe des „Förderkreises Archäologie in Baden“, den Fingerlin 1968 mitgegründet und geprägt und für den er sich bis zuletzt engagiert hatte.
Ich glaube an einen Gott
Zierscheiben aus Hüfingen, Grab 1, Schwarzwald-Baar-Kreis Um 600, Silberblech. Inv.-Nr.: 73/171 a-b; L 601
1966 wurde in Hüfingen das reich ausgestattete Grab eines jungen Mannes entdeckt. Zu den Beigaben gehörte ein Pferdegeschirr mit drei Zierscheiben. Die mittlere Scheibe zeigt Maria mit dem Christuskind. Auf den beiden anderen ist jeweils ein mit einer menschenköpfigen Schlange kämpfender Reiter dargestellt. Die Reiter ziehen im Namen Christi und unter seinem Schutz in den Kampf gegen das Böse. Solche Motive weisen in den byzantinischen Raum, doch handelt es sich wohl um eine Arbeit aus Oberitalien. landesmuseum.de/archaeologie-in-baden
Quellen:
Gerhard Fingerlin: Ein alamannisches Reitergrab aus Hüfingen. In: Studien zur vor- und frühgeschichtlichen Archäologie. Festschrift für Joachim Werner zum 65. Geburtstag, Teil II, 1974, S. 591–628.
Gerhard Fingerlin: Der Reiter von Hüfingen. Notizen zu einem alamannischen Adelsgrab auf der Baar. In: Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar 31 (1976), S. 53–66.
Gerhard Fingerlin: Die ältesten christlichen Bilder der Alamannia. Zur Herkunft und Ikonographie der drei silbernen Phalerae aus dem Kammergrab von der „Gierhalde“ in Hüfingen. In: Schriften der Baar 55 (2012), S. 7–26.
Badisches Landesmuseum Karlsruhe: Ich glaube an einen Gott – Zierscheiben aus Hüfingen, Grab 1. Badisches Landesmuseum
Susanne Huber-Wintermantel, „Zum Gedenken an Professor Dr. Gerhard Fingerlin (1937–2016)“, Schriften der Baar, Band 60 (2017), S. 193–194.
*Die historische Abbildung aus den „Schriften der Baar“ wurden für die Darstellung auf Hieronymus-online mithilfe von KI technisch aufbereitet und verbessert.

Säulen an der Gierhalde

